48. Solothurner Literaturtage – Wenn die Welt sich im Wort spiegelt

Weder Regen noch Kälte schienen den BesucherInnen des Festivals die Lust an Literatur verderben zu können. Der Regen strömte, die Leute strömten. Für drei Tage wurde Solothurn ein Fenster hinaus und eines hinein. Hinaus in die Welt, die immer unverträglicher zu werden scheint. Hinein in den Mensch, der mehr und mehr gezwungen wird, den Schatten etwas entgegenzusetzen.

Mehr als einmal bildeten sich lange Schlangen vor den Veranstaltungsorten. Eindrücklich dann, wenn eine solche Schlange vor einem Kino mitten in der Altstadt den Strom von Touristen, Radfahrerinnen und Familien beim Bummeln zu blockieren drohte. Alle, die sich nicht im Schweif des Festivals bewegten, mussten sich wundern über all die Stehenden und Wartenden, sei es mitten am Tag vor dem Konzerthaus Solothurns oder vor der kleinen Weinbar an der Aare, beim Kino am Uferbau oder in den Hallen des Kunstmuseums. Solothurn war fest in der Hand all jener, die sich durch Bücher nicht nur bezaubern, sondern in Welten versetzen lassen. Die sich auseinandersetzen mit den Rändern der Menschlichkeit und darüber hinaus, die sich hinaustragen lassen über die Grenzen ihrer selbst, die sich verzücken lassen durch die Kraft des Wortes. Mehr als 17000 BesucherInnen fluteten die Stadt, beklatschten all jene, die mit Büchern, Wortkunst und Performance der Tiefe ihrer Innenwelten eine Form geben.

In mehr als 150 Veranstaltungen mit rund 140 Autor*innen und Übersetzer*innen bieten die Solothurner Literaturtage alljährlich einen Einblick in ihr Schaffen und provozieren Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen der Gegenwart. Kleinräumiges und Raumgreifendes, klassische Lesungen mit Gesprächen, Podiumsdikussionen weit über die Buchdeckel hinaus, Experimentelles und Traditionelles in allen vier Landessprachen, Kinder- und Jugendbücher, Lyrik und Prosa, Philosophisches, tiefe Einblicke in menschliche Höhen und Tiefen, Zeugnisse grösster Empathie und umfassender Auseinandersetzungen. Stimmen aus anderen Kulturen, gewaltdurchsetzten Krisengebieten, aus Vergangenem und zu Erwartendem.

Moderatorin Sieglinde Geisel, Sasha Filipenko und Übersetzerin Iryna Herasimovich

Beeindruckend die Stimmen all jener, die nicht mehr zurück in die Länder ihrer Kindheit wollen oder können, die Unwiederbringliches mit sich tragen, letztlich auch die Hoffnung in eine Zukunft. Allen voran die Ukrainerin Tanja Maljartschuk, die 2011 nach Wien emigrierte und 2018 Bachmannpreisträgerin wurde. Oder der belarussische Schriftsteller Sascha Filipenko, der seit seiner Flucht 2020 aus Russland wohl nie mehr in sein Heimatland zurückkehren kann, ohne eine mehrjährige Haftstrafe kassieren zu müssen. Oder die sudanesische Schriftstellerin und Aktivistin Stella Gaitano, die aus ihrem von Kriegswirren zerfressenen Land nach Deutschland floh. Autorin*innen, denen es nicht leicht fiel, sich den Fragen hiesiger Moderator*innen auszusetzen, die Leid, Kriegserfahrung, Vertreibung und Gewalt in der Form nur aus zweiter Hand kennen. Solothurn und sein Publikum setzten sich dem aus, eine Auseinandersetzung, die bitter nötig ist, auch wenn sie nur sensibilisieren kann.

«Die neue autoritäre Ordnung. Eine literarische Annäherung» mit Ilma Rakusa, Dimitré Dinev und Tanja Maljartschuk

Ebenso eindrücklich der Besuch des Schriftstellers, Theater- und Drehbuchautors Dimitré Dinev aus Bulgarien, der sich nach seiner Flucht nach Wien mit Gelegenheitsjobs durchschlug, Philosophie und Philologie studierte und auf Deutsch zu schreiben begann. 2025 erhielt er mit seinem Roman «Zeit der Mutigen» den Österreichischen Buchpreis. Eine über 1200seitige Familiensaga über die zerstörerische Macht der Diktatur und die grossen Fragen des 20. Jahrhunderts. Ein Mann der klaren Worte.

Veronika Zorn im Gespräch mit Moderatio Cédric Weidmann

Aber die Solothurner Literaturtage sind auch eine wunderbare Gelegenheit, Stimmen zu entdecken, die mich sonst nie in dieser Form erreicht hätten. Zum Beispiel die Sprachforscherin Veronika Zorn, die mit ihrer bei der edition taberna kritika erschienenen Publikation «Notizen von der linken Hand» der Frage nachgeht, wie das Denken im Schreiben mit dem Wechsel ins Ungewohnte beeinflusst wird. Ein Buch, das vom Nachdenken bis ins Nachahmen einlädt. Oder die 1998 in Zürich geborene Louisa Merten mit ihrem Debütroman «Hundesöhne». Ein Buch mit beklemmenden Schauplätzen und betörenden Sätzen.

Lukas Bärfuss mit Moderatorin Hayat Erdoğan

Denkwürdig die Auftritte von Dorothee Elmiger und Lukas Bärfuss, bei denen der grosse Konzertsaal Solothurn, die Location, die das ehrwürdige Salzhaus direkt an der Aare noch bis im kommenden Jahr ersetzen soll, zu platzen drohte. Beides grosse Figuren der CH-Literatur, Exponent*innen, die mit klaren Gedanken Räume erweitern. 

Louisa Merten

Schwierig waren die Podien, vor allem dann, wenn Moderation und drei Eingeladene über Themen wie «Das Böse schreiben» sprechen sollten. Wie soll man auf den «Kern der Sache» stossen, wenn die Fragen nur die Oberfläche berühren, wenn man sich nicht in die Kontroverse traut und wenn in der Veranstaltung selbst auch noch die Bücher der eingeladenen Gäste eine Rolle spielen sollen. Dabei wäre das Thema eine Einladung, so wie es im Programm angekündigt war; Drei Autor*innen erkunden die Vielschichtigkeit des Bösen: vom moralischen und politischen Bösen bis zu struktureller Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung. Die Diskussion drang nicht einmal ansatzweise in jene Vielschichtigkeit. Ich war mir nicht einmal sicher, ob den Eingeladenen klar war, warum man ausgerechnet sie an diese Veranstaltung eingeladen hatte. Es braucht mehr Zeit, mehr Mut und eine ordentliche Portion Risiko.

Grossen Dank an das ganze Festival-Team. Allen voran Catherine Schlummberger, Rico Engesser, Janina Enderle, Nuria Sublee und Claudia Niggeler. Ich freue mich auf die kommende Ausgabe!

Beitragsbilder © fotomtina

«Mit jedem Vers» mit Thomas Dütsch und Chris Wirth

Thomas Dütsch, der seinen letzten Gedichtband «Zwischenhoch» bei Nimbus herausgab, las neue und «alte» Gedichte. Chris Wirth antwortete ihnen musikalisch oder nahm mit seiner Bassklarinette etwas vorab. Ein Abend des Genusses, eine Stunde des Eintauchens.

