Ahojana 8 «An der Zapfsäule» – Eine Postkarte aus Bokampo von Owida N. Woiax

Seit wann sitzt sie wohl schon da? Als ich eben von der R8 zu der Tankstelle im Nordwesten von Kirilia abbog, ist sie mir nicht aufgefallen. Und auch als ich den Zapfhahn in den Einfüll­stutzen stieß, wähnte ich mich ganz alleine auf dem Platz. So alleine, dass ich einen Augenblick lang fürchtete, die Tankstelle sei außer Betrieb. Zwar ist mein Reservoir noch nicht ganz leer. Doch seit die meisten Autos auf der Insel mit Elektroantrieb fahren, werden echte Tankstellen mit Diesel und Benzin immer mehr zur Rarität. Ich weiß gar nicht, ob ich weiter im Süden überhaupt noch Treibstoff bekommen hätte. Umso erleichterter war ich, als die Zahlen im Display der alten Säule fröhlich zu laufen begannen – langsam zwar, fast Schluck für Schluck, aber doch kontinuierlich. Ich war so erleichtert, dass ich sofort das Bedürfnis verspürte, auch meine Blase zu bijdumein, ihr also «eine Wohltat angedeihen zu lassen» – anders kann man diesen Ausdruck fast nicht übersetzen.
Dann aber, als ich vom Toilettenhäuschen zu meinem Auto zurückkehrte, das immer noch dankbar glucksend den Diesel in sich einsog, saß sie da. Auf einem mächtigen Stein, mit dem man die Automobilisten daran hinderte, sich auf der Westseite der Säule hinzustellen, wo der Besitzer der wonkalek [Tankstelle] einen feinen Rasen angelegt hatte. Wohl bereitete auch er sich auf eine größere Umstellung vor, vielleicht würde ich bei meiner nächsten Fahrt nach Süden hier nur noch einen Imbiss vorfinden.
Die Frau trägt einen zitronengelben Rock, eine etwas hellere Bluse und einen gleichfarbigen Sonnenhut. Die Hände liegen entspannt in ihrem Schoß. Ihre Augen aber sind mit höchster Konzentration auf das altmodische Display der Zapfsäule gerichtet, wo sich die Zahlen auf einzelnen Zylindern drehen und ruckelnd immer mehr Liter und Zentiliter anzeigen. Was macht sie da? Was soll das werden? Eine Zapfsäulen-Meditation? Leidet sie an einem Zählzwang? Oder ist sie eine Außerirdische, die aus den Chiffren eine Botschaft ihres Heimatsterns abliest? Ich grüße mit einem freundlichen «Bono!» und deute auf das Display: «Za fumadi bezjie on wondakri zubinan! Magis krendi ka zonz læ bumj niæwad!» Ich finde das lustig und muss selbst kurz lachen. Sie aber scheint mich nicht zu hören. Also wiederhole ich meinen kleinen Scherz auf Französisch: «Das muss ja eine spannende Lektüre sein! Ich fürchte allerdings, dass schon bald das Ende naht!». Die Frau starrte unbeirrt auf das Display. Ich lege in Englisch nach. Sollte sie mich überhaupt bemerkt haben, so lässt sie sich das auf jeden Fall nicht anmerken. Ich komme mir blöd vor und schlendere, noch ehe der Zapfhahn in die Verschlussposition zurückschnellt, zu der Kabine mit der Aufschrift «Ninklek» [Zahlschalter]. Ich bin etwas überrascht, dass da eine alte Frau in einem Rollstuhl hinter der Kasse vor sich hin döst, direkt neben einem großen Ventilator, der ein paar hellgraue Haarsträhnen wild um ihren Kopf tanzen lässt.
Als ich eintrete, wacht sie auf und hebt den Blick. Ihre Züge gleichen jenen der Zapfsäulenanbeterin – nur sind Wangen und Stirn voller Runzeln, der Mund voller Fältchen. Sie ist bestimmt ein halbes Jahrhundert älter. Ist sie die Mutter, die Großmutter, die Urgroßmutter des Benzinfalters bei meinem Wagen?
«Können Sie mir sagen, was die da draußen macht?», frage ich und zeige durch die Scheibe in Richtung meines Autos.
Sie greift zu einem Feldstecher, kneift die Augen etwas zu und schaut lange hindurch. Ihre Lippen bewegen sich leicht und mir ist, als lese sie etwas ab. «Das ist eine Zapfsäule», knurrt sie mir schließlich mürrisch ins Gesicht, «das macht 313 Chnou – und wir nehmen nur Bargeld.»
Ich bezahle, bedanke mich übertrieben höflich, was sie mit dem Ansatz eines Zähnefletschens quittiert, und kehre zu meinem Wagen zurück. Die junge Frau ist verschwunden. Ich fahre los, zurück auf die R8 und weiter nach Süden. Erst oben auf dem Mont Goulou höre ich, dass der Tankdeckel gegen den Kotflügel schlägt. Ich halte an und steige aus, um mein Reservoir richtig zu verpfropfen. Doch der Einfüllstutzen ist zu, was gegen das Blech geschlagen hat, klemmt mit dem Rand unter dem Deckel fest: Es ist ein hell-zitronengelber Sonnenhut.

