Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen

Manchmal werde ich gebeten, Lesetipps zu geben. Ich weiss kaum, wem ich „Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof empfehlen könnte. Kein Roman zur Entspannung oder Unterhaltung. Einer jener Romane, die um jeden Preis reiben und provozieren wollen. Und trotzdem faszinieren!

Schon der erste Teil ihrer auf sieben Bände angelegten Reihe schlug in ihrem Heimatland Dänemark ein wie eine Bombe. Zum einen, weil Dreh- und Angelpunkt dieser Serie jene Schifffahrtskatastrophe der Scandinavian Star war, bei der 1990 159 Passagiere bei einem Brand ihr Leben verloren. Damals stellte man fest, dass auf dem Schiff fast gleichzeitig mehrere Brände gelegt wurden. Wer Verursacher dieser Katastrophe war, ist noch immer ungeklärt. Kein Wunder, dass sich irgendwann auch die Literatur mit einer möglichen Variante einmischt. Dabei geht es Asta Olivia Nordenhof bei ihrem literarischen Grossprojekt keineswegs um eine Aufarbeitung und Rekonstruktion. Sie mischt Fakten und Fiktion und setzt nun mit dem zweiten Band zu einer allumfassenden Kritik an der Gesellschaft an. In einer Art und Weise, die wehtun will, die provoziert, die manchmal nur schwer auszuhalten ist. Asta Olivia Nordenhof tut schreibend alles, wovor sich die meisten hüten würden; schonungslos wütend, schmerzhaft grell und entblösend. 

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen, 2026, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-546-10104-2

Asta Olivia Nordenhof schreibt sich in eine Figur, deren Blick ebenso trocken und nüchtern auf sich selbst gerichtet ist, wie auf ihre unmittelbare Umgebung. Der Blick darüber hinaus ist der Blick auf eine Katastrophe, auf eine Gesellschaft, die sich ganz der Gier verschrieben hat, auf eine Gesellschaft, die sich einzig und allein der Bereicherung verschrieben hat, koste es was es wolle. Liebe ist bloss noch eine ferne Sehnsucht, allenfalls das kurze Glück des Moments. Der Mensch als Individuum ist alles, Mitmenschen kreisen nur noch um das Individuum. Selbst Liebe und Sexualität sind viel mehr Instrument, allerhöchstens Manifestation einer Verunsicherung.

Es ist die Zeit zwischen zwei Coronawellen. Olivia lernt unterwegs einen Mann kennen, von dem sie sich in London für zwei Wochen in dessen Wohnung einladen lässt. Warum nicht auf angenehme Weise aus einer Quarantäne zwei Wochen Zeit schaffen, in denen sie endlich jene Kurzgeschichte aufschreiben kann, die sie schon lange mit sich trägt. Zwei Wochen Zeit mit einem Mann in seinem luxuriösen Appartment hoch über der Stadt London. Mit einem Mann, von dem sie nichts weiss, an dem sie auch nichts interessiert. Zwei Wochen, in denen man Zweisamkeit spielt, Tisch und Bett teilt – und doch bleiben beide in ihrer vom anderen unberührten Bubble.

Olivia schreibet von ihrer Begegnung mit T., einem reichen Mann, der sie wenige Jahre zuvor als Prostituierte nicht bloss für ein paar Stunden kaufte, sondern gleich für eine unbestimmte Zeit, für eine nicht vorbestimmte Anzahl Tage, wie ein Stück einer Staffage. Olivia geht den Deal ein, so wie eine Fallschirmspringerin, die aus dem Flugzeug springt und nicht weiss, ob der Rucksack auf ihrem Rücken wirklich ein Fallschirm ist. Ihre Augen werden verbunden. Sie spürt, wie sie in ein Flugzeug geführt, in einem Hotel von ihren Augenbinden befreit wird. Der Mann legt ihr strickte Regeln auf, mit dem Versprechen, jederzeit aus dem Deal aussteigen zu können. Es beginnt eine Zeit im goldenen Käfig. Im gemeinsamen Bett liegt ein grosses Messer.

Im Roman wechselt sich Prosa und erzählende Lyrik, zwei Stimmen, zwei völlig verschiedene Atmosphären. Da schreibt eine zutiefst Verletzte, eine Versehrte, eine Verwundete, eine um den Glauben an das Gute Beraubte. Eine, die in eine Löwengrube geworfen wurde und sich nur mit spitzen Krallen und markerschütternden Verbalattacken zu wehren weiss. „Das Teufelsbuch“ liest sich wie die Stimme einer in den Wahn Getriebenen. Von unbändiger Kraft. Keine Ahnung, ob ich die Kraft habe, die fünf noch folgenden Bände zu lesen.

Asta Olivia Nordenhof ist eine preisgekrönte Lyrikerin und Schriftstellerin. Ihr Roman, «Geld in der Tasche», wurde erstmals 2020 in Dänemark veröffentlicht und gewann den Literaturpreis der Europäischen Union sowie den PO-Enquist-Preis. Zudem wurde es für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Die Veröffentlichung sorgte international für Aufsehen, das Buch wird in sechzehn Sprachen erscheinen. Der zweite Band der Reihe, «Das Teufelsbuch», wurde in Dänemark sofort zum Bestseller.

Ursel Allenstein studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen von u. a. Sara Stridsberg, Johan Harstad und Tove Ditlevsen. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.

Beitragsbild © Albert Madsen

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt

Vielstimmig und empathisch: Lena Goreliks Roman «Alle meine Mütter» wagt eine konsequente Offenheit, die dem Thema Mutterschaft ja so guttut.

Es ist immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz
Gastrezension: Hannah Matter wurde 2003 in Basel geboren. Sie studiert Deutsche Philologie und Geschichte an der Universität Basel. 

Schon auf den ersten Seiten des Romans legt die Erzählerin ihre Karten offen auf den Tisch: Über den Text, den sie nun schreiben wird, weiss sie nur, «dass er Mütter versammeln soll und Nicht-Mütter, uns alle irgendwie, unsere Kinder, wie die Kinder, die wir nicht haben». Diese Offenheit ist programmatisch – und sie ist ehrlich. 

Hier sind sie also, alle ihre Mütter: Maschutka, die im sowjetischen Wartezimmer sitzt, um ihr Kind abzutreiben, als eine Kakerlake an ihr vorbeihuscht. Yara, die auch noch nach Jahren an den Fast-Badeunfall ihres Kindes zurückdenkt. Kurz ist sie als Frau sitzen geblieben, anstatt als Mutter Kian zum Pool zu folgen. Eine Geschichte, die für die anderen keine ist – sie ging schliesslich gut aus. Oder Jules, «ungewollt kinderlos», die sich tieftraurig durch die sozialen Medien scrollt und junge Familien bei ihren chaotischen Morgenritualen begleitet. Und Julia, die mit 17 das befreiende Wörtchen niemals sagt. Niemals möchte sie Kinder haben.  

«Alle meine Mütter» ist kein geradliniger Roman, das würde man bei Lena Gorelik auch nicht erwarten. Mosaikartig reiht sie eine Episode an die andere. Immer wieder schaltet sich ein Ich ein, das das Erzählte unterbricht, hinterfragt, öffnet: «Wie schreibe ich, ohne zu verletzen?» Etwa, wenn von Müttern die Rede ist, die unfreiwillig zu Expertinnen von Gendefekten und Nachteilsausgleichen werden. Die wissen, ihr Kind braucht sie besonders, vielleicht für immer.  

