Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese

Leonor Gnos Gedichte erzählen glasklar und unverschlüsselt. Hinge ihre Kunst wie Bilder an Wänden, wäre sie gegenständlich, aber unmissverständlich vieldeutig. Da schreibt und dichtet eine Frau mit dem Mut einer Unverzagten, mit dem tiefen Bewusstsein, dass ihre Sprache Musik ist.

Ich lernte die fast Neunzigjährige in einem Restaurant in Luzern kennen. Eine kleine Frau mit ausgesuchter Garderobe, keckem, schwarzem Lederhut ohne Krempe, wachen Augen und fein rot nachgezogenen Lippen. So wie ihre Gedichte hat das Wesen dieser Frau nichts Aufdringliches, weder ihre Gedichte noch ihr Tun zwingen etwas auf. Und trotzdem sitzen wir uns nach wenigen Minuten wie alte Bekannte gegenüber. Aber genauso geht es mir mit ihren Gedichten. Da schreibt jemand mit einem Gleichmass an Herz, Seele und Geist. Nichts Verschlüsseltes, nichts Vergeistigtes, nichts Verklausuliertes. Die Vielschichtigkeit ihrer Lyrik liegt offen, so wie die Freundlichkeit und Zugewandtheit der Frau hinter den Gedichten.

 

Die Winde austoben lassen
die abgeflauten Stösse
keinen Schrei mehr übrighaben
erstickendes Heulen Winseln
bis das letzte Wehen flach liegt

die Wörter aufsteigen
in bangen Sätzen
Rückkehr ins Gedicht
als wäre es das erste Mal

 

Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese, 2026, 104 Seiten, CHF ca. 26.00, ISBN 978-3-03981-028-4

Leonor Gnos orientiert sich an der Natur, einem wachen Auge, dem Blick für die Kleinigkeiten, hinter denen sich das Grosse verbirgt. Helle Farben, offenbarende Bilder, klare Konturen, die meinen eigenen Blick schärfen. Leonor Gnos nimmt nicht Stellung, trotzdem sind ihre Gedichte Statements einer Haltung, setzen etwas gegen die Abgründe im Menschlichen, gegen die Verwerfungen der Gegenwart. Ihre Gedichte sind geschmeidig, nie glatt, verraten viel über die Art ihres Schauens, ihren Alltag, ihr Schreiben, das längst zu Atem geworden ist.

 

Wie Formen und Umformen glückt
zeigt mir der Mond in der Nacht
wenn der neue Entwurf gelingt
und ich an nichts zu glauben brauche
mich wie die Sängerin auf die Luft stütze
die den Klangkörper der Wörter trägt

so setze ich Zeilen als schriebe ich
ein Gedicht allen Regeln zum Trotz

 

Der Gedichtband ist in drei Teile unterteilt; Funkensprühen – Lichte Scheitel – Geflüchtete Sonnen. Vom Frühling, vom Erwachen durchs Jahr bis hinein in den Winter, ins Vergehen, ins Sterben. Eingeschlossen die Erfahrungen eines langen Lebens, des Werdens und Vergehens, vom Aufbrechen bis in den Tod. Mag sein, dass Resümieren mitschwingt, der Blick zurück auf ein langes Leben. Aber ohne Groll, dafür mit einer ordentlichen Portion erfrischenden Widerstands.

 

Lange Schatten fliehen
mit der sinkenden Sonne
Goldtöne lösen sich auf im Dämmer

in den Bäumen kauern Gnome
werfen Kastanien und Nüsse

doch ich suche das Licht des Meers
bevor die Sonne verschwindet
und ich mit ihr

***

Der Gedanke bohrt und gräbt
nicht wie der Stein oder der Schatten
er geht einem Ton auf den Grund
einer Stimme in der Nähe
der Kindheit und des Todes

geht dem Gedicht nach
dem Schrei und seinem Schweigen

Foto © Benedikt Troxler
Foto © Benedikt Troxler

Ich liebe Musik, in der Lyrik ist viel Musik, Wörter und Silben folgen einer musikalischen Intention, einem Rhythmus, der den Versen den Zauber des Gedichts geben. Erinnern, Denken, Empfinden, Finden, Erfinden, Verbinden. Leonor Gnos

Leonor Gnos, geboren 1938 in Amsteg, UR, publiziert Lyrik und Prosatexte. Nach einer kaufmännischen Ausbildung lernt sie mehrere europäische Sprachen, verknüpft mit Aufenthalten in England, Italien, Spanien, Griechenland. Sie erwirbt Lehrdiplome und unterrichtet 1988 – 2009 Deutsch in Paris. Im Alter von fünfzig Jahren beginnt sie mit dem literarischen Schreiben und veröffentlicht in den folgenden Jahren zahlreiche Gedichtbände. Seit 2010 lebt sie – die pulsierende Städte liebt – in Marseille. Dort ist sie Mitglied des lyrischen Zirkels «Le Scriptorium».

Beitragsbild © Roberto Conciatori

Dita Zipfel «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt», Insel

Auf einer gemeinsamen Reise kommen sich zwei Frauen näher, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und neben den ganz großen Fragen bleibt am Ende vor allem eines: ein unbefriedigendes Gefühl.

Mutterschaftsurlaub
Gastrezension: Anna-Lia Käslin-Tanduo kam von der Elbe an den Rhein und studiert nun in Basel Literaturwissenschaft. Am liebsten beschäftigt sie sich mit Fragen zur Erzähltheorie und Mutterschaftsdarstellungen in der Kunst.

Ein Roman über Mutterschaft. Noch einer. Brauchen wir das?

Diese Frage kann man sich stellen, wenn man Dita Zipfels Buch «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt» vor sich hat. Denn darum geht es, genauer gesagt um zwei Frauen: Eva, die schon Mutter ist, und Linn, die es noch werden soll. Zusammen mit ihren Partnern Felix und Matze und den beiden Kindern von Eva und Felix verreisen sie an die Côte d’Azur. In einen Luxusbungalow, der so ist, wie man sich Luxus vorstellt: Alles ist weiß und poliert, der Boden glänzt. Nach dem Urlaub werden Linn ihre befruchteten Eizellen eingesetzt, und dann bekommen sie und Matze endlich auch ein Kind. So weit der Plan.

