Eni Yousuf «Nach oben und von dort über die Dächer. Meine Flucht», Cosmos

Yousuf Eni war neun, als man ihn zusammen mit seinem Bruder verschleppte. Seinen Bruder sah er nie wieder. Er selbst überlebte ein Kinderlager der Taliban, weitere Jahre in einem Arbeitslager, die Flucht und den langen, leidvollen Weg bis in die Schweiz. Eine exemplarische Fluchtgeschichte, die nicht nur angesichts der «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeits) -Initiative» der SVP Schamesröte in den Kopf treibt.

Als ich letzthin aus dem Zug in St. Gallen ausstieg, taten es drei Männer mit grossen Taschen und prallen Rucksäcken ebenso. Ich habe nicht gefragt, woher sie kamen, ob sie jemand in St. Gallen erwarte. Aber es hätten Afghanen sein können, so wie ein paar Jahre zuvor Eni Yousuf, der nach einer unsäglich langen Flucht genauso dem Zug nach St. Gallen entstieg, allein, in der Hoffnung, hier in der Schweiz einen seiner Brüder zu finden. Das, was ihm von seiner Familie in seinem Heimatland geblieben war, jenen Rest, den er brauchte, um zu überleben. Nicht nur weil er mit neun alles unfreiwillig zurücklassen musste, sondern weil die Hoffnung auf ein Stück Familie alles war, was ihm geblieben war, jener Rest, der ihm niemand nehmen konnte.

Eni Yousuf «Nach oben und von dort über die Dächer. Meine Flucht», Cosmos, 2025, 128 Seiten, CHF ca. 28.90, ISBN 978-3-305-00517-8

Es ist nicht so sehr die Geschichte, auch wenn mich die Tatsache, dass Yousuf Eni sie in Deutsch verfasst hatte, über die Massen beeindruckt. Es ist der Ton, die Kraft, der Mut und der Durchhaltewillen, auch jener, sich mit einem Bericht der Welt dermassen zu offenbaren. Er hätte Gründe genug, um Hass in sich zu tragen, unversöhnlich zu werden, Anklage zu erheben, nicht nur den Machthabern in seinem Land gegenüber, all jenen, die in drangsalierten, schickanierten, schlugen und hungern liessen. Es ist sein Bewusstsein, dass letztlich das Glück doch noch auf seiner Seite stand, dass Menschen halfen, darunter auch solche mit Uniform. Es ist seine Dankbarkeit, auch wenn der begleitende Stolz manchmal etwas befremdlich wird, bleibt doch vielen SchicksalsgenossInnen ein Happyend verwehrt; das Glück, die Liebe zu finden, eine Familie, eine Arbeit, eine Zukunft.

Angesichts der SVP-Initiative, über die wir Mitte Juni an der Urne abstimmten, ein Bericht, der die Fassungslosigkeit auf die Spitze treibt. Umso mehr, weil sich die Rechte traut, ihre Initiative mit dem Begriff der „Nachhaltigkeit“ zu koppeln. Wie soll es nachhaltig sein, die Grenze ab einer gewissen Zahl zu schliessen, wissen wir doch ganz genau, dass wir damit jetzt noch kontrollierte Fluchtbewegungen in die Schweiz in die Illegalität verschieben. Die Tatsache, dass die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs jüdische Flüchtlinge zu Tausenden an der Grenze abwies und sie somit ins sichere Verderben schickte, hatte auch damals mit dem Begriff der Nachhaltigkeit in keiner Weise etwas zu tun. Wir leiden nachhaltig unter diesem Vergehen gegen die Menschlichkeit, unserer kollektiven Mutlosigkeit.

Eni Yousuf hat es geschafft. Heute führt er zusammen mit seiner Frau ein Restaurant in der Nähe von Bern. Er überlebte Lager, die an KZs erinnern, aufgezwungene Showkämpfe, die er zur Belustigung der Lagerführung überleben musste, eine halsbrecherische Flucht, Menschen, die ihn in grösster Not übers Ohr hauten, vier Versuche, mit einem Boot die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland zu schaffen, lange Märsche frierend und hungernd bis zur totalen Erschöpfung, eine lange, einsame Reise über Österreich bis in die Schweiz. Geholfen hat ihm sein Lebensmut, seine Kraft, sein Ehrgeiz, es allen zu zeigen. Dazu gehört auch dieses Buch. Ein Bericht, eine Selbstvergewisserung, ein Zeugnis, der Versuch, sich wenigstens mit einem Stück seiner Geschichte zu versöhnen.

Ich bin mehrfach beeindruckt.

Eni Yousuf, 1997 geboren in Sanglakh, Afghanistan, ist nach einer gefährlichen Flucht seit zehn Jahren in der Schweiz und lebt in der Nähe von Bern.

Beitragsbild © 

Milena Michiko Flašar «Gedankenspiele über die Einsamkeit», Droschl

Wann schmerzt Einsamkeit? Wann wird Einsamkeit zur Sehnsucht? Milena Michiko Flašar schrieb in ihren Büchern immer wieder über Einsamkeit. Einen „Zustand“, der im Dichtestress der Neuzeit weit verbreitet ist. «Gedankenspiele über die Einsamkeit» ist ein Essay, das ermutigt.

Die Reihe „Gedankenspiele“ aus dem Hause Droschl; schmale, klar formulierte Texte zu Themen, die den Nerv treffen. Geschrieben von DichterInnen und SchriftstellerInnen, die nicht durch intellektuelle Kapriolen bestechen wollen, sondern durch ihre Offenheit, den Blick in ihr eigenes Leben. So wie Milena Michiko Flašar, die von den Erlebnissen ihrer Kindheit erzählt, von den Erfahrungen, dass die Welt draussen nicht der Welt drinnen entspricht. Dass alle schon in der Kindheit ihre ersten Erfahrungen der Entfernung, unfreiwilliger Distanz machen.

Milena Michiko Flašar «Gedankenspiele über die Einsamkeit», Droschl, 2026, 2026, 48 Seiten, CHF ca. 19.90, ISBN 978-3-99059-195-6

In Einsamkeit ist ebenso viel Angst und Schmerz eingeschlossen wie Sehnsucht. Milena Michiko Flašar erzählte in ihrem Roman „Ich nannte ihn Kravatte“ vom Phänomen „Hikikimori“, von Menschen, die sich ganz in ihre vier Wände zurückziehen, die von ihren Familien aus Scham verleugnet werden. Ein Phänomen, das längst über Japan hinaus übergeschwappt ist. Oder das Phänomen „Kodokushi“ (einsames Sterben), Menschen, die unbemerkt leben und sterben, deren Tod erst dann bemerkt wird, wenn es zu stinken beginnt, wenn die Rückstände eines Lebens durch eine Spezialfirma beseitigt werden müssen. Phänomene, derer sich die Schriftstellerin nicht wegen der Faszination des Grauens annimmt, sondern weil sie symtomatisch sind für eine Gesellschaft, die auf der einen Seite am Dichtestress leidet, andererseits an zunehmender Anonymität und sozialer Inkompetenz.