Es gab ihn schon vor 300 Jahren, den Literarischen Salon. Was damals noch in Adelhäusern geschah, weil auch die Literatur etwas war, wofür man nur in Adelshäusern Zeit und Muse hatte, das Leben der meisten Menschen damals bestand fast ausschliesslich aus Arbeit, dem Willen zu überleben, hat längst auch in Wohnzimmern des Kleinbügertums seinen Weg gefunden. Man trifft sich in der Wohnung von lesenden Menschen, lauscht für einmal auf Stühlen, die alle auf einen Punkt im Wohnzimmer ausgerichtet sind, lässt sich kulinarisch verwöhnen und kommt mit SchriftstellerInnen in einer Art ins Gespräch, für die es bei den üblichen Lesungen weden Zeit noch Raum gibt.

So auch an einem sonnigen Maiabend in Amriswil. Eingeladen waren der Dichter Thomas Dütsch und sein Musikerfreund Chris Wirth an der Bassklarinette. Jeder spielte auf seinem Instrument, zeichnete Wortbilder in die Luft. Ein Dutzend Gäste wurden sanft wachgepinselt. Thomas Dütsch sammelt, was er irgendwann am Schreibtisch zu Gedichten formt, in einem Wachstuchheft, das er immer mit sich trägt; Wörter, Wortfetzen, Gedanken. Sprachstücke wie Fundstücke, gesammelt in einer ganzen Bibliothek. Aus den einen Stücken werden Gedichte. Andere gedeihen nie. Bis ein Gedicht fertig ist, dauert es manchmal Jahre, manchmal über mehr als ein Dutzend Fassungen. Sehr oft wird Naturlyrik daraus, nie entrückt, nie verklärend, ganz nah am Betrachter, Bilder im Weckglas, lyrische Ansichtskarten, Ansichten innerer und äusserer Landschaften, ganz oft mit Fragen durchmischt.

Sie spielten sich gegenseitig zu, mal leise, mal wirblig, mal nachdenklich, mal fast tanzend, nahmen Fäden auf, liessen sie wieder los. So wie der eine seine Augen schloss, so blickte mir der andere ins Gesicht, machte mich zu einem Gegenüber, betroffen, getroffen. In solchen Stunden ist Kunst das, was scheinbar unsichtbar ist, das wie eine gallertige Masse zu schwingen beginnt. Und alle, die lauschen, werden Teil dieser Kunst, schwingen mit, werden zu grossen Trichtern, Umwandlern, Transformatoren.

Ich danke Thomas Dütsch und Chris Wirth für das Abenteuer einer Sternstunde der Empfindung.

Lieber Gallus, liebe Irmgard, vielen herzlichen Dank für die Einladung zur Hauslesung am 9. Mai! Euer Wohnzimmer war ein idealer Ort für unsere musikalische Lesung. Dass es uns gelungen ist, euch und eure Gäste mit unseren Gedichten und Klängen berühren, ist auch eurer herzlichen und offenen Art als Gastgeber zu verdanken. Auf der Rückfahrt nach Zürich waren wir uns einig: Es war ein künstlerisch und menschlich ein sehr reicher und stimmungsvoller Abend! Herzlich, Thomas Dütsch und Chris Wirth

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Auf Einladung des Berliner Kultursenats war er 1991 sechs Monate Stipendiat im Literarischen Colloquium Berlin (LCB). Für seinen ersten Lyrikband «Windgeschäft» (2001) und «Weißzeug» (2011) erhielt der Autor Anerkennungsgaben der Stadt Zürich. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Rezension zu «Zwischenhoch» auf literaturblatt.ch

Chris Wirth, 1966, beschäftigte sich nach dem Klarinettendiplom am Konservatorium Zürich intensiv mit Improvisation, Komposition und Arrangement. Neben einem Klarinetten-Trio mit eigenen Kompositionen wirkte er in verschiedenen Formationen und Projekten mit. 

Beitragsbilder © Philipp Neff schliff.ch

Kleiner, unvollständiger Rückblick zum 22. Internationalen Lyrikfestival Basel

Klein und bescheiden? Ganz und gar nicht. Wer sich vom 22. bis 25. Januar in Basel zur Lyrik verführen liess, wunderte sich oft über die aufmerksame Stille und das lebhafte Gedränge im Literaturhaus Basel in den Pausen zwischen den Veranstaltungen. Der Durst war gross!

Das Festival überzeugt durch seine Konzentration, die Art und Weise, wie sich ModeratorInnen und GesprächsteilnehmerInnen vorbereiten und in die Werke der Eingeladenen vertiefen. Das Programm besticht durch Qualität, nicht durch Quantität. Wenige Veranstaltungen, dafür Atempausen. Immer wieder Möglichkeiten, sich mit Dichterinnen und Dichtern auszutauschen oder Gelegenheiten mit anderen BesucherInnen bei einem Kaffee oder einem Glas Wein dem nachzugehen, womit das eben Gehörte den Nerv trifft, weit weg von Oberflächlichkeiten, Chauvinismus und Selbstinszenierung. 

wenns dich nicht gäb
ich würde dich erfinden
ausdenken
erdichten
errichten
vorstellen
so hielt ich dich in meinem kopf
in der hosentasche im schränk und fest in der hand
legte dich an die wange oder die stirn
wenn der kopf schmerzt
aber du bist und alles was mir bleibt
ist mich selbst zu erfinden

(Volha Hapeyeva «Mutentengarten», Edition Thanhäuser, S. 55)

Die belarussische Dichterin Volha Hapeyeva war eine der Eingeladenen am diesjährigen Lyrikfestival. Eine Frau, die wegen politischer Repressionen gezwungen wurde, 2020 ihr Heimatland zu verlassen, die ihre Heimat in ihrer Sprache sucht, ihrer Fähigkeit, all die Leerstellen mit Worten zu füllen, Worte, die nicht erklären, nicht deuten, aber eine Spur hinterlassen auf der Suche nach Gewissheiten. Eine Frau, die sich energisch gegen die Schulbladisierung «Flüchtling» wehrt und sich als Nomadin bezeichnet und ihren Weg durch die Lande damit zur Haltung, das «Fremdsein», die Einsamkeit, das Verlorensein und den Schmerz zu ihren grossen Themen macht. Die wahre Heimat gibt es nur im Traum, sagte sie im Gespräch. Poesie als ihre Art des Denkens, eine Wahrnehmung, die neue Räume schafft. Ihre Lyrik nimmt das Gesellschaftliche ins Visier, misst sich aber stets an der Realität. Als Linguistin spürt die Autorin den Wörtern nach, ihrer Bedeutung, ihrer Mehrdeutigkeit. Ihre Mehrsprachigkeit, Volha Hapeyeva übersetzt ins Deutsche, Englische, Chinesische, Japanische, Ukrainische, Lettische prägt nicht nur ihr Denken, ihre Poesie, sondern ihren Blick auf die Welt, aus der Distanz der Vertriebenen, Ausgeschlossenen.