Doch das erste Problem ist schon der Bungalow, das Ufo aus Glas wird nämlich von Felix bezahlt. Er bezahlt auch den ganzen Urlaub, denn Felix ist reich. Und das stört Linn. Sie mag Felix eigentlich nicht, und noch weniger die perfekte Eva. Aber Matze und Felix sind Jugendfreunde und so muss sich Linn ihrem Schicksal ergeben.

Etwas uninspiriert kommt dieser Plot daher: eine Gruppe auf engem Raum, Konfliktpotenzial inklusive. Auch die Figuren sind nicht gerade originell. Felix ist zwar erfolgreich, auf der Suche nach ständiger Optimierung aber nicht glücklicher als alle anderen. Und die normschöne Eva, die sich bewegt als würde ein Wind sie tragen, ist in Wahrheit auch unsicher und überfordert. Linn und Matze sind die Normalos, nicht unglücklich im Leben, aber perfekt ist es eben auch nicht.

Dita Zipfel «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt», Insel Verlag, 2026, 219 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-458-64612-9.

Spannend verspricht es zunächst zu werden, als die beiden Frauen sich annähern. Da gibt es zuerst ein erotisches Knistern, das sich aber nicht recht entwickelt und deshalb irgendwie fehl am Platz wirkt. Trotzdem werden die beiden Verbündete, vapen heimlich zusammen und werfen sich verschwörerische Blicke zu. Und sie spielen gemeinsam Wahrheit oder Pflicht, was aber aufregender klingt, als es dann letztendlich ist. Die Beziehung der beiden dient vor allem dazu, auszuhandeln, worum es im Roman geht: Was es heißt, Mutter zu sein. Vor allem Linn fragt sich dabei, ob sie das wirklich kann. Und Eva gibt zu, dass eben nicht alles so perfekt ist, wie es scheint.

Das klingt alles nicht neu und macht über weite Strecken auch nicht wirklich viel Spaß. Eva und Linn zeigen immer wieder, dass Frauen zu ihren Körpern ein schwieriges Verhältnis haben. Der Roman startet damit aber keinen Überwindungsversuch, sondern festigt traurige Tatsachen. Denn Eva und Linn bewerten den weiblichen Körper mit Blick auf Mutterschaft rigoros: vorher gut, nachher schlechter. Wer kann, sollte das Nachher im Vorher noch so gut es geht beeinflussen. Zum Beispiel durch einen Kaiserschnitt, dann bleibt wenigstens der Beckenboden heil. So zumindest lautet Evas Empfehlung an Linn. Ein zweifelhafter Rat, den der Roman aber nicht weiter hinterfragt.

Und so verläuft vieles nur an der Oberfläche. Das ist auch nicht verwunderlich, denn neben der Beziehung zwischen Linn und Eva gibt es zahlreiche weitere Schauplätze: Da sind die ständigen Konflikte zwischen Felix und Linn, die Freundschaft von Felix und Matze, die Geschichte von Latifa, die für die Reinigung der Ferienhäuser zuständig ist. Es wird geklaut, geschimpft, gelogen und der Bungalow wird am Ende zum Bunker. All das wirkt zusammen wie ein buntes, grelles Bild, in dem alles wichtig ist, aber nichts so richtig zu Geltung kommt.

Romane über Mutterschaft brauchen wir weiterhin, unbedingt. Denn nur so bleiben wir über Care, Rollenbilder und alles damit Verbundene im Gespräch. Aber vielleicht nicht gerade so.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Dita Zipfel, 1981 in Kiel geboren, schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Essays und Literatur. 2020 wurde sie für ihren Jugendroman «Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte» unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie schreibt Geschichten, die ein bisschen wie Filme sind, vielleicht, weil sie sich das Erzählen im Kino ihres Opas beigebracht hat.

Beitragsbild © Jacintha Nolte/Insel Verlag.

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooks

Martina Caluoris Romandebüt „Schatten der Pinus“ ist ein 152 Seiten langes Fries der Innen- und Aussenwelten. Ein fast verlassener Campingplatz im Nirgendwo am Meer. Die vier, die geblieben sind, erwarten nichts mehr, leben ganz im Moment oder dämmern in Erinnerungen.

Es war einst ein Platz mit Kinderlärm, rufenden Eltern, Geruchswolken aus Sonnencreme und gegrilltem Fleisch, mit aufgespannten Sonnenschirmen und Fetzen von Musik. Geblieben sind eine Handvoll Gestrandeter, Zurückgebliebener, Ausharrender – und die Pinien, die von jeher ihre krummen Rücken nach dem Wind richten. Sand voller Abfall, Plastikresten. Das Meer ist grau geworden. Von Zeit zu Zeit werden sie mit dem Nötigsten versorgt, die geblieben sind in ihren Campingmobilen, die einst die Freiheit versprachen. Es ist nicht der Blick aufs Meer, nicht einmal auf die leise gewordenen Bewegnungen derer, die geblieben sind. Es ist der Blick nach innen, die Resignation, der Blick in blass werdende Vergangenheiten, die Restsehnsucht.

Vielleicht ist das die Gefahr der Vergangenheit: das sie nicht einfach war, sondern sich mit jedem Erinnern neu zeigt.

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooka, 2026, 152 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-907709-27-6

Phine, Jochen, Bo und eine namenlose, alte Frau; sie alle eingeschlossen sind in ihre eigene Geschichte, ihre eigene Welt, hadernd, trauernd, alleine, verlassen, einsam. Das einzige, was sie verbindet, ist der Ort, ein Leben ohne wirkliche Zukunft und das Gefühl des Vergessenseins. Gefangen von sich selbst. Nur manchmal sitzen die einen zusammen, trinken und sinnieren. Nur die alte Frau, die am Strand die langen Nadeln der Pinien sammelt, scheint sich einigermassen frei zu bewegen.

