Evelina Jecker Lambreva «Entscheidung», Braumüller

Bulgarien im Sommer 1987. Die junge Ärztin Anja wird wie Hunderte Medizinabsolventinnen und -absolventen vom Staat aufs Land beordert. Sie tritt ihre erste Stelle in einem gottverlassenen Dorf im Balkangebirge an. In der harten Lebensschule des Dorfes Svescht lernt sie nicht nur den Tod, das Leiden und die Nöte der eigenartigen Dorfbevölkerung kennen, sondern wird auch mit den bestürzenden Schicksalen der Insassen des dortigen Heimes für Kinder und Jugendliche aus randständigen Familien konfrontiert. Einziger Lichtblick: die Lehrerin Dora. Wie Anja verachtet auch sie das kommunistische System, die Gewalt und den Gewaltapparat, der sich lückenlos und in verschiedensten Formen vom Schul- bis ins Greisenalter der Menschen in der bulgarischen Gesellschaft hinzieht. Dass sich zwischen den zwei stillen Rebellinnen eine Freundschaft entwickelt, bleibt dem Geheimdienstler Genosse Nakov, der alle Fäden im Dorf zieht, nicht verborgen. Er versucht, Anja zur Mitarbeit für die hohe Spionage zu gewinnen. Der Lohn: eine glanzvolle Arztkarriere und akademischer Aufstieg. Ihre Absage wird Anja zum Verhängnis und steigert Genosse Nakovs Hass auf sie.

Anmeldung erforderlich unter info@stadtbibliothek-arbon.ch

Die Veranstaltung ist kostenlos. Im Anschluss offerieren die Evangelische Kirchgemeinde und die Stadtbibliothek gemeinsam einen Apéro.

Eine spannend und mit viel Empathie geschriebene Geschichte über den Kampf einer jungen Frau in den Wirren der Geschichte. Ein Roman, der mir bewusst macht, wie gross das Geschenk ist, in einem demokratischen Land geboren worden zu sein. Gallus Frei

Rezension mit Interview auf literaturblatt.ch

Evelina Jecker Lambreva, 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren, lebt seit 1996 in der Schweiz. Sie arbeitet als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. Ihr literarisches Schaffen in deutscher Sprache begründete sie mit dem Gedichtband «Niemandes Spiegel» sowie den Erzählbänden «Unerwartet» und «Bulgarischer Reigen». Bei Braumüller erschienen: «Vaters Land» (2014) «Nicht mehr» (2016) «Entscheidung» (2019), «Im Namen des Kindes» (2022) und zuletzt «Mein Name ist Marcello» (2025).

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Bruno Winzap «Einer wie Heusser», edition bücherlese – Buchtaufe

Buchtaufe «Einer wie Heusser», edition bücherlese – am 28. Oktober in Brunnen SZ, erwünschte Einladung an winzap@bluewin.ch. 

Peter Wallner, jüngstes Kind einer vielköpfigen Bauernfamilie, wächst in einem abgelegenen Dorf und in einer Natur auf, in der Werden und Vergehen zum Alltäglichen zählen. Und doch wird die schwierige Geburt eines Kalbs für den sensiblen Jungen zu einem Schlüsselerlebnis. Als der Tierarzt Heusser die Geburt zu einem glücklichen Ende bringt, steht für Peter fest: So einer will er werden, einer wie Heusser, der selbstverständlich zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird, und das Richtige tut.

Dann stirbt Peters Vater und sein junges Leben nimmt einen unerwarteten Verlauf. Fortan lebt er in der Großstadt bei seinem Onkel, einem Bankdirektor, der Peter mit eigenwilligen religiösen und wirtschaftlichen Überzeugungen konfrontiert. Während Peter sich durch die Schuljahre im Gymnasium kämpft, beginnt er, die Welt kritisch zu hinterfragen.

Das ändert sich auch nicht, als er zum Studium in eine andere Stadt wechselt, dort schließlich seine erste große Liebe, die angehende Geisteswissenschaftlerin Charlotte, kennenlernt und nach einigen Jahren wieder verliert. Peter bleibt ein Fragender, ein Skeptiker, wird zum Philosophen unter den Tierärzten, was ihn nicht daran hindert, eine prosperierende Tierarztpraxis zu betreiben.

Er etabliert sich, gründet eine Familie und steht – wie Charlotte – nach einigen Jahren wieder allein im Leben. Erst spät, durch eine zweite Chance mit seiner grossen Liebe, scheint sich alles zu fügen. Doch als ihr gemeinsamer Sohn am Rand der Lebensfähigkeit geboren wird, geraten alle Sicherheiten ins Wanken.

Bruno Winzap, 1960 in Graubünden geboren und aufgewachsen, später in Basel und Zürich, studierte Tiermedizin und lebt in der Zentralschweiz, wo er seit vielen Jahren eine eigene Praxis führt. Noch während seiner Tätigkeit als Tierarzt widmete er sich dem literarischen Schreiben. Mit einem Auszug aus dem vorliegenden Roman wurde er als einer von vier Preisträger:innen des Zentralschweizer Literaturwettbewerbs 2026 ausgezeichnet.

Hansjörg Schertenleib «Für die Katz», Atlantis

Regula und Herbert haben sich vor ein paar Jahren ein Landhaus im Burgund gekauft, ein Refugium, einen Rückzugsort, Realität gewordener Sehnsuchtsort. Ein Steinhaus mit viel Land, in einem kleinen Weiler, mit Blick auf Autun. Wenn da nur der Nachbar nicht wäre.

Hansjörg Schertenleib muss sich nicht mehr beweisen, obwohl er es dann trotzdem tut; mit seiner Art, wie er mit Lakonie, einem sicheren Strich das Grosse im Kleinen erzählt. Wie er seine Figuren zeichnet, wie er mich überrascht. Wie er sich Themen, Schauplätze und Menschen aussucht, die so gar nicht den momentan angesagten Mustern entsprechen. Wie er es schafft, Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen, mir seine Protagonisten nahe zu bringen, auch wenn sie keine reinen Sympathieträger sind. Er schafft es sogar, dass er mich ein vermeindliches Katzenbuch lesen lässt, mich, der ich Katzen nur mit dem grössten Misstrauen begegne, obwohl ich immer wieder der bin, den sie bei Besuchen aussuchen, um sich es auf meinem Schoss bequem zu machen. „Für die Katz“ ist kein Katzenroman, auch wenn die Geschichte an Katzenleben entlang erzählt wird. Hansjörg Schertenleib erzählt von dem, was unser Leben bedroht, was Träume zunichte macht, was alle Emotionen bindet, unser Innerstes zerreisst. Er erzählt vom kleinen Krieg, der nicht anders funktioniert wie der Grosse. Von unüberwindlich scheinenden Gräben und der Macht der Zerstörung und des Hasses.

Hansjörg Schertenleib «Für die Katz», Atlantis, 2026, 208 Seiten, ISBN 978-3-7152-5069-4

Als sie das Haus kauften, schien alles perfekt zu sein. Ein weiter Horizont, ein Haus mit Charme, ein Leben, das Zukunft verspricht. Ein Paradies für ihn, den Pensionierten Herbert Reuss und Regula, seine Lebenspartnerin, die zwischendurch als Reiseleiterin arbeitet – und für Ixifix, den zugelaufenen Kater. Dass mit Grundstück und Haus nicht alles perfekt ist, spüren sie schnell, als man sich am Nachbarn Cafard vorbeizwängen muss. Später wird das Kreischen seiner Kreissäge zu einem festen Bestandteil täglicher Geräuschkulissen. Es fallen Bäume, die eigentlich auf ihrem Grundstück stehen, es fliegen Kot und Steine. Während Herbert sich mehr und mehr der Boshaftigkeit seines Nachbarn stellen und mit seiner eigenen kämpfen muss, ärgert sich Regula als Reiseleiterin mit Besserwissern und Klugscheissern herum. Mit einem Mal scheint Ärger zu einer Grundeinstellung des Lebens zu werden, alles zu dominieren, die so nah geglaubte Idylle zu zerstören.

