Cécile Wajsbrot „Offener Himmel“, Wallstein

Der Blick in den offenen Himmel birgt Sehnsüchte – aber auch die Kulisse für Tragödien. Die Dichterin Cécile Wajsbrot spürt einem offenen Trauma nach, dem Verlust eines Stücks ihrer Kindheit.

Ich sass am Meer, als ich das Buch las, mit Blick auf einen unsäglich grossen Himmel, den offenen Raum zwischen Oberflächen, Horizont und dem Blau und Schwarz des Himmels. Cécile Wajsbrot erkundet in ihrem Buch «Offener Himmel», der wohl bloss aus Verkaufsgründen als «Roman» angeschrieben ist, die Welt dazwischen. Zwischen Leben und Tod, zwischen Erinnern und Vergessen, zwischen den Räumen, die Leben ausmachen, der Künste, Musik, Literatur, den Wissenschaften.

Cécile Wajsbrot bekam als Kind von einer Reisefee immer wieder kleine Geschenke. Manchmal Karten, manchmal kleine Mitbringsel. Die Frau, die der kleinen Cécile diese Geschenke aus der ganzen Welt mitbrachte, war Stewardess (heute ein Unwort), eine Freundin ihrer Mutter, eine Fee, deren Geschenke mit einem Mal versiegten, weil sie von einer Reise nicht zurückkehrte.

Cécile Wajsbrot «Offener Himmel», Wallstein, 2026, aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller, 181 Seiten, ISBN 978-3-8353-5982-6

Jene Frau, die Reisefee, starb 1961 bei einem Flugzeugabsturz. Am 10. Mai jenes Jahres stürzte Air France Flug 406 über der algerischen Sahara ab. Von den über 80 Menschen überlebte niemand. Von der viermotorigen Propellermaschine vom Typ Lockheed fand man Frackteile in der Wüste verstreut, nach Berichten der Suchtrupps auch grosse Mengen von Papiergeld. Die Ursachen des Absturzes wurden nie geklärt, ein Attentat konnte nicht ausgeschlossen werden. Eine Katastrophe, die sich ins Leben der Autorin eingegraben hatte. Aber „Offener Himmel“ ist weder Recherche noch Rekonstruktion, auch kein Roman im üblichen Sinne, eine in sich geschlossene Geschichte.

Beim Besuch der Ausstellung „I will survive“ der Künstlerin Hito Steyerl wird die Autorin in Erinnerungen, Bilder und Ahnungen zurückgeworfen. Mit einem Mal ruft ein ganzer Chor aus dem Reich der Toten, aus Erlebtem, Gelesenem und Gesehenem, um jenen nie geklärten Verlust, jene plötzliche Leere mit Leben zu füllen. Cécile Wajsbrot lässt sich sprachlich treiben, mäandert und folgt jenen Stimmen, die eine Fährte aus der Leere legen wollen. Seien es Sokrates, Virginia Woolf oder Franz Kafka, seien es Katastrophenfilme wie „Airport“ aus dem Jahr 1970 mit Jacqueline Bisset, Burt Lancaster und Dean Martin oder die Geheimnisse aus der Vogelwelt, jenen Tieren, die wie Flugmaschinen der Schwerkraft trotzen, Lebewesen, die im Dazwischen leben, zwischen Welt und Himmel, fast wie die Göttinnen und Götter der Antike.

Cécile Wajsbrot lässt sich treiben – und das mit poetischer Vehemenz, mit dem grossen Horizont einer Wissenden und dem Hunger einer ewig Neugierigen. Zugegeben, das Buch ist keine leichte Kost und fordert einiges ab. Cécile Wajsbrot hält sich an keine Regie, folgt keinem Faden. Das einzige, was das Buch zusammenhält ist seine Intensität und der Drang, jene Leerstelle, die das Verschwinden der Reisefee aufgerissen hatte, mit Worten, mit Sprache, mit einem buchlangen Gespräch mit den Stimmen aus der Zeit aufzufüllen. Sie sucht, ohne finden zu wollen, weil sie weiss, dass das Suchen genügt. Sie hört den Stimmen zu, ohne restlos verstehen zu müssen, weil sie weiss, dass das Zuhören genügt. Die Fährfrau, die einen ans andere Ufer einer Erzählung bringen wird. Ich bin jemand, der die Aufmerksamkeit auf das lenkt, was man nicht bemerkt, das kaum wahrnehmbare Detail, um das alles andere sich aufstellen, neu gruppieren, zusammensetzen wird, der unsichtbare Mittelpunkt, auf den alles zustrebt.

„Offener Himmel“ ist ein ausgegossenes Füllhorn!

Cécile Wajsbrot, 1954 in Paris geboren, schreibt Romane – manchmal auch Essays und Hörspiele. Sie übersetzt aus dem Englischen (u. a. Virginia Woolf) und aus dem Deutschen (u. a. Marcel Beyer, Peter Kurzeck). Sie lebt abwechselnd in Paris und in Berlin. 2007 war sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Seit 2017 ist Sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie seit 2019 der Akademie der Künste in Berlin. 2014 erhielt sie den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis, 2016 den Prix de l`Académie de Berlin. 2024 erhielt sie den Grand Prix de Littérature Henri Gal und den Aleksandar Tiśma International Prize. Im selben Jahr wurde sie für ihren Roman »Nevermore« mit dem Literaturpreis der Darmstädter Jury ausgezeichnet.

Holger Fock und Sabine Müller übersetzen seit 30 Jahren französische Literatur u. a. von Patrick Deville, Mathias Énard, Alain Mabanckou, Olivier Rolin, Mohamed Mbougar Sarr, Cécile Wajsbrot und Antoine Volodine.
Für ihre Arbeit erhielten sie viele Auszeichnungen, darunter 2011 den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis, 2023 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.

Rezensionen zu „Mémorial“ und „Zerstörung“ auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © privat

«Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen» – über «Das grosse Eis» von Sonja Sophie Kreis #SchweizerBuchpreis 26/03 (32)

Dieses Eis war anders als das Eis auf dem Gemälde, das Mutter zum Weinen brachte. Es war nicht grau, sondern schwarz, zumindest zu Beginn der Seegfrörne, und brachte den See zum Musizieren.

Lieber Gallus

Als im Januar geborener Mensch liebe ich Schnee, Eis und das Pfeifen der kalten Winde beim Wandern durch die weisse Winterlandschaft. Sogar Skitouren auf Spitzbergen durfte ich einmal geniessen. Überrascht habe ich erfahren, dass eine mir unbekannte Autorin mit «Das grosse Eis» für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde und habe das ansprechend gestaltete Buch gekauft.
Sofort ist spürbar, dass die Autorin auch bildende Künstlerin ist. Dieser Roman lebt von den eindrücklichen Bildern sowohl vom Bodensee als auch vom fernen Grönland, wohin Max, der Bruder der Erzählerin Anna sich abgekapselt hat. Er hat sich seit Kindheit mit Expeditionen in arktische Zonen beschäftigt und konnte stundenlang ein Buch mit Bildern vom Scheitern der «Endurance» im Packeis von 1914 betrachten. Die ganze autofiktive Familiengeschichte über drei Generationen spiegelt sich farbtonreich in Eis, das wunderschön leuchten, aber auch gefährlich schmerzen kann.

In der Bucht von Ilulissat haben sich im Laufe der Nacht Eisplatten unterschiedlichster Grössen gebildet. Das Meer wie die zerrissene Farbschicht eines schlecht gealterten Ölgemäldes. Weit draussen scheint es zu schneien. Weisse Vorhänge wehen dem Festland entgegen.