Martina Caluori erzählt keine Geschichte. Selbst die Erinnerungsfetzen, die in den ineinander verflochtenen Texten auftauchen und wieder verschwinden, sind Fragmente, Erinnerungsbilder, Gefühle, Stimmungen. Martina Caluori malt ein langes Bild, eine Stimmung, Szenen von Menschen, die sich nicht aufgegeben haben, aber auch nichts mehr von ihrem Leben erwarten, nicht einmal einen nächsten Tag. Mag sein, dass es die einen als Dystopie lesen, Bilder aus einer Zeit, in der der nächste Tag nur die Verlängerung der Gegenwart ist, in der man sich nicht einmal mehr in ein Zurück sehnt, in der man das Hoffen aufgegeben hat, von Menschen, die angesichts der grauen Gegenwart an den Farben der Vergangenheit zweifeln. Es geht bei Martina Caluoris Schilderungen nicht um die Erinnerungen selbst, nicht um die Bilder, nicht um die Inhalte, sondern was das Erinnern mit den ProtagonistInnen macht, den Akt selbst, das Hineinschauen.

Wenn du verhindern willst, dass sich Vergangenes verändert, müsstest du aufhören, daran zu denken.

Manchmal gibt es Bücher, die einem den gleichförmigen Lesefluss verweigern. Nicht weil die Spannung abbrechen würde, sondern weil einem bei der Lektüre Sätze anspringen, die sich festkrallen, mit denen man ringen muss, die nicht loslassen, die haften bleiben, sich nicht abschütteln lassen. In „Schatten der Pinus“ gibt es diese Sätze zuhauf. Manchmal staune ich einfach nur über die Klarheit eines solchen, die Weisheit oder die Prägnanz. Manchmal werfen sie mich aus dem Lesefluss, weil in meinem Kopf durch die Sätze eine Runde weg vom Text in meine eigene Gedankenwelt gemacht werden muss, weil mich das Nachdenken aufhält, weil ich es nicht zulassen will, so einfach über den einen oder anderen Satz hinwegzulesen.

Ein ungemein wundersames, atmosphärisches Buch.

im Literaturhaus Thurgau Gottlieben

Martina Caluori lebt als Lyrikerin und Autorin in der Schweiz. Nach einem Studium der Publizistik und Filmwissenschaften debütierte sie 2019 mit dem Lyrikband »Frag den Moment«, gefolgt von Mundartlyrik für »Öpadia: A Novella us Graubünda« (2021) und 2022 von ihrem Kurzprosadebüt »Weisswein zum Frühstück«. 2023 erschien ihr Gedichtband mit Audiowerk »Ich weine am liebsten in Klos« (beide lectorbooks). Für ihren Debütroman »Schatten der Pinus« (2026, lectorbooks) wurde sie mit dem Literarischen Werkbeitrag der Stadt Chur sowie mit dem Grossen Werkbeitrag des Kantons Graubünden ausgezeichnet.

Beitragsbild © Michel Gilgen

Hauslesung mit Thomas Dütsch und Chris Wirth «Mit jedem Vers»

Samstag, 9. Mai, 18 Uhr, Maihaldenstrasse 11, 8580 Amriswil, Lesung, Musik und Diskussion bei Wein, Wasser und Leckereien, (bis ca. 21 Uhr), Eintritt inkl. Konsumation 35 CHF, zwingend Anmeldungen bis 3. Mai unter info@literaturblatt.ch oder 076 448 36 69 (Platzzahl beschränkt!). Hauslesung mit Thomas Dütsch und Chris Wirth «Mit jedem Vers» weiterlesen

Ahojana 4 «Tausend Tentakelschläge» – Eine Postkarte aus Carbelotte von Owida N. Woiax

Mit einem staccatoartigen Hupen rast der hellblaue Autocar der Buchgesellschaft Pierou an der Haltestelle im Zentrum von Carbelotte vorbei. Offenbar weiß der Chauffeur, dass die zwei Frauen, die sich vor dem leichten Nieselregen unter das Dach der Station geflüchtet haben, nicht bei ihm mitfahren wollen. Mir war sogar, er habe ihnen zugewinkt. Ich stehe unter einer mächtigen Espe auf der anderen Straßenseite – unentschlossen, ob ich meinen Schirm hervorholen oder darauf vertrauen soll, dass der Regen bald wieder aufhört. Etwas weiter nördlich, über der Baij Kabsakdi, ist der Himmel schon wieder blau. Oder noch? Ich mag keine nassen Regenschirme. Ich warte lieber noch etwas zu.
Sollten mich die zwei Frauen überhaupt bemerkt haben, so lassen sie sich auf jeden Fall nicht stören. Sie sind ganz und gar mit ihren Beinen, ihren Hüften, ihren Armen, Schultern und Köpfen beschäftigt, die sie in rasendem Rhythmus bewegen. Ihre bloßen Füße sausen schwungvoll hinweg über die vom Regen am Boden der Haltestelle geschaffene Landschaft aus Tümpelchen, kleinen Teerinseln und Bächlein. Ihre weiten Röcke fliegen, als hätten sie sich von der Schwerkraft gelöst. Musik ist keine zu hören – sieht man vom Gezirpe der Jamakala ab, einer kleinen Grille, die sich an diesem späten Nachmittag schon den Abend herbeisingt. Gleichwohl bin ich sicher, dass die zwei tanzen. Und sie können das ausgesprochen gut, ihre Bewegungen sind gestaltet, folgen eindeutig einem Ablauf – und ich kann nicht erkennen, dass sie je unsicher wären, wie es weitergeht.
Gut möglich, dass sie sich auf die Fête de la Carotte vorbereiten, in deren Rahmen es ja Tanzveranstaltungen und sogar Wettbewerbe gibt. Kann es sein, dass ich gerade der Entstehung eines neuen Karottentanzes beiwohne? Meine Lippen versuchen, den schnellen Sprüngen und Hüftschwüngen der zwei Frauen nachzuhüpfen: «Vive la carotototte au sein de Carbelotototte.» Nein. Das ist eindeutig nicht schnell genug. Die zwei haben ein gewaltiges Tempo drauf. Und Reime passen auch nicht zu diesem Tanz, der bei aller Stimmigkeit, bei aller Präzision auch etwas Ungereimtes, Ungehemmtes, Unfassbares hat. Wäre es möglich, dass sie sich von den Chevaliers de Carbelotte piksen ließen. Ich weiß nicht, welchen Effekt das Gift dieser eigentümlichen Insekten auf den menschlichen Körper hat. Aber es könnte ja sein, dass es wie ein Stich der Tarantel in eine Art Raserei versetzt, die sich choreografisch nutzen lässt.
Der Regen wird stärker, der Himmel verdunkelt sich und mir ist gar, als sei durch das Prasseln und Rauschen hindurch ab und zu ein Donner zu hören. Die zwei Frauen lassen sich nicht beirren. Im Gegenteil: Ihre Freude am Tanz scheint mit dem Regen noch wilder, noch hemmungsloser zu werden. Vielleicht schlägt gleich ein Blitz in die Haltestelle ein, sie verwandeln sich in tremolierende Oktopusse und toben mit tausend Tentakelschlägen davon.
Das Blätterdach der Espe über mir hat unterdessen so viel Wasser aufgenommen, dass es unten heraus und mir auf Schultern und Kopf tropft. Ich drücke mich an den Stamm, der noch weitgehend trocken zu sein scheint. Doch da bohrt mir ein Viechlein, das verborgen in der Borke sitzt, seine Nadel in die Schulter. Ich zucke zurück, doch schon breitet sich von der Stelle ein Schmerz in meinem Arm aus, klettert mir in den Nacken, in den Kopf. Toboza! Verflixt! Ob das ein Chevalier der Carbelotte war? Werde ich wohl auch gleich wie besessen durch den Regen tanzen? Ist das wirklich immer noch Donnergrollen, was ich da höre? Sind das nicht die Rhythmen mächtiger Trommeln, die näher und näher kommen? Und spüre ich nicht schon, wie meine bibbernden Beine den Boden bebeben?