Schertenleib erzählt anhand von verschiedenen, meist zugelaufenen Katzen, das Leben von Herbert und Regula, diesem Paar, das sich mehr und mehr in den Untiefen des Kleinkriegs zu verlieren droht. Es ist die Geschichte zweier Suchenden, so wie es in jener Gegend ganz viele zu geben scheint, die sich an den Rändern der Wälder des Morvan ein neues Leben aufzubauen versuchen, die sehr oft alles tun, um als Einheimische angesehen zu werden, aber doch in jenem Zwischenland bleiben, zwischen Dauertourist und dem Wunsch, sich als Fast-Einheimische in alte Ordnungen einfügen zu können. Herbert allerdings möchte vor allem seine Ruhe, erst recht dann, wenn Regula auswärts ihren Pflichten nachgeht. Er möchte es auskosten, scheut sich auch nicht, den ersten Cognac schon am Morgen zu geniessen. Zusammen mit Ixifix, dem Kater, der bislang letzten Katze in einer langen Reihe, diesen wählerischen Geniessern, die immer und überall einen Platz finden, der ganz ihnen gehört. Ganz im Gegensatz zu Herbert in seinem Krieg mit dem Nachbarn. Seine Ruhe war ihm heilig geworden. Und eben diese Ruhe, symptomatisch für die 70jährigen, ist mehr als nur bedroht.

«Für die Katz» ist ein herrliches (Man kann das Wort auch durchaus wörtlich nehmen!) Stück Literatur. Ein typischer Schertenleib. Gut, dass er weiterschreibt!

Sonntags um 11 Uhr, Garage, Bahnhofstrasse 22/24, Wetzikon.

Hansjörg Schertenleib, geboren 1957 in Zürich, gelernter Schriftsetzer und Typograph, ist seit 1982 freier Schriftsteller. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt auf die Bühne gebracht. Schertenleib lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und wohnt seit Sommer 2020 im Burgund.

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Beitragsbild © Sandra Kottonau

Judith Hermann «Ich möchte zurückgehen in der Zeit», S. Fischer

„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist nicht rückwärtsgewandt, aber eine erzählerische Bewegung, kein „Finden“, dafür umso mehr ein „Suchen“. Nicht nach Resultaten, nicht nach Gewissheiten, aber ein Woher fürs Wohin.

Judith Hermanns neustes Buch ist kein Roman, nicht einmal als solcher betitelt. Das Buch ist eine literarische Auseinandersetzung mit Fragen der Herkunft, mit dem ins genetische Profil Eingeschriebenen, eigentlich Unleugbaren. Mit der Frage, ob und wie man sich damit auseinandersetzt. Mit dem, was man an Vergangenem erahnt, was auf Fotos, in Akten und Dokumenten festgehalten ist und trotzdem nie die ganze Geschichte erzählen kann.

Judith Hermanns Grossvater was Offizier und Mitglied der Waffen-SS, jenen schwarz uniformierten arischen Recken mit Totenkopfsymbolen auf Schirmmütze und Uniformkragen. Jener Elitetruppe, die an den Fronten ihres Vernichtungskrieges mit stolzer Brust die Drecksarbeit verrichtete. Es gibt ein Foto von ihm vom Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in der polnischen Kleinstadt Radom, kurz nachdem man die 30000 Juden der Stadt, Frauen, Männer, kleine Kinder, Kranke und Alte in zwei Ghettos gesperrt hatte, wo sie auf ihre Deportation in Vernichtung oder Zwangsarbeit zu warten hatten. Eine Tätowierung auf der Innenseite seines Armes, die SS-Vergangenheit war ein offenes Geheimnis in der Familie, über das man nicht sprach, Fragen tunlichst vermied. Bis die Macht all der Fragen zumindest für die Autorin nicht mehr zu kontrollieren war und eine Auseinandersetzung damit unvermeidbar.

Judith Hermann «Ich möchte zurückgehen in der Zeit», S. Fischer, 2026, 160 Seiten, ISBN 978-3-10-397764-6

„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist der Reisebericht einer Frau, der es nicht um die Enthüllung eines schrecklichen Geheimnisses geht, schon gar nicht um Rechtfertigung oder Erklärung. Dieses Buch erzählt die behutsame Bewegung ins Vergangene und jene wieder zurück. Eine Reise nach Radom in Polen und weiter nach Neapel zu ihrer Schwester, einer Archäologin, die in der Römerstadt Pompei die von Asche zugedeckte Vergangenheit freilegt. Beide legen sie frei, setzen Erkenntnisse und Interpretationen zu Mosaiken des Geschehenen zusammen. Und doch ist das, was daraus resultiert, bei den Schwestern so unterschiedlich wie zwischen der Schriftstellerin und ihrer Mutter. Wir kennen die beiden Bewegungen; für die einen ist Gegenwart unmöglich ohne Klärung der Vergangenheit – und andere wollen endlich Gras darüber wachsen sehen, um sich ganz der Gegenwart und Zukunft zu widmen.

Man entdeckt Dinge durch die Erinnerung, sich an etwas zu erinnern bedeutet, es zum ersten Mal zu sehen. Cesare Pavese

Das Vergessen der Mutter zwingt die Autorin zu einer Reise. Zuerst nach Polen, auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war. Auf die Suche nach Hinweisen in eine Stadt, von der sie Antworten erhoffte. Eine Stadt, die sich anfangs abweisend zeigte, aber dann, erst kurz vor ihrer Weiterreise Zeichen gab, Menschen, die etwas anzubieten hatten. Judith Hermann nimmt sich selbst ins Visier, protokolliert, was die ungewisse Suche mit ihr macht, das Nach- und Hineindenken gegen das Vergessen.

So wie die Schwester zusammen mit ihrer Familie an den Hängen bei Neapel wohnt und die permanente Bedrohung eines Erdbebens überblenden muss, so kann man auch mit der Vergangenheit umgehen, selbst dann, wenn die Warnhinweise unmissverständlich sind, dass ein Erdrutsch ausgelöst werden könnte. Zwischen ihrer Schwester und ihr schieben sich tektonische Kräfte übereinander, reiben. Was nach Konfrontation schreit, erstickt unter der Banalität des Alltäglichen. Man kann sich die Gegenwart wie einen Mantel über die Schultern hängen, ohne zu fragen, was in den schweren Taschen steckt. Man kann sich dem Schrecken verweigern, in Familie erst recht.

Dieses Buch ist eine vorsichtige Aufforderung, mich selbst mit meiner Herkunft auseinanderzusetzen, sie nicht einfach hinter mir zu lassen. Judith Hermanns erzählerisches Essay ist klug und zart zugleich. Ein unglaublich reifes Buch von einer Frau, die nicht zuletzt sich selbst verstehen will. Grossartig!

