wir liegen wie heu zwischen unsere finger lege ich schafgarben und ameisen über gras und du sagst dass vergangenheit nur woanders passiert in rom vielleicht oder athen setze ich mich anders hin wende mich dem heu zu wenn wir die wiese einfahren erinnere mich daran
pundui coche fën danter nosc dëic conci su ciarinac de paluch y furmies sëura ierba y te dijes che l passà suzed mé nzaul de auter a roma povester o a aten sposti mi pëis me ëute de viers dl fën canche fajon fansëch lecordeme
mein haus wackelt
es ist ein milchhaus sagst du und deinen worten entnehme ich einen stuhl den schrank und den schiefen gang
den gehe ich zuerst die ferse dann das kinn entlang mir schwindet der blick aus den augen
mein haus wackelt am besten wir legen es unters kissen du nimmst es aus meiner hand drehend fallen wir einander über mein haus du sage ich unförmig hebe ein neues gewicht auf wackel nicht so mein bauch will nach draußen
mir zerbricht tatsächliches im vollen mund
gib mir mein kissen zurück oder schau du morgen was darunter liegt
mi cësa ie ala zibla
l ie na cësa da lat dijes tu y da ti paroles toli ora n stuel l castl y l port desbiech ti vedi do dl prim l ciauciani pona l sumenton l me toma la udleda ora di uedli
mi cësa ie ala zibla la miecia iel sce la meton sot al plumac tu me la toles ora dla man se raidan tumons l un l auter sëura mi cësa tu diji defurmeda tlope su n pëis nuef no balesté tan mi vënter uel ora
uriteies me se romp tla bocia plëina
dame inò ca mi plumac o cëla tu duman cie che ie sotite
ich spiele die blockflöte
atme von hals zu holz wie kommt es zu kompositionen wenn die zunge unter holz liegt ein mund stück zum einstimmen
gib mir einen kammerton a gib mir finger die von distanzen wissen etwas zum bohren sodass luft fließt
suche ein instrument aus sagten sie aber die flöte kommt zu allen
übe wie damals im gang sitzend auf stufen im mund merkte sich das holz meinen speichel
manchmal wollte ich dass eine sprache mich aufnimmt mutter wollte ich sagen zu dir
sone l flaut a bech
l fla va dal col plën al lën co nasc pa cumposizions sce la lënga ie sot al lën l bech n toch de bocia da acurdé
dame n la de referimënt dame dëic che sà de destanzes zeche da furé che aria passe tres
chier ora n strumënt me ovi dit ma l flaut ti toca a duc prova coche ntlëuta senteda te port sun sceles tla bocia se lecurdova l lën de mi spidoch
datrai ulovi che na rujeneda me tulëssa su oma ulovi ti dì a ti
aus «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du» (Limbus Lyrik 2026)
Das Coverbild ihres neuen Lyrikbandes ist von Nadia Runggers Vater Klaus Rungger. Sie stellen auch oft im Duo gemeinsam Zeichnung und Poesie aus.
Nadia Rungger, geboren 1998 in Brixen/Südtirol, debütierte 2020 mit dem Erzähl- und Gedichtband «Das Blatt mit den Lösungen» (A. Weger). Sie ist vielsprachig auf gewachsen und studierte Germanistik und Angewandte Linguistik in Graz und Brixen. Ihre Prosa und Lyrik auf Deutsch und Ladinisch wurde mit mehreren internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Merano Europa 2017, dem Ladinischen Literaturpreis Scribo 2018, dem Jurypreis Irseer Pegasus 2024 und dem Lichtungen-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark 2024. Die Uraufführung ihres Theaterstücks Morvëies/Wunder erfolgte 2024 im Stadttheater Bruneck für das europäische Projekt Phōnē. Gedichte von ihr wurden in mehrere Sprachen übersetzt, in Literaturzeitschriften veröffentlicht und bei Ausstellungen präsentiert, zuletzt im Landesmuseum Franzensfeste.
Ich wäre gerne ein simples Archiv mit einem anständigen Schredder. Doch mein Gedächtnis ist unerbittlich. Es ist alles da, es lässt sich nichts löschen. Es kehrt alles ständig zum Anfang zurück, und der Anfang war so: Als ich zur Welt kam, fiel meine Mutter in Ohnmacht. Ich dachte oft, ich hätte alles geordnet. Doch immer stellte sich eine Erinnerung quer, blies sich auf wie ein Dschinn, verstellte den Blick, während dahinter die Ordnung erneut zu bröckeln begann.
Ich komme zur Welt, meine Mutter erstarrt, mein Vater steht dumm daneben. Ich fliege verloren im All. Da ist kein Komet, der mir den Weg weist. Da ist kein Mensch. Kein Vater, keine Mutter, die mich halten, während ich blau und zerdrückt den ersten Schrei von mir gebe. Spricht meine Mutter über meine Geburt, klingt es immer, als handle es sich um eine kleine, absurde Episode in einem glücklichen Leben. Sie tauchte kurz ab. Ich kam gesund zur Welt. Es war nichts Schlimmes passiert. Doch die Wahrheit ist: Sie ist nicht kurz abgetaucht. Sie war gar nie da. Seit ich mich erinnere, ist sie erstarrt. Wenn sie spricht, bewegt sich ihr Mund, der Rest des Körpers ist nicht vorhanden. Als ich klein war, erzählte sie mir, wie sie als Kind mit ihren Brüdern hatte Drachen steigen lassen. Ihre Tante hatte ihnen Pergamentpapier geschenkt, und sie hatten sich alle einen eigenen Drachen gebastelt. »Mein Drache«, sagte sie, war himmelblau. »Er flog höher und höher, viel, viel höher als die meiner Brüder.« Während sie sprach, bewegte sie sich, als flöge auch sie. Sie holte Schwung aus ihrer Hüfte, die Beine schlenkerten, als wären sie ihr Schweif. Dabei kam sie mir für einmal vor wie ein ganzer Mensch. Fortan bat ich sie oft, mit mir Drachen steigen zu lassen. Sie fand, das sei am Bodensee unmöglich, es fehle der Wind. War der Wind da, sagte sie, es fehle die Weite. Als ich sie bat, mit mir an die Nordsee zu reisen, wo sie aufgewachsen war, verdrehte sie nur die Augen.
Doch eigentlich will ich nicht von ihr erzählen. Es geht hier nicht um meine Mutter. Als ich das sage, habe ich natürlich sofort Anderson im Ohr. Klar, was er dagegen einzuwenden hätte. Aber um ihn geht es hier eben auch nicht. Es geht um Mattia und mich. Liebesgeschichten brechen viel zu häufig vor ihrem eigentlichen Beginn ab. Auch im Film. Das Happy End tritt so unverhofft wie unvermittelt ein. Es wird ein pathetisches Lied eingespielt, vielleicht What a Difference a Day Makes, und alles wird leicht. Das gute Ende ist da und wird nie mehr enden. Nur weiß leider niemand, warum. Wie sollen vierundzwanzig Stunden genügen, um ein trostloses Leben in ein blühendes Paradies zu verwandeln?
Frau Kaiser sagt, dass innere Veränderungen träge vonstatten gehen. Vor einigen Wochen habe ich ihr zum hundert fünfzigsten Mal erzählt, dass ich im Streit mit Mattia ausgerastet war. Ich fühlte mich furchtbar, doch darauf ging sie für einmal nicht ein. »Warum«, fragte sie, »schaffen Sie es nicht, sich zu beruhigen, obschon Sie doch wüssten, wie es ginge?« »Gute Frage«, erwiderte ich. »Hänge ich mir an den Kühlschrank.« Frau Kaisers Frage setzte eine Erosion in meinem Innern in Gang. Als Mattia und ich uns kurz darauf erneut stritten, und nicht eben zivilisiert, versuchte ich mich zurückzuziehen. Doch dann kam Leni und mischte sich ein. Statt mich zu beruhigen, rastete ich komplett aus. Leni starrte mich an. Ihr Blick verriet, wie sie mich sah, und es war klar, was ich zu tun hatte: Ich packte meine Sachen und fuhr nach Vals.
