Hugo Ramnek, Wolfram Schneider-Lastin Hg. «Am Bahnsteig. Geschichten von Ankunft und Abschied», Rotpunkt

In Bahnhöfen rieche und höre ich, sehe Menschen und ihre unterschiedlichen Erfahrungen von Glück und Pech, Verlust und Hoffnung, schrieb mir der Schriftsteller Waseem Hussain, als ich ihn fragte, was ihn zum Mitschreiben an dieser Sammlung antrieb.

Irgendwann nach Mitternacht, ohne Anschluss, eine improvisierte Übernachtung auf dem Bahnhof oder soviel Geld für ein Taxi, dass man damit zu zweit auswärts essen könnte.
Bei Regen und Sturm irgendwo am Bodensee, gestrandet unter Leuten, die in einer Mischung aus Ratlosigkeit und Verärgerung an ihren Telefonen herummachen.
Am Gare de l‘est in Paris am Sonntag auf der Rückreise mitten im Streik ohne Informationen, ausgebremst mit der leisen Ahnung, dass sich die nur langsam gewonnene Erholung viel zu früh wieder verflüchtigt.
In freudiger Erwartung, dass sie in wenigen Minuten endlich einem der Züge entsteigen und beginnen würde, wonach ich mich schon so lange sehnte.

Bahnhöfe sind eigenartige Orte, an denen man ankommt, um möglichst schnell wieder zu verschwinden – und wegfährt, weil es sehr oft unvermeidbar ist. Orte des Übergangs, Durchgangs, an denen niemand bleibt, höchstens die dauerhaft Gestrandeten mit ihrem Dosenbier auf dem Abfalleimer und ihren überlauten Gesprächen über alles und nichts. Orte, an denen man manchmal rennt und manchmal stundenlang warten muss.
Bahnhöfe sind aber auch wundersame, mitunter wunderschöne Orte. Dann, wenn etwas vom Stolz jener Zeiten übrig geblieben ist, als die Bahn wie Kim etwas anderes Fortschritt, Innovation und Zukunft verkörperte. Wenn Bahnhofshallen zu Manifestationen werde, zu Toren anderer Welten.

Hugo Ramnek, Wolfram Schneider-Lastin «Am Bahnsteig. Geschichten von Ankunft und Abschied», Rotpunkt, 2026, 240 Seiten, ISBN 978-3-03973-100-8

Martin R. Dean erzählt in seiner Geschichte von einem Wartenden am Bahnhof in Locarno, einem Sackbahnhof, wo die Geleise enden. Von einem Mann, der auf eine Frau wartet, jene Frau, die gleichzeitig seine grosse Liebe und seine grosse Abwesende war. Deren Leben ein so ganz anderes war als das sein, zwei Leben, die nie zusammenzupassen schienen. Ein Mann, dessen Warten viel mehr ist als bloss Warten. Der dort an Erinnerungen nachhängt, an Versäumtem, an Durchgestandenem, an Zusammensein und Trennung, die wie einem Pendel folgten. «Die Verspätung», ein zarter, durchscheinender Text.

Durch die Erinnerung an Bahnhöfe, wo Teile meiner Geschichte stattgefunden haben. Der Bahnhof Locarno gehört wie der Ort selbst seit über einem halben Jahrhundert zu meiner persönlichen Geschichte. Um den Doppelcharakter literarisch umzusetzen, habe ich dem Bahnhof auch Aspekte des Tartarus gegeben, als Ort, wo sich die Toten einfinden, bevor sie in ihr Reich verschwinden. Martin R. Dean

Wenn aus Siegern Besiegte werden, die aufbauen müssen, was Bomben und Kanonen vorher zerstörten. Wenn aus Besiegten Sieger werden, die den Hass auf all das Verderben, das Töten und Morden nicht so einfach vergessen können. Und doch entsteht da etwas Neues, so wie in «Den Himmel kämmen» von Karl Rühmann mit dem Bahnhof Sarajevo. Wenn aus Gegnern Freunde werden. Nicht weil der eine den andern retten wollte, sondern weil er jenen mit dem Gewehr daran hindern wollte, noch einmal mit dem Töten zu beginnen. Hasan und Max, die sich vierzig Jahre nach diesem einen Schuss noch einmal treffen – auf dem Bahnhofsdach. Karl Rühmann erzählt von einem Ort, der zum Brennpunkt wurde, ein Mischort zwischen Hoffnung und Mahnmal, zwischen Erinnerung und dem Glauben an eine bessere Zukunft.

