Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

«Literatour» am 30. Internationalen Literaturfestival in Leukerbad

Das 30. Internationale Literaturfestival in Leukerbad beginnt mit einer Literarischen Wanderung, auf den Spuren von Goethe. Was sich heute wie Idylle präsentiert, war vor 100 Jahren und mehr Schauplatz menschlicher Existenzkämpfe, bei denen die Natur mit aller Härte dem Menschen trotzte.

Würde man Leukerbad von 1779 und 2026 übereinanderlegen, gäbe es wohl kaum mehr Schnittmengen, auch wenn die Kulisse aus Fels und Himmel fast identisch wäre. Als Goethe im November 1779 Leukerbad erreichte, muss es frisch, wenn nicht kalt gewesen sein, auch wenn ihn stechende Insekten ziemlich rabiat wieder aus dem Ort vertrieben. Die Welt im Wallis damals muss eine ganz andere gewesen sein. Auch wenn Goethe die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Einheimischen lobte, dominierte im Leben der Hiesigen damals der Kampf ums Überleben, die Mühsal der täglichen Arbeit und die Angst vor dem Höllenfeuer. Daran erinnert im Bäderort Leukerbad wenig, wo man heute mit weissen Bademänteln und Froteeschlarpen über den Dorfplatz promeniert, auf Liegestühlen und im warmen Wasser dem süssen Nichtstun huldigt.

Umso aufschlussreicher waren die beiden literarischen Begleitungen auf dem Weg von Leukerbad talabwärts nach Inden. Zum einen die preisgekrönte Lyrikerin Franziska Füchsl mit ihrem Erzählkosmos „Am Rande der Müh“ und
Odilo Abgottspon, ein „Einheimischer“ aus dem nahen Visperterminen, der mit „Die Titscha“ die Geschichte seiner Grosseltern erzählt, seines Grossvaters, der aus existenzieller Not nicht nach Übersee, aber als Melker nach Schlesien auswanderte, um mit einer Auswärtigen ins Heimatdorf zurückzukehren. Bei Franziska Füchsl Geschichten um ein Grenzland im oberösterreichischen Mühlviertel, über Flüsse, Landschaften, Bäume, alles was kreucht und fleucht, eine durch und durch poetische Auseinandersetzung mit Landschaft und Sprache, ein buchlanger Versuch, der Natur eine Stimme zu geben, den Blick zu schärfen, das Natürliche dem Nutzen zu entreissen. Bei Odilo Abgottspon die Schilderung des Lebens vor 100 Jahren und mehr, als die Natur alles andere war, als eine Kulisse, um darin seine Ferien zu verbringen.

Odilo Abgottspon versetzt seine Leser*innen in eine Zeit, in eine Welt, die in allem bedroht war. Die Menschen in Visperterminen fürchteten Gott ebenso wie die Launen der Natur, den Hunger, die Dürre, den Tod der Kinder, ein Leben ohne Zukunft. Die Grossmutter, die mit ihrer Familie auch örtlich am Rand der Gesellschaft zu leben hatte, die man fast ein ganzes Leben als Fremde stigmatisierte, hatte noch viel mehr zu kämpfen. Ein Kampf um Familie, ein Kampf ums Dasein, eine permanente Rechtfertigung an jenem Ort am Leben zu sein.
Unter der Sonne des Sommers waren die Schilderungen mehr als nachvollziehbar. Odilo Abgottspons Familienroman dokumentiert ein Stück Schweizer Geschichte, lange vor jener Zeit, als das Wallis zu einer Feriendestination wurde, sich die Auswanderung in Zuwanderung drehte, weil Tourismus und Fremdenverkehr Devisen versprachen.

Franziska Füchsl geht es in ihrer Literatur um ganz anderes. Sie will nichts dokumentieren. Ihr Schreiben ist eine Schule des Sehens, eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was wir missverständlich als Um-Welt bezeichnen. Franziska Füchsl wendet den Blick, schärft die Wahrnehmung, macht Natur nicht bloss zum Gegenüber, sondern zum Unmittelbaren. Mag sein, dass sie gar nicht zu einer Anwältin der Natur werden will, aber sie ist es durch die Zartheit ihrer Sprache, ihren Respekt, ihre Liebe.
Als Goethe damals über die Gemmi nach Leukerbad kam, verstand er sich mit Sicherheit als Teil der Natur. Franziska Füchsl führt vor Augen, wie weit wir uns von der Natur, dem Natürlichen entfernt haben. So wie der Fluss Dala in Leukerbad ist die Müh im Mühlviertel die Ader des Lebens – und nicht zuletzt Sinnbild für die Müh, die man Leben und Fluss abtrotzen muss, um bestehen zu können.

Die Wanderung war Offenbarung und Klärung zugleich.
Als man 1966 die Eisenbahn von Leuk nach Leukerbad aus wirtschaftlichen Gründen stlilllegte, dachte man ans Ende der Eisenbahn, den endgültigen Sieg der benzinbetriebenen Mobilität. Heute wäre jene Eisenbahn, die sich spektakulär durch das zerklüftete Tal schlängelte, eine Attraktion erster Güte. Was bleibt, sind in Inden und Leukerbad zwei schmucke Bahnhofsgebäude, denen das damalige Selbstverständnis anzusehen ist. Einziges Zeugnis des damaligen Rollmaterials ist ein einziger, kleiner Güterwagen neben dem zum Lebensmittelgeschäft umfunktionierten Bahnhof Inden. Heute ein Minikino.

