Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand

Alva ist Mutter zweier Kinder zweier Väter. Alva steigt auf einen Berg, den Calanda, den Churer Hausberg, im Nordwesten der Stadt. Sie braucht den Weg hinauf für eine Antwort. Sie braucht den Weg hinauf, um über die Ränder zu blicken. „Calanda oder Alvas Antwort“ ist der Weg hinaus aus beissenden Fragen.

Dieser Roman ist nach „Ein Winter in Istanbul“ und „Unschärfen der Liebe“ der letzte einer Graubünden-Istanbul-Trilogie. Romane, die thematisch zusammengehören, die man aber unabhängig voneinander lesen kann. Angelika Overath, Wahlengadinerin, kennt beide Landschaften wie ihre Westentasche. Zum einen weil sie in der Stadt am Bospurus mehrfach lange schrieb, zum andern weil sie eine der SchriftstellerInnen ist, für die die Recherche fester und unausweichlicher Bestandteil des Schreibens ist. Eine Recherche, die in ihren Büchern nicht mehr zu spüren ist. Eine Recherche, die der Autorin jene Trittsicherheit gibt, die ihr beim Schreiben eigen ist.

Sie wusste nicht genau, warum sie es jetzt tat. Manches weiss man nicht, auch wenn man es weiss.

Alva schleppt eine Diagnose mit sich, eine Diagnose, von der sie noch niemandem in ihrem Umfeld erzählt hat. Eine Diagnose, von der sie weiss, dass der Tod schon nach wenigen Jahren unausweichlich sein wird, dass sie ihre beiden Kinder viel zu früh zurücklassen muss. Sie steigt auf den Berg, wie sie es schon früher tat, mit Cla, dem Vater von Florinda und Baran, dem Vater von Mavi. Damals, als sie auf dem Weg hinauf zum Calanda Holz unterwegs einsammelten, auf dem Berg aus Steinen einen Windfang bauten, am kleinen Feuer ihr Abendbrot verzehrten und nebeneinander in ihren Schlafsäcken die Nacht im Freien verbrachten. Als alles noch offen war. Als Cla noch der war, mit dem eine Zukunft offenstand. Als ihr am nächsten Morgen, als sie auf die beiden schlafenden Männer sah, klar wurde, dass da zwischen den beiden mehr war als eine Männerfreundschaft.

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87786-0

Alva muss sich in Bewegung setzen, verlässt in aller Frühe das Haus, um mit dem Marschieren eine Antwort zu finden. Auf all die brennenden Fragen, die sich mit der Diagnose ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) nicht mehr in die Zukunft schieben lassen. ALS ist eine tödliche Muskelkrankheit, die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark zerstört. Eine Krankheit, die nicht aufzuhalten ist, eine Krankheit, die sie bewegungsunfähig machen, die die Atmung lähmen wird. Alva muss sich mit dem Gang hinauf Luft verschaffen, auf die Frage eine Anwort bekommen, ob es Sinn macht, ein solches Leben weiterzuführen oder irgendwo hinauf zum Calanda oder auf dem Weg zurück einen Ausrutscher zu provozieren.

Als sie Baran in Istanbul kennenlernte, war sie mit Cla schon 10 Jahre zusammen. Cla Mitte vierzig und sie noch eine junge Frau. Sie war damals schon nach Istanbul gereist, hatte sich aufgemacht, um Antworten zu finden, hatte Cla in Istanbul besucht, um ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Antworten, wie es weitergehen sollte, denn Cla hatte nicht wie erhofft auf die Vaterschaft reagiert. Statt dessen lernte sie Baran, Clas Freund kennen. ALS wird ihr den Atem rauben.

Alva lebt sterbend. Im Grunde tun das ja alle.

Auf dem Weg hinauf zum Berg ziehen Erinnerungen an ihr vorbei. Erinnerungen an ihre Herkunft, an ihre aus Schlesien stammende Grossmutter, die Geschichte ihrer Flucht und Vertreibung, an ihre Mutter, die Begegnungen mit den beiden Männern ihres Lebens. Angelika Overath schildert das Aufsteigen mit vielen Beschreibungen der Natur, Nahaufnahmen, dem Bewusstsein, dass man Antworten erst dann findet, wenn der direkte Fokus auf die Frage genommen wird, wenn Perspektiven dazukommen, wenn einem bewusst wird, dass man Teil eines ganz Grossen ist. Jene so wichtigen Anworten holt man sich nicht, sie werden einem geschenkt.

„Calanda oder Alvas Anwort“ ist ein ganz zarter Roman.

Interview

Alle, die wandern und dabei einen Hügel, einen Bergkamm oder gar eine Bergspitze erreichen, wissen von dem Gefühl, das einen unweigerlich einnimmt, wenn man es geschafft hat und den Blick schweifen lässt. Man steht darüber. Nicht nur über der Landschaft, irgendwie auch über den Dingen, die einen sonst mit aller Kraft am Boden fesseln. Alva hat mit sich und ihrer Diagnose zu kämpfen. Mit dem, wie sie den Rest ihrer Zukunft sieht, das langsame Sterben, mit dem, was sie zurücklassen muss. Dass einem das Gehen Klarheit verschafft, erfährt man schon, wenn man im Gehen Probleme diskutiert. Weil es eine Form des Aufbrechens, weil es Bewegung, weil es Dynamik ist. Auch in Alva bricht vieles auf, vermischt sich mit Erinnerung. Wieviel Gehen ist Schreiben?

Wandern wie Schreiben haben beide mit dem Erinnern zu tun. Im Gehen kommen erlebte Szenen unwillkürlich zurück, Gedanken bilden sich, führen zu neuen Bildern. Das ist auch beim Schreiben so. Erinnerungen stossen Gedanken an, Gedanken führen zu Bildern, zu Szenen. Beim Wandern wie beim Schreiben ist eine gewisse Ich-Abwesenheit oder Ich-Leere prägend. Ich sage manchmal, die Sprache schreibt mit. Ein guter Text ergibt sich nicht allein durch die rationale Strategie. Er braucht auch ein gewisses Mass an Zulassen. Beim Wandern vergessen wir uns ja auch, wir setzen Schritt vor Schritt, atmen. Und in dieser Selbstvergessenheit wächst etwas in uns. Beim Schreiben kommt dann der Prozess des Korrigierens. Der ist wichtig. Aber der Stoff hat auch mit dem Unbewussten zu tun. Kreativität ist nie nur reines Kalkül.

© Angelika Overath

Ihrem Roman ist ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska (1923 – 2012) vorangestellt: «Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. // Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern». Wie leicht vergessen wir mit unserer Sicht auf Dinge und Zustände die eigentlichen Wunder. Alvas Sorgen drohen alles zuzudecken, zu vergiften, nicht zuletzt die Liebe in ihrer Familie. Das Zitat nimmt aber auch Bezug zu Alvas Grossmutter, einer Vertriebenen, die zu Lebzeiten mit Apfelkernen Halsketten auffädelte. Eine Geste der Einfachheit, eine Geste der Naturverbundenheit, eine Geste, die sich tief in Alvas Bewusstsein eingegraben hat. Sind sie dort oben in Sent, im Engadin, wo sie zusammen mit ihrem Mann leben und arbeiten, tiefer als im deutschen „Unterland“, anders der Natur, dem Leben ausgesetzt?

Wir leben in den Bergen und mit den Bergen. Wir schauen auf Gesteinsformationen, die vor uns da waren und die nach uns da sein werden. Wir leben mit der atemberaubenden Schönheit von Schneegipfeln, von hüfthohen Blumenwiesen und unter einem Himmel, der oft so tiefblau ist, dass er schon wieder erschreckt. Wenn ich am Schreibtisch nicht weiterkomme, gehe ich hinaus. In wenigen Schritten bin ich am östlichen Dorfrand. Dort beginnt ein Rundweg durch Wiesen und Felder von etwa einer Stunde. Ich kann ihn verlängern und noch ein Stück weiter durch den Wald gehen. Meist fällt mir beim Laufen ein, wie es am Schreibtisch weitergeht. Einfach weil ich loslasse und nicht bewusst an den Text denke. Ich laufe, pflücke vielleicht Blumen und dann kommen, wenn ich alles vergessen habe, die Ideen.

Nebst der Auseinandersetzung mit einer niederschmetternden Diagnose ist ihr Roman auch eine Auseinandersetzung mit fixen Vorstellungen von Ehe, Familie und Partnerschaft. Passiert tatsächlich eine Aufweichung oder ist das, was wir in gewissen Kreisen feststellen, nicht bereits eine Gegenbewegung?

«Calanda oder Alvas Antwort» ist nach «Ein Winter in Istanbul» und «Unschärfen der Liebe» der abschliessende Teil meiner Istanbul-Trilogie. Am Anfang war keine Trilogie geplant, sondern nur der erste Teil. Ich war Stipendiatin in Istanbul für fast ein Jahr. Immer wollte ich etwas über Nikolaus von Cues, Cusanus, den mittelalterlichen Universalgelehrten, schreiben. Cusanus war ein früher Lessing, für den der Toleranz-Gedanke prägend war. Er hat in Istanbul bzw. dem damaligen Konstantinopel mit den Dominikanern den Koran diskutiert! Ich finde seine Prosa wunderbar. Er sagt zum Beispiel, wenn sich ein Löwe einen Gott vorstellen würde, hätte der Gott ein löwenähnliches Antlitz, wenn sich ein Adler einen Gott vorstellen würde, dann ein adlerähnliches. Für ihn ist Gott vom Menschen nicht begreifbar. Menschliches Denken und Empfinden kann sich immer nur annähern. Je mehr der Mensch Gott fassen möchte, umso mehr wird sich Gott dem Menschen entziehen.  Als ich in Istanbul mehr oder minder zufällig erfuhr, dass Cusanus im Winter 1437/38 den byzantinischen Kaiser und das Oberhaupt der orthodoxen Kirche auf Galeeren von Konstantinopel nach Venedig begleitet hat – es sollte in Italien ein Konzil geben, auf dem sich die Ostkirche wieder mit der Westkirche versöhnen sollte – da hatte ich den Kern meines Romans. Und da es keine Religionstoleranz ohne die Toleranz in geschlechtlichen Dingen gibt, erfand ich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern dazu. Cla, der Engadiner Lehrer, und Baran, der Lebenskünstler mit griechischen und türkischen Wurzeln, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Alva, die Verlobte von Cla, akzeptiert diese Liebe und gibt ihn frei. Und verheimlicht Cla zunächst, dass sie ein Kind von ihm austragen wird.

Als der Roman zu Ende war, spürte ich aber, dass ich noch bei den Figuren bleiben wollte. Und so entwickelte sich in den beiden folgenden Romanen eine neue Form von Liebe und Familie. Alva hat am Ende zwei kleine Kinder von zwei Männern, die einmal ein Paar waren und noch ab und an eine Nacht zusammen verbringen. Die aber auf ihre Art zwei verantwortliche Väter sind. Und Alva in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Ich glaube, was liberale gesellschaftliche Beziehungsformen angeht, gibt es kein zurück. Gleichgeschlechtliche Ehen sind heute zunehmend akzeptiert, auch offene Familien. Und das ist gut so. Die strenge bürgerliche Kleinfamilie war ja kein Erfolgsmodell.    

© Angelika Overath

Alva provoziert zumindest gedanklich auf ihrem Gang auf den Calanda den Suizid, einen Bergunfall, einen Fehltritt. Nur schon gedanklich tun wir es immer wieder. Was wäre wenn? Davon zehren Schriftstellerinnen. Spielen sie nicht immer wieder mit Fehltritten, Katastrophen?

Vielleicht haben Schriftsteller (bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht gendere, ich kann das begründen, aber hier ist nicht der Ort) eine sehr wache Phantasie. Vielleicht leben sie stärker mit dem Tod. Die Krankheit ALS ist im Roman real, aber sie ist auch eine Metapher für unsere Sterblichkeit. Wir wissen, dass wir sterben werden und leben doch oft oder meist so, als seien wir ewig. Auch unsere Berge sind nicht ewig. Aber im Vergleich zu ihnen sind wir ein Hauch. 

In Fritz Zorns autobiografischem Bericht „Mars“, der 1977 posthum veröffentlicht wurde, steht (sinngemäss) der Satz „Das Leben ist eine Krankheit mit tödlichem Ausgang.“ Ein Satz, der eigentlich nur wegen seiner Radikalität erschreckt. Für Alva muss die Auseinandersetzung mit ihrer unabwendbaren Diagnose ähnliche Radikalität auslösen. Wie weit ist ihr Roman der Versuch eines Aufbrechens, eines Bewusstmachens? Oder scheitert Literatur, wenn sie etwas will?

Ich bin keine dezidiert politische Autorin. Aber ich habe eine Haltung. Ich habe schon was zu sagen. Und ich will verständlich sein. Meine Texte sollen Erlebnisqualität haben, den Leser mitnehmen. Wer liest, ist ganz nah an Alva, geht mit ihr zusammen, atmet mit ihr. Ich lege Wert auf sprachliche Intensität. Und sicher will ich manches bewusst machen. Zum Beispiel, dass das Leben kostbar ist. Dass auch ein verletztes Leben kostbar ist. Hier kommt die Grossmutter ins Spiel (unter anderem), die zwar nach einem Hirnschlag reduziert ist, aber für das Kind Alva lebenswichtig war. Diese Kette aus Apfelkernen ist eine Kette aus Apfelkernen. Aber sie ist auch ein Symbol dafür, dass das Kleine kostbar sein kann und dass Sorgfalt vieles, was übersehen wird, wertvoll macht.

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“, „Flughafenfische“, «Sie dreht sich um», «Ein Winter in Istanbul» und zuletzt „Unschärfen der Liebe“ geschrieben, mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für ihre literarischen Reportagen wurde Angelika Overath mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden. Zusammen mit ihrem Mann Manfred Koch lebet sie in Sent in Graubünden und betreibt dort neben ihrer Schriftstellerei eine Schreibschule.

Beitragsbild © Heike Bogenberger

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», die brotsuppe

Francesco Micieli war einer der ersten, der sich literarisch mit dem Schicksal der Kinder von italienischen «GastarbeiterInnen» auseinandersetzte. 40 Jahre nach seinem Debüt ist «Über das Gras gehen» eine überaus poetische Erzählung über ein Trauma, das bis in die Gegenwart immer und immer wieder durchlebt werden muss.

„Über das Gras gehen“ mag autobiographische Elemente in sich tragen, Francesco Micieli kam als Knabe in die Schweiz zu seinen Eltern. Aber der Autor entfernt sich in seiner Erzählung ganz deutlich von realen Eindrücken hin zu einer sehr stimmungsvollen, kindlichen Wahrnehmung, in der Träume, Fantasien, Geschichten und Märchen das eigene Empfinden durchmischen. Da schreibt kein älterer Mann aus der Sicht eines Kindes. Francesco Micieli gelingt, was in der Literatur nur ganz selten in dieser Tiefe und Intensität gelingt; da schreibt sich jemand in die Seele, er transformiert sich schreibend. Dabei geht es Francesco Micieli nicht darum, die Reise vom Süden, von der Heimat bei den Grosseltern, in den Norden zu den fremd gewordenen Eltern zu erzählen, eine Reise zu rapportieren. Seine Kamerafahrt ist nicht die eines Betrachters, eines Sich-Erinnernden, nicht einmal der Blick durch das Kind, die Wahrnehmung dieses Jungen, der alleine im Zug nach Norden sitzt, sondern dieses fluide Etwas, die Seele jenes Jungen, die inneren Bilder, die sich der Junge auf der langen Reise macht, die ihn überkommen, die ihn im gleichmässigen Rattern des Zuges wegtragen, einlullen durch die immer wechselnden Gegenüber im Abteil.

