Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.
Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.
Eine Mutter ist, was man nicht loswird.
Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.
Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.
Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.
Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, ISBN: 978-3-498-00321-0
Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.
Ich war ein Problem.
Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!
(Erstveröffentlichung der Rezension auf literaturblatt.ch am 22. Juni 26)
Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».
Stimmt. Wir leben in Zeiten erhöhter Gefahr, auch wenn diese Wahrnehmung keine für die Gegenwart explizite ist. Vielleicht ist die grösste Gefahr jene, dass sich die Menschheit immer mehr von der realen Welt entfernt. Die Welt, die Umgebung, das Klima wird zum „Feind“. Julia von Lucadou beschreibt eine Welt, die unaufhaltsam ins Rutschen gerät – und tut das meisterhaft.
Im Vorsatz zu ihrem neuen Roman steht ein aufschlussreiches Zitat: Ausserdem sind die Zeiten zwischen Alarmierung und Eintreffen der Katastrophe so kurz, dass es in Zeiten erhöhter Gefahr notwendig sein wird, sich überhaupt dauernd, zur Ruhe und womöglich auch zur Arbeit, im Schutzraum aufzuhalten und diesen nur zu den wichtigsten Verrichtungen zu verlassen. (Aus „Zivilverteidigung“, hrsg. vom Eidg. Justiz- und Polizeidepartement im Auftrag des Bundesrates der Schweiz, 1969) Die Welt verharrte damals im kalten Krieg; Wett- und atomare Aufrüstung waren in vollem Gange. Heute, in Zeiten heisser Kriege, Kriege, die das Zeug haben, jederzeit ins absolut Unkontrollierbare zu mutieren, wo so viel Geld wie nie zuvor in Kriegsmateriel investiert wird, ist es erstaunlich genug, wie gelassen, wenn nicht fatalistisch die meisten Menschen auf die drohende Gefahr reagieren. Als ob man gezwungen wäre, angesichts der vielfältigen Bedrohung diese als gegeben zu akzeptieren.
Julia von Lucadou «Zeiten erhöhter Gefahr», Hanser, 2026, 224 Seiten, ISBN 978-3-446-28299-5
Jot arbeitet in einer sehr erfolgreichen und expandierenden Firma, die sich auf die Planung und den Bau von Schutzräumen spezialisiert hat; Bunker für Superreiche. Selbstredend, dass in seinem Haus im Keller ein topmoderner eingebaut und eingerichtet ist. Überhaupt hat sich Jot auf alle Eventualitäten eingerichtet; sein absolut kontrolliertes Leben ist bis aufs Letzte durchgeplant und optimiert, im Keller lagert mehr als nur der empfohene Notvorrat, alles hat seinen Platz, alles Unvorhersehbare ist eingedämmt. Dazu gehört wohl auch sein Umfeld, seine Familie, oder das, was von seiner Familie übriggeblieben ist. Martha, seine Tochter, spielt kaum mehr eine Rolle, sein Leben ist ganz und gar auf Gegenwart und die Bedrohungen der Zukunft ausgerichtet.
Bis er auf seiner morgentlichen Joggingrunde, die ihn jeden Tag durch den nahen Steinbruch führt, auf die Leiche eines jungen Mannes trifft. An einem Tag, der schon mit merklich eigenartigen Wahrnehmungen begonnen hatte. Auch wenn sich Jot später Vorwürfe macht, jenem Mann, von dem er angenommen hatte, er wäre tot, nicht lebensrettende Soforthilfe geleistet zu haben, meldet er die Begegnung unmittelbar der Polizei. Jot wird zu einem Zeugen, seine Aussagen werden zur Kenntnis genommen. Aber im Gegensatz zur Polizei, die von einem Suizid ausgeht, ist Jot überzeugt, dass hier ein Mord passiert ist, ein Gewaltverbrechen.
In der Folge rutscht Jot immer mehr ab. Nicht nur, dass er sich nicht ernst genommen fühlt. Jots Verunsicherung nimmt existenzielle Formen an, nicht nur, weil die Polizei ihre Beobachtungen ganz anders interpretiert als er die seinen. Irrt er? Ist seine Wahrnehmung getrübt? Warum? Auch bei der Arbeit schleichen sich in seine perfekt durchstrukturieren Arbeitsabläufe Dissonanzen ein, Verschiebungen, irgendwann Absenzen, Tagträume, Erscheinungen. Mit einem Mal brechen Bilder durch, die er in den Tiefen seiner Erinnerung verschlossen glaubte; Bilder aus seiner Kindheit, eines Vaters, der ihn schon als Kind zum Überlebensspezialisten machen wollte. Bilder seines Vaters mit den Händen um den Hals der Schwester. Bilder aus seiner Zeit im katholischen Internat, Bilder von einer Bluttat in seiner Vergangenheit, einer Untat, die er hätte vergessen sollen. Jot rutscht weg.
Etwas war in seinem Schädel aus der Fassung geraten, war lose geworden. Sein Gedächtnis wie überstimmuliert und ausser Kontrolle. Produzierte fingierte Erinnerungen.
Kein Wunder – ein Toter in einem Steinbruch. Nicht das einzige Bild, die einzige Verbindung in Julia von Lucadous Roman. Da ist noch jene zu Franz Kafkas Roman „Der Prozess“. Jots Gefühl, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Wächter in seinem Leben auftauchen und ihn für ein Versäumnis, für versagte Hilfeleistung, für einen Tod zum Prozess abführen. Der Tote in einem Steinbruch, der in seinen Sedimenten Versteinungen eingeschlossen hat, die durch den Bruch freigelegt werden; Zeugnisse endlichen Lebens.
Jot lässt sich nicht helfen. Sein Leben gerät aus den Fugen. Eine Geschichte, die sich auf die ganze Gesellschaft übertragen lässt. Vielleicht hat mich Julia von Lucadous Roman auch deshalb so sehr fasziniert, weil er so viel in mir auslöst. Ein Roman über Wahrnehmung, der selbst mich an meinen Wahrnehmungen zweifeln lässt. Welcher Roman schafft das sonst!?
„Zeiten erhöhter Gefahr“ ist ein erstaunliches Stück Literatur, sehr beeindruckend. Ein Buch, das selbst die eigenen Einschliessungen freilegen kann!
Interview
Jot, eigentlich Johannes, hat sich in seinem Wahn nach Selbstoptimierung reduziert, bis auf seinen Anfangsbuchstaben. Influencer*innen leben uns vor, wie erstrebenswert eine solche Selbstoptimierung ist, haben wir doch nur ein Leben, dass maximal auszuschöpfen ist. Jot ist ein Getriebener, Gepeitschter. Da ist Literatur, das Lesen, doch Statement?
Ja, das stimmt, wir leben in einer Zeit, in der wir in den sozialen Medien ein perfekt optimiertes Leben präsentiert bekommen. Die Literatur ist angesichts solcher gefilterter Narrative ein fast widerständiges Medium, weil sie die Welt in ihrer ganzen Vielschichtigkeit abzubilden versucht.
Im perfekten Influencer*innenleben haben schwierige Gefühle, Graubereiche und Krisen kaum Platz. Jot hat eine ähnliche Vorstellung von der Welt, allerdings nicht aus den sozialen Medien, denn er gehört einer Vor-Internet-Generation an. Er ist in der Nachkriegszeit mit einem Männlichkeitsbild aufgewachsen, das ihn gelehrt hat, es sei gefährlich, Schwäche und Verletzlichkeit zu zeigen, Fehler zu machen, sich eine Blösse zu geben. Interessanterweise erfreut sich dieses Männlichkeitsbild aktuell auch bei Influencern der sogenannten Manosphere wieder grosser Beliebtheit.
Jot trägt ein Trauma mit sich herum. Eines, dass völlig überraschend ausbricht. Solche Traumata tragen viele mit sich herum, manchmal ein Leben lang, ohne dass es zum Ausbruch kommt. Brauchte es bei der Recherche eine Auseinandersetzung mit Spezialist*innen oder reichte die Intuition?
Ich setze mich schon lange mit dem Thema Trauma auseinander. Einerseits weil ich als Tochter einer Traumatherapeutin gross geworden bin, aber auch weil viele Menschen, die mir nahestehen, Traumaerfahrungen gemacht haben und ich selbst ebenfalls. Für das Buch habe ich Interviews geführt mit Männern aus Jots Generation, die ihre Erinnerungs- und Aufarbeitungsgeschichte mit mir geteilt haben. Sie hatten gewisse traumatische Erlebnisse ihr Leben lang verdrängt und erst in höherem Alter begonnen, sich damit auseinanderzusetzen.