Judith Hermann, 1970 in Berlin geboren, erhielt nach einer journalistischen Ausbildung 1997 das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste. 1998 erschien ihr erstes Buch «Sommerhaus, später», für das sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. 2021 erschien der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, und für den Judith Hermann mit dem Bremer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet wurde.  2023 erschien »Wir hätten uns alles gesagt«, basierend auf den Frankfurter Poetikvorlesungen, die Judith Hermann im Frühjahr 2022 hielt. Dafür erhielt sie den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Zuletzt erschien 2026 »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. 

Beitragsbild © leafrei.com

«Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe.» – über «Bis die Bären tanzen» von Michael Hungentobler (31)

Einmal nahm Mira sein Gesicht in beide Hände, schaute ihm tief in die Augen und fragte: «Wo bist du Cob?», und er stampfte auf den Boden, fuchtelte mit den Fäusten und stolzierte davon. Ein ganzes Jahr lang bewohnten sie zwar denselben Planwagen und schliefen auf derselben Pritsche, schafften es aber, sich tagsüber aus dem Weg zu gehen.

Lieber Gallus

Beim Lesen dieses Buches eröffnet sich mir ein weltumspannender Kosmos. Michael Hugentobler erzählt bildhaft und farbig die Geschichte einer deutschen Familie, die am Vorabend des zweiten Weltkriegs im Appenzellischen lebt.
Gestern bin ich dem Autor in der Buchhandlung Untertor in Sursee bei einer gut besuchten Lesung begegnet. Glücklicherweise, da ich die Hauslesung mit ihm bei dir in Amriswil Mitte September wegen meiner Arbeit im Hospiz Zentralschweiz nicht besuchen kann. Der sympathische Autor hat sehr persönlich erzählt, wie dieses Buch über mehr als 20 Jahre entstanden ist, wie er langsam in seinem Kopf entstehende Fragmente auf einer grossen Pinwand sammelte und zusammenfügte. Vieles gründet auf direkt Erfahrenem und Erlebtem. Nach 13 Jahren als Weltreisender und der Arbeit als Reporter und Journalist hat Michael Hugentobler in der Schweiz eine Familie gegründet, wurde Vater von zwei schulpflichtigen Buben und setzte seinen Jugendtraum um, Romane zu schreiben.

Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken. Wir schützen uns so, wir können uns selber besser ertragen. Aber wenn es keine Vergangenheit gibt, gibt es auch keine Zukunft, es gibt dann nur das Jetzt.

Das Cover von «Bis die Bären tanzen» zeigt ein altes Familienfoto, das, wie wir auf den ersten Seiten erfahren, zuoberst auf einer Kiste liegt, welche die Mutter Elfie nach einem Sturz aus dem Keller holt. Ich lerne die Familie mit deren Eltern und den vier Kindern kennen, die sich später auf der Suche nach Freiheit und Liebe aufmachen vom Appenzellerland bis nach Brasilien, nach Deutschland im Zweiten Weltkrieg und nach Australien. Die Lebenswege von Belle, Anna, Cob und Elfie könnten unterschiedlicher nicht sein. Packend und lebensnah erfahren wir, wie sie in den verschiedenen Ländern ihr Glück suchen. Mir gefällt, wie Michael Hugentobler seine ProtagonistInnen gestaltet und an den verschiedensten Orten auf der Welt auftreten lässt, er nimmt mich mit nach Brasilien, Australien und Tasmanien (oder Feuerland im zweiten Roman). Ich spüre, dass der Autor kennt, was er beschreibt.

Als der erste Winter kam, hatten wir Maniok und Mais vom eigenen Land, dazu Reis und Bohnen aus den mitgebrachten Vorräten und unsere drei kleineren Räume, die wir heizen konnten, denn die Temperatur fiel nun öfters auf null Grad.

Autorenfoto © Markus Kirchgessner

Vieles schwebt und bleibt offen, erst auf den letzten Seiten tanzen die Bären.
Du hast richtig getippt, dieser Roman hat mir vergnügliche Stunden bereitet. Ein funkelnder Familien- und Abenteuerroman, Unterhaltung im besten Sinne. Angeregt durch das Gespräch bei der Lesung habe ich «Feuerland» mit ebenso grossem Genuss gelesen.

Herzlich
Bär

NB: Zum Schweizer Buchpreis 2026 kann ich, da mir die Übersicht über die aktuelle Schweizer Literatur fehlt, nicht Stellung nehmen. Ob Lukas Bärfuss mit «Königin der Nacht» nochmals nominiert wird?

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Lieber Bär

Ha, wusste ich es doch, dass dich das Buch packt, weil Michael Hugentobler eine ganz besondere Fähigkeit des Erzählens beherrscht. In einem Interview erzählte er, er habe in jungen Jahren zusammen mit seiner Mutter seine Grosstante in Australien in einem Altersheim besucht. Sie habe von der Geburt ihres Sohnes erzählt, allein in einer windigen Hütte im Irgendwo eines Dschungels. Während der Geburt sah sie eine riesengrosse, schwarze Schlange an der Decke jener Hütte. Ein Bild, das geblieben, das der eigentliche Anfang dieses Romans gewesen sei. Michael Hugentobler, als junger Mann herumgekommen auf der ganzen Welt und als Journalist gesegnet mit einem ausnehmend wachen Auge, erkennt die möglichen Geschichten hinter Bildern, die andere nur zur Kenntnis nehmen. Er spinnt den Faden dort weiter, wo er bei andern reisst oder franst. Und wenn man wie du das Glück hat, dem Erzähler auch real zu begegnen, staunt man über seinen wachen Blick. Jener wache Blick mit dem er jetzt, mit Familie, grenzenlos reist.

Schon sein erster Roman war so ganz anders wie die Debüts sonst, mit denen sich neue Namen zaghaft auf die Literaturbühne wagen. In «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», dem ersten Roman, erzählt Michael Hugentobler die seltsame und abenteuerliche Geschichte eines Mannes, der sich neu erfand; In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts „verabschiedet“ sich Hans Roth aus dem schweizerischen Schöndorn, um 1898 als Louis de Montesanto in London weltberühmt zu werden mit seiner sensationellen Lebensgeschichte. Michael Hugentobler zeichnet aber nicht einfach die Lebenssituationen eines Sonderlings nach. Er stellt Fragen, die nicht nur der Literatur gestellt werden, sondern dem Leben, der „Wahrheit“.

In «Feuerland» erzählt Michael Hugentobler von einem argentinisch-britischen Missionar am südlichsten Zipfel Südamerikas. Im 19. Jahrhundert reist Thomas Bridges zu den Yámanas und wird zu einem akribischen Erforscher ihrer Sprache und damit zu einem unermüdlichen Kämpfer um das Erbe dieses zum Verschwinden verurteilten Volkes. Mit «Feuerland» war Michael Hugentobler für den Schweizer Buchpreis 2021 nominiert. Dass er ihn damals nicht gewann, hat mit der literarischen Wucht der Preisträgerin zu tun, mit Martina Clavadetscher und ihrem Roman «Die Erfindung des Ungehorsams». Michael Hugentobler offenbarte in «Feuerland» das Geheimnis, wenn man für einen kurzen Augenblick im Licht einer untergehenden Sonne, einer verschwindenden Welt steht.

Ich freue mich, wenn Michael Hugentobler bei uns im Wohnzimmer mit einer Runde «Eingefuchster» diskutieren wird.