Alleinsein ist eine Form des Eskapismus. Und Einsamkeit? Ist harte Realität.

Dabei ist Einsamkeit mit ebenso viel Sehnsucht verbunden. Mit der Lust, sich für eine gewisse Zeit zurückzuziehen, eine Zeit nur ganz allein, sei es in den Bergen, in der Wüste, im Kloster, im freien Fall, allein auf einer Reise. Aber diese Einsamkeit ist selbst gewählt. Sie ist durch einen Entschluss begrenzt. Sie ist aus eigenem Antrieb endlich. Einsamkeit ist ein Zustand, hineingestossen oder hineingegangen. Alleinsein eine permanente Auseinadersetzung, begonnen mit der Geburt, dem Schnitt durch die Nabelschnur, dem ersten deutlichen „Nein“ als Kind, der Abwendung während der Pubertät und der Emanzipation als junge Erwachsene, der Feststellung, dass selbst die Liebe einem nicht vor Einsamkeit bewahrt und das Sterben und der Tod der letzte Akt des Alleinseins, manchmal auch der Einsamkeit ist.

Milena Michiko Flašar schreibt davon, dass letztlich sowohl das Lesen wie das Schreiben, obwohl einsamer Zeitvertreib, Anteilnahme, Zuwendung, Hingabe sind. Wenn wir lesen, sind wir „mit“ dabei. Literatur ist die Fähigkeit, uns „mit“ einem Gegenüber zu identifizieren. Letztlich auch eine Auseinandersetzung mit uns selber, der Endlichkeit, sowohl körperlich wie zeitlich.

Milena Michiko Flašar denkt und schreibt offen und öffnend. Nicht die Spur von Besserwisserei. Selbst in ihrer Kritik an der Gesellschaft ist sie behutsam, vermeidet jede Form des Urteilens. Bestimmt ein Grund, warum sich die Schriftstellerin auch in ihren Romanen und Erzählungen immer wieder mit Einsamkeit auseinandersetzt.

Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihr Roman «Ich nannte ihn Krawatte» wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt sind der Erzählband «Der Hase im Mond» und der Essay «Sterben lernen auf Japanisch» erschienen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.

mehr von und über Milena Michiko Flašar

Beitragsbild © Julius Erler

 

Benedikt Weibel «Abenteuer Lesen. Hundert Quellen der Lust und der Erkenntnis», Edition Exodus

In einer Zeit, in der Lesen nicht mehr Pflicht ist, in der Lesen für viele nicht mehr zum Leben gehört, hast du ein besonderes Buch über das Lesen geschrieben. Über Bücher. Über die Verzauberung und Selbsterkundung durch das Buch.

Eine Liebeserklärung an das Buch
Gastbeitrag von Peter Weibel

«Abenteuer Lesen» – Hundert Quellen der Lust und des Erkennens: Eine Reise durch hundert Bücher, die dein Leben geprägt haben. Zu hundert Autorinnen und Autoren, die man sprechen hört, die uns zum Lesen auffordern. Eine Reise zur verborgenen Seele der Bücher. Jedes Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben (Carlos Ruiz Zafon). Du schreibst keine Rezensionen. Du schreibst über deine Emotionen. Darüber, was dich in einem Buch bewegt hat und warum. Was dich berührt hat. Du schreibst es zu Recht und nachdrücklich: Von Bedeutung ist nicht die literaturkritische Wertung eines Buches, von Bedeutung ist, ob wir vom Buch berührt werden. Denn wir werden berührt, wenn wir in einem Buch Teile unserer eigenen Geschichte wiederfinden.

Jedes Buch hat eine Aura. Der Ort und die Stimmung dort, wo wir es zum ersten Mal gelesen haben. Der Sog in die eigene Lebensgeschichte hinein. Die Entdeckung klingender Passagen, Wortperlen beim zweiten Lesen. Und manchmal auch die Entfernung beim Lesen nach zwanzig Jahren, die unsere Berührbarkeit verändert haben.

Benedikt Weibel
«Abenteuer Lesen. Hundert Quellen der Lust und der Erkenntnis», Edition Exodus, 2025, 527 Seiten, CHF ca. 42.00, ISBN 978-3-907386-06-4

Natürlich sind unter den hundert Büchern auch grosse Werke, die man kennt. (Oder zu kennen glaubt.) Thomas Mann. Lew Tolstoi. Max Frisch. Aber auch längst vergessene Trouvaillen sind dabei. Die an Muskelschwund leidende Autorin Ursula Eggli, die 1977 in «Herz im Korsett» eine Lanze für die Rechte von Behinderten und Frauen gebrochen hat, als die Gesellschaft dazu noch nicht bereit war. Oder der radikale Zeitgenosse und wilde Alpinist Hans Morgenthaler mit «In der Stadt».

Bücher erzählen die Zeitgeschichte eindringlicher als jeder Geschichtsunterricht. Wer das Buch «Mila 18» über den jüdischen Aufstand im Wahrschauer Ghetto von Leon Uris gelesen hat, wird die Wunden der Vergangenheit nie mehr los. Wer mit Hemingways «Wem die Stunde schlägt» in den spanischen Bürgerkrieg gezogen ist, begreift das zerrissene Spanien von heute.

Bücher spiegeln die Weltgeschichte – die Auswahl deiner hundert Bücher spiegelt die biografische Spannweite der Nachkriegsgeneration. Und deine persönliche Biografie. Hans Magnus Enzensbergers «Kurzer Sommer der Anarchie» hat dich früh politisiert. Heinrich Harrers Buch über die Tragödien der Eiger Nordwand «Die weisse Spinne» hat deine Leidenschaft für die Berge erstaunlicherweise nicht gebrochen. Hat dich womöglich dazu bewegt, später Bergführer zu werden. Wittgensteins rätselhaftes Werk «Traktats Logico-Philosophicus», das kaum einer entschlüsseln kann, hat dich zur Wahrscheinlichkeitstheorie geführt. Caroline Alexanders Buch «Die Endurance» über Shackletons Überlebenskampf in der antarktischen Eishölle hat das Geheimnis der Führungskunst und den Glauben, dass auch Unmögliches möglich werden kann, geprägt.

