Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt #SchweizerBuchpreis 26/05

Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.

Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.

Eine Mutter ist, was man nicht loswird.

Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.

Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.

Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, ISBN: 978-3-498-00321-0

Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.

Ich war ein Problem.

Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!

(Erstveröffentlichung der Rezension auf literaturblatt.ch am 22. Juni 26)

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».

mehr über und von Lukas Bärfuss auf literaturblatt.ch

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Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis», Rowohlt #SchweizerBuchpreis 26/04

Was bleibt von Familie? Wie wirkt Geschichte auf und aus Familien? Warum distanzieren sich Väter, selten Mütter, tauchen Töchter und Söhne ab? Sonja Sophie Kreis hat einen aussergewöhnlichen Roman geschrieben, der weit über die Selbstanalyse hinausgeht.

Anna reist nach Grönland auf der Suche nach ihrem älteren Bruder Alex. Es ist aber nicht nur die Suche nach einem Bruder, der bloss noch zu Weihnachten eine nichtssagende Karte aus der Kälte schreibt, sondern die Suche nach dem, was von der einstigen Familie übrig geblieben ist. Selbst ihre Schwester ist geschluckt von ihrer Arbeit in einem chicen Hotel mit Sicht aufs Matterhorn.

Anna, sonst Fotografin, reist ohne ihren Apparat an, dafür mit einem in ein Leintuch eingewickeltes Bild. Einer Winterlandschaft des Malers Adolf Dietrich, einem Maler, der zeitlebens in Berlingen am Untersee (Bodensee) lebte und malte. Ein Maler, den man zu den Naiven zählte, der sich aber weitgehend autodidaktisch in seine völlig eigenständige Arbeit vertiefte und erst spät jene Anerkennung bekam, die ihn noch heute zu einem wichtigen Exponenten schweizerischer Kunst macht. Es war das Hochzeitsgeschenk seines Vaters an seine Mutter, ein Bild, das die Beschenkte mehr bedrohte als dass es ihr gefiel. Aber das ihrem Bruder Alex einen Blick in seine Sehnsucht gewährte, eine Welt des Eises und des Schnees, eine Welt der Kälte und der Stille.

Bald wird klar, dass weder der Zufall noch ihr Bruder selbst wollen, dass Anna Alex nach Jahrzehnten wiederfindet. Anna bleibt, richtet sich in dem Ort ein, der nicht gemacht ist für Menschen wie sie, die das Eiland irgendwann wieder verlassen. Und weil kein fotografisches Auge zur Verfügung steht, beginnt Anna zu schreiben, von Hand, in ein Heft nach dem andern. Was ihr geographisch und räumlich nicht gelingen wird, wird mehr und mehr zur verschriftlichten Obsession. In ein Eintauchen in die Bilder ihrer Familie, der erinnerten und der erzählten.

Erzähl mir was, flüsterte ich ihr dann zu und halte das Foto ganz nah an mein Gesicht.

Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5

Eine aufbrausende Mutter, ein stiller Vater, der kaum zuhause war. Genauso wie ihr Bruder, der sich schon als Kind viel lieber in der Werkstatt im Keller verlor. In seinen Nachforschungen der Grossen der Arktischen Forschung, der sich in Büchern wegtragen liess, hinein ins ewige Eis, weit weg von den Konflikten der Eltern, der fasziniert war von der tragischen Exkursion von Eduard Skeleton, dessen gepanzertes Schiff Endurance trotz aller Vorsicht in den Eismassen zerdrückt wurde. Vielleicht sinnbildlich für seine eigene Situation zwischen den elterlichen Fronten.

Nicht nur ein Maler, Adolf Dietrich, spielt in der vielschichtigen Geschichte der Thurgauerin, die ihren familiären Ursprung im eben dieser Gegend hat. Otto Marquart, die längste Zeit seines Lebens nicht weit von Adolf Dietrich auf der Insel Reichenau malend, war Künstler, führte zusammen mit seiner Frau am See eine Pension, die während des Krieges Dreh- und Angelpunkt von Flüchtenden war, einem Tun, von dem er auch nicht liess, nachdem ihn die Gestapo verschleppte und verhörte.

Der Film in meinem Kopf ist launisch. Mal fließen die Bilder. Dann wieder ruckelt es, der Erzählstrom macht Sprünge, vorwärts oder zurück, die Leinwand reißt auf, eine ruhige Bildfolge wird von einer subjektiven Kamera gestört.

Sonja Sophie Kreis erzählt von Grenzregionen, vom Blick auf das, was ist und war, sei es geographisch, historisch oder familiär. Damals kam die deutsche Mutter über die Grenze in die Schweiz. Was wie eine Liebesheirat aussah, entpuppte sich als Falle. Auch das, was sich im Winter 1963 zur letzten „Seegfrörni“ auswuchs, war nur für wenige Wochen der ungehinderte Weg auf die andere Seite. Manchmal fehlt nicht viel, aber Grenzen bleiben.

Dass Sonja Sophia Kreis zum Kreis der Nominierten gehört, freut mich nur schon deshalb, weil ich dieses Buch sonst vielleicht gar nie auf den Schirm bekommen hätte. Was ein grosses Versäumnis gewesen wäre. Man merkt dem Roman nicht an, dass es ein literarisches Debüt ist, ganz im Gegenteil. Die Autorin überzeugt durch einen klaren Strich, lässt vermuten, dass sie als bildnerische Künstlerin eine sehr klare Vorstellung von Komposition und Struktur hat. Aber „Das grosse Eis“ ist auch experimentell, changierend zwischen glasklarer Prosa und lyrischen Passagen, von klarer Kontur bis durchscheinend sinnlich.

Unbedingt empfehlenswert!

Sonja Sophie Kreis, geboren1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie u. a. nach Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. «Das grosse Eis» ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.

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«Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen» – über «Das grosse Eis» von Sonja Sophie Kreis #SchweizerBuchpreis 26/03 (32)

Dieses Eis war anders als das Eis auf dem Gemälde, das Mutter zum Weinen brachte. Es war nicht grau, sondern schwarz, zumindest zu Beginn der Seegfrörne, und brachte den See zum Musizieren.

Lieber Gallus

Als im Januar geborener Mensch liebe ich Schnee, Eis und das Pfeifen der kalten Winde beim Wandern durch die weisse Winterlandschaft. Sogar Skitouren auf Spitzbergen durfte ich einmal geniessen. Überrascht habe ich erfahren, dass eine mir unbekannte Autorin mit «Das grosse Eis» für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde und habe das ansprechend gestaltete Buch gekauft.
Sofort ist spürbar, dass die Autorin auch bildende Künstlerin ist. Dieser Roman lebt von den eindrücklichen Bildern sowohl vom Bodensee als auch vom fernen Grönland, wohin Max, der Bruder der Erzählerin Anna sich abgekapselt hat. Er hat sich seit Kindheit mit Expeditionen in arktische Zonen beschäftigt und konnte stundenlang ein Buch mit Bildern vom Scheitern der «Endurance» im Packeis von 1914 betrachten. Die ganze autofiktive Familiengeschichte über drei Generationen spiegelt sich farbtonreich in Eis, das wunderschön leuchten, aber auch gefährlich schmerzen kann.