Ich habe in einer Zeitung gelesen, dass der Bahnhof in Sarajevo zwischen 1948 und 1952 von deutschen Kriegsgefangenen gebaut wurde. Es hiess, man habe ihnen die Freiheit versprochen, sobald der Bahnhof fertiggebaut sei. Der Gedanke hat mich fasziniert: Ein prestigeträchtiges Gebäude, mit einer grossen Symbolik behaftet, wird von Menschen gebaut, die bis gestern Feinde waren. Dann sah ich ein Foto des Bahhofs: Die abgerundeten Trennwände auf dem Dach erinnerten mich stark an einen überdimensionierten Kamm. Danach schrieb sich die Geschichte gewissermassen von alleine. Zumal der Gegensatz zwischen Freund und Feind, Früher und Heute, Hoffnung und Enttäuschung in allen meinen Büchern zu finden ist. Karl Rühmann

Über dreissig AutorInnen und ebenso viele Bahnhöfe. Von Monika Helfer bis Bänz Friedli. Von Wien bis Wellingtonbridge, von Wädenswil bis Mumbai. Lauter Zwischenhalte von Reisen, die nie enden.

Hugo Ramnek, 1960 in Klagenfurt geboren, studierte Germanistik und Anglistik in Wien und Dublin. In Zürich besuchte er die Schauspielschule und unterrichtete am Liceo Artistico. 2012 war er für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert; für seine Romane erhielt er unter anderem zweimal den Literaturpreis der Stadt Zürich sowie den Premio Letterario Internazionale Merano-Europa. Hugo Ramnek lebt in Zürich und Wien und tritt regelmäßig als Leseperformer auf.

Wolfram Schneider-Lastin, 1951 in Schwäbisch Gmünd geboren, studierte nach einer Schauspielausbildung in Stuttgart Geisteswissenschaften an den Universitäten Tübingen, Wien und Rom. 1988 zog er in die Schweiz. Neben zahlreichen Schauspielengagements arbeitete er als Dozent an verschiedenen Schweizer Universitäten. Wolfram Schneider-Lastin ist freier Autor und Herausgeber von wissenschaftlichen und belletristischen Publikationen. Er lebt in Zürich. 

Beitragsbild © privat

Evelina Jecker Lambreva «Entscheidung», Braumüller

Bulgarien im Sommer 1987. Die junge Ärztin Anja wird wie Hunderte Medizinabsolventinnen und -absolventen vom Staat aufs Land beordert. Sie tritt ihre erste Stelle in einem gottverlassenen Dorf im Balkangebirge an. In der harten Lebensschule des Dorfes Svescht lernt sie nicht nur den Tod, das Leiden und die Nöte der eigenartigen Dorfbevölkerung kennen, sondern wird auch mit den bestürzenden Schicksalen der Insassen des dortigen Heimes für Kinder und Jugendliche aus randständigen Familien konfrontiert. Einziger Lichtblick: die Lehrerin Dora. Wie Anja verachtet auch sie das kommunistische System, die Gewalt und den Gewaltapparat, der sich lückenlos und in verschiedensten Formen vom Schul- bis ins Greisenalter der Menschen in der bulgarischen Gesellschaft hinzieht. Dass sich zwischen den zwei stillen Rebellinnen eine Freundschaft entwickelt, bleibt dem Geheimdienstler Genosse Nakov, der alle Fäden im Dorf zieht, nicht verborgen. Er versucht, Anja zur Mitarbeit für die hohe Spionage zu gewinnen. Der Lohn: eine glanzvolle Arztkarriere und akademischer Aufstieg. Ihre Absage wird Anja zum Verhängnis und steigert Genosse Nakovs Hass auf sie.

Anmeldung erforderlich unter info@stadtbibliothek-arbon.ch

Die Veranstaltung ist kostenlos. Im Anschluss offerieren die Evangelische Kirchgemeinde und die Stadtbibliothek gemeinsam einen Apéro.