Franziska Füchsl «Am Rande der Müh», Edition Thanhäuser, 2026, 354 Seiten, ISBN 978-3-903409-15-6

Franziska Füchsl, 1991 geboren, gehört zu den eigensinnigsten Stimmen der österreichischen Literatur. Sie studierte Deutsche Philologie und Anglistik in Wien sowie Sprache und Gestalt in Kiel und lebt heute zwischen diesen beiden Städten. Ihre Texte bewegen sich an den Rändern von Lyrik und Prosa, arbeiten mit Dialekt, Sprachverschiebungen und bewusst irritierenden Bildern. Inhaltlich kreisen sie um Landschaft, Herkunft, soziale Reibungen und das fragile Verhältnis von Mensch und Natur. Für ihr Schreiben erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Deutschen Preis für Nature Writing für «Am Rande der Müh». Die Jury würdigte ihre Arbeit als «Grenzlandprosa, die Natur und kulturelle Prägung zugleich sichtbar macht und deren Verheerungen nicht ausspart».

Odilo Abgottspon «Die Titscha», Limmat, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-03926-108-6

Odilo Abgottspon, geboren 1956 in Visperterminen, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich. Danach wirkte er als Deutschlehrer an Gymnasien in Rom und Luzern. «Die Titscha» ist sein erstes Buch. Odilo Abgottspon lebt in Bern und im Wallis.

Beitragsbilder © Gallus Frei / literaturblatt.ch

 

Elisa Shua Dusapin «Damals waren wir unzertrennlich», Kein & Aber

Elisa Shua Dusapin ist eine Autorin der leisen Töne. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist der Roman einer Familie, die das Schicksal zerriss und zwei Schwestern nach 15 Jahren Trennung wieder zusammenführt. Ein feinfühliges Kammerspiel sich reibender Existenzen.

Elisa Shua Dusapin faszinierte mich schon vor zehn Jahren mit ihrem literarischen Debüt „Winter in Sokcho“. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist ihr vierter Roman und setzt fort, was Elisa Shua Dusapin seit ihrem Debüt meisterhaft zu inszenieren weiss; ihr Roman besticht durch das, was er nicht direkt erzählt, durch die Leerstellen und Schattenwürfe, mit denen er die Szenerie in eigenartiger Schwebe lässt. Elisa Shua Dusapin geht es nicht um Auflösung, nicht um Klärung. Vieles bleibt angetönt, verborgen. Ihr Roman ist ein Spiegel des echten Lebens, in dem auch vieles unausgesprochen, im Dunkeln, verborgen bleibt, erst recht im Trümmerfeld einer zerbrochenen Familie.

Elisa Shua Dusapin «Damals waren wir unzertrennlich», Kein & Aber, 2025, aus dem Französischen von Andreas Jandl, 144 Seiten, CHF ca. 29.00, ISBN 978-3-0369-5075-4

Agathe kehrt nach vielen Jahren zurück nach Frankreich. Nicht um dort zu bleiben, sondern um ihrer Schwester, die sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte, bei der Auflösung eines Hausstandes zu helfen. Ihr Vater starb. Das Haus soll leer werden. Alles muss weg. Die Spuren einstiger Gemeinsamheiten löschen. Agathe und ihre jüngere Schwester Véra hatten seit ihrer Trennung jeden Kontakt vermieden. Und nun leben sie für neun Novembertage zusammen im Haus ihrer gemeinsamen Kindheit, im Haus, in dem Véra damals mit sechs Jahren, aufhörte zu sprechen, im Haus, aus dem ihre Mutter weggegangen war, im Haus, in dem Agathe die Stimme ihrer kleineren Schwester wurde, aus dem auch Agathe ausgebrochen war und die jüngere Schwester sich selbst überliess.

Im Haus soll nichts zurückbleiben, es soll abgebrochen werden. Agathe und Véra nisten sich in den Hinterlassenschaften ihres Vaters ein, schlafen im Zimmer ihrer Kindheit, in einem Stockbett, nach Jahren maximaler Distanz für neuen Tage wieder ganz nah, unmittelbar. Véra, die damals zuhause und in der Schule Agathes Schutz brauchte, ist eine resolute Frau geworden, auch wenn sie noch immer nicht spricht. Sie packen ein, räumen auf, nehmen Dinge in die Hand, das, was von der Familie, der zerrütteten Ehe ihrer Eltern, vom Leben ihres immer schwächer gewordenen Vaters übrig geblieben ist, was sich wie Sedimentschichten im Haus absetzte.

Was zwischen den beiden geschieht, bleibt reduziert. Agathe verliess noch jung das Haus der Familie in die USA und kehrte nicht zurück, fand ihr eigenes Leben, wurde als Drehbuchautorin erfolgreich. Das Leben, das in den neun Tagen tropft, ist ein eigenartiger Kontrast zum Stress ihres Lebens auf der anderen Seite des Ozeans, ihrem Leben als Autorin, dem Beziehungsstress mit Irvin. Aber weil sie weiss, dass sich ihre Wege nach diesen Tagen wieder trennen werden, bleibt der Monolith aus Unausgesprochenem über ihnen in der Schwebe.

Ein schmaler Roman, fast wie eine literarische Skizze. Elisa Shua Dusapin zeichnet ein Buch lang mit feinem Strich und dezenten Farben. Nichts Reisserisches, dafür mit Anmut erzählt und grossem Respekt vor der Verletzlichkeit der Protagonistinnen.

Elisa Shua Dusapin wurde 1992 in Sarlat-la-Canéda (Frankreich) als Tochter eines französischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter geboren und wuchs zwischen Paris, Seoul und Porrentruy (Schweiz) auf. Sie hat am Literaturinstitut in Biel studiert und erhielt für ihren Debütroman «Winter in Sokcho» zahlreiche Preise, darunter den Robert-Walser-Preis sowie den National Book Award für Übersetzungen. Der Roman wurde verfilmt und an zahlreichen Festivals gezeigt. Ihre insgesamt vier Romane wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt. 

Elisa Shua Dusapin tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Andreas Jandl übersetzt aus dem Französischen und Englischen, vor allem Belletristik und Dramatik. Für seine Arbeit wurde er 2017 mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis (zusammen mit Frank Sievers) und 2021 mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Beitragsbild © Roman Lusser editions Zoe

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht», Rowohlt

Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.

Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.

Eine Mutter ist, was man nicht loswird.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.

Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.

Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.

Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.

Ich war ein Problem.

Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!

Lukas Bärfuss tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».

mehr über und von Lukas Bärfuss auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Lea Meienberg

Kamel Daoud «Huris», Matthes & Seitz

Eigentlich unerträglich, wovon Kamel Daoud in seinem dritten Roman „Huris“ schreibt. Eine als Kind von Terroristen entstellte Frau kämpft sich durch die Wirren eines zerrissenen Landes, im Ungewissen darüber, ob sie das Kind, mit dem sie schwanger ist, lebend zur Welt bringen soll. Und doch ist „Huris“ notwendig, wichtig und ein episches Lied auf das Leben.

Es gibt Bücher, die ich nicht geniessen kann, die ich aber trotzdem zu Ende lesen muss. „Huris“ von Kamel Daoud, den man 2023 dauerhaft wegen regimekritischer Äusserungen ins Exil zwang, ist eine romanlange Kampfansage gegen eine menschenfeindliche Gesellschaft, gegen die Unfähigkeit, dem Gräuel, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, dass ein Land zwischen religiösem und ideologischem Extremismus zerrieben wird. Nachdem Algerien seine Unabhängigkeit von Frankreich schon mit einem grossen Blutzoll zu bezahlen hatte, stürzten Fehden, Bürgerkrieg, Auseinandersetzungen zwischen Militär und Islamismus das Land zwischen 1992 und 2002 in einen Bürgerkrieg, ein Schlachten und Morden, das bis in die Gegenwart nachwirkt. Kamel Daoud schont sein Heimatland nicht, setzt ihm einen brutal ehrlichen Spiegel entgegen. So ehrlich, dass es für den Schriftsteller unmöglich geworden ist, in sein Heimatland zurückzukehren. Schon gar nicht nach der Veröffentlichung dieses Romans.

Aube (Morgenröte) ist eine junge schwangere Frau. Aber eine Frau, die hadert, die allen Grund hat, zu hadern. Als sie fünf Jahre alt war, überfielen islamistische Terroristen ihre Familie, massakrierten ihre Schwester, schnitten auch ihr die Kehle durch, liessen sie in ihrem Blut liegen. Aube überlebte, gezeichnet mit einer Narbe von einem Ohr zum anderen, dem Verlust ihrer Stimme und einer Kanüle, die ihr aus dem Hals ragt, einer Entstellung, die den Menschen den Atem nimmt, einer Narbe, die sie für immer gebrandmarkt zurücklässt. Von der Gesellschaft als Hure beschimpft, schwanger mit einem Kind, von dem sie nicht weiss, ob ein Leben in ihrer Welt lebenswert ist, hadert Aube mit ihrem Schicksal, mit dem Schicksal aller Frauen, mit dem Schicksal ihres Landes.

Kamel Daoud «Huris», Matthes & Seitz, 2025, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, 398 Seiten, CHF ca. 35.60, ISBN 978-3-7518-1031-9

Trotz allem hat es Aube geschafft, einen Friseursalon zu eröffnen, aber ausgerechnet gegenüber einer Moschee. Es entsteht ein Kleinkrieg über die Strasse, eine aussichtlose Auseinandersetzung zwischen frauenfeindlicher Ideologie und dem unzähmbaren Wunsch, ein freies Individuum zu sein. Als man ihren Salon zerstört und sich nichts und niemand gegen diesen Akt aufzubegehren traut, macht sich Aube auf den Weg zurück zu ihrem Heimatdorf, zurück in ihre Geschichte, zurück zu jenem Moment, als Willkür und Fanatismus ihr die Stimme raubte und beinahe das Leben kostete. Aber Aube ergeht es auch auf der Strasse nicht besser. Sie wird geschändet, von der Polizei verhöhnt, im Stich gelassen. Ein Mann nimmt sie mit, ein zum Buchlieferanten degradierter Verleger, der sie in seinem Auto mit seiner eigenen Geschichte zutextet, der Geschichte eines Mannes, der alles verloren hat, ein Mann, der ein seltsames Archiv in seinem Kopf mit sich trägt. Jede Zahl, die man ihm nennt, ist ein Denk- und Mahnmal für ein Massaker, ein unnötiges, nicht gesühntes Verbrechen. Er erinnert sich an das, was man am liebsten leugnen und vergessen möchte.

„Huris“ ist ein Monolog mit einem ungeborenen Kind. Die Geschichte einer Frau, der man das Gesicht genommen hat, die man schändet und für immer zeichnet. Die man alleine, sich selbst überlässt. Der Vater des Ungeborenen ist einer jener, der auf einem Boot übers Mittelmeer einen Platz erkauft hatte. „Huris“ beschreibt das Schicksal all jener Frauen, die nie eine Stimme bekamen, die männlicher Gewalt rechtlos gegenüberstehen, weit weg von Gleichberechtigung, weit weg von einem Recht auf Leben und Freiheit. „Huris“ ist schonungslos offen und ehrlich, strotzend vor Kraft und Intensität, faszinierend in seiner Erzählweise, einem gesangsähnlichen Erzählton. Ein Lied auf den Trost, eine hymnische Anklage auf grassierendes Unrecht. Manchmal unerträglich, trotzdem unsäglich wichtig!

Kamel Daoud tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Kamel Daoud, 1970 in Mostaganem, Algerien, geboren, arbeitete lange Zeit als Journalist für Zeitungen wie den Quotidien d’Oran und andere. Nachdem er 2014 in Algerien für seine kritischen Artikel bedroht wurde, ging Daoud ins Exil nach Frankreich und widmete sich der Literatur. Für seinen ersten Roman «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» wurde er von der Kritik gefeiert und unter anderem mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. «Huris» ist sein neuer Roman mit dem er den Prix Goncourt gewann.

