„Das Land hat sich verändert, wir werden nie wieder so sein wie einst.“ Artur Klinaŭ erzählte im Literaturhaus Thurgau

Artur Klinaŭ, Schriftsteller, Architekt, einer der wichtigsten Künstler Weissrusslands ist Stipendiat der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, lebt und arbeitet während zweier Monate im Literaturhaus Thurgau. Zusammen mit Moderator Ulrich Schmid, Professor an der HSG und der Vorleserin Rebecca C. Schnyder, las und diskutierte er auf der Bühne des Literaturhauses Thurgau.

Artur Klinaŭ bezeichnet seine Aufenthalte im Ausland, ausserhalb seiner Heimat Weissrussland, nicht als Exil, sondern als Durchgangsreise. Auch wenn es unmöglich scheint, in nächster Zeit gefahrlos in seine Heimat zurückzukehren, verströmt Artur Klinaŭ ungeheure Zuversicht, erst recht, weil er seinen klaren Blick nicht verliert und es versteht, auf dem Boden einer ernüchternden Realität die Hoffnung nicht zu verlieren.

Offener Künstler in einer Diktatur zu sein, ist schwierig genug. Wenn Drohung und Verfolgung, Inhaftierung und Folter zur Tagesordnung werden, wird es immer schwieriger. Bis zu den Massenprotesten in Weissrussland 2020 war es im kleinen Kreis noch möglich, sich kritisch dem Regime gegenüber zu zeigen. Seit der blutigen Niederschlagung dieser Proteste aber hat sich das geändert. Für einen einzigen, falschen Satz kann man im Gefängnis landen.

Artur Klinaŭ nennt den weissrussischen Diktator Alexander Lukaschenka in seinem Buch „Acht Tage Revolution. Ein dokumentarisches Journal aus Minsk“ kein einziges Mal mit seinem Namen, bloss Batka. Sein Buch ist Auseinandersetzung und Abrechnung zugleich, ein Versuch der Einordnung, ein Protokoll der Suche nach seiner für Tage verschwundenen Tochter. Artur Klinaŭ ist davon überzeugt, dass eine Revolution in Weissrussland in der gegenwärtigen Lage aussichtslos wäre. Viele Stimmen im Land sind zwar laut, aber nur die wenigsten haben einen „Plan“, wie eine Zukunft in einem ganz anderen System aussehen müsste, allen voran die Opposition unter Swetlana Tichanowskaja, wo mit Slogans den Menschen in diesem leidgeprüften Land nur der „Kopf verdreht“ wird. Russland würde einen „aufmüpfigen“ Nachbarn sofort schlucken, zumal Weissrussland sich nicht dagegenstellen könnte, auch wenn viele in der protestierenden Masse aufrichtig beseelt waren von den Ideen einer Revolution.

Die Verhaftungen in Weissrussland sind willkürlich, die Gefängnisse voll, die Justiz systemgesteuert, Verurteilungen ein Hohn. Erfahren musste das auch Ales Beliazki, Menschenrechter und Friedensnobelpreisträger, der mehrfach festgenommen, immer wieder verurteilt und inhaftiert wurde. Nicht nur die Gassen im Regierungsviertel der Hauptstadt Minsk sind Sackgassen. Artur Klinaŭ nennt selbst die Architektur in seiner Hauptstadt, eine Retortenstadt, die nach dem 2. Weltkrieg fast vollkommen zerstört war, kafkaesk, „Realität in permanenter Katastrophe“, mit totalitärer Struktur, ohne jeden Raum für Individualität. Diktator Alexander Lukaschenka sträubt sich gegen jede Veränderung, eine Tatsache, die sich bis in die staatsgestützte Kunst spiegelt.

Der Abend mit Artur Klinaŭ hinterliess ein beklemmendes Gefühl, etwas Lähmendes. Bei mir nicht zuletzt darum, weil sich kaum jemand in der Schweiz bewusst ist, wie privilegiert ein Leben hier ist, in einem Land, in dem man sich über Nichtigkeiten echauffieren kann.

Der Abend war auch ein Gedenken an all jene, die in Diktaturen auf der ganzen Welt ihr Leben nicht leben können, weil ihnen mit Knüppeln diktiert wird.