Eine spannend und mit viel Empathie geschriebene Geschichte über den Kampf einer jungen Frau in den Wirren der Geschichte. Ein Roman, der mir bewusst macht, wie gross das Geschenk ist, in einem demokratischen Land geboren worden zu sein. Gallus Frei

Rezension mit Interview auf literaturblatt.ch

Evelina Jecker Lambreva, 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren, lebt seit 1996 in der Schweiz. Sie arbeitet als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. Ihr literarisches Schaffen in deutscher Sprache begründete sie mit dem Gedichtband «Niemandes Spiegel» sowie den Erzählbänden «Unerwartet» und «Bulgarischer Reigen». Bei Braumüller erschienen: «Vaters Land» (2014) «Nicht mehr» (2016) «Entscheidung» (2019), «Im Namen des Kindes» (2022) und zuletzt «Mein Name ist Marcello» (2025).

mehr von und über Evelina Jecker Lambreva

Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist», Claassen #SchweizerBuchpreis 26/06

Am 6. Februar 2023 bebt die Erde im Südosten der Türkei und im Norden Syriens. Mehr als 60 000 Menschen verlieren ihr Leben, ganze Stadtteile werden dem Boden gleichgemacht. Millionen werden obdachlos. Am 6. Februar 2023 bleibt eine junge Frau in Zürich in ihrer Wohnung. Alles bricht auf sie ein.

Die Erzählerin in Hayat Erdoğans Debütroman erfährt kurz nachdem sie in ihrer Wohnung in Zürich aufwacht, dass ein schweres Erdbeben ganze Landstriche verwüstet hat, auch solche, mit denen ihre Familie verbunden ist. Menschen sind verschüttet und gestorben, Existenzen vernichtet. Was als seismische Naturkatastrophe die Ränder von Kontinentalplatten erschüttert, bebt gleichermassen in der Stimme, im Denken der Erzählerin, reisst Abgründe auf, reisst Vergessenes, Unverdautes aus dem Vergessen hervor. Eine Frau in Zürich, weit weg vom Epizentrum des Bebens, wird von den Wellen des selben erfasst. Sie, die eigentlich zu funktionieren hätte, auf die Arbeit wartet, die einen Vortrag zu schreiben hätte, die Mails beantworten müsste, sieht sich mit Bildern, Gedanken, Assoziationen konfrontiert, die sie in Wellen überschwappen. Das Trauma der Menschen in ihrem Herkunftsland, ihrer Familie, erfasst sie in ihren vier Wänden, wirbelt sie durch, lähmt sie ebenso wie sich Abgründe öffnen, Visionen zu flimmern beginnen, Gedanken mäandern.

Eine Frau im Zwiespalt zwischen Pflichten, die nichts mit dem zu tun haben, was momentan über sie hereinbricht, dem Schmerz einer Trennung, einer Entliebung zu einem „Niemand“, den sie mit genau diesem Ettikett zu fassen versucht. Die Konfrontation des Banalen mit dem Dramatischen, den Wortmeldungen ihrer Familie, dem Klagelied ihrer Mutter, den Nachrichten auf ihrem Telefon. Ein Kammerspiel mit klaustrophobischer Wirkung, ein Aufeinanderprallen von extrem unterschiedlichen Wirklichkeiten. Hayat Erdoğan unterteilt ihr Buch, das vielmehr ein essayistischer Roman als ein erzählerisches Werk ist, in 24  Gesänge, jeden einer Stunde eines schlaflosen Tages zugeordnet. Sie erzählt weder die Geschichte einer gestressten, in Pflichten eingebundenen Frau, noch das Protokoll einer Naturkatastrophe aus der Distanz. Es ist das Beben selbst, das sich in der Erzählerin fortsetzt, mit einem ganzen Chor an Stimmen, die sich ins Geschehen, ins Mäandern mischen, allen voran der irische Schriftsteller und Dichter James Joyce.

„Hauptsache kein Zeitgeist“ kann auch durchaus als Absichtserklärung gelesen werden. Wenn überhaupt erzählt, sind es Assoziationen. Die Erzählstimme lässt sich wegtragen auf der Suche nach Spuren, einer Spur für den Vortrag, den sie schreiben sollte, einer Spur, um auf das zu reagieren, was an seismischen Wellen auf sie einschlägt, auf all das, was die Geschichte ihres Herkunftslands an Vernarbungen zurückgelassen hat, auf das, was an Rebellion gegen Festgefahrenes und Eingeschriebenes, gegen Gewalt und Diskriminierung Wunden immer und immer wieder aufreisst, auch dort, wo Begriffe wie Liebe und Sehnsucht schnell verklären.

