Fleur Jaeggy «Die letzten Tage von Ingeborg», Suhrkamp

Ingeborg Bachmann, Ikone der Literatur des 20. Jahrhunderts, und Fleur Jaeggy waren Freundinnen. Wer im schmalen Buch „Die letzten Tage von Ingeborg“, das Fleur Jaeggy ein halbes Jahrhundert nach dem tragischen Tod ihrer Freundin schrieb, Enthüllungen sucht, liest mit falscher Absicht.

Ingeborg Bachmann, eine jener Stimmen deutscher Literatur, die wohl nie vergessen wird, starb am 17. Oktober 1973 47jährig in Rom an den Folgen eines tragischen Brandunfalls. Ein Tod, der bis in die Gegenwart Spekulationen provoziert. Als Ingeborg Bachmann starb, war Fleur Jaeggy eine junge Autorin, beeindruckt von ihrer älteren Freundin, aufgehoben im gemeinsamen Wunsch, in der Sprache Heimat zu finden. Als Ingeborg Bachmann starb, verlor die Literatur einen Fixstern, Fleur Jaeggy eine Freundin, die sie auch ein halbes Jahrhundert nach deren Tod noch immer begleitet.

„Die letzten Tage von Ingeborg“ ist keiner der unsäglich vielen Mosaiksteine, die sich mit Leben, Sterben, mit dem Werk der grossen Autorin beschäftigen. Auch kein Bericht, kein Statement, nicht einmal ein Denkmal – höchstens für Fleur Jaeggy selbst. Für Fleur Jaeggy muss der Verlust ein permanenter Schmerz sein. Ein Gefühl, das all jene kennen, die mit zunehmendem Alter durch Sterben und Tod von jenen Menschen getrennt werden, die ihnen Leben bedeuten. Vielleicht wäre Fluer Jaeggy gar nie Schriftstellerin geworden, oder jene Schriftstellerin, die sie geworden ist, hätte sie damals in Rom Ingeborg Bachmann nicht kennengelernt.

Fleur Jäggy «Die letzten Tage von Ingeborg», Suhrkamp, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Schaden, 44 Seiten, CHF ca. 19.90, ISBN 978-3-518-43329-4

Im Sommer 1971, zwei Jahre vor dem Tod Ingeborg Bachmanns, fahren die beiden Freundinnen mit einem roten Alfa Romeo 2600 für einen Monat gemeinsam an die toskanische Küste, nach Poveromo-Forte dei Marmi, um sich aus dem Trubel ihres Lebens auszuklinken. Keine Zerstreuung, aber 30 Tage Gemeinschaft, mit nichts anderem als mit sich selbst und der Freundin. Man macht Spaziergänge, schwimmt im Meer, isst zusammen, empfängt nur wenig Besuch (Italo Calvino mit seiner Frau und Uwe Johnson mit dem ersten Teil seines Opus Magnum „Jahrestage“). Man geniesst die langen Gespräche und die Ruhe im Haus und im verwilderten Garten, überzeugt, es wäre noch immer der Anfang einer langen Freundschaft.

Dann die Katastrophe. Nicht nur der Brand, auch die Tatsache, dass schon in den ersten Stunden und Tagen vieles unerklärlich, unerklärbar bleibt; das Schweigen, das Verheimlichen, die Einsamkeit, die offensichtlichen Notmassnahmen, die nicht sofort eingeleitet wurden, fehlende Kompetenz. Sie, die von allen geachtete und verehrte Schriftstellerin, bleibt im grössten, erdenklichen Schmerz allein. Ihre Freundin, Fleur ebenfalls, im Ungewissen, einem aseptischen Zimmer isoliert, die Freundin Fleur ganz ähnlich. Ein Schmerz, der sich auch fünf Jahrzehnte nach der Tragödie nicht verflüchtigt hat. Ein Schmerz, der bei der Trauerfeier noch zementiert wurde, die Verstorbene entblöste.

So ist „Die letzten Tage von Ingeborg“ ein Buch der Sehnsucht, des Schmerzes, das fluide Nachspüren einer Freundschaft, in aller Feinheit formuliert, weit weg von Enthüllung und Sensation. Eine Mischung aus Tagebuch und Erinnerung, Empfindungen und Momenten, die sich nicht auslöschen lassen.

Für all jene, die die Bücher von Ingeborg Bachmann lieben, eine Liebeserklärung. Für all jene die Fleur Jaeggy kennen ein Zeugnis. Für all jene die Fleur Jaeggy nicht kennen, die Aufforderung mit dem Lesen ihrer Bücher zu beginnen!

Fleur Jaeggy ist eine schweizerische und italienischsprachige Autorin, Ex-Model, Intellektuelle, Mystikerin, inzwischen etwas über 80 Jahre alt, ehemals enge Vertraute Ingeborg Bachmanns, Witwe des Adelphi-Verlegers Roberto Calasso, heute lebt sie weitgehend zurückgezogen in Mailand. Ihr weltweit gefeiertes Werk umfasst Romane, Erzählungen und Geschichten. 2024 erhielt sie den Gottfried-Keller-Preis der Martin Bodmer-Stiftung für ihr Gesamtwerk und 2025 wurde sie mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet.

Barbara Schaden studierte Romanistik und Turkologie in Wien und München, arbeitete anschließend als Verlagslektorin und ist seit 1992 freiberufliche Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Italienischen. Sie hat u.a. Werke von Kazuo Ishiguro, Fleur Jaeggy, Nadine Gordimer und Elena Ferrante übertragen und ist dafür vielfach ausgezeichnet worden. Barbara Schaden lebt in München.