Die Erzählerin Anna, begibt sich auf der Suche nach ihrem Bruder Alex in die Einsamkeit eines grönländischen Hotels in Ilulissat. Dort, festgehalten in einer stürmischen weissen Landschaft, brechen viele Erinnerungen an ihre Familie auf. Als Fotografin hat sie bewusst ihre Kamera zuhause gelassen und schreibt Notizhefte voll. Was hält eine Familie zusammen? Wie erlebte die deutsche Mutter nach der Heirat mit dem schönen Schweizer Paul den eisigen Empfang am andern Ufer des Bodensees? Was bewirkte der Zweite Welt Krieg in dieser weiten Grenzregion, was die Seegfrörne 1963? Was erlebt Anna auf der Suche nach Alex in Grönland, wohin sie ihm nach dem Tod der Eltern sein geliebtes Gemälde bringen will.

Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen. Irgendwann in jenen Wochen des grossen Eises hatte er beschlossen, alles darüber lesen und wissen zu wollen… Nur Mutters Ängste mochte er nicht, und leider quoll sie davon fast über. Hinter diesen Mauern aus Ängsten, in die sie ihn durch Verbote einsperrte, lag eine unermessliche Weite.

Die Hochzeit der älteren Schwester im Februar in einem schweizerischen Bergdorf fand ohne Alex statt. Anna erzählt uns diese Familiengeschichte in eindrücklichen Mosaiksteinen voll Wunden und Schmerz, aber auch voll Schönheit und Nähe. Dass vieles offen bleibt und die lyrisch, musikalische Sprache machen diesen Roman zu einem bleibenden Leseerlebnis.

Nur der Schneefall war zu hören. Es war dunkel. Es war hell. Ich dachte nichts, rein gar nichts. Ich dachte weder an Moni noch an Alex noch an die Hochzeit. Der Schnee beruhigte und betäubte mich.

Du siehst, ich habe die Lektüre «Das grosse Eis» genossen. Zum Glück ist dieser bildreiche musikalische Roman nominiert worden, sonst hätte ich ihn verpasst. Jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre. Hast du das Buch (aus deiner Region!) schon gelesen?

Herzlich
Bär

Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5

Lieber Bär

Oh ja, eben erst. Und ich bin so überrascht wie du! Ein wunderbarer Roman. Nicht nur, weil ich die Faszination des «ewigen» Eises sehr gut nachvollziehen kann. Obwohl ich in Zukunft nie nach Grönland reisen werde, fasziniert mich die Landschaft, deren Menschen und ihre Geschichte schon lange. Ich erinnere mich an Bücher über Polarexpeditionen, die ich als junger Mann verschlugen hatte, sei es die verrückte Expedition von Ernest Shackleton mit seinem Schiff Endurance. Oder die verschollene Expedition von John Franklin, der sechzig Jahre zuvor mit Schiff und Mannschaft eine Nord-West-Passage suchte – und noch viel mehr der Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny, der über eben diese Expedition einen exzellenten Roman schrieb, ein Buch, das noch immer zu meinen Lieblingsromanen zählt. Und jetzt, wo der dicke, reiche Blonde seinen unverschämten Anspruch auf dieses dünn besiedelte, an Erdöl reiche Eiland für sich beansprucht, erst recht.

Aber da schwingt noch eine weitere Referenz mit; jene mit dem Maler Adolf Dietrich (1877 – 1957), einem stillen Mann, der sein ganzes Leben im kleinen Ort Berlingen am Untersee (Bodensee) verbrachte und erst in seinen letzten Jahren von seiner Malerei, die ihn heute zu einen der Grossen des 20. Jahrhunderts macht, leben konnte. Der unbeirrt malte, was er in seiner unmittelbaren Umgebung, meist in seiner düstern, kleinen Stube an einem kleinen Tisch sitzend. Auch sein Leben ist und war Vorlage für ein wunderbares, lange nachhallendes Buch. Beat Brechbühl veröffentlichte 1999 die Erzählung «Fussreise mit Adolf Dietrich», die 2017 noch einmal beim Bilger Verlag erschien.

Würden meine Augen nichts mehr sehen, ich hätte so viele Dinge im Gedächtnis, ich könnte jahrelang davon leben. Bräuchte nichts Neues zu sehen, könnte da sein und mir meine Fundstücke ansehen, wie Filme oder Fotos. Adolf Dietrich

Ein Buch wie ein langes Gebet, ein Denkmal für den Maler ebenso wie für den Schriftsteller, auch wenn ihn die Gegenwart zu vergessen scheint.

Gibt es etwas grösseres bei der Lektüre, wenn das Gelesene Resonanz erzeugt? Wenn man spürt, dass sich im Hirn Synapsen finden? Und Sonja Sophia Kreis gelingt es auch mit ihrer Sprache, die unaufgeregt und zurückhaltend malt. Ihr geht es um weit mehr, als bloss eine Familiengeschichte zu erzählen. Es sind die Bilder, die sie evoziert. Sonja Sophia Kreis‘ Blick hat etwas Fotographisches – obwohl ihre Bilder nicht bloss abbilden. Es sind ihre Bilder die erst die meinigen auslösen. Es erscheint Verborgenes.

Faszinierend!

Lieber Urs, ich hoffe ich treffe die Autorin einmal. Vielleicht besuchen wir eine Lesung gemeinsam. Gallus und der Bär!

Liebgruss

Sonja Sophie Kreis, geboren 1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach San Francisco, Venedig, Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht, Das große Eis, autobiografisch inspiriert, ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.

Illustration © leafrei.com

Falun Ellie Koos «Zähe Hunde», Aufbau

Was entscheidet, wo man hingetragen wird, wo es einem hinverschlägt. Ob man untergeht, strandet, überlebt oder reüssiert? Wie viel ist Schicksal, Herkunft, Familie, Beziehung oder pures Glück? Falun Ellie Koos schrieb mit ihrem Debüt „Zähe Hunde“ eine etwas andere Familiengeschichte, eine aus der Kälte.

Noch eine Emanzipationsgeschichte? Die Geschichte einer jungen Frau, die sich aus den Umklammerungen ihrer Familiengeschichte winden muss? Die den Dreck ihrer Kindheit abschütteln, Zutrauen zu sich selber finden, einen Weg zum Miteinander aus all den Verletzungen schälen muss? Ich spüre während der Lektüre die Verwundungen einer gebeutelten Seele, aufgewirbelter Dreck brennt in den Augen, Schweiss sticht in der Nase. Was Falun Ellie Koos beschreibt, wird körperlich, legt sich wie ein immer schwerer werdendes Kettenhemd auf die Schultern.

Falun Ellie Koos «Zähe Hunde», Aufbau, 2026, aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann, 303 Seiten, ISBN 978-3-351-04277-6

Ada, die Erzählerin, und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Broos sind die Kinder einer Familie, die in die Brüche geht. Viel zu jung stolperten die Eltern in die Pflichten einer Elternschaft, strauchelten, fielen hin. Sie trennen sich. Ada versucht alles, um ihrem trinkenden Vater zu gefallen, Broos, ihr Bruder, bleibt bis zu Mutters viel zu frühen Tod der Liebling seiner Mutter. Bis sie stirbt und die beiden Kinder im gammligen Trailer ihres Vater bleiben müssen, weit ausserhalb der Stadt, nahe einer Autobahn, die letzten in einem Trailerpark, übrig geblieben. Adas Vater verdient sein Geld als Gelegenheitsgärtner, lebt ein Leben als Abgeschotteter, Enttäuschter, Kämpfer auf verlorenem Posten. Er ist davon überzeugt, seine Kinder durch Härte erziehen zu müssen. So lernen die beiden auch schwimmen – beinahe ertrinkend.

Ada und Broos wachsen isoliert und kontrolliert auf. Sie gehen wohl zur Schule, Koos mehr schlecht und recht, Ada als seine Beschützerin bis die Fäuste fliegen und Blut fliesst, aber Freundschaft ausserhalb wachsen nicht. So wie Mutter und Vater bleiben sie Sonderlinge, gezeichnet von den Verwundungen des Lebens.