Frau Kaiser sagt oft, dass es keinen Zweck hat, in größter Aufregung nach einer Lösung zu suchen. Also wollte ich in die Berge fahren und mich beruhigen. Ich wollte Blumen sammeln, in den Himmel schauen, lesen und wandern. Doch schon auf der Fahrt spulte ich ständig zurück, ging unseren Streit Satz für Satz erneut durch, korrigierte mich und fügte Neues hinzu. Mehrmals nahm ich mir vor, damit aufzuhören. Aber kaum hatte ich einen Punkt gesetzt, fing ich schon wieder an. Ständig zog ich mein Handy hervor und glaubte, Mattia schreiben zu müssen. Wäre ich du, tippte ich etwa, ich würde mir Ruten brechen im Wald, mich wundprügeln oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, bis sie sich rot färbt. Ich würde mich selbst in den Brunnen tauchen vor meinem Haus, wieder und wieder, im Winter auch. Oder nach Grönland reisen und mich trotz Lungenentzündung zum Eisbad zwingen.
Frau Kaiser hat mir geraten, in ebenjenem Zustand nicht zu handeln, sondern auszuatmen, darauf zu warten, dass der vordere Teil des Gehirns wieder zu arbeiten beginnt. Ist nur der urzeitliche Teil aktiviert, bleibt uns nichts, als uns zu prügeln, zu fliehen und zu erstarren. Ihr Rat ist ungemein nützlich: Es kommt nur noch selten vor, dass wir Tigern gegenüberstehen. Unseren Liebsten hingegen schon.
Ich löschte, was ich geschrieben hatte, steckte das Handy weg und versuchte, aus dem Fenster zu schauen. Die Halbinsel Au mit ihren hübschen Reben zog an mir vorüber. Bloß: Was interessierten mich Reben? Ich war nie gut darin gewesen, wütend zu sein. Als ich zum ersten Mal richtig wütend wurde, war ich fünfundzwanzig. Ich schrieb im Zorn eine Rede und lernte sie auswendig, um auch wirklich zu sagen, was ich zu sagen hatte. Jene Zeilen fallen mir nun bei jedem Wutanfall ein, als hätte ich einen Kratzer in der Platte. Mattia würde das sofort bemerken. »Haben diese Worte nicht ursprünglich Anderson gegolten?«, würde er fragen. Wahrscheinlich würde er darüber lachen. Obschon: So wirklich sicher bin ich mir nicht. Vielleicht würde er mich auch erwürgen.
Leni besitzt für eine Vierjährige eine beachtliche Sammlung an Puzzles. Neulich donnerte sie im Zorn alle zu Boden. Danach war sie nicht in der Lage, die Teilchen wieder den richtigen Schachteln zuzuordnen, und ich hatte dazu keine Lust. Seither puzzeln wir nicht mehr, wir legen Muster. Die Teilchen der unterschiedlichen Puzzles passen perfekt ineinander, und die Bilder, die sich ergeben, sind ziemlich witzig: Ein halber Hubschrauber mit Pferdepo, darüber schwebend ein Stückchen von einem Bauernhof, ein Giraffenhals ohne Kopf. So sind auch Menschen: Ein irres Puzzle aus Empfindungen und Reaktionen, die in anderer Kombination sinnvoll gewesen sein mögen. Erstaunlicherweise sind wir jedoch stets überzeugt, alles an uns, vom Pferdepo bis zum Giraffenhals, gehöre so und nicht anders.
Schon in Pfäffikon holte ich das Handy wieder hervor. Wäre ich du, tippte ich, ich hätte mich längst bei mir entschuldigt. Ich wäre mir nachgefahren. Ich hätte mich angerufen, das wäre das Mindeste. Gleich ahnte ich Mattias Antwort: So kommt man nicht weiter. Wäre ich du, würde ich es lassen mit diesem kindischen Wäre-ich-du. Ich habe die mühsame Angewohnheit, Dialoge im Kopf zu führen. Bei allem höre ich den Senf, den Mattia dazugeben würde.
Er fuhr mir nicht nach. Er rief mich nicht an. Er war überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Er machte nie etwas falsch, brauchte sich nie zu entschuldigen. Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Sollte er zur Hölle fahren.
Ein anderes Mal, als ich mich über Mattia ausgelassen hatte, nahm Frau Kaiser einen Schluck von ihrem Tee, lehnte sich zurück, als beginne damit der gemütliche Teil unserer Sitzung, und sagte: »Es ist alles andere als leicht, eine Beziehung zu führen. Genau genommen ist es das Schwierigste überhaupt. Wir müssen lernen, uns zu beruhigen. Wir müssen unserem Gehirn verständlich machen, dass wir nicht mehr in der Wildnis leben.« Daran musste ich auf meiner Fahrt denken. Wir kämpfen mit Tigern, tippte ich, den Blick in die Glarner Berge gerichtet. Ich bin deiner, Mattia. Du bist meiner. Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Ich hatte keine Lust auf die Antwort: Du verhältst dich nun einmal wie ein Tiger. Da ist es nur vernünftig, dich als solchen zu behandeln. In Mattias Kopf gäbe es ganze Vitrinen zu besichtigen, die mit meinen Untaten gefüllt sind. Ich schaute zwar aus dem Fenster, aber ich schaute nicht hin. Sogar der schöne Walensee zog an mir vorüber, als sei er nicht da. Ich hatte nur das Nötigste eingepackt: Mein Handy, das Ladekabel, Ersatzkleider, Zahnbürste, Zahnpasta. Aber eben auch: einen Berg alter Notizen und vier Kilo Reis. Nik lachte mich aus, als ich es ihm erzählte. »Es ist wieder soweit«, sagte er betont ernst. »Du steckst in einer veritablen Reiskrise.« Erst begriff ich nicht, was er damit meinte. Ich musste ihm irgendwann davon erzählt haben, dass ich in der Zeit vor der Klinik nicht mehr aus dem Haus gegangen war und mich wochenlang von Reis ernährt hatte. Auch die Anderson-Geschichte war ihm bekannt. Nik reichte mir den Schlüssel. »Soll ich mitkommen?«, fragte er. Ich schüttelte den Kopf. »Ich brauche Ruhe.« »Willst du erzählen, was passiert ist?« »Nicht jetzt.« »Geht es den Kindern gut?« Ich nickte. »Mattia ist bei ihnen. Ich habe ihnen gesagt, ich fahre zur Recherche weg.« Nik lachte. »Recherche. So kann man das auch nennen.«
Vier Stunden später war ich in Vals. Nik besitzt dort ein kleines, schickes Tiny House. Er hat es für sich gebaut, schämt sich aber dafür, dass ihm das Geld dazu in die Wiege gelegt worden ist. Deshalb vergibt er es großzügig an Freunde. Mattia, die Mädchen und ich hatten den vorigen Sommer dort oben verbracht. Ich hatte befürchtet, wir schlügen uns zu viert auf so engem Raum die Köpfe ein, und damit gerechnet, dass wir bloß zwei, drei Tage bleiben würden. Wir blieben drei Wochen.
Nun war ich allein. Doch fühlte es sich an, als bewohnten wir das Haus noch immer zu viert. Ich verstaute meine Kleider in der zweitobersten Schublade der Kommode. Die oberste gehörte noch immer Mattia, die dritte Leni und die unterste Sophie. Die Notizhefte legte ich auf den Tisch, den ich auch letztes Mal zum Arbeiten benutzt hatte. Das Tischchen unter dem Fenster wirkte nach wie vor besetzt. Vor einem Jahr hatte Mattia sich die hübschere Aussicht ergattert. »Ich war so freundlich, dir den größeren Tisch zu überlassen«, hatte er sich gerechtfertigt.» Den brauchst du doch für deine Ordnung.« Tatsächlich mache ich ständig Auslegeordnungen, und kein Tisch ist dafür je groß genug. Würde ich ein Haus bauen, es bestünde aus lauter Vorsprüngen, Sideboards und kleinen Einbuchtungen, um Dinge abzulegen.
