Seit wann sitzt sie wohl schon da? Als ich eben von der R8 zu der Tankstelle im Nordwesten von Kirilia abbog, ist sie mir nicht aufgefallen. Und auch als ich den Zapfhahn in den Einfüllstutzen stieß, wähnte ich mich ganz alleine auf dem Platz. So alleine, dass ich einen Augenblick lang fürchtete, die Tankstelle sei außer Betrieb. Zwar ist mein Reservoir noch nicht ganz leer. Doch seit die meisten Autos auf der Insel mit Elektroantrieb fahren, werden echte Tankstellen mit Diesel und Benzin immer mehr zur Rarität. Ich weiß gar nicht, ob ich weiter im Süden überhaupt noch Treibstoff bekommen hätte. Umso erleichterter war ich, als die Zahlen im Display der alten Säule fröhlich zu laufen begannen – langsam zwar, fast Schluck für Schluck, aber doch kontinuierlich. Ich war so erleichtert, dass ich sofort das Bedürfnis verspürte, auch meine Blase zu bijdumein, ihr also «eine Wohltat angedeihen zu lassen» – anders kann man diesen Ausdruck fast nicht übersetzen. Dann aber, als ich vom Toilettenhäuschen zu meinem Auto zurückkehrte, das immer noch dankbar glucksend den Diesel in sich einsog, saß sie da. Auf einem mächtigen Stein, mit dem man die Automobilisten daran hinderte, sich auf der Westseite der Säule hinzustellen, wo der Besitzer der wonkalek [Tankstelle] einen feinen Rasen angelegt hatte. Wohl bereitete auch er sich auf eine größere Umstellung vor, vielleicht würde ich bei meiner nächsten Fahrt nach Süden hier nur noch einen Imbiss vorfinden. Die Frau trägt einen zitronengelben Rock, eine etwas hellere Bluse und einen gleichfarbigen Sonnenhut. Die Hände liegen entspannt in ihrem Schoß. Ihre Augen aber sind mit höchster Konzentration auf das altmodische Display der Zapfsäule gerichtet, wo sich die Zahlen auf einzelnen Zylindern drehen und ruckelnd immer mehr Liter und Zentiliter anzeigen. Was macht sie da? Was soll das werden? Eine Zapfsäulen-Meditation? Leidet sie an einem Zählzwang? Oder ist sie eine Außerirdische, die aus den Chiffren eine Botschaft ihres Heimatsterns abliest? Ich grüße mit einem freundlichen «Bono!» und deute auf das Display: «Za fumadi bezjie on wondakri zubinan! Magis krendi ka zonz læ bumj niæwad!» Ich finde das lustig und muss selbst kurz lachen. Sie aber scheint mich nicht zu hören. Also wiederhole ich meinen kleinen Scherz auf Französisch: «Das muss ja eine spannende Lektüre sein! Ich fürchte allerdings, dass schon bald das Ende naht!». Die Frau starrte unbeirrt auf das Display. Ich lege in Englisch nach. Sollte sie mich überhaupt bemerkt haben, so lässt sie sich das auf jeden Fall nicht anmerken. Ich komme mir blöd vor und schlendere, noch ehe der Zapfhahn in die Verschlussposition zurückschnellt, zu der Kabine mit der Aufschrift «Ninklek» [Zahlschalter]. Ich bin etwas überrascht, dass da eine alte Frau in einem Rollstuhl hinter der Kasse vor sich hin döst, direkt neben einem großen Ventilator, der ein paar hellgraue Haarsträhnen wild um ihren Kopf tanzen lässt. Als ich eintrete, wacht sie auf und hebt den Blick. Ihre Züge gleichen jenen der Zapfsäulenanbeterin – nur sind Wangen und Stirn voller Runzeln, der Mund voller Fältchen. Sie ist bestimmt ein halbes Jahrhundert älter. Ist sie die Mutter, die Großmutter, die Urgroßmutter des Benzinfalters bei meinem Wagen? «Können Sie mir sagen, was die da draußen macht?», frage ich und zeige durch die Scheibe in Richtung meines Autos. Sie greift zu einem Feldstecher, kneift die Augen etwas zu und schaut lange hindurch. Ihre Lippen bewegen sich leicht und mir ist, als lese sie etwas ab. «Das ist eine Zapfsäule», knurrt sie mir schließlich mürrisch ins Gesicht, «das macht 313 Chnou – und wir nehmen nur Bargeld.» Ich bezahle, bedanke mich übertrieben höflich, was sie mit dem Ansatz eines Zähnefletschens quittiert, und kehre zu meinem Wagen zurück. Die junge Frau ist verschwunden. Ich fahre los, zurück auf die R8 und weiter nach Süden. Erst oben auf dem Mont Goulou höre ich, dass der Tankdeckel gegen den Kotflügel schlägt. Ich halte an und steige aus, um mein Reservoir richtig zu verpfropfen. Doch der Einfüllstutzen ist zu, was gegen das Blech geschlagen hat, klemmt mit dem Rand unter dem Deckel fest: Es ist ein hell-zitronengelber Sonnenhut.
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.
Nicht beliebt, das höre ich seit Jahren. Aber was scheren mich die Jahre, das Hören. Wozu soll ich dreissig Sätze bemühen, wenn ein Satz reicht, oder zwei oder drei! Vier sind auch gut, fünf, sechs, sieben, acht, neun – warum nicht! Zehn ist eine schöne Zahl!
Im Baum vor dem Haus, der im vollen, neuen Grün steht, haben Elstern unermüdlich im Wipfel ein Nest gebaut! Ich lese, dass Elstern Anfang April ihre Eier legen! Tagelang sah ich, wie ein Rabe immer wieder das Nest umkreiste, vom Elternpaar attackiert, wieder vertrieben wurde. Trotzdem sass dieser schwarze Vogel wiederholt auf der Lauer! Und immer hörte man das Gespräch der Elstern und ihre Flügelschläge wirkten wie verzweifelte Versuche, sie pickten am schwarzen Körper, erfolglos. Als hätte er bloss eine Ohrfeige erhalten, von der er sich in seinem Flug erholte, sass er kurz darauf wieder nestnah da wie ein König, der über den Besitz seiner vermeintlichen Untertanen beschied. Ein heller Mittag brach mir fast das Herz! Ich sah den Raben, wie er mit seinem harten Schnabel ins Nest pickte, die Eier zertrümmerte, sah ihn fressen, während zwei Äste tiefer die Elstern ihre Brut auf immer verschwinden sahen! Ich weiss nicht, was in ihnen vorging. Ich weiss nur, was in mir passierte. Plötzlich war es nicht mehr nur das Vogelnest, ich sah die gegenwärtige Welt vor mir, statt Nester Schlachtfelder, statt Vögel Menschen. Jeder weitere Satz ein Griff ins leere Nest!
Und immer wieder eröffnet sich da dem allzu Flüchtigen ein ganz unerwarteter Reflexionsraum, der weit über das Gesehene ins bedeutungsvoll Existentielle hinausweist. aus einer Rezension von Severin Perrig
Berlingedicht III
unter den linden
leise rieselt das laub die bäume riechen schnee unter den linden fegen giftige winde verlassen wirkt die allee meine gedanken suchen halt als wäre ihr straucheln das gebot der stunde wie oft liefen wir da über die herbstlichen zeichen nur ahnungen quälten das laub
«Es ist die Kunst dieser Gedichte, Lebensmomente festzuhalten, sie einzuwecken wie köstliches Obst, das uns hinter Glas entgegenleuchtet, schön und unberührbar. Immer nah an allem Sinnlichen, ausgelöst von der Augenblickswahrnehmung, stiften sie zum nachdenkenden Mitvollzug an…» aus dem Vorwort von Norbert Hummelt
Lisa Elsässer, geboren 1951 im Kanton Uri, schreibt Lyrik und Prosa. Von 2005 bis 2008 studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hauptpreis der Zentralschweizer Literaturförderung 2018. Zuletzt erschien «Vögel beschriften die Luft» bei bildfluss.