Ich weiss nicht, wie du es geschafft hast, hundert Bücher ein zweites oder drittes Mal nochmals zu lesen, das sind vielleicht dreissigtausend Seiten, wahrscheinlich mehr. Und darüber ein fünfhundertseitiges Buch zu schreiben. Aber du hast es geschafft. Und es ist ein einzigartiges Buch über den unermesslichen Reichtum der Bücherwelt geworden. Eine Liebeserklärung an das Buch. Wenn von vielen Leserinnen und Lesern jede auch nur fünf Bücher wiederentdeckt, werden tausende vergessene Bücher in die Gegenwart zurückkehren. Nicht nur, aber auch deshalb muss man «Abenteuer Lesen» allen ans Herz legen, die noch lesen wollen.

Benedikt Weibel, geboren 1946, war von 1993–2006 Chef der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Als Publizist schreibt er Kolumnen. Ausserdem hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter «Simplicity – die Kunst, die Komplexität zu reduzieren» (Zürich 2014), «Das Jahr der Träume 1968 und die Welt von heute» (Zürich 2017), «Wir Mobilitätsmenschen. Wege und Irrwege zu einem nachhaltigen Verkehr» (Basel 2021).

Beitragsbild © Michael Stahl

Svenja Flasspöhler «Streiten», Hanser – Wortlaut Literaturfestival St. Gallen

Streit ist nicht schlecht. Streit braucht es, auch den in der Liebe, in der Ehe. Und mit Sicherheit in der Gesellschaft und in der Politik. Aber dass zwischen Gegnern und Feinden ein grosser Unterschied besteht, dass Streit unter Feinden selbst dann zum Krieg wird, wenn man ihn vordergründig nur mit Worten austrägt – davon schreibt die Philosophin Svenja Flasspöhler leidenschaftlich und sehr persönlich.

Streitet man in Diktaturen? Wird im Kreml gestritten? Wohl kaum. Lager und Gefängnisse füllen sich schnell mit jenen, die sich dem Disput stellen. Navalny wird man so schnell nicht vergessen. Streitet man mit Trump? Stellt sich ihm in seinem engsten Kreis jemand entgegen? Traut sich dort jemand? Oder werden alle, die nur Anzeichen einer Widerrede zeigen, wegspediert, versenkt und geächtet? Wahrscheinlich ist es ein Gradmesser einer funktionierenden Demokratie, ob man den Streit aushält. Aber wo hört Streit auf? Wo beginnt verbale Vernichtungsstrategie? Die Gräben in der Politik zwischen links und rechts, zwischen konservativ und progressiv, zwischen den politischen Polen werden immer gehässiger. ExponentInnen sind immer weniger in der Lage, sich wirklich um die Probleme der Menschen zu kümmern, als um den strategischen Schlagabtausch der Streitenden, die sich stets profilieren müssen, um bei ihren Wählerinnen und Wählern nicht in Ungnade zu fallen.

Ein Streit ist nie harmlos. Der Abgrund der Vernichtung ist immer da.

Die Coronajahre haben mehr als deutlich gezeigt, dass wir die Fähigkeit der respektvollen Auseinandersetzung zu verlieren drohen. Wie schnell wird man abgestempelt und diffamiert, ins Offside gedrängt, in eine Ecke, aus der man, einmal in einen medialen Shitstorm geraten, nicht mehr oder nur mehr schwer herausfindet. Gräben ziehen sich zwischen Freundschaften, bis in Familien. Man schweigt lieber, als sich zu streiten. Sind wir zu zimperlich geworden oder leiden wir an Harmoniesucht, die angesichts der allseitigen Bedrohungen verständlich wird?

Damit ein Streit nicht eskaliert und die Parteien unwiederbringlich auseinandertreibt, müssem die Bindungskräfte grösser sein als der Vernichtungsdrang.

Svenja Flaßpöhler «Streiten», Hanser, 2024, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-446-28004-5

In patriarchalen Strukturen, in Ehen nach alten Mustern, galt der Streit als Schieflage. Unterwerfung schloss Widerrede aus. Anpassung war das Mass jeder funktionierenden „Partnerschaft“ zwischen Chef und Untergebenen. Nicht unähnlich einer Diktatur. Man scheut(e) den Streit. Er ist Gift. Das mag heute in vielen echten Partnerschaften ganz anders sein. Man spricht von Streitkultur. Aber dass es für solche Auseinandersetzungen Raum bräuchte, nicht zuletzt Regeln, die von Streitenden akzeptiert werden, davon ist zumindest in der Politik wenig zu spüren. Wenn es in der Schweiz immer mehr Gemeindeführungsgremien gibt, die im ausufernden Grabenkrieg handlungsunfähig werden, ist das symptomatisch und bedenklich genug.

In der Feindschaft wird dem Anderen das Existenzrecht abgesprochen.

Im Sport akzeptieren wir Regeln, SchiedsrichterInnen, weil Gegner in aller Regel keine Feinde sind. Unterlegene geben sich am Schluss die Hand, Schwinger putzen sich gegenseitig das Sägemehl von den Schultern, man gratuliert dem Sieger. Im Sport scheint zu funktionieren, was in der Politik immer schwieriger wird, in totalitären, diktatorischen Stukturen unmöglich. Gegner werden zu Feinden, die nicht nur zu besiegen sind, sondern zu vernichten. Das Vokabular solcher Brandreden ist unmissverständlich und orieniert sich schamlos am Vorbild ehemaliger Verbrecher an der Menschlichkeit.

Es steht Wille gegen Wille wie in einem Krieg, mit dem Unterschied, dass eine Niederlage akzepiert werden kann.

Svenja Flasspöhlers Buch „Streiten“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Fähigkeit, die mehr und mehr an die Ränder gedrängt wird, sei es in Parlamenten, in Wahlkämpfen oder in Talkshows, bei denen es nicht mehr um Argumente geht, sondern darum, die Gegner zu vernichten. Krieg. Svenja Flasspöhler hat in ihrem Leben genug Erfahrungen gesammelt. Sei es im öffentlich rechtlichen Rundfunk, in Talkshows, an Buchmessen, selbst in Gesprächen mit Menschen, von denen sie glaubte, sie wären ihr gut gesinnt, bis hin in eine Kindheit, als Tochter sich streitender Eltern und drohender Eskalationen. „Steiten“ ist der Versuch einer Einordnung, einer Besinnung.


Philip Kovce im Gespräch mit Svenja Flasspöhler am Montag, 18. November 2024 im Unternehmen Mitte in Basel

Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins sowie Gründerin und Co-Geschäftsführerin des neuen Berliner Philosophie-Festivals Philo.live!. Zuletzt erschienen von ihr u. a. «Sensibel. Über moderne Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren» und «Die potente Frau. Für eine neue Weiblichkeit». Für «Mein Wille geschehe. Sterben in Zeiten der Freitodhilfe» erhielt sie den Arthur-Koestler-Preis. Svenja Flasspöhler lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Wegseite der Autorin

Beitragsbild © Johanna Ruebel

Helena Schätzle «9645 Kilometer Erinnerung», Nimbus

Wer Erfahrungsberichte aus Kriegen liest, muss feststellen, dass sie keiner Zeit unterworfen sind. Ob während der Weltkriege oder in den Kriegen in der Ukraine oder in Syrien. Der Schrecken ist universell, genauso wie die Wunden, die sich selbst nach Jahrzehnten nicht schliessen.

