Alex Capus «Querfeldein», Hanser

Ein Roman, der vor Erzähllust sprüht. Wer Alex Capus kennt, wer bereits von ihm gelesen hat, ihn vielleicht sogar einmal live erlebte, wird sich bestätigt fühlen; ein Geschichtenerzähler wie er im Buch steht, in seinen. Einer, der mit grosser Geste erzählt, der seine Held*innen liebt, Menschen, ihre Geheimnisse, ihre Eigenheiten, ihre Abgründe.

Moskau liegt nicht weit vom Rhein, im Kanton Schaffhausen, nahe an der Grenze zu Deutschland. Nicht nur in der Fantasie von Alex Capus, sondern tatsächlich. Direkt an der Grenze steht das Gasthaus zur Moskau, der Dreh- und Angelpunkt des neuen Romans des grossen Geschichtenerzählers. Wie kaum ein anderer Autor sprudelt Capus in seiner Erzählfreude und Figurenzeichnung. Der kleine Ort an der Grenze wird zum lebendigen Schauplatz einer Familiegeschichte, eigenwilliges Personal verwandelt den stillen Ort, das Gasthaus, das Arnold bauen liess zu einem Stück Welttheater, eine Bühne, auf der sich die Wirren der Zwischenkriegszeit spiegeln, die Transformation einer Gesellschaft, der Wandel einer Zeit in grosser Unsicherheit.

Bis sich Arnold mit dem Gasthaus zur Moskau sesshaft machte, war er einer, der stets von Ort zu Ort, von Arbeitgeber zu Arbeitgeber weiterzog. Nicht weil er sich nicht festlegen wollte, sondern weil er den Trott, die lebenslange Wiederholung fürchtete. Aber mit einer Glückssträhne im Casino zu Geld gekommen, baut er sich an der Grenze zu Deutschland ein Gasthaus, vielleicht doch eine Idee davon, dereinst sesshaft zu werden. Und weil er im nahen Weiler Moskau, unweit von Ramsen die Witzbolde nicht zum Schweigen bringt, mahnt er den Schriftenmaler im letzten Augenblick nicht „Eintracht“, sondern „Zur Moskau“. Irgendwie Programm für einen Mann, der sich nicht festlegen will, für eine Gegend, wo auch „Petersburg“ nicht weit davon liegt, am Ende der Welt.

Alex Capus «Querfeldein», Hanser, 2026, 290 Seiten, ISBN 978-3-446-28564-4

462 510 Mark liegen auf seinem Konto. Eine Summe, die ihn ein Leben lang frei leben liess, die es ihm möglich machte, sämtliche Rechnungen in Bar zu bezahlen, was ihm wiederum den Respekt all jener brachte, die er für eine Leistung zu bezahlen hatte. Und als dann mitten im Winter eine Herde Wildpferde über die Grenze am Gasthof vorbeikam, vorneweg ein mächtiger Fuchshengst mit weissem Stern auf der Stirn, auf ihm eine junge Frau, ohne Sattel, bloss auf einer feldgrauen Wolldecke. Eine Erscheinung, von der sich Arnold nicht mehr zu lösen vermochte. Eine junge Frau, die am Ende der Welt eine neue Zeitrechnung einleutete. Die Amazone hiess Betty. Arnold und Betty werden sich schnell einig. Vier Monate später wird Hochzeit gefeiert, auch wenn Arnold mit keiner Silbe erfährt, woher seine Frau kommt. Er kennt nicht einmal ihren Familiennamen. An der Hochzeit ist kein Gast von ihrer Seite, dafür wird umso flotter und mitt viel Musik auf seiner Seite die Hochzeit gefeiert.

Dass Betty nicht ins Muster all jener Frauen passt, die den kleinen Ort im Schaffhausischen bewohnen, wird noch einmal klar, als wenig später das erste Kind zur Welt kommt. Dieses Baby gehört mir. Das weisst du und das weiss ich. Wahrscheinlich werden wir noch weitere Babys haben, dann wird eines vielleicht deines sein. Aber dieses hier ist meins. Kein Wunder ist auch die Erstgeborene Clara ein besonderes Kind. Kaum kann sie laufen, macht sie sich auf, für Stunden, später für Tage. Später holt sich Clara von jedem im Dorf den Respekt. Manch einer bekommt blaue Flecken und wagt es nicht mehr, ihre Nähe zu suchen.

Aber auch Clara findet jemanden; Hermann, den Bären. Einen Schmugggler, der sich auch von der braunen Grenzwacht nicht abschrecken lässt. Hermann wird schnell Teil der Familie, auch wenn sein Schnarchen vom Schopf nebenan bis ins Gasthaus zu hören ist. Aber Hermann macht Clara glücklich. Und tröstet auch Arnold, als sich Betty eines Tages aufmacht auf ihrem Pferd und verschwindet.

„Querfeldein“ ist mit derart viel Leichtigkeit und Freude erzählt, dass die Lektüre trunken macht. Ich staune über die Purzelbäume, die er schlägt. Auch wenn der Stoff in einen historischen Kontext gestellt ist, auch wenn es die Orte, das Haus am Ende der Welt gibt, drängt sich die Frage, ob das nun wahr sei, kein einziges Mal auf. Was erzählt wird, ist immer wahr, weil es genau so unwahr ist, wie alles Nacherzählte, dass durch Geist, Herz und Leib eines Erzählers oder einer Erzählerin gegangen ist. Mag sein, das Alex Capus in kein Muster helvetischen Erzählens passt. Wenn er erzählt, erinnert er mich an den grossen Schweizer Geschichtenerzähler André Kaminski (1923 – 1991), der es meisterlich verstand, mit der grossen Kelle anzurichten. Köstlich! 

Interview

Moskau liegt nicht vor deiner Haustür. Wie kam die Geschichte zu dir?
Ich bin unermüdlich gern in Brockenstuben und auf Flohmärkten unterwegs, krame dort in alten Sachen, die ich gar nicht brauche. In meinem Alter – ich werde 65 – hat man ja alles und sollte sich eher von Sachen lösen als sich neue zulegen. Irgendwo bin ich dann wohl auf diese Ansichtskarte des Gasthofs zur Moskau gestossen – wo das war, weiss ich nicht mehr. Was ist das denn, habe ich mir gedacht, wieso Moskau und warum in Ramsen. Eine erste Google-Suche hat mich zu Stefan Kellers schönem kleinen Band «Bildlegenden» geführt, in dem auch Hermann Webers Geschichte skizziert ist, und von da ging es weiter zu den Dissertationen und Artikeln von Historikern (u.a. Franco Battel: «Wo es hell ist, da ist die Schweiz»). Und dann bin ich natürlich selbst noch in die Archive gestiegen und habe Ramsen und Singen besucht.

aus «Bildlegenden» von Stefan Keller, Rotpunkt, 2016, Archiv Stefan Keller

Alle Protagonist*innen in deinem Roman sind starke Persönlichkeiten, Menschen, die sich nicht gerne einordnen und unterordnen lassen. Rebell*innen. Wahrscheinlich triffst du mit der Schilderung dieser Personen auch einen Nerv deiner Leser*innen. Eine ungestillte Sehnsucht, heimliche Versäumnisse. Oder steckt in deinem Personal ganz viel Alex Capus?
Die Figurenzeichnung ist natürlich fiktional, sie lässt sich kaum aus Parlamentsakten und Verhörprotokollen entnehmen. Und ja, ich zeichne Figuren, die mir gefallen, die mir entsprechen und über die ich etwas zu erzählen weiss. Insofern ist gewiss viel von mir in ihnen.

Es sind Menschen, die genau das tun, was sie wollen. Deine Protagonist*innen schlittern nicht einfach in ein Leben, in eine Existenz. Sie folgen ihrer inneren Stimme. Sie leben ein Leben, das sich nicht nach Normen richtet. Ist dein Roman auch ein Statement für weniger Anpassung? Das Rebellische in sich nicht zu verlieren?
Gerade in der heutigen Zeit, in der Milliardäre und Autokraten die Welt nach Belieben beherrschen zu dürfen glauben, ist das Signal wichtig, finde ich, dass auch in einem kleinen Dorf wie Ramsen eine Handvoll Menschen sich machtvoll gegen die Diktatoren erheben können. Diese Asterix-Geschichte in dem Buch ist mir sehr wichtig.

Wie sehr bist du bei diesem Roman oder bei allen Romanen, die du geschrieben hast, einem Plan gefolgt?
Ich kenne jedes Mal ungefähr den dramaturgischen Bogen, dem ich folgen will. Aber wie sich das in den Details ausgestaltet, ergibt sich Schritt für Schritt, da muss ich mich vorantasten. Darum fange ich auch beim Schreiben mit Seite eins an und höre mit der letzten auf, ich kann nicht den Mittelteil zuerst schreiben und dann den Schluss und schliesslich den Anfang. Bei «Querfeldein» stellte sich mir die ganze Zeit die Frage, wie ich die Rebellion der Leute von Ramsen schildern würde, wenn ich dort anlangte. Die Lösung war dann ganz einfach – ich habe es so erzählt, wie es sich tatsächlich zugetragen hat, vermutlich, wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich. Wobei es natürlich auch ganz anders gewesen sein könnte.

Die eigentliche „Hauptperson“ in deinem Roman ist der Gasthof zur Moskau, Dreh- und Angelpunkt, die Bühne in deinem Roman. Du bist selber Wirt, hast in deinem Leben viel Zeit hinter der Theke verbacht. Ein Gasthaus ist auch eine Bühne mit Auftritten und Abgängen. Manchmal erschien mir dein Roman wie ein Freilichttheater. Es blitzten Erinnerungen an Jeremias-Gotthelf-Filme und -Bücher auf. Musst du dich als Beizer davor hüten, deine Stammgäste zu zeichnen?
Ich habe tatsächlich ein Herz für Gasthöfe, Wirte und Gäste, davon verstehe ich auch etwas, und darum fällt es mir leicht, darüber zu schreiben. Danke für die Erwähnung von Gotthelf, der hat ja in «Der Geltstag» einen ganzen Roman einer liederlichen Wirtin gewidmet. Er ist 2025 bei Diogenes neu erschienen und ich durfte ein Nachwort dazu schreiben.

Alex Capus, geboren 1961 in Frankreich, studierte Geschichte, Philosophie und Ethnologie in Basel und arbeitete während und nach seinem Studium als Journalist und Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. Seit 1994 veröffentlicht Alex Capus Kurzgeschichten, historische Reportagen und Romane, die in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Daneben hat er auch John Fante übersetzt. Capus lebt als freier Schriftsteller in Olten.

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Beitragsbild © Mergime Nocaj 

Christoph Peters «Entzug», Luchterhand

Er trinkt, weil er glaubt, nur so in die Untiefen seines Bewusstseins vordringen zu können. Er trinkt, bis ihn seine uneingestandene Sucht mit dem Tod bedroht, bis er seine Familie im Dunst verliert, bis der Suff ihm das einzige wegnimmt, was er kann; das Schreiben. „Entzug“ ist ein Roman, der mich tief beeindruckt.

Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los steht in Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Ob Christoph Peters jene Geister loswerden konnte, die ihn zwei Jahrzehnte seines Lebens fest im Griff hatten? Die Flaschengeister, die alles dominieren, Alkoholiker zu egozentrischen Monstern machen? Christoph Peters legt aus mehr als zwanzig Jahren Distanz einen Roman vor, der sich in seiner kompromisslosen Art und Weise jenen Geistern entziehen will, der schonungslos aufzeigt, mit welcher Wucht eine solche Sucht einen Menschen machtlos werden lässt. Wie sich Gedanken zunehmend nur noch um die immer gleiche Frage drehen: Wie komme ich zu meinem Stoff, ohne die Fassade zu stören? Christoph Peters hat aus dem eigenen Leben, dem eigenen Kampf, dieser letzten Wendung, bevor er sich in den Tod gesoffen hätte, einen Roman geschrieben. Ein Zeugnis. Vielleicht auch eine Heilsgeschichte, den Weg knapp an der Hölle vorbei, den totalen Realitätsverlust, den Beginn eines langen Weges aus der Sucht heraus.

Dass aus dem Buch viel mehr als der Report eines Bezwingers seiner selbst wurde, verdankt Christoph Peters seiner Sprache, der Intensität dieses Textes, dem sprachlichen Abbild dessen, was jene Zustände der totalen Besoffenheit und glasklaren Nüchternheit erzeugen können. „Entzug“ ist viel mehr als „Bekenntnisliteratur“, auch wenn Ehrlichkeit und Offenbarung in vielem an solche erinnern. Wahrscheinlich ist es Christoph Peters Glück, dass er seine Kunst des Hineinschreibens in sich trägt, die Fähigkeit der gnadenlosen Reflexion, die Kunst, aus abgrundtiefem Elend etwas Schönes zu erzeugen. Sein Glück und mein Glück. Vielleicht auch das Glück eines Schriftstellers, der schon mit mehr als zwei Dutzend Büchern immer und immer wieder bewiesen hat, dass er Meister seines Fachs ist. Es braucht die Sensation einer Offenbarung nicht, zumal das Trinken in Kreisen der Schreibenden kein seltenes Phänomen ist und bis vor wenigen Jahren der Stoff, der den Literaturbetrieb schmierte.

Christoph Peters «Entzug», Luchterhand, 2026, 400 Seiten, ISBN 978-3-630-87785-3

Der Protagonist im Roman trägt den Namen des Schriftstellers, eine Maske hätte es nicht gebraucht. Christoph Peters im Buch schreibt an einem Roman („Ein Zimmer im Haus des Krieges“). Nachdem er die ersten Seiten seinem Verleger zusandte, schreibt ihm dieser zurück, man könne den Text nicht brauchen. Auf den ersten Seiten des Romans findet die Frau des Protagonisten eines Morgens auf dem Küchentisch eine halbleere Flasche Wodka. Was macht die Flasche da?, fragt die Frau und er windet sich in Ausreden, Vorhaltungen und fadenscheinigen Erklärungen. Schreiben ohne zu zittern kann er nur noch, wenn er direkt nach dem Aufstehen seinen Alkoholpegel auffrischt. Überall in der Wohnung sind Flaschendepots eingerichtet, Verstecke, von denen er glaubt, nur er wisse davon. Und mit einem Mal spitzt sich die Lage zu; Wird ihn seine Frau zusammen mit dem kleinen Kind verlassen? Wird ihn der Verleger fallen lassen? Wozu ist er noch zu gebrauchen, wenn er nicht mehr schreiben kann? Es bleibt jener Rest Realitätsbezug übrig, der ihn eine Bekannte anrufen lässt, die Ärztin ist, die ihm unmissverständlich klar macht, dass nur ein kontrollierter, begleiteter Entzug der Weg sein kann. Jener letzte Rest Selbstachtung, die Angst, alles zu verlieren, sich in den Untergang zu saufen, führen jenen Christoph Peters in eine Klinik, einen Entzug, in ein Mehrbettzimmer mit lauter Suchtkranken, einen Ort, an dem er den letzten Rest Selbstkontrolle abgeben muss, wo man ihn nicht einmal alleine duschen lässt. An einen Ort, wo man ihm unmissverständlich vor Augen führt, was geblieben, worauf noch zu hoffen ist und was sein wird, wenn er nicht radikal die Richtung ändert.

Das erste Drittel des Buches trägt den Titel „Trinken“, die beiden folgenden Drittel „Nicht trinken“. Es gibt ein klar abgegrenztes Davor und Danach, ein Entweder-oder. Genau so, wie sich das Leben aller Alkoholiker*innen, die sich ihrer Sucht entziehen können in ein Davor und ein Danach teilt. Es gibt nur das Entweder-oder. Und trotzdem bleibt man ein ganzes Leben Alkoholiker*in. In Interviews verrät Christoph Peters, dass er auch zwanzig Jahre nach der Sucht die Folgen tragen muss. Jener Christoph Peters im Buch, der schon als Pupertierender den Entschluss gefasst hatte, dereinst Künstler und Trinker zu werden, kam aus einem Umfeld, das dem Alkohol mit aller Selbstverständlichkeit begegnete. Der Dunst gehörte dazu, war immer da. So wie später im Internat – und danach als junger Schriftsteller. Auf dem Cover seines Romans sieht man ein Selbstbildnis des Autors, dass er mit sechzehn gemalt hatte, noch unschlüssig, ob er Maler oder Schriftsteller werden sollte. Der Geist, der aus der Flasche kam, war allgegenwärtig.