Ahojana 1 – 7

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ahojana 7 «Die Eislöwin» – Eine Postkarte aus Bokampo von Owida N. Woiax

Auf einmal bewegt die Blondgefärbte den Kopf im Kreis, als versuche sie, mit ihren Augen dem komplizierten Flug eines Insekts zu folgen. Doch da ist kein Tier und ihre faltigen Lider sind geschlossen. Es ist die schiere Lust, die ihre Bewegung antreibt, die Lust an dem Eis in ihrer Hand. In leicht gekrümmter Haltung sitzt die Alte an einem Tischchen vor der minze­grünen Fassade der Hibilek Golbinol, einer bekannten Gelateria im Zentrum von Bokampo. Sie trägt ein lachsrotes Seidenkleidchen mit Spitzen, das sich kaum von der Farbe ihrer Haut unterscheidet. Wasserdostpurpur leuchten die Eiskugeln in ihrem Biskuithörnchen. Was für eine Sorte mag es sein? Pflaume vielleicht? Pfirsich oder Pampelmuse?
An den Handgelenken der Frau baumeln allerlei silberne Reifen und an ihrem Hals hängt eine Kette aus großen Perlen. Sie wirken echt, ebenso echt wie die Hermes-Tasche, die unter ihrem linken Arm klemmt. Die Füße aber stecken in knutschgelben Badeschlappen, die billig wirken und  halb kaputt.
Die Blondierte hat mich noch nicht bemerkt, obwohl ich nur wenige Meter von ihr entfernt, auf der anderen Seite der schmalen Straße an einer Mauer lehne und mit lautem Blubbern meinen Skajkax [eine Art Eiskaffe mit viel Schaum] in mich hineinsauge. Ist sie vielleicht ein wenig betrunken? Ihr Pupillen haben etwas Fiebriges, ihre Haut wirkt seltsam teigig, ihr Lächeln starr, blöde fast. Doch das kann auch das Alter sein – oder die Hitze. Auf jeden Fall glaubt sie sich ganz alleine mit ihren Pflaumenkugeln, unbeobachtet in ihrem Zuckerrausch. Überhaupt wirkt sie, als ob für sie nur diese süßen Sphären wären und hinter all den Sphären keine Welt.
Wie bin ich wohl selbst anzuschauen, wenn ich mich in meiner Lust unbeobachtet wähne? Gut möglich, dass ich bedeppert in die Gegend glotze. Vielleicht ist es besser, man weiß es nicht.
Langsam nähert sie ihren Mund dem Eis, kurz blinken ihre Zähne auf, dann nimmt sie einen mächtigen Happen, mümmelt ihn in sich hinein. Wieder schwenkt sie die Augen zum Himmel, als suche sie in der Atmosphäre nach einem Wort, das ihre Lust beschreibt, nach einem Zeichen von San Gelato.
Und dann geschieht es. Während ihr Blick noch oben sucht, gerät unten die letzte Kugel ins Rutschen. Sanft schiebt sich der lachsfarbene Ball auf den Rand des Biskuits, gleitet unbemerkt über den Zeigefinger und fällt geräuschlos zu Boden. Gleich darauf führt die Frau sich die Eistüte erneut an die Lippen, die Zunge fährt heraus, stößt in den Konus, tiefer, zuckt nach links, nach rechts und schnellt zurück. Ungläubig starrt sie erst auf das Biskuit, dann auf die Lache vor ihren Füßen, aus der sich noch ein letzter Rest der Kugel wölbt.
Nach einigen Sekunden bückt sie sich nach vorn und versucht, mit drei Fingern etwas von dem Eis zu greifen. Doch der klebrige Stoff ist zu weich, es bleiben nur ein paar Schlieren an ihrer Haut hängen. Sie steckt sich alle drei Finger in den Mund und saugt daran, als könne sie nicht glauben, dass da nicht mehr zu holen ist.
Plötzlich schaut sie mich an. Oder schaut sie nur durch mich hindurch? In ihren Augen herrscht eine solche Leere, als sei ihr mit dem Eis auch alle Lust und Lebendigkeit zu Boden gegangen. Ich überquere die Straße, um mein leeres Skajkax-Glas in die Eisdiele zurückzubringen.
«Soll ich Ihnen zum Trost einen Kaffee spendieren?», frage ich im Vorbeigehen und deute auf den Pflaumensee. Doch sie schaut an mir vorbei, wild und kraftlos zugleich – eine Löwin, betäubt vom Leben.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