Vieles in diesem Roman schein von langer Hand geplant, ganz bewusst inszeniert, sei es der Schauplatz eines ehemaligen Steinbruchs oder das Verweben mit Kafkas Roman „Der Prozess“. Oder ergaben sich diese Verbindungen und Metaphern erst während des Schreibprozesses?
Mein Schreibprozess ist eigentlich immer eine Mischung aus Intuition und Planung. Die Bezüge zu Kafkas „Prozess“ haben sich erstmal ganz intuitiv ergeben. Vielleicht auch, weil Kafkas Bücher in mir schon als jungem Menschen den Wunsch geweckt haben, selbst Autorin zu werden. Kafka hat mir gezeigt, dass Literatur auf tiefgreifende Weise etwas über das Menschsein ausdrücken kann. Er ist ein Meister der Darstellung dieses diffusen Gefühls, der Welt ausgeliefert zu sein und sie nicht unter Kontrolle zu bekommen. Ein Gefühl, das meinen Protagonisten Jot prägt. Deshalb waren diese Motive für mich von Anfang an da. Und dann habe ich sie natürlich irgendwann sehr bewusst eingesetzt.
Jot ist in vielem ein Archätyp. Auch in seiner Sehnsucht nach Sicherheit, in seinem Bestreben, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Er will alles im Griff haben. Dabei hat ihn das Leben im Griff, irgendwann im Würgegriff. Dein Leben als Künstlerin ist das genaue Gegenteil. Zumindest vermute ich das. Wieviel Gesellschaftskritik steckt in deinem Roman?
Ha ha, ja, das Leben als freie Autorin ist relativ unberechenbar und gibt einem nicht die zuverlässige finanzielle Sicherheit und Planbarkeit, die Jot wichtig sind. Er möchte die Unberechenbarkeiten des Lebens so gut wie möglich reduzieren, indem er auf jede Eventualität vorbereitet ist. Dass uns ungeplante Ereignisse Angst machen, ist ja erstmal einfach menschlich. Wir sind evolutionär so gepolt, nach einem sicheren Ort zu suchen und Gefahren vorherzusehen. Aber bei Jot geht das noch viel weiter, er scheint innere Ängste auf seine Umgebung zu projizieren. Und sein Planen bringt ihm deshalb auch keine Erleichterung, sie füttert eher noch seine Angst. Ich habe den Eindruck, dass die grosse Spaltung in der Gesellschaft, die wir gerade erleben, auch viel mit Projektion von Ängsten zu tun hat, die eher von innen kommen.
Dein Roman ist auch ein Familienroman. Zumindest ein Roman über das, was geblieben ist, wenn sich das Universum nur noch um mich, um den Protagonisten dreht. Ist das, was bei Jot von Familie geblieben ist, symptomatisch für unsere Zeit, für das, was vom Mythos „Familie“ übrig geblieben ist?
Was Familie angeht, hat mich im Roman vor allem die Frage nach transgenerationalem Trauma interessiert, das zu Isolierung führen kann, zum Bruch von familiären Beziehungen. Jot ist in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, die Erwachsenen in seinem Leben durch den Krieg traumatisiert, aber unfähig, darüber zu sprechen. Jot selbst setzt dieses Muster des Schweigens und der Verdrängung fort, weil er nichts anderes gelernt hat, und gibt es an seine Tochter Martha weiter. Gleichzeitig verkörpert Martha aber eine neue Generation, die gewillt und besser ausgerüstet ist, sich mit Traumata auseinanderzusetzen und die richtigen Ressourcen hat, sie aufzuarbeiten. Das hat etwas sehr Hoffnungsvolles für mich.
Julia von Lucadou ist Filmwissenschaftlerin. Sie arbeitete als Regieassistentin, Redakteurin beim Fernsehen und als Simulationspatientin; sie lebt in Köln. Ihr erster Roman «Die Hochhausspringerin» (2018) stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 2022 erschien der hochgelobte Roman «Tick Tack«.
Dieser Roman hat es zweifelsohne in sich. Er sprüht vor Sprachwitz, in seiner Rauh- und Derbheit. Er erzählt von einer Welt, die meist verschlossen bleibt, von grossen Enttäuschungen und der letzten Kraft im Aufbäumen.
Es gibt Romane, die faszinieren durch ihre Bauart, die verschiedenen Erzählebenen, ihre Durchlässigkeit für eigene Gedanken. Es gibt welche, die bannen, nicht loslassen, die mich durch eine Handlung peitschen, die ich nicht mehr weglegen kann. Oder jene, die durch ihren Sound, die Musik überzeugen, die man mit dem Buch auf der Brust nachhallen lassen muss. Und die, die durch ihr Wissen, die Recherche, neue Welten, Offenbarungen überzeugen. „Lachen kann, wer Zähne hat“ bekam von all denen minimale bis maximale Zutaten. Aber was diesen Roman einzigartig, erstaunlich, faszinierend und verblüffend macht, ist der Dreck.
Kann mich an keinem Menschen wärmen. Für mich ist die Heizung überall kaputt.
Erinnern sie sich an den alt gewordenen Rockmusiker Chris von Rohr, der 2004 die Musikszene kritisierte und Meh Dräck (mehr Dreck) forderte, weil sich das mediale Musikgesäusel immer mehr von Originalität entferne? Meh Dräck scheint sich die polnische Schriftstellerin und Bühnenautorin Zyta Rudzka zu Herzen genommen zu haben. „Lachen kann, wer Zähne hat“ ist alles andere als geglättet und gebürstet. Ihr Roman über eine ehemalige Frisöse, die ihren Ehemann trotz aller Geldsorgen bestatten muss, riecht förmlich in seiner Derb- und Direktheit. Ein Roman, der in der untersten Schublade wühlt. Aber nicht bloss, um zu schockieren, sondern um jenen Dreck aufzuwirbeln, der den Menschen in den untersten Schichten ein Leben in Würde schwer macht.
Das Leben in ihm ist nach und nach verdunstet.
Zyta Rudzka «Lachen kann, wer Zähne hat» Friedenauer Presse, 2025, aus dem Polnischen von Lisa Palmes, ISBN 978-3-7518-8046-6
Als Theaterfrau muss es der Schriftstellerin grösste Freude bereitet haben, mit dem Sprachinstrumentarium einer Zornigen, Unangepassten, Verletzten und Gezeichneten einer Stimme zu folgen, die auszumalen und auszukosten, dass beim Lesen die Ohren erröten. Zugegeben, da schwappt einem eine ordentliche Portion Obszönität entgegen. Aber sie ist nicht da, um mich zu erschrecken, um Wirbel zu machen, sondern weil es die Stimme einer Sorte Mensch ist, die sonst nie ihre Bühne in der Literatur findet. Aber letztlich muss es der Autorin auch gar nicht um eine Milieustudie gehen, sondern um den Witz in all den Binnengeschichten, in einzelnen Redewendungen und Sätzen, die immer und immer wieder aus dem Text aufploppen. Erstaunlich genug, dass es die Übersetzerin Lisa Palmes offensichtlich geschafft hat, den Sound, den Dreck ins Deutsche zu übersetzen, auch wenn es im polnischen Original noch um einiges köstlicher sein muss.
Karol war lange gut genug, wie er aufs Siegertreppchen kletterte. Aber danach war er allen scheissegal.
Die Geschichte im Roman ist schnell erzählt; Wera muss ihren Mann begraben, einen ehemaligen Jockey, der nach seiner Ausmusterung nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Zwar ist die ganze Wohnung voller Pokale, aber die Brieftaschen leer. Jockey ist langsam eingegangen, verendet. Schlimmer als ein altes Rennpferd. Nun steht die Beerdigung an, die würdevoll sein muss, aber möglichst wenig kosten soll; das letzte Schuhwerk für die aufgequollenen Füsse, ein einfacher Sarg, ein Bestattungsunternehmen ohne grosses Aufhebens und eine Beerdigung im kleinen Kreis. Wera verhökert, was ihr geblieben ist, schleppt sich von Bekanntschaft zu Bekanntschaft, um die letzten Habseligkeiten zu Geld zu machen – oder auch mal zu Wodka. Sie, der man ebenfalls alles genommen hatte, auch ihr Geschäft „Wera – Herrenfriseur“. Sie wusste, wie man ihnen in die Haare fährt.
