Von ganz unten, weit hergeholt schnappt es plattenförmig auf und zu. Graue Mäuler am Lecken, Fletschen Schlangenzungen im Innenraum jeden Mundes, Schlangenhaufen im Schmelz ohne Zähne, ohne Zahn, ohne Krone am Schnappen auf und zu, sichtbar ist nur ein Schlangengehäufe, am Heulen?
Nach oben greifend ohne Augen, wo sind die Augen? Kein Sehen ist möglich. Über ihnen billardische Flächen weit und breit, große Flächen überzogen mit Kugeln. Weiß beerdete Kugeln, halsförmig am Brüllen: Ich bin besser als Du! Ich kann mehr als Du! Ich bin wichtiger als Du! Ich bin größer als Du! Im Abstoßen, gegenseitig, billardisch, hin und her gestoßen am Brüllen und Schmeißen nacheinander mit Klumpen beschmutzen. Jeder Knall ein Wort? Nach oben gerichtet, halsförmig.
Oben jongliert etwas, das Jonglieren von Pfoten, Händen, Fingern und Zehen am Spielen mit den Zähnen, goldenen Zähnen. Am Herumwirbeln mit dem Gold der Zähne, mit den Augen, viele bunte Steine wie Augen blühen auf, in der Luft am Springen, Wirbeln, Tanzen miteinander. Metallische Pfoten, festgezurrt auf Kieselstein, halten alles fest, halten Zähne, Augen alles in ihrem Handinneren, in Ihren Handflächen fest.
Wo ist der Rumpf? Wo ist der Körper, das Tier? Wo sind die Pfoten? Wo sind die Augen? Wo ist der Körper? Wo ist das Tier?
Am Himmel ganz weit hinten, nein oben, der Mond, die Weite des Himmels, da scheint eine Bildfläche auf, ein Bildschirm, nein Bildschirme am Flimmern, ein Herz am Flimmern. Gespickter Rumpf am Pochen, Herzpochen, alles im Bildschirm, in Bildschirmen am Flimmern auf direkter Mondfahrt, in Raserei zum Mond.
Dort ausruhen? Das Flimmern, Herzgerüste, alles abstellen auf dem Mond, den Monden?
Dann ein kräftiges Lachen, über alles, was brüllt und wirbelt, es auslachen bis das Flimmern still ist, bis es lacht und höhnt im Mondsand, bis es dunkel wird auf dem Mond, im Himmel, auf verlorener Erde, bis es dunkel ist im Herzflimmern, in den Augen, im verlorenen Tier.
Bis es dunkel ist im Mondsand des Sieges. Bis es dunkel ist.
Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.
Ein literarisches Geschenk zum Jubiläum von Thomas Kunst, Dichter aus Sachsen-Anhalt:
«Ich sage nur Halbrosa. Ich sage nur Suederhavjeln.»
Ich sage nur Adventsmarzipan. Ich sage nur Wintergarten mit Gott. Ich sage nur keine Bescheidenheit. Natürlich sage ich nur Chelsea. Nur Long Island. Nur Chocorua. Ich sage nur kein Europa der Welt. Ich sage immer nur. Ich sage nur Visconti. Ich sage nur häng nicht so an mir. Ich sage nur Engel des Wassers. Nur Wickelmünzen. Nur Villa rustica. Ich Sage immer nur. Ich sage nur Küchentisch. Ich sage nur Elefanten in den Wäldern. Nur Glück. Nur Lametta. Nur trink Dieses Glas noch aus. Ich sage nur deine Haare bei Schostakowitsch. Nur jetzt leider nicht. Nur mach dein Berlin noch aus. Dein Appenzell. Dein Arizona. Ich sage nur der Hudson. Ich sage nur die Docks. Ich sage nur Schwesterchen. Nur kann ich mich auf deine Brüste auch verlassen. Ich sage nur Schneenutten. Ich sage nur Schwarz-Butter. Ich sage nur Ultimativ. Nur ferne Länder. Nur Kafka und Kennedy. Nur Schaum. Nur Familienunterbrechung. Ich sage nur lass mich in Ruhe. Lieb mich Nicht mehr. Ich sage immer nur. Ich sage nur Hass. Nur Tagebuchhotels. Ich sage nur Stolz. Nur Tod. Nur Liebeslässigkeit. Ich sage nur Filme Im Winter. Nur Filme im Winter. Die Filme im Winter. Nur Filme. Nur Winter. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht. Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch einfach sein. Ich rede mit dir. Siehst du nicht diese ultimativen Zugeständnisse an den Flüssen. An all deinen Meeren. Die sture Hilflosigkeit einer vereinzelten Zuneigung. Die späte Anteilnahme der Verlegenheit am Trost. Diese unüberwindlichen Zugeständnisse einer wirklichen Liebe. Siehst du sie denn nicht. Du. Ich rede mit dir. Wo auch anders als an den Flüssen. Und an jedem deiner Meere. Kein Mut hört zu. Kein Gott der Gegenseitigkeit gibt acht. Kein Wunsch hält eine zweite Fieberkurve ein. Nicht die geringste Orchidee von dir benimmt sich in den Nächten auch nur halbwegs proletarisch. Woran ich das merke. Woran ich das merke. Siehst du sie denn nicht. Es könnte doch immerhin sein. Ich rede mit dir. Über die unvermeidliche Schönheit zufriedener Fabriken. Über die jüdische Gelassenheit von allgemeinen Bäumen. Blut und die Reste von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und Jazz. In den hohen Steinen deiner Städte hat sich mein Bureau verkantet. Holzgeflechte. Strom und selbst die abgebremste Leidenschaft zu großer. Ungestümer Seidenwürfel. Wenn ich mal Zucker brauche. Gehe ich runter. Wenn ich mal Pferde brauche. Gehe ich hoch. Du schläfst doch noch nicht. Du hast doch noch eine Drehung für mich. Mein Stern. Ein Zucken. Und Ein Schweifen. Ein Schleifen. Ohne Lässigkeit und Ende. Aus Nüchternheit. Aus Stolz. Und Sinnlichkeit. Und Stil. In den fatalen Möglichkeiten zögerlicher Gier. Die Musik wackelt nicht mehr. Mein Kopfende hat schon für weniger Sätze gespielt. Du sagst doch immer. Bis die Tage mal. Und im Moment. Mein Gott. Du siehst sie nicht. Du siehst sie nicht mehr. Diese warmen Kamillengitter. Blau Auf den Stühlen. Deine Haare bei Schostakowitsch. Wo kommen sie her. Wo Kommen. Aber wo kommen die Winde her. Diese Ähnlichkeiten im Winter. Die Kinder. Die Kinder in Filmen. Wo kommen sie her. Die Erfinder der Winter. Die Behinderer der Winde. Louise an den kleinen Tagen. Doch in den Nächten Lasvishuna. Wenn ich mal Milch brauche. Gehe ich runter. Wenn ich mal Milch brauche. Gehe ich hoch. Ich war die Fee für dich. Ich war auch Engel. Schwesterchen. Und Stern. Nur noch Kalendermut. Zisternen. Jahreszeiten. Und du wirst sehen. Ich wäre niemals gerne deine Frau gewesen. Du sagst doch immer. Bis die Tage mal. Und leider immer wieder im Moment. Mein Gott. Du siehst sie nicht. Wo kommen sie her. Wo kommen. Aber wo kommen die Kinder her. Die Behinderer der Winde. Wo kommen sie her. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Die Schiffe in Asien. Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern an Deck. Ich hab sie gesehen. Siehst du sie nicht. Das Schlimmste am Tod Ist sicherlich. Daß alles nach dir sinnlos weitergeht. Was nützen da Noch Gleichgewicht und Gier. Und eine souveräne Täuschung ohne Dauer. Die Augen waren schon immer so. Und das. Was meine Augen nicht Mehr wiederholen. War nie da. Aber das Krankenhausmesser War da. Deine hochgekrempelte Sonnenbrille war da. Die hellbraunen Autobahndecken waren doch da. Für die Stühle im Hof Da draußen. Im Winter. Ein für alle Mal. Sie waren da. Siehst du sie Nicht. Siehst du sie denn nicht. Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch immerhin Sein. Ich rede mit dir. Verlass dich bloß nicht mehr auf deine Briefe. Und halt von mir aus gern die Unterschiede ein. Du bist nicht gerade Wesentlich mit deinem Mund. Wenn du an Sätze denkst. Die ich nicht einmal Schreiben würde. Die einzige Möglichkeit, dich zu lieben, ist die, dich Zu belästigen. Die einzige Möglichkeit, mich zu belästigen, ist die, mich Zu lieben. Und du wirst sehen. Was deine Briefe nicht mehr wiederholen. Geht vorbei. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie Gesehen. Ich schwöre. Bei deinen Lederabdrücken im Flur. Und dem gleichen Monat deiner Hände beim Verzeihen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie Gesehen. Ich hab die ganzen Jahre meiner Blicke noch nie für unachtsames Glück gehalten. Aber meine Augen haben auch schon für weniger Sätze gespielt. Ich hoffe. Meine scheue Ausgeglichenheit enttäuscht dich nicht. Denn ohne die Enttäuschung gibt es keinen Trotz. Und ohne Trotz gibt es nicht gleich die Ungeteilte Schönheit anderer. Ich habe dir zuliebe das Wort jemals benutzt. Jemals zu Weihnachten. Jemals versprochen. Und jemals in Asien. Und Rom. Ich bete einmal am Tag warm. Ich gehe nicht mehr ans Fenster. Ich fahre nicht mehr Für umsonst. Ich lasse keine Assistenten mehr in die Fabriken. Ich höre deine Musik nicht Mehr allein. Meine Augen waren schon immer so. Sie wiederholen nichts. Was sich Nicht lohnt. Die Hydraulik deines Wagens beim Losfahren lohnt sich nicht. Die allgemeinen Bäume lohnen sich nicht. Die Lässigkeit deiner Sehnsucht Beim Betrinken lohnt sich nicht. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht. Lässigkeit. Und Wehmut. Ohne Ende. Jemals in Asien. Aber auch jemals in Rom. Meine Straße spielt nicht mehr mit. Mein Telefon spielt nicht mehr mit. Die Entfernung zwischen Vertrautheit und Juni spielt nicht mehr mit. Was soll ich Dir denn noch alles zumuten. Damit du endlich begreifst. Daß meine Sehnsucht nichts. Aber auch rein gar nichts mit deiner Hingabe an meine Zurückhaltung zu tun hat. Ich habe sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen, gesehen. Auf den unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Deine Hingabe. Auf den Schiffen. Mit den gründlichen Kindern an Deck. Bedeutet dir das alles Gar nichts. Sag nicht. Du hast nicht aufgepasst. Sag nicht. Du hättest dir den breiten Schnee der Adern meiner Brüste fast noch schöner vorgestellt. Blut und die Reste von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und Jazz. Sag nie wieder Visconti. Sag jemals Rom. Deine Kinder. In Asien. Gründliche Kinder. Die Erfinder der Winter. Die Winter in Filmen. Meine Schiffe nur bei Wind wohl. Und nur bei Wind. Und allgemeinen Sternen. Ich kann noch immer nicht glauben. Daß wir es Wirklich geschafft haben sollen. Geschafft mit den Kindern. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht. Die Kinder bei Wind. Die Kinder in Filmen. Wo kommen Sie her. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den Unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Die Schiffe in Asien. Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern An Deck. Ich hab sie gesehen. Ich habe auch die Müdigkeit gesehen. Die Müdigkeit der losen Männer an den Flüssen. Ich hab mir nichts dabei gedacht. Ich habe ihre stumpfen Finger in mich reingeknickt. Ich weiß ja. Daß ich mich Auf dich verlassen kann. Denn ich allein bin deine Frau aus einer Schneeausgabe. Ich bin die Frau von einer Seltenheit der Briefmarken im Flur. Hast du gehört. Ich kann nicht mehr. Kannst du dir vorstellen. Wie die Sommer gehen. Wie ohne Hilfestellung unsere Sommer gehen. Ich muss mich wohl auf das Beschränken. Was ich kann. Ich wirklich kann. Ich kann noch ohne Selbstmitleid An einem großen Wasser stehen. Ich habe unterwegs nur eine Kleinigkeit Getrunken. Mach mir nichts vor. Ich kann auch ohne dich an großen Wassern Stehen. Und das. Das konnte ich schon immer. In einem Jahrzehnt der Schauspieler, Kondome und Ameisen. Mach das nochmal. Mach das ruhig nochmal. Konntest Du deine Probleme denn nicht anders lösen. Ich kann mir vorstellen. Was ich will. Es geht nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr. Meine eingeübten Modelle versagen. Die Herbergen. Der Strand. Und auch die öffentlichen Kinodämmerungen. Die Bankreihen. Am Stadtrand. Die Stühle. In den