Meine Mutter war eine schwarze Sonne – zu «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss (29)

Kein Mensch ist eine Insel, aber die Mutter-Kind-Beziehung macht aus zwei Menschen ein einsames, anderen Menschen unzulängliches Archipel. Es gibt keine Fähre, keine Freiheit.

Lieber Bär

Du hast mir geschrieben, dass du den neuen Bärfuss gelesen hast. Ich bin neugierig auf deine Leseeindrücke, was mit dir während des Lesens passiert ist, wie gross der Nachhall des Buches ist. Zumal Lukas Bärfuss mit dem Buch einiges riskiert hat, nicht zuletzt die Festigung seines Nimbus, das Bild von einem, der es „trotz allem geschafft hat“, eines Literaten, Denkers und Gesellschaftskritikers, der nicht aus den Grossküchen des Kultur- und Bildungswesens entsprang.

Eine Mutter haben wir alle. Auch dann, wenn sie nicht mehr lebt. Auch dann, wenn wir nicht geliebt wurden. Auch dann, wenn man alleine gelassen wurde. Erst recht dann, wenn sie uns über ihren Tod hinaus nicht loslässt. Warum schreibt Lukas Bärfuss über seine Mutter? Nur weil da schon ein Vater- und ein Bruderbuch ist? Lukas Bärfuss hat eine Mutter, hat sie noch immer, so wie jeder eine Mutter hat, die man mit sich trägt, ob im Guten oder im Schlechten, über den Tod hinaus. Mütter lassen sich nicht abstreifen, nicht einmal Väter. Nicht nur weil sie sich genetisch eingeschrieben haben, nicht nur, weil wir wissen, dass wir viel von ihnen in uns weitertragen, nicht nur weil es mich nicht ohne sie gibt, sondern weil sie mit ihrem Tun und Lassen unser Leben beeinflussen. Eine einstige Liebe lässt sich auslöschen, bis zur Verleumdung. Eine Mutter nie.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne, ein unsichtbares Gestirn, das mich aus grosser Ferne in einer seltsamen Bahn hielt. Sie hatte mich geprägt; und wie ein Stempel definiert ist durch das, was aus der Vorlage geschnitten wurde, war alles, was ich tat und schrieb und dachte, gezeichnet von ihrem Fehlen.

Lukas Bärfuss hat das Buch nicht geschrieben, um sich vor aller Augen an ihr abzuarbeiten. „Königin der Nacht“ ist kein Roman, auch keine Fiktion, aber auch kein Stück Autobiographie. Lukas Bärfuss schreibt über seine Mutter, nur dann über sich selbst, wenn er damit auch von seiner Mutter erzählt. Es ist kein Abarbeiten, keine Abrechnung und schon gar keine Anklage, sondern das Porträt jener Frau, die ihn geboren, aber nie gewollt hat, die stolz auf ihn sein konnte und ihn trotzdem nie zu lieben vermochte. Lukas Bärfuss ist mittlerweile selber Vater. Und ganz offensichtlich zwang ihn vieles, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Warum war seine Mutter jene Frau, die sie geworden war? Warum zementierte die Gesellschaft ihre Randständigkeit? Warum dieser Drang seiner Mutter, sich nicht binden, nicht festlegen zu wollen? Warum scheint es in unserer Gesellschaft, in der reichen Schweiz noch immer Fallgruben zu geben, in denen all jene abzustürzen drohen, die in kein Muster passen?

Ein faszinierend ehrliches Buch. Ein Buch, das zum Nachdenken zwingt.

Liebe Grüsse

Gallus

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Lieber Gallus

Was für ein Buch! Nach der Lektüre bin ich aufgewühlt, erstaunt und betroffen. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Es ist ein sehr persönliches Buch mit vielen Fragen und Gesellschaftskritik. Es regt an zu Diskussionen über unsere Prägung durch unsere Mütter, aber auch, wie Gesellschaft und Politik Muttersein fördern oder beeinträchtigen.

Wir bezahlten einen Preis für dieses Überleben in einer eugenischen Gesellschaft, die uns an der Produktivität mass, nicht an Gefühlen, nicht an der Liebe, nicht an der Tiefe unserer Verbindung.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Ohne Selbstmitleid und ohne Anklage erzählt Lukas Bärfuss, wie er mit 15 Jahren von der Mutter auf die Strasse gestellt wurde. Er hat sich damals in Armut und unter schwierigen Umständen behauptet, sich im Selbststudium gebildet und ist ein bedeutender Schriftsteller geworden. Er ist versöhnt mit seinem Schicksal und ohne Groll gegen seine Mutter.

Seine Mutter hatte weder Geld noch Bildung, um sich aus der existentiellen Not herauszuschaffen, aber Selbstbewusstsein und Stolz. Sie gehörte zu einer Schicht mit Wurzeln im fahrenden Volk, das damals zusammen mit psychisch Kranken und anderweitig Beeinträchtigten als Unwerte galt. Das zeigte sich auch, als ausgerechnet Auguste Forel, Psychiater und Forscher, mit einer Ameise auf der damaligen Tausender Note erschien, der folgendes sagte: In unserer eigenen arischen Rasse sind die Individuen ausserordentlich verschieden, und zwar nicht nur, wie vielfach geglaubt wird, infolge ihrer Erziehung, sondern vor allem in Bezug auf ihre erblichen Anlagen… Mit solchen Ideen im Kopf kam Forel auf die Idee, jene Unwerten zu hindern, Kinder zu zeugen… Die sexuelle Energie als soziale Gefahr.

Dieses authentische Buch wird mich weiter beschäftigen: Was prägt uns? Welche Rollen spielen Mütter, welche die Erziehung, welche gesellschaftlich bestimmte Normen? Welche anderen Faktoren beeinflussen uns, dass wir werden, was uns ausmacht.

Ich bin Lukas Bärfuss für seine Offenheit und seinen Mut sehr dankbar und wünsche der «Königin der Nacht» eine grosse Leserschaft.

Herzlich

Bär

© Stefano de Marchi

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun (Schweiz), ist Dramatiker und Romancier, Essayist und Dramaturg. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. 2003 wurde er für «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» als bester Nachwuchsdramatiker ausgezeichnet und bekam 2005 den Mülheimer Dramatikerpreis für «Der Bus». Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Berliner Literaturpreis (2013), den Schweizer Buchpreis (für «Koala», 2014), den Nicolas-Born-Preis (2015). Mit «Hagard» stand er 2017 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. 2019 wurde Lukas Bärfuss mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet. 2019 erschien «Malinois. Erzählungen», 2021 der Essayband «Die Krone der Schöpfung». Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich.

