Am 2. Juli 2026 waren es 65 Jahre, seit Ernest Hemingway seinem Leben mit seiner Jagdflinte ein Ende setzte. Michael Kleeberg nähert sich mit seinem aktuellen Roman „Achilles in Taormina“ in ganz eigener Manier an einen der ganz Grossen in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Ein Leseabenteuer mit Wirkung!
Michael Kleeberg hätte zu Hemingways Todestag eine weitere Biographie schreiben können. Stoff dazu gäbe es genug über einen, aus der Gegenwart betrachtet, streitbaren Lebemann, Schriftsteller, Frauenheld, Grosswildjäger und Genussmensch. Einen, der sich im Alter mit seinen Süchten und seiner psychischen Erkrankung genötigt sah, das Gewehr auf sich selbst zu richten, weil er sich lebendig sterben sah. Eine weitere Biographie wäre auch gar nicht notwendig, davon gibt es genug, auch wenn Michael Kleeberg in seinem Hemingwayroman durchaus neue oder zumindest überraschende Aspekte aus dem Leben dieser Ikone der Literatur zu Papier bringt. Aber weil Michael Kleeberg nicht einfach bloss ein paar Facetten hinzufügen wollte, schrieb er einen Roman über einen fiktiven Hemingwayforscher und Autor, einen Mann namens Dr. Michael Kleeberg, dessen Leben sich in grossen Teilen im Schweif Hemingways abspielt.
Michael Kleeberg «Achilles in Taormina», Penguin, 2026, 336 Seiten, ISBN 978-3-328-60276-7
Noch diesen Sommer wird Ernest Hemingways Debütroman noch einmal erscheinen; „The Sun Also Rises“ (Deutsch: „Fiesta“), ein Roman, der vor 100 Jahren grosse Beachtung fand und ganz unterschiedlich bewertet wurde. Dass Hemingway mit seiner Art des Schreibens ganz viele Zeitgenoss*innen beeinflusste, einen neuen Ton zu erzeugen wusste und es verstand, seine Person zu einer Marke zu machen, einer Sonne, um die Planeten kreisen, ist unbestritten. Ebenso unbestritten sind Hemingsways Selbstzweifel, seine langen Schreibkrisen, seine Selbstinszenierung, die sich gerne am Mythos orientierte, sein zügelloser Raubbau an sich selbst. Das, was in all den Erzählungen und Romanen geschrieben steht und seine eigene Person immer wieder in den Mittelpunkt stellte, scheint sich ein Leben lang mit seiner tatsächlichen Innenwelt zu streiten.
Was dem tatsächlichen Michael Kleeberg mit seinem Roman gelingt, ist jene Distanz zum Fixstern Hemingway. Hemingway ist der Stoff, an dem sich der fiktive Autor und Forscher Michael Kleeberg abarbeitet, der ihn nicht loslässt, der ihn nährt und zum Boden macht, auf dem seine eigene Existenz gedeiht. Kleeberg im Buch versucht sich als junger Mann selbst in der Schriftstellerei. Ein kümmerlicher Versuch, der aber eine Ahnung hinterlässt, was es bedeutet, sich in einen Stoff hineinzubohren. Kleeberg, der sich biographisch ganz deutlich vom fiktiven Kleeberg unterscheidet, verbeisst sich förmlich in das Leben Hemingsways. Er forscht und unterrichtet in den USA, nimmt Kontakt zu all den Menschen auf, von denen er sich Neues erhofft, die einst mit Hemingway zusammen waren, ein Stück seines Lebens teilten, bis hin zu dessen Kindern, die sich auf ganz eigenen Weise mit der Überfigur Hemingway auseinandersetzen mussten. Kein seltenes Phänomen.
So verschränken sich Biographien, zerfliessen Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Wer in den Hemingway’schen Kosmos mit diesem Roman einsteigen will, wird ebenso beglückt, wie jene, die als Hemingwaykenner*innen in Leben eintauchen wollen, ein Buch, gespickt mit Details und Überraschungen. Der tatsächliche Michael Kleeberg suhlt sich vergnüglich in der Unendlichkeit einer Existenz, die noch immer strahlt, auch 65 Jahre nach seinem Tod. Michael Kleeberg versteht es meisterhaft, Hemingway’sche Details, die Akribie eines „Angefressenen“, Faszination für eine umstrittene Figur und detailreiche Fiktion eines Forschers miteinander zu verweben. Dass damit eine aus der Gegenwart betrachtet mehr als zweifelhafte Person fast 350 Seiten Aufmerksamkeit geschenkt wird, tut der Auseinandersetzung mit diesem Giganten der Literatur mehr als gut. Eine Auseindersetzung mit einem veritablen Stück Inszenierung – genau das, was Hemingsway selbst bis zu seinem Suizid an Darstellung und Selbstinszenierung Teil seines Lebens und Wirkens war.
Genau zur richtigen Zeit das richtige Buch. Ich freue mich auf Hemingway!
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Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, studierte Politische Wissenschaften und Geschichte. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2008 als Mainzer Stadtschreiber. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen: „Ein Garten im Norden“ (1998), „Der König von Korsika“ (2001) und «Karlmann» (2007). 2010 erschien der Roman „Das amerikanische Hospital“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und für den Michael Kleeberg 2011 den Evangelischen Buchpreis erhielt. Sein Roman „Vaterjahre“ wurde u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. 2016 erhielt Michael Kleeberg für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Arthur ist über 200 Kilo schwer. Sein Gewicht verdrängt ihn aus seinem Leben. Er, der in den besten Jahren wäre, lebt zurückgezogen im Erdgeschoss seines Hauses, eingemauert und eingefressen in einem Leben in Einsamkeit. Bis die Vergangenheit anklopft. Liz Moore ist eine berührende Geschichte gelungen, auch wenn sie bald vorhersehbar wird.
Meist bin ich es, der bestimmt, welches Buch ich zur Hand nehme. Manchmal ist es aber auch die nachdrückliche Empfehlung eines Freundes oder einer Freundin. Oder die Lektüre ist in einem meiner Lesekreise vorbestimmt. So passiert mit „Der andere Arthur“ der US-Amerikanerin Liz Moore. Ein Buch, das die Autorin bereits 2012 schrieb und nun im Schweif ihres grossen Erfolgs „Der Gott des Waldes“ auf Deutsch erschien. Wieder ein Roman über Familie, wieder ein Roman, der Gesellschaftsprobleme eindrücklich bebildert. Nicht nur Einsamkeit oder Fettleibigkeit (ein Phänomen, das ganze YouTube-Kanäle füllt). Ihr Roman beschreibt den Zerfall der Werte, den Zerfall einer Gesellschaft. Kein nordamerikanisches Problem. Was bleibt, wenn aus Familien ein Trümmerfeld wird.
Arthur, ein Name, der eigentlich zu einem Kämpferherz passt, ist Sohn eines erfolgreichen, aber narzistischen Architekts, der sich schon während Arthurs Kindheit abgesetzt hatte, um in Europa eine neue Familie zu gründen, einen zweiten Versuch, der gelingen musste. Arthurs Mutter verstarb früh, ebenso jene eine grosse Liebe, die das Zeug gehabt hätte, seinem Leben eine Form zu geben. Eine Weile war er Literaturprofessor, schon immer dick. Irgendwann so dick, dass ein Leben ausser Haus unmöglich wurde. Mit dem Geld seines fernen Vaters fristet Arthur seinen immer gleichen Alltag zwischen Müll, Essensresten und sich ins Mark fressender Scham.