Vor lauter Angst verrückt zu werden, greift ein junger Mann zum Skalpell und legt die Wurzeln des Wahnsinns frei. Autor und Psychologe Leon Engler wirft einen differenzierten und doch nicht klinisch nüchternen Blick auf die Psychiatrie und den Umgang mit Erkrankten.
Aber wie weit fällt der Apfel nun? Gastrezension: Luisa Taut ist 24 Jahre alt und hat Übersetzen und Dolmetschen an der Uni Leipzig studiert. Jetzt ist sie mitten im Master in vergleichenden Literaturwissenschaften an der Uni Basel.
Statistisch gesehen sieht es für den Protagonisten von Leon Englers Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ schlecht aus: Als Sohn einer alkoholkranken Mutter und eines chronisch depressiven Vaters scheint das Verrücktwerden imminent. Auch ein Blick den Stammbaum entlang zu seinen Großeltern lässt den Rest an Hoffnung auf ein unbeschwertes Leben eher schwinden. Er sieht der Zeit beim Verstreichen zu, sieht, wie aus seiner Mutter langsam die ihre wird. So ist vielleicht kaum überraschend, dass er schließlich tatsächlich in der Psychiatrie landet. Doch anstatt auf der Seite der Behandelten zu sitzen, sitzt er auf dem Bürostuhl. Ich bin übergelaufen, stellt er fest.
Nach einer turbulenten Kindheit voller Umzüge von der Stadt aufs Land und wieder in die Stadt und der Flucht vor den Eltern in die großen Weltstädte lernt der frischgebackene Psychologe in der Klinik Steinhof das, was ihn ein Studium voller Statistik nicht lehren konnte. Er kennt die Symptome einer Depression, schließlich hat er Jahre damit zugebracht sie durchzupauken. Er kennt die Tests und Tabellen, und doch vergisst er alles, wenn sein depressiver Vater vor ihm steht.
Leon Engler «Botanik des Wahnsinns», DuMont, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-7558-0053-8
Immer im Wechsel, oft auch innerhalb der Kapitel, werden die Leser*innen zu Reisenden auf verschiedenen Gedankenströmen. Mal setzt uns der Autor in der Vergangenheit des Erzählers ab, mal in der seines Vaters oder seiner Mutter und lässt uns an ihren so frustrierenden wie zarten Beziehungen zueinander teilhaben. «Wie geht es dir?», fragte ich. «Der Katze geht es gut», sagte er. Doch das hier ist kein reiner Familienroman.
Dass Leon Engler kein totaler Newcomer ist, spürt man. Elegant wirft der Hörbuch- und Theaterautor Gedanken zur Psychologie in den Raum, die in einem Zeitalter der mental-health-awareness unumgänglich sind: Gibt es überhaupt die Verrückten? Und wenn ja, sind das dann einfach die Pechvögel, die vom Ahnenfluch heimgesucht werden? Hätte es für sie gar nicht anders kommen können? Das Aufkommen psychischer Krankheiten ist statistisch erfassbar und deren Vererbung mit Wahrscheinlichkeiten zu beziffern. Doch aus den Lebensgeschichten im Roman geht klar hervor, dass der vermeintliche Wahnsinn durchaus auch eine soziale Komponente hat. Technologischer Fortschritt, kompetitiver Arbeitsmarkt, explodierende Mietpreise und eine gute Portion Zufall können sowohl Zutaten zum Erfolgsrezept sein, als auch auf geradem Weg zum existentiellen Ruin führen. Ist es da verwunderlich, depressiv zu werden? Eigenartiger wäre es doch, wenn er gut drauf wäre, sagt Engler in einem SRF-Interview über den Vater im Roman.
„Botanik des Wahnsinns“ besticht mit einem feinfühligen und nachdenklichen Protagonisten und Erzähler, der sehr genau und geduldig beobachtet und kein vorschnelles Urteil fällt. Die Erzählweise hat etwas Assoziatives an sich. Gedanken springen von Vergangenheit in die Gegenwart und von einem Aspekt zum nächsten. Geschmackssache sind wohl die eingebauten Zitate Nietzsches, Descartes’ und weiterer kluger Köpfe, die dem Notizenfundus des Erzählers entstammen sollen und vermutlich seinem Framing als gebildetem Das-große-Ganze-Seher dienen.
Was hängen bleibt, sind die Auseinandersetzung mit dem als krank Erkannten und dem vermeintlich Normalen. Zuhören ist wichtiger als Diagnostizieren und ein Mensch ist immer mehr als seine Krankheit (und erst recht mehr als die Krankheiten seiner Familie). Leon Engler zeigt in diesem Roman die Grenzen des Quantifizierbaren auf, und überhaupt die Grenzen dessen, was wir „normal“ nennen. Es ist ein leiser Aufruf, liebevoll in sich und um sich herum zu blicken und zu erkennen, wer und vor allem was uns eigentlich so verrückt macht.
Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Leon Engler wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. «Botanik des Wahnsinns» ist sein Debütroman, mit dem er auf der Shortlist für den aspekte-Literaturpreis stand.
Keine Figur in diesem Roman ist erfunden. Und selten ist ein Roman so sehr darauf bedacht, sich streng an die erlebte Wirklichkeit seiner Protagonisten zu halten. Alle Personen heißen, wie sie im wirklichen Leben hießen. Oder noch heißen.
„Wahnsinnsmutter Nacht, du bist nun über mir….“ Gastrezension von Burkhard Jahn
Alle Personen heißen, wie sie im wirklichen Leben hießen. Oder noch heißen. Die beiden zentralen sind am Ende tot. Nach einer fünfunsiebzig Jahre währenden Freundschaft.Johannes Kühn, der Dichter. Sein getreuer Freund und Beschützer: Benno Rech.
Katrin Askanversicherte sich immer wieder der tatsächlichen Begebenheiten. Ihrem Erzählen folgt man gebannt, fasziniert und passagenweise tief erschüttert. Dreizehn, vierzehn Jahre alt sind die beiden Männer zu Beginn ihrer Freundschaft. Fast neunzig, wenn sie sterben. Der Ältere, Johannes Kühn,zuerst, elf Monate später der um ein Jahr jüngere Benno Rech, der den Freund nun nicht mehr beschützen muß. Am Ende tragen beide den Titel Professor. Der Dichter und Dr. Benno Rech, der Pädagoge, der dem Ersten durch all die Jahrzehnte mehr als nur ein Freund bleibt. So treu und geduldig wie einstmals der Tübinger Schreinermeister Zimmer mit dem tobenden Hölderlin, als dessen Wiedergänger sich Johannes Kühn – und sicherlich nicht ohne Berechtigung – empfindet. Benno Rech bleibt seiner selbstauferlegten Pflicht treu, den Jugendfreund auch in dessen dunklesten Stunden nie zu verlassen.
Letztlich unterstützt von der dritten im Bunde: Von Irmgard Rech. Als Benno sie heiratet, erkärt er ihr, daß sein Schützling und Freund, für den er längst die Verantwortung übernommen hat, ihn immer brauchen wird. Das ist lange Zeit nicht gerade leicht für die junge Frau. Und doch gelingt dem Paar, ein Leben lang eine ungewöhnlich glückliche Ehe zu führen, samt der liebevollen Erziehung ihrer Kinder. Auch wenn Irmgard zu Beginn der Ehe kaum ahnen konnte, welchen Herausforderungen die Familie sich zu stellen haben würde. Lebenslang. Über all die Jahrzehnte bleiben höhnische Kommentare und mehr als dumme Beargwöhnungen seitens der Mitwelt nicht aus. Beide sind einem fortschrittlichen Katholizismus verbunden, Irmgard wird die erste katholische Frau, die in der ARD das „Wort zum Sonntag“ spricht, erlangt damit eine gewisse Bekanntheit.