Sind ja schrecklich gute Menschen, diese Katholiken, nur so schrecklich leichtgläubig.
Rudzka nimmt sie alle auf die Schippe, nicht zuletzt eine konservative polnische Gesellschaft. Sie lässt ihre Protagonisten keifen und speien, dass es eine Freude ist. Zugegeben, der Roman dürfte nicht länger sein, weil die Handlung allein kaum Fleisch am Knochen hat. Es ist der Ton, die Derbheit, das Ungeschönte, das ihm so faszinierend macht. Köstlich!
Zyta Rudzka, 1964 in Warschau geboren, wo sie auch heute noch lebt, arbeitet als Psychotherapeutin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Ihre Gedichte, Drehbücher und Romane wurden mit Preisen ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien Ihr Roman «Doktor Josefs Schönste» bei Ammann (2009) in der Übersetzung von Esther Kinsky und «Mikwe» bei Secession (2014) in der Übersetzung von Sven Sellmer.
Lisa Palmes, 1975 in Münster geboren, studierte u. a. Polonistik und Germanistische Linguistik an der HU Berlin und in Warschau, übersetzt u. a. die Bücher von Zyta Rudzka, Olga Tokarczuk, Joanna Bator und Filip Springer. Sie wurde vielfach ausgezeichnet.
Was bleibt von Familie? Wie wirkt Geschichte auf und aus Familien? Warum distanzieren sich Väter, selten Mütter, tauchen Töchter und Söhne ab? Sonja Sophie Kreis hat einen aussergewöhnlichen Roman geschrieben, der weit über die Selbstanalyse hinausgeht.
Anna reist nach Grönland auf der Suche nach ihrem älteren Bruder Alex. Es ist aber nicht nur die Suche nach einem Bruder, der bloss noch zu Weihnachten eine nichtssagende Karte aus der Kälte schreibt, sondern die Suche nach dem, was von der einstigen Familie übrig geblieben ist. Selbst ihre Schwester ist geschluckt von ihrer Arbeit in einem chicen Hotel mit Sicht aufs Matterhorn.
Anna, sonst Fotografin, reist ohne ihren Apparat an, dafür mit einem in ein Leintuch eingewickeltes Bild. Einer Winterlandschaft des Malers Adolf Dietrich, einem Maler, der zeitlebens in Berlingen am Untersee (Bodensee) lebte und malte. Ein Maler, den man zu den Naiven zählte, der sich aber weitgehend autodidaktisch in seine völlig eigenständige Arbeit vertiefte und erst spät jene Anerkennung bekam, die ihn noch heute zu einem wichtigen Exponenten schweizerischer Kunst macht. Es war das Hochzeitsgeschenk seines Vaters an seine Mutter, ein Bild, das die Beschenkte mehr bedrohte als dass es ihr gefiel. Aber das ihrem Bruder Alex einen Blick in seine Sehnsucht gewährte, eine Welt des Eises und des Schnees, eine Welt der Kälte und der Stille.
Bald wird klar, dass weder der Zufall noch ihr Bruder selbst wollen, dass Anna Alex nach Jahrzehnten wiederfindet. Anna bleibt, richtet sich in dem Ort ein, der nicht gemacht ist für Menschen wie sie, die das Eiland irgendwann wieder verlassen. Und weil kein fotografisches Auge zur Verfügung steht, beginnt Anna zu schreiben, von Hand, in ein Heft nach dem andern. Was ihr geographisch und räumlich nicht gelingen wird, wird mehr und mehr zur verschriftlichten Obsession. In ein Eintauchen in die Bilder ihrer Familie, der erinnerten und der erzählten.
Erzähl mir was, flüsterte ich ihr dann zu und halte das Foto ganz nah an mein Gesicht.
Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5
Eine aufbrausende Mutter, ein stiller Vater, der kaum zuhause war. Genauso wie ihr Bruder, der sich schon als Kind viel lieber in der Werkstatt im Keller verlor. In seinen Nachforschungen der Grossen der Arktischen Forschung, der sich in Büchern wegtragen liess, hinein ins ewige Eis, weit weg von den Konflikten der Eltern, der fasziniert war von der tragischen Exkursion von Eduard Skeleton, dessen gepanzertes Schiff Endurance trotz aller Vorsicht in den Eismassen zerdrückt wurde. Vielleicht sinnbildlich für seine eigene Situation zwischen den elterlichen Fronten.
Nicht nur ein Maler, Adolf Dietrich, spielt in der vielschichtigen Geschichte der Thurgauerin, die ihren familiären Ursprung im eben dieser Gegend hat. Otto Marquart, die längste Zeit seines Lebens nicht weit von Adolf Dietrich auf der Insel Reichenau malend, war Künstler, führte zusammen mit seiner Frau am See eine Pension, die während des Krieges Dreh- und Angelpunkt von Flüchtenden war, einem Tun, von dem er auch nicht liess, nachdem ihn die Gestapo verschleppte und verhörte.
Der Film in meinem Kopf ist launisch. Mal fließen die Bilder. Dann wieder ruckelt es, der Erzählstrom macht Sprünge, vorwärts oder zurück, die Leinwand reißt auf, eine ruhige Bildfolge wird von einer subjektiven Kamera gestört.
Sonja Sophie Kreis erzählt von Grenzregionen, vom Blick auf das, was ist und war, sei es geographisch, historisch oder familiär. Damals kam die deutsche Mutter über die Grenze in die Schweiz. Was wie eine Liebesheirat aussah, entpuppte sich als Falle. Auch das, was sich im Winter 1963 zur letzten „Seegfrörni“ auswuchs, war nur für wenige Wochen der ungehinderte Weg auf die andere Seite. Manchmal fehlt nicht viel, aber Grenzen bleiben.
Dass Sonja Sophia Kreis zum Kreis der Nominierten gehört, freut mich nur schon deshalb, weil ich dieses Buch sonst vielleicht gar nie auf den Schirm bekommen hätte. Was ein grosses Versäumnis gewesen wäre. Man merkt dem Roman nicht an, dass es ein literarisches Debüt ist, ganz im Gegenteil. Die Autorin überzeugt durch einen klaren Strich, lässt vermuten, dass sie als bildnerische Künstlerin eine sehr klare Vorstellung von Komposition und Struktur hat. Aber „Das grosse Eis“ ist auch experimentell, changierend zwischen glasklarer Prosa und lyrischen Passagen, von klarer Kontur bis durchscheinend sinnlich.
Unbedingt empfehlenswert!
Sonja Sophie Kreis, geboren1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie u. a. nach Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. «Das grosse Eis» ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.
Wenn die Gegenwart mit einem Mal aufbricht. Wenn sich Fragen nicht mehr verdrängen lassen. Wenn all das Unverdaute, ewig Gärende, das Magma unter der Kruste des Schweigens durchbricht. Alisha Gamisch beeindruckendes Debüt sticht mitten hinein.
Ein Reiheneinfamilienhaus im bayrischen Fürstenfeldbruck ist der Schauplatz, an dem die Vergangenheit ausbricht, ein Bettelbrief mit daumengrossem Plastikembryo eine alte Frau derart erschüttert und erstarren lässt, dass Nichte und Enkelin sie nicht wiedererkennen. Grossmutter Lydia in Schockstarre der Stimme beraubt fängt Enkelin Rina erst recht zu fragen an. Fragen, denen auch Tante Valli am liebsten zeitlebens ausgewichen wäre.
So unmöglich es ist, Heimat und Herkunft durch Grenzen einzuzäunen, so unmöglich ist es seit jeher, Zugehörigkeiten zu kollektiven Erinnerungen und Landschaften vom seltsamen und streitbaren Gefühl der Heimat abzukoppeln. Nicht nur die beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert haben Menschen entwurzelt, Familien auseinandergerissen, Familientragödien unter dem Mantel des Schweigens erstickt. Das Trauma bleibt, die in sich geschlossenen Kammern, in denen Geschichten gären, Mief, der irgendwann, der Anlass kann offensichtlich unbedeutend sein, mit zerstörerischer Kraft ausbricht.
