«Die Lüge ist jedoch nicht das Problem – das Problem ist die Ansicht, es gäbe verschiedene Wahrheiten.» – über «Die echtere Wirklichkeit» von Raphaela Edelbauer (30)

Natürlich ändert sich, was Menschen für wahr halten – jedoch nie das, was wahr ist.

Lieber Gallus

Entgegen der Legende hat Gallus wieder einmal den Bären beschenkt und zum Glück darf ich mich auch immer wieder zeigen und musste nicht für immer verschwinden. So sind wir dank deinem Vorschlag kürzlich in der «Coalmine» Winterthur Raphaela Edelbauer mit ihrem neuen Roman begegnet. Es war ein interessanter und bereichernder Abend. Die Autorin hat mich durch die packend gelesenen Passagen aus ihrem Roman motiviert, ein Buch zu lesen, das ich ohne diese Begegnung kaum beachtet hätte. Leider hat die Moderatorin durch ihre sehr textbezogenen Fragen wenig Persönliches aus dem Leben von Raphaela Edelbauer beleuchtet.

Du schreibst in deiner Beurteilung auf literaturblatt.ch, Raphaela Edelbauer sei mit Bravour gescheitert, das Buch sei der Biss eines literarischen Pitbulls, das Buch liege dir nach der Lektüre quer im Magen. Mich hat dieses Buch, das für mich so besonders und anders ist, begeistert und angeregt. Sicher sind mehrere Abschnitte sehr kopflastig, aber sprachlich klug mit den aussergewöhnlichen Menschen der philosophischen Terrorgruppe «Aletheia» verknüpft.

Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut beginnt das Manifest einer vierköpfigen Aktivistengruppe «Aletheia», zu der Byproxy hinzukommt, eine schillernde manipulierende und vor Lügen nicht zurückschreckende Persönlichkeit. Durch einen Unfall als junge Frau ist sie an den Rollstuhl gefesselt. Um ihre Ziele zu erreichen, plant diese Gruppe einen Anschlag, es gibt Opfer. Die fünf Aktivisten wollen unserer postmodernen Gesellschaft, wo alle Individuen ihre eigene Wahrheit und Wirklichkeit pflegen, mit ihrem Manifest und einem Anschlag zur Besinnung bringen.

Raphaela Edelbauer «Die echtere Wahrheit», Klett-Cotta, 2025, 448 Seiten, ISBN 978-3-608-96630-5

Mir gefällt das philosophische Fundament von Raphaela Edelbauer und mich faszinieren die fünf in einem schäbigen Gebäude lebenden Charaktere. Der Heidegger dozierende Bernwand, die Philosophiestudentin Brigitte voll Tatendrang und «maschinengewehrschnellen Händen», der zugängliche, geheimnisvolle Paul mit belasteter Vergangenheit und die mürrische, sich mit Sprengstoff auskennende Chirurgin zeigen plastisch, wie derart verschiedene Menschen in lausigen Verhältnissen sich bemühen zur echten Wirklichkeit zu gelangen. Vor allem Byproxy lässt die These, ob es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit gibt, durch ihr Erzählen und Handeln als fragwürdig erscheinen.

Der Aufbau des Romans mit philosophischen Thesen und den spannenden Diskussionen der Aktivisten, um ihren Plan zu verwirklichen, hat mir sehr gut gefallen. 

Hieraus folgt unser wichtigster Grundsatz: Zu denken, dass Wahrheit nicht erkennbar ist, ist NICHT das Fatale – sondern zu glauben, dass es Wahrheit nicht gibt.

Ich hoffe, das Buch hält, was es verspricht, schrieb mir die Autorin mit ihrer Signatur ins Buch. Ja, das tut es! Mich werden die Aussagen dieses Romans noch lange beschäftigen. Es lohnt sich, sich auf diese anspruchsvolle Lektüre einzulassen.

Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Es freut mich ausserordentlich, dass ich dich zur Lektüre eines Buches und zum Besuch einer Lesung verführen konnte. Oft genug bin ich allein unterwegs, reise ziemlich weit, um dann in einem grossen Raum mit wenig Publikum zu sitzen, mich leise schäme für das offensichtliche Desinteresse eines potenziellen Publikums, das scheinbar nicht bereit ist, sich einen Abend lang mit Worten, Textkunst, Auseinandersetzung und Konfrontation einzulassen.
Der Abend in Winterthur mit der österreichischen Schriftstellerin und Literaturaktivistin Raphaela Edelbauer war gut besucht. Glücklicherweise, denn ich bin überzeugt, dass diese Autorin mit Jahrgang 1990 erst in den Anfängen einer erstaunlichen literarischen Karriere steckt. «Ein Versprechen für die Zukunft» wäre die falsche Formulierung, da Raphaela Edelbauer mit ihren bisherigen Büchern mehr als deutlich ihren Stammplatz in der deutschsprachigen Literatur behauptet hat.

Du hast recht, ich habe das Buch anstrengend gefunden, was überhaupt kein negatives Kriterium ist. Ich habe es fasziniert gelesen, weil es reibt und beisst, weil es nicht einfach unterhalten will, weil es mich herausfordert. Nicht nur die Geschichte, nicht nur die Fragen, die es aufwirft, auch die Charakteren, die mich zuweilen ärgerten. Nicht, weil sie schlecht gezeichnet waren, allenfalls zu karikiert. Es geht um vieles in diesem Buch; um unser streitbares Verhältnis zu Fakten, um Wahrheit, die sich immer mehr zu dehnen scheint. Aber auch um die nicht immer nur politische Durchsetzung einer Überzeugung. Wann ist es legitim, seine Überzeugungen auch mit Gewalt durchzusetzen? Wie gross muss die Opferbereitschaft einer Gesellschaft sein?

© Gallus Frei

Einzelpersonen, Netzwerke und Gruppierungen, die bei der Umsetzung ihrer Ideen auch nicht vor Gewalt zurückschrecken, gibt es viele. Nicht immer sind die Taten aus Sicht einer breiten Öffentlichkeit verwerflich. Denken wir an Luigi M. der 2024 den Chef einer Versicherung in New York auf offener Strasse erschoss. Während man ihm den Prozess machte, feierten ihn weite Kreise als Helden gegen Gier und Rendite. Ich hätte der wilden Truppe um Byproxy in Raphaela Edelbauers Roman etwas mehr «Normalität» gewünscht, denn bekanntlich verbergen sich eben hinter jener Normalität die Abgründe.

Aber das wirklich Spektakuläre in diesem Roman ist die Sprache, die Prägnanz, die Übersteigerung, der Witz und die Schärfe. Dafür liebe ich diesen Roman. Auch weil Raphaela Edelbauer nicht gefallen will, weil sie etwas wagt, weil sie spielt, weil ich ihre Lust, ihre Freude spüre, weil der Roman in seiner Intelligenz funkelt und spritzt.

Ich freue mich auf das, was unter der Marke Edelbauer noch erscheinen wird!
Und ich freue mich, das mich Literatur immer und immer wieder überrascht.

In Vorfreude

Gallus 

Rezension zu «Die echter Wirklichkeit» auf literarurblatt.ch

Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk «Entdecker. Eine Poetik» wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Ausserdem wurde ihr 2018 der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman «Das flüssige Land» stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman «Die Inkommensurablen» auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman «DAVE» erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

«Die Literaturrunde» – über die Tiefen in der Familie

Tele D ist seit 1985 unter dem Namen Lokalfernsehen Diessenhofen bekannt, eine Stiftung, die sich der Herstellung und Ausstrahlung von Sendungen, die lokale und regionale Themen und Interessen abdecken, zur Aufgabe macht. Literatur ist dabei ein fester Bestandteil.

Tele D erreicht seit Frühling 2014 mit seinem vielfältigen Programm die gesamte Deutschschweiz in den Kabelnetzen der UPC Schweiz, der Swisscom und DCG Digital Cable Group.

