Tanja Šljivar «Nationaltheater», Suhrkamp – ein Selbstinterview

«Nationaltheater« verwebt ein Schicksalsjahr in der Biographie einer ambitionierten jungen Frau mit der Geschichte einer Institution. Beide eint die jüngere Vergangenheit, die von historischen Verwerfungen, dem Zerfall Jugoslawiens und Krieg geprägt ist. Kannst du uns etwas mehr dazu erzählen?
 
Im Zentrum steht die 150. Spielzeit des Nationaltheaters in Belgrad, ein bedeutendes Jubiläum. Es war mir jedoch von vornherein wichtig, den zeitlichen Horizont zu weiten. Die Grunderzählung über die junge Frau, die in eine „alte“ Institution kommt und dort eine Leitungsfunktion übernimmt, wird durch historische oder pseudo-historische Einsprengsel aufgebrochen. Für Dina, die junge Hauptprotagonistin, sind z.B. die 1990er Jahre eine besonders prägende Zeit, während sie für das Nationaltheater, das seit seiner Gründung in diversen Kriegen bombardiert wurde, bloß eine weitere Krise darstellen.  

Einige Kapitel entstanden in Rom. Beim Betrachten von Raphaels «Die Schule von Athen» entwickelte ich geradezu eine Obsession für die Gesichter von Platon/Leonardo und Heraklit/Michelangelo. Ich fragte mich, wie man ein ähnliches Verfahren in der Literatur anwenden könnte. Wie kann man in einem Satz mehrere Zeiten schreiben? Ich wandte dieses Verfahren an, insofern als jede Figur eine Mischung aus verschiedenen realen Personen ist,mit einem Hauch totaler Fiktion. Eine Leserin der Manuskriptfassung sagte, sie hätte beim Lesen ständig das Gefühl gehabt, die einzelnen Figuren würden so sprechen und handeln, als wären sie „aus einer anderen Zeit“, während einzelne Referenzen sie immer wieder in Dinas Gegenwart zurückholten. Das Theater selbst kommt zu Wort und beschreibt seine „Reise durch die Zeit“ – beginnend mit der Gründung. Wenn Napoleon sagt, die Comédie-Française sei der Ruhm Frankreichs, die Oper seine Eitelkeit, dann spricht er über das erste Nationaltheater in Europa, gegründet im Herzen der Kolonialmacht. Das Nationaltheater in Belgrad hingegen entsteht im Kontext des Zerfalls eines Reiches, nämlich des Osmanischen Imperiums, und vor dem Hintergrund der Idee einer jugoslawischen Vereinigung.

Welche Rolle spielt eine solche Institution eigentlich?

Tanja Šljivar «Nationaltheater», Suhrkamp, 2026, 236 Seiten, ISBN 978-3-518-43217-4

In meinem Roman plädiert das Theater schließlich für seine eigene Vernichtung. Das Theater plädiert für seinen eigenen Selbstmord durch den Sprung vom eigenen Balkon, was jedoch aufgrund des Wesens der Institution selbst nicht möglich ist, denn die Institution ist eine, „die geeinte Nation auf eine virtuelle Weise repräsentiert und deren Rolle darin besteht, eine einzige und fixierte nationale Identität aufrecht zu erhalten, ebenso wie eine homogene und dominante Kultur“. (Imre, Zoltán, Staging the Nation) Ein solcher Selbstmord der Institution ist also nicht möglich, zumindest so lange die Nation und ihre Kultur bestehen. Oder etwa doch?

Welche Verbindung besteht zwischen dem Theater und dem Roman?

Bald nach meinem Antritt als Schauspieldirektorin am Nationaltheater, Ende 2019, hatte ich die Idee, einen Roman zu schreiben. Zum einen interessierte mich die Form eines „Theaters im Theater“ nicht – und ein Theatersck hätte mir einen solchen Zugang geboten; zum anderen war es so, dass die Komplexität des Themas, die Intensität der Erfahrung, der Umfang des Materials nach einer anderen, langen, für mich neuen und noch nicht erforschten Form des Romans verlangten. Indem ich kontinuierlich Theaterstücke schrieb, habe ich gewissermaßen gegen die Vorherrschaft des Romans im literarischen Bereich angekämpft. Jetzt aber scheint mir der Roman die passendere Form für ein solches literarisch-performatives Experiment zu sein. Außerdem eignet sich fast jeder Text für eine Performance. Eine ideale Situation für eine Theateraufführung meines Romans wäre eine, im Rahmen derer der Roman laut vorgelesen würde, in allen Räumen des Belgrader Nationaltheaters: auf der Bühne, in den Büros, im Fundus, in der Kantine, in den Werkstätten; darüber hinaus sollten nicht nur die Schauspieler als Darsteller und Vorleser fungieren, sondern alle Beschäftigten im Theater. Der Zuschauer würde eine wahrlich immersive Erfahrung bekommen: ein Buch, das er betreten könnte, ein Theater, das er lesen könnte.

Ist das Autofiktion?

Eine einfache Antwort würde lauten: Nein, und es ist mir lieber, wenn der Roman nicht als Autofiktion gelesen würde. Die Literaturkritikerin Marija Skočibušić weist darauf hin, dass es in der Autofiktion nicht um einen ungefilterten emotionalen Ausbruch geht, sondern um die sorgfältige Konstruktion von Wahrheit und Selbst.Eine reine Beichte der Erfahrung, der Wahrheit, oder der „Mut“ zu einem solchen Akt interessieren mich nicht; was mich interessiert, ist die strukturelle Ebene, der institutionelle Rahmen, der eine solche Erfahrung erst ermöglicht – also, das, was mich interessiert, ist das Nationaltheater.

Was passiert „dieser Tage“ im Nationaltheater in Belgrad? Werden wir heute Zeugen einer Art „institutionellen Selbstmords“?

Im Sommer 2025 berichtete Guardian über die Bestellung von Dragoslav Bokan, einem ehemaligen Anführer einer paramilitärischen Gruppe in den Jugoslawienkriegen, zum Vorstandsvorsitzenden im Nationaltheater. Und kurz darauf wurde am Tag der Slava-Feier, der in meinem Roman ein eigenes Kapitel gewidmet ist, auch der neue Schauspieldirektor, Zoran Stefanović bestellt. Stefanović ist weniger kontrovers als Bokan, aber gerade dadurch ist er nicht so leicht zu durchschauen. Seine Biografie verbindet Antikommunismus, Orthodoxie, Traditionalismus, mit technologischem Fortschritt, digitalen Archiven und sogar einer Online-Teilnahme an der Akademie von Jordan Peterson... Diese Mischung wirkt heute erstaunlich westlich und verweist auf den Aufstieg der neuen europäischen und US-amerikanischen Rechten.

Interessant ist dann die Frage, ob es wirklich eine Kollision der neu bestellten Leiter mit den „europäischen Werten“ gibt – auf diese beruft sich die Theatergewerkschaft nämlich in ihrer Stellungnahme für den Guardian: „The artists of the National theatre will never stop defending European values in our theatre“.

Ist die Bestellung von Zoran Stefanović und Dragoslav Bokan tatsächlich ein Sargnagel für das Nationaltheater? Oder entspricht es nicht vielmehr dem Wesen einer solchen nationalen Institution, widersprüchliche Forderungen in sich zu vereinen – wie etwa die Forderung nach der Autonomie des künstlerischen Schaffens von der Politik. Oder, gehen Nationen, Nationalstaaten und ihre Institutionen auf ihre Selbstvernichtung zu? Möglicherweise zeigen die jüngsten Ereignisse gerade, dass der Wunsch des Nationaltheaters, das (in meinem Roman) für seinen eigenen Selbstmord plädiert, erhört wurde.

Was geschah im Nationaltheater während der Studentenproteste?

Ein Großteil der Künstler und anderer Mitarbeiter des Nationaltheaters hat die  protestierenden Studenten unterstützt, was sich unter anderem daran zeigte, dass am Ende der Aufführungen die Schauspieler dem Publikum ihre rot gefärbten Handflächen zeigten (im Einklang mit dem Slogan „Eure Hände sind blutig“), außerdem gab es im Nationaltheater mehrere Warnstreiks. All das führte zur Implementierung einer repressiven Geschäftsordnung, die es nun verbietet, „verbal, durch Symbole oder Gesten eine politische oder sonstige Orientierung zum Ausdruck zu bringen, die in keinem Zusammenhang mit der Erfüllung der Aufgaben des Theaters steht“. Kann es helfen, darüber zu schreiben oder zu sprechen? Die Figur der Intendantin sagt an einer Stelle im Roman zur Schauspieldirektorin: „Meine Liebe, die Theateranekdoten sind ja dazu da, um das alles … um das alles … um diese ganze Gewalt … erträglicher zu machen.“

Wie ist das Verhältnis zwischen den Studentenprotesten und den anderen kulturellen Institutionen?