Als die Studentin Gina zu Grossmutter und Tante, in ihr Zuhause zurückkehrt, ist ihre Grossmutter Lydia eine andere. Eingefroren in einen Schrecken, paralysiert, erstarrt. Gina, die in ihrem Leben von Unentschlossenheit gefangen ist, nimmt das Szepter in die Hand. Ihre Grossmutter muss zum Arzt, wenn nötig sogar in eine Klinik, auch wenn Gina weiss, dass Lydia das nicht zulassen würde. Und von Valli, ihrer Tante, will sie endlich Antworten.
Lydia wurde in den Wirren des Weltkriegs ins sibirische Nirgendwo deportiert, nach Novosibirsk, wurde „Russlanddeutsche“, die man während und nach dem Krieg nach Sibirien zwangsumsiedelte, denen man unter menschenunwürdigen Voraussetzungen blosses Überleben abverlangte. Dort wird sie die Frau von Sashka, einem gut aussehenden Nichtsnutz und Säufer. Mit ihm, ihrer Tochter Elvira und dem rotzigen Schwiegervater lebt sie in einer windigen Baracke, nur durch Tücher vor den Blicken anderer geschützt, permanent in Sorge ums Überleben und den Annäherungen ihres nach Alkohol stinkenden Gatten. Bis sie dann doch noch einmal schwanger wird und sich genötigt sieht, in einem sowjetischen Krankenhaus, das solche Frauen wie Dreck behandelt, ihr Kind auskratzen zu lassen. Ein Eingriff, der sie fast das Leben kostet, der ihr den Tod im Bett daneben vor Augen führt, die Wertlosigkeit einer Frau, die sich gegen das Schicksal stemmt.
Aber mit der Abtreibung hört der Schrecken, das Bedrängtsein, die Not nicht auf. Auch das Leid einer Mutter, einer Alleingelassenen, einer Bedrängten. Irgendwann schafft es Lydia mit ihrer Tochter mit Hilfe einer Rücksiedlungsinitative nach Deutschland. Ein Neuanfang mit den schlechtmöglichsten Vorzeichen, weil nicht nur Lydia die Vergangenheit im Schweigen erstickt.
Komisch, dass deine Muttersprache eine andere ist als meine – und die deiner Mutter eine andere als deine, und dass du als Kind eine Sprache konntest, die jetzt fast verflogen ist, und dass ich mich mit dir als Kind gar nicht hätte verständigen können.
Ein krasser Gegensatz zur zweiten Erzählebene, dem Leben ihrer Enkelin Gina. So sehr Gina ihr Leben selbst bestimmen kann, so sehr verliert sie sich im Unentschlossenen. So sehr sich Lydia gezwungen sah, sich dem Schicksal entgegenzustellen, so sehr verliert sich Gina. Bis sie das Schweigen, die Erstarrung ihrer Grossmutter aus der Lethargie schüttelt.
„Parasiti“ trifft. Lydia war fast ein ganzes Leben Fremde, Herumgeschobene. Männer wurden zu Parasiten, unmöglich abzuschütteln. Bei meiner Lektüre ein beklemmendes Gefühl. Nicht nur weil ich ein Mann bin, sondern weil die Geschichte nicht Vergangenheit ist, weil wir mit jedem Tag einen Schritt weiter wegrücken von der Hoffnung, dereinst würde gegenseitiger Respekt, aus welcher Seite auch immer, das Zusammenleben leichter machen. „Parasiti“ ist ein starkes Debüt, eine laute Stimme, ein mutiges Buch!
Alisha Gamisch studierte in München und London Anglistik und Germanistik und lebt heute in Berlin. Ihr erster Gedichtband »Lustdorf« (Verlagshaus Berlin, 2020) wurde vom Haus für Poesie zu den besten Lyrikdebüts des Jahres gewählt. 2022 erhielt sie den Nora-Pfeffer-Preis für Lyrik des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland, 2023 war sie Stipendiatin der Romanwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Sie ist Gründungsmitglied des feministischen Vereins ›Wepsert e.V.‹ sowie Mitkuratorin und Moderatorin der Lesungs- und Diskussionsreihe ›PostOst-Café‹ im Maxim Gorki Theater Berlin. Seit 2025 ist sie Teil der literarischen Girlband ›No Scribes‹. »Parasiti« ist ihr Debütroman.
Es sind die Geschichten von Eva und Franz. Sie lernten sich kennen, waren verheiratet, trennten sich und begegnen einander wieder. Schnell erzählt. Christine Fischer formt zwei Leben, die sich finden, abstossen und doch nie zur Ruhe kommen. Sie tut dies, in dem sie von den Zwischenräumen erzählt, von dem, was andere weglassen würden – ganz zart.
Eigentlich ist es die Geschichte zweier Leben, die der Zufall zusammenführt, einmal in jungen Jahren, ein zweites Mal, als die beiden schon daran zweifeln, dass ihr Leben noch eine Zukunft zu bieten hat. Eva und Franz waren ein Paar, trennten sich, weil Franz für Eva nicht der Partner war, der der Vater ihrer Kinder hätte sein sollen. Eva bricht nach der Trennung aus, erinnert sich an einen Freund aus jungen Jahren, der in den Staaten lebt und in den sie sich damals unsterblich verliebte. Eine Liebe, die nicht wie erhofft erwidert wurde, aber Jahrzehnte doch reicht, um ihr den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen.
Eva und Franz sind alt geworden, über 80. Eva lebt in einem kleinen Studio in einer Alterssiedlung, Franz in der gleichen Stadt in einer kleinen Wohnung. Das Leben hat sich für sie beide nicht so geformt, wie sie es sich fürs Alter ausgedacht hatten. Eva muss mit dem Entscheid ihrer Tochter leben, dass diese schwanger mit ihrem Mann in die Staaten auswandern will und sich ihre Zukunft als Grossmutter nicht so leben lässt, wie sie es sich gewünscht hätte. Und Franz ist zu einem einsamen, alten Wolf geworden, obwohl er in sich doch noch jene Kraft zu spüren glaubt, die es braucht, um sich noch einmal aufzubäumen. Eva ist müde geworden, Spaziergänge ohne Gehhilfe unmöglich. Franz ist einsam, nicht zuletzt darum, weil er es auch im Alter nicht schafft, sich für sein Gegenüber, und sei es auch nur sein einziger Freund, zu öffnen.
Christine Fischer «Schwindlig», orte, 2026, 160 Seiten, ISBN 978-3-85830-357-8
Was damals vor Jahrzehnten geschah, jene Trennung, die sie gegenseitig gänzlich aus den Augen verlieren liess, schwebt noch immer wie ein Trauma über ihnen. Sie ist sich ihrer Härte damals, der Trennung und der Unversöhnlichkeit bewusst. Ihn schmerzt noch immer die nicht genutzte Chance. Und die Tochter; sie wuchs damals auf, ohne jemals den Namen des Vaters zu erfahren. Als er dann doch ausgesprochen war, drohte Eva, ihre Tochter zu verlieren.
Und dann laufen sie sich zufällig in der Stadt über den Weg. Eva weiss nicht, wie ihr geschieht, ist hin- und hergerissen zwischen Gefühlen, die sie nicht einzuordnen weiss und dem Wunsch, etwas von dem zu glätten, was in ihrem Leben aufgeworfen wurde. Franz wird unvermittelt wieder zum Jäger. Vielleicht, weil er weiss, dass es leichter sein muss, die Restglut eines alten Feuers zu entfachen als ein neues zu entzünden. Vielleicht weil er spürt, dass er etwas Absolution holen kann für ein Leben, das in der Sackgasse zu enden scheint. Aber auch weil er von Evas Tochter erfährt, ihrem Schmerz und Antworten will, warum er nicht der Vater sein konnte, der er doch eigentlich gerne geworden wäre.