Eine andere Dichterin, die mit ihren vielseitigen Publikationen immer wieder für Überraschungen und Aufsehen sorgt, ist die sprachliche Tiefenforscherin Esther Kinsky. In einem feinsinnigen Gespräch mit dem Moderator und Dichter Rudolf Bussmann unterhielten sich die beiden über «gestörte Gelände», einen Begriff aus der Naturkunde. «Gestörtes Gelände» beschreibt eine Fläche, die einst vom Menschen genutzt wurde und der Natur wieder überlassen wird, von der Leblosigkeit zurück in die Vielfalt. Ein Gelände, in dem die Nutzung eingeschrieben bleibt, wie Schrift, wie eine Erzählung. Nebst naturkundlichen Streifzügen durch solches Gelände, ist vieles in ihrer Dichtung das Erforschen der Sprache über Natur selbst. Sie erkundet Schichten (in ihrem gleichnamigen Band, 2020 bei Suhrkamp erschienen), das Übereinandergelegte, Zugedeckte, das Verborgene, schon lange nicht mehr Sichtbare. Als stünde sie an einer Bruchstelle des menschlichen Seins, wo all die Segmente, die sonst nie mehr ans Licht kommen, Klärung fordern.

Wir
sagen die kiesel
wären auch gerne wort

wir sagt der schotter
(was heisst er kennt
seine grenzen nicht)
wir halten auch was von der zeit
wie sollten wir nicht

dünn entflockt der sauerklee
das sinken der blüten
hat nichts gemein mit dem fall.

(Ester Kinsky «FlussLand Tagliamento», S. 48)

Aber es gab wie jedes Jahr auch Namen, die ich nicht kannte, deren Bücher mich in den kommenden Monaten begleiten werden, wie die der frisch mit dem Basler Lyrikpreis 2026 ausgezeichneten Dichterin Barbara Hundegger. Gedichte, über die der Festredner Sascha Garzetti sagte: Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie oft man sich bei dessen Lektüre auf das Bein klopft und flucht vor Glück, dass so etwas möglich ist.

Franziska Füchsl und Esther Kinsky – Vor Franziska Füchsl erscheint im Frühling 2026 bei der Edition Thanhäuser der Band «Am Rande der Müh»

Weitere Gäste waren Anna Frey, Jens Friebe, Franziska Füchsl, Elias Hauck, Nina Hurni, Vera Kappeler, Judith Keller, Martina Kuoni, Thomas Lehmkuhl, Mira Mann, Valerie-Katharina Meyer, Julia Rüegger, Tobias Pfister, Lisa Pottstock, Nadine Reinert, Monika Rinck, Jan Röhnert, Nathalie Schmid, Carlo Leone Spiller und Michael Spyra.

Grossen Dank an die Lyrikgruppe Basel mit Rolf Bussmann, Claudia Gabler, Sascha Garzetti, Ariane von Graffenried, Alisha Stöcklin, Simon Lappert und der operativen Leitung von Maria Marggraf. Ich freue mich auf die 23. Internationalen Lyrikbasel 2027!

Hauslesung mit Rudolf Bussmann in Kriens LU

Rund zwei Dutzend Literaturbegeisterte lauschten in einem ganz dem Buch ausgerichteten Wohnzimmer hoch über dem Vierwaldstättersee. Rudolf Bussmann las und diskutierte zu «Der Flötenspieler», einem Roman, der seit seiner Veröffentlichung 1991 nicht gealtert ist und nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Rudolf Bussmann sieht man seine beinahe acht Jahrzehnte nicht an, weder von aussen, noch von innen. In seinem Gesicht immer noch dieser neugierige Blick, in seinem Wesen die unbedingte Herzlichkeit, in seinem Tun die Leidenschaft und in seinem Schreiben der ungestillte Wille, der Spur zum Mark des Lebens zu folgen. Ob als Romancier mit Prosa aller Couleur, ob als Lyriker, Übersetzer oder Herausgeber in der Vielfalt seines künstlerischen Ausdrucks oder in seiner Kompetenz als Literaturvermittler, als Leiter von Lesezirkeln, als Schreibbegleiter, Moderator oder als Mitinitiant der Basler Lyriktage – Rudolf Bussmann ist durchdrungen von seinem Tun und nichts vom einsam vor sich hinbrütenden Kopffüssler.

1987, vier Jahr vor Erscheinen seines ersten grossen Romans „Der Flötenspieler“, mit 40 traute er sich in die Existenz eines „freien Schriftstellers“ und in den fast vier Jahrzehnten danach sind Romane, Gedichtbände, Kurzprosa und Essays erschienen. Kein Vielschreiber, aber einer, der sich in Tiefen schreibt, der wenig interessiert am reinen Geschichtenerzählen ist, dessen Texte, ob Prosa oder Gedicht, zum Mitdenken, zum Nachdenken zwingen. Texte, die genau jene literarische Sorgfalt zeigen, die auch seine Person auszeichnen. Weil er einer ist, der schauen, zuhören, verzahnen und nachdenken kann und dies ohne Aufhebens tut, sind auch seine Texte Einladungen zum Schauen, Zuhören, Verzahnen und Nachdenken. Und sein Romandebüt „Der Flötenspieler“, 1991 bei Luchterhand, einem der renomiertesten Literaturverlage erschienen, programmatisch für Rudolf Bussmanns Schreiben – und ein Paukenschlag dazu.

Um lieben zu können, muss man eine Zukunft vor sich haben.

2022, zu Rudolf Bussmanns 75. Geburtstag hatte Judith Kaufmann, Verlegerin, den Mut, diesen wundervoll verschlungenen, kostbaren Roman in ihrem Verlag edition bücherlese, neu herauszugeben.

Nur im Abserbeln ist noch der Stachel des Neuen.

Thomas Waller steckt in einer Krise. Seit sein Arbeitgeber, die Perduta-Versicherung (italienisch, Partizip Perfekt von «perdere» (verlieren) und bedeutet „verloren“) in einen neuen Glaspalast umgezogen ist, ins Limbus-Haus, einen Palast der Rationalisierung und Effizienz, minotaurisch verwinkelt, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Auch seine Ehe kriselt. Nicht nur, weil Hilde mit einem Mal Mathilde genannt werden will und mitten in einer Metamorphose mit ungewissem Ausgang steckt, sich jener Hilde, die er vor 10 Jahren geheiratet hatte, immer mehr entfremdet. Waller sieht sich nicht nur in seiner Arbeit, auch in seiner Ehe und dem Geschehen in der Welt als Bedrängter und Bedrohter. Nicht nur das Klima bei der Arbeit und in seiner kinderlosen Ehe ist vergiftet. Der Reaktor in Tschernobyl ist explodiert. Eine neue Zeitrechnung beginnt. Waller haut ab, in die Abgeschiedenheit des Juras, in ein Hotel, das eigentlich geschlossen hat, mit wenig Gepäck, ein paar leeren Heften und seiner Flöte. Aber das Leben holt ihn auch dort wieder ein, das Gift, das ihn zu zersetzen droht, die Abgründe, denen er entfliehen wollte. „Der Flötenspieler“ ist ein Roman von kafkaesker Kraft, ein Roman wie das Labyrinth des Minotaurus, ein Roman, der auch 40 Jahre nach seinem Ersterscheinen nichts an Aktualität verloren hat.

