Martina Caluoris Romandebüt „Schatten der Pinus“ ist ein 152 Seiten langes Fries der Innen- und Aussenwelten. Ein fast verlassener Campingplatz im Nirgendwo am Meer. Die vier, die geblieben sind, erwarten nichts mehr, leben ganz im Moment oder dämmern in Erinnerungen.
Es war einst ein Platz mit Kinderlärm, rufenden Eltern, Geruchswolken aus Sonnencreme und gegrilltem Fleisch, mit aufgespannten Sonnenschirmen und Fetzen von Musik. Geblieben sind eine Handvoll Gestrandeter, Zurückgebliebener, Ausharrender – und die Pinien, die von jeher ihre krummen Rücken nach dem Wind richten. Sand voller Abfall, Plastikresten. Das Meer ist grau geworden. Von Zeit zu Zeit werden sie mit dem Nötigsten versorgt, die geblieben sind in ihren Campingmobilen, die einst die Freiheit versprachen. Es ist nicht der Blick aufs Meer, nicht einmal auf die leise gewordenen Bewegnungen derer, die geblieben sind. Es ist der Blick nach innen, die Resignation, der Blick in blass werdende Vergangenheiten, die Restsehnsucht.
Vielleicht ist das die Gefahr der Vergangenheit: das sie nicht einfach war, sondern sich mit jedem Erinnern neu zeigt.
Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooka, 2026, 152 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-907709-27-6
Phine, Jochen, Bo und eine namenlose, alte Frau; sie alle eingeschlossen sind in ihre eigene Geschichte, ihre eigene Welt, hadernd, trauernd, alleine, verlassen, einsam. Das einzige, was sie verbindet, ist der Ort, ein Leben ohne wirkliche Zukunft und das Gefühl des Vergessenseins. Gefangen von sich selbst. Nur manchmal sitzen die einen zusammen, trinken und sinnieren. Nur die alte Frau, die am Strand die langen Nadeln der Pinien sammelt, scheint sich einigermassen frei zu bewegen.
Martina Caluori erzählt keine Geschichte. Selbst die Erinnerungsfetzen, die in den ineinander verflochtenen Texten auftauchen und wieder verschwinden, sind Fragmente, Erinnerungsbilder, Gefühle, Stimmungen. Martina Caluori malt ein langes Bild, eine Stimmung, Szenen von Menschen, die sich nicht aufgegeben haben, aber auch nichts mehr von ihrem Leben erwarten, nicht einmal einen nächsten Tag. Mag sein, dass es die einen als Dystopie lesen, Bilder aus einer Zeit, in der der nächste Tag nur die Verlängerung der Gegenwart ist, in der man sich nicht einmal mehr in ein Zurück sehnt, in der man das Hoffen aufgegeben hat, von Menschen, die angesichts der grauen Gegenwart an den Farben der Vergangenheit zweifeln. Es geht bei Martina Caluoris Schilderungen nicht um die Erinnerungen selbst, nicht um die Bilder, nicht um die Inhalte, sondern was das Erinnern mit den ProtagonistInnen macht, den Akt selbst, das Hineinschauen.
Wenn du verhindern willst, dass sich Vergangenes verändert, müsstest du aufhören, daran zu denken.
Manchmal gibt es Bücher, die einem den gleichförmigen Lesefluss verweigern. Nicht weil die Spannung abbrechen würde, sondern weil einem bei der Lektüre Sätze anspringen, die sich festkrallen, mit denen man ringen muss, die nicht loslassen, die haften bleiben, sich nicht abschütteln lassen. In „Schatten der Pinus“ gibt es diese Sätze zuhauf. Manchmal staune ich einfach nur über die Klarheit eines solchen, die Weisheit oder die Prägnanz. Manchmal werfen sie mich aus dem Lesefluss, weil in meinem Kopf durch die Sätze eine Runde weg vom Text in meine eigene Gedankenwelt gemacht werden muss, weil mich das Nachdenken aufhält, weil ich es nicht zulassen will, so einfach über den einen oder anderen Satz hinwegzulesen.
Ein ungemein wundersames, atmosphärisches Buch.
im Literaturhaus Thurgau Gottlieben
Martina Caluori lebt als Lyrikerin und Autorin in der Schweiz. Nach einem Studium der Publizistik und Filmwissenschaften debütierte sie 2019 mit dem Lyrikband »Frag den Moment«, gefolgt von Mundartlyrik für »Öpadia: A Novella us Graubünda« (2021) und 2022 von ihrem Kurzprosadebüt »Weisswein zum Frühstück«. 2023 erschien ihr Gedichtband mit Audiowerk »Ich weine am liebsten in Klos« (beide lectorbooks). Für ihren Debütroman »Schatten der Pinus« (2026, lectorbooks) wurde sie mit dem Literarischen Werkbeitrag der Stadt Chur sowie mit dem Grossen Werkbeitrag des Kantons Graubünden ausgezeichnet.
Mit einem staccatoartigen Hupen rast der hellblaue Autocar der Buchgesellschaft Pierou an der Haltestelle im Zentrum von Carbelotte vorbei. Offenbar weiß der Chauffeur, dass die zwei Frauen, die sich vor dem leichten Nieselregen unter das Dach der Station geflüchtet haben, nicht bei ihm mitfahren wollen. Mir war sogar, er habe ihnen zugewinkt. Ich stehe unter einer mächtigen Espe auf der anderen Straßenseite – unentschlossen, ob ich meinen Schirm hervorholen oder darauf vertrauen soll, dass der Regen bald wieder aufhört. Etwas weiter nördlich, über der Baij Kabsakdi, ist der Himmel schon wieder blau. Oder noch? Ich mag keine nassen Regenschirme. Ich warte lieber noch etwas zu. Sollten mich die zwei Frauen überhaupt bemerkt haben, so lassen sie sich auf jeden Fall nicht stören. Sie sind ganz und gar mit ihren Beinen, ihren Hüften, ihren Armen, Schultern und Köpfen beschäftigt, die sie in rasendem Rhythmus bewegen. Ihre bloßen Füße sausen schwungvoll hinweg über die vom Regen am Boden der Haltestelle geschaffene Landschaft aus Tümpelchen, kleinen Teerinseln und Bächlein. Ihre weiten Röcke fliegen, als hätten sie sich von der Schwerkraft gelöst. Musik ist keine zu hören – sieht man vom Gezirpe der Jamakala ab, einer kleinen Grille, die sich an diesem späten Nachmittag schon den Abend herbeisingt. Gleichwohl bin ich sicher, dass die zwei tanzen. Und sie können das ausgesprochen gut, ihre Bewegungen sind gestaltet, folgen eindeutig einem Ablauf – und ich kann nicht erkennen, dass sie je unsicher wären, wie es weitergeht. Gut möglich, dass sie sich auf die Fête de la Carotte vorbereiten, in deren Rahmen es ja Tanzveranstaltungen und sogar Wettbewerbe gibt. Kann es sein, dass ich gerade der Entstehung eines neuen Karottentanzes beiwohne? Meine Lippen versuchen, den schnellen Sprüngen und Hüftschwüngen der zwei Frauen nachzuhüpfen: «Vive la carotototte au sein de Carbelotototte.» Nein. Das ist eindeutig nicht schnell genug. Die zwei haben ein gewaltiges Tempo drauf. Und Reime passen auch nicht zu diesem Tanz, der bei aller Stimmigkeit, bei aller Präzision auch etwas Ungereimtes, Ungehemmtes, Unfassbares hat. Wäre es möglich, dass sie sich von den Chevaliers de Carbelotte piksen ließen. Ich weiß nicht, welchen Effekt das Gift dieser eigentümlichen Insekten auf den menschlichen Körper hat. Aber es könnte ja sein, dass es wie ein Stich der Tarantel in eine Art Raserei versetzt, die sich choreografisch nutzen lässt. Der Regen wird stärker, der Himmel verdunkelt sich und mir ist gar, als sei durch das Prasseln und Rauschen hindurch ab und zu ein Donner zu hören. Die zwei Frauen lassen sich nicht beirren. Im Gegenteil: Ihre Freude am Tanz scheint mit dem Regen noch wilder, noch hemmungsloser zu werden. Vielleicht schlägt gleich ein Blitz in die Haltestelle ein, sie verwandeln sich in tremolierende Oktopusse und toben mit tausend Tentakelschlägen davon. Das Blätterdach der Espe über mir hat unterdessen so viel Wasser aufgenommen, dass es unten heraus und mir auf Schultern und Kopf tropft. Ich drücke mich an den Stamm, der noch weitgehend trocken zu sein scheint. Doch da bohrt mir ein Viechlein, das verborgen in der Borke sitzt, seine Nadel in die Schulter. Ich zucke zurück, doch schon breitet sich von der Stelle ein Schmerz in meinem Arm aus, klettert mir in den Nacken, in den Kopf. Toboza! Verflixt! Ob das ein Chevalier der Carbelotte war? Werde ich wohl auch gleich wie besessen durch den Regen tanzen? Ist das wirklich immer noch Donnergrollen, was ich da höre? Sind das nicht die Rhythmen mächtiger Trommeln, die näher und näher kommen? Und spüre ich nicht schon, wie meine bibbernden Beine den Boden bebeben?