Ahojana 1

Ahojana 2

Ahojana 3

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Markus Bundi «Hayo», Kröner Edition Klöpfer

Markus Bundi ist ein Tausendsassa! Er schafft es sogar, mich mit einer Katze zu locken. Das schaffen nicht viele. Markus Bundi ganz leicht, leichtfüssig und tiefschürfend. So wie es auch seine Gedichte sind. Wenig verwunderlich, dass es Bundi auf nicht einmal hundert Seiten schafft; ein eingedamfter Roman, literarischer Sud!

Es ist ein Roman für die Brusttasche. Dementsprechend nah geht er einem ans Herz. Nicht weil im Roman über eine Katze oder zumindest die symbiotische Beziehung zu einer geschrieben wird. Zu einem „Büsi“, wie wir Schweizer sagen, einer Bezeichnung, die genau jene Wesensart oder Sehnsucht beschreibt, die mich diesem Tier gegenüber misstrauisch werden lässt. Ich bin kein Katzenfreund, auch wenn immer ich der bin, dem Katzen unaufgefordert auf den Schoss sitzen und unmissverständlich klarmachen, was sie augenblicklich von mir fordern. „Hayo“ ist kein Katzenbuch, kein Katzenroman, auch wenn der Titel des Romans der Name einer Katze ist. „Hayo“ ist ein Familienroman im Kleinformat, eine Emanzipations-, eine Auferstehungsgeschichte einer jungen Frau, Séraphine, die den Tod ihres Katers, des Familienkaters zu verschmerzen hat.

Markus Bundi "Hayo Séraphines Roman", Kröner Edition Klöpfer, 2026, 120 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-520-77401-9
Markus Bundi «Hayo Séraphines Roman», Kröner Edition Klöpfer, 2026, 120 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-520-77401-9

Séraphine und Hayo sind gleichzeitig zur Welt gekommen, Seelenverwandte. Aber während Séraphine sich an der Grenze zum Erwachsensein abmüht, ist aus Hayo ein alter, gebrechlicher Kater geworden, der sich eines Morgens aus dem Schlafzimmer von Séraphine schleicht, um unter dem Sofa im Wohnzimmer, mitten in der Familie, sein Katzenleben zu beenden. Séraphine legt sich zu ihm auf den Teppich, so wie all die Jahre zuvor, in denen sie alles gemeinsam teilten, ihr Leben stets als Gemeinsamkeit verstanden. Mit dem Tod des Katers stirbt viel mehr als ein Haustier, viel mehr als ein eigenwilliger Vierbeiner, ein alt gewordener Gefährte mit Mundgeruch. Séraphine fühlt sich zurückgelassen, alleingelassen, das erste Mal in ihrem noch jungen Leben.

Wir waren immer von Beginn an eins, auch wenn mir das erst später bewusst wurde.

Mit Hayos Tod ist Séraphine genommen, womit sie nicht rechnete. Mit einem Mal fehlt der Mut, die Kraft, sich aufzurichten, das Leben weiterzuführen, als wäre nichts geschehen. Séraphine ist zum ersten Mal mit Sterben und Tod konfrontiert. Sie ist aus Selbstverständlichkeiten gerissen, unausweichlich damit konfrontiert, dass eine neue Ära beginnt, eine neue Zeitrechnung, dass sie nicht mehr gefragt wird, dass sie in ein eigenes Leben, in Selbstständigkeit gestossen wird. Hayos Tod ist viel mehr als der Verlust eines Haustiers, sondern das untrügliche Vorzeichen dafür, dass das Nest der Familie nicht für immer seine Wärme ausstrahlen soll.

Seit Hayo tot ist, will ich nicht mehr aufwachen.