Das Gespräch so spannend zu halten, dass der Winternebel seine Nase dicht an die Fensterscheiben drückte, um etwas davon mitzubekommen. Rudolf Bussmann

Grosser Dank an das Veranstalterpaar Monika und Urs! Ein Genuss!

Rudolf Bussmann «Der Flötenspieler», Luchterhand/edition bücherlese, 1991/2022, 288 Seiten, CHF neu ca. 29.00, ISBN 978-3-906907-57-4

Rezension von «Der Flötenspieler» auf literaturblatt.ch

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

Jochen Kelter «Grönlandsommer», Caracol

47 Jahre nach seinem Debüt, dem Lyrikband „Zwischenbericht“, und eingebettet ins 25-Jahr-Jubiläum des Literaturhauses Thurgau – Jochen Kelter war der erste Programmleiter des Literaturhauses – feierte der Dichter vergangene Woche mit seinem neuen Gedichtband „Grönlandsommer“ im Bodmanhaus Buchtaufe.

Jochen Kelter, in Köln geboren, aber schon ein halbes Jahrhundert auf der Schweizer Seite des Bodensees beheimatet, mit Sicht auf sein Herkunftsland, lernte ich 1992 persönlich kennen, als ich im Publikum einer seiner Lesungen sass. Damals war Jochen Kelter ein Autor aus dem Verlagshaus von Egon Ammann. Darunter die Erzählung „Die steinerne Insel“, ein Buch, das von seinem langen Aufenthalt in New York erzählt. New York, Paris, Konstanz, Ermatingen, vielleicht jene Achse, auf der sich das Leben Jochen Kelters bewegte, ein Dichter, der weit mehr ist als ein an seiner Scholle haftender Regionaldichter. Sein Blick ist stets weit, wach, empfindsam und klar. Da ist nichts Verklärendes, aber umso mehr Sehnsucht, nicht zuletzt die des immer älter, immer eingeschränkter werdenen Mannes, der aber nichts von seiner kreativen Lust an der Schönheit der Sprache eingebüsst hat.

Dass Jochen Kelter von der einen Seite des Bodensees auf die andere Seite schaut, ist symptomatisch für seinen Blick. Nicht der Blick eines Außenseiters, aber oft der Blick eines Aussenstehenden, eines Besorgten, eines Betroffenen, eines Nachdenklichen.

Blick und Erinnerung

Die Bäume auf beiden Seiten
der Straße kahl im Wintergrau
sind mächtig gewachsen
du erinnerst dich an die Reihen
ihrer lange gefällten Vorgänger
ihr Sommergrün wölbte sich
schattig über die ganze Straße
wie viel Zeit ist seither vergangen?

Du fährst an Häuserreihen
in der Stadt entlang als sähest du
sie zum ersten Mal so fremd
erscheinen sie jetzt wahrscheinlich
sind ihre ockerfarbenen ihre
grauen und rostroten Mauern schon
gestanden als du den dir fremden
Ort zum ersten Mal sahst

Jochen Kelter «Grönlandsommer», Caracol, 2025, 136 Seiten, CHF ca. 20.00, ISBN 978-3-907296-42-4

Jochen Kelter schreibt mit einem hohen Anspruch an Schönheit, Klang und Präzision. Seine Gedichte, die sich manchmal wie Kurzprosa lesen, in wenigen Zeilen ganz tief ins Leben blicken, aus einem einzigen Moment ein monumentales Bild machen, Erinnerungen nicht verklären, dafür umso mehr schärfen und mit Witz und Schalk den Widrigkeiten seiner Gegenwart begegnen, sind Sprachbilder, die zwischen den Zeilen weit mehr erahnen lassen, ohne sich ex­hi­bi­ti­o­nis­tisch zu gebärden. Manchmal filmreife Actionszenen, manchmal ein ganzes Leben im Schnelldurchlauf, oft ein klares Festschreiben der Schizophrenie, menschlichen Tuns, aber ganz ohne Larmoyanz.

Albtraum

Schwester und Schwager
laden ihn ein er soll sein soeben
erschienenes Buch mitbringen
im Wohnzimmer drängen sich
Journalisten und Kameraleute
er soll aus dem Buch vorlesen
er bittet um eine Leselampe
man zieht ihm den Tisch weg
er sucht verzweifelt sein Buch
was sagen Sie zum Krieg in der
Ukraine? Man hält ihm ein
Mikrofon unter die Nase: Haben
wir wirklich eine Klimakrise?
Nun sagen Sie doch endlich etwas
wo ist mein Buch? Welches Buch?
Ihre Meinung zum Krieg im Sudan
zum Überfall auf Bergkarabach
man zieht den Tisch weiter weg
schweißgebadet erwacht er
tappt ins Nebenzimmer macht
Licht – hier endlich Licht

Immer wieder finden sich in Jochen Kelters Gedichten Einschließungen, Verweise auf Musik, nachhallende Verszeilen von Liedern aus der Klassik, genauso wie Textzeilen aus Songs von Joni Mitchell. Einschliessungen aus der Lektüre anderer Bücher, so wie „Menschenwerk“ der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang, die sich in ihren Büchern immer wieder mit unverdauter Geschichte, all der Gewalt, die sich ins kollektive Gewissen von Generationen frisst, auseinandersetzt. Themen, die auch Jochen Kelter nicht loslassen. Genauso wie der Verlust eines kulturellen Bewusstseins. Und immer wieder blitzt der Witz auf, für Jochen Kelter das einzige Mittel, um sich aktiv gegen die Oberflächlichkeiten der Gegenwart zu sperren.

Weiße Fahnen

Der Marktplatz ist aufgebrochen
völlig mit Pflastersteinen übersät
im Boden stecken grüne Fähnchen
wie geheimnisvolle Rätsel von
Außerirdischen hierher gebracht
aus uns unbekanntem Grund

Hinter den Türmen der Kathedrale
ragen weiße Fahnen wie Zeichen
der endgültigen Kapitulation
die Nebenstraßen stehen hoch
unter Wasser die Türen aller
Häuser verschlossen Hochwasser

Krieg wer weiß das? Keiner weiß
Genaues die Zeit scheint an ihr Ende
zu kommen was wird nach der Zeit
werden wir wenn wir am Morgen
erwachen in einer anderen Welt
oder in keiner Welt jemals mehr?

Sommernacht

Durch die Zweige der alten
Bäume im Dunkel der Nacht
beleuchtet der Vollmond strahlend
von unten die langsam westwärts
ziehenden grau hellen Wolken

Nach dort draußen in die Welt
der Attentäter Naturkatastrophen
der Hassprediger normalen Mörder
sagt der Nachbar zum Nachbarn
traut sich von uns niemand mehr

Außer den Mutigen Waghalsigen
Verrückten und alltäglichen Mördern
den Irrsinnigen ohne Furcht vor
Massenpanik und der übrigen Welt
wir hier unter dem friedlichen Mond

Zusammen mit „Fremd bin ich eingezogen“ (2020), „Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek“ (2021) und „Verwehtes Jahrhundert“ (2023) bildet „Grönlandsommer“ den beeindruckenden Reigen von vier Gedichtbänden im Caracol Verlag. Die beiden Gedichte zum Eingang sind aber auch ein deutlich Statement, dass sich die Dichtung von Jochen Kelter alles andere als Nabelschau sieht. Seine Texte sind eingebettet in die Zeit, ein geschichtliches und politisches Bewusstsein, immer auch in Sorge um die Spezies Mensch, zugleich aber Bilder eines Sprachmalers, der mit wenigen Strichen markieren kann, dessen wacher Blick auf die Welt jener eines Strengen ist, streng mit sich selbst, streng mit jenen, die in ihrer Egomanie krachen lassen.