Kamel Daoud stellt seinen Roman »Huris« im Gespräch mit Tilla Fuchs vor. Es liest Meike Rötzer. (19.09.2025, ilb. internationales literaturfestival berlin)

Holger Fock und Sabine Müller übersetzen seit 30 Jahren Belletristik und Sachbücher u. a. von Patrick Deville, Mathias Énard, Alain Mabanckou, Olivier Rolin, Mohamed Mbougar Sarr, Cécile Wajsbrot und Antoine Volodine. Für ihre Übersetzungen erhielten sie viele Auszeichnungen, darunter 2011 den Eugen-Helmlé-Preis, 2023 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.

Beitragsbild: Francesca Mantovani © Editions Gallimard

Anna Ruchat «Vertraute Gespenster», Limmat

Eine junge Frau zieht aus der Enge ihrer Heimat im Veltlin in die grosse Stadt am See in der Deutschschweiz. Es prallen Welten aufeinder, offenbare und verschlossene. Anna Ruchat, Übersetzerin und Autorin von Erzählungen schreibt sich mit zarter Feder in ihrem ersten Roman in grosse Themen.

Was ist Familie? Was bleibt von Familie, wenn das diffizile Gebilde zu bröckeln beginnt? Wie verhalten sich Heimatgefühle und Familie? Eine junge Frau spürt in der Fremde, dass das Bild, das sie sich ihr junges Leben lang von Familie machte, derart heftigen Störungen ausgesetzt wird, dass sie Jahrzehnte braucht, um den inneren Stürmen das Nötige entgegenzusetzen.

Teresa hat in Zürich eine Stelle als Kindermädchen in einer gut situierten Familie mir zwei kleinen Kindern erhalten. Sie weiss ganz genau, dass ihre Zukunft vorhersehbar ist, wenn sie im Dorf im norditalienischen Veltlin bleibt, dass ihr diese Stelle nicht nur eine Chance gibt, sich in der Fremde eine Tür zur Freiheit aufzutun, eine Sprache zu erlernen, sondern ihrem Traum von Selbstbestimmung einen grossen Schritt näher zu kommen.
Sie begleitet Pietro und Giovanni in den italienischen Kindergarten, holt sie ab, spielt mit ihnen, macht sich nützlich in der Küche und im Haushalt, bringt die Kinder ins Bett und hat da zu sein, wenn die Eltern der Kinder Gäste haben oder den Abend ausser Haus verbringen. Er ist Psychiater mit Praxis im Haus, sie ist Archäologin, beide oft auch für mehrer Tage unterwegs. Teresa macht ihre Arbeit gerne, die Kinder wachsen ihr schnell ans Herz, auch wenn sich nicht beide Kinder in der gleichen Weise annähern. Auch wenn Teresa von den Betreuerinnen im Kindergarten immer wieder einmal zur Seite genommen wird, weil sich auffälliges Verhalten des einen Jungen häuft, weil weder Mutter noch Vater dazu zu bewegen sind, über die Probleme ihrer Kinder sprechen zu wollen. Und weil da noch eine Tochter ist, schon ausgezogen, Esther, von der man kaum spricht, die sich wie ein Geist in die Geschicke der Familie mischt.

Anne Ruchat «Vertaute Gespenster», Limmat, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Sauser, 208 Seiten, ISBN 978-3-03926-105-5

Teresa geniesst die freie Zeit in der Stadt, macht sich fremdes Leben zu eigen, auch wenn sie zuweilen das Heimweh plagt. Erst recht, als Teresa zum ersten Mal nach Monaten nach Hause fährt und feststellen muss, dass das Gefüge zuhause mit einem Mal Risse bekommt. Ein strenger Vater, eine ergebene Mutter, Geschwister, die ihre Rolle innerhalb der Familie ebenso wenig hinterfragen wie ihre Eltern. In Teresa beginnt ein Kampf, nicht zuletzt, weil sie innerhalb ihrer Gastfamilie immer mehr in eine Situation gedrängt wird, die sie zum Handeln zwingt, die es ihr immer unmöglicher macht, tatenlos, neutral zuzuschauen. Warum streiten sich ihre Gasteltern so sehr? Warum ist die Situation in dieser Vorzeigefamilie so unterkühlt? Warum scheint es für diese eine Tochter aus erster Ehe der Gastmutter keinen Paltz zu geben? Warum scheinen sich Esther, die kaum je anwesende Tochter, und ihr Stiefvater förmlich abzustossen?

Der zweite Teil des Buches unter dem Titel „Verzweigungen“ (der erste Teil ist mit „Prägungen“ getitelt) erzählt die Geschichte einige Jahre später. Nach einer offenen Auseinandersetzung mit der Gastfamilie ist Teresa ausgezogen, in der Deutschweiz geblieben und hat mit einem Tischler eine Familie gegründet. Esther, die verlorene Tochter, ist zu einer Freundin geworden. Maria, die ehemalige Gastmutter, ist krank, genauso wie Bruno, ihr Mann, Esthers Stiefvater. Im Gegensatz zum ersten Teil, in dem hauptsächlich aus Teresas Sicht erzählt wird, erzählt Anna Ruchat hier aus der Sicht aller Familienmitglieder ihrer einstigen Anstellung. Mehr und mehr entblättert sich das brüchige Gefüge einer Familie, die zweischen Erwartungen, Karriere und Verdrängungen zu einem Trümmerfeld geworden ist. – Und zwischen alledem jene Geheimnisse, die die Gegenwart vergiften.

Anna Ruchat ist ein feinsinniger, einfühlsamer Roman gelungen, vielstimmig und mutig. Der Roman hat nicht die Absicht, alles auszuleuchten. Der Roman hat auch nicht die Absicht, mich mit Dramatik an der Stange zu halten. Es sind sie seismologischen Beschreibungen eines Gefüges, das beispielhaft ist für ein Fundament der Gesellschaft, das sich im Umbruch befindet.

