Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt

Vielstimmig und empathisch: Lena Goreliks Roman «Alle meine Mütter» wagt eine konsequente Offenheit, die dem Thema Mutterschaft ja so guttut.

Es ist immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz
Gastrezension: Hannah Matter wurde 2003 in Basel geboren. Sie studiert Deutsche Philologie und Geschichte an der Universität Basel. 

Schon auf den ersten Seiten des Romans legt die Erzählerin ihre Karten offen auf den Tisch: Über den Text, den sie nun schreiben wird, weiss sie nur, «dass er Mütter versammeln soll und Nicht-Mütter, uns alle irgendwie, unsere Kinder, wie die Kinder, die wir nicht haben». Diese Offenheit ist programmatisch – und sie ist ehrlich. 

Hier sind sie also, alle ihre Mütter: Maschutka, die im sowjetischen Wartezimmer sitzt, um ihr Kind abzutreiben, als eine Kakerlake an ihr vorbeihuscht. Yara, die auch noch nach Jahren an den Fast-Badeunfall ihres Kindes zurückdenkt. Kurz ist sie als Frau sitzen geblieben, anstatt als Mutter Kian zum Pool zu folgen. Eine Geschichte, die für die anderen keine ist – sie ging schliesslich gut aus. Oder Jules, «ungewollt kinderlos», die sich tieftraurig durch die sozialen Medien scrollt und junge Familien bei ihren chaotischen Morgenritualen begleitet. Und Julia, die mit 17 das befreiende Wörtchen niemals sagt. Niemals möchte sie Kinder haben.  

«Alle meine Mütter» ist kein geradliniger Roman, das würde man bei Lena Gorelik auch nicht erwarten. Mosaikartig reiht sie eine Episode an die andere. Immer wieder schaltet sich ein Ich ein, das das Erzählte unterbricht, hinterfragt, öffnet: «Wie schreibe ich, ohne zu verletzen?» Etwa, wenn von Müttern die Rede ist, die unfreiwillig zu Expertinnen von Gendefekten und Nachteilsausgleichen werden. Die wissen, ihr Kind braucht sie besonders, vielleicht für immer.  

Dieses Ich hat keinen Namen, dürfte aber Lena Goreliks Ich sehr nahe sein. Es weiss, dass es sich selbst und die eigene Mutter nicht ausklammern kann, und so schiebt sich diese Mutter-Tochter-Geschichte zwischen die anderen Frauen, in einer Intimität und Ausführlichkeit, die sich Gorelik nur hier erlaubt.

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt, 272 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN: 978-3-498-00762-1

Das Verhältnis der beiden ist innig, auch wenn die Mutter Anne wenig von sich erzählt. Es ist eine Innigkeit, die die Erzählerin in der Vergangenheit manchmal fast erstickte und der sie bis heute ambivalent gegenübersteht: Fürchtet sie sich, nur Tochter zu sein, für immer ein Wir mit der Mutter – oder ist es, im Gegenteil, die Distanz, die trotz allem zwischen ihnen besteht? Und was wäre, wenn sie die eigene Mutter jenseits dieser Rolle kennenlernen könnte?

Erst als Anne krank wird, wird diese zu einem «eigenen Menschen, mit eigenen Schmerzen», die nichts mit ihrer Tochter zu tun haben.

Schmerz und Liebe liegen in dieser und den anderen Geschichten stets nahe beieinander. Einmal überlegt die Erzählerin, das soeben Geschriebene wieder zu löschen – es sei „immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz“. Glücklicherweise lässt sie es stehen.

Was die verschiedenen Episoden auch verbindet, ist die Erkenntnis, dass Muttersein nie im luftleeren Raum geschieht. So ist die Beziehung der Erzählerin zu ihrer Mutter durch die Migration der Familie geprägt. Dem Kind wurde früh bewusst, dass die Mutter nicht alles ist, nicht alles kann. Zum Beispiel kein Schwäbisch. 

Auch vielgehörte Weisheiten wirken auf das Muttersein ein: Mütter machen Milch mit Honig, vergessen Geburtsschmerzen, wissen instinktiv, was ihr Kind braucht. Mütter haben bereits die «grau verschmierten Umrisse auf dem Ultraschallbild zu lieben». Sie sind auch immer schuld. 

Vielstimmig erzählt Gorelik, wie Mutterschaft sein kann, mit und entgegen diesen Erwartungen. «Ich wollte über die gesellschaftlichen Bilder schreiben, die mir immer wieder begegnen», sagte die Autorin in einem Interview. Es ist spürbar, dass das Thema vor den einzelnen Geschichten da war. Sorgfältig geht sie alle durch, diese Mütter. Eine Aufgabe, die in Zeiten von Pro-Life und Tradwives besonders dringlich scheint.

Manchmal allerdings wirkt die Erzählung schwerfällig. Die Erzählerin reflektiert,  zweifelt, bricht wieder ab. Etwas mehr Vertrauen, dass die Leser*innen mitdenken und nicht alles ausbuchstabiert bekommen müssen, hätte dem Roman stellenweise gutgetan. 

Und doch: Es sind genau diese vielen Fragen und die offene Erzählform, die eine authentische Auseinandersetzung ermöglichen und verhindern, dass Mütter festgeschrieben werden. Mit grosser Empathie gelingt es Gorelik, viele von ihnen darzustellen und ernst zu nehmen. Viel Liebe und Schmerz steckt darin. Es ist kein leichtes Buch, aber das möchte es auch nicht sein.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman «Wer wir sind» und wurde begeistert besprochen. Regel­mässig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit. 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, 2026 mit dem Preis der Literaturhäuser

Beitragsbild © Thomas Dashuber

Ahojana 5 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus der Réserve du Forlys von Owida N. Woiax