Ein beeindruckenden Beispiel für deine Frage war die „Befreiung des SKC“ (Studentski Kulturni Centar – Studentenkulturzentrum). Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung im Februar 2025 eroberten die Studenten das berühmte SKC zurück – einen Ort, an demMarina Abramović ihre ersten Performances aufgeführt hatte und das unter der aktuellen Verwaltung jahrelang leer stand. Bemerkenswert ist, dass beide Konfliktparteien am Nationaltheater – sowohl das protestierende Ensemble als auch die neue Leitung – ihre gegensätzlichen Positionen als unpolitisch deklarieren: Eine Dirigentin erklärte, sie habe die roten Handschuhe „für meine Kinder und nicht aus politischen Gründen“gezeigt, während die neue Leitung betont, „das Theater sei kein Ort für Politik“. Die Studierenden hingegen wissen es besser: „Das befreite SKC stellte (…) die einzige Bastion der Freiheit und der Autonomie im kulturellen Schaffen dar, welches sehr wohl politisch ist.“, aber auch: „Wir bedauern, dass die künftigen Experten(…) den politischen Charakter der Kultur nicht sehen und die Gefahren einer Realpolitik ohne autonome Kultur (…) verkennen.“ Die Studenten zeigen: Die einzige mögliche Autonomie der Kunst wird gerade durch den politischen Charakter derselben realisiert.

Hast du Angst vor Selbstexotisierung? Wie wird der Roman im deutschsprachigen Raum gelesen werden, im Unterschied zu Serbien? Handelt es sich um einen Schlüsselroman?

Vielleicht handelt es sich tatsächlich um einen Schlüsselroman, aber es ist nicht ganz klar, zu welchem Schloss der Schlüssel passt, haha. Die Figuren in der Theaterwelt tragen keine Namen, sondern werden nach ihren Funktionen oder Arbeitsplätzen bezeichnet, oder nach ihrem Rang innerhalb der Hierarchie des Nationaltheaters. Die Staatsschauspielerin, die Schauspieldirektorin, die Intendantin oder der Chef des Sicherheitsdienstes sind Typen, Funktionen, und keine richtigen literarischen Figuren aus Fleisch und Blut.

Gerade diese Möglichkeit der Selbstexotisierung wollte ich problematisieren. Der Roman enthält zwar Hinweise auf die Widersprüche und Probleme der serbischen Gesellschaft, aber nicht, weil ich den „Osten“ als Gegenbild zum „Westen“ darstellen wollte. Im Gegenteil: Sowohl der serbische Nationalstaat als auch sein Nationaltheater sind Produkte einer geopolitischen Ordnung, in der sich die serbische Halbperipherie im Verhältnis zu den kapitalistischen Zentren entwickelt. Auch kulturelle Institutionen entstehen nicht außerhalb dieser Zusammenhänge.

Du beschreibst also kein spezifisch serbisches Modell, sondern ein europäisches?

Ich sollte erwähnen, dass einige Kollegen in Leitungspositionen an deutschen und österreichischen Staatstheatern blickten nicht gerade wohlwollend auf gewisse Stellen im Roman blickten, und ihnen war auch nicht zum Lachen zumute. Das zeigt, die Rede ist von einem Modell, das europäisch ist und nicht etwa strikt westlich oder östlich. In seinem hervorragenden Text „The War on Bohemia“ beschreibt Diedrich Diedrichsen die Gegenwart in Berlin, und in der gesamten westlichen Kunstszene, deren Akteure, die „Bohemians“, einen Pakt mit dem Kapital geschlossen haben (diesmal in seinem Zentrum). Er bezieht sich auf westliche kulturelle Institutionen, die von den Geheimdiensten ihrer jeweiligen Länder instrumentalisiert wurden, um eine Hegemonie der „Soft Power“ in nicht-westlichen Kontexten zu realisieren, und zwar gerade auf diese Grundlage: „Everything was permitted—as long as it could be commercially exploited.“ Abschließend zeichnet Diedrichsen ein düsteres Bild für die Zukunft: „Tech barons, paleo-industrialists, and evangelical fascists may differ in their cultural priorities, but they share a faith in fundamental inequality—and the irrational dogmas of growth and limitless exploitation. (…); (and) they will remobilize art’s capacity, which never lay entirely dormant (…), for inventing and identifying ethnicity and national cultures, chauvinism and white supremacy.”

In einem solchen Kontext können wir auch meinenRoman lesen: Im Westen verfügen die Kulturinstitutionen noch immer über ausreichend Geld und Soft Power, um ihre Situation als halbwegs gut oder akzeptabel darzustellen. Wir haben diesen Luxus (oder diese Last) nicht.

Denkst du, du wirst in Zukunft einen weiteren Roman schreiben?  

Ich denke schon. Ich möchte mich selbst im Schreiben überraschen. Eine logische Fortsetzung wäre, über die studentischen Blockaden zu schreiben, aus der Perspektive von Professoren an der Kunstakademie, wo ich derzeit als Dozentin tätig bin. Ich habe auch schon einen ersten Satz: „Sie lebte, an der Schwelle zu ihren Vierzigern, in einer unaufhörlichen Aufschiebung ihres mittleren Lebensalters und unterrichtete Kunst an derselben Universität, an der sie einst studiert hatte.“ Dennoch ist das ein leichterer Ausweg – eine weitere institutionelle Kritik, weiteres Narrativ über die Arbeit innerhalb des Systems der Kunstproduktion, diesmal aus der Perspektive einer Mitarbeiterin in einer Bildungsinstitution. In meinem Unbewussten lauert vielleicht noch irgendwo eine Idee für einen politischen Liebesthriller.

Ist es egoistisch, sich selbst zu interviewen?

Nein. Es ist exzentrisch.

(Das Interview wurde von Maša Dabić übersetzt.)

Tanja Šljivar, geboren 1988 in Banja Luka, studierte Dramaturgie in Belgrad und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Ihre Theaterstücke wurden in zehn Sprachen übersetzt und in Bosnien, Kroatien, Serbien, Spanien, Deutschland, Österreich, Albanien und Polen aufgeführt. 2019 war Tanja Šljivar Schauspieldirektorin am Nationaltheater Belgrad. «Nationaltheater» ist ihr erster Roman.

Beitragsbild © Dirk Skiba

Hans-Ulrich Treichel «Das Karussell»; Suhrkamp

Was will man(n) noch mit 70? Lohnt es sich, doch noch einmal aus seinen Gewohnheiten auszubrechen? Einen Faden aufzunehmen, den man einst losgelassen hatte? In Hans-Ulrich Treichels gewohnt unspektakulärer Erzählart spürt der Autor einem Leben nach, das sich letztlich nicht traut. Ein feiner Roman, subtil und grundehrlich.

Bernhard ist 70 und hat sich in seinem Leben einigermassen beschaulich eingrichtet. Auch wenn vieles nicht nach seinen Vorstellungen gelaufen ist. Am meisten das, was mit seiner Frau, seiner Ex. passiert ist. Hatte er doch die Absicht, zusammen mit ihr seinen Lebensabend zu planen und zu geniessen. Aber statt mit ihm tut sie es mit einem anderen, mehr oder weniger aus heiterem Himmel. Mit einem, dessen Brieftasche dicker ist, der Bauch flacher. Die Trennung von seiner Frau, der er sich noch immer verbunden fühlt, schmerzt. Ein permanenter Schmerz, eine Niederlage, eine finale Zurückweisung. Ob es an der Tatsache liegt, dass sie nie eine Familie gründeten, dass da vielleicht doch etwas fehlt, weiss Bernhard nicht. Dinge anzusprechen war nie sein Ding.

