Hannah Häffner «Die Riesinnen», Penguin

Zwischen provinzieller Idylle und Engstirnigkeit, Fernweh und Verwurzelung schwankt Hannah Häffners Roman «Die Riesinnen». Anhand der Schlaufen, die die Protagonistinnen um ihr Dorf ziehen, wird gezeigt, dass man Heimat nicht findet, sondern sich selbst erschaffen muss.

Drei Frauen – aber nie ohne Männer
Gastrezension: Graziella Tarelli wurde 2002 im Kanton Uri geboren. Seit vier Jahren lebt sie in Basel und studiert Deutsche und Englische Literaturwissenschaft.

In Wittenmoos lebt eine Riesin. Lieselotte heisst sie und hat Haare wie Kupferwolle. Trotz ihres Aussenseiterinnendaseins hat sie sich im Dorfleben der 1960er eingeordnet, zumindest scheint es so. Verheiratet mit dem zukünftigen Chef-Metzger, der aber bald aus ihrem Leben verschwindet, und in Erwartung ihres ersten Kindes, träumt sie sich doch immer wieder aus Wittenmoos weg.

Cora ist ihr Spiegelbild – aber doch ganz anders als Liese. Die Tochter schafft, was die Mutter nie tat – sie verlässt das Dorf für die grosse weite Welt. Ihre Suche nach einer anderen Heimat endet jedoch jäh, als sie unerwartet schwanger wird. Damit landet sie wieder in Wittenmoos, wo sie sich nicht nur in ihrer neuen Mutterrolle zurechtfinden muss. 

Auch die dritte Riesin, Eva, zieht aus, nur um über Umwege wieder ins Dorf zurückzufinden. Anders als bei ihrer Mutter und Grossmutter geschieht diese Rückkehr mit voller Absicht. Gleichzeitig zeichnet sich an ihr die Veränderung im vermeintlich unveränderlichen Kaff ab.

Hannah Häfner «Die Riesinnen», Penguin, 2026, 416 Seiten, ISBN 978-3-328-60433-4

Nach drei Küstenkrimis setzt Hannah Häffner ihren vierten Roman in die Tiefen des Schwarzwalds. Doch ein altbekannter Krimi-Vorwurf hält sich auch hier: Das Personal des Romans hat einen leichten Hang zum Stereotypen – tratschende Hausfrauen und grobe, verschwiegene Männer. Auch die Handlungsstränge sind das, was man von einem Dorfroman erwartet. Deren Schablonenhaftigkeit führt oft dazu, dass Ereignisse in die Handlung hineingeworfen und wieder fallengelassen werden, um bis zum Ende unerklärt zu bleiben. 

Auch die drei Protagonistinnen sind innerlich eher knapp ausgearbeitet, was auch daran liegt, dass die Gespräche mehrheitlich paraphrasiert sind. Der Wandel ihrer Beziehungen zueinander wird so nur vom Text erzählt, ohne dass die Leser:innen sie selbst miterleben könnten. Ihre Ängste und Sorgen bezüglich des Lebens im Dorf sind präsent, weitere Persönlichkeitsaspekte fehlen jedoch, insbesondere bei Liese und Cora. 

Dies führt zum schwersten Defizit des Romans: Das „Drei-Generationen-Porträt grosser Frauen“, welches Doris Knecht, ebenfalls Autorin, auf dem Klappentext verspricht, hangelt sich konsequent an den Männern der Riesinnen entlang. Diese sollen wohl die inneren Entwicklungen der Protagonistinnen spiegeln, ersetzen sie aber tatsächlich komplett. 

So demonstriert Liese gegen den Bau eines Atomkraftwerks, eigentlich um zu schauen, ob die Demo sicher genug wäre für Cora. Aus dieser Aktion bleibt nur die Bekanntschaft mit Richard. Mit Cora spricht sie nicht über ihr Erlebnis, genauso wenig wie die beiden über Coras Erfahrung von sexualisierter Gewalt sprechen. Der Übergriff wird bloss nochmal aufgenommen, um Liese als mutige und starke Frau zu profilieren, die sich nicht davor scheut, den Lehrer für sein mangelndes Eingreifen anzuschreien. Dass sich ihre Mutter so für sie eingesetzt hat, erfährt Cora jedoch erst als Erwachsene. Ob dies nun Symptom der sich nur langsam erwärmenden Mutter-Tochter-Beziehung sein soll, bleibt unklar.

Auch Coras Interrail-Reise, auf der sie eigentlich eine neue Heimat finden wollte, beschreibt eher die verschiedenen Männer, die sie kennenlernt, als ihre Eindrücke von der Welt. Die besondere Verbindung zwischen Cora und ihrer Reisebekanntschaft Mette hingegen – eine Freundschaft, die allein schon deswegen nicht wankt, weil sie nicht mehr wegzudenken ist, seit sie begonnen hat – ist ebenso wenig greifbar wie die Beziehungen zwischen den Riesinnen untereinander.

Selbst Eva ist nicht vor dem Männerfokus gefeit. Sie zieht nach Stuttgart fürs Studium. Bevor wir erfahren, was sie überhaupt studiert, erzählt der Roman von ihren Verhältnissen mit drei verschiedenen Männern. Falls die Autorin damit ein Statement für sexuelle Selbstbestimmtheit machen wollte, geht dies am Ziel vorbei.

Zum Schluss findet der Roman doch nochmal neue Tiefe. Evas bewusste Rückkehr legt die biographischen Schlaufen frei, die alle drei Riesinnen um das Dorf im Zentrum ziehen. Die Leben der Frauen folgen einer ähnlichen Struktur, in der das Heimatgefühl erst durch das Schaffen eines eigenen Raumes eintritt. In dieser zyklischen Darstellung wirkt auch das Ende des Romans – eine vierte Riesin in Evas Bauch – nicht kitschig, sondern zart hoffend auf eine Zukunft, die für jede Generation Neues bereithält.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Hannah Häffner wurde 1985 in Heidelberg geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften begann sie, als Werbetexterin zu arbeiten und sich parallel dazu verstärkt dem Schreiben zu widmen. Heute lebt sie mit ihrer Familie als freie Texterin und Schriftstellerin in der Nähe von Stuttgart.

Beitragsbild © Tanja Kernweiss