Zum 24. Mal feierte das Sprachsalz mit Gästen die Literatur. Ein Dutzend internationale Schriftlicher*innen, volle Säle, freier Eintritt, viele Begegnungen und vorzügliche Stimmung – das macht Sprachsalz aus!
Gleich mehrfach hängen am Sprachsalz lange, meterbreite Papierbahnen mit den Namen all jener, die in den letzten 24 Austragungen des Sprachsalz eingeladen wurden. Eine beeindruckende Liste mit beeindruckenden Namen. Von Japan bis Südamerika, vom hohen Norden bis Südafrika. Namen, die in meiner Bibliothek zuhause wie Reliquien gehortet und gefeiert werden. Aber auch Namen, die ich „versäumte“, weil ich in den letzten Jahren wohl Stammgast, die ersten Jahre des Festivals „versäumt“ habe. Wie gerne wäre ich einmal Jon Fosse begegnet. Oder ein zweites Mal Peter Kurzeck. Oder Claire Keegan. Oder dem grossen Ismail Kadare. Oder der grossen Dichterin Frederike Mayröcker. Die Liste ist beeindruckend lang und Zeugnis grossen Engagements, ausufernder Leidenschaft und eines beachtlichen Selbstbewusstseins. Eine Liste, die durchaus als Reputation dienen kann, Festivaleinladungen, die zur Auszeichnung werden.

Am Samstag Morgen sass ich mit einer der Organisator*innen des Festivals auf einen kurzen Schwatz zusammen. Sie, Ulrike Wörner, eine der Kurator*innen des Festivals, hatte am Abend vorher die Lesung mit der südkoreanischen Literaturnobelpreisträgerin Han Kang moderiert. Die Moderation meines Lebens, meinte sie. Nicht nur wegen ihrer Nervosität, sondern weil sich mit dem lange andauernden Applaus am Schluss der Lesung eine Anspannung löste, die man ihr auf der Bühne nicht anmerkte, die ihr aber den Schlaf geraubt hatte. Schon nach der Lektüre des ersten Romans der Südkoreanerin Han Kang „Die Vegetarierin“ 2016, versuchte Ulrike Wörner, die Autorin ans Sprachsalz einzuladen. Ohne Erfolg, nicht einmal eine Antwort auf ihre Anfrage. Sie tat es auch nach „Menschenwerk“ 2017, wieder erfolglos. Was als tapferer Versuch begann, entwickelte sich zu einer eigentlichen Challenge; jedes Jahr eine Anfrage, auch wenn die Hoffnung auf eine positive Anwort mit der Verleihung des Nobelpreises 2024 noch einmal mehr zu schwanken begann. Dann ploppte doch eine Mail auf, eine Zusage, Es freut uns, ihnen mitteilen zu können. Aber mit der Zusage des Managements einer Nobelpreisträgerin hören die Anstrengungen nicht auf, das kleinteilige Organisieren beginnt, die Abarbeitung einer ganzen Liste von Bedingungen, die im Umgang mit einer Nobelpreisträgerin sehr gut nachvollziehbar sind.

Es war ein zauberhafter Abend, weil die Faszination dieser Autorin in Kufstein mit Händen zu greifen war, weil die Autorin auf der Bühne genau das zeigte, was sich in ihren Büchern manifestiert, weil man im Saal und davor spürte, dass da jemand sass und sprach, der sich mit seinem Schreiben um die grossen Fragen der Menschheit bemüht, es mit aller Kraft und ganzer Hingabe tut, weil sie sich verletzlich, dankbar und freundlich zugewandt zeigt, obwohl sie sich in ihrer Rolle als Exponentin der Literatur nicht wohl zu fühlen scheint. In ihrem neusten Buch „Der goldene Faden“ veröffentlicht sie einen Teil eines Gartentagebuchs. Sie erzählt von ihrem kleinen Haus, ein bisschen mehr als 30 Quadratmeter und ihrem noch viel kleineren Garten, den sie trotz fehlenden Sonnenlichts, dafür mit Hilfe von Spiegeln, anzulegen beginnt. Was sie tut, tut sie ganz, mit totaler Hingabe, fokussiert und kompromislos. Eine Leidenschaft, die auf Leser*innen überspringt, eine Leidenschaft, die ganz offensichtlich eine Sehnsucht bedient, die in der Gegenwart mit all den Ablenkungen immer schwerer zu erreichen ist.