Katrin Askan «Dichter – Roman einer Freundschaft», Elsinor, 2025, 400 Seiten, ISBN 978-3-942788-91-5
Die letztlich lebenslangen Freunde Benno und Johannes, beide Söhne von mehr oder weniger „bildungsfernen“ Bergarbeitern, besuchen in der Kargheit der Nachkriegszeit die Missionsschule. Sie entdecken die Dichtung, begeistern sich dafür, sparen die Groschen zusammen für das Reclamheft des Eichendorff’schen „Taugenichts“. In heimlichen Waldwanderungen, in verbotenen Erkundungen des Nachbardorfes praktizieren sie eine andere Frömmigkeit, eine jenseits der strengen Erziehung. Sie bleiben miteinander verbunden, als Benno auf ein Gymnasium wechselt. Der lebensfrohe Johannes verpuppt sich vom selbstbewußten Epheben, der tanzt und raucht und gern und viel trinkt, gar eine Schauspielausbildung absolviert, in den lernhungrigen inoffiziellen Studenten – denn das Geld für die Gebühren fehlt ihm, – dazu in den manischen Durchwanderer seiner saarländischen Heimat. Vorübergehend erfährt er in Salzburg Anerkennung als Jungdramatiker, ist bald jedoch zu primitiver Brotarbeit genötigt als Bauarbeiter und Fleischtransport-Beifahrer. Und ist gleichzeitig besessener Verfasser Tausender von Gedichten. In Schüben wird er seelisch krank, wird ein gespensterhafter Psychopath, der, gepeinigt von Verfolgungswahn und der Verzweiflung des verkannten, des nicht genügend beachteten Dichters, in einjahrelanges Verstummen versinkt. Er verkommt. Er wäscht sich nicht mehr.Er trinkt. Er wird zum Schreckgespenst seiner Region, zum so ängstlich wie haßerfüllt Betrachteten, wenn er im Café vor sich hinstiert.
Es hat sich der Winter eingenistet in Aug und Mund.
Und letztlich dann doch die Erlösung die sich zeigt als gelinde Gesundung bei aufstrahlendem internationalen Erfolg. Immer an seiner Seite Benno, ohne den Johannes auch als Gefeierter bis an sein Lebensende nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt. Immer ist er umrahmt, beschützt und abgeschirmt von Benno und Irmgard. Der Lebensfreund ist Korrektor, Lektor, Sekretär, Agent. Kein Buch von Johannes erscheint, dessen Herausgeber nicht Benno und Irmgard Rech sind. In all den Facetten folgt Katrin Askan – streng bedacht, nichts zu erfinden – den Realitäten und ergreift zutiefst mit der fulminanten Passage des dramatischen Sterbens von Bennos Schwester Martina. Bei der Rückkehr aus Lourdes im Pilgerzug. Noch eine Szene nimmt einem den Atem. Die ist von derart schockierender Brutalität, daß ein Hoffnungsrest des erschütterten Verfassers dieser Zeilen bleibt, es könne vielleicht „nur“ eine brillante literarische Erfindung im als Roman deklarierten Buch sein. Ein Bericht horribler Bestialität. So geschehen? Oder nur Wahnvorstellung? Wie auch immer. Johannes Kühn schweigt von dem Tag an. Schweigt in Wort und Blick und Schrift.Für annähernd ein Jahrzehnt.
Es hat sich der Winter eingenistet in Aug und Mund.
Zuvor war der „verrückte Dichter“ zu einer gewissen Bekanntheit in seiner Heimat gekommen. Noch allerdings ist der „Durchbruch“ fern. Und als sich die provinzielle Avantgarde für die Gleichschaltung des Elitären, des Herausragenden begeisterte, da mußte ein Dichter wie er wahrlich schlechte Karten haben:Ich fand für mein Herz einen Mittag. Libellen, die blauen Nadeln der Luft, über den Wiesen lautlos nähten. Gleichwohl: Der Dichter läßt sich anregen und schreibt auch Gedichte aus der Welt der Arbeiter, die er nach kaum freiwilligen Jahren als Bauarbeiter wohl besser kennt als so mancher schulterklopfende Animator. Es geht ihm besser. Bis die genannte Katastrophe geschieht. Das Schweigen. Zehn Jahre lang.
Die Zeiten aber wandeln sich. Und endlich entdecken Peter Handke, Peter Rühmkorf, Reiner Kunze, Ludwig Harigund Michael Krüger als Verleger des Hanser Verlags den Dichter Johannes Kühn. Der so lange Gepeinigte erholt sich. Die Welt nimmt ihn wahr.
„Dichter“ – Der Roman von Katrin Askan fesselt und ergreift. Und atemberaubend aufs Neue: Johannes Kühn.
Katrin Askan lebt und arbeitet in Berlin, ihrer Geburtsstadt, die damals noch geteilt war. Mit 20 flüchtete sie vom einen zum anderen Teil und studierte an der Freien Universität Germanistik und Philosophie. Während dieser Zeit war sie immer wieder in Schweden und debütierte 1996 mit A-Dur. Es erschienen weitere Romane und Erzählungen: 1998 Eisenengel, 2000 Aus dem Schneider, 2002 Wiederholungstäter, 2009 Aufs Spiel gesetzt, für die sie zahlreiche Preise erhielt.
Burkhard Jahn, geboren in Hildesheim, lebt heute als Autor bei Zürich. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Hamburg, wirkte als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Unter anderem sind von ihm „Requiem für A.R.“ (2018) und „Der Weg an der Sarca“ (2017) erschienen.
Ludwig Börne: Minister fallen wie Butterbrode: gewöhnlich auf die gute Seite. Butter jedoch reicht heute nicht mehr aus; aufs Eigenfett verlegen sie sich.
Eitelkeit ist Ökonomie; man sollte sie nicht tadeln, sie ist eine Tugend. Der Eitle legt täglich einige kleine Befriedigungen seiner Eigenliebe zurück und bringt so endlich einen kleinen Schatz zusammen. Andre wiederum klimpern nur mit kleiner Münze; stören akustisch jene, die hingebungsvoll mit platzenden Ego-Checques hantieren.
Diplomaten sehen mit den Ohren; die Luft ist ihr Element, nicht das Licht. Darum lieben sie Stille und Dunkelheit. Daher die schummrige Hinterhauslichtatmosphäre, die farblich gedeckten Durchschnittsanzüge?!
Reichtum macht das Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei. Nicht jeder Arme jedoch kann ein eigen Ei sein Eignes nennen; belassen wir’s bei harter Assonanz!
Hätte die Weltgeschichte ein Sachregister, wie sie ein Namensregister hat, könnte man sie besser benutzen. Schlag nach unter V Versager F Fanten U unlesbare Skribenten, platzend vor anmaßender Knallignoranz.
In der guten alten Zeit, da das ganze große Frankreich nur die Schleppe von Versailles war und bei der Toilette einer Buhlerin erst über die neue Form der Hauben, dann über das Schicksal von fünfundzwanzig Millionen Menschen entschied, erhielt der General von R. aus den Händen der Frau von Pompadour den Plan zum bevorstehenden Feldzuge, der auf einer Landkarte mit Schönpflästerchen und Schminke bezeichnet war. Die gute alte Zeit! Ah, vraiment, le bon temps! Fehlte nur noch Gérard Fanfan La Tulipe Philipe, der von carriage zu carriage springt.
Regierungen sind Segel, das Volk ist Wind, der Staat ist Schiff, die Zeit ist See. Und wer ruft: Mann über Bord! wenn es am einträglichsten erscheint, den nächsten Stopphafen anzunavigieren?
Ein Schüler der Diplomatik hat bekanntlich drei Dinge zu lernen: erstens französischsprechen, zweitens nichts sprechenund drittens die Unwahrheit sprechen. Ach, könnt‘ ich darüber nur Falsches rapportieren, doch jeder Atemzug eine weitre Lüge, erst recht ins Französische transponiert.
Jede Gegenwart ist eine Noterbin der Vergangenheit. Und wer fungiert dabei dann als Notarius der Verhetztheit? Der springende Punkt im Ietzum?
Die Fürsten hätten sich und ihren Völkern viel Unglück ersparen können, wenn sie die Hofnarren nicht abgeschafft hätten. Seit die Wahrheit nicht mehr sprechen darf, handelt sie. Spricht der Hofnarr.
