Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

«Die Lüge ist jedoch nicht das Problem – das Problem ist die Ansicht, es gäbe verschiedene Wahrheiten.» – über «Die echtere Wirklichkeit» von Raphaela Edelbauer (30)

Natürlich ändert sich, was Menschen für wahr halten – jedoch nie das, was wahr ist.

Lieber Gallus

Entgegen der Legende hat Gallus wieder einmal den Bären beschenkt und zum Glück darf ich mich auch immer wieder zeigen und musste nicht für immer verschwinden. So sind wir dank deinem Vorschlag kürzlich in der «Coalmine» Winterthur Raphaela Edelbauer mit ihrem neuen Roman begegnet. Es war ein interessanter und bereichernder Abend. Die Autorin hat mich durch die packend gelesenen Passagen aus ihrem Roman motiviert, ein Buch zu lesen, das ich ohne diese Begegnung kaum beachtet hätte. Leider hat die Moderatorin durch ihre sehr textbezogenen Fragen wenig Persönliches aus dem Leben von Raphaela Edelbauer beleuchtet.

Du schreibst in deiner Beurteilung auf literaturblatt.ch, Raphaela Edelbauer sei mit Bravour gescheitert, das Buch sei der Biss eines literarischen Pitbulls, das Buch liege dir nach der Lektüre quer im Magen. Mich hat dieses Buch, das für mich so besonders und anders ist, begeistert und angeregt. Sicher sind mehrere Abschnitte sehr kopflastig, aber sprachlich klug mit den aussergewöhnlichen Menschen der philosophischen Terrorgruppe «Aletheia» verknüpft.

Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut beginnt das Manifest einer vierköpfigen Aktivistengruppe «Aletheia», zu der Byproxy hinzukommt, eine schillernde manipulierende und vor Lügen nicht zurückschreckende Persönlichkeit. Durch einen Unfall als junge Frau ist sie an den Rollstuhl gefesselt. Um ihre Ziele zu erreichen, plant diese Gruppe einen Anschlag, es gibt Opfer. Die fünf Aktivisten wollen unserer postmodernen Gesellschaft, wo alle Individuen ihre eigene Wahrheit und Wirklichkeit pflegen, mit ihrem Manifest und einem Anschlag zur Besinnung bringen.

Raphaela Edelbauer «Die echtere Wahrheit», Klett-Cotta, 2025, 448 Seiten, ISBN 978-3-608-96630-5

Mir gefällt das philosophische Fundament von Raphaela Edelbauer und mich faszinieren die fünf in einem schäbigen Gebäude lebenden Charaktere. Der Heidegger dozierende Bernwand, die Philosophiestudentin Brigitte voll Tatendrang und «maschinengewehrschnellen Händen», der zugängliche, geheimnisvolle Paul mit belasteter Vergangenheit und die mürrische, sich mit Sprengstoff auskennende Chirurgin zeigen plastisch, wie derart verschiedene Menschen in lausigen Verhältnissen sich bemühen zur echten Wirklichkeit zu gelangen. Vor allem Byproxy lässt die These, ob es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit gibt, durch ihr Erzählen und Handeln als fragwürdig erscheinen.

Der Aufbau des Romans mit philosophischen Thesen und den spannenden Diskussionen der Aktivisten, um ihren Plan zu verwirklichen, hat mir sehr gut gefallen. 

Hieraus folgt unser wichtigster Grundsatz: Zu denken, dass Wahrheit nicht erkennbar ist, ist NICHT das Fatale – sondern zu glauben, dass es Wahrheit nicht gibt.

Ich hoffe, das Buch hält, was es verspricht, schrieb mir die Autorin mit ihrer Signatur ins Buch. Ja, das tut es! Mich werden die Aussagen dieses Romans noch lange beschäftigen. Es lohnt sich, sich auf diese anspruchsvolle Lektüre einzulassen.

Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Es freut mich ausserordentlich, dass ich dich zur Lektüre eines Buches und zum Besuch einer Lesung verführen konnte. Oft genug bin ich allein unterwegs, reise ziemlich weit, um dann in einem grossen Raum mit wenig Publikum zu sitzen, mich leise schäme für das offensichtliche Desinteresse eines potenziellen Publikums, das scheinbar nicht bereit ist, sich einen Abend lang mit Worten, Textkunst, Auseinandersetzung und Konfrontation einzulassen.
Der Abend in Winterthur mit der österreichischen Schriftstellerin und Literaturaktivistin Raphaela Edelbauer war gut besucht. Glücklicherweise, denn ich bin überzeugt, dass diese Autorin mit Jahrgang 1990 erst in den Anfängen einer erstaunlichen literarischen Karriere steckt. «Ein Versprechen für die Zukunft» wäre die falsche Formulierung, da Raphaela Edelbauer mit ihren bisherigen Büchern mehr als deutlich ihren Stammplatz in der deutschsprachigen Literatur behauptet hat.

Du hast recht, ich habe das Buch anstrengend gefunden, was überhaupt kein negatives Kriterium ist. Ich habe es fasziniert gelesen, weil es reibt und beisst, weil es nicht einfach unterhalten will, weil es mich herausfordert. Nicht nur die Geschichte, nicht nur die Fragen, die es aufwirft, auch die Charakteren, die mich zuweilen ärgerten. Nicht, weil sie schlecht gezeichnet waren, allenfalls zu karikiert. Es geht um vieles in diesem Buch; um unser streitbares Verhältnis zu Fakten, um Wahrheit, die sich immer mehr zu dehnen scheint. Aber auch um die nicht immer nur politische Durchsetzung einer Überzeugung. Wann ist es legitim, seine Überzeugungen auch mit Gewalt durchzusetzen? Wie gross muss die Opferbereitschaft einer Gesellschaft sein?

© Gallus Frei

Einzelpersonen, Netzwerke und Gruppierungen, die bei der Umsetzung ihrer Ideen auch nicht vor Gewalt zurückschrecken, gibt es viele. Nicht immer sind die Taten aus Sicht einer breiten Öffentlichkeit verwerflich. Denken wir an Luigi M. der 2024 den Chef einer Versicherung in New York auf offener Strasse erschoss. Während man ihm den Prozess machte, feierten ihn weite Kreise als Helden gegen Gier und Rendite. Ich hätte der wilden Truppe um Byproxy in Raphaela Edelbauers Roman etwas mehr «Normalität» gewünscht, denn bekanntlich verbergen sich eben hinter jener Normalität die Abgründe.

Aber das wirklich Spektakuläre in diesem Roman ist die Sprache, die Prägnanz, die Übersteigerung, der Witz und die Schärfe. Dafür liebe ich diesen Roman. Auch weil Raphaela Edelbauer nicht gefallen will, weil sie etwas wagt, weil sie spielt, weil ich ihre Lust, ihre Freude spüre, weil der Roman in seiner Intelligenz funkelt und spritzt.

Ich freue mich auf das, was unter der Marke Edelbauer noch erscheinen wird!
Und ich freue mich, das mich Literatur immer und immer wieder überrascht.

In Vorfreude

Gallus 

Rezension zu «Die echter Wirklichkeit» auf literarurblatt.ch

Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk «Entdecker. Eine Poetik» wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Ausserdem wurde ihr 2018 der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman «Das flüssige Land» stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman «Die Inkommensurablen» auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman «DAVE» erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

Raphaela Edelbauer «Die echtere Wirklichkeit», Klett Cotta

«Aletheia» kämpft gegen Desinformation, Fake-News und Manipulation. Eine Aktivistengruppe, die zu allem bereit ist, auch wenn Blut fliessen muss. „Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut», ist Teil ihres Manifests und Kampfansage zugleich. Raphaela Edelbauers Roman ist der mutige Versuch, sich mitten ins Wespennest zu setzen!

Nicht erst seit der Pandemie grassieren „alternative Fakten“. Aber ganz sicher gewannen sie seit dem Niedergang grosser Zeitschriften und Zeitungen an Einfluss. Das Netz ist voller „News-Portale“, die aber eigentlich nicht zur Meinungsbildung beitragen wollen, sondern Meinungen vertreten. Seit sorgältiger Journalismus nicht mehr in einem finanziell gesicherten Umfeld gedeihen kann und private, und von Wirtschaft und Politik gesteuerte Medien mehr oder weniger unabhängige Berichterstattung immer offensiver verdrängen und „Wahrheit“ mehr und mehr relativ erscheint, war es mehr denn je an der Zeit, dass sich die Literatur intensiv mit „Wahrheit“ beschäftigt. Zwar nicht inhaltlich, ist Erzählen doch immer Fiktion, sondern philosophisch und mit dem, was die Desorientierung rund um diesen Begriff an der Gesellschaft bewirkt.

Dass sich Raphaela Edelbauer diesem Thema und all den darunter liegenden Schichten annimmt, ist ein Glücksfall, zumal die Autorin nicht erst mit diesem Roman beweist, wie viel ihr an Tiefe, Einsicht, Genauigkeit und Auseinandersetzung liegt. Was die äusserst kluge Autorin wagt, ist viel und ist vielleicht auch deshalb mit Bravour gescheitert.