Irgendwann, nachdem Ada schon Jahre an der Seite ihres Vaters Gartenarbeit macht, wagt Ada den ersten Schritt in die Selbstständigkeit; eine, wenn auch schlecht bezahlte Arbeit in einer Fleischfabrik. 5 Tage in der Woche bei 4 Grad. Dort lernt sie Frédérique kennen, eine Kunststudentin, deren Gründe, sich solcher Arbeit auszusetzen, ganz andere sind. Die beiden jungen Frauen nähern sich an, fasziniert vom Geruch einer ganz anderen Welt. Bis Frédérique es schafft, Ada dazu zu bewegen, ihre Zeichnungen zu zeigen und sich ein Weg öffnet, der ohne Frédérique verschlossen geblieben wäre. Ada beginnt an einer Kunstschule zu studieren. So wie sich die Zukunft wie Türen öffnen, so sehr verschliesst sich ihr Zugang zu dem, was an Familie übrig geblieben ist.

Bis Ada spürt, dass es eine Richtungsänderung braucht und sie Mitte Zwanzig in eine ehemalige Künsterkolonie weit weg von jeglicher Zivilisation zieht, in der bloss noch ein mürrischer Holzfäller geblieben ist. Mit einem Mal, zurückgeworfen auf sich selbst, erinnert an die kargen Jahre ihrer Kindheit, beginnt in der Einöde etwas Neues.

Falun Ellie Koos mischt die drei Erzählebenen; Kindheit, Studienzeit und die Monate in Galizien. Die Sprache ist ebenso karg und hölzern wie das rauhe Leben der Protagonistin. Ada ist ins Leben hineingeworfen, über weite Strecken sich selbst überlassen, vom Vater zum „zähen Hund“ erzogen, trotzig, wild, unnachgibig. Ein zäher Hund geblieben, bis das Schicksal eines Tiers, die Seele auftut. Noch ein Roman, der das hochstilisierte Idyll der Familie sandstrahlt. Szenerien, die manchmal beinahe dystopisch erscheinen, mitten in der Gegenwart. Kraftvoll, trotz allem strotzend vor Leben!

Falun Ellie Koos, geboren 1992, ist Schriftsteller und Filmemacher. Koos‘ Debütroman «Zähe Hunde» wurde für eine Vielzahl an Preisen nominiert, u.a. für die Shortlist des wichtigen Libris-Literaturpreises, und von der Zeitung Het Parool zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gewählt. Koos gewann 2022 den Joost-Zwagerman-Essaypreis und erhielt 2023 ein Cronestipendium für vielversprechende Autor:innen der Stadt Utrecht.

Andrea Kluitmann, geboren 1966, studierte Germanistik und Filmwissenschaft in Bochum und Amsterdam. Heute arbeitet sie als Übersetzerin von Romanen, Theaterstücken und Graphic Novels und gibt Interviewtraining und Deutschunterricht.

Beitragsbild © Koos Breukel

Judith Hermann «Ich möchte zurückgehen in der Zeit», S. Fischer

„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist nicht rückwärtsgewandt, aber eine erzählerische Bewegung, kein „Finden“, dafür umso mehr ein „Suchen“. Nicht nach Resultaten, nicht nach Gewissheiten, aber ein Woher fürs Wohin.

Judith Hermanns neustes Buch ist kein Roman, nicht einmal als solcher betitelt. Das Buch ist eine literarische Auseinandersetzung mit Fragen der Herkunft, mit dem ins genetische Profil Eingeschriebenen, eigentlich Unleugbaren. Mit der Frage, ob und wie man sich damit auseinandersetzt. Mit dem, was man an Vergangenem erahnt, was auf Fotos, in Akten und Dokumenten festgehalten ist und trotzdem nie die ganze Geschichte erzählen kann.

Judith Hermanns Grossvater was Offizier und Mitglied der Waffen-SS, jenen schwarz uniformierten arischen Recken mit Totenkopfsymbolen auf Schirmmütze und Uniformkragen. Jener Elitetruppe, die an den Fronten ihres Vernichtungskrieges mit stolzer Brust die Drecksarbeit verrichtete. Es gibt ein Foto von ihm vom Juli 1941 auf einem Motorrad der SS in der polnischen Kleinstadt Radom, kurz nachdem man die 30000 Juden der Stadt, Frauen, Männer, kleine Kinder, Kranke und Alte in zwei Ghettos gesperrt hatte, wo sie auf ihre Deportation in Vernichtung oder Zwangsarbeit zu warten hatten. Eine Tätowierung auf der Innenseite seines Armes, die SS-Vergangenheit war ein offenes Geheimnis in der Familie, über das man nicht sprach, Fragen tunlichst vermied. Bis die Macht all der Fragen zumindest für die Autorin nicht mehr zu kontrollieren war und eine Auseinandersetzung damit unvermeidbar.

Judith Hermann «Ich möchte zurückgehen in der Zeit», S. Fischer, 2026, 160 Seiten, ISBN 978-3-10-397764-6

„Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ ist der Reisebericht einer Frau, der es nicht um die Enthüllung eines schrecklichen Geheimnisses geht, schon gar nicht um Rechtfertigung oder Erklärung. Dieses Buch erzählt die behutsame Bewegung ins Vergangene und jene wieder zurück. Eine Reise nach Radom in Polen und weiter nach Neapel zu ihrer Schwester, einer Archäologin, die in der Römerstadt Pompei die von Asche zugedeckte Vergangenheit freilegt. Beide legen sie frei, setzen Erkenntnisse und Interpretationen zu Mosaiken des Geschehenen zusammen. Und doch ist das, was daraus resultiert, bei den Schwestern so unterschiedlich wie zwischen der Schriftstellerin und ihrer Mutter. Wir kennen die beiden Bewegungen; für die einen ist Gegenwart unmöglich ohne Klärung der Vergangenheit – und andere wollen endlich Gras darüber wachsen sehen, um sich ganz der Gegenwart und Zukunft zu widmen.

Man entdeckt Dinge durch die Erinnerung, sich an etwas zu erinnern bedeutet, es zum ersten Mal zu sehen. Cesare Pavese

Das Vergessen der Mutter zwingt die Autorin zu einer Reise. Zuerst nach Polen, auf die Suche nach etwas, von dem ich nicht wusste, was es war. Auf die Suche nach Hinweisen in eine Stadt, von der sie Antworten erhoffte. Eine Stadt, die sich anfangs abweisend zeigte, aber dann, erst kurz vor ihrer Weiterreise Zeichen gab, Menschen, die etwas anzubieten hatten. Judith Hermann nimmt sich selbst ins Visier, protokolliert, was die ungewisse Suche mit ihr macht, das Nach- und Hineindenken gegen das Vergessen.

So wie die Schwester zusammen mit ihrer Familie an den Hängen bei Neapel wohnt und die permanente Bedrohung eines Erdbebens überblenden muss, so kann man auch mit der Vergangenheit umgehen, selbst dann, wenn die Warnhinweise unmissverständlich sind, dass ein Erdrutsch ausgelöst werden könnte. Zwischen ihrer Schwester und ihr schieben sich tektonische Kräfte übereinander, reiben. Was nach Konfrontation schreit, erstickt unter der Banalität des Alltäglichen. Man kann sich die Gegenwart wie einen Mantel über die Schultern hängen, ohne zu fragen, was in den schweren Taschen steckt. Man kann sich dem Schrecken verweigern, in Familie erst recht.

Dieses Buch ist eine vorsichtige Aufforderung, mich selbst mit meiner Herkunft auseinanderzusetzen, sie nicht einfach hinter mir zu lassen. Judith Hermanns erzählerisches Essay ist klug und zart zugleich. Ein unglaublich reifes Buch von einer Frau, die nicht zuletzt sich selbst verstehen will. Grossartig!

