Edith Gartmann «Kerstin», Plattform Gegenzauber

Aus dem Haus geht er nur, wenn der Himmel bewölkt ist. Ohne Wolken fühlt er sich schutzlos. Ohne Wolken fürchtet er, den Boden zu verlieren, in den blauen Himmel hinauf, durch den blauen Himmel hindurch zu fallen. Die Wolken geben ihm Halt auf der Erde. Sie bändigen das Ziehen des blauen Himmels.
Am besten fühlt er sich, wenn die Wolken keine durchgehende, undefinierbare Decke bilden, sondern einzeln unterscheidbar am Himmel stehen und dreidimensional, in mehreren Schichten, den offenen Himmel abschirmen.
An Tagen mit blauem Himmel verschanzt er sich in seiner Wohnung. Das blaue Nichts will ihn zu sich hinaufziehen, einsaugen und in die Atmosphäre spucken. Fallen lassen. An Tagen mit blauem Himmel zieht er die Vorhänge zu. Er muss sich vor dem Sog des weiten Blaus schützen.
Früher hat er es mit Steinen in den Hosentaschen versucht und mit Blei im Hosensaum. Feste, schwere Schuhe gingen nicht wegen seines Zehengangs.
Er kontrolliert die feinen Vorhänge. Schliesst die letzte Lücke. Unbeschwert sonnen sich derweil die Nachbarn im Garten auf ihren Liegestühlen. Sie grillen und plaudern und lachen sorglos unter dem blauen, offenen Himmel. Wenn sie besonders laut lachen ist er sich sicher, sie lachen über ihn.
Er lässt den Rolladen herunter. Verkriecht sich unter dem Tisch. Schaut Meteo. Das Hoch heisst Kerstin und soll noch Tage dauern.
Kerstin macht ihm Mühe. Anscheinend hat diese Frau, es muss sich um eine Zentraleuropäerin handeln, bei der Freien Universität Berlin eine Namenpatenschaft für ein Hochdruckgebiet gekauft. Für 390 Euro. Oder sie hat die Namenpatenschaft für das Hoch geschenkt bekommen, zur Hochzeit vielleicht. Weil ein Tiefdruckgebiet meist kürzer dauert und negativ bewertet wird, wäre die Patenschaft für ein Tiefdruckgebiet 130 Euro günstiger gewesen.
Ihm fehlt für Kerstin jedes Verständnis.
Er würde seinen Namen, wenn schon, einem Tief geben.
Kerstin dehnt sich aus. Sie liegt ausgebreitet über dem Mittelland und verharrt.
Er kriecht unter dem Tisch hervor und kontrolliert den Rolladen. Ihm scheint, der sei unten nicht ganz eingerastet. Er zieht den Rolladen ein Stück hoch und lässt ihn schnell wieder herunterfallen. Das Knattern klingt entschlossen, doch zwischen den Lamellen bleiben dünne Lichtstreifen liegen. Er setzt sich wieder unter den Tisch.
In Skandinavien hätte Kerstin keine Chance. Er hat gelesen, dass man dort nur überregionale, stürmische Extremwetter benenne, keine Hochs, und dass man bei der Benennung einer alphabetisch geordneten und gemischtgeschlechtlichen Namenliste mit norwegischen Namen folge (ausgenommen seien die Namen des Königshauses und die Anfangsbuchstaben Q, W, X, Z). Dass dann aber Schweden und Dänemark je eigene Benennungssysteme entwickelt hätten, was dazu geführt habe, dass ein Sturmtief auf dem Weg von Norwegen nach Dänemark drei Mal habe umgetauft werden müssen – bei voller Windstärke. Die drei Wetterdienste hätten sich schliesslich darauf geeinigt, dass derjenige den Namen vergeben könne, dessen Land als erstes vom Sturmtief betroffen sei, bei nordziehenden Atlantiktiefs typischerweise Norwegen, bei ostziehenden Dänemark – Schweden gehe meist leer aus, da die Tiefdrucksysteme nur selten zuerst dort auftreten würden.
Die Rolladen werfen ein gleichmässiges Streifenmuster auf die gegenüberliegende Zimmerwand. Er sitzt unter dem Tisch. Atmet möglichst nach unten. Redet sich ein, der Himmel wolle ihn nicht hinauf ziehen, habe kein Interesse an ihm. Der Himmel werde seinen blauen Schlund bald wieder schliessen und mit Wolken bedecken. Ein Hoch dauere nicht ewig. Kerstin werde weiterziehen und heisse dann in Polen bereits Krystyna oder sonst wie.
Der Schattenwurf der Rolladen schiebt sich allmählich über die leere Wand. Verzieht sich zum Parallelogramm, kippt aus seiner Regelmässigkeit. Die hellen Streifen schwellen an, drohen die dunklen zu verdrängen. Besser nicht hinschauen, weiss er. Besser nachlesen, was er schon kennt:
Auf den Britischen Inseln bleiben, wie in Skandinavien, Hochdrucksysteme namenlos. Für Tiefdrucksysteme, welche für Unwetterwarnungen relevant sind, werden vorgängig jährliche Namenlisten erstellt, deren Namengut von der Öffentlichkeit bestimmt wird – „NAME OUR STORMS“. Namen, die innerhalb eines Jahres mangels Stürme nicht benötigt wurden, verfallen. Auch auf den Britischen Inseln halten sich Stürme nicht an Landesgrenzen, und so kommt es zu Namenallianzen etwa mit den Niederlanden oder zu Umbenennungen bei von den USA herkommenden Tiefdrucksystemen.
Er setzt sich etwas anders hin. Lehnt sich ans Tischbein. Konsultiert drei Wetter-Apps. Kerstin bewegt sich nicht.
Mit der Freien Universität Berlin hadert er. Er nimmt es dem dort ansässigen Institut für Meteorologie übel, dass es Hochs überhaupt mit Namen versieht. Ein Hoch hat keinen Namen verdient. Besonders verwerflich scheint ihm das Preisgefälle zwischen Hoch und Tief, das ein abgründiges Hoch höher einstuft als ein bodenständiges Tief. Anderseits war die Tatsache, dass die FU Berlin auch Hochdrucksysteme benennt, gerade der Grund, weshalb er vor ein paar Jahren in deren Wirkungskreis umgezogen ist: Hier hat die Gefahr einen Namen. Kerstin. Die Angst ist benannt. Das Hoch ist bodenlos, doch eingeordnet ins Alphabet. Anita, Beate, Caroline, Doris, Edeltraud, Frauke, Grit – er braucht das Dokument nicht zu öffnen, die Listen der letzten Jahre kennt er auswendig. Wenn Kerstin durchgesessen ist, wird er auch sie in die Excel-Tabelle eintragen, sie dort in eine schmale Zeile bannen.
Das Streifenmuster an der Wand verblasst. Die Sonne wandert weiter, die Dunkelheit im Zimmer nimmt zu.
Gewonnen ist damit nichts.
Der wolkenlose Himmel der Nacht macht es nicht besser. Aus dunklem Hinterhalt wird der Nachthimmel versuchen, ihm jeden Boden unter den Füssen wegzuziehen. Er muss vorbereitet sein. Rasch ins Bad, dann mit der Bleidecke und einer Dose Mais zurück unter den Tisch.
Heltraud, Ingeborg, Julia, Kunigunde, Lena, Mareike.
Kerstin. Er wird Kerstin durchstehen. Sie und ihr offener Himmel werden ihn nicht zu Fall bringen. Er kennt ihren Namen. „NAME YOUR ANXIETY.“ Kerstin. Sie wird in der Tabelle landen. Es wird leichtere Zeiten geben.
Es wird Tiefdrucksysteme geben.
Und gelegentlich ein Bodenhoch.
Ein Bodenhoch birgt nicht die Gefahr eines ausgewachsenen Hochs, einer Kerstin. Ein Bodenhoch ist ein Hoch, das nicht jeden Boden entzieht. Das einem nicht den ganzen Boden entreisst. Ein Bodenhoch ist ein gemässigtes Hoch.
Nina, Oldenburgia, Petra, Rita, Sieglinde.
Wenn Kerstin überstanden ist, wird er sich in der nächsten Tiefdruckrinne erholen. Er wird rausgehen, spazieren und ein Bodenhoch abwarten. Er wird versuchen, im Bodenhoch draussen zu bleiben. Oder eben im Zimmer. Aber wenigstens nicht unter dem Tisch. Ein Bodenhoch ist für ihn ein ideales Übungsfeld.
Kerstin steht unter Hochdruck. Bodenlos ist ihr Zerren.
Er liegt unter dem Tisch.
Er zieht die Bleidecke hoch.