2020 / 2021 / 2023 / 2025

Jochen Kelter ist 1946 in Köln geboren. Studium der Romanistik und Germanistik in Köln, Aix-en-Provence und Konstanz. Seit über fünfzig Jahren lebt er auf der Schweizer Seite des Bodensees in Ermatingen (von 1980 bis 2014 zudem in Paris). Lyriker, Erzähler, Essayist. 1988 bis 2001 war er Präsident des European Writers’ Congress, der Föderation der europäischen Schriftstellerverbände, und von 2002 bis 2010 Präsident der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

Sprachsalz 2025 – das Salz in der Ursuppe der Literatur

Was ist für sie das Salz in der Suppe? Für die einen mag es der Erfolg im Beruf sein, die Anerkennung, der Applaus, für andere die Momente der Verzückung, das fluide Glück, oder die Begegnung mit Menschen, bis zur Unmittelbarkeit. Sprachsalz, ein grossartiges Literaturfestival in Kufstein im Tirol bietet an drei Tagen die Gelegenheit, der Literatur so nahe zu kommen, wie sonst kaum: Einzige Voraussetzung; man muss sich aufmachen.

Dacia Maraini, eine der Grossen der italienischen Literaturszene, eine unermüdliche Kämpferin, nicht nur in der Literatur mit ihrem Buch „Ein halber Löffel Reis“, ein autobiographischer Roman über ihre Gefangenschaft als Kind zusammen mit ihrer Familie in einem japanischen Internierungslager während des zweiten Weltkriegs oder die japanische Autorin Mieko Kawakami, von deren deutscher Erstveröffentlichung „Brüste und Eier“ der japanische Grossmeister Maruki Murakami meinte So grossartig, dass es mir den Atem raubt oder der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew, der 2022 mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sein Heimatland verlassen musste und seither in Berlin lebt und mit blitzgescheiten und scharfzüngigen Büchern wie „Der grosse Gopnik“ zu Lebzeiten Putins wohl nie mehr einen Fuss in sein Heimatland setzen kann – um nur drei von einer langen Liste grosser Namen aufzuzählen. Wie jedes Jahr glänzen die internationalen Literaturtage in Kufstein im Tirol mit einem überzeugenden Mix aus grossen Namen, wichtigen Themen und Autorinnen und Autoren, denen die grosse Bühne endlich die Gelegenheit bietet, sich einem breiteren Publikum zu zeigen.

Mieko Kawakami © Yves Noir / Sprachsalz

Wer die Liste aller bisher ins Sprachsalz eingeladener Künstler*innen liest, ist schwer beeindruckt. Da findet sich fast alles, was ein literaturinteressiertes Herz in Wallung bringt. Erstaunlich, was das Team um den Festivalgünder, Autor, Komponist und Musiker Heinz D. Heisl seit fast einem Vierteljahrhundert aus dem Boden stampft; ein Fest der Literatur, ein Tummelplatz für all jene, denen die Literatur, das Buch, die Kunst, die Musik Türöffner zu etwas viel Grösserem sind, zu einer Welt, die all jenen verborgen bleibt, die bloss im Hamsterrad des Alltags rennen. So sehr sich der Inn in Kufstein von seiner abweisenden, distanzierten Seite zeigt, einem bewusst wird, wie bedrohlich gefährlich dieses milchig weisse Wasser werden kann, wie hoch die Mauern zu seiner Bändigung sind, so nah wird mir die Kunst, die Welt aus Leidenschaft, Poesie und Erzählkunst im Kultur Quartier, einer Festivallocation, die alles bietet, was ein Festivalpublikum braucht; stimmige Räume, in denen man sich dem Sound der Sprache hingeben kann, ein Festivalzentrum für Begegnungen, Gespräche, ganz nah einem leckeren Kaffee, einem guten Glas Wein. Da sitzt sogar einer an einer kleinen Hermes Reiseschreibmaschine und schreibt, tippt mit grünem Hut und seinem Zeigerfinger. Marco Kerler, Dichter aus Deutschland, schenkt jedem, der sich auf den Stuhl neben ihn traut, ein Poem, ein Gedicht, ein Unikat, witzig, hintersinnig, kitschig, romantisch, um es nachher, eine Treppe tiefer vor der Linse festzuhalten. Da wird Literatur zu einem Stück von mir. Ich nehme sie nicht nur in meinem Herzen mit nach Hause, sondern mir fast unmittelbar auf den Leib geschnitten.

Franz Hohler © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Wie ich ihn mag, den alten Mann, der mittlerweile leicht gebeugt, die Bühne besteigt und mit dem Alter ein sympatisches Weilchen braucht, bis er wie immer kluge Antworten gibt. Nicht nur für Schweizer ist Franz Hohler ein beinah kulturhistorisches Urgestein. Wenn er hinter dem Stehpult seine Geschichten vorträgt, dann strahlen Gesichter wie die von Kindern. Man applaudiert aus purer Freude. Franz Hohler ist ein Geschenk. Auch wenn sich der Künstler als Kaberettist zur Ruhe setzte: er weiss, wie er seine Texte in Szene setzen, wie es sich selbst als Instrument seinem überaus aufmerksames Publikum zuwenden muss.

Durs Grünbein © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

So ganz anders der Sprachkünstler Durs Grünbein, schon vor 30 Jahren mit dem bedeutensten Preis der deutsprachigen Literatur geehrt, dem Georg-Büchner-Literaturpreis, mit seinem Dresden-Epos „Der Komet“, einem Erinnerungsroman an seine Grossmutter, die die Vernichtung der Stadt im Februar 1945 erleben musste. Die Geschichte einer jungen Frau, die hoffnungsvoll in die grosse Stadt zieht, den Mann fürs Leben findet, um unter den amerikanischen Bomben, die die Stadt in Schutt und Asche legen, ihr Leben in Trümmern sieht. Ein Roman, der angesichts der Weltlage aktueller nicht sein kann.

Johan Harstad © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Johan Harstad besuchte Kufstein mit seinem fast 1200 Seiten schweren Roman „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, ein Schwergewicht der norwegischen Literatur, ein Roman zwischen den Zeiten, zwischen Coming-of-Age und Agenten- und Wissenschaftsgeschichte, ein Roman vom ganz Grossen und ganz Kleinen. Schade, dass am Festival auf der Bühne nicht mehr diskutiert und ausgetauscht wurde. Nicht nur den Besucher*innen des Festivals hätte sich noch viel mehr erschlossen. Auch den eingeladenen Künstler*innen wäre diese Auseinandersetzung mit ihren Büchern zu gönnen gewesen.

Weitere Gäste waren die vielfach ausgezeichnete Dichterin und Romanautorin Ulrike Draesner, Yannic Han Biao Federer mit zwei berührenden Romanen über Verlust, Hanspeter Düsi Künzler mit einem Roman zwischen Nikotin und Soul, der Wörterfabrikant und Vokabeljongleur Stephan Tikatsch und die Dichterin und bildende Künstlerin Erika Wimmer Mazohl.

