Evelina Jecker Lambreva „Mama, wann kommst du“, Y Zeitschrift für atopisches Denken

Mutterschaft als Geschäftsidee. Vordergründig, wenn auch mit einberechneten Kollateralschäden, für jene Mütter, die wirtschaftliche Not dazu zwingt. Ganz bestimmt für die Agenturen, Kliniken und Hinterleute, die sich mit den Bäuchen jener Mütter eine goldene Nase verdienen.

Der deutsche Berufspolitiker und vehemente Unterstützer eines Verbots von Leihmutterschaft in Deutschland nahm sich die Freiheit, in den USA ein Kind austragen zu lassen. Zwei stolze Väter zeigten in den Medien ihr Kind und rechneten wohl ganz offensichtlich nicht mit dem Shitstorm, den Jens Spahn aus seinem Amt katapultierte. Aber statt damit eine Diskussion über Leihmutterschaft ausgelöst worden wäre, war es fast nur das Entsetzen über die Doppelmoral deutscher Vorzeigepolitiker. Auch wenn der Aufschrei berechtigt war, auch wenn damit einmal mehr das immer fadenscheiniger gewordene Vertrauen auf „die da oben, die sowieso machen, was ihnen gefällt», seine Bestätigung findet, bleibt die eigentlich wichtige Diskussion auf der Strecke; Ist Leihmutterschaft nicht einfach das Resultat hingenommener Ungerechtigkeiten? Was passiert mit den Frauen, die sich zu einem solchen Schritt entscheiden? Ist dieser Schritt eine tatsächliche Entscheidung oder nicht vielmehr einziger Ausweg aus einer Sackgasse, aus drohender Armut, letztlich ein Akt der Verzweiflung? Und was bedeutet dieser Schritt für die Frau selbst, für das Kind, das der leiblichen Mutter vertraglich weggenommen wird? Was bedeutet eine solche Mutterschaft für das Umfeld, für die Familie solcher Leihmütter, für das Umfeld jener Paare, die sich wie Jens Spahn den Sohn oder die Tochter aus dem „Katalog“ aussuchen?

Evelina Jecker Lambreva veröffentlichte 2022 in der (digitalen) Y Zeitschrift für atopisches Denken die Briefnovelle „Mama, wann kommst du“, die sich aber mit weit mehr als dem Thema der Leihmutterschaft auseinandergesetzt.
Nadja muss den Tod ihrer geliebten Grossmutter und jenen ihres Vaters verkraften, eines Mannes, der an den Folgen seiner Sauferei in einen Graben stürzte und das Genick brach. Nicht nur dass Nadja sich aus dem von ihrer Oma zusammengehaltenen Paradies herausgerissen fühlt – Nadja muss sich Fragen und existenziellen Bedrohungen stellen, denen sie sich nur entgegenstemmen kann, wenn sie ihrer verstorbenen Oma Briefe schreibt und auf Antworten in ihren Träumen hofft.

Evelina Jecker Lambreva erzählt von einer Familie in einem osteuropäischen Land, einem Land, das noch immer mit seiner sozialistischen, kommunistischen und in vielerlei Hinsicht faschistischen Vergangenheit zu kämpfen hat. Nadjas Mutter sieht einen Weg aus drohender Armut und krank machender Fabrikarbeit einzig darin, ihren Bauch zu verkaufen, ihr Recht auf Selbstbestimmung gegen Geld abzugeben, sich einer vertraglich festgelegten Abmachung auszuliefern, die ihren Körper zum Brutgefäss macht und das werdende Leben in ihr zu einem Gegenstand, den man nach vollbrachter Produktion abzugeben hat. Aber so wenig es der Mutter gelingt, das wachsende Kind von ihr abzukoppeln, so sehr sieht sich Nadja hin- und hergerissen in Ängsten um ihre Mutter, Fragen, die ihr selbst die Träume nicht beantworten können. Alles um Nadja herum verändert sich, nicht nur ihre Rolle in der Familie, auch der Status, die drohende Vertreibung aus dem Paradies und nicht zuletzt das so anders verlaufende Leben ihrer besten Freundin Lydia. Lydia, ein bisschen älter als Nadja, schliesst sich einer konservativ sozialistischen Kampftruppe an, die davon überzeugt ist, dass alles Übel aus dem Westen eingeschleppt wird, nicht zuletzt die Samen jener, die eine Leihmutter brauchen.

„Mama, wann kommst du“ ist ein konsequent aus der Sicht einer Zwölfjährigen geschriebener Briefmonolog an eine Grossmutter, die einst Dreh-, Angel- und Mittelpunkt der Familie war. Das Suchen eines Mädchens, das die Welt zu verstehen sucht und letztlich von einer grossen Welle aus dem tastenden Suchen gerissen wird. Vielleicht braucht es den schonungslosen kindlichen Blick auf Fragen, die sich weder schnell noch einfach beantworten lassen. Die bulgarisch-schweizerische Schriftstellerin und Psychiaterin tut dies offen und kompromisslos. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass die Novelle nie zu einem Buch wurde. Schade, denn die Novelle stellt zeitlose Fragen und entblösst, was uneingeschränkter Konsum, und letztlich ist auch eine Leihmutterschaft ein Auswuchs unbegrenzter Konsumwirtschaft, und vereinnehmender Ideologien, die auf schwierige Fragen einfache Parolen entgegensetzen.

„Mama, wann kommst du“ kann hier herunterladen werden.

Evelina Jecker Lambreva, 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren, lebt seit 1996 in der Schweiz. Sie arbeitet als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. Ihr literarisches Schaffen in deutscher Sprache begründete sie mit dem Gedichtband „Niemandes Spiegel“ sowie den Erzählbänden „Unerwartet“ und „Bulgarischer Reigen“. Bei Braumüller erschienen: „Vaters Land“ (2014), Nicht mehr (2016) „Entscheidung“ (2019), „Im Namen des Kindes“ (2022) und „Mein Name ist Marcello“ (2024). Zur Zeit arbeitet die Autorin an ihrem neuen Roman: «Die Fremden», inspiriert durch Albert Camus und Erich Fromm.

Beitragsbild © Alexander Jecker

Christoph Peters «Entzug», Luchterhand

Er trinkt, weil er glaubt, nur so in die Untiefen seines Bewusstseins vordringen zu können. Er trinkt, bis ihn seine uneingestandene Sucht mit dem Tod bedroht, bis er seine Familie im Dunst verliert, bis der Suff ihm das einzige wegnimmt, was er kann; das Schreiben. „Entzug“ ist ein Roman, der mich tief beeindruckt.

Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los steht in Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Ob Christoph Peters jene Geister loswerden konnte, die ihn zwei Jahrzehnte seines Lebens fest im Griff hatten? Die Flaschengeister, die alles dominieren, Alkoholiker zu egozentrischen Monstern machen? Christoph Peters legt aus mehr als zwanzig Jahren Distanz einen Roman vor, der sich in seiner kompromisslosen Art und Weise jenen Geistern entziehen will, der schonungslos aufzeigt, mit welcher Wucht eine solche Sucht einen Menschen machtlos werden lässt. Wie sich Gedanken zunehmend nur noch um die immer gleiche Frage drehen: Wie komme ich zu meinem Stoff, ohne die Fassade zu stören? Christoph Peters hat aus dem eigenen Leben, dem eigenen Kampf, dieser letzten Wendung, bevor er sich in den Tod gesoffen hätte, einen Roman geschrieben. Ein Zeugnis. Vielleicht auch eine Heilsgeschichte, den Weg knapp an der Hölle vorbei, den totalen Realitätsverlust, den Beginn eines langen Weges aus der Sucht heraus.

Dass aus dem Buch viel mehr als der Report eines Bezwingers seiner selbst wurde, verdankt Christoph Peters seiner Sprache, der Intensität dieses Textes, dem sprachlichen Abbild dessen, was jene Zustände der totalen Besoffenheit und glasklaren Nüchternheit erzeugen können. „Entzug“ ist viel mehr als „Bekenntnisliteratur“, auch wenn Ehrlichkeit und Offenbarung in vielem an solche erinnern. Wahrscheinlich ist es Christoph Peters Glück, dass er seine Kunst des Hineinschreibens in sich trägt, die Fähigkeit der gnadenlosen Reflexion, die Kunst, aus abgrundtiefem Elend etwas Schönes zu erzeugen. Sein Glück und mein Glück. Vielleicht auch das Glück eines Schriftstellers, der schon mit mehr als zwei Dutzend Büchern immer und immer wieder bewiesen hat, dass er Meister seines Fachs ist. Es braucht die Sensation einer Offenbarung nicht, zumal das Trinken in Kreisen der Schreibenden kein seltenes Phänomen ist und bis vor wenigen Jahren der Stoff, der den Literaturbetrieb schmierte.

Christoph Peters «Entzug», Luchterhand, 2026, 400 Seiten, ISBN 978-3-630-87785-3

Der Protagonist im Roman trägt den Namen des Schriftstellers, eine Maske hätte es nicht gebraucht. Christoph Peters im Buch schreibt an einem Roman („Ein Zimmer im Haus des Krieges“). Nachdem er die ersten Seiten seinem Verleger zusandte, schreibt ihm dieser zurück, man könne den Text nicht brauchen. Auf den ersten Seiten des Romans findet die Frau des Protagonisten eines Morgens auf dem Küchentisch eine halbleere Flasche Wodka. Was macht die Flasche da?, fragt die Frau und er windet sich in Ausreden, Vorhaltungen und fadenscheinigen Erklärungen. Schreiben ohne zu zittern kann er nur noch, wenn er direkt nach dem Aufstehen seinen Alkoholpegel auffrischt. Überall in der Wohnung sind Flaschendepots eingerichtet, Verstecke, von denen er glaubt, nur er wisse davon. Und mit einem Mal spitzt sich die Lage zu; Wird ihn seine Frau zusammen mit dem kleinen Kind verlassen? Wird ihn der Verleger fallen lassen? Wozu ist er noch zu gebrauchen, wenn er nicht mehr schreiben kann? Es bleibt jener Rest Realitätsbezug übrig, der ihn eine Bekannte anrufen lässt, die Ärztin ist, die ihm unmissverständlich klar macht, dass nur ein kontrollierter, begleiteter Entzug der Weg sein kann. Jener letzte Rest Selbstachtung, die Angst, alles zu verlieren, sich in den Untergang zu saufen, führen jenen Christoph Peters in eine Klinik, einen Entzug, in ein Mehrbettzimmer mit lauter Suchtkranken, einen Ort, an dem er den letzten Rest Selbstkontrolle abgeben muss, wo man ihn nicht einmal alleine duschen lässt. An einen Ort, wo man ihm unmissverständlich vor Augen führt, was geblieben, worauf noch zu hoffen ist und was sein wird, wenn er nicht radikal die Richtung ändert.

Das erste Drittel des Buches trägt den Titel „Trinken“, die beiden folgenden Drittel „Nicht trinken“. Es gibt ein klar abgegrenztes Davor und Danach, ein Entweder-oder. Genau so, wie sich das Leben aller Alkoholiker*innen, die sich ihrer Sucht entziehen können in ein Davor und ein Danach teilt. Es gibt nur das Entweder-oder. Und trotzdem bleibt man ein ganzes Leben Alkoholiker*in. In Interviews verrät Christoph Peters, dass er auch zwanzig Jahre nach der Sucht die Folgen tragen muss. Jener Christoph Peters im Buch, der schon als Pupertierender den Entschluss gefasst hatte, dereinst Künstler und Trinker zu werden, kam aus einem Umfeld, das dem Alkohol mit aller Selbstverständlichkeit begegnete. Der Dunst gehörte dazu, war immer da. So wie später im Internat – und danach als junger Schriftsteller. Auf dem Cover seines Romans sieht man ein Selbstbildnis des Autors, dass er mit sechzehn gemalt hatte, noch unschlüssig, ob er Maler oder Schriftsteller werden sollte. Der Geist, der aus der Flasche kam, war allgegenwärtig.