Wir wissen, dass der Aufstieg des Populismus und seiner alternativen Fakten, dass Verschwörungstheorien oder das Sabotieren der Wissenschaft dem unbeabsichtigten Wirken des Krebses Postmoderne zuzuschreiben ist. Deswegen streben wir nach einer philosophischen Revolution. Auch wenn sich der Verfall in der politischen und gesellschaftlichen Sphäre ereignet, so kann dieser Verfall nicht ohne einen Umsturz der Begriffe aufgehalten werden. Ohne den Anker eines Wahrheitsbegriffs läuft jede politische Maßnahme ins Nichts.

Raphaela Edelbauer «Die echtere Wahrheit», Klett-Cotta, 2025, 448 Seiten, CHF ca. 40.90, ISBN 978-3-608-96630-5

Eine kleine Gruppe philosophischer Terroristen lebt zusammen in einem abgefuckten Gebäude ohne Heizung, um zum grossen Schlag gegen eine entgleiste Gesellschaft auszuholen. Bernward, Brigitte, Paul, Bettina, die man nur „die Chirurgin“ heisst – und die Erzählerin Petra, die sich selber Byproxy nennt, seit einem Unfall an einen Rollstuhl gefesselt ist und sich mit dem Eintritt in die Gruppe, dem neuen Namen, mehr als nur ein neues Leben geben will. Byproxy muss sich die Akzeptanz der Gruppe schwer verdienen. Nicht zuletzt die Chirurgin ist alles andere als glücklich, dass noch jemand bei den geheimen Plänen mitmischen soll. In einem Geflecht aus politischen Grundsatzdiskussionen, philosophischen Streitgesprächen und einem HinundHer zwischen Misstrauen und Erleichterung dümpelt die Gruppe auf den einen Punkt, der endlich mithelfen soll, eine Wende in der zu Fels erstarrten Gegenwart hinzuführen.

Dass Byproxy im Rollstuhl sitzt, „verdankt“ sie ihrer besten Freundin. Eine Autofahrt mit katastrophalen Folgen. So wie Byproxy, alias Petra, sich aus den Folgen dieser Katastrophe befreien will, so soll das mit dem grossen Knall in der Wiener Innenstadt passieren, obwohl Byproxy weiss, dass sie die Wunden nicht schliessen kann. Die Gruppe handelt aus purer Verzweiflung, aus Verzweiflung an einer Gesellschaft, die mehr und mehr in seine Extreme zerfällt, die allen Ernstes glaubt, Wahrheit sei rein subjektiv, Politik, die sich ihre Wahrheit zurechtbiegt und Menschen, die sich einlullen lassen.

Raphaela Edelbauers heere Absichten, den Diskurs, das Nachdenken über Wahrheit und den Umgang mit solchen scheitert heroisch. Ich mag die Leidenschaft ihres Schreibens, auch wenn ihre Klugheit, das Mit-der-grossen-Kelle-Anrühren manchmal beinahe schulmeisterlich tönt. Ich mag das Setting, wenn ein Stein unaufhaltsam ins Rollen kommt, habe aber Mühe, wenn das Personal im Roman verkopft, seelenlos wirkt. Was Byproxy mit ihrer Freundin auszustehen hat, mit jener Person, mit der sie einst maximal viel verband, die sie aber auch maximal verwundete, diese Geschichte rührt bis in den Bauch. Auch die Verzweiflung an einer lahmenden Gesellschaft.

Ein Buch, das mir nach der Lektüre quer im Magen liegt. Aber vielleicht war genau das die Intention der Autorin. Raphaela Edelbauer will weder streicheln noch schmeicheln. Ihr Roman sperrt sich, will nicht bloss unterhalten. Nur wer sich auf die Gedankengänge dieser übersprudelnden Autorin einlässt, kann sich faszinieren lassen. Schon beeindruckend, auch wenn es vielleicht einen Beipackzettel gebraucht hätte. Das Buch ist kein Versprechen, aber der Biss eines literarischen Pitbulls.

Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk «Entdecker. Eine Poetik» wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Ausserdem wurde ihr 2018 der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman «Das flüssige Land» stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman «Die Inkommensurablen» auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman «DAVE» erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Apollonia Bitzan

Victoria Kielland «Meine Männer», Klett-Cotta

Brynhild Størset kam 1859 in Norwegen zur Welt und starb 1908 in den Staaten als Belle Gunness. Die Geschichte einer enttäuschten Frau, die sich nach Übersee rettete und doch nie ihre Ruhe fand, nicht einmal im Tod.

„Meine Männer“ ist in vielerlei Hinsicht ein aussergewöhnliches Buch. Was sich auf den ersten Seiten wie eine leidenschaftliche Sprachhymne an jene erste grosse Liebe, den Akt der Liebe liest, entpuppt sich mehr und mehr als rauschhaft geschriebenes Innenleben einer Frau, die bis heute als eine der übelsten Serienmörderinnen gilt, der man erst nach ihrem Verschwinden, ihrem angeblichen Tod auf die Spur kam. Als 1908 ihr Haus in Flammen aufging, fand man in den verkohlten Ruinen die Überreste zahlreicher Leichen.

Victoria Kielland, fasziniert von einer unfassbaren Person, nicht nachvollziehbaren Motiven einer Frau, der es zeitlebens nie mehr gelang, aus einer tödlichen Zwangshandlung auszubrechen, erzählt nicht einfach die fiktive Geschichte einer Mörderin. „Meine Männer“ ist eine emotional aufgeladene Schilderung einer Innenwelt, die in einer Weise fesselt und mitreisst, die selbst „geübte“ Leser*innen gleichermassen verunsichert wie begeistert.

Dieser Roman ist weder blutrünstiger Krimi oder Thriller noch überzogenes Kunstobjekt. Victoria Kielland geht es weder um einen Erklärungsversuch einer unerklärlichen Kette nicht nachvollziehbarer Verbrechen noch um ein möglichst faktennahes literarisches Spekulieren. Victoria Kielland schreibt sich in die Seele einer Frau, die nach Liebe sucht, der das Töten zum letzten Akt des Besitzens wurde, die diesen finalen Akt immer und immer wieder brauchte, um sich selbst am Leben zu halten.

Victoria Kielland» Meine Männer», Klett-Cotta, aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger, 2023, 192 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-608-50183-4

Man reibt sich während der Lektüre die Augen, schüttelt den Kopf und wundert sich unsäglich, wie schaurig schön es der Schriftstellerin gelingt, einen Seelenzustand zu schildern. „Meine Männer“ ist vollendete Sprachkunst, Sprachmusik der Extraklasse, ohne dabei in Sphärisches, Hyperintellektuelles zu entrücken. Satzkaskaden, die den Rausch jener Frau, den Rausch der Autorin zu einem Rausch des Lesens machen.

Die Liebe reichte nicht für alle.

Als Brynhild Størset mit etwas mehr als zwanzig nach Amerika auswandert, hat sie als Magd einen Gutsbesitzersohn umgebracht, der sie mit grossen Versprechungen ins Bett an seine heisse Haut lockte und mit kalter Zurückweisung den ersten grossen Feuerbrand der enttäuschten Liebe entfachte. Sie kommt nach Chicago zu einer ihrer älteren Schwestern, die dort eine Familie gründete. Brynhild ändert ihren Namen zu Belle (oder Bella), wohl nicht so sehr um eventueller Strafverfolgung zu entgegen, sondern um sich selbst eine zweite Chance zu geben. Sie wird nach der Heirat mit dem Norweger Mads Sørensen zu Bella Sørensen, wird zweifache Mutter und zusammen mit ihrem Mann zur Geschäftsfrau. Aber es stellt sich kein Glück ein, ganz im Gegenteil; eine lange, fatale Kette tödlichen Unglücks. Das Geschäft brennt, die Kinder sterben, Mats stirbt. Mit dem Geld aus der Versicherung zieht Bella weg, nimmt neuen Anlauf, findet Mann um Mann, die alle irgendwann sterben. Bella rutscht in einen Wahn und ich als Leser werde Zeuge einer wahnhaften Verklärung, eines tödlichen Rauschs, der erst in Flammen ein Ende findet.

Was Victoria Kielland gelingt, ist aussergewöhnlich, ausserordentlich. Ich gerate in eine Leserausch, bin betört von Klang, Rhythmus und Beschreibung, die es so nur ganz selten gibt. Ein Buch, das ich nicht gelesen hätte, wäre die Autorin nicht auf der Gästeliste des Internationalen Literaturfestivals in Leukerbad gestanden. Was für ein Geschenk!

Victoria Kielland, geboren 1985 in Norwegen, studierte Theaterwissenschaft. Für die Prosasammlung «I lyngen» wurde sie für den Debütantenpreis von Tarjei Vesaas nominiert, sie erhielt das wichtigste Schriftstellerstipendium des norwegischen Buchhandels. Für «Meine Männer» wurde sie mit mehreren Preisen ausgezeichnet und erhielt hymnische Kritiken.

Elke Ranzinger, geboren 1980 in Passau, studierte Theaterwissenschaft, Nordistik und Neuere Deutsche Literatur in München und Bergen. Sie ist Übersetzerin, Moderatorin und Dramaturgin und übersetzt aus dem Norwegischen und Schwedischen u. a. Merethe Lindstrøm, Helga Flatland und Tore Renberg.

