Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

«Literatour» am 30. Internationalen Literaturfestival in Leukerbad

Das 30. Internationale Literaturfestival in Leukerbad beginnt mit einer Literarischen Wanderung, auf den Spuren von Goethe. Was sich heute wie Idylle präsentiert, war vor 100 Jahren und mehr Schauplatz menschlicher Existenzkämpfe, bei denen die Natur mit aller Härte dem Menschen trotzte.

Würde man Leukerbad von 1779 und 2026 übereinanderlegen, gäbe es wohl kaum mehr Schnittmengen, auch wenn die Kulisse aus Fels und Himmel fast identisch wäre. Als Goethe im November 1779 Leukerbad erreichte, muss es frisch, wenn nicht kalt gewesen sein, auch wenn ihn stechende Insekten ziemlich rabiat wieder aus dem Ort vertrieben. Die Welt im Wallis damals muss eine ganz andere gewesen sein. Auch wenn Goethe die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Einheimischen lobte, dominierte im Leben der Hiesigen damals der Kampf ums Überleben, die Mühsal der täglichen Arbeit und die Angst vor dem Höllenfeuer. Daran erinnert im Bäderort Leukerbad wenig, wo man heute mit weissen Bademänteln und Froteeschlarpen über den Dorfplatz promeniert, auf Liegestühlen und im warmen Wasser dem süssen Nichtstun huldigt.

Umso aufschlussreicher waren die beiden literarischen Begleitungen auf dem Weg von Leukerbad talabwärts nach Inden. Zum einen die preisgekrönte Lyrikerin Franziska Füchsl mit ihrem Erzählkosmos „Am Rande der Müh“ und
Odilo Abgottspon, ein „Einheimischer“ aus dem nahen Visperterminen, der mit „Die Titscha“ die Geschichte seiner Grosseltern erzählt, seines Grossvaters, der aus existenzieller Not nicht nach Übersee, aber als Melker nach Schlesien auswanderte, um mit einer Auswärtigen ins Heimatdorf zurückzukehren. Bei Franziska Füchsl Geschichten um ein Grenzland im oberösterreichischen Mühlviertel, über Flüsse, Landschaften, Bäume, alles was kreucht und fleucht, eine durch und durch poetische Auseinandersetzung mit Landschaft und Sprache, ein buchlanger Versuch, der Natur eine Stimme zu geben, den Blick zu schärfen, das Natürliche dem Nutzen zu entreissen. Bei Odilo Abgottspon die Schilderung des Lebens vor 100 Jahren und mehr, als die Natur alles andere war, als eine Kulisse, um darin seine Ferien zu verbringen.

Odilo Abgottspon versetzt seine Leser*innen in eine Zeit, in eine Welt, die in allem bedroht war. Die Menschen in Visperterminen fürchteten Gott ebenso wie die Launen der Natur, den Hunger, die Dürre, den Tod der Kinder, ein Leben ohne Zukunft. Die Grossmutter, die mit ihrer Familie auch örtlich am Rand der Gesellschaft zu leben hatte, die man fast ein ganzes Leben als Fremde stigmatisierte, hatte noch viel mehr zu kämpfen. Ein Kampf um Familie, ein Kampf ums Dasein, eine permanente Rechtfertigung an jenem Ort am Leben zu sein.
Unter der Sonne des Sommers waren die Schilderungen mehr als nachvollziehbar. Odilo Abgottspons Familienroman dokumentiert ein Stück Schweizer Geschichte, lange vor jener Zeit, als das Wallis zu einer Feriendestination wurde, sich die Auswanderung in Zuwanderung drehte, weil Tourismus und Fremdenverkehr Devisen versprachen.

Franziska Füchsl geht es in ihrer Literatur um ganz anderes. Sie will nichts dokumentieren. Ihr Schreiben ist eine Schule des Sehens, eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was wir missverständlich als Um-Welt bezeichnen. Franziska Füchsl wendet den Blick, schärft die Wahrnehmung, macht Natur nicht bloss zum Gegenüber, sondern zum Unmittelbaren. Mag sein, dass sie gar nicht zu einer Anwältin der Natur werden will, aber sie ist es durch die Zartheit ihrer Sprache, ihren Respekt, ihre Liebe.
Als Goethe damals über die Gemmi nach Leukerbad kam, verstand er sich mit Sicherheit als Teil der Natur. Franziska Füchsl führt vor Augen, wie weit wir uns von der Natur, dem Natürlichen entfernt haben. So wie der Fluss Dala in Leukerbad ist die Müh im Mühlviertel die Ader des Lebens – und nicht zuletzt Sinnbild für die Müh, die man Leben und Fluss abtrotzen muss, um bestehen zu können.

Die Wanderung war Offenbarung und Klärung zugleich.
Als man 1966 die Eisenbahn von Leuk nach Leukerbad aus wirtschaftlichen Gründen stlilllegte, dachte man ans Ende der Eisenbahn, den endgültigen Sieg der benzinbetriebenen Mobilität. Heute wäre jene Eisenbahn, die sich spektakulär durch das zerklüftete Tal schlängelte, eine Attraktion erster Güte. Was bleibt, sind in Inden und Leukerbad zwei schmucke Bahnhofsgebäude, denen das damalige Selbstverständnis anzusehen ist. Einziges Zeugnis des damaligen Rollmaterials ist ein einziger, kleiner Güterwagen neben dem zum Lebensmittelgeschäft umfunktionierten Bahnhof Inden. Heute ein Minikino.

Franziska Füchsl «Am Rande der Müh», Edition Thanhäuser, 2026, 354 Seiten, ISBN 978-3-903409-15-6

Franziska Füchsl, 1991 geboren, gehört zu den eigensinnigsten Stimmen der österreichischen Literatur. Sie studierte Deutsche Philologie und Anglistik in Wien sowie Sprache und Gestalt in Kiel und lebt heute zwischen diesen beiden Städten. Ihre Texte bewegen sich an den Rändern von Lyrik und Prosa, arbeiten mit Dialekt, Sprachverschiebungen und bewusst irritierenden Bildern. Inhaltlich kreisen sie um Landschaft, Herkunft, soziale Reibungen und das fragile Verhältnis von Mensch und Natur. Für ihr Schreiben erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Deutschen Preis für Nature Writing für «Am Rande der Müh». Die Jury würdigte ihre Arbeit als «Grenzlandprosa, die Natur und kulturelle Prägung zugleich sichtbar macht und deren Verheerungen nicht ausspart».

Odilo Abgottspon «Die Titscha», Limmat, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-03926-108-6

Odilo Abgottspon, geboren 1956 in Visperterminen, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich. Danach wirkte er als Deutschlehrer an Gymnasien in Rom und Luzern. «Die Titscha» ist sein erstes Buch. Odilo Abgottspon lebt in Bern und im Wallis.

Beitragsbilder © Gallus Frei / literaturblatt.ch

 

Anna Ruchat «Vertraute Gespenster», Limmat

Eine junge Frau zieht aus der Enge ihrer Heimat im Veltlin in die grosse Stadt am See in der Deutschschweiz. Es prallen Welten aufeinder, offenbare und verschlossene. Anna Ruchat, Übersetzerin und Autorin von Erzählungen schreibt sich mit zarter Feder in ihrem ersten Roman in grosse Themen.

Was ist Familie? Was bleibt von Familie, wenn das diffizile Gebilde zu bröckeln beginnt? Wie verhalten sich Heimatgefühle und Familie? Eine junge Frau spürt in der Fremde, dass das Bild, das sie sich ihr junges Leben lang von Familie machte, derart heftigen Störungen ausgesetzt wird, dass sie Jahrzehnte braucht, um den inneren Stürmen das Nötige entgegenzusetzen.