Der Leichtsinn ist ein Schwimmgürtel für den Strom des Lebens. G’tt sei g’dankt für Nichtschwimmer. G’ttes selige Kindergesellen sinds.
Der Mensch ist wie eine Spieluhr. Ein unmerklicher Ruck – und er gibt eine andere Melodie an. Dann ließ ER die Spieluhr fallen, trotziges Kind der Genesis, als er sah, dass alles schlechter war als erträumt in einer schlaflosen kosmisch absenten Nacht, die kein Ende nahm.
Das Ach ist ja kein Kreis; ist auch nicht das überraschte Mundrund im Feistantlitz. Das Ach ist – ach, lass mich nachdenken.
Der allerletzte Schiedsrichter: die Sanduhr ohne Sand.
Die Faust der Betonbrücke schlägt durch die Landschaft.
Was denkt sich die Mücke, wenn sie sich als Spinne verkleidet?
In der Doppelgarage der Erkenntnis stoßen die verlegten Dinge heilsam aneinander.
Drakonisch schreitet der Zaun durch die Landschaft.
Im Frühtau liegt der Pessimist im Sterben. Der restliche Tag kann nur besser werden.
Am Abend rollt sich der Tag zu einem Trommelwirbel zusammen, der sich ins Miauen einer Katze schmiegt.
und urplötzlich stellt sich dann das Dasein ein, ungewiss, ob es hineingelassen, noch unsichrer, ob es sich gar trauen darf, in altantiquiert ausschwingenden Phrasenformationen übers Sprachtrottoir schlendern zu dürfen
in dieser weite ein kontinentalkongress von elstern um das aber gruppieren sie sich hacken auf das stets aufs ewig ein hähern glorios weit über die wassersiele weg es ist ein anblick für heidnische gottheiten zu opfern diesem einen moment namens zukunft
der baum schlägt seine wurzeln in die alten zeiten die ohne bäume aus kamen das wüstsein sagt der schwanenritter ist das beste in einem wüsten land
zum grab mäandert dieser blaugemalte weg auf dem ein hund eine katze ein maler in den himmel hoch starben
Alexander Kluy »Blöcke und Marmeln vor gekrümmter Fläche. Griboillis Gekritzel. Ein Commonplace-Book«, Klever Verlag, 2025, 100 Seiten, CHF ca. 31.90 ISBN 978-3-99156-013-5
Alexander Kluy, 1966 in Nürnberg geboren, lebt als Autor, Kritiker, Herausgeber, Literaturvermittler, Übersetzer in München. Studium der Germanistik und Amerikanistik. Mitarbeiter von Zeitungen (u. a. DER STANDARD, Wien) und Zeitschriften („Buchkultur“, „Literatur und Kritik“). Mitarbeiter des „Internationalen Literaturfestivals SPRACHSALZ Kufstein“. Ca. 50 Buchveröffentlichungen und Editionen, zuletzt „Das jüdische Südfrankreich“, „Der Bleistift“ und „Schwarz. Kulturgeschichte einer Nicht-Farbe“ sowie Herausgeber von u. a. „Alfred Polgar – Ob der Eisbär im Zoo von der Arktis träumt“ und „Jack London – Das Erdbeben in San Francisco“. „Der Wolf. Eine Kultur- und Angstgeschichte“ erscheint am 5. Oktober im Verlag Edition Atelier, Wien.
Zwischen Sterbebegleitung, familiärer Entfremdung und kafkaesker Verwandlung: Nefeli Kavouras entfaltet in ihrem Debütroman eine Geschichte, die sich an existenzielle Fragen heranwagt. Dabei hinterlässt sie allerdings auch einige Fragezeichen.
Und der Tod riecht nach Rosinen Gastrezension: Aline Anaïs Furter studierte Kunstgeschichte und Englisch an der Universität Basel. Im September beginnt sie den Masterstudiengang Kulturpublizistik an der ZHdK. Nach vier Jahren in Basel lebt sie seit kurzem in Zürich.
Georg, Ruth und Lea – Vater, Mutter und Tochter; Ehemann, Ehefrau und Kind. Diese Dreieckskonstellation bildet das Zentrum von Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke».
Seit sieben Jahren ist Georg schwer krank. Als der Arzt im Krankenhaus die Worte „Hospiz“ und „palliativ“ in den Raum stellt, entscheidet Ruth kurzerhand, ihren Mann nach Hause zu holen und selbst zu pflegen. Es ist Sommer, die 15-jährige Lea hat Ferien – und nutzt jede Gelegenheit, dem Haus zu entfliehen. Sie trifft sich mit Freund:innen am See und beschliesst, sich in Max zu verlieben, der in wenigen Sätzen zum Vaterersatz stilisiert wird (die mit dem Vater geteilten Orte – diese Orte könnten auch irgendwann Max und mir gehören). Mutter und Tochter entfernen sich zunehmend voneinander: Ruth lebt fortan im Sterbezimmer bei Georg, Lea überall sonst.
Was auf der Ebene der Figuren an Dialog ausbleibt, wird strukturell gespiegelt: In kurzen Kapiteln wechseln sich Ruths und Leas Perspektiven ab. Dieser Rhythmus wird genau einmal gebrochen – von Georg selbst. Nach dem ersten Drittel erhält er in einem biblisch anmutenden, lyrischen Einschub eine Stimme: Als niemand hinsah, erwachte Georg. Und so sprach Georg. Hier fällt auch der titelgebende Satz: Gelb, auch ein schöner Gedanke.
Zur Mitte des Romans erfolgt eine überraschende Zäsur: Georg wird zum Pferd. Mit der Verwandlung verschieben sich die Rollen zwischen Mutter und Tochter. Während Ruth in dem Gaul etwas Fremdes, Ekelhaftes, Bedrohliches erkennt, ist Lea vom Papapferd begeistert und kümmert sich hingebungsvoll. Die hinzugezogene Pferdespezialistin Edna Piotrowska bringt Georg schliesslich auf einen Gnadenhof, wo Lea fortan jede freie Minute verbringt. Edna wird für Lea zur Vertrauten, später auch zur Freundin Ruths.
Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, ISBN 978-3-462-00870-8
Im Zuge dieser Verwandlung wird doch etwas hölzern mit dem Wort «kafkaesk» auf «Die Verwandlung» von Franz Kafka verwiesen. Dort erwacht Gregor Samsa eines Morgens in verwandelter Gestalt und muss fortan seinen Platz im familiären Gefüge neu verhandeln. Ob die Namensverwandschaft – Georg und Gregor – als weiterer intertextueller Fingerzeig zu verstehen ist, sei dahingestellt.
Die Hamburgerin Nefeli Kavouras ist in der deutschen Literaturszene keine Unbekannte: Als Organisatorin und Moderatorin von Lesungen, als Podcasterin, als Kuratorin des Literaturprogramms der «altonale» sowie als Mitarbeiterin des mairisch Verlags hat sie sich längst einen Namen gemacht. Für einen Auszug aus ihrem Roman wurde sie 2023 mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet; im vergangenen Jahr folgte eine Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Preis.
Eingehend und empathisch widmet sie sich in «Gelb, auch ein schöner Gedanke» den Themen der Pflege, der (aktiven) Sterbehilfe, dem Loslassen und Nicht-loslassen-Können, der Trauer und den damit einhergehenden Verschiebungen innerhalb ohnehin fragiler Familienstrukturen. Auf gut 200 Seiten gelingt ihr ein in sich konsistenter Roman, dessen Aufbau stimmig abgerundet ist: Der Anfang nimmt das Ende vorweg und greift es später wieder auf.
Trotz der existenziellen Wucht der verhandelten Fragen droht der Text jedoch immer wieder in vorgefertigte Muster und Klischees zu rutschen. Manche Dialoge wirken bemüht, manche Metaphern allzu gefällig – etwa wenn Georgs Organe nach und nach das Licht ausschalten und bald Feierabend machen. Auch Textnachrichten wie Süsse, lass mich doch da sein für dich klingen eher nach übersetztem Young-Adult-Ton als nach eigenständiger literarischer Sprache.