Beitragsbild ©

Fleur Jaeggy «Ich bin der Bruder von XX», Suhrkamp

Geschichten wie dunkle Gemälde! Dass Fleur Jaeggy bei vielen Leserinnen und Lesern nicht auf dem Schirm ist, mag verschiedene Gründe haben. Zum einen schreibt die Schriftstellerin italienisch, zum andern lebt sie scheu und zurückgezogen in Norditalien. Aber wahrscheinlich liegt der Grund auch in der männerdominierten Vergangenheit der Kultur- und Literaturszene.

Dass Suhrkamp in den kommenden Jahren das Werk von Fleur Jaeggy nach und nach wieder in seiner Breite einem deutschsprachigen Publikum zugänglich machen will, ist löblich und mit einem Seitenblick auf Annie Ernaux mehr als verständlich. So wie die grosse Französin entwickelte Fleur Jaeggy in den fünf Jahrzehnten ihres Schreibens einen ganz eigenwilligen Stil, weit weg vom blossen Geschichtenerzählen. Jaeggys Texte, ihre Kurzgeschichten im 2014 in Italienisch erschienenen Band „Ich bin der Bruder von XX“, schildern in einer dunkel gefärbten Sprache vom Unerklärlichen des Lebens. Fleur Jaeggy erzeugt eine ganz eigene Tiefe in Geschichten, die mich als Leser stets mit einem Rest Ratlosigkeit zurücklassen. Einem Rest, der durch seine Verschlüsselung noch lange nachwirkt. Sie erzeugt Bilder, die über die Grenzen zum Surrealen hinausgehen, manchmal von einer ganz alltäglich, fast banalen Eingangsszene bis in den Alp.

Fleur Jaeggy «Ich bin der Bruder von XX», Suhrkamp, aus dem Italienischen von Barbara Schaden, 114. Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-518-43166-5

Mit ihrer im appenzellischen Teufen spielenden Internatsnovelle «Die seligen Jahre der Züchtigung», erlangte Fleur Jaeggy 1989 Beachtung weit über Europa hinaus, Beachtung, die ihr in ihrem Ursprungsland stets verwehrt blieb. Erst in diesem Jahr ehrte man die 84jährige in der Schweiz mit dem Gottfried-Keller-Preis, einem Preis, die die Schriftstellerin endlich in die Reihe der Grossen in der CH-Literatur stellt.

„Ich bin der Bruder von XX“, 20 Prosaminiaturen, liest sich wie eine Bilder- und Fotoausstellung. Ausschnitte eines Lebens, die Stimmungen aus ihrem Leben schildern, aber nicht, um sie zugänglich zu machen. Fleur Jaeggy verschleiert. Manchmal scheint sie auch mit Absicht in die Tiefenschärfe einzugreifen, als wolle sie mich zwingen, durch ihre Sinneseindrücke Fragen zu verändern, den Blick umzuleiten. Selbst in Familienszenen dominiert das Bedrohliche, die Enge, das Fremde. Als wäre sie in der Welt, in die sie hineingeboren wurde, nie heimisch geworden, auf eine ganz seltsame Weise einsam geblieben.

In einer der kurzen Texte beschreibt Fleur Jaeggy gar eine Begegnung mit ihrer Freundin Ingeborg Bachmann. Darüber, was sein wird, wenn sie dereinst alt sein werden. „Jeden Tag ging ich ins Sant‘Eugenio, Abteilung Schwere Brandverletzungen. Zweimal betrat ich ein Zimmer, das aseptisch sein musste.“ Etwas, was ihre Kurzprosa ganz und gar nicht ist.

Ein Juwel und ein Stück grosse CH-Literatur!

Fleur Jaeggy ist eine schweizerische und italienischsprachige Autorin, Ex-Model, Intellektuelle, Mystikerin, inzwischen etwas über 80 Jahre alt, ehemals enge Vertraute Ingeborg Bachmanns, Witwe des Adelphi-Verlegers Roberto Calasso, heute lebt sie weitgehend zurückgezogen in Mailand. Ihr weltweit gefeiertes Werk umfasst Romane, Erzählungen und Geschichten – beginnend mit «Ich bin der Bruder von XX», wird es fortan vollständig im Suhrkamp Verlag erscheinen. 2025 wird Fleur Jaeggy mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet.

Fleur Jaeggy im Autorenlexikon von Charles Linsmayer

Barbara Schaden studierte Romanistik und Turkologie in Wien und München, arbeitete anschliessend als Verlagslektorin und ist seit 1992 freiberufliche Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Italienischen. Sie übersetzt neben Kazuo Ishiguro unter anderem Patricia Duncker und Nadine Gordimer. Barbara Schaden lebt in München.

Fleur Jaeggy «Die Seeligen Jahre der Züchtigung», Suhrkamp, 2024, aus dem Italienischen von Barbara Schaden,
Broschur, 110 Seiten, CHF ca. 18.90, ISBN 978-3-518-47427-3

Ein Mädcheninternat im Appenzell der sechziger Jahre. Gehorsam und Disziplin prägen die Ordnung des Hauses. Die heitere Landschaft vor den Fenstern treibt die vierzehnjährige Ich-Erzählerin zu stundenlangen einsamen Spaziergängen. Eines Tages erscheint eine Neue während des Mittagessens: Frédérique, schön, streng, verächtlich und voller Überdruss. Frédérique ist anders, etwas Leises und Schreckliches umgibt sie. Ihr sind Beherrschung, Gehorsam und Perfektion bereits zur zweiten Natur geworden. Die Erzählerin ist gebannt von ihrer Erscheinung, sie will sie erobern, sucht ihre Freundschaft. Empfänglich für den morbiden Reiz der Disziplin verfällt sie Frédérique mehr und mehr. Und erst ein ganzes Leben später kann die Erzählerin ihre abgründige Liebe in Worte fassen.

Beitragsbild © Effigie/ Bridgeman Images/Suhrkamp Verlag