Yousuf Eni war neun, als man ihn zusammen mit seinem Bruder verschleppte. Seinen Bruder sah er nie wieder. Er selbst überlebte ein Kinderlager der Taliban, weitere Jahre in einem Arbeitslager, die Flucht und den langen, leidvollen Weg bis in die Schweiz. Eine exemplarische Fluchtgeschichte, die nicht nur angesichts der «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeits) -Initiative» der SVP Schamesröte in den Kopf treibt.
Als ich letzthin aus dem Zug in St. Gallen ausstieg, taten es drei Männer mit grossen Taschen und prallen Rucksäcken ebenso. Ich habe nicht gefragt, woher sie kamen, ob sie jemand in St. Gallen erwarte. Aber es hätten Afghanen sein können, so wie ein paar Jahre zuvor Eni Yousuf, der nach einer unsäglich langen Flucht genauso dem Zug nach St. Gallen entstieg, allein, in der Hoffnung, hier in der Schweiz einen seiner Brüder zu finden. Das, was ihm von seiner Familie in seinem Heimatland geblieben war, jenen Rest, den er brauchte, um zu überleben. Nicht nur weil er mit neun alles unfreiwillig zurücklassen musste, sondern weil die Hoffnung auf ein Stück Familie alles war, was ihm geblieben war, jener Rest, der ihm niemand nehmen konnte.

Es ist nicht so sehr die Geschichte, auch wenn mich die Tatsache, dass Yousuf Eni sie in Deutsch verfasst hatte, über die Massen beeindruckt. Es ist der Ton, die Kraft, der Mut und der Durchhaltewillen, auch jener, sich mit einem Bericht der Welt dermassen zu offenbaren. Er hätte Gründe genug, um Hass in sich zu tragen, unversöhnlich zu werden, Anklage zu erheben, nicht nur den Machthabern in seinem Land gegenüber, all jenen, die in drangsalierten, schickanierten, schlugen und hungern liessen. Es ist sein Bewusstsein, dass letztlich das Glück doch noch auf seiner Seite stand, dass Menschen halfen, darunter auch solche mit Uniform. Es ist seine Dankbarkeit, auch wenn der begleitende Stolz manchmal etwas befremdlich wird, bleibt doch vielen SchicksalsgenossInnen ein Happyend verwehrt; das Glück, die Liebe zu finden, eine Familie, eine Arbeit, eine Zukunft.
Angesichts der SVP-Initiative, über die wir Mitte Juni an der Urne abstimmten, ein Bericht, der die Fassungslosigkeit auf die Spitze treibt. Umso mehr, weil sich die Rechte traut, ihre Initiative mit dem Begriff der „Nachhaltigkeit“ zu koppeln. Wie soll es nachhaltig sein, die Grenze ab einer gewissen Zahl zu schliessen, wissen wir doch ganz genau, dass wir damit jetzt noch kontrollierte Fluchtbewegungen in die Schweiz in die Illegalität verschieben. Die Tatsache, dass die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs jüdische Flüchtlinge zu Tausenden an der Grenze abwies und sie somit ins sichere Verderben schickte, hatte auch damals mit dem Begriff der Nachhaltigkeit in keiner Weise etwas zu tun. Wir leiden nachhaltig unter diesem Vergehen gegen die Menschlichkeit, unserer kollektiven Mutlosigkeit.
Eni Yousuf hat es geschafft. Heute führt er zusammen mit seiner Frau ein Restaurant in der Nähe von Bern. Er überlebte Lager, die an KZs erinnern, aufgezwungene Showkämpfe, die er zur Belustigung der Lagerführung überleben musste, eine halsbrecherische Flucht, Menschen, die ihn in grösster Not übers Ohr hauten, vier Versuche, mit einem Boot die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland zu schaffen, lange Märsche frierend und hungernd bis zur totalen Erschöpfung, eine lange, einsame Reise über Österreich bis in die Schweiz. Geholfen hat ihm sein Lebensmut, seine Kraft, sein Ehrgeiz, es allen zu zeigen. Dazu gehört auch dieses Buch. Ein Bericht, eine Selbstvergewisserung, ein Zeugnis, der Versuch, sich wenigstens mit einem Stück seiner Geschichte zu versöhnen.
Ich bin mehrfach beeindruckt.
Eni Yousuf, 1997 geboren in Sanglakh, Afghanistan, ist nach einer gefährlichen Flucht seit zehn Jahren in der Schweiz und lebt in der Nähe von Bern.
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Auch Helena Schätzle machte diese Erfahrung, begegnete dem als Fotografin in ihrer ganz speziellen Art. Das wenige, das ihr Grossvater, der im 2. Weltkrieg als Maschinengewehrsoldat an der russischen Front teilnehmen musste, das, was er von seiner langen Flucht aus der Kriegsgefangenschaft zurück nach Hause erzählte, nahm sie als Anlass zu einer Reise zurück in die Zeit, einer Reise mit ihrer Fotokamera. Sie fuhr 9645 Kilometer kreuz und quer durch Osteuropa, um nach Menschen, Landschaften, Bildern zu suchen, die etwas von dem verraten, was im Schweigen ihres Grossvaters zu versinken drohte.







Die Namen der Orte, an denen die Leuchttürme stehen, lesen sich wie eine Kette kantiger Steine: Clippeton, Erded Rock, Great Isaac Cay, Maatsuyker, Robben Island… „Der Leuchtturm am Ende der Welt“ ist ein Mahnmal für all jene Orte und Menschen, die der stürmischen See und mit einem solchen Buch dem globalen Vergessen trotzen.