Wäldern. Die Haare nie allein. Und selbst die Strumpfhosen. Schon nicht mal mehr im Liegen. Dein langes Unterhemd beim Stadtteilfest. Ich glaube. Unter all den Decken. In den Häusern. Gibt es keine Sicherheiten mehr. Führe die Ameisen aus. Sei gut zu den Schauspielern in deiner Region. Führe sie weg von den Hoheitsansprüchen. Und den anderen Gewohnheitsrechten. Sie haben es nicht Anders verdient. Die Schauspieler. Und die Ameisen. Deiner Heimatstadt. Ich habe Unterwegs schon eine Kleinigkeit getrunken. Nur eine Kleinigkeit. Ich schreibe Gern nur eine Kleinigkeit beim Trinken. Eine Kleinigkeit. In einem Jahrzehnt der Schauspieler. Kondome. Und Ameisen. Ich kann mich nicht daran erinnern. Etwas Falsches gesagt zu haben. Aber die Ameisen. Die Ameisen haben es bei dir Gut. Bestimmt gut bei dir. Wo auch immer du sein magst. An den Hauswänden. Auf dem Teppich. In der Steppe. Und in den laschen Wülsten derber Segeltücher. Aber die Schauspieler. Die Schauspieler haben es bei dir gut. Bestimmt gut bei dir. Die Schauspieler. Und die Ameisen. Die Müdigkeit. Die Kinder. Und die Schiffe in Asien. Die Ameisen. Auf den Bühnen. Die Behinderer der Winde. Die Erfinder der Kleinigkeiten. Aber was weißt du denn schon. In einem Jahrzehnt der stundenlangen Liebe. In einem Jahrzehnt altmodischer Umarmungsgifte. In einem Jahrzehnt der ansteckenden Termine. Der Speichelarten auf halber Höhe. Der bis zur Unerbittlichkeit erkalteten Verwandtschaftsgrade. Bleib solange. Bis ich deine Unentschlossenheit verkraftet Habe. Warum nimmst du nicht ein wenig frei. Das war keine Frage. Angst vor Haarsträhnen und Bodenluken kannst du auch auf einem karierten Geschirrtuch Haben. Deine Übergangszeit von mir zu ihm steht unter Eid. Ich habe kein Verständnis mehr für das. Was übrigbleibt. Die Schauspieler. Die Ameisen. Die Müdigkeit der Unanständigkeit. Ich sage nur halbrosa. Das Einsickern Von Gestalten. In die Verschwiegenheit der Grasanlagen. Siehst du sie Nicht. Siehst du sie denn nicht. Ich war noch nie bei den Briefmarken. Den Zugeständnissen. Den Kleinigkeiten. Und Zurückweisungen. Ich war noch nie in den Gärten der Menschen. Im Schatten der Casuarinenbäume. Die Übergangszeiten. Die Bisse. Die Säure. Ich war noch nie in Suederhavjeln. In den Gedichten von Schauspielern. Warum schreiben sie auch noch. Und spielen nicht nur. Auf Ihren Schiffen. In Asien. Aber ich habe sie Gesehen.
Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein »gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen« (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Land. Hier mehr zu Tomas Kunst.
Man muss für sein Buch, für sein Schreiben kämpfen, hält Gallus Frei-Tomic auf seiner Website literaturblatt.ch fest.
Wahrer könnte dieser Gedanke nicht sein, leben wir doch zunehmend in einer Zeit, in der Kultur und insbesondere Literatur immer mehr marginalisiert werden, da sie keinen «Return on Investment» und Gewinn bringen, ja ein Verlustgeschäft darstellen in einer Konsumgesellschaft, in der man immer weniger willig ist, zu denken und immer mehr auf Besitz von materiellen Gütern ausgerichtet ist.
Zum Glück gibt es sie dennoch, diese exotische, langsam aussterbende Spezies der Literaturverliebten, bestehend aus Lesenden, Schreibenden, Verlegenden und Literaturvermittelnden. Eine Handvoll Idealistinnen und Idealisten, die man heutzutage ruhig zu «Verrückten» erklären könnte.
Was aber bedeutet genau «verrückt»? Das deutsche Wort «verrückt» denkt nicht an Krankheit. Es stellt eine Raummetapher der Verschiebung dar: etwas ist disloziert, hat einen unkonventionellen Platz eingenommen, hat seine ursprüngliche Lage verändert. In der Zeit des Wertezerfalls und der neuen Wert- und Weltordnung erscheinen literaturliebende Idealistinnen und Idealisten tatsächlich als «Verrückte». Denn sie kämpfen dafür, dass durch das Lesen, Schreiben und die Vermittlung von Texten in der Trump-Ära die Fähigkeit des Menschen, sich mit komplexen Inhalten auseinanderzusetzen und zu denken nicht verloren geht. Waren es nicht immer die Verrückten, die durch geschriebene Texte die menschliche Entwicklung und den Fortschritt entscheidend vorangetrieben haben?
Auch wenn heute die Zukunft des Buches immer unklarer wird, scheint es unbestritten weiterhin ein paar wenige Enthusiastinnen und Enthusiasten zu geben, die sich unbezahlbar und unbezahlt als einsame Kämpferinnen und Kämpfer auf weiter Flur für das geschriebene Wort mit aller Kraft und Energie einsetzen und somit der drohenden wirtschaftlichen neoliberalen Kulturzerstörung die Stirn bieten.
Gallus Frei-Tomic zählt zu diesen literaturliebenden idealistischen Enthusiasten, die ihr gesamtes Schaffen in die Unvergänglichkeit der Literatur investieren. Wie unermüdlich seine Arbeit in den vergangenen 10 Jahren war, zeigen die 2000 Beiträge als freier Literaturkritiker, die zahlreichen Veranstaltungen, bei denen er mitgewirkt oder die er selbst organisiert hat, die Rückmeldungen von namhaften Schriftstellerinnen und Schriftstellern auf literaturblatt.ch, die Pressestimmen.
Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg, hatte einst Sigmund Freud gesagt. Und dieser Gedanke erscheint heute aktueller denn je. Zur Kulturentwicklung gehört aber unbedingt auch Literatur. Denn Literatur vermittelt Werte, dient der Entwicklung von Mitgefühl und Empathie, Literatur lehrt uns zu lieben. In diesem Sinn ist Literaturvermittlung, so wie Gallus Frei-Tomic sie betreibt und als kulturpolitischen Beitrag einsetzt, unentbehrlich.