Edith Gartmann, geboren 1967, wuchs im Safiental, Graubünden auf. Ausbildung am Kindergarten-Seminar Chur, anschliessend Lehr- und Wanderjahre in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und England. Später besuchte sie die neueKUNSTschule Basel im Fach Malerei und absolvierte den Literaturlehrgang an der SAL Zürich. Edith Gartmann lebt und arbeitet in Basel. «Schongebiet» (2022 bei der edition bücherlese) ist ihr Roman-Debüt.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Michael Kleeberg «Achilles in Taormina», Penguin

Am 2. Juli 2026 waren es 65 Jahre, seit Ernest Hemingway seinem Leben mit seiner Jagdflinte ein Ende setzte. Michael Kleeberg nähert sich mit seinem aktuellen Roman „Achilles in Taormina“ in ganz eigener Manier an einen der ganz Grossen in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Ein Leseabenteuer mit Wirkung!

Michael Kleeberg hätte zu Hemingways Todestag eine weitere Biographie schreiben können. Stoff dazu gäbe es genug über einen, aus der Gegenwart betrachtet, streitbaren Lebemann, Schriftsteller, Frauenheld, Grosswildjäger und Genussmensch. Einen, der sich im Alter mit seinen Süchten und seiner psychischen Erkrankung genötigt sah, das Gewehr auf sich selbst zu richten, weil er sich lebendig sterben sah. Eine weitere Biographie wäre auch gar nicht notwendig, davon gibt es genug, auch wenn Michael Kleeberg in seinem Hemingwayroman durchaus neue oder zumindest überraschende Aspekte aus dem Leben dieser Ikone der Literatur zu Papier bringt. Aber weil Michael Kleeberg nicht einfach bloss ein paar Facetten hinzufügen wollte, schrieb er einen Roman über einen fiktiven Hemingwayforscher und Autor, einen Mann namens Dr. Michael Kleeberg, dessen Leben sich in grossen Teilen im Schweif Hemingways abspielt.

Michael Kleeberg «Achilles in Taormina», Penguin, 2026, 336 Seiten, ISBN 978-3-328-60276-7

Noch diesen Sommer wird Ernest Hemingways Debütroman noch einmal erscheinen; „The Sun Also Rises“ (Deutsch: „Fiesta“), ein Roman, der vor 100 Jahren grosse Beachtung fand und ganz unterschiedlich bewertet wurde. Dass Hemingway mit seiner Art des Schreibens ganz viele Zeitgenoss*innen beeinflusste, einen neuen Ton zu erzeugen wusste und es verstand, seine Person zu einer Marke zu machen, einer Sonne, um die Planeten kreisen, ist unbestritten. Ebenso unbestritten sind Hemingsways Selbstzweifel, seine langen Schreibkrisen, seine Selbstinszenierung, die sich gerne am Mythos orientierte, sein zügelloser Raubbau an sich selbst. Das, was in all den Erzählungen und Romanen geschrieben steht und seine eigene Person immer wieder in den Mittelpunkt stellte, scheint sich ein Leben lang mit seiner tatsächlichen Innenwelt zu streiten. 

Was dem tatsächlichen Michael Kleeberg mit seinem Roman gelingt, ist jene Distanz zum Fixstern Hemingway. Hemingway ist der Stoff, an dem sich der fiktive Autor und Forscher Michael Kleeberg abarbeitet, der ihn nicht loslässt, der ihn nährt und zum Boden macht, auf dem seine eigene Existenz gedeiht. Kleeberg im Buch versucht sich als junger Mann selbst in der Schriftstellerei. Ein kümmerlicher Versuch, der aber eine Ahnung hinterlässt, was es bedeutet, sich in einen Stoff hineinzubohren. Kleeberg, der sich biographisch ganz deutlich vom fiktiven Kleeberg unterscheidet, verbeisst sich förmlich in das Leben Hemingsways. Er forscht und unterrichtet in den USA, nimmt Kontakt zu all den Menschen auf, von denen er sich Neues erhofft, die einst mit Hemingway zusammen waren, ein Stück seines Lebens teilten, bis hin zu dessen Kindern, die sich auf ganz eigenen Weise mit der Überfigur Hemingway auseinandersetzen mussten. Kein seltenes Phänomen.