Rezension von „Acht Tage Revolution. Ein dokumentarisches Journal aus Minsk“ auf thurgaukultur.ch

Interview zwischen Artur Klinaŭ und Lukas Bärfuss auf literaturblatt.ch 

Januar bis April 2023 – das neue Programm im Literaturhaus Thurgau

«Das schöne Gottlieben und eure liebe Gesellschaft geht mir nicht aus dem Kopf – überall schwärme ich davon.» Norbert Scheuer

«Danke für Wortraum und Seewind und Weitsicht und Wein, danke fürs Klangexperiment und einen Ort zum Wiederkehren. Schönste Bühne weitumher.» Simone Lappert

«Besonders schön war es, im Bodmanhaus aus dem Buch zu lesen, das zu guten Teilen auch dort entstanden war. Geschrieben im leeren Haus, vorgelesen vor vollen Rängen, vor Menschen, die seit langer Zeit wieder einmal ihre Gesichter zeigen durften.» Peter Stamm

Literaturhaus Thurgau

«Bergisch teils farblos» Buchtaufe mit Zsuzsanna Gahse

Zusammen mit der Kulturstiftung Thurgau lud das Literaturhaus Thurgau die Grande Dame der Dichtkunst zur Buchtaufe ihres neuen Werk «Bergisch teil farblos» ein. Nicht zufällig brach die Nebeldecke auf und die Sonne schien ins Haus. Zsuzsanna Gahse brachte das warme Licht auch ins gut besuchte Haus der Literatur!

«Hauptsache, dass die Geschichten und Notizen nicht zu abgerundet sind. (467)»

40 Bücher würden im Regal stehen, hätte ich sie alle gelesen. Mein erstes war ein schmales, aber über alles hübsches Bändchen; «Nachtarbeit», mit rotem Faden geheftet, signiert am 19. September 1992. Seither begleite ich das Werk der Dichterin, immer wieder neu fasziniert, zum einen von der Konsequenz, zum andern von den Überraschungen, die jeder Band aus der Hand der Dichterin birgt. Eine grosse Schriftstellerin, die stets gefällt, ohne je gefällig zu sein. Eine grosse Dichterin, die schon so lange im Thurtal lebt, dass man sie getrost eine Thurgauerin nennen kann, auch wenn ihr Blick in ihrem neusten Werk in die Berge schweift.

mit Moderatorin Rebecca Höhner

Zsuzsanna Gahse nennt ihre Bücher «Buchkörper», zum einen weil nichts an einem ihrer Bücher dem Zufall überlassen sind, alle ein Konzept bergen, zuerst zeichnerisch skizziert, später handschriftlich festgehalten und schlussendlich in eine Endfassung getippt. Obwohl das Buch beim Durchblättern als durchnummerierte Sammlung von Textfragmenten erscheint, ist «Bergisch teil farblos» viel mehr. Ihre Bücher, vor allem jene, die bei der Edition Korrespondenzen erscheinen, sind haptisch greifbare Gesamtkunstwerke, die nach innen und aussen strahlen. Die, so Zsuzsanna Gahse, in der Form nur entstehen können, weil die Zusammenarbeit mit ihrem Verleger und Lektor Reto Ziegler ein Glücksfall nicht nur für die Dichterin selbst, sondern für alle Liebhaber der Dichtung ist.

«Wo ist der Witz in den Bergen? Fehlanzeige. (4)»

Zsuzsanna Gahse hat ihn gefunden, in mehr als 500 kurzen und kürzesten Prosatexten, die alle miteinander verbunden sind, die alle für sich Kostbarkeiten sind. Prosa mit Witz und Lakonie geschrieben. Texte, die mit Sprache und Wörtern spielen, mit Landschaften, den Bergen, vom Meer bis ins kantige Gebirge, von fast lieblichen Betrachtungen bis bissigen Feststellungen, schroff wie die Felsen selbst, dann wieder weich wie sanfte Hügel. Texte, die ernst zu nehmen sind, die politischen Zündstoff ebenso «bergen», wie Liebeserklärungen an das Leben und ihre Landschaften.