Evelina Jecker Lambreva, Schriftstellerin, Psychiaterin und Psychotherapeutin
Spannend war es heute in Stockholm nicht. Nach dem Ungarn Krasznahorkai war 2026 «eine Frau dran», und so kam es: Der Literaturnobelpreis geht an Anne Carson.
Ein Kommentar von Evelina Jecker Lambreva
Die Süddeutsche Zeitung schreibt es offen: «Nach dieser Logik gibt es nun erneut eine Literaturnobelpreisträgerin». Zehn Jahre wechseln sich Mann und Frau nun lückenlos ab, seit Ishiguro 2017. Die Akademie behauptet, sie folge keinem Proporz. Bei diesem Ergebnis ist das schwer zu glauben. Den Preis dafür zahlt, meines Erachtens, Georgi Gospodinov. Die FAZ nannte ihn gestern an erster Stelle unter sieben Würdigen: «Das ist grosse Literatur. Sie verdient unbedingt den Nobelpreis». Er erhielt den ersten International Booker für ein bulgarisches Buch. «Zeitzuflucht» zeigt Europa als Alzheimer-Patienten, der in sein Lieblingsjahrzehnt flüchtet. «Der Gärtner und der Tod» gewann erst vor einem Monat den Jean-Monnet-Preis. Gospodinov verbindet melancholische Ironie mit politischem Ernst und schreibt aus einer kleinen Sprache. Eine Akademie, die weniger eurozentrisch sein will, hätte kaum ein besseres Argument finden können.
Anne Carson ist keine Quotenfrau. Ihre Sappho-Übertragungen und «Autobiography of Red» werden als gelehrte Meisterstücke gefeiert. Gerade deshalb trifft sie das Muster am härtesten: Jede Preisträgerin muss sich nun anhören, sie sei bloss «dran gewesen». Was als Gerechtigkeit gedacht war, ist zur Buchhaltung über Identitäten geworden. Wer Literatur nach dem Geschlecht ihres Autors gewichtet, stellt den Körper vor den Text. Das ist genau das, was der Feminismus einst bekämpft hat. Die Folgen kennt der Westen gut: Lager bilden sich, Ideologie wird gegen Ideologie gestellt, und Männer gelten als strukturell verdächtig. Nobel wollte «das Herausragendste» auszeichnen. Eine Reihenfolge hat er nicht verlangt. Das ist die traurige Erkenntnis des heutigen Tages: dass der ursprüngliche Sinn des Nobelpreises für Literatur inzwischen politisch verschoben wird.
«Das ist nur die Hitze, du hast kein Fieber», sagt sie und führt die Rückseite ihrer rechten Hand an seine Stirn. Er zuckt zusammen. «Was für kühle Finger du hast.» Sie schließt die Augen, konzentriert sich. «Nein, das ist kein Fieber», entscheidet sie dann und streckt ihm ein Tetrapak mit Eistee hin. «Trink etwas. Oder tauch den Kopf kurz in den Brunnen.» Er dreht sich um, schaut über den runden Steinrand ins Innere des marmornen Trogs, auf dessen Sockel sie sitzen. Aus einem rostigen Rohr tröpfelt Wasser auf eine kleine Insel aus Algen und Moos, die mitten auf einem Halbmond aus sumpfiggelbem Wasser treibt. «Padjus?», keucht er, «machst du Witze?» Sie lächelt, reicht ihm ein Taschentuch. «Wir sind in Saleban! Das sieht nur giftig aus.» «Schimmel?», röchelt er und tippt ihr mit dem Zeigefinger an die Stirn. «Das ist kein Schimmel», erwidert sie und zieht den Kopf zurück. «Das sind Pilze.» «Und wenn ich doch Fieber habe?» «Ach, vergiss es, trink!» «Es fühlt sich eher wie Fieber an.» «Was?» «Na, die Hitze, sie ist so.» «Wie so?» «So mehr von innen als von außen.» «Das kannst du unterscheiden?» «Ja, es ist eine Hitze, die nur zu mir spricht, eine Stimme in mir, die auf mich einredet, mit Nachdruck, als habe sie mir etwas ganz Wichtiges mitzuteilen. Während die Hitze hier im Dorf, die spricht zu allen. Die ist mehr wie ein Radio, das vor sich hin plärrt … » «… und alle nervt. Was sagt sie dir denn, deine innere Stimme?» «Nichts. Sie zeigt nur, dass sie da ist.» «Sie zeigt?» «Ach, ich weiß auch nicht, da ist einfach etwas, nicht nichts.» «So etwas wie ein Gott?» Er lässt sich nach hinten sinken, bis sein Kopf den Brunnenrand berührt. «Ich glaube nicht, dass Gott ein Fieber ist. Eher ist er ein Aspirin, das dir den Kopfschmerz nimmt.» «Ui. Wollen wir was trinken gehen? Da drüben hat es ein Café, die Tische stehen schön im Schatten unter alten Bäumen, das wird dich erfrischen. Und vielleicht haben die ja einen Ingwertee. Komm, ich zieh dich hoch.» Sie setzt sich ihren Strohhut auf, stützt die Fäuste auf seine Oberschenkel, wuchtet sich hoch und streckt ihm ihre Linke hin. «Wenn du meinst», sagt er, hebt den linken Arm und schüttelt matt die Uhr zurück, die ihm über den Rist gerutscht ist. «Geh schon mal vor. Ich komme gleich nach. Ingwertee ist gut. Magis, jeroub, taskura pa inal twa, jokæn? Aber bitte, bestell doch gleich für alle drei, ja?»
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt. Zuletzt erschien bei Rotpunkt der Episodenroman «Der Verlag», geschrieben von Romana Ganzoni, Samuel Herzog, Lis Künzli und Karin Rey.
Zufällig stiess ich bei einem Besuch der Buchhandlung BuK Luzern auf dieses schön gestaltete Buch. Luana, die Inhaberin, war schon vor der Nominierung zum Schweizer Buchpreis der Meinung, dieses Werk werde seinen Platz auf der Liste bekommen. Da ich das Debüt von Sarah Elena Müller «Bild ohne Mädchen» gerne gelesen habe, kaufte ich «Unwucht».
Voller Spannung begann ich zu lesen – und bin tief berührt. Die aussergewöhnliche Sprache ist gewöhnungsbedürftig, die schwierige, schmerzhafte und scheiternde Beziehung zwischen Alice und dem drogensüchtigen Rio ist dadurch aber beeindruckend in Sprache umgesetzt. Oft ist die Wortwahl ungewohnt und der wie eine Collage zusammengesetzte Text erfordert langsames Lesen. Dann entstehen bereichernde und interessante Leseerlebnisse. Als Hausarzt habe ich viele Drogensüchtige betreut, und diese schwierigen, schmerzhaften und oft perspektivlosen Beziehungen und Lebensbedingungen mittragen helfen. Ich musste oft daran zurückdenken.
