Ahojana 6 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus Sasselin von Owida N. Woiax

Der Hitze zum Trotz trägt der bärtige Alte unbeirrt seine schwere Krone. Dabei müssen unter dem roten Samt, mit dem das goldene Gestell ausgefüllt ist, Temperaturen herrschen, die das Hirn zumindest schmoren lassen, wenn nicht gar frittieren. So warm wie heute war es in diesem Sommer noch nie, fast vierzig Grad zeigt das Thermometer. Ich stehe im Schatten eines Pflaumenbaums, der alle paar Sekunden kleine, vor der Reife verdörrte Früchtchen fallen lässt. Kraftlos rascheln sie durch trockene Blätter zu Boden.
Wer frei nehmen konnte, ist heute an die Küste gefahren, wo einem die Winde des Ozeans den Schweiß von der Haut streicheln. Auch der Gekrönte leidet unter der klyteps, wie man solche Temperaturen auf Lemusisch nennt. Er hat die Schuhe ausgezogen, die Hosen hochgekrempelt und sich auf den Rand des mit geheimnisvollen Meeresfrüchten geschmückten Brunnens im Zentrum von Sasselin gesetzt. Seine Beine hängen in das wenige Wasser hinab, das die Behörden in das tiefe Becken haben einlaufen lassen. Es reicht ihm, wenn er ganz drinsteht, gerade mal bis zu den Knien. Sein linker Unterschenkel ist dick angeschwollen, sein rechter dagegen wirkt dürr und viel zu dünn für die stattliche Wampe, die er zu tragen hat. Von Zeit zu Zeit greift er nach einer Flasche, die zu seiner Linken auf dem Brunnenrand steht. Erst glaube ich, das müsse Wein oder Schnaps sein, doch laut Etikette ist es Suk ordobakadi. Erdbeersaft? Ich wusste gar nicht, dass man so etwas kaufen kann.
Neben dem Brunnen, direkt hinter dem Rücken des Kronenträgers, geraten sich jetzt zwei Raben wegen eines Mäusekadavers in die Federn. Mit lautem Gekreische und knatterndem Flügelschlagen hüpfen sie wieder und wieder Attacken gegeneinander. Der Mann dreht langsam den Kopf zu den Vögeln um und macht mit den Lippen ein Geräusch, halb Pfeifen, halb Schnauben, das die Tiere sofort verstummen lässt, als gehorchten sie einem Befehl. Auch die Maus ist plötzlich weg. Ob sie sich nur totgestellt hat und die Chance nutzte, sich davonzumachen?
Aus einer Seitenstraße hüft ein kleines Mädchen herbei, stellt sich artig neben dem Mann auf und streckt ihm mit beiden Händen ein kupfernes Schälchen hin. Mit einem huldvollen Nicken nimmt der Alte das Geschenk entgegen, führt die Tasse an seine Lippen, schlürft, setzt ab, schließt genüsslich die Augen, schlürft erneut, rülpst und gibt dem Mädchen das Gefäß zurück. Freudig, als habe man ihr ein Geschenk gemacht, tollt die Kleine davon.
Ich zwinge mich aus dem Schatten und stelle mich neben dem Mann an den Brunnenrand: «Das muss aber lecker gewesen sein, was Ihnen Ihre kleine Freundin da gebracht hat. Was war es denn?»
«Erdbeersuppe», sagt er und scheint nicht im geringsten irritiert, dass ich ihn beobachtet habe.
«Ist es nicht etwas warm unter der Krone», frage ich ihn. Er zuckt nur mir der Schulter.
«Was für ein König sind Sie denn? Ist dieser Brunnen hier Ihr Reich?»
«Je suis le roi de tout ça», sagt er und führt dazu den Zeigefinger seiner Rechten im Kreis durch die Luft.
«Oha», sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, «oha, ‹all dies› ist also Ihr Reich. Was für eine Verantwortung. Und die können Sie nur tragen, wenn Sie in der Sonne sitzen?»
Er nickt majestätisch, seufzt und macht dann eine Geste mit der Linken, die ebenso matt wie eindeutig ist: Die Audienz ist beendet, ich darf mich wieder in den Schatten zurückziehen.
So kurz und kurios meine Begegnung mit dem Gekrönten war und so schütter mir der Zustand von «le roi de tout ça» auch vorgekommen sein mag: Beim Verlassen des Platzes fühle ich mich doch seltsam getröstet und gestärkt vom Gedanken, dass es für «all dies» einen König gibt, der sich zuständig fühlt. Ich schüttle darüber den Kopf und bin tatsächlich froh, dass darauf keine Krone sitzt.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