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», die brotsuppe

Francesco Micieli war einer der ersten, der sich literarisch mit dem Schicksal der Kinder von italienischen «GastarbeiterInnen» auseinandersetzte. 40 Jahre nach seinem Debüt ist «Über das Gras gehen» eine überaus poetische Erzählung über ein Trauma, das bis in die Gegenwart immer und immer wieder durchlebt werden muss.

„Über das Gras gehen“ mag autobiographische Elemente in sich tragen, Francesco Micieli kam als Knabe in die Schweiz zu seinen Eltern. Aber der Autor entfernt sich in seiner Erzählung ganz deutlich von realen Eindrücken hin zu einer sehr stimmungsvollen, kindlichen Wahrnehmung, in der Träume, Fantasien, Geschichten und Märchen das eigene Empfinden durchmischen. Da schreibt kein älterer Mann aus der Sicht eines Kindes. Francesco Micieli gelingt, was in der Literatur nur ganz selten in dieser Tiefe und Intensität gelingt; da schreibt sich jemand in die Seele, er transformiert sich schreibend. Dabei geht es Francesco Micieli nicht darum, die Reise vom Süden, von der Heimat bei den Grosseltern, in den Norden zu den fremd gewordenen Eltern zu erzählen, eine Reise zu rapportieren. Seine Kamerafahrt ist nicht die eines Betrachters, eines Sich-Erinnernden, nicht einmal der Blick durch das Kind, die Wahrnehmung dieses Jungen, der alleine im Zug nach Norden sitzt, sondern dieses fluide Etwas, die Seele jenes Jungen, die inneren Bilder, die sich der Junge auf der langen Reise macht, die ihn überkommen, die ihn im gleichmässigen Rattern des Zuges wegtragen, einlullen durch die immer wechselnden Gegenüber im Abteil.

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», Verlag die brotsuppe, 2026, 100 Seiten, CHF ca. 24.99, ISBN 978-3-03867-120-6

Odi wohnte die ersten Jahre seines Lebens in Italien, in Süditalien, bei seinen Grosseltern. Er musste Abschied nehmen, wurde in den Zug in den Norden gesetzt, ohne dass man ihn gefragt hätte. Eine Reise zu seinen Eltern, die er kaum kennt, die ihm fremd sind. Eine lange Reise im Zug, allein, sich selbst überlassen, in einer Mischung aus Angst, Rückzug und Hypersensibilität. Er weiss, dass es ein langer Abschied ist von der Welt, die er kennt, hinein in eine Welt, in der er nichts und niemanden kennt. Es war das Schicksal vieler Kinder, von Eltern, die ihr Glück als „GastarbeiterInnen“ im Norden, in der Schweiz suchten und ihre Kinder erst dann nachreisen liessen, wenn es das neue Leben im Norden erlaubt, zumindest finanziell. Aber „Über das Gras gehen“ widmet sich allen Kindern, denen ähnliches Schicksal widerfährt. So steht der Erzählung vorangestellt; Für die Kinder, deren Reise wegen Krieg, Armut und Hungersnot weg von den Eltern geht. Micieli trägt ein Trauma mit sich, auch wenn es überwunden und schreibend verarbeitet ist. Schon 1986 trug Francesco Micielis Debüt den Titel „Ich weiss nur, dass mein Vater große Hände hat. Tagebuch eines Kindes.“

Es ist der Blick zurück in die Welt zusammen mit seinen Grosseltern, jene Welt, die bisher seine Welt ausmachte. Eine Welt aus Wärme und Liebe, aus tiefen Empfindungen und dem absoluten Gefühl der Geborgenheit. Es ist das Herausgerissen-sein, die Verstörung, die Versuche eines Kindes, die Welt neu zu ordnen, während vor den Fenstern des Zuges die Landschaft vorbeirast und die Menschen im Sechserabteil des Zuges dauernd wechseln. Es ist eine Erzählung des Übergangs, der Überfahrt, über das Realistische hinaus in den permanenten Versuch, das Erlebte neu einzuordnen.

„Über das Gras gehen“ ist ein literarisches Konzentrat, Grund genug, all jene Bücher des Autors in meinen Regalen noch einmal zur Hand zu nehmen. Eine Erzählung, die derart viel Wärme, so viel Hoffnung ausstrahlt, dass sie zu Liebkosung wird.

Interview

Immer mehr werden wir in den Schulen mit Kindern konfrontiert, die entwurzelt wurden, die bei den Plänen ihrer Eltern nur eine marginale Rolle spielen, die mit ihren Gefühlen sich selber überlassen werden. Die Gründe solcher Entwurzelungen sind ebenso vielfältig wie die Fähigkeiten der Kinder, diese mehr oder weniger zu verarbeiten. Jene, denen eine Kindheit in einem wohlgehüteten Nest vergönnt war, brauchen Bücher wie die ihren. Menschen wie ich. Wie viel Selbstverarbeitung, wie viel Mission steckt in diesem Buch?
Ob von Selbstverarbeitung gesprochen werden kann, weiss ich nicht. Bestimmt ist es so, dass sich in diesem Buch eine Erfahrung einschreibt, die Erfahrung des Verlassen-Müssen von Menschen und Orten, die einen in den ersten Jahren des Lebens geprägt und gehalten haben. Es ist ein Müssen, weil nicht selbst gewählt, weil äussere Bedingungen – Armut, Kriege, Klimakatastrophen – dies auslösen. Der freie Wille, falls es diesen gibt, spielt hier keine Rolle.
Ist Mission im Buch? Vielleicht ist eher ein Aufzeigen einer Verwandtschaft der Lebensläufe von Kindern, die, aus welchem Grund auch immer, in ihrem Dasein durch „feindliche“ Ereignisse erschüttert werden. Es ist die ewige Wiederkehr der Odyssee, die selten mit der Rückkehr nach dem eigenen Ithaka endet.

Immer wieder kreist ihr Schreiben um dieses eine Thema, das Schicksal entwurzelter Kinder. Es gibt viele KünstlerInnen, die in ihrem Schaffen immer und immer wieder um „das gleiche Thema“ kreisen. Nicht weil sie keine Fantasie hätten, sondern weil solche Themen letztlich unergründlich sind. Oder gibt es Momente, in denen sie sich an dieses eine Thema gekettet fühlen?
Nein, ich fühle mich in keiner Weise gekettet. Eher würde ich sagen, ich stehe dem genannten Thema gerne zu Diensten, mit dem Wenigen, was ich kann.
Und, ja, die Erkenntnis von Heraklit „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ ist auch in der Kunst, die sich einem Thema widmet, gültig.

