Angelika Klüssendorf «Trost», Piper

Was ist Familie? Was passiert, wenn der Stern, um den die Planeten drehen, implodiert? Angelika Klüssendorf erkundet die feinen Risse, die zu Eruptionen werden, in einer Gegenwart, die in ihren Grundfesten erschüttert wird. Ihr neuer Roman „Trost“ hat die Kraft eines Tiefenbebens.

Rita wohnt allein. Nur zwischendurch lebt Joachim bei ihr, wenn er nicht in seiner Wohnung in Berlin ist. Ruth ist nach den Besuchen von Joachim gerne allein, gerne wieder allein, schon seit Jahren. Joachim und Ruth sind schon ein Jahrzehnt ein Paar, auch wenn beiden nicht so ganz klar zu sein scheint, was sie in der Beziehung hält. Gewohnheit? Die Angst vor dem Alleinsein? Vielleicht ist es für Rita Joachims Tochter Jane, mit der sie schon von Beginn weg eine seltsame Nähe verbindet. Jane steht kurz vor dem Abitur. Und weil alles, nicht nur die Familie, auch die Nachwirkungen der Pandemie und der angezettelte Krieg Russlands gegen die Ukraine, die junge Frau bis ins Mark erschüttert, wird die Frau an der Seite ihres Vaters zu einem Fixstern in ihrem Leben, das Haus zu einem Zuhause. Ihre Mutter, von der sich ihr Vater vor Jahren trennte, bei der sie noch immer morgens das Bett verlässt, um jeden Morgen der Einöde zu entfliehen, entfremdet sich ihr immer mehr, sinkt ab im Sofa für dem Fernseher. Ihr Halbbruder Eric, Vater geworden, verliert sich in der haltlosen Liebe zu einer Frau und ihre Freundin Lea, die einzige, der sie sich wirklich anvertrauen will, verliert sich hinter einem schweren Vorhang des Schweigens.

Und als Rita eines Morgens in ihrem Garten zusammenbricht und im Krankenhaus nicht mehr aus einem Koma erwacht, beginnt für Jane eine Zeit, die sie schmerzhaft in die Autonomie zwingt, ins Erwachsensein, in die Ernüchterung darüber, das die Welt sich nicht nach ihren Bedürfnissen dreht.

Angelika Klüssendorf «Trost», Piper, 2026, 208 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-492-07267-0

Jane besucht Rita regelmässig im Krankenhaus, die Frau, die nicht nur die Lebensgefährtin ihres Vaters wurde, sondern ihre Vertraute. Während ihr ihre Mutter mehr und mehr peinlich wird, gab ihr die Frau, die verloren im Krankenbett liegt, Sicherheit, erklärte ihr manchmal gar die Welt. Ritas Haus, ihr Garten, die Hühner, alles schien zu einem letzten Platz der Ordung zu werden. Bis ein Insekt Rita niederstreckte.

Joachim, Janes Vater, schwankt. Rita hat ihm in den letzten Jahren das noch einmal zurückgegeben, was er verloren glaubte. Aber statt sich um das Schicksal Ritas zu kömmern, kümmert er sich erstmal um sich selbst, seine Verlorenheit, seine emotionale Unterzuckerung, sein Elend, einmal mehr der Verlassene zu sein. Da kommt die Schwester von Ritas Nachbarn gerade recht. Man freundet sich an und mit einmal ist das Glück zurück, während Ritas Zustand im Krankenhaus medizinisch für hoffnungslos erklärt wird. Jane versteht ihren Vater ebenso wenig wie ihre Mutter. Aber noch viel weniger sich selbst.

Dieses Gewirr aus familiären und freundschaftlichen Banden, die sich aber nicht als das erweisem, was sie sein sollten, dröselt Angelika Klüssendorf gekonnt, aber auch schonungslos auf. Konsequent aus der Sicht von Vater und Tochter, Joachim und Jane erzählt, schildert Angelika Klüssendorf die komplexe Spiegelung zweier Welten, die sich aneinander reiben, zweier Wirklichkeiten, die unaufhaltsam auf die Konfrontation zusteuern, eines Kleinkosmos, der unaufhaltsam zu eiern beginnt, das schonungslose Abbild einer „modernen“ Familie, die sich der Fremdeinwirkung nicht entziehen kann.

