Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht», Rowohlt

Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.

Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.

Eine Mutter ist, was man nicht loswird.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.

Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.

Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.

Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.

Ich war ein Problem.

Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!

Lukas Bärfuss tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».

mehr über und von Lukas Bärfuss auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Lea Meienberg

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt

Vielstimmig und empathisch: Lena Goreliks Roman «Alle meine Mütter» wagt eine konsequente Offenheit, die dem Thema Mutterschaft ja so guttut.

Es ist immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz
Gastrezension: Hannah Matter wurde 2003 in Basel geboren. Sie studiert Deutsche Philologie und Geschichte an der Universität Basel. 

Schon auf den ersten Seiten des Romans legt die Erzählerin ihre Karten offen auf den Tisch: Über den Text, den sie nun schreiben wird, weiss sie nur, «dass er Mütter versammeln soll und Nicht-Mütter, uns alle irgendwie, unsere Kinder, wie die Kinder, die wir nicht haben». Diese Offenheit ist programmatisch – und sie ist ehrlich. 

Hier sind sie also, alle ihre Mütter: Maschutka, die im sowjetischen Wartezimmer sitzt, um ihr Kind abzutreiben, als eine Kakerlake an ihr vorbeihuscht. Yara, die auch noch nach Jahren an den Fast-Badeunfall ihres Kindes zurückdenkt. Kurz ist sie als Frau sitzen geblieben, anstatt als Mutter Kian zum Pool zu folgen. Eine Geschichte, die für die anderen keine ist – sie ging schliesslich gut aus. Oder Jules, «ungewollt kinderlos», die sich tieftraurig durch die sozialen Medien scrollt und junge Familien bei ihren chaotischen Morgenritualen begleitet. Und Julia, die mit 17 das befreiende Wörtchen niemals sagt. Niemals möchte sie Kinder haben.  

«Alle meine Mütter» ist kein geradliniger Roman, das würde man bei Lena Gorelik auch nicht erwarten. Mosaikartig reiht sie eine Episode an die andere. Immer wieder schaltet sich ein Ich ein, das das Erzählte unterbricht, hinterfragt, öffnet: «Wie schreibe ich, ohne zu verletzen?» Etwa, wenn von Müttern die Rede ist, die unfreiwillig zu Expertinnen von Gendefekten und Nachteilsausgleichen werden. Die wissen, ihr Kind braucht sie besonders, vielleicht für immer.  

Dieses Ich hat keinen Namen, dürfte aber Lena Goreliks Ich sehr nahe sein. Es weiss, dass es sich selbst und die eigene Mutter nicht ausklammern kann, und so schiebt sich diese Mutter-Tochter-Geschichte zwischen die anderen Frauen, in einer Intimität und Ausführlichkeit, die sich Gorelik nur hier erlaubt.

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt, 272 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN: 978-3-498-00762-1

Das Verhältnis der beiden ist innig, auch wenn die Mutter Anne wenig von sich erzählt. Es ist eine Innigkeit, die die Erzählerin in der Vergangenheit manchmal fast erstickte und der sie bis heute ambivalent gegenübersteht: Fürchtet sie sich, nur Tochter zu sein, für immer ein Wir mit der Mutter – oder ist es, im Gegenteil, die Distanz, die trotz allem zwischen ihnen besteht? Und was wäre, wenn sie die eigene Mutter jenseits dieser Rolle kennenlernen könnte?

Erst als Anne krank wird, wird diese zu einem «eigenen Menschen, mit eigenen Schmerzen», die nichts mit ihrer Tochter zu tun haben.

Schmerz und Liebe liegen in dieser und den anderen Geschichten stets nahe beieinander. Einmal überlegt die Erzählerin, das soeben Geschriebene wieder zu löschen – es sei „immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz“. Glücklicherweise lässt sie es stehen.

Was die verschiedenen Episoden auch verbindet, ist die Erkenntnis, dass Muttersein nie im luftleeren Raum geschieht. So ist die Beziehung der Erzählerin zu ihrer Mutter durch die Migration der Familie geprägt. Dem Kind wurde früh bewusst, dass die Mutter nicht alles ist, nicht alles kann. Zum Beispiel kein Schwäbisch. 

Auch vielgehörte Weisheiten wirken auf das Muttersein ein: Mütter machen Milch mit Honig, vergessen Geburtsschmerzen, wissen instinktiv, was ihr Kind braucht. Mütter haben bereits die «grau verschmierten Umrisse auf dem Ultraschallbild zu lieben». Sie sind auch immer schuld. 

Vielstimmig erzählt Gorelik, wie Mutterschaft sein kann, mit und entgegen diesen Erwartungen. «Ich wollte über die gesellschaftlichen Bilder schreiben, die mir immer wieder begegnen», sagte die Autorin in einem Interview. Es ist spürbar, dass das Thema vor den einzelnen Geschichten da war. Sorgfältig geht sie alle durch, diese Mütter. Eine Aufgabe, die in Zeiten von Pro-Life und Tradwives besonders dringlich scheint.

Manchmal allerdings wirkt die Erzählung schwerfällig. Die Erzählerin reflektiert,  zweifelt, bricht wieder ab. Etwas mehr Vertrauen, dass die Leser*innen mitdenken und nicht alles ausbuchstabiert bekommen müssen, hätte dem Roman stellenweise gutgetan. 

Und doch: Es sind genau diese vielen Fragen und die offene Erzählform, die eine authentische Auseinandersetzung ermöglichen und verhindern, dass Mütter festgeschrieben werden. Mit grosser Empathie gelingt es Gorelik, viele von ihnen darzustellen und ernst zu nehmen. Viel Liebe und Schmerz steckt darin. Es ist kein leichtes Buch, aber das möchte es auch nicht sein.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman «Wer wir sind» und wurde begeistert besprochen. Regel­mässig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit. 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, 2026 mit dem Preis der Literaturhäuser

Beitragsbild © Thomas Dashuber

Meine Mutter war eine schwarze Sonne – zu «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss (29)

Kein Mensch ist eine Insel, aber die Mutter-Kind-Beziehung macht aus zwei Menschen ein einsames, anderen Menschen unzulängliches Archipel. Es gibt keine Fähre, keine Freiheit.

Lieber Bär

Du hast mir geschrieben, dass du den neuen Bärfuss gelesen hast. Ich bin neugierig auf deine Leseeindrücke, was mit dir während des Lesens passiert ist, wie gross der Nachhall des Buches ist. Zumal Lukas Bärfuss mit dem Buch einiges riskiert hat, nicht zuletzt die Festigung seines Nimbus, das Bild von einem, der es „trotz allem geschafft hat“, eines Literaten, Denkers und Gesellschaftskritikers, der nicht aus den Grossküchen des Kultur- und Bildungswesens entsprang.