Teresa hat in Zürich eine Stelle als Kindermädchen in einer gut situierten Familie mir zwei kleinen Kindern erhalten. Sie weiss ganz genau, dass ihre Zukunft vorhersehbar ist, wenn sie im Dorf im norditalienischen Veltlin bleibt, dass ihr diese Stelle nicht nur eine Chance gibt, sich in der Fremde eine Tür zur Freiheit aufzutun, eine Sprache zu erlernen, sondern ihrem Traum von Selbstbestimmung einen grossen Schritt näher zu kommen.
Sie begleitet Pietro und Giovanni in den italienischen Kindergarten, holt sie ab, spielt mit ihnen, macht sich nützlich in der Küche und im Haushalt, bringt die Kinder ins Bett und hat da zu sein, wenn die Eltern der Kinder Gäste haben oder den Abend ausser Haus verbringen. Er ist Psychiater mit Praxis im Haus, sie ist Archäologin, beide oft auch für mehrer Tage unterwegs. Teresa macht ihre Arbeit gerne, die Kinder wachsen ihr schnell ans Herz, auch wenn sich nicht beide Kinder in der gleichen Weise annähern. Auch wenn Teresa von den Betreuerinnen im Kindergarten immer wieder einmal zur Seite genommen wird, weil sich auffälliges Verhalten des einen Jungen häuft, weil weder Mutter noch Vater dazu zu bewegen sind, über die Probleme ihrer Kinder sprechen zu wollen. Und weil da noch eine Tochter ist, schon ausgezogen, Esther, von der man kaum spricht, die sich wie ein Geist in die Geschicke der Familie mischt.

Anne Ruchat «Vertaute Gespenster», Limmat, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Sauser, 208 Seiten, ISBN 978-3-03926-105-5

Teresa geniesst die freie Zeit in der Stadt, macht sich fremdes Leben zu eigen, auch wenn sie zuweilen das Heimweh plagt. Erst recht, als Teresa zum ersten Mal nach Monaten nach Hause fährt und feststellen muss, dass das Gefüge zuhause mit einem Mal Risse bekommt. Ein strenger Vater, eine ergebene Mutter, Geschwister, die ihre Rolle innerhalb der Familie ebenso wenig hinterfragen wie ihre Eltern. In Teresa beginnt ein Kampf, nicht zuletzt, weil sie innerhalb ihrer Gastfamilie immer mehr in eine Situation gedrängt wird, die sie zum Handeln zwingt, die es ihr immer unmöglicher macht, tatenlos, neutral zuzuschauen. Warum streiten sich ihre Gasteltern so sehr? Warum ist die Situation in dieser Vorzeigefamilie so unterkühlt? Warum scheint es für diese eine Tochter aus erster Ehe der Gastmutter keinen Paltz zu geben? Warum scheinen sich Esther, die kaum je anwesende Tochter, und ihr Stiefvater förmlich abzustossen?

Der zweite Teil des Buches unter dem Titel „Verzweigungen“ (der erste Teil ist mit „Prägungen“ getitelt) erzählt die Geschichte einige Jahre später. Nach einer offenen Auseinandersetzung mit der Gastfamilie ist Teresa ausgezogen, in der Deutschweiz geblieben und hat mit einem Tischler eine Familie gegründet. Esther, die verlorene Tochter, ist zu einer Freundin geworden. Maria, die ehemalige Gastmutter, ist krank, genauso wie Bruno, ihr Mann, Esthers Stiefvater. Im Gegensatz zum ersten Teil, in dem hauptsächlich aus Teresas Sicht erzählt wird, erzählt Anna Ruchat hier aus der Sicht aller Familienmitglieder ihrer einstigen Anstellung. Mehr und mehr entblättert sich das brüchige Gefüge einer Familie, die zweischen Erwartungen, Karriere und Verdrängungen zu einem Trümmerfeld geworden ist. – Und zwischen alledem jene Geheimnisse, die die Gegenwart vergiften.

Anna Ruchat ist ein feinsinniger, einfühlsamer Roman gelungen, vielstimmig und mutig. Der Roman hat nicht die Absicht, alles auszuleuchten. Der Roman hat auch nicht die Absicht, mich mit Dramatik an der Stange zu halten. Es sind sie seismologischen Beschreibungen eines Gefüges, das beispielhaft ist für ein Fundament der Gesellschaft, das sich im Umbruch befindet.

Anna Ruchat und ihre Übersetzerin Barbara Sauser treten vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Anna Ruchat, 1959 in Zürich geboren, im Tessin und in Rom aufgewachsen, studierte Philosophie und deutsche Literatur in Pavia und Zürich. Langjährige Tätigkeit als Übersetzerin u. a. von Thomas Bernhard, Paul Celan, Nelly Sachs, Friedrich Dürrenmatt, Viktor Klemperer, Mariella Mehr, Kathrin Schmidt und Norbert Gstrein. Für ihr Erzähldebut «Die beiden Türen der Welt» erhielt sie in Italien den Publikumspreis Premio Chiara und in der Schweiz den Schillerpreis. 2019 wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 

Rezension zu «Neptunjahre» auf literaturblatt.ch

Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, lebt in Bellinzona. Studium der Slawistik und Musikwissenschaft in Fribourg. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Franzö­sischen, Russischen und Polnischen.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat

Julia Weber verblüfft. Nicht nur weil ihr mit „Weil ich Ruth bin“ ein aussergewöhnlicher Roman gelungen ist, sondern weil das Buch während des Lesens Wirkungen erzielt, die ganz selten sind. Das Buch umarmt mich, Julia Webers Sprache umgarnt mich. Und dabei hätte die Geschichte genug Stoff, der schmerzt. Messerstiche, die wehtun.

Ein Mutter-Tochter-Buch, ein Buch über Freundschaft, ein Liebesroman, die Geschichte einer Frau, die sich einer Welt ausgesetzt findet, die nur schlecht mit dem Ungenormten umgehen kann, ein Roman über die Macht der Verwandlung, über Selbstfindung, über das Geheimnis des ganz eigenen Selbst. Stoff genug, um sich zu verlieren, als Autorin genauso wie als Lesende. Aber Julia Weber erschafft einen Kosmos des Kleinräumigen, der trunken macht, der mich staunen lässt. Da hat sich eine Autorin in einen Rausch geschrieben, einen mitreissenden Sprachstrom, der mich unweigerlich nach wenigen Seiten erfasst und erst mit der letzten Seite loslässt.

Ruth ist anders, schon als sie zur Welt kommt. Ihr Körper ist mit einem feinen Flaum bedeckt, mit Haaren, die wachsen, von denen die Mutter weiss, dass sie mehr als bloss Haare sind, dass sie Zeichen sind, wie schon bei ihr, als sie Kind war, bei Ruths Grossmutter, in der langen Reihe der Frauen. Was erst nur Zeichen ist und die Umgebung verunsichert, das Leben für die kleine Ruth zum Märtyrium macht, wandelt sich mit zunehmendem Alter zu einer Art Larvenstadium, denn Ruth ist nicht einfach ein haariges Mädchen (auch wenn der Begriff für ihre Zukunft ein durchaus treffender ist), sie entwickelt besondere Kräfte, besondere Fähigkeiten. So wie in ihrem „Schweif“ unerklärliche Dinge passieren können, so entwickelt sie die Fähigkeit, Menschen in Tiere zu verwandeln. Was am Anfang wie ein Zaubertrick erscheint, für die Betroffenen, die Auserwählten zu einem kurzen Glück wird, wird mit zunehmendem Alter für immer mehr Menschen in Ruths Umgebung ein Tor zum Glück, eine Tür zur Flucht. Gleichzeitig für eine Umgebung, die sich schwer tut mit einem Mädchen, einer jungen Frau, die nicht ist, wie sie sein sollte.

Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat, 2026, 464 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03926-101-7

Solange Ruth Kind ist, wird ihr Anderssein geduldet. Aber als junge Erwachsene, erst recht als Ruth eine eigene, kleine Wohnung bezieht, wird sie mit Argwohn beobachtet. Eine Entfremdung, die Ruth auch in den Reaktionen derer sieht, die sie doch eigentlich liebt. Allen voran Toni, mit dem sie als Kind und Jugendliche eine tiefe Freundschaft verbindet, eine Liebe mit Glitzerstaub, der sich aber mit einem Mal abwendet, als er zum Mann wird.