In der Bucht von Ilulissat haben sich im Laufe der Nacht Eisplatten unterschiedlichster Grössen gebildet. Das Meer wie die zerrissene Farbschicht eines schlecht gealterten Ölgemäldes. Weit draussen scheint es zu schneien. Weisse Vorhänge wehen dem Festland entgegen.

Die Erzählerin Anna, begibt sich auf der Suche nach ihrem Bruder Alex in die Einsamkeit eines grönländischen Hotels in Ilulissat. Dort, festgehalten in einer stürmischen weissen Landschaft, brechen viele Erinnerungen an ihre Familie auf. Als Fotografin hat sie bewusst ihre Kamera zuhause gelassen und schreibt Notizhefte voll. Was hält eine Familie zusammen? Wie erlebte die deutsche Mutter nach der Heirat mit dem schönen Schweizer Paul den eisigen Empfang am andern Ufer des Bodensees? Was bewirkte der Zweite Welt Krieg in dieser weiten Grenzregion, was die Seegfrörne 1963? Was erlebt Anna auf der Suche nach Alex in Grönland, wohin sie ihm nach dem Tod der Eltern sein geliebtes Gemälde bringen will.

Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen. Irgendwann in jenen Wochen des grossen Eises hatte er beschlossen, alles darüber lesen und wissen zu wollen… Nur Mutters Ängste mochte er nicht, und leider quoll sie davon fast über. Hinter diesen Mauern aus Ängsten, in die sie ihn durch Verbote einsperrte, lag eine unermessliche Weite.

Die Hochzeit der älteren Schwester im Februar in einem schweizerischen Bergdorf fand ohne Alex statt. Anna erzählt uns diese Familiengeschichte in eindrücklichen Mosaiksteinen voll Wunden und Schmerz, aber auch voll Schönheit und Nähe. Dass vieles offen bleibt und die lyrisch, musikalische Sprache machen diesen Roman zu einem bleibenden Leseerlebnis.

Nur der Schneefall war zu hören. Es war dunkel. Es war hell. Ich dachte nichts, rein gar nichts. Ich dachte weder an Moni noch an Alex noch an die Hochzeit. Der Schnee beruhigte und betäubte mich.

Du siehst, ich habe die Lektüre «Das grosse Eis» genossen. Zum Glück ist dieser bildreiche musikalische Roman nominiert worden, sonst hätte ich ihn verpasst. Jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre. Hast du das Buch (aus deiner Region!) schon gelesen?

Herzlich
Bär

Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5

Lieber Bär

Oh ja, eben erst. Und ich bin so überrascht wie du! Ein wunderbarer Roman. Nicht nur, weil ich die Faszination des «ewigen» Eises sehr gut nachvollziehen kann. Obwohl ich in Zukunft nie nach Grönland reisen werde, fasziniert mich die Landschaft, deren Menschen und ihre Geschichte schon lange. Ich erinnere mich an Bücher über Polarexpeditionen, die ich als junger Mann verschlugen hatte, sei es die verrückte Expedition von Ernest Shackleton mit seinem Schiff Endurance. Oder die verschollene Expedition von John Franklin, der sechzig Jahre zuvor mit Schiff und Mannschaft eine Nord-West-Passage suchte – und noch viel mehr der Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny, der über eben diese Expedition einen exzellenten Roman schrieb, ein Buch, das noch immer zu meinen Lieblingsromanen zählt. Und jetzt, wo der dicke, reiche Blonde seinen unverschämten Anspruch auf dieses dünn besiedelte, an Erdöl reiche Eiland für sich beansprucht, erst recht.

Aber da schwingt noch eine weitere Referenz mit; jene mit dem Maler Adolf Dietrich (1877 – 1957), einem stillen Mann, der sein ganzes Leben im kleinen Ort Berlingen am Untersee (Bodensee) verbrachte und erst in seinen letzten Jahren von seiner Malerei, die ihn heute zu einen der Grossen des 20. Jahrhunderts macht, leben konnte. Der unbeirrt malte, was er in seiner unmittelbaren Umgebung, meist in seiner düstern, kleinen Stube an einem kleinen Tisch sitzend. Auch sein Leben ist und war Vorlage für ein wunderbares, lange nachhallendes Buch. Beat Brechbühl veröffentlichte 1999 die Erzählung «Fussreise mit Adolf Dietrich», die 2017 noch einmal beim Bilger Verlag erschien.

Würden meine Augen nichts mehr sehen, ich hätte so viele Dinge im Gedächtnis, ich könnte jahrelang davon leben. Bräuchte nichts Neues zu sehen, könnte da sein und mir meine Fundstücke ansehen, wie Filme oder Fotos. Adolf Dietrich

Ein Buch wie ein langes Gebet, ein Denkmal für den Maler ebenso wie für den Schriftsteller, auch wenn ihn die Gegenwart zu vergessen scheint.

Gibt es etwas grösseres bei der Lektüre, wenn das Gelesene Resonanz erzeugt? Wenn man spürt, dass sich im Hirn Synapsen finden? Und Sonja Sophia Kreis gelingt es auch mit ihrer Sprache, die unaufgeregt und zurückhaltend malt. Ihr geht es um weit mehr, als bloss eine Familiengeschichte zu erzählen. Es sind die Bilder, die sie evoziert. Sonja Sophia Kreis‘ Blick hat etwas Fotographisches – obwohl ihre Bilder nicht bloss abbilden. Es sind ihre Bilder die erst die meinigen auslösen. Es erscheint Verborgenes.

Faszinierend!

Lieber Urs, ich hoffe ich treffe die Autorin einmal. Vielleicht besuchen wir eine Lesung gemeinsam. Gallus und der Bär!

Liebgruss

Sonja Sophie Kreis, geboren 1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach San Francisco, Venedig, Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht, Das große Eis, autobiografisch inspiriert, ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.

Illustration © leafrei.com

Ein ganz persönlicher Rückblick auf die Sprachsalz Literaturtage in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Zum 24. Mal feierte das Sprachsalz mit Gästen die Literatur. Ein Dutzend internationale Schriftlicher*innen, volle Säle, freier Eintritt, viele Begegnungen und vorzügliche Stimmung – das macht Sprachsalz aus!

Gleich mehrfach hängen am Sprachsalz lange, meterbreite Papierbahnen mit den Namen all jener, die in den letzten 24 Austragungen des Sprachsalz eingeladen wurden. Eine beeindruckende Liste mit beeindruckenden Namen. Von Japan bis Südamerika, vom hohen Norden bis Südafrika. Namen, die in meiner Bibliothek zuhause wie Reliquien gehortet und gefeiert werden. Aber auch Namen, die ich „versäumte“, weil ich in den letzten Jahren wohl Stammgast, die ersten Jahre des Festivals „versäumt“ habe. Wie gerne wäre ich einmal Jon Fosse begegnet. Oder ein zweites Mal Peter Kurzeck. Oder Claire Keegan. Oder dem grossen Ismail Kadare. Oder der grossen Dichterin Frederike Mayröcker. Die Liste ist beeindruckend lang und Zeugnis grossen Engagements, ausufernder Leidenschaft und eines beachtlichen Selbstbewusstseins. Eine Liste, die durchaus als Reputation dienen kann, Festivaleinladungen, die zur Auszeichnung werden.