Irritierend sind zudem einzelne pauschalisierende oder stereotype Bemerkungen der Figuren, wie wenn Ruth über eine Nachbarin sagt: Die ist fett geworden. Seit ihr Mann tot ist, hat sie richtig zugelegt, oder wenn Lea beim Rasieren der Beine über ihre Freundin anmerkt: Ich hatte noch nicht über Haarwuchs nachgedacht. Anna hingegen als Spanierin schon. Man könnte diese Sätze zwar als bewusste Spiegelungen des Innenlebens der Protagonistinnen lesen – als Ausdruck ihrer Überforderung, ihrer Engführung oder ihrer Unreife. Kombiniert mit den oben genannten, ebenfalls klischeehaft wirkenden Stellen, entsteht jedoch nicht der Eindruck einer bewussten Intention. Vielmehr bleiben solche Formulierungen weitgehend unreflektiert stehen.
So stellt sich am Ende die Frage, ob die Erzählung nicht auch von einer anderen Form – etwa der eines Jugendromans – profitiert hätte, wobei die vereinzelt expliziten sexuellen Anspielungen einer solchen Einordnung derzeit wohl noch im Weg stünden.
Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.
«Nationaltheater« verwebt ein Schicksalsjahr in der Biographie einer ambitionierten jungen Frau mit der Geschichte einer Institution. Beide eint die jüngere Vergangenheit, die von historischen Verwerfungen, dem Zerfall Jugoslawiens und Krieg geprägt ist. Kannst du uns etwas mehr dazu erzählen?
Im Zentrum steht die 150. Spielzeit des Nationaltheaters in Belgrad, ein bedeutendes Jubiläum. Es war mir jedoch von vornherein wichtig, den zeitlichen Horizont zu weiten. Die Grunderzählung über die junge Frau, die in eine „alte“ Institution kommt und dort eine Leitungsfunktion übernimmt, wird durch historische oder pseudo-historische Einsprengsel aufgebrochen.Für Dina, die junge Hauptprotagonistin, sind z.B. die 1990er Jahre eine besonders prägende Zeit, während sie für das Nationaltheater, das seit seiner Gründung in diversen Kriegen bombardiert wurde, bloß eine weitere Krise darstellen.
Einige Kapitel entstanden in Rom. Beim Betrachtenvon Raphaels «Die Schule vonAthen»entwickelte ich geradezu eine Obsession für die Gesichter von Platon/Leonardo und Heraklit/Michelangelo. Ich fragte mich, wie man ein ähnliches Verfahren in der Literatur anwenden könnte. Wie kann man in einem Satz mehrere Zeiten schreiben? Ich wandte dieses Verfahren an, insofern als jede Figur eine Mischung aus verschiedenen realen Personen ist,mit einem Hauch totaler Fiktion. Eine Leserin der Manuskriptfassung sagte, sie hätte beim Lesen ständig das Gefühl gehabt, die einzelnen Figuren würden so sprechen und handeln, als wären sie „aus einer anderen Zeit“, während einzelne Referenzen sie immer wieder in Dinas Gegenwart zurückholten.Das Theater selbst kommt zu Wort und beschreibt seine „Reise durch die Zeit“ – beginnend mit der Gründung. Wenn Napoleon sagt, die Comédie-Française sei der Ruhm Frankreichs, die Oper seine Eitelkeit, dann spricht er über das erste Nationaltheater in Europa, gegründet im Herzen der Kolonialmacht. Das Nationaltheater in Belgrad hingegen entsteht im Kontext des Zerfalls eines Reiches, nämlich des Osmanischen Imperiums, und vor dem Hintergrund der Idee einer jugoslawischen Vereinigung.
Welche Rolle spielt eine solche Institution eigentlich?
Tanja Šljivar «Nationaltheater», Suhrkamp, 2026, 236 Seiten, ISBN 978-3-518-43217-4
In meinem Roman plädiert das Theater schließlich für seine eigene Vernichtung. Das Theater plädiert für seinen eigenen Selbstmord durch den Sprung vom eigenen Balkon, was jedoch aufgrund des Wesens der Institution selbst nicht möglich ist, denn die Institution ist eine, „die geeinte Nation auf eine virtuelle Weise repräsentiert und deren Rolle darin besteht, eine einzige und fixierte nationale Identität aufrecht zu erhalten, ebenso wie eine homogene und dominante Kultur“.(Imre, Zoltán, Staging the Nation) Ein solcher Selbstmord der Institution ist also nicht möglich, zumindest so lange die Nation und ihre Kultur bestehen. Oder etwa doch?
Welche Verbindung besteht zwischen dem Theater und dem Roman?
Bald nach meinem Antritt als Schauspieldirektorin am Nationaltheater, Ende 2019, hatte ich die Idee, einen Roman zu schreiben. Zum einen interessierte mich die Form eines „Theaters im Theater“ nicht – und ein Theaterstück hätte mir einen solchen Zugang geboten; zum anderen war esso, dass die Komplexität des Themas, die Intensität der Erfahrung, der Umfang des Materials nach einer anderen, langen, für mich neuen und noch nicht erforschten Form des Romans verlangten. Indem ich kontinuierlich Theaterstücke schrieb, habe ich gewissermaßen gegen die Vorherrschaft des Romans im literarischen Bereich angekämpft. Jetzt aber scheint mir der Roman die passendere Form für ein solches literarisch-performatives Experiment zu sein. Außerdem eignet sich fast jeder Text für eine Performance. Eine ideale Situation für eine Theateraufführung meines Romans wäre eine, im Rahmen derer der Roman laut vorgelesen würde, in allen Räumen des Belgrader Nationaltheaters: auf der Bühne, in den Büros, im Fundus, in der Kantine, in den Werkstätten; darüber hinaus sollten nicht nur die Schauspieler als Darsteller und Vorleser fungieren, sondern alle Beschäftigten im Theater. Der Zuschauer würde eine wahrlich immersive Erfahrung bekommen: ein Buch, das er betreten könnte, ein Theater, das er lesen könnte.
Ist das Autofiktion?
Eine einfache Antwort würde lauten: Nein, und es ist mir lieber, wenn der Roman nicht als Autofiktion gelesen würde. Die Literaturkritikerin Marija Skočibušić weist darauf hin, dass es in der Autofiktion nicht um einen ungefilterten emotionalen Ausbruch geht, sondern um die sorgfältige Konstruktion von Wahrheit und Selbst.Eine reine Beichte der Erfahrung, der Wahrheit, oder der „Mut“ zu einem solchen Akt interessieren mich nicht; was mich interessiert, ist die strukturelle Ebene, der institutionelle Rahmen, der eine solche Erfahrung erst ermöglicht – also, das, was mich interessiert, ist das Nationaltheater.
Was passiert „dieser Tage“ im Nationaltheater in Belgrad? Werden wir heute Zeugen einer Art „institutionellen Selbstmords“?
Im Sommer 2025 berichteteGuardian über die Bestellung von Dragoslav Bokan, einem ehemaligen Anführer einer paramilitärischen Gruppe in den Jugoslawienkriegen, zum Vorstandsvorsitzenden im Nationaltheater. Und kurz darauf wurde am Tag der Slava-Feier, der in meinem Roman ein eigenes Kapitel gewidmet ist, auch der neue Schauspieldirektor, Zoran Stefanović bestellt. Stefanović ist weniger kontrovers als Bokan, aber gerade dadurch ist er nicht so leicht zu durchschauen. SeineBiografieverbindet Antikommunismus, Orthodoxie, Traditionalismus, mit technologischemFortschritt, digitalen Archiven und sogar einer Online-Teilnahme an der Akademie von Jordan Peterson... Diese Mischung wirkt heute erstaunlich westlich und verweist auf den Aufstieg der neuen europäischen und US-amerikanischen Rechten.
Interessant ist dann die Frage, ob es wirklich eine Kollision der neu bestellten Leiter mit den „europäischen Werten“ gibt – auf diese beruft sich die Theatergewerkschaft nämlich in ihrer Stellungnahme für den Guardian: „The artists of the National theatre will never stop defending European values in our theatre“.