Christine Fischer schildert im ersten Teil die Kindheit der beiden. Sie wachsen in ganz unterschiedlichen Familien auf. Eva in einer Familie, die ganz für das Geschäft im Erdgeschoss lebt, Franz als Augapfel seiner überfürsorglichen Mutter. Beide in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als Kindsein noch viel mehr zwischen Erwartungen, Pflichten und Bravsein eingefasst war und man sich seine Freiheiten nur dann holen konnte, wenn man sich diese nahm. Eva und Franz haben sich damals nur selten geholt, was zu holen gewesen wäre. Christine Fischer springt von einer Geschichte zur andern, wechselt die Perspektiven, spiegelt und offenbart jenen unausgeleuchteten Zwischenraum, der zwei Leben, die miteinander zu tun haben, aneinander reiben lässt. Christine Fischer leuchtet nicht aus, zeichnet dafür mit feiner Feder die Zwiespältigkeit zweier Menschen, die sich letztlich verfehlen, obwohl es hätte die grosse Liebe sein sollen. Ein Roman über das Altern, das Alter und die Angst, irgendwann resümieren zu müssen, dass man unverzeihliche Fehler beging.
Interview
Dein Roman ist zweigeteilt; zwei Kindheiten und zwei Perspektiven im Alter. Das „Reich der Mitte“ ist nur angetönt und doch eigenartig schwergewichtig. Vieles ist nicht auserzählt, bleibt skizzenhaft als aufblitzende Bilder. Du hast dich auch konsequent an die beiden Perspektiven von Eva und Franz gehalten – und doch in der dritten Person geschrieben. Eigenwillig und eindrucksvoll, weil durch das stückhafte Erzählen erst mit der Zeit ein fassbares Ganzes entsteht. War dieser Aufbau von Beginn weg Plan oder hat er sich im Lauf des Schreibens aufgedrängt.
Die Zweiteilung Kindheit/Alter drängte sich im Prozess des Schreibens auf: Zu Beginn stand der Plan, die Leben der beiden Protagonisten als «Zettelerzählung» zusammenzustückeln. Gemäss meinem Logbuch, das ich parallel zum Roman führte, visionierte ich «herausragende Stalaktiten», zwei «Lebensübersichten in Fragmenten», keines davon umfangreicher als eine Buchseite. Das machte zuerst sehr viel Freude beim Schreiben, es verlangte mir Präzision und Dichte ab. Als ich dann bei der Adoleszenz von Eva und Franz angelangt war, begann mir zu schwindeln. Ich spürte deutlich; So kann und will ich nicht weiterfahren, nicht mich mittels Hunderten von weiteren Fragmenten durch diese beiden Lebensgeschichten schreiben. In meinem Logbuch finde ich den Eintrag: «Bald wird sich das Erwachsenenalter auftun, diese dunkle Materie, eine kompakte, unstrukturierte, dunkle Masse der sogenannten produktiven Jahre mit dem fetten Fleisch am Knochen, dieses Blindwüten und Blindtappen, ein erratischer Block! Wo ist der Zugriff, wie mich orientieren? Mir stinkts!» Ich beschloss also, diesen erratischen Block von rund 60 Lebensjahren zu überspringen und gleich ins Alter überzuwechseln. Von dort aus in die Mitte zurückzublicken «in einigen wenigen Streiflichtern aus der Warte des Alters.» Das Alter sollte eine Erzählung im Präsens sein und nur ungefähr zehn Tage umfassen und sich im Sprachgebrauch und im emotionalen Zugriff stark von Teil 1 unterscheiden.
Im Buchtitel das Wort „schwindlig“. Ein Adjektiv, das seltsam antiquiert klingt. Ein Zustand im Taumel, nicht rauschhaft, manchmal von innen kommend, aber auch von aussen überstülpt. Manchmal durchaus positiv, sehr oft aber als unangenehm empfunden, nahe am Kontrollverlust. Kam dieser Zustand auch während des Schreibens über dich?
Ja, wie gesagt, das ursprüngliche Unterfangen, zwei ganze Lebensläufe parallel mittels Kurztexten in einen tragfähigen und spannenden Gesamttext unterzubringen, erwies sich als schwindelerregend. Es dennoch zu versuchen, wäre wohl eine Fleissarbeit gewesen, hätte aber vermutlich das Scheitern bedeutet – der Zusammenhang, die Möglichkeit, sich beim Lesen zu identifizieren, wäre wohl zerflattert. Nur schon beim Schreiben der ersten 40 Seiten, aber auch des Teils 2, hatte ich oft das Gefühl, einen Ameisenhaufen zu hüten. Wer will und kann schon aus einem solchen Haufen einzelne Krabbeltiere herauslösen? Ich habe es versucht.
Eva und Franz erlebten Kindheiten, die sich grundlegend von jenen heute unterscheiden. Kleine Erwachsene, die zu funktionieren hatten, die sich die kleinen Freiheiten nehmen und holen mussten, zwischen Erwartungen, Disziplin und Tradition. Kindheiten, die nicht nur in deinem Roman bis ins Alter wirken, auch wenn beide, Eva und Franz, selbst im Alter seltsam gefangen sind. Entspricht das auch deiner Erfahrung?,
Ja, das Gefühl, in einem Korsett aufgewachsen zu sein, beengt und gebremst durch die Erwartungshaltungen von Eltern und Gesellschaft, teile ich mit meinen beiden Hauptfiguren, aber auch mit sehr vielen Menschen dieser Generation, was ich von vielen Interviews her kenne, die ich mit Menschen in der letzten Lebensphase geführt habe. Ich denke beispielsweise an die Berufsfindung, an Ausbildungsmöglichkeiten, an die «Geschlechterschmiede», wo genau vorgeschrieben war, was ein Mädchen-, was ein Knabenmuster war. Dem gegenüber stand aber – wenigstens bei Landkindern – meist eine grosse Freiheit in der Gestaltung von Freizeit und Spiel. Das Dorf mit seinen Gärten und Schuppen und Höfen und Strassen, die Umgebung mit ihren Wiesen und Wäldern und Bächen stand den Kindern damals offen – eine schwindelerregende Vielfalt mit schwindelerregenden Möglichkeiten. Sie wurden in ihrer Freizeit von den Erwachsenen kaum kontrolliert, aber gleichzeitig auch kaum beschützt. Die Eltern waren froh, ungestört ihrer Arbeit nachgehen zu können.
Franz ist kinderlos geblieben. Eine Tatsache, die er im Alter als Makel empfindet. Eva hat eine Tochter, von der Franz gerne die Vaterrolle übernommen hätte. Eva wollte nicht. Eva wollte vieles nicht, schon gar keinen Mann, der ihr ihre Rolle streitig gemacht hätte. Und doch zerrt das Schicksal Eva und ihre Tochter auseinander. Ausgerechnet jetzt, wo Eva bereit wäre, aktiv Grossmutter zu sein. „Schwindlig“ ist auch ein Roman über Versäumnisse. Ist es nicht doch manchmal „zu spät“?
Das sehe ich nicht so. Versäumnisse gibt es dort, wo Vorstellungen partout durchgesetzt werden wollen. Für mich ist es eine Frage des Blickwinkels: Man kann das Leben als offenes Riesenspiel, bei welchem vieles «schieflaufen» oder «zuwiderlaufen» kann, oder aber als Planspiel, welches man strategisch zu beherrschen versucht, verstehen. Mir ist das Offene, vielleicht auch das Zufällige, die wilde Mischung von Elementen, die sich im Werden ordnen, nicht schon vorhergezeichnet sind, näher. Aus allem, was ist, wird wieder etwas. Etwas anderes, neues … diese Kette zieht sich durchs ganze Leben – das macht es ja gerade so faszinierend. Das Leben ist für mich keine «Erfüllung der Schrift», sondern ein unentwegtes Suchen und Finden, ein Erfinden auch. Darum: Es ist wohl nie «zu spät», es ist bloss «anders, als gedacht. Anders, als beabsichtigt.» Das Leben macht laufend Vorschläge.
Was „Schwindlig“ nicht ist; dein Roman ist keine Liebesgeschichte. Höchstens die einer vorsichtigen Annährerung. Das tut dem Roman gut. Keine Sentimentalitäten. Aber auch ein Roman über Starrsinn, eine Eigenschaft, die sehr oft im Alter zu Verkrustungen führt. Ist Schreiben eine Möglichkeit, empfindsam, empatisch und „weich“ zu bleiben?