Christoph Peters ist ein äusserst beeindruckendes Buch gelungen. Ein kraft- und kunstvoller Roman über den tiefen Fall, denn wie er die Tage vor seinem Entschluss, in jene Klinik einzutreten, jene Zeit des Permarauschs, des maximalen Selbstbetrugs, der Angst vor dem freien Fall beschreibt, spiegelt sich in der grellen Klarheit der Nüchternheit, die mit allen Nebenwirkungen, von denen er in der Klinik nicht weiss, ob sie ihn wieder loslassen, schrittweise zurückkehrt.

Interview

Wie kaum je zuvor wurde mir bei der Lektüre ihres Romans bewusst, dass man letztlich nie von einer derartigen Sucht frei wird. Seien es Alkohol, Tabletten, Kokain oder anderes. Wer einmal in der Spirale gefangen ist, schlägt sich ein Leben lang mit der Sogwirkung oder den Nach- und Nebenwirkungen herum. Sie lässt sich nicht vergessen, nicht abschütteln. Man kann sich nicht freikaufen. Wo ist der Kipppunkt? Wann beginnt Sucht und hört Genuss auf?

Ein allgemeingültiger Kipppunkt ist schwer genau festzumachen, obwohl es natürlich verschiedene Indizien gibt, die nahelegen, dass man süchtig beziehungsweise abhängig trinkt. Das beginnt mit der Ritualisierung des eigenen Trinkens auf einem gehobenem Niveau. Grundsätzlich würde ich zwischen psychischer Abhängkeit – dass ich unbedingt regelmäßig eine bestimmte Menge Alkohol brauche, um entspannen, abschalten zu können, mich überhaupt wohl in meinem Leben zu fühlen, – und physischer Abhängigkeit unterscheiden. Erstere ist zwar auch nicht gesund, weder für den Geist noch für den Körper, aber man kann das relativ lange praktzieren, ohne dass es direkt lebensbedrohlich wird. Dann gibt es die Schwelle zur physischen Abhängigkeit. Wenn die einmal überschritten ist, benötigt der gesamte Organismus eine konstante Mindestmenge Alkohol, um überhaupt halbwegs zu funktionieren. Sobald der Alkoholgehalt unter diesen Pegel fällt, beginnen Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche, Angstzustände. Bei manchen Leuten setzt das nach relativ kurzer Zeit übermäßigen Konsums ein, bei manchen kommt es schleichend im Lauf der Jahre. Spätestens sobald man zittert, wenn man ein paar Stunden nichts getrunken hat, kann man zumindest sich selbst nichts mehr vormachen. Man muss dann heimlich trinken, bewegt sich in einem zunehmenden Lügengeflecht, alles wird – wie bei einem Junkie – der Droge untergeordnet. In diesem Stadium zerfallen dann auch die privaten Beziehungen, häufig beginnt ein Prozess sozialen Abstiegs, verbunden mit Jobverlust, Trennungen, Obdachlosigkeit und schließlich tödlichen gesundheitlichen Komplikationen.

Vor ein paar Jahren lernte ich einen Autor kennen, der einen Roman zum Thema Demenz schrieb. Danach wurde er immer und immer wieder als „Sachverständiger“ eingeladen. Eine Rolle, mit der er sich je länger, je weniger identifizieren konnte. Droht nicht auch ihnen eine solche Rolle? Wird man nicht zum Vorzeigebeispiel jenes einstelligen Prozentanteils, der es „geschafft“ hat.

Die Gefahr sehe ich so erst mal nicht. „Entzug“ ist mein dreizehnter Roman, dazu kommen Erzählbände und Essays, bei denen so unterschiedliche Themen wie Kunstgeschichte und Gegenwartskunst, Islam und Islamismus, christlicher Fundamentalismus, Japan, Teezeremonie, der Niederrhein und das politisch-kulturelle Leben in Berlin eine zentrale Rolle spielen. Deshalb gehe ich eigentlich nicht davon aus, dass ich als Autor künftig nur noch „monothematisch“ zum Thema Alkohol wahrgenommen werde. Bislang kamen denn auch mehr oder weniger alle Gespräche zum Buch und ebenso die Lesungseinladungen aus dem Bereich der Literaturrezeption. Neben dem thematisch-biografischen Interesse ging es dort immer auch um literarisch-ästhetische Fragen. Im übrigen ist die Literatur für mich auf der einen Seite ein Medium, in dem bestimmte Themen und Fragen verhandelt werden, auf der anderen Seite ist jedes Thema umgekehrt eben auch Anlass und Möglichkeit, über die Literatur zu reden.

Die Ehefrau des Protagonisten wird immer nur die Frau genannt. Ein krasser Gegensatz zu den Textpassagen, in denen sich der Protagonist an sein kleines Kind erinnert. Ist das ein willentlicher Akt eines Versuchs der Distanzierung? Nicht weil er sie nicht mehr liebt, aber weil er sie aus dem Schussfeld nehmen will, weg vom Schauplatz seines inneren Kampfs?

Die Bezeichnung der Ehefrau als „die Frau“ war zunächst einmal ein Mittel, um diese äußerste Distanzierung sprachlich sinnfällig zu machen, die jeder Süchtige mehr oder weniger allen Menschen seines Umfelds gegenüber vornimmt. Gerade die Menschen, die einem besonders nahestehen, sind in diesem Zustand der größte „Gegner“ für die totale Herrschaft des Alkohols, weil sie einen potenziell am Trinken hindern wollen. Im Verlauf des Romans – im zweiten Teil, kurz nach dem Beginn des klinischen Entzugs – wird aber aus „die Frau“ allmählich „meine Frau“ und dann eben „V.“. Und dann gibt es ja auch noch die Widmung. Im Falle des Kindes ist es ein bisschen anders, weil das Kind den Vater ja auf seine unmittelbare Weise weiterhin ungebrochen liebt, da funktioniert das mit der Distanzierung schlechter. Abgesehen davon ist Alkoholismus auch eine Krankheit, die einen wahnsinnig rührselig und sentimental macht, dann bricht man über das eigene große Gefühl der Liebe zum Kind in Tränen aus –  allerdings ohne daraus die Konsequenz zu ziehen, endlich mit dem Trinken aufzuhören.

Manchmal, wenn sie fast seitenlange Sätze schreiben, lesen sich die Passagen wie ein Sprachrausch. Aber ganz ähnlich jene Passagen absoluter Nüchternheit. Dort ist alles glasklar. Wie muss ich mir den Schreibprozess solcher Passagen vorstellen. Gibt es dieses rauschhafte Schreiben oder ist es „nur“ konstruiert?

Ich schreibe nie rauschhaft, ganz gleich, welchen Zustand ich versuche sprachlich zu fassen. Mein Arbeitsprozess ist darauf ausgerichtet, möglichst präzise und zugleich sinnlich nachempfindbar die jeweilige Geschichte zur Sprache zu bringen. Das geht, jedenfalls für mich, immer über ausgedehnte Korrektur- und Überarbeitungsprozesse. Etwa achtzig Prozent meiner Schreibtischzeit besteht darin, aus ursprünglich mehr oder weniger peinlichen Sätzen allmählich nicht-peinliche Sätz zu machen. Wenn ich einen Text an den Verlag schicke, habe ich alles, was dort, steht sechzig bis hundert Mal gelesen. Ich würde das aber trotzdem nicht „nur konstruiert“ nennen. Dieser Vorgang des täglichen Formulierens und Umformulierens hat für mich eine sehr große Intensität, die immer noch relativ schnell in totale Verzweiflung mündet, wenn es trotzdem nicht so wird, wie ich mir das vorstelle.

Es dauerte mehr als zwei Jahrzehnte Distanz, diesen Roman in dieser Form zu schreiben. Und trotzdem schaffen sie es, dem Roman einen fast dokumentarischen Charakter zu geben. Brauchte es die Distanz? Wann war klar, dass sie irgendwann diesen Roman schreiben mussten?

Der Roman thematisiert ja schon relativ am Anfang des „Nicht-Trinken“-Teils in der Klinik, dass ein Künstler oder Schriftsteller das ganze Leben als Materialsammlung benutzen kann. „Alles dient“ hat uns mein Lehrer an der Karlsruher Kunstakademie, Horst Egon Kalinowski, immer gesagt. Gegen Ende der Zeit in der Klinik war mir schon klar, dass die Zustände, die ich während dieses Entzugsprozesses durchlaufe, eine Intensität haben, die ich eines Tages für einen Roman nutzen wollte. Das ist aber auch nichts Neues gewesen. „Stadt Land Fluß“, „Wir in Kahlenbeck“, „Dorfroman“ haben auch starke autobiografische Elemente. Ich benutze mich selbst auch immer wieder als eine Art Crash-Test-Dummy für die Geschichten, die ich erzähle. Da ich aber über Dinge, die ich erlebt habe, normalerweise erst schreiben kann, nachdem ich sie für mich innerlich soweit verarbeitet habe, dass sie mich emotional nicht mehr belasten, dauert es einfach meist Jahrzehnte, bis so ein autobiografischer Stoff romantauglich geworden ist.

In Deutschland sind 2 Millionen Menschen alkoholabhängig. Je nachdem wie gezählt wird, sollen es gar 4 Millionen sein. Jede vierte Person. Das muss unglaubliche wirtschaftliche Konsequenzen haben. Damit müsste es doch auch im Interesse des Staates und sämtlicher Versicherungen sein, dass Alkoholismus zur Volkskrankheit erklärt werden müsste, dass alle Institutionen alles Menschenmögliche tun müssten, um gegen die Verharmlosung dieser Sucht anzutreten. Passiert das?

Ob die wirtschaftliche Gesamtbilanz des kollektiven Alkoholkonsums in Deutschland oder Europa für die Staatskassen über Steuern, Export, Tourismus – es gibt ja überall Bier- und Weinfeste, wo die Leute in Massen hinpilgern, um gemeinsam zu trinken – , die Entlastung der Rentenkasse durch die geringere Lebenserwartung von Starktrinkern und Alkoholikern eher positiv oder aufgrund der mit Trunksucht verbundenen Arbeitsausfälle und höheren Gesundheitsausgaben eher negativ ist, kann ich nicht beurteilen. Es gibt inzwischen zwar – wie für alles – auch zum Thema Alkohol Gedenktage und Aktionswochen, ab und zu mal eine Plakatkampagne oder einen Fernsehclip, aber die Alkoholwerbung nimmt natürlich deutlich mehr Raum ein. Da wird einem immer suggeriert, dass das Leben durch Bier erst schön wird. Dazu kommt die Verklärung von Alkohol als identifikationsstiftendem Kulturgut, das es unbedingt zu schützen gilt, nicht zu vergessen, dass der tägliche Wein nach der Arbeit, der Schnaps gegen den Stress auch selbstverordnete Psychopharmaka sind, die dabei helfen, dass das strukturelle Gefühl der Sinnlosigkeit im Konsumkapitalismus nicht so weit um sich greift, dass das gesamte System in unkontrollierbarer Massendepression untergeht.

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit «Innerstädtischer Tod» (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.

Rezension zu «Krähen im Park» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Peter von Felbert

Tanja Šljivar «Nationaltheater», Suhrkamp – ein Selbstinterview

«Nationaltheater« verwebt ein Schicksalsjahr in der Biographie einer ambitionierten jungen Frau mit der Geschichte einer Institution. Beide eint die jüngere Vergangenheit, die von historischen Verwerfungen, dem Zerfall Jugoslawiens und Krieg geprägt ist. Kannst du uns etwas mehr dazu erzählen?
 
Im Zentrum steht die 150. Spielzeit des Nationaltheaters in Belgrad, ein bedeutendes Jubiläum. Es war mir jedoch von vornherein wichtig, den zeitlichen Horizont zu weiten. Die Grunderzählung über die junge Frau, die in eine „alte“ Institution kommt und dort eine Leitungsfunktion übernimmt, wird durch historische oder pseudo-historische Einsprengsel aufgebrochen. Für Dina, die junge Hauptprotagonistin, sind z.B. die 1990er Jahre eine besonders prägende Zeit, während sie für das Nationaltheater, das seit seiner Gründung in diversen Kriegen bombardiert wurde, bloß eine weitere Krise darstellen.  