Matthias Schönweger © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Der Südtiroler Matthias Schönweger, Aktionskünstler, Sprachjongleur, Literaturperformer beschliesst das diesjährige Festival. Ein Mann, dessen Leben ganz Kunst ist, dessen Aufritte jedesmal Inszenierung sind, der mit jeder Faser verspielte Lebensfreude ausstrahlt, dessen Bücher zu Kunstwerken, Nachzeichnungen seiner Gedankenwelt, Spielwiese seiner grenzenlosen Fantasie sind. Ein Mann, dem ich schon in seiner Heimatstadt Meran begegnete, dessen Herzlichkeit und Nähe sich unauslöschlich einbrannte. Sprachsalz zeigte den Film «MENSCH, msch!», der Einblicke in sein Schaffen, seine Archive und seine Denkbewegungen gewährt. Matthias Schönweger ergänzt mit einer seiner legendären Performances.
Sprachsalz 2025 war ein Ereignis! Mit viel Leidenschaft perfekt organisiert, volle Säle, zufriedene Gesichter. Ein prickeldes Vollbad in der Literatur. Schon jetzt ein Fixpunkt in meinem Kalender für den Frühherbst 2026.

Danke!

Viktor Jerofejew © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Titelfoto: Dacia Maraini © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Evelina Jecker Lambreva zu Gast in Amriswil

Evelina Jecker Lambreva las bei uns im Wohnzimmer vor einem gespannten Publikum aus ihrem Roman «Mein Name ist Marcello». Überraschungsgast an dieser Lesung war Bernhard Borovansky, ihr Verleger aus Wien, der seit 2008 zusammen mit seiner Frau Konstanze Borovansky die Geschicke des Braumüller Verlags bestimmt.

«Mein Name ist Marcello»: In Mailand stellt eine berühmte Schweizer Schriftstellerin ihren neuen Kriminalroman vor. Während der Veranstaltung steht ein Mann aus dem Publikum auf und behauptet, die Schriftstellerin habe seine Biografie gestohlen und seine persönliche Geschichte erzählt. In dem darauf folgenden Skandal droht er mit einer Klage, besucht immer wieder Veranstaltungen, stalkt sie und will herausfinden, warum sie das getan hat. Die Schriftstellerin kann sich das alles nicht erklären, sie kennt den Mann nicht, lässt sich aber auf ein Gespräch mit ihm ein. Die beiden gehen eine Liaison ein und verlieben sich sogar ineinander. Durch die Nähe kommen sie der Wahrheit immer mehr auf die Spur und entdecken Unglaubliches. Eine dicht erzählte Geschichte mit einem erstaunlichen und nicht erwarteten Ende.

„Mein Name ist Marcello“ ist voller Überraschungen, liest sich wie ein Thriller, der sich immer und immer wieder meinen Interpretationen verweigert. So wie die menschliche Seele ein Labyrith ist, so gibt sich die Lektüre dieses Romans.

Verleger Bernhard Borovansky, Evelina Jecker Lambreva und Veranstalter Gallus Frei

«Schreiben» ist die persönliche Auseinandersetzung mit mir selbst, indem ich versuche, eben diese „andere“, die in mir verborgen ist, kennenzulernen. Mit den Worten C.G. Jungs: „In jedem von uns lebt noch einer/eine, den/die wir nicht sein wollen.“ Genau diese möchte ich durch das Schreiben besser kennenlernen: die ich nicht sein möchte, die aber trotzdem irgendwo (auch) mein Inneres bewohnt.

Die Ohnmacht eines Kindes bewegt mich zutiefst, und was später im Verlauf des Lebens aus dieser Ohnmacht entstehen kann – diese Frage entzündet meine künstlerische Fantasie enorm. Wie sich aus einem ohnmächtigen, systematischer Gewalt ausgelieferten Kind später eine Ärztin, eine Schriftstellerin, eine Mörderin oder eine Rechtsextremistin entwickelt, das ist die Frage, die mich in meinen Texten beschäftigt. Denn das ist und bleibt für mich eines der grossen Geheimnisse des Lebens: Wieso machen psychische Traumata von in der Kindheit erlebter physischer und/oder psychischer Gewalt manche Menschen krank und (selbst)zerstörerisch, andere zu autoritären Herrschern oder gar zu monströsen Diktatoren, und andere wiederum zu hochbegabten Künstlerinnen und Künstlern, sowie zu hervorragenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Dieses Geheimnis, so denke ich, wird wohl nie von der Wissenschaft gelüftet werden.

«Es war eine unvergessliche Hauslesung bei Gallus und Irmgard Frei-Tomic, an der ich meinen neuen Roman „Mein Name ist Marcello“ vorstellen durfte. In familiärer Atmosphäre, unter den stummen Blicken hunderter von Büchern, zweier Gitarren und eines Klaviers hörte mir ein sehr interessiertes und engagiertes Lesepublikum zu. Aufschlussreiche Fragen, tiefgreifende Gedanken und leidenschaftliche Liebe zur Literatur begleiteten durch den Abend.
Ganz herzlichen Dank an alle, die zu diesem gelungenen Anlass beigetragen haben! Für mich ist er zu einem der Höhepunkte des Jahres geworden.» Evelina Jecke Lambreva

mehr zu den Büchern von Evelina Jecker Lambreva

Beitragsbilder © Suscka Kottonau

Anna Weidenholzer «Hier treibt mein Kartoffelherz», Matthes & Seitz

Anna Weidenholzer repräsentiert genau das, was an der österreichischen Literaturszene bestechend ist; Vielfalt, Experimentierfreude und sprachliches Feingefühl. So poetisch die Titel ihrer Bücher sind, so tiefsinnig und tiefgründig sind ihre Geschichten in ihrem neuen Erzählband „Hier treibt mein Kartoffelherz“. Ein literarischer Leckerbissen.

2010 debütierte Anna Weidenholzer mit ihrem Erzählband „Der Platz des Hundes“, der von der Kritik einhellig gelobt wurde. Damals ein Versprechen für die Zukunft. Heute ist Anna Weidenholzer ein Eckpfeiler der deutschsprachigen Literatur. Nach ihrem Erzählband erschienen drei Romane: „Der Winter tut den Fischen gut“, „Weshalb die Herren Seesterne trugen“ und „Finde einem Schwan ein Boot“. Schon allein die Titel ihrer Bücher öffnen Türen, beschreiben programmatisch, was der Autorin wichtig ist. Anna Weidenholzer erzählt nicht einfach ein Stück Erlebtes, keine blossen Anektoten, schon gar nicht plottorientiert. Alles, was Anna Weidenholzer schreibt, sind menschliche Verschiebungen, Verwerfungen, die sich im Unscheinbaren manifestieren. Menschliche Verunsicherungen, die sich während des Lesens unweigerlich auf mich als Leser übertragen, eine Verunsicherung, die die Autorin mit ihrem sprachlichen Feingefühl auslöst, eine Mischung aus Verwunderung und Heiterkeit. Genau das, was literarische Feinkost bewirken soll.