Anna Ruchat und ihre Übersetzerin Barbara Sauser treten vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Anna Ruchat, 1959 in Zürich geboren, im Tessin und in Rom aufgewachsen, studierte Philosophie und deutsche Literatur in Pavia und Zürich. Langjährige Tätigkeit als Übersetzerin u. a. von Thomas Bernhard, Paul Celan, Nelly Sachs, Friedrich Dürrenmatt, Viktor Klemperer, Mariella Mehr, Kathrin Schmidt und Norbert Gstrein. Für ihr Erzähldebut «Die beiden Türen der Welt» erhielt sie in Italien den Publikumspreis Premio Chiara und in der Schweiz den Schillerpreis. 2019 wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 

Rezension zu «Neptunjahre» auf literaturblatt.ch

Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, lebt in Bellinzona. Studium der Slawistik und Musikwissenschaft in Fribourg. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Franzö­sischen, Russischen und Polnischen.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese

Ein leises Meisterwerk. Keine lauten Töne, kein Drama. Selbst die menschlichen Abgründe bleiben verborgen. Zwei Menschen, die sich eigentlich in nichts zueinander hingezogen fühlen. Wenn da das Leben und Sterben nicht wäre. „Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist eine leise Parabel zu den grossen Fragen der Zeit.

Es scheint eine urmenschliche Wesensart zu sein, die Welt nicht als die nehmen zu wollen, die sie ist. Jedem von uns widerfährt am Schluss des Lebens das gleiche Schicksal. Und doch weigern sich die meisten von uns, das Sterben und den Tod als einen Teil des Lebens zu akzeptieren. Wir leugnen, was unausweichlich kommen wird, leben in einem Zusand permanenter Verdrängung. Dass es Menschen gibt, die selbst dann noch tun, als hätten sie das Leben unter Kontrolle, wenn alle medizinischen Signale Alarm schlagen, ist offensichtlich. Noch so eine menschliche Wesensart; die Vorstellung, es wäre eine Fähigkeit, das eigene Leben zu kontrollieren. Wir hätten alles im Griff. Man müsste es nur anpacken, in die Hand nehmen, agieren, statt bloss immer zu reagieren, wir wären Macher, Vollstrecker einer Absicht, eines Plans.

Sándor wohnt im gleichen Mehrfamilienhaus wie die Erzählerin, auf dem Stockwerk gegenüber. Er ist, oder besser war erfolgreicher Geschäftsmann, viel unterwegs, ein stiller, unauffälliger Nachbar der Erzählerin. So wie meist in den Häusern, in denen man sich nicht kennt, in denen man unter dem gleichen Dach lebt und nichts voneinander weiss. Aber weil Sándor schon lange in dem Haus lebt, er schon lange ihr Nachbar ist, man das eine oder andere in kurzen Gesprächen erfuhr, auch dass er ursprünglich aus Ungarn stammt und sie irgendwann Zeugin wird, wie die Frau, die bei ihm lebte mit einem Koffer das Weite suchte, weil es um den Mann ganz offensichtlich gesundheitlich nicht zum besten stehen schien, beginnt zwischen den so unterschiedlichen Nachbarn eine distanzierte Annäherung.

Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese, 2026, aus dem Französischen von Walter Pfäffli, 182 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03981-026-0

Man sucht sich seine Nachbarn nicht aus. Man könnte sich ganz und gar in Ruhe lassen. Was man in der Regel doch auch will. Aber Sándor verwickelt die Erzählerin immer mehr in Gespräche. Nicht nur das. Er wickelt sie in ihr Leben. Ein Leben, das ganz anderen Gesetzen zu folgen scheint, aber nichts desto trotz damit rechnet, dass man auf nachbarschaftliche Hilfe zählen kann. Erst während der Reisen, die der Geschäftsmann immer wieder für Wochen unternimmt, später für die vielen Krankenhausaufenthalte, die dem Mann ans Lebendige gehen, ohne dass er die Tragweite seiner Krankheit anerkennen wollte.

Sie sieht seinen Niedergang, seine fortschreitende Krankheit. Er tut alles, um möglichst lange sein Leben wie das alte aussehen zu lassen. Er verweigert sich ebenso wie er die Hilfe seiner Nachbarin als Selbstverständlichkeit nimmt. Erschwerend noch die Einschränkungen der Pandemie, die Sándor tunlichst als vorübergehende Verdüsterung nimmt, während seine Nachbarin die Katastrophe nicht nur in der Pandemie sieht.

„Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist wie ein Kammerspiel inszeniert. Sie leben auf dem gleichen Stockwerk in zwei komplett verschiedenen Welten. Nähe ist keine Masseinheit, die sich an messbaren Parameter hält. Wir alle kennen Menschen, die nicht wie wir zu ticken scheinen, deren Interpretationen des Seins sich stets diametral von den unseren unterscheiden, für die ganz andere Regeln und Massstäbe zu gelten scheinen. Catherine Lovey, die mit der französischen Originalausgabe „Histoire de l’homme qui ne voulait pas mourir“ 2025 den Schweizer Literaturpreis erhielt, erzählt unspektakulär und minimal emotional von zwei Polen menschlicher Existenz – und davon, dass es Umstände gibt, die selbst Gegensätze aller Physik zum Trotz zur Annäherung führen können. Catherine Lovey schildert präzise, ohne emotional aufladen zu müssen.

In 45 Bildern wird eine Szenerie, werden Versatzstücke menschlichen Lebens geschildert, die sich im Kleinen mit den ganz grossen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Catherine Lovey verzichtet auf alles, was dramatisieren könnte, bleibt so in erstaunlicher Nähe zur Wahrhafigkeit. 