21. März 2026 „Die Literaturrunde“ auf TeleD mit Moderatorin Jeanette Bergner und dem Schriftsteller Peter Höner

Die besprochenen Bücher:

Jürg Beeler «Josef Lauterbachs Reise nach Flätz», Knapp, 2026, 178 Seiten, ISBN 978-3-907334-46-1

Jürg Beeler «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz», Knapp Verlag
Josef Lautenbacher, seit Kurzem im Ruhestand, wähnt sich von seiner Frau kontrolliert und gegängelt. Verzweifelt versucht er, ihr zu entkommen. Nicht alle seiner oft komischen Versuche gelingen, selbst die Flucht in eine benachbarte Stadt verhindert nicht, dass die besorgte Ehefrau ihn findet. 
Im Bahnhofbuffet von Nimmerach, einer Kleinstadt am Jura-Südfuss, findet er einen Rückzugsort. In diesem «Kurort für Geist und Seele» vollzieht sich seine Wandlung vom ehemaligen Buchhändler, der täglich von Weltliteratur umgeben gewesen war, zum Schriftsteller. Je grösser die räumliche Entfernung von Luise, seiner Frau, desto schärfer und unerbittlicher arbeitet sein Verstand, wie er festzustellen glaubt. 

Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-446-28311-4

Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin
Als Aki erfährt, dass ihre Großmutter gestorben ist, bucht sie zwei Flüge. Ein letztes Mal will sie ihre Mutter zu ihrer Familie in Japan bringen, auch wenn sie weiß, wie riskant es ist, einen dementen Menschen aus der gewohnten Umgebung zu reißen. Und wirklich hat sie Keiko noch nie so verloren erlebt wie in der ersten Nacht im Hotel. Doch dann sitzen sie beim Essen im alten Elternhaus, und plötzlich spricht sie, die so still geworden ist, fröhlich und klar für sich selbst. Erst auf dieser Reise erkennt Aki in ihrer Mutter die mutige und lebenshungrige Frau, die sie einmal war, bevor sich in Deutschland diese große, für Aki so bedrohliche Müdigkeit über sie legte. Mit sanfter Klarheit lässt Yuko Kuhn die faszinierende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie entstehen, die zwischen den Kulturen verloren geht und sich neu findet.

Ruth Bollinger «Elsas Alben», Verlag am Platz, 2025, 285 Seiten, ISBN 978-3-908609-20-9

Ruth Bollinger «Elsas Alben», Verlag am Platz
Die junge Elsa glaubt an den Sozialismus und an die Liebe. Sie ist noch nicht 20-jährig, als sie, aus Böhmen stammend, im Jahr 1912 nach Schaffhausen kommt und hier einen jungen Tschechen, Karel, heiratet. Noch steht die Zukunft verheissungsvoll bevor, noch ist in der Arbeiterklasse die Überzeugung verbreitet, dass die sozialistischen Führer Europas den Kriegstreibern das Handwerk legen werden, und der Sozialismus nur eine Frage der Zeit sei. Der Roman zeigt das Leben einer Arbeiterfrau, die nicht einen bekannten Namen führt, jedoch stets darum bemüht ist, ihr Leben im Einklang mit ihrer sozialistischen Überzeugung zu leben.

Hier geht’s zu Sendung.

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand

Alva ist Mutter zweier Kinder zweier Väter. Alva steigt auf einen Berg, den Calanda, den Churer Hausberg, im Nordwesten der Stadt. Sie braucht den Weg hinauf für eine Antwort. Sie braucht den Weg hinauf, um über die Ränder zu blicken. „Calanda oder Alvas Antwort“ ist der Weg hinaus aus beissenden Fragen.

Dieser Roman ist nach „Ein Winter in Istanbul“ und „Unschärfen der Liebe“ der letzte einer Graubünden-Istanbul-Trilogie. Romane, die thematisch zusammengehören, die man aber unabhängig voneinander lesen kann. Angelika Overath, Wahlengadinerin, kennt beide Landschaften wie ihre Westentasche. Zum einen weil sie in der Stadt am Bospurus mehrfach lange schrieb, zum andern weil sie eine der SchriftstellerInnen ist, für die die Recherche fester und unausweichlicher Bestandteil des Schreibens ist. Eine Recherche, die in ihren Büchern nicht mehr zu spüren ist. Eine Recherche, die der Autorin jene Trittsicherheit gibt, die ihr beim Schreiben eigen ist.

Sie wusste nicht genau, warum sie es jetzt tat. Manches weiss man nicht, auch wenn man es weiss.

Alva schleppt eine Diagnose mit sich, eine Diagnose, von der sie noch niemandem in ihrem Umfeld erzählt hat. Eine Diagnose, von der sie weiss, dass der Tod schon nach wenigen Jahren unausweichlich sein wird, dass sie ihre beiden Kinder viel zu früh zurücklassen muss. Sie steigt auf den Berg, wie sie es schon früher tat, mit Cla, dem Vater von Florinda und Baran, dem Vater von Mavi. Damals, als sie auf dem Weg hinauf zum Calanda Holz unterwegs einsammelten, auf dem Berg aus Steinen einen Windfang bauten, am kleinen Feuer ihr Abendbrot verzehrten und nebeneinander in ihren Schlafsäcken die Nacht im Freien verbrachten. Als alles noch offen war. Als Cla noch der war, mit dem eine Zukunft offenstand. Als ihr am nächsten Morgen, als sie auf die beiden schlafenden Männer sah, klar wurde, dass da zwischen den beiden mehr war als eine Männerfreundschaft.

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87786-0

Alva muss sich in Bewegung setzen, verlässt in aller Frühe das Haus, um mit dem Marschieren eine Antwort zu finden. Auf all die brennenden Fragen, die sich mit der Diagnose ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) nicht mehr in die Zukunft schieben lassen. ALS ist eine tödliche Muskelkrankheit, die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark zerstört. Eine Krankheit, die nicht aufzuhalten ist, eine Krankheit, die sie bewegungsunfähig machen, die die Atmung lähmen wird. Alva muss sich mit dem Gang hinauf Luft verschaffen, auf die Frage eine Anwort bekommen, ob es Sinn macht, ein solches Leben weiterzuführen oder irgendwo hinauf zum Calanda oder auf dem Weg zurück einen Ausrutscher zu provozieren.

Als sie Baran in Istanbul kennenlernte, war sie mit Cla schon 10 Jahre zusammen. Cla Mitte vierzig und sie noch eine junge Frau. Sie war damals schon nach Istanbul gereist, hatte sich aufgemacht, um Antworten zu finden, hatte Cla in Istanbul besucht, um ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Antworten, wie es weitergehen sollte, denn Cla hatte nicht wie erhofft auf die Vaterschaft reagiert. Statt dessen lernte sie Baran, Clas Freund kennen. ALS wird ihr den Atem rauben.

Alva lebt sterbend. Im Grunde tun das ja alle.

Auf dem Weg hinauf zum Berg ziehen Erinnerungen an ihr vorbei. Erinnerungen an ihre Herkunft, an ihre aus Schlesien stammende Grossmutter, die Geschichte ihrer Flucht und Vertreibung, an ihre Mutter, die Begegnungen mit den beiden Männern ihres Lebens. Angelika Overath schildert das Aufsteigen mit vielen Beschreibungen der Natur, Nahaufnahmen, dem Bewusstsein, dass man Antworten erst dann findet, wenn der direkte Fokus auf die Frage genommen wird, wenn Perspektiven dazukommen, wenn einem bewusst wird, dass man Teil eines ganz Grossen ist. Jene so wichtigen Anworten holt man sich nicht, sie werden einem geschenkt.

„Calanda oder Alvas Anwort“ ist ein ganz zarter Roman.

Interview

Alle, die wandern und dabei einen Hügel, einen Bergkamm oder gar eine Bergspitze erreichen, wissen von dem Gefühl, das einen unweigerlich einnimmt, wenn man es geschafft hat und den Blick schweifen lässt. Man steht darüber. Nicht nur über der Landschaft, irgendwie auch über den Dingen, die einen sonst mit aller Kraft am Boden fesseln. Alva hat mit sich und ihrer Diagnose zu kämpfen. Mit dem, wie sie den Rest ihrer Zukunft sieht, das langsame Sterben, mit dem, was sie zurücklassen muss. Dass einem das Gehen Klarheit verschafft, erfährt man schon, wenn man im Gehen Probleme diskutiert. Weil es eine Form des Aufbrechens, weil es Bewegung, weil es Dynamik ist. Auch in Alva bricht vieles auf, vermischt sich mit Erinnerung. Wieviel Gehen ist Schreiben?