So verschränken sich Biographien, zerfliessen Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Wer in den Hemingway’schen Kosmos mit diesem Roman einsteigen will, wird ebenso beglückt, wie jene, die als Hemingwaykenner*innen in Leben eintauchen wollen, ein Buch, gespickt mit Details und Überraschungen. Der tatsächliche Michael Kleeberg suhlt sich vergnüglich in der Unendlichkeit einer Existenz, die noch immer strahlt, auch 65 Jahre nach seinem Tod. Michael Kleeberg versteht es meisterhaft, Hemingway’sche Details, die Akribie eines „Angefressenen“, Faszination für eine umstrittene Figur und detailreiche Fiktion eines Forschers miteinander zu verweben. Dass damit eine aus der Gegenwart betrachtet mehr als zweifelhafte Person fast 350 Seiten Aufmerksamkeit geschenkt wird, tut der Auseinandersetzung mit diesem Giganten der Literatur mehr als gut. Eine Auseindersetzung mit einem veritablen Stück Inszenierung – genau das, was Hemingsway selbst bis zu seinem Suizid an Darstellung und Selbstinszenierung Teil seines Lebens und Wirkens war.

Genau zur richtigen Zeit das richtige Buch. Ich freue mich auf Hemingway!

anonymous photographer, public domain

Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, studierte Politische Wissenschaften und Geschichte. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2008 als Mainzer Stadtschreiber. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen: „Ein Garten im Norden“ (1998), „Der König von Korsika“ (2001) und «Karlmann» (2007). 2010 erschien der Roman „Das amerikanische Hospital“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und für den Michael Kleeberg 2011 den Evangelischen Buchpreis erhielt. Sein Roman „Vaterjahre“ wurde u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. 2016 erhielt Michael Kleeberg für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Rezension zu «Glücksritter. Recherche über meinen Vater» auf literaturblatt.ch

Michael Kleeberg «Abschied von einem Apfelbaum» auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Susanne Schleyer

Liz Moore «Der andere Arthur», C. H. Beck

Arthur ist über 200 Kilo schwer. Sein Gewicht verdrängt ihn aus seinem Leben. Er, der in den besten Jahren wäre, lebt zurückgezogen im Erdgeschoss seines Hauses, eingemauert und eingefressen in einem Leben in Einsamkeit. Bis die Vergangenheit anklopft. Liz Moore ist eine berührende Geschichte gelungen, auch wenn sie bald vorhersehbar wird.

Meist bin ich es, der bestimmt, welches Buch ich zur Hand nehme. Manchmal ist es aber auch die nachdrückliche Empfehlung eines Freundes oder einer Freundin. Oder die Lektüre ist in einem meiner Lesekreise vorbestimmt. So passiert mit „Der andere Arthur“ der US-Amerikanerin Liz Moore. Ein Buch, das die Autorin bereits 2012 schrieb und nun im Schweif ihres grossen Erfolgs „Der Gott des Waldes“ auf Deutsch erschien. Wieder ein Roman über Familie, wieder ein Roman, der Gesellschaftsprobleme eindrücklich bebildert. Nicht nur Einsamkeit oder Fettleibigkeit (ein Phänomen, das ganze YouTube-Kanäle füllt). Ihr Roman beschreibt den Zerfall der Werte, den Zerfall einer Gesellschaft. Kein nordamerikanisches Problem. Was bleibt, wenn aus Familien ein Trümmerfeld wird. 

Arthur, ein Name, der eigentlich zu einem Kämpferherz passt, ist Sohn eines erfolgreichen, aber narzistischen Architekts, der sich schon während Arthurs Kindheit abgesetzt hatte, um in Europa eine neue Familie zu gründen, einen zweiten Versuch, der gelingen musste. Arthurs Mutter verstarb früh, ebenso jene eine grosse Liebe, die das Zeug gehabt hätte, seinem Leben eine Form zu geben. Eine Weile war er Literaturprofessor, schon immer dick. Irgendwann so dick, dass ein Leben ausser Haus unmöglich wurde. Mit dem Geld seines fernen Vaters fristet Arthur seinen immer gleichen Alltag zwischen Müll, Essensresten und sich ins Mark fressender Scham.

Liz Moore «Der andere Arthur», C. H. Beck, 2026, aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz, 377 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-406-84333-4

Was ihn lange hielt, waren die Briefe einer Freundin, von Charlene, einer ehemaligen Studentin, der er als Lehrer wohl zu nahe kam, die von der Schule verschwand, aber weiterhin Briefe schrieb. Er schrieb zurück, erfand sich in den Briefen ein Leben, das sich immer weiter von der Realität entfernte, ohne zu wissen, dass es Charlene ebenso erging. Ganz nach dem schriftstellerischen Motto; Man kann sich sein Leben leicht erschreiben.

Zweite Hauptfigur im Roman, der eigentliche Gegenpol, ist der 18jährige Kel, Charlenes Sohn, weit weg in einer anderen Stadt. Kel kämpft sich durch ein Leben in Armut. Sein Traum, dereinst ein erfolgreicher Baseballspieler zu werden, hält ihn aufrecht. Auch als es seiner kranken und lebensmüden Mutter immer schlechter geht. Erst als Charlene stirbt, erfährt Kel, dass der Mann, von dem er glaubte, er wäre sein Vater, dass jener Arthur Opp, dem seine Mutter über Jahre Briefe schrieb, sein wirklicher Vater sei. Beide machen sich zaghaft auf einen Weg. Arthur mit Hilfe einer jungen Putzkraft, die bei ihm Asyl findet, Kel durch den seltsamen Aufwind, den der Tod seiner Mutter mit sich brachte.

In diesem Roman sind alle Protagonisten beschädigt. Familie ist Fassade, Krisengebiet, Kampfzone oder Schlachtfeld. Die Moral, die in dieser überaus spannend erzählten Geschichte durchscheint, ist eine allzu einfache; Zusammen ist man weniger allein. Glücklicherweise präsentiert Liz Moore das Ende ihrer Geschichte nicht mit Glockengeläut. Aber die Geschichte ist zu vorhersehbar und so geschrieben, als hätte die Autorin die Verfilmung schon im Hinterkopf gehabt.

Solide Unterhaltung, spannendes Lesefutter. Aber keine Literatur, die Fragen stellt, die reiben will, die mich in eine Auseinandersetzung zwingt. Naja, irgendwie Hollywood.

Liz Moore geboren 1983, hat zunächst als Musikerin in New York gearbeitet und anschliessend begonnen, Romane zu schreiben. Bei C.H.Beck erschien ihr Roman «Long Bright River» (2020). «Der Gott des Waldes» ist in den USA seit Erscheinen auf der New York Times-Bestsellerliste, erhielt zahlreiche hymnische Besprechungen und wurde von Barack Obama empfohlen. Liz Moore lebt mit ihrer Familie in Philadelphia.