Ruth muss nicht nur bei Toni erfahren, dass die Welt nicht die ist, von der sie gerne ein Teil wäre. An die Seite ihrer Mutter klebt sich ein neuer Mann, der die Welt seiner Mutter immer kleiner macht, bis diese sich in ihrer Angst, einen Fehler zu machen, gänzlich einschliessen lässt. Und Linda, die eine Freundin noch aus der Schulzeit, die schöne, grosse Linda eines Tages mit ihrem Kind vor ihrer Wohnung steht und Hilfe braucht. Nicht nur weil ihr Mann sie schlägt, sondern weil Linda den Tritt nicht mehr findet. So wie viele in ihrer Umgebung, denen Ruth zu einem Anker geworden ist, zur einzigen Verbindung mit jenem Stück Welt, zu der sie in der Realität den Kontakt verloren. Es wird eng in Ruths Wohnung, eng in Ruths Leben.

Ruth ist von jener Sorte Mensch, die zum Schwamm werden, von denen man nimmt, die bis zur Selbstaufgabe geben. Aber auch von jener Sorte Mensch, denen es schwer fällt, die ungeschriebenen Gesetze einer immer rationaler werdenden Gesellschaft zu akzeptieren. Ruth wird zu einem Medium, das an der scheinbaren Wirklichkeit zu zerbrechen droht, zu einem Mensch, der nicht akzeptieren will und kann, dass all das, was in den ersten Jahren eines Lebens ein fluider Zustand ist, jener Zustand des Glücks, der nicht nur für einen Moment aufblitzt. Ruth ist auf der Suche nach ihrem Vater und findet ihn bloss dort, wo er nicht ist. Sie sehnt sich nach Liebe, nach Geborgenheit und kämpft gegen toxische Männlichkeit.

Die Geschichte fasziniert; opulent, sinnlich, phantastisch (ganz wörtlich). Aber noch viel mehr fasziniert die Sprache, dieser ganz eigene, satte Sound und Julia Webers Fähigkeit aus dem Schmerz eine konstruktive Kraft zu erzeugen. Dieser Roman schafft etwas, was nur in ganz wenigen Büchern zu finden ist; das Glück des Lesens!

Interview

Dein Buch ist auf ganz eigenartige Weise faszinierend. Man leidet mit der Figur Ruth. Man leidet an der Welt, in der sie lebt. Man leidet an dem, woran das Personal in deinem Buch leiden muss. Und trotzdem tut einem das Lesen gut. Weil es nicht die Geschichte ist, sondern die Musik deiner Sprache. Kannst du etwas darüber erzählen, wie du zum Sound in deiner Sprache gekommen bist und wie du es geschafft hast, diesen Sound über mehr als 400 Seiten funktionieren zu lassen.

Diese Sprache, die auch in «Weil ich Ruth bin» noch vorhanden ist, habe ich in Biel am Literaturinstitut angefangen zu üben und suchen und entwickeln. Für mich hat Kunst sehr viel mit Zugewandtheit und Trost zu tun und soll dennoch ein Ort sein, der die Welt schonungslos zeigt. Das könnte ein Widerspruch sein, und ist es in der Kunst nicht, weil man dort das Schreckliche direkt neben das Schöne stellen kann. Ich habe in meinem ersten Buch «Immer ist alles schön» eine Sprache entwickelt, indem ich in mein Notizbuch geschrieben habe, um das genaue Betrachten zu üben. Jeden Tag habe ich das scheinbar Langweilige und Graue versucht besonders zu beschreiben. Ich habe versucht, eine hoffnungsvolle Sprache in diese Welt der Funktion und der Macht und des Geldes zu setzen. 
Und von dieser Sprache der Durchlässigkeit und Zugewandtheit lebt auch «Weil ich Ruth bin». So kann eine Geschichte, die noch so traurig ist, Trost geben. Manchmal schien mir die Sprache von Ruth fast zu intensiv, wie ein Schnaps oder auch ein Elixier, vielleicht ein Zaubertrank, dann habe ich versucht, sie etwas gemächlicher zu machen oder sanfter, sodass man das Buch über 400 Seiten lesen kann. Ich glaube, das ist mir gelungen, ohne sie wässrig zu machen

In den Roman eingefügt sind kurze, kursiv gedruckte Textpassagen, die nach dem Vater suchen und vor allem das finden, was fehlt, wo er nicht ist. Ein Abtasten in der Leere. Im Roman selbst gibt es diese Suche nicht. Die Versuche von Ruth, von ihrer Mutter etwas über den fehlenden Vater zu erfahren, werden ziemlich rigoros abgeblockt. Wie kam es zu diesen Passagen, die ganz anders „klingen“?

Ich habe ein paarmal überlegt, diese Passagen rauszunehmen, gerade weil sie vom Ton her nicht immer passen. Aber ich konnte nicht. Es sind Stücke von Ruth, ein Fragen vielleicht auch von mir an sie, an ihre Schwäche, die es gibt, auch wenn Ruth wahnsinnig stark ist. Auch sie ist ein normaler Mensch, auch sie ist ein Kind, das seine Mutter liebt, das Angst hat, das seinen Vater vermisst, das sich eine Welt wünscht, in der die Menschen gut zueinander sind. Diese Passagen sind eigentlich Briefe. Sind die Bitte an ihren Vater, den es nicht gibt, aber den sie sich vorstellen und wünschen kann, und also sind es Briefe an alle männlichen Personen auf dieser Welt. Ein Wunsch nach mehr Weichheit und Verletzlichkeit, mehr Unsicherheit.

Man suggeriert uns zwar immer wieder, jeder Mensch müsse seine ganz eigene Fähigkeit, Begabung, Kraft finden. Es wäre die ureigenste Aufgabe von Erziehung und Bildung, den Weg dorthin zu finden. Ist dein Buch auch die Bestandsaufnahme dessen, was wirklich passiert? Dass wir gelebt werden? Dass man sich Menschen untertan macht, dass man sie intrumentalisiert, statt nach ihrem Kern zu suchen?

Ja, das ist es bestimmt. Das ist schon immer ein Teil meines Schreibens gewesen, eigentlich das Kernthema all meiner Bücher. Der Wunsch, die Gesellschaft so zu formen, dass in ihr mehr Vielfalt, Lebendigkeit und Wärme und vielleicht weniger Funktionalität und Leistung möglich ist. Das wünschte ich mir. Ich glaube, wir könnten noch ganz anders zusammenleben, als wir es tun und dennoch erfüllt sein und satt. Und für mich hat die Art der Individualität, die so gepriesen wird, eigentlich mehr mit dem Kapitalismus zu tun als mit der Lebendigkeit und Verwandlung und dem Vorhandensein, die Ruth lebt und feiert und in die Menschen legt. Sie verwandelt Menschen in Tiere, damit sie vergessen, dass sie noch Yoga machen müssten und sich eine Creme bestellen, die ihr 30jähriges Ich zurückbringt, das schon damals unglücklich war, weil es nie so schön und erfolgreich und fleissig war wie die Menschen auf den Plakaten an der Bushaltestelle. 

© Sandra Kottonau

Du bist Mutter, Familienfrau und Schriftstellerin. Niemand weiss so gut wie du, wie sehr wir in Rollenbildern eingebunden sind. Ein bisschen abgeändert könnte der Titel deines Romans doch auch der Titel deines Lebens sein; Weil ich Julia bin. Ich bin sicher, dass dein Buch Mut macht, damit jede und jeder dort seinen Namen einsetzen kann. Und trotzdem kann „Mut-machen“ nicht deine Motivation gewesen sein. Was stand ganz am Anfang dieses Manuskripts?