Ebenso allgemeingültig ist das Schweigen derer, die diesem Schrecken ausgesetzt waren. Ob als Täter oder Opfer, als Zeugen oder als Verschonte. Die Angst vor Wunden, die aufgerissen wieder zu eitern beginnen, wird dort deutlich, wo sich bis heute in Familien eine Wand des Schweigens, des Verdrängens, jegliches Erinnern, jede Form der Auseinandersetzung verunmöglicht.

Auch Helena Schätzle machte diese Erfahrung, begegnete dem als Fotografin in ihrer ganz speziellen Art. Das wenige, das ihr Grossvater, der im 2. Weltkrieg als Maschinengewehrsoldat an der russischen Front teilnehmen musste, das, was er von seiner langen Flucht aus der Kriegsgefangenschaft zurück nach Hause erzählte, nahm sie als Anlass zu einer Reise zurück in die Zeit, einer Reise mit ihrer Fotokamera. Sie fuhr 9645 Kilometer kreuz und quer durch Osteuropa, um nach Menschen, Landschaften, Bildern zu suchen, die etwas von dem verraten, was im Schweigen ihres Grossvaters zu versinken drohte.

Helena Schätzle «9645 Kilometer Erinnerung», Nimbus, 168 Seiten
128 Illustrationen, CHF ca. 44.00, auch als Vorzugsausgabe mit Originalfoto erhältlich, ISBN 978-3-907142-71-4

Sie fotografierte Menschen, denen Erinnerungen, ein langes Leben Landschaften ins Gesicht schrieb. Menschen, die im Moment des Fotografierens den Blick ins Zurück zeigen. Menschen, die ihr erzählen, ungekünstelt, ehrlich, manchmal von der Unmöglichkeit, den Schrecken des Krieges in Worte zu fassen, manchmal vom schlichten Überleben, manchmal von dem einen Moment, der das Weiterleben ausmachte, manchmal vom Risiko jemanden zu verstecken, manchmal vom Versprechen einer Mahlzeit.

Sie fotografierte Landschaften, Bilder im Jetzt, vernarbte Landstriche, vergessene Orte, einsame Winkel, trostlose Perspektiven. Helena Schätzles Fotos sind geprägt vom grossen Respekt einer vorsichtigen, zurückhaltenden Betrachterin. Helena Schätzle vertraut auf die Empathie jener, die sich die kurzen Berichte, die Dokumente aus jener Zeit und ihre Fotografien betrachten und alles übereinanderlegen. «9645 Kilometer Erinnerung» ist ein beeindruckendes Monument der Vergegenwärtigung, ein Denk-mal in Buchform, der behutsame Versuch einer Annäherung erlebten Schreckens.

Nichts an den Texten aus der Vergangenheit hat an Aktualität verloren. Die 60 Jahre dazwischen sind ein Hauch, ein Nichts. Umso beeindruckender dieses Buch.

© Helena Schätzle

Helena Schätzle, Jahrgang 1983, studierte Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Fotografie an der Kunsthochschule Kassel. Seit Jahren unternimmt sie ausgedehnte Reisen in verschiedene Länder, wo sie intensiv an Fotografieprojekten arbeitet. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem durch “gute aussichten”, „The Aftermath Projekt“, „Epson Award“, „Inge Morath Award“. Sie hatte u.a. Ausstellungen in Hamburg, Washington, Kassel, Köln, Mumbai, Stuttgart, Berlin. Helena Schätzle arbeitet als freie Fotografin für verschiedene Magazine und Zeitungen.

Webseite der Fotografin

Beitragsbild 

Mireille Zindel „Bald wärmer“, Pano

„Was, wenn ich ehrlich wäre?“ schreibt Mireille Zindel ganz zu Beginn ihrer literarischen Auseinandersetzung mit dem Tod ihrer kleinen Tochter Zoé. 12 Tage lebte das kleine Mädchen, ohne das Spital jemals zu verlassen. Und sechs Jahre dauerte es, bis die Schriftstellerin den einen Roman zur Seite legte, um auf ihre ganz eigene Art und Weise mit dem Abschied fortzufahren.

Adventszeit; man feiert in der Erwartung des Kindes. Kein Ereignis im Leben eines Menschen ist derart einschneidend wie die Geburt eines Kindes. Nichts generiert ein derart tiefes Glücksgefühl wie das erste In-die-Hand-Nehmen eines Kindes. Es ist nicht nur im christlichen Glauben die personifizierte Hoffnung, die menschgewordene Glückseligkeit. Auf der anderen Seite der Tod, das unwiderbringliche Abschiednehmen, die Trennung, das Auseinanderreissen. Die Angst, was dann passiert und danach sein wird. Die Angst vor der Leere, vor dem Verlorensein. Und was ist, wenn Geburt und Tod nur 12 Tage voneinander entfernt liegen? Wenn mit dem Moment des grösstmöglichen Glücks die Angst beginnt, das Bangen, das verzweifelte Greifen nach jedem Halm Hoffnung? Wenn der Tod unmittelbar bevorsteht, unabwendbar, wie ein Urteil, ein übergrosses Schwert, das trennen wird, was zusammengehört, was eine Schwangerschaft lang nicht nur im Bauch wuchs, sondern im Herzen, den Plan für ein gemeinsames Leben, eine Familie ausmachte?

Mireille Zindel «Bald wärmer», Pano, 2024, 244 Seiten, CHF ca. 32.80, ISBN 978-3-290-22073-0

Ich mag Bücher nicht, die mich zum Zeugen und Mitwisser einer Bewältigung, eines Heilungsprozesses machen. Bücher, die mir beweisen wollen, dass ich bloss stark genug sein muss, um mich meinem Trauma zu stellen. Die von mir ein Schulterklopfen provozieren wollen, die Anerkennung, es bravourös gemeistert zu haben. Mireille Zindel nimmt mich ganz behutsam mit auf einen Weg durch diese 12 Tage und weit darüber hinaus. Nicht Mitleid, sondern Selbstreflexion will sie provozieren. Sie zeigt, wie sehr wir uns auf Schienen bewegen, wie leicht es uns aus den Schienen wirft und Leben kippen kann, entgleisen, still stehen. Wie leicht wir uns von der Erwartung des Glücks verführen lassen, alles mit unsäglicher Selbstverständlichkeit erwarten und es mit grösstmöglicher Lockerheit ausblenden, dass neben all dem Glück bodenloses Unglück geschieht.