Dieses Ich hat keinen Namen, dürfte aber Lena Goreliks Ich sehr nahe sein. Es weiss, dass es sich selbst und die eigene Mutter nicht ausklammern kann, und so schiebt sich diese Mutter-Tochter-Geschichte zwischen die anderen Frauen, in einer Intimität und Ausführlichkeit, die sich Gorelik nur hier erlaubt.

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt, 272 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN: 978-3-498-00762-1

Das Verhältnis der beiden ist innig, auch wenn die Mutter Anne wenig von sich erzählt. Es ist eine Innigkeit, die die Erzählerin in der Vergangenheit manchmal fast erstickte und der sie bis heute ambivalent gegenübersteht: Fürchtet sie sich, nur Tochter zu sein, für immer ein Wir mit der Mutter – oder ist es, im Gegenteil, die Distanz, die trotz allem zwischen ihnen besteht? Und was wäre, wenn sie die eigene Mutter jenseits dieser Rolle kennenlernen könnte?

Erst als Anne krank wird, wird diese zu einem «eigenen Menschen, mit eigenen Schmerzen», die nichts mit ihrer Tochter zu tun haben.

Schmerz und Liebe liegen in dieser und den anderen Geschichten stets nahe beieinander. Einmal überlegt die Erzählerin, das soeben Geschriebene wieder zu löschen – es sei „immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz“. Glücklicherweise lässt sie es stehen.

Was die verschiedenen Episoden auch verbindet, ist die Erkenntnis, dass Muttersein nie im luftleeren Raum geschieht. So ist die Beziehung der Erzählerin zu ihrer Mutter durch die Migration der Familie geprägt. Dem Kind wurde früh bewusst, dass die Mutter nicht alles ist, nicht alles kann. Zum Beispiel kein Schwäbisch. 

Auch vielgehörte Weisheiten wirken auf das Muttersein ein: Mütter machen Milch mit Honig, vergessen Geburtsschmerzen, wissen instinktiv, was ihr Kind braucht. Mütter haben bereits die «grau verschmierten Umrisse auf dem Ultraschallbild zu lieben». Sie sind auch immer schuld. 

Vielstimmig erzählt Gorelik, wie Mutterschaft sein kann, mit und entgegen diesen Erwartungen. «Ich wollte über die gesellschaftlichen Bilder schreiben, die mir immer wieder begegnen», sagte die Autorin in einem Interview. Es ist spürbar, dass das Thema vor den einzelnen Geschichten da war. Sorgfältig geht sie alle durch, diese Mütter. Eine Aufgabe, die in Zeiten von Pro-Life und Tradwives besonders dringlich scheint.

Manchmal allerdings wirkt die Erzählung schwerfällig. Die Erzählerin reflektiert,  zweifelt, bricht wieder ab. Etwas mehr Vertrauen, dass die Leser*innen mitdenken und nicht alles ausbuchstabiert bekommen müssen, hätte dem Roman stellenweise gutgetan. 

Und doch: Es sind genau diese vielen Fragen und die offene Erzählform, die eine authentische Auseinandersetzung ermöglichen und verhindern, dass Mütter festgeschrieben werden. Mit grosser Empathie gelingt es Gorelik, viele von ihnen darzustellen und ernst zu nehmen. Viel Liebe und Schmerz steckt darin. Es ist kein leichtes Buch, aber das möchte es auch nicht sein.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman «Wer wir sind» und wurde begeistert besprochen. Regel­mässig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit. 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, 2026 mit dem Preis der Literaturhäuser

Beitragsbild © Thomas Dashuber

Anna Silber «Wie die Hasen», Picus

Paula wird schwanger, ungewollt. Bei Paulas Grossmutter wird Alzheimer diagnostiziert. Ausgerechnet bei ihr, die eine der letzten Zeitzeuginnen der „Mühlviertler Hasenjagd“ ist, einem Massaker an ausgebrochenen Häftlingen des KZs Mauthausen. Während ihre Grossmutter ins Schweigen sinkt, bäumt sich in Paula das Leben auf!

Paula ist Lehrerin, engagiert und endlich auf eigenen Füssen. Sie wohnt in Linz, nicht weit vom Hof ihrer Eltern und Grosseltern in unmittelbarer Nachbarschaft der Gedenkstätte des KZs Mauthausen. Ganz jung wurde dort ihre Grossmutter Zeugin der Flucht jener russischen Kriegsgefangenen, die man in den letzten Monaten des Krieges im KZ im Block 20 eingesperrt hatte, einem Todesblock. Mehrere hundert K-Häftlinge (Kugel-Häftlinge, die erschossen werden sollten, wenn sie nicht durch Hunger und Krankheit qualvoll sterben mussten) versuchten aus purer Verzweiflung einen Massenausbruch. Wer nicht die Kraft hatte, sich den Fliehenden anzuschliessen, wurde am 2. Februar 1945 von den überraschten Bewachern erschossen. Von den 500, die flohen, überlebten nicht einmal zwei Dutzend. Man jagte nach ihnen wie nach Hasen, durchkämmte Wälder und Dörfer, durchsuchte Häuser, Ställe und Scheunen. Wer jemanden versteckte, dem drohte selbst der Tod. Einer jener russischen Offiziere war Sergei. Irgendwann stand er in Fetzen und blanker Verzweiflung vor der Türe. Man versteckte ihn im Heuboden, wo er nur durch Zufall nicht gefunden wurde. Ein Progrom, ein Massaker, das sich tief ins Bewusstsein der Familie eingefressen hat. Ein Bewusstsein, mit dem aber jeder in der Bauernfamilie Reisinger ganz unterschiedlich umgeht. Eine Greueltat, mit der die Einwohner des kleinen Ortes auch 70 Jahre später immer noch zu kämpfen haben, nicht zuletzt mit ihrer Unentschlossenheit, gegen das Vergessen einen Gedenkort einzurichten.

„…Wie wenn vom Wegschauen irgendwann einmal was besser g’worden wär in der Welt.“

Anna Silber «Wie die Hasen», Picus, 2026, 360 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-7117-2171-6

Paulas Grossmutter wird immer wieder als eine der letzten Zeitzeuginnen eingeladen und für ihre Art des Erinnerns ausgezeichnet. Sie hat nie geschwiegen, so ganz anders wie Paulas Mutter, die viel lieber endlich den Mantel des Vergessens über die Vergangenheit gelegt hätte. Paula fühlt sich in ganz besonderer Weise zu ihrer Grossmutter hingezogen, einer schollenbewussten Frau, die nicht nur den Widrigkeiten von Vergangenheit und Gegenwart trotzt, sondern auch den innerfamiliären Spannungen. Sie bleibt ein Fels, gibt Paula das, was sie an Familie braucht. Erst recht jetzt, wo in ihr ein neues Leben wächst, das sie allein zur Welt bringen muss. Erst recht jetzt, wo sich mit nicht mehr zu leugnenden Kleinigkeiten, Verwirrungen und Verunsicherung eine Ahnung in das sensible Familiegefüge schleicht, das alles auseinanderzubrechen droht. Und als Ahnung zur Gewissheit wird, die Betreuung, die Kontrolle der Grossmutter immer schwieriger werden, als eine Ärztin bei Paula eine Herzinsuffizienz diagnostiziert und Paula mahnt, jegliche Aufregung während der Schwangerschaft zu vermeiden, wird die Situation immer schwieriger.