Catherine Lovey tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf, ebenso am 1. Juli in der Kantonsbibliothek Thurgau.

Catherine Lovey, 1967 in eine Bergbauernfamilie imVal d’Entremont im Wallis geboren, lebt heute im KantonWaadt. Sie studierte zunächst Internationale Beziehungenund anschließend Kriminologie und arbeitete als Journalistin für Printmedien mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Finanzen. Ihren ersten Roman «L’Homme interdit» veröffentlichte sie 2005 im Verlag edition Zoé. Es folgten vier weitere Romane, literarische Reportagen, Essais und Theaterstücke. In deutscher Übersetzung liegt nun ihr jüngstes Werk vor: «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», das mit mehreren renommierten Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. dem Schweizer Literaturpreis 2025

Walter Pfäffli, geboren 1961 in Kriens, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literatur. Eine Ausbildung in Information und Dokumentation führte ihn an die Schweizer Nationalbibliothek in Bern, wo er seine Leidenschaft für literarische Übersetzungen entdeckte.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen

Manchmal werde ich gebeten, Lesetipps zu geben. Ich weiss kaum, wem ich „Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof empfehlen könnte. Kein Roman zur Entspannung oder Unterhaltung. Einer jener Romane, die um jeden Preis reiben und provozieren wollen. Und trotzdem faszinieren!

Schon der erste Teil ihrer auf sieben Bände angelegten Reihe schlug in ihrem Heimatland Dänemark ein wie eine Bombe. Zum einen, weil Dreh- und Angelpunkt dieser Serie jene Schifffahrtskatastrophe der Scandinavian Star war, bei der 1990 159 Passagiere bei einem Brand ihr Leben verloren. Damals stellte man fest, dass auf dem Schiff fast gleichzeitig mehrere Brände gelegt wurden. Wer Verursacher dieser Katastrophe war, ist noch immer ungeklärt. Kein Wunder, dass sich irgendwann auch die Literatur mit einer möglichen Variante einmischt. Dabei geht es Asta Olivia Nordenhof bei ihrem literarischen Grossprojekt keineswegs um eine Aufarbeitung und Rekonstruktion. Sie mischt Fakten und Fiktion und setzt nun mit dem zweiten Band zu einer allumfassenden Kritik an der Gesellschaft an. In einer Art und Weise, die wehtun will, die provoziert, die manchmal nur schwer auszuhalten ist. Asta Olivia Nordenhof tut schreibend alles, wovor sich die meisten hüten würden; schonungslos wütend, schmerzhaft grell und entblösend. 

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen, 2026, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-546-10104-2

Asta Olivia Nordenhof schreibt sich in eine Figur, deren Blick ebenso trocken und nüchtern auf sich selbst gerichtet ist, wie auf ihre unmittelbare Umgebung. Der Blick darüber hinaus ist der Blick auf eine Katastrophe, auf eine Gesellschaft, die sich ganz der Gier verschrieben hat, auf eine Gesellschaft, die sich einzig und allein der Bereicherung verschrieben hat, koste es was es wolle. Liebe ist bloss noch eine ferne Sehnsucht, allenfalls das kurze Glück des Moments. Der Mensch als Individuum ist alles, Mitmenschen kreisen nur noch um das Individuum. Selbst Liebe und Sexualität sind viel mehr Instrument, allerhöchstens Manifestation einer Verunsicherung.

Es ist die Zeit zwischen zwei Coronawellen. Olivia lernt unterwegs einen Mann kennen, von dem sie sich in London für zwei Wochen in dessen Wohnung einladen lässt. Warum nicht auf angenehme Weise aus einer Quarantäne zwei Wochen Zeit schaffen, in denen sie endlich jene Kurzgeschichte aufschreiben kann, die sie schon lange mit sich trägt. Zwei Wochen Zeit mit einem Mann in seinem luxuriösen Appartment hoch über der Stadt London. Mit einem Mann, von dem sie nichts weiss, an dem sie auch nichts interessiert. Zwei Wochen, in denen man Zweisamkeit spielt, Tisch und Bett teilt – und doch bleiben beide in ihrer vom anderen unberührten Bubble.

Olivia schreibet von ihrer Begegnung mit T., einem reichen Mann, der sie wenige Jahre zuvor als Prostituierte nicht bloss für ein paar Stunden kaufte, sondern gleich für eine unbestimmte Zeit, für eine nicht vorbestimmte Anzahl Tage, wie ein Stück einer Staffage. Olivia geht den Deal ein, so wie eine Fallschirmspringerin, die aus dem Flugzeug springt und nicht weiss, ob der Rucksack auf ihrem Rücken wirklich ein Fallschirm ist. Ihre Augen werden verbunden. Sie spürt, wie sie in ein Flugzeug geführt, in einem Hotel von ihren Augenbinden befreit wird. Der Mann legt ihr strickte Regeln auf, mit dem Versprechen, jederzeit aus dem Deal aussteigen zu können. Es beginnt eine Zeit im goldenen Käfig. Im gemeinsamen Bett liegt ein grosses Messer.

Im Roman wechselt sich Prosa und erzählende Lyrik, zwei Stimmen, zwei völlig verschiedene Atmosphären. Da schreibt eine zutiefst Verletzte, eine Versehrte, eine Verwundete, eine um den Glauben an das Gute Beraubte. Eine, die in eine Löwengrube geworfen wurde und sich nur mit spitzen Krallen und markerschütternden Verbalattacken zu wehren weiss. „Das Teufelsbuch“ liest sich wie die Stimme einer in den Wahn Getriebenen. Von unbändiger Kraft. Keine Ahnung, ob ich die Kraft habe, die fünf noch folgenden Bände zu lesen.