«Er hatte von seiner Grossmutter gelernt, den Wörtern nicht immer zu trauen“, steht auf Seite 20. Liegt nicht genau dort einer der Ursprünge, dass sie Schriftsteller geworden sind? Trauen nicht genau die Schriftsteller den Wörtern nicht und brauchen Bücher, um um jene Wörter zu kreisen?
Schwer zu sagen, wo der Ursprung „meines Schreibens“ ist. Ich bin in einem Haus, in einer Gesellschaft aufgewachsen, in welcher es keine Bücher gab. Die Sprache, die wir gesprochen haben (Arbëresh, antike Form des toskanischen Albanisch), war keine Schreibsprache und besass nur das Vokabular des damaligen Alltags.
Ja, das Schreiben ist auch ein Den-Wörter-Nicht-Trauen, sie anders zu beleuchten, als sie aus der Sprachschublade kommen. Und doch sind sie das einzige Instrument, mit welchem zu arbeiten gilt. Um es mit einem Wortspiel zu sagen: Schreiben beinhaltet „reiben“ , es ist ein Sich-an-den-Wörtern-reiben.

Was ist seit ihrem Debüt 1986, das sich damals schon diesem Thema widmete, im Schreiben passiert? In der Gesellschaft und in Francesco Micieli?
Lässt sich diese Frage beantworten?
Vierzig Jahre sind passiert, mit allem, was drin ist. Viele Bücher wurden zu diesem Thema geschrieben, in verschiedenen Sprachen, in verschiedenen Kulturen. Das ist vielleicht eine banale Aussage zur Frage. Und doch werden jeden Tag Kinder mit Gewalt aus ihrer sozialen wie geografischen Umgebung gerissen. Die vielen Bücher haben keinen Wall dagegen bilden können. Die Bücher liegen „gratis zum mitnehmen“ auf der Strasse, die an gewissen Orten den vor dem Lärm der Waffen flüchtenden Menschen im besten Fall als Sitzgelegenheit dienen.

Ihr Roman ist ein literarisches Konzentrat, eingedampfte Sprache, zwischen Prosa immer wieder lyrische Passagen. Ergibt sich das organisch, im Schreiben – oder liegt darin ein Plan, ein Konstrukt?
Darf ich da mit Roland Barthes antworten? Eine alte Antwort, ich weiss, aber sie passt, weil sie immer wieder neu gesagt werden kann:
„Die Literatur ist ein schwieriger, schmaler, tödlicher Stand geworden. Sie verteidigt nicht mehr ihren Schmuck, sie verteidigt ihre Haut.“
Es versteht sich von selbst, dass damit nicht das Produkt Buch gemeint ist, sondern das Schreiben per se.

Francesco Micieli wurde 1956 in Santa Sofia d’Epio (Italien) geboren. Seit 1965 lebt er in der Schweiz. Er studierte Romanistik und Germanistik in Bern, Cosenza und Florenz. Danach war er als Schauspieler, Autor und Theaterregisseur tätig. Francesco Micieli lebt heute als freier Schriftsteller in Bern.

Beitragsbild © Donata Ettlin (Bilder aus dem Familienalbum von Francesco Micieli)

48. Solothurner Literaturtage – Wenn die Welt sich im Wort spiegelt

Weder Regen noch Kälte schienen den BesucherInnen des Festivals die Lust an Literatur verderben zu können. Der Regen strömte, die Leute strömten. Für drei Tage wurde Solothurn ein Fenster hinaus und eines hinein. Hinaus in die Welt, die immer unverträglicher zu werden scheint. Hinein in den Mensch, der mehr und mehr gezwungen wird, den Schatten etwas entgegenzusetzen.

Mehr als einmal bildeten sich lange Schlangen vor den Veranstaltungsorten. Eindrücklich dann, wenn eine solche Schlange vor einem Kino mitten in der Altstadt den Strom von Touristen, Radfahrerinnen und Familien beim Bummeln zu blockieren drohte. Alle, die sich nicht im Schweif des Festivals bewegten, mussten sich wundern über all die Stehenden und Wartenden, sei es mitten am Tag vor dem Konzerthaus Solothurns oder vor der kleinen Weinbar an der Aare, beim Kino am Uferbau oder in den Hallen des Kunstmuseums. Solothurn war fest in der Hand all jener, die sich durch Bücher nicht nur bezaubern, sondern in Welten versetzen lassen. Die sich auseinandersetzen mit den Rändern der Menschlichkeit und darüber hinaus, die sich hinaustragen lassen über die Grenzen ihrer selbst, die sich verzücken lassen durch die Kraft des Wortes. Mehr als 17000 BesucherInnen fluteten die Stadt, beklatschten all jene, die mit Büchern, Wortkunst und Performance der Tiefe ihrer Innenwelten eine Form geben.

In mehr als 150 Veranstaltungen mit rund 140 Autor*innen und Übersetzer*innen bieten die Solothurner Literaturtage alljährlich einen Einblick in ihr Schaffen und provozieren Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen der Gegenwart. Kleinräumiges und Raumgreifendes, klassische Lesungen mit Gesprächen, Podiumsdikussionen weit über die Buchdeckel hinaus, Experimentelles und Traditionelles in allen vier Landessprachen, Kinder- und Jugendbücher, Lyrik und Prosa, Philosophisches, tiefe Einblicke in menschliche Höhen und Tiefen, Zeugnisse grösster Empathie und umfassender Auseinandersetzungen. Stimmen aus anderen Kulturen, gewaltdurchsetzten Krisengebieten, aus Vergangenem und zu Erwartendem.

Moderatorin Sieglinde Geisel, Sasha Filipenko und Übersetzerin Iryna Herasimovich

Beeindruckend die Stimmen all jener, die nicht mehr zurück in die Länder ihrer Kindheit wollen oder können, die Unwiederbringliches mit sich tragen, letztlich auch die Hoffnung in eine Zukunft. Allen voran die Ukrainerin Tanja Maljartschuk, die 2011 nach Wien emigrierte und 2018 Bachmannpreisträgerin wurde. Oder der belarussische Schriftsteller Sascha Filipenko, der seit seiner Flucht 2020 aus Russland wohl nie mehr in sein Heimatland zurückkehren kann, ohne eine mehrjährige Haftstrafe kassieren zu müssen. Oder die sudanesische Schriftstellerin und Aktivistin Stella Gaitano, die aus ihrem von Kriegswirren zerfressenen Land nach Deutschland floh. Autorin*innen, denen es nicht leicht fiel, sich den Fragen hiesiger Moderator*innen auszusetzen, die Leid, Kriegserfahrung, Vertreibung und Gewalt in der Form nur aus zweiter Hand kennen. Solothurn und sein Publikum setzten sich dem aus, eine Auseinandersetzung, die bitter nötig ist, auch wenn sie nur sensibilisieren kann.