Hayo und Séraphine waren eins. Eine Seele, zwei schlagende Herzen. Und weil diese Einheit zerbrach, hat Séraphine zu schreiben begonnen. Eigentlich das Geschäft ihres Vaters, der Hausmann und leidlich erfolgreicher Schriftsteller ist. Sein Stadtführer ist die einzige Veröffentlichung, mit der er mässigen Erfolg hatte. Ausgerechnet, denn das Buch steht auf seiner Liste ganz unten. Séraphines Vater ist Dichter, schreibt Gedichte, brotlose Kunst. Als ihre Mutter und ihr Vater sich kennenlernten, war er Musikjournalist. Man lernte sich in einem Konzert kennen. Ihr Vater, dessen Handschrift nur sie zu entziffern weiss, der ihr aber auch zeigt, dass die Wege durchs Leben nicht mit den eigenen Händen ausgelegt werden. Mit einem Mal ist da das Bewusstsein, dass man letztlich immer auf sich selbst zurückgeworfen ist, dass man in aller Gemeinschaft allein bleibt.

Markus Bundi schreibt sich in die Seele einer jungen Frau. Und das gelingt ihm ausgezeichnet. In die Verzweiflung, die Trauer, das Erwachen, das Aufstehen, das Bewusstwerden. Es ist nicht der Blick nach innen, sondern jener nach aussen. Eine junge Frau, die sich neu ausrichten, die den Kompass neu ausrichten muss. Ein zartes Buch voller Einsichten. Nicht zuletzt ein Buch über Familie, einen Schriftsteller als Vater, einen Vertrauten. Für einmal kein Kriegsschauplatz, dafür ein Buch zum Verlieben!

Markus Bundi, geboren 1969, studierte Philosophie, Neue Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich. Er arbeitete in jungen Jahren als Journalist, erst als Sport-, dann als Kulturredaktor bei einer Schweizer Tageszeitung. Seit über zwanzig Jahren unterrichtet er Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau. Er lebt als freier Autor, Literaturvermittler, Lektor und Herausgeber (u. a. der Werkausgabe Klaus Merz) in Neuenhof/ Schweiz. Für seine literarische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er ist Mitglied bei PEN Deutschland.

mehr über und von Markus Bundi auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Christian Doppler

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch

In Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» stirbt ein Ehemann und Vater über lange Zeit. Der Prozess des Abschieds verändert ihn und seine Familie.   

Der Tod als Verwandlung
Gastrezension: Sina Aebischer studiert Literaturwissenschaft in Basel und arbeitet für die Lesereihe Sofalesungen. Sie schreibt journalistisch für regionale Medien und literarisch als Teil des Kollektivs LITER. 

Die Beerdigungsgäste sind gegangen und wir wissen nicht, was wir mit den Kuchenresten anfangen sollen. Wir haben immer nur bis hierher geplant, nie weiter. Das Wir, mit dem die Hamburger Autorin Nefeli Kavouras ihren Roman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» anfängt, besteht aus Ruth und Lea, Mutter und Tochter, Witwe und Halbwaise. Denn Georg ist gestorben, nach langer Zeit. Über Jahre hinweg hatte sich sein Zustand verschlechtert, bis Ruth ihn zur Palliativpflege nach Hause holte. Der Prolog nimmt das Ende der Geschichte vorweg, bevor Kavouras zurückkehrt in die Zeit des langsamen Sterbens. 

Für die gemeinsame Tochter ist die Präsenz des todkranken Vaters nur schwer zu ertragen: Wenn Mama ihn nicht so bescheuert pflegen würde, wäre er längst tot, und ich hätte ein richtiges Leben. Die Fünfzehnjährige wünscht sich ein ganz normales Teenager-Dasein ohne sterbenden Vater. Ruth hingegen steckt ihre ganze Energie in die Pflege Georgs und wünscht sich von Lea mehr Verständnis und Nähe zu ihm. Diese ekelt sich vor dem kranken Vaterkörper: Sein Körper ist unförmig und nur halb lebendig und komisch weich. Sein Körper stinkt und gibt Geräusche von sich, sein Körper gehört nicht mehr richtig zu ihm. Kavouras nähert sich dem sterbenden Körper ohne falsche Scheu, sie beschreibt, wie er sich verändert, wie er aussieht und riecht. Es gelingt ihr, ein Porträt des Sterbens zu zeichnen, indem sie den Prozess des Ablebens anhand der Angehörigen und ihres Empfindens ganz genau beobachtet. 

Kavouras lässt Ruth und Lea in kurzen Kapiteln abwechselnd zu Wort kommen. Jedes Kapitel trägt einen Titel, viele davon sind ziemlich humorvoll. Sowieso schleichen sich immer wieder Momente der Leichtigkeit in das eigentlich so schwere Buch. Lea verbringt einen Sommer damit, ihre eigene Liebesgeschichte zu planen, eine Teenager-Romanze, die durch ihre Unbeholfenheit die düstere Stimmung auflockert und erinnert, dass der Tod in Leas Leben zwar allgegenwärtig aber nicht das einzige Thema ist. 

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-462-00870-8

Währenddessen versinkt Ruth in der Überforderung der Pflege, die sie längst alle Freundschaften und jeglichen Alltag gekostet hat. Manchmal vergesse ich, dass auch andere Menschen Themen haben, die sie beschäftigen, stellt Ruth fest. Themen, für die sie keine Kapazität hat, zu viel Platz nehmen das Sterben und die Trauer ein. Mutter und Tochter verlieren sich aus den Augen, leben aneinander vorbei, können die jeweils andere Perspektive nicht mehr nachvollziehen. Bis etwas gänzlich Unerwartetes passiert: Georg verwandelt sich in ein Pferd, ein Kunstgriff wie bei Kafka, auf dessen Werk der Text explizit verweist. 

Der Moment vor der Verwandlung ist der einzige, in dem Georg selbst zu Wort kommt. Ein paar Sätze wie aus einer Traumsequenz, dann wird der Sterbende wieder von Ruth und Lea abgelöst, deren Rollen sich mit der Verwandlung Georgs ändern. Lea wird zur zuverlässigen Pflegerin, während Ruth nicht mehr weiss wohin mit sich selbst. Dort, wo ein kranker Mann gepflegt werden musste, ist jetzt plötzlich frei nutzbare Zeit und ein Leben, das gefüllt werden will. 