Das Buch beginnt mit einem Treffen von Alice und Rio sieben Jahre nach der Trennung, sie hat sich durchgesetzt und Rio hat den Entzug hinter sich. Weitere kurze Passagen aus dieser Zeit unterbrechen den Hauptstrang. Alice schreibt ein Buch über die Zeit vor der Trennung. In der Diskussion mit Rio zeigt sich, was beim Aufschreiben von Erinnerungen passiert, und wie unterschiedlich Menschen sich erinnern. Jetzt, wo ich es will, kann ich mich auch immer schlechter erinnern, was wann und ob es überhaupt war. Es wird im Text zwar wirklicher, aber nicht wahrer», räume ich ein. «Dir ist schon klar, dass du mich komplett in der Hand hast? Selbst wenn ich mich zuverlässig erinnern könnte, meine Version würde niemand mitkriegen.
Sarah Elena Müller «Unwucht», Limmat, 2026, 336 Seiten, ISBN 978-3-03926-109-3
Die beiden haben sich in der Kunstakademie kennengelernt. Alice ist gefangen im Zusammenleben mit Rio, dessen Sucht alles beherrscht. Alice wartet und wartet. Rio ist meist weg, irgendwo unterwegs. Die Schwiegermutter Maria benutzt Alice als Informationsquelle, da sie sich um ihren Sohn sorgt, was Alice zusätzlich belastet. Dies beschreibt die Autorin eindrücklich in einem Traum von Alice, wo diese als giftige Spinne die im Netz gefangene Alice verfolgt. Ich bin die Beute, Maria die Spinne. Zielsicher setzt sie die Hände und Füsse auf die Knotenpunkte, das Netz erbebt. Vor Angst zitternd klettere ich von Rios Mutter weg, aber sie ist dicht hinter mir. Sie sucht den Schlüssel zu ihrem Sohn bei mir, aber ich habe ihn nicht. Ich hätte doch die Schiebetür nehmen sollen, denke ich, aber da hat mich Maria schon eingeholt und am Knöchel gepackt.
Verzweifelt versucht Alice sich in ihrem Leben von Zwängen, Geldnot und Enttäuschung zu behaupten. Sie verliert Freunde, ihr wichtige Gegenstände, die Liebe. Erschütternd kommt zum Ausdruck, was Sucht mit der Partnerin des Betroffenen und dem Umfeld macht. Ich weiss, bald ist Rio wieder weg. Nie ist genug Zeit, eine einzige Sache ganz zu erleben, durchzudenken oder auch nur irgendetwas in Erfahrung zu bringen.
Eine wichtige Rolle spielt auch das verrostete defekte Auto, ein Fiat, dessen Kontrolle beim Garagisten vor einer vorgeschriebenen Überprüfung detailliert und witzig beschrieben wird. Jemandes «Fiat», auf Lateinisch, hatte unsere Religionslehrerin erklärt, ist das, wozu ein Mensch in seinem Leben «Ja» sagt, «es geschehe», im Evangelium nach Lukas. Das, was ihr Gott in eurem Leben tun lasst. Marias Fiat war Jesus. Mein Fiat ist verrostet.
Ein herausforderndes, aussergewöhnliches, dichtes, nachhaltiges Buch. Auch wenn es gelegentlich zu wuchtig daherkommt und Sarah Elena Müller sich vielleicht etwas übernommen hat. Aber noch nie habe ich die Auswirkungen von Drogensucht auf eine Liebesbeziehung und das soziale Milieu literarisch so eindrücklich umgesetzt gelesen. Toll!
Bär
Sarah Elena Müller, geboren 1990, bewegt sich fliessend zwischen Literatur, Musik, Forschung und Performance. Mit der Spoken-Pop-Combo Cruise Ship Misery hat sie zwei Alben herausgebracht, zuletzt das Songbook «Brutto Inland Netto Super Clean» im Verlag der gesunde Menschenversand. Seit 2024 arbeitet sie im Team des SNF-Projekts «Autofiktion & Bewusstsein». Im Limmat Verlag ist ihr Debütroman «Bild ohne Mädchen» lieferbar, der vielfach ausgezeichnet wurde und für den Schweizer Buchpreis nominiert war. Sarah Elena Müller lebt in Bümpliz.
Ich war der Seismograph für die Beben meiner Mutter.
Gastrezension von Thomas Dütsch, Lyriker
Die Lyrikerin Nora Gomringer hat unter dem Titel «Am Meerschweinchen übt das Kind den Tod» einen Nachruf auf ihre Mutter 2020 verstorbene Mutter veröffentlicht: Nortrud Gomringer, geborene Ottenhausen, wird 1941 als Deutsche in Krakau geboren, wo ihr Vater als SS-Offizier stationiert ist. Die schwangere Mutter ist – mitten im Russlandfeldzug – ihrem Mann dorthin gefolgt! Nach dem Krieg übersiedelt die Familie nach Hückelhoven nahe der niederländischen Grenze, wo Nortrud und ihr Bruder Wolfhard Kindheit und Jugendzeit verbringen. Ihr Vater, mit Brief und Siegel entnazifiziert, arbeitet nun als Gynäkologe. Nachdem Nortrud, die in ihrer Pubertät eine «wilde Hummel» gewesen sein soll, in einem Internat ihr Abitur gemacht hat, soll sie nach dem Willen ihres Vaters Medizin studieren. Die Tochter aber widersetzt sich, bricht das Studium vor dem Physikum ab, heiratet wenig später und wird Mutter zweier Söhne. Von der wiederholten Untreue ihres Gatten demütigt, trennt sie sich bald von ihrem ersten Mann und beginnt eine Ausbildung zur Grundschulehrperson. In ihrer Abschlussarbeit geht es um die konkrete Poesie im Hauptschulunterricht. Nortrud Ottenhausen «studiert» Eugen Gomringer, bevor sie dessen zweite Ehefrau wird. 1980 kommt Nora-Eugenie zur Welt. Sie ist das einzige Kind aus dieser Ehe, hat aber sieben Halbbrüder. Als Nora in die Pubertät kommt, geschieht zweierlei: Die Mutter erkrankt an Depressionen, die mehrere längere Klinikaufenthalte nötig machen, zeitgleich absolviert sie ein Germanistikstudium, das sie mit einer Promotion über Exilliteratur abschliesst. Eine Zeitlang lebt Nortrud Gomringer von ihrem Ehemann getrennt. Ab 2000 arbeitet sie, zur Empörung der Tochter, als Mitarbeiterin ihres Mannes, der in den Augen der Tochter «ihr Problem und ihre Lösung» ist. Sie ist verantwortlich für den Betrieb der Galerie im Zentrum Rehau und organsiert die Reisen ihres Ehemannes. Im Alter leidet die Mutter unter Atembeschwerden, Psoriasis und wird von einer Gürtelrose nach der anderen heimgesucht: Meine Mutter wurde ihre eigene Dornröschenstaude und litt am Jucken ihrer Haut, der Auflösung ihrer Nägel, der flächenhaften Entzündung ihrer Nerven. Sie stirbt am 8. Dezember 2020 in Rehau. – Nortrud Gomringer liebte die schönen Dinge des Lebens und den Auftritt. In geistreichen und humorvollen Gesprächen blühte sie auf. Sie rauchte gern, kochte gut und beschäftigte sich mit astrologischen Fragen. Als Lehrerin und Kulturvermittlerin war sie weit über Rehau hinaus bekannt und geschätzt.