Wandern wie Schreiben haben beide mit dem Erinnern zu tun. Im Gehen kommen erlebte Szenen unwillkürlich zurück, Gedanken bilden sich, führen zu neuen Bildern. Das ist auch beim Schreiben so. Erinnerungen stossen Gedanken an, Gedanken führen zu Bildern, zu Szenen. Beim Wandern wie beim Schreiben ist eine gewisse Ich-Abwesenheit oder Ich-Leere prägend. Ich sage manchmal, die Sprache schreibt mit. Ein guter Text ergibt sich nicht allein durch die rationale Strategie. Er braucht auch ein gewisses Mass an Zulassen. Beim Wandern vergessen wir uns ja auch, wir setzen Schritt vor Schritt, atmen. Und in dieser Selbstvergessenheit wächst etwas in uns. Beim Schreiben kommt dann der Prozess des Korrigierens. Der ist wichtig. Aber der Stoff hat auch mit dem Unbewussten zu tun. Kreativität ist nie nur reines Kalkül.

© Angelika Overath

Ihrem Roman ist ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska (1923 – 2012) vorangestellt: «Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. // Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern». Wie leicht vergessen wir mit unserer Sicht auf Dinge und Zustände die eigentlichen Wunder. Alvas Sorgen drohen alles zuzudecken, zu vergiften, nicht zuletzt die Liebe in ihrer Familie. Das Zitat nimmt aber auch Bezug zu Alvas Grossmutter, einer Vertriebenen, die zu Lebzeiten mit Apfelkernen Halsketten auffädelte. Eine Geste der Einfachheit, eine Geste der Naturverbundenheit, eine Geste, die sich tief in Alvas Bewusstsein eingegraben hat. Sind sie dort oben in Sent, im Engadin, wo sie zusammen mit ihrem Mann leben und arbeiten, tiefer als im deutschen „Unterland“, anders der Natur, dem Leben ausgesetzt?

Wir leben in den Bergen und mit den Bergen. Wir schauen auf Gesteinsformationen, die vor uns da waren und die nach uns da sein werden. Wir leben mit der atemberaubenden Schönheit von Schneegipfeln, von hüfthohen Blumenwiesen und unter einem Himmel, der oft so tiefblau ist, dass er schon wieder erschreckt. Wenn ich am Schreibtisch nicht weiterkomme, gehe ich hinaus. In wenigen Schritten bin ich am östlichen Dorfrand. Dort beginnt ein Rundweg durch Wiesen und Felder von etwa einer Stunde. Ich kann ihn verlängern und noch ein Stück weiter durch den Wald gehen. Meist fällt mir beim Laufen ein, wie es am Schreibtisch weitergeht. Einfach weil ich loslasse und nicht bewusst an den Text denke. Ich laufe, pflücke vielleicht Blumen und dann kommen, wenn ich alles vergessen habe, die Ideen.

Nebst der Auseinandersetzung mit einer niederschmetternden Diagnose ist ihr Roman auch eine Auseinandersetzung mit fixen Vorstellungen von Ehe, Familie und Partnerschaft. Passiert tatsächlich eine Aufweichung oder ist das, was wir in gewissen Kreisen feststellen, nicht bereits eine Gegenbewegung?

«Calanda oder Alvas Antwort» ist nach «Ein Winter in Istanbul» und «Unschärfen der Liebe» der abschliessende Teil meiner Istanbul-Trilogie. Am Anfang war keine Trilogie geplant, sondern nur der erste Teil. Ich war Stipendiatin in Istanbul für fast ein Jahr. Immer wollte ich etwas über Nikolaus von Cues, Cusanus, den mittelalterlichen Universalgelehrten, schreiben. Cusanus war ein früher Lessing, für den der Toleranz-Gedanke prägend war. Er hat in Istanbul bzw. dem damaligen Konstantinopel mit den Dominikanern den Koran diskutiert! Ich finde seine Prosa wunderbar. Er sagt zum Beispiel, wenn sich ein Löwe einen Gott vorstellen würde, hätte der Gott ein löwenähnliches Antlitz, wenn sich ein Adler einen Gott vorstellen würde, dann ein adlerähnliches. Für ihn ist Gott vom Menschen nicht begreifbar. Menschliches Denken und Empfinden kann sich immer nur annähern. Je mehr der Mensch Gott fassen möchte, umso mehr wird sich Gott dem Menschen entziehen.  Als ich in Istanbul mehr oder minder zufällig erfuhr, dass Cusanus im Winter 1437/38 den byzantinischen Kaiser und das Oberhaupt der orthodoxen Kirche auf Galeeren von Konstantinopel nach Venedig begleitet hat – es sollte in Italien ein Konzil geben, auf dem sich die Ostkirche wieder mit der Westkirche versöhnen sollte – da hatte ich den Kern meines Romans. Und da es keine Religionstoleranz ohne die Toleranz in geschlechtlichen Dingen gibt, erfand ich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern dazu. Cla, der Engadiner Lehrer, und Baran, der Lebenskünstler mit griechischen und türkischen Wurzeln, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Alva, die Verlobte von Cla, akzeptiert diese Liebe und gibt ihn frei. Und verheimlicht Cla zunächst, dass sie ein Kind von ihm austragen wird.

Als der Roman zu Ende war, spürte ich aber, dass ich noch bei den Figuren bleiben wollte. Und so entwickelte sich in den beiden folgenden Romanen eine neue Form von Liebe und Familie. Alva hat am Ende zwei kleine Kinder von zwei Männern, die einmal ein Paar waren und noch ab und an eine Nacht zusammen verbringen. Die aber auf ihre Art zwei verantwortliche Väter sind. Und Alva in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Ich glaube, was liberale gesellschaftliche Beziehungsformen angeht, gibt es kein zurück. Gleichgeschlechtliche Ehen sind heute zunehmend akzeptiert, auch offene Familien. Und das ist gut so. Die strenge bürgerliche Kleinfamilie war ja kein Erfolgsmodell.    

© Angelika Overath

Alva provoziert zumindest gedanklich auf ihrem Gang auf den Calanda den Suizid, einen Bergunfall, einen Fehltritt. Nur schon gedanklich tun wir es immer wieder. Was wäre wenn? Davon zehren Schriftstellerinnen. Spielen sie nicht immer wieder mit Fehltritten, Katastrophen?

Vielleicht haben Schriftsteller (bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht gendere, ich kann das begründen, aber hier ist nicht der Ort) eine sehr wache Phantasie. Vielleicht leben sie stärker mit dem Tod. Die Krankheit ALS ist im Roman real, aber sie ist auch eine Metapher für unsere Sterblichkeit. Wir wissen, dass wir sterben werden und leben doch oft oder meist so, als seien wir ewig. Auch unsere Berge sind nicht ewig. Aber im Vergleich zu ihnen sind wir ein Hauch. 

In Fritz Zorns autobiografischem Bericht „Mars“, der 1977 posthum veröffentlicht wurde, steht (sinngemäss) der Satz „Das Leben ist eine Krankheit mit tödlichem Ausgang.“ Ein Satz, der eigentlich nur wegen seiner Radikalität erschreckt. Für Alva muss die Auseinandersetzung mit ihrer unabwendbaren Diagnose ähnliche Radikalität auslösen. Wie weit ist ihr Roman der Versuch eines Aufbrechens, eines Bewusstmachens? Oder scheitert Literatur, wenn sie etwas will?

