11. September 2001. Sie erinnern sich bestimmt in irgend einer Weise. Was damals geschah, brannte sich ins kollektive Gedächtnis – ein globales Trauma. Aber ebenso brannte sich der Moment ein, der Tag, als es geschah. Robert Menasse spürt genau diesem Moment nach und setzt ihn in Zusammenhänge, die überraschen.
Ich erinnere mich genau. Ich trat ins Lehrer*innenzimmer einer benachbarten Schulgemeinde und wunderte mich, dass alle Anwesenden um einen Monitor auf einem portablen Gerüst standen. Es musste ein halbes Dutzend gewesen sein. Sie schauten auf den Bildschirm, niemand redete ein Wort und ich wunderte mich, dass man in einem Schulhaus zu einer solchen Uhrzeit irgendwelchen rauchenden Wolkenkratzern zuschaute, einem ganz offensichtlich ziemlich schlecht gemachten Katastrophenfilm mit der Skyline Manhattens. Ich erinnere mich auch an die kippenden Gefühle, als mir bewusst wurde, dass der Schrecken in den Gesichtern der Anwesenden, die geröteten Gesichter, die Hände vor dem Gesicht kein Theater waren, und das Geschehen auf dem Monitor kein B-Movie, sondern eine ganz abgefahrene Vision der Wirklichkeit war.
Wie abgefahren offenbarte sich erst in den Stunden, Tagen, Wochen und Monaten danach. Als einem bewusst wurde, dass wohl Tausende Unschuldige ihr Leben verloren. Dass mehrere Passagierflugzeuge konzertiert Tod und Vernichtung brachten. Dass das Ganze nach dem Plan einer global operierenden Terrorgruppe eines saudischen Millionärs passieren sollte. Dass nicht nur das Selbstverständnis der us-amerikanischen Seele getroffen wurde, sondern die Wahrzeichen des Erfolgs. Man hatte der westlichen Welt, den USA den Krieg erklärt, aus dem Hinterhalt, aus dem Verborgenen. Die USA holte zum interkontinentalen Gegenschlag aus, errichtete spezielle Gefängnisse und machte jeden zum Feind, der nur annähernd nicht wie einer der ihrigen aussah. Und wie nirgendwo sonst auf der Welt blühten im «Alles-ist-möglich-Land» Verschwörungstheorien auf, eine um sich greifende Erscheinung, die man bislang nur einer kleinen Gruppe von Spinnern zuschrieb. Auch ein Vierteljahrhundert danach sind die Geister nicht besiegt, die Giftschlangen nicht ausgerottet, der Feind nicht besiegt.

Dass aber an jenem Tag und in der Folge dieses Traumas noch viel mehr mit der Spezies Mensch geschah, dass dieses Ereignis nicht einfach eine einmalige, singuläre Katastrophe mit globaler Wirkung war, davon schreibt der Schriftsteller, Essayist und Streiter Robert Menasse in einem schmalen Buch, das den 11. September in mir neue Zusammenhänge setzt, ohne die tatsächlichen Geschehnisse umschreiben zu wollen.
Am 22. November 1963 wurde der damalige us-amerikanische Präsident John F. Kennedy in Dallas in seinem offenen Lincoln Continental erschossen, angeblich von Lee Harvey Oswald, einem ehemaligen US-Marine, der einige Jahre in der Sowjetunion gelebt hatte.
Auch damals hielt die Welt den Atem an, auch wenn es eine Weile dauerte, bis sich die Meldung über seinen Tod über die damaligen Medien verbreitete. Auch damals sass der Schrecken tief, da es der junge, dynamische Präsident geschafft hatte, sich als Friedensfürst zu inszenieren, ausgerechnet er, der den Vietnamkrieg angezettelt und den Konflikt mit Kuba beinahe zum Atomkrieg gemacht hatte.
Das Ereignis damals, ganz im Gegensatz zu 9/11, schweisste die Welt zusammen, generierte ein kollektives Gemeinschaftsgefühl in der Erschütterung, etwas «Menschenverbindendes». Die Saat von 9/11 war eine ganz andere; kollektives Misstrauen, tiefsitzende Angst, Aufrüstung und Krieg. Robert Menasse setzt diese und andere Geschehnisse in Zusammenhang, zum einen mit einem Essay mit dem Titel «Die amerikanische Brille», zum andern mit einer gleichnamigen Erzählung, die schon mit einem Hammersatz beginnt; Ich war glücklich, als John F. Kennedy erschossen wurde. Ein Satz, den man versteht, wenn man von der Situation des damals 9jährigen Robert Menasse erfährt. Ein Satz, der aber doch noch viel mehr in sich birgt.
Robert Menasse schildert messerscharf. Er stellt zwei Texte gegeneinander, die weniger erklären als analysieren wollen. Nicht was damals in Manhattan oder in den Strassen von Dallas geschah, sondern im kollektiven Bewusstsein der westlichen Hemisphäre. Menasse fügt auch die Ermordung Salvador Allendes, des damals demokratisch gewählten Präsidenten Chiles hinzu – am 11. September 1973.
Was ist von der Erschütterung geblieben?
Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und wurde 1980 mit der Arbeit «Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb» zum Dr. phil. promoviert. Von 1981 bis 1988 lehrte er an der Universität São Paulo in Brasilien, 1999 verbrachte er drei Monate als Writer in Residence in Amsterdam. Seit 2011 kuratiert er ein Writer-in-Residence-Programm in der one world foundation in Sri Lanka. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit vielen bedeutenden Preise bedacht. Zuletzt erschienen: «Die Lebensentscheidung», 2026 bei Suhrkamp. Robert Menasse lebt als freier Schriftsteller und (politischer) Essayist in Wien.
Beitragsbild © Ali Ghandtschi, Literaturfestival Leukerbad

Lieber Bär

Die Literatur riss in Leukerbad den Himmel auf!
spielte, sang und las aus seinem neuen und ersten Roman «Die Wiedergeburt der Ameisen», in dem er die Geschichte seiner Familie mit der seines Heimatlandes verknüpft, das ihn verstossen hat. Er, der kaum je wieder einen Fuss in sein Heimatland setzen wird, las, während auf dem Platz draussen chinesische Touristen vorbeiflanieren.
100 Jahre Geschichte eines Landes, das kaum je in den Fokus Europas gerät. Ein Epos über die Folgen der Teilung der koreanischen Halbinsel, eine Spionagegeschichte und gleichzeitig ein politischer und historischer Roman multipliziert mit einer ménage à trois, die zwischen die Fronten gerät. Ein Roman mit gewaltiger und überzeugender Sogkraft. Ein Soziogramm der Lügen und Illusionen. Anna Kim ist in Südkorea geboren, dort aber weder zuhause noch beheimatet. Erstaunlich genug, dass sie immer und immer wieder als Südkoreanerin genannt wird, obwohl sie sich dezidiert gegen eine verortete Heimat ausspricht. Trotzdem beschäftigt sich die Autorin mit der Geschichte ihres Herkunftslandes, den Auswüchsen des kalten Krieges in Südostasien im Willen,
diesen Konflikt zu verstehen. «Wie schreibe ich über Vergangenes und Geschichte? Reine Beschreibung reicht mir nicht aus, auch wenn ich mit Recherche tief ins Geschehen eingedrungen bin.» Eine mitreissende Geschichte um Freundschaft, Loyalität, Verrat und das unmögliche Leben in der Diktatur.
Georgi Gospodinov ist der grosse Autor der bulgarischen Literatur. Sein viertes bei Droschl auf deutsch erschienene Buch ist eine Sammlung von Erzählungen. «8 Minuten und 19 Sekunden», die Erzählung die dem Buch den Titel gibt, dauert es, bis das Licht von der Sonne die Erde trifft. Genau so viel Zeit, wie Gerogi Gospodinov dem Leser der Geschichte einräumt, um sich mit seinen gleichsam spielerischen wie apokalyptischen Spielereien auseinanderzusetzen. Vielleicht ein Markenzeichen des Autors, der sich gerne der Faszination der Apokalypse hingibt, ohne literarisch der in Mode geratenen Dystopie zu
verfallen. Seine Geschichten entspringen einer Mischung aus Melancholie und Humor, Absurdem und den Erfahrungen aus der bulgarischen Diktatur. Georgi Gospodinov verknüpft Wahrnehmungen, Empfindungen auf seine ganz eigene Art. Für mich eine grosse Entdeckung und ein Versprechen: Höchster Lesegenuss!
John Wray. Ein durch und durch amerikanischer Autor, der 2007 vom Literaturmagazin «Granta» unter die 20 besten jungen US-Autoren gewählt wurde. Aber er spricht deutsch und wird in diesem Sommer in der Arena des Bachmann-Preisschreibens in Klagenfurt mit einem deutschen Text antreten. Ein Amerikaner mit österreichischen Wurzeln und kärntner Akzent. So verzwickt seine Herkunft, so verzahnt sein Roman; eine historisch eingebettete Familiengeschichte über ein ganzes Jahrhundert, wissenschaftliche Einsprengsel über Physik und die Produktion eingelegter Gurken bis hin zum bewusst «schlechten» Science- Fiction und kruden, sektiererischen Verschwörungstheorien. Ein Erzähler, der sich in einer Zeitblase wiederfindet, in der Wohnung seiner schrägen Zwillingstanten, die Tonnen von Zeitungen und anderem Strandgut
sammeln. Grotesk, skurril und kompliziert, aber nie unübersichtlich, wabernd in einem natürlichen Chaos, mit Absicht weit weg aller unnatürlichen Chronologie. Ein Buch, dem ich den Spass des Autors auf jeder Seite «anhöre». John Wray, ein ausserordentlich begnadeter Geschichtenerzähler mit cineastischem Blick und liebevollem, schrulligem Witz. Und wenn er liest, wünscht man dem fabulierenden Erzähler, dass die Verpflichtung des Vorlesens nie endet würde.
faszinierenden Gesprächen, solchen auf der Bühne, solchen unterwegs und den vielen vor Ort. Ganz besonders freute ich mich über die Gelegenheit, ein Interview mit der Schriftstellerin Kathy Zarnegin zu führen, über ihren gelungenen Roman «Chaya». In drei Tagen auf literaturblatt.ch!