Spinale Muskelatrophie, SMA, war die Diagnose, die die Eltern zehn Tage nach der Geburt bekamen, zwei Tage vor dem Tod der kleinen Tochter. Ein Gendefekt. Damit war nur erklärt, was seit dem Moment der Geburt eine permanente Hektik und Dramatik auslöste, weil beim Kind schon mit dem ersten Augenblick lebensrettende Sofortmassnahmen ergriffen werden mussten. Weil ganz schnell klar wurde, dass dem Kind nicht jene Zukunft geschenkt werden würde, von der man neun Monate lang hoffte, mit der man Strampelhosen und Kinderbettchen kaufte, das Familienglück werden sollte. Ein Kind, das man der Mutter schon nach der Geburt wegnehmen musste, um es zu beatmen. Die Geburt war keine Fanfare des Glücks, sondern der Beginn langen Leidens, der Verzweiflung darüber, ob man es je schaffen würde. Das Gefühl umfassender Sinnlosigkeit drohte zu einem Lebensgefühl zu werden.

Mireille Zindel erzählt von ihrer grenzenlosen Liebe zu ihrem Kind, das sie nur kurz begleiten konnte, das in jener Zeit trotz allem ihr Glück ausmachte. Ein Glück, dass Mireille Zindel um jeden Preis zu konservieren versucht. „Bald wärmer“ erzählt vom Kampf. Aber auch von den Irrungen, dem Hadern und der Verzweiflung. Alles existiert gleichzeitig, schreibt Mireille Zindel. Spitäler sind Orte eben jener Gleichzeitigkeit.

Eigentlich müssten Männer dieses Buch lesen, denn es beweist, wie viel uns entgeht, wie gross die Welt einer Mutter ist. „Bald wärmer“ rüttelt mich wach, zeigt mir Tiefen, von denen ich nichts weiss. Und nicht zuletzt ist „Bald wärmer“ ein Buch der Hoffnung.

Mireille Zindel, Germanistin und Romanistin, Jahrgang 1973, ist eine Schweizer Schriftstellerin und lebt in Zürich. Für ihren ersten Roman «Irrgast» erhielt sie 2008 den Preis der Literaturperle (art-tv.ch) und den Literaturpreis der Marianne und Curt Dienemann Stiftung. Nach «Laura Theiler», «Kreuzfahrt», und «Die Zone» erschien 2024 ihr neuster Roman «Fest». Mireille Zindel schreibt auch Gedichte, Shortstories, Artikel und Reportagen und veröffentlicht Videos (Rest in poetry, Friedhofforum Stadt Zürich, 2024).

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Ayse Yavas

Friedrich Buchmayr / Felix Diergarten (Hg.) «Anton Bruckner & Sankt Florian – Wie alles begann», Müry Salzmann

Was wird aus einem 13-jährigen Lehrerssohn, wenn er aus Not vom elterlichen Schulhaus weg an einen Ort von Welt gelangt?
Ein ausserordentlich schön gestaltetes und reich bebildertes Buch beleuchtet den Beginn und die lebenslange tiefe Beziehung des grossen Komponisten zum Stift Sankt Florian bei Linz. 

Gastbeitrag von Urs Abt

«Es gilt, ein vermintes Feld von Zuschreibungen, Vorurteilen und Fehldeutungen der älteren Brucknerliteratur zu bereinigen» 

In neun Kapiteln von fünf international renommierten Fachleuten taucht die Leserschaft ein in die oberösterreichische Welt des beginnenden 19. Jahrhunderts. Einerseits in das einfache Leben einer Lehrerfamilie im Dorf, andererseits in den damals blühende Augustiner Stift Sankt Florian mit der grössten und berühmtesten Orgel der Donaumonarchie. Vater und Grossvater des Komponisten lebten und wirkten als Lehrer in Ansfelden. Ein Lehrer wohnte damals mit seiner Familie im Schulhaus, neben Pfarrhaus und Kirche gelegen, was auf die erwünschte Tätigkeit auch im Kirchendienst und an der Orgel hinwies.

Anton war das älteste von 11 Geschwistern, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten. Am 7. Juni 1837 starb Antons Vater an einer Lungenentzündung, die Mutter Theresia Bruckner geriet mit den fünf verbliebenen Kindern in grosse Not.

Glücklicherweise konnte eine Zwangsheirat der Witwe, damals oft üblich, um Pensions- und Fürsorgegeld zu sparen, verhindert werden. Der älteste Sohn Anton wurde nach einem Schreiben von Pfarrer Seebacher an den Propst Michael Arnet als Sängerknabe im Stift Sankt Florian angenommen. Aus der kleinen Lehrerwohnung kam Bruckner an einen Ort von Welt, ein sehr entscheidender Schritt in seinem Leben. Fleissig und talentiert konnte er sich als Sängerknabe, als Musiker, als Lehrer und später als fantastisch improvisierender Orgelspieler und Komponist entwickeln.

Friedrich Buchmayr / Felix Diergarten (Hg.) «Anton Bruckner & Sankt Florian – Wie alles begann», Müry Salzmann, 2024, 272 Seiten, CHF ca. 53.90, ISBN 978-3-99014-258-5

Begleitet von reichlich abgebildeten Handschriften, Zeugnissen und Fotografien entsteht ein wunderbar entstaubtes und ausführlich dokumentiertes Bild vom Werdegang des Meisters. Die Welt innerhalb des Stifts, das Leben als Organist und Lehrer in Linz und Wien und viele entscheidende Begegnungen werden lebendig geschildert und dargestellt. Wir erfahren, wie Anton Bruckner sich lebenslang eifrig, oft als Autodidakt, weiterbildete und seine Erfolge auch bestätigt haben will. Aus dem Lehrer-Komponisten wurde so ein selbstbewusster autonomer Künstler. Der wenig auf Äusserlichkeit gebende Musiker eckte oft an, ging aber trotz Widerständen und Krisen beharrlich seinen künstlerischen Weg.

«Liebe Frau Mutter! Recht schön danke ich Ihnen für das Schnupftuch, welches Sie mir schenkten. O! könnte ich auch Gutes Ihnen erweisen, wie so gern würde ichs! Aber recht fromm u. gehorsam zu seyn, das verspreche ich Ihnen recht aufrichtig, so wie täglich für Sie zu Gott zu bethen. Ihr gehorsamer Sohn Anton Bruckner. St.Florian am 2. Jänner 1838»

«Ich wünsche, dass meine irdischen Überresten einem Metallsarge beigesetzt werden, welche in der Gruft unter der Kirche des regulierten lateranischen Chorherrenstiftes St. Florian, und zwar unter der grossen Orgel frei hingestellt werden soll, ohne versenkt zu werden und habe mir hierzu die Zustimmung schon bei Lebzeiten seitens des hochwürdigsten Herrn Praelaten genannten Stiftes eingeholt.»