Beitragsbild © Julia Marie Nagelstad

«Die Literaturrunde» auf Tele-D vom Mai 2024

Besprochene Bücher:

  • «Zitronen» von Valerie Fritsch, Suhrkamp 2024
  • «Gnadenlos geirrt» von Barbara Bonhage, Tredition 2021, erscheint neu im Herbst im Verlag elfundzehn unter dem Titel «Zwischen Herd und Hakenkreuz»
  • «Lichtungen» von Iris Wolff, Klett-Cotta 2024
«Die Literaturrunde» auf Tele-Diessenhofen mit Jeanette Bergner (Moderation), Peter Höner (Schriftsteller) und Gallus Frei (Literaturvermittler). Wer die Sendung sehen will, klicke auf das Foto!

Empfohlene Bücher

  • «Verwildern» von Douna Loup, Limmat 2024
  • «Apeirogon» von Calum McCann, Rowohlt 2020
  • «Maifliegenzeit» von Matthias Jügler, Penguin 2024

Iris Wolff «Lichtungen», Klett-Cotta

„Lichtungen“ ist die Geschichte von Kato und Lev, eine zarte Liebesgeschichte, die Iris Wolff überraschend erzählt, nämlich in neun Kapiteln vom Ende her erzählt. Haben Liebesgeschichten ein Ende? Jene von Kato und Lev nicht, Iris Wolffs Roman nicht, denn der Schluss des ersten Kapitels ist die Frage „Wohin fahren wir?“. Der Anfang ist ein Schluss ist ein Anfang.

Schon in ihren Romanen zuvor ist die Qualität in Iris Wolffs Erzählen die Zartheit ihrer Sprache, dieses filigrane Netz aus Wahrnehmungen, Empfindungen, das Sichtbarmachen des Unsichtbaren. „Lichtungen“ ist die Geschichte einer Freundschaft, zweier Charakteren, die sich wie ein Doppelplanet umkreisen, bis der eine aus dem Gravitationsfeld ausbricht und damit auch die Umlaufbahn des andern zerreisst. Kato reist in den Westen, bricht auf. Lev bleibt im Dorf, bis ihn eine Karte aus Zürich erreicht: „Wann kommst du?“.

Kato und Lev wachsen in Ceaușescus Rumänien auf, das Mädchen Kato mehr oder weniger alleine, zusammen mit einem alkoholkranken Vater, getrieben vom Wunsch auszubrechen, Lev bei seiner Mutter Lis und seinen Grosseltern, seinen beiden Halbgeschwistern, als jüngster Spross einer Familie, in einem kleinen, grauen Ort. Beide sind Aussenseiter, Lev schwächlich, ohne Antrieb, bei all dem Rudelgehabe in der Schule und im Dorf eine Rolle zu spielen, Kato von fast allen gemieden, nicht zuletzt, weil sie sich mit Stift und Papier von all dem absetzt, was die Interessen aller anderen ausmacht. Und weil man Kato dazu verdonnert, dem kranken Lev die Hausaufgaben ans Bett zu bringen, wächst zwischen den beiden etwas, was mit den Jahren immer mehr zu einer Freundschaft wird, die alles andere zusammenzuhalten scheint.

Iris Wolff «Lichtungen», Klatt-Cotta, 2024, 256 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-608-98770-6

Dass Iris Wolff Malerei studiert hat, zeigt sich nicht nur, weil ihre Protagonistin Kato Künstlerin, Zeichnerin, Malerin ist. Iris Wolff hat eine ganz eigene Fähigkeit zu sehen. Sie schreibt aus den Augen ihrer beiden ProtagonistInnen, ohne in ihre Figur hineinzuschlüpfen. Kato entwickelt ihre ganz eigene Art des Sehens, so wie die Autorin selbst. Auch Lev ist ein Sehender, ein Beobachtender, einer, der mehr wahrnimmt als andere und doch das Gefühl nicht wegbekommt, aussen vor zu sein. Ein Gefühl, das ihn restlos einnimmt, als ein Fremder in Fahrradmontur im Dorf auftaucht und Kato dazu bringt, mit ihm das Dorf mit unbestimmtem Ziel zu verlassen. Kato entschwindet und Lev bleibt. Bis er es nicht mehr aushält und ein kläglicher Versuch eines Ausbruchs ihn wieder zurück ins Dorf spült. Bis Lev Jahre später die Karte aus Zürich erhält und endlich aufbricht.

Vielleicht beschreibt der Titel „Lichtungen“ auch die Art der Freundschaft der beiden. So wie das, was zwischen Kato und Lev über die Jahre entstanden ist, genau das, was „Lichtungen“ in seinem Leben ausmacht. Für Lev ist Kato die Tür zur Welt, für Kato Lev ein Stück Zuhause, etwas, das ihr im Vergleich zu allem anderen nicht genommen werden kann.

Lev, der die Schule abbricht, als Soldat nur schwer zurechtkommt, als Waldarbeiter in die Tiefen der rumänischen Wälder geschickt wird und nur überlebt, weil er Freundschaft mit Imre schliesst, einem Mann, der sich dort selbst bestraft und in dessen Sägerei er später Arbeit findet, wird durch ein Leben geschoben. Kato, die sich ihre Welt mit ihrem Stift, mit Pinsel oder Kreide macht, die mit ihrer Leidenschaft immer am Fenster zur Welt steht, zieht es weg. Eine Freundschaft in Gegenseitigkeit. Eine Freundschaft, die in Liebe eingetaucht ist, in die sich Leidenschaft mischt, die aber immer zuerst Freundschaft bleibt, bis zu diesem einen Satz „Wohin fahren wir?“.

Ihre Strategie, die Geschichte von Kato und Lev in ihrer Chronologie zurückzuerzählen, scheint experimentell. Aber ein Blick zurück, auf ein Leben, eine Geschichte, auch auf die Geschichte eines Landes, jener Ecke Rumäniens, die die nationale Zugehörigkeit immer wieder wechseln musste, ist immer ein Blick zurück. Nur die meist gewählte Erzählrichtung liegt in der Gegenrichtung. Aber während des Lesens von „Lichtungen“ erschliesst sich Schicht um Schicht, erklärt sich Bild um Bild.

Warum „Lichtungen“ ein ähnliches Lesegefühl wie „Die unendliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera bei mir auslöst, weiss ich nicht wirklich. Aber beim Lesen, ich las den Roman gleich zweimal hintereinander, war da das Gefühl, an etwas Besonderem teilhaben zu dürfen.

Interview

Ich bin begeistert und schwer beeindruckt. Zum einen ist es eine Geschichte, in der viele Themen eingebunden sind. Aber genauso deine Art des Erzählens, die Zartheit deiner Sprache, die mich ans Zeichnen erinnert. Es sind keine opulenten, mit Öl gemalten Bilder, sondern Zeichnungen in Pastellfarben, ohne je rührselig oder kitschig zu wirken, fein skizziert, mit vielen Zwischenräumen, Zeichnungen in der perfekten Mischung aus Schmeichelei und Herausforderung. Wie passiert Schreiben bei Iris Wolff? Was sind die Zutaten, dass es klappt? Gibt es Dinge, die du um jeden Preis vermeidest?

Die wichtigste Zutat ist Stille. Sprachliche Äußerungen deuten Wirklichkeit, reduzieren sie, verfehlen sie manchmal haarscharf. Es ist schwer, etwas wirklich Neues zu denken und zu schreiben; nicht immer dieselben Erfahrungen zu machen, weil sich die Zukunft aus den Mustern der Vergangenheit wiederholt. Er wolle malen, was er sehe, und nicht, was er wisse, soll William Turner formuliert haben – dabei ist es geradezu unmöglich, die Welt zu sehen, wie sie an sich ist, weil sich alles immerzu in unsere Gedanken einfärbt. Was mir hilft ist Stille. Dort sind Dinge und Erfahrungen noch nicht beurteilt, zergliedert, analysiert. Sie sind einfach da; sie sind groß, überwältigend, mitunter widersprüchlich. Aus dieser Kraft heraus sind Sätze möglich, die jene Balance halten zwischen Präzision und Offenheit, zwischen Gesagtem und Angedeuteten. Was ich unbedingt vermeiden möchte: Meine Figuren festnageln, ausdeuten ins grellste Licht zerren. Ich möchte ihnen möglichst unvoreingenommen begegnen; sehen, was sich verbirgt, zeigen, was ungesagt ist, aber doch auch gleichzeitig das Verborgene, ihr Geheimnis hüten.

Landschaft im Iza-Tal, © Iris Wolff

Die Freundschaft zwischen Kato und Lev ist ein feinmaschiges Geflecht, das den beiden ganz unterschiedliche Positionen erlaubt. Obwohl es zwischendurch ganz ordentlich knistert und Eros schon früh mitspielt, lassen sich die beiden nie bis zur letzten Konsequenz auf den anderen ein. Weil sie ahnen, dass Leidenschaft Leiden schafft?

Mir war es wichtig, in der Schwebe zu lassen, ob es Liebe oder Freundschaft ist. Jeder Freundschaft ist Liebe beigemischt, und jeder Liebe Freundschaft. In der Malerei gibt es in der Moderne die Tendenz, den Rand freizulassen. Es wird nicht etwas gezeigt, sondern das Bild zeigt sich. So wie in Katos Skizzen die Strichführung sichtbar ist, ihre Spontaneität, Wucht, Feinteiligkeit, möchte ich auch in der Literatur mit offenen, unbeschriebenen Rändern schreiben – einen weiten Raum öffnen. So können sich Leserinnen und Leser zu einer Geschichte in Beziehung setzen (mit ihren Fragen, inneren Bildern) und letztlich selbst entscheiden, was das zwischen Lev und Kato ist. 