Ich bin keine dezidiert politische Autorin. Aber ich habe eine Haltung. Ich habe schon was zu sagen. Und ich will verständlich sein. Meine Texte sollen Erlebnisqualität haben, den Leser mitnehmen. Wer liest, ist ganz nah an Alva, geht mit ihr zusammen, atmet mit ihr. Ich lege Wert auf sprachliche Intensität. Und sicher will ich manches bewusst machen. Zum Beispiel, dass das Leben kostbar ist. Dass auch ein verletztes Leben kostbar ist. Hier kommt die Grossmutter ins Spiel (unter anderem), die zwar nach einem Hirnschlag reduziert ist, aber für das Kind Alva lebenswichtig war. Diese Kette aus Apfelkernen ist eine Kette aus Apfelkernen. Aber sie ist auch ein Symbol dafür, dass das Kleine kostbar sein kann und dass Sorgfalt vieles, was übersehen wird, wertvoll macht.

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“, „Flughafenfische“, «Sie dreht sich um», «Ein Winter in Istanbul» und zuletzt „Unschärfen der Liebe“ geschrieben, mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für ihre literarischen Reportagen wurde Angelika Overath mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden. Zusammen mit ihrem Mann Manfred Koch lebet sie in Sent in Graubünden und betreibt dort neben ihrer Schriftstellerei eine Schreibschule.

Beitragsbild © Heike Bogenberger

Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese

Ein leises Meisterwerk. Keine lauten Töne, kein Drama. Selbst die menschlichen Abgründe bleiben verborgen. Zwei Menschen, die sich eigentlich in nichts zueinander hingezogen fühlen. Wenn da das Leben und Sterben nicht wäre. „Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist eine leise Parabel zu den grossen Fragen der Zeit.

Es scheint eine urmenschliche Wesensart zu sein, die Welt nicht als die nehmen zu wollen, die sie ist. Jedem von uns widerfährt am Schluss des Lebens das gleiche Schicksal. Und doch weigern sich die meisten von uns, das Sterben und den Tod als einen Teil des Lebens zu akzeptieren. Wir leugnen, was unausweichlich kommen wird, leben in einem Zusand permanenter Verdrängung. Dass es Menschen gibt, die selbst dann noch tun, als hätten sie das Leben unter Kontrolle, wenn alle medizinischen Signale Alarm schlagen, ist offensichtlich. Noch so eine menschliche Wesensart; die Vorstellung, es wäre eine Fähigkeit, das eigene Leben zu kontrollieren. Wir hätten alles im Griff. Man müsste es nur anpacken, in die Hand nehmen, agieren, statt bloss immer zu reagieren, wir wären Macher, Vollstrecker einer Absicht, eines Plans.

Sándor wohnt im gleichen Mehrfamilienhaus wie die Erzählerin, auf dem Stockwerk gegenüber. Er ist, oder besser war erfolgreicher Geschäftsmann, viel unterwegs, ein stiller, unauffälliger Nachbar der Erzählerin. So wie meist in den Häusern, in denen man sich nicht kennt, in denen man unter dem gleichen Dach lebt und nichts voneinander weiss. Aber weil Sándor schon lange in dem Haus lebt, er schon lange ihr Nachbar ist, man das eine oder andere in kurzen Gesprächen erfuhr, auch dass er ursprünglich aus Ungarn stammt und sie irgendwann Zeugin wird, wie die Frau, die bei ihm lebte mit einem Koffer das Weite suchte, weil es um den Mann ganz offensichtlich gesundheitlich nicht zum besten stehen schien, beginnt zwischen den so unterschiedlichen Nachbarn eine distanzierte Annäherung.

Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese, 2026, aus dem Französischen von Walter Pfäffli, 182 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03981-026-0

Man sucht sich seine Nachbarn nicht aus. Man könnte sich ganz und gar in Ruhe lassen. Was man in der Regel doch auch will. Aber Sándor verwickelt die Erzählerin immer mehr in Gespräche. Nicht nur das. Er wickelt sie in ihr Leben. Ein Leben, das ganz anderen Gesetzen zu folgen scheint, aber nichts desto trotz damit rechnet, dass man auf nachbarschaftliche Hilfe zählen kann. Erst während der Reisen, die der Geschäftsmann immer wieder für Wochen unternimmt, später für die vielen Krankenhausaufenthalte, die dem Mann ans Lebendige gehen, ohne dass er die Tragweite seiner Krankheit anerkennen wollte.

Sie sieht seinen Niedergang, seine fortschreitende Krankheit. Er tut alles, um möglichst lange sein Leben wie das alte aussehen zu lassen. Er verweigert sich ebenso wie er die Hilfe seiner Nachbarin als Selbstverständlichkeit nimmt. Erschwerend noch die Einschränkungen der Pandemie, die Sándor tunlichst als vorübergehende Verdüsterung nimmt, während seine Nachbarin die Katastrophe nicht nur in der Pandemie sieht.

„Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist wie ein Kammerspiel inszeniert. Sie leben auf dem gleichen Stockwerk in zwei komplett verschiedenen Welten. Nähe ist keine Masseinheit, die sich an messbaren Parameter hält. Wir alle kennen Menschen, die nicht wie wir zu ticken scheinen, deren Interpretationen des Seins sich stets diametral von den unseren unterscheiden, für die ganz andere Regeln und Massstäbe zu gelten scheinen. Catherine Lovey, die mit der französischen Originalausgabe „Histoire de l’homme qui ne voulait pas mourir“ 2025 den Schweizer Literaturpreis erhielt, erzählt unspektakulär und minimal emotional von zwei Polen menschlicher Existenz – und davon, dass es Umstände gibt, die selbst Gegensätze aller Physik zum Trotz zur Annäherung führen können. Catherine Lovey schildert präzise, ohne emotional aufladen zu müssen.

In 45 Bildern wird eine Szenerie, werden Versatzstücke menschlichen Lebens geschildert, die sich im Kleinen mit den ganz grossen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Catherine Lovey verzichtet auf alles, was dramatisieren könnte, bleibt so in erstaunlicher Nähe zur Wahrhafigkeit. 

Catherine Lovey tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf, ebenso am 1. Juli in der Kantonsbibliothek Thurgau.

Catherine Lovey, 1967 in eine Bergbauernfamilie imVal d’Entremont im Wallis geboren, lebt heute im KantonWaadt. Sie studierte zunächst Internationale Beziehungenund anschließend Kriminologie und arbeitete als Journalistin für Printmedien mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Finanzen. Ihren ersten Roman «L’Homme interdit» veröffentlichte sie 2005 im Verlag edition Zoé. Es folgten vier weitere Romane, literarische Reportagen, Essais und Theaterstücke. In deutscher Übersetzung liegt nun ihr jüngstes Werk vor: «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», das mit mehreren renommierten Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. dem Schweizer Literaturpreis 2025

Walter Pfäffli, geboren 1961 in Kriens, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literatur. Eine Ausbildung in Information und Dokumentation führte ihn an die Schweizer Nationalbibliothek in Bern, wo er seine Leidenschaft für literarische Übersetzungen entdeckte.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Hannah Häffner «Die Riesinnen», Penguin

Zwischen provinzieller Idylle und Engstirnigkeit, Fernweh und Verwurzelung schwankt Hannah Häffners Roman «Die Riesinnen». Anhand der Schlaufen, die die Protagonistinnen um ihr Dorf ziehen, wird gezeigt, dass man Heimat nicht findet, sondern sich selbst erschaffen muss.

Drei Frauen – aber nie ohne Männer
Gastrezension: Graziella Tarelli wurde 2002 im Kanton Uri geboren. Seit vier Jahren lebt sie in Basel und studiert Deutsche und Englische Literaturwissenschaft.

In Wittenmoos lebt eine Riesin. Lieselotte heisst sie und hat Haare wie Kupferwolle. Trotz ihres Aussenseiterinnendaseins hat sie sich im Dorfleben der 1960er eingeordnet, zumindest scheint es so. Verheiratet mit dem zukünftigen Chef-Metzger, der aber bald aus ihrem Leben verschwindet, und in Erwartung ihres ersten Kindes, träumt sie sich doch immer wieder aus Wittenmoos weg.

