Weder Regen noch Kälte schienen den BesucherInnen des Festivals die Lust an Literatur verderben zu können. Der Regen strömte, die Leute strömten. Für drei Tage wurde Solothurn ein Fenster hinaus und eines hinein. Hinaus in die Welt, die immer unverträglicher zu werden scheint. Hinein in den Mensch, der mehr und mehr gezwungen wird, den Schatten etwas entgegenzusetzen.
Mehr als einmal bildeten sich lange Schlangen vor den Veranstaltungsorten. Eindrücklich dann, wenn eine solche Schlange vor einem Kino mitten in der Altstadt den Strom von Touristen, Radfahrerinnen und Familien beim Bummeln zu blockieren drohte. Alle, die sich nicht im Schweif des Festivals bewegten, mussten sich wundern über all die Stehenden und Wartenden, sei es mitten am Tag vor dem Konzerthaus Solothurns oder vor der kleinen Weinbar an der Aare, beim Kino am Uferbau oder in den Hallen des Kunstmuseums. Solothurn war fest in der Hand all jener, die sich durch Bücher nicht nur bezaubern, sondern in Welten versetzen lassen. Die sich auseinandersetzen mit den Rändern der Menschlichkeit und darüber hinaus, die sich hinaustragen lassen über die Grenzen ihrer selbst, die sich verzücken lassen durch die Kraft des Wortes. Mehr als 17000 BesucherInnen fluteten die Stadt, beklatschten all jene, die mit Büchern, Wortkunst und Performance der Tiefe ihrer Innenwelten eine Form geben.

In mehr als 150 Veranstaltungen mit rund 140 Autor*innen und Übersetzer*innen bieten die Solothurner Literaturtage alljährlich einen Einblick in ihr Schaffen und provozieren Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen der Gegenwart. Kleinräumiges und Raumgreifendes, klassische Lesungen mit Gesprächen, Podiumsdikussionen weit über die Buchdeckel hinaus, Experimentelles und Traditionelles in allen vier Landessprachen, Kinder- und Jugendbücher, Lyrik und Prosa, Philosophisches, tiefe Einblicke in menschliche Höhen und Tiefen, Zeugnisse grösster Empathie und umfassender Auseinandersetzungen. Stimmen aus anderen Kulturen, gewaltdurchsetzten Krisengebieten, aus Vergangenem und zu Erwartendem.

Beeindruckend die Stimmen all jener, die nicht mehr zurück in die Länder ihrer Kindheit wollen oder können, die Unwiederbringliches mit sich tragen, letztlich auch die Hoffnung in eine Zukunft. Allen voran die Ukrainerin Tanja Maljartschuk, die 2011 nach Wien emigrierte und 2018 Bachmannpreisträgerin wurde. Oder der belarussische Schriftsteller Sascha Filipenko, der seit seiner Flucht 2020 aus Russland wohl nie mehr in sein Heimatland zurückkehren kann, ohne eine mehrjährige Haftstrafe kassieren zu müssen. Oder die sudanesische Schriftstellerin und Aktivistin Stella Gaitano, die aus ihrem von Kriegswirren zerfressenen Land nach Deutschland floh. Autorin*innen, denen es nicht leicht fiel, sich den Fragen hiesiger Moderator*innen auszusetzen, die Leid, Kriegserfahrung, Vertreibung und Gewalt in der Form nur aus zweiter Hand kennen. Solothurn und sein Publikum setzten sich dem aus, eine Auseinandersetzung, die bitter nötig ist, auch wenn sie nur sensibilisieren kann.

Ebenso eindrücklich der Besuch des Schriftstellers, Theater- und Drehbuchautors Dimitré Dinev aus Bulgarien, der sich nach seiner Flucht nach Wien mit Gelegenheitsjobs durchschlug, Philosophie und Philologie studierte und auf Deutsch zu schreiben begann. 2025 erhielt er mit seinem Roman «Zeit der Mutigen» den Österreichischen Buchpreis. Eine über 1200seitige Familiensaga über die zerstörerische Macht der Diktatur und die grossen Fragen des 20. Jahrhunderts. Ein Mann der klaren Worte.

Aber die Solothurner Literaturtage sind auch eine wunderbare Gelegenheit, Stimmen zu entdecken, die mich sonst nie in dieser Form erreicht hätten. Zum Beispiel die Sprachforscherin Veronika Zorn, die mit ihrer bei der edition taberna kritika erschienenen Publikation «Notizen von der linken Hand» der Frage nachgeht, wie das Denken im Schreiben mit dem Wechsel ins Ungewohnte beeinflusst wird. Ein Buch, das vom Nachdenken bis ins Nachahmen einlädt. Oder die 1998 in Zürich geborene Louisa Merten mit ihrem Debütroman «Hundesöhne». Ein Buch mit beklemmenden Schauplätzen und betörenden Sätzen.

Denkwürdig die Auftritte von Dorothee Elmiger und Lukas Bärfuss, bei denen der grosse Konzertsaal Solothurn, die Location, die das ehrwürdige Salzhaus direkt an der Aare noch bis im kommenden Jahr ersetzen soll, zu platzen drohte. Beides grosse Figuren der CH-Literatur, Exponent*innen, die mit klaren Gedanken Räume erweitern.