„Hauptsache kein Zeitgeist“ ist ein bewegendes, anspruchsvolles Buch. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass dieses Buch für den Schweizer Buchpreis nominiert ist. Nicht, dass es der Nominierung nicht würdig wäre, ganz im Gegenteil. Wenn der deutsche Schriftsteller Maxim Biller gegen „harmlose Wohlfühlprosa“ wettert, dann entspricht „Hauptsache kein Zeitgeist“ genau dem, was der ewig Unangepasste fordert. Hayat Erdoğans Debütroman ist alles andere als Wohlfühlprosa, auch keine Nabelschau einer Gekränkten, Verwundeten. Viel mehr eine kraftstrotzende Kampfschrift, die alles von mir als Leser abverlangt. Da schreibt jemand mit jeder Zelle seines Seins!

Hayat Erdoğan» Hauptsache kein Zeitgeist», Claassen, 2026, 304 Seiten, ISBN
9783546100915

Hayat Erdoğan ist Dramaturgin, Kuratorin und Kolumnistin. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Dramaturgie, war Forschungsstipendiatin der James Joyce Stiftung in Zürich und Triest, Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste, und leitete künstlerische, forschende Projekte zwischen London und Hong Kong. Von 2019 bis 2025 war sie Co-Direktorin und Dramaturgin am Theater Neumarkt in Zürich. «Hauptsache kein Zeitgeist» ist ihr Debütroman. 

Illustrationen © leafrei.com

Schreibwettbewerb – „Nein“

(D)eine Advents- Weihnachtsgeschichte

  • nicht mehr als 10000 Zeichen (inkl. Satzzeichen und Leerschläge)
  • Textart ist frei.
  • keine Garantie, dass der Text zu Veröffentlichung kommt
  • bitte mit AutorInnenfoto (im Querformat, in geeigneter Auflösung) und Kurzvita
  • keine Fotos von Texten, sondern Textdateien
  • bitte an info[at]literaturblatt.ch, Texte nach 8. November werden nicht berücksichtigt!
  • Die 7 ausgewählten, veröffentlichten Texte werden von Lea Frei illustriert und stehen danach samt Illustration zur freien Verfügung.

    Advendsgeschichten 2025

    Adventsgeschichten 2024

    Adventsgeschichten 2023

    Adventsgeschichten 2022

Tim Krohn «Bigna und die Berge», Atlantis

Er lebt mit seiner Familie im Val Müstair, im vorletzten Dorf Richtung Grenze zu Italien. Er schreibt, verdient sein Geld mit Schreiben. Nicht ganz einfach, sich die nötige Ruhe zu nehmen, erst recht dann, wenn eine Sechsjährige aus der Nachbarschaft Fragen stellt, auf die er irgendwann beinah zu warten scheint.

Bigna ist die Tochter einer Weberin aus der Nachbarschaft. Bigna geht noch nicht zur Schule, hat genügend Zeit, durchs Dorf zu streifen. Selbst die Autos, die sich durch die engen Gassen des Dorfes drängen, sind nicht sicher vor ihr. Von grenzenloser Neugier getrieben begegnet sie immer wieder dem Erzähler, der sich in der Stille seines Gartens einen Platz sucht, um einen Faden in seinem Schreiben zu finden. Dann hockt Bigna mit einem Mal auf der Steinmauer, nimmt sich die letzten Himbeeren aus dem Strauch und beginnt zu fragen, unverfänglich, ungefiltert, schamlos und auf ihre Art respektlos. Fragen, die man als Erwachsener zu stellen vergessen hat. Fragen, die die meisten Kinder so gar nie über die Lippen bringen. Fragen, die der Erzähler immer mehr auch für das eigene Denken und Schreiben braucht. Fragen, die ihn auf Fährten bringen, die unentdeckt geblieben wären, hätte er sie nur in seinem eigenen Kopf gesucht. Fragen, die Anstand und Rücksicht verboten hätten. Fragen, die ihn aufrütteln, Selbstverständlichkeiten und Normen bröckeln lassen.