Rita war bis zu ihrem Zustand im Koma, Kinderbuchautorin. Eine Frau, die es nie ganz schaffte, die zu sein oder zu werden, die sie gerne geworden wäre. Zuviele Existenzen um sie herum zerrten an ihr, nicht zuletzt immer und immer wieder die falschen Männer. Im ersten Kapitel, im einzigen aus der Sicht von Rita geschildert, manifestiert sich eine festgefahrene, in vielen Bereichen vergiftete Beziehung, vielmehr ein Zustand als eine Beziehung. Nach all den Romanen Angelika Klüssendorfs ein weiterer, der schonungslos zeigt, wie romantisiert und verklärt der Begriff „Familie“ ist. „Trost“ ist ein starkes Stück!

Interview

Liegt im Titel ihres Romans das Vertrauen, dass sich das mitunter wirre Gefüge der Gegenwart doch noch irgendwann und irgendwie klärt? Weder Rita, noch Jane oder Joachim sind dort, wo sie sich hinwünschen, höchstens für kurze Momente. Findet man Trost im Zurückschauen, in der Analyse, im Reflektieren? Ist nicht genau die Schriftstellerei ein Bedürfnis nach Trost?
Das Buch trägt den Titel «Trost». Wer es ließt, kann darin durchaus Trost finden und ich selbst finde manchmal in meiner Arbeit Trost. Vor allem aber in der Natur. Sie ist einfach da, bewertet nicht, zeigt sich nur und wird uns hoffentlich überdauern.

Alle Beziehungen in diesem familiären oder ausserfamiliären Geflecht sind beschädigt. Was Beziehungen letztlich immer sind. Ausgerechnet jene von Rita und Jane, die sich nicht ausgesucht haben, behält sich ein grosses Stück Vertrauen und Offenheit. Und ausgerechnet diese Beziehung wird durch einen allergischen Schock und das andauernde Koma auf eine harte Probe gestellt. Warum werden wir uns der Bedeutung einer Beziehung sehr oft erst dann bewusst, wenn sie unwiederbringlich zu Ende ist?
Ja, in der Rückschau wird uns vielleicht klar, was wir verloren haben: unsere Kindheit, unsere Jugend, und schließlich unser Leben. Doch als Schriftstellerin kann ich mich erinnern, was durchaus schmerzhaft ist, aber letztlich ist Erinnern unsere Identität. 

Jane wird nicht nur mit dem Koma ihrer Stiefmutter in die Wirklichkeit hineingerissen. Die Wirklichkeit zwingt sie zur Autonomie. Sei es die Wirklichkeit in ihrer Familie, jene in den Auswirkungen der Pandemie oder im Umgang mit den Folgen eines Krieges, der Flüchtende bis in ihre Stadt spült. Aber Jane nimmt den Kampf mit sich auf. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, ihrem Halbbruder oder in grossen Teilen zu ihrem Vater. Sind wir letztlich immer allein?
Ja. Das klopfende Herz und ich. Doch auch hier wieder ein unendlicher Kosmos um uns herum. 

Jane und Joachim ringen. Die Art, wie sie es tun, reibt während des Lesens. Bei Jane ist es die Wut, bei Joachim seine Ergebenheit. Beides Charaktereigenschaften, die eine positive Entwicklung erschweren. Ist das Schreiben ihr Versuch, zwischen all den Reibungen aufrecht zu bleiben? Ihrem Teil Wut oder Ergebenheit entgegenzutreten?
Im Schreiben fühle ich mich zu Hause. Ich betrete darin die mir einzig verlässliche Welt. Und ich bin sehr froh, diesen Beruf ausüben so können. Denn dort bin ich eben nicht allein. 

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet. Die französische Übersetzung ihres Romans „Vierunddreißigster September“ stand auf der Longlist des Prix Femina 2022. Ihr Roman „Risse“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 nominiert.