Eine Mutter haben wir alle. Auch dann, wenn sie nicht mehr lebt. Auch dann, wenn wir nicht geliebt wurden. Auch dann, wenn man alleine gelassen wurde. Erst recht dann, wenn sie uns über ihren Tod hinaus nicht loslässt. Warum schreibt Lukas Bärfuss über seine Mutter? Nur weil da schon ein Vater- und ein Bruderbuch ist? Lukas Bärfuss hat eine Mutter, hat sie noch immer, so wie jeder eine Mutter hat, die man mit sich trägt, ob im Guten oder im Schlechten, über den Tod hinaus. Mütter lassen sich nicht abstreifen, nicht einmal Väter. Nicht nur weil sie sich genetisch eingeschrieben haben, nicht nur, weil wir wissen, dass wir viel von ihnen in uns weitertragen, nicht nur weil es mich nicht ohne sie gibt, sondern weil sie mit ihrem Tun und Lassen unser Leben beeinflussen. Eine einstige Liebe lässt sich auslöschen, bis zur Verleumdung. Eine Mutter nie.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne, ein unsichtbares Gestirn, das mich aus grosser Ferne in einer seltsamen Bahn hielt. Sie hatte mich geprägt; und wie ein Stempel definiert ist durch das, was aus der Vorlage geschnitten wurde, war alles, was ich tat und schrieb und dachte, gezeichnet von ihrem Fehlen.

Lukas Bärfuss hat das Buch nicht geschrieben, um sich vor aller Augen an ihr abzuarbeiten. „Königin der Nacht“ ist kein Roman, auch keine Fiktion, aber auch kein Stück Autobiographie. Lukas Bärfuss schreibt über seine Mutter, nur dann über sich selbst, wenn er damit auch von seiner Mutter erzählt. Es ist kein Abarbeiten, keine Abrechnung und schon gar keine Anklage, sondern das Porträt jener Frau, die ihn geboren, aber nie gewollt hat, die stolz auf ihn sein konnte und ihn trotzdem nie zu lieben vermochte. Lukas Bärfuss ist mittlerweile selber Vater. Und ganz offensichtlich zwang ihn vieles, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Warum war seine Mutter jene Frau, die sie geworden war? Warum zementierte die Gesellschaft ihre Randständigkeit? Warum dieser Drang seiner Mutter, sich nicht binden, nicht festlegen zu wollen? Warum scheint es in unserer Gesellschaft, in der reichen Schweiz noch immer Fallgruben zu geben, in denen all jene abzustürzen drohen, die in kein Muster passen?

Ein faszinierend ehrliches Buch. Ein Buch, das zum Nachdenken zwingt.

Liebe Grüsse

Gallus

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Lieber Gallus

Was für ein Buch! Nach der Lektüre bin ich aufgewühlt, erstaunt und betroffen. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Es ist ein sehr persönliches Buch mit vielen Fragen und Gesellschaftskritik. Es regt an zu Diskussionen über unsere Prägung durch unsere Mütter, aber auch, wie Gesellschaft und Politik Muttersein fördern oder beeinträchtigen.

Wir bezahlten einen Preis für dieses Überleben in einer eugenischen Gesellschaft, die uns an der Produktivität mass, nicht an Gefühlen, nicht an der Liebe, nicht an der Tiefe unserer Verbindung.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Ohne Selbstmitleid und ohne Anklage erzählt Lukas Bärfuss, wie er mit 15 Jahren von der Mutter auf die Strasse gestellt wurde. Er hat sich damals in Armut und unter schwierigen Umständen behauptet, sich im Selbststudium gebildet und ist ein bedeutender Schriftsteller geworden. Er ist versöhnt mit seinem Schicksal und ohne Groll gegen seine Mutter.

Seine Mutter hatte weder Geld noch Bildung, um sich aus der existentiellen Not herauszuschaffen, aber Selbstbewusstsein und Stolz. Sie gehörte zu einer Schicht mit Wurzeln im fahrenden Volk, das damals zusammen mit psychisch Kranken und anderweitig Beeinträchtigten als Unwerte galt. Das zeigte sich auch, als ausgerechnet Auguste Forel, Psychiater und Forscher, mit einer Ameise auf der damaligen Tausender Note erschien, der folgendes sagte: In unserer eigenen arischen Rasse sind die Individuen ausserordentlich verschieden, und zwar nicht nur, wie vielfach geglaubt wird, infolge ihrer Erziehung, sondern vor allem in Bezug auf ihre erblichen Anlagen… Mit solchen Ideen im Kopf kam Forel auf die Idee, jene Unwerten zu hindern, Kinder zu zeugen… Die sexuelle Energie als soziale Gefahr.

Dieses authentische Buch wird mich weiter beschäftigen: Was prägt uns? Welche Rollen spielen Mütter, welche die Erziehung, welche gesellschaftlich bestimmte Normen? Welche anderen Faktoren beeinflussen uns, dass wir werden, was uns ausmacht.

Ich bin Lukas Bärfuss für seine Offenheit und seinen Mut sehr dankbar und wünsche der «Königin der Nacht» eine grosse Leserschaft.

Herzlich

Bär

© Stefano de Marchi

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun (Schweiz), ist Dramatiker und Romancier, Essayist und Dramaturg. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. 2003 wurde er für «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» als bester Nachwuchsdramatiker ausgezeichnet und bekam 2005 den Mülheimer Dramatikerpreis für «Der Bus». Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Berliner Literaturpreis (2013), den Schweizer Buchpreis (für «Koala», 2014), den Nicolas-Born-Preis (2015). Mit «Hagard» stand er 2017 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. 2019 wurde Lukas Bärfuss mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet. 2019 erschien «Malinois. Erzählungen», 2021 der Essayband «Die Krone der Schöpfung». Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich.

Catalin Dorian Florescu «Matei entdeckt die Freiheit», Rowohlt

Catalin Dorian Florescu schreibt sich mit seinem neuen Ramon einmal mehr in sein grosses Thema hinein; die Freiheit. Wenig erstaunlich, denn Florescu stammt aus einem Land, dass die Freiheit jehrzehntelang mit Füssen trat und es bis in die Gegenwart nicht schafft, jene dunkle Zeit der Diktatur und ihre Folgen aufzuarbeiten.