Der Kessel pfeift und zittert, Wasser schwappt aus dem Ausguss und läuft dem Emaille entlang unter den Topf, wo es in der Gasflamme knisternd verpufft. Atika hat es nicht eilig. Mit ruhigen Bewegungen stellt sie den Filter auf die Aluminiumkanne, legt ein Papier ein, misst drei Löffel Pulver ab. Erst dann hebt sie den Kessel vom Herd und gießt mit einer sorgfältigen Achterbewegung den Kaffee auf, die Linke entspannt in der Tasche ihrer Jeans. Röstaromen verbreiten sich in der Küche, verdrillen sich mit den milchigen Strahlen der Morgensonne, die waagrecht den Raum durchstoßen.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Aber Atika lässt mir keine Wahl. «Erst trinken wir einen kawaien [«Käffchen»], dann zeige ich Ihnen, wie Sie hier wieder rauskommen», hatte sie gesagt, während sie das Seil vom Bug meines Kajaks an ihrem Landungssteg festzurrte. Ich war früh am Morgen von der Anlegestelle bei der Busstation im Norden des Naturschutzgebietes losgepaddelt und hatte bald schon die Orientierung verloren in dem Gewirr aus Kanälen, Flussläufen und Tümpeln. Auch mein Telefon half mir nicht weiter. Auf dem Bildschirm sah ich zwar genau, wo ich selbst mich befand und wo mein Auto stehen musste, nur, wie ich zurück zu dem Parkplatz finden könnte, verriet mir die Karte nicht. Der Lindj Forlys ist kein See, wie man vom Namen her erwarten würde (lindj ist das lemusische Wort für «See»), sondern eher ein riesiges Feuchtgebiet mit zahllosen Wasserwegen und Inselchen, die auf meinem Plan nur sehr summarisch eingezeichnet waren. Immer wieder ruderte ich in Kanäle hinein, die zwar in die richtige Richtung führten, jedoch plötzlich endeten oder einen Bogen machten, der mich wieder von meinem Ziel entfernte.
Und dann entdeckte ich das grüne Holzhäuschen. Es stand ein paar Meter vom Ufer entfernt unter Birken und Weiden. Das Dach war dicht mit Blättern und Zweigen bestreut. Zu dem kleinen Gebäude gehörte ein Steg und auf den grau-morschen Brettern stand eine junge Frau in einem leuchtend orangen Shirt und winkte mir zu.
«Haben Sie sich verfahren?», fragte sie und fügte, ohne mir Raum für eine Antwort zu lassen, gleich ihre Einladung an: «Kommen Sie! Wir trinken einen kleinen Kaffee bei mir im Haus, danach zeige ich Ihnen den Weg hier raus.»
«Das ist sehr freundlich von Ihnen, danke für das Angebot. Aber ich sollte eigentlich möglichst bald weiterfahren. Man erwartet mich heute noch im Kloster von Maioli.»
«Haben Sie mich nicht gehört? Wir trinken einen Kaffe und dann führe ich sie zur Straße zurück», erwiderte sie mit einem nachsichtigen Lächeln, als hätte ich etwas völlig Unsinniges gesagt. Gleichzeitig packte sie die Leine, die auf dem Bug meines Kajaks aufgerollt lag, zog mein Boot mit einem entschiedenen Ruck in Richtung Ufer und machte es an ihrem Steg fest. Es ist mir ein Rätsel, wie das Tau plötzlich in ihre Hand gelangen konnte. Ich war sicher noch zwei Meter vom Ufer entfernt, als sie es ergriff.
«Entschuldigung, aber ich müsste wirklich los», beteuerte ich erneut und blieb trotzig in meinem Bötchen sitzen. Doch sie streckte die Hand aus: «Ich heiße Atika. Herzlich willkommen!» Und auf einmal stand ich neben ihr an Land.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Es muss schon Mittag sein und also muss ich aufpassen mit dem Koffein. Mittag, genau, das sagt auch meine Uhr. Nur, warum scheint die Sonne dann horizontal in den Raum? Atika gießt immer noch Wasser in den Filter. Die Kanne müsste längst überlaufen. Und auch die Gasflamme rischelt weiter, als verbrenne immer noch Wasser in ihr.
Die Réserve du Forlys ist ein Labyrinth, in dem sich offenbar nicht nur der Mensch verirrt, sondern auch die Zeit. Gut, dass mir Atika den Weg hier raus zeigen wird. Nach dem Käffchen, versteht sich.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

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Ahojana 4

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Eva Strautmann «In der Luft», Plattform Gegenzauber

Hoch hinaus ragt sie 
dicht bemooste Windung, 
nein Windungen 
aus braunem Sud, halsstarrigem Schlamm, 
fest gezogen von wehenden Ästen 
Luftschläuche umschlungen von faserigen Holzlenden, 
sich biegend, 
knatschend am Schreien um Hilfe.
Es steht bis zum Hals,  
wachsendes Wasser 
Vierblättrige Sonne aufgespalten im Licht 
nach vorn, nach hinten am Zergehen 
in strahlender Hitze, 
nicht mehr zu sehen. 
Dann die weitläufige Fläche mit eisigen Blättern 
aus dem Dunkel von oben, 
alles scheint einmal hell auf, 
am Glitzern, glänzend 
im wehenden Sand? 
In dunkelroter Erde 
Am Stampfen durch Blutrot 
durch krachendes Gebälk. 
Schon lächeln sie ins Mark, 
geschnitzte Masken, eingegerbte Gesichter an sinkenden Stämmen, 
in prachtvoller Grünblässe 
schreien um Hilfe. 
Wachsendes Wasser strahlt und schwappt von hinten, 
glänzt, 
im Wellen über die viergeteilte Sonne, 
spült weg, weggespült, 
alle Hälser gefüllt, Münder randvoll überlaufen 
bis kein Wort mehr hervordringt, 
bis es still wird im wachsenden Wasser 
Die Windungen fallen, 
fallen gegen sich selbst, halten sich gegenseitig fest im Tanz, 
im Geschlinge, 
Verschlungensein 
im Mikado ihres Sinkens. 
Bis das Wasser die Fläche überstrahlt, 
alles glänzt, 
grell, zu grell 
gelbscheinend 
In der Luft am Fliegen, am Tanzen 
am Schreien 
im Vergehen 
in der Luft

Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.

Beitragsbild © Eva Strautmann «Abstraktion 20», Öl auf Leinwand 

Dita Zipfel «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt», Insel

Auf einer gemeinsamen Reise kommen sich zwei Frauen näher, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und neben den ganz großen Fragen bleibt am Ende vor allem eines: ein unbefriedigendes Gefühl.