Ist die Bestellung von Zoran Stefanović und Dragoslav Bokan tatsächlich ein Sargnagel für das Nationaltheater? Oder entspricht es nicht vielmehr dem Wesen einer solchen nationalen Institution, widersprüchliche Forderungen in sich zu vereinen – wie etwa die Forderung nach der Autonomie des künstlerischen Schaffens von der Politik. Oder, gehen Nationen, Nationalstaaten und ihre Institutionen auf ihre Selbstvernichtung zu? Möglicherweise zeigen die jüngsten Ereignisse gerade, dass der Wunsch des Nationaltheaters, das (in meinem Roman) für seinen eigenen Selbstmord plädiert, erhört wurde.
Was geschah im Nationaltheater während der Studentenproteste?
Ein Großteil der Künstler und anderer Mitarbeiter des Nationaltheaters hat die protestierenden Studenten unterstützt, was sich unter anderem daran zeigte, dass am Ende der Aufführungen die Schauspieler dem Publikum ihre rot gefärbten Handflächen zeigten (im Einklang mit dem Slogan „Eure Hände sind blutig“), außerdem gab es im Nationaltheater mehrere Warnstreiks. All das führte zur Implementierung einer repressiven Geschäftsordnung, die es nun verbietet, „verbal, durch Symbole oder Gesten eine politische oder sonstige Orientierung zum Ausdruck zu bringen, die in keinem Zusammenhang mit der Erfüllung der Aufgaben des Theaters steht“. Kann es helfen, darüber zu schreiben oder zu sprechen?Die Figur der Intendantin sagt an einer Stelle im Roman zur Schauspieldirektorin: „Meine Liebe, die Theateranekdoten sind ja dazu da, um das alles … um das alles … um diese ganze Gewalt … erträglicher zu machen.“
Wie ist das Verhältnis zwischen den Studentenprotesten und denanderen kulturellen Institutionen?
Ein beeindruckenden Beispiel für deine Frage war die „Befreiung des SKC“ (Studentski Kulturni Centar – Studentenkulturzentrum). Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung im Februar 2025 eroberten die Studenten das berühmte SKC zurück – einenOrt, an demMarina Abramović ihre ersten Performances aufgeführt hatte und das unter der aktuellenVerwaltung jahrelang leer stand. Bemerkenswert ist, dass beide Konfliktparteien am Nationaltheater – sowohl das protestierende Ensemble als auch die neue Leitung – ihre gegensätzlichen Positionen als unpolitisch deklarieren: Eine Dirigentin erklärte, sie habe die roten Handschuhe „für meine Kinder und nicht aus politischen Gründen“gezeigt, während die neue Leitung betont, „das Theater sei kein Ort für Politik“.Die Studierenden hingegen wissen es besser: „Das befreite SKC stellte (…) die einzige Bastion der Freiheit und der Autonomie im kulturellen Schaffen dar, welches sehr wohl politisch ist.“, aber auch: „Wir bedauern, dass die künftigen Experten(…) den politischen Charakter der Kultur nicht sehen und die Gefahren einer Realpolitik ohne autonome Kultur (…) verkennen.“ Die Studenten zeigen: Die einzige mögliche Autonomie der Kunst wird gerade durch den politischen Charakter derselben realisiert.
Hast du Angst vor Selbstexotisierung? Wie wird der Roman im deutschsprachigen Raum gelesen werden, im Unterschied zu Serbien? Handelt es sich um einen Schlüsselroman?
Vielleicht handelt es sich tatsächlich um einen Schlüsselroman, aber es ist nicht ganz klar, zu welchem Schloss der Schlüssel passt, haha. Die Figuren in der Theaterwelt tragen keine Namen, sondern werden nach ihren Funktionen oder Arbeitsplätzen bezeichnet, oder nach ihrem Rang innerhalb der Hierarchiedes Nationaltheaters. Die Staatsschauspielerin, die Schauspieldirektorin, die Intendantin oder der Chef des Sicherheitsdienstes sind Typen, Funktionen, und keine richtigen literarischen Figuren aus Fleisch und Blut.
Gerade diese Möglichkeit der Selbstexotisierung wollte ich problematisieren. Der Roman enthält zwar Hinweise auf die Widersprüche und Probleme der serbischen Gesellschaft, aber nicht, weil ich den „Osten“ als Gegenbild zum „Westen“ darstellen wollte. Im Gegenteil: Sowohl der serbische Nationalstaat als auch sein Nationaltheater sind Produkte einer geopolitischen Ordnung, in der sich die serbische Halbperipherie im Verhältnis zu den kapitalistischen Zentren entwickelt. Auch kulturelle Institutionen entstehen nicht außerhalb dieser Zusammenhänge.
Du beschreibst also kein spezifisch serbisches Modell, sondern ein europäisches?
Ich sollte erwähnen, dass einige Kollegen in Leitungspositionen an deutschen und österreichischen Staatstheatern blickten nicht gerade wohlwollend auf gewisse Stellen im Roman blickten, und ihnen war auch nicht zum Lachen zumute. Das zeigt, die Rede ist von einem Modell, das europäisch ist und nicht etwa strikt westlich oder östlich. In seinem hervorragenden Text „The War on Bohemia“ beschreibt Diedrich Diedrichsen die Gegenwart in Berlin, und in der gesamten westlichen Kunstszene, deren Akteure, die „Bohemians“, einen Pakt mit dem Kapital geschlossen haben (diesmal in seinem Zentrum). Er bezieht sich auf westliche kulturelle Institutionen, die von den Geheimdiensten ihrer jeweiligen Länder instrumentalisiert wurden, um eine Hegemonie der „Soft Power“ in nicht-westlichen Kontexten zu realisieren, und zwar gerade auf diese Grundlage: „Everything was permitted—as long as it could be commercially exploited.“ Abschließend zeichnet Diedrichsen ein düsteres Bild für die Zukunft: „Tech barons, paleo-industrialists, and evangelical fascists may differ in their cultural priorities, but they share a faith in fundamental inequality—and the irrational dogmas of growth and limitless exploitation. (…); (and) they will remobilize art’s capacity, which never lay entirely dormant (…), for inventing and identifying ethnicity and national cultures, chauvinism and white supremacy.”
In einem solchen Kontext können wir auch meinenRoman lesen: Im Westen verfügen die Kulturinstitutionen noch immer über ausreichend Geld und Soft Power, um ihre Situation als halbwegs gut oder akzeptabel darzustellen. Wir haben diesen Luxus (oder diese Last) nicht.
Denkst du, du wirst in Zukunft einen weiteren Roman schreiben?
Ich denke schon. Ich möchte mich selbst im Schreiben überraschen. Eine logische Fortsetzung wäre, über die studentischen Blockaden zu schreiben, aus der Perspektive von Professoren an der Kunstakademie, wo ich derzeit als Dozentin tätig bin. Ich habe auch schon einen ersten Satz: „Sie lebte, an der Schwelle zu ihren Vierzigern, in einer unaufhörlichen Aufschiebung ihres mittleren Lebensalters und unterrichtete Kunst an derselben Universität, an der sie einst studiert hatte.“ Dennoch ist das ein leichterer Ausweg – eine weitere institutionelle Kritik, weiteresNarrativ über die Arbeit innerhalb des Systems der Kunstproduktion, diesmal aus der Perspektive einer Mitarbeiterin in einer Bildungsinstitution. In meinem Unbewussten lauert vielleicht noch irgendwo eine Idee für einen politischen Liebesthriller.
Ist es egoistisch, sich selbst zu interviewen?
Nein. Es ist exzentrisch.
(Das Interview wurde von Maša Dabić übersetzt.)
Tanja Šljivar, geboren 1988 in Banja Luka, studierte Dramaturgie in Belgrad und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Ihre Theaterstücke wurden in zehn Sprachen übersetzt und in Bosnien, Kroatien, Serbien, Spanien, Deutschland, Österreich, Albanien und Polen aufgeführt. 2019 war Tanja Šljivar Schauspieldirektorin am Nationaltheater Belgrad. «Nationaltheater» ist ihr erster Roman.