Rumänien geriet schon während des 2. Weltkriegs zwischen die Fronten, nach dem Ende des Krieges unter sowjetischen Einfluss und nach einer kurzen Phase politischen Aufbruchs, während des ungarischen Aufstands 1956 ab 1965 in den Würgegriff des Autokraten Nicolae Ceaușescu, der erst Ende 1989, im Strudel der Wende und des beginnenden Zerfalls der Sowjetunion nach einem Schnellprozess zusammen mit seiner Frau erschossen wurde. Nicolae Ceaușescu war weg, aber es dauerte noch Jahre, bis heute, dass sich Rumänien nicht von den Folgen dieser Zeit erholen konnte. Eine Erholung, die nur erfolgreich sein kann, wenn eine Gesellschaft sich aktiv mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Von Aufarbeitung und einem echten Neubeginn keine Spur.

Was wissen wir schon über die Freiheit? Dafür sind wir nicht geboren.

Florescu versucht genau dies, zumindest literarisch. Matei sehnt sich nach Freiheit, ein ganzes Leben, schnuppert daran, um sich aber in seiner Sehnsucht nach Rache in ein neues Eingesperrtsein zu schicken. Matei gerät in seiner Sehnsucht nach sprachlicher Entfaltung, nach Wahrhaftigkeit in seiner Sprache, im Mut, seine Stimme zu erheben in die Mühlen der Diktatur. Er, der in der Sprache seine Heimat sucht, wird weggesperrt, zusammen mit vielen anderen auf einen langen Marsch Richtung Donaudelta geschickt, wo sie in einem Gefangenenlager in totaler Abgeschiedenheit und Isolation für etwas bestraft werden sollen, was aus heutiger Sicht zu den selbstverständlichsten Menschenrechten gehört; das Recht auf ein Leben in Freiheit, freie Meinungsäusserung und Anspruch auf ein faires Rechtssystem. Nach Jahren im Lager, nach Folter, Entbehrung und dem Verlust vieler Freundschaften kommt Matei wieder frei. Nicht weil er Wiedergutmachung oder Gerechtigkeit erfährt, sondern weil der totalitäre Staat Lager wie diese nicht mehr braucht. Längst ist das ganze Land mit Hilfe von Überwachung, Angst und Denunziation zu einem riesigen Arbeitslager geworden, in dem eine Elite profitiert und die Masse dafür zu bluten hat.

Wir standen ohne Gebrauchsanweisung für die Freiheit da.

Catalin Dorian Florescu «Mateo entdeckt die Freiheit», Rowohlt, 2026, 288 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-7371-0240-7

Obwohl Matei im Lager Menschlichkeit erfährt und nie die Sehnsucht nach Freiheit verliert, ihn nach dem Lager die Witwe eines Lagerfreundes in ihrem Haus aufnimmt und eine Arbeit als Sargmacher vermittelt, ergibt er sich für Jahre seiner Schwermut, verkündet, er wolle sterben. Bis er in der Stadt, in der er sich mit seinem Leben abmüht, seinen ehemaligen Peiniger, den Folterer wiedersieht und den Plan fasst, sich an dem Mann zu rächen. Einem Mann, der in der scheinbar neuen Zeit unbehelligt sein Leben weiterführen kann. Für Matei, der mit Monica eine neue Familie gefunden hat, eine Enkelin, die ihn Grossvater nennt, ist es nicht die Liebe, die ihn zu neuem Leben weckt, sondern die Sehnsucht sich für all den Schmerz, allen Verlust zu rächen. Jener Verhöroffizier, dem er nachzustellen beginnt, wird Stellvertreter für ein System, das seine Seele unheilbar vergiftet hat. Matei riskiert alles.

Ich hätte Schriftsteller werden können oder irgendetwas anderes, ich wäre glücklich gewesen, ich hätte einen gesunden Körper haben können, ich hätte bei meinem Vater sein können, als er starb, und noch vieles mehr.

Es ist nicht nur die Geschichte, die mich durch dieses Buch zieht, sondern die Intensität ihres Erzähltons. Florescu ist ein Meister der Stimmung. Er formt seine Figuren nicht durch fotographische Zeichnung, sondern durch ihre Inszenierung, ihre Einbettung ins Geschehen, ihre Emotionalität, die Farbintensität der über viele Strecken epischen Bilder. Florescu malt mit seiner ganz eigenen Sprache, lässt mich mitleiden, ohne auf Emotionalität zu drücken. Da schreibt einer, der mich davon überzeugen will, dass des Menschen grösste Gefahr der Mensch selber ist. In einer Gegenwart, die in globalen Gewaltexzessen zu versinken droht, wiederholt sich in Permaschleife immer und immer wieder, was zur grössten Bedrohung der Menschheit wird, was letztlich gar nichts mit Freiheit zu tun hat. Matei entdeckt die Freiheit dort, wo er am weitesten davon entfernt scheint und verliert sie dort für immer, wo ihn die Liebe retten will.

„Matei entdeckt die Freitheit“ ist ein grossartiges Buch. Ein Epos in ganz eigener Färbung!

Catalin Dorian Florescu ist 1967 in Rumänien geboren und hat seine Kindheit in der kommunistischen Diktatur verbracht. 1982 schaffte es die Familie, sich in den Westen abzusetzen. Seitdem wohnt der Autor in Zürich, wo er Psychologie studierte. Für mehrere Jahre arbeitete er im Bereich der Drogenabhängigkeit und liess sich in Gestalttherapie ausbilden. Seit Dezember 2001 lebt er als freier Schriftsteller. Im Jahr 2019 war er als «literarischer Matrose» auf der Donau unterwegs. Seit einem Jahr arbeitet er wieder therapeutisch. Er hat u.a. sieben Romane geschrieben – Schweizer Buchpreis 2011, Anna Seghers-, Josef von Eichendorff- und Andreas Gryphius-Literaturpreis. In Rumänien wurde ihm die Kavaliersmedaille für kulturelle Verdienste verliehen.

mehr von und über Catalin Dorian Florescu auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Evi Fragolia

Wer gewinnt den Schweiter Buchpreis 2025? #SchweizerBuchpreis 25/08

Vielleicht verfolgen sie die Verleihung der Buchpreise in unseren Nachbarländern. Mein Fazit: Die GewinnerInnen feiern ihr Buch und den Preis als einen Lohn, als Bestätigung, als Schubkraft zum Weiterschreiben. Die NichtgewinnerInnen buchen ihren «Trostpreis»allzuoft ab als Zeichen reinen Kommerzes.

In einem kurzen Interview mit Marlene Streeruwitz im Zusammenhang mit der diesjährigen Verleihung des Österreichischen Buchpreises, bei dem sie mit ihrem Roman «Auflösungen» eben nicht mit dem Österreichischen Buchpreis beehrt wurde, meinte die Schriftstellerin (sinngemäss) schmallippig: Das ist kein Literaturpreis, sondern ein Kommerzpreis, ein Verkaufspreis. Gewonnen hat der 1968 in Bulgarien geborene und 1990 nach Österreich geflohene Dimitré Diner mit seinem über 1000 Seiten schweren Opus Magnum «Zeit der Mutigen».