Ich legte mein Nachthemd aufs Bett. Nur ein knappes Jahr war es her, da hatten Mattia und ich dort gelegen, Gesicht an Gesicht auf seinem Kissen. Er streichelte meinen Rücken. »Es ist ein Wunder, dass wir zusammen sind«, hatte ich gesagt. »Wie meinst du das?« »Wir sind nicht einfach«, gab ich zur Antwort. »Wir hatten beide eine schwierige Kindheit. Wir haben uns das Leben mit einer Dreierbeziehung verkompliziert.« Mattia stöhnte: »Die Geschichte mit Silvie ist hundert Jahre her.« Er hörte auf, mich zu streicheln. Ich ging nicht auf seine Bemerkung ein. »Allein die Psychose wäre ein passabler Trennungsgrund«, fuhr ich stattdessen fort. »Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar sich einer Psychose wegen trennt, steht bei über achtundneunzig Prozent.« »Woher weißt du das so genau?« »Wikipedia, glaube ich.« So genau wusste ich es auch nicht. Mattia setzte sich auf. »Nimmst du Reißaus? Ich bin dabei, dir eine Liebeserklärung zu machen.« »Liebeserklärung? Du bist dabei, Probleme aufzuzählen.« »Eben: Es sind viele, und wir haben alle gemeistert. Wir sind Helden.« Mattia stand auf. »Ich habe dich geheiratet«, sagte er. »Ich gehe ohne Frage davon aus, dass wir zusammengehören. Das ist kein Wunder, das ist eine Entscheidung.«
Vielleicht hat er Recht, dachte ich nun, während ich Reis zu kochen begann, vielleicht war es keine Liebeserklärung gewesen. Die Wahrheit ist, dass ich in guten Phasen stolz darauf bin, wie wir unsere Schwierigkeiten zu meistern vermögen. In schwierigen Zeiten sehe ich genau jene Probleme als Grund dafür, dass wir scheitern. Es gibt so viele Steine, die sich unserer Beziehung in den Weg legen. Die größten habe ich noch nicht einmal aufgezählt. Während der Reis quoll, starrte ich auf mein Handy. Ich wartete noch immer auf eine Nachricht von Mattia. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, was passiert war. Und die Erinnerungen, nicht eben faul, schienen in ihrer Flasche nur darauf gewartet zu haben, emporzusteigen. Die Geschichte mit Silvie tauchte mehrmals in meinen Gedanken auf. Als ich danach krank wurde, dachte ich, ich sei verrückt geworden. Doch das wirklich Verrückte ist, dass ich am Ende feststellte, dass ausgerechnet die Psychose richtiggehend vernünftig war. Mein Handy leuchtete auf. Es war Nik. »Alles ok?« »Ja. Bestens. Dein Tiny Häuschen ist ein Paradies. Danke!« Ich setzte mich auf die Veranda. Nik hat sie als Steg gebaut, der direkt aus dem Wohnzimmer ins Blumenmeer ragt. Ich aß Reis, blickte hinunter zu den Ställen und zur Kapelle. Nichts störte das Idyll. Das Häuschen war perfekt platziert. Über dem Dach der uralten Kapelle war nur der Himmel, und über den Dächern der Ställe waren nur Berge, grüne, saftige Berge. Als wäre das nicht genug, schoss mitten aus dem Grün ein Wasserfall hervor in einem Blau wie aus der Karibik. Ich musste lachen. Ich saß wirklich im Paradies.
Ich hätte gerne Mattia angerufen und gesagt: Lass uns löschen, was bisher geschah. Wir fangen neu an.
Ich rief ihn nicht an. Ich hatte mir Funkstille verordnet.
Micha Friemel «Ausser mir», Dörlemann, 2026, 272 Seiten, ISBN 978-3-03820-203-5, erscheint am 20. August!
Micha Friemel, 1981 geboren, studierte Geschichte und Germanistik in Basel und Literarisches Schreiben in Biel. Sie lebt in Sta. Maria Val Müstair. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Tim Krohn, kümmert sie sich um ihre vier Kinder und die Chasa Parli, eine kleine Pension für kreativen Rückzug. Ihre zwei Bilderbücher «Lulu in der Mitte» und «Oma Erbse», illustriert von Jacky Gleich, sind bei Hanser erschienen. Beide wurden vom Deutschlandfunk unter die »Besten 7 Bücher für junge Leser« gewählt, und «Lulu in der Mitte» war 2020 für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.
Aus dem Haus geht er nur, wenn der Himmel bewölkt ist. Ohne Wolken fühlt er sich schutzlos. Ohne Wolken fürchtet er, den Boden zu verlieren, in den blauen Himmel hinauf, durch den blauen Himmel hindurch zu fallen. Die Wolken geben ihm Halt auf der Erde. Sie bändigen das Ziehen des blauen Himmels. Am besten fühlt er sich, wenn die Wolken keine durchgehende, undefinierbare Decke bilden, sondern einzeln unterscheidbar am Himmel stehen und dreidimensional, in mehreren Schichten, den offenen Himmel abschirmen. An Tagen mit blauem Himmel verschanzt er sich in seiner Wohnung. Das blaue Nichts will ihn zu sich hinaufziehen, einsaugen und in die Atmosphäre spucken. Fallen lassen. An Tagen mit blauem Himmel zieht er die Vorhänge zu. Er muss sich vor dem Sog des weiten Blaus schützen. Früher hat er es mit Steinen in den Hosentaschen versucht und mit Blei im Hosensaum. Feste, schwere Schuhe gingen nicht wegen seines Zehengangs. Er kontrolliert die feinen Vorhänge. Schliesst die letzte Lücke. Unbeschwert sonnen sich derweil die Nachbarn im Garten auf ihren Liegestühlen. Sie grillen und plaudern und lachen sorglos unter dem blauen, offenen Himmel. Wenn sie besonders laut lachen ist er sich sicher, sie lachen über ihn. Er lässt den Rolladen herunter. Verkriecht sich unter dem Tisch. Schaut Meteo. Das Hoch heisst Kerstin und soll noch Tage dauern. Kerstin macht ihm Mühe. Anscheinend hat diese Frau, es muss sich um eine Zentraleuropäerin handeln, bei der Freien Universität Berlin eine Namenpatenschaft für ein Hochdruckgebiet gekauft. Für 390 Euro. Oder sie hat die Namenpatenschaft für das Hoch geschenkt bekommen, zur Hochzeit vielleicht. Weil ein Tiefdruckgebiet meist kürzer dauert und negativ bewertet wird, wäre die Patenschaft für ein Tiefdruckgebiet 130 Euro günstiger gewesen. Ihm fehlt für Kerstin jedes Verständnis. Er würde seinen Namen, wenn schon, einem Tief geben. Kerstin dehnt sich aus. Sie liegt ausgebreitet über dem Mittelland und verharrt. Er kriecht unter dem Tisch hervor und kontrolliert den Rolladen. Ihm scheint, der sei unten nicht ganz eingerastet. Er zieht den Rolladen ein Stück hoch und lässt ihn schnell wieder herunterfallen. Das Knattern klingt entschlossen, doch zwischen den Lamellen bleiben dünne Lichtstreifen liegen. Er setzt sich wieder unter den Tisch. In Skandinavien hätte Kerstin keine Chance. Er hat gelesen, dass man dort nur überregionale, stürmische Extremwetter benenne, keine Hochs, und dass man bei der Benennung einer alphabetisch geordneten und gemischtgeschlechtlichen Namenliste mit norwegischen Namen folge (ausgenommen seien die Namen des Königshauses und die Anfangsbuchstaben Q, W, X, Z). Dass dann aber Schweden und Dänemark je eigene Benennungssysteme entwickelt hätten, was dazu geführt habe, dass ein Sturmtief auf dem Weg von Norwegen nach Dänemark drei Mal habe umgetauft werden müssen – bei voller Windstärke. Die drei Wetterdienste hätten sich schliesslich darauf geeinigt, dass derjenige den Namen vergeben könne, dessen Land als erstes vom Sturmtief betroffen sei, bei nordziehenden Atlantiktiefs typischerweise Norwegen, bei ostziehenden Dänemark – Schweden gehe meist leer aus, da die Tiefdrucksysteme nur selten zuerst dort auftreten würden. Die Rolladen werfen ein gleichmässiges Streifenmuster auf die gegenüberliegende Zimmerwand. Er sitzt unter dem Tisch. Atmet möglichst nach unten. Redet