Am Anfang stand eine Anfrage von Michelle Steinbeck, die damals noch Redaktorin der Fabrikzeitung in Zürich war. Sie haben eine Ausgabe zu Irmgard Keun gemacht und sie hat mich gebeten einen Text zu schreiben. Ich habe dann versucht die Protagonistin von „Das kunstseidene Mädchen» in die Gegenwart zu holen. Ihr Selbstbewusstsein hat mich sehr fasziniert, diese Figur, die in der Zeit der Weimarer Republik lebte und die als Frau fast keine Rechte hatte, die in Not lebte und sich darum verkaufen musste, behielt ihren Stolz, war klar und autonom in einer Art und Weise, die ich sehr bewundere. Ich habe das gleiche in Ruth gesucht. Und nach 4 Seiten schreiben habe ich gemerkt, dass ich da weitermachen will, dass Ruth mir noch einiges erzählt. Und sie ist auch eine Figur, die ich bewundere, weil sie Charakterzüge hat, die ich an mir vermisse. Sie kann zum Beispiel gut wütend sein, was mir oft schwer fällt.

Männer kommen in deinem Roman schlecht weg. Als Lesender muss man das ertragen. Ich musste es ertragen, obwohl ich es vor allem als Katalysator zur Selbstreflexion verstand. Eigenartig aber war meine Reaktion während des Lesens trotzdem. Ich fühlte mich nie angegriffen, sehr wohl aber gespiegelt, nicht zuletzt in der Suche nach dem fehlenden Vater. Was hast du mit diesem Buch gefunden?

Oh, was habe ich gefunden? Ich habe viel gefunden. Ich habe Ruth gefunden, die stark ist und gleichzeitig verletzlich. Ich habe keine Lösungen gefunden. Ich habe Bilder gefunden, wie Menschen sein könnten, wie sie zusammenleben. Manchmal habe ich auch ein bisschen Rache gefunden, wenn ich Ruth jemandem die Hand schwer werden lassen konnte, der eigentlich jemanden gegen ihren Willen berühren wollte. Oder wenn sie einen Mann in ein Tier verwandelt und ihn so harmlos macht. Ich habe auch einen Weg gefunden, meine Wut in Sätze zu formen. 

Liebe Julia, vielen Dank. Wir sehen uns bestimmt im November im Foyer im Theater Basel!  Und natürlich am Wortlaut!

Julia Weber wird 1983 in Moshi (Tansania) geboren und zieht 1985 mit ihrer Familie nach Zürich. Nach der Schule macht sie eine Lehre als Fotofachangestellte und absolviert die gestalterische Berufsmaturität. Von 2009 bis 2012 studiert Julia Weber literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel/Bienne. Im Jahr 2012 gründet sie den Literaturdienst (www.literaturdienst.ch ) und ist 2015 Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht.
Im Frühjahr 2017 erschien ihr Debüt «Immer ist alles schön», das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem internationalen Franz-Tumler-Literaturpreis, der Alfred Döblin Medaille der Universität Mainz, 2017 steht der Roman auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.

mehr über Julia Weber auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Ayse Yavas

Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat

Ein Mann wird mit der Geschichte, dem Schicksal seiner Familie konfrontiert. Erst der Tod seines Vaters, mit dem ihn nichts mehr zu verbinden schien, öffnet das Tor zu einem Teil eines verschlossenen Lebens. Usama Al Shahmani erzählt vom Schrecken der Geschichte und von der Macht der Verdrängung.

Geschichte, historisches Bewusstsein ist stets perspektivisch, das Resultat von Hervorheben und Verdrängen. Und wie sehr erlebte Geschichte mit ihren letzten direkt Betroffenen ins Vergessen abzurutschen, aus dem Bewusstsein einer Gegenwart zu verschwinden droht, erst recht wenn jene sterben, die unmittelbar mit den Geschehnissen in der Vergangenheit verbunden waren, daran erinnern all jene, die in irgend welcher Form auch immer gegen dieses Vergessen ankämpften. Bestes Beispiel war Margot Fiedländer, die sich bis zu ihrem Tod 2025 als eine der letzten Überlebenden des Holocausts als Zeitzeugin engagierte. Aber auch im Innerfamiliären, in der Verwandtschaft kann der Tod unliebsame Teile der Geschichte einer Familie, einer Kultur ins Vergessen reissen. Wissen wir, woher wir kommen? Kennen wir die Geschichte unserer Vorfahren? Sind wir uns dessen bewusst, woher das Wasser kommt, das unser Leben möglich macht?

Im neuen Roman von Usama Al Shahmani wird Gadi, der schon seit Jahrzehnten in Zürich als Dozent für hebräische Sprache lebt, von seiner Schwester ans Sterbebett seines Vaters Zakai Mieche in einem Spital in Jerusalem gerufen. Gadi fliegt, nicht wegen seines Vaters, schon eher wegen seiner Schwester und ganz sicher aus einem Pflichtgefühl seiner Familie gegenüber. Seit dreissig Jahren war nichts mehr zwischen ihm und seinem Vater. Selbst als sie noch eine Familie waren, war sein Vater keiner, der sich fürsorglich um die Familie kümmerte, der irgendwann aus der Familie verschwand. Irgendwann zerbrach das Band zwischen Sohn und Vater ganz.

Gadis Vater Zakai hinterlässt seinen beiden Kindern ein Testament und einen Stapel Aufzeichnungen, Dokumente, Briefe und Hefte und den einen, letzten Wunsch, man möge die Hälfte seiner Asche in den Tigris, den Fluss, der durch Bagdad fliesst, streuen.

Gadi nimmt sich der Asche und den Dokumenten an, reist zurück nach Zürich und beginnt schon im Flugzeug, in den Aufzeichnungen seines Vaters zu lesen. Anfangs mit Widerwillen, dann mehr und mehr mit der Ahnung, dass sich da etwas offenbart, von dem er keine Ahnung hatte. Die Aufzeichnungen erzählen die Geschichte seiner Familie, die Geschichte einer jüdischen Familie in der irakischen Hauptstadt Bagdad, die Leidensgeschichte der irakischen Juden. In den Wirren der Geschichte, unter Saddam Hussein, in Kriegen und unter amerikanischen Bomben drohten die Juden all das zu verlieren, was zuvor über Jahrhunderte das Leben in der Stadt ausmachte; ein friedliches, befruchtendes Zusammenleben vieler Religionen, die Auslöschung einer mehr als 2000jährigen jüdischen Tradition. Gadi liest von seiner Herkunft, seiner Geschichte. Mit einem Mal wird ihm bewusst, wie wenig er weiss, nicht nur von der Geschichte seiner Familie, auch von der Geschichte seines Herkunftslandes.

Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat, 2025, 224 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-093-5

Gadi erfährt von seinem Grossvater, der in Bagdad eine Fabrik besass und sich massgeblich einmischte in die Geschicke eines Vielvölkerstaates. Er erfährt von einer einst blühenden jüdischen Gemeinde im Irak. Noch 1940 lebten in Bagdad 90 000 Jüdinnen und Juden, bildeten einen wichtigen Teil des irakischen Lebens. Aber weil sich die Machthaber im Land im Schatten eines tobenden Weltkriegs in einer Allianz mit den Nationalsozialisten Deutschlands auf der Siegerstrasse glaubten, schwappten Fremdenhass, grassierender Antisemitismus, Enteignung, Verfolgung, Willkür und Gewalt über und rissen die einst blühende jüdische Gemeinde in den Abgrund. Gadis Grossvater verlor alles, nicht nur seine Fabrik. Der Rest der Familie floh nach Palästina und es legte sich ein Mantel des Schweigens über die Familie.

Zusammen mit einem Freund macht sich Gadi auf nach Bagdad, im Gepäck die Asche seines Vaters. In der Stadt, von der nicht viel aus der Zeit seines Grossvaters geblieben ist, lernt er die 90jährige Myra kennen, die als eine der letzten Jüdinnen in Bagdad lebt, aber tunlichst vermeidet, sich als solche zu zeigen. Myras Erzählungen und die Aufzeichnungen seines Vaters setzen Gadis Selbstverständnis in ein ganz anderes Licht. Mit einem Mal fällt der Mantel des Schweigens.