Ahojana 1 – 6

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ahojana 6 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus Sasselin von Owida N. Woiax

Der Hitze zum Trotz trägt der bärtige Alte unbeirrt seine schwere Krone. Dabei müssen unter dem roten Samt, mit dem das goldene Gestell ausgefüllt ist, Temperaturen herrschen, die das Hirn zumindest schmoren lassen, wenn nicht gar frittieren. So warm wie heute war es in diesem Sommer noch nie, fast vierzig Grad zeigt das Thermometer. Ich stehe im Schatten eines Pflaumenbaums, der alle paar Sekunden kleine, vor der Reife verdörrte Früchtchen fallen lässt. Kraftlos rascheln sie durch trockene Blätter zu Boden.
Wer frei nehmen konnte, ist heute an die Küste gefahren, wo einem die Winde des Ozeans den Schweiß von der Haut streicheln. Auch der Gekrönte leidet unter der klyteps, wie man solche Temperaturen auf Lemusisch nennt. Er hat die Schuhe ausgezogen, die Hosen hochgekrempelt und sich auf den Rand des mit geheimnisvollen Meeresfrüchten geschmückten Brunnens im Zentrum von Sasselin gesetzt. Seine Beine hängen in das wenige Wasser hinab, das die Behörden in das tiefe Becken haben einlaufen lassen. Es reicht ihm, wenn er ganz drinsteht, gerade mal bis zu den Knien. Sein linker Unterschenkel ist dick angeschwollen, sein rechter dagegen wirkt dürr und viel zu dünn für die stattliche Wampe, die er zu tragen hat. Von Zeit zu Zeit greift er nach einer Flasche, die zu seiner Linken auf dem Brunnenrand steht. Erst glaube ich, das müsse Wein oder Schnaps sein, doch laut Etikette ist es Suk ordobakadi. Erdbeersaft? Ich wusste gar nicht, dass man so etwas kaufen kann.
Neben dem Brunnen, direkt hinter dem Rücken des Kronenträgers, geraten sich jetzt zwei Raben wegen eines Mäusekadavers in die Federn. Mit lautem Gekreische und knatterndem Flügelschlagen hüpfen sie wieder und wieder Attacken gegeneinander. Der Mann dreht langsam den Kopf zu den Vögeln um und macht mit den Lippen ein Geräusch, halb Pfeifen, halb Schnauben, das die Tiere sofort verstummen lässt, als gehorchten sie einem Befehl. Auch die Maus ist plötzlich weg. Ob sie sich nur totgestellt hat und die Chance nutzte, sich davonzumachen?
Aus einer Seitenstraße hüft ein kleines Mädchen herbei, stellt sich artig neben dem Mann auf und streckt ihm mit beiden Händen ein kupfernes Schälchen hin. Mit einem huldvollen Nicken nimmt der Alte das Geschenk entgegen, führt die Tasse an seine Lippen, schlürft, setzt ab, schließt genüsslich die Augen, schlürft erneut, rülpst und gibt dem Mädchen das Gefäß zurück. Freudig, als habe man ihr ein Geschenk gemacht, tollt die Kleine davon.
Ich zwinge mich aus dem Schatten und stelle mich neben dem Mann an den Brunnenrand: «Das muss aber lecker gewesen sein, was Ihnen Ihre kleine Freundin da gebracht hat. Was war es denn?»
«Erdbeersuppe», sagt er und scheint nicht im geringsten irritiert, dass ich ihn beobachtet habe.
«Ist es nicht etwas warm unter der Krone», frage ich ihn. Er zuckt nur mir der Schulter.
«Was für ein König sind Sie denn? Ist dieser Brunnen hier Ihr Reich?»
«Je suis le roi de tout ça», sagt er und führt dazu den Zeigefinger seiner Rechten im Kreis durch die Luft.
«Oha», sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, «oha, ‹all dies› ist also Ihr Reich. Was für eine Verantwortung. Und die können Sie nur tragen, wenn Sie in der Sonne sitzen?»
Er nickt majestätisch, seufzt und macht dann eine Geste mit der Linken, die ebenso matt wie eindeutig ist: Die Audienz ist beendet, ich darf mich wieder in den Schatten zurückziehen.
So kurz und kurios meine Begegnung mit dem Gekrönten war und so schütter mir der Zustand von «le roi de tout ça» auch vorgekommen sein mag: Beim Verlassen des Platzes fühle ich mich doch seltsam getröstet und gestärkt vom Gedanken, dass es für «all dies» einen König gibt, der sich zuständig fühlt. Ich schüttle darüber den Kopf und bin tatsächlich froh, dass darauf keine Krone sitzt.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