Liz Moore «Der andere Arthur», C. H. Beck, 2026, aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz, 377 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-406-84333-4
Was ihn lange hielt, waren die Briefe einer Freundin, von Charlene, einer ehemaligen Studentin, der er als Lehrer wohl zu nahe kam, die von der Schule verschwand, aber weiterhin Briefe schrieb. Er schrieb zurück, erfand sich in den Briefen ein Leben, das sich immer weiter von der Realität entfernte, ohne zu wissen, dass es Charlene ebenso erging. Ganz nach dem schriftstellerischen Motto; Man kann sich sein Leben leicht erschreiben.
Zweite Hauptfigur im Roman, der eigentliche Gegenpol, ist der 18jährige Kel, Charlenes Sohn, weit weg in einer anderen Stadt. Kel kämpft sich durch ein Leben in Armut. Sein Traum, dereinst ein erfolgreicher Baseballspieler zu werden, hält ihn aufrecht. Auch als es seiner kranken und lebensmüden Mutter immer schlechter geht. Erst als Charlene stirbt, erfährt Kel, dass der Mann, von dem er glaubte, er wäre sein Vater, dass jener Arthur Opp, dem seine Mutter über Jahre Briefe schrieb, sein wirklicher Vater sei. Beide machen sich zaghaft auf einen Weg. Arthur mit Hilfe einer jungen Putzkraft, die bei ihm Asyl findet, Kel durch den seltsamen Aufwind, den der Tod seiner Mutter mit sich brachte.
In diesem Roman sind alle Protagonisten beschädigt. Familie ist Fassade, Krisengebiet, Kampfzone oder Schlachtfeld. Die Moral, die in dieser überaus spannend erzählten Geschichte durchscheint, ist eine allzu einfache; Zusammen ist man weniger allein. Glücklicherweise präsentiert Liz Moore das Ende ihrer Geschichte nicht mit Glockengeläut. Aber die Geschichte ist zu vorhersehbar und so geschrieben, als hätte die Autorin die Verfilmung schon im Hinterkopf gehabt.
Solide Unterhaltung, spannendes Lesefutter. Aber keine Literatur, die Fragen stellt, die reiben will, die mich in eine Auseinandersetzung zwingt. Naja, irgendwie Hollywood.
Liz Moore geboren 1983, hat zunächst als Musikerin in New York gearbeitet und anschliessend begonnen, Romane zu schreiben. Bei C.H.Beck erschien ihr Roman «Long Bright River» (2020). «Der Gott des Waldes» ist in den USA seit Erscheinen auf der New York Times-Bestsellerliste, erhielt zahlreiche hymnische Besprechungen und wurde von Barack Obama empfohlen. Liz Moore lebt mit ihrer Familie in Philadelphia.
Cornelius Hartz lebt als freier Autor und Übersetzer in Hamburg. Er hat zahlreiche Romane und Sachbücher u.a. von Rye Curtis, Edward Carey, Erin Flanagan, Daniel Mason und Catherine Nixey übersetzt. Er übersetzte ausserdem bereits «Der Gott des Waldes» von Liz Moore.
Mit ihrer poetischen Prosa greift Yade Yasemin Önder in «Anti Müller» tief in die Grube der Geschlechter-Stereotypen. Doch daraus folgt eine ambivalente Auseinandersetzung mit dem Frausein, dem Schreiben und wie die Männer da herumgeistern.
Heimgesucht und Heim suchend Gastrezension: Elena Gotti wurde 2001 in Basel geboren und studiert zurzeit Deutsche und Englische Literaturwissenschaften im Master an der Universität Basel.
Bei Yade Yasemin Önders spukt es: Der Schriftsteller-Ex-Freund Kar, das Sprachrohr der Diaspora, hat nach sechs Jahren Beziehung den Schlussstrich gezogen. Mit 36, ohne Name, dafür aber mit Schreibblockade muss die verlassene Protagonistin in «Anti Müller» nun einen Weg finden, das Gespenst zu verbannen und weiterzuschreiben. Doch ihr brennender Kinderwunsch zwingt sie, sich erneut in die Dating-Szene zu wagen.
Das Anti-Müller-Hormon, verantwortlich für die Regulierung der weiblichen Eizellen, widerspiegelt bereits im Titel die Besessenheit der Protagonistin mit ihrer tickenden biologischen Uhr. Mit «Andi Müller», 36, Artist, Actor, Twins, alles kann, nichts muss, 1 km entfernt, möchte sie nun einen neuen Versuch starten, ihr Familienglück zu finden. Die Namensähnlichkeit ist selbstverständlich kein Zufall, doch Andi ist auch konventionell „anti“: Er vereint alle Klischees eines performativen Künstlers in einer Person. Sein Charakter ist insofern gelungen, als man seine Auftritte im Roman mit grosser Abneigung liest, wobei dies mit ein oder zwei stereotypischen Zügen weniger ebenfalls funktioniert hätte und Andi als Charakter dann ausgereifter und weniger symbolisch gewesen wäre. Für die Möglichkeit, ihren Kinderwunsch erfüllen zu können, erträgt die Protagonistin allerdings ihn und mehr. Frauen überall erschaudern und verbünden sich in weiblicher Solidarität gegen heuchlerischen Feminismus, falsche Versprechungen und die Weigerung, sich festzulegen. Gerade durch ihre Namenlosigkeit ist die Protagonistin zugleich eine und alle: Sie ist als Figur im Roman individuell ausgefeilt, doch die geläufigen Männerkomplikationen vereinfachen ein kollektives Hineinversetzen und Wiedererleben eigener Dating-Traumata. Önder benötigt daher eine gute Portion Humor und Zynismus, damit ihre Figur und die Leserschaft nicht allzu geschädigt durch die erste Hälfte des Buches kommen.
Yade Yasemin Önder «Anti Müller», park X ullstein, 2026, 240 Seiten, ISBN 978-3-843-73772-2
Die grosse Stärke des Romans liegt im Versuch der Protagonistin, ihre eigene literarische Stimme wiederzufinden. Als selbst Schreibende eröffnet sie eine Metadimension, in der sich nicht nur ihr fiktiver autofiktionaler Text reflektiert, sondern auch Önder ihr eigenes Schreiben und den Verlauf von Anti Müller hinterfragen kann: Was ich weiß: Vor normalen Sätzen muss man sich hüten. Wehe den glatt polierten Gedanken der Gegenwartsliteratur, die einen schon auf den ersten Seiten in das Buch rutschen lassen. Der Text wird Seite um Seite (re)konstruiert und die Grenze zwischen den Autorinnen verschwimmt. Denn wer schreiben darf oder soll, über was und vor allem aber wie geschrieben werden soll, sind nicht nur Fragen, die die Protagonistin zu beantworten sucht, sondern auch Önder selbst: Wenn etwas nicht einfach erzählt werden kann, muss es mehrfach erzählt werden. Es also doppelt erzählen. In dieser Doppelstruktur beweist Önder auch in ihrem zweiten Werk ihr Sprachtalent und lässt ihre Protagonistin nicht mehr nur als Geist in ihrem Leben und Schreiben herumspuken, sondern sich einen Platz in der doch immer noch männlich (von Ex-Freund Kar) dominierten Literaturlandschaft aushandeln.
Das reflexive Schreiben und die vielfältige stilistische Variation von «Anti Müller» bilden sodann das Gerüst für die zunehmend aus den Fugen geratene Handlung. Önders Protagonistin verfällt in eine Obsession, möchte zur Not mit Gewalt ein Kind bekommen. Stalking, Lügen über Verhütung bis hin zur sexuellen Ausnutzung und Selbstverstümmelung: Wie weit soll Frau gehen, um sich ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen?