Tim Krohn «Bigna und die Berge», Atlantis, 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3-7152-5067-0

Die einzelnen Kapitel aus „Bigna und die Berge“ erschienen über viele Monate in der Zeitschrift „Reformiert“ unter dem Titel „Kindermund“. Also kein Romanprojekt mit einer fortlaufenden Spur, die Tim Krohn selbst gelegt hat. Zum einen reagierte er auf die Rektionen der Leser*innen der regelmässigen Beiträge und zum andern auch auf das aktuelle Geschehen während des Schreibens selbst. Letztlich beschreibt er sich selbst. Einen Schriftsteller mit Familie. Einen Mann, der in seinem Selbstverständnis erschüttert ist, nicht zuletzt als Schriftsteller, der glaubt, dass man sich immer weniger für das interessiert, wofür eigentlich sein Herz brennt. Einen Mann, der an der Schriftstellerei ebenso zweifelt wie an den Mechanismen der Buchbranche. „Bigna und die Berge“ ist aber auch die Auseinandersetzung mit der Zeit, mit den Sorgen eines Vaters, eines Ehemanns, eines Dorfes, dass im Strom des Verkehrs zu ersticken droht. Aber vorallem die Geschichte eines Kindes, das die Welt mit ganz eigenen Augen sieht. Mit Sicherheit jenen eines hochbegabten Kindes, das Leser*innen zu Auseinandersetzungen zwingt, denen sie sich lieber nicht aussetzen möchten, die unbequem, manchmal gar störend sind – aber nie sinnlos. Fragen, die dem Leben eine andere Färbung geben. Antworten des Schriftstellers, über die ich staune, weil es die Antworten eines Mannes sind, die ebenso klug, weise, überraschend wie witzig sind. Zwei Welten, die aufeinanderprallen, die sich im Gespräch auf eine ganz eigene Art und Weise annähern. Ein Kind, getrieben von unendlicher Neugier, und ein alternder Schriftsteller, der sich mit Vergnügen aus der Fassung bringen lässt.

„Bigna und die Berge“ ist köstlich. Geschichten, die gut tun. Geschichten, die mir ans Herz wachsen. Geschrieben von einem Mann, der sein Handwerk versteht, auch wenn mitunter Enttäuschungen durchscheinen. Enttäuschungen eines Schriftstellers, dem der Boden unter den Füssen wegzurutschen droht.

Tim Krohn (*1965) wuchs als drittes Kind einer Hamburger Familie im Glarnerland auf, wurde nach einer wilden Jugend als Freejazz-Saxofonist und ewiger Student freischaffender Schriftsteller und lebt mit der Schriftstellerin Micha Friemel und ihren vier gemeinsamen Kindern im Dreihundertseelendorf Santa Maria Val Müstair, gleich an der Grenze zum Südtirol. Zu seinen literarischen Werken gehören neben Romanen wie «Quatemberkinder», «Vrenelis Gärtli», «Irinas Buch der leichtfertigen Liebe», «Ans Meer», der Trilogie «Menschliche Regungen» und «Die heilige Henni der Hinterhöfe» auch zahlreiche Theaterstücke und einige Opernlibretti. Unter dem Pseudonym Gian Maria Calonder schrieb er ausserdem acht Krimis, die im benachbarten Engadin spielen. Für Jugendliche schrieb er den Roman «Wir entern ein Engadinerhaus» und, gemeinsam mit dem Zeichner Chrigel Farner, die Graphic Novel «Pippin der Nichtsnutz».

mehr von und über Tim Krohn auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Nina Mann

Bruno Winzap «Einer wie Heusser», edition bücherlese – Buchtaufe

Buchtaufe «Einer wie Heusser», edition bücherlese – am 28. Oktober in Brunnen SZ, erwünschte Einladung an winzap@bluewin.ch. 

Peter Wallner, jüngstes Kind einer vielköpfigen Bauernfamilie, wächst in einem abgelegenen Dorf und in einer Natur auf, in der Werden und Vergehen zum Alltäglichen zählen. Und doch wird die schwierige Geburt eines Kalbs für den sensiblen Jungen zu einem Schlüsselerlebnis. Als der Tierarzt Heusser die Geburt zu einem glücklichen Ende bringt, steht für Peter fest: So einer will er werden, einer wie Heusser, der selbstverständlich zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird, und das Richtige tut.

Dann stirbt Peters Vater und sein junges Leben nimmt einen unerwarteten Verlauf. Fortan lebt er in der Großstadt bei seinem Onkel, einem Bankdirektor, der Peter mit eigenwilligen religiösen und wirtschaftlichen Überzeugungen konfrontiert. Während Peter sich durch die Schuljahre im Gymnasium kämpft, beginnt er, die Welt kritisch zu hinterfragen.