Mutterschaftsurlaub
Gastrezension: Anna-Lia Käslin-Tanduo kam von der Elbe an den Rhein und studiert nun in Basel Literaturwissenschaft. Am liebsten beschäftigt sie sich mit Fragen zur Erzähltheorie und Mutterschaftsdarstellungen in der Kunst.

Ein Roman über Mutterschaft. Noch einer. Brauchen wir das?

Diese Frage kann man sich stellen, wenn man Dita Zipfels Buch «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt» vor sich hat. Denn darum geht es, genauer gesagt um zwei Frauen: Eva, die schon Mutter ist, und Linn, die es noch werden soll. Zusammen mit ihren Partnern Felix und Matze und den beiden Kindern von Eva und Felix verreisen sie an die Côte d’Azur. In einen Luxusbungalow, der so ist, wie man sich Luxus vorstellt: Alles ist weiß und poliert, der Boden glänzt. Nach dem Urlaub werden Linn ihre befruchteten Eizellen eingesetzt, und dann bekommen sie und Matze endlich auch ein Kind. So weit der Plan.

Doch das erste Problem ist schon der Bungalow, das Ufo aus Glas wird nämlich von Felix bezahlt. Er bezahlt auch den ganzen Urlaub, denn Felix ist reich. Und das stört Linn. Sie mag Felix eigentlich nicht, und noch weniger die perfekte Eva. Aber Matze und Felix sind Jugendfreunde und so muss sich Linn ihrem Schicksal ergeben.

Etwas uninspiriert kommt dieser Plot daher: eine Gruppe auf engem Raum, Konfliktpotenzial inklusive. Auch die Figuren sind nicht gerade originell. Felix ist zwar erfolgreich, auf der Suche nach ständiger Optimierung aber nicht glücklicher als alle anderen. Und die normschöne Eva, die sich bewegt als würde ein Wind sie tragen, ist in Wahrheit auch unsicher und überfordert. Linn und Matze sind die Normalos, nicht unglücklich im Leben, aber perfekt ist es eben auch nicht.

Dita Zipfel «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt», Insel Verlag, 2026, 219 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-458-64612-9.

Spannend verspricht es zunächst zu werden, als die beiden Frauen sich annähern. Da gibt es zuerst ein erotisches Knistern, das sich aber nicht recht entwickelt und deshalb irgendwie fehl am Platz wirkt. Trotzdem werden die beiden Verbündete, vapen heimlich zusammen und werfen sich verschwörerische Blicke zu. Und sie spielen gemeinsam Wahrheit oder Pflicht, was aber aufregender klingt, als es dann letztendlich ist. Die Beziehung der beiden dient vor allem dazu, auszuhandeln, worum es im Roman geht: Was es heißt, Mutter zu sein. Vor allem Linn fragt sich dabei, ob sie das wirklich kann. Und Eva gibt zu, dass eben nicht alles so perfekt ist, wie es scheint.

Das klingt alles nicht neu und macht über weite Strecken auch nicht wirklich viel Spaß. Eva und Linn zeigen immer wieder, dass Frauen zu ihren Körpern ein schwieriges Verhältnis haben. Der Roman startet damit aber keinen Überwindungsversuch, sondern festigt traurige Tatsachen. Denn Eva und Linn bewerten den weiblichen Körper mit Blick auf Mutterschaft rigoros: vorher gut, nachher schlechter. Wer kann, sollte das Nachher im Vorher noch so gut es geht beeinflussen. Zum Beispiel durch einen Kaiserschnitt, dann bleibt wenigstens der Beckenboden heil. So zumindest lautet Evas Empfehlung an Linn. Ein zweifelhafter Rat, den der Roman aber nicht weiter hinterfragt.

Und so verläuft vieles nur an der Oberfläche. Das ist auch nicht verwunderlich, denn neben der Beziehung zwischen Linn und Eva gibt es zahlreiche weitere Schauplätze: Da sind die ständigen Konflikte zwischen Felix und Linn, die Freundschaft von Felix und Matze, die Geschichte von Latifa, die für die Reinigung der Ferienhäuser zuständig ist. Es wird geklaut, geschimpft, gelogen und der Bungalow wird am Ende zum Bunker. All das wirkt zusammen wie ein buntes, grelles Bild, in dem alles wichtig ist, aber nichts so richtig zu Geltung kommt.

Romane über Mutterschaft brauchen wir weiterhin, unbedingt. Denn nur so bleiben wir über Care, Rollenbilder und alles damit Verbundene im Gespräch. Aber vielleicht nicht gerade so.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Dita Zipfel, 1981 in Kiel geboren, schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Essays und Literatur. 2020 wurde sie für ihren Jugendroman «Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte» unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie schreibt Geschichten, die ein bisschen wie Filme sind, vielleicht, weil sie sich das Erzählen im Kino ihres Opas beigebracht hat.

Beitragsbild © Jacintha Nolte/Insel Verlag.

Ahojana 4 «Tausend Tentakelschläge» – Eine Postkarte aus Carbelotte von Owida N. Woiax