Mit Georgs Verwandlung wirft der Roman Fragen nach unserem Umgang mit Krankheit und Tod auf. Ruth und Lea dienen dabei durch ihr gegensätzliches Verhalten exemplarisch und stellenweise ein wenig platt als Beispiel, wie eine Geschichte des Sterbens und der Trauer ablaufen kann. Lea als mürrischer Teenager, Ruth als aufopferungsvolle Ehefrau: Teils wirken sie eher wie Schablonen denn als ausgearbeitete Charaktere. Aber dann gibt es immer wieder Sätze, mit denen Kavouras direkt in die tiefe Menschlichkeit der Trauererfahrung vordringt: Drei, das Leben ist ja doch voller Leben. Zwei, es gibt Dinge, auf die ich mich freuen darf. Eins, ich werde immer einen Vater gehabt haben.

Mit Ruth und Lea zerrt Kavouras die Tabuthemen Trauer und Tod ins Scheinwerferlicht. Denn auch wenn Lea möchte, dass sie einfach mal an etwas anderes denken kann: Dem Sterben entkommen, kann sie nicht. Das Sterben wird im Roman zu einem Protagonisten, der nicht an den Rand oder das Ende eines Lebens gedrängt wird, sondern sich mittenrein setzt und bleibt. Und trotz allem einen leisen Optimismus zulässt. 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Beitragsbild © Stephan Obel

Claudia Vonmoos «Kunst ist, sich an morgen zu erinnern», Kiener – ein Interview

Von der Zeit über Illusion zur Absurdität – Die aus Chur stammende Musikerin Claudia Vonmoos legt ihr erstes literarisches Werk vor.

© Damian Byland

Gastbeitrag von Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Frau Vonmoos, was veranlasste Sie, Ihrem künstlerischen Schaffen mit der Musik, ein neues hinzuzufügen und zwar der schriftstellerischen Art?

Claudia Vonmoos: Ich schreibe schon lange, nur hat es etwas gedauert, bis ich auf die Idee kam, mir die Texte zwischen zwei Buchdeckeln vorzustellen, um damit ein Lesepublikum zu erreichen. Auch als Musikerin habe ich, vor allem in meinen musikalisch-szenischen Projekten, viel mit Texten gearbeitet. Damals allerdings nicht mit eigenen, sondern mit Fremdtexten.

Die Sprache spielte also nebst der Musik schon immer eine Rolle?

Das Arbeiten mit Worten war für mich schon immer selbstverständlich.

Blättert man das schön gemachte Buch auf, sieht man sich keiner langen Erzählung gegenüber – abgesehen von den Porträts im hinteren Teil, sondern kurzen, ja ironischen und verspielten Sätzen. Es sind «Miniaturen» wie es im Untertitel steht. Was gefällt Ihnen an der kurzen Form des Schreibens?

Claudia Vonmoos «Kunst ist, sich an morgen zu erinnern», Kiener Verlag, 2025, 144 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-948442-57-6

Bei der Arbeit an den Miniaturen gefällt mir die Herausforderung, eine Idee, einen Gedanken oder eine Geschichte mit wenigen Worten festzuhalten. Es sollte kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig auf dem Papier stehen. Die Miniatur lässt Raum für unterschiedliche Lesarten. Es freut mich, wenn Lesende Dinge im Text entdecken, die mir nicht aufgefallen sind. Auch kann jede Miniatur eine andere „Form“ haben. Die Arbeit daran ist abwechslungsreich. 

Auf Seite 106 lesen wir das hier: Ich hätte gerne drei Gramm Ruhe. Sie können aufrunden. Oder schon der Satz als Titel: Kunst ist, sich an morgen zu erinnern. Kommen Ihnen solche Sachen nachts im Traum in den Sinn oder beim Proben als Pianistin?

Tatsächlich ertappe ich mich beim Klavierüben manchmal dabei, dass sich die Gedanken auf eine andere Ebene, die Textwelt, begeben. Für das Schreiben ist das gut, fürs Klavierspiel natürlich nicht. Aber Ideen können einem überall in den Sinn kommen, oft ganz unerwartet. Ich habe immer ein Notizbuch in Papier- oder digitaler Form, dabei.

Aber wie kamen Sie auf diesen schönen Buchtitel?

Den habe ich beim Blättern in älteren Notizen gefunden. Ich wusste sofort, dass ich den Satz als Titel verwenden will, weil damit mehrere Themen angedeutet werden, die im Buch eine Rolle spielen, zum Beispiel Zeit, Erinnerung, Kunst, Illusion und Absurdität.

Dieses Buch hat als Geschenk einen grossen Vorteil: Der Beschenkte muss sich nicht durch einen Roman lesen, sondern kann blättern und stöbern und da und dort schöne Sätze geniessen. Wie haben Sie es denn mit dem Lesen von Büchern?

Ich lese sehr gerne, auch Romane. Im Moment liegt das Buch „Lektionen“ von Ian McEwan vor mir. Der Autor verknüpft unterschiedlichste Ebenen virtuos miteinander. Das gefällt mir. Vor Kurzem habe ich per Zufall zwei Romane von Elfi Conrad entdeckt …

… Eine in Karlsruhe lebende Schriftstellerin mit den Romanen «Als sei alles leicht» und «Schneeflocken wie Feuer», die übrigens auch Musik studierte…

Ihre präzisen, kurzen Sätze ohne Schnickschnack treffen mitten ins Herz.

Bis 2023 unterrichteten Sie an der Musikakademie Basel. 2022 gingen Sie zum ersten Mal mit ihren Texten an die Öffentlichkeit, bei einem Wettbewerb in Basel landeten Sie mit einem Text in der Shortlist und 2024 erhielten Sie eine Auszeichnung in Wien. Wann ist ein Text für Sie vollendet?