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», Verlag die brotsuppe, 2026, 100 Seiten, CHF ca. 24.99, ISBN 978-3-03867-120-6

Odi wohnte die ersten Jahre seines Lebens in Italien, in Süditalien, bei seinen Grosseltern. Er musste Abschied nehmen, wurde in den Zug in den Norden gesetzt, ohne dass man ihn gefragt hätte. Eine Reise zu seinen Eltern, die er kaum kennt, die ihm fremd sind. Eine lange Reise im Zug, allein, sich selbst überlassen, in einer Mischung aus Angst, Rückzug und Hypersensibilität. Er weiss, dass es ein langer Abschied ist von der Welt, die er kennt, hinein in eine Welt, in der er nichts und niemanden kennt. Es war das Schicksal vieler Kinder, von Eltern, die ihr Glück als „GastarbeiterInnen“ im Norden, in der Schweiz suchten und ihre Kinder erst dann nachreisen liessen, wenn es das neue Leben im Norden erlaubt, zumindest finanziell. Aber „Über das Gras gehen“ widmet sich allen Kindern, denen ähnliches Schicksal widerfährt. So steht der Erzählung vorangestellt; Für die Kinder, deren Reise wegen Krieg, Armut und Hungersnot weg von den Eltern geht. Micieli trägt ein Trauma mit sich, auch wenn es überwunden und schreibend verarbeitet ist. Schon 1986 trug Francesco Micielis Debüt den Titel „Ich weiss nur, dass mein Vater große Hände hat. Tagebuch eines Kindes.“

Es ist der Blick zurück in die Welt zusammen mit seinen Grosseltern, jene Welt, die bisher seine Welt ausmachte. Eine Welt aus Wärme und Liebe, aus tiefen Empfindungen und dem absoluten Gefühl der Geborgenheit. Es ist das Herausgerissen-sein, die Verstörung, die Versuche eines Kindes, die Welt neu zu ordnen, während vor den Fenstern des Zuges die Landschaft vorbeirast und die Menschen im Sechserabteil des Zuges dauernd wechseln. Es ist eine Erzählung des Übergangs, der Überfahrt, über das Realistische hinaus in den permanenten Versuch, das Erlebte neu einzuordnen.

„Über das Gras gehen“ ist ein literarisches Konzentrat, Grund genug, all jene Bücher des Autors in meinen Regalen noch einmal zur Hand zu nehmen. Eine Erzählung, die derart viel Wärme, so viel Hoffnung ausstrahlt, dass sie zu Liebkosung wird.

Interview

Immer mehr werden wir in den Schulen mit Kindern konfrontiert, die entwurzelt wurden, die bei den Plänen ihrer Eltern nur eine marginale Rolle spielen, die mit ihren Gefühlen sich selber überlassen werden. Die Gründe solcher Entwurzelungen sind ebenso vielfältig wie die Fähigkeiten der Kinder, diese mehr oder weniger zu verarbeiten. Jene, denen eine Kindheit in einem wohlgehüteten Nest vergönnt war, brauchen Bücher wie die ihren. Menschen wie ich. Wie viel Selbstverarbeitung, wie viel Mission steckt in diesem Buch?
Ob von Selbstverarbeitung gesprochen werden kann, weiss ich nicht. Bestimmt ist es so, dass sich in diesem Buch eine Erfahrung einschreibt, die Erfahrung des Verlassen-Müssen von Menschen und Orten, die einen in den ersten Jahren des Lebens geprägt und gehalten haben. Es ist ein Müssen, weil nicht selbst gewählt, weil äussere Bedingungen – Armut, Kriege, Klimakatastrophen – dies auslösen. Der freie Wille, falls es diesen gibt, spielt hier keine Rolle.
Ist Mission im Buch? Vielleicht ist eher ein Aufzeigen einer Verwandtschaft der Lebensläufe von Kindern, die, aus welchem Grund auch immer, in ihrem Dasein durch „feindliche“ Ereignisse erschüttert werden. Es ist die ewige Wiederkehr der Odyssee, die selten mit der Rückkehr nach dem eigenen Ithaka endet.

Immer wieder kreist ihr Schreiben um dieses eine Thema, das Schicksal entwurzelter Kinder. Es gibt viele KünstlerInnen, die in ihrem Schaffen immer und immer wieder um „das gleiche Thema“ kreisen. Nicht weil sie keine Fantasie hätten, sondern weil solche Themen letztlich unergründlich sind. Oder gibt es Momente, in denen sie sich an dieses eine Thema gekettet fühlen?
Nein, ich fühle mich in keiner Weise gekettet. Eher würde ich sagen, ich stehe dem genannten Thema gerne zu Diensten, mit dem Wenigen, was ich kann.
Und, ja, die Erkenntnis von Heraklit „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ ist auch in der Kunst, die sich einem Thema widmet, gültig.

«Er hatte von seiner Grossmutter gelernt, den Wörtern nicht immer zu trauen“, steht auf Seite 20. Liegt nicht genau dort einer der Ursprünge, dass sie Schriftsteller geworden sind? Trauen nicht genau die Schriftsteller den Wörtern nicht und brauchen Bücher, um um jene Wörter zu kreisen?
Schwer zu sagen, wo der Ursprung „meines Schreibens“ ist. Ich bin in einem Haus, in einer Gesellschaft aufgewachsen, in welcher es keine Bücher gab. Die Sprache, die wir gesprochen haben (Arbëresh, antike Form des toskanischen Albanisch), war keine Schreibsprache und besass nur das Vokabular des damaligen Alltags.
Ja, das Schreiben ist auch ein Den-Wörter-Nicht-Trauen, sie anders zu beleuchten, als sie aus der Sprachschublade kommen. Und doch sind sie das einzige Instrument, mit welchem zu arbeiten gilt. Um es mit einem Wortspiel zu sagen: Schreiben beinhaltet „reiben“ , es ist ein Sich-an-den-Wörtern-reiben.

Was ist seit ihrem Debüt 1986, das sich damals schon diesem Thema widmete, im Schreiben passiert? In der Gesellschaft und in Francesco Micieli?
Lässt sich diese Frage beantworten?
Vierzig Jahre sind passiert, mit allem, was drin ist. Viele Bücher wurden zu diesem Thema geschrieben, in verschiedenen Sprachen, in verschiedenen Kulturen. Das ist vielleicht eine banale Aussage zur Frage. Und doch werden jeden Tag Kinder mit Gewalt aus ihrer sozialen wie geografischen Umgebung gerissen. Die vielen Bücher haben keinen Wall dagegen bilden können. Die Bücher liegen „gratis zum mitnehmen“ auf der Strasse, die an gewissen Orten den vor dem Lärm der Waffen flüchtenden Menschen im besten Fall als Sitzgelegenheit dienen.

Ihr Roman ist ein literarisches Konzentrat, eingedampfte Sprache, zwischen Prosa immer wieder lyrische Passagen. Ergibt sich das organisch, im Schreiben – oder liegt darin ein Plan, ein Konstrukt?
Darf ich da mit Roland Barthes antworten? Eine alte Antwort, ich weiss, aber sie passt, weil sie immer wieder neu gesagt werden kann:
„Die Literatur ist ein schwieriger, schmaler, tödlicher Stand geworden. Sie verteidigt nicht mehr ihren Schmuck, sie verteidigt ihre Haut.“
Es versteht sich von selbst, dass damit nicht das Produkt Buch gemeint ist, sondern das Schreiben per se.

Francesco Micieli wurde 1956 in Santa Sofia d’Epio (Italien) geboren. Seit 1965 lebt er in der Schweiz. Er studierte Romanistik und Germanistik in Bern, Cosenza und Florenz. Danach war er als Schauspieler, Autor und Theaterregisseur tätig. Francesco Micieli lebt heute als freier Schriftsteller in Bern.

Beitragsbild © Donata Ettlin (Bilder aus dem Familienalbum von Francesco Micieli)

Svenja Leiber «Nelka», Suhrkamp

Jahrzehnte nach dem Krieg kehrt Nelka an den Ort zurück, an den man sie als 16-jährige von Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine, in den Westen verschleppt hatte. Zurück auf ein Gut in Schleswig-Holstein, auf dem sie während dem Krieg Zwangsarbeit zu leisten hatte. Dorthin, wo sich ihre Vergangenheit unauslöschlich in ihre Seele eingegraben hatte.

Svenja Leiber erzählt nicht nur die Geschichte einer Zurückgekehrten, von einer, die nach etwas Verlorenem sucht. Sie erzählt auch von Marten, jenem Gutsverwalter, der während des Krieges mit aller Selbstverständlichkeit die Dienste dutzender Zwangsarbeiter in Anspruch nahm, um dem Plansoll der nationalsozialistischen Maschinerie zu genügen – und die eigene Tasche zu füllen. Svenja Leiber erzählt von einer jungen Frau, der man die Heimat nahm, die man in ein fremdes Leben steckte, über deren Leben man verfügte. Von einer alt gewordenen Frau, die an den Ort zurückkehrt, der sie maximal von ihrer Familie, ihrem Umfeld entfernte und ebenso maximal auf ihre eigene Existenz zurückwarf. Einen Ort, der ihr die Zeit nahm, an dem man sie zu brechen versuchte, an dem aus Menschen Material wurden. Svenja Leiber hätte aus dieser Geschichte, der Dramaturgie ihrer Inszenierung einen grossen Showdown machen können, den Rachefeldzug einer alten Frau, die Gerechtigkeit will. Aber Svenja Leiber erzählt eine ganz andere Geschichte. 

Nelka muss noch einmal zurück, um sich zu verabschieden, um jener Zeit nachzuspüren, in der man ihr alles genommen hatte und zugleich eine Richtung gegeben, derer sie sich niemals mehr widersetzen konnte. Noch einmal zurück, um jenen Menschen zu gedenken, die sie zurücklassen musste, die ihr damals die Kraft schenkten, ihr eigenes Schicksal zu tragen. Jener Mann, der noch immer auf diesem Hof die Fäden zieht und dem Besuch der alt gewordenen Frau mit Argwohn und Befürchtungen entgegenschaut, ist für Nelka nicht das Ziel ihrer Reise. Aber Svenja Leiber schildert den Kampf, den sein Gewissen auszustehen hat, die Angst, mit der er sich seit den Briefen, die bei ihm eingetroffen sind, auseinandersetzen musste. Nichts ist vergessen, nichts ist ausgestanden.

… welche Frau musst nie ihren Körper einsetzen, um was zu bekommen. Das lernen wir ja als Erstes in dieser verdorbenen Welt. Sechs Zigaretten gab es.

Svenja Leiber «Nelka», Suhrkamp, 2026, 200 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-518-43276-1

Der Krieg tobt. Nelkas Vater ist Pomologe und führt seine Tochter schon früh in die Kunst des Obstbaus, der Veredelung ein. All die Namen der Apfelsorten werden zu einem Stück ihrer Welt, so wie Nelkas Familie all das ausmacht, was das grosse Mädchen in der Stadt zu ihrem Leben macht, in sich aufsaugt. Umso drastischer der Moment, als man sie dieser Welt entreisst, einer Familie, die ihr alles bedeutet, einer noch ganz zaghaften Liebe zu einem jungen Mann. Als man ihr von der Strasse weg ihr Leben nimmt und sie in einen Güterwagen steckt, in Durchgangslagern drangsaliert und sie die Willkür eines faschistischen Machtapparats an den Hof eines Grossbauern spült. Durch Zufall erfährt dieser vom Wissen der jungen Frau, jener Gutsverwalter, der in den Wirren des Krieges seinen Hof neu ausrichten muss, der mit der Fortdauer des Krieges genau spürt, dass das Tausendjährige Reich nicht so lange dauern wird, dass es eine Zeit nach dem Krieg geben muss.

Nelka wird von ihren Freundinnen, die sich auf dem Gut zu Tode schuften, weggeholt, in eine Kammer im Verwalterhaus. Dort ist sie nicht nur Martens Nachstellungen und Kontrolle ausgesetzt, sondern auch dem Misstrauen Martens Ehefrau. Nelka wird zur persönlichen Sklavin, jenen Herrenmenschen untertan, denen eine Ideologie der Menschenverachtung jedes Recht gibt. So wie der Obstbauer den Apfel veredelt, so edelt die Rassenlehre der Nazis den Menschen der Zukunft. 

Für das Erinnern ist die Zeit gleichgültig, alles wird Bild. Aber es gibt Lücken. Und sie weiss, sie hat den Rand des Bildes noch nicht erreicht.

Nelkas Geschichte ist exemplarisch für die Millionen Menschen, die damals wie heute unter dem Zwang einer menschenverachtenden Ideologie Zwangsarbeit leisten müssen. Für die es keine Menschenrechte gibt. Svenja Leiber erfährt, dass Obstbäume in ihrer eigenen Heimat damals von „Ostarbeiterinnen“ gepflanzt wurden, von Zwangsarbeiterinnen, Verschleppten. Svenja Leiber gibt jenen Menschen und ihren Schicksalen ein Gesicht. Sie spürt nach. „Nelka“ ist mit dermassen viel Zartheit erzählt, Svenja Leibers Sprache zurückhaltend, einfühlend und glasklar, dass mich die Musik ihrer Sprache ebenso sehr berührt wie die Geschichte selbst. Keine Spur von Effekthascherei, dafür Zeugnis von Geschichte, die allzu schnell sprachlos macht. Grosse Literatur!

Interview

Wir leben überall in den Hinterlassenschaften der Geschichte. Jeder Quadratmeter, auch wenn dort „nichts“ steht, nichts direkt erinnert, ist von Geschichte durchdrungen, von Menschenschicksalen, die vergessen sind, manchmal einfach durch den Lauf der Zeit, manchmal aus purer Verdrängung. Ihnen haben die Obstbäume in ihrer Heimat eine Geschichte erzählt. Warum hören wir meistens nicht hin?

Ich kann an dieser Stelle nur mutmaßen. In meinem Fall nimmt das Hinhören zu, je umfangreicher mein historisches Wissen wird. Es muss eine Grundlage geben, die einen winzigen Hinweis, ein Detail, überhaupt als historisch relevant erkennbar macht. 
Gleichwohl ist die Kraft der Verdrängung in der Tätergeneration offenbar immens gewesen. In Anbetracht der Schrecklichkeit der Verbrechen im letzten Jahrhundert kann ich das sogar nachvollziehen. Immerhin, und darin liegt für mich auch ein gewisser Trost, ahnt der Mensch, welcher seine Taten verdrängt, im Grunde offenbar doch, dass es Unrecht war. Für mich ist es wichtig, auf diese tiefste Schicht in den Menschen doch weiterhin zu setzen. 

Während des zweiten Weltkriegs funktionierte die deutsche Kriegsmaschinerie nur deshalb so lange reibungslos und effektiv, weil Millionen von Menschen gezwungen wurden, für ein menschenverachtendes Regime bis zur tödlichen Erschöpfung zu schuften. Etwas, was auch heute geschieht. Nelka hat überlebt und mit ihr die Kraft, an jenen Ort zurückzukehren, der ihr so viel genommen hat. Warum liegt ihr nichts an Rache?

Mein Gedanke war, dass sich Nelka mit einer wie auch immer gearteten Rache letztlich auf das Niveau ihres Unterdrückers begeben, und diesem «Drang nach Härte“*, der den Faschismus geprägt hat, Raum gegeben hätte.
Sie will jedoch etwas anderes. Sie will Erinnerung, will die Hoheit über ihre eigene Geschichte zurück, und der Täter soll, indem er sich ebenfalls erinnert, diese Geschichte bezeugen. Es geht dabei um nichts weniger als um die Würde eines Lebens. In diesem Licht wäre Rache – Nelka weiß selbst in einem Moment des Romans, dass ihr Gegenüber diese Rache sogar erwartet – hinderlich.

aus dem Dorf, in dem Svenja Leiber z. T. aufgewachsen ist © privat

Ist es nicht, wenn es denn überhaupt eine Aufgabe der Literatur gibt, Motivation vieler Schreibender, uns zur Erinnerung zu zwingen? Und ist es nicht fatalerweise so, dass genau jene unerreichbar bleiben, die Erinnerung dringend bräuchten? Wo bleibt das historische Bewusstsein jener, die unter wehenden Fahnen schreien?

Ich möchte niemanden zwingen. Ich wünsche mir eher, mit diesem Roman Menschen an einer Stelle zu erreichen, wo sie sich mit diesem jungen Menschen, Nelka, identifizieren oder jedenfalls gefühlsmäßig verbinden. Und im Grunde sogar auch mit dem Täter, Marten. Denn am Ende muss er einsehen, dass er sein kostbares Leben vielleicht vertan hat. Eine furchtbare Einsicht. 
Und das bedeutet auch, die rechten Schreienden dieser Tage schaden in erster Linie sich selbst… 
Ich bin aber der Ansicht, dass man ihnen, wo man aufeinandertrifft, immer weiter mit der Wahrheit über die Geschichte und die Fragen der Gegenwart entgegentreten muss. Denn ein Zug rechtsradikalen Denkens liegt im Hang zur Lüge. Die darf so nicht stehen bleiben.

Viele Szenarien in ihrem Buch erinnern mich an filmische Einstellungen. Emotionen in Cinemascope. Eine Kameraführung ganz nah an den ProtagonistInnen. Und doch in keiner Weise voyeuristisch. Vieles in ihrem Roman hat mit dem Gegensatzpaar Nähe/Distanz zu tun. Wie schafft es eine Person wie Nelka trotz allem ihre Mitte nicht zu verlieren?

