Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

«Literatour» am 30. Internationalen Literaturfestival in Leukerbad

Das 30. Internationale Literaturfestival in Leukerbad beginnt mit einer Literarischen Wanderung, auf den Spuren von Goethe. Was sich heute wie Idylle präsentiert, war vor 100 Jahren und mehr Schauplatz menschlicher Existenzkämpfe, bei denen die Natur mit aller Härte dem Menschen trotzte.

Würde man Leukerbad von 1779 und 2026 übereinanderlegen, gäbe es wohl kaum mehr Schnittmengen, auch wenn die Kulisse aus Fels und Himmel fast identisch wäre. Als Goethe im November 1779 Leukerbad erreichte, muss es frisch, wenn nicht kalt gewesen sein, auch wenn ihn stechende Insekten ziemlich rabiat wieder aus dem Ort vertrieben. Die Welt im Wallis damals muss eine ganz andere gewesen sein. Auch wenn Goethe die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Einheimischen lobte, dominierte im Leben der Hiesigen damals der Kampf ums Überleben, die Mühsal der täglichen Arbeit und die Angst vor dem Höllenfeuer. Daran erinnert im Bäderort Leukerbad wenig, wo man heute mit weissen Bademänteln und Froteeschlarpen über den Dorfplatz promeniert, auf Liegestühlen und im warmen Wasser dem süssen Nichtstun huldigt.

Umso aufschlussreicher waren die beiden literarischen Begleitungen auf dem Weg von Leukerbad talabwärts nach Inden. Zum einen die preisgekrönte Lyrikerin Franziska Füchsl mit ihrem Erzählkosmos „Am Rande der Müh“ und
Odilo Abgottspon, ein „Einheimischer“ aus dem nahen Visperterminen, der mit „Die Titscha“ die Geschichte seiner Grosseltern erzählt, seines Grossvaters, der aus existenzieller Not nicht nach Übersee, aber als Melker nach Schlesien auswanderte, um mit einer Auswärtigen ins Heimatdorf zurückzukehren. Bei Franziska Füchsl Geschichten um ein Grenzland im oberösterreichischen Mühlviertel, über Flüsse, Landschaften, Bäume, alles was kreucht und fleucht, eine durch und durch poetische Auseinandersetzung mit Landschaft und Sprache, ein buchlanger Versuch, der Natur eine Stimme zu geben, den Blick zu schärfen, das Natürliche dem Nutzen zu entreissen. Bei Odilo Abgottspon die Schilderung des Lebens vor 100 Jahren und mehr, als die Natur alles andere war, als eine Kulisse, um darin seine Ferien zu verbringen.

Odilo Abgottspon versetzt seine Leser*innen in eine Zeit, in eine Welt, die in allem bedroht war. Die Menschen in Visperterminen fürchteten Gott ebenso wie die Launen der Natur, den Hunger, die Dürre, den Tod der Kinder, ein Leben ohne Zukunft. Die Grossmutter, die mit ihrer Familie auch örtlich am Rand der Gesellschaft zu leben hatte, die man fast ein ganzes Leben als Fremde stigmatisierte, hatte noch viel mehr zu kämpfen. Ein Kampf um Familie, ein Kampf ums Dasein, eine permanente Rechtfertigung an jenem Ort am Leben zu sein.
Unter der Sonne des Sommers waren die Schilderungen mehr als nachvollziehbar. Odilo Abgottspons Familienroman dokumentiert ein Stück Schweizer Geschichte, lange vor jener Zeit, als das Wallis zu einer Feriendestination wurde, sich die Auswanderung in Zuwanderung drehte, weil Tourismus und Fremdenverkehr Devisen versprachen.

Franziska Füchsl geht es in ihrer Literatur um ganz anderes. Sie will nichts dokumentieren. Ihr Schreiben ist eine Schule des Sehens, eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was wir missverständlich als Um-Welt bezeichnen. Franziska Füchsl wendet den Blick, schärft die Wahrnehmung, macht Natur nicht bloss zum Gegenüber, sondern zum Unmittelbaren. Mag sein, dass sie gar nicht zu einer Anwältin der Natur werden will, aber sie ist es durch die Zartheit ihrer Sprache, ihren Respekt, ihre Liebe.
Als Goethe damals über die Gemmi nach Leukerbad kam, verstand er sich mit Sicherheit als Teil der Natur. Franziska Füchsl führt vor Augen, wie weit wir uns von der Natur, dem Natürlichen entfernt haben. So wie der Fluss Dala in Leukerbad ist die Müh im Mühlviertel die Ader des Lebens – und nicht zuletzt Sinnbild für die Müh, die man Leben und Fluss abtrotzen muss, um bestehen zu können.

Die Wanderung war Offenbarung und Klärung zugleich.
Als man 1966 die Eisenbahn von Leuk nach Leukerbad aus wirtschaftlichen Gründen stlilllegte, dachte man ans Ende der Eisenbahn, den endgültigen Sieg der benzinbetriebenen Mobilität. Heute wäre jene Eisenbahn, die sich spektakulär durch das zerklüftete Tal schlängelte, eine Attraktion erster Güte. Was bleibt, sind in Inden und Leukerbad zwei schmucke Bahnhofsgebäude, denen das damalige Selbstverständnis anzusehen ist. Einziges Zeugnis des damaligen Rollmaterials ist ein einziger, kleiner Güterwagen neben dem zum Lebensmittelgeschäft umfunktionierten Bahnhof Inden. Heute ein Minikino.

Franziska Füchsl «Am Rande der Müh», Edition Thanhäuser, 2026, 354 Seiten, ISBN 978-3-903409-15-6

Franziska Füchsl, 1991 geboren, gehört zu den eigensinnigsten Stimmen der österreichischen Literatur. Sie studierte Deutsche Philologie und Anglistik in Wien sowie Sprache und Gestalt in Kiel und lebt heute zwischen diesen beiden Städten. Ihre Texte bewegen sich an den Rändern von Lyrik und Prosa, arbeiten mit Dialekt, Sprachverschiebungen und bewusst irritierenden Bildern. Inhaltlich kreisen sie um Landschaft, Herkunft, soziale Reibungen und das fragile Verhältnis von Mensch und Natur. Für ihr Schreiben erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Deutschen Preis für Nature Writing für «Am Rande der Müh». Die Jury würdigte ihre Arbeit als «Grenzlandprosa, die Natur und kulturelle Prägung zugleich sichtbar macht und deren Verheerungen nicht ausspart».

Odilo Abgottspon «Die Titscha», Limmat, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-03926-108-6

Odilo Abgottspon, geboren 1956 in Visperterminen, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich. Danach wirkte er als Deutschlehrer an Gymnasien in Rom und Luzern. «Die Titscha» ist sein erstes Buch. Odilo Abgottspon lebt in Bern und im Wallis.

Beitragsbilder © Gallus Frei / literaturblatt.ch