Vor lauter Angst verrückt zu werden, greift ein junger Mann zum Skalpell und legt die Wurzeln des Wahnsinns frei. Autor und Psychologe Leon Engler wirft einen differenzierten und doch nicht klinisch nüchternen Blick auf die Psychiatrie und den Umgang mit Erkrankten.
Aber wie weit fällt der Apfel nun?
Gastrezension: Luisa Taut ist 24 Jahre alt und hat Übersetzen und Dolmetschen an der Uni Leipzig studiert. Jetzt ist sie mitten im Master in vergleichenden Literaturwissenschaften an der Uni Basel.
Statistisch gesehen sieht es für den Protagonisten von Leon Englers Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ schlecht aus: Als Sohn einer alkoholkranken Mutter und eines chronisch depressiven Vaters scheint das Verrücktwerden imminent. Auch ein Blick den Stammbaum entlang zu seinen Großeltern lässt den Rest an Hoffnung auf ein unbeschwertes Leben eher schwinden. Er sieht der Zeit beim Verstreichen zu, sieht, wie aus seiner Mutter langsam die ihre wird. So ist vielleicht kaum überraschend, dass er schließlich tatsächlich in der Psychiatrie landet. Doch anstatt auf der Seite der Behandelten zu sitzen, sitzt er auf dem Bürostuhl. Ich bin übergelaufen, stellt er fest.
Nach einer turbulenten Kindheit voller Umzüge von der Stadt aufs Land und wieder in die Stadt und der Flucht vor den Eltern in die großen Weltstädte lernt der frischgebackene Psychologe in der Klinik Steinhof das, was ihn ein Studium voller Statistik nicht lehren konnte. Er kennt die Symptome einer Depression, schließlich hat er Jahre damit zugebracht sie durchzupauken. Er kennt die Tests und Tabellen, und doch vergisst er alles, wenn sein depressiver Vater vor ihm steht.

Immer im Wechsel, oft auch innerhalb der Kapitel, werden die Leser*innen zu Reisenden auf verschiedenen Gedankenströmen. Mal setzt uns der Autor in der Vergangenheit des Erzählers ab, mal in der seines Vaters oder seiner Mutter und lässt uns an ihren so frustrierenden wie zarten Beziehungen zueinander teilhaben. «Wie geht es dir?», fragte ich. «Der Katze geht es gut», sagte er. Doch das hier ist kein reiner Familienroman.
Dass Leon Engler kein totaler Newcomer ist, spürt man. Elegant wirft der Hörbuch- und Theaterautor Gedanken zur Psychologie in den Raum, die in einem Zeitalter der mental-health-awareness unumgänglich sind: Gibt es überhaupt die Verrückten? Und wenn ja, sind das dann einfach die Pechvögel, die vom Ahnenfluch heimgesucht werden? Hätte es für sie gar nicht anders kommen können?
Das Aufkommen psychischer Krankheiten ist statistisch erfassbar und deren Vererbung mit Wahrscheinlichkeiten zu beziffern. Doch aus den Lebensgeschichten im Roman geht klar hervor, dass der vermeintliche Wahnsinn durchaus auch eine soziale Komponente hat.
Technologischer Fortschritt, kompetitiver Arbeitsmarkt, explodierende Mietpreise und eine gute Portion Zufall können sowohl Zutaten zum Erfolgsrezept sein, als auch auf geradem Weg zum existentiellen Ruin führen. Ist es da verwunderlich, depressiv zu werden? Eigenartiger wäre es doch, wenn er gut drauf wäre, sagt Engler in einem SRF-Interview über den Vater im Roman.
„Botanik des Wahnsinns“ besticht mit einem feinfühligen und nachdenklichen Protagonisten und Erzähler, der sehr genau und geduldig beobachtet und kein vorschnelles Urteil fällt. Die Erzählweise hat etwas Assoziatives an sich. Gedanken springen von Vergangenheit in die Gegenwart und von einem Aspekt zum nächsten. Geschmackssache sind wohl die eingebauten Zitate Nietzsches, Descartes’ und weiterer kluger Köpfe, die dem Notizenfundus des Erzählers entstammen sollen und vermutlich seinem Framing als gebildetem Das-große-Ganze-Seher dienen.
Was hängen bleibt, sind die Auseinandersetzung mit dem als krank Erkannten und dem vermeintlich Normalen. Zuhören ist wichtiger als Diagnostizieren und ein Mensch ist immer mehr als seine Krankheit (und erst recht mehr als die Krankheiten seiner Familie). Leon Engler zeigt in diesem Roman die Grenzen des Quantifizierbaren auf, und überhaupt die Grenzen dessen, was wir „normal“ nennen. Es ist ein leiser Aufruf, liebevoll in sich und um sich herum zu blicken und zu erkennen, wer und vor allem was uns eigentlich so verrückt macht.
Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Leon Engler wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. «Botanik des Wahnsinns» ist sein Debütroman, mit dem er auf der Shortlist für den aspekte-Literaturpreis stand.
Beitragsbild © Niklas Berg