Nelka ist als Figur ein Körper, der von den Strömen der kapitalistischen und libidinösen Ökonomie durchzogen ist, was beides Elemente des Faschismus waren und sind. In der Welt der damaligen Deutschen ist sie ein Objekt, ein „ Arbeitswesen“, ein Besitz. Sie wird zweifach begehrt, ökonomisch und sinnlich. Sie selbst kommt aber aus einer gänzlich anderen Welt, buchstäblich aus einem Garten, der, wenn man es genau liest, dem „Paradies» sehr nahe kommt. Ihre Mutter heißt Jeva… Was meine ich damit? Nelka bezieht ihre Resilienz aus dieser Herkunft, aus ihrer Erziehung, die von Liebe und Sanftmut geprägt war. Sie bezieht sie gleichsam aus der „Mitte“, aus dem Herzen. Nur so kann sie in extremen Momenten die Balance halten. 
Selbstverständlich ist mir bewusst, dass viele der damals Verschleppten und Ausgebeuteten eine solche Herkunft gar nicht hatten. Ich dichte sie dieser Figur an, denn mir schien, ich habe die Verantwortung, das Maß an Leid, das ich ihr in dieser Geschichte ja zumuten muss, irgendwo auszugleichen und auch den Lesenden einen Ausweg anzubieten.

aus dem Dorf, in dem Svenja Leiber z. T. aufgewachsen ist © privat

Erinnern ist ein Akt, der in ganz verschiedenen Tonlagen und Farbspektren geschehen kann. Sie beschreiben das an vielen Stellen. Nelka erinnert sich ein ganzes Leben an Yasha, die Projektion einer ersten grossen Liebe. Nelka erinnert sich auch jahrzehntelang an Marten, den Verwalter. Und an Margaryta und Schura, zwei Gefährtinnen, die mit ihr verschleppt wurden. Wie trifft man die richtigen Farben, den richtigen Ton? Muss man sich in die Tonart langsam hineinschreiben?

Tatsächlich lerne ich im Schreiben die Figuren ja selbst erst kennen. Ich denke sie mir nicht im Vorhinein aus, sie steigen eher langsam aus dem Material herauf, das ich angesammelt habe und das sich auch schon ein wenig in mir abgelagert hat. Und dann komme ich mit ihnen ins Gespräch, tatsächlich rede ich mit ihnen, oder lasse sie in meinem Kopf reden. Und ich gehe ihre Wege. Und irgendwann fange ich an, anderen Menschen z.B. von Nelka zu erzählen, als würde ich sie eben kennen. Dann weiß ich, sie ist da, sie hat Gestalt angenommen. Und jedes Mal begeistert mich dieser Moment, denn das ist unsere Sprache, das kann sie!

(*Eva von Redecker)

Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und verbrachte als Kind einige Zeit in Saudi-Arabien. Sie studierte Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte, debütierte 2005 mit dem Erzählungsband Büchsenlicht, 2010 folgte der Roman Schipino. Im Suhrkamp Verlag erschien 2014 Das letzte Land, 2018 Staub und 2021 Kazimira. Svenja Leiber lebt und arbeitet in Berlin und Schleswig-Holstein.
 
Beitragsbild © Ulf Aminde/Suhrkamp Verlag

Katrin Zipse «Moosland», Dumont

1949 auf Island. Elsa ist eine von knapp 300 Frauen, die die Trümmer ihrer Heimat Deutschland verliessen und sich auf der Insel eine Zukunft erhofften. Eine Zukunft auf den kargen Höfen der windgepeitschten Insel, einem Leben in vielfacher Fremde. Katrin Zipse schrieb mit „Moosland“ einen atmosphärisch dichten Roman darüber, dass Heimat nur in sich selbst zu finden ist.

Elsas Zukunftslosigkeit in den Jahren nach dem Krieg muss derart gross gewesen sein, dass sie einem Aufruf der isländischen Bauernpartei folgte. Sie liess sich verschiffen, um auf der Insel, auf der viele junge Frauen den amerikanischen Truppen mit dem Abzug in die Staaten gefolgt waren, einen Platz zurück im Leben zu finden. Auf dem Land herrschte akuter Mangel an heiratswilligen Frauen und das harte Leben auf den abgelegenen Höfen funktionierte in ihrer Tradition nicht ohne viele helfende Hände. In den Kriegsjahren waren auf der Insel 30000 GIs stationiert. Die Insel erfuhr mit der von den Amerikanern aufgebauten Infrastruktur in wenigen Jahren den Übergang von einer ganz rudimentären landwirtschaftlich orientierter Kultur in die Anfänge grosser Investitionen, gedeihender Fischindustrie und soldatischer «Dienstleistungen».

Was Elsa in ihrer Heimat zurückliess, waren Trümmer und Hoffnungslosigkeit. Was sie auf die Insel mitnahm, trug sie am Leib und einem Beutel mit sich und tief in ihrem Herzen das Trauma eines Krieges, das mit der Kapitulation Nazideutschlands im Mai 1945 noch lange nicht sein Ende gefunden hatte. Zusammen mit vielen anderen Frauen verteilte man sie bis in die entlegensten Winkel der rauen Insel. Auf den Höfen, zu denen nicht einmal Strassen führten, liessen sich die Frauen ohne Sprachkenntnisse und meist auch oft ohne Erfahrungen in der Landwirtschaft auf ein «Experiment» ein, bei dem es letztlich um alles oder nichts ging; Wer die Kraft hatte, sich auf Umstände einzulassen, die unverrückbar einen Neubeginn zum alles abgewinnenden Kraftakt machte, hatte die Chance auf einen Neubeginn, einen Restart. Auch wenn die Bauernfamilie dort die Anwesenheit der deutschen Arbeitskraft, die in den ersten Monaten kein Wort spricht, zur Geduldsprobe wird.

Katrin Zispe «Moosland», Dumont, 2026, 224 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-7558-1183-1

Elsa wächst nur langsam in die Familie hinein. In die Arbeiten, die man ihr gibt, schickt sie sich, auch wenn Bauer und Bäuerin nur schwer nachvollziehen können, warum das Leben bei ihnen so schwer sein sollte. Auch die beiden Brüder und der Knecht bleiben auf Distanz. Trotzdem spürt Elsa, dass auch diese  Familie an ihrem Schicksal, ihrer Geschichte zu beissen hat. Elsa findet zufällig das Foto einer jungen Frau. Es muss eine Tochter gegeben haben, deren Name in der Familie niemals fällt. Gerda, ihre Freundin, die mit ihr auf dem Schiff nach Island war, lebt zwar auf der gleichen Insel, aber unerreichbar weit weg. Mit der Zeit treffen Briefe von Gerda ein, Lebenszeichen einer Nähe, die Elsa verloren glaubt.

Die Stille ist so gross, dass sie sie hören kann. Ein Rauschen, das nicht vom Meer kommt und nicht vom Wind. Das immer stärker anschwillt, bis es sie ganz umschliesst.

Zwei Welten treffen aufeinander, jede mit Hoffnungen. Dazwischen ein Raum ohne Sprache, ohne Gemeinsamkeiten, einer Stille, die oft nur Wind und Regen brechen, eine Landschaft fast ohne Kontur, ein nicht enden wollenden Winter. Und einer Welt, die in der Weite zu einer Winzigkeit zu schrumpfen droht. Da ist die Geschichte einer Verlorenen, die Geschichte von Traumata, über denen das Schweigen steht, Existenzen, die ums Überleben kämpfen, denen dieser Kampf zur Selbstverständlichkeit werden muss. Erzählt in einer Sprache, die zur Landschaft wird, die genau dem entspricht, was Imagination zum sinnlichen Erleben werden lässt. Es ist erstaunlich, wie sehr Katrin Zipse in ihr Personal, diesen Kampf, die Innenwelten, die Landschaft und die Traditionen der isländischen Bauern eintauchen kann. Es ist, als ob sich während des Lesens Kälte und Wind über meine Haut legen würden. Ein beeindruckendes Leseerlebnis!

Interview

Was interessiert eine deutsche Autorin an der Geschichte einer solchen Frau, dem Schicksal einer Vertriebenen, dem Leben in krasser Einfachheit gemessen am Leben in Island heute? Die Intensität ihres Romans lässt vermuten, dass sich dieser Stoff förmlich aufgedrängt haben musste? Wo lag die Initialzündung?

Die Initialzündung geht bis 2015 zurück, als in Deutschland sehr viele Geflüchtete aus Syrien ankamen. Ich habe damals ehrenamtlich in verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen Sprachkurse gegeben bzw. bei den Hausaufgaben geholfen. Wir hatten die Empfehlung, die Geflüchteten nicht auf ihre Erfahrungen zuhause und während der Flucht anzusprechen, um sie nicht zu retraumatisieren. Ich war unsicher, wie ich Kapitel im Lehrbuch, die sich mit Familie befassten, durchnehmen sollte, ohne womöglich an akute Verluste zu rühren. Ich wusste ja nicht, was sie durchgemacht hatten, ob sie zum Beispiel Familienmitglieder betrauerten. Und ich fand es schwierig, einzuschätzen, was ich beim Lernen erwarten konnte. Wie kann jemand mit freiem Kopf lernen, Neues in sich aufnehmen, wenn er damit beschäftigt ist, Vergangenes zu bearbeiten oder auch zu verdrängen? Es kam mir manchmal so herzlos vor, diese Erwartung an geflüchtete Menschen, sich zu integrieren, aktiv an einem Ankommen hier zu arbeiten, wenn sie so schwere Erfahrungen hinter sich hatten, für deren Bewältigung sie Zeit und ein gutes Umfeld gebraucht hätten.

Zeitgleich habe ich damals über Themen recherchiert, mit denen ich mich zusammen mit einer befreundeten Kollegin für ein Island-Stipendium bewerben konnte. Eher zufällig bin ich auf die deutschen Landarbeiterinnen gestoßen und dadurch entstand die Idee, zu versuchen, die Schwierigkeiten, die sich durch Migration und Integration, Aufbruch und Ankunft in der Fremde ergeben, aus umgekehrter Perspektive zu erzählen: von Deutschen, die sich in einem fremden Land zurechtfinden müssen.

Wir wollten ein Hörspielprojekt zu diesem Thema realisieren, weil es eine starke akustische Ebene hat. Wir haben ein Exposé geschrieben und tatsächlich ein Stipendium des Künstlerhauses Lukas in Ahrenshoop für Island bekommen. Doch als wir es antreten sollten, war meine Freundin zu krank geworden, um zu reisen und das Projekt weiterzuverfolgen. Ich bin dann allein nach Skagaströnd gefahren, aber unser gemeinsames Projekt wollte ich nicht ohne sie umsetzen, das wäre mir falsch vorgekommen. Deshalb habe ich mich entschieden, das Thema in einem Roman zu verarbeiten.

Freilichtmuseum Glaumbaer © privat

Sie haben sich dermassen nah an das Leben der isländischen Bauern nach dem 2. Weltkrieg geschrieben, dass man kaum glauben kann, dass es reine Imagination sein kann, blosses Hineinfühlen. Da ist so viel Bildhaftes, es riecht und duftet, so viel herausmodelliertes Detail. War das bloss Recherche oder noch viel mehr?

Es war sehr viel Recherche. Durch mein Stipendium war ich am Anfang meines Schreibprozesses einen ganzen Monat in Island, danach war ich noch mehrere Male dort, immer zu unterschiedlichen Jahreszeiten und immer in derselben Region. Die wichtigsten Eindrücke habe ich auf meinen langen Wanderungen gewonnen, und ich habe sehr viel von einer deutschen Schafbäuerin gelernt, die vor Jahrzehnten nach Island ausgewandert ist und sich ein enormes Wissen über das bäuerliche isländische Leben im letzten und vorletzten Jahrhundert angeeignet hat. Sie gibt dazu Bücher in ihrem eigenen Verlag, Alpha Umi, heraus. Darüber habe ich sie kennengelernt. Und ich hatte das große Glück, dass ich ihr während der Lammzeit helfen durfte. Das war eine unvergessliche Erfahrung, als ich zehn Tage mit ihr auf ihrem abgelegenen kleinen Hof in den Bergen gelebt habe und so eng mit den Schafen zu tun hatte. Sie fehlen mir seitdem richtig. 

Außerdem gibt es tolle Freilichtmuseen in Island, die das Landleben optisch und zum Teil auch olfaktorisch nachvollziehbar machen. Die Torfhäuser haben immer noch einen ganz eigenen Geruch, genauso wie der Stockfisch, der dort ausgestellt ist. Und Island ist in Sachen Digitalisierung sehr weit. Ich konnte die Zeitschriften von 1949 online aufrufen und lesen, hatte Zugriff auf ein enormes Fotoarchiv und konnte sogar die Wetterbedingungen von jedem Tag des Jahres 1949 recherchieren.

Schon im Weggehen, auch wenn der Einsatz scheinbar befristet war, gab es kein Zurück. Wohin hätten sie gehen sollen? Zurück in ein zerbombtes Deutschland? Ein Leben ohne Zukunft mit der Last einer nicht zu tilgenden Vergangenheit? Heute gibt es diese Unausweichlichkeit fast nicht mehr. Aber sehr wohl die Faszination für einen radikalen Entschluss, das volle Risiko, den freien Fall. Sie beschreiben ein radikales Leben. Sowohl jenes der isländischen Bauern wie jenes der Frauen, die hofften, dort eine Chance auf Zukunft zu bekommen. Lieben sie das Unausweichliche? Ist das Schreiben das auch?

Als Autorin interessiere ich mich auf jeden Fall für radikale Lebensentwürfe, weil in ihnen so viel Dynamik steckt. Aber meine Protagonistin Elsa fasst keinen Plan für eine radikale Lebensveränderung. Sie wird da einfach hineingezogen. Mit Sola wäre sie in die USA ausgewandert, weil Sola das wollte. Mit Gerda geht sie nach Island, weil Gerda sie dafür anmeldet. Was an Elsa radikal ist, ist ihre Verlorenheit. Sie flieht vor den Verlusten, die sie erlitten hat. Sie kommt nicht damit zurecht, aber das Leben geht ja trotzdem weiter und muss irgendwie gelebt werden. Das ist ihre Ausgangssituation im Roman.
Island als Fluchtpunkt fand ich für Elsa auch deshalb interessant, weil es von da aus erstmal nicht weitergehen kann. Ohne Schiff oder Flugzeug sitzt man auf der Insel fest. Und das ist für Elsa, die immer in Bewegung sein muss, um nicht von ihren Erinnerungen eingeholt zu werden, fast nicht auszuhalten.

Landschaft bei Skagaströnd © privat

Ich habe vor langer Zeit die Bücher von Halldor Laxness gelesen. Nach „Moosland“ werde ich wieder darin lesen. Liegt in der Faszination dieser Bilder nicht auch die Faszination der Einfachheit in einer immer komplexeren, komplizierteren Welt? Dass man sich jenes Leben mit all den Entbehrungen gar nicht mehr vorstellen kann?

Die Bücher von Halldor Laxness haben mir für meinen Roman sehr geholfen, auch die Romane von Jón Kalman Stefánsson – und die „Nonni“-Bücher von Jón Svensson, die ich schon als Kind verschlungen habe. Sie beschreiben ja alle auf sehr bildliche Art dieses aufs Wesentliche konzentrierte Leben.

Und ja, die Einfachheit in dieser ganz auf die Rhythmen der Natur und der Tiere ausgerichteten Welt hat auf jeden Fall etwas Faszinierendes in ihrer existenziellen Eindeutigkeit und Klarheit. Die Landschaft spiegelt das für mich auch, die baumlose Weite, die kahlen Bergketten, die leeren Strände. Das Detail fällt plötzlich ins Auge.

Ich würde aber sagen, in meinem Roman gibt es genau hier einen Bruch zwischen den Generationen. Die Elterngeneration lebt konsequent und klaglos mit dieser Einfachheit. Aber die Jüngeren sehen eine andere Perspektive für sich. Das verunsichert sie.

Schafherde © privat

Wie irrig zu glauben, der letzte Weltkrieg sei im Mai 1945 zu Ende gewesen. Es gab Millionen, für die der Krieg nie vorbei war, die ein Leben lang leiden mussten, die das Leiden an ihre Kinder weitergaben. So wie der Krieg in Syrien noch lange nicht ausgestanden ist und es Generationen dauern wird, bis der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine beendet sein wird, wenn in nicht allzu ferner Zukunft ein Waffenstillstand beschlossen wird. Was Elsa alles aus dem Krieg mitschleppt, kristallisiert sich nur wage aus dem Beschriebenen. Wie weit mussten sie als Schöpferin dieser Geschichte Einzelheiten wissen, die mir verborgen bleiben?