Weder Lev noch Kato wachsen in klassischen Familien auf, in Familien, die einem Muster entsprechen. Beide fühlen sich nie ganz und gar zuhause, sicher, aufgehoben. Da ist bei beiden die Sehnsucht nach mehr. Nur manifestiert sich diese Sehnsucht ganz unterschiedlich. Bei üblicher Erzählweise frage ich gerne, ob während des Schreibens der Weg oder gar das Ende klar vor Augen war. Du erzählst zuerst den Schluss. Warum diese Strategie?

Ich habe Lev im Bett liegend kennengelernt, als kleinen Jungen, der nach einem Unfall seine Beine nicht mehr bewegen kann. In dieser reduzierten Welt, bestehend aus Bett, Haus und Familie, aus Geschichten und Geräuschen, war alles enthalten. Ich wusste: Sein Leben wird rückwärts erzählt, denn so begegnen wir einander auch im „echten Leben“. Man lernt jemanden kennen, und wenn sich die Begegnung verstetigt, erfährt man nach und nach, was denjenigen zu dem Menschen gemacht hat, der er heute ist. Die Form setzt den Rahmen für bestimmte Fragen. „Jedes Jetzt enthält das Vergangene“ – das ist eine Erkenntnis, die Lev in Zürich, am Anfang des Romans hat. Ich habe mir gewünscht, dass er die Traumata seiner Kindheit eines Tages hinter sich lassen und dass er neu beginnen kann. Ohne Kato wäre ihm das nie gelungen. Erzählerisch war diese Strategie eine Herausforderung, und habe mir vorgenommen, es mir beim nächsten Buch leichter zu machen 😉

Man muss sich aufmachen. Kato und Lev tun es. Du tust es mit jedem Buch. Du machst dich auf in dein Herkunftsland, eine Geschichte, in „fremdes“ Leben. Angesichts der aktuellen Geschichte, der Probleme, die ungelöst anstehen, scheint mir die einzig wirksame Losung zu sein, sich aufzumachen. Weder in der aktuellen Politik noch in Klimafragen spüre ich diesen unbedingten Willen. Vielleicht deshalb meine Überzeugung, dass die Literatur, die Kunst, dieses Aufmachen initieren kann. Wer liest, macht sich auf in andere Welten, öffnet sich. Oder ist Schreiben doch nur Selbstzweck?

Diese Frage berührt den Kern des Buches. Lev und Katos Geschichte ist als Reise in die Vergangenheit angelegt, weil Erkenntnis am leichtesten rückwirkend geschehen kann. Umso frustrierender, wenn wir merken, dass der Mensch anscheinend nicht fähig ist, aus den vergangenen Jahrhunderten mit seinen Kriegen und Diktaturen zu lernen. Der Blick zurück ist wichtig. Aber wahre Veränderung ist nur möglich, wenn man sich traut, radikal neu zu denken. Es kommt mir vor, als laborierten wir an Systemen herum, die grundsätzlich nicht mehr taugen. Nehmen wir das Beispiel Klimaschutz oder unser Umgang mit der Tierwelt. Wir gehören zur Natur, sind abhängig von anderen Lebewesen. Aber die menschliche Gier setzt sich über diese Einsicht hinweg. Dabei haben wir eine gemeinsame Geschichte, eine Übereinkunft: dass das Leben nur im Verbund möglich ist. Aber statt eine neue Tier-Ethik aufzustellen oder den Mut zu haben, Klimaschutz als oberste Priorität zu setzen, werden nur ab und an (oft genug nicht einmal das) Gesetze verabschiedet, die etwas verbessern sollen. Man könnte, wenn man hier in die Tiefe geht, leicht verzweifeln. Was Bücher auf einzigartige Weise können ist: Empathie erzeugen. Weil wir mit Büchern die Welt aus den Augen eines anderen Menschen sehen. Das gilt generell für Kunst: Wir weiten – für die Dauer eines Films, eines Buchs, eines Musikstücks – die Grenzen unseres fest gefügten Selbst und begreifen vielleicht, wie sehr alles miteinander verbunden ist. 

„Lichtungen“ ist auch ein Buch der Auslassungen, der Ungewissheiten. Du leuchtest die Szenerien nicht aus. Dein Roman will nicht erklären. Es sind „Lichtungen“, die du beschreibst. So wie die eine Szene im Wald, der Kampf zwischen zwei Wölfen. Eine Szenerie, die nicht verdeutlicht, aber eine Stimmung erzeugt, eine Ahnung, Diskussionsstoff für ganz viele Leserunden, die sich mit deinem Buch zusammensetzen. Wie sehr ist dein Schreibprozess, dieses Buch, der Spiegel deiner ganz eigenen Prozesse? Oder wie sehr öffnest du dich im Schreiben der Einmischung und Beeinflussung?

Jedes Buch ist wie ein weiterer Jahresring eines Baums. Bücher sind Wachstumsprozesse. Es kann mitunter befremdlich sein, aus früheren Werken zu lesen; ein wenig so, als würde man alte Fotoalben durchblättern. Jeder neue Text verhandelt Fragen und bezeugt sicher auch Veränderungen der Weltwahrnehmung. Ich habe in Lichtungen mit Lev gelernt, dass das Gegenteil von Sprechen nicht Schweigen ist, sondern Hören. Dass es wichtig ist, ab und an zu überprüfen, ob Glaubenssätze und Selbstbilder einen am Gehen hindern. Und was den Schreibprozess anbelangt: Ich habe das Manuskript lange für mich behalten, weil ich Angst hatte, dass mir jemand das Rückwärtserzählen ausreden wird. Gleichzeitig bin ich immer offen für Einmischung. Die besten Hinweise begegnen einem zufällig. Wenn man auf „Empfang“ gestellt ist, arbeitet das Leben, der Zufall, die Natur, andere Menschen an der Geschichte mit. 

Iris Wolff liest am 8. Juni in Frauenfeld CH!

Iris Wolff, geboren 1977 in Hermannstadt, Siebenbürgen, studierte Germanistik, Religionswissenschaft, Grafik und Malerei. Sie ist Mitglied des internationalen Exil-PEN und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Marieluise-Fleißer-Preis und den Marie-Luise-Kaschnitz-Preis für ihr Gesamtwerk. Für «Die Unschärfe der Welt» (2020) erhielt unter anderem den Solothurner Literaturpreis. Ausserdem wurde der Roman sowohl von deutschen als auch von Schweizer Buchhändlern zu einem der fünf beliebtesten Bücher gewählt. Iris Wolff lebt in Freiburg im Südwesten Deutschlands.

Rezension von «So tun, als ob es regnet» auf literaturblatt.ch

«(Er)zählen», Iris Wolff, Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Max Gödecke

Jörg Magenau «Liebe und Revolution», Klett-Cotta

Deutschand kurz vor dem Mauerfall. Paul studiert Philosophie in Berlin, spürt dass sich etwas zusammenbraut und hat das unbedingte Bedürfnis, ein Teil dieses Etwas zu sein. „Liebe und Revolution“ beschreibt eine, aus der Gegenwart betrachtet, fast unwirklich erscheinende Zeit des Aufbruchs. 

Die Gegenwart ist unbarmherzig, das Gefühl einer kollektiven Machtlosigkeit scheint sich wie ein lähmender Virus auszubreiten. Mit den Protestbewegungen in Ostberlin vor dem Mauerfall, dem Mauerfall selbst, den Befreiungskämpfen in Nicaragua und El Salvador damals, glaubte man noch an die Macht der Revolution, die Macht der Liebe für eine Sache. Auch Paul nimmt diese Kraft mit und entschliesst sich im Sog von konspirativen Lesekreisen und aktivistischen Zirkeln nach Nicaragua zu reisen, um bei Aufbauprojekten mitzuarbeiten. Es ist der unbedingte Wunsch, Teil einer Bewegung zu werden, dazuzugehören, nicht bloss Zuschauer zu sein. Obwohl er mit Beate in Berlin zum ersten Mal das Gefühl hatte, etwas vom Gefühl der grossen Liebe gelebt zu haben, fliegt er ins Land der sandinistischen Revolution, nicht mit der Absicht, eine Waffe in die Hand zu nehmen, sondern bei Bau- und Aufbauprojekten mitzuhelfen.

«Er lebte mit der schmerzlichen Gewissheit, mit allem zu spät zu kommen, vor allem aber mit dem Begreifen.»

Nach einem halben Jahr kommt er zurück, ein Stück weit desillusioniert und von vielen seiner Hoffnungen verloren. Nicht nur, dass die Revolution in jenem fernen Land längst sandinistischen Sand im Getriebe hatte, man sich in Positionen eingegraben hatte, Parolen zu leeren Floskeln wurden. Jene Frau, die er dort kennen und lieben lernt, die im Gegensatz zu ihm zu allem entschlossen ist, die er im Bus wenigstens ein Stück weit näher an die Front begleitet, wird umgebracht und Paul, nur durch Zufall der Katastrophe entronnen, nimmt das Trauma dieser Bluttat mit zurück nach Deutschland.