Bis ihn aus Salerno in Italien eine Nachricht von Alfredo, der vor 40 Jahren sein Student war, erreicht. Damals, kurz nach Abschluss seines Studium, unterrichtete Bernhard ein paar Monate in der Stadt unweit von Napoli „Deutsch als Wirtschaftssprache“, einen Freikurs an der Universität Salerno. Alfredo vermittelte ihm damals eine Wohnung nicht weit vom Meer, seine eigene Wohnung. Bernhard lernte Alfredo besser kennen, besuchte ihn und seinen Vater Luciano immer wieder. Beide betreiben dort ein Strandbad der Kategorie B2, kaum besucht von Touristen, gerade so erfolgreich, dass es zum Leben reicht.
Auf seinen Spaziergängen tauchte Bernhard immer wieder am Strandbad auf und lernte auch die schöne Arianna kennen, die ihn gleichermassen faszinierte und verunsicherte, die ihn nach den Monaten in Salerno mit dem Gefühle einer verpassten Chance nach Deutschland zurückkehren liess.

Hans-Ulrich Treichel «Das Karussell», Suhrkamp, 2026, 202 Seiten, ISBN 978-3-518-43271-6

Jetzt, 40 Jahre später, Bernhard hofft damit, seinem Leben die Möglichkeit einer Neuorientierung zu geben, reist er zurück an den Ort, der auch der Beginn eines alternativen Lebens hätte sein können. Alfredo und er waren über all die Jahre in losem Kontakt geblieben.
Sie sind alle älter geworden. Alfredo, dessen Vater Luciano gestorben war, bastelt noch immer an einem einstmals günstig erstandenen Karussell herum, seit Jahrzehnten mit der Absicht, dass es dereinst eine Attraktion neben seinem Strandbad werden sollte. Auch Arianna ist noch da, sie längst Mutter geworden, geschieden, Ingenieurin, noch immer schön, noch immer bezaubernd. Schafft es Bernhard nun? Bringt er die Maschinerie zum Laufen? Zusammen mit Arianna? Zusammen mit Alfredo?

„Das Karussell“ ist ein seltsam melancholischer Roman über einen Mann, der seinem eigenen Leben stets nur zur Seite steht, der nie den Mut aufbringt, echte Initiative zu übernehmen, der sich von seinem Schicksal treiben lässt und immer hofft, immer wartet – bis es irgendwann zu spät ist. Man möchte während des Lesens den Mann schütteln, weil das Karussell, das erst im Schuppen steht, mit Blachen zugedeckt, 40 Jahre später tatsächlich neben dem Strandbad und sogar die eine oder andere Runde mit Ach und Krach in Betrieb, doch nie richtig zum Laufen kommt. Es steht da, all die wunderbaren, phantasievollen Figuren, und bleibt stehen, kommt nie in Schwung.

„Das Karussell“ ist eine einzige Metapher über jene Sorte Mensch, die vor den Möglichkeiten des Lebens steht und sie doch zerrinnen sieht. Ein ganz ruhiger Roman, klar gezeichnet, ganz nah an Erfahrungen, die alle mit sich herumtragen. Ein typischer Treichel!

Hans-Ulrich Treichel, am 12.8.1952 in Versmold/Westfalen geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Er studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Er war Lektor für deutsche Sprache an der Universität Salerno und an der Scuola Normale Superiore Pisa. Von 1985-1991 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und habilitierte sich 1993. Von 1995 bis 2018 war Hans-Ulrich Treichel Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Seine Werke sind in 28 Sprachen übersetzt.

Rezension zu «Schöner denn je» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

 

Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

Fleur Jaeggy «Die letzten Tage von Ingeborg», Suhrkamp

Ingeborg Bachmann, Ikone der Literatur des 20. Jahrhunderts, und Fleur Jaeggy waren Freundinnen. Wer im schmalen Buch „Die letzten Tage von Ingeborg“, das Fleur Jaeggy ein halbes Jahrhundert nach dem tragischen Tod ihrer Freundin schrieb, Enthüllungen sucht, liest mit falscher Absicht.

Ingeborg Bachmann, eine jener Stimmen deutscher Literatur, die wohl nie vergessen wird, starb am 17. Oktober 1973 47jährig in Rom an den Folgen eines tragischen Brandunfalls. Ein Tod, der bis in die Gegenwart Spekulationen provoziert. Als Ingeborg Bachmann starb, war Fleur Jaeggy eine junge Autorin, beeindruckt von ihrer älteren Freundin, aufgehoben im gemeinsamen Wunsch, in der Sprache Heimat zu finden. Als Ingeborg Bachmann starb, verlor die Literatur einen Fixstern, Fleur Jaeggy eine Freundin, die sie auch ein halbes Jahrhundert nach deren Tod noch immer begleitet.

„Die letzten Tage von Ingeborg“ ist keiner der unsäglich vielen Mosaiksteine, die sich mit Leben, Sterben, mit dem Werk der grossen Autorin beschäftigen. Auch kein Bericht, kein Statement, nicht einmal ein Denkmal – höchstens für Fleur Jaeggy selbst. Für Fleur Jaeggy muss der Verlust ein permanenter Schmerz sein. Ein Gefühl, das all jene kennen, die mit zunehmendem Alter durch Sterben und Tod von jenen Menschen getrennt werden, die ihnen Leben bedeuten. Vielleicht wäre Fluer Jaeggy gar nie Schriftstellerin geworden, oder jene Schriftstellerin, die sie geworden ist, hätte sie damals in Rom Ingeborg Bachmann nicht kennengelernt.

Fleur Jäggy «Die letzten Tage von Ingeborg», Suhrkamp, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Schaden, 44 Seiten, CHF ca. 19.90, ISBN 978-3-518-43329-4

Im Sommer 1971, zwei Jahre vor dem Tod Ingeborg Bachmanns, fahren die beiden Freundinnen mit einem roten Alfa Romeo 2600 für einen Monat gemeinsam an die toskanische Küste, nach Poveromo-Forte dei Marmi, um sich aus dem Trubel ihres Lebens auszuklinken. Keine Zerstreuung, aber 30 Tage Gemeinschaft, mit nichts anderem als mit sich selbst und der Freundin. Man macht Spaziergänge, schwimmt im Meer, isst zusammen, empfängt nur wenig Besuch (Italo Calvino mit seiner Frau und Uwe Johnson mit dem ersten Teil seines Opus Magnum „Jahrestage“). Man geniesst die langen Gespräche und die Ruhe im Haus und im verwilderten Garten, überzeugt, es wäre noch immer der Anfang einer langen Freundschaft.

Dann die Katastrophe. Nicht nur der Brand, auch die Tatsache, dass schon in den ersten Stunden und Tagen vieles unerklärlich, unerklärbar bleibt; das Schweigen, das Verheimlichen, die Einsamkeit, die offensichtlichen Notmassnahmen, die nicht sofort eingeleitet wurden, fehlende Kompetenz. Sie, die von allen geachtete und verehrte Schriftstellerin, bleibt im grössten, erdenklichen Schmerz allein. Ihre Freundin, Fleur ebenfalls, im Ungewissen, einem aseptischen Zimmer isoliert, die Freundin Fleur ganz ähnlich. Ein Schmerz, der sich auch fünf Jahrzehnte nach der Tragödie nicht verflüchtigt hat. Ein Schmerz, der bei der Trauerfeier noch zementiert wurde, die Verstorbene entblöste.

So ist „Die letzten Tage von Ingeborg“ ein Buch der Sehnsucht, des Schmerzes, das fluide Nachspüren einer Freundschaft, in aller Feinheit formuliert, weit weg von Enthüllung und Sensation. Eine Mischung aus Tagebuch und Erinnerung, Empfindungen und Momenten, die sich nicht auslöschen lassen.

Für all jene, die die Bücher von Ingeborg Bachmann lieben, eine Liebeserklärung. Für all jene die Fleur Jaeggy kennen ein Zeugnis. Für all jene die Fleur Jaeggy nicht kennen, die Aufforderung mit dem Lesen ihrer Bücher zu beginnen!

Fleur Jaeggy ist eine schweizerische und italienischsprachige Autorin, Ex-Model, Intellektuelle, Mystikerin, inzwischen etwas über 80 Jahre alt, ehemals enge Vertraute Ingeborg Bachmanns, Witwe des Adelphi-Verlegers Roberto Calasso, heute lebt sie weitgehend zurückgezogen in Mailand. Ihr weltweit gefeiertes Werk umfasst Romane, Erzählungen und Geschichten. 2024 erhielt sie den Gottfried-Keller-Preis der Martin Bodmer-Stiftung für ihr Gesamtwerk und 2025 wurde sie mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet.