Judith Hermann, 1970 in Berlin geboren, erhielt nach einer journalistischen Ausbildung 1997 das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste. 1998 erschien ihr erstes Buch «Sommerhaus, später», für das sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Für ihr Werk wurde Judith Hermann mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Kleist-Preis und dem Friedrich-Hölderlin-Preis. 2021 erschien der Roman »Daheim«, der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, und für den Judith Hermann mit dem Bremer Literaturpreis 2022 ausgezeichnet wurde.  2023 erschien »Wir hätten uns alles gesagt«, basierend auf den Frankfurter Poetikvorlesungen, die Judith Hermann im Frühjahr 2022 hielt. Dafür erhielt sie den Wilhelm Raabe-Literaturpreis. Zuletzt erschien 2026 »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin. 

Beitragsbild © leafrei.com

Sarah Elena Müller «Unwucht», Limmat #SchweizerBuchpreis 26/02

Zufällig stiess ich bei einem Besuch der Buchhandlung BuK Luzern auf dieses schön gestaltete Buch. Luana, die Inhaberin, war schon vor der Nominierung zum Schweizer Buchpreis der Meinung, dieses Werk werde seinen Platz auf der Liste bekommen. Da ich das Debüt von Sarah Elena Müller «Bild ohne Mädchen» gerne gelesen habe, kaufte ich «Unwucht».

Voller Spannung begann ich zu lesen – und bin tief berührt. Die aussergewöhnliche Sprache ist gewöhnungsbedürftig, die schwierige, schmerzhafte und scheiternde Beziehung zwischen Alice und dem drogensüchtigen Rio ist dadurch aber beeindruckend in Sprache umgesetzt. Oft ist die Wortwahl ungewohnt und der wie eine Collage zusammengesetzte Text erfordert langsames Lesen. Dann entstehen bereichernde und interessante Leseerlebnisse.
Als Hausarzt habe ich viele Drogensüchtige betreut, und diese schwierigen, schmerzhaften und oft perspektivlosen Beziehungen und Lebensbedingungen mittragen helfen. Ich musste oft daran zurückdenken.

Das Buch beginnt mit einem Treffen von Alice und Rio sieben Jahre nach der Trennung, sie hat sich durchgesetzt und Rio hat den Entzug hinter sich. Weitere kurze Passagen aus dieser Zeit unterbrechen den Hauptstrang. Alice schreibt ein Buch über die Zeit vor der Trennung. In der Diskussion mit Rio zeigt sich, was beim Aufschreiben von Erinnerungen passiert, und wie unterschiedlich Menschen sich erinnern.
Jetzt, wo ich es will, kann ich mich auch immer schlechter erinnern, was wann und ob es überhaupt war. Es wird im Text zwar wirklicher, aber nicht wahrer», räume ich ein. «Dir ist schon klar, dass du mich komplett in der Hand hast? Selbst wenn ich mich zuverlässig erinnern könnte, meine Version würde niemand mitkriegen.

Sarah Elena Müller «Unwucht», Limmat, 2026, 336 Seiten, ISBN 978-3-03926-109-3

Die beiden haben sich in der Kunstakademie kennengelernt. Alice ist gefangen im Zusammenleben mit Rio, dessen Sucht alles beherrscht. Alice wartet und wartet. Rio ist meist weg, irgendwo unterwegs. Die Schwiegermutter Maria benutzt Alice als Informationsquelle, da sie sich um ihren Sohn sorgt, was Alice zusätzlich belastet. Dies beschreibt die Autorin eindrücklich in einem Traum von Alice, wo diese als giftige Spinne die im Netz gefangene Alice verfolgt.
Ich bin die Beute, Maria die Spinne. Zielsicher setzt sie die Hände und Füsse auf die Knotenpunkte, das Netz erbebt. Vor Angst zitternd klettere ich von Rios Mutter weg, aber sie ist dicht hinter mir. Sie sucht den Schlüssel zu ihrem Sohn bei mir, aber ich habe ihn nicht. Ich hätte doch die Schiebetür nehmen sollen, denke ich, aber da hat mich Maria schon eingeholt und am Knöchel gepackt.

Verzweifelt versucht Alice sich in ihrem Leben von Zwängen, Geldnot und Enttäuschung zu behaupten. Sie verliert Freunde, ihr wichtige Gegenstände, die Liebe. Erschütternd kommt zum Ausdruck, was Sucht mit der Partnerin des Betroffenen und dem Umfeld macht.
Ich weiss, bald ist Rio wieder weg. Nie ist genug Zeit, eine einzige Sache ganz zu erleben, durchzudenken oder auch nur irgendetwas in Erfahrung zu bringen.

Eine wichtige Rolle spielt auch das verrostete defekte Auto, ein Fiat, dessen Kontrolle beim Garagisten vor einer vorgeschriebenen Überprüfung detailliert und witzig beschrieben wird.
Jemandes «Fiat», auf Lateinisch, hatte unsere Religionslehrerin erklärt, ist das, wozu ein Mensch in seinem Leben «Ja» sagt, «es geschehe», im Evangelium nach Lukas. Das, was ihr Gott in eurem Leben tun lasst. Marias Fiat war Jesus. Mein Fiat ist verrostet.

Ein herausforderndes, aussergewöhnliches, dichtes, nachhaltiges Buch. Auch wenn es gelegentlich zu wuchtig daherkommt und Sarah Elena Müller sich vielleicht etwas übernommen hat. Aber noch nie habe ich die Auswirkungen von Drogensucht auf eine Liebesbeziehung und das soziale Milieu literarisch so eindrücklich umgesetzt gelesen. Toll!

Bär

Sarah Elena Müller, geboren 1990, bewegt sich fliessend zwischen Literatur, Musik, Forschung und Performance. Mit der Spoken-Pop-Combo Cruise Ship Misery hat sie zwei Alben herausgebracht, zuletzt das Songbook «Brutto Inland Netto Super Clean» im Verlag der gesunde Menschenversand. Seit 2024 arbeitet sie im Team des SNF-Projekts «Autofiktion & Bewusstsein». Im Limmat Verlag ist ihr Debütroman «Bild ohne Mädchen» lieferbar, der vielfach ausgezeichnet wurde und für den Schweizer Buchpreis nominiert war. Sarah Elena Müller lebt in Bümpliz.

Beitragsbild © leafrei.com

Michael Hugentobler mit «Bis die Bären tanzen» bei Literatur am Tisch

«Literatur am Tisch»; Es sitzen bis 15 Personen zusammen mit einer Autorin oder einem Autor um einen gedeckten Tisch und diskutieren über das gelesene Buch – und weit darüber hinaus – wie immer, wenn über Bücher gesprochen wird – über das Leben.

Ich hole Michael Hugentobler am Bahnhof Amriswil ab, weil ich weiss, dass die Zeit zwischen Zugeinfahrt und Busabfahrt knapp ist. Beim Einsteigen in den Bus fragt mich Michael Hugentobler: Was erwartet mich heute Abend? Ich versuche, zu klären, erzähle von einer langen Tradition, dem Glücksgefühl, dass sich stets nach solchen Abenden einstellt und von der Nähe, die sich unerwartet einstellen kann, eine Nähe, die beseelt. Mittlerweile gehen wir auf das Mehrfamilienhaus zu, in dem meine Frau und ich seit bald einem Jahrzehnt wohnen. Ach, das ist bei dir zuhause?!

Es sind noch 40 Minuten, bis alle Gäste um den Tisch sitzen werden. Michael und ich spazieren durch die Wohnung an den Bücherregalen vorbei. Für einmal ein Besucher, der sich mehr für die Regale und deren Machart interessiert – die schiere Masse an Büchern für selbstverständlich nimmt, was eine ganze Reihe immer wiederkehrender Fragen unnötig macht.

Leserinnen und Leser treffen ein, die Schuhe reihen sich vor der Eingangstüre. Man setzt sich an den langen Tisch; Brot, Wein, Käse, Früchte und Salami – und Michael Hugentobler beginnt zu erzählen. Von der Schlange an der Decke während einer einsamen Geburt in einer Hütte mitten im Dschungel. Von einer weitverzweigten, jüdischen Familie. Von der Suche nach dem Glück und einer Geschichte, die in 30 Jahre lang begleitete.