Eine schwierige Frage! Ich denke, das Alter selbst ist ein letzter, starker, unüberhörbarer Aufruf, empfindsam, empathisch, weich zu bleiben! Nicht zu verknöchern, eine Grosszügigkeit entweder zu behalten oder aber zu entwickeln, sonst nehmen die Gespenster des Alters überhand. Wo der Körper in seinen Möglichkeiten starrer und eingeschränkter wird, gilt es, mit den Mitteln des Geistes, des Fühlens und der Empfindung, das Leben offen zu halten: Offen für das Andere, die Anderen, offen für Zumutungen, für Schicksalsschläge, für das Näherrücken des letzten Wegabschnitts mit seinem grossen Abschiednehmen. Durch das Mittel der Sprache, des Schreibens, des Lesens kann vielleicht «das zunehmende Befremden» statt als Bedrohung – wiederum! – als eine Chance zur Veränderung, zur Wandlung erlebt werden … dies ist ganz einfach mein Credo als Schriftstellerin, aber einfach auch als alternder Mensch.
Christine Fischer, 1952 in Triengen in der Schweiz geboren, studierte Logopädie am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg und war vierzig Jahre lang als Sprachtherapeutin tätig. Sie wohnt in St.Gallen und hat diverse Bücher veröffentlicht: «Eisland» (1992), «Lange Zeit» (1994), «Augenstille» (1999), «Solo für vier Stimmen» (2003), «Von Wind und Wellen, Haut und Haar» (2004), «Vögel, die mit Wolken reisen» (2005), «Nachruf auf eine Insel» (2009), «Els» (2014), «Lebzeiten» (2015) und «Der Zweifel, der Jubel, das Staunen» (2017), «Im Mai am Montag» (2019), «Herz-Kranz-Gefäss» (2021). Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mit verschiedenen Förder- und Werkpreisen ausgezeichnet, zuletzt 2024 mit dem Kunstpreis der St.Gallischen Kulturstiftung.
Der Blick in den offenen Himmel birgt Sehnsüchte – aber auch die Kulisse für Tragödien. Die Dichterin Cécile Wajsbrot spürt einem offenen Trauma nach, dem Verlust eines Stücks ihrer Kindheit.
Ich sass am Meer, als ich das Buch las, mit Blick auf einen unsäglich grossen Himmel, den offenen Raum zwischen Oberflächen, Horizont und dem Blau und Schwarz des Himmels. Cécile Wajsbrot erkundet in ihrem Buch «Offener Himmel», der wohl bloss aus Verkaufsgründen als «Roman» angeschrieben ist, die Welt dazwischen. Zwischen Leben und Tod, zwischen Erinnern und Vergessen, zwischen den Räumen, die Leben ausmachen, der Künste, Musik, Literatur, den Wissenschaften.
Cécile Wajsbrot bekam als Kind von einer Reisefee immer wieder kleine Geschenke. Manchmal Karten, manchmal kleine Mitbringsel. Die Frau, die der kleinen Cécile diese Geschenke aus der ganzen Welt mitbrachte, war Stewardess (heute ein Unwort), eine Freundin ihrer Mutter, eine Fee, deren Geschenke mit einem Mal versiegten, weil sie von einer Reise nicht zurückkehrte.
Cécile Wajsbrot «Offener Himmel», Wallstein, 2026, aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller, 181 Seiten, ISBN 978-3-8353-5982-6
Jene Frau, die Reisefee, starb 1961 bei einem Flugzeugabsturz. Am 10. Mai jenes Jahres stürzte Air France Flug 406 über der algerischen Sahara ab. Von den über 80 Menschen überlebte niemand. Von der viermotorigen Propellermaschine vom Typ Lockheed fand man Frackteile in der Wüste verstreut, nach Berichten der Suchtrupps auch grosse Mengen von Papiergeld. Die Ursachen des Absturzes wurden nie geklärt, ein Attentat konnte nicht ausgeschlossen werden. Eine Katastrophe, die sich ins Leben der Autorin eingegraben hatte. Aber „Offener Himmel“ ist weder Recherche noch Rekonstruktion, auch kein Roman im üblichen Sinne, eine in sich geschlossene Geschichte.
Beim Besuch der Ausstellung „I will survive“ der Künstlerin Hito Steyerl wird die Autorin in Erinnerungen, Bilder und Ahnungen zurückgeworfen. Mit einem Mal ruft ein ganzer Chor aus dem Reich der Toten, aus Erlebtem, Gelesenem und Gesehenem, um jenen nie geklärten Verlust, jene plötzliche Leere mit Leben zu füllen. Cécile Wajsbrot lässt sich sprachlich treiben, mäandert und folgt jenen Stimmen, die eine Fährte aus der Leere legen wollen. Seien es Sokrates, Virginia Woolf oder Franz Kafka, seien es Katastrophenfilme wie „Airport“ aus dem Jahr 1970 mit Jacqueline Bisset, Burt Lancaster und Dean Martin oder die Geheimnisse aus der Vogelwelt, jenen Tieren, die wie Flugmaschinen der Schwerkraft trotzen, Lebewesen, die im Dazwischen leben, zwischen Welt und Himmel, fast wie die Göttinnen und Götter der Antike.
Cécile Wajsbrot lässt sich treiben – und das mit poetischer Vehemenz, mit dem grossen Horizont einer Wissenden und dem Hunger einer ewig Neugierigen. Zugegeben, das Buch ist keine leichte Kost und fordert einiges ab. Cécile Wajsbrot hält sich an keine Regie, folgt keinem Faden. Das einzige, was das Buch zusammenhält ist seine Intensität und der Drang, jene Leerstelle, die das Verschwinden der Reisefee aufgerissen hatte, mit Worten, mit Sprache, mit einem buchlangen Gespräch mit den Stimmen aus der Zeit aufzufüllen. Sie sucht, ohne finden zu wollen, weil sie weiss, dass das Suchen genügt. Sie hört den Stimmen zu, ohne restlos verstehen zu müssen, weil sie weiss, dass das Zuhören genügt. Die Fährfrau, die einen ans andere Ufer einer Erzählung bringen wird. Ich bin jemand, der die Aufmerksamkeit auf das lenkt, was man nicht bemerkt, das kaum wahrnehmbare Detail, um das alles andere sich aufstellen, neu gruppieren, zusammensetzen wird, der unsichtbare Mittelpunkt, auf den alles zustrebt.
„Offener Himmel“ ist ein ausgegossenes Füllhorn!
Cécile Wajsbrot, 1954 in Paris geboren, schreibt Romane – manchmal auch Essays und Hörspiele. Sie übersetzt aus dem Englischen (u. a. Virginia Woolf) und aus dem Deutschen (u. a. Marcel Beyer, Peter Kurzeck). Sie lebt abwechselnd in Paris und in Berlin. 2007 war sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Seit 2017 ist Sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie seit 2019 der Akademie der Künste in Berlin. 2014 erhielt sie den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis, 2016 den Prix de l`Académie de Berlin. 2024 erhielt sie den Grand Prix de Littérature Henri Gal und den Aleksandar Tiśma International Prize. Im selben Jahr wurde sie für ihren Roman »Nevermore« mit dem Literaturpreis der Darmstädter Jury ausgezeichnet.
Holger Fock und Sabine Müller übersetzen seit 30 Jahren französische Literatur u. a. von Patrick Deville, Mathias Énard, Alain Mabanckou, Olivier Rolin, Mohamed Mbougar Sarr, Cécile Wajsbrot und Antoine Volodine. Für ihre Arbeit erhielten sie viele Auszeichnungen, darunter 2011 den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis, 2023 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.
Dieses Eis war anders als das Eis auf dem Gemälde, das Mutter zum Weinen brachte. Es war nicht grau, sondern schwarz, zumindest zu Beginn der Seegfrörne, und brachte den See zum Musizieren.
Lieber Gallus
Als im Januar geborener Mensch liebe ich Schnee, Eis und das Pfeifen der kalten Winde beim Wandern durch die weisse Winterlandschaft. Sogar Skitouren auf Spitzbergen durfte ich einmal geniessen. Überrascht habe ich erfahren, dass eine mir unbekannte Autorin mit «Das grosse Eis» für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde und habe das ansprechend gestaltete Buch gekauft. Sofort ist spürbar, dass die Autorin auch bildende Künstlerin ist. Dieser Roman lebt von den eindrücklichen Bildern sowohl vom Bodensee als auch vom fernen Grönland, wohin Max, der Bruder der Erzählerin Anna sich abgekapselt hat. Er hat sich seit Kindheit mit Expeditionen in arktische Zonen beschäftigt und konnte stundenlang ein Buch mit Bildern vom Scheitern der «Endurance» im Packeis von 1914 betrachten. Die ganze autofiktive Familiengeschichte über drei Generationen spiegelt sich farbtonreich in Eis, das wunderschön leuchten, aber auch gefährlich schmerzen kann.