Cornelius Hartz lebt als freier Autor und Übersetzer in Hamburg. Er hat zahlreiche Romane und Sachbücher u.a. von Rye Curtis, Edward Carey, Erin Flanagan, Daniel Mason und Catherine Nixey übersetzt. Er übersetzte ausserdem bereits «Der Gott des Waldes» von Liz Moore.

Beitragsbild © Maggie Casey

Yade Yasemin Önder «Anti Müller», park x ullstein

Mit ihrer poetischen Prosa greift Yade Yasemin Önder in «Anti Müller» tief in die Grube der Geschlechter-Stereotypen. Doch daraus folgt eine ambivalente Auseinandersetzung mit dem Frausein, dem Schreiben und wie die Männer da herumgeistern.

Heimgesucht und Heim suchend
Gastrezension: Elena Gotti wurde 2001 in Basel geboren und studiert zurzeit Deutsche und Englische Literaturwissenschaften im Master an der Universität Basel.

Bei Yade Yasemin Önders spukt es: Der Schriftsteller-Ex-Freund Kar, das Sprachrohr der Diaspora, hat nach sechs Jahren Beziehung den Schlussstrich gezogen. Mit 36, ohne Name, dafür aber mit Schreibblockade muss die verlassene Protagonistin in «Anti Müller» nun einen Weg finden, das Gespenst zu verbannen und weiterzuschreiben. Doch ihr brennender Kinderwunsch zwingt sie, sich erneut in die Dating-Szene zu wagen.

Das Anti-Müller-Hormon, verantwortlich für die Regulierung der weiblichen Eizellen, widerspiegelt bereits im Titel die Besessenheit der Protagonistin mit ihrer tickenden biologischen Uhr. Mit «Andi Müller», 36, Artist, Actor, Twins, alles kann, nichts muss, 1 km entfernt, möchte sie nun einen neuen Versuch starten, ihr Familienglück zu finden. Die Namensähnlichkeit ist selbstverständlich kein Zufall, doch Andi ist auch konventionell „anti“: Er vereint alle Klischees eines performativen Künstlers in einer Person. Sein Charakter ist insofern gelungen, als man seine Auftritte im Roman mit grosser Abneigung liest, wobei dies mit ein oder zwei stereotypischen Zügen weniger ebenfalls funktioniert hätte und Andi als Charakter dann ausgereifter und weniger symbolisch gewesen wäre.
Für die Möglichkeit, ihren Kinderwunsch erfüllen zu können, erträgt die Protagonistin allerdings ihn und mehr. Frauen überall erschaudern und verbünden sich in weiblicher Solidarität gegen heuchlerischen Feminismus, falsche Versprechungen und die Weigerung, sich festzulegen. Gerade durch ihre Namenlosigkeit ist die Protagonistin zugleich eine und alle: Sie ist als Figur im Roman individuell ausgefeilt, doch die geläufigen Männerkomplikationen vereinfachen ein kollektives Hineinversetzen und Wiedererleben eigener Dating-Traumata. Önder benötigt daher eine gute Portion Humor und Zynismus, damit ihre Figur und die Leserschaft nicht allzu geschädigt durch die erste Hälfte des Buches kommen.

Yade Yasemin Önder «Anti Müller», park X ullstein, 2026, 240 Seiten, ISBN 978-3-843-73772-2

Die grosse Stärke des Romans liegt im Versuch der Protagonistin, ihre eigene literarische Stimme wiederzufinden. Als selbst Schreibende eröffnet sie eine Metadimension, in der sich nicht nur ihr fiktiver autofiktionaler Text reflektiert, sondern auch Önder ihr eigenes Schreiben und den Verlauf von Anti Müller hinterfragen kann: Was ich weiß: Vor normalen Sätzen muss man sich hüten. Wehe den glatt polierten Gedanken der Gegenwartsliteratur, die einen schon auf den ersten Seiten in das Buch rutschen lassen. Der Text wird Seite um Seite (re)konstruiert und die Grenze zwischen den Autorinnen verschwimmt.
Denn wer schreiben darf oder soll, über was und vor allem aber wie geschrieben werden soll, sind nicht nur Fragen, die die Protagonistin zu beantworten sucht, sondern auch Önder selbst: Wenn etwas nicht einfach erzählt werden kann, muss es mehrfach erzählt werden. Es also doppelt erzählen. In dieser Doppelstruktur beweist Önder auch in ihrem zweiten Werk ihr Sprachtalent und lässt ihre Protagonistin nicht mehr nur als Geist in ihrem Leben und Schreiben herumspuken, sondern sich einen Platz in der doch immer noch männlich (von Ex-Freund Kar) dominierten Literaturlandschaft aushandeln.

Das reflexive Schreiben und die vielfältige stilistische Variation von «Anti Müller» bilden sodann das Gerüst für die zunehmend aus den Fugen geratene Handlung. Önders Protagonistin verfällt in eine Obsession, möchte zur Not mit Gewalt ein Kind bekommen. Stalking, Lügen über Verhütung bis hin zur sexuellen Ausnutzung und Selbstverstümmelung: Wie weit soll Frau gehen, um sich ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen?

Durch ihre zahlreichen Grenzüberschreitungen sich selbst und anderen gegenüber mutiert die Protagonistin vom Opfer einer Männerkultur, die sich aus allen Verpflichtungen windet, zur Täterin. Die Erwartungen und die Gewalt der patriarchalen Gesellschaft finden ihre Verinnerlichung sowie ihren Austragungsort im Charakter und im Körper der Protagonistin, womit Önder Sympathie und Mitleid, aber auch Entsetzen und Grauen auslöst. 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Yade Yasemin Önders Theaterstück «Kartonage» wurde 2017 zu den Autor*innentheatertagen Berlin eingeladen und am Wiener Burgtheater uraufgeführt. 2018 erhielt sie den Hauptpreis für Prosa beim open mike. Ihr Debütroman «Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron» (2022) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den ZDF-aspekte-Literaturpreis. 2023 erhielt sie das Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds. 2024 erschien der Kollektivroman «Wir kommen», dessen Mitautorin sie ist. 