Barbara Schaden studierte Romanistik und Turkologie in Wien und München, arbeitete anschließend als Verlagslektorin und ist seit 1992 freiberufliche Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Italienischen. Sie hat u.a. Werke von Kazuo Ishiguro, Fleur Jaeggy, Nadine Gordimer und Elena Ferrante übertragen und ist dafür vielfach ausgezeichnet worden. Barbara Schaden lebt in München.

Beitragsbild ©

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp

Was Kunst schreibt, ist Kunst. Ob Lyrik wie in seinem letzten Lyrikband «Wü» oder wie im vorletzten Roman «Zandschower Klinken». Erst recht mit «Masleboi», einem Nicht-Roman, auch wenn das Etikett «Roman» auf dem Buch stehen muss. Masleboi ist ein Tripp in die Tiefen der Sprachkunst.

Vielleicht müsste man dem Buch einen Beipackzettel verpassen, auf dem vor dem Umgang mit dem Stoff gewarnt werden muss. Wer reine Unterhaltung erwartet, wird sich verwundert die Augen reiben, auch wenn GeniesserInnen literarischer Feinkost sehr wohl bestens unterhalten werden. Wer Spannung sucht, sieht sich mit den üblichen Massstäben enttäuscht, obwohl die Spannung eher vertikal zu finden ist, in der Art, wie Thomas Kunst sieht, denkt und sich treiben lässt. «Masleboi» ist ein Blindflug im Kopf des Dichters. Mit «Masleboi» sträubt sich der Dichter einmal mehr gegen Konventionen, scheinbar allgemeingültigen Vorstellungen, was Literatur zu sein hat. Weit weg vom Diktat, ein Buch, einen Roman mehr im Strom all dessen zu werden, was unter dem Titel «Autofiktion» veröffentlicht wird. Im Gespräch um die gegenwärtigen Strömungen (die alles andere wegzureissen drohen), diskutiert sich Thomas Kunst regelmässig in Rage. Mit Recht. Warum soll ausgerechnet das, was die Literatur kann, zu einem Einheitsbrei werden? Warum akzeptiert man in der Musik oder der bildenden Kunst all die Sonderlinge, macht aus ihnen Halbgötter, wenn sie sich gerade eben nicht einordnen lassen?

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp, 2026, 223 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43277-8

So kann man viel leichter beschreiben, was «Masleboi» nicht ist. (In einem Interview erzählt Thomas Kunst, er habe das Wort, das dem Buch den Namen gibt, von seinem Vater, der damals, als er Kind war, immer wieder von «Masleboi» sprach, einem der in der DDR damals alles Mögliche und Unmögliche besorgen konnte. Jetzt ist Thomas Kunst «Masleboi». Er besorgt mir all die Bilder, die nur er mir besorgen kann. Und er besorgt es mir ganz ordentlich.) «Masleboi» ist keine Geschichte, ein Sprachkunstwerk ohne Plott, ein Buch mit unendlich vielen skurrilen Bildern und Binnengeschichten, ein Tripp, der an Fellini erinnert, der nicht erklären und schon gar nichts beweisen will. «Masleboi» ist ein bisschen Utopie, ein bisschen Dystopie, manchmal Science-Fiction, machmal Perlenschnur, oft ein Geheimnis und immer ein Abenteuer. Bestimmt sind viele Bilder Versatzstücke aus dem Leben des Autors, so wie Schnappschüsse eines Autisten. «Masleboi» ist die Denkspur, die Thomas Kunst hinter sich zurücklässt. Eine faszinierende Welt aus Lichtblitzen und Schattenstücken.

Da lebt einer in Otchanganarriva, einem kleiner Ort im Nirgendwo. Er hat sich ein Haus gebaut aus Büchsen und Brettern, ein Haus mit Tisch, Bett und Briefkasten. Dosen als Trinkgefäße, Aschenbecher für Freunde, Gewürzbecher, Kerzenverstecke, Stifthalter, Muschelbüchsen, Zahnputzbecher und Pflanzentöpfe mit Trauermücken, Restnässeparadiese. Er verschanzt sich zuweilen darin, würde all die vollen Dosen auch zur Selbstverteidigung brauchen, auch wenn er wegen der abgelösten Etiketten nicht mehr weiss, was in den Dosen eingeschlossen ist. Neben all den Sonderlingen an diesem sonderbaren Ort wird auch in den untergegangenen und versenkten Schiffen vor der Küste gewohnt und gelebt. Es ist eine seltsame Welt, jener Ordnung enthoben, in der die Realität zu ersticken droht. Der Erzähler ist nicht allein. Da geistert Masahlena herum, ein geisterhaftes Wesen – und natürlich eine Katze, das Pinguinmädchen. Er lebt von in Epoxidharz eingelegten Insekten, verkauft sie als Bernsteinschmuck.

«Masleboi» ist für jene, denen Sprache mehr ist als Transportmittel. «Masleboi» ist Kunst.

Rezension zu «Zandschower Klinken» auf literaturblatt.ch

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein «gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen» (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Lande.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Svenja Leiber «Nelka», Suhrkamp

Jahrzehnte nach dem Krieg kehrt Nelka an den Ort zurück, an den man sie als 16-jährige von Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine, in den Westen verschleppt hatte. Zurück auf ein Gut in Schleswig-Holstein, auf dem sie während dem Krieg Zwangsarbeit zu leisten hatte. Dorthin, wo sich ihre Vergangenheit unauslöschlich in ihre Seele eingegraben hatte.

Svenja Leiber erzählt nicht nur die Geschichte einer Zurückgekehrten, von einer, die nach etwas Verlorenem sucht. Sie erzählt auch von Marten, jenem Gutsverwalter, der während des Krieges mit aller Selbstverständlichkeit die Dienste dutzender Zwangsarbeiter in Anspruch nahm, um dem Plansoll der nationalsozialistischen Maschinerie zu genügen – und die eigene Tasche zu füllen. Svenja Leiber erzählt von einer jungen Frau, der man die Heimat nahm, die man in ein fremdes Leben steckte, über deren Leben man verfügte. Von einer alt gewordenen Frau, die an den Ort zurückkehrt, der sie maximal von ihrer Familie, ihrem Umfeld entfernte und ebenso maximal auf ihre eigene Existenz zurückwarf. Einen Ort, der ihr die Zeit nahm, an dem man sie zu brechen versuchte, an dem aus Menschen Material wurden. Svenja Leiber hätte aus dieser Geschichte, der Dramaturgie ihrer Inszenierung einen grossen Showdown machen können, den Rachefeldzug einer alten Frau, die Gerechtigkeit will. Aber Svenja Leiber erzählt eine ganz andere Geschichte. 

Nelka muss noch einmal zurück, um sich zu verabschieden, um jener Zeit nachzuspüren, in der man ihr alles genommen hatte und zugleich eine Richtung gegeben, derer sie sich niemals mehr widersetzen konnte. Noch einmal zurück, um jenen Menschen zu gedenken, die sie zurücklassen musste, die ihr damals die Kraft schenkten, ihr eigenes Schicksal zu tragen. Jener Mann, der noch immer auf diesem Hof die Fäden zieht und dem Besuch der alt gewordenen Frau mit Argwohn und Befürchtungen entgegenschaut, ist für Nelka nicht das Ziel ihrer Reise. Aber Svenja Leiber schildert den Kampf, den sein Gewissen auszustehen hat, die Angst, mit der er sich seit den Briefen, die bei ihm eingetroffen sind, auseinandersetzen musste. Nichts ist vergessen, nichts ist ausgestanden.

… welche Frau musst nie ihren Körper einsetzen, um was zu bekommen. Das lernen wir ja als Erstes in dieser verdorbenen Welt. Sechs Zigaretten gab es.

Svenja Leiber «Nelka», Suhrkamp, 2026, 200 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-518-43276-1

Der Krieg tobt. Nelkas Vater ist Pomologe und führt seine Tochter schon früh in die Kunst des Obstbaus, der Veredelung ein. All die Namen der Apfelsorten werden zu einem Stück ihrer Welt, so wie Nelkas Familie all das ausmacht, was das grosse Mädchen in der Stadt zu ihrem Leben macht, in sich aufsaugt. Umso drastischer der Moment, als man sie dieser Welt entreisst, einer Familie, die ihr alles bedeutet, einer noch ganz zaghaften Liebe zu einem jungen Mann. Als man ihr von der Strasse weg ihr Leben nimmt und sie in einen Güterwagen steckt, in Durchgangslagern drangsaliert und sie die Willkür eines faschistischen Machtapparats an den Hof eines Grossbauern spült. Durch Zufall erfährt dieser vom Wissen der jungen Frau, jener Gutsverwalter, der in den Wirren des Krieges seinen Hof neu ausrichten muss, der mit der Fortdauer des Krieges genau spürt, dass das Tausendjährige Reich nicht so lange dauern wird, dass es eine Zeit nach dem Krieg geben muss.