sich ein, der Himmel wolle ihn nicht hinauf ziehen, habe kein Interesse an ihm. Der Himmel werde seinen blauen Schlund bald wieder schliessen und mit Wolken bedecken. Ein Hoch dauere nicht ewig. Kerstin werde weiterziehen und heisse dann in Polen bereits Krystyna oder sonst wie. Der Schattenwurf der Rolladen schiebt sich allmählich über die leere Wand. Verzieht sich zum Parallelogramm, kippt aus seiner Regelmässigkeit. Die hellen Streifen schwellen an, drohen die dunklen zu verdrängen. Besser nicht hinschauen, weiss er. Besser nachlesen, was er schon kennt: Auf den Britischen Inseln bleiben, wie in Skandinavien, Hochdrucksysteme namenlos. Für Tiefdrucksysteme, welche für Unwetterwarnungen relevant sind, werden vorgängig jährliche Namenlisten erstellt, deren Namengut von der Öffentlichkeit bestimmt wird – „NAME OUR STORMS“. Namen, die innerhalb eines Jahres mangels Stürme nicht benötigt wurden, verfallen. Auch auf den Britischen Inseln halten sich Stürme nicht an Landesgrenzen, und so kommt es zu Namenallianzen etwa mit den Niederlanden oder zu Umbenennungen bei von den USA herkommenden Tiefdrucksystemen. Er setzt sich etwas anders hin. Lehnt sich ans Tischbein. Konsultiert drei Wetter-Apps. Kerstin bewegt sich nicht. Mit der Freien Universität Berlin hadert er. Er nimmt es dem dort ansässigen Institut für Meteorologie übel, dass es Hochs überhaupt mit Namen versieht. Ein Hoch hat keinen Namen verdient. Besonders verwerflich scheint ihm das Preisgefälle zwischen Hoch und Tief, das ein abgründiges Hoch höher einstuft als ein bodenständiges Tief. Anderseits war die Tatsache, dass die FU Berlin auch Hochdrucksysteme benennt, gerade der Grund, weshalb er vor ein paar Jahren in deren Wirkungskreis umgezogen ist: Hier hat die Gefahr einen Namen. Kerstin. Die Angst ist benannt. Das Hoch ist bodenlos, doch eingeordnet ins Alphabet. Anita, Beate, Caroline, Doris, Edeltraud, Frauke, Grit – er braucht das Dokument nicht zu öffnen, die Listen der letzten Jahre kennt er auswendig. Wenn Kerstin durchgesessen ist, wird er auch sie in die Excel-Tabelle eintragen, sie dort in eine schmale Zeile bannen. Das Streifenmuster an der Wand verblasst. Die Sonne wandert weiter, die Dunkelheit im Zimmer nimmt zu. Gewonnen ist damit nichts. Der wolkenlose Himmel der Nacht macht es nicht besser. Aus dunklem Hinterhalt wird der Nachthimmel versuchen, ihm jeden Boden unter den Füssen wegzuziehen. Er muss vorbereitet sein. Rasch ins Bad, dann mit der Bleidecke und einer Dose Mais zurück unter den Tisch. Heltraud, Ingeborg, Julia, Kunigunde, Lena, Mareike. Kerstin. Er wird Kerstin durchstehen. Sie und ihr offener Himmel werden ihn nicht zu Fall bringen. Er kennt ihren Namen. „NAME YOUR ANXIETY.“ Kerstin. Sie wird in der Tabelle landen. Es wird leichtere Zeiten geben. Es wird Tiefdrucksysteme geben. Und gelegentlich ein Bodenhoch. Ein Bodenhoch birgt nicht die Gefahr eines ausgewachsenen Hochs, einer Kerstin. Ein Bodenhoch ist ein Hoch, das nicht jeden Boden entzieht. Das einem nicht den ganzen Boden entreisst. Ein Bodenhoch ist ein gemässigtes Hoch. Nina, Oldenburgia, Petra, Rita, Sieglinde. Wenn Kerstin überstanden ist, wird er sich in der nächsten Tiefdruckrinne erholen. Er wird rausgehen, spazieren und ein Bodenhoch abwarten. Er wird versuchen, im Bodenhoch draussen zu bleiben. Oder eben im Zimmer. Aber wenigstens nicht unter dem Tisch. Ein Bodenhoch ist für ihn ein ideales Übungsfeld. Kerstin steht unter Hochdruck. Bodenlos ist ihr Zerren. Er liegt unter dem Tisch. Er zieht die Bleidecke hoch.
Edith Gartmann, geboren 1967, wuchs im Safiental, Graubünden auf. Ausbildung am Kindergarten-Seminar Chur, anschliessend Lehr- und Wanderjahre in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und England. Später besuchte sie die neueKUNSTschule Basel im Fach Malerei und absolvierte den Literaturlehrgang an der SAL Zürich. Edith Gartmann lebt und arbeitet in Basel. «Schongebiet» (2022 bei der edition bücherlese) ist ihr Roman-Debüt.
Meine Mutter hatte immer meinen Fuß in ihrer Handtasche dabei, nicht meinem richtigen natürlich, sondern die Umrisse, auf Pappe übertragen und ausgeschnitten. Zu Sowjetzeiten waren Kinderschuhe schwer zu bekommen (Erwachsenenschuhe auch), deshalb war Mama allzeit bereit. Mit meinem Fuß schaffte Mama es immer wieder, Sandalen, Hausschuhe und Stiefel für mich zu ergattern, ohne dass ich sie anprobieren musste. Leider sind diese Zeiten vorbei, und ich muss jetzt selbst durch die Läden ziehen auf der Suche nach dem idealen Schuh, den es genauso wenig gibt wie die Gewissheit, ob der x-te Schuh, den du gerade zweifelnd anprobierst, drückt oder nicht, oder vielleicht zu groß ist, am Ende nicht über dicke Strümpfe passt oder bei Feinstrumpfhosen zu locker sitzt.
Es ist einfach so: Auswahl verdirbt, beziehungsweise zwingt sie einen dazu, in sich hinein zu hören, dabei herrscht dort nur Unklarheit, keinerlei Präferenz, die schiere Unifikation. Manchmal komme ich mir vor wie eine Patientin mit Gehirnschaden, die einfach keine Entscheidungen treffen kann, weil die für das Emotionale zuständige Region beeinträchtigt ist, Entscheidungen aber eher emotionsbedingt als wissensbasiert gefällt werden. Präferenzen folgen (bei allen gleichrangigen Bedingungen) selten der Logik, sondern stützen sich auf das, was einem »lieb« ist, wo man auf die Frage Wieso hast du das ausgewählt? antworten würde: Es gefällt mir einfach. Das ist die schlüssigste Erklärung überhaupt, auch wenn viele sie nicht als Erklärung durchgehen lassen, da die »Argumentationsbasis« fehle, dabei ist das Argument im Grunde ganz simpel – es sind meine Empfindungen, Vorlieben und Neigungen.
Die Schulzeit hat mich und mein Bewusstsein nachhaltig geformt, wie das der meisten Kinder, die sie durchlaufen haben. Regeln, Regeln und noch mal Regeln. Aber dabei habe ich auch Folgendes gelernt: Manchmal kann man Regeln hinterfragen und sogar Schlupflöcher, Schliche und Schleichwege finden, um sie zu umgehen. Eine dieser Regeln, die ich um jeden Preis unterlaufen wollte, hatte wiederum mit Schuhen zu tun. Es gab dafür sogar ein eigenes Wort, ein richtiges Angstwort: Wechselschuhe. Es erklang meist in einem Fragesatz, geäußert von der Lehrerin oder der Pförtnerin, in erhöhter Frequenz mit einem Anklang von Entnervtheit und untergründigem, beiläufigem Hass: »Wo sind die Wechselschuhe?« Der blanke Horror für jede und jeden, die im Winter morgens in die Schule kamen. Um dieser Frage zu entgehen, lief ich in Sandalen oder leichten Sommerschuhen durch den Schnee und sprang von Bank zu Bank, damit ich nicht diese Wechselschuhe mitschleppen, in der Garderobe sitzen und sie anziehen und den Wechselbeutel mit mir herumtragen musste, der dann irgendwo liegenbleiben würde. Ich fand es viel einfacher, gleich in Wechselschuhen zur Schule zu gehen, Jahreszeiten interessierten mich dabei nicht die Bohne. Nun sollte man meinen, dass mir diese Haltung im Winter eine Angina und Grippe nach der anderen beschert haben muss, aber, o Wunder, ich war nicht häufiger krank als die anderen, vielleicht haben mir die Wechselschuhe sogar zur Abhärtung von Körper und Geist verholfen.