Beitragsbild © Julia Sellmann

Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

Eni Yousuf «Nach oben und von dort über die Dächer. Meine Flucht», Cosmos

Yousuf Eni war neun, als man ihn zusammen mit seinem Bruder verschleppte. Seinen Bruder sah er nie wieder. Er selbst überlebte ein Kinderlager der Taliban, weitere Jahre in einem Arbeitslager, die Flucht und den langen, leidvollen Weg bis in die Schweiz. Eine exemplarische Fluchtgeschichte, die nicht nur angesichts der «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeits) -Initiative» der SVP Schamesröte in den Kopf treibt.

Als ich letzthin aus dem Zug in St. Gallen ausstieg, taten es drei Männer mit grossen Taschen und prallen Rucksäcken ebenso. Ich habe nicht gefragt, woher sie kamen, ob sie jemand in St. Gallen erwarte. Aber es hätten Afghanen sein können, so wie ein paar Jahre zuvor Eni Yousuf, der nach einer unsäglich langen Flucht genauso dem Zug nach St. Gallen entstieg, allein, in der Hoffnung, hier in der Schweiz einen seiner Brüder zu finden. Das, was ihm von seiner Familie in seinem Heimatland geblieben war, jenen Rest, den er brauchte, um zu überleben. Nicht nur weil er mit neun alles unfreiwillig zurücklassen musste, sondern weil die Hoffnung auf ein Stück Familie alles war, was ihm geblieben war, jener Rest, der ihm niemand nehmen konnte.

Eni Yousuf «Nach oben und von dort über die Dächer. Meine Flucht», Cosmos, 2025, 128 Seiten, CHF ca. 28.90, ISBN 978-3-305-00517-8

Es ist nicht so sehr die Geschichte, auch wenn mich die Tatsache, dass Yousuf Eni sie in Deutsch verfasst hatte, über die Massen beeindruckt. Es ist der Ton, die Kraft, der Mut und der Durchhaltewillen, auch jener, sich mit einem Bericht der Welt dermassen zu offenbaren. Er hätte Gründe genug, um Hass in sich zu tragen, unversöhnlich zu werden, Anklage zu erheben, nicht nur den Machthabern in seinem Land gegenüber, all jenen, die in drangsalierten, schickanierten, schlugen und hungern liessen. Es ist sein Bewusstsein, dass letztlich das Glück doch noch auf seiner Seite stand, dass Menschen halfen, darunter auch solche mit Uniform. Es ist seine Dankbarkeit, auch wenn der begleitende Stolz manchmal etwas befremdlich wird, bleibt doch vielen SchicksalsgenossInnen ein Happyend verwehrt; das Glück, die Liebe zu finden, eine Familie, eine Arbeit, eine Zukunft.

Angesichts der SVP-Initiative, über die wir Mitte Juni an der Urne abstimmten, ein Bericht, der die Fassungslosigkeit auf die Spitze treibt. Umso mehr, weil sich die Rechte traut, ihre Initiative mit dem Begriff der „Nachhaltigkeit“ zu koppeln. Wie soll es nachhaltig sein, die Grenze ab einer gewissen Zahl zu schliessen, wissen wir doch ganz genau, dass wir damit jetzt noch kontrollierte Fluchtbewegungen in die Schweiz in die Illegalität verschieben. Die Tatsache, dass die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs jüdische Flüchtlinge zu Tausenden an der Grenze abwies und sie somit ins sichere Verderben schickte, hatte auch damals mit dem Begriff der Nachhaltigkeit in keiner Weise etwas zu tun. Wir leiden nachhaltig unter diesem Vergehen gegen die Menschlichkeit, unserer kollektiven Mutlosigkeit.

Eni Yousuf hat es geschafft. Heute führt er zusammen mit seiner Frau ein Restaurant in der Nähe von Bern. Er überlebte Lager, die an KZs erinnern, aufgezwungene Showkämpfe, die er zur Belustigung der Lagerführung überleben musste, eine halsbrecherische Flucht, Menschen, die ihn in grösster Not übers Ohr hauten, vier Versuche, mit einem Boot die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland zu schaffen, lange Märsche frierend und hungernd bis zur totalen Erschöpfung, eine lange, einsame Reise über Österreich bis in die Schweiz. Geholfen hat ihm sein Lebensmut, seine Kraft, sein Ehrgeiz, es allen zu zeigen. Dazu gehört auch dieses Buch. Ein Bericht, eine Selbstvergewisserung, ein Zeugnis, der Versuch, sich wenigstens mit einem Stück seiner Geschichte zu versöhnen.

Ich bin mehrfach beeindruckt.

Eni Yousuf, 1997 geboren in Sanglakh, Afghanistan, ist nach einer gefährlichen Flucht seit zehn Jahren in der Schweiz und lebt in der Nähe von Bern.

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Angelika Klüssendorf «Trost», Piper

Was ist Familie? Was passiert, wenn der Stern, um den die Planeten drehen, implodiert? Angelika Klüssendorf erkundet die feinen Risse, die zu Eruptionen werden, in einer Gegenwart, die in ihren Grundfesten erschüttert wird. Ihr neuer Roman „Trost“ hat die Kraft eines Tiefenbebens.

Rita wohnt allein. Nur zwischendurch lebt Joachim bei ihr, wenn er nicht in seiner Wohnung in Berlin ist. Ruth ist nach den Besuchen von Joachim gerne allein, gerne wieder allein, schon seit Jahren. Joachim und Ruth sind schon ein Jahrzehnt ein Paar, auch wenn beiden nicht so ganz klar zu sein scheint, was sie in der Beziehung hält. Gewohnheit? Die Angst vor dem Alleinsein? Vielleicht ist es für Rita Joachims Tochter Jane, mit der sie schon von Beginn weg eine seltsame Nähe verbindet. Jane steht kurz vor dem Abitur. Und weil alles, nicht nur die Familie, auch die Nachwirkungen der Pandemie und der angezettelte Krieg Russlands gegen die Ukraine, die junge Frau bis ins Mark erschüttert, wird die Frau an der Seite ihres Vaters zu einem Fixstern in ihrem Leben, das Haus zu einem Zuhause. Ihre Mutter, von der sich ihr Vater vor Jahren trennte, bei der sie noch immer morgens das Bett verlässt, um jeden Morgen der Einöde zu entfliehen, entfremdet sich ihr immer mehr, sinkt ab im Sofa für dem Fernseher. Ihr Halbbruder Eric, Vater geworden, verliert sich in der haltlosen Liebe zu einer Frau und ihre Freundin Lea, die einzige, der sie sich wirklich anvertrauen will, verliert sich hinter einem schweren Vorhang des Schweigens.