25 Erzählungen, die einen eine halbe Seite lang, die anderen seitenlang, verteilt über die vier Jahreszeiten. Erzählungen, die alle für sich selbst stehen und doch miteinander verbunden sind, seien es Motive, Orte, aber auch in den letzten und jeweils ersten Sätzen, bei denen Anna Weidenholzer erzählerisch den Stab von einem Text zum andern weitergibt.

Anna Weidenholzer «Hier treibt mein Kartoffelherz», Matthes & Seitz, 2025, 155 Seiten, CHF ca. 25.90, ISBN 978-3-7518-1023-4

Anna Weidenholzers Erzählen ist unspektakulär. Aber es scheint, als hätte die Autorin ein Sensorium mehr als die meisten Menschen, als würde sie in Bereichen sehen, hören und fühlen, die den meisten anderen Menschen verschlossen bleiben. Wie eine Fledermaus, die in Frenquenzen hört, die uns verborgen bleiben. Anna Weidenholzer verrät, sie habe sich gar einen eigenen „Fledermausdetektor“ zuglegt, um in der Dämmerung den uns verborgenen Stimmen zu lauschen. Genau so schreibt die Autorin. Sie schreibt von dem, was knapp unter der offensichtlichen Wahrnehmung geschieht.

Zweimal habe ich der Autorin am Internationalen Literaturfestival zugehört, zweimal mit gebannter Verzückung, grossartig unterhalten und bas erstaunt über den feinen Witz und hintergründigen Humor, mit dem die Autorin nicht in erster Linie bestechen will, sondern meine für fest und stabil gehaltenen Untergründe in sanfte Schieflage bringt. Ein Blick auf Menschen und Dinge, der weit über Oberflächlichkeiten hinausgeht. Als ich mit einem Freund am Festival in einem Gasthaus zu Abend ass und auf die Perlen der Literatur anstiess, sass da Anna Weidenholzer nicht weit von uns an einem grossen Tisch, umgeben von anderen Akteur*innen des Festivals. Da ist nichts Divenhaftes, nichts Überzogenes. Es ist, als wäre Anna Weidenholzer genau das, was sie schreibt. Da schaut und hört jemand, der in Sphären wahrnimmt, die den meisten anderen verschlossen bleiben.

Und die Sprache. Das scheinbar Banale offenbart unsägliche Tiefe. Das spiegelt sich auch in der Sprache, in der Intensität ihres Erzählens, in dem, was die Texte bei sorgfältigem Lesen auslösen. Zugegeben, „Hier treibt mein Kartoffelherz“  ist weder Schnellfutter noch leicht verdaulich. Aber wer sich einlässt, wird mitten ins Herz getroffen.

© Literaturfestival Leukerbad

Anna Weidenholzer, 1984 in Linz geboren, lebt in Wien. Mit ihrem ersten Buch, «Der Platz des Hundes» (2010), war sie 2011 für das Europäische Festival des Debütromans in Kiel nominiert. Ihr zweiter Roman «Der Winter tut den Fischen gut» war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2013 wurde sie mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet. Ihr Roman «Weshalb die Herren Seesterne tragen wurde» 2016 für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2017 erhielt sie den Outstanding Artist Award für Literatur der Republik Österreich.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Erika Mayer

29. Internationales Literaturfestival Leukerbad – ein ganz persönlicher Rückblick

Zurück im Alltag, in der Erinnerung mehr als zwei Dutzend besuchte Lesungen, sind es Glücksmomente, wunderbare Begegnungen, Verzückungen – mit einem schalen, leicht morbiden Nachgeschmack, die mich auf die 29. Ausgabe des Festivals zurückblicken lassen.

An den eingeladenen Autorinnen und Autoren kann es nicht liegen. Auch nicht am Wetter oder fehlender Kulisse, schon gar nicht am Interesse derer, die sich für die Literatur auf nach Leukerbad machen. Vielleicht ist es der Ort. Vielleicht die örtlichen Offiziellen, vielleicht der sterbende Sommertourismus. Da täuscht auch der eine oder andere neue Strassenbelag oder der neu eröffnete Supermarkt im Busbahnhof nicht darüber hinaus. Während man in den einen Hotels ohne grossen Aufwand einen Film drehen könnte, der in den Siebzigerjahren spielt, spricht man an der Rezeption anderer nur noch Englisch oder Russisch. In der Mittagspause wird auf dem Dorfplatz nirgendwo im Schatten etwas Kühles serviert und das Festivalcafé (wenn es denn eines ist) bei der Festivalbuchhandlung im Alten Bahnhof muss mit einer Plastikplane gegen den trüben Blick in eine ewige Baugrube geschützt werden. Ich sitze an einer Mauer mit zwei Schriftstellerinnen, die wie ich nicht so genau wissen, wohin mit sich selbst, wenn der Festivalbetrieb mal eben Pause macht.

Mariann Bühler

Warum dann jedes Jahr doch? Selbst wenn ich die lang ersehnte Literarische Wanderung am Donnerstag wegen eines „Personenunfalls“ versäumte, der Spannteppich in meinem Hotelzimmer Generationen von Gästen zwischen Bett und Badezimmer trug und mir einmal mehr der Mut fehlte, die Flasche Wein zum Abendessen mit einem Freund nicht leerzutrinken, weil die Aussicht auf nächtliches Schädelbrummen ziemlich gross war?
Wegen der Literatur! Wegen jener AutorInnen, die man nur in Leukerbad trifft, die einem immer wieder über den Weg laufen und sich in Gespräche verwickeln lassen. Weil der Zustand des Dorfes ziemlich genau den Zustand der Welt, der Gesellschaft repräsentiert: bröckelnde Fassade, hier und dort Zeugnisse grosser Geschichten. Wegen der Geschichten in Büchern, jener gebannten Musik, den Partituren des Lebens. Wegen der Poesie, den letzten offenen Türen zum Paradies. Wegen der Menschen, die beim Zuhören den Atem anhalten, wegen den Tränen in den Augen, weil mich Texte aus den Socken hauen.

Birgitt Birnbacher

Wegen Birgitt Birnbacher, die mich mit ihrer Freundlichkeit, ihrer Menschenliebe überwältigt. Wegen Anna Weidenholzer, die mit ihrer feinsinnigen Beobachtungsgabe Grund zur Hoffnung gibt. Wegen Rolf Hermann, der mit seinem Witz die Bauchmuskeln strapaziert. Wegen Christian Kracht, der mit weicher, klarer Sprache überrascht, Jürg Halter, der mit Lyrik rockt, Patrick Holzapfel mit Poesie wie Meditationen zum Müssigsitzen, Victoria Kielland mit einem Seelenbrand, Katja Lange-Müller mit geschriebener Berliner Schnauze… Die Liste liesse sich noch lange weiterführen.

Rolf Hermann mit Moderatorin Monika Schärer

Wie jedes Jahr waren die Gesprächsreihen «Perspektiven» äusserst spannend und aufschlussreich; «Verständigt und verstanden», ein Gespräch mit den Schriftstellern Volker Braun und Christoph Geiser und dem Verleger Christian Ruzicska, «Gegenwarts­literatur: Kitsch mit Kultur­anstrich?» mit Literaturwissenschaftler Moritz Baßler im Gespräch mit Lukas Bärfuss und Stefan Zweifel oder «Auf der Suche nach einem besseren «Woke»» mit Kulturjournalist Jens Balzer und dem neuen Co-Leiter des Festivals Stephan Bader. Wünschenswert wäre es, wenn man in der Auseinandersetzung mit solchen Themen auch die Besucher*innen mit einbeziehen würde, wenn man nicht zum stummen Zuhören verdammt wäre. Durchaus ein Feld mit Entwicklungspotenzial!