Einige Kapitel entstanden in Rom. Beim Betrachten von Raphaels «Die Schule von Athen» entwickelte ich geradezu eine Obsession für die Gesichter von Platon/Leonardo und Heraklit/Michelangelo. Ich fragte mich, wie man ein ähnliches Verfahren in der Literatur anwenden könnte. Wie kann man in einem Satz mehrere Zeiten schreiben? Ich wandte dieses Verfahren an, insofern als jede Figur eine Mischung aus verschiedenen realen Personen ist,mit einem Hauch totaler Fiktion. Eine Leserin der Manuskriptfassung sagte, sie hätte beim Lesen ständig das Gefühl gehabt, die einzelnen Figuren würden so sprechen und handeln, als wären sie „aus einer anderen Zeit“, während einzelne Referenzen sie immer wieder in Dinas Gegenwart zurückholten. Das Theater selbst kommt zu Wort und beschreibt seine „Reise durch die Zeit“ – beginnend mit der Gründung. Wenn Napoleon sagt, die Comédie-Française sei der Ruhm Frankreichs, die Oper seine Eitelkeit, dann spricht er über das erste Nationaltheater in Europa, gegründet im Herzen der Kolonialmacht. Das Nationaltheater in Belgrad hingegen entsteht im Kontext des Zerfalls eines Reiches, nämlich des Osmanischen Imperiums, und vor dem Hintergrund der Idee einer jugoslawischen Vereinigung.

Welche Rolle spielt eine solche Institution eigentlich?

Tanja Šljivar «Nationaltheater», Suhrkamp, 2026, 236 Seiten, ISBN 978-3-518-43217-4

In meinem Roman plädiert das Theater schließlich für seine eigene Vernichtung. Das Theater plädiert für seinen eigenen Selbstmord durch den Sprung vom eigenen Balkon, was jedoch aufgrund des Wesens der Institution selbst nicht möglich ist, denn die Institution ist eine, „die geeinte Nation auf eine virtuelle Weise repräsentiert und deren Rolle darin besteht, eine einzige und fixierte nationale Identität aufrecht zu erhalten, ebenso wie eine homogene und dominante Kultur“. (Imre, Zoltán, Staging the Nation) Ein solcher Selbstmord der Institution ist also nicht möglich, zumindest so lange die Nation und ihre Kultur bestehen. Oder etwa doch?

Welche Verbindung besteht zwischen dem Theater und dem Roman?

Bald nach meinem Antritt als Schauspieldirektorin am Nationaltheater, Ende 2019, hatte ich die Idee, einen Roman zu schreiben. Zum einen interessierte mich die Form eines „Theaters im Theater“ nicht – und ein Theatersck hätte mir einen solchen Zugang geboten; zum anderen war es so, dass die Komplexität des Themas, die Intensität der Erfahrung, der Umfang des Materials nach einer anderen, langen, für mich neuen und noch nicht erforschten Form des Romans verlangten. Indem ich kontinuierlich Theaterstücke schrieb, habe ich gewissermaßen gegen die Vorherrschaft des Romans im literarischen Bereich angekämpft. Jetzt aber scheint mir der Roman die passendere Form für ein solches literarisch-performatives Experiment zu sein. Außerdem eignet sich fast jeder Text für eine Performance. Eine ideale Situation für eine Theateraufführung meines Romans wäre eine, im Rahmen derer der Roman laut vorgelesen würde, in allen Räumen des Belgrader Nationaltheaters: auf der Bühne, in den Büros, im Fundus, in der Kantine, in den Werkstätten; darüber hinaus sollten nicht nur die Schauspieler als Darsteller und Vorleser fungieren, sondern alle Beschäftigten im Theater. Der Zuschauer würde eine wahrlich immersive Erfahrung bekommen: ein Buch, das er betreten könnte, ein Theater, das er lesen könnte.

Ist das Autofiktion?

Eine einfache Antwort würde lauten: Nein, und es ist mir lieber, wenn der Roman nicht als Autofiktion gelesen würde. Die Literaturkritikerin Marija Skočibušić weist darauf hin, dass es in der Autofiktion nicht um einen ungefilterten emotionalen Ausbruch geht, sondern um die sorgfältige Konstruktion von Wahrheit und Selbst.Eine reine Beichte der Erfahrung, der Wahrheit, oder der „Mut“ zu einem solchen Akt interessieren mich nicht; was mich interessiert, ist die strukturelle Ebene, der institutionelle Rahmen, der eine solche Erfahrung erst ermöglicht – also, das, was mich interessiert, ist das Nationaltheater.

Was passiert „dieser Tage“ im Nationaltheater in Belgrad? Werden wir heute Zeugen einer Art „institutionellen Selbstmords“?

Im Sommer 2025 berichtete Guardian über die Bestellung von Dragoslav Bokan, einem ehemaligen Anführer einer paramilitärischen Gruppe in den Jugoslawienkriegen, zum Vorstandsvorsitzenden im Nationaltheater. Und kurz darauf wurde am Tag der Slava-Feier, der in meinem Roman ein eigenes Kapitel gewidmet ist, auch der neue Schauspieldirektor, Zoran Stefanović bestellt. Stefanović ist weniger kontrovers als Bokan, aber gerade dadurch ist er nicht so leicht zu durchschauen. Seine Biografie verbindet Antikommunismus, Orthodoxie, Traditionalismus, mit technologischem Fortschritt, digitalen Archiven und sogar einer Online-Teilnahme an der Akademie von Jordan Peterson... Diese Mischung wirkt heute erstaunlich westlich und verweist auf den Aufstieg der neuen europäischen und US-amerikanischen Rechten.

Interessant ist dann die Frage, ob es wirklich eine Kollision der neu bestellten Leiter mit den „europäischen Werten“ gibt – auf diese beruft sich die Theatergewerkschaft nämlich in ihrer Stellungnahme für den Guardian: „The artists of the National theatre will never stop defending European values in our theatre“.

Ist die Bestellung von Zoran Stefanović und Dragoslav Bokan tatsächlich ein Sargnagel für das Nationaltheater? Oder entspricht es nicht vielmehr dem Wesen einer solchen nationalen Institution, widersprüchliche Forderungen in sich zu vereinen – wie etwa die Forderung nach der Autonomie des künstlerischen Schaffens von der Politik. Oder, gehen Nationen, Nationalstaaten und ihre Institutionen auf ihre Selbstvernichtung zu? Möglicherweise zeigen die jüngsten Ereignisse gerade, dass der Wunsch des Nationaltheaters, das (in meinem Roman) für seinen eigenen Selbstmord plädiert, erhört wurde.

Was geschah im Nationaltheater während der Studentenproteste?

Ein Großteil der Künstler und anderer Mitarbeiter des Nationaltheaters hat die  protestierenden Studenten unterstützt, was sich unter anderem daran zeigte, dass am Ende der Aufführungen die Schauspieler dem Publikum ihre rot gefärbten Handflächen zeigten (im Einklang mit dem Slogan „Eure Hände sind blutig“), außerdem gab es im Nationaltheater mehrere Warnstreiks. All das führte zur Implementierung einer repressiven Geschäftsordnung, die es nun verbietet, „verbal, durch Symbole oder Gesten eine politische oder sonstige Orientierung zum Ausdruck zu bringen, die in keinem Zusammenhang mit der Erfüllung der Aufgaben des Theaters steht“. Kann es helfen, darüber zu schreiben oder zu sprechen? Die Figur der Intendantin sagt an einer Stelle im Roman zur Schauspieldirektorin: „Meine Liebe, die Theateranekdoten sind ja dazu da, um das alles … um das alles … um diese ganze Gewalt … erträglicher zu machen.“

Wie ist das Verhältnis zwischen den Studentenprotesten und den anderen kulturellen Institutionen?

Ein beeindruckenden Beispiel für deine Frage war die „Befreiung des SKC“ (Studentski Kulturni Centar – Studentenkulturzentrum). Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung im Februar 2025 eroberten die Studenten das berühmte SKC zurück – einen Ort, an demMarina Abramović ihre ersten Performances aufgeführt hatte und das unter der aktuellen Verwaltung jahrelang leer stand. Bemerkenswert ist, dass beide Konfliktparteien am Nationaltheater – sowohl das protestierende Ensemble als auch die neue Leitung – ihre gegensätzlichen Positionen als unpolitisch deklarieren: Eine Dirigentin erklärte, sie habe die roten Handschuhe „für meine Kinder und nicht aus politischen Gründen“gezeigt, während die neue Leitung betont, „das Theater sei kein Ort für Politik“. Die Studierenden hingegen wissen es besser: „Das befreite SKC stellte (…) die einzige Bastion der Freiheit und der Autonomie im kulturellen Schaffen dar, welches sehr wohl politisch ist.“, aber auch: „Wir bedauern, dass die künftigen Experten(…) den politischen Charakter der Kultur nicht sehen und die Gefahren einer Realpolitik ohne autonome Kultur (…) verkennen.“ Die Studenten zeigen: Die einzige mögliche Autonomie der Kunst wird gerade durch den politischen Charakter derselben realisiert.

Hast du Angst vor Selbstexotisierung? Wie wird der Roman im deutschsprachigen Raum gelesen werden, im Unterschied zu Serbien? Handelt es sich um einen Schlüsselroman?

Vielleicht handelt es sich tatsächlich um einen Schlüsselroman, aber es ist nicht ganz klar, zu welchem Schloss der Schlüssel passt, haha. Die Figuren in der Theaterwelt tragen keine Namen, sondern werden nach ihren Funktionen oder Arbeitsplätzen bezeichnet, oder nach ihrem Rang innerhalb der Hierarchie des Nationaltheaters. Die Staatsschauspielerin, die Schauspieldirektorin, die Intendantin oder der Chef des Sicherheitsdienstes sind Typen, Funktionen, und keine richtigen literarischen Figuren aus Fleisch und Blut.

Gerade diese Möglichkeit der Selbstexotisierung wollte ich problematisieren. Der Roman enthält zwar Hinweise auf die Widersprüche und Probleme der serbischen Gesellschaft, aber nicht, weil ich den „Osten“ als Gegenbild zum „Westen“ darstellen wollte. Im Gegenteil: Sowohl der serbische Nationalstaat als auch sein Nationaltheater sind Produkte einer geopolitischen Ordnung, in der sich die serbische Halbperipherie im Verhältnis zu den kapitalistischen Zentren entwickelt. Auch kulturelle Institutionen entstehen nicht außerhalb dieser Zusammenhänge.

Du beschreibst also kein spezifisch serbisches Modell, sondern ein europäisches?

Ich sollte erwähnen, dass einige Kollegen in Leitungspositionen an deutschen und österreichischen Staatstheatern blickten nicht gerade wohlwollend auf gewisse Stellen im Roman blickten, und ihnen war auch nicht zum Lachen zumute. Das zeigt, die Rede ist von einem Modell, das europäisch ist und nicht etwa strikt westlich oder östlich. In seinem hervorragenden Text „The War on Bohemia“ beschreibt Diedrich Diedrichsen die Gegenwart in Berlin, und in der gesamten westlichen Kunstszene, deren Akteure, die „Bohemians“, einen Pakt mit dem Kapital geschlossen haben (diesmal in seinem Zentrum). Er bezieht sich auf westliche kulturelle Institutionen, die von den Geheimdiensten ihrer jeweiligen Länder instrumentalisiert wurden, um eine Hegemonie der „Soft Power“ in nicht-westlichen Kontexten zu realisieren, und zwar gerade auf diese Grundlage: „Everything was permitted—as long as it could be commercially exploited.“ Abschließend zeichnet Diedrichsen ein düsteres Bild für die Zukunft: „Tech barons, paleo-industrialists, and evangelical fascists may differ in their cultural priorities, but they share a faith in fundamental inequality—and the irrational dogmas of growth and limitless exploitation. (…); (and) they will remobilize art’s capacity, which never lay entirely dormant (…), for inventing and identifying ethnicity and national cultures, chauvinism and white supremacy.”