© Denis Moergenthaler

Am Samstag Morgen sass ich mit einer der Organisator*innen des Festivals auf einen kurzen Schwatz zusammen. Sie, Ulrike Wörner, eine der Kurator*innen des Festivals, hatte am Abend vorher die Lesung mit der südkoreanischen Literaturnobelpreisträgerin Han Kang moderiert. Die Moderation meines Lebens, meinte sie. Nicht nur wegen ihrer Nervosität, sondern weil sich mit dem lange andauernden Applaus am Schluss der Lesung eine Anspannung löste, die man ihr auf der Bühne nicht anmerkte, die ihr aber den Schlaf geraubt hatte. Schon nach der Lektüre des ersten Romans der Südkoreanerin Han Kang „Die Vegetarierin“ 2016, versuchte Ulrike Wörner, die Autorin ans Sprachsalz einzuladen. Ohne Erfolg, nicht einmal eine Antwort auf ihre Anfrage. Sie tat es auch nach „Menschenwerk“ 2017, wieder erfolglos. Was als tapferer Versuch begann, entwickelte sich zu einer eigentlichen Challenge; jedes Jahr eine Anfrage, auch wenn die Hoffnung auf eine positive Anwort mit der Verleihung des Nobelpreises 2024 noch einmal mehr zu schwanken begann. Dann ploppte doch eine Mail auf, eine Zusage, Es freut uns, ihnen mitteilen zu können. Aber mit der Zusage des Managements einer Nobelpreisträgerin hören die Anstrengungen nicht auf, das kleinteilige Organisieren beginnt, die Abarbeitung einer ganzen Liste von Bedingungen, die im Umgang mit einer Nobelpreisträgerin sehr gut nachvollziehbar sind. 

© Denis Moergenthaler

Es war ein zauberhafter Abend, weil die Faszination dieser Autorin in Kufstein mit Händen zu greifen war, weil die Autorin auf der Bühne genau das zeigte, was sich in ihren Büchern manifestiert, weil man im Saal und davor spürte, dass da jemand sass und sprach, der sich mit seinem Schreiben um die grossen Fragen der Menschheit bemüht, es mit aller Kraft und ganzer Hingabe tut, weil sie sich verletzlich, dankbar und freundlich zugewandt zeigt, obwohl sie sich in ihrer Rolle als Exponentin der Literatur nicht wohl zu fühlen scheint. In ihrem neusten Buch „Der goldene Faden“ veröffentlicht sie einen Teil eines Gartentagebuchs. Sie erzählt von ihrem kleinen Haus, ein bisschen mehr als 30 Quadratmeter und ihrem noch viel kleineren Garten, den sie trotz fehlenden Sonnenlichts, dafür mit Hilfe von Spiegeln, anzulegen beginnt. Was sie tut, tut sie ganz, mit totaler Hingabe, fokussiert und kompromislos. Eine Leidenschaft, die auf Leser*innen überspringt, eine Leidenschaft, die ganz offensichtlich eine Sehnsucht bedient, die in der Gegenwart mit all den Ablenkungen immer schwerer zu erreichen ist.

© Denis Moergenthaler

Als ich am Samstag Morgen in Kufstein in einem Café auf dem Stadtplatz sass und am kleinen Tisch mit anderen über den Abend mit Han Kang sprach, sah ich die Autorin in ihrem langen beigen Regenmantel (Die Sonne schien.) an meinem Tisch vorbeispazieren. Sie ging langsam, liess ihren Blick auch hinauf an die Giebel der Dächer, ins Blau des Himmels schweifen. Für einen ganz kurzen Moment dachte ich, ihr Buch in meiner Tasche zu schnappen, ihr hinterherzulaufen, um sie doch noch um eine Signatur zu bitten, weil sie am Abend zuvor nicht wollte, dass man sie den Annähungen der Massen aussetzte. Aber ich zügelte mich selbst. Wie vermessen wäre es gewesen, sie aus ihrem Spaziergang herauszureissen. Sie ging Minuten später ein zweites Mal an meinem sonnenbeschirmten Tisch vorbei. Ich wünschte ihr ganz im Stillen alles Gute.

© Yves Noir

Genau das ist es, was ich am Sprachsalz schätze; Auch wenn die Fixsterne der Literatur im Scheinwerferlicht auf der Bühne sitzen – am Morgen danach begegne ich ihnen im Frühstücksraum, auf einem Spaziergang am Inn, auf dem Stadtplatz mitten in Kufstein. Oder im Lift, kurz vor meinem Auschecken. Noch einmal Martin Piekar, der mich schon in den Wochen vor dem Festival mit seinem Prosadebüt „Vom Fällen eines Stammbaums“ überzeugte, ein Autor, der aber schon seit einem Jahrzehnt seinen ganz eigenen Weg als Lyriker geht. Ein Bär von einem Mann mit einem grossen Kämpferherz. Vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Robert Gernhard Preis und nominiert für den Aspekte-Literaturpreis, einem Preis, der anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2026 vergeben wird. Ein Autor, der mit Vehemenz für den Humor in der Literatur streitet. Einer der weiss, dass man im tiefen Wasser den sicheren Boden verlassen muss, um jene Freiheit zu erreichen, die einem zu neuen Ufern bringt. Einer der nicht will, dass der Schrecken übertüncht wird, der Störfaktor bleiben will, nicht zuletzt in seiner Arbeit als Lehrer, in der Vermittlung davon, was Dichtung sein kann; die Manifestation von Auseinandersetzung mit dem Leben. Im Gespräch auf der grossen Bühne des Theatersaals musste er sich wohl nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal mit dem Begriff von „Autobiographie“ und „Autofiktion“ auseinandersetzten, einer im Grunde unergibigen Diskussion, denn Erzählen ist immer Fiktion, selbst dann, wenn er wie in seinem Roman über die schwierige Geschichte seiner Familie und das ebenso schwierige Leben zusammen mit seiner pflegebedürftigen Mutter schreibt. Literatur ist sprachgewordene Auseinandersetzung, im besten Fall Sprachmusik, so wie in „Vom Fällen eines Stammbaums», erst recht in all den Szenen, in denen die Mutter mit polnischem Akzent zu ihrem Sohn spricht, Szenarien, die jenem Gernhard’schen Humor sehr nahe kommen.

© Yves Noir

„Sprachsalz“ als Gastgeber für Sprachdurchdrungene, Sprachbesessene im besten Sinne des Wortes. So wie der 1954 in Schaffhausen geborene Dichter, Romanautor, Essayist und Übersetzer Ralph Dutli, der zum einen mit seinem letzten Gedichtband „Alba“ und mit „Holundertraum“ einer Sammlung seiner 100 Lieblingsgedichte, von der Antike bis in die Gegenwart, Gedichte von Dante, Villon, Louise Labé und John Donne und weiter bis Rimbaud, Apollinaire, Chlebnikow, García Lorca und Brodsky – und Gedichte aus eigener Feder. Ein Buch, das aber eigentlich nur transportiert, ein Buch mit einem Schlüssel (QR-Code) zu seiner Stimme, zu raumfüllender Poesie, die Dutli gekonnt mit seiner Stimme auszufüllen weiss. Ob deutsch, französisch, italienisch oder russisch; Dutlis Stimme überzeugt selbst dann, wenn die Sprache bei mir nur eine Ahnung hinterlässt. Da schwelgt einer und bietet mir seine Kunst wie ein Geschenk an.