Als Schöpferin der Geschichte weiß ich so gut wie alles über Elsa. Ich habe ein genaues Bild von ihrem Leben vor dem Krieg, während des Kriegs, in den ersten Nachkriegsjahren und vor allem auch von ihrer Zeit mit Sola, als sie zusammen durch Deutschland gewandert sind. Das brauche ich, um sie als komplexen Charakter zu spüren und zu wissen, wie sie in welcher Situation reagiert.

Aber wichtig für diesen Roman ist nur, was Elsa bereit ist zu offenbaren, bzw. was sie immer wieder als Bild oder Erinnerung überfällt. Die Geschichte dahinter kann der Leser oder die Leserin nur vermuten, so wie wir bei Menschen, die geflüchtet sind, oft auch nur vermuten können, was sie erlebt haben. Und jeder und jede ersetzt die Leerstellen durch eigene Bilder.

Das korrespondiert auch mit der Erfahrung meiner Generation: Wir sind mit Eltern aufgewachsen, die einen Großteil ihrer Kindheitserfahrungen im Krieg für sich behalten haben, und wenn sie erzählt haben, dann oft nur in stereotypen Narrativen. Weil es eben nur so schwer möglich ist, über schreckliche Erlebnisse zu berichten, die man tief in sich vergraben hat. Und dieses Verdrängte belastet natürlich auch die folgenden Generationen, die versuchen, die Lücken zu füllen.

Elsa wird in eine Familie hineingeworfen. Um zu verstehen, was dort wirklich geschieht, fehlt ihr die Sprache, zumindest am Anfang. Eine Art Aphasie. Leben wir nicht in einer Zeit gesellschaftlicher Aphasie?

Ich glaube, unser Problem ist weniger, dass wir nicht mehr reden, sondern dass wir verletzend und polemisch mit Sprache umgehen. Und dass in unserer Gesellschaft, die Bereitschaft und das Vermögen einander zuzuhören, immer weiter zurückgehen.

Katrin Zipse wurde in Stuttgart geboren und lebt als Autorin und Hörfunkredakteurin in Baden-Baden. Sie studierte Theaterwissenschaft und Deutsche Philologie an der FU Berlin und arbeitete mehrere Jahre am Theater. Im April 2019 war sie Stipendiatin des Künstlerhaus Ahrenshoop in der NES Artist Residency in Skagaströnd. Im Herbst 2019 hat ihr der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg ein Stipendium für «Moosland» zuerkannt.

Beitragsbild © niklas-berg.de

Michael Stavarič «Die Schattenfängerin», Luchterhand

Michael Stavarič erfindet sich mit jedem seiner Bücher neu. Er kennt keine Grenzen. Seine Fähigkeit, sich in beinahe kindliche Welten zu versetzen, seinen Blick auf die Welt von allen Konventionen zu befreien, macht Michael Stavaričs Literatur zu einer echten Tiefenerfahrung. Sein Roman „Die Schattenfängerin“ ist bestes Beispiel dafür.

„Die Schattenfängerin“ erzählt aus der Sicht von Stella, einer Jugendlichen, die zur jungen Frau wird, einem jungen Menschen, die den jugendlichen Blick bewahren, ihre ganz eigene Welt bewahren kann, obwohl es ihr das Schicksal nicht leicht macht. Michael Stavarič macht sich zur Stimme dieser jungen Frau, lässt seiner Erzählfreude freien Lauf, entkrampft und losgelöst. Da schreibt einer, der nicht einfach eine Geschichte wiedergeben will, nacherzählen. Michael Stavarič schöpft Neues, evoziert Bilder, die während des Lesens Fragen stellen, wichtige Fragen. „Die Schattenfängerin“ erzählt von Rätseln und lässt sie stehen, von einem rätselhaften Kind, das sich nach dem Tod seines Vaters auf den Weg macht. Das mag märchenhaft klingen, was bei „Die Schattenfängerin“ auch nicht falsch ist. Und doch bleibt der Roman ganz nah an der Welt.

Michael Stavarič «Die Schattenfängerin», Luchterhand, 2025, 288 Seiten, CHF ca. 33.50, ISBN 978-3-630-87674-0

Stella wohnt mit ihrem Vater in einem Haus weg vom Dorf, auf einem Hügel. An ihr Grundstück grenzt nur dasjenige der Nachbarn, die dann nach Stella schauen, wenn ihr Vater wieder einmal weit weg auf Reisen ist, wenn er sich aufmacht, einmal mehr Zeuge einer Sonnenfinsternis zu werden, weit weg. Ein Umstand, den Stella zu akzeptieren gelernt hat, ohne zu verstehen, warum sie ihren Vater auf diesen Reisen nicht begleiten darf. Die Beziehung zwischem ihm und Stella, zwischen Vater und Tochter, ist eine beinah symbiotische. Stella geht nicht zur Schule, wird von ihrem Vater unterrichtet. Er zeigt ihr seine Welt, erklärt der immer hungrigen Stella all die Geheimnisse, die sich im Grossen und Kleinen auftun, wenn man bereit ist, hinzuschauen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Stella Pflanzenlexika, Anatomiebücher und juristische Werke wie einen Schatz hortet, Bücher aus der grossen Bibliothek ihres Vaters. Das Haus am Hügel ist das Tor zur Welt.

Doch eines Morgens wacht ihr Vater nicht mehr auf. Stella muss akzeptieren, dass ihr Vater eine Reise angetreten hat, von der er nicht zurückkommt. Stella ist fünfzehn, als es geschieht. Und nur weil Stella es schon immer gewohnt ist, auf eigenen Füssen zu stehen und ihr die Nachbarn auch in dieser Zeit fürs erste an ihrer Seite sind, darf sie bleiben, zwingen sie die Ämter nicht dazu, das Haus des Vaters verlassen zu müssen. Auf sich selbst gestellt, finanziell von ihrem Vater abgesichert, macht sich Stella auf, jenen Teil ihres Lebens zu erkunden, der ihr bisher verschlossen blieb. Der in vielen Kisten auf dem Dachboden ihres Hauses lagert. Hin zu ihrer Mutter, die seit vielen Jahren in einer Klinik vegetiert, von der ihr ihr Vater fast nichts erzählte, die in ihrem Leben kaum eine Rolle spielt. In ein Leben, das sich auch ausserhalb ihrer kleinen Welt abspielen muss. Auf den Friedhof, wo das Grab ihres Vaters ist, wo sie sich mit Kurti, dem Totengräber anfreundet und zur jüngsten Totengräberin des Landes wird. Und auf diese eine, erste, grosse Reise zur nächsten Sonnenfinsternis, jener Reise, zu der ihr Vater sie nie mitnehmen wollte, von der sie ahnt, das mehr zu fangen ist, als der lange Schatten der Sonne.

Es ist die Art des Erzählens, die fasziniert. Michael Stavarič scheint einer der wenigen Erwachsenen zu sein, die in sich den kindlichen Blick bewahren konnten, die unverbaute Sicht auf die Welt. Seine Art des Beschreibens erinnert an den Blick eines Autisten, der alles in sich aufnimmt, nicht filtern will und kann. Es gibt Stellen in diesem Buch, in denen sich Sinneseindrücke förmlich über mich ergiessen. Beschreibungen, die mir bewusst machen, wie gezielt, wie kausalisiert, wie ordnend mein Blick ist.

Ein wundersames Stück Literatur!

„Romane, wie sie Michael Stavarič schreibt, schreibt gegenwärtig sonst niemand.“ Frankfurter Rundschau

Interview

Der Buchmarkt ist voll mit Literatur, die sich mit Müttern und Vätern abmüht, Abrechnungen, Prozesse, Befreiungen, Konfrontationen… Dein Buch ist eine gegenseitige Liebeserklärung zwischen Tochter und Vater, auch wenn Schatten im Leben des Vaters geblieben sind. Gleichzeitig ist es ein Statement dafür, den eigenen Weg, den eigenen Blick zu finden, ohne Rücksicht auf Konventionen. Ein grosses Stück Michael Stavarič!?
Besser vielleicht: Ein weiteres Stück von Michael Stavarič auf seinem literarischen Weg. Selbstverständlich ist die Literatur voller Beziehungen und Befindlichkeiten, schließlich ist das der Faktor „Mensch“. Autor*innen schreiben über Dinge, von denen sie hoffen, dass sie bei Lesenden nicht auf taube Ohren stoßen; Vater-Tochter-Mutter-Sohn –  es ist ein absolutes Grundmotiv in nahezu jedem Buch. Ich habe in der „Schattenfängerin“ versucht, ein positives Bild einer Beziehung zu zeigen (was eigentlich so gar nicht meiner literarischen Tradition entspricht), vor allem auch deshalb, weil ich dieses Buch nicht nur für Erwachsene, sondern auch Jugendliche schrieb. Zumindest schwebte mir vor, dass es auch Jugendliche lesen können sollten – und dementsprechend habe ich meine übliche Konzeption etwas geändert. Ich dachte auch, in diesen Zeiten brauchen wir alle eine positive Heldin. Und einen ungewöhnlichen Twist.

Dein Roman spielt in der Gegenwart, auch wenn die Welt von Stella entrückt scheint. Stella wächst auf in einer Welt, in der Neugier den Puls ausmacht. Stella betäubt sich nicht, ihr Vater lässt sich und seine Tochter nicht betäuben – das Gegenteil von dem, was in vielen Familien geschieht. Alles an deinem Schreiben ist ein Statement für die Neugier, kindliche, unregulierte Neugier. Schreiben als Spur deiner eigenen Neugier?
Weltoffenheit entgegen allen Widerständen, so könnte ich es für mich zusammenfassen. Die Neugier ist dabei ein unerlässlicher Motivationsfaktor, sich auf die Welt einzulassen, sich in ihr zu orientieren, die hellen und dunklen Momente zu erkennen. Und sich vielleicht selbst aktiv entscheiden, auf welcher Seite man stehen mag. Außerdem ist die Welt nicht einfach nur unsere Erde, hierzu zähle ich auch das Sonnensystem, ja den ganzen Kosmos. Und die Sonne ist nicht zuletzt auch der Angelpunkt in diesem Roman. Ich erkenne für mich immer mehr, dass es beim eigenen Schreiben auch darum geht, die Lücken zu füllen, die man selbst aufweist. Das Schreiben macht mich kompletter, wissbegieriger und neugieriger. Vermutlich eine Erfahrung, die ich auch an meine Protagonisten weitergeben möchte.

Und doch ist Stellas Familie alles andere als ein harmonisches Gefüge. Stellas Vater taucht für seine Reisen immer wieder einmal für Wochen ab und Stellas Mutter vergetiert in einer Klinik, von ihrem Mann aufgegeben, von der Medizin parkiert. Viele Schatten in deiner Geschichte. Schatten, denen Stella zu begegnen versucht. Du räumst nicht auf in deinem Roman. „Aufräumen“ scheint ein weit verbreitetes Erzählprinzip zu sein. Ein Konterroman?
In einem Leben (egal wer es lebt) geht es nun mal nicht ohne Zäsuren, Tragödien, Bewährungsproben etc. ab; Identitätsstiftung ist anders nicht zu haben, denn nur so können Persönlichkeiten entstehen. Oder ich bleibe in diesem Fall lieber dabei: Heldinnen. Ich verstehe ein „Nicht-Aufräumen“ als erzählerische Qualität, es scheint mir näher am Leben zu sein. Vieles lässt sich auch gar nicht schlüssig begründen, analysieren und zu Ende erzählen (und erklären!). Insofern ist es wohl ein Konterroman, weil die übliche Haltung wohl wäre: Ich erzähle alles zu Ende – und auch gleich mit, was der/die Leserin davon zu halten hat. Das machen viele Romane unserer Zeit. Aber ihnen fehlt dann (aus meiner Sicht) der Zauber …

Manchmal erinnert mich das Personal in deinem Roman an ein Theaterstück; Ein Kind an der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein, eine Peter-Pan-Figur, der Totengräber Kurti, der Bürgermeister, der besorgte und mahnende Pfarrer… Wie hast du dich durch deine Ideen geschrieben? War da ein Plan oder sind die Personen während des Schreibens aufgetaucht? 
Da hast du absolut recht. Theaterstück/Filmdrehbuch, etwas dazwischen. Ich habe es wirklich auch selbst so aufgefasst, insofern war ich die ganze Zeit über damit beschäftigt (beim Schreiben), Stella mit einer imaginären Kamera zu folgen. Oder wie ein Dramaturg/Regisseur die Handlung mit „Zurufen“ zu steuern. Alle prägenden Figuren in ihrer Kindheit sind Männer, insofern waren diese von Anfang an bewusst so konzipiert. Stella versucht sich nicht zuletzt auch im Umgang mit dem männlichen Prinzip.

Du hat deine Lust auf Fussnoten ausgelebt. Darin finden sich immer wieder Listen, Aufzählungen, Assoziationen. Texte, die mich mit einem Sternchen aus dem Lesefluss ziehen, die das Buch zwinkern lassen, die etwas von Stellas Lebensfreude, ihrem Blick auf die Welt zeigen. Wie kam es zu diesen literarischen Kringeln?
Du weißt ja, meine Romane sind oft von formalen Fragen geprägt, um nicht wieder mal zu sagen, Form vor Inhalt. In der Schattenfängerin habe ich mich aufs Erzählen konzentriert, wobei das Buch ja für jüngeres Publikum lesbar bleiben musste. Die Fußnoten sind gewissermaßen ein „formales Augenzwinkern“, wo ich diesen Hang zum Experimentellen kurz ausleben durfte. Minimal, aber doch. Schließlich würde wohl niemand in einem solchen Buch Fußnoten erwarten? 

Michael Stavarič wurde 1972 in Brno (Tschechoslowakei) geboren. Er lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer und Dozent in Wien. Studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik/Kommunikationswissenschaften. Über 10 Jahre lang tätig an der Sportuniversität Wien – als Lehrbeauftragter fürs Inline-Skating. Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, darunter: Adelbert-Chamisso-Preis und Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien bei Luchterhand der Roman «Das Phantom».

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Beitragsbild © Yves Noir

Azizullah Ima und Andreas Neeser «Morgengrauengewässer», Rotpunkt

Der afghanische Exilautor Azizullah Ima und der Schweizer Schriftsteller Andreas Neeser schickten sich Textminiaturen (maximal 14 Zeilen) und ertasteten literarisch, was Bilder auslösen und weitertragen. Azizullah in seinem Schmerz über eine verlorene Heimat, Andreas Neeser auf der Suche nach dem Kern.

Azizullah Ima floh 33jährig aus Afghanistan, nachdem zwei Jahre zuvor die Taliban die Kontrolle über das von Machtkämpfen geschundene Land übernommen hatten. Drei Jahre später kam der Pädagoge, Journalist und Dichter als Flüchtling in die Schweiz, im Herzen eine Sehnsucht, die seit dem Rückzug ausländischer Soldaten aus seinem Heimatland und der uneingeschränkten Macht der Taliban, ungestillt zum Schreiben zwingt. Andreas Neesers Sehnsucht ist jene nach dem perfekten Satz, dem perfekten Poem, eine Sehnsucht, die sich nur vordergründig von seinem Dichterfreund Azizullah Ima unterscheidet. Sie beide suchen nach Sprache, eine ultimative Suche, eine existenzielle Suche. Sie beide ringen mit der Sprache und mit ihr an der Welt. 

Sie beide ringen mit der Welt, Azizullah Ima mit dem Schmerz, der lähmenden Erkenntnis, unsäglicher Trauer und dem Wissen, dass Morden, Foltern, Einsperren und Sterben, die Willkür und Unterdrückung unkontrolliert weitergehen: 
Wenn ich nicht mehr an dich denke 
und an die unebenen Wege, die mich zu dir führen,
wenn die bittersten Lieder, die von Trennung handeln,
kein Gefühl mehr in mir auslösen, weiss ich, ich bin am Ende angekommen –
dort wo kein Schmerz mehr ist.

Andreas Neeser mit dem Wissen, dass sich unter der geschönten Oberfläche, den geflissentlich bewahrten Oberflächlichkeiten Tiefen auftun: 
Ich schaufle und grabe und baue, ich lege die Gänge zur Mitte hin – Platz schaffen, Raum für den einzigen Satz, den es irgendwo gäbe und irgendwann gibt, denn ich wühle gewissenhaft, heiter, und immer im Wissen, ich glaube mir kein Wort.