Usama Al Shahmani konstruiert aus Erzählung und dokumentarisch angelegten Textpassagen einen Roman, der mich immer tiefer in die gewaltsamen Erosionen einer Stadt, eines Landes hineinzieht, dessen Geschichte mir so völlig unbekannt war. Sein präzise recherchierter Roman zeigt, wohin wir abdriften, wenn Ideologien über Menschlichkeit siegen, wenn die Gier nach Macht und Einfluss Volksgruppen zu Sündenböcken macht, die auszumerzen sind. Mag sein, dass der Schrecken aus Geschichte und Einsicht den Protagonisten etwas fahle Farben hinterlässt. Nichts desto trotz ist „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“ ein wichtiges, ein mahnendes Buch. Und glücklicherweise blitzt das bildhafte, poetische Erzählen des Autors immer wider auf.

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Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Seit 2021 ist er Literaturkritiker beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SRF. Sein erster Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert.  Seither sind die Romane «Im Fallen lernt die Feder fliegen», «Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt» und «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» erschienen. 2022 nahm er mit seinem Text «Porträt des Verschwindens» an den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Usama Al Shahmani lebt in Zürich.

Usama Al Shahmani «Wo die Diktatur beginnt, liegt die Kultur im Sterben – Eine Kindheit zwischen dem Krieg und dem bewaffneten Frieden» auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Ayse Yavas

Wer gewinnt den Schweiter Buchpreis 2025? #SchweizerBuchpreis 25/08

Vielleicht verfolgen sie die Verleihung der Buchpreise in unseren Nachbarländern. Mein Fazit: Die GewinnerInnen feiern ihr Buch und den Preis als einen Lohn, als Bestätigung, als Schubkraft zum Weiterschreiben. Die NichtgewinnerInnen buchen ihren «Trostpreis»allzuoft ab als Zeichen reinen Kommerzes.

In einem kurzen Interview mit Marlene Streeruwitz im Zusammenhang mit der diesjährigen Verleihung des Österreichischen Buchpreises, bei dem sie mit ihrem Roman «Auflösungen» eben nicht mit dem Österreichischen Buchpreis beehrt wurde, meinte die Schriftstellerin (sinngemäss) schmallippig: Das ist kein Literaturpreis, sondern ein Kommerzpreis, ein Verkaufspreis. Gewonnen hat der 1968 in Bulgarien geborene und 1990 nach Österreich geflohene Dimitré Diner mit seinem über 1000 Seiten schweren Opus Magnum «Zeit der Mutigen».

Die immer gleiche ungute Situation nach der Verleihung des Buchpreises: Fünf Autorinnen und Autoren sitzen in der ersten Reihe und nach Bekanntgabe der Preisträgerin, des Preisträgers blitzen die Kameras nur noch in ein einziges Gesicht. Den «Verschmähten» wird mit Bedauern auf die Schulter geklopft. Man steht noch eine Weile verloren neben den vielen Stuhlreihen, während auf oder neben der Bühne das grosse Feiern schon begonnen hat, Mikrofone erste Reaktionen auffangen und sich eine Traube um die Glücklichen bildet.

Stimmt, getragen wird der Preis auch vom SBVV, dem Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband, einem Dienstleister der Buchbranche, einer Institution, die in erster Linie an optimalen Verkaufszahlen interessiert ist. Aber diesen Preis auf reinen Kommerz zu reduzieren, ist nicht richtig, denn die Jury ist unabhängig, besetzt ausschliesslich von KennerInnen der hiesigen Literatur, von Fachleuten, die an Literatur interessiert sind, auch wenn ihre Entscheide, wie alle Juryentscheide, niemals von allen nachvollziehbar sind.

Klickt man sich auf der Webseite des Schweizer Fernsehens auf die letzten Umfragen zum Schweizer Buchpreis, findet man eine Resultate, die überraschen:

vom 13. November 2025

Ich bin überzeugt, das Dorothee Elmiger den Schweizer Buchpreis entgegennehmen wird. Ihr Buch hat alles; Tiefe, Gewicht, Geheimnis, eine ganz eigene Sprache und Stoff genug, um stundenlang darüber nachzudenken oder zu diskutieren. Nicht dass der Roman von Jonas Lüscher das alles nicht auch hätte. Aber sein Roman ist verschlüsselter. Er wolle nicht unterhalten, erklärte Jonas Lüscher. Auch der Roman von Meral Kureyshi. Aber ihr Roman bleibt kleinräumiger, zarter.

Eine grosse Überraschung bei dieser Umfrage ist der Roman von Melara Mvogdobo «Die Grossmütter». Und doch ist die Umfrage keine Überraschung. Das Voting ist eine Manifestation der Sympathie. Zu gleichen Teilen der Autorin, wie ihrem Buch gegenüber. Melara Mvogdobo gibt zwei Frauen eine Stimme, die nur durch viel Kraft nicht stumm bleiben oder stumm gemacht wurden. «Die Grossmütter» ist eindeutig, unmissverständlich, direkt und messerscharf.

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Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

 

Meral Kureyshi «Im Meer waren wir nie», Limmat #SchweizerBuchpreis 25/05

«Im Meer waren wir nie» ist ein Familienroman, wenn auch nicht Abbild jener klassischen, idealisierten Familie; Vater, Mutter, Kind. Ein Bild, das lange genug alles andere zur Ausnahme, zum Sonderfall machte. Ein Roman über Befreiungsversuche – und eine würdige Nomination zum besten Buch in der Schweizer Literaturlandschaft.

In „Im Meer waren wir nie“ passiert nur wenig. Kein Roman, der sich plottorientiert um Spannung und Unterhaltung bemüht. Nicht dass dieser Roman nicht unterhalten würde. Aber er tut dies auf eine ganz eigene Weise. Es sind die Innenansichten der beschriebenen Personen und ihrer Welten. Es ist die Atmosphäre, die Meral Kureyshi mit viel Feingefühl und Empathie zeichnet. In einer Sprache, die in ihrer Tonalität, ihrer Zerbrechlichkeit genau das widerspiegelt, was die Protagonistinnen auszuhalten haben; ihr Gefangensein in einer Situation, ihre Beinahe-Ausweglosigkeit, dieses Gefühl, nicht dort zu sein, wo die Frauen eigentlich sein wollen.

Die Erzählerin und ihre Freundin aus Kindertagen leben in zwei Wohnungen übereinander. Weil Sophie als alleinerziehende Lehrerin Unterstützung braucht, hat es sich über die Jahre irgendwie ergeben, dass die Erzählerin für Sophies Sohn Eric schaut, wenn seine Mutter nicht da ist, oder keine Kraft mehr hat, sich um ihren Sohn zu kümmern. Eric ist acht, vorlaut und voller Leben. 

Meral Kureyshi «Im Meer waren wir nie», Limmat, 2025, 216 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-085-0

Und weil die Erzählerin so sehr zur Familie gehört und sich aus Ermangelung einer eigenen, die sich irgendwo zwischen ihrer einstigen Heimat 2000 Kilometer entfernt und der Schweiz verloren hat, ist es für sie selbstverständlich, als man sie bittet, Sophies Grossmutter Lili im Altersheim beizustehen, ihr Gesellschaft zu leisten, sie zu begleiten, ihr vorzulesen. Man bezahlt sie dafür. Sie wird zu einer Stütze in einem filigranen Familiengefüge, aber ebenso zu einer Selbstverständlichkeit. Zu der, die immer Zeit hat, die sich allem stellt, die zum Dreh- und Angelpunkt wird. Auch in ihrer ursprünglichen Familie, denn Nuri, ihre jüngere Schwester zieht vorübergehend bei ihr ein, geflohen aus einem Leben in Bedrängnis.

Lili begleitete vor Jahren ihren pflegebedüftig gewordenen Ehemann Emil ins Altersheim. Als er starb, blieb sie. Und als auch sie immer mehr Hilfe benötigt, aber niemand aus der Familie jene Zeit aufbringen kann, ist die Erzählerin gerade richtig, um jene Rolle einzunehmen. Zwischen Lili und ihr entsteht eine seltsame Beziehung, weder Freundschaft noch etwas wie Verwandtschaft. Genauso die Beziehung zu dem kleinen Eric, der sich ihr gegenüber ebenso ablehnend wie Nähe suchend zeigen kann. Auch die Freundschaft zu Sophie, Erics Mutter, ist eine andere geworden oder die Beziehung zu ihrer jüngeren Schwester Nuri. Es sind alles Beziehungen in der Schwebe. Nicht zuletzt darum, weil in allen Beziehungen Unausgesprochenes liegt, Geheimnisse, die nach Klärung rufen.