Ich überarbeite meine Texte über eine lange Zeit. Schon oft dachte ich von einem Text, er sei „fertig“, bis ich ihn später wieder hervorholte und nochmals daran feilte. Wenn ich das „Gut zum Druck“ gebe, entlasse ich den Text aus meinen Fängen und sage mir, dass er jetzt fertig ist. 

Schon vor vielen Jahren erhielten Sie einen Förderpreis der Stadt Chur, wo Sie aufwuchsen. Könnte man die damalige Förderung als Initialzündung Ihrer Karriere als Kulturschaffende bezeichnen?

Das ist allerdings lange her! Der damalige Preis war vor allem eine grosse Freude und Bestätigung. Er kam exakt zum richtigen Zeitpunkt. Ich hatte damals von einer Konzertbesucherin einen alten Flügel geschenkt bekommen. Mit Hilfe des Preisgeldes konnte ich ihn schön revidieren lassen. Da hat gerade einiges zusammengepasst.

Jetzt vielleicht eine einfältige Frage, die sich vielleicht auch die Buchhandlungen stellen: In welches Rayon würden Sie als Buchhändlerin Ihr Buch einordnen? Lyrik/Poesie, Belletristik, Philosophie oder Geschenkbuch?

Wenn ich Buchhändlerin wäre, würde ich es natürlich in alle Rayons einordnen (lacht). Nein, Spass beiseite. Die Texte sind weder ganz der Prosa noch ganz der Lyrik zuzuordnen. Kürzlich habe ich es in zwei Buchhandlungen unter Schweizer Literatur gesehen. Das gefällt mir, weil da alle Genres Platz haben.

Claudia Vonmoos ist in Chur aufgewachsen und lebt heute in Riehen bei Basel. Sie konzertierte über Jahre als Pianistin und kreierte und leitete Projekte mit Kunstschaffenden verschiedener Disziplinen. «Hintergründiger Wortwitz und immense Sprachmusikalität machen jeden der Texte zur Entdeckung», meint Barbara Schingnitz über ihr erstes Buch.

für Gallus Frei und 10 Jahre «literaturblatt.ch» – von Christian Uetz

Es ist ein Seltsames mit der öffentlichen Bedeutung, zumindest bei mir und im Umfeld der eigenen Eitelkeit. Vor jeder neuen Veröffentlichung, wenn sie in den Druck ging, hatte ich die Erwartung: Dieses Buch wird zum Durchbruch und erlangt die Weltbedeutung der Bedeutungswelt, die mir gehört. Und jedes Mal fiel ich natürlich in die Enttäuschung über den Mangel an Wahrnehmung, unabhängig davon, wie viele Besprechungen und Auftritte es dann gab. Und jetzt, nach dreizehn veröffentlichten Büchern, habe ich es, was mich selbst betrifft, und dank Corina Caduff`s Kränken und Anerkennen, als eine Art Gesetz des sich Aussetzens in die Öffentlichkeit erkannt. Seit dem ersten Portrait, samt Foto, in der NZZ (1996), hatte sich diese Erwartungs-und-Gekränktheitsneurose nur immer brennender entzündet. Und die vorletzte Veröffentlichung Das nackte Wort (2021) fiel vollends durch und hatte in international «bedeutenden» Zeitungen keine einzige Besprechung, aber die von Gallus Frei im «literaturblatt.ch»! Und da erfuhr ich, was für ein herzstärkendes Glück es ist, mit Gallus Frei abseits vom öffentlichen Mainstream einen so literaturbegeisterten Literaturvermittler zu haben, der völlig unabhängig von Bekanntheit tiefe und hochberührende Lesetipps schreibt. Bei mir führte die Erfahrung der Bedeutungslosigkeit genau durch ihren Schmerz hindurch erst recht zum Erkennen ihrer nie vorhandenen Göttlichkeit, die erst im Fehlen sich zeigt, genau wie die bleibende Sprache erst nach der Sprache beginnt, im poetischen Verstummen, im musikalischen Schweigen, im beredten Raum der Stille. Was behaupte ich da? Erstens: Ohne Göttlichkeit mache ich es offensichtlich nicht nur nicht; – sie ist mein Erkennen – ich halte das Nichterkennen der Göttlichkeit in der närrischen Wortlust und durch die zärtliche Zunge des eigenen Mundes gar für eine Unmündigkeit. Und zweitens: Das Erkennen, dass es das Göttliche nicht gibt, erkennt es im Nichtsein als Sprache. Wir haben die Göttin Gott als Wort in uns und können ihre Nichtexistenz jederzeit sehen. Um den im Gedanken brennenden Engel jeden Augenblick zu erkennen, braucht es die Sprache wie es Holz oder anderes Brennmaterial braucht, damit das Feuer des Erkennens brennt, aber im Erkennen werden die Worte verbrannt und verbrennen sich selbst. Und genauso liegt die Bedeutung im Erkennen der Bedeutungslosigkeit, aber wiederum nur durch sie hindurch und gegen die darin herrschende und bei mir vor allem eigene Eitelkeit. Was hat das mit Gallus Frei und dem «literaturblatt.ch» zu tun? Zwar schenkt die Sprache allen mit dem nur in der Sprache existierenden und doch realen Namen die Einzigkeit und kann dem persönlichen Namen einen in der möglichen Öffentlichkeit sich möglicherweise sonnenden Namen verschaffen. Aber die sich in immer grelleren Aufmerksamkeitsblitzen mit Publicity absichernde Marktöffentlichkeit speist ihr Geschäft vor allem mit schon einschlägigen Autoren bei schon einschlägigen Verlagen, besprochen von schon einschlägigen Kritikern. Und Gallus Frei hat mit dem «literaturblatt.ch» die Erfahrung gemacht, für Literaturinteressierte schreiben zu können, auch ohne zu den in der Öffentlichkeit das Sagen Habenden zu gehören und hat genau darin die Möglichkeit umgesetzt, ganz aus eigener Überzeugung die Leidenschaft seiner Bücherbegeisterung zu vermitteln. Und jetzt kommt das Schönste: Der immer neu und frei wie der Hahn krähende Gallus Frei hat sich in seiner zehn Jahre lang unermüdlich arbeitenden Literaturliebe mit «literaturblatt.ch» doch einen Namen gemacht und seine Beiträge werden gelesen und geschätzt! Selbstredend liebe ich alles, was Gallus Frei sagt und schreibt. Er hat mir auch Im Verstummen vergöttlicht. Oder mit Felicitas Hoppe: «Da werden Engel zu Menschen und Menschen zu Göttern.» Ich danke Gallus für «literaturblatt.ch», ewig!