Angelika Klüssendorf «Risse», Piper

Mit der Trilogie «Das Mädchen», «April» und «Jahre später» brannte sich Angelika Klüssendorf in meine literarischen Erinnerungen. Nicht weil ihre Romane einem Zeitgeist, dem autofiktionalen Schreiben entsprechen, sondern weil die Autorin mit der Rückkehr zu ihrem grossen Thema eine Art des Schreibens kultiviert, die trotz aller Verwundung und Entblössung die Hoffnung nie zerstört.

Wie ist es möglich, dass Menschen, die durch die Hölle gehen, trotz allem aufrecht, offen und emphatisch durchs Leben schreiten können? Wie schaffen es Menschen, die angesichts grassierender Gewalt ein Leben aushalten müssen, das Feuer brennen zu lassen, nicht aufzugeben, zu resignieren?

Angelika Klüssendorf, die mit ihrem neuen Roman «Risse» an ihre Trilogie anknüpft, kehrt zu ihrem grossen Thema zurück. Aber nicht, um an alte schriftstellerische Erfolge anzuknüpfen, sondern weil die Autorin mit «Risse» in eine neue Dimension ihrer Auseinandersetzung tritt. Angelika Klüssendorf schildert in drastischen Bildern eine verlorene Kindheit, Menschen, die der Zerstörung trotzen. Aber sie versucht auch zu ordnen. Sie reflektiert, stellt sich über ein Geschehen, das ganz offensichtlich ein halbes Leben lang Schmerz verursachte. Sie schildert die Kindheit einer Frau, die sich in sich selbst zurückzieht, mit aller Kraft sich selbst nicht verlieren will und damit auch die letzte Hoffnung, dass es aus der Hölle auch einen Ausweg geben muss.

Angelika Klüssendorf «Risse», Piper, 2023, 176 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-492-05991-6

Wenn das «durch die Hölle gehen» eine Kindheit ist, dann schmerzt die Lektüre ganz besonders. Und Angelika Klüssendorf macht keinen Hehl daraus, dass es ihre eigene Kindheit ist. Eine in der Einsamkeit des Eingeschlossenseins, ob physisch oder psychisch. In den Ruinen einer «Familie», in der Mutter und Vater mit dem eigenen Überleben beschäftigt sind, Liebe und Zuwendung fremd ist, Beziehungen in erster Linie Gefahr bedeuten, jede Regung ein Risiko birgt.
Als kleines Kind bei der geliebten Grossmutter aufgewachsen, einer Frau, mit der sie sogar das Bett teilte, unmittelbare Nähe, kam das Mädchen mit ihrer kleinen Schwester zu ihrer Mutter und einem gewalttätigen Vater. Was die beiden bei der Grossmutter an Geborgenheit und Verbundenheit erlebten, ist bei der getriebenen Mutter verschüttet und irgendwann ganz verloren. Angelika Klüssendorf erzählt, wie jenes Mädchen schon damals im Lesen, in Geschichten, in Büchern jene Welt suchte, die ihr in ihrer direkten Umgebung verwehrt blieb. Während die Mutter immer wieder mal für mehrere Tage von der Bildfläche verschwindet und die Kinder sich selbst überlässt, ist das Mädchen zum reinen Überleben gezwungen. Das Mädchen zieht sich mehr und mehr in ihren eigenen Kosmos zurück, kapselt sich auch emotional ab, «autonomisiert» sich. Auch zu ihrem Vater, zu dem sie abgeschoben wird, der als Aushilfskellner jobbt, verbindet sie bloss das Gefühl der Angst, die permanente Furcht eines Übergriffs.

«Risse» zu lesen, ist nicht einfach. Angelika Klüssendorf schmeisst einem aber nicht einfach das Schicksal einer ungeheuerlichen Kindheit vor die Füsse. Sie kommentiert ihren Weg damals aus dem Heute, setzt dem Ungeheuerlichen einen Kommentar aus der Gegenwart entgegen. Nicht dass sie sich mit dem Erlebten versöhnt hätte, schon gar nicht mit Mutter oder Vater (Schon allein diese Begriffe, Mutter und Vater, scheinen so gar nicht zu passen!), aber die Autorin gewinnt jene Distanz, die auch mir als Leser hilft. Keine Distanz, die die Kindheit damals unter Folie verpacken will, aber eine Distanz, die im eigenen Leben zu reflektieren hilft.