Die Erzählerin weiss, dass sie ihnen allen sagen muss, dass sie eine Stelle weit weg gefunden hat. Lili schleppt eine Schachtel mit Briefen mit sich herum, Zeugnisse einer alten Liebe, von der sie ihrer treuen Begleitung nur häppchenweise erzählt. Sophie von einer Beziehung, einem neuen Mann an ihrer Seite. Und Lilis Leben gibt mehr als deutliche Signale, dass es nicht mehr lange dauern würde, dass es Dinge gibt, die ausgesprochen und noch getan werden müssten.

Meral Kureyshis Roman beschreibt einen Typus Familie, der immer mehr dem entspricht, was bleibt, wenn aus Träumen und Erwartungen nicht wird, was hätte werden sollen. Familien, aus denen sich die Männer in ganz unterschiedlicher Art und Weise entfernen, die Pflichten aber an den Frauen hängen bleiben. „Im Meer waren wir nie“ beschreibt Frauen, deren Lebensentwürfe sich in der Maschinerie der Realitäten verheddern. Sei es Lili, die statt ihrer Liebe die Sicherheit wählt und nie darüber hinwegkommt, seien es Sophie und ihre Mutter, die sich ein Stück Freiheit erkaufen, in dem sie eine bezahlte Begleitung engagieren. Sei es die Erzählerin selbst, die erst mit Lilis Tod den letzten Schritt aus dem Hamsterrad schafft.

Beeindruckend an diesem Roman ist die Sprache, die Kunst der Schriftstellerin, aus unglaublicher Nähe jene Welt zu zeichnen, aus der es fast kein Entkommen gibt. Bilder, die mit wenigen Sätzen ganze Geschichten öffnen. Sätze, die in ihrer Poesie nachhallen. Kein Roman der lauten Töne, dafür einer tiefen Wärme!

Meral Kureyshi, geboren 1983 in Prizren, kam 1992 mit ihrer Familie in die Schweiz und lebt in Bern. Sie studierte Literatur und Germanistik und arbeitet als freie Autorin. Ihr erster Roman «Elefanten im Garten» war nominiert für den Schweizer Buchpreis, wurde mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt. Ihr zweiter Roman «Fünf Jahreszeiten» wurde im Manuskript ausgezeichnet mit dem Literaturpreis «Das zweite Buch» der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung. 2020 wurde sie zu den Tagen der Deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt eingeladen (Bachmannpreis). Für «Im Meer waren wir nie» erhielt sie 2025 einen Literaturpreis des Kantons Bern.

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

Echte Perlen? #SchweizerBuchpreis 25/01

Schweizer Buchpreis 2025 – das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk von Schweizer:innen oder seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz lebenden Autori:nnen. Ist das möglich? Kann das eine Jury bestimmen? Gibt es das eine, beste Buch? Was sind die Kriterien für das beste Buch?

Ich bin mir sicher, dass die Jury mit Tim Felchlin, Literaturredaktor und Kulturjournalist, Martina Läubli, Kulturjournalistin, Simone Nuber, Master of Science, Isabelle Vonlanthen, stellvertretende Leiterin des Literaturhauses Zürich und Manuela Waeber, freie Lektorin alles daran setzen, die Nominierungen und die Wahl zum Schweizer Buchpreises möglichst objektiv aussehen zu lassen, würden doch deutliche Fehlentscheidungen die Glaubwürdigkeit eines solchen Prädikats „bestes Buch“ noch mehr in Frage stellen. Aber das beste Buch gibt es nicht. Die Frage scheitert an mehreren Punkten. Auch wenn es Leute aus dem Literaturbetrieb gibt, die der Überzeugung sind, dass es unauslöschliche Kriterien für gute Literatur gibt. Gute Literatur zeichnet sich durch ihre Fähigkeit aus, tiefgründige Wahrheiten über die menschliche Erfahrung zu vermitteln, starke emotionale Reaktionen hervorzurufen und die Zeit zu überdauern. Sie zeichnet sich durch gut entwickelte Charaktere, fesselnde Handlungen und eine reiche, nuancierte Sprache aus. Aber wer bestimmt, was tiefgründig ist? Ist es nicht so, dass emotionale Reaktionen ganz unterschiedlich ausfallen können, nicht nur in der Kunst. Was ist „nuancierte“ Sprache? Wülstig mit Sicherheit nicht. Schon gar nicht sichtbar durch die Anzahl von Adjektiven.

Vielleicht muss ich ganz persönlich auf die Frage antworten, was gute Literatur zumindest für mich sein kann: Sie muss mich fesseln. Sie muss mich überraschen. Sie muss mich in irgend einer Form provozieren. Sie muss in mir einen Nachhall erzeugen, muss sich in mir festhaken. Der Sound muss musikalisch sein. Ich soll bewegt werden… Ich könnte die Liste noch weiterführen, ohne je den Anspruch zu haben, eine solche Liste habe Allgemeingültigkeit. Robert Walser wurde wie Franz Kafka zu Lebzeiten nur von wenigen beachtet und geschätzt, am wenigsten vom Buchmarkt. Oder umgekehrt; Kennen sie John Knittel? Der Schweizer Schriftsteller war zu Lebzeiten sehr erfolgreich, starb 1970. Heute kennt ihn kaum mehr jemand. Vergessen. Kennen sie Ruth Blum? Die Schaffhauserin starb 1975. Ich kaufte alle ihre Bücher in Antiquariaten und war hell begeistert. Vergessen. Noch so eine lange Liste.

Das beste Buch! Warum ist unter den Nominierten nicht „Sommerschatten“ von Urs Faes? Oder „Walzer für niemand“ von Sophie Hunger? Oder „Sechzehn Monate“ von Fabia Andina? Hört die Schweiz an den Sprachgrenzen auf?Schweizer Buchpreis? Oder „die spinne“ von Eva Maria Leuenberger? Warum nicht einmal Lyrik in der Liste der Nominierten? Weil man der Lyrik kein Scheinwerferlicht zutraut? Weil sich damit keine Verkaufszahlen generieren? (Hut ab vor allen Verlagen, die sich noch immer tapfer trauen, Lyrik zu drucken!) Die Liste jener Bücher, die es auch verdient hätten, wird mit der Intensität des Lesens nicht kürzer. Auch das Unverständnis über diese Versäumnisse. Zudem muss man wissen, dass sich etliche Grössen der hiesigen Literatur durch ihre Verlage gar nicht mehr zur Wahl stellen wollen.

Immerhin stehen für einmal keine Debüts in der Liste. Wie soll ein Debüt eine Chance haben neben einem Buch eines literarischen Schwergewichts? Und Schwergewichte sind in der Liste der Nominierten sehr wohl vertreten: Mit Sicherheit die erst 40jährige Dorothee Elmiger, die mit ihrem Roman „Die Holländerinnen“ auch in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht. Und zweifelsohne Jonas Lüscher. Meral Kureyshi schaffte es mit ihrem Debüt „Elefanten im Garten“ vor 10 Jahren auf die Liste der Nominierten und gilt seither als wichtige Stimme der CH-Literatur. Von Melara Mvogdobo las ich vor ein paar Jahren ihr Debüt „Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden“ und konnte mich nicht wirklich begeistern lassen, genauso wie vom Debüt „Anton will bleiben“ von Nelio Biedermann. Dass ihre Folgeromane von ganz anderer Qualität sind, darüber lässt sich streiten, zumal „Lásár“ in einer Weise gehypt wurde und wird, die jede Verhältnismässigkeit vermissen lässt.

Meine Meinung war ziemlich schnell gemacht.

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

Angelika Overath «Engadinerinnen – Frauenleben in einem hohen Tal», Limmat

Intensive Mutmach-Geschichten! Wenn Frauen aus dem Hochtal Engadin im schweizerischen Graubünden ihre Geschichten preisgeben. Angelika Overath porträtiert 18 Frauen und daraus ist ein lesenswertes Buch entstanden.