Cora ist ihr Spiegelbild – aber doch ganz anders als Liese. Die Tochter schafft, was die Mutter nie tat – sie verlässt das Dorf für die grosse weite Welt. Ihre Suche nach einer anderen Heimat endet jedoch jäh, als sie unerwartet schwanger wird. Damit landet sie wieder in Wittenmoos, wo sie sich nicht nur in ihrer neuen Mutterrolle zurechtfinden muss. 

Auch die dritte Riesin, Eva, zieht aus, nur um über Umwege wieder ins Dorf zurückzufinden. Anders als bei ihrer Mutter und Grossmutter geschieht diese Rückkehr mit voller Absicht. Gleichzeitig zeichnet sich an ihr die Veränderung im vermeintlich unveränderlichen Kaff ab.

Hannah Häfner «Die Riesinnen», Penguin, 2026, 416 Seiten, ISBN 978-3-328-60433-4

Nach drei Küstenkrimis setzt Hannah Häffner ihren vierten Roman in die Tiefen des Schwarzwalds. Doch ein altbekannter Krimi-Vorwurf hält sich auch hier: Das Personal des Romans hat einen leichten Hang zum Stereotypen – tratschende Hausfrauen und grobe, verschwiegene Männer. Auch die Handlungsstränge sind das, was man von einem Dorfroman erwartet. Deren Schablonenhaftigkeit führt oft dazu, dass Ereignisse in die Handlung hineingeworfen und wieder fallengelassen werden, um bis zum Ende unerklärt zu bleiben. 

Auch die drei Protagonistinnen sind innerlich eher knapp ausgearbeitet, was auch daran liegt, dass die Gespräche mehrheitlich paraphrasiert sind. Der Wandel ihrer Beziehungen zueinander wird so nur vom Text erzählt, ohne dass die Leser:innen sie selbst miterleben könnten. Ihre Ängste und Sorgen bezüglich des Lebens im Dorf sind präsent, weitere Persönlichkeitsaspekte fehlen jedoch, insbesondere bei Liese und Cora. 

Dies führt zum schwersten Defizit des Romans: Das „Drei-Generationen-Porträt grosser Frauen“, welches Doris Knecht, ebenfalls Autorin, auf dem Klappentext verspricht, hangelt sich konsequent an den Männern der Riesinnen entlang. Diese sollen wohl die inneren Entwicklungen der Protagonistinnen spiegeln, ersetzen sie aber tatsächlich komplett. 

So demonstriert Liese gegen den Bau eines Atomkraftwerks, eigentlich um zu schauen, ob die Demo sicher genug wäre für Cora. Aus dieser Aktion bleibt nur die Bekanntschaft mit Richard. Mit Cora spricht sie nicht über ihr Erlebnis, genauso wenig wie die beiden über Coras Erfahrung von sexualisierter Gewalt sprechen. Der Übergriff wird bloss nochmal aufgenommen, um Liese als mutige und starke Frau zu profilieren, die sich nicht davor scheut, den Lehrer für sein mangelndes Eingreifen anzuschreien. Dass sich ihre Mutter so für sie eingesetzt hat, erfährt Cora jedoch erst als Erwachsene. Ob dies nun Symptom der sich nur langsam erwärmenden Mutter-Tochter-Beziehung sein soll, bleibt unklar.

Auch Coras Interrail-Reise, auf der sie eigentlich eine neue Heimat finden wollte, beschreibt eher die verschiedenen Männer, die sie kennenlernt, als ihre Eindrücke von der Welt. Die besondere Verbindung zwischen Cora und ihrer Reisebekanntschaft Mette hingegen – eine Freundschaft, die allein schon deswegen nicht wankt, weil sie nicht mehr wegzudenken ist, seit sie begonnen hat – ist ebenso wenig greifbar wie die Beziehungen zwischen den Riesinnen untereinander.

Selbst Eva ist nicht vor dem Männerfokus gefeit. Sie zieht nach Stuttgart fürs Studium. Bevor wir erfahren, was sie überhaupt studiert, erzählt der Roman von ihren Verhältnissen mit drei verschiedenen Männern. Falls die Autorin damit ein Statement für sexuelle Selbstbestimmtheit machen wollte, geht dies am Ziel vorbei.

Zum Schluss findet der Roman doch nochmal neue Tiefe. Evas bewusste Rückkehr legt die biographischen Schlaufen frei, die alle drei Riesinnen um das Dorf im Zentrum ziehen. Die Leben der Frauen folgen einer ähnlichen Struktur, in der das Heimatgefühl erst durch das Schaffen eines eigenen Raumes eintritt. In dieser zyklischen Darstellung wirkt auch das Ende des Romans – eine vierte Riesin in Evas Bauch – nicht kitschig, sondern zart hoffend auf eine Zukunft, die für jede Generation Neues bereithält.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Hannah Häffner wurde 1985 in Heidelberg geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften begann sie, als Werbetexterin zu arbeiten und sich parallel dazu verstärkt dem Schreiben zu widmen. Heute lebt sie mit ihrer Familie als freie Texterin und Schriftstellerin in der Nähe von Stuttgart.

Beitragsbild © Tanja Kernweiss

Kerstin Hensel «Abendgruss», Luchterhand

„Zwei Erzählungen“ steht auf dem Cover zu Kerstin Hensels neustem Buch. Vielleicht wäre „Doppelroman“ eine bessere Bezeichnung. Auch wenn die beiden Geschichten in unterschiedlichen Zeiten angesiedelt sind, kreisen sie wie Doppelplaneten um den gleichen Kern.

Die eine Geschichte über Wolf Kohlmann, einen jungen Mann in der DDR, der in einer Chemiearbeiterdynastie gross wird. Auch er bleibt in seinem Beruf der Chemie treu, wird Fotograph, belichtet das, was seine Eltern in den Fabriken herstellten, was man dem Knaben und jungen Mann Fotoapparaten mit auf den Weg gab, an Feiertagen, zum Geburtstag, immer wieder einmal das neuste Modell aus DDR-Fabrikation, stolze Erzeugnisse sozialistischer Wertschöpfung. Ein junger Mann, der es nie schafft, im Leben und in der Gesellschaft Tritt zu fassen. Da ist ein Staat im Umbruch, ein System in den letzten Zügen, da fällt die Mauer und nichts ist mehr so, wie es einmal war – und mit Wolf Kohlmann passiert es einfach. Er sieht alles durch sein Okular, ein Blick der Dinge, der nie abbildet, was wirklich ist. So wie sein Blick auf die Welt. Einzige Bezugspunkte in seinem Leben nach dem Tod seiner Eltern sind der Armeearzt Baldur Uphoff, zu dem er sich mehr als freundschaftlich hingezogen fühlt und seine Schwester, die im Haus ihrer Eltern geblieben ist. Während die Bindung zu Baldur Uphoff ein Leben lang fluid bleibt, heftet sich die Schwester wie eine Klette an das Leben ihres Bruders. So sehr sie ihn an sich zu binden versucht, permanent ein schlechtes Gewissen einimpft, so unfähig bleibt sie bis ins Alter, am Leben ihres Bruders teilzunehmen, selbst dann, als sich wider Erwarten Erfolg einstellt und Wolf Kohlmann mit seinem stets etwas anderen Blick zu einem gefragten Künstler wird.

Kerstin Hensel «Abendgruss», Luchterhand, 2026, 3’4 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87772-3

Die andere Geschichte erzählt von Tillandsia Grütz, die ihr Leben in der Praxis ihrer Therapeutin auslegt. Sie erzählt ihr Leben, oder vielleicht das Leben, das eben nicht stattgefunden hat. Schon als Kind missverstanden, gesegnet mit einem unglücklichen Namen. Ihre Mutter, die ordentlich erfolgreich ein Blumengeschäft führt und sich der Hege und Pflege von Tillandsien verschrieben hat, Gewächsen, die auf anderen Gewächsen oder Felsen gedeihen, nicht mit dem eigentlichen Boden verwachsen sind. So wie Tillandsia Grütz, die sich schon als Kind, hochbegabt und von ihren Mitschülerinnen drangsaliert, in ihre ganz eigenen Forschungen stürzt, eine lange Reise nach den Wurzeln des Gähnens. Tillandsia Grütz ist fasziniert vom riesigen Maul des Flusspferds. Auch sie, in der Erzählung in der Gegenwart angesiedelt, ist eine nie Angekommene. Eine junge Frau, die ihre Existenz stets an die rätselhaftesten Figuren klebt, sei es den vier Jahrzehnte älteren ehemaligen Professor des Ingenieurswesens Nickel Hornschuh, zu dem sie eine mehr als toxische Beziehung pflegt, eine Freundschaft zwischen maximaler Anziehung  und immer wieder grassierender Abstossung. Der einzige, der ihr wirklich zur Seite steht, ist ihr schrulliger, lispelnder Wohngenosse, mit dem sie im Alkohol getränkt ein Kind zeugt und ihn damit verliert.