Ahojana 1

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Ahojana 4

Ahojana 5

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ahojana 5 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus der Réserve du Forlys von Owida N. Woiax

Der Kessel pfeift und zittert, Wasser schwappt aus dem Ausguss und läuft dem Emaille entlang unter den Topf, wo es in der Gasflamme knisternd verpufft. Atika hat es nicht eilig. Mit ruhigen Bewegungen stellt sie den Filter auf die Aluminiumkanne, legt ein Papier ein, misst drei Löffel Pulver ab. Erst dann hebt sie den Kessel vom Herd und gießt mit einer sorgfältigen Achterbewegung den Kaffee auf, die Linke entspannt in der Tasche ihrer Jeans. Röstaromen verbreiten sich in der Küche, verdrillen sich mit den milchigen Strahlen der Morgensonne, die waagrecht den Raum durchstoßen.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Aber Atika lässt mir keine Wahl. «Erst trinken wir einen kawaien [«Käffchen»], dann zeige ich Ihnen, wie Sie hier wieder rauskommen», hatte sie gesagt, während sie das Seil vom Bug meines Kajaks an ihrem Landungssteg festzurrte. Ich war früh am Morgen von der Anlegestelle bei der Busstation im Norden des Naturschutzgebietes losgepaddelt und hatte bald schon die Orientierung verloren in dem Gewirr aus Kanälen, Flussläufen und Tümpeln. Auch mein Telefon half mir nicht weiter. Auf dem Bildschirm sah ich zwar genau, wo ich selbst mich befand und wo mein Auto stehen musste, nur, wie ich zurück zu dem Parkplatz finden könnte, verriet mir die Karte nicht. Der Lindj Forlys ist kein See, wie man vom Namen her erwarten würde (lindj ist das lemusische Wort für «See»), sondern eher ein riesiges Feuchtgebiet mit zahllosen Wasserwegen und Inselchen, die auf meinem Plan nur sehr summarisch eingezeichnet waren. Immer wieder ruderte ich in Kanäle hinein, die zwar in die richtige Richtung führten, jedoch plötzlich endeten oder einen Bogen machten, der mich wieder von meinem Ziel entfernte.
Und dann entdeckte ich das grüne Holzhäuschen. Es stand ein paar Meter vom Ufer entfernt unter Birken und Weiden. Das Dach war dicht mit Blättern und Zweigen bestreut. Zu dem kleinen Gebäude gehörte ein Steg und auf den grau-morschen Brettern stand eine junge Frau in einem leuchtend orangen Shirt und winkte mir zu.
«Haben Sie sich verfahren?», fragte sie und fügte, ohne mir Raum für eine Antwort zu lassen, gleich ihre Einladung an: «Kommen Sie! Wir trinken einen kleinen Kaffee bei mir im Haus, danach zeige ich Ihnen den Weg hier raus.»
«Das ist sehr freundlich von Ihnen, danke für das Angebot. Aber ich sollte eigentlich möglichst bald weiterfahren. Man erwartet mich heute noch im Kloster von Maioli.»
«Haben Sie mich nicht gehört? Wir trinken einen Kaffe und dann führe ich sie zur Straße zurück», erwiderte sie mit einem nachsichtigen Lächeln, als hätte ich etwas völlig Unsinniges gesagt. Gleichzeitig packte sie die Leine, die auf dem Bug meines Kajaks aufgerollt lag, zog mein Boot mit einem entschiedenen Ruck in Richtung Ufer und machte es an ihrem Steg fest. Es ist mir ein Rätsel, wie das Tau plötzlich in ihre Hand gelangen konnte. Ich war sicher noch zwei Meter vom Ufer entfernt, als sie es ergriff.
«Entschuldigung, aber ich müsste wirklich los», beteuerte ich erneut und blieb trotzig in meinem Bötchen sitzen. Doch sie streckte die Hand aus: «Ich heiße Atika. Herzlich willkommen!» Und auf einmal stand ich neben ihr an Land.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Es muss schon Mittag sein und also muss ich aufpassen mit dem Koffein. Mittag, genau, das sagt auch meine Uhr. Nur, warum scheint die Sonne dann horizontal in den Raum? Atika gießt immer noch Wasser in den Filter. Die Kanne müsste längst überlaufen. Und auch die Gasflamme rischelt weiter, als verbrenne immer noch Wasser in ihr.
Die Réserve du Forlys ist ein Labyrinth, in dem sich offenbar nicht nur der Mensch verirrt, sondern auch die Zeit. Gut, dass mir Atika den Weg hier raus zeigen wird. Nach dem Käffchen, versteht sich.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

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Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.