Durch ihre zahlreichen Grenzüberschreitungen sich selbst und anderen gegenüber mutiert die Protagonistin vom Opfer einer Männerkultur, die sich aus allen Verpflichtungen windet, zur Täterin. Die Erwartungen und die Gewalt der patriarchalen Gesellschaft finden ihre Verinnerlichung sowie ihren Austragungsort im Charakter und im Körper der Protagonistin, womit Önder Sympathie und Mitleid, aber auch Entsetzen und Grauen auslöst.
Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Yade Yasemin Önders Theaterstück «Kartonage» wurde 2017 zu den Autor*innentheatertagen Berlin eingeladen und am Wiener Burgtheater uraufgeführt. 2018 erhielt sie den Hauptpreis für Prosa beim open mike. Ihr Debütroman «Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron» (2022) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den ZDF-aspekte-Literaturpreis. 2023 erhielt sie das Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds. 2024 erschien der Kollektivroman «Wir kommen», dessen Mitautorin sie ist.
Was ist Familie? Was passiert, wenn der Stern, um den die Planeten drehen, implodiert? Angelika Klüssendorf erkundet die feinen Risse, die zu Eruptionen werden, in einer Gegenwart, die in ihren Grundfesten erschüttert wird. Ihr neuer Roman „Trost“ hat die Kraft eines Tiefenbebens.
Rita wohnt allein. Nur zwischendurch lebt Joachim bei ihr, wenn er nicht in seiner Wohnung in Berlin ist. Ruth ist nach den Besuchen von Joachim gerne allein, gerne wieder allein, schon seit Jahren. Joachim und Ruth sind schon ein Jahrzehnt ein Paar, auch wenn beiden nicht so ganz klar zu sein scheint, was sie in der Beziehung hält. Gewohnheit? Die Angst vor dem Alleinsein? Vielleicht ist es für Rita Joachims Tochter Jane, mit der sie schon von Beginn weg eine seltsame Nähe verbindet. Jane steht kurz vor dem Abitur. Und weil alles, nicht nur die Familie, auch die Nachwirkungen der Pandemie und der angezettelte Krieg Russlands gegen die Ukraine, die junge Frau bis ins Mark erschüttert, wird die Frau an der Seite ihres Vaters zu einem Fixstern in ihrem Leben, das Haus zu einem Zuhause. Ihre Mutter, von der sich ihr Vater vor Jahren trennte, bei der sie noch immer morgens das Bett verlässt, um jeden Morgen der Einöde zu entfliehen, entfremdet sich ihr immer mehr, sinkt ab im Sofa für dem Fernseher. Ihr Halbbruder Eric, Vater geworden, verliert sich in der haltlosen Liebe zu einer Frau und ihre Freundin Lea, die einzige, der sie sich wirklich anvertrauen will, verliert sich hinter einem schweren Vorhang des Schweigens.
Und als Rita eines Morgens in ihrem Garten zusammenbricht und im Krankenhaus nicht mehr aus einem Koma erwacht, beginnt für Jane eine Zeit, die sie schmerzhaft in die Autonomie zwingt, ins Erwachsensein, in die Ernüchterung darüber, das die Welt sich nicht nach ihren Bedürfnissen dreht.
Angelika Klüssendorf «Trost», Piper, 2026, 208 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-492-07267-0
Jane besucht Rita regelmässig im Krankenhaus, die Frau, die nicht nur die Lebensgefährtin ihres Vaters wurde, sondern ihre Vertraute. Während ihr ihre Mutter mehr und mehr peinlich wird, gab ihr die Frau, die verloren im Krankenbett liegt, Sicherheit, erklärte ihr manchmal gar die Welt. Ritas Haus, ihr Garten, die Hühner, alles schien zu einem letzten Platz der Ordung zu werden. Bis ein Insekt Rita niederstreckte.
Joachim, Janes Vater, schwankt. Rita hat ihm in den letzten Jahren das noch einmal zurückgegeben, was er verloren glaubte. Aber statt sich um das Schicksal Ritas zu kömmern, kümmert er sich erstmal um sich selbst, seine Verlorenheit, seine emotionale Unterzuckerung, sein Elend, einmal mehr der Verlassene zu sein. Da kommt die Schwester von Ritas Nachbarn gerade recht. Man freundet sich an und mit einmal ist das Glück zurück, während Ritas Zustand im Krankenhaus medizinisch für hoffnungslos erklärt wird. Jane versteht ihren Vater ebenso wenig wie ihre Mutter. Aber noch viel weniger sich selbst.
Dieses Gewirr aus familiären und freundschaftlichen Banden, die sich aber nicht als das erweisem, was sie sein sollten, dröselt Angelika Klüssendorf gekonnt, aber auch schonungslos auf. Konsequent aus der Sicht von Vater und Tochter, Joachim und Jane erzählt, schildert Angelika Klüssendorf die komplexe Spiegelung zweier Welten, die sich aneinander reiben, zweier Wirklichkeiten, die unaufhaltsam auf die Konfrontation zusteuern, eines Kleinkosmos, der unaufhaltsam zu eiern beginnt, das schonungslose Abbild einer „modernen“ Familie, die sich der Fremdeinwirkung nicht entziehen kann.
Rita war bis zu ihrem Zustand im Koma, Kinderbuchautorin. Eine Frau, die es nie ganz schaffte, die zu sein oder zu werden, die sie gerne geworden wäre. Zuviele Existenzen um sie herum zerrten an ihr, nicht zuletzt immer und immer wieder die falschen Männer. Im ersten Kapitel, im einzigen aus der Sicht von Rita geschildert, manifestiert sich eine festgefahrene, in vielen Bereichen vergiftete Beziehung, vielmehr ein Zustand als eine Beziehung. Nach all den Romanen Angelika Klüssendorfs ein weiterer, der schonungslos zeigt, wie romantisiert und verklärt der Begriff „Familie“ ist. „Trost“ ist ein starkes Stück!
Interview
Liegt im Titel ihres Romans das Vertrauen, dass sich das mitunter wirre Gefüge der Gegenwart doch noch irgendwann und irgendwie klärt? Weder Rita, noch Jane oder Joachim sind dort, wo sie sich hinwünschen, höchstens für kurze Momente. Findet man Trost im Zurückschauen, in der Analyse, im Reflektieren? Ist nicht genau die Schriftstellerei ein Bedürfnis nach Trost? Das Buch trägt den Titel «Trost». Wer es ließt, kann darin durchaus Trost finden und ich selbst finde manchmal in meiner Arbeit Trost. Vor allem aber in der Natur. Sie ist einfach da, bewertet nicht, zeigt sich nur und wird uns hoffentlich überdauern.
Alle Beziehungen in diesem familiären oder ausserfamiliären Geflecht sind beschädigt. Was Beziehungen letztlich immer sind. Ausgerechnet jene von Rita und Jane, die sich nicht ausgesucht haben, behält sich ein grosses Stück Vertrauen und Offenheit. Und ausgerechnet diese Beziehung wird durch einen allergischen Schock und das andauernde Koma auf eine harte Probe gestellt. Warum werden wir uns der Bedeutung einer Beziehung sehr oft erst dann bewusst, wenn sie unwiederbringlich zu Ende ist? Ja, in der Rückschau wird uns vielleicht klar, was wir verloren haben: unsere Kindheit, unsere Jugend, und schließlich unser Leben. Doch als Schriftstellerin kann ich mich erinnern, was durchaus schmerzhaft ist, aber letztlich ist Erinnern unsere Identität.