Mit einem staccatoartigen Hupen rast der hellblaue Autocar der Buchgesellschaft Pierou an der Haltestelle im Zentrum von Carbelotte vorbei. Offenbar weiß der Chauffeur, dass die zwei Frauen, die sich vor dem leichten Nieselregen unter das Dach der Station geflüchtet haben, nicht bei ihm mitfahren wollen. Mir war sogar, er habe ihnen zugewinkt. Ich stehe unter einer mächtigen Espe auf der anderen Straßenseite – unentschlossen, ob ich meinen Schirm hervorholen oder darauf vertrauen soll, dass der Regen bald wieder aufhört. Etwas weiter nördlich, über der Baij Kabsakdi, ist der Himmel schon wieder blau. Oder noch? Ich mag keine nassen Regenschirme. Ich warte lieber noch etwas zu.
Sollten mich die zwei Frauen überhaupt bemerkt haben, so lassen sie sich auf jeden Fall nicht stören. Sie sind ganz und gar mit ihren Beinen, ihren Hüften, ihren Armen, Schultern und Köpfen beschäftigt, die sie in rasendem Rhythmus bewegen. Ihre bloßen Füße sausen schwungvoll hinweg über die vom Regen am Boden der Haltestelle geschaffene Landschaft aus Tümpelchen, kleinen Teerinseln und Bächlein. Ihre weiten Röcke fliegen, als hätten sie sich von der Schwerkraft gelöst. Musik ist keine zu hören – sieht man vom Gezirpe der Jamakala ab, einer kleinen Grille, die sich an diesem späten Nachmittag schon den Abend herbeisingt. Gleichwohl bin ich sicher, dass die zwei tanzen. Und sie können das ausgesprochen gut, ihre Bewegungen sind gestaltet, folgen eindeutig einem Ablauf – und ich kann nicht erkennen, dass sie je unsicher wären, wie es weitergeht.
Gut möglich, dass sie sich auf die Fête de la Carotte vorbereiten, in deren Rahmen es ja Tanzveranstaltungen und sogar Wettbewerbe gibt. Kann es sein, dass ich gerade der Entstehung eines neuen Karottentanzes beiwohne? Meine Lippen versuchen, den schnellen Sprüngen und Hüftschwüngen der zwei Frauen nachzuhüpfen: «Vive la carotototte au sein de Carbelotototte.» Nein. Das ist eindeutig nicht schnell genug. Die zwei haben ein gewaltiges Tempo drauf. Und Reime passen auch nicht zu diesem Tanz, der bei aller Stimmigkeit, bei aller Präzision auch etwas Ungereimtes, Ungehemmtes, Unfassbares hat. Wäre es möglich, dass sie sich von den Chevaliers de Carbelotte piksen ließen. Ich weiß nicht, welchen Effekt das Gift dieser eigentümlichen Insekten auf den menschlichen Körper hat. Aber es könnte ja sein, dass es wie ein Stich der Tarantel in eine Art Raserei versetzt, die sich choreografisch nutzen lässt.
Der Regen wird stärker, der Himmel verdunkelt sich und mir ist gar, als sei durch das Prasseln und Rauschen hindurch ab und zu ein Donner zu hören. Die zwei Frauen lassen sich nicht beirren. Im Gegenteil: Ihre Freude am Tanz scheint mit dem Regen noch wilder, noch hemmungsloser zu werden. Vielleicht schlägt gleich ein Blitz in die Haltestelle ein, sie verwandeln sich in tremolierende Oktopusse und toben mit tausend Tentakelschlägen davon.
Das Blätterdach der Espe über mir hat unterdessen so viel Wasser aufgenommen, dass es unten heraus und mir auf Schultern und Kopf tropft. Ich drücke mich an den Stamm, der noch weitgehend trocken zu sein scheint. Doch da bohrt mir ein Viechlein, das verborgen in der Borke sitzt, seine Nadel in die Schulter. Ich zucke zurück, doch schon breitet sich von der Stelle ein Schmerz in meinem Arm aus, klettert mir in den Nacken, in den Kopf. Toboza! Verflixt! Ob das ein Chevalier der Carbelotte war? Werde ich wohl auch gleich wie besessen durch den Regen tanzen? Ist das wirklich immer noch Donnergrollen, was ich da höre? Sind das nicht die Rhythmen mächtiger Trommeln, die näher und näher kommen? Und spüre ich nicht schon, wie meine bibbernden Beine den Boden bebeben?

Ahojana 1

Ahojana 2

Ahojana 3

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch

In Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» stirbt ein Ehemann und Vater über lange Zeit. Der Prozess des Abschieds verändert ihn und seine Familie.   

Der Tod als Verwandlung
Gastrezension: Sina Aebischer studiert Literaturwissenschaft in Basel und arbeitet für die Lesereihe Sofalesungen. Sie schreibt journalistisch für regionale Medien und literarisch als Teil des Kollektivs LITER. 

Die Beerdigungsgäste sind gegangen und wir wissen nicht, was wir mit den Kuchenresten anfangen sollen. Wir haben immer nur bis hierher geplant, nie weiter. Das Wir, mit dem die Hamburger Autorin Nefeli Kavouras ihren Roman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» anfängt, besteht aus Ruth und Lea, Mutter und Tochter, Witwe und Halbwaise. Denn Georg ist gestorben, nach langer Zeit. Über Jahre hinweg hatte sich sein Zustand verschlechtert, bis Ruth ihn zur Palliativpflege nach Hause holte. Der Prolog nimmt das Ende der Geschichte vorweg, bevor Kavouras zurückkehrt in die Zeit des langsamen Sterbens. 

Für die gemeinsame Tochter ist die Präsenz des todkranken Vaters nur schwer zu ertragen: Wenn Mama ihn nicht so bescheuert pflegen würde, wäre er längst tot, und ich hätte ein richtiges Leben. Die Fünfzehnjährige wünscht sich ein ganz normales Teenager-Dasein ohne sterbenden Vater. Ruth hingegen steckt ihre ganze Energie in die Pflege Georgs und wünscht sich von Lea mehr Verständnis und Nähe zu ihm. Diese ekelt sich vor dem kranken Vaterkörper: Sein Körper ist unförmig und nur halb lebendig und komisch weich. Sein Körper stinkt und gibt Geräusche von sich, sein Körper gehört nicht mehr richtig zu ihm. Kavouras nähert sich dem sterbenden Körper ohne falsche Scheu, sie beschreibt, wie er sich verändert, wie er aussieht und riecht. Es gelingt ihr, ein Porträt des Sterbens zu zeichnen, indem sie den Prozess des Ablebens anhand der Angehörigen und ihres Empfindens ganz genau beobachtet. 

Kavouras lässt Ruth und Lea in kurzen Kapiteln abwechselnd zu Wort kommen. Jedes Kapitel trägt einen Titel, viele davon sind ziemlich humorvoll. Sowieso schleichen sich immer wieder Momente der Leichtigkeit in das eigentlich so schwere Buch. Lea verbringt einen Sommer damit, ihre eigene Liebesgeschichte zu planen, eine Teenager-Romanze, die durch ihre Unbeholfenheit die düstere Stimmung auflockert und erinnert, dass der Tod in Leas Leben zwar allgegenwärtig aber nicht das einzige Thema ist. 