Diese zwei Beispiele, der Brief des 14jährigen an seine Mutter und das Testament von Anton Bruckner weisen auf die werdende Persönlichkeit und Autonomie Bruckners hin.

Erstmals werden in diesem Prachtband die Kindheit und die lebenslange Beziehung des Komponisten wissenschaftlich auf dem neuesten Stand dargestellt. Reichlich mit Fotos und Bildern ausgestattet können wir handschriftliche Zeugnisse, Briefe und Notenbeispiele und Porträts des Meisters und seiner Fördere betrachten. Die handschriftlichen Dokumente (die meisten aus dem Stiftsarchiv) sind in die aktuelle Schreibweise übersetzt und erläutert. Erste Werke, darunter ein Requiem, eine Missa solemnis und kleinere Chorwerke, werden in Wort und Bild aufgeführt.

Zusammen mit dem 2024 neu eingerichteten Bruckner Museum in Sankt Florian ermöglicht dieses vorzüglich gestaltete Buch einen modernen entmystifizierten Blick auf das Werden und die Herkunft Anton Bruckners und lässt seine einzigartige Musik noch besser verstehen und geniessen.

Den Autoren und Autorinnen ist es gelungen, die kulturelle Ausstrahlung von Sankt Florian einzufangen und zusammen mit dem Leben und Wirken Anton Bruckners umfassend und spannend darzustellen.

Eine Bereicherung für jeden Bruckner Liebhaber!

Friedrich Buchmayr, geboren 1959 in Linz. Seit 1987 Bibliothekar in der Stiftsbibliothek St. Florian. Veröffentlichungen u. a.: «Der­ Priester­ in­ Almas­ ­Salon» (2003), «Madame­ Strindberg­ oder­ die­ Faszination­ der­ Boheme­» (2011), «Mensch­ Bruckner!­ Der­ Komponist­ und­ die­ Frauen» (2019) im Müry Salzmann Verlag.

Felix Diergarten, geboren 1980, ist studierter Musiker, promovierter Musiktheoretiker und habilitierter Musikwissenschaftler. Nach Professuren an der Schola Cantorum Basiliensis und der Hochschule für Musik Freiburg lehrt er heute an der Musikhochschule Luzern. Diverse Veröffentlichungen, zuletzt «Anton­ Bruckner:­ Das­ geistliche­ Werk»­ (2023) im Müry Salzmann Verlag

Iris Wolff «Einladung ins Ungewisse. Wurzeln uns Einbäume» Chamisso-Preis & Poetikdozentur, Thelem

Neben vielen Beiträgen in Anthologien verfasste die 1977 in Siebenbürgen geborene Schriftstellerin Iris Wolff fünf Romane. Ihr Debüt „Halber Stein“ erschien 2012, ihr letzter „Lichtungen“ im Frühling 2024, der nicht nur bei der Kritik grosse Begeisterung auslöste. Mit „Einladung ins Ungewisse“ macht sich die Autorin Gedanken über das Schreiben.

Für ihre fünf Romane, ihr literarisches Engagement, krönte man Iris Wolff mit mehr als einem Dutzend Preise, darunter den Eichendorff und Solothurner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk oder 2024 für „Lichtungen“ den Uwe-Johnsen-Preis. Im Zuge der Verleihung des Chassimo-Preises 2023 hielt Iris Wolff zwei Vorlesungen zu ihrer Poetik und eine Dankesrede, die nun in einem schmucken Bändchen unter dem Titel „Einladung ins Ungewisse“ nachzulesen sind.

Iris Wolff «Einladung ins Ungewisse. Luftwurzeln und Einbäume» Thelem Universitätsverlag, 2024, 74 Seiten, CHF ca. 21.90, ISBN 978-3-95908-715-5

Es mag viele Gründe geben, dass die einen Schreibenden einen Nerv treffen, bei Leserinnen und Lesern, in der Buchbranche und in der Kritik und andere, selbst wenn sie über Jahrzehnte Buch um Buch veröffentlichen, tapfer, auch wenn die Verkaufszahlen ihrer Bücher nie und nimmer für ein Leben als Autorin oder Autor reichen. Iris Wolff lebt von ihrem Schreiben. Was ist an ihrem Schreiben, dass Iris Wolff nicht nur die Sympathien ihrer Leserinnen und Leser entgegenfliegen? Auch dafür gibt es viele Gründe, auch solche, die mit Schreiben direkt nicht einmal etwas zu tun haben. Wer der Autorin bei einer Lesung begegnet, lernt eine Frau kennen, die ohne jegliche Allüren, ihrem Gegenüber mit viel Empathie begegnet und in einer Mischung aus Zurückhaltung und Ehrlichkeit selbst jene für sich gewinnt, die ihren Büchern skeptisch begegnen.

„Schlimmer als das Verschwinden ist das Vergessen.“

Iris Wolffs Schreiben ist wie ihre Erscheinung, ihr Auftritt; authentisch, ehrlich, direkt und unverkrampft. So auch ihre Gedanken über das Schreiben. In „Einladung ins Ungewisse“ theoretisiert Iris Wolff nichts. „Einladung ins Ungewisse“ ist eine Selbstvergewisserung, eine Schule des Sehens, der Versuch, Fragen nicht endgültig zu beantworten, sondern sie schreibend einzukreisen. Vielleicht ist die Umschreibung „Schule des Sehens“ auch deshalb nicht ganz falsch, weil Iris Wolff einen tiefen Bezug zur Malerei hat, weil es scheint, als würde für sie das Schreiben eine Art des Malens sein. Wer malt, erinnert sich. Wer malt, stülpt nach aussen, was verinnerlicht ist.

Iris Wolff Buchlandschaften gründen in ihren Jahren im rumänischen Siebenbürgen, Bildern aus ihrer Kindheit, Räumen und Landschaften, die sich tief einbrannten. Aber Iris Wolff will nicht einfach abbilden, weder Geschichten, noch Leben, weder Landschaften noch Kulissen. Dass ihr vierter Roman „Die Unschärfe der Welt“ heisst, ist literarisches Programm, denn ihre Bücher reissen schon deshalb mit, weil sie Spielraum lassen, weil sie reiben, weil sie mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben. Aber auch weil man in ihren Büchern den Respekt vor dem Leben, das Bewusstsein eines unschätzbaren Geschenks spürt. Weil nichts am Schreiben der Autorin abgehoben, vergeistigt oder elitär erscheint. Weil sie mich als Leser ernst nimmt, kein Spiel mit mir treibt. Weil mich die Autorin mitnimmt, denn ihre Erinnerungen sind gespiegelt auch meine Erinnerungen. Weil sich Iris Wolff bewusst ist, wie viel auf dem Spiel steht, wenn das Vergessen zum Programm wird.