Gastbeitrag von
Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Frau Overath, Sie erzählen Geschichten von 18 Frauen aus dem Engadin, die wunderbar unterschiedlich sind. Wie haben Sie sie gefunden und sagten alle sofort zu?

Angelika Overath: Begonnen habe ich mit meiner Freundin Franziska Barta. Sie führt eine Landarztpraxis in Zuoz im Oberengadin. Als Mädchen war sie mit ihrer Mutter von Ostberlin nach Westberlin geflohen. Die zweite «Engadinerin» war eine Nachbarin, die Kindergärtnerin Tina Puorger aus Sent im Unterengadin. Es war mir wichtig, eine Mischung von Frauen zu haben, die im Tal aufgewachsen sind, und solchen, die hier erst später eine Heimat fanden. Ich wollte auch verschiedene Berufe abbilden. Manche der Frauen kannte ich, andere wurden mir empfohlen. Bis auf zwei haben alle zugesagt.

Aerni: Mit welchen Infos haben Sie die Frauen für das Buch angefragt?

Overath: Die Spielregeln waren klar: Für ein Interview kam ich zu den Frauen nach Hause oder an den Arbeitsplatz. Dann schickte ich meinen Text-Vorschlag. Die Frauen sagten, was ich falsch verstanden hatte, was fehlte und vor allem, was raus sollte.

Aerni: Aha, das kam anscheinend oft vor?

Overath: Oft erzählt man etwas am Küchentisch, das man dann nicht unbedingt öffentlich lesen möchte.

Aerni: Faires Vorgehen…

Overath: Es war mir wichtig, dass die Frauen mit ihrem Portrait einverstanden waren. So habe ich zwar einige «Spitzen» verloren. Aber das Material, das ich hatte, war immer noch kostbar genug. Während der Interviews ließ ich kein Aufnahmegerät laufen. Ich wollte, dass die Konzentration der Frau, die erzählt, der Konzentration der Frau, die mitschreibt, entspricht. Jedes Interview war eine einmalige intime Situation. Es sind, glaube ich, intensive Mutmach-Geschichten entstanden; alle Frauen waren auf eine besondere Weise tapfer.

Aerni: Sie porträtieren Frauen zwischen dem Alter von 25 bis 83 Jahren. Machten Sie doch für alle einen weiteren gemeinsamen Nenner aus?

Overath: Es ging um Leidenschaft. Ich suchte Frauen, die das, was sie taten, mit Begeisterung leisteten, die Ideen hatten, die etwas wollten. Dabei ergab sich eine gelebte Alltagsgeschichte des Engadins. Verschiedene Generationen, verschiedene Berufe, verschiedene Hoffnungen.

Aerni: Ob Hüttenwartin, Sterbebegleiterin oder Reinigungskraft, das Engadiner Frauenleben zeigt eine große Vielfältigkeit. Sie selber wohnen ja auch schon seit fast 20 Jahren in Sent. Wie würden Sie das typische Leben im Engadin für sich zusammenfassen?

Angelika Overath «Engadinerinnen – Frauenleben in einem hohen Tal», Limmat, 200 Seiten, 36 Farbfotos, CHF 34.00, ISBN 978-3-03926-067-6

Overath: Wir leben in einer grandiosen Landschaft, in einem besonderen, schon südlichen Licht. Das Engadin ist eines der höchsten bewohnten Täler Europas. Seit die Engländer gegen Ende des 19. Jahrhunderts in St. Moritz den Wintersport erfunden haben, ist das Tal geprägt vom Tourismus. Und schon vorher gab es, allerdings in kleinerem Rahmen, die Bäderkultur um die Mineralquellen. Durch die Geschichte der Zuckerbäcker, die aus dem Tal in die Fremde zogen – zunächst nach Venedig, bald nach ganz Europa – und die in den Sommern, wie die Schwalben («Randulins») in ihrer Heimatdörfer zurückkamen, mischten sich im Tal bäuerliche Lebensweisen mit Stadtkulturen. Im Engadin gehört das Fremde zum Eigenen. Im Tal wohnen viele italienische und portugiesische Familien, die übrigens das bedrohte Rätoromanisch neu beleben. Es ist für sie leichter zu lernen als Bündnerdeutsch.

Aerni: Eine der porträtierten Frauen, Birgit Kohl, sagt: «Da, wo ich bin, ist es gut.» Sie selber stammen aus Karlsruhe. Sind Sie auch definitiv angekommen oder flammen ab und zu doch noch Wünsche nach Neuem auf?

Overath: Ich mag meine badische Geburtsstadt Karlsruhe sehr, auch wegen der Nähe zu Frankreich. Auch hier mischen sich Kulturen. Dann lebten wir lange im schwäbischen Tübingen und drei Jahre in Griechenland, Thessaloniki. Ich reise gerne. Ich liebe das Meer. Aber Sent ist mein Dorf, in dem ich zu Hause sein darf. Sent ist ein sehr offenens Dorf. Seine rund 900 Einwohner kommen aus sieben Nationen. Ich spüre hier eine Toleranz und eine Empathie, die mir gefällt. Man schaut zu einander, hilft sich. Vielleicht ist das naiv, aber ich glaube, uns verbindet auch die Dankbarkeit, hier leben zu dürfen. Dankbarkeit macht freundlich.

Aerni: Sie publizieren nicht nur schöne Bücher und preisgekrönte Literatur, sondern vermitteln auch anderen das Schreiben. Was kann das eigene Schreiben für das Leben bedeuten?

Overath: Schreiben ist immer eine Intensivierung von Erfahrung. Für manche Menschen, zum Beispiel für mich, ist es eine Notwendigkeit.

Aerni: Warum?

Overath: Ich schaffe mir einen Raum, der mir gehört, in dem ich etwas ausprobieren kann. Und wenn ich literarische Reportagen oder Portraits schreibe, dann nehme ich Teil an der Welt. Und bin wie eine Kamera, die Momente der Wirklichkeit zeigt. Schon als 5-jähriges Mädchen wollte ich Tagebuch führen. Aber ich konnte noch nicht schreiben. Ich bat meine Großmutter, die bei uns lebte, ob sie für mich aufschreiben würde, was ich ihr sagte. Sie meinte, sie könne nicht so gut schreiben, aber sie wolle es versuchen. Das Projekt scheiterte daran, dass meine Mutter kein Papier herausrückte. Da fällt mir ein: Meine Mutter und meine Großmutter waren Flüchtlinge aus dem Sudetenland. Das hat meine Vorstellung von «Heimat» sicher geprägt. Ich habe darüber in meinem Debüt-Roman «Nahe Tage» geschrieben.

Aerni: Nebst dem Mut, drauflos zu schreiben, gäbe es noch andere Voraussetzungen, die Sie empfehlen würden?

Overath: Ich empfehle nicht, drauflos zu schreiben. Wir arbeiten in der Schreibschule Sent mit Aufgaben und Spielen, die weiterführen. Formale oder auch inhaltliche Vorgaben sind Geländer, an denen Schreibende sicher weiterkommen. Nichts ist so wenig inspirierend wie ein leeres Blatt. Natürlich geht es um Freiheit, aber kreativ ist Freiheit nur innerhalb einer Form. Sonst wird es beliebig und uferlos. Wir üben uns in den Strategien der Aufmerksamkeit. Wichtig ist die Genauigkeit der Sprache wie dem Empfinden gegenüber. Und wie Diebe lesen wir klassische Texte und beobachten, wie es die Meisterinnen und Meister der Literatur gemacht haben.

Aerni: Sie leben im Dorf Sent auf 1450 m.ü.M. Doch das bunte Literaturgeschehen spielt sich in Literaturhäusern, großen Buchhandlungen und an Buchmessen in den Städten ab. Tut dieser geografische Abstand gut?

Overath: Sicher, wenn ich in Berlin leben würde, wäre ich mehr im Geschehen. Auf dem literarischen Markt funktioniert sehr vieles über Netzwerke. Aber wie viel Erfolg brauche ich denn?