(Übrigens; Der Mann auf der kleinen Fotographie hinter Michael Hugentobler ist jener Mann, dem ich meine Begeisterung für Literatur verdanke, der das Feuer entzündete, für den ich auch 7 Jahre nach seinem Tod unsägliche Dankbarkeit empfinde – Werner Hegglin.)

Schnell wurde klar, wie viel Michael Hugentobler mit seinen Romanen aus seinem Leben erzählt, auch wenn sie fiktionalisiert sind. Da schreibt einer, der einen langen Weg gegangen ist, auch geographisch, der sich kämpferisch zeigt, der weiss, wo die wahren Schätze eines Lebens liegen.

Lieber Gallus, liebe Irmgard, vielen Dank für diesen Abend voller interessanter Fragen. Gerne wieder – so machen Gespräche über Literatur wirklich Spass! Herzlich Michael Hugentobler 

Vielen herzlichen Dank für die familiäre Literaturrunde bei euch mit dem sympathisch unkomplizierten, weltoffenen Schriftsteller Michael Hugentobler. Wir haben viel über sein Buch «Bis die Bären tanzen» erfahren. Diese überraschende, manchmal fantastische Familiensaga hat uns berührt und gedanklich auf eine wunderbare Reise mitgenommen. Wir haben den Abend genossen. M. & H. Schneider

mehr über und von Michael Hugentobler auf literaturblatt.ch

Beitragsbilder © Sandra Kottonau

Beat Schweizer & Urs Mannhart «Early Open Fire», Energie für alle

Beat Schweizer, Fotograf in Bern, und Urs Mannhart, Schriftsteller in La Chaux-de-Fonds bereisten vier Wochen Barrow/Utqiaġvik ganz im Norden Alaskas, eine 5000 Einwohner zählende Kleinstadt, einen Ort, der seit mehr als 1500 Jahren von Menschen bewohnt wird. Jeder der beiden in seiner ganz eigenen Art des Sehens.

In einem grossen Pappkarton im Format A3 schickt mit der Fotograf Beat Schweizer eine Mappe mit zeitungsgrossen Fotografien, einer Originalfotografie und einem roten Büchlein im Format A5 mit Texten von Urs Mannhart, einem Schriftsteller, der sich nicht erst mit seinem Buch «Lentille. Aus dem Leben einer Kuh» und seinen vielen Reportagen aus fast allen Gegenden der Welt mit den menschgemachten Veränderungen der Gegenwart auseinandersetzt. «Early Open Fire» ist eine ganz besondere Reportage, so lyrisch die grossformatigen Fotografien, so kantenscharf die Textbilder des Schriftstellers. Beide inszenieren nicht. Ihr Blick ist kein voyeuristischer, kein sensationslüsterner.

Urs Mannhaft & Beat Schweizer «Early Open Fire», Energie für alle, ISBN 978-3-9524882-8-7

Ich habe Beat im Jahr 2008 kennengelernt; zusammen mit ihm bin ich in jenem Jahr in den Kosovo gereist, habe dort sein Fotografieren, seine leichtfüssige Art und Weise, auf Menschen zuzugehen und seine liebenswürdige Persönlichkeit schätzen gelernt. Seither bin ich immer wieder, manchmal mit längeren Pausen, gemeinsam mit ihm unterwegs. Ich fühle viel Wertschätung für die ethischen und ästhetischen Werte, an welchen sich Beat als Fotograf und Mensch orientiert.

Genau darin besticht diese Arbeit. Eine Arbeit, die von Respekt und Liebe getragen ist. Nichts daran klagt an, beschönigt aber auch nichts. Fotografien, die ich an einem Nachmittag im Wohnzimmer auslegen musste, sie immer wieder neu ordnete, die grossen zeitungsdünnen Blätter, die sich nur widerspenstig niederlegen liessen. Mannharts Text ist der Soundtrack zu dieser langen Reise, einer Reise in der arktische Gegenwart, durch die die Geschichte von Menschen spricht, deren Verständnis für die Natur man gewinnen muss.

In den ersten Jahren unserer Kooperationen haben wir uns noch nahe an dem bewegt, was sich als klassische Reportage bezeichnen lässt. Deswegen wohl auch unsere Liebe zum Zeitungspapier. Inzwischen jedoch ist der journalistisch motiverte Anspruch an unsere Arbeiten einer Haltung gewichen, die Beat, wie andere auch, gerne als lyrical documenrty bezeichnet. Unsere Herangehensweise ist somit weiterhin klar dokumentarisch; meine Texte sind non-fiction, Beat inszeniert seine Bilder nicht.  Aber wir lassen heute mehr von jener Atmosphäre und mehr von jenen Emotionen zu, die in einer Reportage oft kaum Platz finden. Dass unsere Materialen schliesslich zu einer ansprechenden Form finden, liegt meist an einem beherzten Engagament eines Menschen, der sich mit Grafik auskennt. So hat Early Open Fire dank Vinzenz Meyner und seinem Verlag «Energie für alle» zu seiner Form gefunden.

Beat Schweizer und Urs Mannhart holen ein Stück Welt in mein Wohnzimmer, ganz nah und unmittelbar. Ihre vorsichtige Herangehensweise, die Zartheit, die aus Text und Bild spricht, die Ehrlichkeit und Direktheit, machen betroffen, zeigen auf, wie weit ich entfernt davon bin. Nicht zuletzt entfernt von der Natur selbst.

Für mich als Schriftsteller ist es sicher erhellend, so lange auf Umstände blicken zu können, die mir fern und fremd anmuten, bis mir die Dinge meines eigenen Alltags fern und fremd anmuten. Da ich mich seit einer Weile vermehrt mit Nature writing beschäftige, hat mich insbesondere der Naturbezug jener Menschen interessiert, die wir besucht haben. Jüngst habe ich jemandem in der Schweiz ganz begeistert von Mauerseglern erwähnt, welche in den Sommermonaten den Luftraum in meiner Nachbarschaft in La Chaux-de-Fonds bevölkern. Da bin ich gefragt worden, wozu Mauersegler denn nützlich seien. Das hat mich empört. Eine Frage dieser Art wäre im hohen Norden wohl undenkbar: Die Menschen leben eng verbunden mit Tieren, mit den Elementen, den Jahreszeiten, der Landschaft.

Hier können sie das Werk bestellen!

Urs Mannhart hat als Velokurier, Nachtwächter, Journalist und in der Landwirtschaft gearbeitet. 2004 erschien sein Erstling »Luchs«, 2006 dann »Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola«. Als Reporter berichtet Mannhart aus Ungarn, Serbien, Kosovo, Rumänien, Russland, Weißrussland und der Ukraine. »Bergsteigen im Flachland« ist sein dritter Roman, für den er 2016 mit dem Conrad Ferdinand Meyer-Preis ausgezeichnet wurde.

mehr von und über Urs Mannhart auf literaturblatt.ch

Beat Schweizer arbeitet für Kunden aus den Bereichen Editorial und Corporate und verfolgt eigene Projekte mit dokumentarischem Ansatz. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, unter anderem in Frankreich, Russland, Deutschland und England. Im Rahmen seiner fotografischen Tätigkeit hat er mehrere Magazine und Zeitungen im Eigenverlag herausgegeben. Seine erste Monografie, damals schon in Zusammenarbeit mit Urs Mannhart, «Mikhailovna Called», erschien 2018.

Beitragsbilder © Beat Schweizer (mit freundlicher Genehmigung)

Ein ganz persönlicher Rückblick auf die Sprachsalz Literaturtage in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Zum 24. Mal feierte das Sprachsalz mit Gästen die Literatur. Ein Dutzend internationale Schriftlicher*innen, volle Säle, freier Eintritt, viele Begegnungen und vorzügliche Stimmung – das macht Sprachsalz aus!