Überhaupt maßen wir uns gerne darin, wer wie viel Schmerzen ertragen konnte. Am beliebtesten war die Brennnessel. Jemand packte deinen Unterarm mit beiden Händen und verdrehte dann die Haut gegeneinander, dass es brannte wie von richtigen Brennnesseln. Es war eine Frage der Ehre, diese Folter über sich ergehen zu lassen, aber je mehr man ertragen konnte, desto beherzter wurde zugegriffen, als wollten sie überprüfen, wo nun die Schmerzgrenze lag, bei der du einknickst.
Weniger schmerzhaft als unterhaltsam-hypnotisch war dagegen die Spinne. Dabei musste man das Handgelenk einer Freundin richtig feste zusammendrücken (während sie die Hand zur Faust geballt hatte), nach ein paar Sekunden durfte sie die Faust dann lösen, du hieltest aber weiter ihr Handgelenk fest umschlossen. Mit deiner freien Hand spannst du dann von ihren Fingerspitzen aus unsichtbare Fäden nach oben, um sie dann – Achtung, jetzt kommt’s – gebündelt aufwärts zu bewegen, während du das Handgelenk freigabst. Dann konnte deine Freundin die unsichtbaren Fäden spüren, die du aus ihr gesponnen hattest. Ein Stückchen Magie, für jeden zu haben.
Ein weiterer Ausweis von Mut und Tapferkeit waren aufgeschlagene Knie und Ellbogen. Fast die gesamte siebte Klasse hindurch ging ich mit flammend roten Flecken auf Knien und Ellbogen in die Schule, ohne. mir deswegen einen Kopf zu machen. Im Gegenteil, ein aufgeschlagenes Knie verhieß ja stille Freuden, unter anderem die spezielle Kruste, die sich über die Wunde legte, wenn sie verheilte, gab es doch nichts Schöneres, als die knusprige Kruste abzuknibbeln und die rosige Haut darunter freizulegen. Einen Haken hatte die Sache allerdings doch, der mir immer am Samstag wieder bewusst wurde, wenn die Badewanne anstand. Mit aufgeschürfter Haut in heißes Wasser zu steigen, ist nämlich richtig unangenehm, und mein Badewasser war nicht nur heiß, sondern kochend heiß, ich weiß nicht, wieso Mama es auf solche Temperaturen brachte, vielleicht meinte sie, so ginge der Dreck, den ich über die Woche angesammelt hatte, besser ab, vielleicht empfand sie die Wärme aber auch gar nicht so. Und dann weichten bei dieser Prozedur auch noch die Krusten auf, sodass man nicht mehr knibbeln konnte. Die Unmenge heißen Wassers forderte ihren Tribut, und ich entstieg der Wanne wie ein gekochter Krebs, leuchtend rot und verzehrfertig. Seither hege ich eine Abneigung gegen Wannenbäder, duschen ist viel angenehmer, da gibt es Bewegung und Fortschritt und nicht nur Herumgesitze und Gewarte. Vielleicht mag ich deshalb Flüsse lieber als Seen.
(aus «CAMEL TRAVEL» von Volha Hapeyeva, aus dem Belarusischen von Thomas Weiler, Literaturverlag Droschl 2021, Kapitel 8, «Schuhe und Abhärtung»)
dort wo heut schnee fällt werd ich nicht sein dort wo schweigen ein bekenntnis versucht werden die absichten anderer unklar man kann sich lange im fenster spiegeln sich mit kurzhaarschnitt vorstellen statt der langen haare und doch nicht zur schere greifen
ich fahre dorthin wo schnee geboren wird tag für tag wo er die unvollkommenheit des seins verbirgt dieser schnee ist humanist er verspricht nichts er ist bloß wird geboren und stirbt
er könnte überall fallen Armenien oder Koktebel mit der last seiner zwangsläufigkeit und ebenso rasch schmelzen er reicht das staffelholz seiner flüchtigkeit weiter und staunt warum ich so kalte hände und füße habe er taut meine finger auf mit seinem atem
angesichts eines solch sinnlosen verhaltens vertreiben sich mein schnee und ich die zeit im bett ohne uns einzugestehen wie einsam wir sind
am morgen danach versuchst du dich an mich zu erinnern als sei ich eine halb vergessene grammatische regel was wie war und was dir weswegen leid tut was und wer gebeugt werden muss was dir nach mir im gedächtnis bleibt sind falsche endungen die betonung stimmt nicht die aussprache schleift wie meine lust in jedem brief zu fordern dass man mich nicht groß schreibt
wie nicht eingelaufene schuhe drückt mich mein herz wenn es nicht die größe ist woran liegt es dann? wein tee bier manchmal kaffee so eine sohnonymie tochteromie kinderlosigkeit oder ausser der ehe – meine sind es nicht i c h k a n n n i c h t l i e g e n (so passend dass „b“ und „g“ fast nachbarn sind auf der tastatur) viel näher als wir und die galgen der baukräne an denen ich jeden tag meine einsamkeit hänge (schluck du deine runter) mittags werd ich die trauer schänden in einem verlassenen park und selbst ein verlorener ohrring kann nicht beweisen dass ich der verbrecher bin
die gegenwart fällt mir schwer die vergangenheit kann ich besser deshalb lebe ich dort wäre es doch wie im film erst geht das gedächtnis verloren dann die menschen die darin ohne meine zustimmung eingetragen waren danach hebe ich jede erinnerung auf wie das haar von der schulter des mantels von dem ich nicht mehr weiß wessen
heute muss ich ein neues gedicht schreiben sagst du am morgen
eines über den schwarzen hund der meine einsamkeit war
schreib lieber über die ente die war deine freude rate ich dir und sehe wie sie teil des gedichts wird
aber heute bist du melancholisch lachst kaum über witze kannst eine ente nicht als hauptcharakter sehen so ein tölpelhaftes ding so ein unbeholfener blödsinn nur gut für wiegenlieder und limericks und du willst einen ernsten nachdenklichen text schreiben also bleiben die ente und ich auf der einen seite der unvorstellbaren realität während du mit deinem hund auf der anderen bleibst und der einzige ort an dem wir zusammenkommen ist dieses gedicht
manifest der gedichte
gedichte können unterschiedlich sein sie können hoch sein oder nicht ganz frauen sein oder nicht ganz gedichte können wachsen auch ohne blumenwasser sie sind keine bäume und auch ihr seid kein wasser damit ein er- oder sie-gedicht wächst muss es gewogen werden auch kommen gedichte zur welt mit nur einem bein oder arm kein grund zur sorge sie wachsen nach wie das bei echsen der fall ist die ihre schwänze verlieren und neue erfinden zugegeben einigen gedichten wachsen niemals flügel und wenn so fallen sie ab das liegt am kalziummangel in ihren leibern nicht wahr? doch das alles kommt später zuerst muss ein gedicht gefangen werden gedichte … lieben es wegzulaufen sie spielen verstecken tragen masken verkleiden sich als prosa auch das kommt vor es ist gut einen kescher bei sich zu tragen es ist nicht ihre art zu klammern es sei denn man läuft oder fährt sie verfangen sich wie wind im haar oder an den wangen sie kleben an dir wie an einer windschutzscheibe du musst sie nur rechtzeitig aufschreiben magst du keine bewegung an frischer luft wird es kompliziert: dann solltest du etwas zum anlocken bereit legen räubergedichte lieben blut naschgedichte lieben dünne fäden von honig die vom löffel ins glas tropfen … und so kannst du ihre winzigen leichen (wenn sie eine sammlung ausmachen und aufbewahrt werden müssen) auf papierblätter nageln ein buch daraus machen und dir so einen friedhof erschaffen andere vorgehensweisen mit genaueren klassifikationen sind durchaus zu empfehlen: gedichte sind menschen und zu enge kontakte sind zu meiden sie lösen einen orgiastischen oder psychopathischen zustand aus
(aus «Mutantengarten» von Volha Hapeyeva, Gedichte, übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf, mit einem Nachwort von Matthias Göritz, mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser, Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020)
Volha Hapeyeva, geboren in Minsk, Belarus (1982), ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin, Künstlerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den English PEN Translates Award für das Buch «In My Garden of Mutants» (2021), den Wortmeldungen-Literaturpreis 2022, Rotahorn-Preis 2021 und den manuskripte-Preis 2025. 2019-2020 war Volha Hapeyeva Stadtschreiberin von Graz. 2021-2022 Writer-in-Exile den PEN-Zentrum Deutschland, 2022-2023 Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms DAAD und 2023-2024 erhielt sie das Clara und Eduard Rosenthal Literaturstipendium (Jena). Volha Hapeyevas Gedichte wurden in mehr als 15 Sprachen übertragen. 2020 erschien auf Deutsch «Mutantengarten«, 2023 «Trapezherz». Ihr Debütroman «Camel Travel» erschien 2021. 2024 erschien ihr Roman «Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber«. Seit 2020 schreibt Volha Hapeyeva auch auf Deutsch und wohnt als Nomadin in Österreich und Deutschland.