Tele Top Nachrichten

„In Gottlieben habe ich mein Literatur-Wohnhaus, heimisches Literaturhaus, im Laufe der Jahre mehr und mehr.“

Zsuzsanna Gahse erforscht mit ihrem Schreiben die Sprache, lotet aus, was ihr Instrument an Klangformen entwickeln kann. Sie schafft mit ihrem Schreiben, was nur ganz wenigen gelingt: Sie verdichtet sich in die Sprache hinein, Gedanken, Betrachtungen, Erinnerungen, die durchleuchten, ausleuchten und einleuchten.
Sie habe von einem Bekannten eine Karte bekommen. Darauf standen bloss zwei Nummern, die auf Texte in ihrem neuen Buch verwiesen. So werden zwei Nummern zu einem Code!
«Bergisch teils farblos» – Ein Ohrenschmaus!

Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, seit vielen Jahren nun in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Italo-Svevo-­Preis (2017), Werner-Bergengruen-Preis (2017), Schweizer Grand Prix Literatur (2019).

Webseite der Autorin

Beitragsbilder © Gallus Frei

«Ameisen unterm Brennglas» Jens Steiner diskutierte mit und las.

Jens Steiner ist noch wenige Tage Stipendiat der Kulturstiftung Thurgau. Die Stiftung stellte ihm während zweier Monate die kleine Wohnung im Literaturhaus Thurgau zur kreativen Verfügung. So war die Kulturstiftung auch Trägerin der Lesung, die vom Literaturhaus Thurgau mit dem neuen Format «Literatur am Tisch» kombiniert wurde.

Bei anderer Gelegenheit schrieb Bettina Spoerri, Schriftstellerin, über das neue Format: „Literatur am Tisch sollte es überall geben. Meiner Meinung nach schreiben viele AutorInnen genau für sie: für Menschen, die sich vertieft und intensiv, mit viel Liebe und Neugier, mit Literatur auseinandersetzen … Dabei war es spannend, einfach zuzuhören, zu erfahren, wie unterschiedliche Menschen einen Text lesen und darauf reagieren. Ich bin reich beschenkt nach Hause gefahren.“

Vor der Lesung unterm Dach trafen sich so ein Dutzend Interessierte bei Wein, Käse und Brot, solche, die das Buch gelesen hatten und sich gerne mit dem Schriftsteller in eine Diskussion verwickeln liessen. Kein Schriftsteller schreibt nur für sich. Aber vielleicht lesen wirklich Literaturinteressierte auch nicht bloss für sich. Literatur ist mehr als Unterhaltung, sondern Auseinandersetzung. Und die geschieht nur, wenn man über das Gelesene spricht. Jens Steiner lies sich darauf ein und für das muntere Dutzend in der «Stube» des Literaturhauses war es eine Offenbarung.

Ameisen unterm Brennglas schmoren lassen? Taten sie es einst auch mit dem Vergrösserungsglas des Grossvaters? Ein bisschen göttliche Allmacht? Über Leben und Tod bestimmen? Alles sehen? Das kleine Individuum die Macht spüren lassen? Jens Steiners neuer Roman ist das Nachspüren einer Gesellschaft, die sich im Fieber befindet, an jener Grenze, an der das Bewusstsein verrückt zu spielen beginnt. Jens Steiner schält die von innen braun und matschig gewordene Zwiebel, Schicht für Schicht. Jens Steiners Roman bohrt in die Sedimentschichten der Gesellschaft, in die tiefen Schichten, dorthin, wo Hitze entsteht; Wut, Zorn, Frustration. Er verwendet sein Schreiben als Okular, als Vergrösserungsglas, das uns die Kleinigkeiten, die feinen Details vors Auge bringt.

Beitrag auf thurgaukultur.ch

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Sun Wei, Gast im Bodman Haus in Gottlieben TG

Sun Wei, eine der originellsten und führenden Stimmen Chinas, ist für zwei Sommermonate Gast und Stipendiatin der Kulturstiftung Thurgau und der Bodman Stiftung im Bodman-Haus in Gottlieben am Bodensee. Zusammen mit der seit zwei Jahrzehnten in der Schweiz lebenden chinesischen Schriftstellerin Wei Zhang, stellte Sun Wei sich ein erstes Mal dem Publikum und gab Kostproben ihres vielfältigen Schaffens.