Nelka wird von ihren Freundinnen, die sich auf dem Gut zu Tode schuften, weggeholt, in eine Kammer im Verwalterhaus. Dort ist sie nicht nur Martens Nachstellungen und Kontrolle ausgesetzt, sondern auch dem Misstrauen Martens Ehefrau. Nelka wird zur persönlichen Sklavin, jenen Herrenmenschen untertan, denen eine Ideologie der Menschenverachtung jedes Recht gibt. So wie der Obstbauer den Apfel veredelt, so edelt die Rassenlehre der Nazis den Menschen der Zukunft. 

Für das Erinnern ist die Zeit gleichgültig, alles wird Bild. Aber es gibt Lücken. Und sie weiss, sie hat den Rand des Bildes noch nicht erreicht.

Nelkas Geschichte ist exemplarisch für die Millionen Menschen, die damals wie heute unter dem Zwang einer menschenverachtenden Ideologie Zwangsarbeit leisten müssen. Für die es keine Menschenrechte gibt. Svenja Leiber erfährt, dass Obstbäume in ihrer eigenen Heimat damals von „Ostarbeiterinnen“ gepflanzt wurden, von Zwangsarbeiterinnen, Verschleppten. Svenja Leiber gibt jenen Menschen und ihren Schicksalen ein Gesicht. Sie spürt nach. „Nelka“ ist mit dermassen viel Zartheit erzählt, Svenja Leibers Sprache zurückhaltend, einfühlend und glasklar, dass mich die Musik ihrer Sprache ebenso sehr berührt wie die Geschichte selbst. Keine Spur von Effekthascherei, dafür Zeugnis von Geschichte, die allzu schnell sprachlos macht. Grosse Literatur!

Interview

Wir leben überall in den Hinterlassenschaften der Geschichte. Jeder Quadratmeter, auch wenn dort „nichts“ steht, nichts direkt erinnert, ist von Geschichte durchdrungen, von Menschenschicksalen, die vergessen sind, manchmal einfach durch den Lauf der Zeit, manchmal aus purer Verdrängung. Ihnen haben die Obstbäume in ihrer Heimat eine Geschichte erzählt. Warum hören wir meistens nicht hin?

Ich kann an dieser Stelle nur mutmaßen. In meinem Fall nimmt das Hinhören zu, je umfangreicher mein historisches Wissen wird. Es muss eine Grundlage geben, die einen winzigen Hinweis, ein Detail, überhaupt als historisch relevant erkennbar macht. 
Gleichwohl ist die Kraft der Verdrängung in der Tätergeneration offenbar immens gewesen. In Anbetracht der Schrecklichkeit der Verbrechen im letzten Jahrhundert kann ich das sogar nachvollziehen. Immerhin, und darin liegt für mich auch ein gewisser Trost, ahnt der Mensch, welcher seine Taten verdrängt, im Grunde offenbar doch, dass es Unrecht war. Für mich ist es wichtig, auf diese tiefste Schicht in den Menschen doch weiterhin zu setzen. 

Während des zweiten Weltkriegs funktionierte die deutsche Kriegsmaschinerie nur deshalb so lange reibungslos und effektiv, weil Millionen von Menschen gezwungen wurden, für ein menschenverachtendes Regime bis zur tödlichen Erschöpfung zu schuften. Etwas, was auch heute geschieht. Nelka hat überlebt und mit ihr die Kraft, an jenen Ort zurückzukehren, der ihr so viel genommen hat. Warum liegt ihr nichts an Rache?

Mein Gedanke war, dass sich Nelka mit einer wie auch immer gearteten Rache letztlich auf das Niveau ihres Unterdrückers begeben, und diesem «Drang nach Härte“*, der den Faschismus geprägt hat, Raum gegeben hätte.
Sie will jedoch etwas anderes. Sie will Erinnerung, will die Hoheit über ihre eigene Geschichte zurück, und der Täter soll, indem er sich ebenfalls erinnert, diese Geschichte bezeugen. Es geht dabei um nichts weniger als um die Würde eines Lebens. In diesem Licht wäre Rache – Nelka weiß selbst in einem Moment des Romans, dass ihr Gegenüber diese Rache sogar erwartet – hinderlich.

aus dem Dorf, in dem Svenja Leiber z. T. aufgewachsen ist © privat

Ist es nicht, wenn es denn überhaupt eine Aufgabe der Literatur gibt, Motivation vieler Schreibender, uns zur Erinnerung zu zwingen? Und ist es nicht fatalerweise so, dass genau jene unerreichbar bleiben, die Erinnerung dringend bräuchten? Wo bleibt das historische Bewusstsein jener, die unter wehenden Fahnen schreien?

Ich möchte niemanden zwingen. Ich wünsche mir eher, mit diesem Roman Menschen an einer Stelle zu erreichen, wo sie sich mit diesem jungen Menschen, Nelka, identifizieren oder jedenfalls gefühlsmäßig verbinden. Und im Grunde sogar auch mit dem Täter, Marten. Denn am Ende muss er einsehen, dass er sein kostbares Leben vielleicht vertan hat. Eine furchtbare Einsicht. 
Und das bedeutet auch, die rechten Schreienden dieser Tage schaden in erster Linie sich selbst… 
Ich bin aber der Ansicht, dass man ihnen, wo man aufeinandertrifft, immer weiter mit der Wahrheit über die Geschichte und die Fragen der Gegenwart entgegentreten muss. Denn ein Zug rechtsradikalen Denkens liegt im Hang zur Lüge. Die darf so nicht stehen bleiben.

Viele Szenarien in ihrem Buch erinnern mich an filmische Einstellungen. Emotionen in Cinemascope. Eine Kameraführung ganz nah an den ProtagonistInnen. Und doch in keiner Weise voyeuristisch. Vieles in ihrem Roman hat mit dem Gegensatzpaar Nähe/Distanz zu tun. Wie schafft es eine Person wie Nelka trotz allem ihre Mitte nicht zu verlieren?

Nelka ist als Figur ein Körper, der von den Strömen der kapitalistischen und libidinösen Ökonomie durchzogen ist, was beides Elemente des Faschismus waren und sind. In der Welt der damaligen Deutschen ist sie ein Objekt, ein „ Arbeitswesen“, ein Besitz. Sie wird zweifach begehrt, ökonomisch und sinnlich. Sie selbst kommt aber aus einer gänzlich anderen Welt, buchstäblich aus einem Garten, der, wenn man es genau liest, dem „Paradies» sehr nahe kommt. Ihre Mutter heißt Jeva… Was meine ich damit? Nelka bezieht ihre Resilienz aus dieser Herkunft, aus ihrer Erziehung, die von Liebe und Sanftmut geprägt war. Sie bezieht sie gleichsam aus der „Mitte“, aus dem Herzen. Nur so kann sie in extremen Momenten die Balance halten. 
Selbstverständlich ist mir bewusst, dass viele der damals Verschleppten und Ausgebeuteten eine solche Herkunft gar nicht hatten. Ich dichte sie dieser Figur an, denn mir schien, ich habe die Verantwortung, das Maß an Leid, das ich ihr in dieser Geschichte ja zumuten muss, irgendwo auszugleichen und auch den Lesenden einen Ausweg anzubieten.

aus dem Dorf, in dem Svenja Leiber z. T. aufgewachsen ist © privat

Erinnern ist ein Akt, der in ganz verschiedenen Tonlagen und Farbspektren geschehen kann. Sie beschreiben das an vielen Stellen. Nelka erinnert sich ein ganzes Leben an Yasha, die Projektion einer ersten grossen Liebe. Nelka erinnert sich auch jahrzehntelang an Marten, den Verwalter. Und an Margaryta und Schura, zwei Gefährtinnen, die mit ihr verschleppt wurden. Wie trifft man die richtigen Farben, den richtigen Ton? Muss man sich in die Tonart langsam hineinschreiben?