In der Bucht von Ilulissat haben sich im Laufe der Nacht Eisplatten unterschiedlichster Grössen gebildet. Das Meer wie die zerrissene Farbschicht eines schlecht gealterten Ölgemäldes. Weit draussen scheint es zu schneien. Weisse Vorhänge wehen dem Festland entgegen.
Die Erzählerin Anna, begibt sich auf der Suche nach ihrem Bruder Alex in die Einsamkeit eines grönländischen Hotels in Ilulissat. Dort, festgehalten in einer stürmischen weissen Landschaft, brechen viele Erinnerungen an ihre Familie auf. Als Fotografin hat sie bewusst ihre Kamera zuhause gelassen und schreibt Notizhefte voll. Was hält eine Familie zusammen? Wie erlebte die deutsche Mutter nach der Heirat mit dem schönen Schweizer Paul den eisigen Empfang am andern Ufer des Bodensees? Was bewirkte der Zweite Welt Krieg in dieser weiten Grenzregion, was die Seegfrörne 1963? Was erlebt Anna auf der Suche nach Alex in Grönland, wohin sie ihm nach dem Tod der Eltern sein geliebtes Gemälde bringen will.
Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen. Irgendwann in jenen Wochen des grossen Eises hatte er beschlossen, alles darüber lesen und wissen zu wollen… Nur Mutters Ängste mochte er nicht, und leider quoll sie davon fast über. Hinter diesen Mauern aus Ängsten, in die sie ihn durch Verbote einsperrte, lag eine unermessliche Weite.
Die Hochzeit der älteren Schwester im Februar in einem schweizerischen Bergdorf fand ohne Alex statt. Anna erzählt uns diese Familiengeschichte in eindrücklichen Mosaiksteinen voll Wunden und Schmerz, aber auch voll Schönheit und Nähe. Dass vieles offen bleibt und die lyrisch, musikalische Sprache machen diesen Roman zu einem bleibenden Leseerlebnis.
Nur der Schneefall war zu hören. Es war dunkel. Es war hell. Ich dachte nichts, rein gar nichts. Ich dachte weder an Moni noch an Alex noch an die Hochzeit. Der Schnee beruhigte und betäubte mich.
Du siehst, ich habe die Lektüre «Das grosse Eis» genossen. Zum Glück ist dieser bildreiche musikalische Roman nominiert worden, sonst hätte ich ihn verpasst. Jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre. Hast du das Buch (aus deiner Region!) schon gelesen?
Herzlich Bär
Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5
Lieber Bär
Oh ja, eben erst. Und ich bin so überrascht wie du! Ein wunderbarer Roman. Nicht nur, weil ich die Faszination des «ewigen» Eises sehr gut nachvollziehen kann. Obwohl ich in Zukunft nie nach Grönland reisen werde, fasziniert mich die Landschaft, deren Menschen und ihre Geschichte schon lange. Ich erinnere mich an Bücher über Polarexpeditionen, die ich als junger Mann verschlugen hatte, sei es die verrückte Expedition von Ernest Shackleton mit seinem Schiff Endurance. Oder die verschollene Expedition von John Franklin, der sechzig Jahre zuvor mit Schiff und Mannschaft eine Nord-West-Passage suchte – und noch viel mehr der Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny, der über eben diese Expedition einen exzellenten Roman schrieb, ein Buch, das noch immer zu meinen Lieblingsromanen zählt. Und jetzt, wo der dicke, reiche Blonde seinen unverschämten Anspruch auf dieses dünn besiedelte, an Erdöl reiche Eiland für sich beansprucht, erst recht.
Aber da schwingt noch eine weitere Referenz mit; jene mit dem Maler Adolf Dietrich (1877 – 1957), einem stillen Mann, der sein ganzes Leben im kleinen Ort Berlingen am Untersee (Bodensee) verbrachte und erst in seinen letzten Jahren von seiner Malerei, die ihn heute zu einen der Grossen des 20. Jahrhunderts macht, leben konnte. Der unbeirrt malte, was er in seiner unmittelbaren Umgebung, meist in seiner düstern, kleinen Stube an einem kleinen Tisch sitzend. Auch sein Leben ist und war Vorlage für ein wunderbares, lange nachhallendes Buch. Beat Brechbühl veröffentlichte 1999 die Erzählung «Fussreise mit Adolf Dietrich», die 2017 noch einmal beim Bilger Verlag erschien.
Würden meine Augen nichts mehr sehen, ich hätte so viele Dinge im Gedächtnis, ich könnte jahrelang davon leben. Bräuchte nichts Neues zu sehen, könnte da sein und mir meine Fundstücke ansehen, wie Filme oder Fotos. Adolf Dietrich
Ein Buch wie ein langes Gebet, ein Denkmal für den Maler ebenso wie für den Schriftsteller, auch wenn ihn die Gegenwart zu vergessen scheint.
Gibt es etwas grösseres bei der Lektüre, wenn das Gelesene Resonanz erzeugt? Wenn man spürt, dass sich im Hirn Synapsen finden? Und Sonja Sophia Kreis gelingt es auch mit ihrer Sprache, die unaufgeregt und zurückhaltend malt. Ihr geht es um weit mehr, als bloss eine Familiengeschichte zu erzählen. Es sind die Bilder, die sie evoziert. Sonja Sophia Kreis‘ Blick hat etwas Fotographisches – obwohl ihre Bilder nicht bloss abbilden. Es sind ihre Bilder die erst die meinigen auslösen. Es erscheint Verborgenes.
Faszinierend!
Lieber Urs, ich hoffe ich treffe die Autorin einmal. Vielleicht besuchen wir eine Lesung gemeinsam. Gallus und der Bär!
Liebgruss
Sonja Sophie Kreis, geboren 1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach San Francisco, Venedig, Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht, Das große Eis, autobiografisch inspiriert, ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.
Was entscheidet, wo man hingetragen wird, wo es einem hinverschlägt. Ob man untergeht, strandet, überlebt oder reüssiert? Wie viel ist Schicksal, Herkunft, Familie, Beziehung oder pures Glück? Falun Ellie Koos schrieb mit ihrem Debüt „Zähe Hunde“ eine etwas andere Familiengeschichte, eine aus der Kälte.
Noch eine Emanzipationsgeschichte? Die Geschichte einer jungen Frau, die sich aus den Umklammerungen ihrer Familiengeschichte winden muss? Die den Dreck ihrer Kindheit abschütteln, Zutrauen zu sich selber finden, einen Weg zum Miteinander aus all den Verletzungen schälen muss? Ich spüre während der Lektüre die Verwundungen einer gebeutelten Seele, aufgewirbelter Dreck brennt in den Augen, Schweiss sticht in der Nase. Was Falun Ellie Koos beschreibt, wird körperlich, legt sich wie ein immer schwerer werdendes Kettenhemd auf die Schultern.
Falun Ellie Koos «Zähe Hunde», Aufbau, 2026, aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann, 303 Seiten, ISBN 978-3-351-04277-6
Ada, die Erzählerin, und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Broos sind die Kinder einer Familie, die in die Brüche geht. Viel zu jung stolperten die Eltern in die Pflichten einer Elternschaft, strauchelten, fielen hin. Sie trennen sich. Ada versucht alles, um ihrem trinkenden Vater zu gefallen, Broos, ihr Bruder, bleibt bis zu Mutters viel zu frühen Tod der Liebling seiner Mutter. Bis sie stirbt und die beiden Kinder im gammligen Trailer ihres Vater bleiben müssen, weit ausserhalb der Stadt, nahe einer Autobahn, die letzten in einem Trailerpark, übrig geblieben. Adas Vater verdient sein Geld als Gelegenheitsgärtner, lebt ein Leben als Abgeschotteter, Enttäuschter, Kämpfer auf verlorenem Posten. Er ist davon überzeugt, seine Kinder durch Härte erziehen zu müssen. So lernen die beiden auch schwimmen – beinahe ertrinkend.