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.
Eli ist Filmemacher, hat aber in den letzten zehn Jahren keinen Film mehr gedreht. Auch zu seiner Tochter Vera stockt die Verbindung – und zu seinen Eltern hat er sie ganz verloren. Eli liegt für 40 Sitzungen auf der Bank bei der Dottoressa und erzählt sein Leben, so weit weg von der Realität wie in seinen Filmen.
Eli ist um die sechzig und lebt in Rom, in der Villa seiner Grosseltern, die einst glühende Verehrer Mussolinis waren, in einem Haus, das voll ist mit Devotionalien jener Zeit, einem Haus, in dem der Mief der Vergangenheit nie ganz auszulöschen war. Elis grosse Erfolge in der Filmwelt sind schon mehr als eine Weile her. Eli steckt in einer Krise und legt sich deshalb auf die Couch seiner Psychologin. Aber was er der Frau erzählt, ist eine schillernde Variante seiner Geschichte, der Geschichte seiner Familie, von den Bildern dieser Geschichte, die er wie Filmsequenzen mit sich herumträgt. Einer Geschichte voller Geheimnisse. So wie die Geschehnisse vor einem Jahrhundert, als seine Verwandten väterlicherseits auf der Flucht mit dem Schiff auf dem Schwarzen Meer Richtung Süden waren. Lew mit seinen beiden Kindern, dem Knaben Felix und der jungen Frau Vera. Seine Tochter verliert sich auf dem Schiff. Ist sie über die Reling des Dampfers geklettert und in die Fluten des Meeres gesprungen? Lew, einst Student der Philosophie, macht sich auf eine lange und verzweifelte Suche nach seiner Tochter, bleibt an der Küste Bulgariens, haust mit seinem Sohn in einer kleinen, windschiefen Hütte und hält sich und seinen Sohn als Korbmacher über Wasser. Bis man ihn zu Grösserem ruft, sein Sohn, Elis Vater zu einem gefragten Architekten wird, einer von jenen, die in den 1950er Jahren am Goldstrand Bulgariens, nicht weit von der Stadt Varna, mit riesigen brutalistischen Bauten, für eine neue Gesellschaft Ferienressots an die Küste klotzt.
Katerina Poladjan «Galdstrand», S. Fischer, 2025, 160 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-10-397176-7
Eli lebt von seiner grossen Liebe Jenny getrennt, jener Frau, die ihn in genau jenem Moment verliess, in dem er sich zu ihr hätte bekennen müssen. Damals, als Elis greiser Grossvater im Untergeschoss der Villa sein Leben aushauchte und man hätte Ordnung machen können. Mit dem Auszug und der Distanz seiner ehemaligen Frau verliert Eli aber auch die Nähe zu seiner Tochter Vera, die damals den Namen seiner verschwundenen Tante bekommen hatte. Vera sieht er nur noch ab und zu. Eli ist zu einem Mann geworden, der von seinem Leben abgeschnitten ist.
Katerina Poladjans schmaler Roman hätte Stoff genug für ein ausladendes Epos; ein Mann und seine Filme, was Bilder evozieren können, ein Mann in der Krise, eine Familiengeschichte in den tektonischen Verschiebungen eines ganzen Jahrhunderts, die Nähe von Liebe und Verzweiflung. Nicht dass Katerina Poladjan an diesen grossen Themen gescheitert wäre, ganz im Gegenteil; die hat sie auf ein Konzentrat eingedampft. Sie spielt mit prägnanten Schnitten, witzigen, filmreifen Dialogen, vor allem jenen zwischen Eli und seiner Dottoressa und Bildern, die vieles offen lassen. Was passierte damals wirklich mit seiner Tante Vera? Wer war Elis Vater, der aus dem Leben seiner Mutter verschwand, der bulgarische Kommunist, der sie in den 60ern am Goldstrand schwängerte? „Goldstrand“ liest sich zwischen filmischen Bildern von surrealer Wirkung und Realität. Sie erzählt nicht klassisch, aber sprunghaft, manchmal wie in einem Film mit rätselhaften Sprüngen.
Katerina Poladjan, in ihrer eigenen Lebensgeschichte genauso entwurzelt, wie die ProtagonistInnen in ihrem Roman, erzählt von Menschen, die mit- und weggespült werden, die nach Ankerpunkten suchen. „Goldstrand“ ist eine schillernde Collage, raffiniert erzählt, mit dem sicheren Gespür dafür, wie man in Leserinnen und Lesern jenes Mass an Stirnrunzeln erzeugen kann, das jene tektonischen Verschiebungen in eine neue Ordnung bringt.
Lesung im Literaturhaus Thurgau / Gottlieben
Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren, wuchs in Rom und Wien auf und lebt in Deutschland. Sie schreibt Theatertexte und Essays, auf ihr Prosadebüt «In einer Nacht, woanders« folgte »Vielleicht Marseille« und gemeinsam mit Henning Fritsch schrieb sie den literarischen Reisebericht »Hinter Sibirien«. Für «Hier sind Löwen» erhielt sie Stipendien des Deutschen Literaturfonds, des Berliner Senats und von der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2021 wurde sie mit dem Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund ausgezeichnet. Mit «Zukunftsmusik» stand Katerina Poladjan auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2022 und wurde mit dem Rheingau Literatur Preis 2022 ausgezeichnet. Katerina Poladjan wurde 2025 mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds geehrt.