Tatsächlich lerne ich im Schreiben die Figuren ja selbst erst kennen. Ich denke sie mir nicht im Vorhinein aus, sie steigen eher langsam aus dem Material herauf, das ich angesammelt habe und das sich auch schon ein wenig in mir abgelagert hat. Und dann komme ich mit ihnen ins Gespräch, tatsächlich rede ich mit ihnen, oder lasse sie in meinem Kopf reden. Und ich gehe ihre Wege. Und irgendwann fange ich an, anderen Menschen z.B. von Nelka zu erzählen, als würde ich sie eben kennen. Dann weiß ich, sie ist da, sie hat Gestalt angenommen. Und jedes Mal begeistert mich dieser Moment, denn das ist unsere Sprache, das kann sie!

(*Eva von Redecker)

Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und verbrachte als Kind einige Zeit in Saudi-Arabien. Sie studierte Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte, debütierte 2005 mit dem Erzählungsband Büchsenlicht, 2010 folgte der Roman Schipino. Im Suhrkamp Verlag erschien 2014 Das letzte Land, 2018 Staub und 2021 Kazimira. Svenja Leiber lebt und arbeitet in Berlin und Schleswig-Holstein.
 
Beitragsbild © Ulf Aminde/Suhrkamp Verlag

Jina Khayyer „Im Herzen der Katze“, Suhrkamp

Jina Khayyer stand mit ihrem Debüt „Im Herzen einer Katze“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2025. Ein Buch, das gleichermassen aufwühlt wie verunsichert. Ein Buch, das LeserInnen mit Sicherheit aus der Komfortzone lockt und Fragen aufdrängt, die man eigentlich nur ungerne zulassen will.

Dass uns vieles an der Welt sprachlos zurücklässt, daran scheinen wir uns gewöhnt zu haben. Vielleicht auch eine natürliche Reaktion darauf, dass vieles unbegreiflich erscheint, unlösbar, durch fast nichts mehr zu korrigieren. Sprachlosigkeit einhergehend mit Tatenlosigkeit. Aber wenn ich dann durch die Lektüre eines Buches gezwungen werde, mich Tatsachen zu stellen, die Menschen zu Tausendenden nicht nur die Freiheit, sondern das Leben kostet, dann kann Lesen beinahe unerträglich werden. 

Jina Khayyer stammt aus dem Iran. Einem Land, das von Mullahs, bärtigen Männern regiert wird, das sich im Würgegriff einer Form des Islams befindet, willkürlicher Macht, die auf dem Rücken all derer zementiert wird, die sich dem Regime widersetzen und nicht akzeptieren wollen, dass das Recht auf Freiheit, Meinungsäusserung mit Füssen getreten wird. Am allermeisten leiden Frauen darunter, eine ganze Generation, die in den Medien mitansehen muss, wie auf der anderen Seite der Grenzen weibliche Freiheit gelebt werden kann, deren Mütter in Zeiten des Aufbruchs, als mit dem Wahlsieg Mohammad Chātamis bei den Präsidentschaftswahlen 1997 mit einem Mal Presse- und Bewegungsfreiheit möglich schienen und Frauen sich unverhüllt, geschminkt und in voller Haarpracht in den Strassen der Metropolen bewegten.

Jina Khayyer «Im Herzen der Katze», Suhrkamp, 2025, 253 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43248-8

Die Autorin lebt und wirkt in Deutschland. Ein grosser Teil ihrer Familie lebt aber noch immer im Iran, allen voran ihre Schwester, die einen Iraner heiratete und durch nichts aus diesem Land zu vertreiben ist. Über ihre sozialen Kanäle erfährt die Erzählerin dieses Romans, dass in den Strassen von Teheran eine junge Frau mit gleichem Vornamen wie sie von Sittenwächtern umgebracht wurde. Der Mord an Jina Mahsa Amini am 16. September 2022 wird der Anfang einer weiteren, blutigen Revolte gegen ein Regime, das sich mit ebenso massloser wie gezielter Gewalt an der Macht zu halten versucht. Jina in Deutschland muss aus der Ferne zuschauen, wie sich auf dem Bildschirm manifestiert, was nicht einmal in den wüstesten Träumen vorstellbar ist. Obwohl es Dank des Mutes vieler Verzweifelter immer wieder zu Kundgebungen und einem Aufflammen der Revolte kommt, macht das iranische Regime mit aller Härte klar, dass vor nichts zurückgeschreckt wird, auch nicht vor öffentlichen Hinrichtungen von Menschen, deren Vergehen einzig und allein die Hoffnung auf Freiheit war.

Jina Khayyer erinnert sich an eine Reise in ihr Ursprungsland, als sie als junge Frau für kurze Zeit in den Schoss ihrer grossen Familie zurückkehrte, als sie als westlich sozialisierte Frau mit einem Schleier verhüllt mit dem Auto eine Reise durch den Iran unternahm. Eine Reise durch ein einst blühendes, buntes, kulturell vielfältiges Land mit vielen Sprachen und ebenso vielen Ethnien. Durch ein Land, das aber schon damals nur noch ein Schatten seiner selbst war, in der Angst erstarrt, kontrolliert von bärtigen Männen, die ihre Kalaschnikows ganz offen tragen und nur schon durch einen „falschen“ Blick provoziert werden können. Und wer, vor allem als Frau, erst recht als junge Frau, einmal in die Mühlen dieses Machtapparts gelangt, entkommt ihm kaum mehr unverletzt in Geist und Seele.

„Im Herzen einer Katze“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Road-Tripp. Ein Höllentripp! Nichts für zarte Seelen, die sich nicht in der Lage sehen, der Fratze des lachenden Unrechts ins Gesicht zu schauen. Auch wenn der Roman seine Längen hat und damit vielleicht die scheinbare Idylle in der Quarantäne einer Familie zeigen will, ordnet die Autorin auf beeindruckende Weise, was in seiner Gesamtheit fast nicht zu ertragen ist. Immer wieder blitzt die arabische Kunst des Fabulierens, der blumigen Erzählung auf, der Weisheit in einer Sprache, die schon über viele Jahrhunderte ihre Blüten trägt und auch durch die graue Gegenwart nicht auszulöschen ist.

Mit Sicherheit war die Nominierung zum Deutschen Buchpreis auch ein Signal, ein Manifest, ein Zeichen. Ein Zeichen, das unmissverständlich ist und an all jene gerichtet ist, die sich den gegenwärtigen Verhältnissen im Iran strategisch verschliessen.

Jina Khayyer ist Schriftstellerin, Dichterin, Malerin und Journalistin. In Deutschland geboren, iranischer Abstammung lebt und arbeitet sie seit 2006 in Paris und in der Provence. Sie ist Autorin für die Zeitschriften ‚The Gentlewoman‘, ‚Fantastic Man‘ und ‚Apartamento‘. Zuletzt wurden ihre Gedichte und Zeichnungen in der Kunsthalle Baden-Baden im Rahmen der Gruppenausstellung SEA AND FOG (2024) ausgestellt. «Im Herzen der Katze» ist ihr Romandebüt und stand in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2025.

Sprachsalz 2025 – das Salz in der Ursuppe der Literatur

Was ist für sie das Salz in der Suppe? Für die einen mag es der Erfolg im Beruf sein, die Anerkennung, der Applaus, für andere die Momente der Verzückung, das fluide Glück, oder die Begegnung mit Menschen, bis zur Unmittelbarkeit. Sprachsalz, ein grossartiges Literaturfestival in Kufstein im Tirol bietet an drei Tagen die Gelegenheit, der Literatur so nahe zu kommen, wie sonst kaum: Einzige Voraussetzung; man muss sich aufmachen.

Dacia Maraini, eine der Grossen der italienischen Literaturszene, eine unermüdliche Kämpferin, nicht nur in der Literatur mit ihrem Buch „Ein halber Löffel Reis“, ein autobiographischer Roman über ihre Gefangenschaft als Kind zusammen mit ihrer Familie in einem japanischen Internierungslager während des zweiten Weltkriegs oder die japanische Autorin Mieko Kawakami, von deren deutscher Erstveröffentlichung „Brüste und Eier“ der japanische Grossmeister Maruki Murakami meinte So grossartig, dass es mir den Atem raubt oder der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew, der 2022 mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sein Heimatland verlassen musste und seither in Berlin lebt und mit blitzgescheiten und scharfzüngigen Büchern wie „Der grosse Gopnik“ zu Lebzeiten Putins wohl nie mehr einen Fuss in sein Heimatland setzen kann – um nur drei von einer langen Liste grosser Namen aufzuzählen. Wie jedes Jahr glänzen die internationalen Literaturtage in Kufstein im Tirol mit einem überzeugenden Mix aus grossen Namen, wichtigen Themen und Autorinnen und Autoren, denen die grosse Bühne endlich die Gelegenheit bietet, sich einem breiteren Publikum zu zeigen.