„Einladung ins Ungewisse“ macht Mut, nicht zuletzt um die Bücher von Gerhard Meier, Philippe Jaccottet und anderer wiederzulesen.

Iris Wolff, geboren in Hermannstadt, Siebenbürgen. Die Autorin wurde für ihr literarisches Schaffen mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter mit dem Marieluise-Fleißer-Preis und dem Marie Luise Kaschnitz-Preis für ihr Gesamtwerk. Zuletzt erschien 2020 der Roman »Die Unschärfe der Welt«, der mit dem Evangelischen Buchpreis, dem Eichendorff-Literaturpreis, dem Preis der LiteraTour Nord und dem Solothurner Literaturpreis ausgezeichnet sowie unter die fünf Lieblingsbücher des Deutschen als auch des Deutschschweizer Buchhandels gewählt wurde. Die Autorin lebt in Freiburg im Breisgau.

Iris Wolff «(Er)zählen», Plattform Gegenzauber

Rezension «So tun, als ob es regnet»

Rezension mit Interview von «Lichtungen»

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Max Goedecke

David Grann «Der Untergang der Wager», C. Bertelsmann

Mitte des 18. Jahrhunderts zerschellt die Wager, ein königlich, britisches Eroberungsschiff vor der Küste Chiles. 30 Männern gelingt es, sich auf eine unbewohnte, lebensfeindliche Insel zu retten. Eine Rettung, die zum Todesurteil wird, wenn sich die hilflos zerstrittene Mannschaft nicht zusammenraufen kann, sich aus eigener Kraft aus der Misere zu reissen.

Als Kind sah ich den Film „Meuterei auf der Bounty“ mit Marlon Brando, ein Streifen, der sich mit seinen Szenen auf hoher See unauslöschlich in meine Erinnerung brannte und ein Baustein war für einen verklärten Blick auf Seefahrerromantik und -abenteuer, die so gar nie existierten. Im Schweif dieser Filme und Bücher (zB. „Störtebekker“) zeichnete ich während Jahren mit Vorliebe stolze Dreimaster mit mehreren Reihen Kanonenluken, alle Segel gesetzt, in hohem Wellengang.

Dass Seefahrerei, wie sie im 18. Jahrhundert betrieben wurde, so gar nichts mit Romantik zu tun hat, wie sehr Schiffe damals eine strategische Waffe sowohl in der Kriegsführung, in direkten Auseinandersetzungen und in Wirtschaftskriegen waren, verdeutlicht das Buch „Der Untergang der Wager“. Wie überdeutlich wirtschaftliche Interessen Königreiche, Staaten, Schiffseigner und Mannschaften auf Reisen lockten, von denen alle wussten, wie entbehrungsreich oder gar tödlich sie enden könnten, schildert David Grann in einem Bericht, der sich nicht in die Menschen damals versetzen will, sondern Abläufe, eine Geschichte verstehen will. 

David Grann «Der Untergang der «Wager»
Eine wahre Geschichte von Schiffbruch, Mord und Meuterei», C. Bertelsmann, 2024, aus dem Englischen von Rudolf Mast, 432 Seiten, mit Karten und Farbbildteil, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-570-10546-7

Die Wager war damals ein Kriegsschiff einer grösseren Flotte, die von England aus einen Krieg gegen die spanische Seeübermacht führen sollte. Doch nach etlichen Verzögerungen, die schon im englischen Heimathafen ihren Anfang nahmen, erwischte die Wager bei ihrer Passage des Kap Horns am südlichsten Zipfel Südamerikas einen denkbar schlechten Zeitpunkt. Das Schiff geriet bei fatalen Stürmen immer mehr in Bedrängnis, während eine eh schon von Entkräftung, Hunger und Krankheiten geschwächte Mannschaft auf dem Schiff zu rebellieren begann. Im Januar 1742 zerschellte der manövrierunfähige Koloss an der Westküste Patagoniens. Nur mit grösster Not rettete sich eine kleine Gruppe zusammen mit ihrem Kapitän Davis Cheap auf eine unbewohnte Insel (Wager Island, noch heute unbewohnt und weitab aller Zivilisation), die permanenten Stürmen und Unwettern ausgesetzt bloss mit knorrigen Bäumen bewaldet ist. Man schleppte unter Todesgefahr vom Wrack auf die Insel, was sie die ersten Monate überleben liess, um in ihrer Verlorenheit immer deutlicher zu verstehen, dass nichts und niemand sie auf dem unwirtlichen Eiland zurück in die Heimat bringen würde.

Sehr bald zerbrachen die hierarchischen Strukturen, die ein Leben, ein Überleben auf dem Schiff, jetzt auf dem Eiland, auf engstem Raum garantierten. Gepeitscht von Hunger, Krankheit und Entkräftung eskalierte die Situation auf der Insel, die Gruppe spaltete sich, man griff zu den verbliebenen Waffen, es gab noch mehr Tote.

Im Wissen darum, dass eine Rettung nur aus eigener Kraft gelingen konnte, flickte man aus den seeuntüchtig gewordenen Beibooten rudimentär seetüchtige Schiffe zusammen und machte sich in verschiedenen Gruppen auf den hoffnungsvollen Weg zurück ins alte Leben. Aber auch diese Versuche standen unter einem schlechten Stern. Immer wieder waren die überfüllten Boote in ihrer Not gezwungen, Männer zurückzulassen. Fast ein Jahr nach ihrem Schiffbruch und einer 3000 Kilometer langen Reise voller Torturen erreichte eine erste, kleine Gruppe Geretteter die ersten Ausläufer der Zivilisation. Nachdem es noch weitere Monate dauerte, bis sie zurück in England waren, begann in ihrer Heimat aber ein zweiter Kampf; der Kampf um die „Wahrheit“, ein langwieriger Prozess, an dem die sensationslüsterne Öffentlichkeit lechzend teilnahm.

Was die Qualität dieses Buches ausmacht, ist weder Sprache nach Dramatik. David Grann gibt sich erstaunlich sachlich und die Dramatik folgt den Geschehnissen, die durch Log- und Tagebücher einigermassen nachvollzogen werden können. Grann schildert den Schrecken der Seefahrt, die Brutalität eines Lebens auf engstem Raum unter maximalen Entbehrungen. Er verklärt mit keinem Satz und zeigt auf, wie die Geltungssucht der einen und der Hunger nach Reichtum jede Gefahr auszublenden vermag. Wie sehr der Mensch bei einem drohenden Zusammenbruch hierarchischer Strukturen in die Anarchie rutscht und wie staatspolitische Interessen das eine zu einem Schauprozess werden lassen, das andere aber wohlweisslich unter den Teppich kehren.

Ungemein spannend und erhellend!