Als ich am Samstag Morgen in Kufstein in einem Café auf dem Stadtplatz sass und am kleinen Tisch mit anderen über den Abend mit Han Kang sprach, sah ich die Autorin in ihrem langen beigen Regenmantel (Die Sonne schien.) an meinem Tisch vorbeispazieren. Sie ging langsam, liess ihren Blick auch hinauf an die Giebel der Dächer, ins Blau des Himmels schweifen. Für einen ganz kurzen Moment dachte ich, ihr Buch in meiner Tasche zu schnappen, ihr hinterherzulaufen, um sie doch noch um eine Signatur zu bitten, weil sie am Abend zuvor nicht wollte, dass man sie den Annähungen der Massen aussetzte. Aber ich zügelte mich selbst. Wie vermessen wäre es gewesen, sie aus ihrem Spaziergang herauszureissen. Sie ging Minuten später ein zweites Mal an meinem sonnenbeschirmten Tisch vorbei. Ich wünschte ihr ganz im Stillen alles Gute.

Genau das ist es, was ich am Sprachsalz schätze; Auch wenn die Fixsterne der Literatur im Scheinwerferlicht auf der Bühne sitzen – am Morgen danach begegne ich ihnen im Frühstücksraum, auf einem Spaziergang am Inn, auf dem Stadtplatz mitten in Kufstein. Oder im Lift, kurz vor meinem Auschecken. Noch einmal Martin Piekar, der mich schon in den Wochen vor dem Festival mit seinem Prosadebüt „Vom Fällen eines Stammbaums“ überzeugte, ein Autor, der aber schon seit einem Jahrzehnt seinen ganz eigenen Weg als Lyriker geht. Ein Bär von einem Mann mit einem grossen Kämpferherz. Vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Robert Gernhard Preis und nominiert für den Aspekte-Literaturpreis, einem Preis, der anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2026 vergeben wird. Ein Autor, der mit Vehemenz für den Humor in der Literatur streitet. Einer der weiss, dass man im tiefen Wasser den sicheren Boden verlassen muss, um jene Freiheit zu erreichen, die einem zu neuen Ufern bringt. Einer der nicht will, dass der Schrecken übertüncht wird, der Störfaktor bleiben will, nicht zuletzt in seiner Arbeit als Lehrer, in der Vermittlung davon, was Dichtung sein kann; die Manifestation von Auseinandersetzung mit dem Leben. Im Gespräch auf der grossen Bühne des Theatersaals musste er sich wohl nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal mit dem Begriff von „Autobiographie“ und „Autofiktion“ auseinandersetzten, einer im Grunde unergibigen Diskussion, denn Erzählen ist immer Fiktion, selbst dann, wenn er wie in seinem Roman über die schwierige Geschichte seiner Familie und das ebenso schwierige Leben zusammen mit seiner pflegebedürftigen Mutter schreibt. Literatur ist sprachgewordene Auseinandersetzung, im besten Fall Sprachmusik, so wie in „Vom Fällen eines Stammbaums», erst recht in all den Szenen, in denen die Mutter mit polnischem Akzent zu ihrem Sohn spricht, Szenarien, die jenem Gernhard’schen Humor sehr nahe kommen.

„Sprachsalz“ als Gastgeber für Sprachdurchdrungene, Sprachbesessene im besten Sinne des Wortes. So wie der 1954 in Schaffhausen geborene Dichter, Romanautor, Essayist und Übersetzer Ralph Dutli, der zum einen mit seinem letzten Gedichtband „Alba“ und mit „Holundertraum“ einer Sammlung seiner 100 Lieblingsgedichte, von der Antike bis in die Gegenwart, Gedichte von Dante, Villon, Louise Labé und John Donne und weiter bis Rimbaud, Apollinaire, Chlebnikow, García Lorca und Brodsky – und Gedichte aus eigener Feder. Ein Buch, das aber eigentlich nur transportiert, ein Buch mit einem Schlüssel (QR-Code) zu seiner Stimme, zu raumfüllender Poesie, die Dutli gekonnt mit seiner Stimme auszufüllen weiss. Ob deutsch, französisch, italienisch oder russisch; Dutlis Stimme überzeugt selbst dann, wenn die Sprache bei mir nur eine Ahnung hinterlässt. Da schwelgt einer und bietet mir seine Kunst wie ein Geschenk an.