Nell Zink © Denis Moergenthaler

Ich bin den Oragniasator*innen von „Sprachsalz“ unsäglich dankbar für die drei in Sprache eingetauchten Tage, die mir das Salz fürs Leben geworden sind. All die anderen Autor*innen; Fernando Aramburu, einer der Grossen der Spanischen Literatur, Uta Köbernick, die mit Witz, Schalk und messerscharfem Kommentar überzeugte, Regina Hilber, eine reisende Poetin oder die in Deutschland lebende und in Kalifornien geborene Schriftstellerin Nell Zink, die abgrundtief über gesellschaftliche Schieflagen schreiben kann.

Ich bin mir bewusst, dass mein Rückblick auf die 24. Internationalen Tiroler Literaturtage in Kufstein unvollständig ist. Nichts desto trotz liebe ich, was dort passiert und freue mich auf die Jubelausgabe im Spätsommer 2027!

DANKE!

Beitragsbild © Denis Moergenthaler

Schweizer Buchpreis 2026, Die Nominierten #SchweizerBuchpreis 26/01

Sie sind da, die fünf Bücher, die fünf Namen. Mit Spannung erwartet, mit einem Gemisch von Zustimmung und Verwunderung zur Kenntnis genommen. Vier Frauen und ein Mann. Drei Namen, die ich auf meiner ganz persönlichen Liste hatte, zwei, die mich überraschen.

Die Auszeichnung ist mit insgesamt 42‘000 Franken dotiert. Der:die Preisträger:in erhält 30‘000 Franken; die vier anderen Finalist:innen erhalten jeweils 3‘000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 15. November 2026 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.

Die Begründung der Jury: Mit der diesjährigen Shortlist begeben wir uns auf die Suche. Die fünf nominierten Romane richten den Blick auf das Verborgene und schärfen unsere Wahrnehmung für das, was zu oft unsichtbar bleibt: eine Mutterschaft am Rande der Gesellschaft, die inneren Erschütterungen nach einem Erdbeben, Altersarmut und prekäre Arbeit, Kälte innerhalb einer Familie sowie Abhängigkeit und Ohnmacht in einer Liebesbeziehung.
Die Autorinnen und der Autor kreisen um die Fragen: Was erkennen wir? Und wie erinnern wir uns? Sie loten die Möglichkeiten des Erzählens ebenso aus wie jene des bewussten Nicht- Erzählens und nutzen souverän die Spielräume, die allein die Literatur bietet.
Die nominierten Werke zeigen nicht nur vielfältige Lebenswirklichkeiten auf, sondern auch die sprachliche und stilistische Bandbreite der Schweizer Gegenwartsliteratur.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht » (Rowohlt Verlag)
Lukas Bärfuss erzählt vom Aufwachsen mit einer Mutter, die sich selbst «Rabenmutter» nannte: eine Frau ohne Bildung, ohne Geld und ohne Perspektiven. Er landete als Halbwüchsiger auf der Strasse, der Mutter blieb im Alter kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Karibik. Im Rückblick wird diese persönliche Leidensgeschichte mit der Sozial- und Politikgeschichte der Schweiz verknüpft. Mit Wut und Wucht fragt Bärfuss, welchen Anteil gesellschaftliche und staatliche Verhältnisse an der Lebenssituation seiner Mutter hatten – und macht so aus einer Familiengeschichte eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen Verlag)
6. Februar 2023: In der Türkei und in Syrien hat die Erde gebebt. Die Ich-Erzählerin sitzt zu Hause und wartet auf Nachricht von ihren Verwandten und lässt gleichzeitig ihr Leben, das sie als Tochter einer türkischen Familie in  Deutschland gelebt hat, Revue passieren. Und da ist noch die Sehnsucht nach «Niemand», dem Mann, der sie verlassen hat und den sie nicht loslassen kann. In «Hauptsache kein Zeitgeist» entfaltet sich in 24 Stunden, gegliedert in 24 Gesänge, die Komplexität und Vielfalt der Gegenwart. Formal mutig und innovativ, umkreist die Erzählerin grosse Themen wie Migration und Feminismus, sucht Erklärungen in der Sozialphilosophie, denkt über die Beziehung zur Mutter nach und lernt schliesslich sich selbst neu kennen.

Yael Inokai «Die Auster» (Hanser Berlin Verlag)
Dr. Bronstett, der Geschäftsführer eines legendären Berliner Kaufhauses, wird ermordet aufgefunden. Die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch hat bereits alle Spuren beseitigt, als die Polizei am Tatort eintrifft. Schnell zeigt sich, dass in diesem Roman nicht die Aufklärung die Hauptsache ist, sondern der Mikrokosmos der Kaufhauswelt, den Yael Inokai mit leichter Hand entwirft. Es ist eine Welt, in der Glanz und Elend, Luxus und Armut aufeinandertreffen. Mit geschliffenen Dialogen und mit stilistischer Raffinesse entwickelt Inokai ein
Beziehungsgeflecht, in dessen Zentrum eine Person steht, die meistens unsichtbar und selten Romanheldin ist: die Reinigungskraft.

Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis» (Rowohlt Berlin Verlag)
Anna hat ihren Bruder seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Er lebt zurückgezogen in Grönland. Nach dem Tod der Eltern reist Anna zu ihm. Während sie in einem Hotel auf ihn wartet, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Ihre deutsche Mutter heiratete in den 50er-Jahren über die Grenze in die Schweiz, wo sie nicht willkommen war. Während die Familie vordergründig ein verschontes Leben lebt, hinterlassen der Krieg und seine Verwerfungen Spuren. Mit starken Bildern und sprachlicher Präzision verwebt die Autorin die überwältigenden Eindrücke
in Grönland mit den Nachkriegsjahren im Deutsch-Schweizer Grenzland zu einem grossen Familienroman.

Sarah Elena Müller «Unwucht» (Limmat Verlag)
Unendlich oft hat Alice gewartet, auf Rio, auf einen Anruf von ihm, auf ein Zeichen. Sie hatten sich im Kunststudium kennengelernt. Nun verliert er sich in kleinkriminellen Machenschaften und in seiner Drogensucht. Sie jobbt als Kellnerin, klammert sich an unfertige Liebeslieder und will nicht sehen, was die Freundinnen schon lange erkennen: Sie muss weg von ihm. Sieben Jahre später steht Alice vor Rios Tür und will nochmals mit ihm reden. Sie schreibt an einem Buch über die gemeinsame Zeit, um ihre Geschichte zu verstehen. Aber was kann man, was darf man erzählen? Mit sprachlicher Kraft und Witz erkundet die Autorin in «Unwucht» die Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung und die Verstrickungen einer heillosen Liebe.