David Grann, Jahrgang 1967, ist preisgekrönter Journalist und Sachbuchautor. Er arbeitet als Redakteur bei The New Yorker und veröffentlicht Artikel u.a. in The Washington Post, The Atlantic Monthly, The Wall Street Journal. Sein Buch «Killers of the Flower Moon» erschien auf Deutsch bei btb und wurde von und mit Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio verfilmt, die sich auch die Rechte an seinem neuesten Bestseller «The Wager» gesichert haben. «The Wager» stand wochenlang auf Platz 1 der New-York-Times-Bestsellerliste und schaffte es auf die Summer Reading List von Barack Obama.

Rudolf Mast, geboren 1958, war Segellehrer und Segelmacher, bevor er Theaterwissenschaft und Philosophie in Berlin studierte. Dort arbeitet er heute als Theaterwissenschaftler, Lektor und Übersetzer. 

Beitragsbild © Rebecca Mansell

José Luis Gonzalez Macías «Kleiner Atlas der Leuchttürme am Ende der Welt», mare

In einer Zeit, in der es keine unentdeckten Inseln mehr gibt, keine weissen Flächen mehr auf Karten, in denen es die Menschen immer weiter ins All hinauszieht und selbst die Tiefen der Meere langsam aus dem Dunkel der Ahnung aufsteigen, ist die Sehnsucht nach dem letzten Ort, dem Rand der Welt nicht kleiner geworden.

2009 erschien ebenfalls bei mare das Buch „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky und entwickelte sich in der Folge zu einem unerwarteten Bestseller. Dass das Buch damals dermassen viele glückliche LeserInnen fand, lässt sich mit der Inselsehnsucht, dem Mythos Insel erklären. Aber ganz bestimmt auch mit Erinnerung. Vielleicht ging es ihnen als Kind wie mir; Karten und Atlanten versprühten gleichermassen Geheimnis und Abenteuer. Mit Augenpaar, Zeigefinger und einer ordentlichen Portion Vorstellungskraft wurde aus dem flachen Papier eine Kulisse, in die man eintauchen konnte. Gedankenreisen mit dem Potenzial zu epischen Ausschweifungen.

Dass der Spanier José Luis Gonzalez Macías mit «Kleiner Atlas der Leuchttürme am Ende der Welt“ die perfekte Weiterführung zeichnete und schrieb, macht aus beiden Büchern ein wunderbares Pendant. Leuchttürme sind so etwas wie Zeigefinger, hochgehoben, mahnend und selbstbewusst angesichts der Naturgewalten, die auf die Mauern und Stahlkonstruktionen einhämmern. Zeigefinger, die ausrufen; Wir sind hier! Wir lassen uns allem zum Trotz nicht vertreiben. Klar haben moderne Techniken, GPS, Sonar und Radar die stolzen Recken menschlichen Willens weitgehend unnötig gemacht. Klar nagen Stürme, Salzwasser, Gezeiten und Verschleiss an den Giganten am Meer. Aber je mehr die Glanzzeiten der Leuchttürme in die Vergangenheit rutschen, desto mehr werden die Geschichten, die sich über die Jahrhunderte an jenen einsamen Orten abspielten, zu Mythen.

José Luis González Macías «Kleiner Atlas der Leuchttürme am Ende der Welt», mare, 2023, aus dem Spanischen von Kirsten Brandt, 160 Seiten, CHF 49.90, ISBN 978-3-86648-693-5

Die Sehnsucht des Menschen nach Abgeschiedenheit ist ungebremst. In Zeiten, in denen fast alle stets erreichbar sind, in denen Offlinezeiten für die einen schon Abenteuer genug sind, in denen Einsamkeit zu einer Idylle wird, die sie in den seltensten Fällen war, zumal es für den Leuchtturmwärter im letzten Jahrhundert keine Möglichkeit gab, bei aufkommender Depression um einen Helikopter zu bitten, bedient ein Buch wie dieser Leuchtturmatlas Sehnsüchte und Träume perfekt.

Jules Vernes Abenteuerroman „Der Leuchtturm am Ende der Welt“ machte schon vor mehr als hundert Jahren aus wenigen Quadratmetern den idealen Nährboden für Drama und Tragödie. Dass das Leben eines Leuchtturmwärters, selbst dann, wenn der Turm auf dem Festland steht, kein einfaches war, erzählen all die Geschichten, die José Luis Gonzalez Macías mit Illustrationen und Karten zu den Leuchttürmen verwebt. Geschichten von der Härte, der die Menschen ausgesetzt waren, von Hunger und Krankheit, Wahn und Tod, vom Verschwinden, von Geheimnissen, nie von Reichtum, nie von Ruhm und Ehre, ausser jene von Grace, der man wegen ihrer Heldentat in ihrem Geburtsort Bamburgh ein kleines Museum widmet. Am 7. September 1838 zerbricht die SS Forfarshire in zwei Teile und zerschellt an der Insel Big Harcar vor der britischen Küste. Mit einem kleinen Ruderboot retten Grace und ihr Vater, der Leuchturmwärter einen grossen Teil der Mannschaft und Passagiere. Grace stirbt 28jährig an Tuberkulose, bleibt aber Sinnbild dafür, dass Menschen, die an solchen Orten leben und wirken, aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt sind.

Die Namen der Orte, an denen die Leuchttürme stehen, lesen sich wie eine Kette kantiger Steine: Clippeton, Erded Rock, Great Isaac Cay, Maatsuyker, Robben Island… „Der Leuchtturm am Ende der Welt“ ist ein Mahnmal für all jene Orte und Menschen, die der stürmischen See und mit einem solchen Buch dem globalen Vergessen trotzen.

Und nicht zuletzt ein wunderschönes Zeugnis moderner Buchkunst!

José Luis González Macías, geboren 1973 in Ponferrada, ist Grafikdesigner, Autor und Herausgeber und seit seiner Kindheit fasziniert von Karten. In seinem Leuchtturm-Atlas verbindet er seine Leidenschaft für Texte und für Bilder und beweist, dass man nicht am Meer gelebt haben muss, um darüber zu schreiben. Der Atlas wurde 2020 vom spanischen Kulturministerium als schönstes Buch Spaniens ausgezeichnet und bereits in vierzehn Sprachen übersetzt.

Kirsten Brandt, geboren 1963, studierte nach einer Buchhandelslehre Portugiesisch, Englisch und Deutsch in Frankfurt, Hamburg, Lissabon und Braga und lebte anschliessend sieben Jahre in Barcelona. Seit 2002 übersetzt sie aus dem Katalanischen (u. a. Carme Riera, Josep Pla und Jaume Cabré), Spanischen und Portugiesischen. 

(Bildmaterial aus dem Buch «Kleiner Atlas der Leuchttürme am Ende der Welt“ mit freundlicher Genehmigung des Verlags!)

Beitragsbild © Ediciones Menguantes