Jane wird nicht nur mit dem Koma ihrer Stiefmutter in die Wirklichkeit hineingerissen. Die Wirklichkeit zwingt sie zur Autonomie. Sei es die Wirklichkeit in ihrer Familie, jene in den Auswirkungen der Pandemie oder im Umgang mit den Folgen eines Krieges, der Flüchtende bis in ihre Stadt spült. Aber Jane nimmt den Kampf mit sich auf. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, ihrem Halbbruder oder in grossen Teilen zu ihrem Vater. Sind wir letztlich immer allein? Ja. Das klopfende Herz und ich. Doch auch hier wieder ein unendlicher Kosmos um uns herum.
Jane und Joachim ringen. Die Art, wie sie es tun, reibt während des Lesens. Bei Jane ist es die Wut, bei Joachim seine Ergebenheit. Beides Charaktereigenschaften, die eine positive Entwicklung erschweren. Ist das Schreiben ihr Versuch, zwischen all den Reibungen aufrecht zu bleiben? Ihrem Teil Wut oder Ergebenheit entgegenzutreten? Im Schreiben fühle ich mich zu Hause. Ich betrete darin die mir einzig verlässliche Welt. Und ich bin sehr froh, diesen Beruf ausüben so können. Denn dort bin ich eben nicht allein.
Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet. Die französische Übersetzung ihres Romans „Vierunddreißigster September“ stand auf der Longlist des Prix Femina 2022. Ihr Roman „Risse“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 nominiert.
Elisa Shua Dusapin ist eine Autorin der leisen Töne. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist der Roman einer Familie, die das Schicksal zerriss und zwei Schwestern nach 15 Jahren Trennung wieder zusammenführt. Ein feinfühliges Kammerspiel sich reibender Existenzen.
Elisa Shua Dusapin faszinierte mich schon vor zehn Jahren mit ihrem literarischen Debüt „Winter in Sokcho“. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist ihr vierter Roman und setzt fort, was Elisa Shua Dusapin seit ihrem Debüt meisterhaft zu inszenieren weiss; ihr Roman besticht durch das, was er nicht direkt erzählt, durch die Leerstellen und Schattenwürfe, mit denen er die Szenerie in eigenartiger Schwebe lässt. Elisa Shua Dusapin geht es nicht um Auflösung, nicht um Klärung. Vieles bleibt angetönt, verborgen. Ihr Roman ist ein Spiegel des echten Lebens, in dem auch vieles unausgesprochen, im Dunkeln, verborgen bleibt, erst recht im Trümmerfeld einer zerbrochenen Familie.
Elisa Shua Dusapin «Damals waren wir unzertrennlich», Kein & Aber, 2025, aus dem Französischen von Andreas Jandl, 144 Seiten, CHF ca. 29.00, ISBN 978-3-0369-5075-4
Agathe kehrt nach vielen Jahren zurück nach Frankreich. Nicht um dort zu bleiben, sondern um ihrer Schwester, die sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte, bei der Auflösung eines Hausstandes zu helfen. Ihr Vater starb. Das Haus soll leer werden. Alles muss weg. Die Spuren einstiger Gemeinsamheiten löschen. Agathe und ihre jüngere Schwester Véra hatten seit ihrer Trennung jeden Kontakt vermieden. Und nun leben sie für neun Novembertage zusammen im Haus ihrer gemeinsamen Kindheit, im Haus, in dem Véra damals mit sechs Jahren, aufhörte zu sprechen, im Haus, aus dem ihre Mutter weggegangen war, im Haus, in dem Agathe die Stimme ihrer kleineren Schwester wurde, aus dem auch Agathe ausgebrochen war und die jüngere Schwester sich selbst überliess.
Im Haus soll nichts zurückbleiben, es soll abgebrochen werden. Agathe und Véra nisten sich in den Hinterlassenschaften ihres Vaters ein, schlafen im Zimmer ihrer Kindheit, in einem Stockbett, nach Jahren maximaler Distanz für neuen Tage wieder ganz nah, unmittelbar. Véra, die damals zuhause und in der Schule Agathes Schutz brauchte, ist eine resolute Frau geworden, auch wenn sie noch immer nicht spricht. Sie packen ein, räumen auf, nehmen Dinge in die Hand, das, was von der Familie, der zerrütteten Ehe ihrer Eltern, vom Leben ihres immer schwächer gewordenen Vaters übrig geblieben ist, was sich wie Sedimentschichten im Haus absetzte.
Was zwischen den beiden geschieht, bleibt reduziert. Agathe verliess noch jung das Haus der Familie in die USA und kehrte nicht zurück, fand ihr eigenes Leben, wurde als Drehbuchautorin erfolgreich. Das Leben, das in den neun Tagen tropft, ist ein eigenartiger Kontrast zum Stress ihres Lebens auf der anderen Seite des Ozeans, ihrem Leben als Autorin, dem Beziehungsstress mit Irvin. Aber weil sie weiss, dass sich ihre Wege nach diesen Tagen wieder trennen werden, bleibt der Monolith aus Unausgesprochenem über ihnen in der Schwebe.
Ein schmaler Roman, fast wie eine literarische Skizze. Elisa Shua Dusapin zeichnet ein Buch lang mit feinem Strich und dezenten Farben. Nichts Reisserisches, dafür mit Anmut erzählt und grossem Respekt vor der Verletzlichkeit der Protagonistinnen.
Elisa Shua Dusapin wurde 1992 in Sarlat-la-Canéda (Frankreich) als Tochter eines französischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter geboren und wuchs zwischen Paris, Seoul und Porrentruy (Schweiz) auf. Sie hat am Literaturinstitut in Biel studiert und erhielt für ihren Debütroman «Winter in Sokcho» zahlreiche Preise, darunter den Robert-Walser-Preis sowie den National Book Award für Übersetzungen. Der Roman wurde verfilmt und an zahlreichen Festivals gezeigt. Ihre insgesamt vier Romane wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt.
Andreas Jandl übersetzt aus dem Französischen und Englischen, vor allem Belletristik und Dramatik. Für seine Arbeit wurde er 2017 mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis (zusammen mit Frank Sievers) und 2021 mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.
Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.
Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.
Eine Mutter ist, was man nicht loswird.
Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0
Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.
Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.
Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.
Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.
Ich war ein Problem.
Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!
Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».
Eigentlich unerträglich, wovon Kamel Daoud in seinem dritten Roman „Huris“ schreibt. Eine als Kind von Terroristen entstellte Frau kämpft sich durch die Wirren eines zerrissenen Landes, im Ungewissen darüber, ob sie das Kind, mit dem sie schwanger ist, lebend zur Welt bringen soll. Und doch ist „Huris“ notwendig, wichtig und ein episches Lied auf das Leben.
Es gibt Bücher, die ich nicht geniessen kann, die ich aber trotzdem zu Ende lesen muss. „Huris“ von Kamel Daoud, den man 2023 dauerhaft wegen regimekritischer Äusserungen ins Exil zwang, ist eine romanlange Kampfansage gegen eine menschenfeindliche Gesellschaft, gegen die Unfähigkeit, dem Gräuel, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, dass ein Land zwischen religiösem und ideologischem Extremismus zerrieben wird. Nachdem Algerien seine Unabhängigkeit von Frankreich schon mit einem grossen Blutzoll zu bezahlen hatte, stürzten Fehden, Bürgerkrieg, Auseinandersetzungen zwischen Militär und Islamismus das Land zwischen 1992 und 2002 in einen Bürgerkrieg, ein Schlachten und Morden, das bis in die Gegenwart nachwirkt. Kamel Daoud schont sein Heimatland nicht, setzt ihm einen brutal ehrlichen Spiegel entgegen. So ehrlich, dass es für den Schriftsteller unmöglich geworden ist, in sein Heimatland zurückzukehren. Schon gar nicht nach der Veröffentlichung dieses Romans.
Aube (Morgenröte) ist eine junge schwangere Frau. Aber eine Frau, die hadert, die allen Grund hat, zu hadern. Als sie fünf Jahre alt war, überfielen islamistische Terroristen ihre Familie, massakrierten ihre Schwester, schnitten auch ihr die Kehle durch, liessen sie in ihrem Blut liegen. Aube überlebte, gezeichnet mit einer Narbe von einem Ohr zum anderen, dem Verlust ihrer Stimme und einer Kanüle, die ihr aus dem Hals ragt, einer Entstellung, die den Menschen den Atem nimmt, einer Narbe, die sie für immer gebrandmarkt zurücklässt. Von der Gesellschaft als Hure beschimpft, schwanger mit einem Kind, von dem sie nicht weiss, ob ein Leben in ihrer Welt lebenswert ist, hadert Aube mit ihrem Schicksal, mit dem Schicksal aller Frauen, mit dem Schicksal ihres Landes.
Kamel Daoud «Huris», Matthes & Seitz, 2025, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, 398 Seiten, CHF ca. 35.60, ISBN 978-3-7518-1031-9
Trotz allem hat es Aube geschafft, einen Friseursalon zu eröffnen, aber ausgerechnet gegenüber einer Moschee. Es entsteht ein Kleinkrieg über die Strasse, eine aussichtlose Auseinandersetzung zwischen frauenfeindlicher Ideologie und dem unzähmbaren Wunsch, ein freies Individuum zu sein. Als man ihren Salon zerstört und sich nichts und niemand gegen diesen Akt aufzubegehren traut, macht sich Aube auf den Weg zurück zu ihrem Heimatdorf, zurück in ihre Geschichte, zurück zu jenem Moment, als Willkür und Fanatismus ihr die Stimme raubte und beinahe das Leben kostete. Aber Aube ergeht es auch auf der Strasse nicht besser. Sie wird geschändet, von der Polizei verhöhnt, im Stich gelassen. Ein Mann nimmt sie mit, ein zum Buchlieferanten degradierter Verleger, der sie in seinem Auto mit seiner eigenen Geschichte zutextet, der Geschichte eines Mannes, der alles verloren hat, ein Mann, der ein seltsames Archiv in seinem Kopf mit sich trägt. Jede Zahl, die man ihm nennt, ist ein Denk- und Mahnmal für ein Massaker, ein unnötiges, nicht gesühntes Verbrechen. Er erinnert sich an das, was man am liebsten leugnen und vergessen möchte.
„Huris“ ist ein Monolog mit einem ungeborenen Kind. Die Geschichte einer Frau, der man das Gesicht genommen hat, die man schändet und für immer zeichnet. Die man alleine, sich selbst überlässt. Der Vater des Ungeborenen ist einer jener, der auf einem Boot übers Mittelmeer einen Platz erkauft hatte. „Huris“ beschreibt das Schicksal all jener Frauen, die nie eine Stimme bekamen, die männlicher Gewalt rechtlos gegenüberstehen, weit weg von Gleichberechtigung, weit weg von einem Recht auf Leben und Freiheit. „Huris“ ist schonungslos offen und ehrlich, strotzend vor Kraft und Intensität, faszinierend in seiner Erzählweise, einem gesangsähnlichen Erzählton. Ein Lied auf den Trost, eine hymnische Anklage auf grassierendes Unrecht. Manchmal unerträglich, trotzdem unsäglich wichtig!
Kamel Daoud, 1970 in Mostaganem, Algerien, geboren, arbeitete lange Zeit als Journalist für Zeitungen wie den Quotidien d’Oran und andere. Nachdem er 2014 in Algerien für seine kritischen Artikel bedroht wurde, ging Daoud ins Exil nach Frankreich und widmete sich der Literatur. Für seinen ersten Roman «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» wurde er von der Kritik gefeiert und unter anderem mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. «Huris» ist sein neuer Roman mit dem er den Prix Goncourt gewann.
Holger Fock und Sabine Müller übersetzen seit 30 Jahren Belletristik und Sachbücher u. a. von Patrick Deville, Mathias Énard, Alain Mabanckou, Olivier Rolin, Mohamed Mbougar Sarr, Cécile Wajsbrot und Antoine Volodine. Für ihre Übersetzungen erhielten sie viele Auszeichnungen, darunter 2011 den Eugen-Helmlé-Preis, 2023 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.
Eine junge Frau zieht aus der Enge ihrer Heimat im Veltlin in die grosse Stadt am See in der Deutschschweiz. Es prallen Welten aufeinder, offenbare und verschlossene. Anna Ruchat, Übersetzerin und Autorin von Erzählungen schreibt sich mit zarter Feder in ihrem ersten Roman in grosse Themen.
Was ist Familie? Was bleibt von Familie, wenn das diffizile Gebilde zu bröckeln beginnt? Wie verhalten sich Heimatgefühle und Familie? Eine junge Frau spürt in der Fremde, dass das Bild, das sie sich ihr junges Leben lang von Familie machte, derart heftigen Störungen ausgesetzt wird, dass sie Jahrzehnte braucht, um den inneren Stürmen das Nötige entgegenzusetzen.
Teresa hat in Zürich eine Stelle als Kindermädchen in einer gut situierten Familie mir zwei kleinen Kindern erhalten. Sie weiss ganz genau, dass ihre Zukunft vorhersehbar ist, wenn sie im Dorf im norditalienischen Veltlin bleibt, dass ihr diese Stelle nicht nur eine Chance gibt, sich in der Fremde eine Tür zur Freiheit aufzutun, eine Sprache zu erlernen, sondern ihrem Traum von Selbstbestimmung einen grossen Schritt näher zu kommen. Sie begleitet Pietro und Giovanni in den italienischen Kindergarten, holt sie ab, spielt mit ihnen, macht sich nützlich in der Küche und im Haushalt, bringt die Kinder ins Bett und hat da zu sein, wenn die Eltern der Kinder Gäste haben oder den Abend ausser Haus verbringen. Er ist Psychiater mit Praxis im Haus, sie ist Archäologin, beide oft auch für mehrer Tage unterwegs. Teresa macht ihre Arbeit gerne, die Kinder wachsen ihr schnell ans Herz, auch wenn sich nicht beide Kinder in der gleichen Weise annähern. Auch wenn Teresa von den Betreuerinnen im Kindergarten immer wieder einmal zur Seite genommen wird, weil sich auffälliges Verhalten des einen Jungen häuft, weil weder Mutter noch Vater dazu zu bewegen sind, über die Probleme ihrer Kinder sprechen zu wollen. Und weil da noch eine Tochter ist, schon ausgezogen, Esther, von der man kaum spricht, die sich wie ein Geist in die Geschicke der Familie mischt.