In einem solchen Kontext können wir auch meinenRoman lesen: Im Westen verfügen die Kulturinstitutionen noch immer über ausreichend Geld und Soft Power, um ihre Situation als halbwegs gut oder akzeptabel darzustellen. Wir haben diesen Luxus (oder diese Last) nicht.

Denkst du, du wirst in Zukunft einen weiteren Roman schreiben?  

Ich denke schon. Ich möchte mich selbst im Schreiben überraschen. Eine logische Fortsetzung wäre, über die studentischen Blockaden zu schreiben, aus der Perspektive von Professoren an der Kunstakademie, wo ich derzeit als Dozentin tätig bin. Ich habe auch schon einen ersten Satz: „Sie lebte, an der Schwelle zu ihren Vierzigern, in einer unaufhörlichen Aufschiebung ihres mittleren Lebensalters und unterrichtete Kunst an derselben Universität, an der sie einst studiert hatte.“ Dennoch ist das ein leichterer Ausweg – eine weitere institutionelle Kritik, weiteres Narrativ über die Arbeit innerhalb des Systems der Kunstproduktion, diesmal aus der Perspektive einer Mitarbeiterin in einer Bildungsinstitution. In meinem Unbewussten lauert vielleicht noch irgendwo eine Idee für einen politischen Liebesthriller.

Ist es egoistisch, sich selbst zu interviewen?

Nein. Es ist exzentrisch.

(Das Interview wurde von Maša Dabić übersetzt.)

Tanja Šljivar, geboren 1988 in Banja Luka, studierte Dramaturgie in Belgrad und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Ihre Theaterstücke wurden in zehn Sprachen übersetzt und in Bosnien, Kroatien, Serbien, Spanien, Deutschland, Österreich, Albanien und Polen aufgeführt. 2019 war Tanja Šljivar Schauspieldirektorin am Nationaltheater Belgrad. «Nationaltheater» ist ihr erster Roman.

Beitragsbild © Dirk Skiba

Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes «Die Seligen – oder Die letzten Tage der Spezialdemokratie», Elsinor

Keine Frage: Der Humor dieses schelmischen Romans ist rheinisch. Und was die Brüder Kohtes – zu einem großen Teil als einen Austausch von Mails – in frappierender Sorglosigkeit erzählen, versetzt die Leserschaft immer wieder in eine Art Kir-Royal-Atmosphäre innerhalb eines obergärigen Kölsch-Biotops. Die Zeit erlischt, das Leben glimmt auf. Und der Himmel drückt ein Auge zu. Und – sei hinzugefügt – nicht nur der Himmel.

Wie war’s doch noch schön!
Gastrezension von Burkhard Jahn*

Die ersten Sätze öffnen die Tür zu einer eindeutig lebensbejahenderen Variante einer Bar mit Disco-Betrieb, als sie das heutige Clubwesen vorführt. Man kann sich an der Theke noch unterhalten und ein Lebensgefühl zelebrieren, wo das Schelmische noch auf dem Charakter von Landschaft und Idiom wurzelt. Im Mailaustausch der Erzähler, eben des Bruderpaares, blühen die Vorfahren auf, deren antiquierter, zunehmend verschroben wirkender Habitus dem tausendjährigen Ansturm des Ungeschlachten standgehalten hatte.

Teufelsmal der fiebrigen Meinungsbeteuerung

Und damit ist ein Erzählduktus gesetzt, der aus der Possenhaftigkeit des menschlichen Daseins keinen Hehl macht und somit noch nicht infiziert ist von all dem Gift späterer woker Launeverderbung. Die einen der dramatis personae hier kommen aus Russland, die andere aus Israel, der DJ aus der Karibik. Und so ist es nun mal. Selbst das Großbürgerliche, ohnehin wie alles in dieser milde betrachteten Welt Spielball der Geschicke, trägt nicht das Teufelsmal der fiebrigen Meinungsbeteuerung.

Jedem Jeck sing Kapp lautet die unausgesprochene und doch uneingeschränkt gültige Verabredung. Und dass nebenbei die Vokabel verklugfideln plötzlich – wie ein seltener, für ausgestorben gehaltener Schmetterling – in diesem Text in aller Selbstverständlichkeit aufersteht, wärmt das Herz. Genauso wie die Serenade für Zwischengas des im Stau stehenden Zuhälterschlittens und jene Szene, in der im Regenguss bei jedem Wagen, der durch die Pfützen fährt, die herausgeworfenen Kippen auf der Pfütze schaukeln wie Fischerboote in aufgewühlter See.

Die Autoren wissen ihre Preziosen zu setzen. 

Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes «Die Seligen – oder Die letzten Tage der Spezialdemokratie», Elsinor, 2026, 190 Seiten, ISBN 978-3-939483-86-1

Durch diese „letzten Tage der Spezialdemokratie“, wo Felix, der Barkeeper für seine jüdische Freundin in aller selbstverständlichen Ironie beider ihr bad goy ist, tanzen eindeutig sorglosere Figuren als jene unserer Tage in unserer Demokratie. Und die Personnages des schelmischen Romans – Hacki, Hanna und Jan, unsere Arbeitsnomaden aus Portugal und die Berliner Blase, sogar Lotte aus Montreal – sie kehren immer wieder treulich zurück wie die Lachse zur Quelle. Die in der Fremde erwähnen lieber nicht ihre Anflüge von Heimweh, die anderen beschweigen ihre unerfüllten Träume. Und doch vereint sie die gemeinsame Geschichte des Vergangenen.

Die Überhitzung der Vereinheitlichungspostulate in zu entwurzelnder Welt hat in dieser so jungen Vergangenheit noch nicht Fuß gefasst. Da sind andere Probleme zu klären:
Einmal die Vaterschaft einer nun annähernd erwachsenen jungen Frau, deren Mutter, anstatt sich um eindeutig geklärte Vaterschaft zu bemühen, erst einmal mit wachsender Leibesfrucht nach Berlin entflohen war, bis sie mit eben jener nun erwachsenen Tochter zurückkehrt.
Zu einer Zeit zurückkehrt, da gerade zu Beginn der Geschehnisse ein Husky namens Flicka von seinem depressiven Herrn in der Bar zurückgelassen wurde. Man kümmert sich um den Hund. Sein Herr dagegen nimmt ein suizidales Ende.
Doch bleibt ansonsten das Biotop der Zugereisten, der Eingemeindeten und der sorglosen Weltwanderer in einer so unangezweifelten Selbstverständlichkeit, in einer so märchenhaften Friedlichkeit, dass diese noch so junge Vergangenheit zur schönsten Utopie wird. Ist diese Vergangenheit doch aus den so rheinisch gutmütigen Bürgerszenen der Vorfahren in diese Dekade der „Spezialdemokratie“ hineingewachsen.

Kiffend dem Leben stellen

Wir sehen eine Utopie, in der das Urbane mit dem Ländlichen verwoben ist, das Heimatliche mit dem Metropolitischen. In all das übrigens reicht bereits die E-Zigarette als Brandmal des Kommenden hinein. Aber das Komödiantische, das Schwebende des generellen Duktus vermeidet jegliche Gefahr des Kitsches, man kifft und schnupft munter zuzeiten und stellt sich gleichwohl dem Leben.
Jedoch: Das Wort Rassismus kommt im Buch nicht ein einziges Mal vor. Die Erzählform korrespondierender Mails erlaubt das Entfalten von Parallelgeschichten an anderen Schauplätzen, da steht mal Bamberg mit Gesprächen über Boxkämpfe im Licht, mal die Geschichte der zivilisationsflüchtigen europäischen Maori-Ehefrau. Und einmal am Lagerfeuer erzählt ein zufällig getroffener Tramper, dass kein Geringerer als Charles Manson, der Mörder der Polanski-Gattin Sharon Tate, sein Vater sei.

Und es erlauben sich die Autoren, die beide im Metier zuhause sind – der eine lange Zeit beim WDR als Literaturredakteur, der andere als Dozent und als Ghostwriter – ein wohltuendes Apercu auf gewisse preisgekrönte Literatur und auf deren so jäh aufgeploppte wie absurd zerplatzende Seifenblasenhaftigkeit. Da kommt der verbitterte Zeitgenossene der unmittelbaren Gegenwart hübsch auf seine Kosten. Ein bisschen Bosheit darf ja auch mal sein.

Wo sonst das Ländliche mit Vogelhäuschen, Kohlmeisen, Hunden und Katzen auch in hübsches Recht gesetzt wird, und eine Zahnärztin der frühen Kindheit nach Jahrzehnten ohne Begegnung den Erwachsenen in aller Unbefangenheit begrüßt, als sei er gestern dagewesen und traulich wie das Kind von einst. Das ist rührend. Ja. Damit ist es nicht falsch. So wie das ganz Reale seinen Auftritt hat mit Inge Jens und dem einbeinigen Onkel Willi. Ein Buch, das guttut.
Dem Rheinischen sei Dank!

Michael Kohtes lebt als Schriftsteller und Journalist in Köln. Er veröffentlichte essayistische Prosa, Lyrik und zuletzt die Tagebuch-Collage 365 Tage – Ansichten von K. Das WDR-­Publikum kennt ihn u.a. als langjährigen Moderator des Literaturgesprächs Zeichen & Wunder. Für seine Arbeit erhielt er diverse Preise und Auszeichnungen.
Martin Maria Kohtes ist Theaterwissenschaftler und Philologe. Nach dem Studium in Berlin, Paris und New York lehrte er in Köln sowie in Berlin. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Guerilla Theater und Besser schreiben. Er lebt heute als Autor im Rheinland.

*Burkhard Jahn, geboren in Hildesheim, lebt heute als Autor bei Zürich. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Hamburg, wirkte als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Unter anderem sind von ihm «Requiem für A. R.» (2018) und «Der Weg an der Sarca» (2017) erschienen.

Beitragsbild © Ulrike Brincker

Nadia Rungger «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du», Plattform Gegenzauber

wir liegen
wie heu 
zwischen unsere finger
lege ich 
schafgarben und ameisen 
über gras 
und du sagst 
dass vergangenheit nur woanders passiert 
in rom vielleicht oder athen 
setze ich mich anders hin
wende mich dem
heu zu 
wenn wir die wiese einfahren 
erinnere mich daran

 

pundui
coche fën 
danter nosc dëic 
conci su
ciarinac de paluch y furmies 
sëura ierba 
y te dijes 
che l passà suzed mé nzaul de auter 
a roma povester o a aten 
sposti mi pëis 
me ëute de viers 
dl fën 
canche fajon fansëch 
lecordeme 

 

mein haus
wackelt 

es ist ein milchhaus 
sagst du und 
deinen worten 
entnehme ich 
einen stuhl 
den schrank und 
den schiefen gang 

den gehe ich 
zuerst die ferse 
dann das kinn 
entlang 
mir schwindet 
der blick 
aus den augen 

mein haus 
wackelt 
am besten 
wir legen es 
unters kissen 
du nimmst es 
aus meiner hand 
drehend 
fallen wir einander 
über 
mein haus 
du 
sage ich 
unförmig 
hebe ein neues 
gewicht auf 
wackel nicht so 
mein bauch 
will nach draußen 

mir zerbricht 
tatsächliches 
im vollen 
mund

gib mir mein 
kissen zurück oder 
schau du 
morgen was 
darunter liegt

 

mi cësa
ie ala zibla

l ie na cësa da lat 
dijes tu y 
da ti paroles 
toli ora 
n stuel 
l castl y 
l port
desbiech
ti vedi do
dl prim l ciauciani 
pona l sumenton 
l me 
toma 
la udleda
ora di uedli 

mi cësa 
ie ala zibla
la miecia iel 
sce la meton 
sot al plumac 
tu me la toles 
ora dla man 
se raidan 
tumons l un l auter 
sëura 
mi cësa 
tu 
diji 
defurmeda 
tlope su n pëis
nuef 
no balesté tan
mi vënter 
uel ora 

uriteies 
me se romp
tla bocia 
plëina 

dame inò ca 
mi plumac o 
cëla tu duman 
cie che ie 
sotite

 

ich spiele
die blockflöte

atme von hals
zu holz 
wie 
kommt es zu
kompositionen
wenn die zunge
unter holz liegt
ein mund
stück 
zum einstimmen

gib mir einen 
kammerton a
gib mir finger
die von distanzen wissen
etwas zum bohren
sodass luft fließt

suche ein instrument aus
sagten sie
aber die flöte kommt
zu allen

übe wie
damals
im gang sitzend
auf stufen 
im mund
merkte sich das holz
meinen speichel

manchmal wollte ich
dass eine sprache
mich aufnimmt
mutter
wollte ich sagen
zu dir

 

sone
l flaut a bech

l fla va dal col plën
al lën 
co 
nasc pa 
cumposizions
sce la lënga ie 
sot al lën
l bech n toch
de bocia 
da acurdé 

dame n 
la 
de referimënt
dame dëic
che sà de destanzes 
zeche da furé
che aria
passe tres

chier ora n strumënt
me ovi dit
ma l flaut ti toca a
duc
prova coche 
ntlëuta
senteda te port
sun sceles
tla bocia
se lecurdova l lën
de mi spidoch

datrai ulovi
che na rujeneda
me tulëssa su
oma
ulovi ti dì
a ti

aus «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du» (Limbus Lyrik 2026)

 

Das Coverbild ihres neuen Lyrikbandes ist von Nadia Runggers Vater Klaus Rungger. Sie stellen auch oft im Duo gemeinsam Zeichnung und Poesie aus.

