Am 2. Juli 2026 waren es 65 Jahre, seit Ernest Hemingway seinem Leben mit seiner Jagdflinte ein Ende setzte. Michael Kleeberg nähert sich mit seinem aktuellen Roman „Achilles in Taormina“ in ganz eigener Manier an einen der ganz Grossen in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Ein Leseabenteuer mit Wirkung!
Michael Kleeberg hätte zu Hemingways Todestag eine weitere Biographie schreiben können. Stoff dazu gäbe es genug über einen, aus der Gegenwart betrachtet, streitbaren Lebemann, Schriftsteller, Frauenheld, Grosswildjäger und Genussmensch. Einen, der sich im Alter mit seinen Süchten und seiner psychischen Erkrankung genötigt sah, das Gewehr auf sich selbst zu richten, weil er sich lebendig sterben sah. Eine weitere Biographie wäre auch gar nicht notwendig, davon gibt es genug, auch wenn Michael Kleeberg in seinem Hemingwayroman durchaus neue oder zumindest überraschende Aspekte aus dem Leben dieser Ikone der Literatur zu Papier bringt. Aber weil Michael Kleeberg nicht einfach bloss ein paar Facetten hinzufügen wollte, schrieb er einen Roman über einen fiktiven Hemingwayforscher und Autor, einen Mann namens Dr. Michael Kleeberg, dessen Leben sich in grossen Teilen im Schweif Hemingways abspielt.

Noch diesen Sommer wird Ernest Hemingways Debütroman noch einmal erscheinen; „The Sun Also Rises“ (Deutsch: „Fiesta“), ein Roman, der vor 100 Jahren grosse Beachtung fand und ganz unterschiedlich bewertet wurde. Dass Hemingway mit seiner Art des Schreibens ganz viele Zeitgenoss*innen beeinflusste, einen neuen Ton zu erzeugen wusste und es verstand, seine Person zu einer Marke zu machen, einer Sonne, um die Planeten kreisen, ist unbestritten. Ebenso unbestritten sind Hemingsways Selbstzweifel, seine langen Schreibkrisen, seine Selbstinszenierung, die sich gerne am Mythos orientierte, sein zügelloser Raubbau an sich selbst. Das, was in all den Erzählungen und Romanen geschrieben steht und seine eigene Person immer wieder in den Mittelpunkt stellte, scheint sich ein Leben lang mit seiner tatsächlichen Innenwelt zu streiten.
Was dem tatsächlichen Michael Kleeberg mit seinem Roman gelingt, ist jene Distanz zum Fixstern Hemingway. Hemingway ist der Stoff, an dem sich der fiktive Autor und Forscher Michael Kleeberg abarbeitet, der ihn nicht loslässt, der ihn nährt und zum Boden macht, auf dem seine eigene Existenz gedeiht. Kleeberg im Buch versucht sich als junger Mann selbst in der Schriftstellerei. Ein kümmerlicher Versuch, der aber eine Ahnung hinterlässt, was es bedeutet, sich in einen Stoff hineinzubohren. Kleeberg, der sich biographisch ganz deutlich vom fiktiven Kleeberg unterscheidet, verbeisst sich förmlich in das Leben Hemingsways. Er forscht und unterrichtet in den USA, nimmt Kontakt zu all den Menschen auf, von denen er sich Neues erhofft, die einst mit Hemingway zusammen waren, ein Stück seines Lebens teilten, bis hin zu dessen Kindern, die sich auf ganz eigenen Weise mit der Überfigur Hemingway auseinandersetzen mussten. Kein seltenes Phänomen.
So verschränken sich Biographien, zerfliessen Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Wer in den Hemingway’schen Kosmos mit diesem Roman einsteigen will, wird ebenso beglückt, wie jene, die als Hemingwaykenner*innen in Leben eintauchen wollen, ein Buch, gespickt mit Details und Überraschungen. Der tatsächliche Michael Kleeberg suhlt sich vergnüglich in der Unendlichkeit einer Existenz, die noch immer strahlt, auch 65 Jahre nach seinem Tod. Michael Kleeberg versteht es meisterhaft, Hemingway’sche Details, die Akribie eines „Angefressenen“, Faszination für eine umstrittene Figur und detailreiche Fiktion eines Forschers miteinander zu verweben. Dass damit eine aus der Gegenwart betrachtet mehr als zweifelhafte Person fast 350 Seiten Aufmerksamkeit geschenkt wird, tut der Auseinandersetzung mit diesem Giganten der Literatur mehr als gut. Eine Auseindersetzung mit einem veritablen Stück Inszenierung – genau das, was Hemingsway selbst bis zu seinem Suizid an Darstellung und Selbstinszenierung Teil seines Lebens und Wirkens war.
Genau zur richtigen Zeit das richtige Buch. Ich freue mich auf Hemingway!

Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, studierte Politische Wissenschaften und Geschichte. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2008 als Mainzer Stadtschreiber. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen: „Ein Garten im Norden“ (1998), „Der König von Korsika“ (2001) und «Karlmann» (2007). 2010 erschien der Roman „Das amerikanische Hospital“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und für den Michael Kleeberg 2011 den Evangelischen Buchpreis erhielt. Sein Roman „Vaterjahre“ wurde u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. 2016 erhielt Michael Kleeberg für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Rezension zu «Glücksritter. Recherche über meinen Vater» auf literaturblatt.ch
Michael Kleeberg «Abschied von einem Apfelbaum» auf der Plattform Gegenzauber
Beitragsbild © Susanne Schleyer