Die immer gleiche ungute Situation nach der Verleihung des Buchpreises: Fünf Autorinnen und Autoren sitzen in der ersten Reihe und nach Bekanntgabe der Preisträgerin, des Preisträgers blitzen die Kameras nur noch in ein einziges Gesicht. Den «Verschmähten» wird mit Bedauern auf die Schulter geklopft. Man steht noch eine Weile verloren neben den vielen Stuhlreihen, während auf oder neben der Bühne das grosse Feiern schon begonnen hat, Mikrofone erste Reaktionen auffangen und sich eine Traube um die Glücklichen bildet.

Stimmt, getragen wird der Preis auch vom SBVV, dem Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband, einem Dienstleister der Buchbranche, einer Institution, die in erster Linie an optimalen Verkaufszahlen interessiert ist. Aber diesen Preis auf reinen Kommerz zu reduzieren, ist nicht richtig, denn die Jury ist unabhängig, besetzt ausschliesslich von KennerInnen der hiesigen Literatur, von Fachleuten, die an Literatur interessiert sind, auch wenn ihre Entscheide, wie alle Juryentscheide, niemals von allen nachvollziehbar sind.

Klickt man sich auf der Webseite des Schweizer Fernsehens auf die letzten Umfragen zum Schweizer Buchpreis, findet man eine Resultate, die überraschen:

vom 13. November 2025

Ich bin überzeugt, das Dorothee Elmiger den Schweizer Buchpreis entgegennehmen wird. Ihr Buch hat alles; Tiefe, Gewicht, Geheimnis, eine ganz eigene Sprache und Stoff genug, um stundenlang darüber nachzudenken oder zu diskutieren. Nicht dass der Roman von Jonas Lüscher das alles nicht auch hätte. Aber sein Roman ist verschlüsselter. Er wolle nicht unterhalten, erklärte Jonas Lüscher. Auch der Roman von Meral Kureyshi. Aber ihr Roman bleibt kleinräumiger, zarter.

Eine grosse Überraschung bei dieser Umfrage ist der Roman von Melara Mvogdobo «Die Grossmütter». Und doch ist die Umfrage keine Überraschung. Das Voting ist eine Manifestation der Sympathie. Zu gleichen Teilen der Autorin, wie ihrem Buch gegenüber. Melara Mvogdobo gibt zwei Frauen eine Stimme, die nur durch viel Kraft nicht stumm bleiben oder stumm gemacht wurden. «Die Grossmütter» ist eindeutig, unmissverständlich, direkt und messerscharf.

mehr zum Schweizer Buchpreis

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

 

Nelio Biedermann «Lázár», Rowohlt #SchweizerBuchpreis 25/03

Nelio Biedermann, der Shootingstar der CH-Literaturszene, schrieb einen gross angelegten Familien-, Geschichts- und Epochenroman, der an die grossen Vorbilder der Deutschen Literatur erinnert. Ein wagemutiges Buch, das ambitioniert geschrieben ist, mich aber enttäuscht zurücklässt – nicht zuletzt, weil es zum Schweizer Buchpreis nominiert ist.

Der Niedergang einer ungarischen Adelsfamilie vor 100 Jahren. Ein oppulentes Sittengemälde einer Epoche des Umbruchs, eines Reichs, das in seinem Selbstverständnis für die Ewigkeit eingeschrieben schien, einer Familie, die sich aller Selbstverständlichkeiten beraubt sieht, von Familienmitgliedern, die straucheln und stolpern, einer Zeit, die mit den Wirren von Revolution und Krieg erodierte.

Nelio Biedermanns Roman „Lázár“ ist auch seine Geschichte, die Geschichte seiner Familie, seiner ungarischen Wurzeln, fast 60 Jahre, von der Jahrhundertwende bis zum Ungarnaufstand 1956. Warum sollte man als ehrgeiziger Schriftsteller diesen ungeheuren Schatz an Geschichte und Geschichten nicht anzapfen. Vielleicht hätte ich bei der Lektüre auch viel mehr Bewunderung gezeigt, wenn der Roman nicht in der Liste der besten Bücher der Schweiz zu finden gewesen wäre. Vielleicht hätte ich anerkennend genickt, in der Überzeugung, dass sich da ein Schriftsteller voller Mut und Selbstbewusstsein an einen grossen Stoff wagt und in einer Art und Weise schreibt, die an grosse Vorbilder erinnert.

Aber mit der Brille eines Kommentators zum Schweizer Buchpreis, mit dem Anspruch, hier eines der besten Bücher des Jahres zu lesen, mit dem Wissen, dass ich da einen Roman lese, der zeitgleich in 20 Sprachen übersetzt in den Buchhandlungen überall zu finden ist, wurde die Lektüre schwierig, manchmal fast unerträglich. Und wenn ich mich dann noch hinreissen lasse, all die Kritiken und Rezensionen in den Medien zu diesem Buch zu lesen, dann zweifle ich nicht nur am Geschmack all jener, die mit hymnischen Expertisen den Roman lasen, dann zweifle ich auch an mir.

Neil Biedermann «Lásár», Rowohlt, 2025, 336 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN ISBN: 978-3-7371-0226-1

Schon auf den ersten Seiten erschlägt mich der Roman mit der Fülle an Adjektiven. Ich habe nichts gegen behutsam eingesetzte Adjektive, vor allem dann nicht, wenn sie unvermeidbar sind, wenn sie Eindrücke verstärken, die nicht ohne eben dieses Adjektiv auskommen. Aber ich will, dass das Geschriebene nicht wie mit Ausmalfarben beschrieben wird. Ich will, dass meine Eindrücke durch passende Beschreibungen, oder auch Auslassungen evoziert werden. Zu viele Adjektive lassen Szenen und Beschreibungen grell, überladen erscheinen, stören mehr, als dass sie helfen würden. Für mich unerklärlich, dass ein sogfältiges Lektorat da nicht eingegriffen hat.