Zwei Leben, die nie ankommen, die aber auch beide nie wirklich reflektieren, was die Gründe sind, dass sie keine Wurzeln im Wirklichen finden, selbst Tillandsia Grütz auf der Couch bei ihrer Therapeutin nicht. Zwei Leben, die sich in Zwängen verwickeln, an denen der Strom des Lebens vorbeizieht, Zombies ihres Schicksals. Kerstin Hensel erzählt mit gekonnter Distanz, nie voyeuristisch, in seltsamer Lakonie. Wären die beiden Erzählungen Bilder, erinnern sie an Porträts in seltsamen Farben, leicht verzerrt, aus der Realität herausgerissen. Was ungemein überzeugt, ist die Leichtigkeit ihres Erzählens, grossartig gemalt, mit breitem Pinsel, mutig. Nicht zuletzt spüre ich als Leser, dass da jemand schreibt, dem es um weit mehr als um die Wiedergabe einer origniellen Geschichte geht. Kerstin Hensel komponiert Sprachmusik. Ich habe mich bezaubern lassen.

Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie am Institut für Literatur in Leipzig. Sie gilt als eine der vielseitigsten und einflussreichsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Werk umfasst Lyrik, Romane und Erzählungen. Sie unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Seit 2024 ist Kerstin Hensel Leiterin der Sektion Literatur der Akademie der Künste Berlin. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: der Lyrikband »Schleuderfigur« sowie der Roman »Regenbeins Farben«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.

Beitragsbild © Susanne Schleyer

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen

Manchmal werde ich gebeten, Lesetipps zu geben. Ich weiss kaum, wem ich „Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof empfehlen könnte. Kein Roman zur Entspannung oder Unterhaltung. Einer jener Romane, die um jeden Preis reiben und provozieren wollen. Und trotzdem faszinieren!

Schon der erste Teil ihrer auf sieben Bände angelegten Reihe schlug in ihrem Heimatland Dänemark ein wie eine Bombe. Zum einen, weil Dreh- und Angelpunkt dieser Serie jene Schifffahrtskatastrophe der Scandinavian Star war, bei der 1990 159 Passagiere bei einem Brand ihr Leben verloren. Damals stellte man fest, dass auf dem Schiff fast gleichzeitig mehrere Brände gelegt wurden. Wer Verursacher dieser Katastrophe war, ist noch immer ungeklärt. Kein Wunder, dass sich irgendwann auch die Literatur mit einer möglichen Variante einmischt. Dabei geht es Asta Olivia Nordenhof bei ihrem literarischen Grossprojekt keineswegs um eine Aufarbeitung und Rekonstruktion. Sie mischt Fakten und Fiktion und setzt nun mit dem zweiten Band zu einer allumfassenden Kritik an der Gesellschaft an. In einer Art und Weise, die wehtun will, die provoziert, die manchmal nur schwer auszuhalten ist. Asta Olivia Nordenhof tut schreibend alles, wovor sich die meisten hüten würden; schonungslos wütend, schmerzhaft grell und entblösend. 

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen, 2026, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-546-10104-2

Asta Olivia Nordenhof schreibt sich in eine Figur, deren Blick ebenso trocken und nüchtern auf sich selbst gerichtet ist, wie auf ihre unmittelbare Umgebung. Der Blick darüber hinaus ist der Blick auf eine Katastrophe, auf eine Gesellschaft, die sich ganz der Gier verschrieben hat, auf eine Gesellschaft, die sich einzig und allein der Bereicherung verschrieben hat, koste es was es wolle. Liebe ist bloss noch eine ferne Sehnsucht, allenfalls das kurze Glück des Moments. Der Mensch als Individuum ist alles, Mitmenschen kreisen nur noch um das Individuum. Selbst Liebe und Sexualität sind viel mehr Instrument, allerhöchstens Manifestation einer Verunsicherung.

Es ist die Zeit zwischen zwei Coronawellen. Olivia lernt unterwegs einen Mann kennen, von dem sie sich in London für zwei Wochen in dessen Wohnung einladen lässt. Warum nicht auf angenehme Weise aus einer Quarantäne zwei Wochen Zeit schaffen, in denen sie endlich jene Kurzgeschichte aufschreiben kann, die sie schon lange mit sich trägt. Zwei Wochen Zeit mit einem Mann in seinem luxuriösen Appartment hoch über der Stadt London. Mit einem Mann, von dem sie nichts weiss, an dem sie auch nichts interessiert. Zwei Wochen, in denen man Zweisamkeit spielt, Tisch und Bett teilt – und doch bleiben beide in ihrer vom anderen unberührten Bubble.

Olivia schreibet von ihrer Begegnung mit T., einem reichen Mann, der sie wenige Jahre zuvor als Prostituierte nicht bloss für ein paar Stunden kaufte, sondern gleich für eine unbestimmte Zeit, für eine nicht vorbestimmte Anzahl Tage, wie ein Stück einer Staffage. Olivia geht den Deal ein, so wie eine Fallschirmspringerin, die aus dem Flugzeug springt und nicht weiss, ob der Rucksack auf ihrem Rücken wirklich ein Fallschirm ist. Ihre Augen werden verbunden. Sie spürt, wie sie in ein Flugzeug geführt, in einem Hotel von ihren Augenbinden befreit wird. Der Mann legt ihr strickte Regeln auf, mit dem Versprechen, jederzeit aus dem Deal aussteigen zu können. Es beginnt eine Zeit im goldenen Käfig. Im gemeinsamen Bett liegt ein grosses Messer.

Im Roman wechselt sich Prosa und erzählende Lyrik, zwei Stimmen, zwei völlig verschiedene Atmosphären. Da schreibt eine zutiefst Verletzte, eine Versehrte, eine Verwundete, eine um den Glauben an das Gute Beraubte. Eine, die in eine Löwengrube geworfen wurde und sich nur mit spitzen Krallen und markerschütternden Verbalattacken zu wehren weiss. „Das Teufelsbuch“ liest sich wie die Stimme einer in den Wahn Getriebenen. Von unbändiger Kraft. Keine Ahnung, ob ich die Kraft habe, die fünf noch folgenden Bände zu lesen.

Asta Olivia Nordenhof tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Asta Olivia Nordenhof ist eine preisgekrönte Lyrikerin und Schriftstellerin. Ihr Roman, «Geld in der Tasche», wurde erstmals 2020 in Dänemark veröffentlicht und gewann den Literaturpreis der Europäischen Union sowie den PO-Enquist-Preis. Zudem wurde es für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Die Veröffentlichung sorgte international für Aufsehen, das Buch wird in sechzehn Sprachen erscheinen. Der zweite Band der Reihe, «Das Teufelsbuch», wurde in Dänemark sofort zum Bestseller.

Ursel Allenstein studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen von u. a. Sara Stridsberg, Johan Harstad und Tove Ditlevsen. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.

Beitragsbild © Albert Madsen

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt

Vielstimmig und empathisch: Lena Goreliks Roman «Alle meine Mütter» wagt eine konsequente Offenheit, die dem Thema Mutterschaft ja so guttut.

Es ist immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz
Gastrezension: Hannah Matter wurde 2003 in Basel geboren. Sie studiert Deutsche Philologie und Geschichte an der Universität Basel. 