Sun Wei, 1973 während den Zeiten der Kulturrevolution in China geboren, war vor ihrer Profession als Schriftstellerin Journalistin, Dokumentarfilmerin und Geschäftsführerin eines Betriebs. In «the confession of a baer» erzählt Sun Wei Geschichten über das zeitgenössische Shanghai, gibt Einblicke in die moderne chinesische Gesellschaft. Das geschäftige Treiben im Shanghai des 21. Jahrhunderts dient als Hintergrund für eine Geschichte voller Intrigen.

Ein tief verunsicherter Mann hat die Aufgabe, eine gespendete Satellitentelefonausrüstung in ein abgelegenes Dorf zu liefern, in dem die Menschen ihren Traditionen folgen und ein Leben führen, das dem Gegenteil in der Stadt entspricht. In diesem abgelegenen Dorf lernt der Mann die wilden Bären kennen, Symbol für längst verlorene Tugenden. Seine Anwesenheit verändert das Dorf, während ihn seine Abwesenheit von der Arbeit zu einem unwissenden Spieler in einem Spiel macht, das sein Leben zwischen Guten und Schlechten pendeln lässt.

Sun Wei veröffentlichte bereits 23 Bücher, die mit vielen Preisen ausgezeichnet wurden. Ihr Roman «The Map of Time» wurde 2017 in China ein Verkaufsschlager. Ihre Novellen «Farewell», «Ignition» und «Second Son» wurden ins Englische, Französische, Spanische, Bulgarische übersetzt. Sun Wei sticht in die vielen psychologischen und sozialen Probleme der chinesischen Stadtbewohner. Ihre Arbeiten spiegeln Einsamkeit, Stolz und das Gefühl der Entfremdung wider.

Sun Wei bedankte sich nach Lesung und Gespräch innig bei all jenen, die ihr diesen Aufenthalt an diesem magischen Ort ermöglichen. Allen voran bei den beiden Stiftungen und beim Schriftsteller und Stiftungsratsmitglied der Kulturstiftung Thurgau Peter Höner, der Schriftstellerinnen und Publikum im Bodman-Haus begrüsste.
Sun Wei meinte, sie werde sich bemühen, die deutsche Sprache zu erlernen, von der sie schon jetzt die Melodie liebe, um endlich all jene grossen Autorinnen und Autoren zu lesen, die ihr sonst verschlossen blieben.

Sun Wei, Stipendiatin und Wei Zhang            ©Martin Geier

 

If I Were a Girl in Fairytales

By Sun Wei

If I were Sleeping Beauty,
An alarm clock could have worked
Much better than a kiss from an unpunctual princess.

If I were Snow White,
I would have never married a man who
Merely fell in love with my body in coffin.

If I were Cinderella,
No fairy godmother could have convinced me to
Dress up for a dance,
Smile sweetly for attention,
Display in the corner as a candidate,
Disguise as someone else.
Why should I be running like hell at every midnight,
Only for running away from
Who I really am?

If I were Little Mermaid,
Why should I give up my voice to trade for
Whatever between human legs,
Whatever makes me the same as others,
Whatever is said to be the
Most necessary to please a king-to-be in order to
Get a marriage,
Certificated by human world,
Go through all these humiliations,
Give up my own soul,
In order to
Achieve a so-called human soul,
A soul belonging to a mass,
A common sense leading to the immortality of the soul,
A reward for ignorance,
A prison for eternity.
I don’t want a soul like this,
I’d rather become bubbles on the sea to
Smell the free life,
Swim with whales,
Slide into my own dreams,
Disappear with pride.

10,7,2019, Bodmanhaus, Gottlieben

 

The Dusk

By Sun Wei

Hallo Dusk,
I’ve come to visit you again
For our private date.
No third can share the secret land of us,
No sage can provide maneuver,
No spectator can define us.

People always said,
Let’s go to see sunset together.
They never mean it.
You never show up.

You never show up if I am not alone,
You prefer a quiet observer,
A patient admirer,
A non-instrumental soul,
One of your kind.
Wind down over a drink after a long day,
You look tipsy and rosy,
You can’t hide yourself
Before my gaze,
You are luminescent when I stare
Into your eyes,
You are waiting patiently for me
To approach and have a word with you.
But I’d rather stay silent with you,
For the last hours we have,
Staying away from the human world,
Staying away from our terrene lives,
Staying away from aging and death,
Staying away from past and future,
Staying together for now,
For the last and the first glance.