Und als Rita eines Morgens in ihrem Garten zusammenbricht und im Krankenhaus nicht mehr aus einem Koma erwacht, beginnt für Jane eine Zeit, die sie schmerzhaft in die Autonomie zwingt, ins Erwachsensein, in die Ernüchterung darüber, das die Welt sich nicht nach ihren Bedürfnissen dreht.

Angelika Klüssendorf «Trost», Piper, 2026, 208 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-492-07267-0

Jane besucht Rita regelmässig im Krankenhaus, die Frau, die nicht nur die Lebensgefährtin ihres Vaters wurde, sondern ihre Vertraute. Während ihr ihre Mutter mehr und mehr peinlich wird, gab ihr die Frau, die verloren im Krankenbett liegt, Sicherheit, erklärte ihr manchmal gar die Welt. Ritas Haus, ihr Garten, die Hühner, alles schien zu einem letzten Platz der Ordung zu werden. Bis ein Insekt Rita niederstreckte.

Joachim, Janes Vater, schwankt. Rita hat ihm in den letzten Jahren das noch einmal zurückgegeben, was er verloren glaubte. Aber statt sich um das Schicksal Ritas zu kömmern, kümmert er sich erstmal um sich selbst, seine Verlorenheit, seine emotionale Unterzuckerung, sein Elend, einmal mehr der Verlassene zu sein. Da kommt die Schwester von Ritas Nachbarn gerade recht. Man freundet sich an und mit einmal ist das Glück zurück, während Ritas Zustand im Krankenhaus medizinisch für hoffnungslos erklärt wird. Jane versteht ihren Vater ebenso wenig wie ihre Mutter. Aber noch viel weniger sich selbst.

Dieses Gewirr aus familiären und freundschaftlichen Banden, die sich aber nicht als das erweisem, was sie sein sollten, dröselt Angelika Klüssendorf gekonnt, aber auch schonungslos auf. Konsequent aus der Sicht von Vater und Tochter, Joachim und Jane erzählt, schildert Angelika Klüssendorf die komplexe Spiegelung zweier Welten, die sich aneinander reiben, zweier Wirklichkeiten, die unaufhaltsam auf die Konfrontation zusteuern, eines Kleinkosmos, der unaufhaltsam zu eiern beginnt, das schonungslose Abbild einer „modernen“ Familie, die sich der Fremdeinwirkung nicht entziehen kann.

Rita war bis zu ihrem Zustand im Koma, Kinderbuchautorin. Eine Frau, die es nie ganz schaffte, die zu sein oder zu werden, die sie gerne geworden wäre. Zuviele Existenzen um sie herum zerrten an ihr, nicht zuletzt immer und immer wieder die falschen Männer. Im ersten Kapitel, im einzigen aus der Sicht von Rita geschildert, manifestiert sich eine festgefahrene, in vielen Bereichen vergiftete Beziehung, vielmehr ein Zustand als eine Beziehung. Nach all den Romanen Angelika Klüssendorfs ein weiterer, der schonungslos zeigt, wie romantisiert und verklärt der Begriff „Familie“ ist. „Trost“ ist ein starkes Stück!

Interview

Liegt im Titel ihres Romans das Vertrauen, dass sich das mitunter wirre Gefüge der Gegenwart doch noch irgendwann und irgendwie klärt? Weder Rita, noch Jane oder Joachim sind dort, wo sie sich hinwünschen, höchstens für kurze Momente. Findet man Trost im Zurückschauen, in der Analyse, im Reflektieren? Ist nicht genau die Schriftstellerei ein Bedürfnis nach Trost?
Das Buch trägt den Titel «Trost». Wer es ließt, kann darin durchaus Trost finden und ich selbst finde manchmal in meiner Arbeit Trost. Vor allem aber in der Natur. Sie ist einfach da, bewertet nicht, zeigt sich nur und wird uns hoffentlich überdauern.

Alle Beziehungen in diesem familiären oder ausserfamiliären Geflecht sind beschädigt. Was Beziehungen letztlich immer sind. Ausgerechnet jene von Rita und Jane, die sich nicht ausgesucht haben, behält sich ein grosses Stück Vertrauen und Offenheit. Und ausgerechnet diese Beziehung wird durch einen allergischen Schock und das andauernde Koma auf eine harte Probe gestellt. Warum werden wir uns der Bedeutung einer Beziehung sehr oft erst dann bewusst, wenn sie unwiederbringlich zu Ende ist?
Ja, in der Rückschau wird uns vielleicht klar, was wir verloren haben: unsere Kindheit, unsere Jugend, und schließlich unser Leben. Doch als Schriftstellerin kann ich mich erinnern, was durchaus schmerzhaft ist, aber letztlich ist Erinnern unsere Identität. 

Jane wird nicht nur mit dem Koma ihrer Stiefmutter in die Wirklichkeit hineingerissen. Die Wirklichkeit zwingt sie zur Autonomie. Sei es die Wirklichkeit in ihrer Familie, jene in den Auswirkungen der Pandemie oder im Umgang mit den Folgen eines Krieges, der Flüchtende bis in ihre Stadt spült. Aber Jane nimmt den Kampf mit sich auf. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, ihrem Halbbruder oder in grossen Teilen zu ihrem Vater. Sind wir letztlich immer allein?
Ja. Das klopfende Herz und ich. Doch auch hier wieder ein unendlicher Kosmos um uns herum. 

Jane und Joachim ringen. Die Art, wie sie es tun, reibt während des Lesens. Bei Jane ist es die Wut, bei Joachim seine Ergebenheit. Beides Charaktereigenschaften, die eine positive Entwicklung erschweren. Ist das Schreiben ihr Versuch, zwischen all den Reibungen aufrecht zu bleiben? Ihrem Teil Wut oder Ergebenheit entgegenzutreten?
Im Schreiben fühle ich mich zu Hause. Ich betrete darin die mir einzig verlässliche Welt. Und ich bin sehr froh, diesen Beruf ausüben so können. Denn dort bin ich eben nicht allein. 

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet. Die französische Übersetzung ihres Romans „Vierunddreißigster September“ stand auf der Longlist des Prix Femina 2022. Ihr Roman „Risse“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 nominiert.