47 Jahre nach seinem Debüt, dem Lyrikband „Zwischenbericht“, und eingebettet ins 25-Jahr-Jubiläum des Literaturhauses Thurgau – Jochen Kelter war der erste Programmleiter des Literaturhauses – feierte der Dichter vergangene Woche mit seinem neuen Gedichtband „Grönlandsommer“ im Bodmanhaus Buchtaufe.
Jochen Kelter, in Köln geboren, aber schon ein halbes Jahrhundert auf der Schweizer Seite des Bodensees beheimatet, mit Sicht auf sein Herkunftsland, lernte ich 1992 persönlich kennen, als ich im Publikum einer seiner Lesungen sass. Damals war Jochen Kelter ein Autor aus dem Verlagshaus von Egon Ammann. Darunter die Erzählung „Die steinerne Insel“, ein Buch, das von seinem langen Aufenthalt in New York erzählt. New York, Paris, Konstanz, Ermatingen, vielleicht jene Achse, auf der sich das Leben Jochen Kelters bewegte, ein Dichter, der weit mehr ist als ein an seiner Scholle haftender Regionaldichter. Sein Blick ist stets weit, wach, empfindsam und klar. Da ist nichts Verklärendes, aber umso mehr Sehnsucht, nicht zuletzt die des immer älter, immer eingeschränkter werdenen Mannes, der aber nichts von seiner kreativen Lust an der Schönheit der Sprache eingebüsst hat.
Dass Jochen Kelter von der einen Seite des Bodensees auf die andere Seite schaut, ist symptomatisch für seinen Blick. Nicht der Blick eines Außenseiters, aber oft der Blick eines Aussenstehenden, eines Besorgten, eines Betroffenen, eines Nachdenklichen.
Blick und Erinnerung
Die Bäume auf beiden Seiten der Straße kahl im Wintergrau sind mächtig gewachsen du erinnerst dich an die Reihen ihrer lange gefällten Vorgänger ihr Sommergrün wölbte sich schattig über die ganze Straße wie viel Zeit ist seither vergangen?
Du fährst an Häuserreihen in der Stadt entlang als sähest du sie zum ersten Mal so fremd erscheinen sie jetzt wahrscheinlich sind ihre ockerfarbenen ihre grauen und rostroten Mauern schon gestanden als du den dir fremden Ort zum ersten Mal sahst
Jochen Kelter «Grönlandsommer», Caracol, 2025, 136 Seiten, CHF ca. 20.00, ISBN 978-3-907296-42-4
Jochen Kelter schreibt mit einem hohen Anspruch an Schönheit, Klang und Präzision. Seine Gedichte, die sich manchmal wie Kurzprosa lesen, in wenigen Zeilen ganz tief ins Leben blicken, aus einem einzigen Moment ein monumentales Bild machen, Erinnerungen nicht verklären, dafür umso mehr schärfen und mit Witz und Schalk den Widrigkeiten seiner Gegenwart begegnen, sind Sprachbilder, die zwischen den Zeilen weit mehr erahnen lassen, ohne sich exhibitionistisch zu gebärden. Manchmal filmreife Actionszenen, manchmal ein ganzes Leben im Schnelldurchlauf, oft ein klares Festschreiben der Schizophrenie, menschlichen Tuns, aber ganz ohne Larmoyanz.
Albtraum
Schwester und Schwager laden ihn ein er soll sein soeben erschienenes Buch mitbringen im Wohnzimmer drängen sich Journalisten und Kameraleute er soll aus dem Buch vorlesen er bittet um eine Leselampe man zieht ihm den Tisch weg er sucht verzweifelt sein Buch was sagen Sie zum Krieg in der Ukraine? Man hält ihm ein Mikrofon unter die Nase: Haben wir wirklich eine Klimakrise? Nun sagen Sie doch endlich etwas wo ist mein Buch? Welches Buch? Ihre Meinung zum Krieg im Sudan zum Überfall auf Bergkarabach man zieht den Tisch weiter weg schweißgebadet erwacht er tappt ins Nebenzimmer macht Licht – hier endlich Licht
Immer wieder finden sich in Jochen Kelters Gedichten Einschließungen, Verweise auf Musik, nachhallende Verszeilen von Liedern aus der Klassik, genauso wie Textzeilen aus Songs von Joni Mitchell. Einschliessungen aus der Lektüre anderer Bücher, so wie „Menschenwerk“ der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang, die sich in ihren Büchern immer wieder mit unverdauter Geschichte, all der Gewalt, die sich ins kollektive Gewissen von Generationen frisst, auseinandersetzt. Themen, die auch Jochen Kelter nicht loslassen. Genauso wie der Verlust eines kulturellen Bewusstseins. Und immer wieder blitzt der Witz auf, für Jochen Kelter das einzige Mittel, um sich aktiv gegen die Oberflächlichkeiten der Gegenwart zu sperren.
Weiße Fahnen
Der Marktplatz ist aufgebrochen völlig mit Pflastersteinen übersät im Boden stecken grüne Fähnchen wie geheimnisvolle Rätsel von Außerirdischen hierher gebracht aus uns unbekanntem Grund
Hinter den Türmen der Kathedrale ragen weiße Fahnen wie Zeichen der endgültigen Kapitulation die Nebenstraßen stehen hoch unter Wasser die Türen aller Häuser verschlossen Hochwasser
Krieg wer weiß das? Keiner weiß Genaues die Zeit scheint an ihr Ende zu kommen was wird nach der Zeit werden wir wenn wir am Morgen erwachen in einer anderen Welt oder in keiner Welt jemals mehr?
Sommernacht
Durch die Zweige der alten Bäume im Dunkel der Nacht beleuchtet der Vollmond strahlend von unten die langsam westwärts ziehenden grau hellen Wolken
Nach dort draußen in die Welt der Attentäter Naturkatastrophen der Hassprediger normalen Mörder sagt der Nachbar zum Nachbarn traut sich von uns niemand mehr
Außer den Mutigen Waghalsigen Verrückten und alltäglichen Mördern den Irrsinnigen ohne Furcht vor Massenpanik und der übrigen Welt wir hier unter dem friedlichen Mond
Zusammen mit „Fremd bin ich eingezogen“ (2020), „Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek“ (2021) und „Verwehtes Jahrhundert“ (2023) bildet „Grönlandsommer“ den beeindruckenden Reigen von vier Gedichtbänden im Caracol Verlag. Die beiden Gedichte zum Eingang sind aber auch ein deutlich Statement, dass sich die Dichtung von Jochen Kelter alles andere als Nabelschau sieht. Seine Texte sind eingebettet in die Zeit, ein geschichtliches und politisches Bewusstsein, immer auch in Sorge um die Spezies Mensch, zugleich aber Bilder eines Sprachmalers, der mit wenigen Strichen markieren kann, dessen wacher Blick auf die Welt jener eines Strengen ist, streng mit sich selbst, streng mit jenen, die in ihrer Egomanie krachen lassen.
2020 / 2021 / 2023 / 2025
Jochen Kelter ist 1946 in Köln geboren. Studium der Romanistik und Germanistik in Köln, Aix-en-Provence und Konstanz. Seit über fünfzig Jahren lebt er auf der Schweizer Seite des Bodensees in Ermatingen (von 1980 bis 2014 zudem in Paris). Lyriker, Erzähler, Essayist. 1988 bis 2001 war er Präsident des European Writers’ Congress, der Föderation der europäischen Schriftstellerverbände, und von 2002 bis 2010 Präsident der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.