Jörg Magenau «Liebe und Revolution», Klett-Cotta, 2023, 304 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-608-98748-5

Aus Nicaragua zurück trifft er Beate wieder. Mittlerweile arbeitet sie bei der FAZ und versucht möglichst nahe an jenem Geschehen zu sein, dass Berlin kurz vor dem Mauerfall in ein brodelndes Epizentrum verwandelt. Aber so sehr Paul von den Geschehnissen in der Hauptstadt mitgerissen wurde, konfrontiert ihn Beate mit dem, was er mit seiner Reise nach Mittelamerika zurückgelassen hatte. Er, der aufbrechen, er, der sich einbringen wollte, verliess unwissend eine schwangere Frau. Beate, entschlossen, sich nicht zu einer Zurückgelassenen machen zu lassen, liess das Kind in ihrem Bauch wegmachen, eine Nachricht, die Paul erschüttert. Einmal mehr fühlt er sich nicht dort, wo man ihn gebraucht hätte, nicht bei Beate damals, nicht bei jenem Kind, aber auch nicht dort, am Nerv des Lebens.

«Dies war eine Zäsur, ein Schnitt durch die Zeit, durch den Raum. Die Mauer war ein Raumteiler aus Beton, aber auch ein Damm gegen das Verstreichen der Zeit, ein erzwungener Stillstand…»

„Liebe und Revolution“ ist eine Liebesgeschichte, eine Liebesgeschichte, die fast alle Ernüchterungen mit einschliesst. Eine sehnsüchtige Liebesgeschichte eines Mannes auf der Suche nach dem unmittelbaren Leben, nach einem Mittelpunkt, einem Platz im Leben. Paul ist auf der Suche nach dieser Liebe. „Liebe und Revolution“, auch wenn es noch nicht einmal ein halbes Jahrhundert her ist seit den Geschehnissen, in die der Roman eingebette ist, ist ein historischer Roman. So wie der Aufbruch damals in Mittelamerika längst geglättet ist, so ist vom Aufbruch mit der Wende nur noch wenig zu spüren. Was damals wabberte, ist institutionel verschraubt. So wie der Aufbruch in einer Liebe schnell von Gewohnheiten in Form gebracht werden will. Jörg Magenaus Roman verschränkt nicht nur im Titel zu seinem neuen Roman Liebe und Revolution, Revolution und Liebe.

Bestechend an Magenaus Roman ist auch die Nähe, die er erzeugt. Magenau spinnt ein feines, mehrschichtiges Erzählnetz, setzt sein Geschehen sowohl in grosse, äussere Zusammenhänge, wie in jene einer ganz engmaschigen, labilen menschlichen Psyche. Man erkennt im Roman die Betroffenheit des Autors deutlich. Magenau erzählt nicht aus distanzierter Abgeklärtheit. Es ist, als ob der Roman ein 300 Seiten langer Erklärungsversuch ist; Was passierte damals? Was ist geblieben? Wenn es Wenderomane gibt, dann ist Jörg Magenau mit „Liebe und Revolution“ ein ganz besonderer gelungen!

Interview

Ich bin von ihrem Roman schwer beeindruckt. Klar, es ist ein Roman über Auf- und Umbrüche, ein Liebesroman, ein grossfomatiges Zeitbild. Aber sie tauchen in einer Art und Weise mitten ins Geschehen, die mich selbst taumeln lässt. Die mich auch ziemlich heftig reflektieren lässt, wie sehr ich im Laufe meines Lebens an meine „kleinen“ Probleme gebunden war und gar nicht erfasste, was um mich herum geschah und geschieht. Ist der Roman auch ein ganz persönlicher Versuch des Ordnens und Einordnens?
Jedes Erzählen ist ein Versuch, nachträglich zu ordnen, zu sortieren, zu konstruieren. Es kann gar nicht anders sein, weil jede Erzählung einen Anfang und ein Ende in der Zeit setzt und dazwischen nur das zur Sprache bringt, was irgendwie zur Sache gehört. Alles andere, also fast alles, wird ausgeblendet. Da das Erzählen immer erst im Nachhinein einsetzt, ist zumindest die zeitliche Distanz zum Geschehen vorausgesetzt, also eine Art Draufsicht. Das gilt auch dann, wenn die Erzählinstanz das verhindern möchte und, wie in meinem Roman, so dicht bei der Hauptfigur bleibt, dass sie nur ganz selten über deren unmittelbares Erleben hinaussieht. Eines der Themen, um die es mir geht, hat damit zu tun: Paul ist einer, der in der Zeitgeschichte drinsteckt, der dabei sein will, der aber immer im jetzt gerade gegenwärtigen Moment gefangen bleibt, ohne zu verstehen, was geschieht. Weder in der Nacht des Mauerfalls am 9. November 1989 in Berlin, noch im Jahr 1987 in Nicaragua begreift er, was um ihn herum vor sich geht und wohin das alles führen wird. Aber genau darin, in diesem Nicht-Erkennen, besteht zu weiten Teilen das menschliche Dasein, auch wenn wir uns gerne vormachen, den Überblick zu bewahren und wenigstens aufs eigene Leben bezogen Superchecker zu sein. Dabei verschlägt es einen im Leben immer wieder ganz woanders hin, als man gedacht hätte, und meistens kapiert man die politischen Zusammenhänge, in denen man existiert, erst zehn Jahre später und hat nochmal zehn Jahre später wieder eine ganz andere Einschätzung. Trotzdem leben wir unsere Leben unausweichlich in der nichtdurchschauten Gegenwart. In revolutionären Situationen wie in meinem Roman, in denen die Verhältnisse in Bewegung geraten, ist das besonders deutlich spürbar.

Paul hadert mit dem Gefühl, nicht dazuzugehören, irgendwie ausgeschlossen, aussen vor zu sein. Ist das nicht ein Problem ausschliesslich der Menschen des sogenannten Informationszeitalters? Mit der Individualisierung scheint der Mensch immer mehr an seiner Bedeutungslosigkeit zu leiden. Weshalb sind wir sonst gezwungen, dauernd Selfies von uns zu machen und uns auf allen (un)möglichen Kanälen einzumischen.

Das stimmt. Mit den Möglichkeiten des Informationszeitalters wachsen auch die Illusionen der Zugehörigkeit und die Freude an narzisstischer Selbstinszenierung. All die „Freunde“ oder „Follower“, die man auf den Social Media-Kanälen gewinnt, erzeugen eine virtuelle Gemeinschaft, die nicht völlig irreal ist und die ein enormes Suchtpotential besitzt, weil sie Aufmerksamkeit verschenkt. Da zerfliessen die Grenzen zwischen sehr persönlichen und öffentlichen Angelegenheiten, und es entsteht etwas Neues, das sich in seinen Folgen auch noch nicht wirklich begreifen lässt. Vielleicht in zehn Jahren. Wie verändert sich das Denken einer Menschheit, die lieber twittert als komplexe Bücher zu lesen? Sich lieber mit Einzelerregungen befasst als mit grösseren Sinnzusammenhängen? Das Gefühl der Unzugehörigkeit aber war in den 80er Jahren bestimmt nicht kleiner als heute. Für Paul, der als Student nach Westberlin kommt, ist die Unzugehörigkeit in der Stadt ebenso wie in der riesigen Freien Universität aber selbst gewählt. Diese Unzugehörigkeit ist der Ausgangspunkt für all das, was damals „Engagement“ hiess. Unzugehörigkeit bedeutet ja auch Ungebundenheit, Freiheit. Und aus dieser Freiheit heraus wächst sein Bedürfnis, an etwas Teil zu haben und die Welt zu verändern. Das gelingt ihm nicht zu Hause in Berlin, sondern in der Ferne, in Lateinamerika. Dort kann er Revolution als Teilhabe erleben, egal wie sinnvoll oder sinnlos das ist, was er tut. Das Ende des Sozialismus, das vielleicht weniger Revolution als Konkurs eines Staatsunternehmens war, kommt ihm dagegen als etwas Fremdes entgegen, das er wie ein Jahrmarktspektakel betrachtet. 

Liebe ist genauso wenig Zustand wie Revolution. Das wurde mir mit der Lektüre ihres Romans mehr als bewusst. Beide brauchen Feuer, die brennen und Hitze erzeugen. Aber kein Feuer brennt ewig. Wie viel Ernüchterung schwingt in ihrem Roman mit?

Gar keine. Ich finde, es ist ein optimistischer Roman. Dass etwas schiefgeht, in der Liebe genauso wie in der Politik, ist ja kein Argument dagegen, es zu probieren. Was Paul ausmacht, ist – bei aller Zögerlichkeit und Ahnungslosigkeit, die ihn charakterisieren – seine Bereitschaft, sich einer Situation auszusetzen, etwas zu erleben, zu lernen. Diese Offenheit zeichnet ihn aus. In Nicaragua lernt er, dass die Sache mit der Weltveränderung nicht so einfach ist, dass er aber, indem er dort ist und mitwirkt, sich selbst verändert, und dass die Selbstveränderung ja auch eine Form der Weltveränderung ist – vielleicht sogar die einzige, auf die es wirklich ankommt. So erlebt er auch die Liebe, weil zu lieben nichts anderes bedeutet als die Bereitschaft, sich verändern wollend verändern zu lassen.

Angesichts der globalen Probleme ist die fehlende Bereitschaft, wirkliche Veränderungen herbeizuführen, erstaunlich. Sei es bei gesellschaftlichen, politischen oder ökologischen Herausforderungen. Paul erscheint mir dabei exemplarisch. Paul reist nach Nicaragua, will Teil einer Bewegung werden. Wann wird aus Entschlossenheit Selbstzweck?