Ich liebe Romane, die in „cineastisch“, wie auf Breitlandwand erzählt sind, ausufernd, die in Bildern baden, Geschichte ausbreiten. Aber dann muss jedes Detail stimmen. Ich darf nicht das Gefühl haben, dass da etwas in den Text hineinfliesst, das nicht in die Zeit gehört – oder noch viel schlimmer, das mir zu verstehen geben will, dass der Text auch etwas mit der Gegenwart zu tun hat. Warum ritzt sich eine der Protagonistinnen? Kann sein, dass es das früher schon gab. Aber wenn ein Roman erzählt wird, als wäre der Erzähler aus den 30ern, dann ist „Ritzen“ kein Thema, auch wenn es das damals in Kreisen des Adels vielleicht schon gab.
Nelio Biedermann ist 22 Jahre alt. Wenn jemand so jung ist, dann will ich gerade eben diesen jungen Blick sehen, dieses Unverbrauchte, Ungehemmte. Aber die einzigen Szenen, in denen sich der junge Mann ungehemmt zeigt, sind Sexszenen, die so gar keine Erotik verströmen. 

Warum macht Rowohlt aus Nelio Biedermanns Roman einen Bestseller in der Art und Weise? Hilft man dem jungen Autor, in dem man ihn derart pusht? Oder wird man Nelio Biedermann bei allem, was er in Zukunft schreiben wird, an „Lázár“ messen? Ich gönne dem Autor und dem Verlag den Erfolg, jedes Buch, das über den Ladentisch geht, die vollen Säle, wenn Nelio Biedermann liest. Aber ich hoffe auch, dass Nelio Biedermann die Bodenhaftung nicht verliert, die Nähe zu seinem Publikum, auf das er als Schriftsteller auch in Zukunft angewiesen sein wird.

Nelio Biedermann hat viel gewagt. Der Verlag vielleicht noch mehr. Ich kann auch gut nachvollziehen, dass man sich in einem Verlag sehr gut überlegt, in welches Buch, in welche Autorin, welchen Autor man investieren will, zumal ein gut verkauftes Buch auch viele andere Bücher mitträgt, die aus was für Gründen auch immer von uns LeserInnen nicht goutiert werden. Aber Nelio Biedermann ist ein ungeschliffener Diamant. Und als eben dieser schlecht zu vergleichen mit denen, die sich schon über Jahrzehnte an der Zeit geschliffen haben.

Toll, wenn „Lázár“ gelesen und geliebt wird. Für meine Liebe reicht es nicht.

Nelio Biedermann, geboren 2003, ist am Zürichsee aufgewachsen. Seine Familie stammt väterlicherseits aus ungarischem Adel, seine Grosseltern flohen in den 1950er Jahren in die Schweiz. Biedermann studiert Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. 2023 debütierte er im Aris Verlag mit «Anton will bleiben». Sein Roman «Lázár» erschien in mehr als zwanzig Ländern.

Webseite des Autors

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Biedermann und die Lobstifter #SchweizerBuchpreis 25/02

Alle Zeitungen, die Tagesschau, der Literaturclub und die Sendung «Zwei mit Buch» berichten mit Begeisterung. Von Daniel Kehlman liest man auf dem Umschlag Ein wirklich grosser Schriftsteller betritt die Bühne! Vergleiche mit Thomas Manns Buddenbrocks machen die Runde! Ich, skeptisch ob so viel Lob, frage mich: Muss oder will ich ein solches Buch lesen?

Lieber Gallus

Die Neugier hat gesiegt und ich habe «Lázár» gelesen. Leicht lesbar und unterhaltsam geschrieben erfahre ich vom Schicksal dreier Generationen einer ungarischen Adelsfamilie in den Weltkriegen und in der Sowjetzeit. Sehr romantisch, farbenprächtig und gelegentlich kitschig geschrieben begegne ich dem Werk eines jungen, fantasievollen Erzählers. Was ich vermisse, sind Entwicklungen der Charaktere, Fragestellungen und die Suche nach Antworten, Reflexionen. Mir fehlt eine persönliche Auseinandersetzung des Autors mit seinen Protagonisten, der Geschichte. Nach Weglegen des Buches klingt wenig nach, vergesse ich rasch.

Sie hatte von ihnen geträumt, und tatsächlich waren die Störche zurückgekehrt, reckten ihre weissen Hälse aus den Klatschmohnfeldern, die das Städtchen umgaben, während sie am Fenster verharrte und den milchigblauen  Morgenhimmel, den blütengelben Horizont, die weichen Hügel in der Ferne, den schlichten Kirchturm und das satte Rot der Felder ansah, als wäre bereits alles eine Erinnerung, als wären Sehen und Erinnern dasselbe, sie schloss das Fenster und ging ins Bad,…schminkte sich die Lippen klatschmohnrot, steckte die Perlohrringe, die einst Sandors Mutter gehört hatten, in die Ohrlöcher, öffnete das geflochtene Haar, das wie dunkles Wasser über den weissen Stoff des Nachthemds, ihre schmalen Schultern glitt, stand auf und holte die dunkelblaue Strickjacke aus dem Schrank…

Vor ihnen lag Zürich, der See, die weissen Schwäne und verschneiten Berge.

Neil Biedermann «Lásár», Rowohlt, 2025, 336 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN ISBN: 978-3-7371-0226-1

Ein Wunderkind!? Mir tut dieser begabte junge Autor im Kreuzfeuer dieser Medien-Begeisterung leid. Aus einem Interview erfahre ich, dass er gut mit seinem frühen Ruhm umgehen kann, viel liest und diszipliniert täglich schreibt. So hoffe ich, dass er seine literarischen Fähigkeiten trotz Rummel weiter entwickeln kann. Mit «Lázár» hat Nelio Biedermann gegenüber seinem Erstling «Anton muss bleiben» bereits einen grossen Schritt getan. 

Die grosse Medienpräsenz dieses Autors lässt mich auch unseren Literaturbetrieb hinterfragen. Warum reissen sich die Verlage um dieses Buch und sind die geplanten Übersetzungen in 20 Sprachen dauernd erwähnt. Was ist gute Literatur, wer bekommt einen Preis, wer wird beachtet und gefördert? Eine schwierige Frage bei der riesigen Anzahl von Autorinnen und Autoren. Du, Gallus, hast einen besseren Überblick über die Literaturszene: Was denkst du darüber?

Zufällig ist mir unmittelbar anschliessend der schmale Band «Großmütter» von Melana Mvogdobo in die Hand gekommen. Welch grosser Kontrast! In einer äusserst knappen, ausdrucksstarken Sprache, sorgfältig in zwei verschiedenen Farben gedruckt, erzählen zwei Grossmütter ihr Leben. Eine aus einer armen Schweizer Bauernfamilie, eine aus einer wohlhabenden Familie in Kamerun. Als Grossmütter befreien sie sich nach Demütigungen und Erleiden von seelischer und körperlicher Gewalt von ihren Männern. Wie sie das mit Hilfe ihrer Enkelinnen machen, ist beeindruckend. Ein kluges Buch mit Tiefgang! Mit Nachhall!