Anne Ruchat «Vertaute Gespenster», Limmat, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Sauser, 208 Seiten, ISBN 978-3-03926-105-5
Teresa geniesst die freie Zeit in der Stadt, macht sich fremdes Leben zu eigen, auch wenn sie zuweilen das Heimweh plagt. Erst recht, als Teresa zum ersten Mal nach Monaten nach Hause fährt und feststellen muss, dass das Gefüge zuhause mit einem Mal Risse bekommt. Ein strenger Vater, eine ergebene Mutter, Geschwister, die ihre Rolle innerhalb der Familie ebenso wenig hinterfragen wie ihre Eltern. In Teresa beginnt ein Kampf, nicht zuletzt, weil sie innerhalb ihrer Gastfamilie immer mehr in eine Situation gedrängt wird, die sie zum Handeln zwingt, die es ihr immer unmöglicher macht, tatenlos, neutral zuzuschauen. Warum streiten sich ihre Gasteltern so sehr? Warum ist die Situation in dieser Vorzeigefamilie so unterkühlt? Warum scheint es für diese eine Tochter aus erster Ehe der Gastmutter keinen Paltz zu geben? Warum scheinen sich Esther, die kaum je anwesende Tochter, und ihr Stiefvater förmlich abzustossen?
Der zweite Teil des Buches unter dem Titel „Verzweigungen“ (der erste Teil ist mit „Prägungen“ getitelt) erzählt die Geschichte einige Jahre später. Nach einer offenen Auseinandersetzung mit der Gastfamilie ist Teresa ausgezogen, in der Deutschweiz geblieben und hat mit einem Tischler eine Familie gegründet. Esther, die verlorene Tochter, ist zu einer Freundin geworden. Maria, die ehemalige Gastmutter, ist krank, genauso wie Bruno, ihr Mann, Esthers Stiefvater. Im Gegensatz zum ersten Teil, in dem hauptsächlich aus Teresas Sicht erzählt wird, erzählt Anna Ruchat hier aus der Sicht aller Familienmitglieder ihrer einstigen Anstellung. Mehr und mehr entblättert sich das brüchige Gefüge einer Familie, die zweischen Erwartungen, Karriere und Verdrängungen zu einem Trümmerfeld geworden ist. – Und zwischen alledem jene Geheimnisse, die die Gegenwart vergiften.
Anna Ruchat ist ein feinsinniger, einfühlsamer Roman gelungen, vielstimmig und mutig. Der Roman hat nicht die Absicht, alles auszuleuchten. Der Roman hat auch nicht die Absicht, mich mit Dramatik an der Stange zu halten. Es sind sie seismologischen Beschreibungen eines Gefüges, das beispielhaft ist für ein Fundament der Gesellschaft, das sich im Umbruch befindet.
Anna Ruchat, 1959 in Zürich geboren, im Tessin und in Rom aufgewachsen, studierte Philosophie und deutsche Literatur in Pavia und Zürich. Langjährige Tätigkeit als Übersetzerin u. a. von Thomas Bernhard, Paul Celan, Nelly Sachs, Friedrich Dürrenmatt, Viktor Klemperer, Mariella Mehr, Kathrin Schmidt und Norbert Gstrein. Für ihr Erzähldebut «Die beiden Türen der Welt» erhielt sie in Italien den Publikumspreis Premio Chiara und in der Schweiz den Schillerpreis. 2019 wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.
Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, lebt in Bellinzona. Studium der Slawistik und Musikwissenschaft in Fribourg. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Französischen, Russischen und Polnischen.
Alva ist Mutter zweier Kinder zweier Väter. Alva steigt auf einen Berg, den Calanda, den Churer Hausberg, im Nordwesten der Stadt. Sie braucht den Weg hinauf für eine Antwort. Sie braucht den Weg hinauf, um über die Ränder zu blicken. „Calanda oder Alvas Antwort“ ist der Weg hinaus aus beissenden Fragen.
Dieser Roman ist nach „Ein Winter in Istanbul“ und „Unschärfen der Liebe“ der letzte einer Graubünden-Istanbul-Trilogie. Romane, die thematisch zusammengehören, die man aber unabhängig voneinander lesen kann. Angelika Overath, Wahlengadinerin, kennt beide Landschaften wie ihre Westentasche. Zum einen weil sie in der Stadt am Bospurus mehrfach lange schrieb, zum andern weil sie eine der SchriftstellerInnen ist, für die die Recherche fester und unausweichlicher Bestandteil des Schreibens ist. Eine Recherche, die in ihren Büchern nicht mehr zu spüren ist. Eine Recherche, die der Autorin jene Trittsicherheit gibt, die ihr beim Schreiben eigen ist.
Sie wusste nicht genau, warum sie es jetzt tat. Manches weiss man nicht, auch wenn man es weiss.
Alva schleppt eine Diagnose mit sich, eine Diagnose, von der sie noch niemandem in ihrem Umfeld erzählt hat. Eine Diagnose, von der sie weiss, dass der Tod schon nach wenigen Jahren unausweichlich sein wird, dass sie ihre beiden Kinder viel zu früh zurücklassen muss. Sie steigt auf den Berg, wie sie es schon früher tat, mit Cla, dem Vater von Florinda und Baran, dem Vater von Mavi. Damals, als sie auf dem Weg hinauf zum Calanda Holz unterwegs einsammelten, auf dem Berg aus Steinen einen Windfang bauten, am kleinen Feuer ihr Abendbrot verzehrten und nebeneinander in ihren Schlafsäcken die Nacht im Freien verbrachten. Als alles noch offen war. Als Cla noch der war, mit dem eine Zukunft offenstand. Als ihr am nächsten Morgen, als sie auf die beiden schlafenden Männer sah, klar wurde, dass da zwischen den beiden mehr war als eine Männerfreundschaft.
Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87786-0
Alva muss sich in Bewegung setzen, verlässt in aller Frühe das Haus, um mit dem Marschieren eine Antwort zu finden. Auf all die brennenden Fragen, die sich mit der Diagnose ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) nicht mehr in die Zukunft schieben lassen. ALS ist eine tödliche Muskelkrankheit, die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark zerstört. Eine Krankheit, die nicht aufzuhalten ist, eine Krankheit, die sie bewegungsunfähig machen, die die Atmung lähmen wird. Alva muss sich mit dem Gang hinauf Luft verschaffen, auf die Frage eine Anwort bekommen, ob es Sinn macht, ein solches Leben weiterzuführen oder irgendwo hinauf zum Calanda oder auf dem Weg zurück einen Ausrutscher zu provozieren.
Als sie Baran in Istanbul kennenlernte, war sie mit Cla schon 10 Jahre zusammen. Cla Mitte vierzig und sie noch eine junge Frau. Sie war damals schon nach Istanbul gereist, hatte sich aufgemacht, um Antworten zu finden, hatte Cla in Istanbul besucht, um ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Antworten, wie es weitergehen sollte, denn Cla hatte nicht wie erhofft auf die Vaterschaft reagiert. Statt dessen lernte sie Baran, Clas Freund kennen. ALS wird ihr den Atem rauben.
Alva lebt sterbend. Im Grunde tun das ja alle.
Auf dem Weg hinauf zum Berg ziehen Erinnerungen an ihr vorbei. Erinnerungen an ihre Herkunft, an ihre aus Schlesien stammende Grossmutter, die Geschichte ihrer Flucht und Vertreibung, an ihre Mutter, die Begegnungen mit den beiden Männern ihres Lebens. Angelika Overath schildert das Aufsteigen mit vielen Beschreibungen der Natur, Nahaufnahmen, dem Bewusstsein, dass man Antworten erst dann findet, wenn der direkte Fokus auf die Frage genommen wird, wenn Perspektiven dazukommen, wenn einem bewusst wird, dass man Teil eines ganz Grossen ist. Jene so wichtigen Anworten holt man sich nicht, sie werden einem geschenkt.
„Calanda oder Alvas Anwort“ ist ein ganz zarter Roman.
Interview
Alle, die wandern und dabei einen Hügel, einen Bergkamm oder gar eine Bergspitze erreichen, wissen von dem Gefühl, das einen unweigerlich einnimmt, wenn man es geschafft hat und den Blick schweifen lässt. Man steht darüber. Nicht nur über der Landschaft, irgendwie auch über den Dingen, die einen sonst mit aller Kraft am Boden fesseln. Alva hat mit sich und ihrer Diagnose zu kämpfen. Mit dem, wie sie den Rest ihrer Zukunft sieht, das langsame Sterben, mit dem, was sie zurücklassen muss. Dass einem das Gehen Klarheit verschafft, erfährt man schon, wenn man im Gehen Probleme diskutiert. Weil es eine Form des Aufbrechens, weil es Bewegung, weil es Dynamik ist. Auch in Alva bricht vieles auf, vermischt sich mit Erinnerung. Wieviel Gehen ist Schreiben?
Wandern wie Schreiben haben beide mit dem Erinnern zu tun. Im Gehen kommen erlebte Szenen unwillkürlich zurück, Gedanken bilden sich, führen zu neuen Bildern. Das ist auch beim Schreiben so. Erinnerungen stossen Gedanken an, Gedanken führen zu Bildern, zu Szenen. Beim Wandern wie beim Schreiben ist eine gewisse Ich-Abwesenheit oder Ich-Leere prägend. Ich sage manchmal, die Sprache schreibt mit. Ein guter Text ergibt sich nicht allein durch die rationale Strategie. Er braucht auch ein gewisses Mass an Zulassen. Beim Wandern vergessen wir uns ja auch, wir setzen Schritt vor Schritt, atmen. Und in dieser Selbstvergessenheit wächst etwas in uns. Beim Schreiben kommt dann der Prozess des Korrigierens. Der ist wichtig. Aber der Stoff hat auch mit dem Unbewussten zu tun. Kreativität ist nie nur reines Kalkül.
Ihrem Roman ist ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska (1923 – 2012) vorangestellt: «Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. // Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern». Wie leicht vergessen wir mit unserer Sicht auf Dinge und Zustände die eigentlichen Wunder. Alvas Sorgen drohen alles zuzudecken, zu vergiften, nicht zuletzt die Liebe in ihrer Familie. Das Zitat nimmt aber auch Bezug zu Alvas Grossmutter, einer Vertriebenen, die zu Lebzeiten mit Apfelkernen Halsketten auffädelte. Eine Geste der Einfachheit, eine Geste der Naturverbundenheit, eine Geste, die sich tief in Alvas Bewusstsein eingegraben hat. Sind sie dort oben in Sent, im Engadin, wo sie zusammen mit ihrem Mann leben und arbeiten, tiefer als im deutschen „Unterland“, anders der Natur, dem Leben ausgesetzt?
Wir leben in den Bergen und mit den Bergen. Wir schauen auf Gesteinsformationen, die vor uns da waren und die nach uns da sein werden. Wir leben mit der atemberaubenden Schönheit von Schneegipfeln, von hüfthohen Blumenwiesen und unter einem Himmel, der oft so tiefblau ist, dass er schon wieder erschreckt. Wenn ich am Schreibtisch nicht weiterkomme, gehe ich hinaus. In wenigen Schritten bin ich am östlichen Dorfrand. Dort beginnt ein Rundweg durch Wiesen und Felder von etwa einer Stunde. Ich kann ihn verlängern und noch ein Stück weiter durch den Wald gehen. Meist fällt mir beim Laufen ein, wie es am Schreibtisch weitergeht. Einfach weil ich loslasse und nicht bewusst an den Text denke. Ich laufe, pflücke vielleicht Blumen und dann kommen, wenn ich alles vergessen habe, die Ideen.
Nebst der Auseinandersetzung mit einer niederschmetternden Diagnose ist ihr Roman auch eine Auseinandersetzung mit fixen Vorstellungen von Ehe, Familie und Partnerschaft. Passiert tatsächlich eine Aufweichung oder ist das, was wir in gewissen Kreisen feststellen, nicht bereits eine Gegenbewegung?
«Calanda oder Alvas Antwort» ist nach «Ein Winter in Istanbul» und «Unschärfen der Liebe» der abschliessende Teil meiner Istanbul-Trilogie. Am Anfang war keine Trilogie geplant, sondern nur der erste Teil. Ich war Stipendiatin in Istanbul für fast ein Jahr. Immer wollte ich etwas über Nikolaus von Cues, Cusanus, den mittelalterlichen Universalgelehrten, schreiben. Cusanus war ein früher Lessing, für den der Toleranz-Gedanke prägend war. Er hat in Istanbul bzw. dem damaligen Konstantinopel mit den Dominikanern den Koran diskutiert! Ich finde seine Prosa wunderbar. Er sagt zum Beispiel, wenn sich ein Löwe einen Gott vorstellen würde, hätte der Gott ein löwenähnliches Antlitz, wenn sich ein Adler einen Gott vorstellen würde, dann ein adlerähnliches. Für ihn ist Gott vom Menschen nicht begreifbar. Menschliches Denken und Empfinden kann sich immer nur annähern. Je mehr der Mensch Gott fassen möchte, umso mehr wird sich Gott dem Menschen entziehen.Als ich in Istanbul mehr oder minder zufällig erfuhr, dass Cusanus im Winter 1437/38 den byzantinischen Kaiser und das Oberhaupt der orthodoxen Kirche auf Galeeren von Konstantinopel nach Venedig begleitet hat – es sollte in Italien ein Konzil geben, auf dem sich die Ostkirche wieder mit der Westkirche versöhnen sollte – da hatte ich den Kern meines Romans. Und da es keine Religionstoleranz ohne die Toleranz in geschlechtlichen Dingen gibt, erfand ich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern dazu. Cla, der Engadiner Lehrer, und Baran, der Lebenskünstler mit griechischen und türkischen Wurzeln, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Alva, die Verlobte von Cla, akzeptiert diese Liebe und gibt ihn frei. Und verheimlicht Cla zunächst, dass sie ein Kind von ihm austragen wird.
Als der Roman zu Ende war, spürte ich aber, dass ich noch bei den Figuren bleiben wollte. Und so entwickelte sich in den beiden folgenden Romanen eine neue Form von Liebe und Familie. Alva hat am Ende zwei kleine Kinder von zwei Männern, die einmal ein Paar waren und noch ab und an eine Nacht zusammen verbringen. Die aber auf ihre Art zwei verantwortliche Väter sind. Und Alva in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Ich glaube, was liberale gesellschaftliche Beziehungsformen angeht, gibt es kein zurück. Gleichgeschlechtliche Ehen sind heute zunehmend akzeptiert, auch offene Familien. Und das ist gut so. Die strenge bürgerliche Kleinfamilie war ja kein Erfolgsmodell.
Alva provoziert zumindest gedanklich auf ihrem Gang auf den Calanda den Suizid, einen Bergunfall, einen Fehltritt. Nur schon gedanklich tun wir es immer wieder. Was wäre wenn? Davon zehren Schriftstellerinnen. Spielen sie nicht immer wieder mit Fehltritten, Katastrophen?
Vielleicht haben Schriftsteller (bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht gendere, ich kann das begründen, aber hier ist nicht der Ort) eine sehr wache Phantasie. Vielleicht leben sie stärker mit dem Tod. Die Krankheit ALS ist im Roman real, aber sie ist auch eine Metapher für unsere Sterblichkeit. Wir wissen, dass wir sterben werden und leben doch oft oder meist so, als seien wir ewig. Auch unsere Berge sind nicht ewig. Aber im Vergleich zu ihnen sind wir ein Hauch.
In Fritz Zorns autobiografischem Bericht „Mars“, der 1977 posthum veröffentlicht wurde, steht (sinngemäss) der Satz „Das Leben ist eine Krankheit mit tödlichem Ausgang.“ Ein Satz, der eigentlich nur wegen seiner Radikalität erschreckt. Für Alva muss die Auseinandersetzung mit ihrer unabwendbaren Diagnose ähnliche Radikalität auslösen. Wie weit ist ihr Roman der Versuch eines Aufbrechens, eines Bewusstmachens? Oder scheitert Literatur, wenn sie etwas will?
Ich bin keine dezidiert politische Autorin. Aber ich habe eine Haltung. Ich habe schon was zu sagen. Und ich will verständlich sein. Meine Texte sollen Erlebnisqualität haben, den Leser mitnehmen. Wer liest, ist ganz nah an Alva, geht mit ihr zusammen, atmet mit ihr. Ich lege Wert auf sprachliche Intensität. Und sicher will ich manches bewusst machen. Zum Beispiel, dass das Leben kostbar ist. Dass auch ein verletztes Leben kostbar ist. Hier kommt die Grossmutter ins Spiel (unter anderem), die zwar nach einem Hirnschlag reduziert ist, aber für das Kind Alva lebenswichtig war. Diese Kette aus Apfelkernen ist eine Kette aus Apfelkernen. Aber sie ist auch ein Symbol dafür, dass das Kleine kostbar sein kann und dass Sorgfalt vieles, was übersehen wird, wertvoll macht.
Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“, „Flughafenfische“, «Sie dreht sich um», «Ein Winter in Istanbul» und zuletzt „Unschärfen der Liebe“ geschrieben, mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für ihre literarischen Reportagen wurde Angelika Overath mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden. Zusammen mit ihrem Mann Manfred Koch lebet sie in Sent in Graubünden und betreibt dort neben ihrer Schriftstellerei eine Schreibschule.
Ein leises Meisterwerk. Keine lauten Töne, kein Drama. Selbst die menschlichen Abgründe bleiben verborgen. Zwei Menschen, die sich eigentlich in nichts zueinander hingezogen fühlen. Wenn da das Leben und Sterben nicht wäre. „Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist eine leise Parabel zu den grossen Fragen der Zeit.
Es scheint eine urmenschliche Wesensart zu sein, die Welt nicht als die nehmen zu wollen, die sie ist. Jedem von uns widerfährt am Schluss des Lebens das gleiche Schicksal. Und doch weigern sich die meisten von uns, das Sterben und den Tod als einen Teil des Lebens zu akzeptieren. Wir leugnen, was unausweichlich kommen wird, leben in einem Zusand permanenter Verdrängung. Dass es Menschen gibt, die selbst dann noch tun, als hätten sie das Leben unter Kontrolle, wenn alle medizinischen Signale Alarm schlagen, ist offensichtlich. Noch so eine menschliche Wesensart; die Vorstellung, es wäre eine Fähigkeit, das eigene Leben zu kontrollieren. Wir hätten alles im Griff. Man müsste es nur anpacken, in die Hand nehmen, agieren, statt bloss immer zu reagieren, wir wären Macher, Vollstrecker einer Absicht, eines Plans.
Sándor wohnt im gleichen Mehrfamilienhaus wie die Erzählerin, auf dem Stockwerk gegenüber. Er ist, oder besser war erfolgreicher Geschäftsmann, viel unterwegs, ein stiller, unauffälliger Nachbar der Erzählerin. So wie meist in den Häusern, in denen man sich nicht kennt, in denen man unter dem gleichen Dach lebt und nichts voneinander weiss. Aber weil Sándor schon lange in dem Haus lebt, er schon lange ihr Nachbar ist, man das eine oder andere in kurzen Gesprächen erfuhr, auch dass er ursprünglich aus Ungarn stammt und sie irgendwann Zeugin wird, wie die Frau, die bei ihm lebte mit einem Koffer das Weite suchte, weil es um den Mann ganz offensichtlich gesundheitlich nicht zum besten stehen schien, beginnt zwischen den so unterschiedlichen Nachbarn eine distanzierte Annäherung.
Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese, 2026, aus dem Französischen von Walter Pfäffli, 182 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03981-026-0
Man sucht sich seine Nachbarn nicht aus. Man könnte sich ganz und gar in Ruhe lassen. Was man in der Regel doch auch will. Aber Sándor verwickelt die Erzählerin immer mehr in Gespräche. Nicht nur das. Er wickelt sie in ihr Leben. Ein Leben, das ganz anderen Gesetzen zu folgen scheint, aber nichts desto trotz damit rechnet, dass man auf nachbarschaftliche Hilfe zählen kann. Erst während der Reisen, die der Geschäftsmann immer wieder für Wochen unternimmt, später für die vielen Krankenhausaufenthalte, die dem Mann ans Lebendige gehen, ohne dass er die Tragweite seiner Krankheit anerkennen wollte.
Sie sieht seinen Niedergang, seine fortschreitende Krankheit. Er tut alles, um möglichst lange sein Leben wie das alte aussehen zu lassen. Er verweigert sich ebenso wie er die Hilfe seiner Nachbarin als Selbstverständlichkeit nimmt. Erschwerend noch die Einschränkungen der Pandemie, die Sándor tunlichst als vorübergehende Verdüsterung nimmt, während seine Nachbarin die Katastrophe nicht nur in der Pandemie sieht.
„Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist wie ein Kammerspiel inszeniert. Sie leben auf dem gleichen Stockwerk in zwei komplett verschiedenen Welten. Nähe ist keine Masseinheit, die sich an messbaren Parameter hält. Wir alle kennen Menschen, die nicht wie wir zu ticken scheinen, deren Interpretationen des Seins sich stets diametral von den unseren unterscheiden, für die ganz andere Regeln und Massstäbe zu gelten scheinen. Catherine Lovey, die mit der französischen Originalausgabe „Histoire de l’homme qui ne voulait pas mourir“ 2025 den Schweizer Literaturpreis erhielt, erzählt unspektakulär und minimal emotional von zwei Polen menschlicher Existenz – und davon, dass es Umstände gibt, die selbst Gegensätze aller Physik zum Trotz zur Annäherung führen können. Catherine Lovey schildert präzise, ohne emotional aufladen zu müssen.
In 45 Bildern wird eine Szenerie, werden Versatzstücke menschlichen Lebens geschildert, die sich im Kleinen mit den ganz grossen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Catherine Lovey verzichtet auf alles, was dramatisieren könnte, bleibt so in erstaunlicher Nähe zur Wahrhafigkeit.
Catherine Lovey, 1967 in eine Bergbauernfamilie imVal d’Entremont im Wallis geboren, lebt heute im KantonWaadt. Sie studierte zunächst Internationale Beziehungenund anschließend Kriminologie und arbeitete als Journalistin für Printmedien mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Finanzen. Ihren ersten Roman «L’Homme interdit» veröffentlichte sie 2005 im Verlag edition Zoé. Es folgten vier weitere Romane, literarische Reportagen, Essais und Theaterstücke. In deutscher Übersetzung liegt nun ihr jüngstes Werk vor: «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», das mit mehreren renommierten Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. dem Schweizer Literaturpreis 2025
Walter Pfäffli, geboren 1961 in Kriens, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literatur. Eine Ausbildung in Information und Dokumentation führte ihn an die Schweizer Nationalbibliothek in Bern, wo er seine Leidenschaft für literarische Übersetzungen entdeckte.