Gleich mehrfach hängen am Sprachsalz lange, meterbreite Papierbahnen mit den Namen all jener, die in den letzten 24 Austragungen des Sprachsalz eingeladen wurden. Eine beeindruckende Liste mit beeindruckenden Namen. Von Japan bis Südamerika, vom hohen Norden bis Südafrika. Namen, die in meiner Bibliothek zuhause wie Reliquien gehortet und gefeiert werden. Aber auch Namen, die ich „versäumte“, weil ich in den letzten Jahren wohl Stammgast, die ersten Jahre des Festivals „versäumt“ habe. Wie gerne wäre ich einmal Jon Fosse begegnet. Oder ein zweites Mal Peter Kurzeck. Oder Claire Keegan. Oder dem grossen Ismail Kadare. Oder der grossen Dichterin Frederike Mayröcker. Die Liste ist beeindruckend lang und Zeugnis grossen Engagements, ausufernder Leidenschaft und eines beachtlichen Selbstbewusstseins. Eine Liste, die durchaus als Reputation dienen kann, Festivaleinladungen, die zur Auszeichnung werden.

© Denis Moergenthaler

Am Samstag Morgen sass ich mit einer der Organisator*innen des Festivals auf einen kurzen Schwatz zusammen. Sie, Ulrike Wörner, eine der Kurator*innen des Festivals, hatte am Abend vorher die Lesung mit der südkoreanischen Literaturnobelpreisträgerin Han Kang moderiert. Die Moderation meines Lebens, meinte sie. Nicht nur wegen ihrer Nervosität, sondern weil sich mit dem lange andauernden Applaus am Schluss der Lesung eine Anspannung löste, die man ihr auf der Bühne nicht anmerkte, die ihr aber den Schlaf geraubt hatte. Schon nach der Lektüre des ersten Romans der Südkoreanerin Han Kang „Die Vegetarierin“ 2016, versuchte Ulrike Wörner, die Autorin ans Sprachsalz einzuladen. Ohne Erfolg, nicht einmal eine Antwort auf ihre Anfrage. Sie tat es auch nach „Menschenwerk“ 2017, wieder erfolglos. Was als tapferer Versuch begann, entwickelte sich zu einer eigentlichen Challenge; jedes Jahr eine Anfrage, auch wenn die Hoffnung auf eine positive Anwort mit der Verleihung des Nobelpreises 2024 noch einmal mehr zu schwanken begann. Dann ploppte doch eine Mail auf, eine Zusage, Es freut uns, ihnen mitteilen zu können. Aber mit der Zusage des Managements einer Nobelpreisträgerin hören die Anstrengungen nicht auf, das kleinteilige Organisieren beginnt, die Abarbeitung einer ganzen Liste von Bedingungen, die im Umgang mit einer Nobelpreisträgerin sehr gut nachvollziehbar sind. 

© Denis Moergenthaler

Es war ein zauberhafter Abend, weil die Faszination dieser Autorin in Kufstein mit Händen zu greifen war, weil die Autorin auf der Bühne genau das zeigte, was sich in ihren Büchern manifestiert, weil man im Saal und davor spürte, dass da jemand sass und sprach, der sich mit seinem Schreiben um die grossen Fragen der Menschheit bemüht, es mit aller Kraft und ganzer Hingabe tut, weil sie sich verletzlich, dankbar und freundlich zugewandt zeigt, obwohl sie sich in ihrer Rolle als Exponentin der Literatur nicht wohl zu fühlen scheint. In ihrem neusten Buch „Der goldene Faden“ veröffentlicht sie einen Teil eines Gartentagebuchs. Sie erzählt von ihrem kleinen Haus, ein bisschen mehr als 30 Quadratmeter und ihrem noch viel kleineren Garten, den sie trotz fehlenden Sonnenlichts, dafür mit Hilfe von Spiegeln, anzulegen beginnt. Was sie tut, tut sie ganz, mit totaler Hingabe, fokussiert und kompromislos. Eine Leidenschaft, die auf Leser*innen überspringt, eine Leidenschaft, die ganz offensichtlich eine Sehnsucht bedient, die in der Gegenwart mit all den Ablenkungen immer schwerer zu erreichen ist.

© Denis Moergenthaler

Als ich am Samstag Morgen in Kufstein in einem Café auf dem Stadtplatz sass und am kleinen Tisch mit anderen über den Abend mit Han Kang sprach, sah ich die Autorin in ihrem langen beigen Regenmantel (Die Sonne schien.) an meinem Tisch vorbeispazieren. Sie ging langsam, liess ihren Blick auch hinauf an die Giebel der Dächer, ins Blau des Himmels schweifen. Für einen ganz kurzen Moment dachte ich, ihr Buch in meiner Tasche zu schnappen, ihr hinterherzulaufen, um sie doch noch um eine Signatur zu bitten, weil sie am Abend zuvor nicht wollte, dass man sie den Annähungen der Massen aussetzte. Aber ich zügelte mich selbst. Wie vermessen wäre es gewesen, sie aus ihrem Spaziergang herauszureissen. Sie ging Minuten später ein zweites Mal an meinem sonnenbeschirmten Tisch vorbei. Ich wünschte ihr ganz im Stillen alles Gute.

© Yves Noir

Genau das ist es, was ich am Sprachsalz schätze; Auch wenn die Fixsterne der Literatur im Scheinwerferlicht auf der Bühne sitzen – am Morgen danach begegne ich ihnen im Frühstücksraum, auf einem Spaziergang am Inn, auf dem Stadtplatz mitten in Kufstein. Oder im Lift, kurz vor meinem Auschecken. Noch einmal Martin Piekar, der mich schon in den Wochen vor dem Festival mit seinem Prosadebüt „Vom Fällen eines Stammbaums“ überzeugte, ein Autor, der aber schon seit einem Jahrzehnt seinen ganz eigenen Weg als Lyriker geht. Ein Bär von einem Mann mit einem grossen Kämpferherz. Vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Robert Gernhard Preis und nominiert für den Aspekte-Literaturpreis, einem Preis, der anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2026 vergeben wird. Ein Autor, der mit Vehemenz für den Humor in der Literatur streitet. Einer der weiss, dass man im tiefen Wasser den sicheren Boden verlassen muss, um jene Freiheit zu erreichen, die einem zu neuen Ufern bringt. Einer der nicht will, dass der Schrecken übertüncht wird, der Störfaktor bleiben will, nicht zuletzt in seiner Arbeit als Lehrer, in der Vermittlung davon, was Dichtung sein kann; die Manifestation von Auseinandersetzung mit dem Leben. Im Gespräch auf der grossen Bühne des Theatersaals musste er sich wohl nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal mit dem Begriff von „Autobiographie“ und „Autofiktion“ auseinandersetzten, einer im Grunde unergibigen Diskussion, denn Erzählen ist immer Fiktion, selbst dann, wenn er wie in seinem Roman über die schwierige Geschichte seiner Familie und das ebenso schwierige Leben zusammen mit seiner pflegebedürftigen Mutter schreibt. Literatur ist sprachgewordene Auseinandersetzung, im besten Fall Sprachmusik, so wie in „Vom Fällen eines Stammbaums», erst recht in all den Szenen, in denen die Mutter mit polnischem Akzent zu ihrem Sohn spricht, Szenarien, die jenem Gernhard’schen Humor sehr nahe kommen.

© Yves Noir

„Sprachsalz“ als Gastgeber für Sprachdurchdrungene, Sprachbesessene im besten Sinne des Wortes. So wie der 1954 in Schaffhausen geborene Dichter, Romanautor, Essayist und Übersetzer Ralph Dutli, der zum einen mit seinem letzten Gedichtband „Alba“ und mit „Holundertraum“ einer Sammlung seiner 100 Lieblingsgedichte, von der Antike bis in die Gegenwart, Gedichte von Dante, Villon, Louise Labé und John Donne und weiter bis Rimbaud, Apollinaire, Chlebnikow, García Lorca und Brodsky – und Gedichte aus eigener Feder. Ein Buch, das aber eigentlich nur transportiert, ein Buch mit einem Schlüssel (QR-Code) zu seiner Stimme, zu raumfüllender Poesie, die Dutli gekonnt mit seiner Stimme auszufüllen weiss. Ob deutsch, französisch, italienisch oder russisch; Dutlis Stimme überzeugt selbst dann, wenn die Sprache bei mir nur eine Ahnung hinterlässt. Da schwelgt einer und bietet mir seine Kunst wie ein Geschenk an.