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Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums», Rowohlt

Der preisgekrönte Dichter glänzt mit seinem Romandebüt, das bei der Lektüre in die Knochen fährt. Die Geschichte einer Mutter-Sohnbeziehung, die schmerzt. Ein Roman über Fremdsein, Abhängigkeit und Liebe. Die Geschichte jener, die sich in ihrer Verantwortung fast verlieren – und ein Buch über ein grosses Stück des 20. Jahrhunderts.

Marcim und seine Mutter leben in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer deutschen Stadt. Sie wuchs in Polen auf, floh zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland. Ihr Mann ging nach Polen zurück, als Marcim 4 war, überliess er die beiden sich selbst, Marcim und seine Mutter zusammen, sich selbst und dem andern ausgesetzt. Die Mutter trägt ein vielfaches Trauma in sich; jenes der Verlassenen, jenes der Heimatlosen, jenes ihrer Eltern; ihre Mutter, Marcims Grossmutter floh einst aus einem sowjetischen Gulag und ihr Vater war im gleichen Lager ehemaliger SS-Major, ein Nazi. Marcims Mutter arbeitete Jahrzehnte in deutschen Pflegeheimen, genau dort, wo sie selbst nie hinwollte, Marcim das Versprechen erzwang, sie niemals in eine solche Einrichtung zu stecken. Marcims Mutter war einst Lehrerin in Polen. Aber in Deutschland war ihre einzige Chance, Arbeit zu bekommen, die in einer Pflegeeinrichtung, dort, wo allerorten Personalmangel herrscht und Pflegende unter denkbar schlechten Bedingungen all das zu kompensieren versuchen, was eine überalterte Gesellschaft nicht in der Lage ist, würdig zu organisieren.

Die Fremdheit und die Heimat trage ich zugleich. Dieses Gefühl nenne ich Bastard.

Ich begleite lesend Marcim und seine Mutter in den Jahren, in denen Marcim sich immer mehr und drängender seiner Rolle als Sohn bewusst wird. Nicht nur jener eines jungen Mannes, der seiner Mutter, die von der Gesellschaft isoliert im Kleinkosmos einer engen Zweizimmerwohnung zu überleben versucht und der Mutter jenes Versprechen gegeben hat, auch jener einer immer älter und kränklicher werdenden Frau, die ihre Traumatas mit Alkohol und Nikotin auszuhalten versucht, die laut mit den Wänden spricht, die den Sohn zudeckt mit überschäumender Liebe und schäumender Wut. Und jene eines Sohnes, eines Jugendlichen, eines Mannes, der in Sohnespflichten fast erdrückt wird, der nach Atem schnappt und sich glücklicherweise in Musik und Poesie einen Rettungsring greifen kann, der ihn vor dem Ertrinken rettet. Die Mutter mit Wodka und Zigaretten, der Sohn mit Videospielen, New Metal und Gedichten, die er früh zu schreiben beginnt. Für die Mutter ist er die Rettung, seine Rettung ist das Schreiben, das Glück, schnell Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, nicht nur als Dichter, auch als Lehrer.

Je länger ich mich mit meinem Leben beschäftige, desto mehr merke ich, wie wichtig die Toten für mein Leben sind.

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums»; Rowohlt, 2026, 464 Seiten, ISBN 978-3-498-00746-1

Martin Piekar erzählt aus der beklemmend engen Welt einer Mutter-Sohnbeziehung, die unzweifelhaft viel autobiographisches in sich trägt. Darunter sind Szenen, die derart bildlich werden, dass die Lektüre schmerzt. Eine immer schwächer werdende Mutter, die mit ihrem Leben, ihren Vorfahren, ihrer Geschichte, ihrer Herkunft hadert. Die sich nicht ergeben will, die auf verlorenem Posten kämpft, der das Trauma von Flucht, Heimatlosigkeit, Verrat und Verlassenwerdens aus der Seele schreit. Die damit ihren Sohn an sich kettet und Übermenschliches abverlangt. So sehr die beiden aneinandergebunden sind, so sehr spricht Liebe und Fürsorge aus dem, was zwischendurch wie Gewitterstürme durch die kleine Wohnung fegt. So sehr die Mutter ihre Geschichte aus ihrem Leben zu verdrängen versucht und doch immer und immer wieder von ihr eingeholt und überwältigt wird, so sehr versucht die Erzählstimme sich eben jener Geschichte zu stellen. Nicht nur aus Liebe und Respekt seiner Mutter gegenüber, sondern in der Erkenntnis, dass die Erinnerung das Erlebte ausdünnt, dass er seiner Mutter nur so nahe bleiben kann, auch über den Tod hinaus, wenn er erzählt, wenn er schildert, wenn er protokolliert.

Ich putze mir die Zähne, dabei blicke ich in den Spiegel und denke, dass ich meinem Leben nur zuschauen kann.

„Vom Fällen eines Stammbaums“ ist vieles. In erster Linie eine Liebeserklärung an eine verlorene Mutter, ebenso die Suche eines Bastards nach seinen Wurzeln. Gegen den Willen seiner Mutter macht sich Marcim auf den Weg nach Polen, trotz der Warnungen seiner Mutter, man werde ihn dort mit Sicherheit abstechen. Marcim trifft nicht nur das, was an Familie übriggeblieben ist, sogar seinen Vater, er trifft auch auf ein Stück Geschichte seines Landes, seiner Herkunft, das ihm bisher verborgen blieb. Eine Reise, die ihm Gewissheit und Verständnis schenkt – und wahrscheinlich auch noch mehr Kraft, seine Mutter bis zu ihrem letzten Tag zu begleiten.

Ein ungemein starker, ehrlicher Roman, durchsetzt von Musik und der Stimme einer Mutter, die selbst in ihrem Sprechen eine Heimatlose geworden ist. Ein vielschichter Roman, der es schafft, das Emotionale nicht überschwappen zu lassen, ohne die Nähe zu den Protagonisten zu verlieren. Und ein äusserst mutiges Buch; eine Selbstvergewisserung, eine Suche, sein Fundament.

Interview

Marcin und seine Mutter leben fast 30 Jahre auf engstem Raum zusammen. Eine symbiotische Beziehung, die viel Katastrophenpotenzial mit sich brachte, die mit den Jahren nicht nur räumlich sondern auch körperlich in der Enge fast erstickte. Marcin rettete seine Mutter. Er rettete sich in der Musik und der Poesie. Ist das die Insel, auf die sich der Schriftsteller und Dichter Martin Piekar rettete? Wie schafft man es, dass man auch wieder von der Insel runterkommt? Durch das Schreiben selbst?