Christoph Peters ist ein äusserst beeindruckendes Buch gelungen. Ein kraft- und kunstvoller Roman über den tiefen Fall, denn wie er die Tage vor seinem Entschluss, in jene Klinik einzutreten, jene Zeit des Permarauschs, des maximalen Selbstbetrugs, der Angst vor dem freien Fall beschreibt, spiegelt sich in der grellen Klarheit der Nüchternheit, die mit allen Nebenwirkungen, von denen er in der Klinik nicht weiss, ob sie ihn wieder loslassen, schrittweise zurückkehrt.

Interview

Wie kaum je zuvor wurde mir bei der Lektüre ihres Romans bewusst, dass man letztlich nie von einer derartigen Sucht frei wird. Seien es Alkohol, Tabletten, Kokain oder anderes. Wer einmal in der Spirale gefangen ist, schlägt sich ein Leben lang mit der Sogwirkung oder den Nach- und Nebenwirkungen herum. Sie lässt sich nicht vergessen, nicht abschütteln. Man kann sich nicht freikaufen. Wo ist der Kipppunkt? Wann beginnt Sucht und hört Genuss auf?

Ein allgemeingültiger Kipppunkt ist schwer genau festzumachen, obwohl es natürlich verschiedene Indizien gibt, die nahelegen, dass man süchtig beziehungsweise abhängig trinkt. Das beginnt mit der Ritualisierung des eigenen Trinkens auf einem gehobenem Niveau. Grundsätzlich würde ich zwischen psychischer Abhängkeit – dass ich unbedingt regelmäßig eine bestimmte Menge Alkohol brauche, um entspannen, abschalten zu können, mich überhaupt wohl in meinem Leben zu fühlen, – und physischer Abhängigkeit unterscheiden. Erstere ist zwar auch nicht gesund, weder für den Geist noch für den Körper, aber man kann das relativ lange praktzieren, ohne dass es direkt lebensbedrohlich wird. Dann gibt es die Schwelle zur physischen Abhängigkeit. Wenn die einmal überschritten ist, benötigt der gesamte Organismus eine konstante Mindestmenge Alkohol, um überhaupt halbwegs zu funktionieren. Sobald der Alkoholgehalt unter diesen Pegel fällt, beginnen Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche, Angstzustände. Bei manchen Leuten setzt das nach relativ kurzer Zeit übermäßigen Konsums ein, bei manchen kommt es schleichend im Lauf der Jahre. Spätestens sobald man zittert, wenn man ein paar Stunden nichts getrunken hat, kann man zumindest sich selbst nichts mehr vormachen. Man muss dann heimlich trinken, bewegt sich in einem zunehmenden Lügengeflecht, alles wird – wie bei einem Junkie – der Droge untergeordnet. In diesem Stadium zerfallen dann auch die privaten Beziehungen, häufig beginnt ein Prozess sozialen Abstiegs, verbunden mit Jobverlust, Trennungen, Obdachlosigkeit und schließlich tödlichen gesundheitlichen Komplikationen.

Vor ein paar Jahren lernte ich einen Autor kennen, der einen Roman zum Thema Demenz schrieb. Danach wurde er immer und immer wieder als „Sachverständiger“ eingeladen. Eine Rolle, mit der er sich je länger, je weniger identifizieren konnte. Droht nicht auch ihnen eine solche Rolle? Wird man nicht zum Vorzeigebeispiel jenes einstelligen Prozentanteils, der es „geschafft“ hat.

Die Gefahr sehe ich so erst mal nicht. „Entzug“ ist mein dreizehnter Roman, dazu kommen Erzählbände und Essays, bei denen so unterschiedliche Themen wie Kunstgeschichte und Gegenwartskunst, Islam und Islamismus, christlicher Fundamentalismus, Japan, Teezeremonie, der Niederrhein und das politisch-kulturelle Leben in Berlin eine zentrale Rolle spielen. Deshalb gehe ich eigentlich nicht davon aus, dass ich als Autor künftig nur noch „monothematisch“ zum Thema Alkohol wahrgenommen werde. Bislang kamen denn auch mehr oder weniger alle Gespräche zum Buch und ebenso die Lesungseinladungen aus dem Bereich der Literaturrezeption. Neben dem thematisch-biografischen Interesse ging es dort immer auch um literarisch-ästhetische Fragen. Im übrigen ist die Literatur für mich auf der einen Seite ein Medium, in dem bestimmte Themen und Fragen verhandelt werden, auf der anderen Seite ist jedes Thema umgekehrt eben auch Anlass und Möglichkeit, über die Literatur zu reden.

Die Ehefrau des Protagonisten wird immer nur die Frau genannt. Ein krasser Gegensatz zu den Textpassagen, in denen sich der Protagonist an sein kleines Kind erinnert. Ist das ein willentlicher Akt eines Versuchs der Distanzierung? Nicht weil er sie nicht mehr liebt, aber weil er sie aus dem Schussfeld nehmen will, weg vom Schauplatz seines inneren Kampfs?

Die Bezeichnung der Ehefrau als „die Frau“ war zunächst einmal ein Mittel, um diese äußerste Distanzierung sprachlich sinnfällig zu machen, die jeder Süchtige mehr oder weniger allen Menschen seines Umfelds gegenüber vornimmt. Gerade die Menschen, die einem besonders nahestehen, sind in diesem Zustand der größte „Gegner“ für die totale Herrschaft des Alkohols, weil sie einen potenziell am Trinken hindern wollen. Im Verlauf des Romans – im zweiten Teil, kurz nach dem Beginn des klinischen Entzugs – wird aber aus „die Frau“ allmählich „meine Frau“ und dann eben „V.“. Und dann gibt es ja auch noch die Widmung. Im Falle des Kindes ist es ein bisschen anders, weil das Kind den Vater ja auf seine unmittelbare Weise weiterhin ungebrochen liebt, da funktioniert das mit der Distanzierung schlechter. Abgesehen davon ist Alkoholismus auch eine Krankheit, die einen wahnsinnig rührselig und sentimental macht, dann bricht man über das eigene große Gefühl der Liebe zum Kind in Tränen aus –  allerdings ohne daraus die Konsequenz zu ziehen, endlich mit dem Trinken aufzuhören.

Manchmal, wenn sie fast seitenlange Sätze schreiben, lesen sich die Passagen wie ein Sprachrausch. Aber ganz ähnlich jene Passagen absoluter Nüchternheit. Dort ist alles glasklar. Wie muss ich mir den Schreibprozess solcher Passagen vorstellen. Gibt es dieses rauschhafte Schreiben oder ist es „nur“ konstruiert?

Ich schreibe nie rauschhaft, ganz gleich, welchen Zustand ich versuche sprachlich zu fassen. Mein Arbeitsprozess ist darauf ausgerichtet, möglichst präzise und zugleich sinnlich nachempfindbar die jeweilige Geschichte zur Sprache zu bringen. Das geht, jedenfalls für mich, immer über ausgedehnte Korrektur- und Überarbeitungsprozesse. Etwa achtzig Prozent meiner Schreibtischzeit besteht darin, aus ursprünglich mehr oder weniger peinlichen Sätzen allmählich nicht-peinliche Sätz zu machen. Wenn ich einen Text an den Verlag schicke, habe ich alles, was dort, steht sechzig bis hundert Mal gelesen. Ich würde das aber trotzdem nicht „nur konstruiert“ nennen. Dieser Vorgang des täglichen Formulierens und Umformulierens hat für mich eine sehr große Intensität, die immer noch relativ schnell in totale Verzweiflung mündet, wenn es trotzdem nicht so wird, wie ich mir das vorstelle.

Es dauerte mehr als zwei Jahrzehnte Distanz, diesen Roman in dieser Form zu schreiben. Und trotzdem schaffen sie es, dem Roman einen fast dokumentarischen Charakter zu geben. Brauchte es die Distanz? Wann war klar, dass sie irgendwann diesen Roman schreiben mussten?

Der Roman thematisiert ja schon relativ am Anfang des „Nicht-Trinken“-Teils in der Klinik, dass ein Künstler oder Schriftsteller das ganze Leben als Materialsammlung benutzen kann. „Alles dient“ hat uns mein Lehrer an der Karlsruher Kunstakademie, Horst Egon Kalinowski, immer gesagt. Gegen Ende der Zeit in der Klinik war mir schon klar, dass die Zustände, die ich während dieses Entzugsprozesses durchlaufe, eine Intensität haben, die ich eines Tages für einen Roman nutzen wollte. Das ist aber auch nichts Neues gewesen. „Stadt Land Fluß“, „Wir in Kahlenbeck“, „Dorfroman“ haben auch starke autobiografische Elemente. Ich benutze mich selbst auch immer wieder als eine Art Crash-Test-Dummy für die Geschichten, die ich erzähle. Da ich aber über Dinge, die ich erlebt habe, normalerweise erst schreiben kann, nachdem ich sie für mich innerlich soweit verarbeitet habe, dass sie mich emotional nicht mehr belasten, dauert es einfach meist Jahrzehnte, bis so ein autobiografischer Stoff romantauglich geworden ist.

In Deutschland sind 2 Millionen Menschen alkoholabhängig. Je nachdem wie gezählt wird, sollen es gar 4 Millionen sein. Jede vierte Person. Das muss unglaubliche wirtschaftliche Konsequenzen haben. Damit müsste es doch auch im Interesse des Staates und sämtlicher Versicherungen sein, dass Alkoholismus zur Volkskrankheit erklärt werden müsste, dass alle Institutionen alles Menschenmögliche tun müssten, um gegen die Verharmlosung dieser Sucht anzutreten. Passiert das?

Ob die wirtschaftliche Gesamtbilanz des kollektiven Alkoholkonsums in Deutschland oder Europa für die Staatskassen über Steuern, Export, Tourismus – es gibt ja überall Bier- und Weinfeste, wo die Leute in Massen hinpilgern, um gemeinsam zu trinken – , die Entlastung der Rentenkasse durch die geringere Lebenserwartung von Starktrinkern und Alkoholikern eher positiv oder aufgrund der mit Trunksucht verbundenen Arbeitsausfälle und höheren Gesundheitsausgaben eher negativ ist, kann ich nicht beurteilen. Es gibt inzwischen zwar – wie für alles – auch zum Thema Alkohol Gedenktage und Aktionswochen, ab und zu mal eine Plakatkampagne oder einen Fernsehclip, aber die Alkoholwerbung nimmt natürlich deutlich mehr Raum ein. Da wird einem immer suggeriert, dass das Leben durch Bier erst schön wird. Dazu kommt die Verklärung von Alkohol als identifikationsstiftendem Kulturgut, das es unbedingt zu schützen gilt, nicht zu vergessen, dass der tägliche Wein nach der Arbeit, der Schnaps gegen den Stress auch selbstverordnete Psychopharmaka sind, die dabei helfen, dass das strukturelle Gefühl der Sinnlosigkeit im Konsumkapitalismus nicht so weit um sich greift, dass das gesamte System in unkontrollierbarer Massendepression untergeht.

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit «Innerstädtischer Tod» (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.

Rezension zu «Krähen im Park» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Peter von Felbert

Angelika Klüssendorf «Trost», Piper

Was ist Familie? Was passiert, wenn der Stern, um den die Planeten drehen, implodiert? Angelika Klüssendorf erkundet die feinen Risse, die zu Eruptionen werden, in einer Gegenwart, die in ihren Grundfesten erschüttert wird. Ihr neuer Roman „Trost“ hat die Kraft eines Tiefenbebens.

Rita wohnt allein. Nur zwischendurch lebt Joachim bei ihr, wenn er nicht in seiner Wohnung in Berlin ist. Ruth ist nach den Besuchen von Joachim gerne allein, gerne wieder allein, schon seit Jahren. Joachim und Ruth sind schon ein Jahrzehnt ein Paar, auch wenn beiden nicht so ganz klar zu sein scheint, was sie in der Beziehung hält. Gewohnheit? Die Angst vor dem Alleinsein? Vielleicht ist es für Rita Joachims Tochter Jane, mit der sie schon von Beginn weg eine seltsame Nähe verbindet. Jane steht kurz vor dem Abitur. Und weil alles, nicht nur die Familie, auch die Nachwirkungen der Pandemie und der angezettelte Krieg Russlands gegen die Ukraine, die junge Frau bis ins Mark erschüttert, wird die Frau an der Seite ihres Vaters zu einem Fixstern in ihrem Leben, das Haus zu einem Zuhause. Ihre Mutter, von der sich ihr Vater vor Jahren trennte, bei der sie noch immer morgens das Bett verlässt, um jeden Morgen der Einöde zu entfliehen, entfremdet sich ihr immer mehr, sinkt ab im Sofa für dem Fernseher. Ihr Halbbruder Eric, Vater geworden, verliert sich in der haltlosen Liebe zu einer Frau und ihre Freundin Lea, die einzige, der sie sich wirklich anvertrauen will, verliert sich hinter einem schweren Vorhang des Schweigens.

Und als Rita eines Morgens in ihrem Garten zusammenbricht und im Krankenhaus nicht mehr aus einem Koma erwacht, beginnt für Jane eine Zeit, die sie schmerzhaft in die Autonomie zwingt, ins Erwachsensein, in die Ernüchterung darüber, das die Welt sich nicht nach ihren Bedürfnissen dreht.

Angelika Klüssendorf «Trost», Piper, 2026, 208 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-492-07267-0

Jane besucht Rita regelmässig im Krankenhaus, die Frau, die nicht nur die Lebensgefährtin ihres Vaters wurde, sondern ihre Vertraute. Während ihr ihre Mutter mehr und mehr peinlich wird, gab ihr die Frau, die verloren im Krankenbett liegt, Sicherheit, erklärte ihr manchmal gar die Welt. Ritas Haus, ihr Garten, die Hühner, alles schien zu einem letzten Platz der Ordung zu werden. Bis ein Insekt Rita niederstreckte.

Joachim, Janes Vater, schwankt. Rita hat ihm in den letzten Jahren das noch einmal zurückgegeben, was er verloren glaubte. Aber statt sich um das Schicksal Ritas zu kömmern, kümmert er sich erstmal um sich selbst, seine Verlorenheit, seine emotionale Unterzuckerung, sein Elend, einmal mehr der Verlassene zu sein. Da kommt die Schwester von Ritas Nachbarn gerade recht. Man freundet sich an und mit einmal ist das Glück zurück, während Ritas Zustand im Krankenhaus medizinisch für hoffnungslos erklärt wird. Jane versteht ihren Vater ebenso wenig wie ihre Mutter. Aber noch viel weniger sich selbst.

Dieses Gewirr aus familiären und freundschaftlichen Banden, die sich aber nicht als das erweisem, was sie sein sollten, dröselt Angelika Klüssendorf gekonnt, aber auch schonungslos auf. Konsequent aus der Sicht von Vater und Tochter, Joachim und Jane erzählt, schildert Angelika Klüssendorf die komplexe Spiegelung zweier Welten, die sich aneinander reiben, zweier Wirklichkeiten, die unaufhaltsam auf die Konfrontation zusteuern, eines Kleinkosmos, der unaufhaltsam zu eiern beginnt, das schonungslose Abbild einer „modernen“ Familie, die sich der Fremdeinwirkung nicht entziehen kann.