Paul ist gar nicht entschlossen. Das schützt ihn vermutlich. Er ist im Unfertigen, im Provisorischen, im Werden beheimatet. Aber er bewundert Entschlossenheit bei anderen in seiner Nähe, wahrscheinlich deshalb, weil sie ihm fehlt. Beate und Sigrid, die beiden Frauen, die ihn faszinieren, sind sehr viel konsequenter als er. Hartmut, der Chef der Brigade, auch. Der ist nun wahrlich ein Mann der Tat. Die Gefahr bei allen Veränderungsbemühungen, in der Liebe ebenso wie in der Revolution, besteht in der Erstarrung, im Beharren auf festen Positionen, in der Ritualisierung der eigenen Handlungen. Das erleben wir derzeit zum Beispiel bei den Klima-Aktivisten, die sich auf Strassenkreuzungen festkleben. Wenn das Ziel die Mittel rechtfertigt, ohne sie in Frage zu stellen, dann schlägt das Engagement in Selbstzweck um. Oder noch schlimmer: in Selbstbefriedigung. Dann macht man weiter, auch wenn man ahnt, dass sich das eher kontraproduktiv auswirken wird. Weil es sich besser anfühlt, etwas zu tun, als nichts zu tun. Und vielleicht stimmt das ja sogar.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ihr Roman in ihrem Umfeld ziemlich Wellen geschlagen hat. Die Generation, die beim Mauerfall zwischen zwanzig und dreissig war, ist heute im Pensionsalter. Wellen der Erinnerung, Wellen der Rechtfertigung. Warum wurde nicht, wofür man damals kämpfte!

Dafür muss man sich nicht rechtfertigen. In der Menschheitsgeschichte ist es noch nicht vorgekommen, dass das Resultat einer Bewegung den zugrundeliegenden Absichten entsprochen hätte. Das ist eben der Lauf der Geschichte, dass die Einzelnen Dinge in Gang setzen, jeder etwas anderes will, das Ergebnis aber nie dem Einzelwillen und auch nicht der schlichten Summe aller Willensanstrengungen entspricht. Was Nicaragua betrifft, so ist aus der sandinistischen Revolution die Herrschaft eines korrupten Familienclans geworden, das Land befindet sich heute in einer fürchterlichen Lage und gehört nach wie vor zu den ärmsten Ländern der Welt. Das spricht aber keineswegs gegen die internationale Solidarität und die Unterstützung der Linken in den 80er Jahren. Nur lag deren Bedeutung auf einem anderen Feld, weniger im politischen als im sozialen. Dass Solidarität dort spürbar wurde, dass Freundschaften entstanden und teilweise bis heute hielten, dass Gemeinschaft erlebbar wurde, das ist für alle Beteiligten eine wichtige Erfahrung gewesen. Paul erlebt das als Liebe zu Land und Leuten. Das ist nicht wenig, auch wenn das politische Experiment grandios gescheitert ist. Das gilt übrigens genauso für die Bürgerbewegung in der DDR und der Nachwendezeit. Auf solchen Erfahrungen lässt sich dann in anderem Kontext wieder aufbauen. In meinem Roman kommt immer wieder die „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss vor als zentrale Lektüre in jenen Jahren. Weiss beschreibt gut marxistische Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen und als endlose Kette von Niederlagen der Unterdrückten. Und er fragt danach, warum trotzdem aus allen Niederlagen so etwas wie Hoffnung resultiert. Das hat, meine ich, etwas mit der Erfahrung der Gemeinschaftlichkeit zu tun, mit Zusammengehörigkeit, mit Solidarität. Oder, individuell betrachtet, eben mit Liebe. Deshalb heisst das Buch auch so, „Liebe und Revolution“. Die Liebe steht dabei ausdrücklich an erster Stelle. 

Jörg Magenau, geboren 1961 in Ludwigsburg, studierte Philosophie und Germanistik in Berlin. Er ist einer der bekanntesten deutschen Feuilleton-Journalisten und schrieb u. a. Biographien über Christa Wolf, Martin Walser und die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger. Bei Klett-Cotta erschien die literarische Reportage «Princeton 66» und zuletzt sein erster Roman «Die kanadische Nacht» (2021).

Beitragsbild © Olaf Kuehl

Zülfü Livaneli «Der Fischer und der Sohn», Klett-Cotta

Die eine Sekunde, die eine Entscheidung, bringt das Leben des Fischers Mustafa in eine Richtung, die sein ganzes Leben zu zerstören droht. Eine Sekunde, eine Entscheidung, die eigentlich zum Guten führen sollte. So wie es überall Entscheidungen gibt, die kurzfristig gesehen ihr Gutes haben, ihre katastophale Wirkung erst später zeigen.

Zülfü Livaneli schreibt nicht einfach gute, spannende, unterhaltsame Geschichten. Dafür ist er viel zu sehr in die Geschehnisse seines Landes, der ganzen Welt miteingebunden, dafür hat sein Wort zu viel Gewicht und seine Bücher zu viel Bedeutung. „Der Fischer und der Sohn“ ist daher viel mehr als ein Roman über einen Mann, dessen naiver Reflex ihn an den Rand seiner Existenz bringt. „Der Fischer und der Sohn“ liest sich wie eine grosse Metapher über den Zustand der Welt, einer Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist, in der es längst nicht mehr reicht, in naiver Kleinräumigkeit zu glauben, das Gute würde schon irgendwie siegen.

„Das Meer ist sein Ernährer, es ist Leben, es ist Geliebte, es ist grausam und still, liebevoll und zornig.“

Mustafa Sılacı ist Fischer, so wie es seine Vorfahren auch schon waren, auch wenn sie von Kreta an die türkische Küste fliehen mussten. Mustafa und seine Frau Mesude führen ein stilles, trauriges Leben, eines, das im Trott einer Trauer gefangen ist, die die Zeit nicht zu lindern vermag. Ihr einziger Sohn Deniz starb mit sechs Jahren, als das Boot des Vaters im Sturm kenterte. Das Meer schluckte den Sohn, die einzige Freude im kargen Leben der Fischersleute.
Bis Mustafa mit seinem kleinen Boot die Leiche einer jungen Frau aus dem Wasser zieht und wenig später jene eines jungen Mannes an einem Seil ins Schlepptau nimmt. Mustafa weiss um die Dramen, die sich vor seiner Küste abspielen. Aber noch nie berührte ihn die Katastrophe so nah wie an diesem Tag. Erst recht, als er noch am gleichen Tag in den Wellen ein kleines Schlauchboot sichtet, eines, wie für kleine Kinder. Dort drin findet er einen Säugling, blau angelaufen, am kleinen Boot festgebunden. Mustafa nimmt ihn, säubert ihn, benetzt seine Lippen, spürt das Leben, das in den kleinen Jungen zurückkommt. Zurück an Land übergibt er die beiden Toten den Beamten und bringt den kleinen Jungen ungesehen in sein Haus über dem Meer. Musafa, seine Frau, zerfliesst gleichermassen wie sie die drohende Katastrophe ahnt. Aber Mustafa ist wild entschlossen, den kleinen Jungen als Geschenk des Meeres zu sehen, erst recht als ihm im Traum ein „Vaterdelphin“ erscheint.

„Alles, was am Festland geschieht, spielt sich gleichermassen im Meer ab.“

Zülfü Livaneli «Der Fischer und der Sohn», Klett-Cotta, 2023, 192 Seiten, aus dem Türkischen von Johannes Neuner, CHF 29.90, ISBN 978-3-608-98692-1

So wie der kleine Junge alles in dem kleinen Haus der kinderlos gewordenen Familie Sılacı ins Wanken bringt, so sehr haben die Flüchtlingsboote, die Touristen, wirtschaftliche Interessen; Fischfarmen, Goldabbau an der Küste bis hin zu Fischen, die noch vor wenigen Jahren nicht im Mittelmeer heimisch waren, die einheimische Fischarten verdrängen und die immer weniger werdenden Fischer vor scheinbar unlösbare Probleme stellen, die bisher so genügsamen und stillen Küstenmenschen in Wallung bringen. Alles wankt. Das kleine Dorf fühlt sich von allen Seiten bedroht.

„Ich glaube, das Baby hat mir den Verstand geraubt.“

Erst recht Mustafa, der in seiner immer unmöglicher werdenden Situation jeden Tritt verliert und sich immer tiefer ins Dilemma hineinmanövriert. Da ist die Liebe zu diesem Kind, das er aus dem Wasser rettete. Da ist die wieder aufkeimende Wärme und Zuwendung in der erloschen geglaubten Ehe mit Mesude. Da sind die Nachbarn, die Ungereimtes wittern und ein Staatsanwalt, der Fragen stellt. Und als den beiden mitgeteilt wird, dass in einer nahen Klinik eine aus den Fluten gerettete Frau aus dem Koma erwachte und nach ihrem verlorenen kleinen Sohn Samir schreit, im Streit mit seiner Frau Worte und Gesten ausbrechen, die nicht zurückzunehmen sind, scheint das Boot im Sturm erneut zu kentern.