Das Literaturhaus Thurgau feiert seinen 25. Geburtstag. Ich gratuliere der Stiftung, dem Haus und allen, die aktiv zum Gelingen des Lebens in diesem Haus beitragen von ganzem Herzen
Dreieinhalb Jahre hatte ich die Ehre und Freude, das Programm des Literaturhauses Thurgau zu kuratieren. In dieser Zeit und lange darüber hinaus wurde dieses Haus zu meinem Herzensort. Dass es nicht nur mir so geht, beweisen die vielen Gästbucheinträge in mein digitales Gästebuch auf literaturblatt.ch:
«Das Publikum im märchenhaften Gottlieben zähle ich ab sofort zum Kalmann-Freundeskreis und schlage eine Partnerschaft zwischen Raufarhöfn in Island und Gottlieben vor. Bis zum nächsten Mal, euer Joachim B. Schmidt» November 2020
Eva Maria Leuenberger und Pamela Mendez
«Danke für die guten Tage im Literaturhaus und das schöne Experiment, danke für deine Offenheit und den Mut, uns einfach mal machen zu lassen! Mit herzlichsten Grüssen, Eva Maria Leuenberger» November 2020
«Ganz Europa befindet sich in einem Corona bedingten Lockdown. Ganz Europa? Nein, ein kleiner Ort am Bodensee lässt sich von keinem Virus der Welt einschüchtern oder unterkriegen und hält fest an der Unverzichtbarkeit lebendiger Autor*innen und lebendiger Zuhörer*innen in den Hallen des Literaturhauses Thurgau, die dort – Corona zum Trotz – sehnsüchtig aufeinandertreffen. Es ist eine Insel des gesprochenen/gehörten Wortes in einem verstummten Ozean, und es war mir eine Freude, gestern Abend auf dieser Insel weilen zu dürfen. Joachim Zelter» Dezember 2020
«Schon der Ort, viel beschrieben, zeigte sich an diesem Septemberdonnerstag von seiner zauberhaften Seite: ein mildes Spätsommerlicht über den Dächern, über dem Wasser, über den Wellen, flockig flatterndes Laub – und die Verzauberung drang durch die offenen Fenster in den Raum unterm Dach, mit dem Duft von Meer und Weite, mit Sonne, die auf die Gesichter sich legte. Wieder Lesung vor Menschen; Gesichter, wenn auch noch unter Masken, die ein Mienenspiel verrieten, ein Nicken, ein unter der Maske scheues Lachen, ein Augenspiel, Blicke, zustimmende Gesten, gehaltene Augenblicke, «gestundete» Zeit – Lesezeit. Ein Wunder nach der Pandemieisolation. Urs Faes» September 2021
Thomas Kunst
«So viele Schwäne wie auf dem Untersee am Bodensee sah ich wohl in meinem ganzen Leben in Deutschland nicht zusammen. Bei siebenhundertzwölf hörte ich auf zu zählen, aber auch, weil das Auto sich an seine Geschwindigkeit hielt, herzlichen Dank für alles. Es war ein Fest bei euch! Thomas Kunst» Januar 2022
«Du hast uns zusammengeführt, am Sommersee und im alte Worthaus. Der Abend hat mich gewärmt, die Worte, die verschiedenen Wortklänge haben mich gewärmt, und auch die langen Gespräche über Worte und zwischen den Worten. Ich habe den hellen Abend mitgenommen, vom See und vom Haus mit mir genommen, und einen Namen für unsere Verbindung auf der Wortbühne gefunden: Wahlverwandtschaften. Peter Weibel» Juli 2022
«Die erste Lesung zum ersten Roman vergisst man wohl nie. Umso schöner ist es, dass meine Erinnerungen daran ein wunderbares Bild ergeben, gestaltet durch die herzliche Gastfreundschaft des Literaturhauses Thurgau, durch die Zimmer aus altem Holz, Holz, das tausend Geschichten erzählt, durch die spannenden Gespräche mit Gallus, durch den Spaziergang am graublauen Rhein, die Seeluft, durch mein allererstes, so freundliches Publikum, den Apéro mit Wein, Zopf, Lachen und Gesprächen. Anja Schmitter» Oktober 2022
«Meinte nicht Robert Walser, jeder Weg sei ein Heimweg? So fand ich mich auch in Gottlieben zu Hause, am Rhein, mit dem Blick auf das Ried, wo ich vor vielen Jahren eine Liebe hatte, und an jenem warmen Februarabend auf eine Gemeinschaft von Lesenden traf, im Bodmanhaus, am Ende der Holztreppe. Danke dafür! Lukas Bärfuss» Februar 2023
Ana Marwan
«Die Anreise per Boot und Zug nach Gottlieben und der wild blühende Baum vor dem Zimmer im Literaturhaus waren ein Anfang, dem der Rest im gleichen Takt folgte. Es war eine wunderbare Lesereise, meine erste in die Schweiz. Danke! Ana Marwan» März 2023
«Nach zehnstündiger Anreise aus Berlin waren die Stunden in Gottlieben wie eine lange Umarmung. Nadja Küchenmeister» Mai 2023
«Es ist, als käme man nach langer Zeit zu Hause an, wenn man die alten knarrenden Stiegen dieses Riegelhauses hinaufsteigt, und zuoberst vom Giebel her hinausblicken kann auf diese uralte Gletscherlandschaft, dieses Gewässer, das nach 4000 Jahren einen Einbaum freigegeben hat, dieses Weltkulturerbe, den Gnadensee. Tabea Steiner» Juli 2023
Jan Wagner
«Noch sitze ich auf dem prachtvollen Holzbalkon des Gästezimmers mitten zwischen den Baumkronen, auf dem ich gestern Nacht, rauchte ich noch, stundenlang hätte rauchen mögen, und trinke einen Kaffee, ergänzt durch ein ofenwarmes Gipfeli aus dem hübschen Laden nebenan. Dauerhaft Wärme spendete allerdings Eure Gastfreundschaft, der herzliche Empfang, der von Euch gestaltete und rundum beglückende Abend; ein bißchen von diesem Wärme- und Wohlgefühl hoffe ich gen Norden, nach Berlin retten zu können. Jan Wagner» September 2023
«Kalt war’s, und schön war’s. Wörter flogen auf, der Himmel segelte übers Wasser, das Ufer wurde unterspült, jemand bekam kaum Luft – Schreiben im Geborgenen, im Getriebenen. Alice Grünfelder» Dezember 2023
«Durch tiefverschneites Land auf langen Umwegen zur Lesung (ein Abschied) gekommen. Atmosphäre über Fluss und Ort und unterm Dach: eine Musik, die trägt; Worte, Bücher, Gesichter, und und noch einmal diese ganz besondere Stimmung, die Gallus schafft: so gerät man ins Gespräch, das tief und leicht zugleich ist, ein Abend, der unverwechselbar und erinnerungsdicht bleibt, eine nachklingende Freude. Urs Faes» Dezember 2023
Am 26. September 1983 schrammte die Welt einem nuklearen Desaster vorbei. Nur weil Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow, ein sowjetischer Offizier in der Kommandozentrale der Satellitenüberwachung, den scheinbaren Anflug nuklearer Interkontinentalraketen als Fehlalarm interpretierte, verhinderte der Mann den Tod von Millionen.