Asta Olivia Nordenhof tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Asta Olivia Nordenhof ist eine preisgekrönte Lyrikerin und Schriftstellerin. Ihr Roman, «Geld in der Tasche», wurde erstmals 2020 in Dänemark veröffentlicht und gewann den Literaturpreis der Europäischen Union sowie den PO-Enquist-Preis. Zudem wurde es für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Die Veröffentlichung sorgte international für Aufsehen, das Buch wird in sechzehn Sprachen erscheinen. Der zweite Band der Reihe, «Das Teufelsbuch», wurde in Dänemark sofort zum Bestseller.

Ursel Allenstein studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen von u. a. Sara Stridsberg, Johan Harstad und Tove Ditlevsen. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.

Beitragsbild © Albert Madsen

Anna Weidenholzer «Hier treibt mein Kartoffelherz», Matthes & Seitz

Anna Weidenholzer repräsentiert genau das, was an der österreichischen Literaturszene bestechend ist; Vielfalt, Experimentierfreude und sprachliches Feingefühl. So poetisch die Titel ihrer Bücher sind, so tiefsinnig und tiefgründig sind ihre Geschichten in ihrem neuen Erzählband „Hier treibt mein Kartoffelherz“. Ein literarischer Leckerbissen.

2010 debütierte Anna Weidenholzer mit ihrem Erzählband „Der Platz des Hundes“, der von der Kritik einhellig gelobt wurde. Damals ein Versprechen für die Zukunft. Heute ist Anna Weidenholzer ein Eckpfeiler der deutschsprachigen Literatur. Nach ihrem Erzählband erschienen drei Romane: „Der Winter tut den Fischen gut“, „Weshalb die Herren Seesterne trugen“ und „Finde einem Schwan ein Boot“. Schon allein die Titel ihrer Bücher öffnen Türen, beschreiben programmatisch, was der Autorin wichtig ist. Anna Weidenholzer erzählt nicht einfach ein Stück Erlebtes, keine blossen Anektoten, schon gar nicht plottorientiert. Alles, was Anna Weidenholzer schreibt, sind menschliche Verschiebungen, Verwerfungen, die sich im Unscheinbaren manifestieren. Menschliche Verunsicherungen, die sich während des Lesens unweigerlich auf mich als Leser übertragen, eine Verunsicherung, die die Autorin mit ihrem sprachlichen Feingefühl auslöst, eine Mischung aus Verwunderung und Heiterkeit. Genau das, was literarische Feinkost bewirken soll.

25 Erzählungen, die einen eine halbe Seite lang, die anderen seitenlang, verteilt über die vier Jahreszeiten. Erzählungen, die alle für sich selbst stehen und doch miteinander verbunden sind, seien es Motive, Orte, aber auch in den letzten und jeweils ersten Sätzen, bei denen Anna Weidenholzer erzählerisch den Stab von einem Text zum andern weitergibt.

Anna Weidenholzer «Hier treibt mein Kartoffelherz», Matthes & Seitz, 2025, 155 Seiten, CHF ca. 25.90, ISBN 978-3-7518-1023-4

Anna Weidenholzers Erzählen ist unspektakulär. Aber es scheint, als hätte die Autorin ein Sensorium mehr als die meisten Menschen, als würde sie in Bereichen sehen, hören und fühlen, die den meisten anderen Menschen verschlossen bleiben. Wie eine Fledermaus, die in Frenquenzen hört, die uns verborgen bleiben. Anna Weidenholzer verrät, sie habe sich gar einen eigenen „Fledermausdetektor“ zuglegt, um in der Dämmerung den uns verborgenen Stimmen zu lauschen. Genau so schreibt die Autorin. Sie schreibt von dem, was knapp unter der offensichtlichen Wahrnehmung geschieht.

Zweimal habe ich der Autorin am Internationalen Literaturfestival zugehört, zweimal mit gebannter Verzückung, grossartig unterhalten und bas erstaunt über den feinen Witz und hintergründigen Humor, mit dem die Autorin nicht in erster Linie bestechen will, sondern meine für fest und stabil gehaltenen Untergründe in sanfte Schieflage bringt. Ein Blick auf Menschen und Dinge, der weit über Oberflächlichkeiten hinausgeht. Als ich mit einem Freund am Festival in einem Gasthaus zu Abend ass und auf die Perlen der Literatur anstiess, sass da Anna Weidenholzer nicht weit von uns an einem grossen Tisch, umgeben von anderen Akteur*innen des Festivals. Da ist nichts Divenhaftes, nichts Überzogenes. Es ist, als wäre Anna Weidenholzer genau das, was sie schreibt. Da schaut und hört jemand, der in Sphären wahrnimmt, die den meisten anderen verschlossen bleiben.

Und die Sprache. Das scheinbar Banale offenbart unsägliche Tiefe. Das spiegelt sich auch in der Sprache, in der Intensität ihres Erzählens, in dem, was die Texte bei sorgfältigem Lesen auslösen. Zugegeben, „Hier treibt mein Kartoffelherz“  ist weder Schnellfutter noch leicht verdaulich. Aber wer sich einlässt, wird mitten ins Herz getroffen.

© Literaturfestival Leukerbad

Anna Weidenholzer, 1984 in Linz geboren, lebt in Wien. Mit ihrem ersten Buch, «Der Platz des Hundes» (2010), war sie 2011 für das Europäische Festival des Debütromans in Kiel nominiert. Ihr zweiter Roman «Der Winter tut den Fischen gut» war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2013 wurde sie mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet. Ihr Roman «Weshalb die Herren Seesterne tragen wurde» 2016 für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2017 erhielt sie den Outstanding Artist Award für Literatur der Republik Österreich.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Erika Mayer

29. Internationales Literaturfestival Leukerbad – ein ganz persönlicher Rückblick

Zurück im Alltag, in der Erinnerung mehr als zwei Dutzend besuchte Lesungen, sind es Glücksmomente, wunderbare Begegnungen, Verzückungen – mit einem schalen, leicht morbiden Nachgeschmack, die mich auf die 29. Ausgabe des Festivals zurückblicken lassen.