Aerni: Gute Frage.

Overath: Wie viel meiner Energie bin ich bereit, in meine Vermarktung zu investieren? Ich glaube, man muss aufpassen, dass man beim Wirbeln um Aufmerksamkeit nicht seine Substanz verliert. Wenn ich nicht mehr spüre, warum ich schreibe, bin ich verloren. Ich bin auch kaum in den sozialen Medien unterwegs. Ich schreibe meine Bücher, sorgfältig. Gehe auf Lesungen, wenn ich eingeladen werde. Und führe zusammen mit meinem Mann jetzt im fünften Jahr die Schreibschule Sent. Sie hat sich zu einer Art literarischem Salon entwickelt. Es kommen interessante Menschen zu uns. Unsere öffentlichen Jahresabschlusslesungen, jeweils am 1. Sonntag im März, sind wunderbare Treffen, bei dem sich Autorinnen und Autoren, Einheimische, Feriengäste treffen und nach der Lesung bei einem Apéro noch lange diskutieren. Vielleicht kann ich, in Anlehnung an Birgit Kohl, sagen: Da, wo wir sind, ist Sprache. Und Gemeinschaft.

Aerni: Welche Veränderungen in Ihrer Region beobachten Sie vielleicht auch mit Sorge?

Overath: Die Zahl der Zweitwohnungen nimmt zu. Wenn junge einheimische Familien sich die Miete im Engadin nicht mehr leisten können und das Tal verlassen, ändert sich der Charakter der Dörfer rasant. Viele Menschen aus Zürich, Basel oder Mailand arbeiten im Home-Office im Engadin. Sie können teure Wohnungen bezahlen. Sie sind nur sporadisch da. Sie sprechen kein Rätoromanisch und nehmen nicht am Dorfleben teil. Das Engadin ist ja nicht nur eine Landschaft, sondern auch eine besondere Lebenskultur der Bräuche, der Feste, der Chöre. Landschaft und Gemeinschaft sind bedroht. Auch davon erzählen «meine» Engadinerinnen.

(Interview erschien bereits in der «Bündner Woche»)

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren und heute als Schriftstellerin, Journalistin, Lyrikerin und Dozentin in Sent im Unterengadin. Zuletzt erschienen «Krautwelten» (Suhrkamp Insel, 2021), eine Hommage an die Kohlpflanzen, der zweisprachige Gedichtband in Vallader und Deutsch «Schwarzhandel mit dem Himmel / Marchà nair cul azur» (Telegramme, 2022) und der Roman «Unschärfen der Liebe» (Luchterhand, 2023). Angelika Overath wurde mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis für literarische Reportage und dem Bündner Literaturpreis. Zusammen mit ihrem Mann, dem Literaturwissenschaftler und Essayisten Manfred Koch, führt sie eine Schreibschule in Sent.

Beitragsbild © Franziska Barta

Daniel de Roulet «Ein Sonntag in den Bergen», Limmat – Wortlaut St. Gallen

Als das Buch zum ersten Mal 2006 erschien, war es gar kein Bestseller, obwohl es Zündstoff gehabt hätte. Obwohl die Reaktion aus Politik und Kultur zwiespältig waren, von Bewunderung bis Entrüstung. Während man auf das Buch in Deutschland und Frankreich mehrheitlich positiv reagierte, schimpfte man in der Schweiz den Schriftsteller als linken Terroristen.

Da steigt ein junger Architekt mit seiner Angebeteten in die verschneiten Berge über dem berneroberländischen Gstaad, mit einem Brecheisen und Utensilien für einen Brandanschlag in seinem Rucksack. Er steigt durch ein aufgebrochenes Fenster in ein Ferienchalet des Medienmoguls Axel Springer, von dem er überzeugt ist, er sei im Krieg Nazi gewesen oder hätte zumindest von ihnen profitiert, der Besitzer der Boulevardzeitung „Bild“, für jeden Linken Flaggschiff all dessen, was die 68er-Bewegung ins Rutschen bringen wollte. Das Chalet brannte bis auf die Grundmauern nieder. Man vermutete Zusammenhänge mit einem weiteren Brandanschlag auf Sylt, erklärte nach einer Untersuchung, man habe es hier mit Profis zu tun. Man verdächtigte ‘Elitekommandos, die aus der Kälte kamen’. De Roulet blieb unbehelligt.

Dass Daniel de Roulet 2006 mit „Ein Sonntag in den Bergen“ seine Tat öffentlich, das Buch zu einer Rechtfertigungsschrift machte, offen über seine damalige Naivität schrieb, nahm man ihm zum Teil sehr übel. Nicht zuletzt lud man den streitbaren Schriftsteller mit diesem einen Buch zu keiner einzigen Lesung in der deutschsprachigen Schweiz ein. Im Gegenteil, man forderte den Schriftsteller gar zur finanziellen Wiedergutmachung auf, was er dann in gewisser Weise auch vollzog.

Daniel de Roulet «Ein Sonntag in den Bergen», Limmat 2024, aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, 128 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-086-7

So harmlos der Titel des Buches, so brisant der Inhalt. „Ein Sonntag in den Bergen“ ist Erklärungsversuch, Schuldeingeständnis, Rechtfertigungsversuch, Liebesgeschichte und historisches Zeugnis einer Zeit, in der in Deutschland die RAF operierte und in Europa nach dem Attentat auf Rudi Dutschke Tausende auf die Strasse gingen, weil man den Staatsapparat, die Polizei mit den Machtstrukturen der Nazizeit verband. 

Daniel de Roulet, Sohn eines Pfarrers, dem er immer wieder den Vorwurf machte, während der Nazizeit nicht genug für den Widerstand, für die verfolgten Juden getan zu haben, reagierte äusserst empfindlich auf den Vorwurf seiner damaligen Geliebten, auf die grossspurigen Reden endlich Taten folgen zu lassen. „Du bist nichts weiter als ein Sprücheklopfer!“, schimpft sie ihn, die Frau, die er damals als die Frau seines Lebens sah. Daniel de Roulet schiebt die Schuld nicht weiter. Aber sein Stolz, sein Selbstverständnis, schien irreparabel in Schieflage zu geraten, würde es nicht irgendwie zum Knall kommen. Und weil Roulet wusste, dass Axel Springers sperriges Chalet über Gstaad nur sehr selten bewohnt war, sollte es logisches Ziel einer Attake werden, die ‘Operation Berchtesgaden’, in Anlehnung an Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg.

Aber warum eine Neuauflage jetzt, ein halbes Jahrhundert nach der Tat? Zum einen nehmen die Jahre seit der Erstveröffentlichung viel Emotionalität aus der Tat von damals. Mitttlerweile scheint Gras über die Sache gewachsen zu sein, nicht aber über die Tatsache, dass eine Gesellschaft ganz offensichtlich Feindbilder und Schuldige braucht, dass es immer wieder brennen muss, wo Ohnmacht keine anderen Ventile findet und wie sehr Desinformation, Manipulation und Naivität lebensbedrohlich werden kann.

Interessant ist „Ein Sonntag in den Bergen“ auch deshalb, weil mit den Jahren weitere Ebenen dazugekommen sind. Neben der fatalen Geschichte eines Liebespaares, den Folgen eines Grossbrandes in den verschneiten Alpen, die zur Staatsaffäre wurde, ist das Buch Roulets ein Dialog mit seinem Gegenüber Axel Springer, einer durchaus streitbaren Figur der Nachkriegsgeschichte, die Konfrontation mit einer Tat, die den Schriftsteller nie losliess, einer Schuld, zu der er sich unbedingt bekennen musste, nicht zuletzt der endgültigen Klärung willen, einer Klärung, die Auswirkungen bis in die dortige Bevölkerung hatte.

Was einmal zwingend erschien, wird im Nachhinein zur unleugbaren Dummheit. Eine Erfahrung, die im Kleinen oder Grossen allen blüht.

Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.

Maria Hoffmann-Dartevelle, 1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren.

weitere Rezensionen zum Werk von Daniel de Roulet

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Beitragsbild © Ayse Yavas