Rita war bis zu ihrem Zustand im Koma, Kinderbuchautorin. Eine Frau, die es nie ganz schaffte, die zu sein oder zu werden, die sie gerne geworden wäre. Zuviele Existenzen um sie herum zerrten an ihr, nicht zuletzt immer und immer wieder die falschen Männer. Im ersten Kapitel, im einzigen aus der Sicht von Rita geschildert, manifestiert sich eine festgefahrene, in vielen Bereichen vergiftete Beziehung, vielmehr ein Zustand als eine Beziehung. Nach all den Romanen Angelika Klüssendorfs ein weiterer, der schonungslos zeigt, wie romantisiert und verklärt der Begriff „Familie“ ist. „Trost“ ist ein starkes Stück!

Interview

Liegt im Titel ihres Romans das Vertrauen, dass sich das mitunter wirre Gefüge der Gegenwart doch noch irgendwann und irgendwie klärt? Weder Rita, noch Jane oder Joachim sind dort, wo sie sich hinwünschen, höchstens für kurze Momente. Findet man Trost im Zurückschauen, in der Analyse, im Reflektieren? Ist nicht genau die Schriftstellerei ein Bedürfnis nach Trost?
Das Buch trägt den Titel «Trost». Wer es ließt, kann darin durchaus Trost finden und ich selbst finde manchmal in meiner Arbeit Trost. Vor allem aber in der Natur. Sie ist einfach da, bewertet nicht, zeigt sich nur und wird uns hoffentlich überdauern.

Alle Beziehungen in diesem familiären oder ausserfamiliären Geflecht sind beschädigt. Was Beziehungen letztlich immer sind. Ausgerechnet jene von Rita und Jane, die sich nicht ausgesucht haben, behält sich ein grosses Stück Vertrauen und Offenheit. Und ausgerechnet diese Beziehung wird durch einen allergischen Schock und das andauernde Koma auf eine harte Probe gestellt. Warum werden wir uns der Bedeutung einer Beziehung sehr oft erst dann bewusst, wenn sie unwiederbringlich zu Ende ist?
Ja, in der Rückschau wird uns vielleicht klar, was wir verloren haben: unsere Kindheit, unsere Jugend, und schließlich unser Leben. Doch als Schriftstellerin kann ich mich erinnern, was durchaus schmerzhaft ist, aber letztlich ist Erinnern unsere Identität. 

Jane wird nicht nur mit dem Koma ihrer Stiefmutter in die Wirklichkeit hineingerissen. Die Wirklichkeit zwingt sie zur Autonomie. Sei es die Wirklichkeit in ihrer Familie, jene in den Auswirkungen der Pandemie oder im Umgang mit den Folgen eines Krieges, der Flüchtende bis in ihre Stadt spült. Aber Jane nimmt den Kampf mit sich auf. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, ihrem Halbbruder oder in grossen Teilen zu ihrem Vater. Sind wir letztlich immer allein?
Ja. Das klopfende Herz und ich. Doch auch hier wieder ein unendlicher Kosmos um uns herum. 

Jane und Joachim ringen. Die Art, wie sie es tun, reibt während des Lesens. Bei Jane ist es die Wut, bei Joachim seine Ergebenheit. Beides Charaktereigenschaften, die eine positive Entwicklung erschweren. Ist das Schreiben ihr Versuch, zwischen all den Reibungen aufrecht zu bleiben? Ihrem Teil Wut oder Ergebenheit entgegenzutreten?
Im Schreiben fühle ich mich zu Hause. Ich betrete darin die mir einzig verlässliche Welt. Und ich bin sehr froh, diesen Beruf ausüben so können. Denn dort bin ich eben nicht allein. 

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet. Die französische Übersetzung ihres Romans „Vierunddreißigster September“ stand auf der Longlist des Prix Femina 2022. Ihr Roman „Risse“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 nominiert.

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand

Alva ist Mutter zweier Kinder zweier Väter. Alva steigt auf einen Berg, den Calanda, den Churer Hausberg, im Nordwesten der Stadt. Sie braucht den Weg hinauf für eine Antwort. Sie braucht den Weg hinauf, um über die Ränder zu blicken. „Calanda oder Alvas Antwort“ ist der Weg hinaus aus beissenden Fragen.

Dieser Roman ist nach „Ein Winter in Istanbul“ und „Unschärfen der Liebe“ der letzte einer Graubünden-Istanbul-Trilogie. Romane, die thematisch zusammengehören, die man aber unabhängig voneinander lesen kann. Angelika Overath, Wahlengadinerin, kennt beide Landschaften wie ihre Westentasche. Zum einen weil sie in der Stadt am Bospurus mehrfach lange schrieb, zum andern weil sie eine der SchriftstellerInnen ist, für die die Recherche fester und unausweichlicher Bestandteil des Schreibens ist. Eine Recherche, die in ihren Büchern nicht mehr zu spüren ist. Eine Recherche, die der Autorin jene Trittsicherheit gibt, die ihr beim Schreiben eigen ist.

Sie wusste nicht genau, warum sie es jetzt tat. Manches weiss man nicht, auch wenn man es weiss.

Alva schleppt eine Diagnose mit sich, eine Diagnose, von der sie noch niemandem in ihrem Umfeld erzählt hat. Eine Diagnose, von der sie weiss, dass der Tod schon nach wenigen Jahren unausweichlich sein wird, dass sie ihre beiden Kinder viel zu früh zurücklassen muss. Sie steigt auf den Berg, wie sie es schon früher tat, mit Cla, dem Vater von Florinda und Baran, dem Vater von Mavi. Damals, als sie auf dem Weg hinauf zum Calanda Holz unterwegs einsammelten, auf dem Berg aus Steinen einen Windfang bauten, am kleinen Feuer ihr Abendbrot verzehrten und nebeneinander in ihren Schlafsäcken die Nacht im Freien verbrachten. Als alles noch offen war. Als Cla noch der war, mit dem eine Zukunft offenstand. Als ihr am nächsten Morgen, als sie auf die beiden schlafenden Männer sah, klar wurde, dass da zwischen den beiden mehr war als eine Männerfreundschaft.

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87786-0

Alva muss sich in Bewegung setzen, verlässt in aller Frühe das Haus, um mit dem Marschieren eine Antwort zu finden. Auf all die brennenden Fragen, die sich mit der Diagnose ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) nicht mehr in die Zukunft schieben lassen. ALS ist eine tödliche Muskelkrankheit, die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark zerstört. Eine Krankheit, die nicht aufzuhalten ist, eine Krankheit, die sie bewegungsunfähig machen, die die Atmung lähmen wird. Alva muss sich mit dem Gang hinauf Luft verschaffen, auf die Frage eine Anwort bekommen, ob es Sinn macht, ein solches Leben weiterzuführen oder irgendwo hinauf zum Calanda oder auf dem Weg zurück einen Ausrutscher zu provozieren.

Als sie Baran in Istanbul kennenlernte, war sie mit Cla schon 10 Jahre zusammen. Cla Mitte vierzig und sie noch eine junge Frau. Sie war damals schon nach Istanbul gereist, hatte sich aufgemacht, um Antworten zu finden, hatte Cla in Istanbul besucht, um ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Antworten, wie es weitergehen sollte, denn Cla hatte nicht wie erhofft auf die Vaterschaft reagiert. Statt dessen lernte sie Baran, Clas Freund kennen. ALS wird ihr den Atem rauben.

Alva lebt sterbend. Im Grunde tun das ja alle.

Auf dem Weg hinauf zum Berg ziehen Erinnerungen an ihr vorbei. Erinnerungen an ihre Herkunft, an ihre aus Schlesien stammende Grossmutter, die Geschichte ihrer Flucht und Vertreibung, an ihre Mutter, die Begegnungen mit den beiden Männern ihres Lebens. Angelika Overath schildert das Aufsteigen mit vielen Beschreibungen der Natur, Nahaufnahmen, dem Bewusstsein, dass man Antworten erst dann findet, wenn der direkte Fokus auf die Frage genommen wird, wenn Perspektiven dazukommen, wenn einem bewusst wird, dass man Teil eines ganz Grossen ist. Jene so wichtigen Anworten holt man sich nicht, sie werden einem geschenkt.

„Calanda oder Alvas Anwort“ ist ein ganz zarter Roman.

Interview

Alle, die wandern und dabei einen Hügel, einen Bergkamm oder gar eine Bergspitze erreichen, wissen von dem Gefühl, das einen unweigerlich einnimmt, wenn man es geschafft hat und den Blick schweifen lässt. Man steht darüber. Nicht nur über der Landschaft, irgendwie auch über den Dingen, die einen sonst mit aller Kraft am Boden fesseln. Alva hat mit sich und ihrer Diagnose zu kämpfen. Mit dem, wie sie den Rest ihrer Zukunft sieht, das langsame Sterben, mit dem, was sie zurücklassen muss. Dass einem das Gehen Klarheit verschafft, erfährt man schon, wenn man im Gehen Probleme diskutiert. Weil es eine Form des Aufbrechens, weil es Bewegung, weil es Dynamik ist. Auch in Alva bricht vieles auf, vermischt sich mit Erinnerung. Wieviel Gehen ist Schreiben?

Wandern wie Schreiben haben beide mit dem Erinnern zu tun. Im Gehen kommen erlebte Szenen unwillkürlich zurück, Gedanken bilden sich, führen zu neuen Bildern. Das ist auch beim Schreiben so. Erinnerungen stossen Gedanken an, Gedanken führen zu Bildern, zu Szenen. Beim Wandern wie beim Schreiben ist eine gewisse Ich-Abwesenheit oder Ich-Leere prägend. Ich sage manchmal, die Sprache schreibt mit. Ein guter Text ergibt sich nicht allein durch die rationale Strategie. Er braucht auch ein gewisses Mass an Zulassen. Beim Wandern vergessen wir uns ja auch, wir setzen Schritt vor Schritt, atmen. Und in dieser Selbstvergessenheit wächst etwas in uns. Beim Schreiben kommt dann der Prozess des Korrigierens. Der ist wichtig. Aber der Stoff hat auch mit dem Unbewussten zu tun. Kreativität ist nie nur reines Kalkül.

© Angelika Overath

Ihrem Roman ist ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska (1923 – 2012) vorangestellt: «Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. // Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern». Wie leicht vergessen wir mit unserer Sicht auf Dinge und Zustände die eigentlichen Wunder. Alvas Sorgen drohen alles zuzudecken, zu vergiften, nicht zuletzt die Liebe in ihrer Familie. Das Zitat nimmt aber auch Bezug zu Alvas Grossmutter, einer Vertriebenen, die zu Lebzeiten mit Apfelkernen Halsketten auffädelte. Eine Geste der Einfachheit, eine Geste der Naturverbundenheit, eine Geste, die sich tief in Alvas Bewusstsein eingegraben hat. Sind sie dort oben in Sent, im Engadin, wo sie zusammen mit ihrem Mann leben und arbeiten, tiefer als im deutschen „Unterland“, anders der Natur, dem Leben ausgesetzt?

Wir leben in den Bergen und mit den Bergen. Wir schauen auf Gesteinsformationen, die vor uns da waren und die nach uns da sein werden. Wir leben mit der atemberaubenden Schönheit von Schneegipfeln, von hüfthohen Blumenwiesen und unter einem Himmel, der oft so tiefblau ist, dass er schon wieder erschreckt. Wenn ich am Schreibtisch nicht weiterkomme, gehe ich hinaus. In wenigen Schritten bin ich am östlichen Dorfrand. Dort beginnt ein Rundweg durch Wiesen und Felder von etwa einer Stunde. Ich kann ihn verlängern und noch ein Stück weiter durch den Wald gehen. Meist fällt mir beim Laufen ein, wie es am Schreibtisch weitergeht. Einfach weil ich loslasse und nicht bewusst an den Text denke. Ich laufe, pflücke vielleicht Blumen und dann kommen, wenn ich alles vergessen habe, die Ideen.

Nebst der Auseinandersetzung mit einer niederschmetternden Diagnose ist ihr Roman auch eine Auseinandersetzung mit fixen Vorstellungen von Ehe, Familie und Partnerschaft. Passiert tatsächlich eine Aufweichung oder ist das, was wir in gewissen Kreisen feststellen, nicht bereits eine Gegenbewegung?

«Calanda oder Alvas Antwort» ist nach «Ein Winter in Istanbul» und «Unschärfen der Liebe» der abschliessende Teil meiner Istanbul-Trilogie. Am Anfang war keine Trilogie geplant, sondern nur der erste Teil. Ich war Stipendiatin in Istanbul für fast ein Jahr. Immer wollte ich etwas über Nikolaus von Cues, Cusanus, den mittelalterlichen Universalgelehrten, schreiben. Cusanus war ein früher Lessing, für den der Toleranz-Gedanke prägend war. Er hat in Istanbul bzw. dem damaligen Konstantinopel mit den Dominikanern den Koran diskutiert! Ich finde seine Prosa wunderbar. Er sagt zum Beispiel, wenn sich ein Löwe einen Gott vorstellen würde, hätte der Gott ein löwenähnliches Antlitz, wenn sich ein Adler einen Gott vorstellen würde, dann ein adlerähnliches. Für ihn ist Gott vom Menschen nicht begreifbar. Menschliches Denken und Empfinden kann sich immer nur annähern. Je mehr der Mensch Gott fassen möchte, umso mehr wird sich Gott dem Menschen entziehen.  Als ich in Istanbul mehr oder minder zufällig erfuhr, dass Cusanus im Winter 1437/38 den byzantinischen Kaiser und das Oberhaupt der orthodoxen Kirche auf Galeeren von Konstantinopel nach Venedig begleitet hat – es sollte in Italien ein Konzil geben, auf dem sich die Ostkirche wieder mit der Westkirche versöhnen sollte – da hatte ich den Kern meines Romans. Und da es keine Religionstoleranz ohne die Toleranz in geschlechtlichen Dingen gibt, erfand ich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern dazu. Cla, der Engadiner Lehrer, und Baran, der Lebenskünstler mit griechischen und türkischen Wurzeln, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Alva, die Verlobte von Cla, akzeptiert diese Liebe und gibt ihn frei. Und verheimlicht Cla zunächst, dass sie ein Kind von ihm austragen wird.

Als der Roman zu Ende war, spürte ich aber, dass ich noch bei den Figuren bleiben wollte. Und so entwickelte sich in den beiden folgenden Romanen eine neue Form von Liebe und Familie. Alva hat am Ende zwei kleine Kinder von zwei Männern, die einmal ein Paar waren und noch ab und an eine Nacht zusammen verbringen. Die aber auf ihre Art zwei verantwortliche Väter sind. Und Alva in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Ich glaube, was liberale gesellschaftliche Beziehungsformen angeht, gibt es kein zurück. Gleichgeschlechtliche Ehen sind heute zunehmend akzeptiert, auch offene Familien. Und das ist gut so. Die strenge bürgerliche Kleinfamilie war ja kein Erfolgsmodell.    

© Angelika Overath

Alva provoziert zumindest gedanklich auf ihrem Gang auf den Calanda den Suizid, einen Bergunfall, einen Fehltritt. Nur schon gedanklich tun wir es immer wieder. Was wäre wenn? Davon zehren Schriftstellerinnen. Spielen sie nicht immer wieder mit Fehltritten, Katastrophen?

Vielleicht haben Schriftsteller (bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht gendere, ich kann das begründen, aber hier ist nicht der Ort) eine sehr wache Phantasie. Vielleicht leben sie stärker mit dem Tod. Die Krankheit ALS ist im Roman real, aber sie ist auch eine Metapher für unsere Sterblichkeit. Wir wissen, dass wir sterben werden und leben doch oft oder meist so, als seien wir ewig. Auch unsere Berge sind nicht ewig. Aber im Vergleich zu ihnen sind wir ein Hauch. 

In Fritz Zorns autobiografischem Bericht „Mars“, der 1977 posthum veröffentlicht wurde, steht (sinngemäss) der Satz „Das Leben ist eine Krankheit mit tödlichem Ausgang.“ Ein Satz, der eigentlich nur wegen seiner Radikalität erschreckt. Für Alva muss die Auseinandersetzung mit ihrer unabwendbaren Diagnose ähnliche Radikalität auslösen. Wie weit ist ihr Roman der Versuch eines Aufbrechens, eines Bewusstmachens? Oder scheitert Literatur, wenn sie etwas will?