«Die neue autoritäre Ordnung. Eine literarische Annäherung» mit Ilma Rakusa, Dimitré Dinev und Tanja Maljartschuk

Ebenso eindrücklich der Besuch des Schriftstellers, Theater- und Drehbuchautors Dimitré Dinev aus Bulgarien, der sich nach seiner Flucht nach Wien mit Gelegenheitsjobs durchschlug, Philosophie und Philologie studierte und auf Deutsch zu schreiben begann. 2025 erhielt er mit seinem Roman «Zeit der Mutigen» den Österreichischen Buchpreis. Eine über 1200seitige Familiensaga über die zerstörerische Macht der Diktatur und die grossen Fragen des 20. Jahrhunderts. Ein Mann der klaren Worte.

Veronika Zorn im Gespräch mit Moderatio Cédric Weidmann

Aber die Solothurner Literaturtage sind auch eine wunderbare Gelegenheit, Stimmen zu entdecken, die mich sonst nie in dieser Form erreicht hätten. Zum Beispiel die Sprachforscherin Veronika Zorn, die mit ihrer bei der edition taberna kritika erschienenen Publikation «Notizen von der linken Hand» der Frage nachgeht, wie das Denken im Schreiben mit dem Wechsel ins Ungewohnte beeinflusst wird. Ein Buch, das vom Nachdenken bis ins Nachahmen einlädt. Oder die 1998 in Zürich geborene Louisa Merten mit ihrem Debütroman «Hundesöhne». Ein Buch mit beklemmenden Schauplätzen und betörenden Sätzen.

Lukas Bärfuss mit Moderatorin Hayat Erdoğan

Denkwürdig die Auftritte von Dorothee Elmiger und Lukas Bärfuss, bei denen der grosse Konzertsaal Solothurn, die Location, die das ehrwürdige Salzhaus direkt an der Aare noch bis im kommenden Jahr ersetzen soll, zu platzen drohte. Beides grosse Figuren der CH-Literatur, Exponent*innen, die mit klaren Gedanken Räume erweitern. 

Louisa Merten

Schwierig waren die Podien, vor allem dann, wenn Moderation und drei Eingeladene über Themen wie «Das Böse schreiben» sprechen sollten. Wie soll man auf den «Kern der Sache» stossen, wenn die Fragen nur die Oberfläche berühren, wenn man sich nicht in die Kontroverse traut und wenn in der Veranstaltung selbst auch noch die Bücher der eingeladenen Gäste eine Rolle spielen sollen. Dabei wäre das Thema eine Einladung, so wie es im Programm angekündigt war; Drei Autor*innen erkunden die Vielschichtigkeit des Bösen: vom moralischen und politischen Bösen bis zu struktureller Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung. Die Diskussion drang nicht einmal ansatzweise in jene Vielschichtigkeit. Ich war mir nicht einmal sicher, ob den Eingeladenen klar war, warum man ausgerechnet sie an diese Veranstaltung eingeladen hatte. Es braucht mehr Zeit, mehr Mut und eine ordentliche Portion Risiko.

Grossen Dank an das ganze Festival-Team. Allen voran Catherine Schlummberger, Rico Engesser, Janina Enderle, Nuria Sublee und Claudia Niggeler. Ich freue mich auf die kommende Ausgabe!

Beitragsbilder © fotomtina

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp

Was Kunst schreibt, ist Kunst. Ob Lyrik wie in seinem letzten Lyrikband «Wü» oder wie im vorletzten Roman «Zandschower Klinken». Erst recht mit «Masleboi», einem Nicht-Roman, auch wenn das Etikett «Roman» auf dem Buch stehen muss. Masleboi ist ein Tripp in die Tiefen der Sprachkunst.

Vielleicht müsste man dem Buch einen Beipackzettel verpassen, auf dem vor dem Umgang mit dem Stoff gewarnt werden muss. Wer reine Unterhaltung erwartet, wird sich verwundert die Augen reiben, auch wenn GeniesserInnen literarischer Feinkost sehr wohl bestens unterhalten werden. Wer Spannung sucht, sieht sich mit den üblichen Massstäben enttäuscht, obwohl die Spannung eher vertikal zu finden ist, in der Art, wie Thomas Kunst sieht, denkt und sich treiben lässt. «Masleboi» ist ein Blindflug im Kopf des Dichters. Mit «Masleboi» sträubt sich der Dichter einmal mehr gegen Konventionen, scheinbar allgemeingültigen Vorstellungen, was Literatur zu sein hat. Weit weg vom Diktat, ein Buch, einen Roman mehr im Strom all dessen zu werden, was unter dem Titel «Autofiktion» veröffentlicht wird. Im Gespräch um die gegenwärtigen Strömungen (die alles andere wegzureissen drohen), diskutiert sich Thomas Kunst regelmässig in Rage. Mit Recht. Warum soll ausgerechnet das, was die Literatur kann, zu einem Einheitsbrei werden? Warum akzeptiert man in der Musik oder der bildenden Kunst all die Sonderlinge, macht aus ihnen Halbgötter, wenn sie sich gerade eben nicht einordnen lassen?

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp, 2026, 223 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43277-8

So kann man viel leichter beschreiben, was «Masleboi» nicht ist. (In einem Interview erzählt Thomas Kunst, er habe das Wort, das dem Buch den Namen gibt, von seinem Vater, der damals, als er Kind war, immer wieder von «Masleboi» sprach, einem der in der DDR damals alles Mögliche und Unmögliche besorgen konnte. Jetzt ist Thomas Kunst «Masleboi». Er besorgt mir all die Bilder, die nur er mir besorgen kann. Und er besorgt es mir ganz ordentlich.) «Masleboi» ist keine Geschichte, ein Sprachkunstwerk ohne Plott, ein Buch mit unendlich vielen skurrilen Bildern und Binnengeschichten, ein Tripp, der an Fellini erinnert, der nicht erklären und schon gar nichts beweisen will. «Masleboi» ist ein bisschen Utopie, ein bisschen Dystopie, manchmal Science-Fiction, machmal Perlenschnur, oft ein Geheimnis und immer ein Abenteuer. Bestimmt sind viele Bilder Versatzstücke aus dem Leben des Autors, so wie Schnappschüsse eines Autisten. «Masleboi» ist die Denkspur, die Thomas Kunst hinter sich zurücklässt. Eine faszinierende Welt aus Lichtblitzen und Schattenstücken.