Tanja Maljartschuk, 1983 in Iwano-Frankiwsk, Ukraine geboren, seit dem russischen Angriffskrieg lebt in Wien. Sie war Überraschungsgast am Samstag Abend.

Es sind die Schreibenden, die locken. Ganz sicher nicht die Gastfreundschaft einer Tourismusdestination, die den Zenit vor Jahrzehnten überschritten hat. Da ist auch die Verleihung des Kultur- und Wirtschaftspreises des Kantons Wallis durch Staatsrat Christophe Darbellay wohl erfreulich und für das Festival mehr als verdient, aber trotzdem eher Versöhnungsversuch, weil die Absicht, der grossen Literatur ebenso grosse Bühne bieten zu können, etwas fadenscheinig wirkt.

Ab 2026 wird sich Hans Ruprecht, der das Festival fast zwei Jahrzehnte prägend gestaltete, aus der Leitung zurückziehen und der langjährigen Co-Leiterin Anna Kulp, verstärkt durch Stephan Bader, ehemaliger Redaktions­leiter beim «Literarischen Monat», das Szepter übergeben. Möge es der neu formierten Leitung gelingen, dem Festival ein neues Herz, ein echtes Festivalzentrum, einen Ort der Begegnung zu schenken, bevor sich der gute Geist des Festivals verabschiedet.

Ich reiste erfüllt und beseelt zurück, dankbar und reich beschenkt von einem Felsenkessel, in dem es brodelte.

Ich freue mich auf das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026!

Beitragsbilder © Literaturfestival Leukerbad / Ali Ghantschi

Victoria Kielland «Meine Männer», Klett-Cotta

Brynhild Størset kam 1859 in Norwegen zur Welt und starb 1908 in den Staaten als Belle Gunness. Die Geschichte einer enttäuschten Frau, die sich nach Übersee rettete und doch nie ihre Ruhe fand, nicht einmal im Tod.

„Meine Männer“ ist in vielerlei Hinsicht ein aussergewöhnliches Buch. Was sich auf den ersten Seiten wie eine leidenschaftliche Sprachhymne an jene erste grosse Liebe, den Akt der Liebe liest, entpuppt sich mehr und mehr als rauschhaft geschriebenes Innenleben einer Frau, die bis heute als eine der übelsten Serienmörderinnen gilt, der man erst nach ihrem Verschwinden, ihrem angeblichen Tod auf die Spur kam. Als 1908 ihr Haus in Flammen aufging, fand man in den verkohlten Ruinen die Überreste zahlreicher Leichen.

Victoria Kielland, fasziniert von einer unfassbaren Person, nicht nachvollziehbaren Motiven einer Frau, der es zeitlebens nie mehr gelang, aus einer tödlichen Zwangshandlung auszubrechen, erzählt nicht einfach die fiktive Geschichte einer Mörderin. „Meine Männer“ ist eine emotional aufgeladene Schilderung einer Innenwelt, die in einer Weise fesselt und mitreisst, die selbst „geübte“ Leser*innen gleichermassen verunsichert wie begeistert.

Dieser Roman ist weder blutrünstiger Krimi oder Thriller noch überzogenes Kunstobjekt. Victoria Kielland geht es weder um einen Erklärungsversuch einer unerklärlichen Kette nicht nachvollziehbarer Verbrechen noch um ein möglichst faktennahes literarisches Spekulieren. Victoria Kielland schreibt sich in die Seele einer Frau, die nach Liebe sucht, der das Töten zum letzten Akt des Besitzens wurde, die diesen finalen Akt immer und immer wieder brauchte, um sich selbst am Leben zu halten.

Victoria Kielland» Meine Männer», Klett-Cotta, aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger, 2023, 192 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-608-50183-4

Man reibt sich während der Lektüre die Augen, schüttelt den Kopf und wundert sich unsäglich, wie schaurig schön es der Schriftstellerin gelingt, einen Seelenzustand zu schildern. „Meine Männer“ ist vollendete Sprachkunst, Sprachmusik der Extraklasse, ohne dabei in Sphärisches, Hyperintellektuelles zu entrücken. Satzkaskaden, die den Rausch jener Frau, den Rausch der Autorin zu einem Rausch des Lesens machen.

Die Liebe reichte nicht für alle.

Als Brynhild Størset mit etwas mehr als zwanzig nach Amerika auswandert, hat sie als Magd einen Gutsbesitzersohn umgebracht, der sie mit grossen Versprechungen ins Bett an seine heisse Haut lockte und mit kalter Zurückweisung den ersten grossen Feuerbrand der enttäuschten Liebe entfachte. Sie kommt nach Chicago zu einer ihrer älteren Schwestern, die dort eine Familie gründete. Brynhild ändert ihren Namen zu Belle (oder Bella), wohl nicht so sehr um eventueller Strafverfolgung zu entgegen, sondern um sich selbst eine zweite Chance zu geben. Sie wird nach der Heirat mit dem Norweger Mads Sørensen zu Bella Sørensen, wird zweifache Mutter und zusammen mit ihrem Mann zur Geschäftsfrau. Aber es stellt sich kein Glück ein, ganz im Gegenteil; eine lange, fatale Kette tödlichen Unglücks. Das Geschäft brennt, die Kinder sterben, Mats stirbt. Mit dem Geld aus der Versicherung zieht Bella weg, nimmt neuen Anlauf, findet Mann um Mann, die alle irgendwann sterben. Bella rutscht in einen Wahn und ich als Leser werde Zeuge einer wahnhaften Verklärung, eines tödlichen Rauschs, der erst in Flammen ein Ende findet.

Was Victoria Kielland gelingt, ist aussergewöhnlich, ausserordentlich. Ich gerate in eine Leserausch, bin betört von Klang, Rhythmus und Beschreibung, die es so nur ganz selten gibt. Ein Buch, das ich nicht gelesen hätte, wäre die Autorin nicht auf der Gästeliste des Internationalen Literaturfestivals in Leukerbad gestanden. Was für ein Geschenk!

Victoria Kielland, geboren 1985 in Norwegen, studierte Theaterwissenschaft. Für die Prosasammlung «I lyngen» wurde sie für den Debütantenpreis von Tarjei Vesaas nominiert, sie erhielt das wichtigste Schriftstellerstipendium des norwegischen Buchhandels. Für «Meine Männer» wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet und erhielt hymnische Kritiken.

Elke Ranzinger, geboren 1980 in Passau, studierte Theaterwissenschaft, Nordistik und Neuere Deutsche Literatur in München und Bergen. Sie ist Übersetzerin, Moderatorin und Dramaturgin und übersetzt aus dem Norwegischen und Schwedischen u. a. Merethe Lindstrøm, Helga Flatland und Tore Renberg.

Beitragsbild © Julia Marie Nagelstad