Ich bin keine dezidiert politische Autorin. Aber ich habe eine Haltung. Ich habe schon was zu sagen. Und ich will verständlich sein. Meine Texte sollen Erlebnisqualität haben, den Leser mitnehmen. Wer liest, ist ganz nah an Alva, geht mit ihr zusammen, atmet mit ihr. Ich lege Wert auf sprachliche Intensität. Und sicher will ich manches bewusst machen. Zum Beispiel, dass das Leben kostbar ist. Dass auch ein verletztes Leben kostbar ist. Hier kommt die Grossmutter ins Spiel (unter anderem), die zwar nach einem Hirnschlag reduziert ist, aber für das Kind Alva lebenswichtig war. Diese Kette aus Apfelkernen ist eine Kette aus Apfelkernen. Aber sie ist auch ein Symbol dafür, dass das Kleine kostbar sein kann und dass Sorgfalt vieles, was übersehen wird, wertvoll macht.

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“, „Flughafenfische“, «Sie dreht sich um», «Ein Winter in Istanbul» und zuletzt „Unschärfen der Liebe“ geschrieben, mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für ihre literarischen Reportagen wurde Angelika Overath mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden. Zusammen mit ihrem Mann Manfred Koch lebet sie in Sent in Graubünden und betreibt dort neben ihrer Schriftstellerei eine Schreibschule.

Beitragsbild © Heike Bogenberger

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», die brotsuppe

Francesco Micieli war einer der ersten, der sich literarisch mit dem Schicksal der Kinder von italienischen «GastarbeiterInnen» auseinandersetzte. 40 Jahre nach seinem Debüt ist «Über das Gras gehen» eine überaus poetische Erzählung über ein Trauma, das bis in die Gegenwart immer und immer wieder durchlebt werden muss.

„Über das Gras gehen“ mag autobiographische Elemente in sich tragen, Francesco Micieli kam als Knabe in die Schweiz zu seinen Eltern. Aber der Autor entfernt sich in seiner Erzählung ganz deutlich von realen Eindrücken hin zu einer sehr stimmungsvollen, kindlichen Wahrnehmung, in der Träume, Fantasien, Geschichten und Märchen das eigene Empfinden durchmischen. Da schreibt kein älterer Mann aus der Sicht eines Kindes. Francesco Micieli gelingt, was in der Literatur nur ganz selten in dieser Tiefe und Intensität gelingt; da schreibt sich jemand in die Seele, er transformiert sich schreibend. Dabei geht es Francesco Micieli nicht darum, die Reise vom Süden, von der Heimat bei den Grosseltern, in den Norden zu den fremd gewordenen Eltern zu erzählen, eine Reise zu rapportieren. Seine Kamerafahrt ist nicht die eines Betrachters, eines Sich-Erinnernden, nicht einmal der Blick durch das Kind, die Wahrnehmung dieses Jungen, der alleine im Zug nach Norden sitzt, sondern dieses fluide Etwas, die Seele jenes Jungen, die inneren Bilder, die sich der Junge auf der langen Reise macht, die ihn überkommen, die ihn im gleichmässigen Rattern des Zuges wegtragen, einlullen durch die immer wechselnden Gegenüber im Abteil.

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», Verlag die brotsuppe, 2026, 100 Seiten, CHF ca. 24.99, ISBN 978-3-03867-120-6

Odi wohnte die ersten Jahre seines Lebens in Italien, in Süditalien, bei seinen Grosseltern. Er musste Abschied nehmen, wurde in den Zug in den Norden gesetzt, ohne dass man ihn gefragt hätte. Eine Reise zu seinen Eltern, die er kaum kennt, die ihm fremd sind. Eine lange Reise im Zug, allein, sich selbst überlassen, in einer Mischung aus Angst, Rückzug und Hypersensibilität. Er weiss, dass es ein langer Abschied ist von der Welt, die er kennt, hinein in eine Welt, in der er nichts und niemanden kennt. Es war das Schicksal vieler Kinder, von Eltern, die ihr Glück als „GastarbeiterInnen“ im Norden, in der Schweiz suchten und ihre Kinder erst dann nachreisen liessen, wenn es das neue Leben im Norden erlaubt, zumindest finanziell. Aber „Über das Gras gehen“ widmet sich allen Kindern, denen ähnliches Schicksal widerfährt. So steht der Erzählung vorangestellt; Für die Kinder, deren Reise wegen Krieg, Armut und Hungersnot weg von den Eltern geht. Micieli trägt ein Trauma mit sich, auch wenn es überwunden und schreibend verarbeitet ist. Schon 1986 trug Francesco Micielis Debüt den Titel „Ich weiss nur, dass mein Vater große Hände hat. Tagebuch eines Kindes.“

Es ist der Blick zurück in die Welt zusammen mit seinen Grosseltern, jene Welt, die bisher seine Welt ausmachte. Eine Welt aus Wärme und Liebe, aus tiefen Empfindungen und dem absoluten Gefühl der Geborgenheit. Es ist das Herausgerissen-sein, die Verstörung, die Versuche eines Kindes, die Welt neu zu ordnen, während vor den Fenstern des Zuges die Landschaft vorbeirast und die Menschen im Sechserabteil des Zuges dauernd wechseln. Es ist eine Erzählung des Übergangs, der Überfahrt, über das Realistische hinaus in den permanenten Versuch, das Erlebte neu einzuordnen.

„Über das Gras gehen“ ist ein literarisches Konzentrat, Grund genug, all jene Bücher des Autors in meinen Regalen noch einmal zur Hand zu nehmen. Eine Erzählung, die derart viel Wärme, so viel Hoffnung ausstrahlt, dass sie zu Liebkosung wird.

Interview

Immer mehr werden wir in den Schulen mit Kindern konfrontiert, die entwurzelt wurden, die bei den Plänen ihrer Eltern nur eine marginale Rolle spielen, die mit ihren Gefühlen sich selber überlassen werden. Die Gründe solcher Entwurzelungen sind ebenso vielfältig wie die Fähigkeiten der Kinder, diese mehr oder weniger zu verarbeiten. Jene, denen eine Kindheit in einem wohlgehüteten Nest vergönnt war, brauchen Bücher wie die ihren. Menschen wie ich. Wie viel Selbstverarbeitung, wie viel Mission steckt in diesem Buch?
Ob von Selbstverarbeitung gesprochen werden kann, weiss ich nicht. Bestimmt ist es so, dass sich in diesem Buch eine Erfahrung einschreibt, die Erfahrung des Verlassen-Müssen von Menschen und Orten, die einen in den ersten Jahren des Lebens geprägt und gehalten haben. Es ist ein Müssen, weil nicht selbst gewählt, weil äussere Bedingungen – Armut, Kriege, Klimakatastrophen – dies auslösen. Der freie Wille, falls es diesen gibt, spielt hier keine Rolle.
Ist Mission im Buch? Vielleicht ist eher ein Aufzeigen einer Verwandtschaft der Lebensläufe von Kindern, die, aus welchem Grund auch immer, in ihrem Dasein durch „feindliche“ Ereignisse erschüttert werden. Es ist die ewige Wiederkehr der Odyssee, die selten mit der Rückkehr nach dem eigenen Ithaka endet.

Immer wieder kreist ihr Schreiben um dieses eine Thema, das Schicksal entwurzelter Kinder. Es gibt viele KünstlerInnen, die in ihrem Schaffen immer und immer wieder um „das gleiche Thema“ kreisen. Nicht weil sie keine Fantasie hätten, sondern weil solche Themen letztlich unergründlich sind. Oder gibt es Momente, in denen sie sich an dieses eine Thema gekettet fühlen?
Nein, ich fühle mich in keiner Weise gekettet. Eher würde ich sagen, ich stehe dem genannten Thema gerne zu Diensten, mit dem Wenigen, was ich kann.
Und, ja, die Erkenntnis von Heraklit „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ ist auch in der Kunst, die sich einem Thema widmet, gültig.

«Er hatte von seiner Grossmutter gelernt, den Wörtern nicht immer zu trauen“, steht auf Seite 20. Liegt nicht genau dort einer der Ursprünge, dass sie Schriftsteller geworden sind? Trauen nicht genau die Schriftsteller den Wörtern nicht und brauchen Bücher, um um jene Wörter zu kreisen?
Schwer zu sagen, wo der Ursprung „meines Schreibens“ ist. Ich bin in einem Haus, in einer Gesellschaft aufgewachsen, in welcher es keine Bücher gab. Die Sprache, die wir gesprochen haben (Arbëresh, antike Form des toskanischen Albanisch), war keine Schreibsprache und besass nur das Vokabular des damaligen Alltags.
Ja, das Schreiben ist auch ein Den-Wörter-Nicht-Trauen, sie anders zu beleuchten, als sie aus der Sprachschublade kommen. Und doch sind sie das einzige Instrument, mit welchem zu arbeiten gilt. Um es mit einem Wortspiel zu sagen: Schreiben beinhaltet „reiben“ , es ist ein Sich-an-den-Wörtern-reiben.

Was ist seit ihrem Debüt 1986, das sich damals schon diesem Thema widmete, im Schreiben passiert? In der Gesellschaft und in Francesco Micieli?
Lässt sich diese Frage beantworten?
Vierzig Jahre sind passiert, mit allem, was drin ist. Viele Bücher wurden zu diesem Thema geschrieben, in verschiedenen Sprachen, in verschiedenen Kulturen. Das ist vielleicht eine banale Aussage zur Frage. Und doch werden jeden Tag Kinder mit Gewalt aus ihrer sozialen wie geografischen Umgebung gerissen. Die vielen Bücher haben keinen Wall dagegen bilden können. Die Bücher liegen „gratis zum mitnehmen“ auf der Strasse, die an gewissen Orten den vor dem Lärm der Waffen flüchtenden Menschen im besten Fall als Sitzgelegenheit dienen.

Ihr Roman ist ein literarisches Konzentrat, eingedampfte Sprache, zwischen Prosa immer wieder lyrische Passagen. Ergibt sich das organisch, im Schreiben – oder liegt darin ein Plan, ein Konstrukt?
Darf ich da mit Roland Barthes antworten? Eine alte Antwort, ich weiss, aber sie passt, weil sie immer wieder neu gesagt werden kann:
„Die Literatur ist ein schwieriger, schmaler, tödlicher Stand geworden. Sie verteidigt nicht mehr ihren Schmuck, sie verteidigt ihre Haut.“
Es versteht sich von selbst, dass damit nicht das Produkt Buch gemeint ist, sondern das Schreiben per se.

Francesco Micieli wurde 1956 in Santa Sofia d’Epio (Italien) geboren. Seit 1965 lebt er in der Schweiz. Er studierte Romanistik und Germanistik in Bern, Cosenza und Florenz. Danach war er als Schauspieler, Autor und Theaterregisseur tätig. Francesco Micieli lebt heute als freier Schriftsteller in Bern.

Beitragsbild © Donata Ettlin (Bilder aus dem Familienalbum von Francesco Micieli)

Svenja Leiber «Nelka», Suhrkamp

Jahrzehnte nach dem Krieg kehrt Nelka an den Ort zurück, an den man sie als 16-jährige von Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine, in den Westen verschleppt hatte. Zurück auf ein Gut in Schleswig-Holstein, auf dem sie während dem Krieg Zwangsarbeit zu leisten hatte. Dorthin, wo sich ihre Vergangenheit unauslöschlich in ihre Seele eingegraben hatte.

Svenja Leiber erzählt nicht nur die Geschichte einer Zurückgekehrten, von einer, die nach etwas Verlorenem sucht. Sie erzählt auch von Marten, jenem Gutsverwalter, der während des Krieges mit aller Selbstverständlichkeit die Dienste dutzender Zwangsarbeiter in Anspruch nahm, um dem Plansoll der nationalsozialistischen Maschinerie zu genügen – und die eigene Tasche zu füllen. Svenja Leiber erzählt von einer jungen Frau, der man die Heimat nahm, die man in ein fremdes Leben steckte, über deren Leben man verfügte. Von einer alt gewordenen Frau, die an den Ort zurückkehrt, der sie maximal von ihrer Familie, ihrem Umfeld entfernte und ebenso maximal auf ihre eigene Existenz zurückwarf. Einen Ort, der ihr die Zeit nahm, an dem man sie zu brechen versuchte, an dem aus Menschen Material wurden. Svenja Leiber hätte aus dieser Geschichte, der Dramaturgie ihrer Inszenierung einen grossen Showdown machen können, den Rachefeldzug einer alten Frau, die Gerechtigkeit will. Aber Svenja Leiber erzählt eine ganz andere Geschichte. 

Nelka muss noch einmal zurück, um sich zu verabschieden, um jener Zeit nachzuspüren, in der man ihr alles genommen hatte und zugleich eine Richtung gegeben, derer sie sich niemals mehr widersetzen konnte. Noch einmal zurück, um jenen Menschen zu gedenken, die sie zurücklassen musste, die ihr damals die Kraft schenkten, ihr eigenes Schicksal zu tragen. Jener Mann, der noch immer auf diesem Hof die Fäden zieht und dem Besuch der alt gewordenen Frau mit Argwohn und Befürchtungen entgegenschaut, ist für Nelka nicht das Ziel ihrer Reise. Aber Svenja Leiber schildert den Kampf, den sein Gewissen auszustehen hat, die Angst, mit der er sich seit den Briefen, die bei ihm eingetroffen sind, auseinandersetzen musste. Nichts ist vergessen, nichts ist ausgestanden.

… welche Frau musst nie ihren Körper einsetzen, um was zu bekommen. Das lernen wir ja als Erstes in dieser verdorbenen Welt. Sechs Zigaretten gab es.

Svenja Leiber «Nelka», Suhrkamp, 2026, 200 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-518-43276-1

Der Krieg tobt. Nelkas Vater ist Pomologe und führt seine Tochter schon früh in die Kunst des Obstbaus, der Veredelung ein. All die Namen der Apfelsorten werden zu einem Stück ihrer Welt, so wie Nelkas Familie all das ausmacht, was das grosse Mädchen in der Stadt zu ihrem Leben macht, in sich aufsaugt. Umso drastischer der Moment, als man sie dieser Welt entreisst, einer Familie, die ihr alles bedeutet, einer noch ganz zaghaften Liebe zu einem jungen Mann. Als man ihr von der Strasse weg ihr Leben nimmt und sie in einen Güterwagen steckt, in Durchgangslagern drangsaliert und sie die Willkür eines faschistischen Machtapparats an den Hof eines Grossbauern spült. Durch Zufall erfährt dieser vom Wissen der jungen Frau, jener Gutsverwalter, der in den Wirren des Krieges seinen Hof neu ausrichten muss, der mit der Fortdauer des Krieges genau spürt, dass das Tausendjährige Reich nicht so lange dauern wird, dass es eine Zeit nach dem Krieg geben muss.

Nelka wird von ihren Freundinnen, die sich auf dem Gut zu Tode schuften, weggeholt, in eine Kammer im Verwalterhaus. Dort ist sie nicht nur Martens Nachstellungen und Kontrolle ausgesetzt, sondern auch dem Misstrauen Martens Ehefrau. Nelka wird zur persönlichen Sklavin, jenen Herrenmenschen untertan, denen eine Ideologie der Menschenverachtung jedes Recht gibt. So wie der Obstbauer den Apfel veredelt, so edelt die Rassenlehre der Nazis den Menschen der Zukunft. 

Für das Erinnern ist die Zeit gleichgültig, alles wird Bild. Aber es gibt Lücken. Und sie weiss, sie hat den Rand des Bildes noch nicht erreicht.