Nadia Rungger, geboren 1998 in Brixen/Südtirol, debütierte 2020 mit dem Erzähl- und Gedichtband «Das Blatt mit den Lösungen» (A. Weger). Sie ist vielsprachig auf gewachsen und studierte Germanistik und Angewandte Linguistik in Graz und Brixen. Ihre Prosa und Lyrik auf Deutsch und Ladinisch wurde mit mehreren internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Merano Europa 2017, dem Ladinischen Literaturpreis Scribo 2018, dem Jurypreis Irseer Pegasus 2024 und dem Lichtungen-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark 2024. Die Uraufführung ihres Theaterstücks Morvëies/Wunder erfolgte 2024 im Stadttheater Bruneck für das europäische Projekt Phōnē. Gedichte von ihr wurden in mehrere Sprachen übersetzt, in Literaturzeitschriften veröffentlicht und bei Ausstellungen präsentiert, zuletzt im Landesmuseum Franzensfeste.  

Beitragsbild © Miriam Raneburger

 

Ahojana 7 «Die Eislöwin» – Eine Postkarte aus Bokampo von Owida N. Woiax

Auf einmal bewegt die Blondgefärbte den Kopf im Kreis, als versuche sie, mit ihren Augen dem komplizierten Flug eines Insekts zu folgen. Doch da ist kein Tier und ihre faltigen Lider sind geschlossen. Es ist die schiere Lust, die ihre Bewegung antreibt, die Lust an dem Eis in ihrer Hand. In leicht gekrümmter Haltung sitzt die Alte an einem Tischchen vor der minze­grünen Fassade der Hibilek Golbinol, einer bekannten Gelateria im Zentrum von Bokampo. Sie trägt ein lachsrotes Seidenkleidchen mit Spitzen, das sich kaum von der Farbe ihrer Haut unterscheidet. Wasserdostpurpur leuchten die Eiskugeln in ihrem Biskuithörnchen. Was für eine Sorte mag es sein? Pflaume vielleicht? Pfirsich oder Pampelmuse?
An den Handgelenken der Frau baumeln allerlei silberne Reifen und an ihrem Hals hängt eine Kette aus großen Perlen. Sie wirken echt, ebenso echt wie die Hermes-Tasche, die unter ihrem linken Arm klemmt. Die Füße aber stecken in knutschgelben Badeschlappen, die billig wirken und  halb kaputt.
Die Blondierte hat mich noch nicht bemerkt, obwohl ich nur wenige Meter von ihr entfernt, auf der anderen Seite der schmalen Straße an einer Mauer lehne und mit lautem Blubbern meinen Skajkax [eine Art Eiskaffe mit viel Schaum] in mich hineinsauge. Ist sie vielleicht ein wenig betrunken? Ihr Pupillen haben etwas Fiebriges, ihre Haut wirkt seltsam teigig, ihr Lächeln starr, blöde fast. Doch das kann auch das Alter sein – oder die Hitze. Auf jeden Fall glaubt sie sich ganz alleine mit ihren Pflaumenkugeln, unbeobachtet in ihrem Zuckerrausch. Überhaupt wirkt sie, als ob für sie nur diese süßen Sphären wären und hinter all den Sphären keine Welt.
Wie bin ich wohl selbst anzuschauen, wenn ich mich in meiner Lust unbeobachtet wähne? Gut möglich, dass ich bedeppert in die Gegend glotze. Vielleicht ist es besser, man weiß es nicht.
Langsam nähert sie ihren Mund dem Eis, kurz blinken ihre Zähne auf, dann nimmt sie einen mächtigen Happen, mümmelt ihn in sich hinein. Wieder schwenkt sie die Augen zum Himmel, als suche sie in der Atmosphäre nach einem Wort, das ihre Lust beschreibt, nach einem Zeichen von San Gelato.
Und dann geschieht es. Während ihr Blick noch oben sucht, gerät unten die letzte Kugel ins Rutschen. Sanft schiebt sich der lachsfarbene Ball auf den Rand des Biskuits, gleitet unbemerkt über den Zeigefinger und fällt geräuschlos zu Boden. Gleich darauf führt die Frau sich die Eistüte erneut an die Lippen, die Zunge fährt heraus, stößt in den Konus, tiefer, zuckt nach links, nach rechts und schnellt zurück. Ungläubig starrt sie erst auf das Biskuit, dann auf die Lache vor ihren Füßen, aus der sich noch ein letzter Rest der Kugel wölbt.
Nach einigen Sekunden bückt sie sich nach vorn und versucht, mit drei Fingern etwas von dem Eis zu greifen. Doch der klebrige Stoff ist zu weich, es bleiben nur ein paar Schlieren an ihrer Haut hängen. Sie steckt sich alle drei Finger in den Mund und saugt daran, als könne sie nicht glauben, dass da nicht mehr zu holen ist.
Plötzlich schaut sie mich an. Oder schaut sie nur durch mich hindurch? In ihren Augen herrscht eine solche Leere, als sei ihr mit dem Eis auch alle Lust und Lebendigkeit zu Boden gegangen. Ich überquere die Straße, um mein leeres Skajkax-Glas in die Eisdiele zurückzubringen.
«Soll ich Ihnen zum Trost einen Kaffee spendieren?», frage ich im Vorbeigehen und deute auf den Pflaumensee. Doch sie schaut an mir vorbei, wild und kraftlos zugleich – eine Löwin, betäubt vom Leben.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

Ahojana 1 – 6

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Micha Friemel «Im Paradies» – ein Teaser zu ihrem Debüt «Ausser mir», Dörlemann

Ich wäre gerne ein simples Archiv mit einem ­anständigen Schredder. Doch mein Gedächtnis ist unerbittlich. Es ist alles da, es lässt sich nichts löschen. Es kehrt alles ständig zum Anfang zurück, und der Anfang war so: Als ich zur Welt kam, fiel meine Mutter in Ohnmacht.
Ich dachte oft, ich hätte alles geordnet. Doch immer stellte sich eine Erinnerung quer, blies sich auf wie ein Dschinn, verstellte den Blick, während dahinter die Ordnung erneut zu bröckeln begann.

Ich komme zur Welt, meine Mutter erstarrt, mein Vater steht dumm daneben. Ich fliege verloren im All. Da ist kein Komet, der mir den Weg weist. Da ist kein Mensch. Kein Vater, keine Mutter, die mich halten, während ich blau und zerdrückt den ersten Schrei von mir gebe.
Spricht meine Mutter über meine Geburt, klingt es immer, als handle es sich um eine kleine, absurde Episode in einem glücklichen Leben. Sie tauchte kurz ab. Ich kam gesund zur Welt. Es war nichts Schlimmes passiert. Doch die Wahrheit ist: Sie ist nicht kurz abgetaucht. Sie war gar nie da. Seit ich mich erinnere, ist sie erstarrt. Wenn sie spricht, bewegt sich ihr Mund, der Rest des Körpers ist nicht vorhanden.
Als ich klein war, erzählte sie mir, wie sie als Kind mit ihren Brüdern hatte Drachen steigen lassen. Ihre Tante hatte ihnen Pergamentpapier geschenkt, und sie hatten sich alle einen eigenen Drachen gebastelt.
»Mein Drache«, sagte sie, war himmelblau. »Er flog höher und höher, viel, viel höher als die meiner Brüder.«
Während sie sprach, bewegte sie sich, als flöge auch sie. Sie holte Schwung aus ihrer Hüfte, die Beine schlenkerten, als wären sie ihr Schweif. Dabei kam sie mir für einmal vor wie ein ganzer Mensch.
Fortan bat ich sie oft, mit mir Drachen steigen zu lassen. Sie fand, das sei am Bodensee unmöglich, es fehle der Wind. War der Wind da, sagte sie, es fehle die Weite. Als ich sie bat, mit mir an die Nordsee zu reisen, wo sie aufgewachsen war, verdrehte sie nur die Augen.

Doch eigentlich will ich nicht von ihr erzählen. Es geht hier nicht um meine Mutter.
Als ich das sage, habe ich natürlich sofort Anderson im Ohr. Klar, was er dagegen einzuwenden hätte. Aber um ihn geht es hier eben auch nicht. Es geht um Mattia und mich.
Liebesgeschichten brechen viel zu häufig vor ihrem eigentlichen Beginn ab. Auch im Film. Das Happy End tritt so unverhofft wie unvermittelt ein. Es wird ein pathetisches Lied eingespielt, vielleicht What a Difference a Day Makes, und alles wird leicht. Das gute Ende ist da und wird nie mehr enden. Nur weiß leider niemand, warum.
Wie sollen vierundzwanzig Stunden genügen, um ein trostloses Leben in ein blühendes Paradies zu verwandeln?

Frau Kaiser sagt, dass innere Veränderungen träge vonstatten gehen. Vor einigen Wochen habe ich ihr zum hundert­ fünfzigsten Mal erzählt, dass ich im Streit mit Mattia ausgerastet war. Ich fühlte mich furchtbar, doch darauf ging sie für einmal nicht ein.
»Warum«, fragte sie, »schaffen Sie es nicht, sich zu beruhigen, obschon Sie doch wüssten, wie es ginge?«
»Gute Frage«, erwiderte ich. »Hänge ich mir an den Kühlschrank.«
Frau Kaisers Frage setzte eine Erosion in meinem Innern in Gang. Als Mattia und ich uns kurz darauf erneut stritten, und nicht eben zivilisiert, versuchte ich mich zurückzuziehen. Doch dann kam Leni und mischte sich ein. Statt mich zu beruhigen, rastete ich komplett aus. Leni starrte mich an. Ihr Blick verriet, wie sie mich sah, und es war klar, was ich zu tun hatte: Ich packte meine Sachen und fuhr nach Vals.

Frau Kaiser sagt oft, dass es keinen Zweck hat, in größter Aufregung nach einer Lösung zu suchen. Also wollte ich in die Berge fahren und mich beruhigen. Ich wollte Blumen sammeln, in den Himmel schauen, lesen und wandern. Doch schon auf der Fahrt spulte ich ständig zurück, ging unseren Streit Satz für Satz erneut durch, korrigierte mich und fügte Neues hinzu. Mehrmals nahm ich mir vor, damit aufzuhören. Aber kaum hatte ich einen Punkt gesetzt, fing ich schon wieder an. Ständig zog ich mein Handy hervor und glaubte, Mattia schreiben zu müssen.
Wäre ich du, tippte ich etwa, ich würde mir Ruten brechen im Wald, mich wundprügeln oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, bis sie sich rot färbt. Ich würde mich selbst in den Brunnen tauchen vor meinem Haus, wieder und wieder, im Winter auch. Oder nach Grönland reisen und mich trotz Lungenentzündung zum Eisbad zwingen.