«Risse» ist ein ungemein starkes Buch. Geschrieben von einer Frau, die aus Verletzungen Stärke entwickelte, auch eine starke Sprache mit ungemein starken Bildern.

2 Fragen an Angelika Klüssendorf:

Ich arbeite seit Jahrzehnten als Pädagoge. Schicksale wie das von Ihnen beschriebene finden noch immer in den verschiedensten Varianten statt. Kinder, die sich selbst überlassen sind. Kinder, die nichts von dem geschenkt bekommen, was so gerne als „Familie“ idealisiert wird. Das schmerzt deshalb so sehr, weil nicht alle Kinder die Geister einer solchen Vergangenheit „besiegen“. Oder lassen sich diese Geister allerhöchstens bannen? Wie viele Menschen stecken in einem Mühlenrad fest, aus dem sie nicht aussteigen können.
Ich weiss nicht, wie viele Menschen feststecken, wie Sie selbst sagen, die Schicksale gibt es in den verschiedensten Varianten. Ich glaube, die infamsten Übergriffe, finden im Namen der Liebe statt. Denn Brutalitäten sind erkennbar, Menschen können sich ihnen stellen, wenn auch nicht als Kind. Der erste Schritt einer Befreiung wäre vielleicht, das Erkennen, das Erkennen der Muster in denen wir gefangen sind. Das sich bewusst werden, wer wir sind, die Defekte erkennen und nicht in den vertrauten Tunnel rasen, eben weil der so schön vertraut ist. Vielleicht auch das, was kaputt ist (ich sage extra kaputt, weil es an ein Spielzeug in der Kindheit erinnert und da werden ja die prägenden Grausamkeiten gesetzt, für das spätere Leben) zu akzeptieren, manches kann nicht geheilt werden, aber wir können lernen damit zu leben.

Sie schreiben auch von der Scham der Armut. Eine Scham, der die Kinder sehr oft äusserst unbarmherzig ausgesetzt sind, weil selbst Kinder untereinander alles andere als zurückhaltend sind. Zur Scham gesellt sich noch die Angst, nie davon befreit zu werden. Ein Angst, mit der sich auch viele Künstler auseinandersetzen müssen, weil es nicht reichte, sich um eine satte Altersvorsorge zu bemühen. Wird man als Verfasserin solcher Romane zu einer Klagemauer? Oder gar zu einer Anwältin?
Weder Anwalt noch Klagemauer. Allerdings ist die Armut eine Sache für sich. Wer in wirklicher Armut aufgewachsen ist, hat ein innerliches Stigma, äusserlich vielleicht nicht zu erkennen, weil es gut verborgen ist. Doch die Angst wieder arm zu sein, hat mich nie verlassen. Ich hatte lange Zeit die Vorstellung, obdachlos zu werden und meinen Gefährten die Goldfüllung in meinem Mund zu zeigen, als Beweis dafür, dass es mir einmal besser ging.

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet. Die französische Übersetzung ihres Romans „Vierunddreißigster September“ stand auf der Longlist des Prix Femina 2022. Ihr Roman „Risse“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 nominiert.

Beitragsbild © Sarah Wolff.

Angelika Klüssendorf «Vierunddreißigster September», Piper

Das Buchcover erlaubt eine dunkle Vorahnung: Der abgebildeten, durchaus noch im Leben stehenden Taube fehlt der Kopf. Kopflose Wesen kennt man aus Horrorfilmen, doch so schlimm kommt es dann doch nicht. Das Leben der Toten ist in Angelika Klüssensdorfs neuestem Roman «Vierundreissigster September» ein eher beschaulicher Ort. 