Nelkas Geschichte ist exemplarisch für die Millionen Menschen, die damals wie heute unter dem Zwang einer menschenverachtenden Ideologie Zwangsarbeit leisten müssen. Für die es keine Menschenrechte gibt. Svenja Leiber erfährt, dass Obstbäume in ihrer eigenen Heimat damals von „Ostarbeiterinnen“ gepflanzt wurden, von Zwangsarbeiterinnen, Verschleppten. Svenja Leiber gibt jenen Menschen und ihren Schicksalen ein Gesicht. Sie spürt nach. „Nelka“ ist mit dermassen viel Zartheit erzählt, Svenja Leibers Sprache zurückhaltend, einfühlend und glasklar, dass mich die Musik ihrer Sprache ebenso sehr berührt wie die Geschichte selbst. Keine Spur von Effekthascherei, dafür Zeugnis von Geschichte, die allzu schnell sprachlos macht. Grosse Literatur!

Interview

Wir leben überall in den Hinterlassenschaften der Geschichte. Jeder Quadratmeter, auch wenn dort „nichts“ steht, nichts direkt erinnert, ist von Geschichte durchdrungen, von Menschenschicksalen, die vergessen sind, manchmal einfach durch den Lauf der Zeit, manchmal aus purer Verdrängung. Ihnen haben die Obstbäume in ihrer Heimat eine Geschichte erzählt. Warum hören wir meistens nicht hin?

Ich kann an dieser Stelle nur mutmaßen. In meinem Fall nimmt das Hinhören zu, je umfangreicher mein historisches Wissen wird. Es muss eine Grundlage geben, die einen winzigen Hinweis, ein Detail, überhaupt als historisch relevant erkennbar macht. 
Gleichwohl ist die Kraft der Verdrängung in der Tätergeneration offenbar immens gewesen. In Anbetracht der Schrecklichkeit der Verbrechen im letzten Jahrhundert kann ich das sogar nachvollziehen. Immerhin, und darin liegt für mich auch ein gewisser Trost, ahnt der Mensch, welcher seine Taten verdrängt, im Grunde offenbar doch, dass es Unrecht war. Für mich ist es wichtig, auf diese tiefste Schicht in den Menschen doch weiterhin zu setzen. 

Während des zweiten Weltkriegs funktionierte die deutsche Kriegsmaschinerie nur deshalb so lange reibungslos und effektiv, weil Millionen von Menschen gezwungen wurden, für ein menschenverachtendes Regime bis zur tödlichen Erschöpfung zu schuften. Etwas, was auch heute geschieht. Nelka hat überlebt und mit ihr die Kraft, an jenen Ort zurückzukehren, der ihr so viel genommen hat. Warum liegt ihr nichts an Rache?

Mein Gedanke war, dass sich Nelka mit einer wie auch immer gearteten Rache letztlich auf das Niveau ihres Unterdrückers begeben, und diesem «Drang nach Härte“*, der den Faschismus geprägt hat, Raum gegeben hätte.
Sie will jedoch etwas anderes. Sie will Erinnerung, will die Hoheit über ihre eigene Geschichte zurück, und der Täter soll, indem er sich ebenfalls erinnert, diese Geschichte bezeugen. Es geht dabei um nichts weniger als um die Würde eines Lebens. In diesem Licht wäre Rache – Nelka weiß selbst in einem Moment des Romans, dass ihr Gegenüber diese Rache sogar erwartet – hinderlich.

aus dem Dorf, in dem Svenja Leiber z. T. aufgewachsen ist © privat

Ist es nicht, wenn es denn überhaupt eine Aufgabe der Literatur gibt, Motivation vieler Schreibender, uns zur Erinnerung zu zwingen? Und ist es nicht fatalerweise so, dass genau jene unerreichbar bleiben, die Erinnerung dringend bräuchten? Wo bleibt das historische Bewusstsein jener, die unter wehenden Fahnen schreien?

Ich möchte niemanden zwingen. Ich wünsche mir eher, mit diesem Roman Menschen an einer Stelle zu erreichen, wo sie sich mit diesem jungen Menschen, Nelka, identifizieren oder jedenfalls gefühlsmäßig verbinden. Und im Grunde sogar auch mit dem Täter, Marten. Denn am Ende muss er einsehen, dass er sein kostbares Leben vielleicht vertan hat. Eine furchtbare Einsicht. 
Und das bedeutet auch, die rechten Schreienden dieser Tage schaden in erster Linie sich selbst… 
Ich bin aber der Ansicht, dass man ihnen, wo man aufeinandertrifft, immer weiter mit der Wahrheit über die Geschichte und die Fragen der Gegenwart entgegentreten muss. Denn ein Zug rechtsradikalen Denkens liegt im Hang zur Lüge. Die darf so nicht stehen bleiben.

Viele Szenarien in ihrem Buch erinnern mich an filmische Einstellungen. Emotionen in Cinemascope. Eine Kameraführung ganz nah an den ProtagonistInnen. Und doch in keiner Weise voyeuristisch. Vieles in ihrem Roman hat mit dem Gegensatzpaar Nähe/Distanz zu tun. Wie schafft es eine Person wie Nelka trotz allem ihre Mitte nicht zu verlieren?

Nelka ist als Figur ein Körper, der von den Strömen der kapitalistischen und libidinösen Ökonomie durchzogen ist, was beides Elemente des Faschismus waren und sind. In der Welt der damaligen Deutschen ist sie ein Objekt, ein „ Arbeitswesen“, ein Besitz. Sie wird zweifach begehrt, ökonomisch und sinnlich. Sie selbst kommt aber aus einer gänzlich anderen Welt, buchstäblich aus einem Garten, der, wenn man es genau liest, dem „Paradies» sehr nahe kommt. Ihre Mutter heißt Jeva… Was meine ich damit? Nelka bezieht ihre Resilienz aus dieser Herkunft, aus ihrer Erziehung, die von Liebe und Sanftmut geprägt war. Sie bezieht sie gleichsam aus der „Mitte“, aus dem Herzen. Nur so kann sie in extremen Momenten die Balance halten. 
Selbstverständlich ist mir bewusst, dass viele der damals Verschleppten und Ausgebeuteten eine solche Herkunft gar nicht hatten. Ich dichte sie dieser Figur an, denn mir schien, ich habe die Verantwortung, das Maß an Leid, das ich ihr in dieser Geschichte ja zumuten muss, irgendwo auszugleichen und auch den Lesenden einen Ausweg anzubieten.

aus dem Dorf, in dem Svenja Leiber z. T. aufgewachsen ist © privat

Erinnern ist ein Akt, der in ganz verschiedenen Tonlagen und Farbspektren geschehen kann. Sie beschreiben das an vielen Stellen. Nelka erinnert sich ein ganzes Leben an Yasha, die Projektion einer ersten grossen Liebe. Nelka erinnert sich auch jahrzehntelang an Marten, den Verwalter. Und an Margaryta und Schura, zwei Gefährtinnen, die mit ihr verschleppt wurden. Wie trifft man die richtigen Farben, den richtigen Ton? Muss man sich in die Tonart langsam hineinschreiben?

Tatsächlich lerne ich im Schreiben die Figuren ja selbst erst kennen. Ich denke sie mir nicht im Vorhinein aus, sie steigen eher langsam aus dem Material herauf, das ich angesammelt habe und das sich auch schon ein wenig in mir abgelagert hat. Und dann komme ich mit ihnen ins Gespräch, tatsächlich rede ich mit ihnen, oder lasse sie in meinem Kopf reden. Und ich gehe ihre Wege. Und irgendwann fange ich an, anderen Menschen z.B. von Nelka zu erzählen, als würde ich sie eben kennen. Dann weiß ich, sie ist da, sie hat Gestalt angenommen. Und jedes Mal begeistert mich dieser Moment, denn das ist unsere Sprache, das kann sie!

(*Eva von Redecker)

Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und verbrachte als Kind einige Zeit in Saudi-Arabien. Sie studierte Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte, debütierte 2005 mit dem Erzählungsband Büchsenlicht, 2010 folgte der Roman Schipino. Im Suhrkamp Verlag erschien 2014 Das letzte Land, 2018 Staub und 2021 Kazimira. Svenja Leiber lebt und arbeitet in Berlin und Schleswig-Holstein.
 
Beitragsbild © Ulf Aminde/Suhrkamp Verlag

Katrin Zipse «Moosland», Dumont

1949 auf Island. Elsa ist eine von knapp 300 Frauen, die die Trümmer ihrer Heimat Deutschland verliessen und sich auf der Insel eine Zukunft erhofften. Eine Zukunft auf den kargen Höfen der windgepeitschten Insel, einem Leben in vielfacher Fremde. Katrin Zipse schrieb mit „Moosland“ einen atmosphärisch dichten Roman darüber, dass Heimat nur in sich selbst zu finden ist.

Elsas Zukunftslosigkeit in den Jahren nach dem Krieg muss derart gross gewesen sein, dass sie einem Aufruf der isländischen Bauernpartei folgte. Sie liess sich verschiffen, um auf der Insel, auf der viele junge Frauen den amerikanischen Truppen mit dem Abzug in die Staaten gefolgt waren, einen Platz zurück im Leben zu finden. Auf dem Land herrschte akuter Mangel an heiratswilligen Frauen und das harte Leben auf den abgelegenen Höfen funktionierte in ihrer Tradition nicht ohne viele helfende Hände. In den Kriegsjahren waren auf der Insel 30000 GIs stationiert. Die Insel erfuhr mit der von den Amerikanern aufgebauten Infrastruktur in wenigen Jahren den Übergang von einer ganz rudimentären landwirtschaftlich orientierter Kultur in die Anfänge grosser Investitionen, gedeihender Fischindustrie und soldatischer «Dienstleistungen».

Was Elsa in ihrer Heimat zurückliess, waren Trümmer und Hoffnungslosigkeit. Was sie auf die Insel mitnahm, trug sie am Leib und einem Beutel mit sich und tief in ihrem Herzen das Trauma eines Krieges, das mit der Kapitulation Nazideutschlands im Mai 1945 noch lange nicht sein Ende gefunden hatte. Zusammen mit vielen anderen Frauen verteilte man sie bis in die entlegensten Winkel der rauen Insel. Auf den Höfen, zu denen nicht einmal Strassen führten, liessen sich die Frauen ohne Sprachkenntnisse und meist auch oft ohne Erfahrungen in der Landwirtschaft auf ein «Experiment» ein, bei dem es letztlich um alles oder nichts ging; Wer die Kraft hatte, sich auf Umstände einzulassen, die unverrückbar einen Neubeginn zum alles abgewinnenden Kraftakt machte, hatte die Chance auf einen Neubeginn, einen Restart. Auch wenn die Bauernfamilie dort die Anwesenheit der deutschen Arbeitskraft, die in den ersten Monaten kein Wort spricht, zur Geduldsprobe wird.

Katrin Zispe «Moosland», Dumont, 2026, 224 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-7558-1183-1

Elsa wächst nur langsam in die Familie hinein. In die Arbeiten, die man ihr gibt, schickt sie sich, auch wenn Bauer und Bäuerin nur schwer nachvollziehen können, warum das Leben bei ihnen so schwer sein sollte. Auch die beiden Brüder und der Knecht bleiben auf Distanz. Trotzdem spürt Elsa, dass auch diese  Familie an ihrem Schicksal, ihrer Geschichte zu beissen hat. Elsa findet zufällig das Foto einer jungen Frau. Es muss eine Tochter gegeben haben, deren Name in der Familie niemals fällt. Gerda, ihre Freundin, die mit ihr auf dem Schiff nach Island war, lebt zwar auf der gleichen Insel, aber unerreichbar weit weg. Mit der Zeit treffen Briefe von Gerda ein, Lebenszeichen einer Nähe, die Elsa verloren glaubt.

Die Stille ist so gross, dass sie sie hören kann. Ein Rauschen, das nicht vom Meer kommt und nicht vom Wind. Das immer stärker anschwillt, bis es sie ganz umschliesst.

Zwei Welten treffen aufeinander, jede mit Hoffnungen. Dazwischen ein Raum ohne Sprache, ohne Gemeinsamkeiten, einer Stille, die oft nur Wind und Regen brechen, eine Landschaft fast ohne Kontur, ein nicht enden wollenden Winter. Und einer Welt, die in der Weite zu einer Winzigkeit zu schrumpfen droht. Da ist die Geschichte einer Verlorenen, die Geschichte von Traumata, über denen das Schweigen steht, Existenzen, die ums Überleben kämpfen, denen dieser Kampf zur Selbstverständlichkeit werden muss. Erzählt in einer Sprache, die zur Landschaft wird, die genau dem entspricht, was Imagination zum sinnlichen Erleben werden lässt. Es ist erstaunlich, wie sehr Katrin Zipse in ihr Personal, diesen Kampf, die Innenwelten, die Landschaft und die Traditionen der isländischen Bauern eintauchen kann. Es ist, als ob sich während des Lesens Kälte und Wind über meine Haut legen würden. Ein beeindruckendes Leseerlebnis!

Interview

Was interessiert eine deutsche Autorin an der Geschichte einer solchen Frau, dem Schicksal einer Vertriebenen, dem Leben in krasser Einfachheit gemessen am Leben in Island heute? Die Intensität ihres Romans lässt vermuten, dass sich dieser Stoff förmlich aufgedrängt haben musste? Wo lag die Initialzündung?

Die Initialzündung geht bis 2015 zurück, als in Deutschland sehr viele Geflüchtete aus Syrien ankamen. Ich habe damals ehrenamtlich in verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen Sprachkurse gegeben bzw. bei den Hausaufgaben geholfen. Wir hatten die Empfehlung, die Geflüchteten nicht auf ihre Erfahrungen zuhause und während der Flucht anzusprechen, um sie nicht zu retraumatisieren. Ich war unsicher, wie ich Kapitel im Lehrbuch, die sich mit Familie befassten, durchnehmen sollte, ohne womöglich an akute Verluste zu rühren. Ich wusste ja nicht, was sie durchgemacht hatten, ob sie zum Beispiel Familienmitglieder betrauerten. Und ich fand es schwierig, einzuschätzen, was ich beim Lernen erwarten konnte. Wie kann jemand mit freiem Kopf lernen, Neues in sich aufnehmen, wenn er damit beschäftigt ist, Vergangenes zu bearbeiten oder auch zu verdrängen? Es kam mir manchmal so herzlos vor, diese Erwartung an geflüchtete Menschen, sich zu integrieren, aktiv an einem Ankommen hier zu arbeiten, wenn sie so schwere Erfahrungen hinter sich hatten, für deren Bewältigung sie Zeit und ein gutes Umfeld gebraucht hätten.

Zeitgleich habe ich damals über Themen recherchiert, mit denen ich mich zusammen mit einer befreundeten Kollegin für ein Island-Stipendium bewerben konnte. Eher zufällig bin ich auf die deutschen Landarbeiterinnen gestoßen und dadurch entstand die Idee, zu versuchen, die Schwierigkeiten, die sich durch Migration und Integration, Aufbruch und Ankunft in der Fremde ergeben, aus umgekehrter Perspektive zu erzählen: von Deutschen, die sich in einem fremden Land zurechtfinden müssen.

Wir wollten ein Hörspielprojekt zu diesem Thema realisieren, weil es eine starke akustische Ebene hat. Wir haben ein Exposé geschrieben und tatsächlich ein Stipendium des Künstlerhauses Lukas in Ahrenshoop für Island bekommen. Doch als wir es antreten sollten, war meine Freundin zu krank geworden, um zu reisen und das Projekt weiterzuverfolgen. Ich bin dann allein nach Skagaströnd gefahren, aber unser gemeinsames Projekt wollte ich nicht ohne sie umsetzen, das wäre mir falsch vorgekommen. Deshalb habe ich mich entschieden, das Thema in einem Roman zu verarbeiten.

Freilichtmuseum Glaumbaer © privat

Sie haben sich dermassen nah an das Leben der isländischen Bauern nach dem 2. Weltkrieg geschrieben, dass man kaum glauben kann, dass es reine Imagination sein kann, blosses Hineinfühlen. Da ist so viel Bildhaftes, es riecht und duftet, so viel herausmodelliertes Detail. War das bloss Recherche oder noch viel mehr?