Frau Kaiser hat mir geraten, in ebenjenem Zustand nicht zu handeln, sondern auszuatmen, darauf zu warten, dass der vordere Teil des Gehirns wieder zu arbeiten beginnt. Ist nur der urzeitliche Teil aktiviert, bleibt uns nichts, als uns zu prügeln, zu fliehen und zu erstarren.
Ihr Rat ist ungemein nützlich: Es kommt nur noch selten vor, dass wir Tigern gegenüberstehen. Unseren Liebsten hingegen schon.

Ich löschte, was ich geschrieben hatte, steckte das Handy weg und versuchte, aus dem Fenster zu schauen. Die Halbinsel Au mit ihren hübschen Reben zog an mir vorüber. Bloß: Was interessierten mich Reben?
Ich war nie gut darin gewesen, wütend zu sein. Als ich zum ersten Mal richtig wütend wurde, war ich fünfundzwanzig. Ich schrieb im Zorn eine Rede und lernte sie auswendig, um auch wirklich zu sagen, was ich zu sagen hatte. Jene Zeilen fallen mir nun bei jedem Wutanfall ein, als hätte ich einen Kratzer in der Platte. Mattia würde das sofort bemerken.
»Haben diese Worte nicht ursprünglich Anderson gegolten?«, würde er fragen.
Wahrscheinlich würde er darüber lachen. Obschon: So wirklich sicher bin ich mir nicht. Vielleicht würde er mich auch erwürgen.

Leni besitzt für eine Vierjährige eine beachtliche Sammlung an Puzzles. Neulich donnerte sie im Zorn alle zu Boden. Danach war sie nicht in der Lage, die Teilchen wieder den richtigen Schachteln zuzuordnen, und ich hatte dazu keine Lust. Seither puzzeln wir nicht mehr, wir legen Muster. Die Teilchen der unterschiedlichen Puzzles passen perfekt ineinander, und die Bilder, die sich ergeben, sind ziemlich witzig: Ein halber Hubschrauber mit Pferdepo, darüber schwebend ein Stückchen von einem Bauernhof, ein Giraffenhals ohne Kopf.
So sind auch Menschen: Ein irres Puzzle aus Empfindungen und Reaktionen, die in anderer Kombination sinnvoll gewesen sein mögen. Erstaunlicherweise sind wir jedoch stets überzeugt, alles an uns, vom Pferdepo bis zum Giraffenhals, gehöre so und nicht anders.

Schon in Pfäffikon holte ich das Handy wieder hervor. Wäre ich du, tippte ich, ich hätte mich längst bei mir entschuldigt. Ich wäre mir nachgefahren. Ich hätte mich angerufen, das wäre das Mindeste.
Gleich ahnte ich Mattias Antwort: So kommt man nicht weiter. Wäre ich du, würde ich es lassen mit diesem kindischen Wäre-ich-du.
Ich habe die mühsame Angewohnheit, Dialoge im Kopf zu führen. Bei allem höre ich den Senf, den Mattia dazugeben würde.

Er fuhr mir nicht nach. Er rief mich nicht an. Er war überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Er machte nie etwas falsch, brauchte sich nie zu entschuldigen. Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Sollte er zur Hölle fahren.

Ein anderes Mal, als ich mich über Mattia ausgelassen hatte, nahm Frau Kaiser einen Schluck von ihrem Tee, lehnte sich zurück, als beginne damit der gemütliche Teil unserer Sitzung, und sagte: »Es ist alles andere als leicht, eine Beziehung zu führen. Genau genommen ist es das Schwierigste überhaupt. Wir müssen lernen, uns zu beruhigen. Wir müssen unserem Gehirn verständlich machen, dass wir nicht mehr in der Wildnis leben.«
Daran musste ich auf meiner Fahrt denken.
Wir kämpfen mit Tigern, tippte ich, den Blick in die Glarner Berge gerichtet. Ich bin deiner, Mattia. Du bist meiner.
Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Ich hatte keine Lust auf die Antwort: Du verhältst dich nun einmal wie ein Tiger. Da ist es nur vernünftig, dich als solchen zu behandeln.
In Mattias Kopf gäbe es ganze Vitrinen zu besichtigen, die mit meinen Untaten gefüllt sind.
Ich schaute zwar aus dem Fenster, aber ich schaute nicht hin. Sogar der schöne Walensee zog an mir vorüber, als sei er nicht da.
Ich hatte nur das Nötigste eingepackt: Mein Handy, das Ladekabel, Ersatzkleider, Zahnbürste, Zahnpasta. Aber eben auch: einen Berg alter Notizen und vier Kilo Reis.
Nik lachte mich aus, als ich es ihm erzählte.
»Es ist wieder soweit«, sagte er betont ernst. »Du steckst in einer veritablen Reiskrise.«
Erst begriff ich nicht, was er damit meinte. Ich musste ihm irgendwann davon erzählt haben, dass ich in der Zeit vor der Klinik nicht mehr aus dem Haus gegangen war und mich wochenlang von Reis ernährt hatte. Auch die Anderson-Geschichte war ihm bekannt.
Nik reichte mir den Schlüssel. »Soll ich mitkommen?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich brauche Ruhe.«
»Willst du erzählen, was passiert ist?«
»Nicht jetzt.«
»Geht es den Kindern gut?«
Ich nickte. »Mattia ist bei ihnen. Ich habe ihnen gesagt, ich fahre zur Recherche weg.«
Nik lachte. »Recherche. So kann man das auch nennen.«

Vier Stunden später war ich in Vals. Nik besitzt dort ein kleines, schickes Tiny House. Er hat es für sich gebaut, schämt sich aber dafür, dass ihm das Geld dazu in die Wiege gelegt worden ist. Deshalb vergibt er es großzügig an Freunde. Mattia, die Mädchen und ich hatten den ­ vorigen Sommer dort oben verbracht. Ich hatte befürchtet, wir schlügen uns zu viert auf so engem Raum die Köpfe ein, und damit gerechnet, dass wir bloß zwei, drei Tage bleiben würden. Wir blieben drei Wochen.

Nun war ich allein. Doch fühlte es sich an, als bewohnten wir das Haus noch immer zu viert. Ich verstaute meine Kleider in der zweitobersten Schublade der Kommode. Die oberste gehörte noch immer Mattia, die dritte Leni und die unterste Sophie. Die Notizhefte legte ich auf den Tisch, den ich auch letztes Mal zum Arbeiten benutzt hatte. Das Tischchen unter dem Fenster wirkte nach wie vor besetzt. Vor einem Jahr hatte Mattia sich die hübschere Aussicht ergattert.
»Ich war so freundlich, dir den größeren Tisch zu überlassen«, hatte er sich gerechtfertigt.» Den brauchst du doch für deine Ordnung.«
Tatsächlich mache ich ständig Auslegeordnungen, und kein Tisch ist dafür je groß genug. Würde ich ein Haus bauen, es bestünde aus lauter Vorsprüngen, Sideboards und kleinen Einbuchtungen, um Dinge abzulegen.

Ich legte mein Nachthemd aufs Bett. Nur ein knappes Jahr war es her, da hatten Mattia und ich dort gelegen, Gesicht an Gesicht auf seinem Kissen. Er streichelte meinen Rücken.
»Es ist ein Wunder, dass wir zusammen sind«, hatte ich gesagt.
»Wie meinst du das?«
»Wir sind nicht einfach«, gab ich zur Antwort. »Wir hatten beide eine schwierige Kindheit. Wir haben uns das Leben mit einer Dreierbeziehung verkompliziert.«
Mattia stöhnte: »Die Geschichte mit Silvie ist hundert Jahre her.« Er hörte auf, mich zu streicheln.
Ich ging nicht auf seine Bemerkung ein. »Allein die Psychose wäre ein passabler Trennungsgrund«, fuhr ich stattdessen fort. »Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar sich einer Psychose wegen trennt, steht bei über achtundneunzig Prozent.«
»Woher weißt du das so genau?«
»Wikipedia, glaube ich.« So genau wusste ich es auch nicht.
Mattia setzte sich auf.
»Nimmst du Reißaus? Ich bin dabei, dir eine Liebeserklärung zu machen.«
»Liebeserklärung? Du bist dabei, Probleme aufzuzählen.«
»Eben: Es sind viele, und wir haben alle gemeistert. Wir sind Helden.«
Mattia stand auf. »Ich habe dich geheiratet«, sagte er. »Ich gehe ohne Frage davon aus, dass wir zusammengehören. Das ist kein Wunder, das ist eine Entscheidung.«

Vielleicht hat er Recht, dachte ich nun, während ich Reis zu kochen begann, vielleicht war es keine ­ Liebeserklärung gewesen. Die Wahrheit ist, dass ich in guten Phasen stolz darauf bin, wie wir unsere Schwierigkeiten zu meistern vermögen. In schwierigen Zeiten sehe ich genau jene Probleme als Grund dafür, dass wir scheitern. Es gibt so viele Steine, die sich unserer Beziehung in den Weg legen. Die größten habe ich noch nicht einmal aufgezählt.
Während der Reis quoll, starrte ich auf mein Handy. Ich wartete noch immer auf eine Nachricht von Mattia. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, was passiert war. Und die Erinnerungen, nicht eben faul, schienen in ihrer Flasche nur darauf gewartet zu ­haben, emporzusteigen. Die Geschichte mit Silvie tauchte mehrmals in meinen Gedanken auf. Als ich danach krank wurde, dachte ich, ich sei verrückt geworden. Doch das wirklich Verrückte ist, dass ich am Ende feststellte, dass ausgerechnet die Psychose richtiggehend vernünftig war.
Mein Handy leuchtete auf.
Es war Nik. »Alles ok?«
»Ja. Bestens. Dein Tiny Häuschen ist ein Paradies. Danke!«
Ich setzte mich auf die Veranda. Nik hat sie als Steg gebaut, der direkt aus dem Wohnzimmer ins Blumenmeer ragt. Ich aß Reis, blickte hinunter zu den Ställen und zur Kapelle. Nichts störte das Idyll. Das Häuschen war perfekt platziert. Über dem Dach der uralten Kapelle war nur der Himmel, und über den Dächern der Ställe waren nur Berge, grüne, saftige Berge. Als wäre das nicht genug, schoss mitten aus dem Grün ein Wasserfall hervor in einem Blau wie aus der Karibik. Ich musste lachen. Ich saß wirklich im Paradies.

Ich hätte gerne Mattia angerufen und gesagt: Lass uns löschen, was bisher geschah. Wir fangen neu an.

Ich rief ihn nicht an. Ich hatte mir Funkstille verordnet.

Micha Friemel «Ausser mir», Dörlemann, 2026, 272 Seiten, ISBN 978-3-03820-203-5, erscheint am 20. August!

Micha Friemel, 1981 geboren, studierte Geschichte und Germanistik in Basel und Literarisches Schreiben in Biel. Sie lebt in Sta. Maria Val Müstair. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Tim Krohn, kümmert sie sich um ihre vier Kinder und die Chasa Parli, eine kleine Pension für kreativen Rückzug. Ihre zwei Bilderbücher «Lulu in der Mitte» und «Oma Erbse», illustriert von Jacky Gleich, sind bei Hanser erschienen. Beide wurden vom Deutschlandfunk unter die »Besten 7 Bücher für junge Leser« gewählt, und «Lulu in der Mitte» war 2020 für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.

Micha Friemel «Kompost», Plattform Gegenzauber»

Beitragsbild © Nina Mann

Hans-Ulrich Treichel «Das Karussell»; Suhrkamp

Was will man(n) noch mit 70? Lohnt es sich, doch noch einmal aus seinen Gewohnheiten auszubrechen? Einen Faden aufzunehmen, den man einst losgelassen hatte? In Hans-Ulrich Treichels gewohnt unspektakulärer Erzählart spürt der Autor einem Leben nach, das sich letztlich nicht traut. Ein feiner Roman, subtil und grundehrlich.