„Wenn alle Angst haben, dann rührt sich keiner, oder fast keiner. Dann wird das, was man davor für unmöglich gehalten hat, auf einmal ganz schnell normal.“

Paula wird aus allen ihren Sicherheiten herausgerissen, ihren Selbstverständlichkeiten. Eine ungeplante Schwangerschaft, Herzprobleme, die Rückkehr in ihr Eltern- und Grosselternhaus, ihr Kinderzimmer, zurück in den „Schoss“ einer Familie, die mit Grossmutters Diagnose Alzheimer so unterschiedlich umgeht wie mit den Erinnerungen dieser, die immer deutlicher durch den Schleier des Vergessens durchbrechen; die Erinnerungen an Sergei, an ihre schon lange verstorbene Schwester Katherl, an den Krieg, die SS, die Nazis. Für Paula war ihre Grossmutter der Fels in allen Unsicherheiten, jene, die ihr stets zu helfen wusste. Mit einem Mal ist es Paula, die die Sicherheit geben muss, ihrer Grossmutter und dem Kind unter ihrem Herzen.

Damals waren es die Ausgebrochenen, die man wie die Hasen jagte. Heute sind es jene, die sich unter den drohend schwarzen Wolken wegducken, nicht sehen wollen, sich im Privaten verkriechen, sich dem nicht stellen wollen, was nur durch Erinnerung und Konfrontation zu stemmen ist. Anna Silber erzählt in einer archaischen Sprache, direkt und sinnlich. Während die Geister der Vergangenheit nicht schweigen wollen, versinkt ausgerechnet jenes Leben, das sich stets der Erinnerung, dem Nicht-Vergessen-Wollen, zuwandte. Während im Bauch der Erzählerin ein Kind wächst, ihr Herz aus dem Takt gerät, wandelt sich die Perspektive auf das Leben grundlegend. Nebst eindringlicher Familiengeschichte und prägnanter Auseinandersetzung mit einem Stück Vergangenheit des Schreckens, das bis in die Gegenwart wirkt, ist „Wie die Hasen“ spannend bis zur letzten Zeile!

Anna Silber wurde 1995 in Mödling geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie studierte Transkulturelle Kommunikation und Internationale Betriebswirtschaft. Zahlreiche Förder- und Nachwuchspreise. Ihr Debütroman «Chopinhof-Blues» erschien 2022 im Picus Verlag, 2023 «Das Meer von unten».

Mühlviertler Hasenjagd

Beitragsbild © Paul Feuersänger

Meine Mutter war eine schwarze Sonne – zu «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss (29)

Kein Mensch ist eine Insel, aber die Mutter-Kind-Beziehung macht aus zwei Menschen ein einsames, anderen Menschen unzulängliches Archipel. Es gibt keine Fähre, keine Freiheit.

Lieber Bär

Du hast mir geschrieben, dass du den neuen Bärfuss gelesen hast. Ich bin neugierig auf deine Leseeindrücke, was mit dir während des Lesens passiert ist, wie gross der Nachhall des Buches ist. Zumal Lukas Bärfuss mit dem Buch einiges riskiert hat, nicht zuletzt die Festigung seines Nimbus, das Bild von einem, der es „trotz allem geschafft hat“, eines Literaten, Denkers und Gesellschaftskritikers, der nicht aus den Grossküchen des Kultur- und Bildungswesens entsprang.

Eine Mutter haben wir alle. Auch dann, wenn sie nicht mehr lebt. Auch dann, wenn wir nicht geliebt wurden. Auch dann, wenn man alleine gelassen wurde. Erst recht dann, wenn sie uns über ihren Tod hinaus nicht loslässt. Warum schreibt Lukas Bärfuss über seine Mutter? Nur weil da schon ein Vater- und ein Bruderbuch ist? Lukas Bärfuss hat eine Mutter, hat sie noch immer, so wie jeder eine Mutter hat, die man mit sich trägt, ob im Guten oder im Schlechten, über den Tod hinaus. Mütter lassen sich nicht abstreifen, nicht einmal Väter. Nicht nur weil sie sich genetisch eingeschrieben haben, nicht nur, weil wir wissen, dass wir viel von ihnen in uns weitertragen, nicht nur weil es mich nicht ohne sie gibt, sondern weil sie mit ihrem Tun und Lassen unser Leben beeinflussen. Eine einstige Liebe lässt sich auslöschen, bis zur Verleumdung. Eine Mutter nie.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne, ein unsichtbares Gestirn, das mich aus grosser Ferne in einer seltsamen Bahn hielt. Sie hatte mich geprägt; und wie ein Stempel definiert ist durch das, was aus der Vorlage geschnitten wurde, war alles, was ich tat und schrieb und dachte, gezeichnet von ihrem Fehlen.

Lukas Bärfuss hat das Buch nicht geschrieben, um sich vor aller Augen an ihr abzuarbeiten. „Königin der Nacht“ ist kein Roman, auch keine Fiktion, aber auch kein Stück Autobiographie. Lukas Bärfuss schreibt über seine Mutter, nur dann über sich selbst, wenn er damit auch von seiner Mutter erzählt. Es ist kein Abarbeiten, keine Abrechnung und schon gar keine Anklage, sondern das Porträt jener Frau, die ihn geboren, aber nie gewollt hat, die stolz auf ihn sein konnte und ihn trotzdem nie zu lieben vermochte. Lukas Bärfuss ist mittlerweile selber Vater. Und ganz offensichtlich zwang ihn vieles, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Warum war seine Mutter jene Frau, die sie geworden war? Warum zementierte die Gesellschaft ihre Randständigkeit? Warum dieser Drang seiner Mutter, sich nicht binden, nicht festlegen zu wollen? Warum scheint es in unserer Gesellschaft, in der reichen Schweiz noch immer Fallgruben zu geben, in denen all jene abzustürzen drohen, die in kein Muster passen?

Ein faszinierend ehrliches Buch. Ein Buch, das zum Nachdenken zwingt.

Liebe Grüsse

Gallus

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Lieber Gallus

Was für ein Buch! Nach der Lektüre bin ich aufgewühlt, erstaunt und betroffen. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Es ist ein sehr persönliches Buch mit vielen Fragen und Gesellschaftskritik. Es regt an zu Diskussionen über unsere Prägung durch unsere Mütter, aber auch, wie Gesellschaft und Politik Muttersein fördern oder beeinträchtigen.

Wir bezahlten einen Preis für dieses Überleben in einer eugenischen Gesellschaft, die uns an der Produktivität mass, nicht an Gefühlen, nicht an der Liebe, nicht an der Tiefe unserer Verbindung.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Ohne Selbstmitleid und ohne Anklage erzählt Lukas Bärfuss, wie er mit 15 Jahren von der Mutter auf die Strasse gestellt wurde. Er hat sich damals in Armut und unter schwierigen Umständen behauptet, sich im Selbststudium gebildet und ist ein bedeutender Schriftsteller geworden. Er ist versöhnt mit seinem Schicksal und ohne Groll gegen seine Mutter.