Alles an dieser Erzählung ist wahr. Was Lukas Maisel an Fiktion beifügt, ist das, was im Innenleben jenes Offiziers geschah, genau das, was uns damals rettete, denn wäre Stanislaw Petrow der eigenständigen Entscheidung nicht fähig gewesen, hätte nichts einen nuklearen Krieg aufhalten können. Nur weil dieser Mann damals in den 17 Minuten zwischen Alarmierung durch ein empfindliches und anfälliges Raketenabwehrsystem und dem Moment der Entwarnung zum eigenen Denken fähig war, durch logisches Entschlüsseln einer falalen Kette von scheinbar gesicherten Informationen Panik relativierte und Vernunft über die Angst siegen liess, blieben sowjetische Nuklearraketen am Boden.
Weil sich das damalige System keine Blösse geben wollte, weil die Sowjets auf jeden Fall ihr Gesicht wahren wollten, das Gesicht der perfekten Abschreckung, wurde Offizier Stanislaw Petrow weder befördert noch bestraft. Man verschwieg den Zwischenfall genauso systematisch wie die Ursachen, die dazu führten; Sonnenreflexionen auf Wolken. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, in Petrows letzten Jahren in Moskau, erfuhr der ausgemusterte Offizier Ehrungen im In- und Ausland. Nach der Kontaktaufnahme eines deutschen Unternehmers noch zu Lebzeiten Petrows wurde in Oberhausen, dem Heimatort jenes Geschäftsmannes, zum zweiten Todestag des Retters eine Gedenktafel eingeweiht: „Wäre er den Computermeldungen gefolgt, wäre der sofortige atomare Gegenschlag erfolgt und damit der Tod von Millionen Menschen in den USA, in Europa und Russland die Folge gewesen.“
Lukas Maisel «Wei ein Mann nichts tat und so die Welt rettete», Rowohlt, 2025, 128 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-498-00730-0
Lukas Maisel konzentriert sich in seiner Erzählung auf diesen einen Tag, diese 17 Minuten und die drei Tage, die Stanislaw Petrow in der Folge noch in der Kommandozentrale ausharren musste, bis sich die Wogen nach dem Zwischenfall glätteten. Lukas Maisel fokussiert sich auf einen Mann, der in diesen 17 Minuten ganz auf sich gestellt war, der wusste, dass jede Entscheidung, die er fällen würde, existenzielle Folgen nach sich ziehen würde, dass das, was nach der Entwarnung die Schwächen des Systems aufzeigte, nie und nimmer an die Öffentlichkeit dringen durfte, nicht einmal zur Erzählung in seiner Familie. Stanislaw Petrow wurde zum Bauernopfer einer Beinahekatastrophe.
Lukas Maisel beschreibt die klaustrophobische Situation in jenem Bunker, in dem während ewig lange scheinender Minuten das Schicksal von Millionen in der Schwebe stand, in der jede weitere Reaktion auf die Interpretation eines einzelnen Mannes reduziert war, alles in einem Schrecken ohne Ende hätte ausarten können. Die Geschichte eines Mannes an einem geheimen Ort, einer geheimen Stadt. Die Geschichte eines Mannes, der eigentlich bloss für einen kranken Kollegen eingesprungen war, eine Geschichte, die ohne die klaren Gedanken eines Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow mit Sicherheit ganz anders geendet hätte.
„Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete“ ist zum einen ein Denkmal für einen Mann, der sich in den Zwängen von Macht und Hierarchie von Vernunft leiten liess, etwas, was in der Gegenwart nicht minder wichtig wäre. Zum andern ist die Geschichte ein Exempel dafür, das Zurückhaltung, ein Zögern unendliches Leid verhindern kann, erst recht in einer Zeit, in der „Hauruckgehabe“ Politik wird und in der Wirtschaft zur Handlungsmaxime.
Lukas Maisels kleines literarisches Husarenstück liest sich in einem Zug, hoch spannend und mit dem Bewusstsein, wie oft das Glück des Menschen an einem seidenen Faden hängt. Unbedingt lesenswert!
Interview
Der Stoff für ein Buch lag offensichtlich jahrzehntelang da. Erstaunlich, dass die Geschichte im deutschsprachigen Raum nicht schon viel früher literarisch umgesetzt wurde. Was entschied, dass Sie einen so konzentrierten Roman daraus schufen und nicht mit grösserer Geste erzählten, zum Beispiel aus der Sicht des alt gewordenen Stanislaw Petrow? Ich weiss nicht, ob man sich frei aussuchen kann, wie man einen Stoff erzählt. Beim Schreiben folge ich meinem Instinkt, es fühlte sich einfach richtig an, den Stoff in dieser Kürze zu erzählen, ihn nicht unnötig zu strecken. Ich kann im Nachhinein vermeintlich rationale Gründe suchen, warum ich das so und nicht anders geschrieben habe, aber es bleibt Instinkt.
Der Mann schleppte das Geheimnis jenes 26. Septembers 1983 bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion als Staatageheimnis mit sich herum. Es ist anzunehmen, dass er nicht einmal seiner Frau von den tatsächlichen Ereignissen erzählen konnte. Die Dramaturgie dieser 17 Minuten in diesem Kommandobunker ist nicht zu überbieten, genauso die Dramaturgie in Stanislaw Petrows Innenleben. Er wusste haargenau, was die Folgen einer falschen Entscheidung sein werden. In all den Kriegen, ob in der Ukraine, im Kongo oder im Sudan. Es ist nur zu hoffen, dass Menschen sich in kollektiv lebensbedrohlichen Situationen nicht instrumentalisieren lassen. Ist das letztlich nicht ein frommer Wunsch? Natürlich, aber was bleibt uns denn anderes übrig als die Hoffnung? Am Ende wird die Geschichte von den Entscheidungen einzelner Menschen vorangetrieben, die Frage ist, wieviel Macht diese Menschen besitzen. Stanislaw Petrow wollte keine Macht haben, sie fiel ihm zu. Glücklicherweise konnte er klar sehen, sein Blick war nicht von einer Ideologie verzerrt. Er war ein Mann der Wissenschaft und vertraute ihren Methoden, damit war er sicherlich ein schlechter Kommunist.
Sie beschreiben sehr intensiv, was in Stanislaw Petrow passiert, jener Teil der Geschichte, die Fiktion braucht. Ich fiebere mit ihm. Ich spüre, wie sich die Minuten zu Unendlichkeiten ausdehnen. Ich spüre den Kampf, den der Mann in sich austrägt, wie sich alles auf diesen einen Moment einbrennt. Ich fühle seine Verzweiflung, den unsäglichen Druck, den realen Alp. Der Titel ihres Buches meint nicht, dass Stanislaw Petrow nichts tat. Die Weigerung, das Abwarten, der Zweifel, das Nachdenken ist viel mehr als Nichtstun. Was bedeutet die Geschichte von Stanislaw Petrow für sie ganz persönlich? Wahrscheinlich sprach mich der Stoff an, weil ich mich fragte, ob ich das könnte; abwarten wie Petrow. Ich und die meisten Menschen wollen durch ihre Handlungen möglichst rasch ein Ergebnis herbeiführen, wir halten die Ungewissheit nicht aus. Auch Petrow hält sie fast nicht aus, zum Glück dauert sie nur siebzehn Minuten, die ihm aber wie eine Ewigkeit vorkommen.