Schon auf den ersten Seiten des Romans legt die Erzählerin ihre Karten offen auf den Tisch: Über den Text, den sie nun schreiben wird, weiss sie nur, «dass er Mütter versammeln soll und Nicht-Mütter, uns alle irgendwie, unsere Kinder, wie die Kinder, die wir nicht haben». Diese Offenheit ist programmatisch – und sie ist ehrlich. 

Hier sind sie also, alle ihre Mütter: Maschutka, die im sowjetischen Wartezimmer sitzt, um ihr Kind abzutreiben, als eine Kakerlake an ihr vorbeihuscht. Yara, die auch noch nach Jahren an den Fast-Badeunfall ihres Kindes zurückdenkt. Kurz ist sie als Frau sitzen geblieben, anstatt als Mutter Kian zum Pool zu folgen. Eine Geschichte, die für die anderen keine ist – sie ging schliesslich gut aus. Oder Jules, «ungewollt kinderlos», die sich tieftraurig durch die sozialen Medien scrollt und junge Familien bei ihren chaotischen Morgenritualen begleitet. Und Julia, die mit 17 das befreiende Wörtchen niemals sagt. Niemals möchte sie Kinder haben.  

«Alle meine Mütter» ist kein geradliniger Roman, das würde man bei Lena Gorelik auch nicht erwarten. Mosaikartig reiht sie eine Episode an die andere. Immer wieder schaltet sich ein Ich ein, das das Erzählte unterbricht, hinterfragt, öffnet: «Wie schreibe ich, ohne zu verletzen?» Etwa, wenn von Müttern die Rede ist, die unfreiwillig zu Expertinnen von Gendefekten und Nachteilsausgleichen werden. Die wissen, ihr Kind braucht sie besonders, vielleicht für immer.  

Dieses Ich hat keinen Namen, dürfte aber Lena Goreliks Ich sehr nahe sein. Es weiss, dass es sich selbst und die eigene Mutter nicht ausklammern kann, und so schiebt sich diese Mutter-Tochter-Geschichte zwischen die anderen Frauen, in einer Intimität und Ausführlichkeit, die sich Gorelik nur hier erlaubt.

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt, 272 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN: 978-3-498-00762-1

Das Verhältnis der beiden ist innig, auch wenn die Mutter Anne wenig von sich erzählt. Es ist eine Innigkeit, die die Erzählerin in der Vergangenheit manchmal fast erstickte und der sie bis heute ambivalent gegenübersteht: Fürchtet sie sich, nur Tochter zu sein, für immer ein Wir mit der Mutter – oder ist es, im Gegenteil, die Distanz, die trotz allem zwischen ihnen besteht? Und was wäre, wenn sie die eigene Mutter jenseits dieser Rolle kennenlernen könnte?

Erst als Anne krank wird, wird diese zu einem «eigenen Menschen, mit eigenen Schmerzen», die nichts mit ihrer Tochter zu tun haben.

Schmerz und Liebe liegen in dieser und den anderen Geschichten stets nahe beieinander. Einmal überlegt die Erzählerin, das soeben Geschriebene wieder zu löschen – es sei „immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz“. Glücklicherweise lässt sie es stehen.

Was die verschiedenen Episoden auch verbindet, ist die Erkenntnis, dass Muttersein nie im luftleeren Raum geschieht. So ist die Beziehung der Erzählerin zu ihrer Mutter durch die Migration der Familie geprägt. Dem Kind wurde früh bewusst, dass die Mutter nicht alles ist, nicht alles kann. Zum Beispiel kein Schwäbisch. 

Auch vielgehörte Weisheiten wirken auf das Muttersein ein: Mütter machen Milch mit Honig, vergessen Geburtsschmerzen, wissen instinktiv, was ihr Kind braucht. Mütter haben bereits die «grau verschmierten Umrisse auf dem Ultraschallbild zu lieben». Sie sind auch immer schuld. 

Vielstimmig erzählt Gorelik, wie Mutterschaft sein kann, mit und entgegen diesen Erwartungen. «Ich wollte über die gesellschaftlichen Bilder schreiben, die mir immer wieder begegnen», sagte die Autorin in einem Interview. Es ist spürbar, dass das Thema vor den einzelnen Geschichten da war. Sorgfältig geht sie alle durch, diese Mütter. Eine Aufgabe, die in Zeiten von Pro-Life und Tradwives besonders dringlich scheint.

Manchmal allerdings wirkt die Erzählung schwerfällig. Die Erzählerin reflektiert,  zweifelt, bricht wieder ab. Etwas mehr Vertrauen, dass die Leser*innen mitdenken und nicht alles ausbuchstabiert bekommen müssen, hätte dem Roman stellenweise gutgetan. 

Und doch: Es sind genau diese vielen Fragen und die offene Erzählform, die eine authentische Auseinandersetzung ermöglichen und verhindern, dass Mütter festgeschrieben werden. Mit grosser Empathie gelingt es Gorelik, viele von ihnen darzustellen und ernst zu nehmen. Viel Liebe und Schmerz steckt darin. Es ist kein leichtes Buch, aber das möchte es auch nicht sein.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman «Wer wir sind» und wurde begeistert besprochen. Regel­mässig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit. 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, 2026 mit dem Preis der Literaturhäuser

Beitragsbild © Thomas Dashuber

Anna Silber «Wie die Hasen», Picus

Paula wird schwanger, ungewollt. Bei Paulas Grossmutter wird Alzheimer diagnostiziert. Ausgerechnet bei ihr, die eine der letzten Zeitzeuginnen der „Mühlviertler Hasenjagd“ ist, einem Massaker an ausgebrochenen Häftlingen des KZs Mauthausen. Während ihre Grossmutter ins Schweigen sinkt, bäumt sich in Paula das Leben auf!

Paula ist Lehrerin, engagiert und endlich auf eigenen Füssen. Sie wohnt in Linz, nicht weit vom Hof ihrer Eltern und Grosseltern in unmittelbarer Nachbarschaft der Gedenkstätte des KZs Mauthausen. Ganz jung wurde dort ihre Grossmutter Zeugin der Flucht jener russischen Kriegsgefangenen, die man in den letzten Monaten des Krieges im KZ im Block 20 eingesperrt hatte, einem Todesblock. Mehrere hundert K-Häftlinge (Kugel-Häftlinge, die erschossen werden sollten, wenn sie nicht durch Hunger und Krankheit qualvoll sterben mussten) versuchten aus purer Verzweiflung einen Massenausbruch. Wer nicht die Kraft hatte, sich den Fliehenden anzuschliessen, wurde am 2. Februar 1945 von den überraschten Bewachern erschossen. Von den 500, die flohen, überlebten nicht einmal zwei Dutzend. Man jagte nach ihnen wie nach Hasen, durchkämmte Wälder und Dörfer, durchsuchte Häuser, Ställe und Scheunen. Wer jemanden versteckte, dem drohte selbst der Tod. Einer jener russischen Offiziere war Sergei. Irgendwann stand er in Fetzen und blanker Verzweiflung vor der Türe. Man versteckte ihn im Heuboden, wo er nur durch Zufall nicht gefunden wurde. Ein Progrom, ein Massaker, das sich tief ins Bewusstsein der Familie eingefressen hat. Ein Bewusstsein, mit dem aber jeder in der Bauernfamilie Reisinger ganz unterschiedlich umgeht. Eine Greueltat, mit der die Einwohner des kleinen Ortes auch 70 Jahre später immer noch zu kämpfen haben, nicht zuletzt mit ihrer Unentschlossenheit, gegen das Vergessen einen Gedenkort einzurichten.