Es war sehr viel Recherche. Durch mein Stipendium war ich am Anfang meines Schreibprozesses einen ganzen Monat in Island, danach war ich noch mehrere Male dort, immer zu unterschiedlichen Jahreszeiten und immer in derselben Region. Die wichtigsten Eindrücke habe ich auf meinen langen Wanderungen gewonnen, und ich habe sehr viel von einer deutschen Schafbäuerin gelernt, die vor Jahrzehnten nach Island ausgewandert ist und sich ein enormes Wissen über das bäuerliche isländische Leben im letzten und vorletzten Jahrhundert angeeignet hat. Sie gibt dazu Bücher in ihrem eigenen Verlag, Alpha Umi, heraus. Darüber habe ich sie kennengelernt. Und ich hatte das große Glück, dass ich ihr während der Lammzeit helfen durfte. Das war eine unvergessliche Erfahrung, als ich zehn Tage mit ihr auf ihrem abgelegenen kleinen Hof in den Bergen gelebt habe und so eng mit den Schafen zu tun hatte. Sie fehlen mir seitdem richtig. 

Außerdem gibt es tolle Freilichtmuseen in Island, die das Landleben optisch und zum Teil auch olfaktorisch nachvollziehbar machen. Die Torfhäuser haben immer noch einen ganz eigenen Geruch, genauso wie der Stockfisch, der dort ausgestellt ist. Und Island ist in Sachen Digitalisierung sehr weit. Ich konnte die Zeitschriften von 1949 online aufrufen und lesen, hatte Zugriff auf ein enormes Fotoarchiv und konnte sogar die Wetterbedingungen von jedem Tag des Jahres 1949 recherchieren.

Schon im Weggehen, auch wenn der Einsatz scheinbar befristet war, gab es kein Zurück. Wohin hätten sie gehen sollen? Zurück in ein zerbombtes Deutschland? Ein Leben ohne Zukunft mit der Last einer nicht zu tilgenden Vergangenheit? Heute gibt es diese Unausweichlichkeit fast nicht mehr. Aber sehr wohl die Faszination für einen radikalen Entschluss, das volle Risiko, den freien Fall. Sie beschreiben ein radikales Leben. Sowohl jenes der isländischen Bauern wie jenes der Frauen, die hofften, dort eine Chance auf Zukunft zu bekommen. Lieben sie das Unausweichliche? Ist das Schreiben das auch?

Als Autorin interessiere ich mich auf jeden Fall für radikale Lebensentwürfe, weil in ihnen so viel Dynamik steckt. Aber meine Protagonistin Elsa fasst keinen Plan für eine radikale Lebensveränderung. Sie wird da einfach hineingezogen. Mit Sola wäre sie in die USA ausgewandert, weil Sola das wollte. Mit Gerda geht sie nach Island, weil Gerda sie dafür anmeldet. Was an Elsa radikal ist, ist ihre Verlorenheit. Sie flieht vor den Verlusten, die sie erlitten hat. Sie kommt nicht damit zurecht, aber das Leben geht ja trotzdem weiter und muss irgendwie gelebt werden. Das ist ihre Ausgangssituation im Roman.
Island als Fluchtpunkt fand ich für Elsa auch deshalb interessant, weil es von da aus erstmal nicht weitergehen kann. Ohne Schiff oder Flugzeug sitzt man auf der Insel fest. Und das ist für Elsa, die immer in Bewegung sein muss, um nicht von ihren Erinnerungen eingeholt zu werden, fast nicht auszuhalten.

Landschaft bei Skagaströnd © privat

Ich habe vor langer Zeit die Bücher von Halldor Laxness gelesen. Nach „Moosland“ werde ich wieder darin lesen. Liegt in der Faszination dieser Bilder nicht auch die Faszination der Einfachheit in einer immer komplexeren, komplizierteren Welt? Dass man sich jenes Leben mit all den Entbehrungen gar nicht mehr vorstellen kann?

Die Bücher von Halldor Laxness haben mir für meinen Roman sehr geholfen, auch die Romane von Jón Kalman Stefánsson – und die „Nonni“-Bücher von Jón Svensson, die ich schon als Kind verschlungen habe. Sie beschreiben ja alle auf sehr bildliche Art dieses aufs Wesentliche konzentrierte Leben.

Und ja, die Einfachheit in dieser ganz auf die Rhythmen der Natur und der Tiere ausgerichteten Welt hat auf jeden Fall etwas Faszinierendes in ihrer existenziellen Eindeutigkeit und Klarheit. Die Landschaft spiegelt das für mich auch, die baumlose Weite, die kahlen Bergketten, die leeren Strände. Das Detail fällt plötzlich ins Auge.

Ich würde aber sagen, in meinem Roman gibt es genau hier einen Bruch zwischen den Generationen. Die Elterngeneration lebt konsequent und klaglos mit dieser Einfachheit. Aber die Jüngeren sehen eine andere Perspektive für sich. Das verunsichert sie.

Schafherde © privat

Wie irrig zu glauben, der letzte Weltkrieg sei im Mai 1945 zu Ende gewesen. Es gab Millionen, für die der Krieg nie vorbei war, die ein Leben lang leiden mussten, die das Leiden an ihre Kinder weitergaben. So wie der Krieg in Syrien noch lange nicht ausgestanden ist und es Generationen dauern wird, bis der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine beendet sein wird, wenn in nicht allzu ferner Zukunft ein Waffenstillstand beschlossen wird. Was Elsa alles aus dem Krieg mitschleppt, kristallisiert sich nur wage aus dem Beschriebenen. Wie weit mussten sie als Schöpferin dieser Geschichte Einzelheiten wissen, die mir verborgen bleiben?

Als Schöpferin der Geschichte weiß ich so gut wie alles über Elsa. Ich habe ein genaues Bild von ihrem Leben vor dem Krieg, während des Kriegs, in den ersten Nachkriegsjahren und vor allem auch von ihrer Zeit mit Sola, als sie zusammen durch Deutschland gewandert sind. Das brauche ich, um sie als komplexen Charakter zu spüren und zu wissen, wie sie in welcher Situation reagiert.

Aber wichtig für diesen Roman ist nur, was Elsa bereit ist zu offenbaren, bzw. was sie immer wieder als Bild oder Erinnerung überfällt. Die Geschichte dahinter kann der Leser oder die Leserin nur vermuten, so wie wir bei Menschen, die geflüchtet sind, oft auch nur vermuten können, was sie erlebt haben. Und jeder und jede ersetzt die Leerstellen durch eigene Bilder.

Das korrespondiert auch mit der Erfahrung meiner Generation: Wir sind mit Eltern aufgewachsen, die einen Großteil ihrer Kindheitserfahrungen im Krieg für sich behalten haben, und wenn sie erzählt haben, dann oft nur in stereotypen Narrativen. Weil es eben nur so schwer möglich ist, über schreckliche Erlebnisse zu berichten, die man tief in sich vergraben hat. Und dieses Verdrängte belastet natürlich auch die folgenden Generationen, die versuchen, die Lücken zu füllen.

Elsa wird in eine Familie hineingeworfen. Um zu verstehen, was dort wirklich geschieht, fehlt ihr die Sprache, zumindest am Anfang. Eine Art Aphasie. Leben wir nicht in einer Zeit gesellschaftlicher Aphasie?

Ich glaube, unser Problem ist weniger, dass wir nicht mehr reden, sondern dass wir verletzend und polemisch mit Sprache umgehen. Und dass in unserer Gesellschaft, die Bereitschaft und das Vermögen einander zuzuhören, immer weiter zurückgehen.

Katrin Zipse wurde in Stuttgart geboren und lebt als Autorin und Hörfunkredakteurin in Baden-Baden. Sie studierte Theaterwissenschaft und Deutsche Philologie an der FU Berlin und arbeitete mehrere Jahre am Theater. Im April 2019 war sie Stipendiatin des Künstlerhaus Ahrenshoop in der NES Artist Residency in Skagaströnd. Im Herbst 2019 hat ihr der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg ein Stipendium für «Moosland» zuerkannt.

Beitragsbild © niklas-berg.de

Michael Stavarič «Die Schattenfängerin», Luchterhand

Michael Stavarič erfindet sich mit jedem seiner Bücher neu. Er kennt keine Grenzen. Seine Fähigkeit, sich in beinahe kindliche Welten zu versetzen, seinen Blick auf die Welt von allen Konventionen zu befreien, macht Michael Stavaričs Literatur zu einer echten Tiefenerfahrung. Sein Roman „Die Schattenfängerin“ ist bestes Beispiel dafür.

„Die Schattenfängerin“ erzählt aus der Sicht von Stella, einer Jugendlichen, die zur jungen Frau wird, einem jungen Menschen, die den jugendlichen Blick bewahren, ihre ganz eigene Welt bewahren kann, obwohl es ihr das Schicksal nicht leicht macht. Michael Stavarič macht sich zur Stimme dieser jungen Frau, lässt seiner Erzählfreude freien Lauf, entkrampft und losgelöst. Da schreibt einer, der nicht einfach eine Geschichte wiedergeben will, nacherzählen. Michael Stavarič schöpft Neues, evoziert Bilder, die während des Lesens Fragen stellen, wichtige Fragen. „Die Schattenfängerin“ erzählt von Rätseln und lässt sie stehen, von einem rätselhaften Kind, das sich nach dem Tod seines Vaters auf den Weg macht. Das mag märchenhaft klingen, was bei „Die Schattenfängerin“ auch nicht falsch ist. Und doch bleibt der Roman ganz nah an der Welt.

Michael Stavarič «Die Schattenfängerin», Luchterhand, 2025, 288 Seiten, CHF ca. 33.50, ISBN 978-3-630-87674-0

Stella wohnt mit ihrem Vater in einem Haus weg vom Dorf, auf einem Hügel. An ihr Grundstück grenzt nur dasjenige der Nachbarn, die dann nach Stella schauen, wenn ihr Vater wieder einmal weit weg auf Reisen ist, wenn er sich aufmacht, einmal mehr Zeuge einer Sonnenfinsternis zu werden, weit weg. Ein Umstand, den Stella zu akzeptieren gelernt hat, ohne zu verstehen, warum sie ihren Vater auf diesen Reisen nicht begleiten darf. Die Beziehung zwischem ihm und Stella, zwischen Vater und Tochter, ist eine beinah symbiotische. Stella geht nicht zur Schule, wird von ihrem Vater unterrichtet. Er zeigt ihr seine Welt, erklärt der immer hungrigen Stella all die Geheimnisse, die sich im Grossen und Kleinen auftun, wenn man bereit ist, hinzuschauen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Stella Pflanzenlexika, Anatomiebücher und juristische Werke wie einen Schatz hortet, Bücher aus der grossen Bibliothek ihres Vaters. Das Haus am Hügel ist das Tor zur Welt.

Doch eines Morgens wacht ihr Vater nicht mehr auf. Stella muss akzeptieren, dass ihr Vater eine Reise angetreten hat, von der er nicht zurückkommt. Stella ist fünfzehn, als es geschieht. Und nur weil Stella es schon immer gewohnt ist, auf eigenen Füssen zu stehen und ihr die Nachbarn auch in dieser Zeit fürs erste an ihrer Seite sind, darf sie bleiben, zwingen sie die Ämter nicht dazu, das Haus des Vaters verlassen zu müssen. Auf sich selbst gestellt, finanziell von ihrem Vater abgesichert, macht sich Stella auf, jenen Teil ihres Lebens zu erkunden, der ihr bisher verschlossen blieb. Der in vielen Kisten auf dem Dachboden ihres Hauses lagert. Hin zu ihrer Mutter, die seit vielen Jahren in einer Klinik vegetiert, von der ihr ihr Vater fast nichts erzählte, die in ihrem Leben kaum eine Rolle spielt. In ein Leben, das sich auch ausserhalb ihrer kleinen Welt abspielen muss. Auf den Friedhof, wo das Grab ihres Vaters ist, wo sie sich mit Kurti, dem Totengräber anfreundet und zur jüngsten Totengräberin des Landes wird. Und auf diese eine, erste, grosse Reise zur nächsten Sonnenfinsternis, jener Reise, zu der ihr Vater sie nie mitnehmen wollte, von der sie ahnt, das mehr zu fangen ist, als der lange Schatten der Sonne.

Es ist die Art des Erzählens, die fasziniert. Michael Stavarič scheint einer der wenigen Erwachsenen zu sein, die in sich den kindlichen Blick bewahren konnten, die unverbaute Sicht auf die Welt. Seine Art des Beschreibens erinnert an den Blick eines Autisten, der alles in sich aufnimmt, nicht filtern will und kann. Es gibt Stellen in diesem Buch, in denen sich Sinneseindrücke förmlich über mich ergiessen. Beschreibungen, die mir bewusst machen, wie gezielt, wie kausalisiert, wie ordnend mein Blick ist.

Ein wundersames Stück Literatur!

„Romane, wie sie Michael Stavarič schreibt, schreibt gegenwärtig sonst niemand.“ Frankfurter Rundschau

Interview

Der Buchmarkt ist voll mit Literatur, die sich mit Müttern und Vätern abmüht, Abrechnungen, Prozesse, Befreiungen, Konfrontationen… Dein Buch ist eine gegenseitige Liebeserklärung zwischen Tochter und Vater, auch wenn Schatten im Leben des Vaters geblieben sind. Gleichzeitig ist es ein Statement dafür, den eigenen Weg, den eigenen Blick zu finden, ohne Rücksicht auf Konventionen. Ein grosses Stück Michael Stavarič!?
Besser vielleicht: Ein weiteres Stück von Michael Stavarič auf seinem literarischen Weg. Selbstverständlich ist die Literatur voller Beziehungen und Befindlichkeiten, schließlich ist das der Faktor „Mensch“. Autor*innen schreiben über Dinge, von denen sie hoffen, dass sie bei Lesenden nicht auf taube Ohren stoßen; Vater-Tochter-Mutter-Sohn –  es ist ein absolutes Grundmotiv in nahezu jedem Buch. Ich habe in der „Schattenfängerin“ versucht, ein positives Bild einer Beziehung zu zeigen (was eigentlich so gar nicht meiner literarischen Tradition entspricht), vor allem auch deshalb, weil ich dieses Buch nicht nur für Erwachsene, sondern auch Jugendliche schrieb. Zumindest schwebte mir vor, dass es auch Jugendliche lesen können sollten – und dementsprechend habe ich meine übliche Konzeption etwas geändert. Ich dachte auch, in diesen Zeiten brauchen wir alle eine positive Heldin. Und einen ungewöhnlichen Twist.

Dein Roman spielt in der Gegenwart, auch wenn die Welt von Stella entrückt scheint. Stella wächst auf in einer Welt, in der Neugier den Puls ausmacht. Stella betäubt sich nicht, ihr Vater lässt sich und seine Tochter nicht betäuben – das Gegenteil von dem, was in vielen Familien geschieht. Alles an deinem Schreiben ist ein Statement für die Neugier, kindliche, unregulierte Neugier. Schreiben als Spur deiner eigenen Neugier?
Weltoffenheit entgegen allen Widerständen, so könnte ich es für mich zusammenfassen. Die Neugier ist dabei ein unerlässlicher Motivationsfaktor, sich auf die Welt einzulassen, sich in ihr zu orientieren, die hellen und dunklen Momente zu erkennen. Und sich vielleicht selbst aktiv entscheiden, auf welcher Seite man stehen mag. Außerdem ist die Welt nicht einfach nur unsere Erde, hierzu zähle ich auch das Sonnensystem, ja den ganzen Kosmos. Und die Sonne ist nicht zuletzt auch der Angelpunkt in diesem Roman. Ich erkenne für mich immer mehr, dass es beim eigenen Schreiben auch darum geht, die Lücken zu füllen, die man selbst aufweist. Das Schreiben macht mich kompletter, wissbegieriger und neugieriger. Vermutlich eine Erfahrung, die ich auch an meine Protagonisten weitergeben möchte.