Gastbeitrag von Cornelia Mechler, Leiterin Verwaltung und Marketing im Kunstmuseum Thurgau, Moderatorin im Literaturhaus Thurgau

Der Roman beginnt mit einem Mord: «Sie hätte das Gewehr nehmen können, entschied sich aber für die Axt. Hilde liess sie auf Walters Kopf niedersausen, als wollte sie ein Holzscheit spalten.» Mit dieser Tat endet eine unglückliche Ehe, die zum Leidwesen der Frau nach einer Fehlgeburt auch noch kinderlos geblieben war. Hilde verschwindet im Schneesturm und gilt ab jenem Moment als vermisste Person. Walter aber kommt ins Reich der Toten und wohnt erst mal seiner eigenen Beerdigung bei. Schon hier zeigt sich der lakonische Witz der Autorin. Die folgenden Sequenzen schwanken zwischen schwarzem Humor, etwas Melancholie und einer Prise Heiterkeit.

Walter lebt nun auf dem Friedhof und trifft zahlreiche Bekannte wieder, die bereits vor ihm verstarben. Alle Verstorbenen sind in dem Zustand in ihre neue «Welt» eingezogen, den sie zuletzt innehatten. Bei Walter bedeutet dies: Er wandelt mit einem gespaltenen Schädel unter den Toten umher und hat nun viel Zeit, das Leben der Lebenden zu beobachten. Er wird zum Berichterstatter, zum Chronisten, wobei sich sein Bewegungsradius auf die Dorfgrenzen beschränken. Ihn selbst treiben drei entscheidende Fragen um: Wer war er früher? Wieso wurde er ermordet? Und wo ist eigentlich Hilde abgeblieben?

Angelika Klüssendorf «Vierundreißigster September», Piper, 2022, 224 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-492-05990-9

Im Dorf ist Hildes Verschwinden kaum ein Thema mehr. Einige Bewohner beschäftigt in diesem Sommer vor allem der angekündigte Besuch von Steven Spielberg, der im Ort einen Film drehen möchte. Das Warten auf die Ankunft des Starregisseurs beginnt, und da werden auch die pessimistischsten Träumer nochmals wach. Überhaupt ist auch das lebende Personal in diesem Buch ein sehr besonderes. Da gibt es die dicke Huber, das Rollschuhmädchen, Eisenalex und Bipolarchen. Jede und jeder im Dorf trägt eine mal mehr mal weniger schwere Lebenslast mit sich herum. Die eindrücklichen Charakterbeschreibungen werden getragen durch eine Grundsympathie der Autorin für ihre Figuren.

Der Wechsel der Erzählperspektiven ist sehr gut gewählt, das Leben der Toten steht damit immer in engem Bezug zu dem der noch Lebenden. Auch wenn Letztere nichts von ihren Schatten ahnen, so ist es für die allwissende Leserschaft ein äusserst kurzweiliges Lektürevergnügen.

Speziell auch dies: Die Toten können die Träume der Lebenden sehen, wenn diese schlafen. Da ist ein spannendes Nachtprogramm geboten, das vor allem Walter äusserst gelegen kommt. Aber auch in den Träumen der anderen kommt bei niemandem Hilde vor. Doch dann findet er eine wage Spur – und er muss erkennen, dass seine Frau ein ganz anderes Leben führte, als er es zu kennen meinte…

«Ein hintersinniges Meisterwerk über eine Zeit der Wut, Melancholie und Zärtlichkeit», so heisst es im Klappentext. Wahrlich, das ist nicht zu hoch gegriffen. Es gilt: Lesen und staunen!

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Roman-Trilogie «Das Mädchen», «April» und «Jahre später«, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet.

Illustration leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Literaturhaus Thurgau: Das Programm Januar – Mai 2022 steht!

Mit grosser Vorfreude präsentiere ich das neue Programm von Januar bis Mai 2022 im Literaturhaus Thurgau. Klar bleibt ein Vorbehalt, die leise Angst, dass uns wie im ersten Quartal 2021 ein Strich durch die Rechnung gemacht werden könnte. Aber wäre die Zuversicht nicht da, dann würden sich all die ProgrammmacherInnen nicht die Mühe machen, der Kultur einen Bühne zu bieten.

Das neue Programm bietet viel: Prosa und Lyrik, Musik und Installation, Ausstellung und Diskurs! Bleiben Sie uns auch in schwierigen Zeiten treu, treu dem schmucken Haus am Seerhein aber auch all den Kunstschaffenden, denen Orte wie das Literaturhaus Thurgau Lebensader ist!