Bernhard ist 70 und hat sich in seinem Leben einigermassen beschaulich eingrichtet. Auch wenn vieles nicht nach seinen Vorstellungen gelaufen ist. Am meisten das, was mit seiner Frau, seiner Ex. passiert ist. Hatte er doch die Absicht, zusammen mit ihr seinen Lebensabend zu planen und zu geniessen. Aber statt mit ihm tut sie es mit einem anderen, mehr oder weniger aus heiterem Himmel. Mit einem, dessen Brieftasche dicker ist, der Bauch flacher. Die Trennung von seiner Frau, der er sich noch immer verbunden fühlt, schmerzt. Ein permanenter Schmerz, eine Niederlage, eine finale Zurückweisung. Ob es an der Tatsache liegt, dass sie nie eine Familie gründeten, dass da vielleicht doch etwas fehlt, weiss Bernhard nicht. Dinge anzusprechen war nie sein Ding.

Bis ihn aus Salerno in Italien eine Nachricht von Alfredo, der vor 40 Jahren sein Student war, erreicht. Damals, kurz nach Abschluss seines Studium, unterrichtete Bernhard ein paar Monate in der Stadt unweit von Napoli „Deutsch als Wirtschaftssprache“, einen Freikurs an der Universität Salerno. Alfredo vermittelte ihm damals eine Wohnung nicht weit vom Meer, seine eigene Wohnung. Bernhard lernte Alfredo besser kennen, besuchte ihn und seinen Vater Luciano immer wieder. Beide betreiben dort ein Strandbad der Kategorie B2, kaum besucht von Touristen, gerade so erfolgreich, dass es zum Leben reicht.
Auf seinen Spaziergängen tauchte Bernhard immer wieder am Strandbad auf und lernte auch die schöne Arianna kennen, die ihn gleichermassen faszinierte und verunsicherte, die ihn nach den Monaten in Salerno mit dem Gefühle einer verpassten Chance nach Deutschland zurückkehren liess.

Hans-Ulrich Treichel «Das Karussell», Suhrkamp, 2026, 202 Seiten, ISBN 978-3-518-43271-6

Jetzt, 40 Jahre später, Bernhard hofft damit, seinem Leben die Möglichkeit einer Neuorientierung zu geben, reist er zurück an den Ort, der auch der Beginn eines alternativen Lebens hätte sein können. Alfredo und er waren über all die Jahre in losem Kontakt geblieben.
Sie sind alle älter geworden. Alfredo, dessen Vater Luciano gestorben war, bastelt noch immer an einem einstmals günstig erstandenen Karussell herum, seit Jahrzehnten mit der Absicht, dass es dereinst eine Attraktion neben seinem Strandbad werden sollte. Auch Arianna ist noch da, sie längst Mutter geworden, geschieden, Ingenieurin, noch immer schön, noch immer bezaubernd. Schafft es Bernhard nun? Bringt er die Maschinerie zum Laufen? Zusammen mit Arianna? Zusammen mit Alfredo?

„Das Karussell“ ist ein seltsam melancholischer Roman über einen Mann, der seinem eigenen Leben stets nur zur Seite steht, der nie den Mut aufbringt, echte Initiative zu übernehmen, der sich von seinem Schicksal treiben lässt und immer hofft, immer wartet – bis es irgendwann zu spät ist. Man möchte während des Lesens den Mann schütteln, weil das Karussell, das erst im Schuppen steht, mit Blachen zugedeckt, 40 Jahre später tatsächlich neben dem Strandbad und sogar die eine oder andere Runde mit Ach und Krach in Betrieb, doch nie richtig zum Laufen kommt. Es steht da, all die wunderbaren, phantasievollen Figuren, und bleibt stehen, kommt nie in Schwung.

„Das Karussell“ ist eine einzige Metapher über jene Sorte Mensch, die vor den Möglichkeiten des Lebens steht und sie doch zerrinnen sieht. Ein ganz ruhiger Roman, klar gezeichnet, ganz nah an Erfahrungen, die alle mit sich herumtragen. Ein typischer Treichel!

Hans-Ulrich Treichel, am 12.8.1952 in Versmold/Westfalen geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Er studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Er war Lektor für deutsche Sprache an der Universität Salerno und an der Scuola Normale Superiore Pisa. Von 1985-1991 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und habilitierte sich 1993. Von 1995 bis 2018 war Hans-Ulrich Treichel Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Seine Werke sind in 28 Sprachen übersetzt.

Rezension zu «Schöner denn je» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

 

Rosa Parks und der Busboykott von Montgomery – zur Neuentdeckung einer Ikone der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung

Vor 70 Jahren, am 21. Dezember 1956, endete eine der spektakulärsten Protest-Aktionen der Geschichte: der legendäre Busboykott von Montgomery, Albama. Er lieferte die Blaupause für die Massenproteste und direkten Aktionen der 1960er und 1970er Jahre. Möglich gemacht hat ihn die frühe Aktivistin der Bewegung, Rosa Parks. Und was viele nicht wissen: Sie hat darüber ein Buch geschrieben.

Ihre kurze, aber aufschlussreiche und inspirierende Autobiografie «Meine Geschichte» wird nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Bei den Solothurner Literaturtagen 2026 kam ich mit der Übersetzerin, Sonja Bonin ins Gespräch.

Rosa Parks ist meist sogar schon Primarschulkindern ein Begriff. Die meisten von uns kennen die brav und sympathisch wirkende Schwarze Frau, die sich weigerte, ihren Sitz im Bus aufzugeben und dafür ins Gefängnis geworfen wurde. Kaum zu glauben, dass die Geschichte einer derart berühmten Persönlichkeit noch nie auf Deutsch erschienen ist. Wie kam es jetzt endlich dazu?
Ich konnte es selbst kaum fassen! Das Buch erschien 1992 bei Penguin und ist seither auf Englisch immer erhältlich gewesen. Aber ich habe mittlerweile den Verdacht, dass auch viele Amerikaner nicht wissen, dass es überhaupt existiert. Ich entdeckte es in einer der wunderbaren Buchhandlungen von Seattle, als ich dort lebte, und fand es eine absolut augenöffnende Lektüre. Ich wusste: Das musst du übersetzen und einen Verlag dafür finden! Rechtzeitig zum 70. Jubiläumsjahr des Busboykotts hatte ich Gelegenheit, bei einem «Verlags-Speed-Dating» des Übersetzerhauses Looren zu «pitchen». Und dann ging alles sehr schnell: Lea Artmeyer vom Unionsverlag in Zürich schlug sofort zu, erwarb die Übersetzungsrechte und sorgte dafür, dass das Buch am 20. August erscheinen kann. Das ist aussergewöhnlich schnell, und ich bin sehr glücklich darüber. Das Buch passt hervorragend ins Programm des Unionsverlags.

Was hat dich an dieser Geschichte derart fasziniert – und offensichtlich auch den Verlag überzeugt?
Es ist ein sehr kurzweiliges Buch; man kann es locker an einem oder zwei Abenden durchlesen. Es hat, was Zeitzeugenberichte so eindrücklich macht: die einfache Sprache, das persönliche Erleben. Parks hat das Buch damals mit Hilfe eines Journalisten verfasst. Es klingt deshalb ein bisschen wie die Erinnerungen, die einem das Grosi am Küchentisch erzählt. Aber was sie berichtet, haut einen fast um. Noch ihre Grosseltern wurden versklavt geboren, und selbst Rosa, Jahrgang 1913, musste als Kind auf den Baumwollfeldern von Alabama schuften. Als sie klein war, herrschte nicht nur eine absolut unmenschliche Segregation zwischen Schwarzen und Weissen, auch Gewalt war allgegenwärtig. Parks erzählt zum Beispiel, wie ihr Grossvater mit dem Gewehr in der Hand das Haus gegen den Ku Klux-Klan verteidigte. Er sagte: «Ich weiss nicht, wie lange ich ihnen standhalten könnte, aber den ersten, der hier eindringt, erledige ich.» Und die kleine Rosa sass die ganze Nacht daneben. Sie wollte, wenn es passieren sollte, nicht im Schlaf erwischt werden. Sie hatte also Vorbilder, Personen, die für ihre Menschenwürde einstanden. Als Kind kam sie selbst öfter mal in Schwierigkeiten, weil sie ihren Mund nicht halten konnte. Sie empfand es als ihr gutes Recht, sich gegen respektlose Behandlung zur Wehr zu setzen.

Das klingt viel kämpferischer als man sich das so vorstellt.
Ja, mit der Zeit hat sich das Bild von Rosa Parks ziemlich verzerrt. Dabei war sie vor dem Busboykott schon jahrzehntelang Aktivistin gewesen und blieb es ihr Leben lang.

© UPI / Bettman / Rosa Parks auf dem vordersten Sitzplatz eines Busses in Montgomery; ein gestelltes Pressefoto vom 21. Dezember 1956 – dem Tag, an dem die Rassentrennung in den Bussen abgeschafft wurde.

Wer heute das Stichwort «Bürgerrechte» hört, denkt aber trotzdem eher an Martin Luther King oder Malcolm X.
Martin Luther King war zu Beginn des Busboykotts noch nahezu unbekannt. Aber er war eindeutig eine gute Wahl: Sein rhetorisches Talent half, 50’000 Schwarze Bürger und Bürgerinnen von Montgomery mehr als ein Jahr lang zu motivieren und bei der Stange zu halten. Man muss sich das mal vorstellen: Die Schwarze Bevölkerung von Montgomery, Alabama, baute ein eigenes Transportsystem für die gesamte Stadt auf; Tausende nahmen täglich stundenlange Fussmärsche auf sich, um ihren Forderungen Gewicht zu verleihen. Alle boykottierten die öffentlichen Verkehrsmittel. Nach 381 Tagen war es so weit: Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten erklärte die Segregation in den öffentlichen Bussen für verfassungswidrig. Alice Hasters nennt in ihrem Vorwort zum Buch den Busboykott von Montgomery «eine der bemerkenswertesten Aktionen zivilen Widerstandes, die es je gab». Damit begann die Ära der «direct action» und der Massendemonstrationen, wie wir sie aus den 1960er und 1970er-Jahren kennen.

Die wurden aber nicht mehr von Rosa Parks angeführt.
Nein. Das ist ein weiterer sehr eindrücklicher Punkt: Parks erzählt, wie sie, obwohl sie im ganzen Land Vorträge hielt und weiterhin für die NAACP und andere Organisationen aktiv war, in der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten innerhalb weniger Jahre nahezu in Vergessenheit geriet, nachdem sie nach Detroit umgezogen war. Beim legendären Marsch von Selma nach Montgomery wurde sie mehrmals aus dem Demonstrationszug geworfen, weil die jüngeren Aktivist:innen sie nicht (er)kannten. Beim «Marsch nach Washington», bei dem Martin Luther King seine berühmte «Ich habe einen Traum»-Rede hielt, hatten die Frauen buchstäblich nichts mehr zu sagen. Frauen hatten einen ganz entscheidenden Teil der Arbeit geleistet und Leib und Leben im Kampf gegen die Rassentrennung riskiert – aber dann übernahmen die Männer das Ruder. Es gibt Original-Aufnahmen auf Youtube.

Das würde heute hoffentlich anders laufen.
Ja, dafür würden heutzutage nicht zuletzt Menschen wie Rosa Parks sorgen. Ihre Geschichte hält so viele interessante und inspirierende Lektionen für unsere Zeit bereit. Beim Übersetzen war das wie ein kleiner Lichtblick in finsteren Zeiten für mich. Was Pionier:innen der Bürgerrechtsbewegung damals erreicht haben, sollte uns als Beispiel dienen und Mut machen. Die Bedingungen waren damals viel schwieriger und gefährlicher als für uns. Noch am ersten Tag des Busboykotts waren sich die Organisatoren überhaupt nicht sicher, was passieren würde. Aber sie haben am Ende gegen das Unrecht gewonnen. Gemeinsam.

Rosa Parks «Meine Geschichte», Autobiografie mit Jim Haskins, aus dem Englischen von Sonja Bonin, mit einem Vorwort von Alice Hasters, 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3-293-00641-6

Rosa Parks (1913–2005) war eine US-amerikanische Bürgerrechtsaktivistin. Sie wuchs im segregierten Bundesstaat Alabama auf, arbeitete als Schneiderin und engagierte sich jahrzehntelang ehrenamtlich in der NAACP. 1955 wurde sie durch ihre Weigerung, im Bus ihren Sitzplatz zu räumen, zur Schlüsselfigur des Busboykotts von Montgomery. Bis zu ihrem Tod blieb Parks politisch aktiv, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und gründete das Rosa and Raymond Parks Institute for Self-Development.

Jim Haskins, geboren 1941 in Demopolis, Alabama, studierte Geschichte und Sozialpsychologie an verschieden Universitäten in den USA und war als Lehrer tätig. Seine zahlreichen Bücher richteten sich zumeist an ein junges Publikum und erzählen von prägenden Schwarzen Persönlichkeiten und afroamerikanischer Geschichte. Für sein Werk wurde er mehrfach prämiert, u. a. mit dem Coretta Scott King Award. Als Mitverfasser unterstützte er Rosa Parks bei der Veröffentlichung ihrer Autobiografie. Er starb 2005 in Manhattan.

Sonja Bonin, geboren 1970, studierte Philosophie und Germanistik sowie Buch- und Medienpraxis in Mannheim, Frankfurt a. M. und Rutgers, New Jersey. Sie ist freie Journalistin und Übersetzerin und lebt, nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland, den USA und China, in Zürich. Sie arbeitete u. a. für den Tagesspiegel, Spiegel Online, Aspen Institute Berlin und LiteraturReview. Zu den von ihr übersetzen Autoren gehört Howard Zinn (Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes).

Beitragsbild © AP / Wide World Photo (Rosa war nur eine von neunundachtzig Personen, die im Februar 1956 wegen Boykotthandlungen ohne »Rechtfertigung oder juristischen Grund« verhaftet wurden.)

Peter Weibel «Drei Mal eine Frau ohne Namen»

Und kann der Vers über die Amsel
das Singen der Amsel ersetzen?
Ich zweifle.
Izet Sarajlic


Zuletzt hatte ich eine Fotografie aus Kiew mitgebracht. Wie lässt sich die Sprache eines Bildes, wenn man denn bereit ist, genau hinzuschauen, in einen Text einbringen? Während einer Woche war ich mit Studentinnen zusammengekommen, mit Karin, Mona und Lara, um über das Schreibhandwerk zu debattieren. Über literarische Formen, Gestaltung. Über Fallen. Über die oft unergiebige Anstrengung, etwas Unmögliches möglich zu machen. Diesmal sprachen wir über die Kunst des Verdichtens; wie gehst du an eine Kurzgeschichte ran? Sie kannten die Meister der kurzen Form, Tschechow, William Williams. W. Somerset Maugham. Wie schaffst du es, etwas Verstörendes oder Übersehenes in eine geschlossene Form zu bringen, eine offene Frage, einen Schrei; etwas nie Abgeschlossenes?

Sie waren zunächst skeptisch, dann angeregt, als ich die Fotografie herumreichte und sagte, darüber kann man eine Geschichte schreiben. Muss man eine Geschichte schreiben: Eine junge Frau in Schwarz geht an einer zerbombten Hausfassade vorüber, zerborstene Fenster, an denen noch Kleider hängen, aufgerissene Mauerhöhlen wie pechschwarze traurige Augen. Die Frau presst einen riesenhaften Blumenstrauss an die Schulter, Margeriten und helle gelbe Astern, wahrscheinlich geht sie schnell, ihr Blick ist halb nach vorne und halb zur Seite gerichtet, auf das Trümmerhaus, als könnte sie nur kurz und getrieben hinsehen, was sie längst kennt, was sie schon zu oft und überall in Kiew gesehen hat, der Blick ist finster und wehmütig und auch fest entschlossen. Wohin geht sie, wem bring sie die Blumen?

Ein Bild weiterdenken und mit Worten eine Möglichkeit zeichnen, eine von vielen. Einen Text über eine Möglichkeit, den man mit der Überzeugung liest, genauso ist es gewesen.

Karin, Mona und Lara nahmen die Aufforderung an und schrieben drei Geschichten, mit denen sie eine Ahnung von etwas preisgaben. Und auch etwas von sich selbst. Ist eine Geschichte immer wahr? Die Vorstellungskraft, die Empörung und die trotzige Hoffnung der Autorinnen haben sie wahr gemacht.

Auf dem Weg durch die Stadt, an verbotenen Zonen und Bombenkratern vorbei, beginnt Ana pausenlos mit Andriy zu sprechen. Zu ihm hin und auch zu sich selbst. Karins Erzählung war die längste von allen; ein langer Monolog im Gehen und ein aufgewühlter Blick zurück und nach vorn: Anas innerer Monolog mit ihrem Bruder, der bei Prokowsk gefallen ist, auf dem Weg zur Grabanlage, wo die Kriegsopfer liegen. Dort wird sie die Blumen hinlegen. Die verbrannte Sonne im Gelb der Astern. Sie hat den Glanz der Vergangenheit vor Augen, eine versunkene Welt. Wie ihr Andriy beigebracht hat, aus einem Schilfrohr Pfeiftöne herauszuholen. Wie er ihr mit blutunterlaufenem Auge ein geklautes Fahrrad zurückbringt. Wie sie zusammen im Sand an der Sonne liegen und das Haus in den Himmel zeichnen, das sie einmal zusammen bauen werden, es hat viele Zimmer für die ganze Familie und einen ausgebauten Dachstock, wo die Kinder spielen werden. Immer mehr Bilder tauchen unterwegs auf, einmal schaut sich Ana wie elektrisiert um, als hätte sie Andriys Hand auf der Schulter gespürt. Aber Andriy ist nicht mehr da, er liegt irgendwo in Pokrowsk unter der Erde. Oder noch in einem Schützengraben. Als sie am Soldatengrab die Blumen niederlegt, ist sie sich sicher, dass er von oben herab zuschaut. Dass er genau hinhört, was sie sagt. Bei jeder Blume, die sie langsam hinlegt, ruft sie Andriys Name, sie ruft so laut, dass zwei Frauen in der Nähe zusammenzucken. Die letzte Aster hält sie lange in der Hand, sagt trotzig in den Himmel hinauf, ich werde für unser Land alles tun, was ich kann, ich werde es für dich tun und immer auch mit dir zusammen.

Der Text von Mona war anders, so anders, dass es unmöglich war, die beiden Geschichten hintereinander zu lesen. Dass man den Atem anhalten musste, um von einer Gedankenwelt in die andere zu springen. In Monas Erzählung heisst die Blumenfrau Marija, sie hat teure Blumen für ihre Mutter gekauft, sie hat sie lange nicht mehr gesehen. Sie hat Mühe, durch die Stadt zu kommen, überall Sperrgebiete, verbotene Durchgänge, Rettungsmänner in Schutzmontur zwischen Trümmern. Als sie zum Wohnblock der Mutter kommt, erschrickt sie, das Dach ist ein verkohltes Gerippe, zerschlagene Fenster und Türen; wohnt da noch jemand? Drinnen hängen Treppen herunter, Bruchholz und zerborstene Rohre, es sieht nicht aus, als könnte da noch jemand wohnen, als könnte man auch nur eine Nacht hier verbringen. Die Tür zur alten Wohnung ist weit offen, Marija tappt über Scherben und Müll, sie denkt, sie kann irgendetwas Vertrautes finden, vielleicht ein Zeichen, dann hört sie aus einem Zimmer ein Stöhnen. Die Mutter liegt gekrümmt am Boden, unter Bergen von Decken und zerwühlten Kissen, neben aufgebrochenen und leeren Konservenbüchsen. Augenblicklang sind beide wie erstarrt, dann geht ein Leuchten über das alte und graue Gesicht, ich habe gewusst, dass du kommst. Ich habe nur noch darauf gewartet. Monas Erzählung endete in diesem zerfallenden Zimmer, in einem Bruchhaus ohne Zukunft, sie endete mit einem stockenden Gespräch ohne erlösende Wendung, Mona liess alle Fragen offen. Sie presst den Blumenstrauss an die Brust wie ein unverhofftes Glück. Wie eine Gabe von Engeln. Als sie sagt, du musst jetzt weitertragen, was ich nicht mehr mittragen mag, weiss Marija nicht, soll sie es als Selbstaufgabe oder als Aufruf zur Hoffnung verstehen.

Laras Geschichte war kurz und atemlos dicht, zwei Seiten. Sie muss um die Form gerungen haben, man spürte das, jeder Satz eine Keule, jedes Wort genau gesetzt. In ihrem Text hat die Frau keinen Namen, auch ihr Freund nicht, sie haben die Namen aller Liebenden vor der wegstürzenden Zeit. Er hat ihr die schönsten Blumen gebracht, die er finden kann, bevor er als Soldat wieder zurück muss nach Kostjantyniwka, in die Todeszone. Wie liebt man sich, wenn man weiss, dass die Zukunft kein Versprechen mehr ist? Liebt man sich in einer hellen Sphäre, die eine Alltagsliebe nicht kennt, oder lähmt das nahe Ende die Liebe, noch bevor sie zu Ende geht? Lara hatte darauf keine Antwort, aber sie beschreibt die atmosphärische Dichte, die die beiden umgibt. Die Lichteffekte im kahlen Zimmer, in dem sie zusammenliegen, den Geruch des geliebten Körpers. Das ungläubige Staunen, wenn er ihr übers Haar streicht, während sie von Ferne Detonationen hören. Die halblauten Gespräche und das lange Schweigen, man hört nur die erbarmungslosen Klopftöne einer Uhr. Sie schaffen es, den Abschied durchzustehen wie einen von vielen. Sie trägt den Blumenbund durch die Stadt wie eine Hostie. Als würde sie ihn in den Armen tragen. Sie wird die Blumen pflegen und mit ihnen reden und dann seine Stimme hören. Sie stellt sich vor, wenn jedes Blütenblatt alt, wenn es mit ihrer Sorge sehr alt wird und eine abgemessene Zeit hinter sich lässt, wird er zurückkehren. Damit eine neue Zukunft beginnt.

Jede der drei Geschichten ist ein kleines Stück Literatur, ich sagte ihnen das, als wir nochmals zusammenkamen. Sagte, ihr habt eine unbekannte Frau aus der Anonymität geholt, in euren Texten kann man sie erkennen. Man kann sie fühlen.
Reicht das? Mona sah mich herausfordernd an, auch ein gelungener Text ist nur eine Fingerübung im Sturm. Sie wollte nicht einfach ein Lob, sie wollte etwas klären. Schreiben wir für uns oder auf etwas hin? Vielleicht musste diese Frage kommen, irgendwann musste sie kommen, wenn man von aussen auf ein Bild schaut und dazu eine Geschichte schreibt. Ist Poesie ein Fluchtraum für wenige, ohne Anspruch auf Veränderung? Ich sagte, kennst du Sarajlics Kriegsgedichte aus Sarajevo, Kann der Vers über die Amsel / das Singen der Amsel ersetzen / ich zweifle. Jetzt war es Lara, die nach einer Antwort auf Sarajlics Gedicht suchte, sie sagte, Sarajlic war mittendrin, wir sind es nicht – Literatur, ob von innen oder von aussen, verändert einen Krieg nicht, aber die Kälte, die mit dem Krieg gekommen ist. Sie ersetzt das Singen der Amsel nicht, aber sie weigert sich zu glauben, dass Amseln nie mehr singen werden.

Peter Weibel wurde 1947 in Thun geboren und lebt in Bern. Er studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Der Autor aquarelliert und zeichnet auch. Seit 1982 veröffentlicht er Lyrik und Prosa und wurde u.a. 1983 mit dem Buchpreis des Kantons Bern (für den Erzählband «Die blauen Flügel») und 1986 mit dem Buchpreis der Stadt Bern ausgezeichnet. Für «Mensch Keun» (2017) erhielt der den ersten Kurt Marti Literaturpreis.