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-462-00870-8

Währenddessen versinkt Ruth in der Überforderung der Pflege, die sie längst alle Freundschaften und jeglichen Alltag gekostet hat. Manchmal vergesse ich, dass auch andere Menschen Themen haben, die sie beschäftigen, stellt Ruth fest. Themen, für die sie keine Kapazität hat, zu viel Platz nehmen das Sterben und die Trauer ein. Mutter und Tochter verlieren sich aus den Augen, leben aneinander vorbei, können die jeweils andere Perspektive nicht mehr nachvollziehen. Bis etwas gänzlich Unerwartetes passiert: Georg verwandelt sich in ein Pferd, ein Kunstgriff wie bei Kafka, auf dessen Werk der Text explizit verweist. 

Der Moment vor der Verwandlung ist der einzige, in dem Georg selbst zu Wort kommt. Ein paar Sätze wie aus einer Traumsequenz, dann wird der Sterbende wieder von Ruth und Lea abgelöst, deren Rollen sich mit der Verwandlung Georgs ändern. Lea wird zur zuverlässigen Pflegerin, während Ruth nicht mehr weiss wohin mit sich selbst. Dort, wo ein kranker Mann gepflegt werden musste, ist jetzt plötzlich frei nutzbare Zeit und ein Leben, das gefüllt werden will. 

Mit Georgs Verwandlung wirft der Roman Fragen nach unserem Umgang mit Krankheit und Tod auf. Ruth und Lea dienen dabei durch ihr gegensätzliches Verhalten exemplarisch und stellenweise ein wenig platt als Beispiel, wie eine Geschichte des Sterbens und der Trauer ablaufen kann. Lea als mürrischer Teenager, Ruth als aufopferungsvolle Ehefrau: Teils wirken sie eher wie Schablonen denn als ausgearbeitete Charaktere. Aber dann gibt es immer wieder Sätze, mit denen Kavouras direkt in die tiefe Menschlichkeit der Trauererfahrung vordringt: Drei, das Leben ist ja doch voller Leben. Zwei, es gibt Dinge, auf die ich mich freuen darf. Eins, ich werde immer einen Vater gehabt haben.

Mit Ruth und Lea zerrt Kavouras die Tabuthemen Trauer und Tod ins Scheinwerferlicht. Denn auch wenn Lea möchte, dass sie einfach mal an etwas anderes denken kann: Dem Sterben entkommen, kann sie nicht. Das Sterben wird im Roman zu einem Protagonisten, der nicht an den Rand oder das Ende eines Lebens gedrängt wird, sondern sich mittenrein setzt und bleibt. Und trotz allem einen leisen Optimismus zulässt. 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Beitragsbild © Stephan Obel

Claudia Vonmoos «Kunst ist, sich an morgen zu erinnern», Kiener – ein Interview

Von der Zeit über Illusion zur Absurdität – Die aus Chur stammende Musikerin Claudia Vonmoos legt ihr erstes literarisches Werk vor.

© Damian Byland

Gastbeitrag von Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Frau Vonmoos, was veranlasste Sie, Ihrem künstlerischen Schaffen mit der Musik, ein neues hinzuzufügen und zwar der schriftstellerischen Art?

Claudia Vonmoos: Ich schreibe schon lange, nur hat es etwas gedauert, bis ich auf die Idee kam, mir die Texte zwischen zwei Buchdeckeln vorzustellen, um damit ein Lesepublikum zu erreichen. Auch als Musikerin habe ich, vor allem in meinen musikalisch-szenischen Projekten, viel mit Texten gearbeitet. Damals allerdings nicht mit eigenen, sondern mit Fremdtexten.

Die Sprache spielte also nebst der Musik schon immer eine Rolle?

Das Arbeiten mit Worten war für mich schon immer selbstverständlich.

Blättert man das schön gemachte Buch auf, sieht man sich keiner langen Erzählung gegenüber – abgesehen von den Porträts im hinteren Teil, sondern kurzen, ja ironischen und verspielten Sätzen. Es sind «Miniaturen» wie es im Untertitel steht. Was gefällt Ihnen an der kurzen Form des Schreibens?

Claudia Vonmoos «Kunst ist, sich an morgen zu erinnern», Kiener Verlag, 2025, 144 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-948442-57-6

Bei der Arbeit an den Miniaturen gefällt mir die Herausforderung, eine Idee, einen Gedanken oder eine Geschichte mit wenigen Worten festzuhalten. Es sollte kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig auf dem Papier stehen. Die Miniatur lässt Raum für unterschiedliche Lesarten. Es freut mich, wenn Lesende Dinge im Text entdecken, die mir nicht aufgefallen sind. Auch kann jede Miniatur eine andere „Form“ haben. Die Arbeit daran ist abwechslungsreich. 

Auf Seite 106 lesen wir das hier: Ich hätte gerne drei Gramm Ruhe. Sie können aufrunden. Oder schon der Satz als Titel: Kunst ist, sich an morgen zu erinnern. Kommen Ihnen solche Sachen nachts im Traum in den Sinn oder beim Proben als Pianistin?

Tatsächlich ertappe ich mich beim Klavierüben manchmal dabei, dass sich die Gedanken auf eine andere Ebene, die Textwelt, begeben. Für das Schreiben ist das gut, fürs Klavierspiel natürlich nicht. Aber Ideen können einem überall in den Sinn kommen, oft ganz unerwartet. Ich habe immer ein Notizbuch in Papier- oder digitaler Form, dabei.

Aber wie kamen Sie auf diesen schönen Buchtitel?

Den habe ich beim Blättern in älteren Notizen gefunden. Ich wusste sofort, dass ich den Satz als Titel verwenden will, weil damit mehrere Themen angedeutet werden, die im Buch eine Rolle spielen, zum Beispiel Zeit, Erinnerung, Kunst, Illusion und Absurdität.

Dieses Buch hat als Geschenk einen grossen Vorteil: Der Beschenkte muss sich nicht durch einen Roman lesen, sondern kann blättern und stöbern und da und dort schöne Sätze geniessen. Wie haben Sie es denn mit dem Lesen von Büchern?