Nell Zink © Denis Moergenthaler

Ich bin den Oragniasator*innen von „Sprachsalz“ unsäglich dankbar für die drei in Sprache eingetauchten Tage, die mir das Salz fürs Leben geworden sind. All die anderen Autor*innen; Fernando Aramburu, einer der Grossen der Spanischen Literatur, Uta Köbernick, die mit Witz, Schalk und messerscharfem Kommentar überzeugte, Regina Hilber, eine reisende Poetin oder die in Deutschland lebende und in Kalifornien geborene Schriftstellerin Nell Zink, die abgrundtief über gesellschaftliche Schieflagen schreiben kann.

Ich bin mir bewusst, dass mein Rückblick auf die 24. Internationalen Tiroler Literaturtage in Kufstein unvollständig ist. Nichts desto trotz liebe ich, was dort passiert und freue mich auf die Jubelausgabe im Spätsommer 2027!

DANKE!

Beitragsbild © Denis Moergenthaler

Schweizer Buchpreis 2026, Die Nominierten #SchweizerBuchpreis 26/01

Sie sind da, die fünf Bücher, die fünf Namen. Mit Spannung erwartet, mit einem Gemisch von Zustimmung und Verwunderung zur Kenntnis genommen. Vier Frauen und ein Mann. Drei Namen, die ich auf meiner ganz persönlichen Liste hatte, zwei, die mich überraschen.

Die Auszeichnung ist mit insgesamt 42‘000 Franken dotiert. Der:die Preisträger:in erhält 30‘000 Franken; die vier anderen Finalist:innen erhalten jeweils 3‘000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 15. November 2026 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.

Die Begründung der Jury: Mit der diesjährigen Shortlist begeben wir uns auf die Suche. Die fünf nominierten Romane richten den Blick auf das Verborgene und schärfen unsere Wahrnehmung für das, was zu oft unsichtbar bleibt: eine Mutterschaft am Rande der Gesellschaft, die inneren Erschütterungen nach einem Erdbeben, Altersarmut und prekäre Arbeit, Kälte innerhalb einer Familie sowie Abhängigkeit und Ohnmacht in einer Liebesbeziehung.
Die Autorinnen und der Autor kreisen um die Fragen: Was erkennen wir? Und wie erinnern wir uns? Sie loten die Möglichkeiten des Erzählens ebenso aus wie jene des bewussten Nicht- Erzählens und nutzen souverän die Spielräume, die allein die Literatur bietet.
Die nominierten Werke zeigen nicht nur vielfältige Lebenswirklichkeiten auf, sondern auch die sprachliche und stilistische Bandbreite der Schweizer Gegenwartsliteratur.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht » (Rowohlt Verlag)
Lukas Bärfuss erzählt vom Aufwachsen mit einer Mutter, die sich selbst «Rabenmutter» nannte: eine Frau ohne Bildung, ohne Geld und ohne Perspektiven. Er landete als Halbwüchsiger auf der Strasse, der Mutter blieb im Alter kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Karibik. Im Rückblick wird diese persönliche Leidensgeschichte mit der Sozial- und Politikgeschichte der Schweiz verknüpft. Mit Wut und Wucht fragt Bärfuss, welchen Anteil gesellschaftliche und staatliche Verhältnisse an der Lebenssituation seiner Mutter hatten – und macht so aus einer Familiengeschichte eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen Verlag)
6. Februar 2023: In der Türkei und in Syrien hat die Erde gebebt. Die Ich-Erzählerin sitzt zu Hause und wartet auf Nachricht von ihren Verwandten und lässt gleichzeitig ihr Leben, das sie als Tochter einer türkischen Familie in  Deutschland gelebt hat, Revue passieren. Und da ist noch die Sehnsucht nach «Niemand», dem Mann, der sie verlassen hat und den sie nicht loslassen kann. In «Hauptsache kein Zeitgeist» entfaltet sich in 24 Stunden, gegliedert in 24 Gesänge, die Komplexität und Vielfalt der Gegenwart. Formal mutig und innovativ, umkreist die Erzählerin grosse Themen wie Migration und Feminismus, sucht Erklärungen in der Sozialphilosophie, denkt über die Beziehung zur Mutter nach und lernt schliesslich sich selbst neu kennen.

Yael Inokai «Die Auster» (Hanser Berlin Verlag)
Dr. Bronstett, der Geschäftsführer eines legendären Berliner Kaufhauses, wird ermordet aufgefunden. Die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch hat bereits alle Spuren beseitigt, als die Polizei am Tatort eintrifft. Schnell zeigt sich, dass in diesem Roman nicht die Aufklärung die Hauptsache ist, sondern der Mikrokosmos der Kaufhauswelt, den Yael Inokai mit leichter Hand entwirft. Es ist eine Welt, in der Glanz und Elend, Luxus und Armut aufeinandertreffen. Mit geschliffenen Dialogen und mit stilistischer Raffinesse entwickelt Inokai ein
Beziehungsgeflecht, in dessen Zentrum eine Person steht, die meistens unsichtbar und selten Romanheldin ist: die Reinigungskraft.

Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis» (Rowohlt Berlin Verlag)
Anna hat ihren Bruder seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Er lebt zurückgezogen in Grönland. Nach dem Tod der Eltern reist Anna zu ihm. Während sie in einem Hotel auf ihn wartet, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Ihre deutsche Mutter heiratete in den 50er-Jahren über die Grenze in die Schweiz, wo sie nicht willkommen war. Während die Familie vordergründig ein verschontes Leben lebt, hinterlassen der Krieg und seine Verwerfungen Spuren. Mit starken Bildern und sprachlicher Präzision verwebt die Autorin die überwältigenden Eindrücke
in Grönland mit den Nachkriegsjahren im Deutsch-Schweizer Grenzland zu einem grossen Familienroman.

Sarah Elena Müller «Unwucht» (Limmat Verlag)
Unendlich oft hat Alice gewartet, auf Rio, auf einen Anruf von ihm, auf ein Zeichen. Sie hatten sich im Kunststudium kennengelernt. Nun verliert er sich in kleinkriminellen Machenschaften und in seiner Drogensucht. Sie jobbt als Kellnerin, klammert sich an unfertige Liebeslieder und will nicht sehen, was die Freundinnen schon lange erkennen: Sie muss weg von ihm. Sieben Jahre später steht Alice vor Rios Tür und will nochmals mit ihm reden. Sie schreibt an einem Buch über die gemeinsame Zeit, um ihre Geschichte zu verstehen. Aber was kann man, was darf man erzählen? Mit sprachlicher Kraft und Witz erkundet die Autorin in «Unwucht» die Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung und die Verstrickungen einer heillosen Liebe.

Illustration © leafrei.com

Nora Gomringer «Am Meerschwein übt das Kind den Tod», Voland & Quist

Ich war der Seismograph für die Beben meiner Mutter.