Ich muss nachdenken. Ich will verstehen, wieso mein Leben so ist, wie es ist. Und noch viel wichtiger: Weshalb ich nicht in der Lage war, mein Schicksal einfach anzunehmen, wie so viele andere Frauen.

Interessant, dass beide für den Schweizer Buchpreis 2025 nominiert sind. 

Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Danke für deine Einschätzungen, die ich eigentlich nur teile, auch wenn ich bisher nur über Melara Mvagdobos Roman «Großmütter» gelesen habe. Vor ein paar Tagen bekam ich vom Transit Verlag, bei dem ihr Roman erschienen ist, eine Mail, man könne mir den Roman erst in einigen Tagen zusenden, da man nachdrucken müsse. Eine gute und schlechte Nachricht zugleich. Zum einen zeigt die Situation des Verlags, wie sehr man von dieser Nomination überrascht war und wie gut in der Folge das Buch verkauft wurde, was übrigens auch bei «Die Holländerrinnen» von Dorothee Elmiger geschah, drohte doch eine Lesung in der Ostschweiz ohne Büchertisch mit dem angesagten Titel, was schlussendlich verhindert werden konnte, weil in der Not die eine Buchhandlung der andern aushalf. Ein guter Buchverkauf des einen Buches hilft vielen anderen Büchern des gleichen Verlags, denen es nicht gelingt, die Brieftaschen von LeserInnen aus welchen Gründen auch immer zu öffnen. Zum andern kann der Hunger ausgerechnet in Momenten des grössten Appetits nicht gestillt werden.

Melara Mvogdobo «Großmütter», Transit, 2025, 128 Seiten, CHF ca. 26.90, ISBN 978-3-88747-416-4

Aber nur schon dein kleiner Teaser lockt und steigert die Vorfreude auf «Großmütter», ist doch das Thema «Geschlechterspezifische Gewalt gegen Frauen» aktueller denn je in Zeiten, in denen «Männlichkeit» von politischen Parteien zum Kampfwort gemacht wird, Männerbünde in Medien mit Reichtum und kruden Ansichten protzen, Statistiken über Gewalt gegen Frauen mehr als besorgniserregend aussehen und Errungenschaften wachsender Emanzipation und Akzeptanz gegenüber einem LGBTQ-Bewusstsein offensichtlich immer stärker in Bedrängnis geraten.

Hier die Begründung der Jury des Schweizer Buchpreises für den Roman «Großmütter»: Der Roman handelt von zwei Grossmüttern, die in ganz unterschiedlichen Welten leben und die doch viel gemeinsam haben … Als junge Frauen haben sie Träume. Sie heiraten, werden gedemütigt und spüren die engen Grenzen, die das Patriarchat ihnen setzt. Doch irgendwann setzen sie sich zur Wehr. In einer überraschenden Parallelführung zweier Leben zeigt Mvogdobo das, was Frauen über Kulturen und Kontinente hinweg verbindet. Das Buch besticht durch die knappe, messerscharfe und zugleich bewegende Sprache ebenso wie durch seine Milieuschilderungen.

Ich freue mich auf das Buch!

Und «Lázár»? Wenn der hochdekorierte Grossmeister der Deutschen Literatur Daniel Kehlmann, der sich mit «Die Vermessung der Welt» ins kollektive Bewusstsein einer ganzen Lesegeneration einschrieb, sich zu einer solchen Einschätzung hinreissen lässt und dem Verlag die Erlaubnis gibt, dieses Zitat zu Werbezwecken aufs Buchcover zu drucken, dann muss doch etwas dran sein. Wenn sich Veranstalter um Nelio Biedermann reissen, wenn das Buch eines 22jährigen in mehr als 20 Sprachen gedruckt wird und in Buchhandlungen mit glänzenden Augen um die Wette gestrahlt wird?

Die Frage, was denn gute Literatur sei, treibt mich immer wieder um. Letzthin las ich ein Zitat des Schriftstellers Martin R. Dean: Die Literatur muss am Lack des schönen Scheins kratzen. In einer Zeit, in der Filterblasen und Echoräume sich wie unsichtbare Scheuklappen auf das Subjekt legen, ist der Blick darüber hinaus von grösstem Wert. (aus «In den Echokammern des Fremden» von Martin R. Dean).

Ich habe «Lázár» gelesen und werde mich später differenzierter dazu äussern. Vielleicht sehen wir uns ja wieder an der Preisverleihung des Schweizer Buchpreises im Foyer Theater Basel, 11.00 Uhr, am Sonntag, den 16. November.

In Freundschaft

Gallus 

Melara Mvogdobo wurde 1972 in Luzern geboren. Nach ­einem Pädagogik-Studium und der Geburt von drei Söhnen lebte sie in der Dominikanischen Republik, in Kamerun und wieder in der Schweiz. 2022 zog sie mit ihrer Familie nach Andalusien. 2023 erschien  im Verlag Edition 8 ihr erster Roman «Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden».

Nelio Biedermann, geboren 2003, ist am Zürichsee aufgewachsen. Seine Familie stammt väterlicherseits aus ungarischem Adel, seine Grosseltern flohen in den 1950er Jahren in die Schweiz. Biedermann studiert Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. 2023 debütierte er im Aris Verlag mit «Anton will bleiben». Sein Roman «Lázár» erschien in mehr als zwanzig Ländern.

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

Echte Perlen? #SchweizerBuchpreis 25/01

Schweizer Buchpreis 2025 – das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk von Schweizer:innen oder seit mindestens zwei Jahren in der Schweiz lebenden Autori:nnen. Ist das möglich? Kann das eine Jury bestimmen? Gibt es das eine, beste Buch? Was sind die Kriterien für das beste Buch?

Ich bin mir sicher, dass die Jury mit Tim Felchlin, Literaturredaktor und Kulturjournalist, Martina Läubli, Kulturjournalistin, Simone Nuber, Master of Science, Isabelle Vonlanthen, stellvertretende Leiterin des Literaturhauses Zürich und Manuela Waeber, freie Lektorin alles daran setzen, die Nominierungen und die Wahl zum Schweizer Buchpreises möglichst objektiv aussehen zu lassen, würden doch deutliche Fehlentscheidungen die Glaubwürdigkeit eines solchen Prädikats „bestes Buch“ noch mehr in Frage stellen. Aber das beste Buch gibt es nicht. Die Frage scheitert an mehreren Punkten. Auch wenn es Leute aus dem Literaturbetrieb gibt, die der Überzeugung sind, dass es unauslöschliche Kriterien für gute Literatur gibt. Gute Literatur zeichnet sich durch ihre Fähigkeit aus, tiefgründige Wahrheiten über die menschliche Erfahrung zu vermitteln, starke emotionale Reaktionen hervorzurufen und die Zeit zu überdauern. Sie zeichnet sich durch gut entwickelte Charaktere, fesselnde Handlungen und eine reiche, nuancierte Sprache aus. Aber wer bestimmt, was tiefgründig ist? Ist es nicht so, dass emotionale Reaktionen ganz unterschiedlich ausfallen können, nicht nur in der Kunst. Was ist „nuancierte“ Sprache? Wülstig mit Sicherheit nicht. Schon gar nicht sichtbar durch die Anzahl von Adjektiven.