Look into my eyes,
I am reading you at the moment,
I am listening to you at the moment.

22,6,2019, Bodmanhaus, Gottlieben

Webseite des Bodman Literaturhauses in Gottlieben

Webseite der Autorin

Margret Kreidl «Hier schläft das Tier mit Zöpfen», nicht irgendeine Lesung

Margret Kreidl war und ist für zwei Monate Stipendiatin der Kulturstiftung Thurgau im Bodmanhaus in Gottlieben. Nachdem ein übler Stolperer nur einen Monat am Seerhein ermöglichte, wird Margret Kreidl im Sommer 2019 noch einmal einen Monat im Thurgau leben und schreiben. Anlässlich dieses ersten Teils ihres Stipendiats las die Dichterin in einer sonntäglichen Matinee aus ihren letzten beiden Veröffentlichungen.

Leitsätze

Am Anfang steht der Anleger.
Nach einer Bank kommt eine Bank.
An China führt kein Weg vorbei.
Das Defizit ist weiblich.
Zum Erben muss man geboren sein.
Wer nicht arbeitet, hat keine Freizeit.
Geld ist alles, was der Fall ist.
Die unsichtbare Hand führt uns nach Griechenland.
Inflation muss sein.
Jobs gibt es nur in der Mehrzahl.
Man sollte die Kurse nicht vor dem Abend loben.
Leerverkäufe füllen Taschen.
Der Mittelstand ist ein Angstzustand.
Die schwarze Null ist Glod wert.
Der Osterhase legt alle Eier in einen Korb.
Ein Portfolio kann man nicht essen.
Die Quadratur ist die Krise.
Die Rahmenbedingungen müssen stimmen.
Für den Schweinezyklus braucht man keine Schweine.
Tiger stehen auf tönernen Füssen.
Der Umsatz ist die Summe aller Geschäftsideen.
Vorsorge ist Schicksal.
Morgen weht der Wind von morgen.
Ein X ist ein U, die Wahl hast du.
Wer den Yen nicht ehrt, muss mit dem Dollar rechnen.
Die Zukunft verschwindet in Futures.

(aus «Zitate, Zikaden. Zu den Sätzen, Edition Korrespondenzen, Wien, 2017)

Dass Lyrik nichts Verklärendes haben muss, nicht Romantisierendes, dass Lyrik ganz nah an der Aktualität ist, an den Realitäten, dass Lyrik aufreissen und entblössen kann, dass sie sich nicht ziert und nicht scheut, das alles beweist Margret Kreidl. Die Autorin ist eine Sammlerin. Nicht nur Eindrücke und Zitate aus der Presse (Margret Kreidl ist eine sehr aufmerksame Zeitungsleserin!), sondern Wörter an sich, Wendungen, die aus dem Kontext extrahiert erst recht ihre Wirkung zeigen. So werden wie in den «wirtschaftlichen» Leitsätzen oben, im Alphabet geordnet, aus scheinbarer Wirklichkeit Ausgeschnittenes, zur Paradoxie, ein Gedicht zur Breitseite gegen die Allmacht der Wirtschaft.

Die Kulturstiftung Thurgau gewährte der Dichterin, Hörspielautorin, Dramatikerin aus Wien ein zweimonatiges Stipendium im Bodmanhaus in Gottlieben. Zeit, um neue Ideen wachsen zu lassen, zu schreiben und mit Sicherheit auch das eigene Tun aus anderer Perspektive zu sehen. Für meine Moderation ihrer Lesung im Literaturhaus am Seerhein traf ich die Autorin schon ein paar Wochen zuvor in einem Café am Wasser. Zugegeben, ich war aufgeregt, denn eine Lyrik-Moderation schien mir wesentlich anspruchsvoller als eine, bei der man über einen Roman, eine Geschichte, einen Plot sprechen kann. Aber Margret Kreidl nahm vom ersten Augenblick alles Verkrampfte, alles rein Intellektuelle, zeigte, wie sehr ihre Lyrik nicht nur mit ihrem Blick auf die Unmittelbarkeit verknüpft ist, sondern wie sehr sie Biographisches mit den verschiedensten Stimmen aus der Welt verbindet. Margret Kreidl ist eine Verküpferin, eine sprachliche Verkupplerin.