Wortmeldungen-Preis 2022: »Hapeyevas kunstvoll arrangiertes Plädoyer für eine widerständige Poesie gewinnt vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine an bedrückender Aktualität. Hapeyeva tut, was eine Autorin im Angesicht von Gewalt und Unterdrückung zum Besten tun kann: mit starken Worten wirken.«, so die Jury in ihrer Begründung.
Hoch hinaus ragt sie dicht bemooste Windung, nein Windungen aus braunem Sud, halsstarrigem Schlamm, fest gezogen von wehenden Ästen Luftschläuche umschlungen von faserigen Holzlenden, sich biegend, knatschend am Schreien um Hilfe. Es steht bis zum Hals, wachsendes Wasser Vierblättrige Sonne aufgespalten im Licht nach vorn, nach hinten am Zergehen in strahlender Hitze, nicht mehr zu sehen. Dann die weitläufige Fläche mit eisigen Blättern aus dem Dunkel von oben, alles scheint einmal hell auf, am Glitzern, glänzend im wehenden Sand? In dunkelroter Erde Am Stampfen durch Blutrot durch krachendes Gebälk. Schon lächeln sie ins Mark, geschnitzte Masken, eingegerbte Gesichter an sinkenden Stämmen, in prachtvoller Grünblässe schreien um Hilfe. Wachsendes Wasser strahlt und schwappt von hinten, glänzt, im Wellen über die viergeteilte Sonne, spült weg, weggespült, alle Hälser gefüllt, Münder randvoll überlaufen bis kein Wort mehr hervordringt, bis es still wird im wachsenden Wasser Die Windungen fallen, fallen gegen sich selbst, halten sich gegenseitig fest im Tanz, im Geschlinge, Verschlungensein im Mikado ihres Sinkens. Bis das Wasser die Fläche überstrahlt, alles glänzt, grell, zu grell gelbscheinend In der Luft am Fliegen, am Tanzen am Schreien im Vergehen in der Luft
Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.
Der Klang ihres Namens hat eine schwebende Aura, die mich sogleich packt, ich wiederhole ihn zwei Mal, drei Mal. Misaki. Sie ist lautlos neben mich getreten, schaut gebannt auf die Kristallsteine, die vor mir auf dem Tisch liegen, abgebrochene Stücke und filigrane Nadeln. Wo findet man die? Ich zeige nach oben, auf die Felsabbrüche, die Geröllhänge am Giuv, man kann sie finden, aber meistens kehrt man mit leeren Händen zurück. Man feiert die kleinen Siege und hat auch bei Niederlagen die magische Kraft des Steins vor sich. Sie hat sich jetzt zögernd hingesetzt, viel zu vorsichtig, ich heisse Misaki. Sie lächelt befangen, als ich sie nach der Bedeutung des Namens frage, schöne Blüte. Ihr schönes fremdes Gesicht hat wirklich den Glanz einer Blüte, nur ihre Augen sind dunkel, etwas Verletzbares liegt darin. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie zur Hütte hochgestiegen ist, was sie hier sucht. Ich frage nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr die Berge nicht fremd sind, ich könnte nicht sagen warum. Dass in ihrer grazilen Erscheinung auch eine Kraft liegt, die dem Berg gewachsen ist.
Sie nimmt eine Quarznadel in die Hand, hebt sie hoch, sie lässt die Spiegelflächen im Licht aufblitzen, ihre Augen leuchten: Sie ist wunderbar, die Kraft des Universums ist darin, aber warum musst du sie selbst suchen, kann man sie nicht auch kaufen? Ich sage, die magische Kraft ist erst da, wenn du den Stein selbst entdeckst, und sie wird grösser, wenn du ihn weitergibst. Du stehst oben, im Reich der Steine, die Welt ist weit weg, eine andere Welt ist da, archaisch und eigentlich nicht fassbar, und im Kristallstein berührst du ihr Geheimnis. Du hältst das Geheimnis in den Händen, wenn du den Kristall aus einer Kluft herausbrichst – die magische Kraft ist nicht der Stein, es ist das Herz, das durch den Stein spricht. Manchmal gebe ich kleine Quarzsteine weiter – Glückssteine für eine Reise um die Welt, Schutzsteine für Schwerkranke, wo jede Hoffnung ausserhalb der Worte liegt.
Misaki hat schweigend zugehört, irgendwie gedankenverloren, sie sagt, die Wendung vom Herz, das durch den Stein spricht, könnte in einem japanischen Kurzgedicht stehen, sie gefällt mir. Unsere Gedichte sind Verschlüsselungen, sie tragen das Mysterium der vieldeutigen Worte. Etwas beschäftigt sie, ich frage nicht nach, einmal habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas sagen möchte, aber sie fragt nur, und du steigst morgen zum Reich der Steine hoch? Ich sage nein, ich bin in die Hütte gekommen, um meinen eigenen Geschichten nochmals nahe zu sein. Um sie zu verstehen. Es sind zwei Geschichten, sie gehören auf rätselhafte Art zusammen, sie haben hier begonnen und hier geendet. Ist Misaki überrascht? Sie schaut mich mit seltsamem Blick an, wenn du mir die Geschichten erzählst, erzähle ich dir meine Geschichte.
Ich sage, die erste Geschichte ist die Geschichte einer Grenzüberschreitung zusammen mit meinem Sohn. Er war damals sechzehn Jahre alt, wir sind im Nebel bis zum Gipfel geklettert, mit Kristallen in den Säcken, und beim Abstieg in die Nebelfalle geraten. Zwei, drei Versuche, über Felsabbrüche zum Gletscher zu gelangen, scheitern, im Nebel lauert die Täuschung überall, wir müssen wieder hoch, eine heikle Geröllwand hinauf, die Dämmerung hat schon begonnen. Die Gesteinsformationen sind locker, keine zuverlässigen Griffe, mehr als einmal bewegt sich ein Felsbrocken bedrohlich. Dass wir es dennoch geschafft haben, trotz ungenügender Seilsicherung geschafft haben, hatte nichts mit meinem Leichtsinn zu tun, aber mit dem Mut meines Sohnes. Kein Wort über seine Angst, über die tödliche Gefahr, aber die feste Zuversicht, dass das Mögliche ganz nahe an das Unmögliche heranreichen kann. Später haben wir beide darüber geschrieben, um die Schreckensstunden loszuwerden. Um sie mit Worten zu bannen. Keiner hat vom andern gewusst, dass er schreibt, wir hätten es beide ahnen können, wir haben es nicht geahnt. Jeder hat den anderen Text später gelesen, sehr viel später, in beiden Erzählungen haben die Berggänger das Glück nicht, das wir beide hatten. In beiden Erzählungen stürzt einer an der Stelle, wo uns die Engel leben liessen.
Der Berg hat euch zusammengeführt, sagt Misaki entschieden, und das Schreiben noch einmal, auf entfernten Pfaden. Im Leben habt ihr euch gehalten, in den Worten ist einer gefallen. Es ist die Poesie des undurchschaubaren Lebens wie in unseren japanischen Gedichten mit abgezählten Silben und Zeilen.