Azizullah Ima, Andreas Neeser «Morgengrauengewässer», Rotpunkt, 2025, aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß, Vorwort von Manfred Papst, Nachwort von Sarah Rauchfuß, 144 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN SBN 978-3-03973-068-1

„Morgengrauengewässer“ nennt sich das gemeinsame Buch der beiden aussergewöhnlichen Dichter. Literarische Miniaturen, Sprachbilder, die die beiden hin- und herschickten, ohne sich dabei Antworten geben zu müssen, weil die wirklich wichtigen Fragen letztlich unbeantwortet bleiben. Azizullah Ima und Andreas Neeser sind Dichter, denen das ewige Suchen längst zum Leben geworden ist, denen die Sprache Selbstvergewisserung, Fragestellung genug ist. Es ist tatsächlich so, als sässen sie beide im Morgengrauen am Ufer eines stillen Sees, in der Hoffnung, ein weiterer Tag würde sie einen Schritt weiter, einen Schritt näher bringen. Der Morgen als Start in einen Tag, von dem sie Ernücherung erahnen und Klarheit erhoffen.

In den Texten der beiden steckt der Blick zurück und jener hinaus. In beiden steckt der Stachel des Schmerzes, wenn auch mit Voraussetzungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber wahrscheinlich macht genau das den Reiz dieses ungewöhnlichen Dialogs aus. Was in diesem Buch auf literarische Art und Weise geschieht, wäre Beispiel genug, wie man sich über Kulturen hinaus begegnen und verständigen könnte. Beiden geht es nicht um Konfrontation, sondern um Bilder, die sich ergänzen, die sich spiegeln. Sie hören sich zu, nehmen Fäden auf, lassen sich locken und leiten, führen und wagen.

Interview mit Andreas Neeser

Wie brachte „Weiterschreiben Schweiz“ euch beide zusammen?
Weiterschreiben Schweiz versucht Exil-Autor/-innen in die hiesige Literaturszene zu integrieren. Zum Beispiel, indem Sie arrivierte CH-Autor/-innen anfragen, ob sie sich ein sogenanntes Tandem mit einem Exilautor bzw. einer Exilautorin vorstellen könnten. Mir wurde Azizullah vorgeschlagen, wir trafen uns und waren uns sofort einig, dass das was wird mit uns. Dank der persischen Übersetzung von «Zwischen zwei Wassern» konnte Aziz sich auch der Qualität meiner Arbeit vergewissern.

War von Beginn weg klar, dass aus dem Experiment ein Buch werden würde? Oder war es gar kein Experiment?
Einige Tandems treffen sich sporadisch und besuchen Veranstaltungen, oder sie schreiben sich Briefe oder sie reden über Literatur. Für Aziz und mich war von Anfang an klar, wir wollen Literatur MACHEN. Und zwar jeder für sich, aber dennoch zu zweit. Das war die Idee des Gesprächs; etwas, was es so praktisch nicht gibt. Und Miniaturen, damit der Gesprächscharakter, der Schreiberwechsel, auch zum Tragen kommt. Und dass wir unser Gespräch für die Öffentlichkeit führen, war auch von Anfang an klar. Literarische Texte brauchen Öffentlichkeit; so ergibt sich dann auch ein Gespräch mit den Lesenden…
Ich habe dann mehrere Verlage angeschrieben …  Es ist dem Rotpunkt Verlag hoch anzurechnen, dass er sich auf dieses Experiment eingelassen hat, mit dem sicher kein Geld zu verdienen sein wird.

Ihr kommt aus ganz verschiedenen Leben, Geschichten und Kulturen. Mir scheint, dass es deutliche Unterschiede gibt, nicht nur bei den Themen, der Bildsprache, auch im Sound, der Sprachmusik. Wie sehr war es ein Herantasten? Was passierte zumindest bei dir, wenn du einen Text von Azizullah erhalten hast?
Ein Herantasten war nicht möglich. Wir mussten ja jeweils einfach antworten auf einen Text. Und wir haben NIE über unsere Texte gesprochen. Keine Verständnisrückfragen, keine Änderungsanträge – das würde man ja auch nicht tun in einem normalen Gespräch. Ich sage ja nicht: «Könntest du den Satz, den du eben gesagt hast, noch einmal sagen, aber anders?».
Der Clash of cultures war krass: Krieg, Schwert, Tyrannen etc. – was soll ich dazu sagen? Ich war komplett zurückgeworfen auf mich selbst und die Sprache. (Beides ja durchaus zweifelhaft) Es wäre lächerlich gewesen, etwas über den Krieg oder die Taliban zu schreiben. Also musste ich ganz in meiner Welt bleiben und bei meiner Existenz. Das ist aus meiner Sicht auch ein Gewinn für das Buch. Jeder spricht mit dem anderen, findet Berührungspunkte, und bleibt doch in seiner Welt – egal, was für Themen angeschnitten werden. Für Aziz ist das übrigens genauso. Und so hat er mit dem Gedicht «Reisesymphonie» einen Weg zu anderen Themen gefunden – Reisen, Sprache, Träumen, Kinder.
Für Aziz, den orientalischen Geschichtenerzähler, war es übrigens auch spannend, mit europäischer Lyrik, die ganz Gedanke, Bild und Sprache ist, konfrontiert zu werden.

Zwischen der gegenseitigen literarischen Auseinandersetzung liegt die Übersetzung. Mit jeder Übersetzung verändert sich ein Text, wahrscheinlich umso mehr, je weiter die Sprachen voneinander „entfernt“ sind. Wie weit musste die Übersetzerin Sarah Rauchfuss in die Auseinandersetzung miteinbezogen werden?

Meine Texte gingen auf Deutsch zu Aziz; seine gingen nach Berlin zu Sarah Rauchfuss, dann zu mir.
So verging immer sehr viel Zeit (ca. 1 Monat) von einem Text zum nächsten. So kam natürlich nie so richtig ein Dialoggefühl auf. Vor allem Aziz hat das zugesetzt, weil er jede seiner Antworten innert Stunden nach dem Eingang meines Textes verfasst hat. Ich hingegen brauchte immer viel länger.
Die Übersetzungen habe ich nie hinterfragt, zumal Aziz immer mit Sarah in Verbindung stand und da und dort auch intervenierte.
Für mich wurden die Übersetzungen erst beim Lektorat wichtig. Wir lektorierten erst die deutschen Texte, fragten bei Sarah nach, ob die Korrekturen – alles stilistische Kleinigkeiten – eine Änderung des Originals erforderten. Falls ja, klärte das Sarah mit Aziz.

anlässlich der Weinfelder Buchtage: Fariwar und Azizullah Ima, Andreas Neeser und Gallus Frei

Azizullah Ima und Andreas Neeser sind mit «Morgengrauengewässer» gemeinsam unterwegs. Unter anderem am 1. November in Weinfelden anlässlich der Weinfelder Buchtage und am 15. November in Frauenfeld in der Kantonsbibliothek.

Azizullah Ima, 1963 geboren, studierte Pädagogik in Kabul und war Chefredakteur der Tageszeitung Dariz. Als 1996 die Taliban die Macht übernahmen, musste er Afghanistan verlassen. Seit 1999 lebt er in der Schweiz. Er hat auf Persisch zahlreiche Romane, Erzählungen und Gedichte publiziert.

Weiterschreiben Schweiz

Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik in Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses, danach Tätigkeit als Deutschlehrer. Sein umfangreiches literarisches Schaffen wurde vielfach ausgezeichnet.

Sarah Rauchfuß stammt aus Niedersachsen und lebt heute in Berlin. Nach einem ersten Studium der Iranistik und Philosophie studierte sie Zentralasienwissenschaften. Seit 2019 übersetzt sie persische Literatur ins Deutsche. 

Beitragsbild © Xenia Zezzi

Karin Antonia Mairitsch «Schweizweh», Edition Meerauge

Eine Liebesgeschichte, nicht nur eine. Eine Abschiedsgeschichte, existenzielle Ängste, ein Toter und mit „Schweizweh“ ein Buchtitel, der all jene trigert, die sich an diesem Land und seinen „Eingeborenen“ reiben. Karin Antonia Mairitsch zeigt mit ihrem Debüt Sprachkraft, Mut und einen präzisen Blick auf den Nerv der Zeit.

Es mag ein Schachzug gewesen sein. Zumindest bei mir hätte er funktioniert: Eine gebürtige Österreicherin schreibt einen Roman mit dem Titel „Schweizweh“. Man muss nicht hergezogen sein, eingewandert oder als Flüchtling hier leben, um Schmerzen zu lokalisieren. Aber wenn eine Schriftstellerin, Künstlerin und Hochschulrektorin, die in Klagenfurt/Österreich zur Welt kam und schon lange in der Schweiz lebt und wirkt, mit 57 ihr literarisches Debüt schreibt und das Buch mit „Schweizweh“ betitelt, dann reizt mich das. Nicht weil ich eventuelle Kritik am Land und den Einheimischen nicht tolerieren würde, ganz im Gegenteil, sondern weil mich der differenzierte Blick von aussen interessiert. Denn Unterschiede zwischen Kärnten und der Schweiz gibt es unzweifelhaft. Ich bin seit über vier Jahrzehnten mit einer Kärntnerin verheiratet, die mit der Heirat ihre Heimat hinter sich gelassen hatte. 700 Kilometer Distanz – mit den Alpen dazwischen.

Aber „Schweizweh“ ist keine Anklage, keine Abrechnung. Es sind die Geschichten einer Handvoll Menschen, die in der durchorganisierten, dem Perfektionismus verschriebenen Land ihre Schmerzen lokalisieren, die nach ihrer Heimat, ihrer Zugehörigkeit fragen, die nicht zuletzt mit der Angst leben, aus einem leistungsorientierten System zu fallen.

Jonathan hat eine schwierige Zeit hinter sich. Er begleitete seine Frau bis in den Tod, vermisst sie, je mehr seine eigene Existenz ins Wanken gerät. Er verlor seinen Job mit dem Gefühl, von seinem Chef hinausgemoppt worden zu sein. Ein Job, den er mochte. Endlich eine Stelle, in der er Zukunft gesehen hätte. Eine Entlassung, die ihn zu tiefst verunsicherte, spürte er doch zu Beginn seiner Arbeit beiderseitige Sympathie – vielleicht sogar mehr. Und da gab es auch noch Hélène, die Frau, die nach dem Tod seiner ersten Frau in sein Leben getreten war. Die er mochte, aber wahrscheinlich nicht liebte. Eine Beziehung, die scheiterte. Und er ist gebürtiger Österreicher, glaubt, in sich einen etwas anderen Takt zu spüren, als jener, der in der Schweiz vorherrscht, kann das, was er an Heimatgefühlen in sich spürt, wenn er nur schon an seine Grossmutter denkt, nicht so einfach wegstecken. Jonathan braucht Distanz und nimmt sich eine Auszeit in der Türkei. Nicht um Ferien am Strand zu machen, sondern um sich klar zu werden, wohin es gehen sollte. 

Karin Antonia Mairitsch «Schweizweh», Edition Meerauge, 2025, 256 Seiten, CHF 26.00, ISBN 978-3-7084-0684-8

Ausgerechnet in der Zeit, in der Jonathan in den Ort in der Türkei eintaucht, Beziehungen zu knüpfen beginnt, denn er spricht wegen einer ersten grossen Liebe leidlich türkisch, liegt eines Morgens ein toter Mann vor Jonathans Stammcafé. Polizei, Presse und alle, die dort wohnen, beginnen mit Spekulationen und weil die Polizei schnell einen Schuldigen lokalisieren muss und ein mögliches Täterprofil auf Jonathan zu passen scheint, gerät dieser in die Mühlen der türkischen Polizei, in einer Zeit, in der die Sicherheitsorgane des Landes eh schon in Alarmbereitschaft sind und sich vor ausländischer Einmischung fürchten. Jonathan landet in Untersuchungshaft, wochenlang ohne Kontakt zur Aussenwelt.

Gleichzeitig erzählt Karin Antonia Mairitsch von Sophie. Ihre Frau, ihre Lebenspartnerin liegt im Sterben. Sophie nimmt in kleinen und grossen Schritten Abschied von ihr, begleitet sie, in den letzten Tagen zusammen mit dem Bruder ihrer Frau. Sophie, die sich nicht nur mit dem langsamen Sterben ihrer Partnerin konfrontiert sieht, sondern auch mit einer Sinnsuche in dem, was sie bisher als ihre Berufung, ihren Beruf sah, in einem Zustand des Aufbruchs ohne zu wissen, wo all das hinführt, was jetzt eine andere Richtung nimmt. Ein Weg, den Sophie irgendwann zu Jonathan führt.

Was diesen Roman speziell macht, ist seine Sprache und seine Architekur. Da schreibt eine Künstlerin, die es in ihrer Tätigkeit als bildende Künstlerin gewohnt ist, ihr Denken in Worte zu fassen, sehr oft in unkonventionellen Bildern, Sichtweisen, die erstaunen. Aus keiner Schreibschule. Der chronologisch erzählte Roman lebt von schnellen Schritten, hüpft von Perspektive zu Perspektive, zeigt, wie grundverschieden Protagonisten ihr Leben lesen, Entscheidungen fällen. Manchmal sind Abschnitte nur einen Satz lang und dann blendet der Scheinwerfer wieder aus einer anderen Richtung, nie verwirrend, stets vielstimmig.

Karin Antonia Mairitsch ist ein beeindruckendes und kunstvolles Debüt gelungen, das viel Aufmerksamkeit verdienen würde!

Interview

Er wollte sich die Liebe von der Seele schreiben, heisst es von Jonathan. Das wollten auch Sie. Sie schreiben über Liebe, aber auch von den Bedrohungen der Liebe; dem Tod, dem Erkalten, dem drohenden Vergessen, der Hektik, der Selbstoptimierung… Und doch schwingen dermassen viele innige Schilderungen, Liebeserklärungen in Ihrem Buch. Sie schaffen es eindrücklich, ehrlich und ganz nah zu bleiben. Nichts wirkt abgedroschen. Liebe und Tod, die zwei grossen Themen der Literatur. Gab es Leitplanken, Grenzen, die Sie nicht überschreiten wollten?

Ja, es gab Grenzen. Solche, die ich nicht überschreiten wollte und solche, die uns die Sprache setzt. 
Erstere betrifft all die Qualitäten von Liebe, Beziehung und Begegnung, die genau nur der geliebten (oder befreundeten) Person zufliessen können. Sie sind unwiederbringlich und nicht teilbar mit Dritten; in einer Weise entgrenzt, die für Aussenstehende unzugänglich bleibt. So beständig wie sie flüchtig sind, so fest wie flüssig, so leise wie laut, so verhaftet in uns selbst wie in der anderen Person, so unbeschreiblich verlebendigt bleiben diese Qualitäten und erst recht ihre sprachliche Fassung bei den Liebenden (oder Befreundeten) – im Leben, und über das Irdische hinaus. Ein Versprechen, das sich die Liebenden gegeben haben, mehr noch: ein Band, das nicht durchschnitten wird. 

Jene Grenzen, die uns die Sprache setzt, oder genauer: die mir die meine setzt, betreffen all jene Emotionen, die frau artikulieren möchte und doch nicht kann. Schmerz oder Trauer zum Beispiel. Sie lassen sich nicht einmal annähernd so in Worte kleiden, wie diese Empfindungen uns zu erschüttern vermögen. Liebe und Tod sind die grossen Themen der Literatur, weil sie sich ihrer sprachlichen Fassung im Grunde doch entziehen. Und so sehr wir uns mühen, so offen und ehrlich wir in uns hineingraben und wühlen, ringen um Worte und ihre Kraft, so werden wir am Ende nicht erschöpfend ausgedrückt haben, was die Liebe und der Tod in unseren Leben bewegt hat. Mit diesem Phänomen setze ich mich immerfort auseinander und schrieb 2020 in «Helmi Vent – Lab Inter Arts»: «Die Sprache ist fremdkörperlich. Sie ist niemals das Denken selbst. Und auch nicht das Fühlen. Sie ist der Versuch, mich dir mitzuteilen, dir mitzuteilen, was ich denke oder fühle oder bin oder tue. Und das beschreibend gibt sie ihr Bestes. Sie bleibt experimentell.» (Mairitsch 2020, S. D. 95)

Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.

DES SCHWEIZERS ART, SICH DEM PHÄNOMEN ZUNEIGUNG ZU NÄHERN © Karin Mairitsch
Mischtechnik auf Papier 72×25cm, Luzern Schweiz 2013, Serie

Liest man die Kapitelüberschriften, dann klingt es nach Lyrik, nach Poesie. Auch im Text gibt es Passagen, die an lyrische Prosa erinnern. Kam das gewollt oder war es Intuition?