Ich bin den Oragniasator*innen von „Sprachsalz“ unsäglich dankbar für die drei in Sprache eingetauchten Tage, die mir das Salz fürs Leben geworden sind. All die anderen Autor*innen; Fernando Aramburu, einer der Grossen der Spanischen Literatur, Uta Köbernick, die mit Witz, Schalk und messerscharfem Kommentar überzeugte, Regina Hilber, eine reisende Poetin oder die in Deutschland lebende und in Kalifornien geborene Schriftstellerin Nell Zink, die abgrundtief über gesellschaftliche Schieflagen schreiben kann.
Ich bin mir bewusst, dass mein Rückblick auf die 24. Internationalen Tiroler Literaturtage in Kufstein unvollständig ist. Nichts desto trotz liebe ich, was dort passiert und freue mich auf die Jubelausgabe im Spätsommer 2027!
DANKE!
Beitragsbild © Denis Moergenthaler

Lieber Bär

Odilo Abgottspon versetzt seine Leser*innen in eine Zeit, in eine Welt, die in allem bedroht war. Die Menschen in Visperterminen fürchteten Gott ebenso wie die Launen der Natur, den Hunger, die Dürre, den Tod der Kinder, ein Leben ohne Zukunft. Die Grossmutter, die mit ihrer Familie auch örtlich am Rand der Gesellschaft zu leben hatte, die man fast ein ganzes Leben als Fremde stigmatisierte, hatte noch viel mehr zu kämpfen. Ein Kampf um Familie, ein Kampf ums Dasein, eine permanente Rechtfertigung an jenem Ort am Leben zu sein.
Franziska Füchsl geht es in ihrer Literatur um ganz anderes. Sie will nichts dokumentieren. Ihr Schreiben ist eine Schule des Sehens, eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was wir missverständlich als Um-Welt bezeichnen. Franziska Füchsl wendet den Blick, schärft die Wahrnehmung, macht Natur nicht bloss zum Gegenüber, sondern zum Unmittelbaren. Mag sein, dass sie gar nicht zu einer Anwältin der Natur werden will, aber sie ist es durch die Zartheit ihrer Sprache, ihren Respekt, ihre Liebe. 

















Die belarussische Dichterin Volha Hapeyeva war eine der Eingeladenen am diesjährigen Lyrikfestival. Eine Frau, die wegen politischer Repressionen gezwungen wurde, 2020 ihr Heimatland zu verlassen, die ihre Heimat in ihrer Sprache sucht, ihrer Fähigkeit, all die Leerstellen mit Worten zu füllen, Worte, die nicht erklären, nicht deuten, aber eine Spur hinterlassen auf der Suche nach Gewissheiten. Eine Frau, die sich energisch gegen die Schulbladisierung «Flüchtling» wehrt und sich als Nomadin bezeichnet und ihren Weg durch die Lande damit zur Haltung, das «Fremdsein», die Einsamkeit, das Verlorensein und den Schmerz zu ihren grossen Themen macht. Die wahre Heimat gibt es nur im Traum, sagte sie im Gespräch. Poesie als ihre Art des Denkens, eine Wahrnehmung, die neue Räume schafft. Ihre Lyrik nimmt das Gesellschaftliche ins Visier, misst sich aber stets an der Realität. Als Linguistin spürt die Autorin den Wörtern nach, ihrer Bedeutung, ihrer Mehrdeutigkeit. Ihre Mehrsprachigkeit, Volha Hapeyeva übersetzt ins Deutsche, Englische, Chinesische, Japanische, Ukrainische, Lettische prägt nicht nur ihr Denken, ihre Poesie, sondern ihren Blick auf die Welt, aus der Distanz der Vertriebenen, Ausgeschlossenen.
Eine andere Dichterin, die mit ihren vielseitigen Publikationen immer wieder für Überraschungen und Aufsehen sorgt, ist die sprachliche Tiefenforscherin Esther Kinsky. In einem feinsinnigen Gespräch mit dem Moderator und Dichter Rudolf Bussmann unterhielten sich die beiden über «gestörte Gelände», einen Begriff aus der Naturkunde. «Gestörtes Gelände» beschreibt eine Fläche, die einst vom Menschen genutzt wurde und der Natur wieder überlassen wird, von der Leblosigkeit zurück in die Vielfalt. Ein Gelände, in dem die Nutzung eingeschrieben bleibt, wie Schrift, wie eine Erzählung. Nebst naturkundlichen Streifzügen durch solches Gelände, ist vieles in ihrer Dichtung das Erforschen der Sprache über Natur selbst. Sie erkundet Schichten (in ihrem gleichnamigen Band, 2020 bei Suhrkamp erschienen), das Übereinandergelegte, Zugedeckte, das Verborgene, schon lange nicht mehr Sichtbare. Als stünde sie an einer Bruchstelle des menschlichen Seins, wo all die Segmente, die sonst nie mehr ans Licht kommen, Klärung fordern.