Schweizer Buchpreis? Im September werden die 5 Namen bekannt gegeben. Es gäbe einige Namen. Ich würde mich wundern, wenn Lukas Bärfuss nicht dabei wäre. Auf jeden Fall freue ich mich auf die Briefwechsel mit dir über die 5 Namen.

Gute Lektüren!
Gallus

Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.

mehr von und über Michael Hugentobler auf literaturblatt.ch

Susanne Schanda «Möwen über der Scala dei Giganti», edition bücherlese

Triest war und ist eine multiethnische Stadt, die seit Jahrhunderten immer wieder in den Brennpunkten ihrer Unterschiedlichkeiten zu kochen beginnt. Unrühmlicher Höhepunkt solcher Konflikte war 1920 der Brand des slowenischen Kultur- und Geschäftszentrums mitten in der Stadt. Susanne Schanda beschreibt, was grassierender Nationalismus, aufgerissene Wunden und ungesühnte Schuld anrichten können.

Ob 1920 das Kulturzentrum der slowenischen Bevölkerung von Triest, Narodni dom (Volkshaus), 1933 der Reichstagsbrand in Berlin oder 2001 die Flammen aus den Twin Towers in New York; brennende Gebäude, Tod und Verwüstung, brandstiftende Ideologien, Wunden, die aufgerissen werden und auch dann nicht geheilt sind, wenn an ihrer Stelle neu aufgerichtet und versöhnliche Worte gesprochen werden. Was blinder Nationalismus anrichten kann, beweisen Kriege, schwelende Konflikte und blanker Hass bis in die Gegenwart. Selbst dann, wenn man oberflächlich glaubt, die Wogen seien geglättet, die ehemaligen Kontrahenten versöhnt. Oft braucht es nur ein Streichholz und schwelende Glut flammt wieder auf.

2020 wurde das Narodni dom in Triest feierlich wiederöffnet und seiner ursprünglichen Bestimmung als slowenisches Kulturzentrum zurückgeführt. 100 Jahre zuvor ging der beeindruckende Bau mit Vereinsräumlichkeiten, Büros, einem Theater, einer Bibliothek und einem Hotel nach wilden Ausschreitungen in Flammen auf. Brandstifter waren die Schwarzhemden, italienische Faschisten, die in den 25 Jahren danach Italien unter Benito Mussolini zu rechtsextremen Diktatur werden liessen. 
Dass Triest, über Jahrhunderte ein Musterbeispiel einer europäischen Stadt, die eben wegen seiner Multikultur zu grosser Bedeutung wuchs, 1920 mit dem Brand jener Stätte der Kultur zum Beginn einer lange brennden Lunte wurde, ist nicht zufällig. Neben der italienischen Mehrheit der Triesti lebten in der Stadt Slowenen, Deutsche, Österreicher, Kroaten, Serben, Griechen und viele mehr. Genau dieses Gemisch machte die Stadt aus, ein Gemisch, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und wirtschaftlicher Krisen zu kochen begann und mit dem Brand jenes Kulturzentrums einen ersten negativen Höhepunkt erfuhr.

Susanne Schanda «Möwen über der Scala dei Giganti», edition bücherlese, 2026, 220 Seiten, ISBN 978-3-03981-031-4, ab 10. September im Buchhandel

Susanne Schanda erzählt von damals und heute. Marfalda Marini ist eine junge Frau, die den Traum, Meeresbiologin zu werden, wegen eines traumatischen Zwischenfalls bei einem Tauchgang aufgeben musste. Ausgerechnet sie, die sich in keinem Zustand freier und geborgener fühlt als in der Schwerelosigkeit des Wassers. Sie ist Teil jener Organisation, die sich um die feierliche Wiedereröffnung des Narodni dom kümmern soll. Sie soll mit einer Rede gar Teil der Eröffungsfeierlichkeiten werden. Alles gut, wenn da nicht die Ahnung, der Verdacht wäre, dass ausgerechnet in ihrer Familie Verwandte zu finden sind, die sich 100 Jahre zuvor beim faschistischen Brandanschlag an eben diesem Gebäude schuldig machten. Marfalda sieht sich genötigt, Nachforschungen voranzutreiben. Nicht weil sie sich reinwaschen, sondern weil sie Verantwortung übernehmen will. Nicht für die Schuld jener, die mit der Brandstiftung für den Tod vieler Menschen verantwortlich waren, sondern um ihr eigenes Bewusstsein zu schärfen, mit ihrem Tun das Resultat einer Geschichte zu sein.

Susanne Schandas Roman ist auch die Geschichte von Rozalija, einer jungen Frau, die vor dem unheilvollen Brand im Narodni dom dort Bibliothekarin wurde, stolz über ihre Arbeit, stolz auf ihre Stadt ist, in der James Joyce und Rainer Maria Rilke und viele andere Künstler der Stadt Glanz einbrachten. Sie beginnt ein eigenständiges Leben, bezieht ihre erste eigene Wohnung, lernt einen jungen Mann, Lorenzo, kennen, der zusammen mit ihrem Bruder Stanko als Ingenieur im Hafen der Stadt arbeitet. Sie lernt aber auch den Wiener Architekten August Neubauer kennen, einen Schüler jenes Mannes, der das Narodni dom entwarf. Ein junger Mann, der zu Recherchen durch die Stadt streift, auch immer wieder über die ausladenden Treppen der Scala dei Giganti. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die in den Wirren jenes 13. Juli 1920 eine dramatische Wende findet.

Susanne Schanda entwirft die Leben zweier junger Frauen, die untrennbar mit der Geschichte jenes Brandes verbunden sind. In einer Stadt, die gleichzeitig die Stadt von Giuseppe Verdi ist und gleichzeitig Kulminationspunkt eines faschistischen Flächenbrands. „Möwen über der Scala dei Giganti“ ist ein faszinierender Roman in einer historischen Kulisse, der man hierzulande viel zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. In der Schweiz, einem Land, das sich (mit Recht) viel einbildet auf ihr Miteinander von Kulturen und Sprachen, ist man sich selten genug bewusst, wie filigran und brüchig ein solches Gefüge sein kann. Wie schnell wirtschaftliche, politische und in Zukunft wohl auch klimatische Veränderungen ein Gleichgewicht aus den Angeln heben können. Susanne Schandas Roman ist ebenso spannend und klug erzählt wie erhellend und mahnend.

Als Österreicherin in Holland geboren und später in der Schweiz aufgewachsen, hat Susanne Schanda die Begegnung mit dem Fremden über Grenzen hinweg zu einer Konstante ihres Schreibens gemacht. Sie hat in Bern und Salzburg Germanistik und Philosophie studiert, als Literatur- und Theaterkritikerin sowie als Reporterin gearbeitet. Aus zahlreichen Aufenthalten im Nahen Osten sind Reportagen, Essays und Porträts hervorgegangen. 2013 erschien ihr Buch Literatur der Rebellion über gesellschaftliche Aspekte des Schreibens im Kontext des Arabischen Frühlings und 2018. Susanne Schanda lebt als freie Autorin und Journalistin in Bern.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums», Rowohlt

Der preisgekrönte Dichter glänzt mit seinem Romandebüt, das bei der Lektüre in die Knochen fährt. Die Geschichte einer Mutter-Sohnbeziehung, die schmerzt. Ein Roman über Fremdsein, Abhängigkeit und Liebe. Die Geschichte jener, die sich in ihrer Verantwortung fast verlieren – und ein Buch über ein grosses Stück des 20. Jahrhunderts.