– ob ich meine Mutter rettete… das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe ihren Alkoholismus nicht kuriert, ihre Agoraphobie nicht. Gepflegt habe ich sie. Ich wünsche mir manchmal, ich hätte ihr durch ein noch schöneres Leben helfen können.
Das Schreiben selbst kann auch eine Insel sein, sie ist die Möglichkeit der gleichzeitigen Nähe und Distanz, Einsamkeit und Geborgenheit. Und ähnlich ist es auch in der Musik für mich. In manchen Songs fühle ich mich weniger allein. Manchmal braucht es Urlaub auf diesen Inseln. Das ist genauso eine Metapher wie keine. Der Mensch braucht auch den Urlaub, die Reise um mehr zu sich zu kommen. Deswegen mag ich auch Musik, die sehr emotional ist, chaotisch, wild, energetisch – die Musik ermöglicht es mir, mich emotional mehr auf mich einzulassen. Manchmal hab ich meine Lage erst durch die Musik besser verstanden. Lyrik und Lyrics sind nicht umsonst so verwandt und doch anders.Marcins Mutter redet mit den Wänden, manchmal leise, manchmal schreit sie. Marcins Mutter will und kann die Türen zum Flur nicht schliessen. Er bekommt alles mit; ihre Ausbrüche, ihr Saufen, ihr Hadern, ihr Flehen. Eine Kulisse, ein klaustrophobischer Schauplatz, der erdrückend sein könnte. Trotzdem schaffen sie es, dass ich Liebe lese, dass ich verstehen kann, dass gar Witz und Schalk aus den Szenen spricht. Gelang das von Beginn weg? War das ein Prozess?

Der Witz, der Schalk steckte im Leben meiner Mutter und steckt auch weiterhin in meinem. Humor ist eine mögliche Überlebensstrategie.
Lachen ist auch ein wunderschönes Geräusch der menschlichen Ausdrucksweise. D.h. ich finde, Menschen, die lachen, wunderschön.
Humor ist ein sehr wichtiges Mittel, weil es auch zeigt, wie ernst man Leben nimmt. Wer das Leben nehmen muss, wie es kommt, hat es leichter mit Lachen. Und damit verarbeitet man das Geschehen auch, es mag seltsam klingen aber Lachen verarbeitet direkt.
Die Welt ist manchmal irrwitzig. Und in diesem Irrsinn lachen zu können, gibt Kraft – es ist paradox, weil der Witz, den einer macht, der einem entgegenkommt, der passiert, lässt einen lachen, man entscheidet sich ja nicht, dass man etwas lustig findet – man lacht; in diesem Lachen, in der Vereinnahmung durch Humor, steckt etwas Befreiendes, der Ernst der Lage verschwindet nicht, aber die Ergriffenheit, in der man steckt, löst sich leicht.
Ganz viel des Humors ist einfach auch der Witz, der uns geholfen hat, unsere Gegenwart und Vergangenheit zu meistern. Sie lesen also direkt unseren Humor.

Marcins Mutter stirbt. Sie ist wohl stolz auf die Leistungen ihres schreibenden Sohnes, hat alles, jeden seiner Texte in Zeitschriften oder Anthologien in Kisten aufbewahrt. Wenn die Erzählstimme damit rechnete, seine Mutter würde den Text dereinst lesen, hätte sie die Liebe darin auch gelesen? 

Das weiß ich nicht. Und ich bin fein damit, es nie genau zu wissen. Es gibt in Beziehungen niemals diese völlige Klarheit, an die man sich manchmal klammern möchte.
Was ich weiß ist, meine Mutter hat viel von mir erwartet, mich gefordert, mich selten gelobt – aber vor anderen war sie immer stolz auf mich. Sie hat auch mit mir angegeben.
Ich hoffe, meine Mutter würde dieses Buch als Liebeserklärung verstehen, aber natürlich als eine kritische – ob dies so bei ihr ankäme, das weiß ich nicht.
Sie wollte auch Poetin sein, sie war es in ihrer Möglichkeit. Ich glaube, dass ich Poet geworden bin, hat sie an sich und mich glauben lassen. Ist durch diese internsive Auseinandersetzung Martin Piekar ein anderer geworden? Ist „Vom Fällen eines Stammbaums“ der literarische Prozess einer Abnabelung, eine Emanzipation? Sind sie durch diese schonungslose Ehrlichkeit in ihrem Text nicht noch dünnhäutiger geworden? Wie viel Risiko steckte in der Veröffentlichung dieses Romans?

Ich glaube, ich bin mir des Risikos immer noch nicht bewusst. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen, eine Stärke hervorbringt, die ich mit Hanteltraining nicht erreichen kann. Das was häufig Schonungslosigkeit im Kontext meines Romans genannt wird, ist mir auch wichtig – es bedeutet auch ehrlich mit sich zu sein. Das ist schon manchmal auch schmerzhaft; nur so bekomme ich auch eine Möglichkeit an mir zu arbeiten – ethisch, psychisch, persönlich. Mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin – und meine Mutter auch – ist auch relevant dafür gewesen, welcher Schriftsteller ich sein will.
Lustigerweise, wenn Sie von Abnabelung und Emanzipation sprechen – um dieses Buch zu schreiben, musste ich ja wieder in jene Situationen gehen, ihnen nachfühlen, sie mental rekonstruieren, sie literarisieren. Die Distanz kommt dadurch, dass ich bereitwillig bin durch all das Geschehene durchzugehen, bewusst, mit Witz und Emotion.

In der Rezeption und Diskussion ihres Buches dreht sich viel um die Begriffe „Autobiographie“ und „Autofiktion“, eine Diskussion, die mich mehr und mehr ärgert. Nicht zuletzt darum, weil es Schreibende von der Schriftstellerei in die Ecke der Fachleute drängt. Jetzt sind sie ein Fachmann in Sachen „Selfcare“, Alkoholismus, gesellschaftliche Isolation… Ist dass nicht ein krasser Gegensatz zu ihrem Wahrgenommenwerden als Dichter und Poet?

Die Aufgabe eines Dichters ist meiner Ansicht nach die Welt und Aspekte ihrer durch neue Perspektiven und Sprache anders begreifbar zu machen. Dafür braucht es Fachkenntnis. Ob es Alkoholismus ist oder Botanik oder Doomscrolling. Ich glaube Dichter*innen müssen auch immer Fachleute werden. Recherche ist enorm wichtig, ebenso Phantasie.
Und Literatur kann andere Zugänge zu Themen schaffen als wissenschaftliche Sachbücher. Ich möchte das nicht gegeneinander stellen. Es ist mehr wie diverse Perspektiven auf Themen. Ich hatte schon viele Erkenntnisse durch Literatur. Ob ich erzählen kann, wie Sucht sich auf eine Eltern-Kind Beziehung auswirkt? – Ja. Ob ich klinische Entscheidungen bezüglich Entzugsprogrammen treffen sollte? – Nein.
Aber auch für mich als Historiker ist das so. Ich kenne mich sehr gut mit Kultur- und der Geistesgeschichte Europas aus – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wenn mich dann jemand zur antiken Architektur fragt, habe ich kaum Ahnung. Auch Fachleute sehen die Welt wie einen Käse – nur jeder sieht andere Löcher in der eigenen Kenntnis.

In „Vom Fällen eines Stammbaums“ räumen sie auf – bis ganz zuletzt, als sie auf dem letzten Stuhl in der leeren Wohnung ihrer Mutter sitzen. Haben sie ausgeräumt? Ist alles leer? Brauchte es dieses Buch, um erst recht durchzustarten? Eine Selbstvergewisserung?