Seine Mutter hatte weder Geld noch Bildung, um sich aus der existentiellen Not herauszuschaffen, aber Selbstbewusstsein und Stolz. Sie gehörte zu einer Schicht mit Wurzeln im fahrenden Volk, das damals zusammen mit psychisch Kranken und anderweitig Beeinträchtigten als Unwerte galt. Das zeigte sich auch, als ausgerechnet Auguste Forel, Psychiater und Forscher, mit einer Ameise auf der damaligen Tausender Note erschien, der folgendes sagte: In unserer eigenen arischen Rasse sind die Individuen ausserordentlich verschieden, und zwar nicht nur, wie vielfach geglaubt wird, infolge ihrer Erziehung, sondern vor allem in Bezug auf ihre erblichen Anlagen… Mit solchen Ideen im Kopf kam Forel auf die Idee, jene Unwerten zu hindern, Kinder zu zeugen… Die sexuelle Energie als soziale Gefahr.

Dieses authentische Buch wird mich weiter beschäftigen: Was prägt uns? Welche Rollen spielen Mütter, welche die Erziehung, welche gesellschaftlich bestimmte Normen? Welche anderen Faktoren beeinflussen uns, dass wir werden, was uns ausmacht.

Ich bin Lukas Bärfuss für seine Offenheit und seinen Mut sehr dankbar und wünsche der «Königin der Nacht» eine grosse Leserschaft.

Herzlich

Bär

© Stefano de Marchi

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun (Schweiz), ist Dramatiker und Romancier, Essayist und Dramaturg. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. 2003 wurde er für «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» als bester Nachwuchsdramatiker ausgezeichnet und bekam 2005 den Mülheimer Dramatikerpreis für «Der Bus». Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Berliner Literaturpreis (2013), den Schweizer Buchpreis (für «Koala», 2014), den Nicolas-Born-Preis (2015). Mit «Hagard» stand er 2017 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. 2019 wurde Lukas Bärfuss mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet. 2019 erschien «Malinois. Erzählungen», 2021 der Essayband «Die Krone der Schöpfung». Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich.

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», die brotsuppe

Francesco Micieli war einer der ersten, der sich literarisch mit dem Schicksal der Kinder von italienischen «GastarbeiterInnen» auseinandersetzte. 40 Jahre nach seinem Debüt ist «Über das Gras gehen» eine überaus poetische Erzählung über ein Trauma, das bis in die Gegenwart immer und immer wieder durchlebt werden muss.

„Über das Gras gehen“ mag autobiographische Elemente in sich tragen, Francesco Micieli kam als Knabe in die Schweiz zu seinen Eltern. Aber der Autor entfernt sich in seiner Erzählung ganz deutlich von realen Eindrücken hin zu einer sehr stimmungsvollen, kindlichen Wahrnehmung, in der Träume, Fantasien, Geschichten und Märchen das eigene Empfinden durchmischen. Da schreibt kein älterer Mann aus der Sicht eines Kindes. Francesco Micieli gelingt, was in der Literatur nur ganz selten in dieser Tiefe und Intensität gelingt; da schreibt sich jemand in die Seele, er transformiert sich schreibend. Dabei geht es Francesco Micieli nicht darum, die Reise vom Süden, von der Heimat bei den Grosseltern, in den Norden zu den fremd gewordenen Eltern zu erzählen, eine Reise zu rapportieren. Seine Kamerafahrt ist nicht die eines Betrachters, eines Sich-Erinnernden, nicht einmal der Blick durch das Kind, die Wahrnehmung dieses Jungen, der alleine im Zug nach Norden sitzt, sondern dieses fluide Etwas, die Seele jenes Jungen, die inneren Bilder, die sich der Junge auf der langen Reise macht, die ihn überkommen, die ihn im gleichmässigen Rattern des Zuges wegtragen, einlullen durch die immer wechselnden Gegenüber im Abteil.

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», Verlag die brotsuppe, 2026, 100 Seiten, CHF ca. 24.99, ISBN 978-3-03867-120-6

Odi wohnte die ersten Jahre seines Lebens in Italien, in Süditalien, bei seinen Grosseltern. Er musste Abschied nehmen, wurde in den Zug in den Norden gesetzt, ohne dass man ihn gefragt hätte. Eine Reise zu seinen Eltern, die er kaum kennt, die ihm fremd sind. Eine lange Reise im Zug, allein, sich selbst überlassen, in einer Mischung aus Angst, Rückzug und Hypersensibilität. Er weiss, dass es ein langer Abschied ist von der Welt, die er kennt, hinein in eine Welt, in der er nichts und niemanden kennt. Es war das Schicksal vieler Kinder, von Eltern, die ihr Glück als „GastarbeiterInnen“ im Norden, in der Schweiz suchten und ihre Kinder erst dann nachreisen liessen, wenn es das neue Leben im Norden erlaubt, zumindest finanziell. Aber „Über das Gras gehen“ widmet sich allen Kindern, denen ähnliches Schicksal widerfährt. So steht der Erzählung vorangestellt; Für die Kinder, deren Reise wegen Krieg, Armut und Hungersnot weg von den Eltern geht. Micieli trägt ein Trauma mit sich, auch wenn es überwunden und schreibend verarbeitet ist. Schon 1986 trug Francesco Micielis Debüt den Titel „Ich weiss nur, dass mein Vater große Hände hat. Tagebuch eines Kindes.“

Es ist der Blick zurück in die Welt zusammen mit seinen Grosseltern, jene Welt, die bisher seine Welt ausmachte. Eine Welt aus Wärme und Liebe, aus tiefen Empfindungen und dem absoluten Gefühl der Geborgenheit. Es ist das Herausgerissen-sein, die Verstörung, die Versuche eines Kindes, die Welt neu zu ordnen, während vor den Fenstern des Zuges die Landschaft vorbeirast und die Menschen im Sechserabteil des Zuges dauernd wechseln. Es ist eine Erzählung des Übergangs, der Überfahrt, über das Realistische hinaus in den permanenten Versuch, das Erlebte neu einzuordnen.

„Über das Gras gehen“ ist ein literarisches Konzentrat, Grund genug, all jene Bücher des Autors in meinen Regalen noch einmal zur Hand zu nehmen. Eine Erzählung, die derart viel Wärme, so viel Hoffnung ausstrahlt, dass sie zu Liebkosung wird.

Interview

Immer mehr werden wir in den Schulen mit Kindern konfrontiert, die entwurzelt wurden, die bei den Plänen ihrer Eltern nur eine marginale Rolle spielen, die mit ihren Gefühlen sich selber überlassen werden. Die Gründe solcher Entwurzelungen sind ebenso vielfältig wie die Fähigkeiten der Kinder, diese mehr oder weniger zu verarbeiten. Jene, denen eine Kindheit in einem wohlgehüteten Nest vergönnt war, brauchen Bücher wie die ihren. Menschen wie ich. Wie viel Selbstverarbeitung, wie viel Mission steckt in diesem Buch?
Ob von Selbstverarbeitung gesprochen werden kann, weiss ich nicht. Bestimmt ist es so, dass sich in diesem Buch eine Erfahrung einschreibt, die Erfahrung des Verlassen-Müssen von Menschen und Orten, die einen in den ersten Jahren des Lebens geprägt und gehalten haben. Es ist ein Müssen, weil nicht selbst gewählt, weil äussere Bedingungen – Armut, Kriege, Klimakatastrophen – dies auslösen. Der freie Wille, falls es diesen gibt, spielt hier keine Rolle.
Ist Mission im Buch? Vielleicht ist eher ein Aufzeigen einer Verwandtschaft der Lebensläufe von Kindern, die, aus welchem Grund auch immer, in ihrem Dasein durch „feindliche“ Ereignisse erschüttert werden. Es ist die ewige Wiederkehr der Odyssee, die selten mit der Rückkehr nach dem eigenen Ithaka endet.