Marcim und seine Mutter leben in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer deutschen Stadt. Sie wuchs in Polen auf, floh zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland. Ihr Mann ging nach Polen zurück, als Marcim 4 war, überliess er die beiden sich selbst, Marcim und seine Mutter zusammen, sich selbst und dem andern ausgesetzt. Die Mutter trägt ein vielfaches Trauma in sich; jenes der Verlassenen, jenes der Heimatlosen, jenes ihrer Eltern; ihre Mutter, Marcims Grossmutter floh einst aus einem sowjetischen Gulag und ihr Vater war im gleichen Lager ehemaliger SS-Major, ein Nazi. Marcims Mutter arbeitete Jahrzehnte in deutschen Pflegeheimen, genau dort, wo sie selbst nie hinwollte, Marcim das Versprechen erzwang, sie niemals in eine solche Einrichtung zu stecken. Marcims Mutter war einst Lehrerin in Polen. Aber in Deutschland war ihre einzige Chance, Arbeit zu bekommen, die in einer Pflegeeinrichtung, dort, wo allerorten Personalmangel herrscht und Pflegende unter denkbar schlechten Bedingungen all das zu kompensieren versuchen, was eine überalterte Gesellschaft nicht in der Lage ist, würdig zu organisieren.

Die Fremdheit und die Heimat trage ich zugleich. Dieses Gefühl nenne ich Bastard.

Ich begleite lesend Marcim und seine Mutter in den Jahren, in denen Marcim sich immer mehr und drängender seiner Rolle als Sohn bewusst wird. Nicht nur jener eines jungen Mannes, der seiner Mutter, die von der Gesellschaft isoliert im Kleinkosmos einer engen Zweizimmerwohnung zu überleben versucht und der Mutter jenes Versprechen gegeben hat, auch jener einer immer älter und kränklicher werdenden Frau, die ihre Traumatas mit Alkohol und Nikotin auszuhalten versucht, die laut mit den Wänden spricht, die den Sohn zudeckt mit überschäumender Liebe und schäumender Wut. Und jene eines Sohnes, eines Jugendlichen, eines Mannes, der in Sohnespflichten fast erdrückt wird, der nach Atem schnappt und sich glücklicherweise in Musik und Poesie einen Rettungsring greifen kann, der ihn vor dem Ertrinken rettet. Die Mutter mit Wodka und Zigaretten, der Sohn mit Videospielen, New Metal und Gedichten, die er früh zu schreiben beginnt. Für die Mutter ist er die Rettung, seine Rettung ist das Schreiben, das Glück, schnell Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, nicht nur als Dichter, auch als Lehrer.

Je länger ich mich mit meinem Leben beschäftige, desto mehr merke ich, wie wichtig die Toten für mein Leben sind.

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums»; Rowohlt, 2026, 464 Seiten, ISBN 978-3-498-00746-1

Martin Piekar erzählt aus der beklemmend engen Welt einer Mutter-Sohnbeziehung, die unzweifelhaft viel autobiographisches in sich trägt. Darunter sind Szenen, die derart bildlich werden, dass die Lektüre schmerzt. Eine immer schwächer werdende Mutter, die mit ihrem Leben, ihren Vorfahren, ihrer Geschichte, ihrer Herkunft hadert. Die sich nicht ergeben will, die auf verlorenem Posten kämpft, der das Trauma von Flucht, Heimatlosigkeit, Verrat und Verlassenwerdens aus der Seele schreit. Die damit ihren Sohn an sich kettet und Übermenschliches abverlangt. So sehr die beiden aneinandergebunden sind, so sehr spricht Liebe und Fürsorge aus dem, was zwischendurch wie Gewitterstürme durch die kleine Wohnung fegt. So sehr die Mutter ihre Geschichte aus ihrem Leben zu verdrängen versucht und doch immer und immer wieder von ihr eingeholt und überwältigt wird, so sehr versucht die Erzählstimme sich eben jener Geschichte zu stellen. Nicht nur aus Liebe und Respekt seiner Mutter gegenüber, sondern in der Erkenntnis, dass die Erinnerung das Erlebte ausdünnt, dass er seiner Mutter nur so nahe bleiben kann, auch über den Tod hinaus, wenn er erzählt, wenn er schildert, wenn er protokolliert.

Ich putze mir die Zähne, dabei blicke ich in den Spiegel und denke, dass ich meinem Leben nur zuschauen kann.

„Vom Fällen eines Stammbaums“ ist vieles. In erster Linie eine Liebeserklärung an eine verlorene Mutter, ebenso die Suche eines Bastards nach seinen Wurzeln. Gegen den Willen seiner Mutter macht sich Marcim auf den Weg nach Polen, trotz der Warnungen seiner Mutter, man werde ihn dort mit Sicherheit abstechen. Marcim trifft nicht nur das, was an Familie übriggeblieben ist, sogar seinen Vater, er trifft auch auf ein Stück Geschichte seines Landes, seiner Herkunft, das ihm bisher verborgen blieb. Eine Reise, die ihm Gewissheit und Verständnis schenkt – und wahrscheinlich auch noch mehr Kraft, seine Mutter bis zu ihrem letzten Tag zu begleiten.

Ein ungemein starker, ehrlicher Roman, durchsetzt von Musik und der Stimme einer Mutter, die selbst in ihrem Sprechen eine Heimatlose geworden ist. Ein vielschichter Roman, der es schafft, das Emotionale nicht überschwappen zu lassen, ohne die Nähe zu den Protagonisten zu verlieren. Und ein äusserst mutiges Buch; eine Selbstvergewisserung, eine Suche, sein Fundament.

Interview

Marcin und seine Mutter leben fast 30 Jahre auf engstem Raum zusammen. Eine symbiotische Beziehung, die viel Katastrophenpotenzial mit sich brachte, die mit den Jahren nicht nur räumlich sondern auch körperlich in der Enge fast erstickte. Marcin rettete seine Mutter. Er rettete sich in der Musik und der Poesie. Ist das die Insel, auf die sich der Schriftsteller und Dichter Martin Piekar rettete? Wie schafft man es, dass man auch wieder von der Insel runterkommt? Durch das Schreiben selbst?

– ob ich meine Mutter rettete… das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe ihren Alkoholismus nicht kuriert, ihre Agoraphobie nicht. Gepflegt habe ich sie. Ich wünsche mir manchmal, ich hätte ihr durch ein noch schöneres Leben helfen können.
Das Schreiben selbst kann auch eine Insel sein, sie ist die Möglichkeit der gleichzeitigen Nähe und Distanz, Einsamkeit und Geborgenheit. Und ähnlich ist es auch in der Musik für mich. In manchen Songs fühle ich mich weniger allein. Manchmal braucht es Urlaub auf diesen Inseln. Das ist genauso eine Metapher wie keine. Der Mensch braucht auch den Urlaub, die Reise um mehr zu sich zu kommen. Deswegen mag ich auch Musik, die sehr emotional ist, chaotisch, wild, energetisch – die Musik ermöglicht es mir, mich emotional mehr auf mich einzulassen. Manchmal hab ich meine Lage erst durch die Musik besser verstanden. Lyrik und Lyrics sind nicht umsonst so verwandt und doch anders.Marcins Mutter redet mit den Wänden, manchmal leise, manchmal schreit sie. Marcins Mutter will und kann die Türen zum Flur nicht schliessen. Er bekommt alles mit; ihre Ausbrüche, ihr Saufen, ihr Hadern, ihr Flehen. Eine Kulisse, ein klaustrophobischer Schauplatz, der erdrückend sein könnte. Trotzdem schaffen sie es, dass ich Liebe lese, dass ich verstehen kann, dass gar Witz und Schalk aus den Szenen spricht. Gelang das von Beginn weg? War das ein Prozess?