Es war nicht das einzige Mal, dass die Welt an einem kriegerischen Nuklearschlag vorbeischrammte. Zwei Jahrzehnte zuvor hätte es während der Kubakrise nicht viel mehr gebraucht, um den Konflikt atomar eskalien zu lassen. Heute wird am russischen Fernsehen ganz offen und hemmungslos mit der Atombombe gedroht, allen voran der TV-Moderator, Scharfmacher und Putin-Propagandist Wladimir Solowjow. Atomsprengköpfe dienen nicht mehr der Abschreckung, sondern der ganz direkten Drohung. Macht ihnen das nicht Angst? Mein Vater war ein Kind, als die Kubakrise passierte, er war noch zu klein, um das verstandesmässig begreifen zu können, aber die allgegenwärtige Furcht hat er gespürt. Jedenfalls erzählte er, dass damals viele glaubten, der Dritte Weltkrieg stünde bevor. Die stationierten Mittelstreckenraketen waren eine unmissverständliche Drohung, heutzutage ist es schwieriger einzuschätzen. Würde Putin für seine Ziele wirklich Atomwaffen einsetzen? Er ist nicht durchgeknallt, er hat bestimmte Ziele und kalkuliert mit Angst. Ich würde ihm den Besuch des Museums in Hiroshima empfehlen, dort sieht man, durch welche Hölle die Menschen damals gegangen sind.
Nach dem Tod seiner Frau 1997 und dem Auszug seiner Kinder lebte Stanislaw Petrow mit einer Rente von 1000 Rubel. Ein Betrag mit dem man sich in einem schicken Moskauer Café gerade mal 10 Tassen Kaffee hätte leisten können. Ist das das Wesen eines wahren Helden? Dass er das, was er tut nicht der Heldentat wegen tut? Es würde wohl keine Helden geben, wenn sie nach Anerkennung von aussen streben würden, sie haben innere Motive. Stanislaw Petrow sah sich nicht als Held, er habe einfach seine Arbeit erledigt, betonte er immer wieder. Das ist ja ein Topos, der Held, der einfach nur tut, was er für das Richtige hält.
Lesung im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben
Lukas Maisel, geboren 1987 in Zürich, machte eine Lehre zum Drucker, bevor er am Literaturinstitut in Biel studierte. 2020 debütierte er mit seinem Roman «Buch der geträumten Inseln«, für das er einen Werkbeitrag des Kantons Aargau erhielt sowie mit dem Förderpreis des Kantons Solothurn und dem Terra-nova-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet wurde. 2021 las er bei den 45. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, 2022 erschien seine von der Kritik gefeierte Novelle «Tanners Erde«.
Das nicht alles ist, wie es scheint, wird uns immer und immer wieder ins Bewusstsein geprügelt. Dass das Gewusel auf der Oberfläche nicht mit den Fäden im Untergrund übereinstimmt, wissen wir ebenfalls. Isabelle Lehn brilliert mit ihrem Roman „Die Spielerin“ derart überraschend, fundiert, sachkundig und dramaturgisch geschickt, dass man sich während des Lesens die Augen reibt.
Wir sehen sie überall, die Erfolgreichen. Sie parkieren im Halteverbot mit ihren aufgemotzten Karossen, sie bebildern die Sozialen Medien mit ihrem permanent glamurösen Auftritt, mit Botox und Silikon bis zur Unkenntlichkeit aufgeblasen oder spielen zumindest diesen, auch wenn das Bankkonto im Hintergrund so gar nicht widerspiegelt, was an der Oberfläche glitzert und glänzt. Aber da gibt es auch noch die anderen; jene ganz und gar Unaufälligen, die im Hintergrund die Fäden ziehen und ihre Genugtuung mit der Zufriedenheit nähren, dass die Marionetten im Scheinwerferlicht nach ihrer Fasson tanzen.
Isabelle Lehn beschreibt genau das, das Wirken einer Frau, der man wenig zutraut, die unscheinbar im Hintergrund wirkt, die weiss, wie sie Exponenten instrumentalisiert, wie das grosse Geld wie auf einer grossen Wippe mit minimaler Geste und maximaler Wirkung in ihre Richtung rutscht. Eine Frau, im Roman nur mit A. genannt, als ob alles Individuelle bei der eigentlichen Protagonistin keine Rolle spielen würde, wächst in beschaulichen Verhältnissen auf, macht trotz Widerstand ihres Vaters eine Banklehre in der niedersächsischen Provinz, widmet sich ganz ihrer Aufgabe, blendet alles andere aus, steigt auf in ein angesehenes Bankhaus in Zürich, macht sich durch Fleiss, Beharrlichkeit und gespielter Unterwürfigkeit in einem ziemlich sexistischen Machoumfeld bald unentbehrlich. Man schenkt ihr mehr und mehr Vertrauen und A. lernt schnell, dass Geldfluss und Moral alles andere als miteinander gekoppelt sein müssen. Von den vermeintlichen Strippenziehern (meistens männlich) unterschätzt, missachtet und vergessen wird sie zur Schaltstelle eines mafiösen Schattensystems.
Isabelle Lehn «Die Spielerin», S. Fischer, 272 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-10-397202-3
Im ersten Teil ihres spektakulären Romans schildert Isabelle Lehn die Schieflagen, Auswirkungen, die A. mit ihren Verbindungen, Versprechen und Zusagen bewirkt. Wie sehr man besiegeltem Papier glaubt. Wie sehr man in der Not auf Rettung hofft und jeden noch so dünnen Strohhalm als rettendes Floss sieht. Irgendwann steht A. vor Gericht und nach und nach wird klar, wie sehr sich Biographien und Schicksale durch die Agitation dieser unscheinbaren Schattenfrau an die Ränder ihrer Existenz bewegten – oder darüber hinaus. Faszinierend ist, wie nicht nur für die „Opfer“ damals die Frau im Hintergrund schemenhaft bleibt, sondern auch mich als Leser eine Schattenfrau. Eine Frau, über deren Motivation und Beweggründe man ellenlang diskutieren könnte, die vielleicht einfach nur durch die Gelegenheit zur «Diebin» wurde.
«Du hast die Wahl, ob du unbewaffnet in diesen Kampf ziehen willst, gegen einen übermächtigen Gegner. Oder ob du Gebrauch von deiner Superkraft machst, dich von anderen unterschätzen zu lassen.»
Dem Roman zum Vorbild dient ein realer Fall aus dem Jahre 2004, als die Nachrichtenagentur ddp, die Insolvenz anmelden musste, in Schieflage einem kriminellen Investor auf den Leim ging, vermittelt durch eine ddp-Mitarbeiterin, die ein Doppelleben führte, Strippenzieherin und unscheinbare Mitarbeiterin. Das Spannende an diesem Roman ist aber nicht die Aufarbeitung eines realen Geschehens, nicht einmal „Enthüllungen“, wie weit sich mafiöse Strukturen ausgerechnet in die Medienwelt hineinfressen können. Das Geniale an diesem Roman ist seine lakonische Erzählweise, dass die Autorin nicht prahlt mit ihrem Wissen, ihrem Durchblick, nicht einmal, dass sie mich blossstellt in meiner Ahnungslosigkeit. Es ist die Dramaturgie, der Bau der Geschichte. Die Art, mit welcher Selbstverständlichkeit sich nicht nur A. im Geschehen, sondern Isabelle Lehn in der Materie bewegt. Ich reibe mir während der Lektüre immer und immer wieder die Augen, staune und wundere mich.