Sätze im Fluss

Gegen Salzverlust bei großer Hitze
nimm Schwedentabletten und bleib
im Schatten sitzen. Wenn es regnet,
schau aus dem Fenster und schreib
ein Haiku über Pfützen. Mach es wie
die Buddhisten: Sei eine Distelblüte
im Frühlingswind. Lern in Freude
schweben, sagt Walther von der
Vogelweide. Ja, Zitate sind nützlich.
Eine Brücke aus Bleistiftstrichen trägt
die glückliche Leserin: Das bin ich.
Ist Margarethe warm und nass,
gibts viel Frucht und grünes Gras.
Die Schafe reisen auf der Wiese ins
Satte. Ein Esel frisst Rosen. Lies nach
bei Apuleius. Der Hundsstern bringt
die Sätze in Fluss. Ich träume von
Oktobereis in Pfützen und einem
Forellenschluss. Da hast du den Salat:
fest und knackig, aber trotzdem zart.

(aus «Zitate, Zikaden. Zu den Sätzen, Edition Korrespondenzen, Wien, 2017)

«Sätze im Fluss» ist ein dialogisches Gedicht «mit» der Dichterin Zsuzsanna Gahse, mit der Margret Kreidl freundschaftlich verbunden ist.
In «Hier schläft das Tier mit Zöpfen», ihrer neusten Publikation, sammelt Margret Kreidl wieder Gedichte, die um verschiedenste Themen kreisen. Jeder Gedichtband der Autorin ist eine Bibliothek von Namen, eine Ausstellung von Wortbildern. Jedem der Gedichte in «Hier schläft das Tier mit Zöpfen» ist am Seitenende eine Fussnote hinzugestellt, am Schluss ein Hinweis darauf, wo und wie die Autorin das Gedicht an die Wirklichkeit heftet. Eine Fussnote wie ein Türöffner, eine Fussnote, die wie ein Titel wirkt, eine Fussnote, die mich als Leser sehr oft zur Recherche zwang und mit jedem Lesen noch tiefer führte.

Hart
trocken
holzig
zerrieben
Reibefrucht
klein genug
hart genug
Gedicht.

 

Denn das Gedicht ist immer, schreibt Jorge Viegas, der haste Kern einer Revolution.

(aus «Hier schläft das Tier mit Zöpfen. Gedichte mit Fussnoten, Neue Lyrik aus Österreich, 2018)

Margret Kreidl, geboren 1964 in Salzburg, von 1983 bis 1996 in Graz, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Prosa und Lyrik: Sprachspiele, Lautpoesie, Genretravestien, Mate­rialtexte. Textinstallationen im öffentlichen Raum. Veröffentlichungen seit 1986. Hörspiele, Theaterstücke, Minidramen. Zuletzt erschienen 2017 bei Edition Korrespondenzen der Band «Zitat, Zikade – Zu den Sätzen» und 2018 in der Reihe Neue Lyrik aus Österreich «Hier schläft das Tier mit Zöpfen. Gedichte mit Fussnoten».

literaturblatt.ch dankt den Verlagen für die Genehmigung, Auszüge aus Margret Kredits Werk zu veröffentlichen. Fotos © Lucas Cejpek

14. Lyriktage Frauenfeld – grossartig!

Was in der Gastronomie mit slow-food die Gegenbewegung zum fast-food sein soll, ist bei der Bewegung der Gegensatz Gehen und Fliegen. In der Musik ist es das seichte Rieseln im Hintergrund und die eindringliche Stimme eines einzelnen Instruments. Die Lyrik ist es in der Welt des Geschriebenen. Weit weg von allem Schnellen, allem beiläufig Konsumierten, der Wegwerfsprache, den Verbrauchstext, der in Zügen unter den Bänken liegen bleibt und irgendwann bloss noch als Unterlage für nasse Schuhe taugt.