Christian Uetz

Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach, ist ein philosophischer Poet und lebt in Zürich und Berlin. Nach einer Ausbildung zum Lehrer studierte er Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. Im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 1999 wurde Uetz der 3sat-Preis zuerkannt, 2000 der Schiller-Preis und Preis der Internationalen Bodensee-Konferenz, 2005 der Förderpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft Berlin und der Thurgauer Kulturpreis. 2010 erhielt er den Bodensee-Literaturpreis für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk.

Seine Performanceauftritte sind aussergewöhnlich. Man muss ihn einmal erlebt haben, diesen Sprachversessenen, schreibt Karl-Heinz-Ott in der NZZ. Wer Christian Uetz je bei einer seiner auswendig zelebrierten Lesungen gesehen hat, ahnt, was Nietzsche mit seinem Diktum, man müsse mit der Sprache zu tanzen verstehen, gemeint haben könnte.

über und von Christian Uetz auf literaturblatt.ch

Illustration © Lea Frei

Milena Michiko Flašar «Gedankenspiele über die Einsamkeit», Droschl

Wann schmerzt Einsamkeit? Wann wird Einsamkeit zur Sehnsucht? Milena Michiko Flašar schrieb in ihren Büchern immer wieder über Einsamkeit. Einen „Zustand“, der im Dichtestress der Neuzeit weit verbreitet ist. «Gedankenspiele über die Einsamkeit» ist ein Essay, das ermutigt.

Die Reihe „Gedankenspiele“ aus dem Hause Droschl; schmale, klar formulierte Texte zu Themen, die den Nerv treffen. Geschrieben von DichterInnen und SchriftstellerInnen, die nicht durch intellektuelle Kapriolen bestechen wollen, sondern durch ihre Offenheit, den Blick in ihr eigenes Leben. So wie Milena Michiko Flašar, die von den Erlebnissen ihrer Kindheit erzählt, von den Erfahrungen, dass die Welt draussen nicht der Welt drinnen entspricht. Dass alle schon in der Kindheit ihre ersten Erfahrungen der Entfernung, unfreiwilliger Distanz machen.

Milena Michiko Flašar «Gedankenspiele über die Einsamkeit», Droschl, 2026, 2026, 48 Seiten, CHF ca. 19.90, ISBN 978-3-99059-195-6

In Einsamkeit ist ebenso viel Angst und Schmerz eingeschlossen wie Sehnsucht. Milena Michiko Flašar erzählte in ihrem Roman „Ich nannte ihn Kravatte“ vom Phänomen „Hikikimori“, von Menschen, die sich ganz in ihre vier Wände zurückziehen, die von ihren Familien aus Scham verleugnet werden. Ein Phänomen, das längst über Japan hinaus übergeschwappt ist. Oder das Phänomen „Kodokushi“ (einsames Sterben), Menschen, die unbemerkt leben und sterben, deren Tod erst dann bemerkt wird, wenn es zu stinken beginnt, wenn die Rückstände eines Lebens durch eine Spezialfirma beseitigt werden müssen. Phänomene, derer sich die Schriftstellerin nicht wegen der Faszination des Grauens annimmt, sondern weil sie symtomatisch sind für eine Gesellschaft, die auf der einen Seite am Dichtestress leidet, andererseits an zunehmender Anonymität und sozialer Inkompetenz.

Alleinsein ist eine Form des Eskapismus. Und Einsamkeit? Ist harte Realität.

Dabei ist Einsamkeit mit ebenso viel Sehnsucht verbunden. Mit der Lust, sich für eine gewisse Zeit zurückzuziehen, eine Zeit nur ganz allein, sei es in den Bergen, in der Wüste, im Kloster, im freien Fall, allein auf einer Reise. Aber diese Einsamkeit ist selbst gewählt. Sie ist durch einen Entschluss begrenzt. Sie ist aus eigenem Antrieb endlich. Einsamkeit ist ein Zustand, hineingestossen oder hineingegangen. Alleinsein eine permanente Auseinadersetzung, begonnen mit der Geburt, dem Schnitt durch die Nabelschnur, dem ersten deutlichen „Nein“ als Kind, der Abwendung während der Pubertät und der Emanzipation als junge Erwachsene, der Feststellung, dass selbst die Liebe einem nicht vor Einsamkeit bewahrt und das Sterben und der Tod der letzte Akt des Alleinseins, manchmal auch der Einsamkeit ist.

Milena Michiko Flašar schreibt davon, dass letztlich sowohl das Lesen wie das Schreiben, obwohl einsamer Zeitvertreib, Anteilnahme, Zuwendung, Hingabe sind. Wenn wir lesen, sind wir „mit“ dabei. Literatur ist die Fähigkeit, uns „mit“ einem Gegenüber zu identifizieren. Letztlich auch eine Auseinandersetzung mit uns selber, der Endlichkeit, sowohl körperlich wie zeitlich.

Milena Michiko Flašar denkt und schreibt offen und öffnend. Nicht die Spur von Besserwisserei. Selbst in ihrer Kritik an der Gesellschaft ist sie behutsam, vermeidet jede Form des Urteilens. Bestimmt ein Grund, warum sich die Schriftstellerin auch in ihren Romanen und Erzählungen immer wieder mit Einsamkeit auseinandersetzt.

Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihr Roman «Ich nannte ihn Krawatte» wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt sind der Erzählband «Der Hase im Mond» und der Essay «Sterben lernen auf Japanisch» erschienen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.

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Beitragsbild © Julius Erler