Ada und Broos wachsen isoliert und kontrolliert auf. Sie gehen wohl zur Schule, Koos mehr schlecht und recht, Ada als seine Beschützerin bis die Fäuste fliegen und Blut fliesst, aber Freundschaft ausserhalb wachsen nicht. So wie Mutter und Vater bleiben sie Sonderlinge, gezeichnet von den Verwundungen des Lebens.
Irgendwann, nachdem Ada schon Jahre an der Seite ihres Vaters Gartenarbeit macht, wagt Ada den ersten Schritt in die Selbstständigkeit; eine, wenn auch schlecht bezahlte Arbeit in einer Fleischfabrik. 5 Tage in der Woche bei 4 Grad. Dort lernt sie Frédérique kennen, eine Kunststudentin, deren Gründe, sich solcher Arbeit auszusetzen, ganz andere sind. Die beiden jungen Frauen nähern sich an, fasziniert vom Geruch einer ganz anderen Welt. Bis Frédérique es schafft, Ada dazu zu bewegen, ihre Zeichnungen zu zeigen und sich ein Weg öffnet, der ohne Frédérique verschlossen geblieben wäre. Ada beginnt an einer Kunstschule zu studieren. So wie sich die Zukunft wie Türen öffnen, so sehr verschliesst sich ihr Zugang zu dem, was an Familie übrig geblieben ist.
Bis Ada spürt, dass es eine Richtungsänderung braucht und sie Mitte Zwanzig in eine ehemalige Künsterkolonie weit weg von jeglicher Zivilisation zieht, in der bloss noch ein mürrischer Holzfäller geblieben ist. Mit einem Mal, zurückgeworfen auf sich selbst, erinnert an die kargen Jahre ihrer Kindheit, beginnt in der Einöde etwas Neues.
Falun Ellie Koos mischt die drei Erzählebenen; Kindheit, Studienzeit und die Monate in Galizien. Die Sprache ist ebenso karg und hölzern wie das rauhe Leben der Protagonistin. Ada ist ins Leben hineingeworfen, über weite Strecken sich selbst überlassen, vom Vater zum „zähen Hund“ erzogen, trotzig, wild, unnachgibig. Ein zäher Hund geblieben, bis das Schicksal eines Tiers, die Seele auftut. Noch ein Roman, der das hochstilisierte Idyll der Familie sandstrahlt. Szenerien, die manchmal beinahe dystopisch erscheinen, mitten in der Gegenwart. Kraftvoll, trotz allem strotzend vor Leben!
Falun Ellie Koos, geboren 1992, ist Schriftsteller und Filmemacher. Koos‘ Debütroman «Zähe Hunde» wurde für eine Vielzahl an Preisen nominiert, u.a. für die Shortlist des wichtigen Libris-Literaturpreises, und von der Zeitung Het Parool zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gewählt. Koos gewann 2022 den Joost-Zwagerman-Essaypreis und erhielt 2023 ein Cronestipendium für vielversprechende Autor:innen der Stadt Utrecht.
Andrea Kluitmann, geboren 1966, studierte Germanistik und Filmwissenschaft in Bochum und Amsterdam. Heute arbeitet sie als Übersetzerin von Romanen, Theaterstücken und Graphic Novels und gibt Interviewtraining und Deutschunterricht.
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist nicht rückwärtsgewandt, aber eine erzählerische Bewegung, kein „Finden“, dafür umso mehr ein „Suchen“. Nicht nach Resultaten, nicht nach Gewissheiten, aber ein Woher fürs Wohin.
Judith Hermanns neustes Buch ist kein Roman, nicht einmal als solcher betitelt. Das Buch ist eine literarische Auseinandersetzung mit Fragen der Herkunft, mit dem ins genetische Profil Eingeschriebenen, eigentlich Unleugbaren. Mit der Frage, ob und wie man sich damit auseinandersetzt. Mit dem, was man an Vergangenem erahnt, was auf Fotos, in Akten und Dokumenten festgehalten ist und trotzdem nie die ganze Geschichte erzählen kann.
Judith Hermanns Grossvater was Offizier und Mitglied der Waffen-SS, jenen schwarz uniformierten arischen Recken mit Totenkopfsymbolen auf Schirmmütze und Uniformkragen. Jener Elitetruppe, die an den Fronten ihres Vernichtungskrieges mit stolzer Brust die Drecksarbeit verrichtete. Es gibt ein Foto von ihm vom Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in der polnischen Kleinstadt Radom, kurz nachdem man die 30000 Juden der Stadt, Frauen, Männer, kleine Kinder, Kranke und Alte in zwei Ghettos gesperrt hatte, wo sie auf ihre Deportation in Vernichtung oder Zwangsarbeit zu warten hatten. Eine Tätowierung auf der Innenseite seines Armes, die SS-Vergangenheit war ein offenes Geheimnis in der Familie, über das man nicht sprach, Fragen tunlichst vermied. Bis die Macht all der Fragen zumindest für die Autorin nicht mehr zu kontrollieren war und eine Auseinandersetzung damit unvermeidbar.
Judith Hermann «Ich möchte zurückgehen in der Zeit», S. Fischer, 2026, 160 Seiten, ISBN 978-3-10-397764-6
„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist der Reisebericht einer Frau, der es nicht um die Enthüllung eines schrecklichen Geheimnisses geht, schon gar nicht um Rechtfertigung oder Erklärung. Dieses Buch erzählt die behutsame Bewegung ins Vergangene und jene wieder zurück. Eine Reise nach Radom in Polen und weiter nach Neapel zu ihrer Schwester, einer Archäologin, die in der Römerstadt Pompei die von Asche zugedeckte Vergangenheit freilegt. Beide legen sie frei, setzen Erkenntnisse und Interpretationen zu Mosaiken des Geschehenen zusammen. Und doch ist das, was daraus resultiert, bei den Schwestern so unterschiedlich wie zwischen der Schriftstellerin und ihrer Mutter. Wir kennen die beiden Bewegungen; für die einen ist Gegenwart unmöglich ohne Klärung der Vergangenheit – und andere wollen endlich Gras darüber wachsen sehen, um sich ganz der Gegenwart und Zukunft zu widmen.
Man entdeckt Dinge durch die Erinnerung, sich an etwas zu erinnern bedeutet, es zum ersten Mal zu sehen. Cesare Pavese
Das Vergessen der Mutter zwingt die Autorin zu einer Reise. Zuerst nach Polen, auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war. Auf die Suche nach Hinweisen in eine Stadt, von der sie Antworten erhoffte. Eine Stadt, die sich anfangs abweisend zeigte, aber dann, erst kurz vor ihrer Weiterreise Zeichen gab, Menschen, die etwas anzubieten hatten. Judith Hermann nimmt sich selbst ins Visier, protokolliert, was die ungewisse Suche mit ihr macht, das Nach- und Hineindenken gegen das Vergessen.
So wie die Schwester zusammen mit ihrer Familie an den Hängen bei Neapel wohnt und die permanente Bedrohung eines Erdbebens überblenden muss, so kann man auch mit der Vergangenheit umgehen, selbst dann, wenn die Warnhinweise unmissverständlich sind, dass ein Erdrutsch ausgelöst werden könnte. Zwischen ihrer Schwester und ihr schieben sich tektonische Kräfte übereinander, reiben. Was nach Konfrontation schreit, erstickt unter der Banalität des Alltäglichen. Man kann sich die Gegenwart wie einen Mantel über die Schultern hängen, ohne zu fragen, was in den schweren Taschen steckt. Man kann sich dem Schrecken verweigern, in Familie erst recht.
Dieses Buch ist eine vorsichtige Aufforderung, mich selbst mit meiner Herkunft auseinanderzusetzen, sie nicht einfach hinter mir zu lassen. Judith Hermanns erzählerisches Essay ist klug und zart zugleich. Ein unglaublich reifes Buch von einer Frau, die nicht zuletzt sich selbst verstehen will. Grossartig!
Judith Hermann, 1970 in Berlin geboren, erhielt nach einer journalistischen Ausbildung 1997 das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste. 1998 erschien ihr erstes Buch «Sommerhaus, später», für das sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. 2021 erschien der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, und für den Judith Hermann mit dem Bremer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet wurde. 2023 erschien »Wir hätten uns alles gesagt«, basierend auf den Frankfurter Poetikvorlesungen, die Judith Hermann im Frühjahr 2022 hielt. Dafür erhielt sie den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Zuletzt erschien 2026 »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin.