Ahojana 4 «Tausend Tentakelschläge» – Eine Postkarte aus Carbelotte von Owida N. Woiax

Mit einem staccatoartigen Hupen rast der hellblaue Autocar der Buchgesellschaft Pierou an der Haltestelle im Zentrum von Carbelotte vorbei. Offenbar weiß der Chauffeur, dass die zwei Frauen, die sich vor dem leichten Nieselregen unter das Dach der Station geflüchtet haben, nicht bei ihm mitfahren wollen. Mir war sogar, er habe ihnen zugewinkt. Ich stehe unter einer mächtigen Espe auf der anderen Straßenseite – unentschlossen, ob ich meinen Schirm hervorholen oder darauf vertrauen soll, dass der Regen bald wieder aufhört. Etwas weiter nördlich, über der Baij Kabsakdi, ist der Himmel schon wieder blau. Oder noch? Ich mag keine nassen Regenschirme. Ich warte lieber noch etwas zu.
Sollten mich die zwei Frauen überhaupt bemerkt haben, so lassen sie sich auf jeden Fall nicht stören. Sie sind ganz und gar mit ihren Beinen, ihren Hüften, ihren Armen, Schultern und Köpfen beschäftigt, die sie in rasendem Rhythmus bewegen. Ihre bloßen Füße sausen schwungvoll hinweg über die vom Regen am Boden der Haltestelle geschaffene Landschaft aus Tümpelchen, kleinen Teerinseln und Bächlein. Ihre weiten Röcke fliegen, als hätten sie sich von der Schwerkraft gelöst. Musik ist keine zu hören – sieht man vom Gezirpe der Jamakala ab, einer kleinen Grille, die sich an diesem späten Nachmittag schon den Abend herbeisingt. Gleichwohl bin ich sicher, dass die zwei tanzen. Und sie können das ausgesprochen gut, ihre Bewegungen sind gestaltet, folgen eindeutig einem Ablauf – und ich kann nicht erkennen, dass sie je unsicher wären, wie es weitergeht.
Gut möglich, dass sie sich auf die Fête de la Carotte vorbereiten, in deren Rahmen es ja Tanzveranstaltungen und sogar Wettbewerbe gibt. Kann es sein, dass ich gerade der Entstehung eines neuen Karottentanzes beiwohne? Meine Lippen versuchen, den schnellen Sprüngen und Hüftschwüngen der zwei Frauen nachzuhüpfen: «Vive la carotototte au sein de Carbelotototte.» Nein. Das ist eindeutig nicht schnell genug. Die zwei haben ein gewaltiges Tempo drauf. Und Reime passen auch nicht zu diesem Tanz, der bei aller Stimmigkeit, bei aller Präzision auch etwas Ungereimtes, Ungehemmtes, Unfassbares hat. Wäre es möglich, dass sie sich von den Chevaliers de Carbelotte piksen ließen. Ich weiß nicht, welchen Effekt das Gift dieser eigentümlichen Insekten auf den menschlichen Körper hat. Aber es könnte ja sein, dass es wie ein Stich der Tarantel in eine Art Raserei versetzt, die sich choreografisch nutzen lässt.
Der Regen wird stärker, der Himmel verdunkelt sich und mir ist gar, als sei durch das Prasseln und Rauschen hindurch ab und zu ein Donner zu hören. Die zwei Frauen lassen sich nicht beirren. Im Gegenteil: Ihre Freude am Tanz scheint mit dem Regen noch wilder, noch hemmungsloser zu werden. Vielleicht schlägt gleich ein Blitz in die Haltestelle ein, sie verwandeln sich in tremolierende Oktopusse und toben mit tausend Tentakelschlägen davon.
Das Blätterdach der Espe über mir hat unterdessen so viel Wasser aufgenommen, dass es unten heraus und mir auf Schultern und Kopf tropft. Ich drücke mich an den Stamm, der noch weitgehend trocken zu sein scheint. Doch da bohrt mir ein Viechlein, das verborgen in der Borke sitzt, seine Nadel in die Schulter. Ich zucke zurück, doch schon breitet sich von der Stelle ein Schmerz in meinem Arm aus, klettert mir in den Nacken, in den Kopf. Toboza! Verflixt! Ob das ein Chevalier der Carbelotte war? Werde ich wohl auch gleich wie besessen durch den Regen tanzen? Ist das wirklich immer noch Donnergrollen, was ich da höre? Sind das nicht die Rhythmen mächtiger Trommeln, die näher und näher kommen? Und spüre ich nicht schon, wie meine bibbernden Beine den Boden bebeben?

Ahojana 1

Ahojana 2

Ahojana 3

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.