Schwierig waren die Podien, vor allem dann, wenn Moderation und drei Eingeladene über Themen wie «Das Böse schreiben» sprechen sollten. Wie soll man auf den «Kern der Sache» stossen, wenn die Fragen nur die Oberfläche berühren, wenn man sich nicht in die Kontroverse traut und wenn in der Veranstaltung selbst auch noch die Bücher der eingeladenen Gäste eine Rolle spielen sollen. Dabei wäre das Thema eine Einladung, so wie es im Programm angekündigt war; Drei Autor*innen erkunden die Vielschichtigkeit des Bösen: vom moralischen und politischen Bösen bis zu struktureller Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung. Die Diskussion drang nicht einmal ansatzweise in jene Vielschichtigkeit. Ich war mir nicht einmal sicher, ob den Eingeladenen klar war, warum man ausgerechnet sie an diese Veranstaltung eingeladen hatte. Es braucht mehr Zeit, mehr Mut und eine ordentliche Portion Risiko.
Grossen Dank an das ganze Festival-Team. Allen voran Catherine Schlummberger, Rico Engesser, Janina Enderle, Nuria Sublee und Claudia Niggeler. Ich freue mich auf die kommende Ausgabe!
Beitragsbilder © fotomtina





Die belarussische Dichterin Volha Hapeyeva war eine der Eingeladenen am diesjährigen Lyrikfestival. Eine Frau, die wegen politischer Repressionen gezwungen wurde, 2020 ihr Heimatland zu verlassen, die ihre Heimat in ihrer Sprache sucht, ihrer Fähigkeit, all die Leerstellen mit Worten zu füllen, Worte, die nicht erklären, nicht deuten, aber eine Spur hinterlassen auf der Suche nach Gewissheiten. Eine Frau, die sich energisch gegen die Schulbladisierung «Flüchtling» wehrt und sich als Nomadin bezeichnet und ihren Weg durch die Lande damit zur Haltung, das «Fremdsein», die Einsamkeit, das Verlorensein und den Schmerz zu ihren grossen Themen macht. Die wahre Heimat gibt es nur im Traum, sagte sie im Gespräch. Poesie als ihre Art des Denkens, eine Wahrnehmung, die neue Räume schafft. Ihre Lyrik nimmt das Gesellschaftliche ins Visier, misst sich aber stets an der Realität. Als Linguistin spürt die Autorin den Wörtern nach, ihrer Bedeutung, ihrer Mehrdeutigkeit. Ihre Mehrsprachigkeit, Volha Hapeyeva übersetzt ins Deutsche, Englische, Chinesische, Japanische, Ukrainische, Lettische prägt nicht nur ihr Denken, ihre Poesie, sondern ihren Blick auf die Welt, aus der Distanz der Vertriebenen, Ausgeschlossenen.
Eine andere Dichterin, die mit ihren vielseitigen Publikationen immer wieder für Überraschungen und Aufsehen sorgt, ist die sprachliche Tiefenforscherin Esther Kinsky. In einem feinsinnigen Gespräch mit dem Moderator und Dichter Rudolf Bussmann unterhielten sich die beiden über «gestörte Gelände», einen Begriff aus der Naturkunde. «Gestörtes Gelände» beschreibt eine Fläche, die einst vom Menschen genutzt wurde und der Natur wieder überlassen wird, von der Leblosigkeit zurück in die Vielfalt. Ein Gelände, in dem die Nutzung eingeschrieben bleibt, wie Schrift, wie eine Erzählung. Nebst naturkundlichen Streifzügen durch solches Gelände, ist vieles in ihrer Dichtung das Erforschen der Sprache über Natur selbst. Sie erkundet Schichten (in ihrem gleichnamigen Band, 2020 bei Suhrkamp erschienen), das Übereinandergelegte, Zugedeckte, das Verborgene, schon lange nicht mehr Sichtbare. Als stünde sie an einer Bruchstelle des menschlichen Seins, wo all die Segmente, die sonst nie mehr ans Licht kommen, Klärung fordern.














2010 debütierte Anna Weidenholzer mit ihrem Erzählband „Der Platz des Hundes“, der von der Kritik einhellig gelobt wurde. Damals ein Versprechen für die Zukunft. Heute ist Anna Weidenholzer ein Eckpfeiler der deutschsprachigen Literatur. Nach ihrem Erzählband erschienen drei Romane: „Der Winter tut den Fischen gut“, „Weshalb die Herren Seesterne trugen“ und „Finde einem Schwan ein Boot“. Schon allein die Titel ihrer Bücher öffnen Türen, beschreiben programmatisch, was der Autorin wichtig ist. Anna Weidenholzer erzählt nicht einfach ein Stück Erlebtes, keine blossen Anektoten, schon gar nicht plottorientiert. Alles, was Anna Weidenholzer schreibt, sind menschliche Verschiebungen, Verwerfungen, die sich im Unscheinbaren manifestieren. Menschliche Verunsicherungen, die sich während des Lesens unweigerlich auf mich als Leser übertragen, eine Verunsicherung, die die Autorin mit ihrem sprachlichen Feingefühl auslöst, eine Mischung aus Verwunderung und Heiterkeit. Genau das, was literarische Feinkost bewirken soll.