Mieko Kawakami © Yves Noir / Sprachsalz

Wer die Liste aller bisher ins Sprachsalz eingeladener Künstler*innen liest, ist schwer beeindruckt. Da findet sich fast alles, was ein literaturinteressiertes Herz in Wallung bringt. Erstaunlich, was das Team um den Festivalgünder, Autor, Komponist und Musiker Heinz D. Heisl seit fast einem Vierteljahrhundert aus dem Boden stampft; ein Fest der Literatur, ein Tummelplatz für all jene, denen die Literatur, das Buch, die Kunst, die Musik Türöffner zu etwas viel Grösserem sind, zu einer Welt, die all jenen verborgen bleibt, die bloss im Hamsterrad des Alltags rennen. So sehr sich der Inn in Kufstein von seiner abweisenden, distanzierten Seite zeigt, einem bewusst wird, wie bedrohlich gefährlich dieses milchig weisse Wasser werden kann, wie hoch die Mauern zu seiner Bändigung sind, so nah wird mir die Kunst, die Welt aus Leidenschaft, Poesie und Erzählkunst im Kultur Quartier, einer Festivallocation, die alles bietet, was ein Festivalpublikum braucht; stimmige Räume, in denen man sich dem Sound der Sprache hingeben kann, ein Festivalzentrum für Begegnungen, Gespräche, ganz nah einem leckeren Kaffee, einem guten Glas Wein. Da sitzt sogar einer an einer kleinen Hermes Reiseschreibmaschine und schreibt, tippt mit grünem Hut und seinem Zeigerfinger. Marco Kerler, Dichter aus Deutschland, schenkt jedem, der sich auf den Stuhl neben ihn traut, ein Poem, ein Gedicht, ein Unikat, witzig, hintersinnig, kitschig, romantisch, um es nachher, eine Treppe tiefer vor der Linse festzuhalten. Da wird Literatur zu einem Stück von mir. Ich nehme sie nicht nur in meinem Herzen mit nach Hause, sondern mir fast unmittelbar auf den Leib geschnitten.

Franz Hohler © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Wie ich ihn mag, den alten Mann, der mittlerweile leicht gebeugt, die Bühne besteigt und mit dem Alter ein sympatisches Weilchen braucht, bis er wie immer kluge Antworten gibt. Nicht nur für Schweizer ist Franz Hohler ein beinah kulturhistorisches Urgestein. Wenn er hinter dem Stehpult seine Geschichten vorträgt, dann strahlen Gesichter wie die von Kindern. Man applaudiert aus purer Freude. Franz Hohler ist ein Geschenk. Auch wenn sich der Künstler als Kaberettist zur Ruhe setzte: er weiss, wie er seine Texte in Szene setzen, wie es sich selbst als Instrument seinem überaus aufmerksames Publikum zuwenden muss.

Durs Grünbein © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

So ganz anders der Sprachkünstler Durs Grünbein, schon vor 30 Jahren mit dem bedeutensten Preis der deutsprachigen Literatur geehrt, dem Georg-Büchner-Literaturpreis, mit seinem Dresden-Epos „Der Komet“, einem Erinnerungsroman an seine Grossmutter, die die Vernichtung der Stadt im Februar 1945 erleben musste. Die Geschichte einer jungen Frau, die hoffnungsvoll in die grosse Stadt zieht, den Mann fürs Leben findet, um unter den amerikanischen Bomben, die die Stadt in Schutt und Asche legen, ihr Leben in Trümmern sieht. Ein Roman, der angesichts der Weltlage aktueller nicht sein kann.

Johan Harstad © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Johan Harstad besuchte Kufstein mit seinem fast 1200 Seiten schweren Roman „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, ein Schwergewicht der norwegischen Literatur, ein Roman zwischen den Zeiten, zwischen Coming-of-Age und Agenten- und Wissenschaftsgeschichte, ein Roman vom ganz Grossen und ganz Kleinen. Schade, dass am Festival auf der Bühne nicht mehr diskutiert und ausgetauscht wurde. Nicht nur den Besucher*innen des Festivals hätte sich noch viel mehr erschlossen. Auch den eingeladenen Künstler*innen wäre diese Auseinandersetzung mit ihren Büchern zu gönnen gewesen.

Weitere Gäste waren die vielfach ausgezeichnete Dichterin und Romanautorin Ulrike Draesner, Yannic Han Biao Federer mit zwei berührenden Romanen über Verlust, Hanspeter Düsi Künzler mit einem Roman zwischen Nikotin und Soul, der Wörterfabrikant und Vokabeljongleur Stephan Tikatsch und die Dichterin und bildende Künstlerin Erika Wimmer Mazohl.

Matthias Schönweger © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Der Südtiroler Matthias Schönweger, Aktionskünstler, Sprachjongleur, Literaturperformer beschliesst das diesjährige Festival. Ein Mann, dessen Leben ganz Kunst ist, dessen Aufritte jedesmal Inszenierung sind, der mit jeder Faser verspielte Lebensfreude ausstrahlt, dessen Bücher zu Kunstwerken, Nachzeichnungen seiner Gedankenwelt, Spielwiese seiner grenzenlosen Fantasie sind. Ein Mann, dem ich schon in seiner Heimatstadt Meran begegnete, dessen Herzlichkeit und Nähe sich unauslöschlich einbrannte. Sprachsalz zeigte den Film «MENSCH, msch!», der Einblicke in sein Schaffen, seine Archive und seine Denkbewegungen gewährt. Matthias Schönweger ergänzt mit einer seiner legendären Performances.
Sprachsalz 2025 war ein Ereignis! Mit viel Leidenschaft perfekt organisiert, volle Säle, zufriedene Gesichter. Ein prickeldes Vollbad in der Literatur. Schon jetzt ein Fixpunkt in meinem Kalender für den Frühherbst 2026.

Danke!

Viktor Jerofejew © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Titelfoto: Dacia Maraini © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Ulrike Edschmid «Die letzte Patientin», Suhrkamp

Ulrike Edschmid schreibt keine epischen Romane. Ihre Texte sind eingedampfte Literaturkonzentrate, obwohl auch sie in den etwas mehr als hundert Seiten fast ein ganzes Leben erzählt; die Geschichte einer Frau, die ihre Grenzen auslotet, auch darüber hinaus.

Eine ältere Frau wird über Jahre zur Therapeutin einer jungen, traumatisierten Frau. Obwohl die Patientin jede Woche einmal in ihrer Praxis sitzt, dauert es Jahre, bis die junge Frau zaghaft zu sprechen beginnt, erst nachdem sich die beiden lange Zeit über Augenzeichen verständigten. Die junge Frau trägt ein tiefsitzendes Trauma mit sich herum, eine offene und doch unsichtbare Wunde.

Sie war nicht die Tochter, die ihre Mutter sich wünschte, und würde es auch nie sein. Sie schaffte es nicht, einen Mann an sich zu binden, sie würde keine Kinder haben, keine Familie, und sie hatte keinen Beruf. Sie war nichts, nichts als eine Enttäuschung.

Ulrike Edschmid erzählt aber in erster Line das bewegte Leben der Therapeutin. Was macht uns zu dem, was wir sind? Wir sind alle in der einen oder anderen Weise verwundet. Nur haben die einen das Glück, dass sich die Wunden schliessen und man mit den Narben leben kann. Die Erzählerin wird nach Barcelona gerufen, ans Sterbebett ihrer Freundin, die in der Stadt bis kurz vor ihrem letzten Gang ins Spital Traumatherapeutin war. Die junge Frau wird die letzte Patientin der krebskranken Therapeutin. Die Geschichte erzählt eine namenlose ehemalige Mitbewohnerin und Freundin der Kranken. Sie versucht zu verstehen, warum die Freundin schlussendlich jenen Beruf ausübte und zu der wurde, die sie war. Die letzte Patientin, die junge traumatisierte Frau, heisst im Buch, in den Therapieprotokollen nur N., N. wie Niemand. Wann ist man jemand? Was braucht es, damit wir gesehen werden?