Der Witz, der Schalk steckte im Leben meiner Mutter und steckt auch weiterhin in meinem. Humor ist eine mögliche Überlebensstrategie.
Lachen ist auch ein wunderschönes Geräusch der menschlichen Ausdrucksweise. D.h. ich finde, Menschen, die lachen, wunderschön.
Humor ist ein sehr wichtiges Mittel, weil es auch zeigt, wie ernst man Leben nimmt. Wer das Leben nehmen muss, wie es kommt, hat es leichter mit Lachen. Und damit verarbeitet man das Geschehen auch, es mag seltsam klingen aber Lachen verarbeitet direkt.
Die Welt ist manchmal irrwitzig. Und in diesem Irrsinn lachen zu können, gibt Kraft – es ist paradox, weil der Witz, den einer macht, der einem entgegenkommt, der passiert, lässt einen lachen, man entscheidet sich ja nicht, dass man etwas lustig findet – man lacht; in diesem Lachen, in der Vereinnahmung durch Humor, steckt etwas Befreiendes, der Ernst der Lage verschwindet nicht, aber die Ergriffenheit, in der man steckt, löst sich leicht.
Ganz viel des Humors ist einfach auch der Witz, der uns geholfen hat, unsere Gegenwart und Vergangenheit zu meistern. Sie lesen also direkt unseren Humor.

Marcins Mutter stirbt. Sie ist wohl stolz auf die Leistungen ihres schreibenden Sohnes, hat alles, jeden seiner Texte in Zeitschriften oder Anthologien in Kisten aufbewahrt. Wenn die Erzählstimme damit rechnete, seine Mutter würde den Text dereinst lesen, hätte sie die Liebe darin auch gelesen? 

Das weiß ich nicht. Und ich bin fein damit, es nie genau zu wissen. Es gibt in Beziehungen niemals diese völlige Klarheit, an die man sich manchmal klammern möchte.
Was ich weiß ist, meine Mutter hat viel von mir erwartet, mich gefordert, mich selten gelobt – aber vor anderen war sie immer stolz auf mich. Sie hat auch mit mir angegeben.
Ich hoffe, meine Mutter würde dieses Buch als Liebeserklärung verstehen, aber natürlich als eine kritische – ob dies so bei ihr ankäme, das weiß ich nicht.
Sie wollte auch Poetin sein, sie war es in ihrer Möglichkeit. Ich glaube, dass ich Poet geworden bin, hat sie an sich und mich glauben lassen. Ist durch diese internsive Auseinandersetzung Martin Piekar ein anderer geworden? Ist „Vom Fällen eines Stammbaums“ der literarische Prozess einer Abnabelung, eine Emanzipation? Sind sie durch diese schonungslose Ehrlichkeit in ihrem Text nicht noch dünnhäutiger geworden? Wie viel Risiko steckte in der Veröffentlichung dieses Romans?

Ich glaube, ich bin mir des Risikos immer noch nicht bewusst. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen, eine Stärke hervorbringt, die ich mit Hanteltraining nicht erreichen kann. Das was häufig Schonungslosigkeit im Kontext meines Romans genannt wird, ist mir auch wichtig – es bedeutet auch ehrlich mit sich zu sein. Das ist schon manchmal auch schmerzhaft; nur so bekomme ich auch eine Möglichkeit an mir zu arbeiten – ethisch, psychisch, persönlich. Mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin – und meine Mutter auch – ist auch relevant dafür gewesen, welcher Schriftsteller ich sein will.
Lustigerweise, wenn Sie von Abnabelung und Emanzipation sprechen – um dieses Buch zu schreiben, musste ich ja wieder in jene Situationen gehen, ihnen nachfühlen, sie mental rekonstruieren, sie literarisieren. Die Distanz kommt dadurch, dass ich bereitwillig bin durch all das Geschehene durchzugehen, bewusst, mit Witz und Emotion.

In der Rezeption und Diskussion ihres Buches dreht sich viel um die Begriffe „Autobiographie“ und „Autofiktion“, eine Diskussion, die mich mehr und mehr ärgert. Nicht zuletzt darum, weil es Schreibende von der Schriftstellerei in die Ecke der Fachleute drängt. Jetzt sind sie ein Fachmann in Sachen „Selfcare“, Alkoholismus, gesellschaftliche Isolation… Ist dass nicht ein krasser Gegensatz zu ihrem Wahrgenommenwerden als Dichter und Poet?

Die Aufgabe eines Dichters ist meiner Ansicht nach die Welt und Aspekte ihrer durch neue Perspektiven und Sprache anders begreifbar zu machen. Dafür braucht es Fachkenntnis. Ob es Alkoholismus ist oder Botanik oder Doomscrolling. Ich glaube Dichter*innen müssen auch immer Fachleute werden. Recherche ist enorm wichtig, ebenso Phantasie.
Und Literatur kann andere Zugänge zu Themen schaffen als wissenschaftliche Sachbücher. Ich möchte das nicht gegeneinander stellen. Es ist mehr wie diverse Perspektiven auf Themen. Ich hatte schon viele Erkenntnisse durch Literatur. Ob ich erzählen kann, wie Sucht sich auf eine Eltern-Kind Beziehung auswirkt? – Ja. Ob ich klinische Entscheidungen bezüglich Entzugsprogrammen treffen sollte? – Nein.
Aber auch für mich als Historiker ist das so. Ich kenne mich sehr gut mit Kultur- und der Geistesgeschichte Europas aus – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wenn mich dann jemand zur antiken Architektur fragt, habe ich kaum Ahnung. Auch Fachleute sehen die Welt wie einen Käse – nur jeder sieht andere Löcher in der eigenen Kenntnis.

In „Vom Fällen eines Stammbaums“ räumen sie auf – bis ganz zuletzt, als sie auf dem letzten Stuhl in der leeren Wohnung ihrer Mutter sitzen. Haben sie ausgeräumt? Ist alles leer? Brauchte es dieses Buch, um erst recht durchzustarten? Eine Selbstvergewisserung?

Ich hoffe natürlich, dass dieses Buch gebraucht wird – auch von anderen Menschen als nur von mir. Dabei bin ich immer unsicher. Ich will Literatur machen, die nicht nur wichtig für mich ist. Da gibt es nicht so viel Gewissheit, der Zweifel schreibt immer mit.
Das Ausräumen war eher mental wichtig – aber auch eine Herausforderung. Das wollte ich literarisch darstellen. Die körperliche Anstrengung und auch die mentale Kraft, die notwendig ist, um so viele Gegenstände, die das Leben eines geliebten Menschen ausmachten, auszusortieren. – lustigerweise verkörpern manche Gegenstände ihre Menschen.
Die Wohnung des Aufwachsens zu leeren und abzugeben, fiel mir schwer. Ebenso war der Gedanke, dort dann einzuziehen, kurz da, aber dann schien es mir zu sehr ein Festhalten an der Vergangenheit zu sein. Die Vergangenheit ist immer in mir, ich bin ihre Manifestation. Aber es war ein Abschiednehmen, das mir wichtig war. Dieser Abschnitt meines Lebens war nun vorbei. Auch für das Vorbeisein, muss ich mich vorbereiten. Die Erschöpfung des Ausmistens war geradezu heilsam, nicht unbedingt angenehm.