Immer wieder kreist ihr Schreiben um dieses eine Thema, das Schicksal entwurzelter Kinder. Es gibt viele KünstlerInnen, die in ihrem Schaffen immer und immer wieder um „das gleiche Thema“ kreisen. Nicht weil sie keine Fantasie hätten, sondern weil solche Themen letztlich unergründlich sind. Oder gibt es Momente, in denen sie sich an dieses eine Thema gekettet fühlen?
Nein, ich fühle mich in keiner Weise gekettet. Eher würde ich sagen, ich stehe dem genannten Thema gerne zu Diensten, mit dem Wenigen, was ich kann.
Und, ja, die Erkenntnis von Heraklit „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ ist auch in der Kunst, die sich einem Thema widmet, gültig.

«Er hatte von seiner Grossmutter gelernt, den Wörtern nicht immer zu trauen“, steht auf Seite 20. Liegt nicht genau dort einer der Ursprünge, dass sie Schriftsteller geworden sind? Trauen nicht genau die Schriftsteller den Wörtern nicht und brauchen Bücher, um um jene Wörter zu kreisen?
Schwer zu sagen, wo der Ursprung „meines Schreibens“ ist. Ich bin in einem Haus, in einer Gesellschaft aufgewachsen, in welcher es keine Bücher gab. Die Sprache, die wir gesprochen haben (Arbëresh, antike Form des toskanischen Albanisch), war keine Schreibsprache und besass nur das Vokabular des damaligen Alltags.
Ja, das Schreiben ist auch ein Den-Wörter-Nicht-Trauen, sie anders zu beleuchten, als sie aus der Sprachschublade kommen. Und doch sind sie das einzige Instrument, mit welchem zu arbeiten gilt. Um es mit einem Wortspiel zu sagen: Schreiben beinhaltet „reiben“ , es ist ein Sich-an-den-Wörtern-reiben.

Was ist seit ihrem Debüt 1986, das sich damals schon diesem Thema widmete, im Schreiben passiert? In der Gesellschaft und in Francesco Micieli?
Lässt sich diese Frage beantworten?
Vierzig Jahre sind passiert, mit allem, was drin ist. Viele Bücher wurden zu diesem Thema geschrieben, in verschiedenen Sprachen, in verschiedenen Kulturen. Das ist vielleicht eine banale Aussage zur Frage. Und doch werden jeden Tag Kinder mit Gewalt aus ihrer sozialen wie geografischen Umgebung gerissen. Die vielen Bücher haben keinen Wall dagegen bilden können. Die Bücher liegen „gratis zum mitnehmen“ auf der Strasse, die an gewissen Orten den vor dem Lärm der Waffen flüchtenden Menschen im besten Fall als Sitzgelegenheit dienen.

Ihr Roman ist ein literarisches Konzentrat, eingedampfte Sprache, zwischen Prosa immer wieder lyrische Passagen. Ergibt sich das organisch, im Schreiben – oder liegt darin ein Plan, ein Konstrukt?
Darf ich da mit Roland Barthes antworten? Eine alte Antwort, ich weiss, aber sie passt, weil sie immer wieder neu gesagt werden kann:
„Die Literatur ist ein schwieriger, schmaler, tödlicher Stand geworden. Sie verteidigt nicht mehr ihren Schmuck, sie verteidigt ihre Haut.“
Es versteht sich von selbst, dass damit nicht das Produkt Buch gemeint ist, sondern das Schreiben per se.

Francesco Micieli wurde 1956 in Santa Sofia d’Epio (Italien) geboren. Seit 1965 lebt er in der Schweiz. Er studierte Romanistik und Germanistik in Bern, Cosenza und Florenz. Danach war er als Schauspieler, Autor und Theaterregisseur tätig. Francesco Micieli lebt heute als freier Schriftsteller in Bern.

Beitragsbild © Donata Ettlin (Bilder aus dem Familienalbum von Francesco Micieli)

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp

Was Kunst schreibt, ist Kunst. Ob Lyrik wie in seinem letzten Lyrikband «Wü» oder wie im vorletzten Roman «Zandschower Klinken». Erst recht mit «Masleboi», einem Nicht-Roman, auch wenn das Etikett «Roman» auf dem Buch stehen muss. Masleboi ist ein Tripp in die Tiefen der Sprachkunst.

Vielleicht müsste man dem Buch einen Beipackzettel verpassen, auf dem vor dem Umgang mit dem Stoff gewarnt werden muss. Wer reine Unterhaltung erwartet, wird sich verwundert die Augen reiben, auch wenn GeniesserInnen literarischer Feinkost sehr wohl bestens unterhalten werden. Wer Spannung sucht, sieht sich mit den üblichen Massstäben enttäuscht, obwohl die Spannung eher vertikal zu finden ist, in der Art, wie Thomas Kunst sieht, denkt und sich treiben lässt. «Masleboi» ist ein Blindflug im Kopf des Dichters. Mit «Masleboi» sträubt sich der Dichter einmal mehr gegen Konventionen, scheinbar allgemeingültigen Vorstellungen, was Literatur zu sein hat. Weit weg vom Diktat, ein Buch, einen Roman mehr im Strom all dessen zu werden, was unter dem Titel «Autofiktion» veröffentlicht wird. Im Gespräch um die gegenwärtigen Strömungen (die alles andere wegzureissen drohen), diskutiert sich Thomas Kunst regelmässig in Rage. Mit Recht. Warum soll ausgerechnet das, was die Literatur kann, zu einem Einheitsbrei werden? Warum akzeptiert man in der Musik oder der bildenden Kunst all die Sonderlinge, macht aus ihnen Halbgötter, wenn sie sich gerade eben nicht einordnen lassen?

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp, 2026, 223 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43277-8

So kann man viel leichter beschreiben, was «Masleboi» nicht ist. (In einem Interview erzählt Thomas Kunst, er habe das Wort, das dem Buch den Namen gibt, von seinem Vater, der damals, als er Kind war, immer wieder von «Masleboi» sprach, einem der in der DDR damals alles Mögliche und Unmögliche besorgen konnte. Jetzt ist Thomas Kunst «Masleboi». Er besorgt mir all die Bilder, die nur er mir besorgen kann. Und er besorgt es mir ganz ordentlich.) «Masleboi» ist keine Geschichte, ein Sprachkunstwerk ohne Plott, ein Buch mit unendlich vielen skurrilen Bildern und Binnengeschichten, ein Tripp, der an Fellini erinnert, der nicht erklären und schon gar nichts beweisen will. «Masleboi» ist ein bisschen Utopie, ein bisschen Dystopie, manchmal Science-Fiction, machmal Perlenschnur, oft ein Geheimnis und immer ein Abenteuer. Bestimmt sind viele Bilder Versatzstücke aus dem Leben des Autors, so wie Schnappschüsse eines Autisten. «Masleboi» ist die Denkspur, die Thomas Kunst hinter sich zurücklässt. Eine faszinierende Welt aus Lichtblitzen und Schattenstücken.