Und doch ist Stellas Familie alles andere als ein harmonisches Gefüge. Stellas Vater taucht für seine Reisen immer wieder einmal für Wochen ab und Stellas Mutter vergetiert in einer Klinik, von ihrem Mann aufgegeben, von der Medizin parkiert. Viele Schatten in deiner Geschichte. Schatten, denen Stella zu begegnen versucht. Du räumst nicht auf in deinem Roman. „Aufräumen“ scheint ein weit verbreitetes Erzählprinzip zu sein. Ein Konterroman?
In einem Leben (egal wer es lebt) geht es nun mal nicht ohne Zäsuren, Tragödien, Bewährungsproben etc. ab; Identitätsstiftung ist anders nicht zu haben, denn nur so können Persönlichkeiten entstehen. Oder ich bleibe in diesem Fall lieber dabei: Heldinnen. Ich verstehe ein „Nicht-Aufräumen“ als erzählerische Qualität, es scheint mir näher am Leben zu sein. Vieles lässt sich auch gar nicht schlüssig begründen, analysieren und zu Ende erzählen (und erklären!). Insofern ist es wohl ein Konterroman, weil die übliche Haltung wohl wäre: Ich erzähle alles zu Ende – und auch gleich mit, was der/die Leserin davon zu halten hat. Das machen viele Romane unserer Zeit. Aber ihnen fehlt dann (aus meiner Sicht) der Zauber …

Manchmal erinnert mich das Personal in deinem Roman an ein Theaterstück; Ein Kind an der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein, eine Peter-Pan-Figur, der Totengräber Kurti, der Bürgermeister, der besorgte und mahnende Pfarrer… Wie hast du dich durch deine Ideen geschrieben? War da ein Plan oder sind die Personen während des Schreibens aufgetaucht? 
Da hast du absolut recht. Theaterstück/Filmdrehbuch, etwas dazwischen. Ich habe es wirklich auch selbst so aufgefasst, insofern war ich die ganze Zeit über damit beschäftigt (beim Schreiben), Stella mit einer imaginären Kamera zu folgen. Oder wie ein Dramaturg/Regisseur die Handlung mit „Zurufen“ zu steuern. Alle prägenden Figuren in ihrer Kindheit sind Männer, insofern waren diese von Anfang an bewusst so konzipiert. Stella versucht sich nicht zuletzt auch im Umgang mit dem männlichen Prinzip.

Du hat deine Lust auf Fussnoten ausgelebt. Darin finden sich immer wieder Listen, Aufzählungen, Assoziationen. Texte, die mich mit einem Sternchen aus dem Lesefluss ziehen, die das Buch zwinkern lassen, die etwas von Stellas Lebensfreude, ihrem Blick auf die Welt zeigen. Wie kam es zu diesen literarischen Kringeln?
Du weißt ja, meine Romane sind oft von formalen Fragen geprägt, um nicht wieder mal zu sagen, Form vor Inhalt. In der Schattenfängerin habe ich mich aufs Erzählen konzentriert, wobei das Buch ja für jüngeres Publikum lesbar bleiben musste. Die Fußnoten sind gewissermaßen ein „formales Augenzwinkern“, wo ich diesen Hang zum Experimentellen kurz ausleben durfte. Minimal, aber doch. Schließlich würde wohl niemand in einem solchen Buch Fußnoten erwarten? 

Michael Stavarič wurde 1972 in Brno (Tschechoslowakei) geboren. Er lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer und Dozent in Wien. Studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik/Kommunikationswissenschaften. Über 10 Jahre lang tätig an der Sportuniversität Wien – als Lehrbeauftragter fürs Inline-Skating. Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, darunter: Adelbert-Chamisso-Preis und Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien bei Luchterhand der Roman «Das Phantom».

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Beitragsbild © Yves Noir

Azizullah Ima und Andreas Neeser «Morgengrauengewässer», Rotpunkt

Der afghanische Exilautor Azizullah Ima und der Schweizer Schriftsteller Andreas Neeser schickten sich Textminiaturen (maximal 14 Zeilen) und ertasteten literarisch, was Bilder auslösen und weitertragen. Azizullah in seinem Schmerz über eine verlorene Heimat, Andreas Neeser auf der Suche nach dem Kern.

Azizullah Ima floh 33jährig aus Afghanistan, nachdem zwei Jahre zuvor die Taliban die Kontrolle über das von Machtkämpfen geschundene Land übernommen hatten. Drei Jahre später kam der Pädagoge, Journalist und Dichter als Flüchtling in die Schweiz, im Herzen eine Sehnsucht, die seit dem Rückzug ausländischer Soldaten aus seinem Heimatland und der uneingeschränkten Macht der Taliban, ungestillt zum Schreiben zwingt. Andreas Neesers Sehnsucht ist jene nach dem perfekten Satz, dem perfekten Poem, eine Sehnsucht, die sich nur vordergründig von seinem Dichterfreund Azizullah Ima unterscheidet. Sie beide suchen nach Sprache, eine ultimative Suche, eine existenzielle Suche. Sie beide ringen mit der Sprache und mit ihr an der Welt. 

Sie beide ringen mit der Welt, Azizullah Ima mit dem Schmerz, der lähmenden Erkenntnis, unsäglicher Trauer und dem Wissen, dass Morden, Foltern, Einsperren und Sterben, die Willkür und Unterdrückung unkontrolliert weitergehen: 
Wenn ich nicht mehr an dich denke 
und an die unebenen Wege, die mich zu dir führen,
wenn die bittersten Lieder, die von Trennung handeln,
kein Gefühl mehr in mir auslösen, weiss ich, ich bin am Ende angekommen –
dort wo kein Schmerz mehr ist.

Andreas Neeser mit dem Wissen, dass sich unter der geschönten Oberfläche, den geflissentlich bewahrten Oberflächlichkeiten Tiefen auftun: 
Ich schaufle und grabe und baue, ich lege die Gänge zur Mitte hin – Platz schaffen, Raum für den einzigen Satz, den es irgendwo gäbe und irgendwann gibt, denn ich wühle gewissenhaft, heiter, und immer im Wissen, ich glaube mir kein Wort.

Azizullah Ima, Andreas Neeser «Morgengrauengewässer», Rotpunkt, 2025, aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß, Vorwort von Manfred Papst, Nachwort von Sarah Rauchfuß, 144 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN SBN 978-3-03973-068-1

„Morgengrauengewässer“ nennt sich das gemeinsame Buch der beiden aussergewöhnlichen Dichter. Literarische Miniaturen, Sprachbilder, die die beiden hin- und herschickten, ohne sich dabei Antworten geben zu müssen, weil die wirklich wichtigen Fragen letztlich unbeantwortet bleiben. Azizullah Ima und Andreas Neeser sind Dichter, denen das ewige Suchen längst zum Leben geworden ist, denen die Sprache Selbstvergewisserung, Fragestellung genug ist. Es ist tatsächlich so, als sässen sie beide im Morgengrauen am Ufer eines stillen Sees, in der Hoffnung, ein weiterer Tag würde sie einen Schritt weiter, einen Schritt näher bringen. Der Morgen als Start in einen Tag, von dem sie Ernücherung erahnen und Klarheit erhoffen.

In den Texten der beiden steckt der Blick zurück und jener hinaus. In beiden steckt der Stachel des Schmerzes, wenn auch mit Voraussetzungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Aber wahrscheinlich macht genau das den Reiz dieses ungewöhnlichen Dialogs aus. Was in diesem Buch auf literarische Art und Weise geschieht, wäre Beispiel genug, wie man sich über Kulturen hinaus begegnen und verständigen könnte. Beiden geht es nicht um Konfrontation, sondern um Bilder, die sich ergänzen, die sich spiegeln. Sie hören sich zu, nehmen Fäden auf, lassen sich locken und leiten, führen und wagen.

Interview mit Andreas Neeser

Wie brachte „Weiterschreiben Schweiz“ euch beide zusammen?
Weiterschreiben Schweiz versucht Exil-Autor/-innen in die hiesige Literaturszene zu integrieren. Zum Beispiel, indem Sie arrivierte CH-Autor/-innen anfragen, ob sie sich ein sogenanntes Tandem mit einem Exilautor bzw. einer Exilautorin vorstellen könnten. Mir wurde Azizullah vorgeschlagen, wir trafen uns und waren uns sofort einig, dass das was wird mit uns. Dank der persischen Übersetzung von «Zwischen zwei Wassern» konnte Aziz sich auch der Qualität meiner Arbeit vergewissern.

War von Beginn weg klar, dass aus dem Experiment ein Buch werden würde? Oder war es gar kein Experiment?
Einige Tandems treffen sich sporadisch und besuchen Veranstaltungen, oder sie schreiben sich Briefe oder sie reden über Literatur. Für Aziz und mich war von Anfang an klar, wir wollen Literatur MACHEN. Und zwar jeder für sich, aber dennoch zu zweit. Das war die Idee des Gesprächs; etwas, was es so praktisch nicht gibt. Und Miniaturen, damit der Gesprächscharakter, der Schreiberwechsel, auch zum Tragen kommt. Und dass wir unser Gespräch für die Öffentlichkeit führen, war auch von Anfang an klar. Literarische Texte brauchen Öffentlichkeit; so ergibt sich dann auch ein Gespräch mit den Lesenden…
Ich habe dann mehrere Verlage angeschrieben …  Es ist dem Rotpunkt Verlag hoch anzurechnen, dass er sich auf dieses Experiment eingelassen hat, mit dem sicher kein Geld zu verdienen sein wird.

Ihr kommt aus ganz verschiedenen Leben, Geschichten und Kulturen. Mir scheint, dass es deutliche Unterschiede gibt, nicht nur bei den Themen, der Bildsprache, auch im Sound, der Sprachmusik. Wie sehr war es ein Herantasten? Was passierte zumindest bei dir, wenn du einen Text von Azizullah erhalten hast?
Ein Herantasten war nicht möglich. Wir mussten ja jeweils einfach antworten auf einen Text. Und wir haben NIE über unsere Texte gesprochen. Keine Verständnisrückfragen, keine Änderungsanträge – das würde man ja auch nicht tun in einem normalen Gespräch. Ich sage ja nicht: «Könntest du den Satz, den du eben gesagt hast, noch einmal sagen, aber anders?».
Der Clash of cultures war krass: Krieg, Schwert, Tyrannen etc. – was soll ich dazu sagen? Ich war komplett zurückgeworfen auf mich selbst und die Sprache. (Beides ja durchaus zweifelhaft) Es wäre lächerlich gewesen, etwas über den Krieg oder die Taliban zu schreiben. Also musste ich ganz in meiner Welt bleiben und bei meiner Existenz. Das ist aus meiner Sicht auch ein Gewinn für das Buch. Jeder spricht mit dem anderen, findet Berührungspunkte, und bleibt doch in seiner Welt – egal, was für Themen angeschnitten werden. Für Aziz ist das übrigens genauso. Und so hat er mit dem Gedicht «Reisesymphonie» einen Weg zu anderen Themen gefunden – Reisen, Sprache, Träumen, Kinder.
Für Aziz, den orientalischen Geschichtenerzähler, war es übrigens auch spannend, mit europäischer Lyrik, die ganz Gedanke, Bild und Sprache ist, konfrontiert zu werden.

Zwischen der gegenseitigen literarischen Auseinandersetzung liegt die Übersetzung. Mit jeder Übersetzung verändert sich ein Text, wahrscheinlich umso mehr, je weiter die Sprachen voneinander „entfernt“ sind. Wie weit musste die Übersetzerin Sarah Rauchfuss in die Auseinandersetzung miteinbezogen werden?

Meine Texte gingen auf Deutsch zu Aziz; seine gingen nach Berlin zu Sarah Rauchfuss, dann zu mir.
So verging immer sehr viel Zeit (ca. 1 Monat) von einem Text zum nächsten. So kam natürlich nie so richtig ein Dialoggefühl auf. Vor allem Aziz hat das zugesetzt, weil er jede seiner Antworten innert Stunden nach dem Eingang meines Textes verfasst hat. Ich hingegen brauchte immer viel länger.
Die Übersetzungen habe ich nie hinterfragt, zumal Aziz immer mit Sarah in Verbindung stand und da und dort auch intervenierte.
Für mich wurden die Übersetzungen erst beim Lektorat wichtig. Wir lektorierten erst die deutschen Texte, fragten bei Sarah nach, ob die Korrekturen – alles stilistische Kleinigkeiten – eine Änderung des Originals erforderten. Falls ja, klärte das Sarah mit Aziz.

anlässlich der Weinfelder Buchtage: Fariwar und Azizullah Ima, Andreas Neeser und Gallus Frei

Azizullah Ima und Andreas Neeser sind mit «Morgengrauengewässer» gemeinsam unterwegs. Unter anderem am 1. November in Weinfelden anlässlich der Weinfelder Buchtage und am 15. November in Frauenfeld in der Kantonsbibliothek.

Azizullah Ima, 1963 geboren, studierte Pädagogik in Kabul und war Chefredakteur der Tageszeitung Dariz. Als 1996 die Taliban die Macht übernahmen, musste er Afghanistan verlassen. Seit 1999 lebt er in der Schweiz. Er hat auf Persisch zahlreiche Romane, Erzählungen und Gedichte publiziert.

Weiterschreiben Schweiz

Andreas Neeser, geboren 1964, studierte Germanistik, Anglistik und Literaturkritik in Zürich. Von 2003 bis 2011 Aufbau und Leitung des Aargauer Literaturhauses, danach Tätigkeit als Deutschlehrer. Sein umfangreiches literarisches Schaffen wurde vielfach ausgezeichnet.

Sarah Rauchfuß stammt aus Niedersachsen und lebt heute in Berlin. Nach einem ersten Studium der Iranistik und Philosophie studierte sie Zentralasienwissenschaften. Seit 2019 übersetzt sie persische Literatur ins Deutsche. 

Beitragsbild © Xenia Zezzi

Karin Antonia Mairitsch «Schweizweh», Edition Meerauge

Eine Liebesgeschichte, nicht nur eine. Eine Abschiedsgeschichte, existenzielle Ängste, ein Toter und mit „Schweizweh“ ein Buchtitel, der all jene trigert, die sich an diesem Land und seinen „Eingeborenen“ reiben. Karin Antonia Mairitsch zeigt mit ihrem Debüt Sprachkraft, Mut und einen präzisen Blick auf den Nerv der Zeit.

Es mag ein Schachzug gewesen sein. Zumindest bei mir hätte er funktioniert: Eine gebürtige Österreicherin schreibt einen Roman mit dem Titel „Schweizweh“. Man muss nicht hergezogen sein, eingewandert oder als Flüchtling hier leben, um Schmerzen zu lokalisieren. Aber wenn eine Schriftstellerin, Künstlerin und Hochschulrektorin, die in Klagenfurt/Österreich zur Welt kam und schon lange in der Schweiz lebt und wirkt, mit 57 ihr literarisches Debüt schreibt und das Buch mit „Schweizweh“ betitelt, dann reizt mich das. Nicht weil ich eventuelle Kritik am Land und den Einheimischen nicht tolerieren würde, ganz im Gegenteil, sondern weil mich der differenzierte Blick von aussen interessiert. Denn Unterschiede zwischen Kärnten und der Schweiz gibt es unzweifelhaft. Ich bin seit über vier Jahrzehnten mit einer Kärntnerin verheiratet, die mit der Heirat ihre Heimat hinter sich gelassen hatte. 700 Kilometer Distanz – mit den Alpen dazwischen.

Aber „Schweizweh“ ist keine Anklage, keine Abrechnung. Es sind die Geschichten einer Handvoll Menschen, die in der durchorganisierten, dem Perfektionismus verschriebenen Land ihre Schmerzen lokalisieren, die nach ihrer Heimat, ihrer Zugehörigkeit fragen, die nicht zuletzt mit der Angst leben, aus einem leistungsorientierten System zu fallen.