Ich lese sehr gerne, auch Romane. Im Moment liegt das Buch „Lektionen“ von Ian McEwan vor mir. Der Autor verknüpft unterschiedlichste Ebenen virtuos miteinander. Das gefällt mir. Vor Kurzem habe ich per Zufall zwei Romane von Elfi Conrad entdeckt …

… Eine in Karlsruhe lebende Schriftstellerin mit den Romanen «Als sei alles leicht» und «Schneeflocken wie Feuer», die übrigens auch Musik studierte…

Ihre präzisen, kurzen Sätze ohne Schnickschnack treffen mitten ins Herz.

Bis 2023 unterrichteten Sie an der Musikakademie Basel. 2022 gingen Sie zum ersten Mal mit ihren Texten an die Öffentlichkeit, bei einem Wettbewerb in Basel landeten Sie mit einem Text in der Shortlist und 2024 erhielten Sie eine Auszeichnung in Wien. Wann ist ein Text für Sie vollendet?

Ich überarbeite meine Texte über eine lange Zeit. Schon oft dachte ich von einem Text, er sei „fertig“, bis ich ihn später wieder hervorholte und nochmals daran feilte. Wenn ich das „Gut zum Druck“ gebe, entlasse ich den Text aus meinen Fängen und sage mir, dass er jetzt fertig ist. 

Schon vor vielen Jahren erhielten Sie einen Förderpreis der Stadt Chur, wo Sie aufwuchsen. Könnte man die damalige Förderung als Initialzündung Ihrer Karriere als Kulturschaffende bezeichnen?

Das ist allerdings lange her! Der damalige Preis war vor allem eine grosse Freude und Bestätigung. Er kam exakt zum richtigen Zeitpunkt. Ich hatte damals von einer Konzertbesucherin einen alten Flügel geschenkt bekommen. Mit Hilfe des Preisgeldes konnte ich ihn schön revidieren lassen. Da hat gerade einiges zusammengepasst.

Jetzt vielleicht eine einfältige Frage, die sich vielleicht auch die Buchhandlungen stellen: In welches Rayon würden Sie als Buchhändlerin Ihr Buch einordnen? Lyrik/Poesie, Belletristik, Philosophie oder Geschenkbuch?

Wenn ich Buchhändlerin wäre, würde ich es natürlich in alle Rayons einordnen (lacht). Nein, Spass beiseite. Die Texte sind weder ganz der Prosa noch ganz der Lyrik zuzuordnen. Kürzlich habe ich es in zwei Buchhandlungen unter Schweizer Literatur gesehen. Das gefällt mir, weil da alle Genres Platz haben.

Claudia Vonmoos ist in Chur aufgewachsen und lebt heute in Riehen bei Basel. Sie konzertierte über Jahre als Pianistin und kreierte und leitete Projekte mit Kunstschaffenden verschiedener Disziplinen. «Hintergründiger Wortwitz und immense Sprachmusikalität machen jeden der Texte zur Entdeckung», meint Barbara Schingnitz über ihr erstes Buch.

für Gallus Frei und 10 Jahre «literaturblatt.ch» – von Christian Uetz

Es ist ein Seltsames mit der öffentlichen Bedeutung, zumindest bei mir und im Umfeld der eigenen Eitelkeit. Vor jeder neuen Veröffentlichung, wenn sie in den Druck ging, hatte ich die Erwartung: Dieses Buch wird zum Durchbruch und erlangt die Weltbedeutung der Bedeutungswelt, die mir gehört. Und jedes Mal fiel ich natürlich in die Enttäuschung über den Mangel an Wahrnehmung, unabhängig davon, wie viele Besprechungen und Auftritte es dann gab. Und jetzt, nach dreizehn veröffentlichten Büchern, habe ich es, was mich selbst betrifft, und dank Corina Caduff`s Kränken und Anerkennen, als eine Art Gesetz des sich Aussetzens in die Öffentlichkeit erkannt. Seit dem ersten Portrait, samt Foto, in der NZZ (1996), hatte sich diese Erwartungs-und-Gekränktheitsneurose nur immer brennender entzündet. Und die vorletzte Veröffentlichung Das nackte Wort (2021) fiel vollends durch und hatte in international «bedeutenden» Zeitungen keine einzige Besprechung, aber die von Gallus Frei im «literaturblatt.ch»! Und da erfuhr ich, was für ein herzstärkendes Glück es ist, mit Gallus Frei abseits vom öffentlichen Mainstream einen so literaturbegeisterten Literaturvermittler zu haben, der völlig unabhängig von Bekanntheit tiefe und hochberührende Lesetipps schreibt. Bei mir führte die Erfahrung der Bedeutungslosigkeit genau durch ihren Schmerz hindurch erst recht zum Erkennen ihrer nie vorhandenen Göttlichkeit, die erst im Fehlen sich zeigt, genau wie die bleibende Sprache erst nach der Sprache beginnt, im poetischen Verstummen, im musikalischen Schweigen, im beredten Raum der Stille. Was behaupte ich da? Erstens: Ohne Göttlichkeit mache ich es offensichtlich nicht nur nicht; – sie ist mein Erkennen – ich halte das Nichterkennen der Göttlichkeit in der närrischen Wortlust und durch die zärtliche Zunge des eigenen Mundes gar für eine Unmündigkeit. Und zweitens: Das Erkennen, dass es das Göttliche nicht gibt, erkennt es im Nichtsein als Sprache. Wir haben die Göttin Gott als Wort in uns und können ihre Nichtexistenz jederzeit sehen. Um den im Gedanken brennenden Engel jeden Augenblick zu erkennen, braucht es die Sprache wie es Holz oder anderes Brennmaterial braucht, damit das Feuer des Erkennens brennt, aber im Erkennen werden die Worte verbrannt und verbrennen sich selbst. Und genauso liegt die Bedeutung im Erkennen der Bedeutungslosigkeit, aber wiederum nur durch sie hindurch und gegen die darin herrschende und bei mir vor allem eigene Eitelkeit. Was hat das mit Gallus Frei und dem «literaturblatt.ch» zu tun? Zwar schenkt die Sprache allen mit dem nur in der Sprache existierenden und doch realen Namen die Einzigkeit und kann dem persönlichen Namen einen in der möglichen Öffentlichkeit sich möglicherweise sonnenden Namen verschaffen. Aber die sich in immer grelleren Aufmerksamkeitsblitzen mit Publicity absichernde Marktöffentlichkeit speist ihr Geschäft vor allem mit schon einschlägigen Autoren bei schon einschlägigen Verlagen, besprochen von schon einschlägigen Kritikern. Und Gallus Frei hat mit dem «literaturblatt.ch» die Erfahrung gemacht, für Literaturinteressierte schreiben zu können, auch ohne zu den in der Öffentlichkeit das Sagen Habenden zu gehören und hat genau darin die Möglichkeit umgesetzt, ganz aus eigener Überzeugung die Leidenschaft seiner Bücherbegeisterung zu vermitteln. Und jetzt kommt das Schönste: Der immer neu und frei wie der Hahn krähende Gallus Frei hat sich in seiner zehn Jahre lang unermüdlich arbeitenden Literaturliebe mit «literaturblatt.ch» doch einen Namen gemacht und seine Beiträge werden gelesen und geschätzt! Selbstredend liebe ich alles, was Gallus Frei sagt und schreibt. Er hat mir auch Im Verstummen vergöttlicht. Oder mit Felicitas Hoppe: «Da werden Engel zu Menschen und Menschen zu Göttern.» Ich danke Gallus für «literaturblatt.ch», ewig!