Das ändert sich auch nicht, als er zum Studium in eine andere Stadt wechselt, dort schließlich seine erste große Liebe, die angehende Geisteswissenschaftlerin Charlotte, kennenlernt und nach einigen Jahren wieder verliert. Peter bleibt ein Fragender, ein Skeptiker, wird zum Philosophen unter den Tierärzten, was ihn nicht daran hindert, eine prosperierende Tierarztpraxis zu betreiben.

Er etabliert sich, gründet eine Familie und steht – wie Charlotte – nach einigen Jahren wieder allein im Leben. Erst spät, durch eine zweite Chance mit seiner grossen Liebe, scheint sich alles zu fügen. Doch als ihr gemeinsamer Sohn am Rand der Lebensfähigkeit geboren wird, geraten alle Sicherheiten ins Wanken.

Bruno Winzap, 1960 in Graubünden geboren und aufgewachsen, später in Basel und Zürich, studierte Tiermedizin und lebt in der Zentralschweiz, wo er seit vielen Jahren eine eigene Praxis führt. Noch während seiner Tätigkeit als Tierarzt widmete er sich dem literarischen Schreiben. Mit einem Auszug aus dem vorliegenden Roman wurde er als einer von vier Preisträger:innen des Zentralschweizer Literaturwettbewerbs 2026 ausgezeichnet.

«Ich war definitiv nicht für den Krieg geboren» – über «Musik für einen Soldaten» von Artem Tschech, Klett-Cotta (33)

Ich war definitiv nicht für den Krieg geboren, ich war als Kirsche auf dem Sahnehäubchen geboren, nicht für das hier. Aber ich wusste es. Ich wusste, verdammt nochmal, dass ich gehen würde. Wir gehen alle.

Lieber Gallus

Philipp Tingler hat im vergangenen Literaturclub dieses aus meiner Sicht hochaktuelle und wichtige Buch vorgestellt. Artem Tschech analysiert ehrlich und schonungslos, was dieser Krieg aus ihm als Soldaten unwiderruflich macht. Das Tragen einer Uniform, die ständige Angst vor dem Tod, das Leben im Schützengraben neben getöteten Mitkämpfern und ein Verlust des Zeitgefühls verändern die Soldaten derart, dass sie auch im Urlaub und ausserhalb der Front definitiv andere Menschen geworden sind.

Einer der Jungs sagte bei seiner Rückkehr aus dem Osten, dass er lieber tot wäre, denn jetzt habe er Angst, weiterzuleben.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil erfahren wir, wie der Autor, der schon einmal ein paar Monate an der Front war und den Krieg hasst, sich doch entscheidet, noch einmal als Soldat an die Front zu gehen und sein Land zu verteidigen. Dort hilft ihm ausgewählte Musik – von Kopfhörern gehört – seiner Angst und der oft öden Langeweile im Schützengraben zu entfliehen. Musik von Chopin und Miles Davis bis zu den Beatles und Edith Piaf, von Mylène Farmer bis zu Blondie bringen menschliche Wärme und etwas Hoffnung in die Todeszone.

Musik macht aus einem Soldaten einen Menschen und pflanzt den wertvollen Wunsch ein zu leben. Sich zu erinnern und zu träumen, zumindest gelegentlich die Kraft zu finden, sich und die Welt zu lieben.

Artem Tschech «Musik für einen Soldaten, Klett-Cotta, 2026, aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck, 192 Seiten, ISBN 978-3-608-12643-3

Im zweiten Teil, wo er von Kyjiw an die Ostfront nach Bachmut und Slowjansk verlegt wird, spielt die Musik zunehmend keine Rolle mehr. Eindrücklich wird der durch das Kriegsgeschehen verursachte Prozess der inneren Zerstörung des Menschen geschildert. Menschliche Gefühle, Musikhören oder das Schreiben verblassen, körperliche und seelische Strapazen beherrschen alles. Todesangst überall.

Ich erfuhr, wie eine verbrannte Stadt riecht, wie mehrere Tage alte Leichen riechen und wie schnell man sich an diese Gerüche gewöhnt. Der Tod der anderen ist nicht angsteinflössend, Angst macht das Unwissen, auf welche Weise der Tod dich ereilen wird.

Die inneren Veränderungen der Soldaten im Krieg können nicht, wie die Uniform, zuhause einfach abgelegt werden. Die Begegnung mit Menschen, die nicht an der Front waren, wird zu einer schwierigen Herausforderung. Daran zerbrechen Familien und Freundschaften.
Erschütternde Einblicke in das Innenleben eines Soldaten an der Front!