Ahojana 6 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus Sasselin von Owida N. Woiax

Der Hitze zum Trotz trägt der bärtige Alte unbeirrt seine schwere Krone. Dabei müssen unter dem roten Samt, mit dem das goldene Gestell ausgefüllt ist, Temperaturen herrschen, die das Hirn zumindest schmoren lassen, wenn nicht gar frittieren. So warm wie heute war es in diesem Sommer noch nie, fast vierzig Grad zeigt das Thermometer. Ich stehe im Schatten eines Pflaumenbaums, der alle paar Sekunden kleine, vor der Reife verdörrte Früchtchen fallen lässt. Kraftlos rascheln sie durch trockene Blätter zu Boden.
Wer frei nehmen konnte, ist heute an die Küste gefahren, wo einem die Winde des Ozeans den Schweiß von der Haut streicheln. Auch der Gekrönte leidet unter der klyteps, wie man solche Temperaturen auf Lemusisch nennt. Er hat die Schuhe ausgezogen, die Hosen hochgekrempelt und sich auf den Rand des mit geheimnisvollen Meeresfrüchten geschmückten Brunnens im Zentrum von Sasselin gesetzt. Seine Beine hängen in das wenige Wasser hinab, das die Behörden in das tiefe Becken haben einlaufen lassen. Es reicht ihm, wenn er ganz drinsteht, gerade mal bis zu den Knien. Sein linker Unterschenkel ist dick angeschwollen, sein rechter dagegen wirkt dürr und viel zu dünn für die stattliche Wampe, die er zu tragen hat. Von Zeit zu Zeit greift er nach einer Flasche, die zu seiner Linken auf dem Brunnenrand steht. Erst glaube ich, das müsse Wein oder Schnaps sein, doch laut Etikette ist es Suk ordobakadi. Erdbeersaft? Ich wusste gar nicht, dass man so etwas kaufen kann.
Neben dem Brunnen, direkt hinter dem Rücken des Kronenträgers, geraten sich jetzt zwei Raben wegen eines Mäusekadavers in die Federn. Mit lautem Gekreische und knatterndem Flügelschlagen hüpfen sie wieder und wieder Attacken gegeneinander. Der Mann dreht langsam den Kopf zu den Vögeln um und macht mit den Lippen ein Geräusch, halb Pfeifen, halb Schnauben, das die Tiere sofort verstummen lässt, als gehorchten sie einem Befehl. Auch die Maus ist plötzlich weg. Ob sie sich nur totgestellt hat und die Chance nutzte, sich davonzumachen?
Aus einer Seitenstraße hüft ein kleines Mädchen herbei, stellt sich artig neben dem Mann auf und streckt ihm mit beiden Händen ein kupfernes Schälchen hin. Mit einem huldvollen Nicken nimmt der Alte das Geschenk entgegen, führt die Tasse an seine Lippen, schlürft, setzt ab, schließt genüsslich die Augen, schlürft erneut, rülpst und gibt dem Mädchen das Gefäß zurück. Freudig, als habe man ihr ein Geschenk gemacht, tollt die Kleine davon.
Ich zwinge mich aus dem Schatten und stelle mich neben dem Mann an den Brunnenrand: «Das muss aber lecker gewesen sein, was Ihnen Ihre kleine Freundin da gebracht hat. Was war es denn?»
«Erdbeersuppe», sagt er und scheint nicht im geringsten irritiert, dass ich ihn beobachtet habe.
«Ist es nicht etwas warm unter der Krone», frage ich ihn. Er zuckt nur mir der Schulter.
«Was für ein König sind Sie denn? Ist dieser Brunnen hier Ihr Reich?»
«Je suis le roi de tout ça», sagt er und führt dazu den Zeigefinger seiner Rechten im Kreis durch die Luft.
«Oha», sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, «oha, ‹all dies› ist also Ihr Reich. Was für eine Verantwortung. Und die können Sie nur tragen, wenn Sie in der Sonne sitzen?»
Er nickt majestätisch, seufzt und macht dann eine Geste mit der Linken, die ebenso matt wie eindeutig ist: Die Audienz ist beendet, ich darf mich wieder in den Schatten zurückziehen.
So kurz und kurios meine Begegnung mit dem Gekrönten war und so schütter mir der Zustand von «le roi de tout ça» auch vorgekommen sein mag: Beim Verlassen des Platzes fühle ich mich doch seltsam getröstet und gestärkt vom Gedanken, dass es für «all dies» einen König gibt, der sich zuständig fühlt. Ich schüttle darüber den Kopf und bin tatsächlich froh, dass darauf keine Krone sitzt.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

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Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ausschreibung «Passage»

Literarische Stimmen suchen ihren Weg. «Passage» bietet dafür Begleitung.
Mit dem Projekt «Passage» unterstützt die Kulturstiftung Thurgau Schreibende auf ihrem literarischen Weg – mit Mentorat, öffentlicher Sichtbarkeit und einem klaren Fokus auf die Textarbeit.

«Passage» ist die erste Förderstufe eines neuen Modells zur Stärkung des literarischen Nachwuchses im Kanton. Ermöglicht wird das Projekt durch den Nachlass Renate und Peter Nagel. Die Projektleitung liegt bei Rebecca C. Schnyder und Judith Zwick.

Gesucht werden neue literarische Stimmen aus dem Thurgau: Schreibende am Anfang ihres Weges, die ihr literarisches Arbeiten vertiefen und professionell begleiten lassen möchten. Ob bereits an einem konkreten Projekt gearbeitet wird oder Texte noch im Entstehen sind – entscheidend ist ein ernsthaftes Interesse am literarischen Schreiben.

Was Teilnehmende erwartet
• Ein mehrmonatiges individuelles Mentorat mit einer erfahrenen Autorin oder einem erfahrenen Autor: Regina Dürig, Simon Froehling, Laura Vogt, Levin Westermann
• vertiefte Arbeit am Schreiben – projektbezogen oder entwicklungsorientiert
• Veröffentlichung ausgewählter Texte im digitalen «Textfenster» auf
thurgaukultur.ch
• öffentliche Präsentation im Rahmen einer Abschlusslesung
• ein Schreibstipendium (pauschal) von CHF 2’000.– sowie eine Spesenpauschale von CHF 500.–

Es werden bis zu vier Schreibende ausgewählt.
Das Projekt startet im November 2026.

Wer kann sich bewerben?
Bewerben können sich Personen, die:
• mindestens 18 Jahre alt sind (keine obere Altersgrenze)
• noch keine Buchveröffentlichung in einem Verlag haben
• literarisch schreiben und ihr Arbeiten ernsthaft weiterentwickeln möchten
• offen sind für professionelles Feedback durch eine:n Mentor:in
• einen Bezug zum Kanton Thurgau mitbringen
• Zugelassen sind Prosa, Lyrik, Drama, Spoken Word, essayistische Kurztexte sowie hybride oder experimentelle Formate – in deutscher Sprache oder Schweizer Mundart.

