Der Hitze zum Trotz trägt der bärtige Alte unbeirrt seine schwere Krone. Dabei müssen unter dem roten Samt, mit dem das goldene Gestell ausgefüllt ist, Temperaturen herrschen, die das Hirn zumindest schmoren lassen, wenn nicht gar frittieren. So warm wie heute war es in diesem Sommer noch nie, fast vierzig Grad zeigt das Thermometer. Ich stehe im Schatten eines Pflaumenbaums, der alle paar Sekunden kleine, vor der Reife verdörrte Früchtchen fallen lässt. Kraftlos rascheln sie durch trockene Blätter zu Boden.
Wer frei nehmen konnte, ist heute an die Küste gefahren, wo einem die Winde des Ozeans den Schweiß von der Haut streicheln. Auch der Gekrönte leidet unter der klyteps, wie man solche Temperaturen auf Lemusisch nennt. Er hat die Schuhe ausgezogen, die Hosen hochgekrempelt und sich auf den Rand des mit geheimnisvollen Meeresfrüchten geschmückten Brunnens im Zentrum von Sasselin gesetzt. Seine Beine hängen in das wenige Wasser hinab, das die Behörden in das tiefe Becken haben einlaufen lassen. Es reicht ihm, wenn er ganz drinsteht, gerade mal bis zu den Knien. Sein linker Unterschenkel ist dick angeschwollen, sein rechter dagegen wirkt dürr und viel zu dünn für die stattliche Wampe, die er zu tragen hat. Von Zeit zu Zeit greift er nach einer Flasche, die zu seiner Linken auf dem Brunnenrand steht. Erst glaube ich, das müsse Wein oder Schnaps sein, doch laut Etikette ist es Suk ordobakadi. Erdbeersaft? Ich wusste gar nicht, dass man so etwas kaufen kann.
Neben dem Brunnen, direkt hinter dem Rücken des Kronenträgers, geraten sich jetzt zwei Raben wegen eines Mäusekadavers in die Federn. Mit lautem Gekreische und knatterndem Flügelschlagen hüpfen sie wieder und wieder Attacken gegeneinander. Der Mann dreht langsam den Kopf zu den Vögeln um und macht mit den Lippen ein Geräusch, halb Pfeifen, halb Schnauben, das die Tiere sofort verstummen lässt, als gehorchten sie einem Befehl. Auch die Maus ist plötzlich weg. Ob sie sich nur totgestellt hat und die Chance nutzte, sich davonzumachen?
Aus einer Seitenstraße hüft ein kleines Mädchen herbei, stellt sich artig neben dem Mann auf und streckt ihm mit beiden Händen ein kupfernes Schälchen hin. Mit einem huldvollen Nicken nimmt der Alte das Geschenk entgegen, führt die Tasse an seine Lippen, schlürft, setzt ab, schließt genüsslich die Augen, schlürft erneut, rülpst und gibt dem Mädchen das Gefäß zurück. Freudig, als habe man ihr ein Geschenk gemacht, tollt die Kleine davon.
Ich zwinge mich aus dem Schatten und stelle mich neben dem Mann an den Brunnenrand: «Das muss aber lecker gewesen sein, was Ihnen Ihre kleine Freundin da gebracht hat. Was war es denn?»
«Erdbeersuppe», sagt er und scheint nicht im geringsten irritiert, dass ich ihn beobachtet habe.
«Ist es nicht etwas warm unter der Krone», frage ich ihn. Er zuckt nur mir der Schulter.
«Was für ein König sind Sie denn? Ist dieser Brunnen hier Ihr Reich?»
«Je suis le roi de tout ça», sagt er und führt dazu den Zeigefinger seiner Rechten im Kreis durch die Luft.
«Oha», sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, «oha, ‹all dies› ist also Ihr Reich. Was für eine Verantwortung. Und die können Sie nur tragen, wenn Sie in der Sonne sitzen?»
Er nickt majestätisch, seufzt und macht dann eine Geste mit der Linken, die ebenso matt wie eindeutig ist: Die Audienz ist beendet, ich darf mich wieder in den Schatten zurückziehen.
So kurz und kurios meine Begegnung mit dem Gekrönten war und so schütter mir der Zustand von «le roi de tout ça» auch vorgekommen sein mag: Beim Verlassen des Platzes fühle ich mich doch seltsam getröstet und gestärkt vom Gedanken, dass es für «all dies» einen König gibt, der sich zuständig fühlt. Ich schüttle darüber den Kopf und bin tatsächlich froh, dass darauf keine Krone sitzt.

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.