Gastrezension von Thomas Dütsch, Lyriker 

Die Lyrikerin Nora Gomringer hat unter dem Titel «Am Meerschweinchen übt das Kind den Tod» einen Nachruf auf ihre Mutter 2020 verstorbene Mutter veröffentlicht: Nortrud Gomringer, geborene Ottenhausen, wird 1941 als Deutsche in Krakau geboren, wo ihr Vater als SS-Offizier stationiert ist. Die schwangere Mutter ist – mitten im Russlandfeldzug – ihrem Mann dorthin gefolgt! Nach dem Krieg übersiedelt die Familie nach Hückelhoven nahe der niederländischen Grenze, wo Nortrud und ihr Bruder Wolfhard Kindheit und Jugendzeit verbringen. Ihr Vater, mit Brief und Siegel entnazifiziert, arbeitet nun als Gynäkologe. Nachdem Nortrud, die in ihrer Pubertät eine «wilde Hummel» gewesen sein soll, in einem Internat ihr Abitur gemacht hat, soll sie nach dem Willen ihres Vaters Medizin studieren. Die Tochter aber widersetzt sich, bricht das Studium vor dem Physikum ab, heiratet wenig später und wird Mutter zweier Söhne. Von der wiederholten Untreue ihres Gatten demütigt, trennt sie sich bald von ihrem ersten Mann und beginnt eine Ausbildung zur Grundschulehrperson. In ihrer Abschlussarbeit geht es um die konkrete Poesie im Hauptschulunterricht. Nortrud Ottenhausen «studiert» Eugen Gomringer, bevor sie dessen zweite Ehefrau wird. 1980 kommt Nora-Eugenie zur Welt. Sie ist das einzige Kind aus dieser Ehe, hat aber sieben Halbbrüder. Als Nora in die Pubertät kommt, geschieht zweierlei: Die Mutter erkrankt an Depressionen, die mehrere längere Klinikaufenthalte nötig machen, zeitgleich absolviert sie ein Germanistikstudium, das sie mit einer Promotion über Exilliteratur abschliesst. Eine Zeitlang lebt Nortrud Gomringer von ihrem Ehemann getrennt. Ab 2000 arbeitet sie, zur Empörung der Tochter, als Mitarbeiterin ihres Mannes, der in den Augen der Tochter «ihr Problem und ihre Lösung» ist. Sie ist verantwortlich für den Betrieb der Galerie im Zentrum Rehau und organsiert die Reisen ihres Ehemannes. Im Alter leidet die Mutter unter Atembeschwerden, Psoriasis und wird von einer Gürtelrose nach der anderen heimgesucht: Meine Mutter wurde ihre eigene Dornröschenstaude und litt am Jucken ihrer Haut, der Auflösung ihrer Nägel, der flächenhaften Entzündung ihrer Nerven. Sie stirbt am 8. Dezember 2020 in Rehau. – Nortrud Gomringer liebte die schönen Dinge des Lebens und den Auftritt. In geistreichen und humorvollen Gesprächen blühte sie auf. Sie rauchte gern, kochte gut und beschäftigte sich mit astrologischen Fragen. Als Lehrerin und Kulturvermittlerin war sie weit über Rehau hinaus bekannt und geschätzt.

Nora Gomringer «Am Meerschwein übt das Kind den Tod», Roland & Quist, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-86391-461-5

Tochter Nora wollte über nichts anderes als über ihre Mutter sprechen, schreiben, mich unterhalten. Aber es ist mehr daraus geworden, viel mehr: Kein Nachruf, sondern ein Nachrough, wie es im Untertitel heisst. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin. Der zweihundertseitige Text ist sehr persönlich gehalten und im Grunde die Schilderung eines einzigen grossen Schmerzes: Hinter den zahlreichen Erinnerungen und Anekdoten, die das Buch ausmachen, spürt man eine Sehnsucht nach mütterlicher Gegenwart und Zuwendung, wie die Tochter sie als kleines Kind erlebte, wenn Mutter, im Schaumbad liegend, ihr Geschichten erzählte. Nortrud Gomringer konnte jedoch nicht die verlässliche Bezugsperson sein, die die Tochter gebraucht hätte: Zu oft ist sie für Nora räumlich oder emotional nicht erreichbar. Zu Noras schönsten Erinnerungen gehören daher ein Aufenthalt in Kalifornien, als sie sieben Jahre alt war, und eine Reise mit der Mutter nach Rom, ein Geschenk zur Firmung. Da hatte die Mutter viel Zeit für sie. Die mütterliche Sprunghaftigkeit und Labilität machen der Tochter zu schaffen. Aber Nora gibt nicht auf: Als ihre Mutter Monate in der Klinik verbringt, lernt sie im Laufe der Zeit hundert Gedichte auswendig, um ihr eine Freude zu bereiten. Vor dem Rigorosum fragt die Tochter ihre Mutter tagelang über barocke Lyriktheorie ab. Die Mutter dissertiert über Lion Feuchtwanger, Nora schreibt ein Gedicht über Feuchtwanger und widmet es der Mutter. Das Verlangen der Tochter nach einer unerschütterlichen Beziehung zur Mutter ist umso grösser, als sie auf ihren Vater noch viel weniger zählen kann. Oft ist sie in jungen Jahren auf sich allein gestellt, wenn sie die Zuwendung der Eltern am nötigsten hätte: Ich wusste früh, dass ich nicht zwischen meine Eltern kommen durfte, und nicht hinter sie. Zwischen ihnen wäre zermalmt worden, weil sie mich nicht sahen, wenn sie ihre innigen und mächtigen Momente lebten, und hinter ihnen wäre ich vergessen worden, sie wären schnellen Schrittes um ein paar Ecken geeilt und hätten ihre pummelige Tochter einfach abgehängt. Manchmal mischt sich in den Schmerz auch Trotz, und Nora versucht zu rebellieren. Auf ihren Unterarm lässt sie sich jedoch einen Text ihres Vaters tätowieren, weil sie so «stolz» auf ihn ist…

Nora Gomringer klagt niemanden an, sie rechnet nicht ab, aber ihre Form der Autofiktion ist radikal. So erzählt sie etwa, wie sie nach dem ersten Suizidversuch der Mutter im Bad das Blut wegputzt, oder bekennt offenherzig, wie weh es ihr bis heute tut, dass ihre Mutter sie einst als störende «Bleikugel» bezeichnete. 

Gegen Ende des Buches mehren sich die Anzeichen, dass der Tochterschmerz nachlässt: Als eine Krankenpflegerin zu ihr sagt: Sie haben eine ganz tolle Mutter. Und eine so lustige. Bei all dem Mist, den sie hat. So eine freundliche Frau! ist Nora glücklich und perplex und antwortet: Ja, die haben wir. 

Und eine der letzten Episoden ist sogar ausgesprochen humorvoll: Am 20. Januar 2025, es ist der Tag, an dem ihr Vater seinen hundertsten Geburtstag feiern kann, hört Nora «glasklar», wie die Stimme der Verstorbenen zu ihr spricht. Die Mutter hat eine grosse Bitte: Halt ihn noch, solange du kannst, auf der Erde. Wenn er um mich ist, komme ich wieder nicht von ihm weg. Wie soll ich mich da erholen?  

Die Sprache, die Nora Gomringer für ihren Nachrough gefunden hat, ist anschaulich, modern, direkt, durchdacht und an manchen Stellen herausragend poetisch. Der Text, der kein Roman ist, ist klug komponiert und von literarischen Motiven durchwirkt. Sehr hilfreich ist die Unterteilung in zahlreiche kleine Abschnitte. Man geht als lesende Person nicht in einem Sprachstrom unter, sondern hat stets die Möglichkeit, innezuhalten, tiefer zu verstehen und Brücken zur eigenen Biografie zu schlagen. 

In den Chor der Autorinnen und Autoren, die schreibend Abschied von ihren Eltern genommen haben – man denke an Peter Weiss, Josef Winkler, Heinrich Wiesner oder jüngst Ursula Fricker – reiht sich Nora Gomringer als unverwechselbar weibliche, kraftvolle und bildstarke Stimme ein. 15’000 Exemplare des Buches sind bisher verkauft worden. Es sollten noch deutlich mehr werden.

Nora Gomringer, 1980 geboren, ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin, Filmemacherin und schreibt und spricht für Radio, Fernsehen und Feuilleton. Opernlibretti und Theaterarbeiten sowie zahlreiche Zusammenarbeiten mit Bildenden Künstler*innen machen sie zu einer der bekanntesten Dichterinnen ihrer Generation. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2022 den Else Lasker-Schüler-Preis und zuletzt wurde sie 2025 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.

Beitragsbild © Judith Kinitz