Wenn ich vorhin von jenen Grenzen sprach, die durch die Herausforderung gesetzt sind, uns mittels Sprache hinlänglich auszudrücken, folgt entweder die (zuweilen durchaus hilflose) Schweigsamkeit oder eine Form der künstlerischen Artikulation, die sich jenseits des Anspruchs auf exakte Be-Zeichnung oder verbale Deutungshoheit oder narrative Vermessung und erzählerische Folgerichtigkeit auszudrücken vermag. Die Lyrik, die Poesie sind für mich jene künstlerisch-sprachlichen Ausdrucksformen, die uns «ermuntern, vom Wissen ins Gefühl zu kommen, um dort, im Gefühl, wissend zu werden» (vgl. Mairitsch 2020, S. D. 93). In diesem Sinne müssen sie nicht immer verstanden werden, sie sind offen gegenüber erzählerischen Möglichkeits- und Vorstellungsräumen und können sich weiten, bis sie verstanden sind. 

Für mich ist dieser Zugang daher weder eine Frage des Willentlichen noch des Intuitiven. Es ist vielmehr der Versuch, den Raum zu weiten für das Mögliche, das Vorstellbare, das Unaussprechliche und Unbekannte in uns; ein Findungsfeld, das sich mit jedem Lesen neu konstituieren, neu erfinden und entfalten kann. Lyrik war im Übrigen mein erster Zugang zur Literatur und zum Schreiben. Ich kehre gerne in diese Beheimatung zurück: «mMan spricht, worin man gewachsen ist. Wir können nicht behaupten, in der Sprache erwachsen zu sein. Wir altern mit ihr und lernen noch. Bestenfalls sind wir in ihr beheimatet.» (Mairitsch 2020, S. D. 92)

Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.

Es sind nicht so sehr die Personen, die im Vordergrund stehen, sondern die grossen Fragen des Lebens: Wohin geht mein Weg? Wo liegt meine Erfüllung? Wie wird Liebe? Was bleibt von ihr? Wie begegne ich dem Tod? Wie kann ich in meinem Herzen behalten, was Liebe ausmacht? War das Schreiben eine Selbstvergewisserung?

Ein Selbst muss sich nicht vergewissern – es ist. Und es ist viele. Weswegen mein Schreiben keine Selbstvergewisserung ist, sondern Da-Sein ist. In diesem Sinne eröffnet das Schreiben vielgestaltige Möglichkeiten, ein Leben und sein Vieles zu durch-leben.    

SUCHE SCHWEIZ © Karin Mairitsch
Mischtechnik auf Papier 136.5×26cm, Luzern Schweiz 2012, Serie

Es greifen viele Themen ineinander. Manchmal scheint es, als würde ein Thema überhandnehmen, um sich dann wieder in den Hintergrund zu ziehen. Es hätte ein Kriminalroman werden können, ein Gefängnisroman, ein politischer Roman, ein Burnoutroman… Aber es ist in erster Linie ein Liebesroman – wenn auch weit weg von Üblichen, Lichtjahre weg vom Kitsch, aber mit grosser Empathie geschrieben. Drohte nie die Gefahr, die Übersicht zu verlieren? Können Sie etwas erzählen über den Schreibprozess?

In der Tat gab es Momente, in denen es herausfordernd war, die Übersicht zu behalten. Meistens, wenn eine neue Figur den Roman betrat und ich mich zunächst dieser Figur annähern musste, um ihr Da-Sein zu erkunden. Einer der irritierendsten Momente war sicherlich das Auftauchen der Leiche am Strand. Das kam früh, sehr überraschend und blieb lange rätselhaft – denn wenn ich eines nicht wollte, dann einen Kriminalroman schreiben. Schreibend durfte ich erfahren, dass die Verschränkung aller Protagonist:innen und deren Schicksale einen Angelpunkt – eben die Leiche am Strand – brauchte und dass das Erzählen zur Conditio sine qua non wird, um die Verbundenheit mit sich, der Welt und allen Menschen erfahrbar zu machen.  

Womit ich verraten habe, dass ich, die ich normalerweise planvoll und konzeptionell gefestigt vorgehe, bei diesem Roman keinem durchgängigen Konzept folgte, das ich vorab zurechtgelegt und das die Charaktere wie auch die Handlungsstränge definiert hätte. Das Konzept erarbeitete ich zu einem späteren Zeitpunkt und kam bei der Einreichung zum Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung zum Tragen1. Vielmehr begann das Schreiben unvorhergesehen, einzig gekoppelt an die Idee der Gleichzeitigkeit von Ereignissen und der Verbundenheit von allem und jedem, und endete erst mit dem Ende, das ebenso unvorhersehbar eintrat. Mein exploratives Schreiben ins scheinbar Ungewisse verstehe ich dennoch nicht primär als einen intuitiven Prozess. Es ist für mich eher die Erkundung dessen, was ist, das seine Denkform und sprachliche Ent-Äusserung noch sucht. 

1 Das Manuskript »Schweizweh« wurde 2020 mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung ausgezeichnet.

In der Architektur Ihres Romans wählten Sie eine recht eigenwillige Struktur: Chronologisch, aber immer wieder aus verschiedenen Perspektiven, so dass man Ansichten ganz unterschiedlich gespiegelt las. War diese Form schon von Beginn weg klar oder drängte sie sich während des Schreibens auf?

Diese Form war schnell, fast von Beginn an klar. Bei all der Gleichzeitigkeit von Ereignissen erhoffte ich mir mit der Chronologie eine gewisse Nachvollziehbarkeit. Durch die verschiedenen Perspektiven, Ansichten und Wahrnehmungen, ja, auch durch Wiederholungen und Neu-Kontextualisierungen entfaltet sich eine Vielschichtigkeit, die mir wichtig ist: Ein Leben hat viele Schichten, hat Wiederholungen, Umwege und Wendungen, die sich nicht so einfach preisgeben. Sie wollen durchschritten, oder in diesem Falle: entschieden werden.

Sie sind bildende Künstlerin. Wie weit half Ihnen Ihre künstlerische Arbeit sonst? Ist Schreiben nicht das lange, filigrane Malen auf eine Grossleinwand?

Mit dem künstlerischen Prozess und einem visuellen Ausdrucksrepertoire vertraut zu sein, hilft sehr: So, wie sich in meinem Œuvre seit jeher viele Werke mit Sprache, lyrischen Titeln und Textminiaturen finden1 und ich mit altmeisterlicher Schichtentechnik2, gestischer Abstraktion3 sowie gegenständlicher bzw. figürlicher Malerei und Zeichnung4 vertraut bin, so zeichne und male ich umgekehrt auch beim Schreiben in Schichten und Gesten, setze Striche, lasse Weissraum und trage dramatisch pastos zuweilen sanft transparent auf. Insofern würde ich mich selbst nicht als «bildende Künstlerin» oder «Autorin» bezeichnen, denn ich bin beides und einiges mehr – doch mit der bildenden Kunst auch schreibend und mit dem Schreiben auch zeichnend und malend. 

Interessant sind die prozessualen Parallelitäten: 

  • Erst wenn der Titel (des Werks, der Ausstellung, des Buches) bekannt ist, beginnt das visuelle Gestalten bzw. das Schreiben. 
  • Die weisse Fläche zu Beginn ist stets eine Hürde, die einfühlende Überwindung braucht. 
  • Der erste Pinselhieb, der erste Strich, der erste Satz sind ent-scheidend und be-stimmend für das Ganze und Folgende. Sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt herausstellen, dass diese ersten «Gehversuche» nicht passen oder nicht stimmig sind, wird radikal verworfen und der Papierkorb (ein wichtiges Werkzeug im Künstlerischen!) bemüht. 
  • Wenn es zum künstlerischen Vorhaben ein Konzept gibt, dann rudimentär und ergebnisoffen. 
  • Der Prozess lebt von Verwerfungen, Umwegen, Unvorhergesehenem und Überraschungen. Letztlich werden es diese Ereignisse sein, die den Prozess beleben und den Spannungsbogen erzeugen.
  • Denken (im Sinne von Zurücktreten, Analysieren und Bewerten, im Sinne von Vordenken und Entwerfen) und nicht-denkend Tun wechseln einander ab. 
  • Das Ende (der Erzählung, des Werks, etc.) ist eine bewusste Ent-Scheidung.

Karin Antonia Mairitsch, geboren 1968 in Klagenfurt, Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Promotion an der Kunstuniversität Linz, ist bildende Künstlerin, Gestalterin, Kuratorin, Dozentin, Autorin sowie Herausgeberin einiger Fachbücher im Bereich Medien, Gesellschaft und Kunst. «Schweizweh» ist ihr Romandebüt. Karin Mairitsch kann auf eine rege internationale Ausstellungs- und Performancetätigkeit zurückblicken. 2020 etwa hat sie das Mehrjahresprojekt l21 kuratiert. 2019/2020 wurde sie mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung und 2020 mit einer Nominierung für den Luzerner Werkbeitrag in der Sparte Freie Kunst ausgezeichnet.

Webseite der Künstlerin

Beitragsbild © Sam Khayari

Sophia Klink «Kurilensee», Frankfurter Verlagsanstalt

Auch die letzten noch intakten Gegenden unseres Planeten drohen im Sog wirtschaftlicher Interessen zu kippen. Am „Ende der Welt“ forscht eine kleine Gruppe, ob mit dem Einsatz künstlicher Stoffe den Veränderungen von Klimawandel und Wirtschaftinteressen entgegnet werden kann. Der Debütroman von Sophia Klink ist ein Sprachkunstwerk – für einmal etwas, das der Welt nur gut tun kann!

Der Kurilensee, ein riesiger Kratersee, 77 km2 gross, liegt ganz im Süden der dünn besiedelten Halbinsel Kamtschatka, auf russischem Staatsgebiet, aber 6773 Kilometer von der Hauptstadt Moskau entfernt. Wenn es also einen Ort gibt, der weit ab vom Schuss ist, und normalerweise nur mit Helikopter erreichbar, dann der Kurilensse, an dem eine Forschungsstation liegt, in der eine kleine internationale Crew sich mit den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigt, vor allem darum, weil der See wirtschaftlich eine grosse Bedeutung für die Lachsfischerei hat, einem Wirtschaftszweig, der mehr und mehr in Bedrängnis kommt, weil natürliche Lachspopulationen rückgängig sind, der Überfischung ausgesetzt und die Tiere empfindlichst gestresst auf die Einwirkungen des Menschen reagieren. Ein kleiner, von einem Zaun gegen Bären geschützer Ort, an dem die Protagonistin Anna das drohende Ungleichgewicht zwischen Lachsen und Phytoplankton, zum Beispiel Kieselalgen, untersucht, Lachsfische vor der Laichablage zählt und Teil einer Equipe von Wissenschaftler*innen und Rangern ist. Zur Gruppe gehört Vowa, ein Ranger, der jeden Bären an seinem Fell zu kennen scheint, mit dem Anna schon im sechsten Jahr den Sommer über in der Forschungsstation lebt. 

Anna und Vowa sind ein Paar, was für die anderen in der Station längst kein Geheimnis mehr ist. So wie wenig ein Geheimnis bleibt an einem Ort, von dem man ohne Gewehr, Boot oder Hubschrauber kaum weiter weg kommt. Jeder in der Station hat seine fixe Aufgabe und als Ganzes hat man in diesem Sommer die Aufgabe, wissenschaftliche Grundlagen dafür zu schaffen, ob man mit einer Phosphatdüngung das aus dem Gleichgewicht kippende Ökosystems des Lachssees aufhalten kann, oder ob der Einsatz von 5 Tonnen künstlicher Düngung nicht der Anfang vom Ende ist, ein nicht wieder gut zu machender Eingriff mit nicht vorhersehbaren Konsequenzen. Die Crew auf der Station ist nicht nur auf den Lebensmittel- und Materialnachschub per Helikopter angewiesen, sondern auch auf die finanziellen Mittel derer, die daran interessiert sind, dass wirtschaftliche Interessen wissenschaftlich abgestützt sind.

Wir könnten einfach alle Daten auflisten und ganz ehrlich eingestehen, dass wir keine Ahnung haben, was das Beste für den Kurilskoye ist.

Sophia Klink «Kurilensee», FVA, 2025, 240 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-627-00330-2

Anna ist nicht nur fasziniert von der Artenvielfalt in und um den See, sie ist auch erfüllt von ihrer Arbeit, sieht in den Kleinstlebewesen im See nicht nur einen Forschungsgegenstand, sondern eine Spiegelung der Natur, ihrer Schönheit, ihrer Vollendung als Teil der Evolution. Aber so wie das ökologische Gleichgewicht dieses Sees weitab von der Zivilisation bedroht ist, so bedroht ist die Station selbst. Nicht nur weil jeder Winter an den Bauten nagt, Bären sich immer wieder einmal an den Einrichtungen zu schaffen machen und auch den Bewohnern bedrohlich nahe kommen können, sondern weil man der Station auch ganz leicht über die Finanzen die Nabelschnur zur Zivilisation kappen kann. Eine permanente Ungewissheit, die zusammen mit der zu treffenden Entscheidung wegen der Düngung mehr und mehr zu einer Belastung wird. Trifft man die richtigen Entscheidungen? Wohin führt Annas Weg? Wohin soll es gehen mit Anna und Vowa? Als Anna spürt, dass auch ihre Gesundheit Kapriolen schlägt, weitet sie ihre Untersuchung aus auf den eigenen Körper, misst die Temperatur. Ist sie schwanger, obwohl die beiden mit Gummi verhüten?

Werfe nie einen gestressten Fisch zurück ins Wasser, sagt Vowa.

Alles an diesem menschenfeindlich scheinenden Ort schreit nach einer Entscheidung, bevor die Crew die Station im September für den Winter wieder verlassen wird. Was an Sophia Klinks Debüt fasziniert, ist aber weit mehr als die Geschichte und die Psychologie unter Wisschenschaftler*innen und Rangern. Sophia Klink hängt die Spannung auch an keinen Showdown, kein Psychodrama auf der Forschungsanlage. Absolut faszinierend ist der Blick der Autorin auf die Natur, ihr Tun, auf die Zusammenhänge, die mir als Leser über weite Strecken verborgen bleiben. Sophia Klink ist nicht einfach Schriftstellerin, die sich mit sorgfältiger Recherchearbeit das nötige Wissen holte, um einen „Ökoroman“ zu schreiben. Sophia Klink ist promovierte Biologin und erzählt von ihren eigenen Erfahrungen in einer Sprache, die ihre Liebe, ihre Faszination und ihre Ehrfurcht vor der Natur und ihren Zusammenhängen widerspiegelt. Und weil Sophia Klink „nebenbei“ auch noch preisgekrönte Lyrikerin ist, wird ihre Sprache zu einem magischen Instrument, schillernd, ohne abgehoben zu wirken, schön wie Kieselalgen selbst.

„Kurilensse“ ist ein Roman wie der grosse, weite See selbst; tief und voller Zauber!

Interview

Was für ein Roman! Ich bin hell begeistert! Habe das Gefühl, einem Unikat begegnet zu sein. Ein Unikat darum, weil sie in ihrer ganz eigenen Sprache ihrem Stoff begegnen, aus Sicht einer Wissenschaftlerin literarisch schreiben. Was sie wissenschaftlich vermitteln, bleibt selbst für Laien wie mich verständlich. Gekoppelt mit ihrer Begeisterung in ihrer Sicht auf die Schönheit der Natur und ihrem sprachlichen Können werden aus ganzen Abschnitten literarische „Nahaufnahmen“, Stilleben ganz eigener Art. Wissenschaftliches Schreiben klingt sonst so ganz anders, eine eigene, analytische Sprache. Inwieweit half ihnen bei der Findung einer eigenen Sprache ihr lyrisches Gespür?

Das war ein längerer Prozess über viele Texte hinweg. Ich schreibe ja seit Jahren literarisch über Natur und Wissenschaft und habe viel herumexperimentiert, welche sprachliche Form zu welchem Inhalt passt. Dem Klang nachzuspüren, ist mir dabei sehr wichtig. In der naturwissenschaftlichen Sprache liegt schon an sich so viel poetisches Potential. Es erzeugt aber auch eine Reibung, die ich ästhetisch spannend finde. Diesen Kontrast herauszuarbeiten, hat mich in diesem Roman besonders interessiert. Als ich angefangen habe zu schreiben, hat sich die Sprache dann schönerweise wie von selbst eingestellt. Da musste ich gar nicht mehr lange suchen. Die Sprache stellte sich einfach ein.