Und die zweite Geschichte? Ich schaue hinüber, zu den Felsrinnen am Giuv, die im warmen Abendlicht fast gefahrlos aussehen: Die Engel müssen gestaunt haben über den erneuten Leichtsinn am gleichen Berg, zweiundzwanzig Jahre später. Wie viele Freikarten hat man bei ihnen zugute? Ich sage, die zweite Geschichte ist die Einlösung des Unwahrscheinlichen – dass eine geschriebene Geschichte auch wahr werden kann. Dass man vorausschreiben kann, was man ahnungslos im Kopf entwirft. Ich bin mit Freunden unterwegs zu den Steinen, im Herz die alte Geschichte; das Gras über den Felsen ist nass vom schmelzenden Schnee, glitschig. Wieder die Täuschung im Nebel, wieder Unvernunft. Mein Sturz beginnt genau dort, wo der alte Berggänger in meiner Erzählung den Halt verloren hat – ich muss die Worte nicht nachlesen, sie sind im eigenen Leben angekommen. Zuerst die Fassungslosigkeit, doch nicht ich, es kann nicht mir geschehen, dann die Beschleunigung, die Gewissheit im rasenden Fall, es ist vorbei. Es ist noch nicht vorbei. Die Freunde und die Nothelfer, die vom Himmel herabsegeln, haben mich gerettet. Die Engel haben noch einmal ihr Veto eingelegt. Ein letztes Mal.
Ein paar Minuten ist es ganz still zwischen uns, die Gespräche der Hüttengäste sind weit weg, ausserhalb. Misaki schaut mich durchdringend an, ihre Augen haben einen eigenartigen Glanz. Als würde sie etwas sehen oder könnte dunkle Zusammenhänge deuten. Sie sagt, Toyotama Tsuno hat in einem Haiku geschrieben, «sobald der ausgestreckte Finger das Glück berührt, ist es nicht mehr das Glück.» Deine Engel verkörpern das Ungreifbare, sie erscheinen immer dann, wenn wir ins Leere fallen. Ins Nichts. Bei uns sind es Naturmächte, die Ahnen. Die göttlichen Wesen. Ohne sie würde es unser Land und unser Volk nicht mehr geben. Sie sagt, auch die Berge sind Teil des Mysteriums, das uns umgibt. Das Universum hat sie geschaffen, lange bevor es uns Menschen gab, in Japan sind es heilige Stätten, aber für viele sind sie nicht mehr heilig. Der männliche Wahn, sie zu bezwingen! Soll ich dir meine Geschichte erzählen?
Sie redet jetzt langsam, stockend, wägt jedes Wort ab. Horcht mit jedem Wort in die Erinnerung hinein, in sich selbst. Sie sagt, ich bin hier heraufgekommen, um meinem Vater nochmals nahe zu sein. Misaki hat den Aufstieg zu dieser Hütte mehr zufällig gewählt, wenn es denn Zufälle gibt, sie will nur den Atem von Fels und Eis spüren, sie will nicht dort sein, wo sie nicht hingehen kann. Sie kann nicht vor der fürchterlichen Wand stehen, wo ihr Vater damals abgestürzt ist. Wo man ihn während Tagen gesucht hat, während Tagen, in denen sie über den halben Erdball hinweg nur gehört hat, wir tun alles, aber wir werden ihn kaum mehr lebend finden. Sie haben ihn gefunden. Misaki hat ihn heimgeholt und ist im Hubraum des Flugzeugs neben seinem Sarg gesessen, sie hat ihn verzweifelt angerufen und nicht geglaubt, dass er einfach schweigt, dass er ihre keine Antwort gibt, nur noch ein letztes Mal.
Ihre Hände machen eine schützende Bewegung, als würde sie nochmals den Sarg berühren, nochmals mit ihrem Vater reden: Er hat mich gelehrt, die Berge zu lieben und später zu hassen. Er hat mich auf Kletterrouten am Tanigawadake mitgenommen, ich habe gelernt, dass man mit dem Berg zusammenwachsen kann, dass sich die Energien von Fels und Körper verbinden. Sie sagt, mein Vater hat mir etwas gegeben, was anderen Mädchen nicht gegeben wird, dafür bin ich ihm dankbar. Ich habe die Berge geliebt, aber dass habe ich sie hassen gelernt, weil ihm die Berge in Japan nicht mehr genügt haben, weil er ganz oben stehen wollte. Dort oben, wo das Gewicht des Lebens anders wird. Er wollte einer der Bergsteiger sein, die in Japan zur Legende werden. Zur gefährlichen Legende. Sie sagt, ich weiss nicht, was sie antreibt, was sie vernichtet, Überflieger wie Nobukazu Kuriki, der acht Mal versucht hat, auf den Everestgipfel zu kommen, der noch mit abgefrorenen Fingerkuppen hinauf wollte und beim achten Mal nicht mehr zurückgekehrt ist. Sie wissen nicht mehr, dass die Berge heilig sind, sie wollen selbst geheiligt werden, als Sieger oder als gefallene Helden im eisigen Grab. Misaki schaut mit leerem Blick durch mich hindurch, zu dem Felswänden am Giuv hinüber, mit Tränen in den Augen: Warum mussten es dann die Gewaltwände der Alpen sein, ich habe nicht gefragt, vielleicht sind es Siegestrophäen für die grossen Bergsteiger, zu denen mein Vater gehören wollte. Er hätte mir erklären müssen, warum der Höhenrausch, der Siegesrausch alles löscht, warum er die Liebe löscht und jede Vorstellung vom Schmerz, den man zurücklässt.
Sie schweigt jetzt lange, ihre Augen sind wieder dunkel geworden, sie sieht zerbrechlich aus, unnahbar und zerbrechlich. Ihre Worte bleiben wie Schläge im Raum zurück – ihr Vater hat ihr die Leidenschaft für die Berge weitergegeben und sie im Sog seiner Berge im Stich gelassen. Man kann die Berge lieben, man kann sie hassen, aber sie weisen immer auf das Rätselhafte unserer Existenz. Auch unsere Begegnung, das Zusammen-treffen unserer Geschichten ist rätselhaft – man steigt hoch, um sich selbst nahe zu sein, dem eigenen Glück oder Unglück, und kommt einem anderen Menschen nahe. Zufällig oder zu-gefallen. Ich möchte meinen Arm um Misaki legen, ihr sagen, dein Vater soll deinen Zorn und deine Liebe zu ihm hören. Aber ich bewege meinen Arm nicht, ich rede nicht, ich lege nur einen leuchtenden Kristallstein in ihre Hände.
Peter Weibel schreibt, aquarelliert und zeichnet. Seit über vierzig Jahren veröffentlicht er Texte in Prosa und Lyrik, oft mit Cover und Illustrationen aus eigener Hand. In derEdition Bücherlese erschienen bisher sechs Prosabände, nach der Erzählung «Akonos Berg» (2022) «Kaltfront» (2024). Für seine Werke wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, unter anderem mit einem Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013) und für «Mensch Keun» (2017) mit dem ersten Kurt Marti Literaturpreis. Peter Weibel, geboren 1947, studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Er lebt und arbeitet in Bern.
Eine Ausfallstrasse, lang und gerade Die ödeste Strasse der Stadt. Man geht um die Welt, um hier zu landen. Die Gedanken zurückgefahren, die Antennen Eingezogen marschiert man ins Ungewisse. Fehlgeleitet von Neugier hab ich den Stadtkern Verlassen, um in solche Unlust zu kommen.
Eine Reparaturwerkstatt für Motorräder Ein Gasflaschendepot, geparkte Autos Welkendes Grün vor einem Blumengeschäft. Nur vom Schicksal Verurteilte gehn hier zu Fuss Ein in sich gekehrter Alter, ein Halbwüchsiger Vor sich hinredend mit geballten Fäusten Eine Frau mit Kinderwagen. Welchen Ort
Hast du gewählt, Kind! Die Frau schaut mich an. Sie lächelt, nickt mir über den Kinderwagen zu Als wär ich ein Freund. Neben den Gasflaschen Bin ich stehengeblieben. Ein Strahlen ohne Grund Bevor sie verschwand. Wie war ihr Mund? Trug sie Ein Hütchen? Ein Kopftuch? Ich überquere die Strasse Trete ins Blumengeschäft, frage nach Rosen.
Komme mit einem Strauss aus dem Laden. Gehe die Strasse zurück, die ödeste Strasse der Stadt Im gleichen Schritt wie zuvor den baumlosen Fassaden entlang, Staub an den Schuhen Im Arm einen Strauss, unterwegs nirgendwohin Mit einem Strauss Rosen.