„…Wie wenn vom Wegschauen irgendwann einmal was besser g’worden wär in der Welt.“

Anna Silber «Wie die Hasen», Picus, 2026, 360 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-7117-2171-6

Paulas Grossmutter wird immer wieder als eine der letzten Zeitzeuginnen eingeladen und für ihre Art des Erinnerns ausgezeichnet. Sie hat nie geschwiegen, so ganz anders wie Paulas Mutter, die viel lieber endlich den Mantel des Vergessens über die Vergangenheit gelegt hätte. Paula fühlt sich in ganz besonderer Weise zu ihrer Grossmutter hingezogen, einer schollenbewussten Frau, die nicht nur den Widrigkeiten von Vergangenheit und Gegenwart trotzt, sondern auch den innerfamiliären Spannungen. Sie bleibt ein Fels, gibt Paula das, was sie an Familie braucht. Erst recht jetzt, wo in ihr ein neues Leben wächst, das sie allein zur Welt bringen muss. Erst recht jetzt, wo sich mit nicht mehr zu leugnenden Kleinigkeiten, Verwirrungen und Verunsicherung eine Ahnung in das sensible Familiegefüge schleicht, das alles auseinanderzubrechen droht. Und als Ahnung zur Gewissheit wird, die Betreuung, die Kontrolle der Grossmutter immer schwieriger werden, als eine Ärztin bei Paula eine Herzinsuffizienz diagnostiziert und Paula mahnt, jegliche Aufregung während der Schwangerschaft zu vermeiden, wird die Situation immer schwieriger.

„Wenn alle Angst haben, dann rührt sich keiner, oder fast keiner. Dann wird das, was man davor für unmöglich gehalten hat, auf einmal ganz schnell normal.“

Paula wird aus allen ihren Sicherheiten herausgerissen, ihren Selbstverständlichkeiten. Eine ungeplante Schwangerschaft, Herzprobleme, die Rückkehr in ihr Eltern- und Grosselternhaus, ihr Kinderzimmer, zurück in den „Schoss“ einer Familie, die mit Grossmutters Diagnose Alzheimer so unterschiedlich umgeht wie mit den Erinnerungen dieser, die immer deutlicher durch den Schleier des Vergessens durchbrechen; die Erinnerungen an Sergei, an ihre schon lange verstorbene Schwester Katherl, an den Krieg, die SS, die Nazis. Für Paula war ihre Grossmutter der Fels in allen Unsicherheiten, jene, die ihr stets zu helfen wusste. Mit einem Mal ist es Paula, die die Sicherheit geben muss, ihrer Grossmutter und dem Kind unter ihrem Herzen.

Damals waren es die Ausgebrochenen, die man wie die Hasen jagte. Heute sind es jene, die sich unter den drohend schwarzen Wolken wegducken, nicht sehen wollen, sich im Privaten verkriechen, sich dem nicht stellen wollen, was nur durch Erinnerung und Konfrontation zu stemmen ist. Anna Silber erzählt in einer archaischen Sprache, direkt und sinnlich. Während die Geister der Vergangenheit nicht schweigen wollen, versinkt ausgerechnet jenes Leben, das sich stets der Erinnerung, dem Nicht-Vergessen-Wollen, zuwandte. Während im Bauch der Erzählerin ein Kind wächst, ihr Herz aus dem Takt gerät, wandelt sich die Perspektive auf das Leben grundlegend. Nebst eindringlicher Familiengeschichte und prägnanter Auseinandersetzung mit einem Stück Vergangenheit des Schreckens, das bis in die Gegenwart wirkt, ist „Wie die Hasen“ spannend bis zur letzten Zeile!

Anna Silber wurde 1995 in Mödling geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie studierte Transkulturelle Kommunikation und Internationale Betriebswirtschaft. Zahlreiche Förder- und Nachwuchspreise. Ihr Debütroman «Chopinhof-Blues» erschien 2022 im Picus Verlag, 2023 «Das Meer von unten».

Mühlviertler Hasenjagd

Beitragsbild © Paul Feuersänger

Ahojana 5 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus der Réserve du Forlys von Owida N. Woiax

Der Kessel pfeift und zittert, Wasser schwappt aus dem Ausguss und läuft dem Emaille entlang unter den Topf, wo es in der Gasflamme knisternd verpufft. Atika hat es nicht eilig. Mit ruhigen Bewegungen stellt sie den Filter auf die Aluminiumkanne, legt ein Papier ein, misst drei Löffel Pulver ab. Erst dann hebt sie den Kessel vom Herd und gießt mit einer sorgfältigen Achterbewegung den Kaffee auf, die Linke entspannt in der Tasche ihrer Jeans. Röstaromen verbreiten sich in der Küche, verdrillen sich mit den milchigen Strahlen der Morgensonne, die waagrecht den Raum durchstoßen.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Aber Atika lässt mir keine Wahl. «Erst trinken wir einen kawaien [«Käffchen»], dann zeige ich Ihnen, wie Sie hier wieder rauskommen», hatte sie gesagt, während sie das Seil vom Bug meines Kajaks an ihrem Landungssteg festzurrte. Ich war früh am Morgen von der Anlegestelle bei der Busstation im Norden des Naturschutzgebietes losgepaddelt und hatte bald schon die Orientierung verloren in dem Gewirr aus Kanälen, Flussläufen und Tümpeln. Auch mein Telefon half mir nicht weiter. Auf dem Bildschirm sah ich zwar genau, wo ich selbst mich befand und wo mein Auto stehen musste, nur, wie ich zurück zu dem Parkplatz finden könnte, verriet mir die Karte nicht. Der Lindj Forlys ist kein See, wie man vom Namen her erwarten würde (lindj ist das lemusische Wort für «See»), sondern eher ein riesiges Feuchtgebiet mit zahllosen Wasserwegen und Inselchen, die auf meinem Plan nur sehr summarisch eingezeichnet waren. Immer wieder ruderte ich in Kanäle hinein, die zwar in die richtige Richtung führten, jedoch plötzlich endeten oder einen Bogen machten, der mich wieder von meinem Ziel entfernte.
Und dann entdeckte ich das grüne Holzhäuschen. Es stand ein paar Meter vom Ufer entfernt unter Birken und Weiden. Das Dach war dicht mit Blättern und Zweigen bestreut. Zu dem kleinen Gebäude gehörte ein Steg und auf den grau-morschen Brettern stand eine junge Frau in einem leuchtend orangen Shirt und winkte mir zu.
«Haben Sie sich verfahren?», fragte sie und fügte, ohne mir Raum für eine Antwort zu lassen, gleich ihre Einladung an: «Kommen Sie! Wir trinken einen kleinen Kaffee bei mir im Haus, danach zeige ich Ihnen den Weg hier raus.»
«Das ist sehr freundlich von Ihnen, danke für das Angebot. Aber ich sollte eigentlich möglichst bald weiterfahren. Man erwartet mich heute noch im Kloster von Maioli.»
«Haben Sie mich nicht gehört? Wir trinken einen Kaffe und dann führe ich sie zur Straße zurück», erwiderte sie mit einem nachsichtigen Lächeln, als hätte ich etwas völlig Unsinniges gesagt. Gleichzeitig packte sie die Leine, die auf dem Bug meines Kajaks aufgerollt lag, zog mein Boot mit einem entschiedenen Ruck in Richtung Ufer und machte es an ihrem Steg fest. Es ist mir ein Rätsel, wie das Tau plötzlich in ihre Hand gelangen konnte. Ich war sicher noch zwei Meter vom Ufer entfernt, als sie es ergriff.
«Entschuldigung, aber ich müsste wirklich los», beteuerte ich erneut und blieb trotzig in meinem Bötchen sitzen. Doch sie streckte die Hand aus: «Ich heiße Atika. Herzlich willkommen!» Und auf einmal stand ich neben ihr an Land.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Es muss schon Mittag sein und also muss ich aufpassen mit dem Koffein. Mittag, genau, das sagt auch meine Uhr. Nur, warum scheint die Sonne dann horizontal in den Raum? Atika gießt immer noch Wasser in den Filter. Die Kanne müsste längst überlaufen. Und auch die Gasflamme rischelt weiter, als verbrenne immer noch Wasser in ihr.
Die Réserve du Forlys ist ein Labyrinth, in dem sich offenbar nicht nur der Mensch verirrt, sondern auch die Zeit. Gut, dass mir Atika den Weg hier raus zeigen wird. Nach dem Käffchen, versteht sich.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

Ahojana 1

Ahojana 2

Ahojana 3

Ahojana 4

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.