Sämtliche Illustrationen © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Angelika Klüssendorf «Jahre später», Kiepenheuer & Witsch

April ist eine Frau, die sucht. Irgendwann findet sie Ludwig. Einen Mann, den sie anfangs aufgeblasen findet, der alles Unmögliche für sie erfindet, um Eindruck zu schinden, dessen Hartnäckigkeit ihr aber schmeichelt. Sie heiraten und bekommen ein Kind. Und April findet sich in einem Gefängnis wieder, aus dem sie sich nur unter Aufbietung aller Kräfte befreien kann, auch mit dem Risiko, fast alles zu verlieren.

Sowohl April wie Ludwig sind Menschen, die kaum Rücksicht nehmen. Alles, was sie beginnen, ist von Kompromisslosigkeit und Härte geprägt. Kein Wunder, wenn man die Geschichte von Aprils Kindheit kennt. Wenn man liest, mit welchen Dämonen die junge Frau zu kämpfen hat. Aber April spürt, dass sie eine andere ist, wenn sie liebt, wenn sie geliebt wird. Ludwig mit seinem Schalk, seinem Witz und seiner Unberechenbarkeit scheint genau der Richtige zu sein, um Aprils Leben zu entsprechen. Aber mit dem Kind, den Mutterpflichten wird alles anders.

«Er scheint sich selbst ganz und gar unvertraut. Auch sie ist sich unvertraut.»

Was wächst, ist nicht Vertrauen, sondern Misstrauen. Ludwig wittert überall einen Plan. April ist sich nicht sicher, mit wem sie sich verheiratet hat. Ist der ehrgeizige Chirurg, der sich abends in seinem Zimmer verkriecht und zum Ausgleich stundenlang zockt, der Mann, von dem sie glaubte, sie hätte ihn einmal geliebt? Ist ihr Mann der Mann, der sich auf Reisen gerne klotzig gibt und in der Marilyn-Monroe-Honeymoon-Suite bucht und bei seinen Eltern wieder zum kleinen Jungen wird?

Es dauert nicht lange, bis sich in Aprils Leben Geister einstellen, Filmfiguren, die sich einmischen; Riff Raff, Faye Dunaway und Rosemarie aus «Rosemaries Baby», die unaufhörlich Fragen stellen, die ihr Leben nicht beantwortet.
Mit dem Sohn, mit Samuel, entfernen sich die grossen Themen, über die sie so gerne schreiben will, immer mehr, werden unerreichbar. April dümpelt, während Aprils Geister sich in ihrem Leben einnisten.

«Ihr Herz klopft da, wo es nicht hingehört.»

Ludwig verstrickt sich in den Intrigen der Ärzteschaft, giert nach einem Chefarztposten, bekommt ihn, was die Familie zwingt, von Hamburg nach Berlin zu ziehen. Weg aus dem für April gewohnten Umfeld, weg aus ihrem Leben, weg aus dem Vertrauten, das in Wirklichkeit nie auf festem Untergrund gebaut war. April beginnt Tabletten zu schlucken, verschrieben von ihrem Therapeuten, begrüsst von ihrem Mann. Und als sie sich in einem afrikanischen Laden wiederfindet, wo man ihr während Stunden ein Haarteil auf dem Kopf näht, schiesst es ihr in den Kopf, begreift sie, «dass sie immer schon den Atem angehalten hat, ihr ganzes Leben lang.» April trennt sich von Ludwig, zumindest vordergründig, zieht zurück nach Berlin, nimmt weiter Tabletten.

«Ludwig kann Feuer entfachen, aber nicht am Brennen halten.»

Es beginnt der Kampf um Sam. Ludwig schickt ihn in ein Internat. April stürzt sich in die Arbeit als Redaktorin, während Ludwigs Leben aus den Fugen gerät. Ein Fall, der April mitzureissen droht.

Angelika Klüssendorfs Roman «Jahre später» ist eine ganz besondere Mischung. Da liest man vom Schrecken, der Achterbahn einer Beziehung, die zwischen akutem Schmerz und ungewollter Abhängigkeit pendelt und gleichsam vom Humor und Witz, der im fatalistischen Gefüge dieser Beziehung aufblitzt. Aus diesem Roman steigt derart viel Kraft und Poesie, dass man den Schluss des Buches möglichst lange herauszögern möchte. Ein Buch, aus dem einem Sätze förmlich anspringen. Sätze, die wie Blitze aufleuchten, hinter denen sich Welten aufschliessen. Sätze, die ganze Geschichten erzählen, Bilder die sich so tief einprägen, als hätten sie sich in die Netzhaut des Erinnern gebrannt.

«Glück ist die Abwesenheit von Angst.»

Angelika Klüssendorf ist auf Lesereise. Unbedingt hingehen, zuhören, staunen, lachen und geniessen!

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute lebt sie in der Nähe von Berlin. Sie veröffentlichte unter anderem die Erzählungen «Sehnsüchte» und «Anfall von Glück», den Roman «Alle leben so», die Erzählungsbände «Aus allen Himmeln» und «Amateure». Mit den beiden Romanen «Das Mädchen» und «April» schliesst «Jahre später eine Trilogie ab. Alle drei Romane sind unbedingt lesenswert!

Titelfoto: Sandra Kottonau

Literatur grenzenlos!

Das alljährlich stattfindende Literaturfestival „Erzählzeit ohne Grenzen“ ist einmalig. Zusammengerechnet ist die Besucherzahl imposant, die Liste der Autorinnen und Autoren mehr als beachtlich, die Veranstaltungsorte von abenteuerlich bis beeindruckend und meine Not als Besucher jedes Jahr die gleiche.

Man müsste in den Tagen vom 7. – 15. April mehrere Leben zur Verfügung haben, um all jenen Schreibenden zu lauschen, auf die man doch eigentlich schon lange wartet. Diesmal waren es drei Schriftstellerinnen und ein Schriftsteller, deren Bücher ich ihnen ans Herz legen möchte.

„Keyserlings Geheimnis“ von Klaus Modick, Kiepenheuer und Witsch, 235 Seiten
Klaus Modick, Autor von mehr als 20 Romanen, interessierte sich mit der Lektüre der Werke Eduard von Keyserlings (1855 – 1918, Schriftsteller und Dramatiker des Impressionismus) immer mehr für dessen Biografie. Ein Leben allerdings, dass viele weisse Flecken oder schwarze Löcher aufweist, weil der Nachlass auf Keyserlings Wunsch vernichtet wurde. Eine Tatsache allerdings, die die Neugier und Fantasie Klaus Modicks nur noch mehr anstachelte. Was waren die Gründe, warum ein Nachlass, fast alle Spuren, Briefe und Manuskripte eines Schriftstellers vernichtet werden mussten? Warum musste Eduard von Keyserling fluchtartig seine Universität und die Stadt Dorbat (heute Tartu) verlassen und nach Wien fliehen? Klaus Modick spinnt mit viel Einfühlung einen mitreissenden Roman, der in der Künsterboheme um 1900 spielt, Keyserlings Schwabinger Freunde; den Dramatiker Halbe, den Maler Lovis Corinth oder den Schriftsteller und Schauspieler Frank Wedekind. Absolut überzeugend aber ist Klaus Modicks feinsinnige Sprache, der Ton, den er beim Erzählen anstimmt und der perfekt zum Lebensgefühl und zur Zeit damals passt. Für all jene die perfekte Lektüre, die es mögen, wenn mit dem Lesen Zeitverständnis geweckt wird.

“Jahre danach“ von Angelika Klüssendorf, Kiepenheuer und Witsch, 156 Seiten
Nach „Mädchen“ und „April“ ist „Jahre danach“ der Schluss einer Trilogie. Die Geschichte von April, von der Kindheit bis hinein in ein Schriftstellerleben. „Jahre danach“ erzählt in sich abgeschlossen von Aprils Ehe zu Ludwig, den die zuerst als aufgeblasenen Chirurgen an einer Lesung kennenlernt, der ihr aber genau das zu geben scheint, wonach ihre Seele dürstet. April und Ludwig heiraten, bekommen ein Kind und Probleme zuhauf. Angelika Klüssendorf schrieb aber keinen Rosenkriegroman, sondern die Geschichte zweier Menschen, die sich wohl irgendwann irgendwie liebten, aber mehr ineinander verstrickten. „Jahre danach“ spriesst voller Witz und Poesie dort, wo man als Leser weinen könnte. Ein Buch voller starker Sätze, die man mitnehmen, nicht mehr vergessen möchte. Ein unglaublich starkes Buch, von dem die Autorin meinte, sie wäre froh, nun endlich einen Abschluss gefunden zu haben, um Neues beginnen zu können. Wie ich mich darauf freue!