Auf dem Suk
Zuoberst auf dem Verkaufstisch liegt Ein Ballen Stoff, fein anzufassen, ein Gewebe Für ein besonderes Kleid, den eine suchende Hand Unter dem Berg aus Ballen hervorgeholt hat. Ungewiss Wohin seine Reise geht, wo seine Stücke hingelangen Weggeschnitten von der grossen Schere
Nach Westen, Süden oder Osten. Vielleicht Entscheiden seine Farben, entscheidet seine Struktur Oder die Macht seiner Muster, zu welchem Fest er Bestimmt ist, zu Ostern, zu Pessach, zum Ramadan. Im Gewoge anderer Kleider wird er Von den Schultern seiner Trägerin fliessen
Und Worte einer Sprache des Westens, Ostens Oder Südens werden über ihn gleiten. Unentschlossene Hände befühlen den Stoff Zögern die Freude, ihn zu besitzen Eine Weile hinaus. Faltenlos liegt er da Schwer und ungeteilt.
Eichung
Unter dieser alten mächtigen Eiche Sitze ich. Wie lange schon bin ich da?
Seit ich in der Kinderbibel die Geschichten Von Abraham und Jakob las
Seit ich diesen Ort Im Traum gesehen habe
Seit ich am frühen Nachmittag Hierher gewandert bin
Seit ich die Frage stellte Noch keine halbe Minute.
Zuvor war Wind, war Stille Zwischen Blättern ein Himmel
War ein Geruch von Hitze und Harz War ich ein Tag der keinen Anfang kennt.
Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.
Wenn wir uns wundern schwebt ein Sommervogel über dem leeren Stuhl
Im Garten des Gleichmuts
Dort wachsen keine Blumen Dabei sprießen den Kindern Die Kirschblüten Direkt aus den Ohren
Meine Worte wurzeln in Stein tragen seltene Früchte aus Blau auf Blättern sind sie zu lesen
Der Punkt ist ein Moment ohne Anfang und Ende und wir Pointillisten tupfen das Jetzt näher an die Unendlichkeit
seziertes Insekt da schimmert nun deine Idee im Lichteinfall fort
Lauschend das Hören der Kunst zum eigenen Ohr werden lassen
Sonja Crone, geboren 1982 in Speyer am Rhein lebt in Oberwil bei Basel (Schweiz). Studium der Theaterwissenschaft, Germanistik, Gräzistik und Besuche philosophischer sowie kunstgeschichtlicher Lehrveranstaltungen in Leipzig, Bern und Basel. Sie ist nun als Lyrikerin, bildende Künstlerin und Lektorin tätig. Ihre Texte wurden bisher in zahlreichen Anthologien veröffentlicht. Ihr Debüt „Einen Spalt weit“ erschien im März 2024 im „Geest-Verlag“.
Er führt seine kleine Herde auf die Weide zieht ein Bündel frischer Erlenzweige hinter sich her Die Ziegen freuen sich wie im Märchenbuch Sie machen Sprünge rempeln einander an wedeln mit den Schwänzen knabbern begierig am Laub Der Hirte zückt sein Smartphone filmt die Tiere während sieben Sekunden verschickt das Video Dann telefoniert er sitzend auf dem Brunnenrand Die Ziegen eilen herbei stossen mit ihren Hörnern fordernd gegen seine kreidebleichen Kniekehlen Er tätschelt ihre Hälse spricht weiter in sein Gerät Die Ziegen wenden sich ab trotten verwirrt davon Der Hirte ist 70 Er trägt eine weisse Apple Watch An seinem Arm klebt ein frisches Dialysepflaster
(2022)
Das Eimerchen
Mein täglicher Weg an den Schreibtisch führt im Gegenuhrzeigersinn um den Häuserblock Ich leere das Eimerchen mit dem Grüngut dehne meinen Rumpf vor dem Bücherschrank zähle heute die bunten Pinguine vor der Kita morgen die Schafe unterm Kirschbaum gelange das quengelnde Eimerchen fest im Griff auf eine sanfte Anhöhe sehe zu wie sich langsam das Seebecken freinebelt während im Westen die Nacht Länge um Länge abseilt den Mond Wachgepinselt vom Hauch des frühen Tages setz ich mich um Jahre verjüngt an mein Pult Das Eimerchen indes will nicht an seinen Platz
(2024)
Ginge ich nicht
Mit einer Kaltnadel ritzt mir die Nebelhand ihr Herbstmonogramm in die Nackenhaut Ich schriee ginge ich nicht
Müde zirkelt mir die verdistelte Mittagssonne ihr sprödes Licht vor die Füße Ich haderte ginge ich nicht
Kreisend schwärzen letzte Stare den Himmel zu und ihre Schreie steinigen mein ermattetes Herz Ich stürbe ginge ich nicht
Ginge ich nicht durchs lodernde Laub
(2001)
Mit jedem Vers
Mit jedem Vers den ich schreibe werde ich arm und ärmer verliere eines meiner Geheimnisse die ich mit Worten nicht benennen kann
Als Schmuggelware im Mantelsaum trägt jeder Vers aus der Schneiderei unzengroß eine Wahrheit über mich ins Buchstabengetümmel hinaus
Die Leser werden Schnitt und Wurf genau besehen doch es wird dauern bis einer das Verstuch dort befühlt wo im Saum die Verhärtung zu spüren ist
Ich aber schreibe Verse wie eh und je bis ich einst da steh nackt und kahl eine geheimnislose Eiche ohne Frucht wartend auf Sturm wartend auf Schnee
(2011)
Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Sprachdozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich publizierte er Gedichte in den Literaturzeitschriften «einspruch», «drehpunkt» und «Sprache im technischen Zeitalter». Auch die «Neue Zürcher Zeitung», die «Zeit» und der «Tages-Anzeiger», Zürich, brachten Gedichte von ihm. 2001 erschien sein erster Lyrikband «Windgeschäft», für den er eine Anerkennungsgabe des Kantons Zürich erhielt. 2011 folgte sein zweiter Gedichtband «Weißzeug», der mit einer Anerkennungsgabe der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde. In der «NZZ am Sonntag» lobte Manfred Papst die «Sorgfalt und das Formbewusstsein» seines Schreibens. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.
Trostland, wo finde ich dich auf den wasserstehenden Wiesen im vertrockneten Schilf, am kleinen Bach auf den weiten Feldern, hinter den Zäunen
oder im Gänseschrei (des Pflugs linke Flanke) oder in der Hasenseele, im Fuchsgewissen im Nadelstreifen der alten Leitungen
habe in den schmalen Gräben gesucht am Feldrand Weidezaun betrachtet die Pfosten mit Altöl getränkt und die gefrorenen Pfützen umgangen
ja aber, wo bist du
Abel Epitaph / Gera-Aue in den Raunächten
Trostland, sprich zu mir mit der munteren Zunge der Gera sag, dass die Eselsdisteln um den Sommer trauern ich liege unter den Wasserlinsen begraben wo du mich nicht sehen willst
meine Augen sind wie Laich unter ihren Lidern ich singe auf ein Neues vom Diptychon, Altar meiner Hände setze dich auf ihn kleiner Stichling, mein Lied soll dich segnen
doch du sprichst verschwende deine Verse nicht, Toter
Konstantin Stawenow, geboren 2003 in Erfurt, schloss 2024 seine Ausbildung zum Holzbildhauer in Empfertshausen ab. Zurzeit studiert er am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. In den letzten Jahren war er u.a. Teilnehmer der Thüringer Textwerkstätten Weitsicht in Ranis und Poesie & Praxis in Gera sowie der young poems 2023 am Haus für Poesie. Seit Dezember 2023 arbeitet er eng mit der Forschungsstelle Sprachkunst & Religion in Erfurt zusammen. Er war Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen von 2023 bis 2025 und des Eobanus-Hessus-Schreibwettbewerbs von 2022 bis 2024. Des weiteren war er Preisträger des Treffens junger Autor*innen 2023. Im Sommer 2025 war er Stipendiat der Kulturstiftung Thüringen. Für 2026 hat er ein Stipendium der Sparkassenstiftung Sömmerda erhalten. Verstreute Publikationen in Zeitschriften und Anthologien (u.a. Jahrbuch der Lyrik 2024/25, Literarische Blätter, Ort der Augen, Nagelprobe). Konstantin Stawenow lebt mit seiner Frau in Biel/Bienne.