Da lebt einer in Otchanganarriva, einem kleiner Ort im Nirgendwo. Er hat sich ein Haus gebaut aus Büchsen und Brettern, ein Haus mit Tisch, Bett und Briefkasten. Dosen als Trinkgefäße, Aschenbecher für Freunde, Gewürzbecher, Kerzenverstecke, Stifthalter, Muschelbüchsen, Zahnputzbecher und Pflanzentöpfe mit Trauermücken, Restnässeparadiese. Er verschanzt sich zuweilen darin, würde all die vollen Dosen auch zur Selbstverteidigung brauchen, auch wenn er wegen der abgelösten Etiketten nicht mehr weiss, was in den Dosen eingeschlossen ist. Neben all den Sonderlingen an diesem sonderbaren Ort wird auch in den untergegangenen und versenkten Schiffen vor der Küste gewohnt und gelebt. Es ist eine seltsame Welt, jener Ordnung enthoben, in der die Realität zu ersticken droht. Der Erzähler ist nicht allein. Da geistert Masahlena herum, ein geisterhaftes Wesen – und natürlich eine Katze, das Pinguinmädchen. Er lebt von in Epoxidharz eingelegten Insekten, verkauft sie als Bernsteinschmuck.

«Masleboi» ist für jene, denen Sprache mehr ist als Transportmittel. «Masleboi» ist Kunst.

Rezension zu «Zandschower Klinken» auf literaturblatt.ch

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein «gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen» (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Lande.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Thommie Bayer «Gern gesehene Gäste», Piper

Matteo ist Zuschauer, schon als Kind. Einer, den man stehen lässt. Einer, der stets daneben steht. Einer, der sich mit seinem Platz im Schatten abgefunden hat. Bis ihm ein Schriftstellerpaar mit einem Mal das Gefühl gibt, wichtig zu sein. Thommie Bayers Roman überzeugt durch seine Figurenzeichnung und den Spiegelblick eines Beobachters.

Es gibt sie unzweifelhaft. Man muss sich nur an den Pausenplatz in der Kindheit zurückerinnern, die Klasse damals, an die Kinder im Quartier. Es sind jene, die im Sportunterricht weder von der einen noch der anderen Gruppe gewählt werden, die niemand will, niemand braucht. Matteo darf zwar zwischendurch immer wieder mal jenen helfen, die es in der Schule nicht so leicht haben. Was aber noch lange kein Grund ist, ihn mitzunehmen. Matteo ist nicht einmal ein Klotz am Bein. Er ist ein Niemand. Irgendwann hat er sich in seiner Nische eingerichtet, auch wenn seine Mutter während seiner Kindheit alles tut, um Matteo wie jeden anderen aussehen zu lassen.

Matteo wird Zimmermann, geht für drei Jahre auf Wanderschaft. Aber selbst auf seiner langen Tour bleibt er aussen vor. Auch das Glück mit dem anderen Geschlecht scheint nicht zum seinen zu werden. Auch dort sieht man ihn nicht. Er sucht auch nicht mehr, er würde nie Teil einer Gemeinschaft sein. Sein Alleinsein wird ihm sein Zuhause. Wenn er liest, wenn er wandert, wenn er sich im Wald auf den immer gleichen Hochsitz zurückzieht. Er übernimmt nach seinen Wanderjahren Gelegenheitsjobs, die ihn über Wasser halten und hilft seiner Mutter in der Buchhandlung in der Stadt.

Thommie Bayer «Gern gesehene Gäste», Piper, 2026, 208 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-492-07192-5

William nimmt ihn für zwei Wochen auf eine Baustelle in Frankreich mit. Sie sollen ein Haus fertigstellen, von oben bis unten streichen, Regale einbauen, im Haus eines Schriftstellerehepaars. Keira und Eric, er erfolgreich, sie um einiges weniger. Die beiden überlassen William und Matteo das Haus. Und als man ihnen die Hausschlüssel zurückgibt, nachdem die beiden von Matteo am Bahnhof mit dem Auto abgeholt wurden, fragt Eric Matteo, ob er Lust hätte ihn auf seiner Lesetour mit seinem neuen Roman als Chauffeur zu begleiten. Matteo, der nie einen Plan in seinem Leben hat, einen solchen auch gar nicht braucht, nimmt den Job an. Nicht nur weil ihn die Aufgabe reizt. Auch weil er sich von der 40 Jahre älteren Keira angezogen fühlt, weil ihm das Paar das Gefühl gibt, jemand zu sein, weil man ihn schätzt. So sehr sich Matteo zu den beiden hingezogen fühlt, so sehr vermitteln ihm die beiden ein Gefühl, das selbst mit seiner Mutter abhanden gekommen war.

Während Keira zuhause bleibt, fährt Matteo Eric von einer zur nächsten deutschen Metropole, von Halle zu Halle, Bibliothek zu Bibliothek, von vollem Haus zu vollem Haus. Eric schwimmt auf einer Welle des Erfolgs, der Anerkennung und Bewunderung. Und im Schweif dessen geschehen bei Matteo Dinge, von denen er glaubte, für immer ausgeschlossen zu sein. Aber je näher er den beiden, vor allem Eric kommt, desto mehr hat er mit dem Umstand zu kämpfen, dass er die kleinen Zeichen zu interpretieren beginnt. Interpretationen, die das makellose Bild eines aufgegangenen Fixsterns in seinem Leben zu trüben beginnen. Erst recht als eine junge blonde Frau auftaucht und ein Mann, der Eric droht, ihn zu vernichten.

„Gern gesehene Gäste“ ist ein Roman über einen Mann, der im Schweif eines Sterns zu leuchten beginnt. Über scheinbar perfekte Leben, die Geheimnisse verbergen. Was es bedeutet, wenn ein Leben im Schatten mit einem Mal ein Stück Sonne bekommt, jene Momente, in denen man endlich spürt, am richtigen Ort, mit den richtigen Menschen zu sein. Vielleicht ist der Roman auch ein Buch über das Er-Wachsen-Werden. Mit Sicherheit ist das Buch ein Spiegelbuch, hier die LeserInnen, dort die SchriftstellerInnen. Ein Buch über Wahrnehmung, Schein und das wahre Glück. Ein typischer Bayer. Ein Roman mit dem Sound von Leonard Cohen: We are so small between the stars / So large against the sky / And lost among the subway crowds / I try to catch your eye.

Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm die Romane „Das Glück meiner Mutter“, „Das innere Ausland“ und der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman „Eine kurze Geschichte vom Glück“ und zuletzt „Einer fehlt“. Thommie Bayer lebt mit seiner Frau in Staufen bei Freiburg.

mehr von und über Thommie Bayer auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Peter von Felbert

Eva Strautmann «In der Luft», Plattform Gegenzauber

Hoch hinaus ragt sie 
dicht bemooste Windung, 
nein Windungen 
aus braunem Sud, halsstarrigem Schlamm, 
fest gezogen von wehenden Ästen 
Luftschläuche umschlungen von faserigen Holzlenden, 
sich biegend, 
knatschend am Schreien um Hilfe.
Es steht bis zum Hals,  
wachsendes Wasser 
Vierblättrige Sonne aufgespalten im Licht 
nach vorn, nach hinten am Zergehen 
in strahlender Hitze, 
nicht mehr zu sehen. 
Dann die weitläufige Fläche mit eisigen Blättern 
aus dem Dunkel von oben, 
alles scheint einmal hell auf, 
am Glitzern, glänzend 
im wehenden Sand? 
In dunkelroter Erde 
Am Stampfen durch Blutrot 
durch krachendes Gebälk. 
Schon lächeln sie ins Mark, 
geschnitzte Masken, eingegerbte Gesichter an sinkenden Stämmen, 
in prachtvoller Grünblässe 
schreien um Hilfe. 
Wachsendes Wasser strahlt und schwappt von hinten, 
glänzt, 
im Wellen über die viergeteilte Sonne, 
spült weg, weggespült, 
alle Hälser gefüllt, Münder randvoll überlaufen 
bis kein Wort mehr hervordringt, 
bis es still wird im wachsenden Wasser 
Die Windungen fallen, 
fallen gegen sich selbst, halten sich gegenseitig fest im Tanz, 
im Geschlinge, 
Verschlungensein 
im Mikado ihres Sinkens. 
Bis das Wasser die Fläche überstrahlt, 
alles glänzt, 
grell, zu grell 
gelbscheinend 
In der Luft am Fliegen, am Tanzen 
am Schreien 
im Vergehen 
in der Luft

Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.

Beitragsbild © Eva Strautmann «Abstraktion 20», Öl auf Leinwand 

1. A*dS Preis – Was für eine Ehre

Liebe Anwesende, lieber Gallus Frei

Dürfte ich eine Diagnose stellen, würde ich sagen: Gallus Frei ist ein Buchverrückter. Möglicherweise sind wir das in diesem Saal alle mehr oder weniger, aber bei ihm ist die Ausprägung extrem.
Stellen wir uns Gallus Frei am gedeckten Tisch vor: Bücher gehören zu seiner täglichen Nahrung. Er liest sie, verdaut sie und verstaut sie in massgefertigten Regalen.
Ist die Phase der Nahrungsaufnahme – das schlichte Lesen – vorbei, rezensiert er die Bücher, führt Interviews mit den Autor:innen und veröffentlicht seine Gedanken auf dem Blog seiner Website literaturblatt.ch.
Seit zehn Jahren schon!
Manche Bücher schaffen es auch auf eins der Literaturblätter, auf denen er bereits seit 2011 jeweils vier Neuerscheinungen bespricht.
In Schnürlischrift! Handgezeichnet! Kugelschreiber auf Papier!
Pro Jahr verschickt Gallus Frei fünf bis sechs Ausgaben an seine Abonnent:innen.
Old School per Post reisen diese beständigen Rezensionsobjekte an ihr Ziel.

Wir wissen alle, dass in den herkömmlichen Medien immer weniger Platz für Buchbesprechungen zur Verfügung steht. Wie gut, dass Gallus Frei so viele Schweizerische und internationale Neuerscheinungen sichtbar macht: leidenschaftlich, wort- und bildreich. Mit seinem Blog begleitete er in den vergangenen Jahren nicht nur diverse Literaturfestivals, sondern während vier Jahren auch den Schweizer Buchpreis.

Aber Gallus Frei ist nicht nur Büchergourmet, sondern auch Gastgeber. An seinem Tisch in Amriswil vereint er Lesezirkel und Autor:innen; vier Jahre lang verantwortete er das Programm des Literaturhauses Thurgau, und seit 2024 leitet er zusammen mit Ariane Novel das St. Galler Literaturfestival Wortlaut.
Apropos Literaturhaus Thurgau: Raten Sie, wer dort die Bücher aus ihren Vitrinen befreite und für sie passende Regale baute? –

Gallus Frei kann fast alles. Vielleicht hat das mit seinem Brotberuf Primarlehrer zu tun. Herausragend ist seine Leidenschaft, sein Tempo, sein von Ideen brutzelnder Kopf, sein nicht versiegender Lesehunger und seine Freude am Kontakt mit den Literaturschaffenden. Und wir freuen uns, wenn unsere Bücher ihm in die Hände fallen.

Wir danken Gallus Frei für seinen wertvollen Einsatz für die Literatur und gratulieren herzlich zum ersten A*dS-Preis.

Laudatio: Eva Roth


Beitragsbild © Philipp Neff schliff.ch

«Mit jedem Vers» mit Thomas Dütsch und Chris Wirth

Thomas Dütsch, der seinen letzten Gedichtband «Zwischenhoch» bei Nimbus herausgab, las neue und «alte» Gedichte. Chris Wirth antwortete ihnen musikalisch oder nahm mit seiner Bassklarinette etwas vorab. Ein Abend des Genusses, eine Stunde des Eintauchens.

Es gab ihn schon vor 300 Jahren, den Literarischen Salon. Was damals noch in Adelhäusern geschah, weil auch die Literatur etwas war, wofür man nur in Adelshäusern Zeit und Muse hatte, das Leben der meisten Menschen damals bestand fast ausschliesslich aus Arbeit, dem Willen zu überleben, hat längst auch in Wohnzimmern des Kleinbügertums seinen Weg gefunden. Man trifft sich in der Wohnung von lesenden Menschen, lauscht für einmal auf Stühlen, die alle auf einen Punkt im Wohnzimmer ausgerichtet sind, lässt sich kulinarisch verwöhnen und kommt mit SchriftstellerInnen in einer Art ins Gespräch, für die es bei den üblichen Lesungen weden Zeit noch Raum gibt.

So auch an einem sonnigen Maiabend in Amriswil. Eingeladen waren der Dichter Thomas Dütsch und sein Musikerfreund Chris Wirth an der Bassklarinette. Jeder spielte auf seinem Instrument, zeichnete Wortbilder in die Luft. Ein Dutzend Gäste wurden sanft wachgepinselt. Thomas Dütsch sammelt, was er irgendwann am Schreibtisch zu Gedichten formt, in einem Wachstuchheft, das er immer mit sich trägt; Wörter, Wortfetzen, Gedanken. Sprachstücke wie Fundstücke, gesammelt in einer ganzen Bibliothek. Aus den einen Stücken werden Gedichte. Andere gedeihen nie. Bis ein Gedicht fertig ist, dauert es manchmal Jahre, manchmal über mehr als ein Dutzend Fassungen. Sehr oft wird Naturlyrik daraus, nie entrückt, nie verklärend, ganz nah am Betrachter, Bilder im Weckglas, lyrische Ansichtskarten, Ansichten innerer und äusserer Landschaften, ganz oft mit Fragen durchmischt.