Martin Piekar ist Gast an den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus, ist Schriftsteller, Lyriker, Lehrer und bringt seine Texte ebenso gerne auf die Bühne wie aufs Papier. Er veröffentlichte drei Lyrikbände: «Bastardecho» (2014), «Amokpervers» (2018) und zuletzt «Livestream & Leichen» (2023). Bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde er mit dem Kelag-Preis und dem BKS Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Für das Manuskript seines Debütromans erhielt er 2024 den Robert-Gernhardt-Preis und wurde 2025 für den Alfred Döblin-Preis nominiert. Martin Piekar lebt in Frankfurt am Main.  

Beitragsbild © Charlotte Werndt (Autorenfoto) & Martin Piekar

Lisa Elsässer «Vögel beschriften die Luft – Gedichte und Kurzgeschichten»- Lesung in St. Gallen am Donnerstag, 17. September 2026, 19:00 Uhr

Immer diese kleinen Geschichten 

Nicht beliebt, das höre ich seit Jahren. Aber was scheren mich die Jahre, das Hören. Wozu soll ich dreissig Sätze bemühen, wenn ein Satz reicht, oder zwei oder drei! Vier sind auch gut, fünf, sechs, sieben, acht, neun – warum nicht! Zehn ist eine schöne Zahl! 

Im Baum vor dem Haus, der im vollen, neuen Grün steht, haben Elstern unermüdlich im Wipfel ein Nest gebaut! Ich lese, dass Elstern Anfang April ihre Eier legen! Tagelang sah ich, wie ein Rabe immer wieder das Nest umkreiste, vom Elternpaar attackiert, wieder vertrieben wurde. Trotzdem sass dieser schwarze Vogel wiederholt auf der Lauer! Und immer hörte man das Gespräch der Elstern und ihre Flügelschläge wirkten wie verzweifelte Versuche, sie pickten am schwarzen Körper, erfolglos. Als hätte er bloss eine Ohrfeige erhalten, von der er sich in seinem Flug erholte, sass er kurz darauf wieder nestnah da wie ein König, der über den Besitz seiner vermeintlichen Untertanen beschied. Ein heller Mittag brach mir fast das Herz! Ich sah den Raben, wie er mit seinem harten Schnabel ins Nest pickte, die Eier zertrümmerte, sah ihn fressen, während zwei Äste tiefer die Elstern ihre Brut auf immer verschwinden sahen! Ich weiss nicht, was in ihnen vorging. Ich weiss nur, was in mir passierte. Plötzlich war es nicht mehr nur das Vogelnest, ich sah die gegenwärtige Welt vor mir, statt Nester Schlachtfelder, statt Vögel Menschen. Jeder weitere Satz ein Griff ins leere Nest!

Und immer wieder eröffnet sich da dem allzu Flüchtigen ein ganz unerwarteter Reflexionsraum, der weit über das Gesehene ins bedeutungsvoll Existentielle hinausweist.
aus einer Rezension von Severin Perrig

Berlingedicht III

unter den linden

leise rieselt das laub
die bäume riechen schnee
unter den linden
fegen giftige winde
verlassen wirkt die allee
meine gedanken suchen halt
als wäre ihr straucheln
das gebot der stunde
wie oft liefen wir da
über die herbstlichen zeichen
nur ahnungen quälten das laub

«Es ist die Kunst dieser Gedichte, Lebensmomente festzuhalten, sie einzuwecken wie köstliches Obst, das uns hinter Glas entgegenleuchtet, schön und unberührbar. Immer nah an allem Sinnlichen, ausgelöst von der Augenblickswahrnehmung, stiften sie zum nachdenkenden Mitvollzug an…» aus dem Vorwort von Norbert Hummelt

mehr von und über Lisa Elsässer

Lisa Elsässer, geboren 1951 im Kanton Uri, schreibt Lyrik und Prosa. Von 2005 bis 2008 studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hauptpreis der Zentralschweizer Literaturförderung 2018. Zuletzt erschien «Vögel beschriften die Luft» bei bildfluss.

Beitragsbild © Gallus Frei

Han Kang «Der goldene Faden», Claassen

Manchmal legt sich das Gelesene wie eine warme Decke über mich. So wie bei «Der goldene Faden» der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Ein Buch, das durch seine Schlichtheit und Eindeutigkeit besticht, das ich nach der Lektüre nachwirken lassen muss.

2024 vergab die Schwedische Akademie in Stockholm den Nobelpreis für Literatur der 1970 geborenen südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Das Leben einer Autorin ändert sich mit einem solchen Preis grundlegend. Nicht nur weil mit einem Schlag alle finanziellen Sorgen weggewischt sind, sondern weil man permanenter Aufmerksamkeit ausgesetzt ist, dauernd im Fokus der Öffentlichkeit steht und wohl nie mehr als die gänzlich Unbekannte in einer Stadt spazieren kann. Und wie gross muss der Erwartungsdruck all jener sein, die auf eine Neuveröffentlichung warten, seien es dürstende Leser*innen, die Verlage, die das Glück und die Finanzkraft haben, jene Bücher präsentieren zu dürfen und die Veranstalter*innen, die mit einem solchen Namen im Programm wissen, dass die Menschen strömen werden. Ob László Krasznahorkai, Han Kang, Jon Fosse oder Annie Ernaux, um nur die Namen der letzten Jahre zu nennen; sie werden zu Leuchtfeuern.

Kann sein, dass die Erwartungen ins Unermessliche steigen, wenn sich ein neues Buch einer Nobelpreisträgerin ankündigt. Umso grösser ist das Potenzial einer Enttäuschung. Im deutschsprachigen Raum veröffentlichte Han Kang ihre Romane bislang bei Aufbau, neu nun in der Ullstein Verlagsgruppe. Wie eng, intim und freundschaftlich die Zusammenarbeit zwischen Schriftstellerin und Lektorin ist, zeigt die Tatsache, dass die Nobelpreisträgerin der Lektorin folgte, als sich Aufbau Verlag und Lektorin Friederike Schibach trennten.

Han Kang «Der goldene Faden», Claassen, aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee, 2026, 176 Seiten, ISBN 978-3-546-10174-5

Sehr gut nachvollziehbar, dass ein neuer Verlag dann auch gleich einen Pflock einschlagen will, ebenso nachvollziehbar, dass eine solche Aktion Risiken birgt, wenn nobelpreishohe Erwartungen nicht erfüllt werden. „Der goldene Faden“, eben erschienen, ist kein Roman. Ein solcher soll erst 2027 erscheinen. Im neuen Buch finden sich die Rede zu Verleihung des Nobelpreises, Betrachtungen, Gedichte und ein Gartentagebuch. Vermeintlich nichts Spektakuläres, war denn auch ihre Rede zur Preisverleihung kein lauter Polterer, viel mehr eine Besinnung auf das, was Han Kang zum Schreiben leitet. Was sie antreibt, was sie beabsichtigt. Der Titel des Buches bezieht sich auf ein Gedicht, dass sie als Mädchen geschrieben hatte und das sie in einer Schachtel beim Aufräumen wiederentdeckte.

Wo könnte die Liebe sein?
In meinem pochenden Herzen ist sie verborgen.

Was ist Liebe?
Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet.