Christian Uetz

Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach, ist ein philosophischer Poet und lebt in Zürich und Berlin. Nach einer Ausbildung zum Lehrer studierte er Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. Im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 1999 wurde Uetz der 3sat-Preis zuerkannt, 2000 der Schiller-Preis und Preis der Internationalen Bodensee-Konferenz, 2005 der Förderpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft Berlin und der Thurgauer Kulturpreis. 2010 erhielt er den Bodensee-Literaturpreis für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk.

Seine Performanceauftritte sind aussergewöhnlich. Man muss ihn einmal erlebt haben, diesen Sprachversessenen, schreibt Karl-Heinz-Ott in der NZZ. Wer Christian Uetz je bei einer seiner auswendig zelebrierten Lesungen gesehen hat, ahnt, was Nietzsche mit seinem Diktum, man müsse mit der Sprache zu tanzen verstehen, gemeint haben könnte.

über und von Christian Uetz auf literaturblatt.ch

Illustration © Lea Frei

Lukas Rietzschel «Sanditz», dtv

Es gibt Bücher, die mich ab der ersten bis zur letzten Seite in einem Sog mitreissen und nachhaltig berühren. «Sanditz» ist so ein Buch. Lukas Rietzschel erzählt die Geschichte einer Familie aus dem fiktiven Ort Sanditz in der sich auflösenden DDR.

Zeitlich wird aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten erzählt von der Wende bis zur Coronazeit und dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Ich erfahre viel über das ehemalige Ostdeutschland, einen Bauern und Arbeiterstaat mit Kohletagebau und Glasfabriken. In eindrücklichen Mikroszenen erfahren wir das Schicksal der Familie Wenzel. Ohne Pathos und Anklage, aber mit beeindruckender Empathie für die geschilderten Menschen entsteht ein imposantes Panorama der deutschen Gesellschaft von bildhafter Kraft.

Lukas Rietzschel «Sanditz», dtv, 2026, 480 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-28516-2

Es geht um existentielle Auseinandersetzung von Menschen in den verschiedensten Situationen. Liebe, Homosexualität, Einsamkeit, Leben in Ungewissheit, Krankheit, freiwilliger Einsatz im Krieg in der Ukraine und Abrackern auf westdeutschen Baustellen zum Überleben sind Themen. Wie können Familie und Freundschaften in umwälzenden Zeiten bestehen. Die Sprache ist detailliert, farbig und ohne belehrenden Ton: «Mit der Rechten griff Marion nach Rolands Hand, mit der Linken nach Achims.» Ich wollte euch fragen, ob sich einer von euch beiden vorstellen kann, mich zu heiraten.» «Ich denke darüber nach, dann reden wir nochmal», sagte Roland. «Ist das dein Ernst?», fragte Achim. «Hier und jetzt werden wir das ja wohl kaum entscheiden können». «Doch», sagte er. «Indem du einfach Nein zu dieser Quatschidee sagst

«Die Russen sind durch das Fenster gekommen, Die Abdrücke ihrer Schuhe sind auf dem hellen Teppich noch zu sehen. Ihr Weg durch das Haus lässt sich genau nachverfolgen. Zuerst waren sie in der Küche, der Kühlschrank steht noch offen. Eine Wasserlache hat sich gebildet. ..Ruffy weist Tom auf den geplünderten Alkohol hin. Ähnlich wie die samt Halterung aus der Wand gerissenen Fernseher sei das überall so. Die Russen dächten wohl, sie seien auf Klassenfahrt.»

«Es gab auch Abende. An denen Roland bei ihm blieb. Er half ihm beim Duschen, brachte ihn ins Bett, deckte ihn mit den zahlreichen Decken zu, damit er nicht fror, räumte anschliessend die Küche auf und legte sich dann im _Wohnzimmer aufs Sofa. «Du hast dich als guter Diener erwiesen», sagte eines Tages Achim. «Was hältste du davon, wenn du einfach hierbleibst? »….Also zog Roland mit einem Koffer voll Klamotten ein. Was er sonst noch besass, liess er bei Marion im Bungalow. Sie half ihm, alles nach Sanditz zu fahren. Als er ausstieg, umarmte sie ihn so fest wie nie. «Was ist mit den Kindern?», fragte er. «Eines Tages werden sie es verstehen.»

