Seit wann sitzt sie wohl schon da? Als ich eben von der R8 zu der Tankstelle im Nordwesten von Kirilia abbog, ist sie mir nicht aufgefallen. Und auch als ich den Zapfhahn in den Einfüllstutzen stieß, wähnte ich mich ganz alleine auf dem Platz. So alleine, dass ich einen Augenblick lang fürchtete, die Tankstelle sei außer Betrieb. Zwar ist mein Reservoir noch nicht ganz leer. Doch seit die meisten Autos auf der Insel mit Elektroantrieb fahren, werden echte Tankstellen mit Diesel und Benzin immer mehr zur Rarität. Ich weiß gar nicht, ob ich weiter im Süden überhaupt noch Treibstoff bekommen hätte. Umso erleichterter war ich, als die Zahlen im Display der alten Säule fröhlich zu laufen begannen – langsam zwar, fast Schluck für Schluck, aber doch kontinuierlich. Ich war so erleichtert, dass ich sofort das Bedürfnis verspürte, auch meine Blase zu bijdumein, ihr also «eine Wohltat angedeihen zu lassen» – anders kann man diesen Ausdruck fast nicht übersetzen.
Dann aber, als ich vom Toilettenhäuschen zu meinem Auto zurückkehrte, das immer noch dankbar glucksend den Diesel in sich einsog, saß sie da. Auf einem mächtigen Stein, mit dem man die Automobilisten daran hinderte, sich auf der Westseite der Säule hinzustellen, wo der Besitzer der wonkalek [Tankstelle] einen feinen Rasen angelegt hatte. Wohl bereitete auch er sich auf eine größere Umstellung vor, vielleicht würde ich bei meiner nächsten Fahrt nach Süden hier nur noch einen Imbiss vorfinden.
Die Frau trägt einen zitronengelben Rock, eine etwas hellere Bluse und einen gleichfarbigen Sonnenhut. Die Hände liegen entspannt in ihrem Schoß. Ihre Augen aber sind mit höchster Konzentration auf das altmodische Display der Zapfsäule gerichtet, wo sich die Zahlen auf einzelnen Zylindern drehen und ruckelnd immer mehr Liter und Zentiliter anzeigen. Was macht sie da? Was soll das werden? Eine Zapfsäulen-Meditation? Leidet sie an einem Zählzwang? Oder ist sie eine Außerirdische, die aus den Chiffren eine Botschaft ihres Heimatsterns abliest? Ich grüße mit einem freundlichen «Bono!» und deute auf das Display: «Za fumadi bezjie on wondakri zubinan! Magis krendi ka zonz læ bumj niæwad!» Ich finde das lustig und muss selbst kurz lachen. Sie aber scheint mich nicht zu hören. Also wiederhole ich meinen kleinen Scherz auf Französisch: «Das muss ja eine spannende Lektüre sein! Ich fürchte allerdings, dass schon bald das Ende naht!». Die Frau starrte unbeirrt auf das Display. Ich lege in Englisch nach. Sollte sie mich überhaupt bemerkt haben, so lässt sie sich das auf jeden Fall nicht anmerken. Ich komme mir blöd vor und schlendere, noch ehe der Zapfhahn in die Verschlussposition zurückschnellt, zu der Kabine mit der Aufschrift «Ninklek» [Zahlschalter]. Ich bin etwas überrascht, dass da eine alte Frau in einem Rollstuhl hinter der Kasse vor sich hin döst, direkt neben einem großen Ventilator, der ein paar hellgraue Haarsträhnen wild um ihren Kopf tanzen lässt.
Als ich eintrete, wacht sie auf und hebt den Blick. Ihre Züge gleichen jenen der Zapfsäulenanbeterin – nur sind Wangen und Stirn voller Runzeln, der Mund voller Fältchen. Sie ist bestimmt ein halbes Jahrhundert älter. Ist sie die Mutter, die Großmutter, die Urgroßmutter des Benzinfalters bei meinem Wagen?
«Können Sie mir sagen, was die da draußen macht?», frage ich und zeige durch die Scheibe in Richtung meines Autos.
Sie greift zu einem Feldstecher, kneift die Augen etwas zu und schaut lange hindurch. Ihre Lippen bewegen sich leicht und mir ist, als lese sie etwas ab. «Das ist eine Zapfsäule», knurrt sie mir schließlich mürrisch ins Gesicht, «das macht 313 Chnou – und wir nehmen nur Bargeld.»
Ich bezahle, bedanke mich übertrieben höflich, was sie mit dem Ansatz eines Zähnefletschens quittiert, und kehre zu meinem Wagen zurück. Die junge Frau ist verschwunden. Ich fahre los, zurück auf die R8 und weiter nach Süden. Erst oben auf dem Mont Goulou höre ich, dass der Tankdeckel gegen den Kotflügel schlägt. Ich halte an und steige aus, um mein Reservoir richtig zu verpfropfen. Doch der Einfüllstutzen ist zu, was gegen das Blech geschlagen hat, klemmt mit dem Rand unter dem Deckel fest: Es ist ein hell-zitronengelber Sonnenhut.
Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.