Keine Frage: Der Humor dieses schelmischen Romans ist rheinisch. Und was die Brüder Kohtes – zu einem großen Teil als einen Austausch von Mails – in frappierender Sorglosigkeit erzählen, versetzt die Leserschaft immer wieder in eine Art Kir-Royal-Atmosphäre innerhalb eines obergärigen Kölsch-Biotops. Die Zeit erlischt, das Leben glimmt auf. Und der Himmel drückt ein Auge zu. Und – sei hinzugefügt – nicht nur der Himmel.
Wie war’s doch noch schön! Gastrezension von Burkhard Jahn*
Die ersten Sätze öffnen die Tür zu einer eindeutig lebensbejahenderen Variante einer Bar mit Disco-Betrieb, als sie das heutige Clubwesen vorführt. Man kann sich an der Theke noch unterhalten und ein Lebensgefühl zelebrieren, wo das Schelmische noch auf dem Charakter von Landschaft und Idiom wurzelt. Im Mailaustausch der Erzähler, eben des Bruderpaares, blühen die Vorfahren auf, deren antiquierter, zunehmend verschroben wirkender Habitus dem tausendjährigen Ansturm des Ungeschlachten standgehalten hatte.
Teufelsmal der fiebrigen Meinungsbeteuerung
Und damit ist ein Erzählduktus gesetzt, der aus der Possenhaftigkeit des menschlichen Daseins keinen Hehl macht und somit noch nicht infiziert ist von all dem Gift späterer woker Launeverderbung. Die einen der dramatis personae hier kommen aus Russland, die andere aus Israel, der DJ aus der Karibik. Und so ist es nun mal. Selbst das Großbürgerliche, ohnehin wie alles in dieser milde betrachteten Welt Spielball der Geschicke, trägt nicht das Teufelsmal der fiebrigen Meinungsbeteuerung.
Jedem Jeck sing Kapp lautet die unausgesprochene und doch uneingeschränkt gültige Verabredung. Und dass nebenbei die Vokabel verklugfideln plötzlich – wie ein seltener, für ausgestorben gehaltener Schmetterling – in diesem Text in aller Selbstverständlichkeit aufersteht, wärmt das Herz. Genauso wie die Serenade für Zwischengas des im Stau stehenden Zuhälterschlittens und jene Szene, in der im Regenguss bei jedem Wagen, der durch die Pfützen fährt, die herausgeworfenen Kippen auf der Pfütze schaukeln wie Fischerboote in aufgewühlter See.
Die Autoren wissen ihre Preziosen zu setzen.
Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes «Die Seligen – oder Die letzten Tage der Spezialdemokratie», Elsinor, 2026, 190 Seiten, ISBN 978-3-939483-86-1
Durch diese „letzten Tage der Spezialdemokratie“, wo Felix, der Barkeeper für seine jüdische Freundin in aller selbstverständlichen Ironie beider ihr bad goy ist, tanzen eindeutig sorglosere Figuren als jene unserer Tage in unserer Demokratie. Und die Personnages des schelmischen Romans – Hacki, Hanna und Jan, unsere Arbeitsnomaden aus Portugal und die Berliner Blase, sogar Lotte aus Montreal – sie kehren immer wieder treulich zurück wie die Lachse zur Quelle. Die in der Fremde erwähnen lieber nicht ihre Anflüge von Heimweh, die anderen beschweigen ihre unerfüllten Träume. Und doch vereint sie die gemeinsame Geschichte des Vergangenen.
Die Überhitzung der Vereinheitlichungspostulate in zu entwurzelnder Welt hat in dieser so jungen Vergangenheit noch nicht Fuß gefasst. Da sind andere Probleme zu klären: Einmal die Vaterschaft einer nun annähernd erwachsenen jungen Frau, deren Mutter, anstatt sich um eindeutig geklärte Vaterschaft zu bemühen, erst einmal mit wachsender Leibesfrucht nach Berlin entflohen war, bis sie mit eben jener nun erwachsenen Tochter zurückkehrt. Zu einer Zeit zurückkehrt, da gerade zu Beginn der Geschehnisse ein Husky namens Flicka von seinem depressiven Herrn in der Bar zurückgelassen wurde. Man kümmert sich um den Hund. Sein Herr dagegen nimmt ein suizidales Ende. Doch bleibt ansonsten das Biotop der Zugereisten, der Eingemeindeten und der sorglosen Weltwanderer in einer so unangezweifelten Selbstverständlichkeit, in einer so märchenhaften Friedlichkeit, dass diese noch so junge Vergangenheit zur schönsten Utopie wird. Ist diese Vergangenheit doch aus den so rheinisch gutmütigen Bürgerszenen der Vorfahren in diese Dekade der „Spezialdemokratie“ hineingewachsen.
Kiffend dem Leben stellen
Wir sehen eine Utopie, in der das Urbane mit dem Ländlichen verwoben ist, das Heimatliche mit dem Metropolitischen. In all das übrigens reicht bereits die E-Zigarette als Brandmal des Kommenden hinein. Aber das Komödiantische, das Schwebende des generellen Duktus vermeidet jegliche Gefahr des Kitsches, man kifft und schnupft munter zuzeiten und stellt sich gleichwohl dem Leben. Jedoch: Das Wort Rassismus kommt im Buch nicht ein einziges Mal vor. Die Erzählform korrespondierender Mails erlaubt das Entfalten von Parallelgeschichten an anderen Schauplätzen, da steht mal Bamberg mit Gesprächen über Boxkämpfe im Licht, mal die Geschichte der zivilisationsflüchtigen europäischen Maori-Ehefrau. Und einmal am Lagerfeuer erzählt ein zufällig getroffener Tramper, dass kein Geringerer als Charles Manson, der Mörder der Polanski-Gattin Sharon Tate, sein Vater sei.
Und es erlauben sich die Autoren, die beide im Metier zuhause sind – der eine lange Zeit beim WDR als Literaturredakteur, der andere als Dozent und als Ghostwriter – ein wohltuendes Apercu auf gewisse preisgekrönte Literatur und auf deren so jäh aufgeploppte wie absurd zerplatzende Seifenblasenhaftigkeit. Da kommt der verbitterte Zeitgenossene der unmittelbaren Gegenwart hübsch auf seine Kosten. Ein bisschen Bosheit darf ja auch mal sein.
Wo sonst das Ländliche mit Vogelhäuschen, Kohlmeisen, Hunden und Katzen auch in hübsches Recht gesetzt wird, und eine Zahnärztin der frühen Kindheit nach Jahrzehnten ohne Begegnung den Erwachsenen in aller Unbefangenheit begrüßt, als sei er gestern dagewesen und traulich wie das Kind von einst. Das ist rührend. Ja. Damit ist es nicht falsch. So wie das ganz Reale seinen Auftritt hat mit Inge Jens und dem einbeinigen Onkel Willi. Ein Buch, das guttut. Dem Rheinischen sei Dank!
Michael Kohtes lebt als Schriftsteller und Journalist in Köln. Er veröffentlichte essayistische Prosa, Lyrik und zuletzt die Tagebuch-Collage 365 Tage – Ansichten von K. Das WDR-Publikum kennt ihn u.a. als langjährigen Moderator des Literaturgesprächs Zeichen & Wunder. Für seine Arbeit erhielt er diverse Preise und Auszeichnungen. Martin Maria Kohtes ist Theaterwissenschaftler und Philologe. Nach dem Studium in Berlin, Paris und New York lehrte er in Köln sowie in Berlin. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Guerilla Theater und Besser schreiben. Er lebt heute als Autor im Rheinland.