Bewerbung
Für die Bewerbung werden benötigt:
• Textproben aus einem laufenden Projekt oder aus einzelnen literarischen Arbeiten (10-15 Seiten)
• eine kurze Beschreibung (max. 2 Seiten); Woran wird gearbeitet? Was soll im Mentorat entwickelt werden? Was wird von der Teilnahme erwartet und gewünscht?
• eine Kurzbiografie oder einen Lebenslauf

Bewerbungsschluss ist der 25. August 2026
Der Entscheid erfolgt bis zum 20. September 2026

Gesuchseinreichung
Die Bewerbungsunterlagen können unter folgender Adresse eingereicht werden: passage@kulturstiftung.ch

Fragen?
Details zu Ablauf, Terminen, Mentor:innen, Auswahlverfahren und
Teilnahmebedingungen sind in den FAQ beschrieben.

Fleur Jaeggy «Die letzten Tage von Ingeborg», Suhrkamp

Ingeborg Bachmann, Ikone der Literatur des 20. Jahrhunderts, und Fleur Jaeggy waren Freundinnen. Wer im schmalen Buch „Die letzten Tage von Ingeborg“, das Fleur Jaeggy ein halbes Jahrhundert nach dem tragischen Tod ihrer Freundin schrieb, Enthüllungen sucht, liest mit falscher Absicht.

Ingeborg Bachmann, eine jener Stimmen deutscher Literatur, die wohl nie vergessen wird, starb am 17. Oktober 1973 47jährig in Rom an den Folgen eines tragischen Brandunfalls. Ein Tod, der bis in die Gegenwart Spekulationen provoziert. Als Ingeborg Bachmann starb, war Fleur Jaeggy eine junge Autorin, beeindruckt von ihrer älteren Freundin, aufgehoben im gemeinsamen Wunsch, in der Sprache Heimat zu finden. Als Ingeborg Bachmann starb, verlor die Literatur einen Fixstern, Fleur Jaeggy eine Freundin, die sie auch ein halbes Jahrhundert nach deren Tod noch immer begleitet.

„Die letzten Tage von Ingeborg“ ist keiner der unsäglich vielen Mosaiksteine, die sich mit Leben, Sterben, mit dem Werk der grossen Autorin beschäftigen. Auch kein Bericht, kein Statement, nicht einmal ein Denkmal – höchstens für Fleur Jaeggy selbst. Für Fleur Jaeggy muss der Verlust ein permanenter Schmerz sein. Ein Gefühl, das all jene kennen, die mit zunehmendem Alter durch Sterben und Tod von jenen Menschen getrennt werden, die ihnen Leben bedeuten. Vielleicht wäre Fluer Jaeggy gar nie Schriftstellerin geworden, oder jene Schriftstellerin, die sie geworden ist, hätte sie damals in Rom Ingeborg Bachmann nicht kennengelernt.

Fleur Jäggy «Die letzten Tage von Ingeborg», Suhrkamp, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Schaden, 44 Seiten, CHF ca. 19.90, ISBN 978-3-518-43329-4

Im Sommer 1971, zwei Jahre vor dem Tod Ingeborg Bachmanns, fahren die beiden Freundinnen mit einem roten Alfa Romeo 2600 für einen Monat gemeinsam an die toskanische Küste, nach Poveromo-Forte dei Marmi, um sich aus dem Trubel ihres Lebens auszuklinken. Keine Zerstreuung, aber 30 Tage Gemeinschaft, mit nichts anderem als mit sich selbst und der Freundin. Man macht Spaziergänge, schwimmt im Meer, isst zusammen, empfängt nur wenig Besuch (Italo Calvino mit seiner Frau und Uwe Johnson mit dem ersten Teil seines Opus Magnum „Jahrestage“). Man geniesst die langen Gespräche und die Ruhe im Haus und im verwilderten Garten, überzeugt, es wäre noch immer der Anfang einer langen Freundschaft.

Dann die Katastrophe. Nicht nur der Brand, auch die Tatsache, dass schon in den ersten Stunden und Tagen vieles unerklärlich, unerklärbar bleibt; das Schweigen, das Verheimlichen, die Einsamkeit, die offensichtlichen Notmassnahmen, die nicht sofort eingeleitet wurden, fehlende Kompetenz. Sie, die von allen geachtete und verehrte Schriftstellerin, bleibt im grössten, erdenklichen Schmerz allein. Ihre Freundin, Fleur ebenfalls, im Ungewissen, einem aseptischen Zimmer isoliert, die Freundin Fleur ganz ähnlich. Ein Schmerz, der sich auch fünf Jahrzehnte nach der Tragödie nicht verflüchtigt hat. Ein Schmerz, der bei der Trauerfeier noch zementiert wurde, die Verstorbene entblöste.

So ist „Die letzten Tage von Ingeborg“ ein Buch der Sehnsucht, des Schmerzes, das fluide Nachspüren einer Freundschaft, in aller Feinheit formuliert, weit weg von Enthüllung und Sensation. Eine Mischung aus Tagebuch und Erinnerung, Empfindungen und Momenten, die sich nicht auslöschen lassen.

Für all jene, die die Bücher von Ingeborg Bachmann lieben, eine Liebeserklärung. Für all jene die Fleur Jaeggy kennen ein Zeugnis. Für all jene die Fleur Jaeggy nicht kennen, die Aufforderung mit dem Lesen ihrer Bücher zu beginnen!

Fleur Jaeggy ist eine schweizerische und italienischsprachige Autorin, Ex-Model, Intellektuelle, Mystikerin, inzwischen etwas über 80 Jahre alt, ehemals enge Vertraute Ingeborg Bachmanns, Witwe des Adelphi-Verlegers Roberto Calasso, heute lebt sie weitgehend zurückgezogen in Mailand. Ihr weltweit gefeiertes Werk umfasst Romane, Erzählungen und Geschichten. 2024 erhielt sie den Gottfried-Keller-Preis der Martin Bodmer-Stiftung für ihr Gesamtwerk und 2025 wurde sie mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet.

Barbara Schaden studierte Romanistik und Turkologie in Wien und München, arbeitete anschließend als Verlagslektorin und ist seit 1992 freiberufliche Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Italienischen. Sie hat u.a. Werke von Kazuo Ishiguro, Fleur Jaeggy, Nadine Gordimer und Elena Ferrante übertragen und ist dafür vielfach ausgezeichnet worden. Barbara Schaden lebt in München.

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