Nora Gomringer «Am Meerschwein übt das Kind den Tod», Roland & Quist, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-86391-461-5
Tochter Nora wollte über nichts anderes als über ihre Mutter sprechen, schreiben, mich unterhalten. Aber es ist mehr daraus geworden, viel mehr: Kein Nachruf, sondern ein Nachrough, wie es im Untertitel heisst. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin. Der zweihundertseitige Text ist sehr persönlich gehalten und im Grunde die Schilderung eines einzigen grossen Schmerzes: Hinter den zahlreichen Erinnerungen und Anekdoten, die das Buch ausmachen, spürt man eine Sehnsucht nach mütterlicher Gegenwart und Zuwendung, wie die Tochter sie als kleines Kind erlebte, wenn Mutter, im Schaumbad liegend, ihr Geschichten erzählte. Nortrud Gomringer konnte jedoch nicht die verlässliche Bezugsperson sein, die die Tochter gebraucht hätte: Zu oft ist sie für Nora räumlich oder emotional nicht erreichbar. Zu Noras schönsten Erinnerungen gehören daher ein Aufenthalt in Kalifornien, als sie sieben Jahre alt war, und eine Reise mit der Mutter nach Rom, ein Geschenk zur Firmung. Da hatte die Mutter viel Zeit für sie. Die mütterliche Sprunghaftigkeit und Labilität machen der Tochter zu schaffen. Aber Nora gibt nicht auf: Als ihre Mutter Monate in der Klinik verbringt, lernt sie im Laufe der Zeit hundert Gedichte auswendig, um ihr eine Freude zu bereiten. Vor dem Rigorosum fragt die Tochter ihre Mutter tagelang über barocke Lyriktheorie ab. Die Mutter dissertiert über Lion Feuchtwanger, Nora schreibt ein Gedicht über Feuchtwanger und widmet es der Mutter. Das Verlangen der Tochter nach einer unerschütterlichen Beziehung zur Mutter ist umso grösser, als sie auf ihren Vater noch viel weniger zählen kann. Oft ist sie in jungen Jahren auf sich allein gestellt, wenn sie die Zuwendung der Eltern am nötigsten hätte: Ich wusste früh, dass ich nicht zwischen meine Eltern kommen durfte, und nicht hinter sie. Zwischen ihnen wäre zermalmt worden, weil sie mich nicht sahen, wenn sie ihre innigen und mächtigen Momente lebten, und hinter ihnen wäre ich vergessen worden, sie wären schnellen Schrittes um ein paar Ecken geeilt und hätten ihre pummelige Tochter einfach abgehängt. Manchmal mischt sich in den Schmerz auch Trotz, und Nora versucht zu rebellieren. Auf ihren Unterarm lässt sie sich jedoch einen Text ihres Vaters tätowieren, weil sie so «stolz» auf ihn ist…
Nora Gomringer klagt niemanden an, sie rechnet nicht ab, aber ihre Form der Autofiktion ist radikal. So erzählt sie etwa, wie sie nach dem ersten Suizidversuch der Mutter im Bad das Blut wegputzt, oder bekennt offenherzig, wie weh es ihr bis heute tut, dass ihre Mutter sie einst als störende «Bleikugel» bezeichnete.
Gegen Ende des Buches mehren sich die Anzeichen, dass der Tochterschmerz nachlässt: Als eine Krankenpflegerin zu ihr sagt: Sie haben eine ganz tolle Mutter. Und eine so lustige. Bei all dem Mist, den sie hat. So eine freundliche Frau! ist Nora glücklich und perplex und antwortet: Ja, die haben wir.
Und eine der letzten Episoden ist sogar ausgesprochen humorvoll: Am 20. Januar 2025, es ist der Tag, an dem ihr Vater seinen hundertsten Geburtstag feiern kann, hört Nora «glasklar», wie die Stimme der Verstorbenen zu ihr spricht. Die Mutter hat eine grosse Bitte: Halt ihn noch, solange du kannst, auf der Erde. Wenn er um mich ist, komme ich wieder nicht von ihm weg. Wie soll ich mich da erholen?
Die Sprache, die Nora Gomringer für ihren Nachrough gefunden hat, ist anschaulich, modern, direkt, durchdacht und an manchen Stellen herausragend poetisch. Der Text, der kein Roman ist, ist klug komponiert und von literarischen Motiven durchwirkt. Sehr hilfreich ist die Unterteilung in zahlreiche kleine Abschnitte. Man geht als lesende Person nicht in einem Sprachstrom unter, sondern hat stets die Möglichkeit, innezuhalten, tiefer zu verstehen und Brücken zur eigenen Biografie zu schlagen.
In den Chor der Autorinnen und Autoren, die schreibend Abschied von ihren Eltern genommen haben – man denke an Peter Weiss, Josef Winkler, Heinrich Wiesner oder jüngst Ursula Fricker – reiht sich Nora Gomringer als unverwechselbar weibliche, kraftvolle und bildstarke Stimme ein. 15’000 Exemplare des Buches sind bisher verkauft worden. Es sollten noch deutlich mehr werden.
Nora Gomringer, 1980 geboren, ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin, Filmemacherin und schreibt und spricht für Radio, Fernsehen und Feuilleton. Opernlibretti und Theaterarbeiten sowie zahlreiche Zusammenarbeiten mit Bildenden Künstler*innen machen sie zu einer der bekanntesten Dichterinnen ihrer Generation. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2022 den Else Lasker-Schüler-Preis und zuletzt wurde sie 2025 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.