*Burkhard Jahn, geboren in Hildesheim, lebt heute als Autor bei Zürich. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Hamburg, wirkte als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Unter anderem sind von ihm «Requiem für A. R.» (2018) und «Der Weg an der Sarca» (2017) erschienen.
wir liegen wie heu zwischen unsere finger lege ich schafgarben und ameisen über gras und du sagst dass vergangenheit nur woanders passiert in rom vielleicht oder athen setze ich mich anders hin wende mich dem heu zu wenn wir die wiese einfahren erinnere mich daran
pundui coche fën danter nosc dëic conci su ciarinac de paluch y furmies sëura ierba y te dijes che l passà suzed mé nzaul de auter a roma povester o a aten sposti mi pëis me ëute de viers dl fën canche fajon fansëch lecordeme
mein haus wackelt
es ist ein milchhaus sagst du und deinen worten entnehme ich einen stuhl den schrank und den schiefen gang
den gehe ich zuerst die ferse dann das kinn entlang mir schwindet der blick aus den augen
mein haus wackelt am besten wir legen es unters kissen du nimmst es aus meiner hand drehend fallen wir einander über mein haus du sage ich unförmig hebe ein neues gewicht auf wackel nicht so mein bauch will nach draußen
mir zerbricht tatsächliches im vollen mund
gib mir mein kissen zurück oder schau du morgen was darunter liegt
mi cësa ie ala zibla
l ie na cësa da lat dijes tu y da ti paroles toli ora n stuel l castl y l port desbiech ti vedi do dl prim l ciauciani pona l sumenton l me toma la udleda ora di uedli
mi cësa ie ala zibla la miecia iel sce la meton sot al plumac tu me la toles ora dla man se raidan tumons l un l auter sëura mi cësa tu diji defurmeda tlope su n pëis nuef no balesté tan mi vënter uel ora
uriteies me se romp tla bocia plëina
dame inò ca mi plumac o cëla tu duman cie che ie sotite
ich spiele die blockflöte
atme von hals zu holz wie kommt es zu kompositionen wenn die zunge unter holz liegt ein mund stück zum einstimmen
gib mir einen kammerton a gib mir finger die von distanzen wissen etwas zum bohren sodass luft fließt
suche ein instrument aus sagten sie aber die flöte kommt zu allen
übe wie damals im gang sitzend auf stufen im mund merkte sich das holz meinen speichel
manchmal wollte ich dass eine sprache mich aufnimmt mutter wollte ich sagen zu dir
sone l flaut a bech
l fla va dal col plën al lën co nasc pa cumposizions sce la lënga ie sot al lën l bech n toch de bocia da acurdé
dame n la de referimënt dame dëic che sà de destanzes zeche da furé che aria passe tres
chier ora n strumënt me ovi dit ma l flaut ti toca a duc prova coche ntlëuta senteda te port sun sceles tla bocia se lecurdova l lën de mi spidoch
datrai ulovi che na rujeneda me tulëssa su oma ulovi ti dì a ti
aus «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du» (Limbus Lyrik 2026)
Das Coverbild ihres neuen Lyrikbandes ist von Nadia Runggers Vater Klaus Rungger. Sie stellen auch oft im Duo gemeinsam Zeichnung und Poesie aus.
Nadia Rungger, geboren 1998 in Brixen/Südtirol, debütierte 2020 mit dem Erzähl- und Gedichtband «Das Blatt mit den Lösungen» (A. Weger). Sie ist vielsprachig auf gewachsen und studierte Germanistik und Angewandte Linguistik in Graz und Brixen. Ihre Prosa und Lyrik auf Deutsch und Ladinisch wurde mit mehreren internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Merano Europa 2017, dem Ladinischen Literaturpreis Scribo 2018, dem Jurypreis Irseer Pegasus 2024 und dem Lichtungen-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark 2024. Die Uraufführung ihres Theaterstücks Morvëies/Wunder erfolgte 2024 im Stadttheater Bruneck für das europäische Projekt Phōnē. Gedichte von ihr wurden in mehrere Sprachen übersetzt, in Literaturzeitschriften veröffentlicht und bei Ausstellungen präsentiert, zuletzt im Landesmuseum Franzensfeste.
Auf einmal bewegt die Blondgefärbte den Kopf im Kreis, als versuche sie, mit ihren Augen dem komplizierten Flug eines Insekts zu folgen. Doch da ist kein Tier und ihre faltigen Lider sind geschlossen. Es ist die schiere Lust, die ihre Bewegung antreibt, die Lust an dem Eis in ihrer Hand. In leicht gekrümmter Haltung sitzt die Alte an einem Tischchen vor der minzegrünen Fassade der Hibilek Golbinol, einer bekannten Gelateria im Zentrum von Bokampo. Sie trägt ein lachsrotes Seidenkleidchen mit Spitzen, das sich kaum von der Farbe ihrer Haut unterscheidet. Wasserdostpurpur leuchten die Eiskugeln in ihrem Biskuithörnchen. Was für eine Sorte mag es sein? Pflaume vielleicht? Pfirsich oder Pampelmuse? An den Handgelenken der Frau baumeln allerlei silberne Reifen und an ihrem Hals hängt eine Kette aus großen Perlen. Sie wirken echt, ebenso echt wie die Hermes-Tasche, die unter ihrem linken Arm klemmt. Die Füße aber stecken in knutschgelben Badeschlappen, die billig wirken und halb kaputt. Die Blondierte hat mich noch nicht bemerkt, obwohl ich nur wenige Meter von ihr entfernt, auf der anderen Seite der schmalen Straße an einer Mauer lehne und mit lautem Blubbern meinen Skajkax [eine Art Eiskaffe mit viel Schaum] in mich hineinsauge. Ist sie vielleicht ein wenig betrunken? Ihr Pupillen haben etwas Fiebriges, ihre Haut wirkt seltsam teigig, ihr Lächeln starr, blöde fast. Doch das kann auch das Alter sein – oder die Hitze. Auf jeden Fall glaubt sie sich ganz alleine mit ihren Pflaumenkugeln, unbeobachtet in ihrem Zuckerrausch. Überhaupt wirkt sie, als ob für sie nur diese süßen Sphären wären und hinter all den Sphären keine Welt. Wie bin ich wohl selbst anzuschauen, wenn ich mich in meiner Lust unbeobachtet wähne? Gut möglich, dass ich bedeppert in die Gegend glotze. Vielleicht ist es besser, man weiß es nicht. Langsam nähert sie ihren Mund dem Eis, kurz blinken ihre Zähne auf, dann nimmt sie einen mächtigen Happen, mümmelt ihn in sich hinein. Wieder schwenkt sie die Augen zum Himmel, als suche sie in der Atmosphäre nach einem Wort, das ihre Lust beschreibt, nach einem Zeichen von San Gelato. Und dann geschieht es. Während ihr Blick noch oben sucht, gerät unten die letzte Kugel ins Rutschen. Sanft schiebt sich der lachsfarbene Ball auf den Rand des Biskuits, gleitet unbemerkt über den Zeigefinger und fällt geräuschlos zu Boden. Gleich darauf führt die Frau sich die Eistüte erneut an die Lippen, die Zunge fährt heraus, stößt in den Konus, tiefer, zuckt nach links, nach rechts und schnellt zurück. Ungläubig starrt sie erst auf das Biskuit, dann auf die Lache vor ihren Füßen, aus der sich noch ein letzter Rest der Kugel wölbt. Nach einigen Sekunden bückt sie sich nach vorn und versucht, mit drei Fingern etwas von dem Eis zu greifen. Doch der klebrige Stoff ist zu weich, es bleiben nur ein paar Schlieren an ihrer Haut hängen. Sie steckt sich alle drei Finger in den Mund und saugt daran, als könne sie nicht glauben, dass da nicht mehr zu holen ist. Plötzlich schaut sie mich an. Oder schaut sie nur durch mich hindurch? In ihren Augen herrscht eine solche Leere, als sei ihr mit dem Eis auch alle Lust und Lebendigkeit zu Boden gegangen. Ich überquere die Straße, um mein leeres Skajkax-Glas in die Eisdiele zurückzubringen. «Soll ich Ihnen zum Trost einen Kaffee spendieren?», frage ich im Vorbeigehen und deute auf den Pflaumensee. Doch sie schaut an mir vorbei, wild und kraftlos zugleich – eine Löwin, betäubt vom Leben.
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.