Vielleicht muss ich ganz persönlich auf die Frage antworten, was gute Literatur zumindest für mich sein kann: Sie muss mich fesseln. Sie muss mich überraschen. Sie muss mich in irgend einer Form provozieren. Sie muss in mir einen Nachhall erzeugen, muss sich in mir festhaken. Der Sound muss musikalisch sein. Ich soll bewegt werden… Ich könnte die Liste noch weiterführen, ohne je den Anspruch zu haben, eine solche Liste habe Allgemeingültigkeit. Robert Walser wurde wie Franz Kafka zu Lebzeiten nur von wenigen beachtet und geschätzt, am wenigsten vom Buchmarkt. Oder umgekehrt; Kennen sie John Knittel? Der Schweizer Schriftsteller war zu Lebzeiten sehr erfolgreich, starb 1970. Heute kennt ihn kaum mehr jemand. Vergessen. Kennen sie Ruth Blum? Die Schaffhauserin starb 1975. Ich kaufte alle ihre Bücher in Antiquariaten und war hell begeistert. Vergessen. Noch so eine lange Liste.

Das beste Buch! Warum ist unter den Nominierten nicht „Sommerschatten“ von Urs Faes? Oder „Walzer für niemand“ von Sophie Hunger? Oder „Sechzehn Monate“ von Fabia Andina? Hört die Schweiz an den Sprachgrenzen auf?Schweizer Buchpreis? Oder „die spinne“ von Eva Maria Leuenberger? Warum nicht einmal Lyrik in der Liste der Nominierten? Weil man der Lyrik kein Scheinwerferlicht zutraut? Weil sich damit keine Verkaufszahlen generieren? (Hut ab vor allen Verlagen, die sich noch immer tapfer trauen, Lyrik zu drucken!) Die Liste jener Bücher, die es auch verdient hätten, wird mit der Intensität des Lesens nicht kürzer. Auch das Unverständnis über diese Versäumnisse. Zudem muss man wissen, dass sich etliche Grössen der hiesigen Literatur durch ihre Verlage gar nicht mehr zur Wahl stellen wollen.

Immerhin stehen für einmal keine Debüts in der Liste. Wie soll ein Debüt eine Chance haben neben einem Buch eines literarischen Schwergewichts? Und Schwergewichte sind in der Liste der Nominierten sehr wohl vertreten: Mit Sicherheit die erst 40jährige Dorothee Elmiger, die mit ihrem Roman „Die Holländerinnen“ auch in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht. Und zweifelsohne Jonas Lüscher. Meral Kureyshi schaffte es mit ihrem Debüt „Elefanten im Garten“ vor 10 Jahren auf die Liste der Nominierten und gilt seither als wichtige Stimme der CH-Literatur. Von Melara Mvogdobo las ich vor ein paar Jahren ihr Debüt „Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden“ und konnte mich nicht wirklich begeistern lassen, genauso wie vom Debüt „Anton will bleiben“ von Nelio Biedermann. Dass ihre Folgeromane von ganz anderer Qualität sind, darüber lässt sich streiten, zumal „Lásár“ in einer Weise gehypt wurde und wird, die jede Verhältnismässigkeit vermissen lässt.

Meine Meinung war ziemlich schnell gemacht.

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Jonas Hassen Khemiri «Die Schwestern», Rowohlt – ein Keil aus dem Norden (2)

Mit seinem neuen Roman „Die Schwestern“ schreibt sich der aus Schweden stammende Romancier Jonas Hassen Khemiri in die erste Liga der Europäischen Autoren.

Popcorn im Haar
Gastrezension von Frank Keil

Es gibt diese Bücher, dieses eine Buch. Man schlägt es auf, fängt an zu lesen und es ist um einen geschehen. Ein Satz, den man selbst nie hinschreiben würde, zu kitschig, zu pathetisch, wahrscheinlich auch falsch, wann ist es schon um einen geschehen. Und doch: Eine Welt hat sich aufgetan, und man ist ganz in ihr versunken. Es gab für einige Tage nur dieses Buch, nur dieses eine. Deswegen hat man einst mit dem Lesen angefangen. Und deshalb hat man damit nicht wieder aufgehört, und deshalb wird man dabei bleiben.

Und worum es geht? Um drei Schwestern, die auf die Namen Ina, Evelyn und Anastasia hören und die englisch miteinander sprechen, die Mikkola-Schwestern, sobald sie die Straße betreten und durch die Siedlung gehen, was natürlich besonders ist und auffällt und es sonst niemand in ihrem Umfeld macht (da spricht man Schwedisch, da spricht man vielleicht einen wirren junge-Leute-Slang, zu Hause sprechen die Eltern oftmals Arabisch). Es geht daher um das Aufwachsen und dann Leben in der migrantischen Community der großen Städte Schwedens, wo man gleichermaßen dazugehört und nicht dazugehört und man also nichts falsch und nichts richtig machen kann, und das hat natürlich Folgen, über die zu erzählen ist; Stoff, um daraus Geschichten zu entwickeln, ergibt es sowieso genug. Es geht um verlorengegangene Väter, die zuweilen wieder auftauchen und die auch im zweiten oder dritten Anlauf keinen Platz in ihren Familien finden (was sie ehrlich schmerzt, was aber dennoch nicht dazu führt, dass sie mal ins Denken kommen, traditionell-verspannte Männer, die sie sind und rechthaberisch und eigenbrötlerisch dazu, das wird nichts). Es geht entsprechend um Mütter, die versuchen ihre immer wieder aufs Neue auseinanderfliegenden Familien zusammenzuhalten, was sie selbst an die Grenzen ihrer Kräfte kommen und zuweilen auch seltsam werden lässt (die Mutter der drei Schwestern etwa springt zwischendurch aus dem Fenster, das geht einigermaßen glimpflich aus, trotzdem bleibt das Verhältnis zwischen den drei Töchtern und ihr – sagen wir mal – schwierig). Es geht in einem zweiten, immer wieder kreuzenden und sich abwechselnden Erzählstrang um einen Jungen, der den drei Schwestern immer wieder über den Weg läuft, sich mal mit der, mal mit der befreundet, und der Junge heißt Jonas Hassen Khemiri, was Zufall sein mag und der heranwächst und nach diversen Irrungen und Wirrungen am Ende Schriftsteller wird, was ja vorkommen kann. Es geht um einen Zeitraum von 30 Jahren und was da alles passieren kann, an einem kalten Januartag im Jahr 1994, im Sommer 1997, im Jahr 2003, während eines Auslandssemesters in Paris; was möglich ist, was scheitert, was noch dazwischen schwankt, darum geht es.