Wie leicht wäre es gewesen, die Story dramatisch aufzublasen; noch mehr Countdown in die Handlung, eine dramatische Liebesgeschichte oder ein fatales Psychospiel in einer abgelegenen Forschungsstation. Aber darum ging es ihnen nicht. Es ging ihnen nicht einmal darum, einen „Ökoroman“ zu schreiben, auch wenn es doch einer ist. Aus ihrem ganzen Roman spricht der Respekt, die Ehrfurcht und die Sorge um eine Welt, die durch die Eingriffe des Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Die Liebe zu ihrer Arbeit, sowohl als Biologin, als Wissenschaftlerin wie auch als Sprachgestalterin, als Künstlerin. Was stand zu Beginn ihres Schreibens an diesem Roman? Waren es Verarbeitungen eines eigenen Forschungseinsatzes? Und wie weit mussten sie sich als Wissenschaftlerin zügeln?

Inspiriert haben mich auf jeden Fall meine eigenen Forschungserlebnisse. Im Masterstudium bin ich auf einer meeresbiologischen Station im nordwestlichen Russland gewesen und wusste schon damals, dass ich über diesen Ort schreiben muss. Mich hat beim Schreiben eine Sehnsucht angetrieben und die Trauer darüber, dass es diese unberührte Wildnis irgendwann nicht mehr geben wird. Dass ich auf den Kurilensee gestossen bin, war ein Glücksfall. Dadurch konnte ich viel übertragen, ohne meine eigenen Erinnerungen überschreiben zu müssen. Und natürlich war ich neugierig auf dieses andere Ökosystem, das mir gleichzeitig fremd und bekannt vorkam. Zügeln musste ich mich als Wissenschaftlerin dabei gar nicht so sehr. Es gibt so viele Details über Kieselalgen, Lachse und den menschlichen Körper, die ich liebend gerne im Roman angesprochen hätte. Aber natürlich versuche ich beim Recherchieren jenen Informationen nachzuspüren, die sich mit den Gefühlen meiner Protagonistin Anna verknüpfen lassen. Für mich sind es doch zwei sehr unterschiedliche Modi, Informationen für ein Paper konzise darzustellen oder sie auf eine Emotion hin zu befragen. Allein aus Fakten lässt sich keine Geschichte entwickeln. Zellen und Moleküle müssen auch erst mal so beschrieben werden, dass man sie sich vorstellen kann. Das geht in vielen Fällen einfach nicht auf. Ich freue mich eher, wie viele Proteine, Wasserstoffbrückenbindungen und Dinoflagellaten es am Ende doch in den Roman geschafft haben.

Man kann den Kurilensee sehr gut auch als Metapher für das globale Gleichgewicht sehen. Ist Literatur so etwas wie die verbliebene Hoffnung angesichts der im düster werdenden Prognosen?

Ich hoffe schon, dass Literatur einen kleinen Anstoss geben kann. Wo sollen wir anfangen, eine bessere Welt zu imaginieren, wenn nicht in der Sprache? Ich verstehe die Literatur als Mittel, immer wieder unsere Perspektive zu verschieben und uns emotional für andere Lebenswirklichkeiten zu öffnen. Auch mal den Blick auf winzige Kieselalgen und unsichtbare Stoffwechselprozesse zu richten, die wir sonst nicht wahrnehmen. Ich finde, dass Literatur da nachhaltig unseren Blick auf die Welt verändern kann. Geschichten haben eben eine ganz andere Kraft als Zahlen. Und sie können trösten, wenn die Prognosen immer düsterer werden.

Ich habe mir im Netz Bilder und Illustrationen von Kieselalgen angesehen und bin restlos fasziniert, sei es von ihrer Geometrie, ihrer Körperlichkeit, sei es von ihrer Aufgabe, ihrem Dasein. Es ist der faszinierte Blick in die Kleinheit, der auf das Grosse überschlägt. Ihre Begeisterung, die in ihren Beschreibungen lesbar wird, ist pure Verzückung. Auf der andern Seite der Schmerz darüber, dass Profitgier und kurzfristiges Denken so viel Zerstörung mit sich ziehen. Sie moralisieren in ihrem Roman nicht. Anna hat die Hoffnung nicht verloren. „Kurilensee“ ist auch eine Liebesgeschichte. Eine ganz zarte. Auch eine Liebesgeschichte an die Natur, ihre Arbeit als Wissenschaftlerin, an die Sprache. Wo holen sie den Dünger, um ihre Hoffnung nicht sterben zu sehen?

Vielleicht ist die Wissenschaft auch hier ein wichtiger Anker für mich. Wenn ich mich mit Kieselalgen, Pilzen und Bakterien beschäftige, verliert die winzige Gruppe der Trockennasenprimaten ganz schnell an Bedeutung. Mir diese Dimensionen immer wieder vorzustellen, was wir alles nicht verstehen oder kontrollieren können, daraus ziehe ich persönlich viel Zuversicht. Dass es Lebensformen gibt, die unsere Zerstörungswut überdauern werden. Der Ohnmacht zu verfallen, hilft auch einfach nicht. Anna entscheidet sich schliesslich auch dafür, an das Schöne zu glauben und in eine neue Generation zu investieren, der man diese Liebe mitgeben muss, um die Zukunft besser zu machen.

Nicht vor den Bären oder dunklen Nächten habe ich Angst, sondern vor den Menschen, die glauben, alles unter Kontrolle zu haben, schreiben sie in „Kurilensee“. Das gilt überall, auch in der Politik, denken wir nur an all die Männer, die der Überzeugung sind, ihre Macht mit Kriegen demonstrieren zu müssen. Hat nicht die Spezies Mensch versagt, weil sie den Profit über die Empathie stellt? Sie moralisieren nicht, zumindest spüre ich das nicht. Wie sehr mussten sie sich davor hüten?

Mir ist wichtig, dass die Moral meiner Texte subtil mitschwingt. Meine Kritik an Überfischung, Geldgier und blindem Anthropozentrismus wird hoffentlich auch so deutlich. Es hat sich richtig angefühlt, gerade die Ambivalenzen in der Schwebe zu halten und auch zu zeigen, wie Anna letztendlich bei der Manipulation des Sees dabei ist. Bis zum Schluss weisss sie eben nicht, was richtig oder falsch ist. Aber sie will sich nicht ihrer Verantwortung entziehen, sondern sich der ganzen Tragweite ihres Verhaltens bewusst sein und genau hinsehen.

Lyrik vom Feinsten: Sophia Klink «Ich lösche die Kirschen aus meinen Genen», hochroth Verlag, 2025, 54 Seiten, ISBN 978-3-949850-62-2

Sophia Klink, geb. 1993 in München, hat Biologie studiert und promoviert zurzeit über die Symbiose zwischen Bakterien und Pflanzen. Sie wurde mit dem Literaturstipendium München und dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis beim Literarischen März ausgezeichnet und mit Stipendien des British Council und der Stiftung Kunst und Natur gefördert. Sie war Finalistin beim open mike, Aufenthaltsstipendiatin der Roger Willemsen Stiftung, des Adalbert Stifter Vereins und der Villa Sarkia in Finnland. Im Frühjahr 2025 erschien ihr Lyrikdebüt bei hochroth München. Durch einen Forschungsaufenthalt am Weissen Meer in Russland zu ihrem Roman »Kurilensee« inspiriert, stand sie mit einem Auszug daraus auf der Shortlist des W.-G.-Sebald-Preises. 

Beitragsbild © Heike Bogenberger

Gabrielle Alioth «Die letzte Insel», Lenos

Gabrielle Alioth lebt und schreibt seit Jahrzehnten an der Ostküste Irlands. Die Insel, ein Sehnsuchtsort vieler, spielt einmal mehr die Hauptrolle in einem ihrer Bücher – diesmal in einer düsteren Perspektive, schonungslos und und ungeheuer stimmungsvoll. „Die letzte Insel“, ein Roman über das Ende.

Immer mehr Menschen erfahren die Konsequenzen dessen, was unverantwortliche Vergangenheit und Gegenwart anrichten. Seien es Dürren und Sturzfluten dort, wo man in der Vergangenheit niemals in der Intensität damit rechnen musste, Städte, die im Smog ersticken, Trockenheiten, die infernale Brände auslösen oder Altlasten aus der Vergangenheit, die uns in Gegenwart und Zukunft tödlich bedrohen; Abfälle, die in Fässern im Meer versenkt wurden, bis hin zu radioaktivem Material, Phosphor, das aus Bomben ausgestandener Kriege austritt und an die Strände gespült wird, um sich in Verbindung mit Sauerstoff unkontrolliert zu entzünden oder der steigende Meeresspiegel, der ganze Landstriche und Inseln unbewohnbar macht und letztlich noch mehr Menschen dazu zwingen wird, ihre Zukunft an einem scheinbar sicheren Ort zu suchen.

Warum ein Buch lesen, das einem weder schont noch einen Ausweg bietet, das ungeschönt schildert, was passieren wird, wenn die Mehrheit nicht zu einem Richtungswechsel bereit ist. Ist „Die letzte Insel“ ein moralisches Manifest zur Umkehr? Nein. Aber Gabrielle Alioth ist eine Schriftstellerin, die genau hinschaut, sich den Tatsachen nicht verschliesst, auch wenn die Fotografien, die sie dann und wann ins Netz stellt, glauben machen, sie lebe im Paradies. Noch ist es das. Aber es gibt wohl keinen Ort mehr, an dem nicht festgestellt werden muss, dass er auf die eine oder andere Weise, ganz direkt oder indirekt, von den Auswirkungen klimatischer oder umweltbelastender Veränderungen betroffen ist. Auch wenn politische Strippenzieher strategisch darüber hinwegsehen wollen.

Gabrielle Alioth «Die letzte Insel», Lenos, 2025, 229 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-03925-045-5

„Die letzte Insel“ erzählt von den Konsequenzen. Gabrielle Alioth spinnt weiter, was sie als aufmerksame Beobachterin nicht nur in ihrer Umgebung, sondern überall feststellen muss. Ihr Roman, der in naher Zukunft angesiedelt ist, ist weder realitätsfremder Sience-Fiction noch übertrieben dunkle Dystopie. In zwei Handlungssträngen erzählt die Autorin von Menschen, die im Leben an einen Punkt gekommen sind, an dem sie nur noch hinnehmen können, was übrig geblieben ist. Von zwei Menschen, die nicht nur in ihrem eigenen Leben, sondern auch in einer scheinbar freien Gesellschaft, im Traum von Glück an einen Endpunkt gekommen sind.

Im Nachhinein wurde Vieles zum Zeichen.

Holm ist Biologe und hat sich auf eine kleine Insel absetzen lassen. Nicht um Neues zu erforschen, sondern um das festzuhalten, was in absehbarer Zukunft durch den steigenden Meeresspiegel verschwinden wird. Völlig überrascht findet er dort eine kleine Gruppe Verbliebener, die Letzten, die trotz allem ausharren; eine kleine Gruppe Mönche. Nach einem nassen Einstand und dem Verlust eines Teils seiner Ausrüstung beginnt Holm seine Streifzüge auf der rauen, baumlosen Insel, einem Eiland, auf dem ihm sehr schnell bewusst wird, wie verloren er wäre, gäbe es die Männer in den Kutten nicht. Holm hat sich von einem totalitären System der Kontrolle und staatlich geführten Wissenschaft abgesetzt. Sein Wirken auf der Insel ist ein letztes Aufbäumen, sein letzter Kampf gegen die Resignation.

Zweite Protagonistin ist eine Schriftstellerin, die alleine und zurückgezogen mit ihrem Hund in einem Haus unweit der Küste lebt. Sie blickt von ihrem Schreibzimmer auf das, was vom grossen Garten übrig beglieben ist. Nicht enden wollende Regenfälle verursachten eine Sturzflut, überfluteten das Haus und rissen Teile des Gartens weg. Mit ihm ihren Mann Alexander. Sie trauert. Nicht nur über den Tod ihres Mannes und das Bewusstsein, wie schnell alles zu Ende sein kann. Sie trauert auch darum, in ihrem Leben nicht mit offenen Karten gespielt zu haben, um all das unrettbar Versäumte.

Beide, die Ich-Erzählerin und der Forscher, erinnern sich, lauschen den Stimmen, die sie heimsuchen, den Lieben, von denen sie lassen mussten. Beide klammern sich an das, was geblieben ist, was sie am Leben hält.

„Die letzte Insel“ ist ein leidenschaftlich erzählter Roman über das Enden. Aber nicht die Trauer darüber steht im Vordergrund, sondern die Liebe zur Natur, zu Pflanzen und Tieren, zum Wind, zum Regen und den Momenten grösster Vertrautheit mit dem, was die beiden Protagonisten und die Schriftstellerin selbst umgibt. „Die letzte Insel“ ist eine Liebeserklärung an das Leben, selbst dann, wenn nur noch wenig davon übrig bleibt, wenn man sich der Endlichkeit bewusst ist. „Die letzte Insel“ beschreibt nicht nur eine geographisch nachvollziehbare Kulisse (Gabrielle Alioth verriet mir, dass es für die Insel eine „Vorlage“ gibt: Inish Meain), sondern das, was an Erinnerungen bleibt, jene Insel, die bleibt, wenn alles andere untergeht. Vor allem die Erinnerungen an die Momente grössten Glücks, der Liebe, des Geborgenseins.

Interview

Wir leben alle auf einer Insel. Wenn ich im Sommer im Süden der Schweiz, im Tessin, zwei Wochen Ferien mache, dann bin ich auf einer Insel, die mich glauben lässt, noch wäre alles in Ordnung. Noch mehr, weil die Schweiz selber eine Insel ist, politisch und wirtschaftlich, wenn auch immer mehr in Bedrängnis. Du pendelst zwischen Irland und der Schweiz, hast im Gegensatz zu vielen Schweizer*innen den Blick von Aussen. Was beschäftigt dich am meisten als „Auslandschweizerin“?

Die Insel ist eine dankbare Metapher für unser Dasein, die Beschränktheit unserer Wahrnehmung, das Leben in einer wie auch immer gearteten „Blase» und vielleicht auch für unsere Sehnsucht nach einer Rückkehr ins Paradies.

Irland und die Schweiz haben sich in ihrer „Inselhaftigkeit“ in den letzten vierzig Jahren angenähert. Beide sind europäischer geworden, wobei Irland ein viel dynamischeres Land bleibt. Als Auslandschweizerin staune ich oft über die – teilweise durch den Föderalismus bedingte – Langsamkeit der Prozesse in der Schweiz; und da ist das gesellschaftliche und private Klagen über die Zustände. Wenn ich Schweizer*innen zuhöre, denke ich manchmal, dass Jammern eine Art «bonding experience» sein muss. Dem gegenüber steht das schweizerische Bewusstsein, dass man halt doch etwas Besseres ist. Die Schweizer reisen ja gern in die ganze Welt, aber viele, so scheint es mir, nur, um sich selbst zu beweisen, dass die Schweiz halt doch der beste Ort auf der Welt ist.

Wie viel von dem ist in diesen Roman mit eingeflossen?

Einer der interessantesten Aspekte von Inseln, denke ich, ist ihre offenkundige Begrenztheit, denn an Grenzen, in der Konfrontation mit dem Fremden/Anderen, wird man sich seiner Voreingenommenheit, seiner (Vor)Urteile bewusst, beginnt sein Verhalten, sein Versagen in einem grösseren Kontext zu sehen. In früheren Romanen ging es mir oft um gesellschaftliche Grenzen, in diesem eher um eine Auseinandersetzung mit natürlichen, bzw. den Grenzen, die eine von Menschen beschädigte Natur uns setzt. 

Ich weiss, dass du gerne lange Spaziergänge am Meer entlang machst, dass du fotografierst und dich inspirieren lässt. Vieles auf diesen Spaziergängen scheint in den Roman eingeflossen zu sein, wahrscheinlich auch Erfahrungen mit Phosphor, Erfahrungen mit Überschwemmungen und Unwettern. Wie sehr ärgert dich die Gedankenlosigkeit vieler Menschen?

Der Abfall hier an den Stränden ist ein echtes Problem, und die Iren stehen da weit hinter den Schweizern zurück. Ich sehe aber, dass man sich bemüht und dass es schon sehr viel besser geworden ist. Weniger offensichtlich sind industrielle oder staatliche/militärische Verschmutzungen, z.B. die Munition, die die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg im Beaufort’s Dyke versenkt haben und von der immer mal wieder was an den irischen Küsten angeschwemmt wird, als versuche die Vergangenheit sich an der Gegenwart zu rächen.

Ärgern tut mich das beides nicht. Ich nehme es zur Kenntnis, finde es streckenweise interessant. Eine meiner wichtigsten Erfahrungen hier in Irland war, dass die Natur immer gewinnt. Der Bach in dem Tal, in dem ich zuerst lebte, ist jedes Jahr über die Ufer getreten, nicht weil die Umwelt sich veränderte, sondern weil sich die Landschaft über Jahrtausende so entwickelt hatte. In den ersten Jahren versuchten wir den Überschwemmungen mit Mauern und Wällen beizukommen. Aber das Wasser war immer stärker, klüger. Das hat mich Demut gelehrt und ich bin dankbar für diese Lektion. In diesem Sinne denke ich auch, dass die Natur die Klimakrise auf ihre Weise überstehen wird, ob die Menschheit dazu auch in der Lage ist, ist eine andere Frage.