„Ein Raubvogel schien in seinem Inneren mit den Flügeln zu schlagen.“

Zülfü Livaneli bannt mich von der ersten bis zur letzten Seite. Da ist nicht nur der Kampf eines Fischers gegen die Kräfte der Natur. Da kämpft ein Mann, der in dieser einen Sekunde, mit dieser einen Entscheidung glaubte, etwas Gutes zu tun, mit Nachwirkungen, die immer unkontrollierbarer werden. „Der Fischer und der Sohn“ ist eine einzige Metapher über den Zustand einer Welt, die zu kippen droht. Zülfü Livaneli komponiert diese Geschichte derart raffiniert und nah an seinen ProtagonistInnen, dass das Geschehen während der Lektüre immer wieder sprunghaft die Richtung wechselt. Nichts an der Geschichte ist vorhersehbar, nur das drohende Gewitter am Himmel.

Was für ein Buch! Zülfü Livaneli nimmt mich und taucht meinen Kopf mitten in das trübe Wasser seiner Geschichte!

Zülfü Livaneli wurde 1946 in Konya-Ilgın (Türkei) geboren. In den 70er Jahren war er wegen seiner politischen Anschauungen gezwungen, die Türkei zu verlassen, erst 1984 kehrte er zurück. Zülfü Livaneli ist einer der bekanntesten Künstler der Türkei, der mit seinen Liedern, und Kinofilmen international grosse Erfolge feierte. Einige Jahre war er Mitglied des türkischen Parlaments, besonders setzte er sich dabei für die türkisch-griechische Aussöhnung ein. Für sein breites Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Orhan-Kemal-Literaturpreis.

Johannes Neuner, geboren 1975, Diplomübersetzer für Türkisch und Französisch, studierte Volkswirtschaftslehre. Übersetzt aus dem Türkischen und unterrichtet am Sprachlehrinstitut der Universität Freiburg Türkisch. 2012 Förderpreis des Tarabya-Übersetzerpreises. Neben seiner Tätigkeit als Übersetzer arbeitet Johannes Neuner auch als Schachtrainer an verschiedenen Grundschulen.

Beitragsbild © Fethi Karaduman

Raphaela Edelbauer «Die Inkommensurablen», Klett-Cotta

Raphaela Edelbauer schrieb sich in einen Rausch. „Die Inkommensurablen“ ist eine flirrende Momentaufnahme in der Metropole Wien kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs. Bestechend virtuos begleitet sie vier Leben, die in diesen Tagen schicksalshaft miteinander verschlungen werden, in einer Stadt, die in den Wirren der Zeit kocht.

Inkommensurable – eigentlich ein Begriff aus der Mathematik; nicht messbar, nicht vergleichbar.

Am 28. Juni 1914 starb bei einem Attentat das deutsch-österreichische Thronfolgerpaar in Sarajevo. Nachdem Russland eine Teilmobilmachung anordnete, Österreich-Ungarn am 28. Juli Serbien den Krieg erklärte und wenig später Russland die Generalmobilmachung erliess, wuchs die Spannung in Europa bis zum Überlaufen. In Wien wartete man elektrisiert auf die unmittelbaren Auswirkungen der Spannungen zwischen den Grossmächten. 

In einer Stimmung aus Euphorie, Umbruch, Ausgelassenheit und Fatalismus steigt am Wiener Hauptbahnhof ein junger Mann aus dem Zug. Hans hat ein Inserat in der Zeitung gelesen. Das Inserat einer Psychoanalytikerin, einer Frau, von der er sich Klärung verspricht. Dass Hans, der im Tirol Pferdeknecht war, und mit seinem Verschwinden auf dem Hof eine Rückkehr unmöglich macht, in eben jenem Wien auftaucht, das zu kippen beginnt, ist Zufall. Hans, der ungewohnt belesen ist und durchaus weiss, was sich auf dem Kontinent abspielt, hat keine Ahnung, in was für eine Stadt er eintaucht. Er war noch nie in Wien. Er war überhaupt noch nie weg, nur immer bei seinen Pferden, von denen er sicher war, dass sie ihn besser verstehen als alle andern auf dem Hof.

Raphaela Edelbauer «Die Inkommensurablen», Klett-Cotta, 2023, 352 Seiten, CHF 36.90, ISBN 978-3-608-98647-1

Zielsicher, aber mit kaum mehr Geld in der Tasche, findet er das Haus der Psychoanalytikerin Helene Cheresch, kann sie überreden, ihn kurz anzuhören und Hans erzählt. Hans ist davon überzeugt, dass er Dinge träumt, von denen andere danach erzählen, dass seine Gedanken mit deren anderer in unerklärlicher Verbindung sind – inkommensurabel, ein Begriff, von dem nicht nur Hans keine Ahnung hat. Nach seiner kurzen Audienz bei der Psychoanalytikerin trifft er Klara und Adam, von denen er förmlich mitgerissen, mitgespült wird. Klara und Adam sind PatientInnen von Helene Cheresch, Klara eine junge Mathematikerin und Adam Sprössling einer Offiziersfamilie. Klara ist kurz davor, ihr Studium in Mathematik zu beginnen als eine der ersten Frauen in Wien und Adam weiss, dass seine Familie mit aller Selbstverständlichkeit erwartet, dass er sich als Freiwilliger meldet, um mit der gleichen Selbstverständlichkeit in einem heldenhaften Einsatz zum schnellen Sieg zu helfen.

Zu dritt sind sie im Gewusel der brodelnden Grossstadt unterwegs, zuerst zu einem Diner in Adams Elternhaus, das wie erwartet im Desaster endet, später dorthin, wo Klara aufwuchs, in die Gosse, einem Ort, dem Hans mit der gleichen Abscheu begegnet wie das Adams Elternhaus. Hans als Knecht, der an Ordnung glaubt, Adams Eltern, die an eine gottgegebene Ordnung glauben, die ihnen sämtliche Privilegien zugesteht, die ihnen schon seit Generationen versprochen sind.

Ein Dreigespann in einer kochenden Menschensuppe. Hans, der Knecht, Klara, das Mädchen aus der Gosse und der Adlige Adam, durch „Zufall“ zu SchicksalsgenossInnen vereint. Ein ganzes Land, eine Stadt in einem fiebrigen Zustand, weil alles spürt, dass eine Zeitenwende alles verändern wird. Eine ganz ähnliche Situation wie in der Gegenwart, wo jeder, der nicht blind und abgeschottet lebt, genau spürt, dass diese fiebrigen Zustände an Intensität zunehmen.

Raphaela Edelbauer hat jene Tage im Sommer 1914 ausgesucht, eigentlich bloss 24 Stunden, in denen gleich mehrere Welten zu implodieren drohen. Ganz bestimmt das Resultat einer gross angelegten Recherche. Aber die Recherche dient nicht der blossen Staffage. In Raphaela Edelbauers Buch tauche ich in die Tiefen jener Zeit. Ihr Roman will jedoch kein Abbild sein, so wie der Maler, selbst wenn er „realistisch“ malt nie die Realität abbildet. „Die Inkommensurablen“ ist Destillat, im Brennglas betrachtet, schrill und doch glasklar. „Die Inkommensurablen“ ist ein Sprachkunstwerk mit Untiefen, Verzerrungen, Doppelböden und Verschränkungen mit Mathematik und Philosophie. Kein einfaches Lesevergnügen – aber selbst das orientiert sich an Zeiten wie damals und heute.

Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk «Entdecker. Eine Poetik» wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Ausserdem wurde ihr der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman «Das flüssige Land» stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, für ihren zweiten Roman «DAVE» erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Apollonia Bitzan

Eine pralle Literaturlandschaft Spanien in einer leeren Landschaft – Literaturtage Zofingen – Rückblick

Spanien war 2022 Gastland an der Frankfurter Buchmesse, der grössten europäischen Buchmesse. Zum ersten Mal wieder «nach» Corona machten ein Dutzend AutorInnen auf ihrem Heimweg von Frankfurt zurück nach Spanien Halt in Zofingen. So wurden die Literaturtage in Zofingen zu einem Brennpunkt spanischer Geschichte und Geschichten.

Man kennt Spanien hierzulande als Ferienland. Spanien und die Schweiz verbindet wenig, auch wenn in der Vergangenheit die Schweiz für viele Gastarbeiter ein Land der Hoffnung war und Spanien für manch einen Schweizer während des Bürgerkriegs gegen die Francodiktatur Schauplatz für den ganz eigenen Kampf gegen Diktatur und Willkür. Aber Spanien ist wie die Schweiz ein Vielsprachenland. Neben dem Spanischen, das man dort als Castellano bezeichnet und offizielle Landessprache ist, wird galizisch, katalanisch und baskisch gesprochen. Ein Umstand allerdings, der im Gegensatz zur Schweiz, Ursprung für viel Zwiespalt ist und war.

Spanien, ein moderner Industrie- und Agrarstaat, über weite Teile entvölkert, Jahrzehnte gespalten durch extreme Unterschiede zwischen Land- und Stadtbevölkerung ächzt noch immer unter den Nachwirkungen einer Geschichte, die in Bürgerkriegen vielfach zerrissen wurde. Geschichte, die noch lange in die Literatur, in die Geschichten dieses Landes einwirken wird.