Dass dieser Roman „feministisch“ sein soll, entzieht sich meinem Empfinden. Er zeigt, wie leicht man sich hinter Unauffälligkeit verstecken und verbergen kann. Wie leicht man(n) sein Gegenüber aufgrund des Aussehens und des Verhaltens unterschätzt. Ein ungeheuer gut gestrickter Roman, der allerdings nicht warm gibt, sondern Frösteln verursacht.
Isabelle Lehn, geboren 1979 in Bonn, lebt heute in Leipzig und schreibt erzählende und essayistische Prosa. Sie ist promovierte Rhetorikerin, Autorin des mehrfach ausgezeichneten Debütromans «Binde zwei Vögel zusammen» und zuletzt des Romans «Frühlingserwachen». Für ihre literarische Arbeit erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, zuletzt den Dietrich-Oppenberg-Medienpreis für ihren Aufsatz «Weibliches Schreiben» (S. Fischer hundertvierzehn), der sich mit der geschlechtsspezifischen Rolle von Autor:innen im Literaturbetrieb auseinandersetzt.
Eva Maria Leuenbergers dritter Gedichtband war auf der SWR-Bestenliste! Schon erstaunlich für einen Gedichtband! Aber die Dichterin hat schon mit ihrem Debüt «dekarnation» mehr als nur aufmerksam auf sich gemacht. Jeder ihrer bisher erschienenen Gedichtbände ist Meilenstein der Dichtkunst, jedes ihrer Bücher ein Kunstwerk.
Man kennt die Bilder aus dem Netz: Ein Wal steigt aus dem Wasser und knallt auf eines der Boote, auf denen Touristen zu den Tieren gefahren werden. Ob eingebildet oder nicht entsteht zuweilen der Eindruck, als habe die Natur genug von der Spezies Mensch, die so gar nicht einsehen will, dass der Besitzanspruch dieser Gattung den Planeten irreparabel zu schädigen begonnen hat. Kein Wunder wird die Kunst zu einem Sprachrohr der Ohnmacht, der Verzweiflung, der Ratlosigkeit. Seien dies in der Belletristik oder im Film grassierenden Weltuntergangsszenarien oder Dystopien oder die grossflächigen Bilder eines Anselm Kiefer. Kunst, die keinen Hehl daraus macht, dass das Gefühl, im Kollektiv jene rote Linie längst überschritten zu haben, bis zur Depression und vollkommenen Lähmung führen kann.
Eva Maria Leuenberger «die spinne», Droschl, 2024, 96 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-99059-164-2
In Eva Maria Leuenbergers neuem Gedichtband «die Spinne» spricht eine Stimme mit einem flügellahmen Wesen, das im Bett liegt und zur Decke starrt. Dort sitzt die Spinne, ein Wesen, das bedrohlich in der Ecke hockt, seine klebrigen Fäden spinnt, sich ins Leben, ins Denken jener Person beisst, die dort liegt, sie, im Langgedicht «flügchen» heisst. Die Spinne war schon in Gotthelfs Novelle Synonym für die Bedrohung. «flügchen», eine leuenberg’sche Wortschöpfung, ein Wesen, dem man die Flügel nahm, die Fähigkeit zu fliegen, so wie die in die Spinnfäden eingewickelten Fliegen.
Angesichts all der unleugbaren Tatsachen, dass sich die Welt in eine Richtung verändert, die in der Gegenwart und Zukunft mit zerstörerischer Kraft auf unser Tun und Unterlassen reagieren wird, ist «die spinne» seltsam milde formuliert. Eva Maria Leuenbergers Langgedicht ist weder ökopolitische Kampfschrift noch in Depression verfallene Selbsterklärung. «die spinne» beschreibt jenes Gefühl der Machtlosigkeit, der Lähmung, das sich wie eine steinerne Decke über eine ganze Generation zu legen droht, denen man die Zukunft genommen hat, eine Zukunft, in der alles offen, alles möglich ist.
«Du liegst und liegst und liegst.» Man spürt den Schmerz, die Ratlosigkeit, das Unausweichliche in diesem Gedicht, weil es zur einzigen Antwort geworden ist, auf das zu reagieren, was sich wie ein Klotz an Körper und Geist hängt. Gleichzeitig ist Eva Maria Leuenbergers Gedicht der Versuch eines «Trotzdem», denn kein Wort trifft man in ihrem Langgedicht häufiger als «trotzdem», der Kontrapunkt zu einer anderen Formulierung, die sich im Text immer und immer wieder findet: «man gewöhnt sich an alles.»
«die Spinne» ist leicht, trotz des Schwere. Ein Langgedicht, das sich laut fast wie Prosa liest. Eine eingängliche, unkomplizierte, eindringliche, verletzliche, zarte Stimme, die mich nicht herunterziehen will, die aber sehr wohl das Zeug hat, genau den Nerv zu treffen. «die spinne» ist der Beweis, wie aktuell, wie lebensnah und ungekünstelt Lyrik sein kann!
Eva Maria Leuenberger wurde 1991 in Bern geboren und lebt in Biel. Sie studierte an der Universität Bern sowie an der Hochschule der Künste Bern. Veröffentlichungen u.a. in manuskripte und in Literarischer Monat. Sie ist zweifache Finalistin des open mike in Berlin (2014 und 2017). 2016 erhielt sie das »Weiterschreiben«-Stipendium der Stadt Bern, 2020 wird «dekarnation» – als erstes Lyrikdebüt – mit dem Basler Lyrikpreis ausgezeichnet. 2025 wird Eva Maria Leuenberger mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet!
Romane über Demenz oder Alzheimer sind kein leichtes Terrain. Und doch gelingt es der Literatur immer wieder, dieser Erkrankung nicht nur mit viel Verständnis und Respekt zu begegnen, sondern auch mit Humor. Der Vorarlbergerin Petra Pellini gelingt es ausnehmend gut, mit Humor über einen Zustand zu berichten, der den Schrecken nicht nimmt, aber so viel Empathie zeigt, dass man sich vor dem Feingefühl der Schriftstellerin verbeugt.
Linda, das Mädchen, das erzählt, ist fünfzehn. Schon auf der ersten Seite des Romans droht sie, sich vor ein fahrendes Auto zu werfen. Linda braucht Hilfe. Und Linda bekommt Hilfe. Nur nicht von dort, wo Hilfe herkommen müsste. Nicht von ihrer Mutter, schon gar nicht von deren neuem Freund Jürgen, dem Bestatter, und auch nicht von ihren Freundinnen. Aber von Hubert und Kevin. Hubert ist ihr Nachbar, pensionierter Bademeister aber in fortgeschrittenem Stadium an Demenz erkrankt. Dass ihm in den vierzig Jahren Bademeister nicht einmal ein Kind ertrunken ist, trägt Hubert wie einen Orden mit sich. Aber dass seine Frau Rosalie vor fast zehn Jahren gestorben ist und vom Einkaufen nicht mehr nach Hause kommt, das hat Hubert vergessen.