Da lebt einer in Otchanganarriva, einem kleiner Ort im Nirgendwo. Er hat sich ein Haus gebaut aus Büchsen und Brettern, ein Haus mit Tisch, Bett und Briefkasten. Dosen als Trinkgefäße, Aschenbecher für Freunde, Gewürzbecher, Kerzenverstecke, Stifthalter, Muschelbüchsen, Zahnputzbecher und Pflanzentöpfe mit Trauermücken, Restnässeparadiese. Er verschanzt sich zuweilen darin, würde all die vollen Dosen auch zur Selbstverteidigung brauchen, auch wenn er wegen der abgelösten Etiketten nicht mehr weiss, was in den Dosen eingeschlossen ist. Neben all den Sonderlingen an diesem sonderbaren Ort wird auch in den untergegangenen und versenkten Schiffen vor der Küste gewohnt und gelebt. Es ist eine seltsame Welt, jener Ordnung enthoben, in der die Realität zu ersticken droht. Der Erzähler ist nicht allein. Da geistert Masahlena herum, ein geisterhaftes Wesen – und natürlich eine Katze, das Pinguinmädchen. Er lebt von in Epoxidharz eingelegten Insekten, verkauft sie als Bernsteinschmuck.

«Masleboi» ist für jene, denen Sprache mehr ist als Transportmittel. «Masleboi» ist Kunst.

Rezension zu «Zandschower Klinken» auf literaturblatt.ch

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein «gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen» (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Lande.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Thommie Bayer «Gern gesehene Gäste», Piper

Matteo ist Zuschauer, schon als Kind. Einer, den man stehen lässt. Einer, der stets daneben steht. Einer, der sich mit seinem Platz im Schatten abgefunden hat. Bis ihm ein Schriftstellerpaar mit einem Mal das Gefühl gibt, wichtig zu sein. Thommie Bayers Roman überzeugt durch seine Figurenzeichnung und den Spiegelblick eines Beobachters.

Es gibt sie unzweifelhaft. Man muss sich nur an den Pausenplatz in der Kindheit zurückerinnern, die Klasse damals, an die Kinder im Quartier. Es sind jene, die im Sportunterricht weder von der einen noch der anderen Gruppe gewählt werden, die niemand will, niemand braucht. Matteo darf zwar zwischendurch immer wieder mal jenen helfen, die es in der Schule nicht so leicht haben. Was aber noch lange kein Grund ist, ihn mitzunehmen. Matteo ist nicht einmal ein Klotz am Bein. Er ist ein Niemand. Irgendwann hat er sich in seiner Nische eingerichtet, auch wenn seine Mutter während seiner Kindheit alles tut, um Matteo wie jeden anderen aussehen zu lassen.

Matteo wird Zimmermann, geht für drei Jahre auf Wanderschaft. Aber selbst auf seiner langen Tour bleibt er aussen vor. Auch das Glück mit dem anderen Geschlecht scheint nicht zum seinen zu werden. Auch dort sieht man ihn nicht. Er sucht auch nicht mehr, er würde nie Teil einer Gemeinschaft sein. Sein Alleinsein wird ihm sein Zuhause. Wenn er liest, wenn er wandert, wenn er sich im Wald auf den immer gleichen Hochsitz zurückzieht. Er übernimmt nach seinen Wanderjahren Gelegenheitsjobs, die ihn über Wasser halten und hilft seiner Mutter in der Buchhandlung in der Stadt.

Thommie Bayer «Gern gesehene Gäste», Piper, 2026, 208 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-492-07192-5

William nimmt ihn für zwei Wochen auf eine Baustelle in Frankreich mit. Sie sollen ein Haus fertigstellen, von oben bis unten streichen, Regale einbauen, im Haus eines Schriftstellerehepaars. Keira und Eric, er erfolgreich, sie um einiges weniger. Die beiden überlassen William und Matteo das Haus. Und als man ihnen die Hausschlüssel zurückgibt, nachdem die beiden von Matteo am Bahnhof mit dem Auto abgeholt wurden, fragt Eric Matteo, ob er Lust hätte ihn auf seiner Lesetour mit seinem neuen Roman als Chauffeur zu begleiten. Matteo, der nie einen Plan in seinem Leben hat, einen solchen auch gar nicht braucht, nimmt den Job an. Nicht nur weil ihn die Aufgabe reizt. Auch weil er sich von der 40 Jahre älteren Keira angezogen fühlt, weil ihm das Paar das Gefühl gibt, jemand zu sein, weil man ihn schätzt. So sehr sich Matteo zu den beiden hingezogen fühlt, so sehr vermitteln ihm die beiden ein Gefühl, das selbst mit seiner Mutter abhanden gekommen war.

Während Keira zuhause bleibt, fährt Matteo Eric von einer zur nächsten deutschen Metropole, von Halle zu Halle, Bibliothek zu Bibliothek, von vollem Haus zu vollem Haus. Eric schwimmt auf einer Welle des Erfolgs, der Anerkennung und Bewunderung. Und im Schweif dessen geschehen bei Matteo Dinge, von denen er glaubte, für immer ausgeschlossen zu sein. Aber je näher er den beiden, vor allem Eric kommt, desto mehr hat er mit dem Umstand zu kämpfen, dass er die kleinen Zeichen zu interpretieren beginnt. Interpretationen, die das makellose Bild eines aufgegangenen Fixsterns in seinem Leben zu trüben beginnen. Erst recht als eine junge blonde Frau auftaucht und ein Mann, der Eric droht, ihn zu vernichten.

„Gern gesehene Gäste“ ist ein Roman über einen Mann, der im Schweif eines Sterns zu leuchten beginnt. Über scheinbar perfekte Leben, die Geheimnisse verbergen. Was es bedeutet, wenn ein Leben im Schatten mit einem Mal ein Stück Sonne bekommt, jene Momente, in denen man endlich spürt, am richtigen Ort, mit den richtigen Menschen zu sein. Vielleicht ist der Roman auch ein Buch über das Er-Wachsen-Werden. Mit Sicherheit ist das Buch ein Spiegelbuch, hier die LeserInnen, dort die SchriftstellerInnen. Ein Buch über Wahrnehmung, Schein und das wahre Glück. Ein typischer Bayer. Ein Roman mit dem Sound von Leonard Cohen: We are so small between the stars / So large against the sky / And lost among the subway crowds / I try to catch your eye.

Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm die Romane „Das Glück meiner Mutter“, „Das innere Ausland“ und der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman „Eine kurze Geschichte vom Glück“ und zuletzt „Einer fehlt“. Thommie Bayer lebt mit seiner Frau in Staufen bei Freiburg.

mehr von und über Thommie Bayer auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Peter von Felbert

Colm Tóibín «Die Schwestern», Hanser

Montserrat, Conxita und Núria, drei Schwestern, erben das Haus ihrer Tante Julia, irgendwo in den spanischen Pyrenäen. Nur dieses Erbe führt die drei Schwestern nach Jahrzehnten zusammen. Als sie jung waren, nahm sie ihre Mutter mit nach Argentinien. Ein schmaler, aber äusserst atmosphärischer Roman des Meisters!

Weil es für die Mutter der drei Schwestern in Spanien keine Zukunft mehr zu geben scheint, nachdem der Vater gestorben war, werden die Schwestern von ihrer Mutter unfreiwillig nach Argentinien umgesiedelt. Dort muss das Glück stattfinden. Aber auch dort findet die Mutter den Tritt nicht. So sehr die Schwestern als Mädchen durch den Umzug wie Freundinnen aufwachsen, eine Einheit bilden, so sehr zerbricht diese Einheit, weil jede der Schwestern als junge Frau in einem eigenen Umfeld zu bestehen hat. Montserrat, Conxita und Núria brechen in Gegenwarten auf, die kaum mehr miteinander etwas zu tun haben. Núria, die Älteste, heiratet nach der Auswanderung in die besten Kreise Buenos Aires, hat schnell Kinder und lebt sie sich in Sphären aus, die nichts mit den Welten ihrer Schwestern zu tun haben. Conxita wird Gesellschafterin einer verschrobenen Dame und Montserrat, Montse, «das Nesthäkchen», arbeitet Jahrzehnte in einer Autowerkstatt. Aber Montse ist nicht die, für die die älteren Schwestern sie halten. 