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Ahojana 2

Ahojana 3

Ahojana 4

Ahojana 5

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ahojana 5 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus der Réserve du Forlys von Owida N. Woiax

Der Kessel pfeift und zittert, Wasser schwappt aus dem Ausguss und läuft dem Emaille entlang unter den Topf, wo es in der Gasflamme knisternd verpufft. Atika hat es nicht eilig. Mit ruhigen Bewegungen stellt sie den Filter auf die Aluminiumkanne, legt ein Papier ein, misst drei Löffel Pulver ab. Erst dann hebt sie den Kessel vom Herd und gießt mit einer sorgfältigen Achterbewegung den Kaffee auf, die Linke entspannt in der Tasche ihrer Jeans. Röstaromen verbreiten sich in der Küche, verdrillen sich mit den milchigen Strahlen der Morgensonne, die waagrecht den Raum durchstoßen.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Aber Atika lässt mir keine Wahl. «Erst trinken wir einen kawaien [«Käffchen»], dann zeige ich Ihnen, wie Sie hier wieder rauskommen», hatte sie gesagt, während sie das Seil vom Bug meines Kajaks an ihrem Landungssteg festzurrte. Ich war früh am Morgen von der Anlegestelle bei der Busstation im Norden des Naturschutzgebietes losgepaddelt und hatte bald schon die Orientierung verloren in dem Gewirr aus Kanälen, Flussläufen und Tümpeln. Auch mein Telefon half mir nicht weiter. Auf dem Bildschirm sah ich zwar genau, wo ich selbst mich befand und wo mein Auto stehen musste, nur, wie ich zurück zu dem Parkplatz finden könnte, verriet mir die Karte nicht. Der Lindj Forlys ist kein See, wie man vom Namen her erwarten würde (lindj ist das lemusische Wort für «See»), sondern eher ein riesiges Feuchtgebiet mit zahllosen Wasserwegen und Inselchen, die auf meinem Plan nur sehr summarisch eingezeichnet waren. Immer wieder ruderte ich in Kanäle hinein, die zwar in die richtige Richtung führten, jedoch plötzlich endeten oder einen Bogen machten, der mich wieder von meinem Ziel entfernte.
Und dann entdeckte ich das grüne Holzhäuschen. Es stand ein paar Meter vom Ufer entfernt unter Birken und Weiden. Das Dach war dicht mit Blättern und Zweigen bestreut. Zu dem kleinen Gebäude gehörte ein Steg und auf den grau-morschen Brettern stand eine junge Frau in einem leuchtend orangen Shirt und winkte mir zu.
«Haben Sie sich verfahren?», fragte sie und fügte, ohne mir Raum für eine Antwort zu lassen, gleich ihre Einladung an: «Kommen Sie! Wir trinken einen kleinen Kaffee bei mir im Haus, danach zeige ich Ihnen den Weg hier raus.»
«Das ist sehr freundlich von Ihnen, danke für das Angebot. Aber ich sollte eigentlich möglichst bald weiterfahren. Man erwartet mich heute noch im Kloster von Maioli.»
«Haben Sie mich nicht gehört? Wir trinken einen Kaffe und dann führe ich sie zur Straße zurück», erwiderte sie mit einem nachsichtigen Lächeln, als hätte ich etwas völlig Unsinniges gesagt. Gleichzeitig packte sie die Leine, die auf dem Bug meines Kajaks aufgerollt lag, zog mein Boot mit einem entschiedenen Ruck in Richtung Ufer und machte es an ihrem Steg fest. Es ist mir ein Rätsel, wie das Tau plötzlich in ihre Hand gelangen konnte. Ich war sicher noch zwei Meter vom Ufer entfernt, als sie es ergriff.
«Entschuldigung, aber ich müsste wirklich los», beteuerte ich erneut und blieb trotzig in meinem Bötchen sitzen. Doch sie streckte die Hand aus: «Ich heiße Atika. Herzlich willkommen!» Und auf einmal stand ich neben ihr an Land.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Es muss schon Mittag sein und also muss ich aufpassen mit dem Koffein. Mittag, genau, das sagt auch meine Uhr. Nur, warum scheint die Sonne dann horizontal in den Raum? Atika gießt immer noch Wasser in den Filter. Die Kanne müsste längst überlaufen. Und auch die Gasflamme rischelt weiter, als verbrenne immer noch Wasser in ihr.
Die Réserve du Forlys ist ein Labyrinth, in dem sich offenbar nicht nur der Mensch verirrt, sondern auch die Zeit. Gut, dass mir Atika den Weg hier raus zeigen wird. Nach dem Käffchen, versteht sich.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

Ahojana 1

Ahojana 2

Ahojana 3

Ahojana 4

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.