Ich hoffe natürlich, dass dieses Buch gebraucht wird – auch von anderen Menschen als nur von mir. Dabei bin ich immer unsicher. Ich will Literatur machen, die nicht nur wichtig für mich ist. Da gibt es nicht so viel Gewissheit, der Zweifel schreibt immer mit.
Das Ausräumen war eher mental wichtig – aber auch eine Herausforderung. Das wollte ich literarisch darstellen. Die körperliche Anstrengung und auch die mentale Kraft, die notwendig ist, um so viele Gegenstände, die das Leben eines geliebten Menschen ausmachten, auszusortieren. – lustigerweise verkörpern manche Gegenstände ihre Menschen.
Die Wohnung des Aufwachsens zu leeren und abzugeben, fiel mir schwer. Ebenso war der Gedanke, dort dann einzuziehen, kurz da, aber dann schien es mir zu sehr ein Festhalten an der Vergangenheit zu sein. Die Vergangenheit ist immer in mir, ich bin ihre Manifestation. Aber es war ein Abschiednehmen, das mir wichtig war. Dieser Abschnitt meines Lebens war nun vorbei. Auch für das Vorbeisein, muss ich mich vorbereiten. Die Erschöpfung des Ausmistens war geradezu heilsam, nicht unbedingt angenehm.

Martin Piekar ist Gast an den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus, ist Schriftsteller, Lyriker, Lehrer und bringt seine Texte ebenso gerne auf die Bühne wie aufs Papier. Er veröffentlichte drei Lyrikbände: «Bastardecho» (2014), «Amokpervers» (2018) und zuletzt «Livestream & Leichen» (2023). Bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde er mit dem Kelag-Preis und dem BKS Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Für das Manuskript seines Debütromans erhielt er 2024 den Robert-Gernhardt-Preis und wurde 2025 für den Alfred Döblin-Preis nominiert. Martin Piekar lebt in Frankfurt am Main.  

Beitragsbild © Charlotte Werndt (Autorenfoto) & Martin Piekar

Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht», Rowohlt

Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.

Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.

Eine Mutter ist, was man nicht loswird.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.

Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.

Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.

Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.

Ich war ein Problem.

Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!

Lukas Bärfuss tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».

mehr über und von Lukas Bärfuss auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Lea Meienberg

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt

Vielstimmig und empathisch: Lena Goreliks Roman «Alle meine Mütter» wagt eine konsequente Offenheit, die dem Thema Mutterschaft ja so guttut.

Es ist immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz
Gastrezension: Hannah Matter wurde 2003 in Basel geboren. Sie studiert Deutsche Philologie und Geschichte an der Universität Basel. 

Schon auf den ersten Seiten des Romans legt die Erzählerin ihre Karten offen auf den Tisch: Über den Text, den sie nun schreiben wird, weiss sie nur, «dass er Mütter versammeln soll und Nicht-Mütter, uns alle irgendwie, unsere Kinder, wie die Kinder, die wir nicht haben». Diese Offenheit ist programmatisch – und sie ist ehrlich. 

Hier sind sie also, alle ihre Mütter: Maschutka, die im sowjetischen Wartezimmer sitzt, um ihr Kind abzutreiben, als eine Kakerlake an ihr vorbeihuscht. Yara, die auch noch nach Jahren an den Fast-Badeunfall ihres Kindes zurückdenkt. Kurz ist sie als Frau sitzen geblieben, anstatt als Mutter Kian zum Pool zu folgen. Eine Geschichte, die für die anderen keine ist – sie ging schliesslich gut aus. Oder Jules, «ungewollt kinderlos», die sich tieftraurig durch die sozialen Medien scrollt und junge Familien bei ihren chaotischen Morgenritualen begleitet. Und Julia, die mit 17 das befreiende Wörtchen niemals sagt. Niemals möchte sie Kinder haben.  

«Alle meine Mütter» ist kein geradliniger Roman, das würde man bei Lena Gorelik auch nicht erwarten. Mosaikartig reiht sie eine Episode an die andere. Immer wieder schaltet sich ein Ich ein, das das Erzählte unterbricht, hinterfragt, öffnet: «Wie schreibe ich, ohne zu verletzen?» Etwa, wenn von Müttern die Rede ist, die unfreiwillig zu Expertinnen von Gendefekten und Nachteilsausgleichen werden. Die wissen, ihr Kind braucht sie besonders, vielleicht für immer.  

Dieses Ich hat keinen Namen, dürfte aber Lena Goreliks Ich sehr nahe sein. Es weiss, dass es sich selbst und die eigene Mutter nicht ausklammern kann, und so schiebt sich diese Mutter-Tochter-Geschichte zwischen die anderen Frauen, in einer Intimität und Ausführlichkeit, die sich Gorelik nur hier erlaubt.

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt, 272 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN: 978-3-498-00762-1

Das Verhältnis der beiden ist innig, auch wenn die Mutter Anne wenig von sich erzählt. Es ist eine Innigkeit, die die Erzählerin in der Vergangenheit manchmal fast erstickte und der sie bis heute ambivalent gegenübersteht: Fürchtet sie sich, nur Tochter zu sein, für immer ein Wir mit der Mutter – oder ist es, im Gegenteil, die Distanz, die trotz allem zwischen ihnen besteht? Und was wäre, wenn sie die eigene Mutter jenseits dieser Rolle kennenlernen könnte?

Erst als Anne krank wird, wird diese zu einem «eigenen Menschen, mit eigenen Schmerzen», die nichts mit ihrer Tochter zu tun haben.

Schmerz und Liebe liegen in dieser und den anderen Geschichten stets nahe beieinander. Einmal überlegt die Erzählerin, das soeben Geschriebene wieder zu löschen – es sei „immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz“. Glücklicherweise lässt sie es stehen.

Was die verschiedenen Episoden auch verbindet, ist die Erkenntnis, dass Muttersein nie im luftleeren Raum geschieht. So ist die Beziehung der Erzählerin zu ihrer Mutter durch die Migration der Familie geprägt. Dem Kind wurde früh bewusst, dass die Mutter nicht alles ist, nicht alles kann. Zum Beispiel kein Schwäbisch. 

Auch vielgehörte Weisheiten wirken auf das Muttersein ein: Mütter machen Milch mit Honig, vergessen Geburtsschmerzen, wissen instinktiv, was ihr Kind braucht. Mütter haben bereits die «grau verschmierten Umrisse auf dem Ultraschallbild zu lieben». Sie sind auch immer schuld. 

Vielstimmig erzählt Gorelik, wie Mutterschaft sein kann, mit und entgegen diesen Erwartungen. «Ich wollte über die gesellschaftlichen Bilder schreiben, die mir immer wieder begegnen», sagte die Autorin in einem Interview. Es ist spürbar, dass das Thema vor den einzelnen Geschichten da war. Sorgfältig geht sie alle durch, diese Mütter. Eine Aufgabe, die in Zeiten von Pro-Life und Tradwives besonders dringlich scheint.

Manchmal allerdings wirkt die Erzählung schwerfällig. Die Erzählerin reflektiert,  zweifelt, bricht wieder ab. Etwas mehr Vertrauen, dass die Leser*innen mitdenken und nicht alles ausbuchstabiert bekommen müssen, hätte dem Roman stellenweise gutgetan. 