Lyrik und Jazz – uff! Zwei Genres, an die sich selbst manch routinierte Leserin oder Leser kaum herantraut. Zu schwierig, zu intellektuell, zu anspruchsvoll, zu andeutungsreich und bedeutungsoffen, zu wenig zugänglich, zu wenig allgemeinverständlich, denken viele. Besonders die Kompositionen und Improvisationen von John Coltrane haben es in sich, gehören mit ihren rasend schnellen Läufen (bis zu 1’000 Noten pro Minute!), komplexen Akkordwechseln und avantgardistischen Harmonien zu den anspruchsvollsten, ja, gefürchtetsten Jazz-Werken überhaupt. Der Olymp (oder Mount Everest?) jedes Jazz-Musikers.
Gastrezension von Sonja Bonin
Wie schön, dass der ein Jubiläum zum 23. September naht: Vor 100 Jahren wurde der legendäre Jazzkomponist und -saxophonist geboren – und starb leider bereits mit 40 Jahren an Leberkrebs. Der Schweizer Lyriker, Übersetzer und Kritiker Florian Bissig lädtnun mit seinem neuen Gedichtband ein, es einfach mal mit beidem zu probieren: Jazz und Lyrik. In selbstironischer Bescheidenheit nennt er sein neues Werk, in dem er sich «an Coltrane entlang dichtet» ein «kreatives Scheitern».
Florian Bissig «Spielen, was ist», die brotsuppe, 2026, 116 Seiten, ISBN 978-3-03867-119-0
Die Rezensentin widerspricht. «Spielen, was ist» gelingt es ausgezeichnet, uns Leben und Werk von John Coltrane näherzubringen, indem er Schritt für Schritt dessen radikale Entwicklung imitiert: vom gefälligen Rhythm & Blues («Ein Rütteln und Schütteln/bis jeder Fuss wippt») über die Bandarbeit mit Miles Davis («Mit hartem Ton und leicht verstimmt […] eckig phrasiert/mit schroff-sensiblem Timbre») über «die raschen Rückungen», die er Thelonious «Monks chromatische[n] Morgenglocken» beifügt, bis zum verhalten-tragischen «Alabama». Dabei spiegeln Bissigs Gedichte kongenial entscheidende Elemente in Coltranes Musik. Etwa in «Anti-Jazz, schreiben sie», wo die «reinen Quinten» das alles durchziehende Leitmotiv bilden, um das sich in wiederkehrenden Schleifen die vernichtenden Kritikerkommentare ranken wie ein improvisiertes Saxophon-Solo undin dem die Vokalkombinationen kontrastierend hin- und her springen wie die Klangfarben des Künstlers bei seinen berühmten «Coltrane Changes»: «ein wütender junger Tenor, schreiben sie […] «rufend und suchend/schreiend und jubelnd/kreischend und preisend».
Aufbau oder Komplexität der Musik stechen in ihrer lyrischen Spiegelung oft auch optisch direkt ins Auge, zum Beispiel beim Gedicht «Klangflächen»:
Florian Bissigs Gedichten folgt als «liner notes» ein vergnüglich-erhellender Essay des Autors über John Coltrane und seine Musik. Knapp über 100 Seiten hat dieses schön gestaltete Bändchen aus dem Verlag Die Brotsuppe – doch es bietet Inspiration für Stunden. Warnung an die Leser: Sie werden sich mehr mit Lyrik und Jazz beschäftigen wollen, als Sie je geahnt haben!
Im Verlag Die Brotsuppe erschien bereits Florian Bissigs Lyrik-Debut «Anchises in Alaska». Bissig übersetzte und edierte zudem für die Friedenauer Presse das erste Buch einer Afroamerikanerin, Gedichte und Briefe von Phillis Wheatley.
Florian Bissig, geboren 1979, ist Publizist und literarischer Übersetzer. Er studierte in Zürich, Berlin und Austin Philosophie und Englische Literaturwissenschaft. Als freier Journalist schreibt Florian Bissig für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften über Literatur und Musik. Er übersetzte ausserdem die Lyrik von S.T. Coleridge, verfasste dessen Biografie und besorgte die erste deutsche Übertragung der Werke von Phillis Wheatley. Florian Bissig lebt mit seiner Familie in Affoltern am Albis.
Sonja Bonin, geboren 1970, studierte Philosophie und Germanistik sowie Buch- und Medienpraxis in Mannheim, Frankfurt a. M. und Rutgers, New Jersey. Sie ist freie Journalistin und Übersetzerin und lebt, nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland, den USA und China, in Zürich. Sie arbeitete u. a. für den Tagesspiegel, Spiegel Online, Aspen Institute Berlin und LiteraturReview. Zu den von ihr übersetzen Autoren gehört Howard Zinn «Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes» und «Rosa Parks. Meine Geschichte«
Seit wann sitzt sie wohl schon da? Als ich eben von der R8 zu der Tankstelle im Nordwesten von Kirilia abbog, ist sie mir nicht aufgefallen. Und auch als ich den Zapfhahn in den Einfüllstutzen stieß, wähnte ich mich ganz alleine auf dem Platz. So alleine, dass ich einen Augenblick lang fürchtete, die Tankstelle sei außer Betrieb. Zwar ist mein Reservoir noch nicht ganz leer. Doch seit die meisten Autos auf der Insel mit Elektroantrieb fahren, werden echte Tankstellen mit Diesel und Benzin immer mehr zur Rarität. Ich weiß gar nicht, ob ich weiter im Süden überhaupt noch Treibstoff bekommen hätte. Umso erleichterter war ich, als die Zahlen im Display der alten Säule fröhlich zu laufen begannen – langsam zwar, fast Schluck für Schluck, aber doch kontinuierlich. Ich war so erleichtert, dass ich sofort das Bedürfnis verspürte, auch meine Blase zu bijdumein, ihr also «eine Wohltat angedeihen zu lassen» – anders kann man diesen Ausdruck fast nicht übersetzen. Dann aber, als ich vom Toilettenhäuschen zu meinem Auto zurückkehrte, das immer noch dankbar glucksend den Diesel in sich einsog, saß sie da. Auf einem mächtigen Stein, mit dem man die Automobilisten daran hinderte, sich auf der Westseite der Säule hinzustellen, wo der Besitzer der wonkalek [Tankstelle] einen feinen Rasen angelegt hatte. Wohl