Han Kang erzählt von ihrem Schreiben, ihrer so vorsichtig tastenden Art, sich einem Thema, einem Stoff anzunähern. Sie sucht nicht nach einem Plott, auch nicht nach Antworten. Sie stellt existenzielle Fragen, durch die sie sich selbst dünnhäutig macht, empfänglich für Bilder, die sowohl sie wie mich eintauchen lassen. Han Kang ist auf der Suche nach dem, was sie den „goldenen Faden“ nennt, jenes absolut Verbindende, selbst in Geschichten, die auf den ersten Blick nur das Zerstörerische, Hass und Gewalt, zeigen. So wie bei ihren Romanen „Menschenwerk“ und „Unmöglicher Abschied“, die sich explizit mit zwei Massakern aus der südkoreanischen Geschichte auseinandersetzen. Mit Sicherheit ein Grund, warum man in Stockholm auf die Autorin aufmerksam wurde. Nur durch Konfrontation mit den dunklen Kapiteln menschlicher Geschichte kann Versöhnung wachsen, können Einsichten, gerissene Fäden erneut verknüpft werden.

Selbst die Ausschnitte aus dem Gartentagebuch der Autorin offenbaren ihren Blick, ihre Absicht, ihre Sorgfalt, ihre Liebe. Und genau in Relation mit dem „Grossen“ erkenne ich ihre Leidenschaft, ihre Intension. Die glasklaren Sätze, die kurzen Einträge in ein Tagebuch des Wachsens und Gedeihens, aber auch der Kampf gegen Störungen, gegen die Macht der Zerstörung, der Kampf um das Licht, das Anbringen von Spiegeln, die das Sonnenlicht an die richtigen Stellen reflektieren – alles voller Metaphern, auch wenn sich die Texte federleicht lesen lassen.

„Der goldene Faden“ ist Balsam, Offenbarung, Ermutigung und Musik zugleich. Wie ich mich freue auf die Begegnung mit dieser wundersamen Autorin!

Han Kang liest und diskutiert am «Sprachsalz», den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September. Mehr Informationen finden sie hier.

Han Kang wurde 1970 in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Lyrikerin, 1994 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Für ihren Roman «Die Vegetarierin» wurde sie 2016 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet. Ihr Werk, darunter «Menschenwerk» und zuletzt «Unmöglicher Abschied» erscheint in über 40 Sprachen und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. 2024 erhielt Han Kang den Nobelpreis für Literatur für ihre „intensive poetische Prosa, die sich mit historischen Traumata auseinandersetzt und die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens aufzeigt».

Ki-Hyang Lee, 1967 geboren in Seoul, studierte Germanistik, Pädagogik und Japanologie in Seoul, Würzburg und München. Sie lebt in München, wo sie als Übersetzerin und Verlegerin des Märchenwald Verlags arbeitet. Zudem ist sie Dozentin an der Universität. Unter ihren zahlreichen Übersetzungswerken finden sich Han Kangs «Die Vegetarierin» und Cho Nam-Joos «Kim Jiyoung, geboren 1982». Für die Übersetzung von «Der Fluch des Hasen» wurde sie mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2024 und mit dem Preis der Stiftung LTI Korea 2025 ausgezeichnet.

Beiträge zu «Weiss» von Han Kang auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Paik Dahuim

Ahojana 7 «Die Eislöwin» – Eine Postkarte aus Bokampo von Owida N. Woiax

Auf einmal bewegt die Blondgefärbte den Kopf im Kreis, als versuche sie, mit ihren Augen dem komplizierten Flug eines Insekts zu folgen. Doch da ist kein Tier und ihre faltigen Lider sind geschlossen. Es ist die schiere Lust, die ihre Bewegung antreibt, die Lust an dem Eis in ihrer Hand. In leicht gekrümmter Haltung sitzt die Alte an einem Tischchen vor der minze­grünen Fassade der Hibilek Golbinol, einer bekannten Gelateria im Zentrum von Bokampo. Sie trägt ein lachsrotes Seidenkleidchen mit Spitzen, das sich kaum von der Farbe ihrer Haut unterscheidet. Wasserdostpurpur leuchten die Eiskugeln in ihrem Biskuithörnchen. Was für eine Sorte mag es sein? Pflaume vielleicht? Pfirsich oder Pampelmuse?
An den Handgelenken der Frau baumeln allerlei silberne Reifen und an ihrem Hals hängt eine Kette aus großen Perlen. Sie wirken echt, ebenso echt wie die Hermes-Tasche, die unter ihrem linken Arm klemmt. Die Füße aber stecken in knutschgelben Badeschlappen, die billig wirken und  halb kaputt.
Die Blondierte hat mich noch nicht bemerkt, obwohl ich nur wenige Meter von ihr entfernt, auf der anderen Seite der schmalen Straße an einer Mauer lehne und mit lautem Blubbern meinen Skajkax [eine Art Eiskaffe mit viel Schaum] in mich hineinsauge. Ist sie vielleicht ein wenig betrunken? Ihr Pupillen haben etwas Fiebriges, ihre Haut wirkt seltsam teigig, ihr Lächeln starr, blöde fast. Doch das kann auch das Alter sein – oder die Hitze. Auf jeden Fall glaubt sie sich ganz alleine mit ihren Pflaumenkugeln, unbeobachtet in ihrem Zuckerrausch. Überhaupt wirkt sie, als ob für sie nur diese süßen Sphären wären und hinter all den Sphären keine Welt.
Wie bin ich wohl selbst anzuschauen, wenn ich mich in meiner Lust unbeobachtet wähne? Gut möglich, dass ich bedeppert in die Gegend glotze. Vielleicht ist es besser, man weiß es nicht.
Langsam nähert sie ihren Mund dem Eis, kurz blinken ihre Zähne auf, dann nimmt sie einen mächtigen Happen, mümmelt ihn in sich hinein. Wieder schwenkt sie die Augen zum Himmel, als suche sie in der Atmosphäre nach einem Wort, das ihre Lust beschreibt, nach einem Zeichen von San Gelato.
Und dann geschieht es. Während ihr Blick noch oben sucht, gerät unten die letzte Kugel ins Rutschen. Sanft schiebt sich der lachsfarbene Ball auf den Rand des Biskuits, gleitet unbemerkt über den Zeigefinger und fällt geräuschlos zu Boden. Gleich darauf führt die Frau sich die Eistüte erneut an die Lippen, die Zunge fährt heraus, stößt in den Konus, tiefer, zuckt nach links, nach rechts und schnellt zurück. Ungläubig starrt sie erst auf das Biskuit, dann auf die Lache vor ihren Füßen, aus der sich noch ein letzter Rest der Kugel wölbt.
Nach einigen Sekunden bückt sie sich nach vorn und versucht, mit drei Fingern etwas von dem Eis zu greifen. Doch der klebrige Stoff ist zu weich, es bleiben nur ein paar Schlieren an ihrer Haut hängen. Sie steckt sich alle drei Finger in den Mund und saugt daran, als könne sie nicht glauben, dass da nicht mehr zu holen ist.
Plötzlich schaut sie mich an. Oder schaut sie nur durch mich hindurch? In ihren Augen herrscht eine solche Leere, als sei ihr mit dem Eis auch alle Lust und Lebendigkeit zu Boden gegangen. Ich überquere die Straße, um mein leeres Skajkax-Glas in die Eisdiele zurückzubringen.
«Soll ich Ihnen zum Trost einen Kaffee spendieren?», frage ich im Vorbeigehen und deute auf den Pflaumensee. Doch sie schaut an mir vorbei, wild und kraftlos zugleich – eine Löwin, betäubt vom Leben.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

Ahojana 1 – 6

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.