“Die Königin schweigt“ von Laura Freudenthaler, Droschl, 206 Seiten
Nicht von den Märchen aus der Vergangenheit möchte Fannys Enkelin hören, viel lieber von der wirklichen Vergangenheit. Fanny erinnert sich. Vom Vater mit der harten Brust, von der Wärme ihrer Mutter, die nicht von ihrer abzugrenzen war, dem elterlichen Hof und von Toni, ihrem Bruder, dem Hoffnungsträger, der tot im grossen Krieg zurückgeblieben war. Fanny braucht ein Leben lang, um sich von den Gewichten ihrer Vergangenheit loszumachen, den Eltern, dem Dorflehrer, mit dem sie verheiratet war und einen Sohn hat. Selbst von jenen, die noch leben, ihrem Sohn, der auch Toni heisst und ihrer Enkelin, die sich nicht mehr nur mit Märchen aus der Vergangenheit begnügt. Die Geschichte einer Frau durch fast ein ganzes Jahrhundert. Laura Freudenthaler, noch jung, erzählt klug, wohl wissend, wo Nähe oder Distanz dem Erzählen gut tun. Ein Roman voller Ehrlichkeit und Reife, sprachlicher Kraft und Leidenschaft für ein Leben! Unbedingt lesen!

eine ausführlichere Rezension auf literaturblatt.ch

“Stillhalten“ von Nina Jäckle, Klöpfer & Meyer, 189 Seiten
Tamara sitzt in ihrem Zimmer. Ihr Leben ist abgeschlossen wie das Haus am künstlichen See, in dem sie wohnt. Sie schreibt in ihrem Zimmer in ihr Abrechnungsbuch. Tamara ist alt, war einst Tänzerin, vor langer, langer Zeit, damals 1933 in diesem schicksalsreichen Jahr deutscher Geschichte. Und sie sass Modell für ein Porträt, vor dem Maler Otto Dix. Damals war Tamara zwanzig, als sie Otto Dix zum ersten Mal begegnete, ebenso beeindruckt wie eingeschüchtert von einem Mann, der kein Blatt vor den Mund nahm. Otto Dix malte sie, weil sie mit ihrem Lächeln trösten sollte. Aus dem „Bildnis der Tänzerin Tamara Danischewski mit Iris“ wird eine nicht genutzte Möglichkeit, ein Leben am Scheidepunkt, damals noch von einem Leben in allen Facetten. Bis sie heiratete. Sie heiratete einen Mann, der ihr das Tanzen und Fragen verbot, liess sich einschliessen, für immer verwundet.

Nina Jäckles Mann trägt vor der Lesung im Kunsthaus Singen eine grosse Tasche mit ins Obergeschoss, wo fast 100 Gäste auf die weitgereiste Autorin warten. Er packt ein Bild aus, das Bild, das „Original einer Fälschung“, lächelt dieser. Die Replik des Bildes, das meist in Stuttgart hängt, wenn es nicht irgendwoin den Zentren der Welt auf Reisen ist.

Erfrischend war, wie Nina Jäckle den Bilddeutungen des Kunsthistorikers widersprach und deutlich machte, dass die Wissenschaft mit ihrer Deutung auch „unrecht“ haben kann.

eine ausführlichere Rezension auf literaturblatt.ch

Ich liess mich von „Erzählzeit ohne Grenzen“ faszinieren. Ein literarisches Freudenfest, ein Grossanlass, der einmalig ist. Ein grosses Dankeschön an das Organisationsteam, allen voran Monika Bieg und Barbara Tribelhorn.