Sie spielten sich gegenseitig zu, mal leise, mal wirblig, mal nachdenklich, mal fast tanzend, nahmen Fäden auf, liessen sie wieder los. So wie der eine seine Augen schloss, so blickte mir der andere ins Gesicht, machte mich zu einem Gegenüber, betroffen, getroffen. In solchen Stunden ist Kunst das, was scheinbar unsichtbar ist, das wie eine gallertige Masse zu schwingen beginnt. Und alle, die lauschen, werden Teil dieser Kunst, schwingen mit, werden zu grossen Trichtern, Umwandlern, Transformatoren.

Ich danke Thomas Dütsch und Chris Wirth für das Abenteuer einer Sternstunde der Empfindung.

Lieber Gallus, liebe Irmgard, vielen herzlichen Dank für die Einladung zur Hauslesung am 9. Mai! Euer Wohnzimmer war ein idealer Ort für unsere musikalische Lesung. Dass es uns gelungen ist, euch und eure Gäste mit unseren Gedichten und Klängen berühren, ist auch eurer herzlichen und offenen Art als Gastgeber zu verdanken. Auf der Rückfahrt nach Zürich waren wir uns einig: Es war ein künstlerisch und menschlich ein sehr reicher und stimmungsvoller Abend! Herzlich, Thomas Dütsch und Chris Wirth

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Auf Einladung des Berliner Kultursenats war er 1991 sechs Monate Stipendiat im Literarischen Colloquium Berlin (LCB). Für seinen ersten Lyrikband «Windgeschäft» (2001) und «Weißzeug» (2011) erhielt der Autor Anerkennungsgaben der Stadt Zürich. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Rezension zu «Zwischenhoch» auf literaturblatt.ch

Chris Wirth, 1966, beschäftigte sich nach dem Klarinettendiplom am Konservatorium Zürich intensiv mit Improvisation, Komposition und Arrangement. Neben einem Klarinetten-Trio mit eigenen Kompositionen wirkte er in verschiedenen Formationen und Projekten mit. 

Beitragsbilder © Philipp Neff schliff.ch

Colm Tóibín «Die Schwestern», Hanser

Montserrat, Conxita und Núria, drei Schwestern, erben das Haus ihrer Tante Julia, irgendwo in den spanischen Pyrenäen. Nur dieses Erbe führt die drei Schwestern nach Jahrzehnten zusammen. Als sie jung waren, nahm sie ihre Mutter mit nach Argentinien. Ein schmaler, aber äusserst atmosphärischer Roman des Meisters!

Weil es für die Mutter der drei Schwestern in Spanien keine Zukunft mehr zu geben scheint, nachdem der Vater gestorben war, werden die Schwestern von ihrer Mutter unfreiwillig nach Argentinien umgesiedelt. Dort muss das Glück stattfinden. Aber auch dort findet die Mutter den Tritt nicht. So sehr die Schwestern als Mädchen durch den Umzug wie Freundinnen aufwachsen, eine Einheit bilden, so sehr zerbricht diese Einheit, weil jede der Schwestern als junge Frau in einem eigenen Umfeld zu bestehen hat. Montserrat, Conxita und Núria brechen in Gegenwarten auf, die kaum mehr miteinander etwas zu tun haben. Núria, die Älteste, heiratet nach der Auswanderung in die besten Kreise Buenos Aires, hat schnell Kinder und lebt sie sich in Sphären aus, die nichts mit den Welten ihrer Schwestern zu tun haben. Conxita wird Gesellschafterin einer verschrobenen Dame und Montserrat, Montse, «das Nesthäkchen», arbeitet Jahrzehnte in einer Autowerkstatt. Aber Montse ist nicht die, für die die älteren Schwestern sie halten. 

Colm Tóibín «Die Schwestern», Hanser, 2026, aus dem Englischen von Ditte Bandini und Giovanni Bandini, 128 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-446-28649-8

Jenes geerbte Haus ihrer verstorbenen Tante wurde kurz vor ihrem Tod renoviert. Die drei Schwestern treffen sich dort, zusammengeführt mit den verschiedensten Absichten, von Colm Tóibín inszeniert wie ein Kammerspiel. Montse ist der Mittelpunkt der Geschichte, jene Schwester, deren Leben bisher am unauffälligsten verlief. Sie ist die einzige, die nicht mit dem Plan, das Haus zu verkaufen, in die Pyrenäen gereist ist. Für sie bietet dieses Haus erstmals die Chance auf ein Stück Unabhängigkeit, ein Stück Glück, zumal man die Tante im kleinen Dorf schätzte. Es ist das Haus, in dem sie damals zusammen mit ihrer Mutter die Ferien verbrachten. Das Haus ist ein Stück Zuhause.

Colm Tóibín zeigt, dass das Erbe nicht nur in den Dingen steckt, sondern auch in den Leben, die enden, in den Leben der Eltern, in dem, was sie an erlebter Erinnerung zurücklassen. Hier das Haus mitten im Dorf, hier das Trümmerfeld zwischen den ungleich gewordenen Schwestern, die auch in den Wochen im Haus ihrer verstorbenen Tante wie gleichpolige Magnete auseinanderdriften. Man kann Colm Tóibín dafür bewundern, dass er sich traut, eine Geschichte zu erzählen, in der fast nur Frauen vorkommen. Zum einen kann er das, weil er ein Meister seines Fachs ist. Zum andern geht es nicht um geschlechterspezifisches Verhalten, sondern um den Zusammenprall menschlicher Existenzen überhaupt. Das andere Geschlecht deshalb, um den Figuren im Erzählen jene Distanz zu geben, die maximale Nähe erzeugen kann.

In „Die Schwestern“ geht es um Beziehungen. Um eine Mutter, die die älteste Tochter zur Leitfigur macht, ihre Schwestern zu Spielbällen, Rollen die den beiden jüngeren bleiben. Eine Mutter, die ihre Kinder wie Möbelstücke auf einen anderen Kontinent verpflanzt. Um einstmals Verschworene, die auseinanderbrechen. Um Leben, die nach ihrem Kern suchen. Um Leben, die alles der Fassade opfern. Montse ist die einzige, die immer bei sich selbst geblieben ist.

Es macht unglaublich Spass, dem Drama zuzuschauen!

Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman «Der Süden» (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem IMPAC-Preis, dem David Cohen Prize for Literature und dem Würth-Preis für Europäische Literatur. Zuletzt erschienen «Long Island» (Roman, 2024) sowie «Vinegar Hill» (Gedichte, 2025). Er wurde für 2022 – 2024 zum Laureate for Irish Fiction ernannt.

Giovanni Bandini und Ditte Bandini arbeiten seit 1985 als Schriftsteller und freie Übersetzer. Unter anderem haben sie Seamus Heaney, Matt Ruff, Cathleen Schine, Kiran Nagarkar und Neel Mukherjee ins Deutsche übertragen.

Beitragsbild © Emanuele Spina

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv

Wie kaum ein anderer in der CH-Literatur malt Michael Hugentobler mit vielen Pinseln auf grosser Leinwand. Was der Autor an der Grenze zwischen Fiktion und Realität in Buchdeckel bannt, ist grosse Erzählkunst vereint mit der Leidenschaft fürs Detail.

Die aus Deutschland stammende Familie Leiber wohnt in Heiden, im Kanton Appenzell Ausserrhoden, einem Kurort hoch über dem Bodensee und dem Rheintal. Um die Bande in die alte Heimat nicht ganz abbrechen zu lassen, verbringt die Familie die Sommermonate jeweils im 180 Kilometer entfernten Heidenheim bei der Familie Hirsch, im Süden Deutschlands, nicht weit von Memmingen. In unbeschwerten Wochen tummeln sich die Kinder, bis sich der Himmel mit dem ersten Weltkrieg zu verdunkeln beginnt und die Bande nach Deutschland zu reissen drohen. Zum Beispiel jene Freundschaft zwischen Isabelle, von allen nur Belle genannt, und Baron, dem Sohn der Künstlerfamilie Hirsch, einer Familie, die sich der Kostüm- und Kulissenkunst verschrieben hat und in einer grossen Scheune im Ort eine Welt in der Welt erschaffen hat. Belle und Baron wachsen wie Geschwister auf, schreiben sich auch in den Wirren des Krieges weiterhin Briefe, schwören sich ewige Freundschaft, bis auch der Ton in den Briefen immer sachlicher wird und das Band reisst. Mutter Leiber tut neben ihrem an Alkoholismus verfallenen Ehegatten alles, um in der Schweiz eine Einbürgerung zu erwirken, ein Ansinnen, das mit zunehmendem Kriegsgeschehen und mit den Vorurteilen der Einheimischen nicht einfacher wird.

Nur zwei winzige Buchstaben entscheiden über Finden und Erfinden.

Belle, deren Träume vom Liebesglück zerschlagen werden, «reisst» sich zusammen, heiratet, um nicht für immer ledig zu bleiben, lässt sich von den Versprechungen einer Auswanderungsagentur einwickeln, fährt mit Schiff und Ehemann nach Brasilien, wo man etlichen Auswanderern ein Stück Land verspricht, ein zweites Stück Heimat, einen Acker und ein Haus, eine Zukunft als Siedler. Ein nächster Traum, der in den feuchten Tiefen des Urwalds beinah vom Wahnsinn gefressen wird.

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv, 2026, 352 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-44869-7

Anne, die ältere Schwester von Belle, die mit einer Pfefferschote zwischen den Zähnen zur Welt gekommen sei, die nichts von der Enge des Appenzellerlandes hält, die in permanentem Kampfmodus zu leben scheint und sich mit revolutionärer Lektüre füttert, bricht ebenfalls in die Ferne auf, bevor sie sich der Enge, den Traditionen und Gottgewolltem, dem Leben als Untertänige, als Serviererin, ergeben muss, nach einer wahren Odysse nach Australien. Dort packt sie selbstbewusst ihr Leben, adopiert den Sohn eines Anachistenehepaars, schwimmt an der Seite eines Finanzmarktspezialisten im Geld, einem Mann, dessen Herz eher rattert wie eine Rechenmaschine.

Jakob, Cob, der einzige Sohn der Familie, beginnt mit Glück, trotz zunehmender Wirtschaftskrise, eine Arbeit in einer Eisengiesserei in Rorschach am Bodensee, genau das Richtige für ihn, der seine Muskeln als einziges Kapital einer unsicher gewordenen Zukunft sieht. Erst recht, als der besoffene Vater seine sonst versteckte Luger auf ihn richtet und abdrückt und der Katastrophe nur entkommt, weil seine Mutter längst die Kugeln aus dem Magazin entfernt hatte. Cob bricht mit seinen Eltern, lernt eine Zirkusschönheit kennen, mit der er durch die Lande tingelt, bis auch er von der Realität wie Ikarus vom Himmel geholt wird.

Nur Elfriede, kurz Elfie, bleibt zuhause, wie Ehefrau und Mutter, die Mutter von Constantin, dem eigentlichen Erzähler dieser ausufernden Geschichte, eines Historikers. Constantin ist jahrzehntelang der Überzeugung, der Spross einer völlig langweiligen Familie zu sein, auch wenn es in den Erzählungen seiner Grossmutter die verrücktesten Geschichten gibt. Bis ein Sturz eben dieser Grossmutter, Mamme Lieber, den Damm endgültig zum bersten bringt und Constantin nicht nur von Berufes wegen zwingt, sich auf die Suche nach den tatsächlichen Geschichten zu machen.

Kennen sie die Geschichte ihrer Grosseltern? Kennen sie sie wirklich? Gar ihrer Urgrosseltern? Oder verfallen auch sie dem kollektiven Irrtum, der institutionalisierten Langeweile, einer kleinbürgerlichen, steinernden Ordnung entsprungen zu sein? Oder geistern Geschichten, Ahnungen, Unausgesprochenes, Geheimnisse in ihrer Familie, ihrer Sippe herum? So wie Baron, der Spross einer Maskenkünsterfamilie die Wirklichkeit zu verstecken weiss, so schafft Michael Hugentobler ein Panoptikum schillernder Existenzen, die sich in den Strudeln des letzten Jahrhunderts zu halten versuchen. Ein Buch überbordender Fantasie, geschrieben von einem Mann, der davon überzeugt ist, dass die Realität von der Fantsie kaum zu überbieten ist. Ein literarischer Leckerbissen, der funkelt und fasziniert, der einem sprachlos macht angesichts seiner Dichte und Kunstferigkeit. Ein literarisches Fries, das sich fast um den ganzen Globus spannt, ohne dabei künstlich zu wirken. Ein kolossales Stück Literatur, genau das Richtige, um in den Weiten der Fantasie abzutauchen! Was für ein Buch!

Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken.

Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte«, sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.

Beitragsbild © Markus Kirchgessner