Yade Yasemin Önder «Anti Müller», park x ullstein

Mit ihrer poetischen Prosa greift Yade Yasemin Önder in «Anti Müller» tief in die Grube der Geschlechter-Stereotypen. Doch daraus folgt eine ambivalente Auseinandersetzung mit dem Frausein, dem Schreiben und wie die Männer da herumgeistern.

Heimgesucht und Heim suchend
Gastrezension: Elena Gotti wurde 2001 in Basel geboren und studiert zurzeit Deutsche und Englische Literaturwissenschaften im Master an der Universität Basel.

Bei Yade Yasemin Önders spukt es: Der Schriftsteller-Ex-Freund Kar, das Sprachrohr der Diaspora, hat nach sechs Jahren Beziehung den Schlussstrich gezogen. Mit 36, ohne Name, dafür aber mit Schreibblockade muss die verlassene Protagonistin in «Anti Müller» nun einen Weg finden, das Gespenst zu verbannen und weiterzuschreiben. Doch ihr brennender Kinderwunsch zwingt sie, sich erneut in die Dating-Szene zu wagen.

Das Anti-Müller-Hormon, verantwortlich für die Regulierung der weiblichen Eizellen, widerspiegelt bereits im Titel die Besessenheit der Protagonistin mit ihrer tickenden biologischen Uhr. Mit «Andi Müller», 36, Artist, Actor, Twins, alles kann, nichts muss, 1 km entfernt, möchte sie nun einen neuen Versuch starten, ihr Familienglück zu finden. Die Namensähnlichkeit ist selbstverständlich kein Zufall, doch Andi ist auch konventionell „anti“: Er vereint alle Klischees eines performativen Künstlers in einer Person. Sein Charakter ist insofern gelungen, als man seine Auftritte im Roman mit grosser Abneigung liest, wobei dies mit ein oder zwei stereotypischen Zügen weniger ebenfalls funktioniert hätte und Andi als Charakter dann ausgereifter und weniger symbolisch gewesen wäre.
Für die Möglichkeit, ihren Kinderwunsch erfüllen zu können, erträgt die Protagonistin allerdings ihn und mehr. Frauen überall erschaudern und verbünden sich in weiblicher Solidarität gegen heuchlerischen Feminismus, falsche Versprechungen und die Weigerung, sich festzulegen. Gerade durch ihre Namenlosigkeit ist die Protagonistin zugleich eine und alle: Sie ist als Figur im Roman individuell ausgefeilt, doch die geläufigen Männerkomplikationen vereinfachen ein kollektives Hineinversetzen und Wiedererleben eigener Dating-Traumata. Önder benötigt daher eine gute Portion Humor und Zynismus, damit ihre Figur und die Leserschaft nicht allzu geschädigt durch die erste Hälfte des Buches kommen.

Yade Yasemin Önder «Anti Müller», park X ullstein, 2026, 240 Seiten, ISBN 978-3-843-73772-2

Die grosse Stärke des Romans liegt im Versuch der Protagonistin, ihre eigene literarische Stimme wiederzufinden. Als selbst Schreibende eröffnet sie eine Metadimension, in der sich nicht nur ihr fiktiver autofiktionaler Text reflektiert, sondern auch Önder ihr eigenes Schreiben und den Verlauf von Anti Müller hinterfragen kann: Was ich weiß: Vor normalen Sätzen muss man sich hüten. Wehe den glatt polierten Gedanken der Gegenwartsliteratur, die einen schon auf den ersten Seiten in das Buch rutschen lassen. Der Text wird Seite um Seite (re)konstruiert und die Grenze zwischen den Autorinnen verschwimmt.
Denn wer schreiben darf oder soll, über was und vor allem aber wie geschrieben werden soll, sind nicht nur Fragen, die die Protagonistin zu beantworten sucht, sondern auch Önder selbst: Wenn etwas nicht einfach erzählt werden kann, muss es mehrfach erzählt werden. Es also doppelt erzählen. In dieser Doppelstruktur beweist Önder auch in ihrem zweiten Werk ihr Sprachtalent und lässt ihre Protagonistin nicht mehr nur als Geist in ihrem Leben und Schreiben herumspuken, sondern sich einen Platz in der doch immer noch männlich (von Ex-Freund Kar) dominierten Literaturlandschaft aushandeln.

Das reflexive Schreiben und die vielfältige stilistische Variation von «Anti Müller» bilden sodann das Gerüst für die zunehmend aus den Fugen geratene Handlung. Önders Protagonistin verfällt in eine Obsession, möchte zur Not mit Gewalt ein Kind bekommen. Stalking, Lügen über Verhütung bis hin zur sexuellen Ausnutzung und Selbstverstümmelung: Wie weit soll Frau gehen, um sich ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen?

Durch ihre zahlreichen Grenzüberschreitungen sich selbst und anderen gegenüber mutiert die Protagonistin vom Opfer einer Männerkultur, die sich aus allen Verpflichtungen windet, zur Täterin. Die Erwartungen und die Gewalt der patriarchalen Gesellschaft finden ihre Verinnerlichung sowie ihren Austragungsort im Charakter und im Körper der Protagonistin, womit Önder Sympathie und Mitleid, aber auch Entsetzen und Grauen auslöst. 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Yade Yasemin Önders Theaterstück «Kartonage» wurde 2017 zu den Autor*innentheatertagen Berlin eingeladen und am Wiener Burgtheater uraufgeführt. 2018 erhielt sie den Hauptpreis für Prosa beim open mike. Ihr Debütroman «Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron» (2022) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den ZDF-aspekte-Literaturpreis. 2023 erhielt sie das Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds. 2024 erschien der Kollektivroman «Wir kommen», dessen Mitautorin sie ist. 

Beitragsbild © Julia Sellmann