Lukas Rietzschel, in der Nähe von Görlitz geboren und dort lebend, gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des Ostens. Er tritt in Talk-Shows und in Zeitungen von West und Ost auf. Ihm geht es darum, die Ostdeutschen zu verstehen, zu verteidigen, aber auch ihre Problemzonen zu thematisieren. Bereits seinen ersten Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» habe ich mit Gewinn gelesen. Darin schildert er, wie die Perspektivlosigkeit der Zukunft einen jungen Menschen in die rechtsextreme Jugendkultur abdriften lässt. Im zweiten Roman «Raumfahrer» wird eine Familiengeschichte der DDR spannend mit der Beziehung der Brüder Baselitz verwoben. Was passiert mit Erinnerungen nach jahrelangem Schweigen? An der BuchBasel 2021 begegnete mir ein sehr sympatischer, engagierter und kluger Mensch, der sich mit Problemen der deutschen Gesellschaft fundiert und offen auseinandersetzt. «Sanditz» übertrifft die beiden ersten Romane nicht nur an der Anzahl Seiten. Ich wünsche diesem Epos eine grosse Leserschaft!

der Bär

Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen. Schon sein Debütroman «Mit der Faust in die Welt schlagen» (2018) war ein Bestseller, der für das Kino verfilmt wurde. 2021 erschien der zweite Roman «Raumfahrer». Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gellert-Preis, dem Sächsischen Literaturpreis und dem Literaturpreis „Text & Sprache“.  

Beitragsbild © Alexandra Polin

Ahojana 3 «Der gefangene Betrüger» – Eine Postkarte aus Bouden von Owida N. Woiax

Laut schallt seine Stimme über den Platz: «Qimits! Qimits! Kommt her! Versucht euer Glück! Wenn ihr schnell seid, dann werdet ihr reich!» Während der junge Mann sich mit der Linken das Mikrofon vor den Mund hält, legt seine Rechte mit rasender Geschwindigkeit Spielkarten auf dem Pflaster aus, manche verdeckt, andere mit der Bildseite nach oben. Dann zaubert er zwei silberne Suppenlöffel hervor und platziert sie neben den Karten auf dem Boden. «Wer tritt gegen mich an? Schaut her: Ich spiele mit einer Hand, Eure Chancen stehen gut!»

Ich weiß allerdings sehr genau, wie gut meine Chancen stehen, darum schau ich ihm lieber aus der Entfernung zu. Kokle («Löffel») heißt dieses Spiel, das Kartenglück mit Strategie und Geschicklichkeit verbindet. Es geht im Kern darum, im richtigen Moment einen Löffel zu ergreifen. Wer ohne Löffel zurückbleibt oder das Besteck zu früh berührt, hat verloren. Der richtige Moment wiederum hängt von den Karten ab, die man in der Hand hält – oder vorgibt, in der Hand zu halten. Es ist ein lautes, lustiges, lebendiges Spiel. Man kennt auf Lemusa zahlreiche Versionen mit eigenen Finessen, Hürden und Gemeinheiten. Meist spielt man Kokle im Rahmen von Partys oder Kindergeburtstagen, zum Vergnügen. Es soll jedoch auch Hinterzimmer geben, in denen Kokle um Geld gespielt wird. Ja, man hört sogar von professionellen Zockerinnen und Zockern, die von ihren Spielgewinnen leben können – allerdings nur bis zu einem gewissen Alter. Irgendwann lässt die Reaktionsgeschwindigkeit nach, ist man nicht mehr schnell genug.

«Mangoljie yo kokle», «manquer sa cuillère», «seinen Löffel verpassen», sagt man auf Lemusa, wenn jemand eine Gelegenheit ungenutzt vorbeiziehen lässt. Sicher kommt daher auch der lemusische Begriff koklax, der den richtigen Zeitpunkt für eine Unternehmung beschreibt. Und wenn sich jemand gar nicht wohlfühlt in seiner Haut, dann sagt man, er sei «ehan yo kokle», also «neben seinem Löffel».

Der junge Mann hat sein mobiles Casino auf dem Platz vor dem Sumaz-Supermarkt im Zentrum von Bouden eingerichtet. Vermutlich hofft er, die Kundinnen und Kunden nach ihrem Einkauf mit der Aussicht zu ködern, sie könnten das eben ausgegebene Geld mit etwas Geschick bei ihm ganz leicht wieder einspielen. Aber die Erwachsenen sind nicht interessiert. Vielleicht kennen sie zu viele Leute, die bei solchen Gelegenheiten schon Geld verloren haben. Oder man ist, mit einem schönen Oktopus im Einkaufskorb und einer Flasche Médioc unter dem Arm, schlicht nicht in der Stimmung, sein Glück auf die Probe zu stellen. «Kefa on pysgodin eni patell, swate posse binair echel», lautet ein lemusisches Sprichwort: «Hat man einen Fisch in der Pfanne, kann einem der Ozean egal sein». Das entspricht etwa der deutschen Redewendung: «Besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach».

Doch auch wenn die Erwachsenen auf Distanz bleiben, die Kinder sind von dem Mann mit dem Mikrofon magisch angezogen. Mit neugierig erregten Gesichtern stehen, kauern und hocken sie um ihn her. Sie würden noch so gerne spielen. Geld aber haben sie keins. Also kehrt der Kokle-Meister wieder und wieder zu denselben Gesten und denselben Lockrufen zurück, als sei er in einer Zeitschleife gefangen. Er kann nicht loslegen, denn dafür fehlen ihm die Gegner. Und er kann auch nicht aufhören, denn dafür hat er zu viele Zuschauer, zu viel Aufmerksamkeit. Und so findet sich der junge Mann, der hier tüchtig Kohle machen wollte, unfreiwillig in der Rolle des Kinderbetreuers wieder. Dass er dabei sein könnte, eine neue Bestimmung zu finden, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Viel eher dürfte er sich ganz schön «ehan yo kokle» fühlen.

Fast tut mir der Herr der Karten und Löffel ein wenig leid – auch wenn er ein Betrüger ist, der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Doch da tritt entschiedenen Schrittes eine Polizistin mit knacksendem Funkgerät auf, fragt den Mann nach seinen Papieren, redet kurz und scharf auf ihn ein. Er sammelt seine Karten und Löffel, steckt das Mikrofon in seinen Rucksack, packt den Lautsprecher und geht davon, Erleichterung im Gesicht.

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Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

Ahojana 1

Ahojana 2

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.