Und doch: Es sind genau diese vielen Fragen und die offene Erzählform, die eine authentische Auseinandersetzung ermöglichen und verhindern, dass Mütter festgeschrieben werden. Mit grosser Empathie gelingt es Gorelik, viele von ihnen darzustellen und ernst zu nehmen. Viel Liebe und Schmerz steckt darin. Es ist kein leichtes Buch, aber das möchte es auch nicht sein.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman «Wer wir sind» und wurde begeistert besprochen. Regel­mässig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit. 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, 2026 mit dem Preis der Literaturhäuser. 

Beitragsbild © Thomas Dashuber

Meine Mutter war eine schwarze Sonne – zu «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss (29)

Kein Mensch ist eine Insel, aber die Mutter-Kind-Beziehung macht aus zwei Menschen ein einsames, anderen Menschen unzulängliches Archipel. Es gibt keine Fähre, keine Freiheit.

Lieber Bär

Du hast mir geschrieben, dass du den neuen Bärfuss gelesen hast. Ich bin neugierig auf deine Leseeindrücke, was mit dir während des Lesens passiert ist, wie gross der Nachhall des Buches ist. Zumal Lukas Bärfuss mit dem Buch einiges riskiert hat, nicht zuletzt die Festigung seines Nimbus, das Bild von einem, der es „trotz allem geschafft hat“, eines Literaten, Denkers und Gesellschaftskritikers, der nicht aus den Grossküchen des Kultur- und Bildungswesens entsprang.

Eine Mutter haben wir alle. Auch dann, wenn sie nicht mehr lebt. Auch dann, wenn wir nicht geliebt wurden. Auch dann, wenn man alleine gelassen wurde. Erst recht dann, wenn sie uns über ihren Tod hinaus nicht loslässt. Warum schreibt Lukas Bärfuss über seine Mutter? Nur weil da schon ein Vater- und ein Bruderbuch ist? Lukas Bärfuss hat eine Mutter, hat sie noch immer, so wie jeder eine Mutter hat, die man mit sich trägt, ob im Guten oder im Schlechten, über den Tod hinaus. Mütter lassen sich nicht abstreifen, nicht einmal Väter. Nicht nur weil sie sich genetisch eingeschrieben haben, nicht nur, weil wir wissen, dass wir viel von ihnen in uns weitertragen, nicht nur weil es mich nicht ohne sie gibt, sondern weil sie mit ihrem Tun und Lassen unser Leben beeinflussen. Eine einstige Liebe lässt sich auslöschen, bis zur Verleumdung. Eine Mutter nie.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne, ein unsichtbares Gestirn, das mich aus grosser Ferne in einer seltsamen Bahn hielt. Sie hatte mich geprägt; und wie ein Stempel definiert ist durch das, was aus der Vorlage geschnitten wurde, war alles, was ich tat und schrieb und dachte, gezeichnet von ihrem Fehlen.

Lukas Bärfuss hat das Buch nicht geschrieben, um sich vor aller Augen an ihr abzuarbeiten. „Königin der Nacht“ ist kein Roman, auch keine Fiktion, aber auch kein Stück Autobiographie. Lukas Bärfuss schreibt über seine Mutter, nur dann über sich selbst, wenn er damit auch von seiner Mutter erzählt. Es ist kein Abarbeiten, keine Abrechnung und schon gar keine Anklage, sondern das Porträt jener Frau, die ihn geboren, aber nie gewollt hat, die stolz auf ihn sein konnte und ihn trotzdem nie zu lieben vermochte. Lukas Bärfuss ist mittlerweile selber Vater. Und ganz offensichtlich zwang ihn vieles, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Warum war seine Mutter jene Frau, die sie geworden war? Warum zementierte die Gesellschaft ihre Randständigkeit? Warum dieser Drang seiner Mutter, sich nicht binden, nicht festlegen zu wollen? Warum scheint es in unserer Gesellschaft, in der reichen Schweiz noch immer Fallgruben zu geben, in denen all jene abzustürzen drohen, die in kein Muster passen?

Ein faszinierend ehrliches Buch. Ein Buch, das zum Nachdenken zwingt.

Liebe Grüsse

Gallus

***

Lieber Gallus

Was für ein Buch! Nach der Lektüre bin ich aufgewühlt, erstaunt und betroffen. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Es ist ein sehr persönliches Buch mit vielen Fragen und Gesellschaftskritik. Es regt an zu Diskussionen über unsere Prägung durch unsere Mütter, aber auch, wie Gesellschaft und Politik Muttersein fördern oder beeinträchtigen.

Wir bezahlten einen Preis für dieses Überleben in einer eugenischen Gesellschaft, die uns an der Produktivität mass, nicht an Gefühlen, nicht an der Liebe, nicht an der Tiefe unserer Verbindung.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Ohne Selbstmitleid und ohne Anklage erzählt Lukas Bärfuss, wie er mit 15 Jahren von der Mutter auf die Strasse gestellt wurde. Er hat sich damals in Armut und unter schwierigen Umständen behauptet, sich im Selbststudium gebildet und ist ein bedeutender Schriftsteller geworden. Er ist versöhnt mit seinem Schicksal und ohne Groll gegen seine Mutter.

Seine Mutter hatte weder Geld noch Bildung, um sich aus der existentiellen Not herauszuschaffen, aber Selbstbewusstsein und Stolz. Sie gehörte zu einer Schicht mit Wurzeln im fahrenden Volk, das damals zusammen mit psychisch Kranken und anderweitig Beeinträchtigten als Unwerte galt. Das zeigte sich auch, als ausgerechnet Auguste Forel, Psychiater und Forscher, mit einer Ameise auf der damaligen Tausender Note erschien, der folgendes sagte: In unserer eigenen arischen Rasse sind die Individuen ausserordentlich verschieden, und zwar nicht nur, wie vielfach geglaubt wird, infolge ihrer Erziehung, sondern vor allem in Bezug auf ihre erblichen Anlagen… Mit solchen Ideen im Kopf kam Forel auf die Idee, jene Unwerten zu hindern, Kinder zu zeugen… Die sexuelle Energie als soziale Gefahr.

Dieses authentische Buch wird mich weiter beschäftigen: Was prägt uns? Welche Rollen spielen Mütter, welche die Erziehung, welche gesellschaftlich bestimmte Normen? Welche anderen Faktoren beeinflussen uns, dass wir werden, was uns ausmacht.

Ich bin Lukas Bärfuss für seine Offenheit und seinen Mut sehr dankbar und wünsche der «Königin der Nacht» eine grosse Leserschaft.

Herzlich

Bär

© Stefano de Marchi

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun (Schweiz), ist Dramatiker und Romancier, Essayist und Dramaturg. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. 2003 wurde er für «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» als bester Nachwuchsdramatiker ausgezeichnet und bekam 2005 den Mülheimer Dramatikerpreis für «Der Bus». Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Berliner Literaturpreis (2013), den Schweizer Buchpreis (für «Koala», 2014), den Nicolas-Born-Preis (2015). Mit «Hagard» stand er 2017 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. 2019 wurde Lukas Bärfuss mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet. 2019 erschien «Malinois. Erzählungen», 2021 der Essayband «Die Krone der Schöpfung». Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich.