Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums», Rowohlt

Der preisgekrönte Dichter glänzt mit seinem Romandebüt, das bei der Lektüre in die Knochen fährt. Die Geschichte einer Mutter-Sohnbeziehung, die schmerzt. Ein Roman über Fremdsein, Abhängigkeit und Liebe. Die Geschichte jener, die sich in ihrer Verantwortung fast verlieren – und ein Buch über ein grosses Stück des 20. Jahrhunderts.

Marcim und seine Mutter leben in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer deutschen Stadt. Sie wuchs in Polen auf, floh zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland. Ihr Mann ging nach Polen zurück, als Marcim 4 war, überliess er die beiden sich selbst, Marcim und seine Mutter zusammen, sich selbst und dem andern ausgesetzt. Die Mutter trägt ein vielfaches Trauma in sich; jenes der Verlassenen, jenes der Heimatlosen, jenes ihrer Eltern; ihre Mutter, Marcims Grossmutter floh einst aus einem sowjetischen Gulag und ihr Vater war im gleichen Lager ehemaliger SS-Major, ein Nazi. Marcims Mutter arbeitete Jahrzehnte in deutschen Pflegeheimen, genau dort, wo sie selbst nie hinwollte, Marcim das Versprechen erzwang, sie niemals in eine solche Einrichtung zu stecken. Marcims Mutter war einst Lehrerin in Polen. Aber in Deutschland war ihre einzige Chance, Arbeit zu bekommen, die in einer Pflegeeinrichtung, dort, wo allerorten Personalmangel herrscht und Pflegende unter denkbar schlechten Bedingungen all das zu kompensieren versuchen, was eine überalterte Gesellschaft nicht in der Lage ist, würdig zu organisieren.

Die Fremdheit und die Heimat trage ich zugleich. Dieses Gefühl nenne ich Bastard.

Ich begleite lesend Marcim und seine Mutter in den Jahren, in denen Marcim sich immer mehr und drängender seiner Rolle als Sohn bewusst wird. Nicht nur jener eines jungen Mannes, der seiner Mutter, die von der Gesellschaft isoliert im Kleinkosmos einer engen Zweizimmerwohnung zu überleben versucht und der Mutter jenes Versprechen gegeben hat, auch jener einer immer älter und kränklicher werdenden Frau, die ihre Traumatas mit Alkohol und Nikotin auszuhalten versucht, die laut mit den Wänden spricht, die den Sohn zudeckt mit überschäumender Liebe und schäumender Wut. Und jene eines Sohnes, eines Jugendlichen, eines Mannes, der in Sohnespflichten fast erdrückt wird, der nach Atem schnappt und sich glücklicherweise in Musik und Poesie einen Rettungsring greifen kann, der ihn vor dem Ertrinken rettet. Die Mutter mit Wodka und Zigaretten, der Sohn mit Videospielen, New Metal und Gedichten, die er früh zu schreiben beginnt. Für die Mutter ist er die Rettung, seine Rettung ist das Schreiben, das Glück, schnell Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, nicht nur als Dichter, auch als Lehrer.

Je länger ich mich mit meinem Leben beschäftige, desto mehr merke ich, wie wichtig die Toten für mein Leben sind.

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums»; Rowohlt, 2026, 464 Seiten, ISBN 978-3-498-00746-1

Martin Piekar erzählt aus der beklemmend engen Welt einer Mutter-Sohnbeziehung, die unzweifelhaft viel autobiographisches in sich trägt. Darunter sind Szenen, die derart bildlich werden, dass die Lektüre schmerzt. Eine immer schwächer werdende Mutter, die mit ihrem Leben, ihren Vorfahren, ihrer Geschichte, ihrer Herkunft hadert. Die sich nicht ergeben will, die auf verlorenem Posten kämpft, der das Trauma von Flucht, Heimatlosigkeit, Verrat und Verlassenwerdens aus der Seele schreit. Die damit ihren Sohn an sich kettet und Übermenschliches abverlangt. So sehr die beiden aneinandergebunden sind, so sehr spricht Liebe und Fürsorge aus dem, was zwischendurch wie Gewitterstürme durch die kleine Wohnung fegt. So sehr die Mutter ihre Geschichte aus ihrem Leben zu verdrängen versucht und doch immer und immer wieder von ihr eingeholt und überwältigt wird, so sehr versucht die Erzählstimme sich eben jener Geschichte zu stellen. Nicht nur aus Liebe und Respekt seiner Mutter gegenüber, sondern in der Erkenntnis, dass die Erinnerung das Erlebte ausdünnt, dass er seiner Mutter nur so nahe bleiben kann, auch über den Tod hinaus, wenn er erzählt, wenn er schildert, wenn er protokolliert.

Ich putze mir die Zähne, dabei blicke ich in den Spiegel und denke, dass ich meinem Leben nur zuschauen kann.

„Vom Fällen eines Stammbaums“ ist vieles. In erster Linie eine Liebeserklärung an eine verlorene Mutter, ebenso die Suche eines Bastards nach seinen Wurzeln. Gegen den Willen seiner Mutter macht sich Marcim auf den Weg nach Polen, trotz der Warnungen seiner Mutter, man werde ihn dort mit Sicherheit abstechen. Marcim trifft nicht nur das, was an Familie übriggeblieben ist, sogar seinen Vater, er trifft auch auf ein Stück Geschichte seines Landes, seiner Herkunft, das ihm bisher verborgen blieb. Eine Reise, die ihm Gewissheit und Verständnis schenkt – und wahrscheinlich auch noch mehr Kraft, seine Mutter bis zu ihrem letzten Tag zu begleiten.

Ein ungemein starker, ehrlicher Roman, durchsetzt von Musik und der Stimme einer Mutter, die selbst in ihrem Sprechen eine Heimatlose geworden ist. Ein vielschichter Roman, der es schafft, das Emotionale nicht überschwappen zu lassen, ohne die Nähe zu den Protagonisten zu verlieren. Und ein äusserst mutiges Buch; eine Selbstvergewisserung, eine Suche, sein Fundament.

Interview

Marcin und seine Mutter leben fast 30 Jahre auf engstem Raum zusammen. Eine symbiotische Beziehung, die viel Katastrophenpotenzial mit sich brachte, die mit den Jahren nicht nur räumlich sondern auch körperlich in der Enge fast erstickte. Marcin rettete seine Mutter. Er rettete sich in der Musik und der Poesie. Ist das die Insel, auf die sich der Schriftsteller und Dichter Martin Piekar rettete? Wie schafft man es, dass man auch wieder von der Insel runterkommt? Durch das Schreiben selbst?

– ob ich meine Mutter rettete… das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe ihren Alkoholismus nicht kuriert, ihre Agoraphobie nicht. Gepflegt habe ich sie. Ich wünsche mir manchmal, ich hätte ihr durch ein noch schöneres Leben helfen können.
Das Schreiben selbst kann auch eine Insel sein, sie ist die Möglichkeit der gleichzeitigen Nähe und Distanz, Einsamkeit und Geborgenheit. Und ähnlich ist es auch in der Musik für mich. In manchen Songs fühle ich mich weniger allein. Manchmal braucht es Urlaub auf diesen Inseln. Das ist genauso eine Metapher wie keine. Der Mensch braucht auch den Urlaub, die Reise um mehr zu sich zu kommen. Deswegen mag ich auch Musik, die sehr emotional ist, chaotisch, wild, energetisch – die Musik ermöglicht es mir, mich emotional mehr auf mich einzulassen. Manchmal hab ich meine Lage erst durch die Musik besser verstanden. Lyrik und Lyrics sind nicht umsonst so verwandt und doch anders.Marcins Mutter redet mit den Wänden, manchmal leise, manchmal schreit sie. Marcins Mutter will und kann die Türen zum Flur nicht schliessen. Er bekommt alles mit; ihre Ausbrüche, ihr Saufen, ihr Hadern, ihr Flehen. Eine Kulisse, ein klaustrophobischer Schauplatz, der erdrückend sein könnte. Trotzdem schaffen sie es, dass ich Liebe lese, dass ich verstehen kann, dass gar Witz und Schalk aus den Szenen spricht. Gelang das von Beginn weg? War das ein Prozess?

Der Witz, der Schalk steckte im Leben meiner Mutter und steckt auch weiterhin in meinem. Humor ist eine mögliche Überlebensstrategie.
Lachen ist auch ein wunderschönes Geräusch der menschlichen Ausdrucksweise. D.h. ich finde, Menschen, die lachen, wunderschön.
Humor ist ein sehr wichtiges Mittel, weil es auch zeigt, wie ernst man Leben nimmt. Wer das Leben nehmen muss, wie es kommt, hat es leichter mit Lachen. Und damit verarbeitet man das Geschehen auch, es mag seltsam klingen aber Lachen verarbeitet direkt.
Die Welt ist manchmal irrwitzig. Und in diesem Irrsinn lachen zu können, gibt Kraft – es ist paradox, weil der Witz, den einer macht, der einem entgegenkommt, der passiert, lässt einen lachen, man entscheidet sich ja nicht, dass man etwas lustig findet – man lacht; in diesem Lachen, in der Vereinnahmung durch Humor, steckt etwas Befreiendes, der Ernst der Lage verschwindet nicht, aber die Ergriffenheit, in der man steckt, löst sich leicht.
Ganz viel des Humors ist einfach auch der Witz, der uns geholfen hat, unsere Gegenwart und Vergangenheit zu meistern. Sie lesen also direkt unseren Humor.

Marcins Mutter stirbt. Sie ist wohl stolz auf die Leistungen ihres schreibenden Sohnes, hat alles, jeden seiner Texte in Zeitschriften oder Anthologien in Kisten aufbewahrt. Wenn die Erzählstimme damit rechnete, seine Mutter würde den Text dereinst lesen, hätte sie die Liebe darin auch gelesen? 

Das weiß ich nicht. Und ich bin fein damit, es nie genau zu wissen. Es gibt in Beziehungen niemals diese völlige Klarheit, an die man sich manchmal klammern möchte.
Was ich weiß ist, meine Mutter hat viel von mir erwartet, mich gefordert, mich selten gelobt – aber vor anderen war sie immer stolz auf mich. Sie hat auch mit mir angegeben.
Ich hoffe, meine Mutter würde dieses Buch als Liebeserklärung verstehen, aber natürlich als eine kritische – ob dies so bei ihr ankäme, das weiß ich nicht.
Sie wollte auch Poetin sein, sie war es in ihrer Möglichkeit. Ich glaube, dass ich Poet geworden bin, hat sie an sich und mich glauben lassen. Ist durch diese internsive Auseinandersetzung Martin Piekar ein anderer geworden? Ist „Vom Fällen eines Stammbaums“ der literarische Prozess einer Abnabelung, eine Emanzipation? Sind sie durch diese schonungslose Ehrlichkeit in ihrem Text nicht noch dünnhäutiger geworden? Wie viel Risiko steckte in der Veröffentlichung dieses Romans?

Ich glaube, ich bin mir des Risikos immer noch nicht bewusst. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen, eine Stärke hervorbringt, die ich mit Hanteltraining nicht erreichen kann. Das was häufig Schonungslosigkeit im Kontext meines Romans genannt wird, ist mir auch wichtig – es bedeutet auch ehrlich mit sich zu sein. Das ist schon manchmal auch schmerzhaft; nur so bekomme ich auch eine Möglichkeit an mir zu arbeiten – ethisch, psychisch, persönlich. Mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin – und meine Mutter auch – ist auch relevant dafür gewesen, welcher Schriftsteller ich sein will.
Lustigerweise, wenn Sie von Abnabelung und Emanzipation sprechen – um dieses Buch zu schreiben, musste ich ja wieder in jene Situationen gehen, ihnen nachfühlen, sie mental rekonstruieren, sie literarisieren. Die Distanz kommt dadurch, dass ich bereitwillig bin durch all das Geschehene durchzugehen, bewusst, mit Witz und Emotion.

In der Rezeption und Diskussion ihres Buches dreht sich viel um die Begriffe „Autobiographie“ und „Autofiktion“, eine Diskussion, die mich mehr und mehr ärgert. Nicht zuletzt darum, weil es Schreibende von der Schriftstellerei in die Ecke der Fachleute drängt. Jetzt sind sie ein Fachmann in Sachen „Selfcare“, Alkoholismus, gesellschaftliche Isolation… Ist dass nicht ein krasser Gegensatz zu ihrem Wahrgenommenwerden als Dichter und Poet?

Die Aufgabe eines Dichters ist meiner Ansicht nach die Welt und Aspekte ihrer durch neue Perspektiven und Sprache anders begreifbar zu machen. Dafür braucht es Fachkenntnis. Ob es Alkoholismus ist oder Botanik oder Doomscrolling. Ich glaube Dichter*innen müssen auch immer Fachleute werden. Recherche ist enorm wichtig, ebenso Phantasie.
Und Literatur kann andere Zugänge zu Themen schaffen als wissenschaftliche Sachbücher. Ich möchte das nicht gegeneinander stellen. Es ist mehr wie diverse Perspektiven auf Themen. Ich hatte schon viele Erkenntnisse durch Literatur. Ob ich erzählen kann, wie Sucht sich auf eine Eltern-Kind Beziehung auswirkt? – Ja. Ob ich klinische Entscheidungen bezüglich Entzugsprogrammen treffen sollte? – Nein.
Aber auch für mich als Historiker ist das so. Ich kenne mich sehr gut mit Kultur- und der Geistesgeschichte Europas aus – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wenn mich dann jemand zur antiken Architektur fragt, habe ich kaum Ahnung. Auch Fachleute sehen die Welt wie einen Käse – nur jeder sieht andere Löcher in der eigenen Kenntnis.

In „Vom Fällen eines Stammbaums“ räumen sie auf – bis ganz zuletzt, als sie auf dem letzten Stuhl in der leeren Wohnung ihrer Mutter sitzen. Haben sie ausgeräumt? Ist alles leer? Brauchte es dieses Buch, um erst recht durchzustarten? Eine Selbstvergewisserung?

Ich hoffe natürlich, dass dieses Buch gebraucht wird – auch von anderen Menschen als nur von mir. Dabei bin ich immer unsicher. Ich will Literatur machen, die nicht nur wichtig für mich ist. Da gibt es nicht so viel Gewissheit, der Zweifel schreibt immer mit.
Das Ausräumen war eher mental wichtig – aber auch eine Herausforderung. Das wollte ich literarisch darstellen. Die körperliche Anstrengung und auch die mentale Kraft, die notwendig ist, um so viele Gegenstände, die das Leben eines geliebten Menschen ausmachten, auszusortieren. – lustigerweise verkörpern manche Gegenstände ihre Menschen.
Die Wohnung des Aufwachsens zu leeren und abzugeben, fiel mir schwer. Ebenso war der Gedanke, dort dann einzuziehen, kurz da, aber dann schien es mir zu sehr ein Festhalten an der Vergangenheit zu sein. Die Vergangenheit ist immer in mir, ich bin ihre Manifestation. Aber es war ein Abschiednehmen, das mir wichtig war. Dieser Abschnitt meines Lebens war nun vorbei. Auch für das Vorbeisein, muss ich mich vorbereiten. Die Erschöpfung des Ausmistens war geradezu heilsam, nicht unbedingt angenehm.

Martin Piekar ist Gast an den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus, ist Schriftsteller, Lyriker, Lehrer und bringt seine Texte ebenso gerne auf die Bühne wie aufs Papier. Er veröffentlichte drei Lyrikbände: «Bastardecho» (2014), «Amokpervers» (2018) und zuletzt «Livestream & Leichen» (2023). Bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde er mit dem Kelag-Preis und dem BKS Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Für das Manuskript seines Debütromans erhielt er 2024 den Robert-Gernhardt-Preis und wurde 2025 für den Alfred Döblin-Preis nominiert. Martin Piekar lebt in Frankfurt am Main.  

Beitragsbild © Charlotte Werndt (Autorenfoto) & Martin Piekar

Han Kang «Der goldene Faden», Claassen

Manchmal legt sich das Gelesene wie eine warme Decke über mich. So wie bei «Der goldene Faden» der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Ein Buch, das durch seine Schlichtheit und Eindeutigkeit besticht, das ich nach der Lektüre nachwirken lassen muss.

2024 vergab die Schwedische Akademie in Stockholm den Nobelpreis für Literatur der 1970 geborenen südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Das Leben einer Autorin ändert sich mit einem solchen Preis grundlegend. Nicht nur weil mit einem Schlag alle finanziellen Sorgen weggewischt sind, sondern weil man permanenter Aufmerksamkeit ausgesetzt ist, dauernd im Fokus der Öffentlichkeit steht und wohl nie mehr als die gänzlich Unbekannte in einer Stadt spazieren kann. Und wie gross muss der Erwartungsdruck all jener sein, die auf eine Neuveröffentlichung warten, seien es dürstende Leser*innen, die Verlage, die das Glück und die Finanzkraft haben, jene Bücher präsentieren zu dürfen und die Veranstalter*innen, die mit einem solchen Namen im Programm wissen, dass die Menschen strömen werden. Ob László Krasznahorkai, Han Kang, Jon Fosse oder Annie Ernaux, um nur die Namen der letzten Jahre zu nennen; sie werden zu Leuchtfeuern.

Kann sein, dass die Erwartungen ins Unermessliche steigen, wenn sich ein neues Buch einer Nobelpreisträgerin ankündigt. Umso grösser ist das Potenzial einer Enttäuschung. Im deutschsprachigen Raum veröffentlichte Han Kang ihre Romane bislang bei Aufbau, neu nun in der Ullstein Verlagsgruppe. Wie eng, intim und freundschaftlich die Zusammenarbeit zwischen Schriftstellerin und Lektorin ist, zeigt die Tatsache, dass die Nobelpreisträgerin der Lektorin folgte, als sich Aufbau Verlag und Lektorin Friederike Schibach trennten.

Han Kang «Der goldene Faden», Claassen, aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee, 2026, 176 Seiten, ISBN 978-3-546-10174-5

Sehr gut nachvollziehbar, dass ein neuer Verlag dann auch gleich einen Pflock einschlagen will, ebenso nachvollziehbar, dass eine solche Aktion Risiken birgt, wenn nobelpreishohe Erwartungen nicht erfüllt werden. „Der goldene Faden“, eben erschienen, ist kein Roman. Ein solcher soll erst 2027 erscheinen. Im neuen Buch finden sich die Rede zu Verleihung des Nobelpreises, Betrachtungen, Gedichte und ein Gartentagebuch. Vermeintlich nichts Spektakuläres, war denn auch ihre Rede zur Preisverleihung kein lauter Polterer, viel mehr eine Besinnung auf das, was Han Kang zum Schreiben leitet. Was sie antreibt, was sie beabsichtigt. Der Titel des Buches bezieht sich auf ein Gedicht, dass sie als Mädchen geschrieben hatte und das sie in einer Schachtel beim Aufräumen wiederentdeckte.

Wo könnte die Liebe sein?
In meinem pochenden Herzen ist sie verborgen.

Was ist Liebe?
Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet.

Han Kang erzählt von ihrem Schreiben, ihrer so vorsichtig tastenden Art, sich einem Thema, einem Stoff anzunähern. Sie sucht nicht nach einem Plott, auch nicht nach Antworten. Sie stellt existenzielle Fragen, durch die sie sich selbst dünnhäutig macht, empfänglich für Bilder, die sowohl sie wie mich eintauchen lassen. Han Kang ist auf der Suche nach dem, was sie den „goldenen Faden“ nennt, jenes absolut Verbindende, selbst in Geschichten, die auf den ersten Blick nur das Zerstörerische, Hass und Gewalt, zeigen. So wie bei ihren Romanen „Menschenwerk“ und „Unmöglicher Abschied“, die sich explizit mit zwei Massakern aus der südkoreanischen Geschichte auseinandersetzen. Mit Sicherheit ein Grund, warum man in Stockholm auf die Autorin aufmerksam wurde. Nur durch Konfrontation mit den dunklen Kapiteln menschlicher Geschichte kann Versöhnung wachsen, können Einsichten, gerissene Fäden erneut verknüpft werden.

Selbst die Ausschnitte aus dem Gartentagebuch der Autorin offenbaren ihren Blick, ihre Absicht, ihre Sorgfalt, ihre Liebe. Und genau in Relation mit dem „Grossen“ erkenne ich ihre Leidenschaft, ihre Intension. Die glasklaren Sätze, die kurzen Einträge in ein Tagebuch des Wachsens und Gedeihens, aber auch der Kampf gegen Störungen, gegen die Macht der Zerstörung, der Kampf um das Licht, das Anbringen von Spiegeln, die das Sonnenlicht an die richtigen Stellen reflektieren – alles voller Metaphern, auch wenn sich die Texte federleicht lesen lassen.

„Der goldene Faden“ ist Balsam, Offenbarung, Ermutigung und Musik zugleich. Wie ich mich freue auf die Begegnung mit dieser wundersamen Autorin!

Han Kang liest und diskutiert am «Sprachsalz», den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September. Mehr Informationen finden sie hier.

Han Kang wurde 1970 in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Lyrikerin, 1994 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Für ihren Roman «Die Vegetarierin» wurde sie 2016 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet. Ihr Werk, darunter «Menschenwerk» und zuletzt «Unmöglicher Abschied» erscheint in über 40 Sprachen und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. 2024 erhielt Han Kang den Nobelpreis für Literatur für ihre „intensive poetische Prosa, die sich mit historischen Traumata auseinandersetzt und die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens aufzeigt».

Ki-Hyang Lee, 1967 geboren in Seoul, studierte Germanistik, Pädagogik und Japanologie in Seoul, Würzburg und München. Sie lebt in München, wo sie als Übersetzerin und Verlegerin des Märchenwald Verlags arbeitet. Zudem ist sie Dozentin an der Universität. Unter ihren zahlreichen Übersetzungswerken finden sich Han Kangs «Die Vegetarierin» und Cho Nam-Joos «Kim Jiyoung, geboren 1982». Für die Übersetzung von «Der Fluch des Hasen» wurde sie mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2024 und mit dem Preis der Stiftung LTI Korea 2025 ausgezeichnet.

Beiträge zu «Weiss» von Han Kang auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Paik Dahuim

Vera Zischke «Pina fällt aus», List

Pina ist Mutter, Leo ihr Sohn. Pina und Leo wohnen in einer Stadt. Leo ist 20. Wäre er wie alle anderen, wäre der Satz Ihr müsst langsam miteinander zurechtkommen, die Welt und du eine Selbstverständlichkeit. Nicht bei Pina und Leo, denn Leo ist Authist.

Das, was wir als unsere menschgemachte Welt wahrnehmen, ist genormt. Genauso wie die Menschen, die sich in dieser Welt bewegen. Abweichungen passen nicht ins Gefüge. Treppenstufen sind genormt, Ausbildung ist genormt, auch unsere Vorstellung von Familie, selbst jene romantische Norm von Liebe. Wir sind bestrebt, uns in diesen Normen zu bewegen. Wer es nicht tut, gilt als unangepasst, Querulant oder Störefried. Wer den Normen nicht entspricht, wird ein- oder ausgesperrt. Wer schon bei seiner Geburt nicht den Normen entspricht, durchläuft eine Maschinerie der Anpassungen – oder fällt durch die Maschen.

Pina ist Mutter, so wie die Schriftstellerin Vera Zischke. Pina ist Mutter eines authistischen Sohnes, so wie die Mutter, die die Geschichte geschrieben hat. Pinas Sohn ist 20. Wenn Leo nicht zuhause ist, dann ist er in einer betreuten Werkstatt, wenn er es denn schafft, rechtzeitig morgens am Strassenrand in den Bus zu steigen. Pinas Leben ist ganz und gar auf die Bedürfnisse ihres Sohnes ausgerichtet. Leos Vater spielt keine Rolle und Pinas Vater Bernd versteckt sich hinter seiner Spelunke, seiner Arbeit, seinen Pflichten. Leo lebt in seiner ganz eigenen Welt. Wenn ihm die Welt zu viel wird, steht er im Licht des offenen Kühlschranks, weil sich dort nichts bewegt. Seine Tage verlaufen immer gleich, jede Abweichung wird zum Stress, nicht nur für ihn.

Vera Zischke «Pina fällt aus», List, 2026, 304 Seiten, ISBN 978-3-47137-006-3

Alleinerziehende, in einem Call-Center arbeitende Mutter mit authistischem Sohn; Was als Setting schon schwierig genug ist, weil Pina alles tut, um in steter Regelmässigkeit zu funktionieren, weil Pina ganz genau weiss, dass es kaum Alternativen gibt, implodiert die Kleinfamilie, als Pina eines Morgens beim Einkaufen auf der Strasse zusammenbricht. Eine Katastrophe mit Ankündigung, hatte Pina doch schon lange mit grossen Bauchschmerzen zu kämpfen und schluckte Schmerztabletten wie Bonbons. Während Rina mit Magendurchbruch bewusstlos auf der Intensivstation liegt, ist Leo zuhause sich selbst überlassen. Und weil nach und nach alle Dämme brechen, wird das ganze Haus an der Hansastrasse unfreiwillig aktiviert. Während man sich im Krankenhaus wundert, dass sich niemand um die kranke Frau zu interessieren scheint, weil sich Pina über die Jahre fast ganz aus ihren sozialen Kontakten zurückgezogen hatte, setzt Leo im Mehrfamilienhaus, das er mit seiner Mutter bewohnt, die ganze Belegschaft in Bewegung; Die über 80jährige Inge, die ein halbes Jahrzehnt nach dem Tod ihres Mannes jeden Lebensmut verloren hat und in der Wohnung, die sie nicht mehr verlassen will, auf ihr Ende wartet. Den noch jungen Nerd Wojtek, der mehr oder weniger isoliert in seiner Klause in seiner ganz eigenen Welt vegetiert. Und die Schulabbrecherin Zola, deren Vater das Miethaus gehört, die man dort abgestellt hatte und sich aufführt, als wäre sie der Hausdrache höchstselbst.

Schnell wird klar, dass sich der Sohn von Pina nicht selbst helfen kann. Was sich in den ersten Stunden nach Pinas Verschwinden zur Katastrophe mit unabsehbarem Ausgang auswächst, wird zum Tsunami, der alles und jeden durcheinanderwirbelt. Ein ganzes Haus im Ausnahmezustand. Selbst Inge bricht noch einmal auf, Wojtek übernimmt Verantwortung und Zola nimmt Leo an der Hand.

Vera Zischke schildert, was Mütter leisten, wenn sich alles im Leben einer Frau auf die Bedürfnisse eines Kindes ausrichten muss, erst recht, wenn das Kind bereits 20 geworden ist und nicht absehbar ist, dass es irgendwann auf eigenen Füssen stehen wird. Sie schildert, wie Leben zu kollabieren droht, wenn das fragile Netz einer Kleinstfamilie durch Ausserordentliches bedroht ist. Einmal mehr ein Buch, dass sich mit der Ausweglosigkeit Alleinerziehnder auseinandersetzt, jenem Kleinstgefüge, dass eben nicht der Norm entspricht, aber längst zur eigentlichen Norm geworden ist.

Sie alle im Haus sind durch Einsamkeit und Isolation Bedrohte. Sie, die mitten in einer Stadt wohnen, jeder für sich hinter sonst verschlossenen Türen. Vera Zischkes Roman ist aussergewöhnlich, weil er eine Innenwelt offenbart, die leicht übersehen oder ausgeblendet wird. Mag sein, dass das eine oder andere an diesem Roman klischiert erzählt ist. Nichts desto trotz hat er mich berührt.

Interview

Es gab Zeiten, da fuhr ich nachts mit dem Zug immer wieder die selbe Strecke. Nicht selten blieb dieser vor einer Häuserreihe stehen, bei der man aus dem Zug in die Zimmer der Wohnungen sehen konnte. Wie oft klebte ich an der Scheibe, um einen Moment aus dem Leben der Bewohner*innen zu erhaschen. Zugegeben, vielleicht etwas voyeuristisch. Ihr Buch gibt Einblicke in meist verborgene Leben; sei es jenes der alleinerziehenden Mutter und ihres autistischen Sohnes, einer einsamen, alten Frau, das eines Nerds oder das einer Minderjährigen, die man sich selbst überlassen hat. Leben, die sonst im Verborgenen existieren. Wie viel an ihrem Roman ist Aufklärung? Was muss man als Schriftsteller*in schaffen, um nicht bloss der Neugier zu genügen?
Ich möchte nicht aufklären. Ich möchte, dass sich meine Geschichten echt anfühlen. Ich möchte, dass man Menschen beim Leben zuguckt und sich fragt: Wie hätte ich in der Situation reagiert? 
Mit „Pina fällt aus“ wollte ich erreichen, dass man sich zumindest einen kurzen Moment lang vorstellen kann, wie es ist, für einen jungen Mann mit einer seelischen Behinderung verantwortlich zu sein. Im besten Falle schaffe ich mit meinen Geschichten eine Begegnung zwischen echten und fiktiven Menschen. 

Sie schreiben aus eigener Betroffenheit. Wobei doch eigentlich jeder Schreibende aus Betroffenheit schreibt. Stört es nie nicht manchmal, dass man sie mit Fragen in die Ecke einer Fachfrau drängt?
Das ist eine schwierige Gratwanderung. Mir ist bewusst, dass persönliche Betroffenheit häufig überhaupt erst der Grund ist, warum Medien bereit sind, über meine Bücher zu berichten. Manchmal denke ich: „Ich habe 300 Seiten über das Thema geschrieben, warum muss ich jetzt trotzdem über mein eigenes Leben reden?“ Andererseits habe ich aber nunmal einen starken persönlichen Bezug als pflegende Mutter. Und durch mein Autorinnensein bekomme ich überhaupt erst die Möglichkeit, öffentlich Kritik am Hilfesystem und fehlender Inklusion zu äußern.

Gegenwartsliteratur kämpft sich ganz offensichtlich ab am über Jahrhunderte hochstilisierten Begriff der Familie, einem Idealzustand, der auch in der aktuellen Politik immer wieder als Argrumentationshilfe herhalten muss. Vieles in unserer Gegenwart orientiert sich noch immer an diesem Idealzustand; Mutter, Vater, Kind(er). Dabei spicht die Realität eine ganz andere Sprache. Davon erzählt ihr Roman ganz direkt und ungeschönt. Hängen wir Träumen nach?
Wir sind vielleicht ein bisschen aus der Übung, was (Wahl-)Familien anbelangt. In meinem Buch lasse ich Jurika sagen: „Ihr habt eine Welt, in der ihr euch zu wenig braucht. Ihr könnt alles aus eigener Kraft schaffen. “ Ich glaube, unsere Effizienz ist unser Problem. Wir haben für alles Navis, Lieferservice und Apps. Es ist zum Ideal geworden, alleine klarzukommen. Das bedeutet aber auch, dass wir Gelegenheiten auslassen, uns zu begegnen und zusammen zu tun. Bei Leo warten zunächst auch alle darauf, dass irgendwelche Profis kommen, die sich mit ihm auskennen. 

Alle Protagonist*innen in ihrem Roman kämpfen in verschiedenster Weise in ihrer Einsamkeit. Sie alle sind allein, mitten in der Gesellschaft, mitten in einer Stadt, mitten in einem Haus mit vielen Türen. Türen müssen sich öffnen, eine Symbolik in ihrem Roman, die ganz stark ist. Auch der zwanzigjährige Leo ist allein, weil er in kein gesellschaftstaugliches Muster passt. Auch die alt und einsam gewordene Inge passt nicht mehr. Und so tut jede(r) alles, um einer Passform zu genügen. Genügt das?
Die Menschen in meinem Buch haben alle unbewusst das Gefühl, nicht dazuzugehören. Sie passen nicht in unsere aufs Funktionieren ausgerichtete Welt. Es gibt immer mehr Menschen, die von den Anforderungen unserer modernen Welt so überfordert sind, dass der komplette Rückzug einfacher erscheint. Im Buch muss Inge der Rentenkasse beweisen, dass sie noch lebt, weil sie seit zehn Jahren keinen Arzt mehr aufgesucht hat. Anstatt jemanden zu suchen, der ihr eine Lebensbescheinigung ausstellt, fälscht sie das Formular lieber. Das ist für sie leichter, als vor die Tür zu gehen und Kontakt aufzunehmen. Und dann kommt Leo daher, kann sich nicht anpassen, mutet sich den anderen radikal zu. Also wagen es auch Inge und Co. immer mehr, sich zuzumuten. 

Aus Zola spricht viel Wut. Mehr als verständlich in einer Welt, in der der Jugend mehr und mehr Zukunft mit Hoffnung genommen wird, weil sich Zukunft mit existenzieller Angst paart. Spricht aus dem Ende ihres Romans die Sehnsucht nach Hoffnung?
Ich habe diesen Roman geschrieben, weil ich wissen wollte, was passiert, wenn eine pflegende Mutter ausfällt und jemand wie Leo allein zurückbleibt. Ich hatte anfangs wenig Hoffnung, dass das gut geht. Also habe ich mich auf die Suche nach Wahlfamilien und Schicksalsgemeinschaften im echten Leben gemacht und erstaunliche Beispiele gefunden. Ich habe zum Beispiel eine Nachbarschaft kennengelernt, die sich um eine betagte Frau ohne Krankenversicherung kümmert. Das hat mir Hoffnung gemacht, meine Geschichte zu schreiben. Zola kam als letzte Figur zu meinem Ensemble dazu und erst als ich sie dabei hatte, kam ich richtig ins Schreiben. Ich war selbst überrascht, dass ich eine 16-jährige Schulabbrecherin brauchte, um eine Wahlfamilie in Gang zu bringen.

Vera Zischke wurde 1980 im Rheinland geboren und ist ausgebildete Journalistin. Sie schreibt tagsüber für die Zeitung, nachts Romane und bezeichnet das als Glück. Sie behauptet, alles in ihren Geschichten sei wahr, nur die Figuren seien erfunden. Ihr Debütroman «Ava liebt noch» wurde tausendfach auf Social Media empfohlen und so zum geheimen Bestseller. Auf Instagram schreibt sie unter @verazischke über ihr Leben als »Tired Writing Mom«, manchmal auch über pflegende Elternschaft. Vera Zischke ist Mutter eines autistischen Kinds und lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet.

Beitragsbild © Anna Schwartz

Johanna Sebauer «Popóm», DuMont

Hendrik Popom ist festgefahren. Dabei wäre das Gefühl doch da, dass es seine Zeit sein müsste. Aber das Pendel schlägt nicht mehr. Bis er einen Mann trifft, doppelt so alt wie er, und sich die Überzeugung festsetzt; Dieser Mann ist er. Sein Doppelgänger, nur älter, im Leben weiter. Eine Obsession nimmt ihren Lauf.

Es hätte bloss eine Fassbrause und eine Tafel Erdbeerschokolade sein sollen. Es war Ende September und Hendrik war mit Flip-Flops zum Kiosk ums Eck gelaufen. Es hätte so etwas wie ein Liebesdienst sein sollen. Aber statt gleich wieder in der Wohnung aufzutauchen, sieht Hendrik in der Schlange vor der Kasse einen Mann mit Bundfalthose und langem, saharagelbem Mantel. Hendrik ist überzeugt, sein gealtertes Ebenbild zu sehen, sich selbst gereift. Hendrik verliert die Fassung und braucht Monate, um sie wieder zu finden. Die Überzeugung hakt sich nicht nur in seinem Kopf fest, sie nimmt von seinem ganzen Körper Besitz, treibt ihm den Schweiss auf die Stirn, beschleunigt den Puls, blockiert das Gehirn. Hendrik fasst sich ein Herz und spricht den Mann an, stammelt, bis er den einen Satz über die Lippen bringt: Sie sind ich. Einen Satz, den sein Gegenüber kaum aus der Fassung bringt, nicht einmal belustigt, eher nervt. Hendrik vergisst alles, auch Anja, die Frau mit der er zusammenlebt, die Frau, mit der er sich eine Zukunft hätte vorstellen können. Eines Morgens bleibt das Bett neben ihm leer.

Johanna Sebauer «Popon», DuMont, 2026, 224 Seiten, ISBN 978-3-7558-0079-8

So sehr er vom Gedanken besessen ist, seiner selbst gegenübergetreten zu sein, seinem älteren Selbst begegnet zu sein, so sehr entfremdet er sich Anja. Bis diese die Wohnung und ihn verlässt, bis sie ihn abschüttelt und er sie an der Seite eines anderen findet. Auch im Büro, einer Werbeagentur, in einem Beruf, den er mehr und mehr äzend findet und das, was man Bürokultur nennt wie eine klebrige, stinkende Haut, die man am liebsten für immer und sofort abstreifen will, beginnt sein eh schon brüchig gewordenes Dasein zu kippen. Jeder Gedanke, jede Handlung ist auf diesen Mann ausgerichtet, einen Mann, der sich abweisend zeigt. Nicht nur dass der Mann fast genau so heisst wie er, der einzige Unterschied ist der Accent aigu auf dem zweiten o; Popóm. Er zeigt noch viel mehr Gemeinsamkeiten. Aber auch ebenso viele unerklärliche Geheimnisse. 

Hendrik folgt dem Mann, findet heraus, dass dieser ein Takakwarengeschäft in der gleichen Stadt führt, nicht weit davon wohnt. Hendrik zeigt sich im Geschäft, bleibt hartnäckig, auch wenn sich sein Gegenüber zurückhält, eine Zurückhaltung, die im krassen Gegensatz zu seiner Obsession steht, seinem unstillbaren Bedürfnis, in der Nähe dieses Mannes zu sein. Hendrik trinkt mit Popóm Tee in dessen Kammer hinter dem Laden, hilft ihm Waren in den Regalen nachzufüllen, bleibt, wenn dieser mit einem Mal verschwindet, ohne Erklärung wohin und wann er zurückkehren würde.

Hendrik verliert sich. Da hilft auch die Neue im Büro nicht. Fritzi, mit der er aus purer Not anzubändeln versucht, die ihn aber mit den eigenen Problemen auf Distanz hält. Auch seine Tante Karin, die einzige, die ihm die Stange hält, die sich nicht abschütteln lässt.

Johanna Sebauers Roman „Popóm“ ist ein vergnüglich zu lesendes Buch, das Fragen stellt, existenzielle Fragen. Wir, die wir alle so sehr auf unsere Individualität getrimmt sind, unsere Einzigartigkeit, unsere Originalität; Was passiert, wenn ich einem gealterten Ich begegnen würde? Welche Fragen stellen sich? Welche Fragen würde man stellen? Würde, wäre mein Leben anders verlaufen? Wäre ich weniger blind gewesen für die Anfänge vom Ende und weniger feige, etwas dagegen zu unternehmen? Johanna Sebauer spielt gekonnt mit pfiffiger Fantasie, mit dem Was-wäre-wenn, das sie auf die Spitze treibt.

Johanna Sebauer, 1988 in Wien geboren, ist im Burgenland aufgewachsen. Ihr Roman «Nincshof» wurde mit dem Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für das Hamburger Buch des Jahres 2023. Ihre Kurzgeschichte «Das Gurkerl» erhielt beim Bachmann-Wettbewerb 2024 den 3sat-Preis und den Publikumspreis. Nach vielen Jahren in Hamburg lebt Johanna Sebauer heute wieder in einem kleinen Dorf im Burgenland.

Beitragsbild © Pamela Russmann

Leon Engler „Botanik des Wahnsinns“, DuMont

Vor lauter Angst verrückt zu werden, greift ein junger Mann zum Skalpell und legt die Wurzeln des Wahnsinns frei. Autor und Psychologe Leon Engler wirft einen differenzierten und doch nicht klinisch nüchternen Blick auf die Psychiatrie und den Umgang mit Erkrankten.

Aber wie weit fällt der Apfel nun?
Gastrezension: Luisa Taut ist 24 Jahre alt und hat Übersetzen und Dolmetschen an der Uni Leipzig studiert. Jetzt ist sie mitten im Master in vergleichenden Literaturwissenschaften an der Uni Basel. 

Statistisch gesehen sieht es für den Protagonisten von Leon Englers Debütroman „Botanik des Wahnsinns“ schlecht aus: Als Sohn einer alkoholkranken Mutter und eines chronisch depressiven Vaters scheint das Verrücktwerden imminent. Auch ein Blick den Stammbaum entlang zu seinen Großeltern lässt den Rest an Hoffnung auf ein unbeschwertes Leben eher schwinden. Er sieht der Zeit beim Verstreichen zu, sieht, wie aus seiner Mutter langsam die ihre wird. So ist vielleicht kaum überraschend, dass er schließlich tatsächlich in der Psychiatrie landet. Doch anstatt auf der Seite der Behandelten zu sitzen, sitzt er auf dem Bürostuhl. Ich bin übergelaufen, stellt er fest.

Nach einer turbulenten Kindheit voller Umzüge von der Stadt aufs Land und wieder in die Stadt und der Flucht vor den Eltern in die großen Weltstädte lernt der frischgebackene Psychologe in der Klinik Steinhof das, was ihn ein Studium voller Statistik nicht lehren konnte. Er kennt die Symptome einer Depression, schließlich hat er Jahre damit zugebracht sie durchzupauken. Er kennt die Tests und Tabellen, und doch vergisst er alles, wenn sein depressiver Vater vor ihm steht. 

Leon Engler «Botanik des Wahnsinns», DuMont, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-7558-0053-8

Immer im Wechsel, oft auch innerhalb der Kapitel, werden die Leser*innen zu Reisenden auf verschiedenen Gedankenströmen. Mal setzt uns der Autor in der Vergangenheit des Erzählers ab, mal in der seines Vaters oder seiner Mutter und lässt uns an ihren so frustrierenden wie zarten Beziehungen zueinander teilhaben. «Wie geht es dir?», fragte ich. «Der Katze geht es gut», sagte er. Doch das hier ist kein reiner Familienroman.

Dass Leon Engler kein totaler Newcomer ist, spürt man. Elegant wirft der Hörbuch- und Theaterautor Gedanken zur Psychologie in den Raum, die in einem Zeitalter der mental-health-awareness unumgänglich sind: Gibt es überhaupt die Verrückten? Und wenn ja, sind das dann einfach die Pechvögel, die vom Ahnenfluch heimgesucht werden? Hätte es für sie gar nicht anders kommen können?
Das Aufkommen psychischer Krankheiten ist statistisch erfassbar und deren Vererbung mit Wahrscheinlichkeiten zu beziffern. Doch aus den Lebensgeschichten im Roman geht klar hervor, dass der vermeintliche Wahnsinn durchaus auch eine soziale Komponente hat.
Technologischer Fortschritt, kompetitiver Arbeitsmarkt, explodierende Mietpreise und eine gute Portion Zufall können sowohl Zutaten zum Erfolgsrezept sein, als auch auf geradem Weg zum existentiellen Ruin führen. Ist es da verwunderlich, depressiv zu werden? Eigenartiger wäre es doch, wenn er gut drauf wäre, sagt Engler in einem SRF-Interview über den Vater im Roman.

„Botanik des Wahnsinns“ besticht mit einem feinfühligen und nachdenklichen Protagonisten und Erzähler, der sehr genau und geduldig beobachtet und kein vorschnelles Urteil fällt. Die Erzählweise hat etwas Assoziatives an sich. Gedanken springen von Vergangenheit in die Gegenwart und von einem Aspekt zum nächsten. Geschmackssache sind wohl die eingebauten Zitate Nietzsches, Descartes’ und weiterer kluger Köpfe, die dem Notizenfundus des Erzählers entstammen sollen und vermutlich seinem Framing als gebildetem Das-große-Ganze-Seher dienen.

Was hängen bleibt, sind die Auseinandersetzung mit dem als krank Erkannten und dem vermeintlich Normalen. Zuhören ist wichtiger als Diagnostizieren und ein Mensch ist immer mehr als seine Krankheit (und erst recht mehr als die Krankheiten seiner Familie). Leon Engler zeigt in diesem Roman die Grenzen des Quantifizierbaren auf, und überhaupt die Grenzen dessen, was wir „normal“ nennen. Es ist ein leiser Aufruf, liebevoll in sich und um sich herum zu blicken und zu erkennen, wer und vor allem was uns eigentlich so verrückt macht. 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Leon Engler wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. «Botanik des Wahnsinns» ist sein Debütroman, mit dem er auf der Shortlist für den aspekte-Literaturpreis stand.

Beitragsbild © Niklas Berg

Katrin Askan „Dichter – Roman einer Freundschaft“, Elsinor

Keine Figur in diesem Roman ist erfunden. Und selten ist ein Roman so sehr darauf bedacht, sich streng an die erlebte Wirklichkeit seiner Protagonisten zu halten. Alle Personen heißen, wie sie im wirklichen Leben hießen. Oder noch heißen.

„Wahnsinnsmutter Nacht, du bist nun über mir….“
Gastrezension von Burkhard Jahn

Alle Personen heißen, wie sie im wirklichen Leben hießen. Oder noch heißen. Die beiden zentralen sind am Ende tot. Nach einer fünfunsiebzig Jahre währenden Freundschaft. Johannes Kühn, der Dichter. Sein getreuer Freund und Beschützer: Benno Rech.

Katrin Askan  versicherte sich immer wieder der tatsächlichen Begebenheiten. Ihrem Erzählen folgt man gebannt, fasziniert und passagenweise tief erschüttert.
Dreizehn, vierzehn Jahre alt sind die beiden Männer zu Beginn ihrer Freundschaft. Fast neunzig, wenn sie sterben. Der Ältere, Johannes Kühn,  zuerst, elf Monate später der um ein Jahr jüngere Benno Rech, der den Freund nun nicht mehr beschützen muß. 
Am Ende tragen beide den Titel Professor. Der Dichter und Dr. Benno Rech, der Pädagoge, der dem Ersten durch all die Jahrzehnte mehr als nur ein Freund bleibt. So treu und geduldig wie einstmals der Tübinger Schreinermeister Zimmer mit dem tobenden Hölderlin, als dessen Wiedergänger sich Johannes Kühn – und sicherlich nicht ohne Berechtigung – empfindet. Benno Rech bleibt seiner selbstauferlegten Pflicht treu, den Jugendfreund auch in dessen dunklesten Stunden nie zu verlassen. 

Letztlich unterstützt von der dritten im Bunde: Von Irmgard Rech. Als Benno sie heiratet, erkärt er ihr, daß sein Schützling und Freund, für den er längst die Verantwortung übernommen hat, ihn immer brauchen wird. Das ist lange Zeit nicht gerade leicht für die junge Frau. Und doch gelingt dem Paar, ein Leben lang eine ungewöhnlich glückliche Ehe zu führen, samt der liebevollen Erziehung ihrer Kinder. Auch wenn Irmgard zu Beginn der Ehe kaum ahnen konnte, welchen Herausforderungen die Familie sich zu stellen haben würde. Lebenslang.  
Über all die Jahrzehnte bleiben höhnische Kommentare und mehr als dumme Beargwöhnungen seitens der Mitwelt nicht aus. 
Beide sind einem fortschrittlichen Katholizismus verbunden, Irmgard wird die erste katholische Frau, die in der ARD das „Wort zum Sonntag“ spricht, erlangt damit eine gewisse Bekanntheit.  

Katrin Askan «Dichter – Roman einer Freundschaft», Elsinor, 2025, 400 Seiten, ISBN 978-3-942788-91-5

Die letztlich lebenslangen Freunde Benno und Johannes, beide Söhne von mehr oder weniger „bildungsfernen“ Bergarbeitern, besuchen in der Kargheit der Nachkriegszeit die Missionsschule.
Sie entdecken die Dichtung, begeistern sich dafür, sparen die Groschen zusammen für das Reclamheft des Eichendorff’schen „Taugenichts“. In heimlichen Waldwanderungen, in verbotenen Erkundungen des Nachbardorfes praktizieren sie eine andere Frömmigkeit, eine jenseits der strengen Erziehung. Sie bleiben miteinander verbunden, als Benno auf ein Gymnasium wechselt. 
Der lebensfrohe Johannes verpuppt sich vom selbstbewußten Epheben, der tanzt und raucht und gern und viel trinkt, gar eine Schauspielausbildung absolviert, in den lernhungrigen inoffiziellen Studenten – denn das Geld für die Gebühren fehlt ihm, – dazu in den manischen Durchwanderer seiner saarländischen Heimat. Vorübergehend erfährt er in Salzburg Anerkennung als Jungdramatiker, ist bald jedoch zu primitiver Brotarbeit genötigt als Bauarbeiter und Fleischtransport-Beifahrer. Und ist gleichzeitig besessener Verfasser Tausender von Gedichten. 
In Schüben wird er seelisch krank, wird ein gespensterhafter Psychopath, der, gepeinigt von Verfolgungswahn und der Verzweiflung des verkannten, des nicht genügend beachteten Dichters, in ein  jahrelanges Verstummen versinkt. 
Er verkommt. Er wäscht sich nicht mehr.  Er trinkt. Er wird zum Schreckgespenst seiner Region, zum so ängstlich wie haßerfüllt Betrachteten, wenn er im Café vor sich hinstiert. 

Es hat sich der Winter eingenistet in Aug und Mund.

Und letztlich dann doch die Erlösung die sich zeigt als gelinde Gesundung bei aufstrahlendem internationalen Erfolg. 
Immer an seiner Seite Benno, ohne den Johannes auch als Gefeierter bis an sein Lebensende nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt. Immer ist er umrahmt, beschützt und abgeschirmt von Benno und Irmgard.    
Der Lebensfreund ist Korrektor, Lektor, Sekretär, Agent. Kein Buch von Johannes erscheint, dessen Herausgeber nicht Benno und Irmgard Rech sind.
In all den Facetten folgt Katrin Askan – streng bedacht, nichts zu erfinden – den Realitäten und ergreift zutiefst mit der fulminanten Passage des dramatischen Sterbens von Bennos Schwester Martina. Bei der Rückkehr aus Lourdes im Pilgerzug. 
Noch eine Szene nimmt einem den Atem. Die ist von derart schockierender Brutalität, daß ein Hoffnungsrest des erschütterten Verfassers dieser Zeilen bleibt, es könne vielleicht „nur“ eine brillante literarische Erfindung im als Roman deklarierten Buch sein. Ein Bericht horribler Bestialität. So geschehen? Oder nur Wahnvorstellung? Wie auch immer.
Johannes Kühn schweigt von dem Tag an. Schweigt in Wort und Blick und Schrift.  Für annähernd ein Jahrzehnt. 

Es hat sich der Winter eingenistet in Aug und Mund.

Zuvor war der „verrückte Dichter“ zu einer gewissen Bekanntheit in seiner Heimat gekommen. Noch allerdings ist der „Durchbruch“ fern.
Und als sich die provinzielle Avantgarde für die Gleichschaltung des Elitären, des Herausragenden begeisterte, da mußte ein Dichter wie er wahrlich schlechte Karten haben: Ich fand für mein Herz einen Mittag. Libellen, die blauen Nadeln der Luft, über den Wiesen lautlos nähten.
Gleichwohl: Der Dichter läßt sich anregen und schreibt auch Gedichte aus der Welt der Arbeiter, die er nach kaum freiwilligen Jahren als Bauarbeiter wohl besser kennt als so mancher schulterklopfende Animator. Es geht ihm besser.
Bis die genannte Katastrophe geschieht. Das Schweigen. Zehn Jahre lang.

Die Zeiten aber wandeln sich. 
Und endlich entdecken Peter Handke, Peter Rühmkorf, Reiner Kunze, Ludwig Harig  und Michael Krüger als Verleger des Hanser Verlags den Dichter Johannes Kühn. 
Der so lange Gepeinigte erholt sich. Die Welt nimmt ihn wahr.

 „Dichter“ – Der Roman von Katrin Askan fesselt und ergreift.
Und atemberaubend aufs Neue: Johannes Kühn.

Katrin Askan lebt und arbeitet in Berlin, ihrer Geburtsstadt, die damals noch geteilt war. Mit 20 flüchtete sie vom einen zum anderen Teil und studierte an der Freien Universität Germanistik und Philosophie. Während dieser Zeit war sie immer wieder in Schweden und debütierte 1996 mit A-Dur. Es erschienen weitere Romane und Erzählungen: 1998 Eisenengel, 2000 Aus dem Schneider, 2002 Wiederholungstäter, 2009 Aufs Spiel gesetzt, für die sie zahlreiche Preise erhielt.

Burkhard Jahn, geboren in Hildesheim, lebt heute als Autor bei Zürich. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Hamburg, wirkte als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Unter anderem sind von ihm „Requiem für A.R.“ (2018) und „Der Weg an der Sarca“ (2017) erschienen. 

Beitragsbild © Thomas Grünholz 

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch

Zwischen Sterbebegleitung, familiärer Entfremdung und kafkaesker Verwandlung: Nefeli Kavouras entfaltet in ihrem Debütroman eine Geschichte, die sich an existenzielle Fragen heranwagt. Dabei hinterlässt sie allerdings auch einige Fragezeichen.

Und der Tod riecht nach Rosinen
Gastrezension: Aline Anaïs Furter studierte Kunstgeschichte und Englisch an der Universität Basel. Im September beginnt sie den Masterstudiengang Kulturpublizistik an der ZHdK. Nach vier Jahren in Basel lebt sie seit kurzem in Zürich.

Georg, Ruth und Lea – Vater, Mutter und Tochter; Ehemann, Ehefrau und Kind. Diese Dreieckskonstellation bildet das Zentrum von Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke».

Seit sieben Jahren ist Georg schwer krank. Als der Arzt im Krankenhaus die Worte „Hospiz“ und „palliativ“ in den Raum stellt, entscheidet Ruth kurzerhand, ihren Mann nach Hause zu holen und selbst zu pflegen. Es ist Sommer, die 15-jährige Lea hat Ferien – und nutzt jede Gelegenheit, dem Haus zu entfliehen. Sie trifft sich mit Freund:innen am See und beschliesst, sich in Max zu verlieben, der in wenigen Sätzen zum Vaterersatz stilisiert wird (die mit dem Vater geteilten Orte – diese Orte könnten auch irgendwann Max und mir gehören). Mutter und Tochter entfernen sich zunehmend voneinander: Ruth lebt fortan im Sterbezimmer bei Georg, Lea überall sonst.

Was auf der Ebene der Figuren an Dialog ausbleibt, wird strukturell gespiegelt: In kurzen Kapiteln wechseln sich Ruths und Leas Perspektiven ab. Dieser Rhythmus wird genau einmal gebrochen – von Georg selbst. Nach dem ersten Drittel erhält er in einem biblisch anmutenden, lyrischen Einschub eine Stimme: Als niemand hinsah, erwachte Georg. Und so sprach Georg. Hier fällt auch der titelgebende Satz: Gelb, auch ein schöner Gedanke.

Zur Mitte des Romans erfolgt eine überraschende Zäsur: Georg wird zum Pferd. Mit der Verwandlung verschieben sich die Rollen zwischen Mutter und Tochter. Während Ruth in dem Gaul etwas Fremdes, Ekelhaftes, Bedrohliches erkennt, ist Lea vom Papapferd begeistert und kümmert sich hingebungsvoll. Die hinzugezogene Pferdespezialistin Edna Piotrowska bringt Georg schliesslich auf einen Gnadenhof, wo Lea fortan jede freie Minute verbringt. Edna wird für Lea zur Vertrauten, später auch zur Freundin Ruths.

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, ISBN 978-3-462-00870-8

Im Zuge dieser Verwandlung wird doch etwas hölzern mit dem Wort «kafkaesk» auf «Die Verwandlung» von Franz Kafka verwiesen. Dort erwacht Gregor Samsa eines Morgens in verwandelter Gestalt und muss fortan seinen Platz im familiären Gefüge neu verhandeln. Ob die Namensverwandschaft – Georg und Gregor – als weiterer intertextueller Fingerzeig zu verstehen ist, sei dahingestellt.

Die Hamburgerin Nefeli Kavouras ist in der deutschen Literaturszene keine Unbekannte: Als Organisatorin und Moderatorin von Lesungen, als Podcasterin, als Kuratorin des Literaturprogramms der «altonale» sowie als Mitarbeiterin des mairisch Verlags hat sie sich längst einen Namen gemacht. Für einen Auszug aus ihrem Roman wurde sie 2023 mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet; im vergangenen Jahr folgte eine Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Preis.

Eingehend und empathisch widmet sie sich in «Gelb, auch ein schöner Gedanke» den Themen der Pflege, der (aktiven) Sterbehilfe, dem Loslassen und Nicht-loslassen-Können, der Trauer und den damit einhergehenden Verschiebungen innerhalb ohnehin fragiler Familienstrukturen. Auf gut 200 Seiten gelingt ihr ein in sich konsistenter Roman, dessen Aufbau stimmig abgerundet ist: Der Anfang nimmt das Ende vorweg und greift es später wieder auf.

Trotz der existenziellen Wucht der verhandelten Fragen droht der Text jedoch immer wieder in vorgefertigte Muster und Klischees zu rutschen. Manche Dialoge wirken bemüht, manche Metaphern allzu gefällig – etwa wenn Georgs Organe nach und nach das Licht ausschalten und bald Feierabend machen. Auch Textnachrichten wie Süsse, lass mich doch da sein für dich klingen eher nach übersetztem Young-Adult-Ton als nach eigenständiger literarischer Sprache.