Linda hat sich von Huberts Tochter überreden lassen, dreimal die Woche auf Hubert aufzupassen, nachbarschaftliche Hilfe. Huberts Tochter hat dafür keine Zeit, wohnt zu weit weg. Auch zur Entlastung der polnischen Haushaltshilfe Ewa, die das Tun und Lassen ihres Patienten immer wieder mit Skepsis und einer ordentlichen Portion Unverstand kommentiert, zwar tatkräftig zupackt, aber lieber die Augen verschliesst, wenn Hubert von seiner Krankheit ins Abseits gestellt wird. Wenn er Karotten toastet und sich mit der Zahnbürste die Haare kämmen will. Linda begegnet Hubert unvoreingenommen. Hubert ist nicht jener, der er einmal war, wie für seine Tochter. Hubert ist für Linda der, der er ist.
Aus mir soll etwas werden, dabei interessiert niemanden, wer ich wirklich bin.
Petra Pellini «Der Bademeister ohne Himmel», Kindler, 2024, 320 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN: 978-3-463-00068-8
Kevin, mit dem sie sich manchmal trifft, ist wie Linda des öftern in seiner Ausweglosigkeit gefangen. Nicht nur, dass er als Nerd viel lieber in seiner abgedunkelten Höhle zuhause vor seinen Bildschirmen sitzt. Kevin sieht wenig Hoffnung für eine Welt, die längst aus den Fügen geraten ist, die irgendwann droht, die Menschheit dafür zu bestrafen. Hubert, Linda und Kevin, ein Dreigespann, dass sich lieber nicht allzu sehr mit der Zukunft beschäftigt, das genug mit sich selbst zu tun hat, das alleine gelassen wird.
Zwischen Hubert und Linda entwickelt sich eine ganz eigene Freundschaft, eine Beziehung, in der man sich weniger offenbart als in seinem Gegenüber vertraut fühlt. Zusammen mit Ewa, zu der Linda viel leichter einen Zugang findet als zu ihrer eigenen Mutter oder gar zu ihrem neuen Freund, einem weiteren in einer langen Reihe, helfen sie Hubert, sich zurechtzufinden, sei es durch den Duft aus der Küche oder ganz eigene „Spiele“, die Linda für Hubert inszeniert, Spiele, die für Hubert zu seiner Welt werden.
Nicht nur weil Ewa für ein paar Tage weg muss und eine hygienebesessene Aushilfe Huberts Pflege übernehmen soll, beginnen sich die Ereignisse um Hubert zu überstürzen. Linda spürt, dass etwas unwiederbringlich verloren geht, dass sich eine Vertrautheit und ein Stück Zuhause mit zunehmender Demenz verabschiedet.
«Hubert bist du zuhause?“, frage ich ihn und klopfe ihm auf die Schulter.
Nicht nur dass Petra Pellini als Pflegefachfrau genau weiss, wovon sie schreibt und was fortschreitende Demenz für alle Betroffenen bedeutet, die Autorin erzählt mit ungeheurer Leichtigkeit und grösstmöglichem Einfühlungsvermögen. Nicht dass sie der Krankheit den Schrecken nimmt, aber durch die Erzählperspektive einer 15jährigen, die in einer Mischung aus kindlicher Naivität und erwachsener Fürsoge instinktiv zu verstehen scheint, was ein alter Mann, der sich in seiner alten Welt mehr und mehr verliert, sucht und braucht. Gleichzeitig liegt in ihrem Erzählen so viel Leichtigkeit, Witz, Humor und Lebensweisheit, dass man sich mit der Lektüre bis zur letzten Seite diesem schleichenden Schrecken gerne aussetzt.
Petra Pellini, geboren 1970 in Vorarlberg, lebt und arbeitet in Bregenz. Sie war lange in der Pflege demenzkranker Menschen tätig. Für einen Auszug aus ihrem Roman «Der Bademeister ohne Himmel» wurde sie 2021 mit dem Vorarlberger Literaturpreis ausgezeichnet.
Sagt er (mit lauter Monsterstimme): Ich bin der Vernichter.
Sag ich: Du bist in mir ein Hall und Jammer. Ich halt dich ein, werd innen schwarz, bleib außen Alabaster, bis die Glut durch dringt. Dann stehst du da. Verbrennst die mir zu Hilfe eilen wollten. So vermehrst du dich als Infektion, Entzündung aller Wunden.
Sagt er: Du hast es dir schon ausgemalt.
Sag ich: Kenn’ dich wie Abel. Kenn’ dich doch ewig.
Sagt er mir (sanft an mich gelehnt, sein Atem köstlich, so warm im Nacken alles wie immer alles, nicht ohne Melodie): Ich bin der Funke. Im Dunkeln bin ich der hellste Punkt.
(aus Nora Gomringer «Gottesanbieterin», Voland & Quist, Berlin, Dresden & Leipzig, 2020) Immer öfter lässt sich Nora Gomringer die Gretchen-Frage stellen, sie antwortet in Essays, Reden, Geschichten und natürlich: in Gedichten. Das geschieht oft komisch und mit einem Augenzwinkern, ihr und jedes Gläubigsein ist persönlich. Die Lyrikerin hat sich zuletzt mit irdischen Ängsten, Krankheiten und Phänomenen des Oberflächlichen beschäftigt, doch das Metaphysische wohnte dem schon immer inne – und denken wir an Gomringers Wanderung mit einem lispelnden, über die Einsamkeit des Menschen sprechenden Hermelin, so wundert es kaum, dass erneut eine tierische Begegnung Auslöser für die in diesem Band versammelten Gedichte ist: Schon vor vielen Jahren traf die Dichterin auf eine riesige Heuschrecke im US-amerikanischen Hinterhof ihrer damaligen Gastfamilie: die Gottesanbeterin. Es war diese einstündige Begegnung des Schweigens, die Gomringer zur Hinterfragung des irdischen Seins und der Vielgestaltigkeit von Religion gebracht hat, jenem »geschmacksverstärkenden, mal verträglichen, mal unverträglichen Glutamat des Seins«. (Verlagstext)
Liebesrost
Liebesrost Über Nacht Bist du oxidiert Neben mir
Hast auf mich reagiert Bist rostig geworden Du sagst Golden Ich lecke an deinem Hals Du schmeckst wie der Wetterhahn
(aus Nora Gomringer «Mein Gedicht fragt nicht lange reloaded», Voland & Quist, Dresden & Leipzig. 2015. S. 168) Nora Gomringers Gedichte sind viel herumgekommen. Daher haben sie Sieben-Meilen-Stiefel an den Versfüßen und manchmal einen recht breitbeinigen Gang. Dazu eine laute Stimme und manchmal ganz schön viel Attitüde. Doch manche von ihnen haben Katzensohlen, zarte, bebende Haut, sind verweht, fast noch bevor sie ausgesprochen wurden, sind zum Still-für-sich-Lesen statt zum Deklamieren geeignet. (Verlagstext)
Nora Gomringer, geboren 1980, hat zahlreiche Lyrikbände vorgelegt und schreibt für Rundfunk und Feuilleton. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen sowie Aufenthaltsstipendien in Venedig, New York, Ahrenshoop, Nowosibirsk und Kyoto wurde ihr 2012 der Joachim-Ringelnatz-Preis für Lyrik zuerkannt. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preisund 2019 war sie Max-Kade-Professorin des Oberlin College and Conservatory in Ohio. 2022 wurde Nora Gomringer mit dem Else Lasker-Schüler-Preis ausgezeichnet. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.