bereitete auch er sich auf eine größere Umstellung vor, vielleicht würde ich bei meiner nächsten Fahrt nach Süden hier nur noch einen Imbiss vorfinden. Die Frau trägt einen zitronengelben Rock, eine etwas hellere Bluse und einen gleichfarbigen Sonnenhut. Die Hände liegen entspannt in ihrem Schoß. Ihre Augen aber sind mit höchster Konzentration auf das altmodische Display der Zapfsäule gerichtet, wo sich die Zahlen auf einzelnen Zylindern drehen und ruckelnd immer mehr Liter und Zentiliter anzeigen. Was macht sie da? Was soll das werden? Eine Zapfsäulen-Meditation? Leidet sie an einem Zählzwang? Oder ist sie eine Außerirdische, die aus den Chiffren eine Botschaft ihres Heimatsterns abliest? Ich grüße mit einem freundlichen «Bono!» und deute auf das Display: «Za fumadi bezjie on wondakri zubinan! Magis krendi ka zonz læ bumj niæwad!» Ich finde das lustig und muss selbst kurz lachen. Sie aber scheint mich nicht zu hören. Also wiederhole ich meinen kleinen Scherz auf Französisch: «Das muss ja eine spannende Lektüre sein! Ich fürchte allerdings, dass schon bald das Ende naht!». Die Frau starrte unbeirrt auf das Display. Ich lege in Englisch nach. Sollte sie mich überhaupt bemerkt haben, so lässt sie sich das auf jeden Fall nicht anmerken. Ich komme mir blöd vor und schlendere, noch ehe der Zapfhahn in die Verschlussposition zurückschnellt, zu der Kabine mit der Aufschrift «Ninklek» [Zahlschalter]. Ich bin etwas überrascht, dass da eine alte Frau in einem Rollstuhl hinter der Kasse vor sich hin döst, direkt neben einem großen Ventilator, der ein paar hellgraue Haarsträhnen wild um ihren Kopf tanzen lässt. Als ich eintrete, wacht sie auf und hebt den Blick. Ihre Züge gleichen jenen der Zapfsäulenanbeterin – nur sind Wangen und Stirn voller Runzeln, der Mund voller Fältchen. Sie ist bestimmt ein halbes Jahrhundert älter. Ist sie die Mutter, die Großmutter, die Urgroßmutter des Benzinfalters bei meinem Wagen? «Können Sie mir sagen, was die da draußen macht?», frage ich und zeige durch die Scheibe in Richtung meines Autos. Sie greift zu einem Feldstecher, kneift die Augen etwas zu und schaut lange hindurch. Ihre Lippen bewegen sich leicht und mir ist, als lese sie etwas ab. «Das ist eine Zapfsäule», knurrt sie mir schließlich mürrisch ins Gesicht, «das macht 313 Chnou – und wir nehmen nur Bargeld.» Ich bezahle, bedanke mich übertrieben höflich, was sie mit dem Ansatz eines Zähnefletschens quittiert, und kehre zu meinem Wagen zurück. Die junge Frau ist verschwunden. Ich fahre los, zurück auf die R8 und weiter nach Süden. Erst oben auf dem Mont Goulou höre ich, dass der Tankdeckel gegen den Kotflügel schlägt. Ich halte an und steige aus, um mein Reservoir richtig zu verpfropfen. Doch der Einfüllstutzen ist zu, was gegen das Blech geschlagen hat, klemmt mit dem Rand unter dem Deckel fest: Es ist ein hell-zitronengelber Sonnenhut.
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.
Nicht beliebt, das höre ich seit Jahren. Aber was scheren mich die Jahre, das Hören. Wozu soll ich dreissig Sätze bemühen, wenn ein Satz reicht, oder zwei oder drei! Vier sind auch gut, fünf, sechs, sieben, acht, neun – warum nicht! Zehn ist eine schöne Zahl!
Im Baum vor dem Haus, der im vollen, neuen Grün steht, haben Elstern unermüdlich im Wipfel ein Nest gebaut! Ich lese, dass Elstern Anfang April ihre Eier legen! Tagelang sah ich, wie ein Rabe immer wieder das Nest umkreiste, vom Elternpaar attackiert, wieder vertrieben wurde. Trotzdem sass dieser schwarze Vogel wiederholt auf der Lauer! Und immer hörte man das Gespräch der Elstern und ihre Flügelschläge wirkten wie verzweifelte Versuche, sie pickten am schwarzen Körper, erfolglos. Als hätte er bloss eine Ohrfeige erhalten, von der er sich in seinem Flug erholte, sass er kurz darauf wieder nestnah da wie ein König, der über den Besitz seiner vermeintlichen Untertanen beschied. Ein heller Mittag brach mir fast das Herz! Ich sah den Raben, wie er mit seinem harten Schnabel ins Nest pickte, die Eier zertrümmerte, sah ihn fressen, während zwei Äste tiefer die Elstern ihre Brut auf immer verschwinden sahen! Ich weiss nicht, was in ihnen vorging. Ich weiss nur, was in mir passierte. Plötzlich war es nicht mehr nur das Vogelnest, ich sah die gegenwärtige Welt vor mir, statt Nester Schlachtfelder, statt Vögel Menschen. Jeder weitere Satz ein Griff ins leere Nest!
Und immer wieder eröffnet sich da dem allzu Flüchtigen ein ganz unerwarteter Reflexionsraum, der weit über das Gesehene ins bedeutungsvoll Existentielle hinausweist. aus einer Rezension von Severin Perrig
Berlingedicht III
unter den linden
leise rieselt das laub die bäume riechen schnee unter den linden fegen giftige winde verlassen wirkt die allee meine gedanken suchen halt als wäre ihr straucheln das gebot der stunde wie oft liefen wir da über die herbstlichen zeichen nur ahnungen quälten das laub
«Es ist die Kunst dieser Gedichte, Lebensmomente festzuhalten, sie einzuwecken wie köstliches Obst, das uns hinter Glas entgegenleuchtet, schön und unberührbar. Immer nah an allem Sinnlichen, ausgelöst von der Augenblickswahrnehmung, stiften sie zum nachdenkenden Mitvollzug an…» aus dem Vorwort von Norbert Hummelt
Lisa Elsässer, geboren 1951 im Kanton Uri, schreibt Lyrik und Prosa. Von 2005 bis 2008 studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hauptpreis der Zentralschweizer Literaturförderung 2018. Zuletzt erschien «Vögel beschriften die Luft» bei bildfluss.