Ulrike Edschmid «Die letzte Patientin», Suhrkamp, 2024, 111 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-518-43183-2

Als die sterbenskranke Therapeutin jung war, schien alles offen, dem Leben der jungen Frau keine Grenzen gesetzt. Der Einzug damals in der WG war eine Flucht, eine Flucht vor der Enge in ihrer Familie. Die Frauen freunden sich an, obwohl sich ziemlich bald abzeichnet, dass die Lebensentwürfe der beiden Frauen unterschiedlicher nicht sein könnten. Während die Erzählerin bleibt, bricht die Freundin auf eine Jahrzehnte dauernde Reise auf. Eine Reise mit geographischen Markierungen, über Barcelona, von dort über Mexico City und Guatemala nach Costa Rica, Bolivien, Paraguay und Argentinien. Keine Suche nach Sehenswürdigkeiten, sondern eine Suche nach Liebe und Geborgenheit. Es reiht sich Verliebtheit an Verliebtheit, Mann an Mann, Leben an Leben. Aber sie findet nicht, wonach sie sucht, was sie nicht einmal zu formulieren im Stande wäre.

Sie fürchtet sich vor ihrer eigenen Rastlosigkeit, der sie einzig entgehen könne, wenn sie ständig die Orte wechsle und sich nicht mit dem nächsten Tag beschäftige.

Eine Getriebene, eine Suchende, eine Unruhige. Bis sie nach langer Zeit nach Barcelona zurückkehrt und dort eine Praxis eröffnet. Sie, die fast ein ganzes Leben brauchte, um festen Boden unter den Füssen zu finden, will jenen den Boden zurückgeben, die den ihren verloren. Sie, die Bindung und zu offensichtliche Nähe genauso schlecht ertragen konnte wie Einsamkeit und Alleinsein, sitzt Menschen gegenüber, denen es äusserst schwer fällt, einen Platz in der Gesellschaft, im Funktionieren zu finden.

Wann wird man vom Niemand zum Jemand? Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Masse fast alles tut, um einmal an der Oberfläche zu schwimmen. Man setzt alles daran, um seiner selbst ein Zeichen zu setzen. Während die einen eingeschlossen sind in Fremdverschuldetes, finden andere den Abzweiger nicht, um aus den Hamsterrädern der Gegenwart zu springen.

Heilung beginne, sagt sie, wenn eine Sprache gefunden werde für das, was als gestaltloses Dunkel unaussprechlich und in seiner formlosen Existenz nicht zu fassen, nicht zu begreifen, nicht zu benennen und nicht zu beweisen ist.

Ulrike Edschmids Roman ist mit klarem Strich gezeichnet, fast unterkühlt und doch mit Leidenschaft. „Die letzte Patientin“ ist ein Manifest gegen die scheinbare Normalität. Es gibt sie nicht. Es geht Ulrike Edschmid aber auch nicht um Versöhnung mit biographischer Unruhe. Sie protokolliert einen Weg, Stationen des Wachsens, die lange Suche einer mutigen Frau, dass die Antworten nicht im Gegenüber liegen. Ein starkes Buch!

Ulrike Edschmid, 1940 in Berlin geboren, studierte u.a. an der Deutschen Film- und Fernsehakademie und arbeitete als Lehrerin. Für ihre autobiographisch grundierten kurzen Romane wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. 2013 mit dem Preis der SWR-Bestenliste für ihr Lebenswerk.

Beitragsbild © Lukas Hemleb/Suhrkamp Verlag

Urs Faes «Sommerschatten», Suhrkamp

Urs Faes erzählt in „Sommerschatten“ von einem Paar, einer Liebe. Durch einen Unfall sieht er nicht nur das bedroht, was zwischen ihnen war, auch sein Selbstverständnis, das er mit einem Mal kippen sieht. „Sommerschatten“ ist mit derart viel Wärme erzählt, das mich die Sprache umarmt!

Der Erzähler hat sich eine Auszeit in einem kleinen Rebhäuschen im Schwarzwald genommen. Auf dem Weg mit dem Auto dorthin erreicht ihn ein Anruf, Ina, seine Liebe, sei beim Freitauchen lebensbedrohlich verunfallt, sie werde ins künstliche Koma versetzt und niemand könne voraussagen, wie sich der Zustand der Patientin entwickeln werde. Er fährt in die Klinik, darf Ina aber nicht besuchen, muss sich gedulden, weil sie Ruhe brauche. Mit einem Mal ist alles anders. Ausgerechnet sie, die die Aktive, die Fordernde, die Bewegte, die Unruhige in ihrer Liebe war, ausgerechnet sie liegt intubiert auf dem Rücken zur inneren und äusseren Bewegungslosigkeit verdammt. Ausgerechnet zwischen ihnen, denen Sprache, Sätze oder nur ein einzelnes Wort viel mehr waren als blosser Austausch, ist mit einem Mal die gläserne Glocke des Schweigens überstülpt.

„Sommerschatten“ ist der Roman einer Findung, einer Zurechtfindung, einer Sprachfindung für ein Paar, dem man die Stimme genommen hat, beide auf ihre Art zu verstummen drohen, sie durch den Unfall, das künstliche Koma, er durch die Angst, dass es nie mehr so werden würde, wie es einmal war. Und er, weil er sein Gegenüber verliert, ihre Nähe, ihren Blick, die Berührungen, das, was durch ihr Cellospiel, ihr Tanzen, ihren Bewegungsdrang, ihre Freude, ihre Liebe mehr und mehr den Mittelpunkt seines Lebens ausmachte, eines Lebens, das niemals das geworden wäre, hätte er sie damals nicht kennengelernt.

Urs Faes «Sommerschatten», Suhrkamp, 2025, 155 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-518-43224-2

Freitauchen oder Apnoetauchen. Ina liebt den Sport. Diesen ganz stillen Weg in die Tiefe oder in die Distanz, in die zeitliche Distanz, dorthin, wo die Zeit aufhört, über die Grenzen des Schmerzes hinaus. Ina ging es nicht bloss um Rekorde, um ein Limit. Ina liebte dieses ganz eigene Eintauchen in ihr Leben, die Stille, das Ausloten, diesen Schmerz, der auf der anderen Seite der Grenze zu Euphorie, zu einem Rausch wird. Sie wusste um das Risiko. Aber sie brauchte diese Portion Risiko, um sich ihrer Lebensfreude zu versichern, um das Auftauchen zu einem Akt des Erwachens zu machen, einem Erwachen drohender Routine. 

Bis zu diesem einen Tag, als man sie aus dem Wasser holte, als die Rettung gerufen werden musste, als jene letzte Grenze für einen Moment zu lange überschritten wurde und es drohte, kein Auftauchen mehr zu geben. Bis Ina aus dem Leben gerissen wurde und sich der Erzähler mit dem grossen Schweigen konfrontiert. 

„Sommerschatten“ ist mehr als eine Geschichte. Wäre es Urs Faes um die „gute Geschichte“ gegangen, hätte man der Story mit Leichtigkeit mehr Pepp beifügen können. Aber Urs Faes geht es, wenn überhaupt um Dramatik, dann um die innere. Urs Faes schreibt ganz nah am Seelenzustand des Erzählers. Und doch weder in einer Nabelschau noch in einem lyrischen Erguss an Seelenbefindlichkeiten. Obwohl der Roman eine stark lyrische Komponente hat, ist es der sprachliche Pinselstrich des Autors, der mich bei der Lektüre berauscht und beeindrukt. Seine ganz eigene Kunst des sprachlichen Freitauchens, manchmal bis an die Schmerzgrenze, wenn Urs Faes formuliert, als gäbe es nur seine Sprache, wenn Klang und Rhythmus das Erzählen bestimmen. In einem Interview erzählt Urs Faes, dass er mehr als ein Dutzend Mal seinen Roman überschreibt, als würde er immer und immer wieder seinen Melodien zuhören, bis jeder Ton sitzt, jeder Rhythmus stimmt. In „Sommerschatten“ malt der Autor, spielt ein ganzes Orchester. Wer sich auf seine Sprache einlässt, wird reich beschenkt. „Sommerschatten“ macht glücklich, legt sich wie eine warme Decke um meine Schultern, ist genau das, was es in einer Zeit braucht, in der uns die Superreichen erklären, dass die Welt mit Empathie nicht zu retten sei.

Urs Faes, 1947 geboren, lebt und arbeitet in Zürich. Seine Werke wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Schweizerischen Schillerpreis und dem Zolliker Kunstpreis. Seine Romane «Paarbildung» und «Halt auf Verlangen» standen auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis.

Urs Faes liest an den Weinfelder Buchtagen.

Urs Faes auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Beitragsbild © Jürgen Bauer