An den eingeladenen Autorinnen und Autoren kann es nicht liegen. Auch nicht am Wetter oder fehlender Kulisse, schon gar nicht am Interesse derer, die sich für die Literatur auf nach Leukerbad machen. Vielleicht ist es der Ort. Vielleicht die örtlichen Offiziellen, vielleicht der sterbende Sommertourismus. Da täuscht auch der eine oder andere neue Strassenbelag oder der neu eröffnete Supermarkt im Busbahnhof nicht darüber hinaus. Während man in den einen Hotels ohne grossen Aufwand einen Film drehen könnte, der in den Siebzigerjahren spielt, spricht man an der Rezeption anderer nur noch Englisch oder Russisch. In der Mittagspause wird auf dem Dorfplatz nirgendwo im Schatten etwas Kühles serviert und das Festivalcafé (wenn es denn eines ist) bei der Festivalbuchhandlung im Alten Bahnhof muss mit einer Plastikplane gegen den trüben Blick in eine ewige Baugrube geschützt werden. Ich sitze an einer Mauer mit zwei Schriftstellerinnen, die wie ich nicht so genau wissen, wohin mit sich selbst, wenn der Festivalbetrieb mal eben Pause macht.

Mariann Bühler

Warum dann jedes Jahr doch? Selbst wenn ich die lang ersehnte Literarische Wanderung am Donnerstag wegen eines „Personenunfalls“ versäumte, der Spannteppich in meinem Hotelzimmer Generationen von Gästen zwischen Bett und Badezimmer trug und mir einmal mehr der Mut fehlte, die Flasche Wein zum Abendessen mit einem Freund nicht leerzutrinken, weil die Aussicht auf nächtliches Schädelbrummen ziemlich gross war?
Wegen der Literatur! Wegen jener AutorInnen, die man nur in Leukerbad trifft, die einem immer wieder über den Weg laufen und sich in Gespräche verwickeln lassen. Weil der Zustand des Dorfes ziemlich genau den Zustand der Welt, der Gesellschaft repräsentiert: bröckelnde Fassade, hier und dort Zeugnisse grosser Geschichten. Wegen der Geschichten in Büchern, jener gebannten Musik, den Partituren des Lebens. Wegen der Poesie, den letzten offenen Türen zum Paradies. Wegen der Menschen, die beim Zuhören den Atem anhalten, wegen den Tränen in den Augen, weil mich Texte aus den Socken hauen.

Birgitt Birnbacher

Wegen Birgitt Birnbacher, die mich mit ihrer Freundlichkeit, ihrer Menschenliebe überwältigt. Wegen Anna Weidenholzer, die mit ihrer feinsinnigen Beobachtungsgabe Grund zur Hoffnung gibt. Wegen Rolf Hermann, der mit seinem Witz die Bauchmuskeln strapaziert. Wegen Christian Kracht, der mit weicher, klarer Sprache überrascht, Jürg Halter, der mit Lyrik rockt, Patrick Holzapfel mit Poesie wie Meditationen zum Müssigsitzen, Victoria Kielland mit einem Seelenbrand, Katja Lange-Müller mit geschriebener Berliner Schnauze… Die Liste liesse sich noch lange weiterführen.

Rolf Hermann mit Moderatorin Monika Schärer

Wie jedes Jahr waren die Gesprächsreihen «Perspektiven» äusserst spannend und aufschlussreich; «Verständigt und verstanden», ein Gespräch mit den Schriftstellern Volker Braun und Christoph Geiser und dem Verleger Christian Ruzicska, «Gegenwarts­literatur: Kitsch mit Kultur­anstrich?» mit Literaturwissenschaftler Moritz Baßler im Gespräch mit Lukas Bärfuss und Stefan Zweifel oder «Auf der Suche nach einem besseren «Woke»» mit Kulturjournalist Jens Balzer und dem neuen Co-Leiter des Festivals Stephan Bader. Wünschenswert wäre es, wenn man in der Auseinandersetzung mit solchen Themen auch die Besucher*innen mit einbeziehen würde, wenn man nicht zum stummen Zuhören verdammt wäre. Durchaus ein Feld mit Entwicklungspotenzial!

Tanja Maljartschuk, 1983 in Iwano-Frankiwsk, Ukraine geboren, seit dem russischen Angriffskrieg lebt in Wien. Sie war Überraschungsgast am Samstag Abend.

Es sind die Schreibenden, die locken. Ganz sicher nicht die Gastfreundschaft einer Tourismusdestination, die den Zenit vor Jahrzehnten überschritten hat. Da ist auch die Verleihung des Kultur- und Wirtschaftspreises des Kantons Wallis durch Staatsrat Christophe Darbellay wohl erfreulich und für das Festival mehr als verdient, aber trotzdem eher Versöhnungsversuch, weil die Absicht, der grossen Literatur ebenso grosse Bühne bieten zu können, etwas fadenscheinig wirkt.

Ab 2026 wird sich Hans Ruprecht, der das Festival fast zwei Jahrzehnte prägend gestaltete, aus der Leitung zurückziehen und der langjährigen Co-Leiterin Anna Kulp, verstärkt durch Stephan Bader, ehemaliger Redaktions­leiter beim «Literarischen Monat», das Szepter übergeben. Möge es der neu formierten Leitung gelingen, dem Festival ein neues Herz, ein echtes Festivalzentrum, einen Ort der Begegnung zu schenken, bevor sich der gute Geist des Festivals verabschiedet.

Ich reiste erfüllt und beseelt zurück, dankbar und reich beschenkt von einem Felsenkessel, in dem es brodelte.

Ich freue mich auf das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026!

Beitragsbilder © Literaturfestival Leukerbad / Ali Ghantschi