Ray Loriga mit «Kapitulation», Dolmetscherin Daniela Dias und Moderator Hanspeter Müller-Drossaart
Ray Loriga «Kapitulation», Culturbooks, 2022, aus dem Spanischen von Alexander Dobler, 200 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-95988-155-5

Ray Lorigas preisgekrönter Roman „Kapitulation“ erzählt als Dystopie die Geschichte einer Flucht. Zehn Jahre sind seit dem Ausbruch eines Krieges vergangen. Der Erzähler hadert und weiss noch immer nicht, wofür seine im Krieg verschollenen Söhne überhaupt gekämpft haben. Er und seine Frau befolgen Befehle und bewirtschaften ihren Hof, bis angeordnet wird, dass alle Bewohner der Gegend ihre Häuser verbrennen und nichts zurücklassen sollen und in die neue Hauptstadt umziehen müssen. Diese Stadt erscheint zunächst als wahres Paradies. Unter einer atemberaubenden Glaskuppel findet sich ein endloses Gewirr aus durchsichtigen Strassenzügen, Gebäuden und Geschäften. Für alles Lebensnotwendige ist gesorgt, und die Frau des Mannes lebt sich schnell in ihr neues Leben ein. Doch der Mann findet keine Ruhe in dieser vollkommenen Transparenz, in der es weder Geheimnisse noch blickdichte Mauern gibt. Wer gegen die unausgesprochenen Regeln verstösst, muss mit den schlimmsten Konsequenzen rechnen, wie der Erzähler bald feststellt. Ein einfacher Mann, der zu verstehen, der zu entschlüsseln versucht. Sinnbildlich für den Zustand der gegenwärtigen Welt. Ray Loriga schrieb den Roman 2017. Er liest sich wie durch die Gegenwart hindurch in eine mögliche Zukunft, sind wir doch mit all dem, was an Überwachung und „Transparenz“ unternommen wird, nicht weit von einer gläsernen Welt entfernt.

José Ovejero mit «Aufstand», Moderatorin Monika Schärer
José Ovejero «Aufstand», Edition Nautilus, aus dem Spanischen von Patricia Hansel, 328 Seiten, CHF 35.90, ISBN 978-3-96054-296-4

Der Roman „Aufruhr“ von José Ovejero ist eine zärtliche Liebesgeschichte zwischen Vater und Tochter, die nicht mehr miteinander reden können, weil sie in verschiedenen Welten leben, weil die Tochter diesen einen Vater nicht haben will und einem Vater, der seine Tochter verloren hat. Eine Tochter, die sich um jeden Preis emanzipieren will und von zuhause abhaut. Anna will ganz in der Gegenwart leben. Der Vater hingegen will die Gegenwart nur überleben, will und muss sich anpassen, das Unrecht mit Lügen, mit Unwahrheiten kompensieren. Anna will aufbrechen. Während Anna sich einem anarchistischen Leben verschreibt, verlieren sich Vater und Tochter immer mehr in Welten, die sich in nichts zusammenfügen. Anna schreibt Gedichte, Signale an einen Vater, die einzige Form der (einseitigen) Kommunikation:
„…Papa, noch hast du Zeit:
Entsteige diesem Sarg, in dem du schläfst;
leg den Vampirumhang ab;
setz dich der Sonne aus, auch wenn sie dich versengt…“
José Ovejero interessiert sich für Risse und Spannungen. Was sind Gründe und Ursachen, dass junge Menschen in besetzten Häusern nach neuen Lebensentwürfen suchen? Warum muss Leben zu einem Protest werden? Ovejero recherchiert tief, schlüpft nicht in die Personen, die er beschreibt, sondern in ihre Welt, ihre Umgebung, ohne blosser Tourist ihrer Existenz zu sein.

Elena Medel «Die Wunder», Suhrkamp, aus dem Spanischen von Susanne Lange, 2022, 221 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-518-43028-6

„Die Wunder“, der Debütroman von Elena Medel führt in die Vorstädte Spaniens. Am 8. März 2018 fand in ganz Spanien ein Frauenstreik statt. Frauen sämtlicher Generationen und gesellschaftlicher Schichten riefen auf Spaniens Strassen lautstark nach ihren Rechten. Sie machten sich im Kampf zu Schwestern, Millionen von Schwestern. Dieser Streik bildet den eigentlichen Erzählrahmen, aus dem die junge Autorin ihre Geschichte, ihre Geschichten erzählt.
Ein Motiv des Romans ist die Frage, wie sehr Geld Leben beeinflusst. Zwei Frauen, Enkelin und Grossmutter, die einander nicht kennen, deren Wege sich nie kreuzten. Zwei Frauen am Existenzminimum, deren Geldsorgen ihr ganzes Leben durch und durch dominieren. Zwei Frauen, eine älter, die sich kämpferisch zeigt, eine Frauengruppe gründet und sich im Streik engagiert und eine junge Frau, angepasst, in ihrem Leben eingeschnürt. Zwei Leben, die sich in ihrem Ausdruck genau entgegengesetzt zur traditionellen Vorstellung spiegeln, fixe Vorstellungen, über die ich als Leser immer wieder stolpere.
Elena Medels Roman überzeugt durch grandiose Beschreibungen und Feinanalysen der spanischen Gesellschaft, jener Menschenschicksale, denen das Geld nie reicht.

Elena Model mit «Die Wunder»
Vincente Valero «Krankenbesuche», Berenberg, 2022, aus dem Spanischen von Peter Kulten, 107 Seiten, CHF 31.90, ISBN 978-3-949203-39-8

Vincente Valero lebt und wirkt als Schriftsteller, Essayist, Lyriker, Journalist und Lehrer auf der „Ferieninsel“ Ibiza. Eine grosse europäische Stimme, deren Klang es aber bisher nur ganz zaghaft über spanische Grenzen schaffte, trotz der wunderschönen Bücher, die der Berenberg Verlag vom Autor herausgibt. Durch Vincente Valero wird Ibiza das, was Ibiza eigentlich ist, weit mehr als eine Urlaubs- und Rambazamba-Insel im Mittelmeer. Ibiza war beispielsweise lange Sehnsuchtsort Generationen von Kunstschaffenden, vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern.
Vincent Valero, der sich zuerst als Lyriker einen Namen machte, schreibt erst seit einigen Jahren Prosa, weil es, wie er erzählte, Geschichten gibt, die unbedingt erzählt werden müssen. Seit 2014 widmet sich Vincente Valero nun der Prosa, einer konzentrierten Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts mit dem Fokus auf die spanische Provinz, die Insel Ibiza.
Sein Roman „Krankenbesuche“ ist weniger Roman als eine geschichtliche Betrachtung über den Zustand des Krankseins, einen Zustand, der in vielen Fällen damals mehr „Auszeit“ zu sein schien als „Angstzeit“. Ein heiteres Buch mit langen, kunstvoll mäandernden Sätzen eines Autors, der mit grosser Lust und Freude in den Wellen der Sprache badet.
Demokratie und Tourismus haben Spanien im 20. Jahrhundert völlig verändert. Vielleicht hat der Tourismus die Demokratie in Spanien sogar begünstigt und unterstützt, war Spanien unter der Diktatur Francos weit weg vom kosmopolitischen Charakter des Landes heute.
„Krankenbesuche“ ist ein betörender Roman über eine Insel, von der wir alle wissen, dass sie schön ist. Vincente Valero aber gibt ihr jene Schönheit, die nichts mit den Hochglanzfotos von Reisführern zu tun hat.

Miqui Otero «Simón», Klett-Cotta, 2022, aus dem Spanischen von Matthias Strobel, 448 Seiten, CHF 36.90, ISBN 978-3-608-98074-5

Miqui Otero, der sich auch als Journalist einen Namen machte, bezeichnet sich als Chronist Barcelonas. Er schreibe Geschichten seit er sechs Jahre alt ist, erzählt der Autor auf der Bühne der Zofingen Literaturtage. „Simón“ erzählt die Geschichte zweier Cousins am Rande Barcelonas, von der Kindheit bis tief ins Erwachsensein, vom Paradies bis zur totalen Desillusionierung. Zwei Cousins, die das Tor zur Welt in Büchern suchen und finden. Die beiden verstehen Bücher als „Liebesbriefe“ an das Leben. Simón bekommt antiquarische Bücher von seinem zehn Jahre älteren Cousin Rico, Bücher, in denen immer wieder Textstellen unterstrichen sind. Textstellen, die für Simón zu Wegzeichen werden, lange über den Moment hinaus, als Rico aus dem Leben Simóns verschwindet.
Die beiden Cousins sind zwei grosse Schwindler. So wie Literatur immer Schwindel ist. Wahrheiten werden verschoben, ohne dass sie damit zu Unwahrheiten werden, auch dann wenn Wahrheit Fiktion ist.
Der Erzähler wendet sich an mich als Leser, der Erzähler im Buch aber auch an Miqui Otero, den Autor. So entsteht ein Geflecht aus Stimmen, Kommentaren, Hinweisen und Versprechungen. Der Erzähler zwinkert mir zu und Miqui Otero klammert sich an mich, ihn mit aller verfügbaren Ironie ernst zu nehmen.
„Simón“ ist ein literarisches Panorama, eingetaucht in überbordende Fantasie und Fabulierlust, prägnanter Charakteren , verschlungener Biographien und schillerndem Humor, gespickt mit grandiosen Wahrheiten.

Was für ein Literaturfest in Zofingen! Vielen Dank allen im Organisationsteam: Sabine Schirle, Julia Knapp, Daniel Huber, Urs Heinz Aerni, Aleksandra Janz und Mike Wacker.

Rezension «Singe ich, tanzen die Berge» von Irene Solà