Irritierend sind zudem einzelne pauschalisierende oder stereotype Bemerkungen der Figuren, wie wenn Ruth über eine Nachbarin sagt: Die ist fett geworden. Seit ihr Mann tot ist, hat sie richtig zugelegt, oder wenn Lea beim Rasieren der Beine über ihre Freundin anmerkt: Ich hatte noch nicht über Haarwuchs nachgedacht. Anna hingegen als Spanierin schon. Man könnte diese Sätze zwar als bewusste Spiegelungen des Innenlebens der Protagonistinnen lesen – als Ausdruck ihrer Überforderung, ihrer Engführung oder ihrer Unreife. Kombiniert mit den oben genannten, ebenfalls klischeehaft wirkenden Stellen, entsteht jedoch nicht der Eindruck einer bewussten Intention. Vielmehr bleiben solche Formulierungen weitgehend unreflektiert stehen.

So stellt sich am Ende die Frage, ob die Erzählung nicht auch von einer anderen Form – etwa der eines Jugendromans – profitiert hätte, wobei die vereinzelt expliziten sexuellen Anspielungen einer solchen Einordnung derzeit wohl noch im Weg stünden.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Rezension von Sina Aebischer zum gleichen Roman

Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Beitragsbild © Stephan Obel

Alex Capus «Querfeldein», Hanser

Ein Roman, der vor Erzähllust sprüht. Wer Alex Capus kennt, wer bereits von ihm gelesen hat, ihn vielleicht sogar einmal live erlebte, wird sich bestätigt fühlen; ein Geschichtenerzähler wie er im Buch steht, in seinen. Einer, der mit grosser Geste erzählt, der seine Held*innen liebt, Menschen, ihre Geheimnisse, ihre Eigenheiten, ihre Abgründe.

Moskau liegt nicht weit vom Rhein, im Kanton Schaffhausen, nahe an der Grenze zu Deutschland. Nicht nur in der Fantasie von Alex Capus, sondern tatsächlich. Direkt an der Grenze steht das Gasthaus zur Moskau, der Dreh- und Angelpunkt des neuen Romans des grossen Geschichtenerzählers. Wie kaum ein anderer Autor sprudelt Capus in seiner Erzählfreude und Figurenzeichnung. Der kleine Ort an der Grenze wird zum lebendigen Schauplatz einer Familiegeschichte, eigenwilliges Personal verwandelt den stillen Ort, das Gasthaus, das Arnold bauen liess zu einem Stück Welttheater, eine Bühne, auf der sich die Wirren der Zwischenkriegszeit spiegeln, die Transformation einer Gesellschaft, der Wandel einer Zeit in grosser Unsicherheit.

Bis sich Arnold mit dem Gasthaus zur Moskau sesshaft machte, war er einer, der stets von Ort zu Ort, von Arbeitgeber zu Arbeitgeber weiterzog. Nicht weil er sich nicht festlegen wollte, sondern weil er den Trott, die lebenslange Wiederholung fürchtete. Aber mit einer Glückssträhne im Casino zu Geld gekommen, baut er sich an der Grenze zu Deutschland ein Gasthaus, vielleicht doch eine Idee davon, dereinst sesshaft zu werden. Und weil er im nahen Weiler Moskau, unweit von Ramsen die Witzbolde nicht zum Schweigen bringt, mahnt er den Schriftenmaler im letzten Augenblick nicht „Eintracht“, sondern „Zur Moskau“. Irgendwie Programm für einen Mann, der sich nicht festlegen will, für eine Gegend, wo auch „Petersburg“ nicht weit davon liegt, am Ende der Welt.

Alex Capus «Querfeldein», Hanser, 2026, 290 Seiten, ISBN 978-3-446-28564-4

462 510 Mark liegen auf seinem Konto. Eine Summe, die ihn ein Leben lang frei leben liess, die es ihm möglich machte, sämtliche Rechnungen in Bar zu bezahlen, was ihm wiederum den Respekt all jener brachte, die er für eine Leistung zu bezahlen hatte. Und als dann mitten im Winter eine Herde Wildpferde über die Grenze am Gasthof vorbeikam, vorneweg ein mächtiger Fuchshengst mit weissem Stern auf der Stirn, auf ihm eine junge Frau, ohne Sattel, bloss auf einer feldgrauen Wolldecke. Eine Erscheinung, von der sich Arnold nicht mehr zu lösen vermochte. Eine junge Frau, die am Ende der Welt eine neue Zeitrechnung einleutete. Die Amazone hiess Betty. Arnold und Betty werden sich schnell einig. Vier Monate später wird Hochzeit gefeiert, auch wenn Arnold mit keiner Silbe erfährt, woher seine Frau kommt. Er kennt nicht einmal ihren Familiennamen. An der Hochzeit ist kein Gast von ihrer Seite, dafür wird umso flotter und mitt viel Musik auf seiner Seite die Hochzeit gefeiert.

Dass Betty nicht ins Muster all jener Frauen passt, die den kleinen Ort im Schaffhausischen bewohnen, wird noch einmal klar, als wenig später das erste Kind zur Welt kommt. Dieses Baby gehört mir. Das weisst du und das weiss ich. Wahrscheinlich werden wir noch weitere Babys haben, dann wird eines vielleicht deines sein. Aber dieses hier ist meins. Kein Wunder ist auch die Erstgeborene Clara ein besonderes Kind. Kaum kann sie laufen, macht sie sich auf, für Stunden, später für Tage. Später holt sich Clara von jedem im Dorf den Respekt. Manch einer bekommt blaue Flecken und wagt es nicht mehr, ihre Nähe zu suchen.

Aber auch Clara findet jemanden; Hermann, den Bären. Einen Schmugggler, der sich auch von der braunen Grenzwacht nicht abschrecken lässt. Hermann wird schnell Teil der Familie, auch wenn sein Schnarchen vom Schopf nebenan bis ins Gasthaus zu hören ist. Aber Hermann macht Clara glücklich. Und tröstet auch Arnold, als sich Betty eines Tages aufmacht auf ihrem Pferd und verschwindet.

„Querfeldein“ ist mit derart viel Leichtigkeit und Freude erzählt, dass die Lektüre trunken macht. Ich staune über die Purzelbäume, die er schlägt. Auch wenn der Stoff in einen historischen Kontext gestellt ist, auch wenn es die Orte, das Haus am Ende der Welt gibt, drängt sich die Frage, ob das nun wahr sei, kein einziges Mal auf. Was erzählt wird, ist immer wahr, weil es genau so unwahr ist, wie alles Nacherzählte, dass durch Geist, Herz und Leib eines Erzählers oder einer Erzählerin gegangen ist. Mag sein, das Alex Capus in kein Muster helvetischen Erzählens passt. Wenn er erzählt, erinnert er mich an den grossen Schweizer Geschichtenerzähler André Kaminski (1923 – 1991), der es meisterlich verstand, mit der grossen Kelle anzurichten. Köstlich! 

Interview

Moskau liegt nicht vor deiner Haustür. Wie kam die Geschichte zu dir?
Ich bin unermüdlich gern in Brockenstuben und auf Flohmärkten unterwegs, krame dort in alten Sachen, die ich gar nicht brauche. In meinem Alter – ich werde 65 – hat man ja alles und sollte sich eher von Sachen lösen als sich neue zulegen. Irgendwo bin ich dann wohl auf diese Ansichtskarte des Gasthofs zur Moskau gestossen – wo das war, weiss ich nicht mehr. Was ist das denn, habe ich mir gedacht, wieso Moskau und warum in Ramsen. Eine erste Google-Suche hat mich zu Stefan Kellers schönem kleinen Band «Bildlegenden» geführt, in dem auch Hermann Webers Geschichte skizziert ist, und von da ging es weiter zu den Dissertationen und Artikeln von Historikern (u.a. Franco Battel: «Wo es hell ist, da ist die Schweiz»). Und dann bin ich natürlich selbst noch in die Archive gestiegen und habe Ramsen und Singen besucht.

aus «Bildlegenden» von Stefan Keller, Rotpunkt, 2016, Archiv Stefan Keller

Alle Protagonist*innen in deinem Roman sind starke Persönlichkeiten, Menschen, die sich nicht gerne einordnen und unterordnen lassen. Rebell*innen. Wahrscheinlich triffst du mit der Schilderung dieser Personen auch einen Nerv deiner Leser*innen. Eine ungestillte Sehnsucht, heimliche Versäumnisse. Oder steckt in deinem Personal ganz viel Alex Capus?
Die Figurenzeichnung ist natürlich fiktional, sie lässt sich kaum aus Parlamentsakten und Verhörprotokollen entnehmen. Und ja, ich zeichne Figuren, die mir gefallen, die mir entsprechen und über die ich etwas zu erzählen weiss. Insofern ist gewiss viel von mir in ihnen.

Es sind Menschen, die genau das tun, was sie wollen. Deine Protagonist*innen schlittern nicht einfach in ein Leben, in eine Existenz. Sie folgen ihrer inneren Stimme. Sie leben ein Leben, das sich nicht nach Normen richtet. Ist dein Roman auch ein Statement für weniger Anpassung? Das Rebellische in sich nicht zu verlieren?
Gerade in der heutigen Zeit, in der Milliardäre und Autokraten die Welt nach Belieben beherrschen zu dürfen glauben, ist das Signal wichtig, finde ich, dass auch in einem kleinen Dorf wie Ramsen eine Handvoll Menschen sich machtvoll gegen die Diktatoren erheben können. Diese Asterix-Geschichte in dem Buch ist mir sehr wichtig.

Wie sehr bist du bei diesem Roman oder bei allen Romanen, die du geschrieben hast, einem Plan gefolgt?
Ich kenne jedes Mal ungefähr den dramaturgischen Bogen, dem ich folgen will. Aber wie sich das in den Details ausgestaltet, ergibt sich Schritt für Schritt, da muss ich mich vorantasten. Darum fange ich auch beim Schreiben mit Seite eins an und höre mit der letzten auf, ich kann nicht den Mittelteil zuerst schreiben und dann den Schluss und schliesslich den Anfang. Bei «Querfeldein» stellte sich mir die ganze Zeit die Frage, wie ich die Rebellion der Leute von Ramsen schildern würde, wenn ich dort anlangte. Die Lösung war dann ganz einfach – ich habe es so erzählt, wie es sich tatsächlich zugetragen hat, vermutlich, wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich. Wobei es natürlich auch ganz anders gewesen sein könnte.

Die eigentliche „Hauptperson“ in deinem Roman ist der Gasthof zur Moskau, Dreh- und Angelpunkt, die Bühne in deinem Roman. Du bist selber Wirt, hast in deinem Leben viel Zeit hinter der Theke verbacht. Ein Gasthaus ist auch eine Bühne mit Auftritten und Abgängen. Manchmal erschien mir dein Roman wie ein Freilichttheater. Es blitzten Erinnerungen an Jeremias-Gotthelf-Filme und -Bücher auf. Musst du dich als Beizer davor hüten, deine Stammgäste zu zeichnen?
Ich habe tatsächlich ein Herz für Gasthöfe, Wirte und Gäste, davon verstehe ich auch etwas, und darum fällt es mir leicht, darüber zu schreiben. Danke für die Erwähnung von Gotthelf, der hat ja in «Der Geltstag» einen ganzen Roman einer liederlichen Wirtin gewidmet. Er ist 2025 bei Diogenes neu erschienen und ich durfte ein Nachwort dazu schreiben.