Lyrik ist slow-food für hungrige Seelen, Wandern durch fremde Innenwelten, das Lauschen geheimnisvoller Stimmen. Dichter und Dichterinnen sind Streiter des Wortes, des Klanges, der Komposition und all der Leerschläge zwischen den Wörtern. Sie schmeicheln nicht, biedern sich nicht an. Wer sich nicht einlässt, bleibt draussen, ausgesperrt.

Das 14. Lyrikfestival vom 15. bis 17. September im Eisenwerk Frauenfeld bot Gelegenheit, in verschiedenen Kombinationen und Settings, sich mit den Werken der eingeladenen Künstler auseinanderzusetzen. In Portionen, die es möglich machten, die nicht zudeckten und überhäuften. Denn in kaum einer anderen Kunstrichtung ist Nähe besser und intensiver spürbar, wie bei der unmittelbar vorgetragenen Dichtung.

Zum Beispiel die 1973 in Frankfurt geborene und in Zürich wohnende Svenja Herrmann mit ihren Gedichten aus den Büchern «Ausschwärmen» und «Die Ankunft der Bäume». Svenja Herrmann schweift mit ihrem inneren Auge, überzeugt mit starken Bildern, erzählt fast ohne Abstraktion, dafür mit leisen, zarten Verschiebungen im Blick, der Wahrnehmung. Ihre Gedichte sind voller Emotionen, so stark, dass die Dichterin selbst beim Vortagen mit ihnen zu ringen hat. Es sind vielschichtige Bilder, helle und dunkle Gedichte, engagiert und stark, voll vom Schmerz über das Vergehen.

Zum Beispiel die 1959 in Split geborene Dragica Rajčić, die 1991, nach Ausbruch des Krieges in Ex-Jugoslawien, mit ihren Kindern in die Schweiz flüchtete, aber schon seit 1972 schreibt. Unter anderem Gedichte über einen fast vergessenen Krieg, von dem ich damals auf dem Sofa im Wohnzimmer mithörte, der Dichterin in der Seele ein Trümmerfeld hinterliess. Ein Friedhof von Gefühlen, Geschichten und Gesichtern, die selbst im ausgesprochenen Schmerz nicht schwächer zu werden scheinen. Ihre Gedichte sind voller Sehnsüchte nach Vergangenem und Vergessenem.

Zum Beispiel Thilo Krause, der, 1977 in Dresden geboren, 2012 den Schweizer Literaturpreis erhielt für sein Debüt «Und das ist alles genug» (poetenladen Verlag). Sein auch in seiner äusseren Form wunderbares Buch «Um Dinge ganz zu lassen» ist ein Gedichtband der Erinnerungen. Erinnerungen an die Kindheit, eine Stadt, an die Frisöse im Erdgeschoss seiner Eltern, an Friedhöfe oder an die Elbe. Geschichten in Gedichten mit vielen Leerstellen, Klangbilder in vollendeter Sprache.

Auf dem schwarzen T-shirt des ukrainischen Dichters und Schriftstellers Serhij Zhadan stand neben der Illustration eines offenen Kopfes «read the best mind of my generation»! Eine Aufforderung! Und wer die Romane und Gedichte von Serhij Zhadan liest, dessen Roman «Die Erfindung des Jazz im Donbass» von der BBC zum Buch des Jahrzehnts erkührt wurde, erahnt, wie viel Zündstoff im Engagement eines Dichters liegen kann. »Schlimm ist es zu sehen, wie Geschichte entsteht.« Serhij Zhadan beschreibt, was mit ihm auf seinen Reisen ins ostukrainische Kriegsgebiet passiert. Lyrische Momentaufnahmen, Kürzestgeschichten über Menschen, die plötzlich auf zwei verfeindeten Seiten stehen oder nicht mehr wissen, wo sie hingehören und was aus ihnen werden soll. Serhij Zhadan las ukrainisch aus seinem aktuellen Roman «Mesopotanien», einem Roman, der zwischendurch immer wieder mit lyrische Stimme erzählt. Vorgetragen wurde der deutsche Text von der Schriftstellerkollegin Esther Kinsky.

Ein Reigen der Kostbarkeiten, angerichtet von Anna Kulp (Organisation Internationales Literaturfestival Leukerbad, Poetische Schweiz) und getragen von der Kulturstiftung des Kantons Thurgau. Vielen Dank!