Jonathan hat eine schwierige Zeit hinter sich. Er begleitete seine Frau bis in den Tod, vermisst sie, je mehr seine eigene Existenz ins Wanken gerät. Er verlor seinen Job mit dem Gefühl, von seinem Chef hinausgemoppt worden zu sein. Ein Job, den er mochte. Endlich eine Stelle, in der er Zukunft gesehen hätte. Eine Entlassung, die ihn zu tiefst verunsicherte, spürte er doch zu Beginn seiner Arbeit beiderseitige Sympathie – vielleicht sogar mehr. Und da gab es auch noch Hélène, die Frau, die nach dem Tod seiner ersten Frau in sein Leben getreten war. Die er mochte, aber wahrscheinlich nicht liebte. Eine Beziehung, die scheiterte. Und er ist gebürtiger Österreicher, glaubt, in sich einen etwas anderen Takt zu spüren, als jener, der in der Schweiz vorherrscht, kann das, was er an Heimatgefühlen in sich spürt, wenn er nur schon an seine Grossmutter denkt, nicht so einfach wegstecken. Jonathan braucht Distanz und nimmt sich eine Auszeit in der Türkei. Nicht um Ferien am Strand zu machen, sondern um sich klar zu werden, wohin es gehen sollte. 

Karin Antonia Mairitsch «Schweizweh», Edition Meerauge, 2025, 256 Seiten, CHF 26.00, ISBN 978-3-7084-0684-8

Ausgerechnet in der Zeit, in der Jonathan in den Ort in der Türkei eintaucht, Beziehungen zu knüpfen beginnt, denn er spricht wegen einer ersten grossen Liebe leidlich türkisch, liegt eines Morgens ein toter Mann vor Jonathans Stammcafé. Polizei, Presse und alle, die dort wohnen, beginnen mit Spekulationen und weil die Polizei schnell einen Schuldigen lokalisieren muss und ein mögliches Täterprofil auf Jonathan zu passen scheint, gerät dieser in die Mühlen der türkischen Polizei, in einer Zeit, in der die Sicherheitsorgane des Landes eh schon in Alarmbereitschaft sind und sich vor ausländischer Einmischung fürchten. Jonathan landet in Untersuchungshaft, wochenlang ohne Kontakt zur Aussenwelt.

Gleichzeitig erzählt Karin Antonia Mairitsch von Sophie. Ihre Frau, ihre Lebenspartnerin liegt im Sterben. Sophie nimmt in kleinen und grossen Schritten Abschied von ihr, begleitet sie, in den letzten Tagen zusammen mit dem Bruder ihrer Frau. Sophie, die sich nicht nur mit dem langsamen Sterben ihrer Partnerin konfrontiert sieht, sondern auch mit einer Sinnsuche in dem, was sie bisher als ihre Berufung, ihren Beruf sah, in einem Zustand des Aufbruchs ohne zu wissen, wo all das hinführt, was jetzt eine andere Richtung nimmt. Ein Weg, den Sophie irgendwann zu Jonathan führt.

Was diesen Roman speziell macht, ist seine Sprache und seine Architekur. Da schreibt eine Künstlerin, die es in ihrer Tätigkeit als bildende Künstlerin gewohnt ist, ihr Denken in Worte zu fassen, sehr oft in unkonventionellen Bildern, Sichtweisen, die erstaunen. Aus keiner Schreibschule. Der chronologisch erzählte Roman lebt von schnellen Schritten, hüpft von Perspektive zu Perspektive, zeigt, wie grundverschieden Protagonisten ihr Leben lesen, Entscheidungen fällen. Manchmal sind Abschnitte nur einen Satz lang und dann blendet der Scheinwerfer wieder aus einer anderen Richtung, nie verwirrend, stets vielstimmig.

Karin Antonia Mairitsch ist ein beeindruckendes und kunstvolles Debüt gelungen, das viel Aufmerksamkeit verdienen würde!

Interview

Er wollte sich die Liebe von der Seele schreiben, heisst es von Jonathan. Das wollten auch Sie. Sie schreiben über Liebe, aber auch von den Bedrohungen der Liebe; dem Tod, dem Erkalten, dem drohenden Vergessen, der Hektik, der Selbstoptimierung… Und doch schwingen dermassen viele innige Schilderungen, Liebeserklärungen in Ihrem Buch. Sie schaffen es eindrücklich, ehrlich und ganz nah zu bleiben. Nichts wirkt abgedroschen. Liebe und Tod, die zwei grossen Themen der Literatur. Gab es Leitplanken, Grenzen, die Sie nicht überschreiten wollten?

Ja, es gab Grenzen. Solche, die ich nicht überschreiten wollte und solche, die uns die Sprache setzt. 
Erstere betrifft all die Qualitäten von Liebe, Beziehung und Begegnung, die genau nur der geliebten (oder befreundeten) Person zufliessen können. Sie sind unwiederbringlich und nicht teilbar mit Dritten; in einer Weise entgrenzt, die für Aussenstehende unzugänglich bleibt. So beständig wie sie flüchtig sind, so fest wie flüssig, so leise wie laut, so verhaftet in uns selbst wie in der anderen Person, so unbeschreiblich verlebendigt bleiben diese Qualitäten und erst recht ihre sprachliche Fassung bei den Liebenden (oder Befreundeten) – im Leben, und über das Irdische hinaus. Ein Versprechen, das sich die Liebenden gegeben haben, mehr noch: ein Band, das nicht durchschnitten wird. 

Jene Grenzen, die uns die Sprache setzt, oder genauer: die mir die meine setzt, betreffen all jene Emotionen, die frau artikulieren möchte und doch nicht kann. Schmerz oder Trauer zum Beispiel. Sie lassen sich nicht einmal annähernd so in Worte kleiden, wie diese Empfindungen uns zu erschüttern vermögen. Liebe und Tod sind die grossen Themen der Literatur, weil sie sich ihrer sprachlichen Fassung im Grunde doch entziehen. Und so sehr wir uns mühen, so offen und ehrlich wir in uns hineingraben und wühlen, ringen um Worte und ihre Kraft, so werden wir am Ende nicht erschöpfend ausgedrückt haben, was die Liebe und der Tod in unseren Leben bewegt hat. Mit diesem Phänomen setze ich mich immerfort auseinander und schrieb 2020 in «Helmi Vent – Lab Inter Arts»: «Die Sprache ist fremdkörperlich. Sie ist niemals das Denken selbst. Und auch nicht das Fühlen. Sie ist der Versuch, mich dir mitzuteilen, dir mitzuteilen, was ich denke oder fühle oder bin oder tue. Und das beschreibend gibt sie ihr Bestes. Sie bleibt experimentell.» (Mairitsch 2020, S. D. 95)

Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.

DES SCHWEIZERS ART, SICH DEM PHÄNOMEN ZUNEIGUNG ZU NÄHERN © Karin Mairitsch
Mischtechnik auf Papier 72×25cm, Luzern Schweiz 2013, Serie

Liest man die Kapitelüberschriften, dann klingt es nach Lyrik, nach Poesie. Auch im Text gibt es Passagen, die an lyrische Prosa erinnern. Kam das gewollt oder war es Intuition?

Wenn ich vorhin von jenen Grenzen sprach, die durch die Herausforderung gesetzt sind, uns mittels Sprache hinlänglich auszudrücken, folgt entweder die (zuweilen durchaus hilflose) Schweigsamkeit oder eine Form der künstlerischen Artikulation, die sich jenseits des Anspruchs auf exakte Be-Zeichnung oder verbale Deutungshoheit oder narrative Vermessung und erzählerische Folgerichtigkeit auszudrücken vermag. Die Lyrik, die Poesie sind für mich jene künstlerisch-sprachlichen Ausdrucksformen, die uns «ermuntern, vom Wissen ins Gefühl zu kommen, um dort, im Gefühl, wissend zu werden» (vgl. Mairitsch 2020, S. D. 93). In diesem Sinne müssen sie nicht immer verstanden werden, sie sind offen gegenüber erzählerischen Möglichkeits- und Vorstellungsräumen und können sich weiten, bis sie verstanden sind. 

Für mich ist dieser Zugang daher weder eine Frage des Willentlichen noch des Intuitiven. Es ist vielmehr der Versuch, den Raum zu weiten für das Mögliche, das Vorstellbare, das Unaussprechliche und Unbekannte in uns; ein Findungsfeld, das sich mit jedem Lesen neu konstituieren, neu erfinden und entfalten kann. Lyrik war im Übrigen mein erster Zugang zur Literatur und zum Schreiben. Ich kehre gerne in diese Beheimatung zurück: «mMan spricht, worin man gewachsen ist. Wir können nicht behaupten, in der Sprache erwachsen zu sein. Wir altern mit ihr und lernen noch. Bestenfalls sind wir in ihr beheimatet.» (Mairitsch 2020, S. D. 92)

Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.

Es sind nicht so sehr die Personen, die im Vordergrund stehen, sondern die grossen Fragen des Lebens: Wohin geht mein Weg? Wo liegt meine Erfüllung? Wie wird Liebe? Was bleibt von ihr? Wie begegne ich dem Tod? Wie kann ich in meinem Herzen behalten, was Liebe ausmacht? War das Schreiben eine Selbstvergewisserung?

Ein Selbst muss sich nicht vergewissern – es ist. Und es ist viele. Weswegen mein Schreiben keine Selbstvergewisserung ist, sondern Da-Sein ist. In diesem Sinne eröffnet das Schreiben vielgestaltige Möglichkeiten, ein Leben und sein Vieles zu durch-leben.    

SUCHE SCHWEIZ © Karin Mairitsch
Mischtechnik auf Papier 136.5×26cm, Luzern Schweiz 2012, Serie

Es greifen viele Themen ineinander. Manchmal scheint es, als würde ein Thema überhandnehmen, um sich dann wieder in den Hintergrund zu ziehen. Es hätte ein Kriminalroman werden können, ein Gefängnisroman, ein politischer Roman, ein Burnoutroman… Aber es ist in erster Linie ein Liebesroman – wenn auch weit weg von Üblichen, Lichtjahre weg vom Kitsch, aber mit grosser Empathie geschrieben. Drohte nie die Gefahr, die Übersicht zu verlieren? Können Sie etwas erzählen über den Schreibprozess?

In der Tat gab es Momente, in denen es herausfordernd war, die Übersicht zu behalten. Meistens, wenn eine neue Figur den Roman betrat und ich mich zunächst dieser Figur annähern musste, um ihr Da-Sein zu erkunden. Einer der irritierendsten Momente war sicherlich das Auftauchen der Leiche am Strand. Das kam früh, sehr überraschend und blieb lange rätselhaft – denn wenn ich eines nicht wollte, dann einen Kriminalroman schreiben. Schreibend durfte ich erfahren, dass die Verschränkung aller Protagonist:innen und deren Schicksale einen Angelpunkt – eben die Leiche am Strand – brauchte und dass das Erzählen zur Conditio sine qua non wird, um die Verbundenheit mit sich, der Welt und allen Menschen erfahrbar zu machen.  

Womit ich verraten habe, dass ich, die ich normalerweise planvoll und konzeptionell gefestigt vorgehe, bei diesem Roman keinem durchgängigen Konzept folgte, das ich vorab zurechtgelegt und das die Charaktere wie auch die Handlungsstränge definiert hätte. Das Konzept erarbeitete ich zu einem späteren Zeitpunkt und kam bei der Einreichung zum Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung zum Tragen1. Vielmehr begann das Schreiben unvorhergesehen, einzig gekoppelt an die Idee der Gleichzeitigkeit von Ereignissen und der Verbundenheit von allem und jedem, und endete erst mit dem Ende, das ebenso unvorhersehbar eintrat. Mein exploratives Schreiben ins scheinbar Ungewisse verstehe ich dennoch nicht primär als einen intuitiven Prozess. Es ist für mich eher die Erkundung dessen, was ist, das seine Denkform und sprachliche Ent-Äusserung noch sucht. 

1 Das Manuskript »Schweizweh« wurde 2020 mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung ausgezeichnet.

In der Architektur Ihres Romans wählten Sie eine recht eigenwillige Struktur: Chronologisch, aber immer wieder aus verschiedenen Perspektiven, so dass man Ansichten ganz unterschiedlich gespiegelt las. War diese Form schon von Beginn weg klar oder drängte sie sich während des Schreibens auf?

Diese Form war schnell, fast von Beginn an klar. Bei all der Gleichzeitigkeit von Ereignissen erhoffte ich mir mit der Chronologie eine gewisse Nachvollziehbarkeit. Durch die verschiedenen Perspektiven, Ansichten und Wahrnehmungen, ja, auch durch Wiederholungen und Neu-Kontextualisierungen entfaltet sich eine Vielschichtigkeit, die mir wichtig ist: Ein Leben hat viele Schichten, hat Wiederholungen, Umwege und Wendungen, die sich nicht so einfach preisgeben. Sie wollen durchschritten, oder in diesem Falle: entschieden werden.

Sie sind bildende Künstlerin. Wie weit half Ihnen Ihre künstlerische Arbeit sonst? Ist Schreiben nicht das lange, filigrane Malen auf eine Grossleinwand?

Mit dem künstlerischen Prozess und einem visuellen Ausdrucksrepertoire vertraut zu sein, hilft sehr: So, wie sich in meinem Œuvre seit jeher viele Werke mit Sprache, lyrischen Titeln und Textminiaturen finden1 und ich mit altmeisterlicher Schichtentechnik2, gestischer Abstraktion3 sowie gegenständlicher bzw. figürlicher Malerei und Zeichnung4 vertraut bin, so zeichne und male ich umgekehrt auch beim Schreiben in Schichten und Gesten, setze Striche, lasse Weissraum und trage dramatisch pastos zuweilen sanft transparent auf. Insofern würde ich mich selbst nicht als «bildende Künstlerin» oder «Autorin» bezeichnen, denn ich bin beides und einiges mehr – doch mit der bildenden Kunst auch schreibend und mit dem Schreiben auch zeichnend und malend. 

Interessant sind die prozessualen Parallelitäten: 

  • Erst wenn der Titel (des Werks, der Ausstellung, des Buches) bekannt ist, beginnt das visuelle Gestalten bzw. das Schreiben. 
  • Die weisse Fläche zu Beginn ist stets eine Hürde, die einfühlende Überwindung braucht. 
  • Der erste Pinselhieb, der erste Strich, der erste Satz sind ent-scheidend und be-stimmend für das Ganze und Folgende. Sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt herausstellen, dass diese ersten «Gehversuche» nicht passen oder nicht stimmig sind, wird radikal verworfen und der Papierkorb (ein wichtiges Werkzeug im Künstlerischen!) bemüht. 
  • Wenn es zum künstlerischen Vorhaben ein Konzept gibt, dann rudimentär und ergebnisoffen. 
  • Der Prozess lebt von Verwerfungen, Umwegen, Unvorhergesehenem und Überraschungen. Letztlich werden es diese Ereignisse sein, die den Prozess beleben und den Spannungsbogen erzeugen.
  • Denken (im Sinne von Zurücktreten, Analysieren und Bewerten, im Sinne von Vordenken und Entwerfen) und nicht-denkend Tun wechseln einander ab. 
  • Das Ende (der Erzählung, des Werks, etc.) ist eine bewusste Ent-Scheidung.

Karin Antonia Mairitsch, geboren 1968 in Klagenfurt, Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Promotion an der Kunstuniversität Linz, ist bildende Künstlerin, Gestalterin, Kuratorin, Dozentin, Autorin sowie Herausgeberin einiger Fachbücher im Bereich Medien, Gesellschaft und Kunst. «Schweizweh» ist ihr Romandebüt. Karin Mairitsch kann auf eine rege internationale Ausstellungs- und Performancetätigkeit zurückblicken. 2020 etwa hat sie das Mehrjahresprojekt l21 kuratiert. 2019/2020 wurde sie mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung und 2020 mit einer Nominierung für den Luzerner Werkbeitrag in der Sparte Freie Kunst ausgezeichnet.

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Beitragsbild © Sam Khayari