Alex Capus, geboren 1961 in Frankreich, studierte Geschichte, Philosophie und Ethnologie in Basel und arbeitete während und nach seinem Studium als Journalist und Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. Seit 1994 veröffentlicht Alex Capus Kurzgeschichten, historische Reportagen und Romane, die in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Daneben hat er auch John Fante übersetzt. Capus lebt als freier Schriftsteller in Olten.

mehr über Alex Capus auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Mergime Nocaj 

Evelina Jecker Lambreva „Mama, wann kommst du“, Y Zeitschrift für atopisches Denken

Mutterschaft als Geschäftsidee. Vordergründig, wenn auch mit einberechneten Kollateralschäden, für jene Mütter, die wirtschaftliche Not dazu zwingt. Ganz bestimmt für die Agenturen, Kliniken und Hinterleute, die sich mit den Bäuchen jener Mütter eine goldene Nase verdienen.

Der deutsche Berufspolitiker und vehemente Unterstützer eines Verbots von Leihmutterschaft in Deutschland nahm sich die Freiheit, in den USA ein Kind austragen zu lassen. Zwei stolze Väter zeigten in den Medien ihr Kind und rechneten wohl ganz offensichtlich nicht mit dem Shitstorm, den Jens Spahn aus seinem Amt katapultierte. Aber statt damit eine Diskussion über Leihmutterschaft ausgelöst worden wäre, war es fast nur das Entsetzen über die Doppelmoral deutscher Vorzeigepolitiker. Auch wenn der Aufschrei berechtigt war, auch wenn damit einmal mehr das immer fadenscheiniger gewordene Vertrauen auf „die da oben, die sowieso machen, was ihnen gefällt», seine Bestätigung findet, bleibt die eigentlich wichtige Diskussion auf der Strecke; Ist Leihmutterschaft nicht einfach das Resultat hingenommener Ungerechtigkeiten? Was passiert mit den Frauen, die sich zu einem solchen Schritt entscheiden? Ist dieser Schritt eine tatsächliche Entscheidung oder nicht vielmehr einziger Ausweg aus einer Sackgasse, aus drohender Armut, letztlich ein Akt der Verzweiflung? Und was bedeutet dieser Schritt für die Frau selbst, für das Kind, das der leiblichen Mutter vertraglich weggenommen wird? Was bedeutet eine solche Mutterschaft für das Umfeld, für die Familie solcher Leihmütter, für das Umfeld jener Paare, die sich wie Jens Spahn den Sohn oder die Tochter aus dem „Katalog“ aussuchen?

Evelina Jecker Lambreva veröffentlichte 2022 in der (digitalen) Y Zeitschrift für atopisches Denken die Briefnovelle „Mama, wann kommst du“, die sich aber mit weit mehr als dem Thema der Leihmutterschaft auseinandergesetzt.
Nadja muss den Tod ihrer geliebten Grossmutter und jenen ihres Vaters verkraften, eines Mannes, der an den Folgen seiner Sauferei in einen Graben stürzte und das Genick brach. Nicht nur dass Nadja sich aus dem von ihrer Oma zusammengehaltenen Paradies herausgerissen fühlt – Nadja muss sich Fragen und existenziellen Bedrohungen stellen, denen sie sich nur entgegenstemmen kann, wenn sie ihrer verstorbenen Oma Briefe schreibt und auf Antworten in ihren Träumen hofft.

Evelina Jecker Lambreva erzählt von einer Familie in einem osteuropäischen Land, einem Land, das noch immer mit seiner sozialistischen, kommunistischen und in vielerlei Hinsicht faschistischen Vergangenheit zu kämpfen hat. Nadjas Mutter sieht einen Weg aus drohender Armut und krank machender Fabrikarbeit einzig darin, ihren Bauch zu verkaufen, ihr Recht auf Selbstbestimmung gegen Geld abzugeben, sich einer vertraglich festgelegten Abmachung auszuliefern, die ihren Körper zum Brutgefäss macht und das werdende Leben in ihr zu einem Gegenstand, den man nach vollbrachter Produktion abzugeben hat. Aber so wenig es der Mutter gelingt, das wachsende Kind von ihr abzukoppeln, so sehr sieht sich Nadja hin- und hergerissen in Ängsten um ihre Mutter, Fragen, die ihr selbst die Träume nicht beantworten können. Alles um Nadja herum verändert sich, nicht nur ihre Rolle in der Familie, auch der Status, die drohende Vertreibung aus dem Paradies und nicht zuletzt das so anders verlaufende Leben ihrer besten Freundin Lydia. Lydia, ein bisschen älter als Nadja, schliesst sich einer konservativ sozialistischen Kampftruppe an, die davon überzeugt ist, dass alles Übel aus dem Westen eingeschleppt wird, nicht zuletzt die Samen jener, die eine Leihmutter brauchen.

„Mama, wann kommst du“ ist ein konsequent aus der Sicht einer Zwölfjährigen geschriebener Briefmonolog an eine Grossmutter, die einst Dreh-, Angel- und Mittelpunkt der Familie war. Das Suchen eines Mädchens, das die Welt zu verstehen sucht und letztlich von einer grossen Welle aus dem tastenden Suchen gerissen wird. Vielleicht braucht es den schonungslosen kindlichen Blick auf Fragen, die sich weder schnell noch einfach beantworten lassen. Die bulgarisch-schweizerische Schriftstellerin und Psychiaterin tut dies offen und kompromisslos. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass die Novelle nie zu einem Buch wurde. Schade, denn die Novelle stellt zeitlose Fragen und entblösst, was uneingeschränkter Konsum, und letztlich ist auch eine Leihmutterschaft ein Auswuchs unbegrenzter Konsumwirtschaft, und vereinnehmender Ideologien, die auf schwierige Fragen einfache Parolen entgegensetzen.

„Mama, wann kommst du“ kann hier herunterladen werden.

Evelina Jecker Lambreva, 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren, lebt seit 1996 in der Schweiz. Sie arbeitet als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. Ihr literarisches Schaffen in deutscher Sprache begründete sie mit dem Gedichtband „Niemandes Spiegel“ sowie den Erzählbänden „Unerwartet“ und „Bulgarischer Reigen“. Bei Braumüller erschienen: „Vaters Land“ (2014), Nicht mehr (2016) „Entscheidung“ (2019), „Im Namen des Kindes“ (2022) und „Mein Name ist Marcello“ (2024). Zur Zeit arbeitet die Autorin an ihrem neuen Roman: «Die Fremden», inspiriert durch Albert Camus und Erich Fromm.

Beitragsbild © Alexander Jecker

Christoph Peters «Entzug», Luchterhand

Er trinkt, weil er glaubt, nur so in die Untiefen seines Bewusstseins vordringen zu können. Er trinkt, bis ihn seine uneingestandene Sucht mit dem Tod bedroht, bis er seine Familie im Dunst verliert, bis der Suff ihm das einzige wegnimmt, was er kann; das Schreiben. „Entzug“ ist ein Roman, der mich tief beeindruckt.

Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los steht in Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Ob Christoph Peters jene Geister loswerden konnte, die ihn zwei Jahrzehnte seines Lebens fest im Griff hatten? Die Flaschengeister, die alles dominieren, Alkoholiker zu egozentrischen Monstern machen? Christoph Peters legt aus mehr als zwanzig Jahren Distanz einen Roman vor, der sich in seiner kompromisslosen Art und Weise jenen Geistern entziehen will, der schonungslos aufzeigt, mit welcher Wucht eine solche Sucht einen Menschen machtlos werden lässt. Wie sich Gedanken zunehmend nur noch um die immer gleiche Frage drehen: Wie komme ich zu meinem Stoff, ohne die Fassade zu stören? Christoph Peters hat aus dem eigenen Leben, dem eigenen Kampf, dieser letzten Wendung, bevor er sich in den Tod gesoffen hätte, einen Roman geschrieben. Ein Zeugnis. Vielleicht auch eine Heilsgeschichte, den Weg knapp an der Hölle vorbei, den totalen Realitätsverlust, den Beginn eines langen Weges aus der Sucht heraus.

Dass aus dem Buch viel mehr als der Report eines Bezwingers seiner selbst wurde, verdankt Christoph Peters seiner Sprache, der Intensität dieses Textes, dem sprachlichen Abbild dessen, was jene Zustände der totalen Besoffenheit und glasklaren Nüchternheit erzeugen können. „Entzug“ ist viel mehr als „Bekenntnisliteratur“, auch wenn Ehrlichkeit und Offenbarung in vielem an solche erinnern. Wahrscheinlich ist es Christoph Peters Glück, dass er seine Kunst des Hineinschreibens in sich trägt, die Fähigkeit der gnadenlosen Reflexion, die Kunst, aus abgrundtiefem Elend etwas Schönes zu erzeugen. Sein Glück und mein Glück. Vielleicht auch das Glück eines Schriftstellers, der schon mit mehr als zwei Dutzend Büchern immer und immer wieder bewiesen hat, dass er Meister seines Fachs ist. Es braucht die Sensation einer Offenbarung nicht, zumal das Trinken in Kreisen der Schreibenden kein seltenes Phänomen ist und bis vor wenigen Jahren der Stoff, der den Literaturbetrieb schmierte.

Christoph Peters «Entzug», Luchterhand, 2026, 400 Seiten, ISBN 978-3-630-87785-3

Der Protagonist im Roman trägt den Namen des Schriftstellers, eine Maske hätte es nicht gebraucht. Christoph Peters im Buch schreibt an einem Roman („Ein Zimmer im Haus des Krieges“). Nachdem er die ersten Seiten seinem Verleger zusandte, schreibt ihm dieser zurück, man könne den Text nicht brauchen. Auf den ersten Seiten des Romans findet die Frau des Protagonisten eines Morgens auf dem Küchentisch eine halbleere Flasche Wodka. Was macht die Flasche da?, fragt die Frau und er windet sich in Ausreden, Vorhaltungen und fadenscheinigen Erklärungen. Schreiben ohne zu zittern kann er nur noch, wenn er direkt nach dem Aufstehen seinen Alkoholpegel auffrischt. Überall in der Wohnung sind Flaschendepots eingerichtet, Verstecke, von denen er glaubt, nur er wisse davon. Und mit einem Mal spitzt sich die Lage zu; Wird ihn seine Frau zusammen mit dem kleinen Kind verlassen? Wird ihn der Verleger fallen lassen? Wozu ist er noch zu gebrauchen, wenn er nicht mehr schreiben kann? Es bleibt jener Rest Realitätsbezug übrig, der ihn eine Bekannte anrufen lässt, die Ärztin ist, die ihm unmissverständlich klar macht, dass nur ein kontrollierter, begleiteter Entzug der Weg sein kann. Jener letzte Rest Selbstachtung, die Angst, alles zu verlieren, sich in den Untergang zu saufen, führen jenen Christoph Peters in eine Klinik, einen Entzug, in ein Mehrbettzimmer mit lauter Suchtkranken, einen Ort, an dem er den letzten Rest Selbstkontrolle abgeben muss, wo man ihn nicht einmal alleine duschen lässt. An einen Ort, wo man ihm unmissverständlich vor Augen führt, was geblieben, worauf noch zu hoffen ist und was sein wird, wenn er nicht radikal die Richtung ändert.

Das erste Drittel des Buches trägt den Titel „Trinken“, die beiden folgenden Drittel „Nicht trinken“. Es gibt ein klar abgegrenztes Davor und Danach, ein Entweder-oder. Genau so, wie sich das Leben aller Alkoholiker*innen, die sich ihrer Sucht entziehen können in ein Davor und ein Danach teilt. Es gibt nur das Entweder-oder. Und trotzdem bleibt man ein ganzes Leben Alkoholiker*in. In Interviews verrät Christoph Peters, dass er auch zwanzig Jahre nach der Sucht die Folgen tragen muss. Jener Christoph Peters im Buch, der schon als Pupertierender den Entschluss gefasst hatte, dereinst Künstler und Trinker zu werden, kam aus einem Umfeld, das dem Alkohol mit aller Selbstverständlichkeit begegnete. Der Dunst gehörte dazu, war immer da. So wie später im Internat – und danach als junger Schriftsteller. Auf dem Cover seines Romans sieht man ein Selbstbildnis des Autors, dass er mit sechzehn gemalt hatte, noch unschlüssig, ob er Maler oder Schriftsteller werden sollte. Der Geist, der aus der Flasche kam, war allgegenwärtig.