Jonas Hassen Khemiri «Die Schwestern», Rowohlt, 2025, aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein, 732 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-498-00497-2

Es geht um einen Fluch, der auf den drei Schwestern lastet oder lasten soll und ihnen das Leben schwer macht (kann man da nichts machen, sich von jemanden entfluchen lassen, etwa?). Es geht um Partys in hippen Büroetagen, in denen alle alles auf einer Karte setzen, wo der Alkohol fließt und es auch nicht an anderen Drogen fehlt und wo bullige Türsteher den Einlass kontrollieren, so dass man, steht man wie die drei Schwestern nicht auf der Gästeliste, heimlich durchs Fenster hineinklettern muss und ebenso heimlich wieder hinaus und dazwischen ist viel passiert. Es geht um das Aufwachen mit Popcorn im Haar. Es geht um Basketball, um einen Alley oop, um einen Dunk, wie man einen harten Press-Defence über das ganze Feld spielt, vielleicht wird man ein Basketballstar oder wenigstens ein Profi, das wäre doch eine Option, großgewachsen und gelenkig, wie Anastasia und Jonas nun mal sind, und um ihren sagenumwobenen Trainer aus der amerikanischen NBA-Liga geht es, der tatsächlich dort nur einmal für ein Spiel eingesetzt worden war, um nicht einen Punkt zu erzielen, nicht einen Rebound, nicht einen Block, nicht mal einen Freiwurf, und alles fällt wie ein Soufflee in sich zusammen, aber da spielen die beiden schon kein Basketball mehr, sie googlen nur mal kurz im Nachhinein, wer ihr Trainer eigentlich gewesen war.

Es geht also auch um Wahrhaftigkeit, es geht um Illusionen und um Träume und ob das, was man sich vorstellt, irgendeine Chance auf Verwirklichung hat und wenn, was dann. Es geht um die Bewerbung auf eine angesagte Schauspielschule, jedes Jahr bewerben sich um die 3.000 bis 4.000 junge Leute, dort und zu zehn von ihnen werden angenommen, und auch Evelyn und ihre beste Freundin Cecilia versuchen es, und das ist nur begrenzt eine gute Idee, man sollte nicht alles teilen wollen. Es geht um eine Verlagsgründung, der Schlachthaus Verlag will nur Bücher verlegen, an die sich sonst kein Verleger herantraut und wenn das kein Geld einbringt, dann ist es umso besser. Es geht um Liebe und um Ehen und um eine Beerdigung in Tunesien auf einem entsprechenden staubigen Friedhof, aber vorher muss der Leichnam noch aus dem Krankenhaus abgeholt werden, und also besticht man zwei Krankenwagenfahrer, man kann den toten Körper ja schlecht im Kofferraum seines eigenen Wagens mitnehmen, was, wenn einen die Polizei anhält, was sagt man dann. Und es geht um diesen einen Moment beim Lesen, womit man plötzlich geradezu erschreckt versteht, wie das alles, was einem aus so vielen Winkeln und an so vielen Orten über viele Seiten hinweg so überaus packend und komplex erzählt wurde, mit einem mal zusammenhängt („Ach, so!“, ruft man laut aus, in seinem Lesesessel), und dann werden die Erzählfäden wieder lockergelassen und man fällt zurück in das weich-warme Rätseln und sich Treiben lassen und muss gar nicht wissen, ob man tatsächlich richtig liegt mit seiner Vermutung oder ob man etwas nur nicht richtig verstanden hat: Es warten ja noch so viele Seiten auf einen, zum Glück.

Und es geht immer wieder um die Frage: Was ist eine Geschichte? Was erzählen wir uns, wenn wir erzählen; erzählen wir, um dem Leben einen Sinn zu geben und was wäre das für einer oder wollen wir anderen Leuten schlichtweg nur gefallen? Und was ist erst, wenn wir Erzähltes aufschreiben? Wenn wir versuchen, Leben in Schreiben zu verwandeln und dann Geschriebenes vor uns liegt und lebendig wird …

Das alles ist schon spannend genug, reicht locker aus, dieses Buch bedingungslos zu empfehlen. Aber dann ist da noch dieser Sound, dieser Jonas-Hassen-Khemiri-Beat, der vom ersten Satz an auf eine sich durchziehende Bass-Line und auf Tempo und auf Tempowechsel und auf Dichte und auf Unterströmungen aller Arten setzt und der dabei zugleich so kunstvoll schreibt, so entspannt und sicher auch, dass jeder Satz (der zuweilen locker über eine Buchseite mäandert und noch ein paar Zeilen mehr, wenn es nötig ist) in den am Ende 137 Kapiteln je genau an dem Ort steht, an dem er zu stehen hat und an keinem anderen. Was also für ein Buch! Wirklich! Und ja, es gibt viele gute Bücher, auch viele sehr gute – aber dieser Roman ist dann doch noch mal – besonders. Ach, also einzigartig. Richtig toll ist er. Und wunderbar noch dazu.

Jonas Hassen Khemiri, geb. 1978 in Stockholm, ist einer der renommiertesten Autoren Skandinaviens. Seine sechs Romane wurden in über dreissig Sprachen übersetzt, und seine Dramen werden in der ganzen Welt inszeniert. Er wurde mit zahlreichen schwedischen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Per-Olov-Enquist-Preis, der Augustpreis und der Prix Médicis Étranger. Sein Roman «Die Vaterklausel» war für den National Book Award nominiert. Seit 2021 lebt Khemiri in New York, wo er Kreatives Schreiben unterrichtet.

Ursel Allenstein, 1978 geboren, übersetzt u.a. Sara Stridsberg, Johan Harstad und Tove Ditlevsen. 2011 und 2020 erhielt sie den Hamburger Förderpreis, 2013 den Förderpreis der Kunststiftung NRW und 2019 den Jane-Scatcherd-Preis für ihre Übersetzungen aus den skandinavischen Sprachen.

Beitragsbild © Max Burkhalter