Dein Roman ist weder Manifest noch Kampfschrift, keine Abrechnung, kein moralisierender Zeigefinger. Aber manchmal sind deine Schilderungen und Aufzählungen doch haarscharf daran vorbeigeschrammt. Ich bin mir des Dilemmas bewusst. Einfache Unterhaltung allein – daran warst du nicht interessiert. Gibt es während des Schreibens einen Warnmechanismus oder muss man auf ein gutes Lektorat vertrauen, dass man nicht überbordet?

Den Leser*innen irgendetwas zu vermitteln, gehört nicht zu meinen Zielen, ich habe keine „Message“. Das würde ich mir nicht anmassen und es würde meinem Grundverständnis von dem, was Literatur kann und soll, fundamental widersprechen. 

Ich denke, das Ziel eines Romans ist es, ein Geschehen und die darin involvierten Personen in seiner/ihrer Komplexität und Ambivalenz darzustellen. Dabei geht es nicht darum, eine Wirklichkeit (oder gar Wahrheit) abzubilden, sondern Zusammenhänge zu erforschen, Konstellationen auszuloten, vielleicht zu einem möglichen Ende zu führen, vielleicht auch Alternativen zu entwickeln. Grundsätzlich denke ich, was Literatur/Kunst im besten Fall erreichen kann, ist, dass der Betrachter, die Leserin seine/ihre Wirklichkeit etwas anders betrachtet, dass sich seine/ihre Wahrnehmung ein klein wenig verschiebt.     

Tatsächlich hat mich der Verlag gedrängt, den Text in dem von Dir beschriebenen Sinn zu „schärfen“. Ich habe dem nachgegeben, aber vielleicht hätte ich doch mehr Widerstand leisten sollen.

Dein Roman spielt in nicht allzuferner Zukunft. Sind deine Schilderungen das Resultat einer sorgfältigen Recherche über mögliche Zukunftsszenarien oder vertraust du deiner Intuition, deiner Beobachtung, deiner Erfahrung?

Bevor ich ernsthaft zu schreiben begann, habe ich einige Jahre als Konjunkturforscherin gearbeitet und mit ökonometrischen Simulationen die wirtschaftliche Entwicklung einzelnen Branchen prognostiziert. Lange habe ich es als 180-Wendung in meinem Leben betrachtet, dass ich dann zu schreiben begann. Inzwischen beginne ich die Ähnlichkeiten zwischen Simulation und Fiktion zu verstehen. Beide werden dort eingesetzt, wo das Wissen an eine Grenze stösst, oder wie der frühere Rektor der Uni Basel Antonio Loprieno, sagte „die literarische Fiktion und die wissenschaftliche Simulation vermitteln Bilder alternativer Realitäten.“  Beides sind Versuche, die Grenze zwischen Wissen und Glauben zu bewältigen, in beiden wird die Grenze zwischen Faktischem und Möglichem in Frage gestellt. Beide entwerfen ein Bild von dem, was sein könnte. 

Recherchen bilden einen wesentlichen Teil meines Schreibens. Ich denke, ich bin sorgfältig dabei, aber nicht in der Absicht oder gar mit dem Anspruch, etwas möglichst Plausibles zu konstruieren. Genauso wie die Vergangenheit, über die ich in früheren Romanen geschrieben habe, ist auch die Zukunft eine Funktion eines sich laufend verändernden Zustandes, eine Reflexion der Gegenwart und sagt primär etwas über diese aus.   

Ein Haus ist eine Insel. Ein Garten ist eine Insel. Eine Klostergemeinschaft ist eine Insel. Eine Liebe ist eine Insel. Wir brauchen diese Inseln. Und doch sind die Bedrohungen manigfaltig. Der Forscher Holm und die Schriftstellerin erinnern sich an ihre Insel-, ihre Liebeserlebnisse. Bleibt man letztlich nicht doch allein, auf der letzten Insel seiner selbst?

Ja ist die einfache Antwort auf diese Frage. Natürlich gibt es Momente der Geborgenheit, der Liebe, in denen wir uns mit einem Menschen, der Welt verbunden fühlen. Aber ich denke, es ist eine (schöne) Illusion zu glauben, dass wir einen anderen Menschen verstehen können oder von ihm verstanden werden, fassen können, was und wie er/sie empfindet. Wir sind zwar nicht immer einsam, aber doch immer allein und dieser Roman ist auch einer über das Scheitern der Liebe.

Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, war als Konjunkturforscherin und Übersetzerin tätig, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 1990 publizierte sie ihren ersten, preisgekrönten Roman «Der Narr». Es folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten, Essays sowie mehrere Reisebücher und Theaterstücke. Daneben ist sie journalistisch tätig. Seit 1984 lebt Gabrielle Alioth in Irland. Für ihr Werk wurde sie 2019 mit dem Kulturpreis der Gemeinde Riehen ausgezeichnet. Gabrielle Alioth ist Präsidentin des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

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Katinka Ruffieux «Zu wenig vom Guten», Arche

Eine Familiengeschichte? Eine Exilgeschichte? Ein Roman über Nähe und Distanz? Über Verlust und die Suche nach Identität? Katinka Ruffieux erzählt in ihrem literarischen Debüt kunstvoll und gekonnt, mit jener Portion Witz, die das Schwere leicht macht und mit Sätzen, die man festhalten will.

Manchmal beseelt einem die Lektüre so sehr mit Feinheiten, dass man das Buch nur in kleinen Schlucken geniessen will. Was mir dann doch nicht gelingt, weil, wie der Erstling von Katinka Ruffieux beweist, hier eine Autorin erzählt, die nicht nur sprachlich glänzt, sondern auch in ihrer Erzählstrategie. „Zu wenig vom Guten“ ist mit einer derartigen Reife geschrieben, dass man erstaunt ist, einer literarischen Debütantin zu begegnen, denn Katinka Ruffieux erzählt mit grosser Souveränität. In ihrem Erzählton steckt jene unverkrampfte Leichtigkeit, die man in helvetischer Literatur nur selten trifft, jene Portion Schalk und Humor, die das Lesen leicht macht und nicht zuletzt ein ordentlicher Schuss Lebensweisheit, den man wohl erst dann erreicht, wenn man selbst in den Tiefen der eigenen Existenz den Erfahrungen die richtigen Fragen stellt.

Katinka Ruffieux erzählt von einer Familie, die in der Folge des Ungarnaufstands ihr Land verlassen hatte, um wie viele andere Familien ihr Glück in der Schweiz zu suchen. Ich selbst erinnere mich gut an eine Nachbarsfamilie im Quartier meiner Kindheit, bei der zuhause noch immer Ungarisch gesprochen wurde und die Besuche bei meinem Schulkameraden zu Expeditionen in eine andere Kultur wurden. Nicht nur roch es in jener Wohnung anders als bei mir zuhause. Der Vater jenes Jungen war ein hagerer, grosser Mann mit Schuhgrösse 48, dessen riesige Hände die meinigen bei der Begrüssung zu Puppenhänden machten. Ein Mann der immer freundlich und immer leise sprach, als ob er in der Luft um ihn herum nicht zu grosse Wellen machen wollte.

Unsere Familie gleicht einem Hühnerstall. Wer wen hacken darf, steht fest. Trotzdem lassen alle Federn.

Katinka Rufieux «Zu wenig vom Guten», Arche, 2025, 256 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03790-161-8

Genauso die Familie in „Zu wenig vom Guten“. Man wohnt zu fünft in einer winzigen Wohnung in der grössten Stadt der Schweiz, versucht um jeden Preis nichts falsch zu machen und tut alles, um den Traditionen und stillen Gesetzen des neuen Zuhauses zu genügen. Mutter, Vater, zwei Töchter und der Grossvater, den man regelrecht entwurzeln musste. Weil der Platz in der Wohnung gering ist und man die freien Stellen lieber mit den Errungenschaften des Westens auffüllt, leben die beiden Töchter zusammen mit dem Grossvater in einem Zimmer unter dem strengen Diktat der Mutter, mit einem Vater, der lieber durch Abwesenheit glänzt und einem Grossvater, der ganz unverblümt die Enge in der Wohnung mit In diesem Haus wird man kein echter Mensch, hier wird man bloss verrückt! kommentiert. Ein Grossvater, der im Reduit seiner kleinen Familie von dem träumt, was er zurücklassen musste und mit dem hadert, womit er sich in seinem Exil konfrontiert sieht. Kommentare, die die Mutter stoisch erträgt, die Töchter aber meist wörtlich nehmen, was die Stimmung in der Wohnung alles andere als entlastet.

Auch zwischen den Schwestern herrscht keine Verschwesterung, ganz im Gegenteil. Die Erzählerin versucht die Wogen in der Familie zu glätten, sieht sich im Gefüge als jene, die für das Gute zuständig ist und doch immer das Gefühl mit sich herumträgt, nicht zu genügen, letztlich verantwortlich zu sein für all das, was der Familie widerfährt. 

Schon zu Beginn des Romans wird von der Asche der Schwester erzählt und dass nicht einmal diese sich den Wünschen der Familie beugt. Der Roman beginnt mit einem Verlust. Ein Thema, das sich durch das ganze Buch zieht; der Verlust der Heimat, der Identität. Der Verlust des Vaters, der irgendwann aus der Enge auszieht und ein anderes Leben beginnt, eine neue Familie gründet. Der Verlust des Grossvaters, jener Person, die auf alles eine Antwort hatte, der für die Erzählerin trotz der räumlichen Enge der Fels in der Brandung war. Und der Verlust der Schwester, die immer tiefer in ihrer Revolte gegen alles und jeden abrutschte, die sie aus dem Drogensumpf zu retten versuchte, die ihr Leben aber unrettbar gegen eine Wand fuhr.

„Zu wenig vom Guten“ ist eine literarische Perle. Wie schade wäre es, man würde sie zwischen all den bunten Kieseln nicht sehen!

Interview

Ein grosses Thema ihres Romans ist Verlust. Die Familie verliert ihre Heimat – Ungarn. Sie verliert den Vater, der sich das Glück mit einer neuen Familie sucht, den Grossvater, der im Exil stirbt und die Schwester. Verluste, die das Leben der Erzählerin prägen und doch nicht zerreiben. In ihrem Roman spürt man den Schmerz, aber ebenso die Kraft, die daraus entsteht. Obwohl sich alles um diese Verluste dreht und andere daran zerbrechen würden, bewahrt sich die Erzählerin jenen Mut, den es braucht, um nicht zu zerbrechen. Wie gelang es Ihnen, diesen Ton zu finden? Ist er Ihnen gegeben oder war es ein Prozess des Findens?
Eine glaubhafte Stimme für diesen Roman zu finden, war entscheidend. Schreibt man aus der Perspektive einer Jugendlichen, wirkt das Geschriebene schnell aufgesetzt, schlimmstenfalls anmassend. Da kommt man um das Suchen und Finden nicht herum. Als die richtige Tonalität jedoch gefunden war, ging mir der «Sound» des Buches nicht mehr aus dem Kopf und das Schreiben leicht von der Hand. 

Neben der Suche nach der eigenen Identität ist Ihr Roman auch ein Spiegel dessen, was in den 80ern in der Schweiz geschah; Jugendunruhen, Spiessbürgertum, Drogenszene Zürich, Einbürgerung… Und trotzdem spiegelt sich das sozialpolitische Geschehen ganz in den Protagonisten. Es schwingt unterschwellig derart viel mit, dass ich als Leser manchmal das Gefühl hatte, mehrere Bücher miteinander zu lesen. Leser*innen in meinem und Ihrem Alter fühlen sich gespiegelt, erinnert – und junge Leser*innen wundern sich über die Abgründe hinter den Fassaden. War das Absicht?
Absicht würde ich es nicht nennen. Als Autorin möchte ich möglichst viele Menschen erreichen und dafür treffe ich gewisse Entscheide. «Zu wenig vom Guten» ist im Grunde eine ziemlich traurige Geschichte, die ich mit einer grossen Leichtigkeit erzählen wollte. Aber einen solchen Entscheid trifft man instinktiv und nicht absichtlich. Ein tieftrauriges Buch hätte mich wohl selbst beelendet. Dass das Buch auch generationenübergreifend zu funktionieren scheint, freut mich besonders.

Sie beschreiben einen Kosmos, jenen der Familie. Einen ganz eigenen Kosmos, weil die Familie, aus Ungarn stammend, alles tut, um der „Schweiz“ zu genügen. Eine aus dem Ausland stammende Familie, die alles, aber wirklich alles tut, um sich zu integrieren. Das Idealbild gewisser Kreise auch heute. Integration bis zur Selbstverleugnung. Ein Prozess, der aber auch im Leben eines jungen Menschen passiert, dann, wenn man während der Pubertät unbedingt zu eine Piergruppe „dazugehören“ will, wenn man ein Teil von etwas Grösseren sein will. Ein Prozess, der die beiden Schwestern spaltet. Die Erzählerin will sie retten, scheitert aber. Ihre Schilderungen scheinen keine Innenansichten, sondern Aussenansichten zu sein, versöhnt distanziert. Viele Bücher, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzen, triefen vor Selbstergriffenheit. Liegt das an Ihrer „Reife“?
Um diese Geschichte zu erzählen, musste ich so alt werden, wie ich heute bin. Ich nehme vieles entspannter, fühle mich freier in meinem Denken aber auch sonst. Für distanziert halte ich die Erzählerin nicht. Aber sie weiss sich zu schützen und hält es für gut, dass alle irgendwann vergessen werden «dürfen». Eine Ansicht, die ich mit ihr teile.

Eine Familie mit Grossvater. Ich mag diesen Grossvater sehr, zumal ich selber Grossvater bin. Aber im Gegensatz zu mir, ist der Grossvater in Ihrem Roman einer aus der immer seltener werdenden Sorte „Grossfamiliengrossvater“, obwohl die Familie selbst, trotz falscher Onkel und Tanten, klein ist. Man lebt eng zusammen, hat eine fixe Rolle, ist Teil des Lebens, nimmt gegenseitig Einfluss. Dieser Grossvater nimmt auch kein Blatt vor den Mund, etwas, was ich mir nicht leisten kann. Etwas, das nur funktioniert, wenn man Teil eines Zusammenlebens ist. Trotzdem zerfällt diese Familie. Ist dieser Roman auch ein Stück „Sehnsuchtsbewältigung“?
Ich mag den Grossvater selbst gut leiden, kenne ihn jedoch kaum. Aus Neugier wollte ich ihn mit besonderer Sorgfalt zeichnen. Der Roman soll keine Sehnsüchte bewältigen, aber es stimmt schon: Familien müssten immer gross und bunt und laut sein! Dass die einzelnen Familienmitglieder dieselbe Herkunft haben, ist dazu nicht nötig. Aber wenn da ein toller Grossvater wäre, der sich engagiert, dann wäre er ein Gewinn für die Familie und jedes Enkelkinds.

Schwestern. Jede mit ihrer Rolle. Jede im festsitzenden Glauben, diese Rolle spielen zu müssen. Für beide gibt es keinen Ausweg. Die eine verschreibt sich der Rebellion, die andere der Anpassung. Ein Motiv, das bis in die Märchenwelt greift. Ist das Schreiben ein Versuch, der eigenen Rolle zu entfliehen?
Nein, das glaube ich nicht. Ich unternehme als Autorin keine Fluchtversuche, vielmehr wende ich mich den Dingen hin, bin eine aufmerksame Beobachterin für alles, was um mich herum geschah und noch geschieht. Auch das ist meiner Neugier geschuldet. Ich halte fast alles für interessant.

Katinka Ruffieux wurde 1968 in der Schweiz geboren und wuchs in einer ungarischen Familie auf. Sie lebt und arbeitet in der Nähe von Zürich. 2019 gewann sie mit ihrer Kurzgeschichte »Streuner« den Wettbewerb des Literaturhauses Zürich. Es folgten das Wanderbuch »Auf den Spuren der Literatur« und das SRF-Hörspiel »Kalter Kaffee«. 2023 war sie Stipendiatin der Bayerischen Akademie des Schreibens am Literaturhaus München, wo sie an ihrem Romandebüt »Zu wenig vom Guten« arbeitete.

Katinka Ruffiex liest und diskutiert im Rahmen von «Die Nacht der Debüts» in Frauenfeld in Theaterwerkstatt Gleis 5 am 26. September

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