Christoph Peters ist ein äusserst beeindruckendes Buch gelungen. Ein kraft- und kunstvoller Roman über den tiefen Fall, denn wie er die Tage vor seinem Entschluss, in jene Klinik einzutreten, jene Zeit des Permarauschs, des maximalen Selbstbetrugs, der Angst vor dem freien Fall beschreibt, spiegelt sich in der grellen Klarheit der Nüchternheit, die mit allen Nebenwirkungen, von denen er in der Klinik nicht weiss, ob sie ihn wieder loslassen, schrittweise zurückkehrt.

Interview

Wie kaum je zuvor wurde mir bei der Lektüre ihres Romans bewusst, dass man letztlich nie von einer derartigen Sucht frei wird. Seien es Alkohol, Tabletten, Kokain oder anderes. Wer einmal in der Spirale gefangen ist, schlägt sich ein Leben lang mit der Sogwirkung oder den Nach- und Nebenwirkungen herum. Sie lässt sich nicht vergessen, nicht abschütteln. Man kann sich nicht freikaufen. Wo ist der Kipppunkt? Wann beginnt Sucht und hört Genuss auf?

Ein allgemeingültiger Kipppunkt ist schwer genau festzumachen, obwohl es natürlich verschiedene Indizien gibt, die nahelegen, dass man süchtig beziehungsweise abhängig trinkt. Das beginnt mit der Ritualisierung des eigenen Trinkens auf einem gehobenem Niveau. Grundsätzlich würde ich zwischen psychischer Abhängkeit – dass ich unbedingt regelmäßig eine bestimmte Menge Alkohol brauche, um entspannen, abschalten zu können, mich überhaupt wohl in meinem Leben zu fühlen, – und physischer Abhängigkeit unterscheiden. Erstere ist zwar auch nicht gesund, weder für den Geist noch für den Körper, aber man kann das relativ lange praktzieren, ohne dass es direkt lebensbedrohlich wird. Dann gibt es die Schwelle zur physischen Abhängigkeit. Wenn die einmal überschritten ist, benötigt der gesamte Organismus eine konstante Mindestmenge Alkohol, um überhaupt halbwegs zu funktionieren. Sobald der Alkoholgehalt unter diesen Pegel fällt, beginnen Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche, Angstzustände. Bei manchen Leuten setzt das nach relativ kurzer Zeit übermäßigen Konsums ein, bei manchen kommt es schleichend im Lauf der Jahre. Spätestens sobald man zittert, wenn man ein paar Stunden nichts getrunken hat, kann man zumindest sich selbst nichts mehr vormachen. Man muss dann heimlich trinken, bewegt sich in einem zunehmenden Lügengeflecht, alles wird – wie bei einem Junkie – der Droge untergeordnet. In diesem Stadium zerfallen dann auch die privaten Beziehungen, häufig beginnt ein Prozess sozialen Abstiegs, verbunden mit Jobverlust, Trennungen, Obdachlosigkeit und schließlich tödlichen gesundheitlichen Komplikationen.

Vor ein paar Jahren lernte ich einen Autor kennen, der einen Roman zum Thema Demenz schrieb. Danach wurde er immer und immer wieder als „Sachverständiger“ eingeladen. Eine Rolle, mit der er sich je länger, je weniger identifizieren konnte. Droht nicht auch ihnen eine solche Rolle? Wird man nicht zum Vorzeigebeispiel jenes einstelligen Prozentanteils, der es „geschafft“ hat.

Die Gefahr sehe ich so erst mal nicht. „Entzug“ ist mein dreizehnter Roman, dazu kommen Erzählbände und Essays, bei denen so unterschiedliche Themen wie Kunstgeschichte und Gegenwartskunst, Islam und Islamismus, christlicher Fundamentalismus, Japan, Teezeremonie, der Niederrhein und das politisch-kulturelle Leben in Berlin eine zentrale Rolle spielen. Deshalb gehe ich eigentlich nicht davon aus, dass ich als Autor künftig nur noch „monothematisch“ zum Thema Alkohol wahrgenommen werde. Bislang kamen denn auch mehr oder weniger alle Gespräche zum Buch und ebenso die Lesungseinladungen aus dem Bereich der Literaturrezeption. Neben dem thematisch-biografischen Interesse ging es dort immer auch um literarisch-ästhetische Fragen. Im übrigen ist die Literatur für mich auf der einen Seite ein Medium, in dem bestimmte Themen und Fragen verhandelt werden, auf der anderen Seite ist jedes Thema umgekehrt eben auch Anlass und Möglichkeit, über die Literatur zu reden.

Die Ehefrau des Protagonisten wird immer nur die Frau genannt. Ein krasser Gegensatz zu den Textpassagen, in denen sich der Protagonist an sein kleines Kind erinnert. Ist das ein willentlicher Akt eines Versuchs der Distanzierung? Nicht weil er sie nicht mehr liebt, aber weil er sie aus dem Schussfeld nehmen will, weg vom Schauplatz seines inneren Kampfs?

Die Bezeichnung der Ehefrau als „die Frau“ war zunächst einmal ein Mittel, um diese äußerste Distanzierung sprachlich sinnfällig zu machen, die jeder Süchtige mehr oder weniger allen Menschen seines Umfelds gegenüber vornimmt. Gerade die Menschen, die einem besonders nahestehen, sind in diesem Zustand der größte „Gegner“ für die totale Herrschaft des Alkohols, weil sie einen potenziell am Trinken hindern wollen. Im Verlauf des Romans – im zweiten Teil, kurz nach dem Beginn des klinischen Entzugs – wird aber aus „die Frau“ allmählich „meine Frau“ und dann eben „V.“. Und dann gibt es ja auch noch die Widmung. Im Falle des Kindes ist es ein bisschen anders, weil das Kind den Vater ja auf seine unmittelbare Weise weiterhin ungebrochen liebt, da funktioniert das mit der Distanzierung schlechter. Abgesehen davon ist Alkoholismus auch eine Krankheit, die einen wahnsinnig rührselig und sentimental macht, dann bricht man über das eigene große Gefühl der Liebe zum Kind in Tränen aus –  allerdings ohne daraus die Konsequenz zu ziehen, endlich mit dem Trinken aufzuhören.

Manchmal, wenn sie fast seitenlange Sätze schreiben, lesen sich die Passagen wie ein Sprachrausch. Aber ganz ähnlich jene Passagen absoluter Nüchternheit. Dort ist alles glasklar. Wie muss ich mir den Schreibprozess solcher Passagen vorstellen. Gibt es dieses rauschhafte Schreiben oder ist es „nur“ konstruiert?

Ich schreibe nie rauschhaft, ganz gleich, welchen Zustand ich versuche sprachlich zu fassen. Mein Arbeitsprozess ist darauf ausgerichtet, möglichst präzise und zugleich sinnlich nachempfindbar die jeweilige Geschichte zur Sprache zu bringen. Das geht, jedenfalls für mich, immer über ausgedehnte Korrektur- und Überarbeitungsprozesse. Etwa achtzig Prozent meiner Schreibtischzeit besteht darin, aus ursprünglich mehr oder weniger peinlichen Sätzen allmählich nicht-peinliche Sätz zu machen. Wenn ich einen Text an den Verlag schicke, habe ich alles, was dort, steht sechzig bis hundert Mal gelesen. Ich würde das aber trotzdem nicht „nur konstruiert“ nennen. Dieser Vorgang des täglichen Formulierens und Umformulierens hat für mich eine sehr große Intensität, die immer noch relativ schnell in totale Verzweiflung mündet, wenn es trotzdem nicht so wird, wie ich mir das vorstelle.

Es dauerte mehr als zwei Jahrzehnte Distanz, diesen Roman in dieser Form zu schreiben. Und trotzdem schaffen sie es, dem Roman einen fast dokumentarischen Charakter zu geben. Brauchte es die Distanz? Wann war klar, dass sie irgendwann diesen Roman schreiben mussten?

Der Roman thematisiert ja schon relativ am Anfang des „Nicht-Trinken“-Teils in der Klinik, dass ein Künstler oder Schriftsteller das ganze Leben als Materialsammlung benutzen kann. „Alles dient“ hat uns mein Lehrer an der Karlsruher Kunstakademie, Horst Egon Kalinowski, immer gesagt. Gegen Ende der Zeit in der Klinik war mir schon klar, dass die Zustände, die ich während dieses Entzugsprozesses durchlaufe, eine Intensität haben, die ich eines Tages für einen Roman nutzen wollte. Das ist aber auch nichts Neues gewesen. „Stadt Land Fluß“, „Wir in Kahlenbeck“, „Dorfroman“ haben auch starke autobiografische Elemente. Ich benutze mich selbst auch immer wieder als eine Art Crash-Test-Dummy für die Geschichten, die ich erzähle. Da ich aber über Dinge, die ich erlebt habe, normalerweise erst schreiben kann, nachdem ich sie für mich innerlich soweit verarbeitet habe, dass sie mich emotional nicht mehr belasten, dauert es einfach meist Jahrzehnte, bis so ein autobiografischer Stoff romantauglich geworden ist.

In Deutschland sind 2 Millionen Menschen alkoholabhängig. Je nachdem wie gezählt wird, sollen es gar 4 Millionen sein. Jede vierte Person. Das muss unglaubliche wirtschaftliche Konsequenzen haben. Damit müsste es doch auch im Interesse des Staates und sämtlicher Versicherungen sein, dass Alkoholismus zur Volkskrankheit erklärt werden müsste, dass alle Institutionen alles Menschenmögliche tun müssten, um gegen die Verharmlosung dieser Sucht anzutreten. Passiert das?

Ob die wirtschaftliche Gesamtbilanz des kollektiven Alkoholkonsums in Deutschland oder Europa für die Staatskassen über Steuern, Export, Tourismus – es gibt ja überall Bier- und Weinfeste, wo die Leute in Massen hinpilgern, um gemeinsam zu trinken – , die Entlastung der Rentenkasse durch die geringere Lebenserwartung von Starktrinkern und Alkoholikern eher positiv oder aufgrund der mit Trunksucht verbundenen Arbeitsausfälle und höheren Gesundheitsausgaben eher negativ ist, kann ich nicht beurteilen. Es gibt inzwischen zwar – wie für alles – auch zum Thema Alkohol Gedenktage und Aktionswochen, ab und zu mal eine Plakatkampagne oder einen Fernsehclip, aber die Alkoholwerbung nimmt natürlich deutlich mehr Raum ein. Da wird einem immer suggeriert, dass das Leben durch Bier erst schön wird. Dazu kommt die Verklärung von Alkohol als identifikationsstiftendem Kulturgut, das es unbedingt zu schützen gilt, nicht zu vergessen, dass der tägliche Wein nach der Arbeit, der Schnaps gegen den Stress auch selbstverordnete Psychopharmaka sind, die dabei helfen, dass das strukturelle Gefühl der Sinnlosigkeit im Konsumkapitalismus nicht so weit um sich greift, dass das gesamte System in unkontrollierbarer Massendepression untergeht.

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit «Innerstädtischer Tod» (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.

Rezension zu «Krähen im Park» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Peter von Felbert