Colm Tóibín «Die Schwestern», Hanser, 2026, aus dem Englischen von Ditte Bandini und Giovanni Bandini, 128 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-446-28649-8

Jenes geerbte Haus ihrer verstorbenen Tante wurde kurz vor ihrem Tod renoviert. Die drei Schwestern treffen sich dort, zusammengeführt mit den verschiedensten Absichten, von Colm Tóibín inszeniert wie ein Kammerspiel. Montse ist der Mittelpunkt der Geschichte, jene Schwester, deren Leben bisher am unauffälligsten verlief. Sie ist die einzige, die nicht mit dem Plan, das Haus zu verkaufen, in die Pyrenäen gereist ist. Für sie bietet dieses Haus erstmals die Chance auf ein Stück Unabhängigkeit, ein Stück Glück, zumal man die Tante im kleinen Dorf schätzte. Es ist das Haus, in dem sie damals zusammen mit ihrer Mutter die Ferien verbrachten. Das Haus ist ein Stück Zuhause.

Colm Tóibín zeigt, dass das Erbe nicht nur in den Dingen steckt, sondern auch in den Leben, die enden, in den Leben der Eltern, in dem, was sie an erlebter Erinnerung zurücklassen. Hier das Haus mitten im Dorf, hier das Trümmerfeld zwischen den ungleich gewordenen Schwestern, die auch in den Wochen im Haus ihrer verstorbenen Tante wie gleichpolige Magnete auseinanderdriften. Man kann Colm Tóibín dafür bewundern, dass er sich traut, eine Geschichte zu erzählen, in der fast nur Frauen vorkommen. Zum einen kann er das, weil er ein Meister seines Fachs ist. Zum andern geht es nicht um geschlechterspezifisches Verhalten, sondern um den Zusammenprall menschlicher Existenzen überhaupt. Das andere Geschlecht deshalb, um den Figuren im Erzählen jene Distanz zu geben, die maximale Nähe erzeugen kann.

In „Die Schwestern“ geht es um Beziehungen. Um eine Mutter, die die älteste Tochter zur Leitfigur macht, ihre Schwestern zu Spielbällen, Rollen die den beiden jüngeren bleiben. Eine Mutter, die ihre Kinder wie Möbelstücke auf einen anderen Kontinent verpflanzt. Um einstmals Verschworene, die auseinanderbrechen. Um Leben, die nach ihrem Kern suchen. Um Leben, die alles der Fassade opfern. Montse ist die einzige, die immer bei sich selbst geblieben ist.

Es macht unglaublich Spass, dem Drama zuzuschauen!

Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman «Der Süden» (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem IMPAC-Preis, dem David Cohen Prize for Literature und dem Würth-Preis für Europäische Literatur. Zuletzt erschienen «Long Island» (Roman, 2024) sowie «Vinegar Hill» (Gedichte, 2025). Er wurde für 2022 – 2024 zum Laureate for Irish Fiction ernannt.

Giovanni Bandini und Ditte Bandini arbeiten seit 1985 als Schriftsteller und freie Übersetzer. Unter anderem haben sie Seamus Heaney, Matt Ruff, Cathleen Schine, Kiran Nagarkar und Neel Mukherjee ins Deutsche übertragen.

Beitragsbild © Emanuele Spina

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv

Wie kaum ein anderer in der CH-Literatur malt Michael Hugentobler mit vielen Pinseln auf grosser Leinwand. Was der Autor an der Grenze zwischen Fiktion und Realität in Buchdeckel bannt, ist grosse Erzählkunst vereint mit der Leidenschaft fürs Detail.

Die aus Deutschland stammende Familie Leiber wohnt in Heiden, im Kanton Appenzell Ausserrhoden, einem Kurort hoch über dem Bodensee und dem Rheintal. Um die Bande in die alte Heimat nicht ganz abbrechen zu lassen, verbringt die Familie die Sommermonate jeweils im 180 Kilometer entfernten Heidenheim bei der Familie Hirsch, im Süden Deutschlands, nicht weit von Memmingen. In unbeschwerten Wochen tummeln sich die Kinder, bis sich der Himmel mit dem ersten Weltkrieg zu verdunkeln beginnt und die Bande nach Deutschland zu reissen drohen. Zum Beispiel jene Freundschaft zwischen Isabelle, von allen nur Belle genannt, und Baron, dem Sohn der Künstlerfamilie Hirsch, einer Familie, die sich der Kostüm- und Kulissenkunst verschrieben hat und in einer grossen Scheune im Ort eine Welt in der Welt erschaffen hat. Belle und Baron wachsen wie Geschwister auf, schreiben sich auch in den Wirren des Krieges weiterhin Briefe, schwören sich ewige Freundschaft, bis auch der Ton in den Briefen immer sachlicher wird und das Band reisst. Mutter Leiber tut neben ihrem an Alkoholismus verfallenen Ehegatten alles, um in der Schweiz eine Einbürgerung zu erwirken, ein Ansinnen, das mit zunehmendem Kriegsgeschehen und mit den Vorurteilen der Einheimischen nicht einfacher wird.

Nur zwei winzige Buchstaben entscheiden über Finden und Erfinden.

Belle, deren Träume vom Liebesglück zerschlagen werden, «reisst» sich zusammen, heiratet, um nicht für immer ledig zu bleiben, lässt sich von den Versprechungen einer Auswanderungsagentur einwickeln, fährt mit Schiff und Ehemann nach Brasilien, wo man etlichen Auswanderern ein Stück Land verspricht, ein zweites Stück Heimat, einen Acker und ein Haus, eine Zukunft als Siedler. Ein nächster Traum, der in den feuchten Tiefen des Urwalds beinah vom Wahnsinn gefressen wird.

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv, 2026, 352 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-44869-7

Anne, die ältere Schwester von Belle, die mit einer Pfefferschote zwischen den Zähnen zur Welt gekommen sei, die nichts von der Enge des Appenzellerlandes hält, die in permanentem Kampfmodus zu leben scheint und sich mit revolutionärer Lektüre füttert, bricht ebenfalls in die Ferne auf, bevor sie sich der Enge, den Traditionen und Gottgewolltem, dem Leben als Untertänige, als Serviererin, ergeben muss, nach einer wahren Odysse nach Australien. Dort packt sie selbstbewusst ihr Leben, adopiert den Sohn eines Anachistenehepaars, schwimmt an der Seite eines Finanzmarktspezialisten im Geld, einem Mann, dessen Herz eher rattert wie eine Rechenmaschine.

Jakob, Cob, der einzige Sohn der Familie, beginnt mit Glück, trotz zunehmender Wirtschaftskrise, eine Arbeit in einer Eisengiesserei in Rorschach am Bodensee, genau das Richtige für ihn, der seine Muskeln als einziges Kapital einer unsicher gewordenen Zukunft sieht. Erst recht, als der besoffene Vater seine sonst versteckte Luger auf ihn richtet und abdrückt und der Katastrophe nur entkommt, weil seine Mutter längst die Kugeln aus dem Magazin entfernt hatte. Cob bricht mit seinen Eltern, lernt eine Zirkusschönheit kennen, mit der er durch die Lande tingelt, bis auch er von der Realität wie Ikarus vom Himmel geholt wird.

Nur Elfriede, kurz Elfie, bleibt zuhause, wie Ehefrau und Mutter, die Mutter von Constantin, dem eigentlichen Erzähler dieser ausufernden Geschichte, eines Historikers. Constantin ist jahrzehntelang der Überzeugung, der Spross einer völlig langweiligen Familie zu sein, auch wenn es in den Erzählungen seiner Grossmutter die verrücktesten Geschichten gibt. Bis ein Sturz eben dieser Grossmutter, Mamme Lieber, den Damm endgültig zum bersten bringt und Constantin nicht nur von Berufes wegen zwingt, sich auf die Suche nach den tatsächlichen Geschichten zu machen.

Kennen sie die Geschichte ihrer Grosseltern? Kennen sie sie wirklich? Gar ihrer Urgrosseltern? Oder verfallen auch sie dem kollektiven Irrtum, der institutionalisierten Langeweile, einer kleinbürgerlichen, steinernden Ordnung entsprungen zu sein? Oder geistern Geschichten, Ahnungen, Unausgesprochenes, Geheimnisse in ihrer Familie, ihrer Sippe herum? So wie Baron, der Spross einer Maskenkünsterfamilie die Wirklichkeit zu verstecken weiss, so schafft Michael Hugentobler ein Panoptikum schillernder Existenzen, die sich in den Strudeln des letzten Jahrhunderts zu halten versuchen. Ein Buch überbordender Fantasie, geschrieben von einem Mann, der davon überzeugt ist, dass die Realität von der Fantsie kaum zu überbieten ist. Ein literarischer Leckerbissen, der funkelt und fasziniert, der einem sprachlos macht angesichts seiner Dichte und Kunstferigkeit. Ein literarisches Fries, das sich fast um den ganzen Globus spannt, ohne dabei künstlich zu wirken. Ein kolossales Stück Literatur, genau das Richtige, um in den Weiten der Fantasie abzutauchen! Was für ein Buch!

Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken.

Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte«, sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.

Beitragsbild © Markus Kirchgessner

Dita Zipfel «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt», Insel

Auf einer gemeinsamen Reise kommen sich zwei Frauen näher, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und neben den ganz großen Fragen bleibt am Ende vor allem eines: ein unbefriedigendes Gefühl.

Mutterschaftsurlaub
Gastrezension: Anna-Lia Käslin-Tanduo kam von der Elbe an den Rhein und studiert nun in Basel Literaturwissenschaft. Am liebsten beschäftigt sie sich mit Fragen zur Erzähltheorie und Mutterschaftsdarstellungen in der Kunst.

Ein Roman über Mutterschaft. Noch einer. Brauchen wir das?

Diese Frage kann man sich stellen, wenn man Dita Zipfels Buch «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt» vor sich hat. Denn darum geht es, genauer gesagt um zwei Frauen: Eva, die schon Mutter ist, und Linn, die es noch werden soll. Zusammen mit ihren Partnern Felix und Matze und den beiden Kindern von Eva und Felix verreisen sie an die Côte d’Azur. In einen Luxusbungalow, der so ist, wie man sich Luxus vorstellt: Alles ist weiß und poliert, der Boden glänzt. Nach dem Urlaub werden Linn ihre befruchteten Eizellen eingesetzt, und dann bekommen sie und Matze endlich auch ein Kind. So weit der Plan.

Doch das erste Problem ist schon der Bungalow, das Ufo aus Glas wird nämlich von Felix bezahlt. Er bezahlt auch den ganzen Urlaub, denn Felix ist reich. Und das stört Linn. Sie mag Felix eigentlich nicht, und noch weniger die perfekte Eva. Aber Matze und Felix sind Jugendfreunde und so muss sich Linn ihrem Schicksal ergeben.

Etwas uninspiriert kommt dieser Plot daher: eine Gruppe auf engem Raum, Konfliktpotenzial inklusive. Auch die Figuren sind nicht gerade originell. Felix ist zwar erfolgreich, auf der Suche nach ständiger Optimierung aber nicht glücklicher als alle anderen. Und die normschöne Eva, die sich bewegt als würde ein Wind sie tragen, ist in Wahrheit auch unsicher und überfordert. Linn und Matze sind die Normalos, nicht unglücklich im Leben, aber perfekt ist es eben auch nicht.

Dita Zipfel «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt», Insel Verlag, 2026, 219 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-458-64612-9.

Spannend verspricht es zunächst zu werden, als die beiden Frauen sich annähern. Da gibt es zuerst ein erotisches Knistern, das sich aber nicht recht entwickelt und deshalb irgendwie fehl am Platz wirkt. Trotzdem werden die beiden Verbündete, vapen heimlich zusammen und werfen sich verschwörerische Blicke zu. Und sie spielen gemeinsam Wahrheit oder Pflicht, was aber aufregender klingt, als es dann letztendlich ist. Die Beziehung der beiden dient vor allem dazu, auszuhandeln, worum es im Roman geht: Was es heißt, Mutter zu sein. Vor allem Linn fragt sich dabei, ob sie das wirklich kann. Und Eva gibt zu, dass eben nicht alles so perfekt ist, wie es scheint.

Das klingt alles nicht neu und macht über weite Strecken auch nicht wirklich viel Spaß. Eva und Linn zeigen immer wieder, dass Frauen zu ihren Körpern ein schwieriges Verhältnis haben. Der Roman startet damit aber keinen Überwindungsversuch, sondern festigt traurige Tatsachen. Denn Eva und Linn bewerten den weiblichen Körper mit Blick auf Mutterschaft rigoros: vorher gut, nachher schlechter. Wer kann, sollte das Nachher im Vorher noch so gut es geht beeinflussen. Zum Beispiel durch einen Kaiserschnitt, dann bleibt wenigstens der Beckenboden heil. So zumindest lautet Evas Empfehlung an Linn. Ein zweifelhafter Rat, den der Roman aber nicht weiter hinterfragt.

Und so verläuft vieles nur an der Oberfläche. Das ist auch nicht verwunderlich, denn neben der Beziehung zwischen Linn und Eva gibt es zahlreiche weitere Schauplätze: Da sind die ständigen Konflikte zwischen Felix und Linn, die Freundschaft von Felix und Matze, die Geschichte von Latifa, die für die Reinigung der Ferienhäuser zuständig ist. Es wird geklaut, geschimpft, gelogen und der Bungalow wird am Ende zum Bunker. All das wirkt zusammen wie ein buntes, grelles Bild, in dem alles wichtig ist, aber nichts so richtig zu Geltung kommt.

Romane über Mutterschaft brauchen wir weiterhin, unbedingt. Denn nur so bleiben wir über Care, Rollenbilder und alles damit Verbundene im Gespräch. Aber vielleicht nicht gerade so.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Dita Zipfel, 1981 in Kiel geboren, schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Essays und Literatur. 2020 wurde sie für ihren Jugendroman «Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte» unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie schreibt Geschichten, die ein bisschen wie Filme sind, vielleicht, weil sie sich das Erzählen im Kino ihres Opas beigebracht hat.

Beitragsbild © Jacintha Nolte/Insel Verlag.