Herzlich
Bär

***

Lieber Bär

Leider habe ich das Buch noch nicht gelesen, aber nach deinem Schreiben auf meine Liste gesetzt. Nur schon deshalb, weil ich nicht die Augen verschliessen will, weil ich nicht wegschauen will, weil die Bilder in den Medien längst nicht mehr reichen, um mir immer und immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, was dort und überall, wo Kriege und Gewaltexzesse wüten, passiert. Weil Literatur für mich die einzige Möglichkeit ist, mir diesen Krieg immer und immer wieder in meine Emotionen zu mischen. Weil ich in meinem Brotberuf zwar immer wieder mit den Schrecken dieses Krieges konfrontiert werde, aber mit einem stummen, unausgesprochenen Schrecken. So wie bei dem Jungen, der seit ein paar Tagen an unserer Schule ist. Obwohl die Flucht seiner Familie aus der Ukraine schon Monate zurückliegt, traut sich der Junge keinen Schritt ohne seine Mutter. Er spricht kaum, macht einen aufgeweckten Eindruck, ist aber heillos eingeschüchtert und verunsichert.

Vor einiger Zeit las ich «Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg» von Serhij Zhadan. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, traf ich mich mit einem Freund, den ich schon fast mein ganzes Leben kenne. Er behauptet allen Ernstes, die Bilder eines angeblichen Krieges in der Ukraine seien Fake, inszeniert, Propaganda. Dass wir in einer Welt leben, in der man das Geschehen von den unmöglichsten Seiten her beurteilen und interpretieren kann, wissen wir spätestens seit selbst amerikanische Präsidenten an alternative Fakten glauben und uns PredigerInnen in den schillerndsten Farben im Netz die Welt erklären.
 Ich traute mich nicht, diesem Freund die Stirn zu bieten. Ich war zu feige und ertrug dessen verquere Sicht der Dinge schlicht nicht. Mir wird nur schon beim Gedanken schlecht, mich seinen Behauptungen stellen zu müssen. Angesichts dessen, was die Betroffenen dieses Krieges selbst zu ertragen haben, eine Peinlichkeit.

Serhij Zhadan «Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg», Suhrkamp, aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Juri Durkot und Claudia Dathe, 2022, 239 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-518-43125-2

Serhij Zhadan gehört wie Artem Tschech zu den wichtigsten literarischen Stimmen der Ukraine. Ich erlebte Serhij Zhadan 2015 an mehreren Veranstaltungen am Literaturfestival in Leukerbad. Damals las er aus seinem 2012 auf Deutsch erschienen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“, der zwei Jahre zuvor unter dem Titel „Vorošilovgrad“ in der ukrainischen Stadt Charkiw erschien. Neben Romanen schreibt Serhij Zhadan aber vor allem Lyrik, Lyrik, die sich nicht erst seit dem Einmarsch der Russen in sein Land, politisch gibt. Eine kämpferische Stimme, die sich seit dem Ausbruch des Vernichtungskriegs des einstigen „Brudervolkes“ sehr aktiv in der Unterstützung all jener Kräfte zeigt, die sich gegen die Brutalität der Aggressoren stemmt.

„Himmel über Charkiw“ ist ein Manifest. „Himmel über Charkiw“ sind gesammelte Facebook-Posts von Serhij Zhadan, die er zwischen dem Einmarsch der russischen Truppen und dem ersten Kriegssommer in den Äther schickte. Selbstvergewisserungen, Beschwörungen, Aufrufe, kleine Berichte eines Mannes, der in seiner Stadt geblieben ist. Einer Stadt, die permanent von russischen Geschossen erschüttert und getroffen wird, damals und noch immer. Aus einer Stadt, die für einen Beobachter aus der Ferne längst den Eindruck einer zerstörten Stadt macht. Aus einer Stadt, die sich mit allem gegen den Untergang, gegen die Launen brutalster Willkür stemmt, einer Stadt, die seit dem Einmarsch der Russen in eine Starre verfiel, keiner Starre, die lähmt, aber einer Starre, die kämpferisch, starrsinnig macht.

„Himmel über Charkiw“ will keine «Literatur» sein, sondern Zeugnis. Eine Stimme aus dem Innern des unverschuldeten Höllenfeuers, eine Stimme des Trotzes, eine Stimme, die um keinen Preis dieses eine verlieren will; die Hoffnung, dass dereinst der Krieg vorbeisein wird, dass die Gerechtigkeit siegen wird. Begriffe wie „Sieg“, „Helden“, die der Autor vor dem Einmarsch, selbst nach der Annexion der Krim, nie in den Mund, schon gar nicht ins Netz geschickt hätte. Ein Facebook-Tagebuch des offenen Widerstands.

Ich freue mich auf unseren gemeinsamen Besuch bei «Zürich liest»! 
Liebe Grüsse

Gallus

© Julia Weber

Artem Tschech, geboren 1985 in Tscherkassy, gehört zu den wichtigsten Autoren der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Für sein literarisches Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Gogol-Literaturpreis und dem Joseph-Conrad-Korzeniowski-Literaturpreis. Artem Tschech veröffentlichte bereits mehrere Romane. Für »Nullpunkt« (2017) wurde er auch international gefeiert. 

Alexander Kratochvil ist Literaturübersetzer aus dem Ukrainischen und Tschechischen und Slawist an der LMU München. Unter anderem übersetzte er die Werke von Oksana Sabuschko, Jurij Wynnytschuk, Oleksandr Irwanez, Artem Tschech und Sofia Andruchowytsch, sowie den Klassiker der ukrainischen Moderne, Walerijan Pidmohylnyj. 2024 wurde er mit dem Internationalen Hermann-Hesse Preis ausgezeichnet, zusammen mit Maria Weissenböck und Sofia Andruchowytsch.

Maria Weissenböck, Studium der Sprachwissenschaft und Slawistik in Wien, St. Petersburg und Lwiw. Seit 2004 ist sie freie Übersetzerin aus dem Ukrainischen und Belarussischen, dolmetscht im Kulturbereich und moderiert Lesungen. Sie übersetzte Werke u. a. von Taras Prochasko, Ljubko Deresch, Sofia Andruchowytsch, Lesja Ukrajinka, Artem Tschech und Tanja Maljartschuk ins Deutsche. 2024 wurde er mit dem Internationalen Hermann-Hesse Preis ausgezeichnet, zusammen mit Alexander Kratochvil und Sofia Andruchowytsch.

© Suhrkamp

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für Die Erfindung des Jazz im Donbasswurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«. 2022 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zhadan lebt in Charkiw und ist seit Mai 2024 Soldat.

Sabine Stöhr, 1968 geboren, studierte Slawistik in Mainz und Simferopol. Juri Durkot, 1965 geboren, studierte Germanistik in Lemberg und Wien. Claudia Dathe, geboren 1971, studierte Übersetzungswissenschaft (Schwerpunkt Russisch und Polnisch) am Institut für Angewandte Linguistik und Translatalogie der Universität Leipzig sowie in Pjatigorsk (Russland) und Krakau. Zusammen übersetzen sie seit 2007 das Romanwerk von Serhij Zhadan.

Hansjörg Schertenleib «Für die Katz», Atlantis

Regula und Herbert haben sich vor ein paar Jahren ein Landhaus im Burgund gekauft, ein Refugium, einen Rückzugsort, Realität gewordener Sehnsuchtsort. Ein Steinhaus mit viel Land, in einem kleinen Weiler, mit Blick auf Autun. Wenn da nur der Nachbar nicht wäre.

Hansjörg Schertenleib muss sich nicht mehr beweisen, obwohl er es dann trotzdem tut; mit seiner Art, wie er mit Lakonie, einem sicheren Strich das Grosse im Kleinen erzählt. Wie er seine Figuren zeichnet, wie er mich überrascht. Wie er sich Themen, Schauplätze und Menschen aussucht, die so gar nicht den momentan angesagten Mustern entsprechen. Wie er es schafft, Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen, mir seine Protagonisten nahe zu bringen, auch wenn sie keine reinen Sympathieträger sind. Er schafft es sogar, dass er mich ein vermeindliches Katzenbuch lesen lässt, mich, der ich Katzen nur mit dem grössten Misstrauen begegne, obwohl ich immer wieder der bin, den sie bei Besuchen aussuchen, um sich es auf meinem Schoss bequem zu machen. „Für die Katz“ ist kein Katzenroman, auch wenn die Geschichte an Katzenleben entlang erzählt wird. Hansjörg Schertenleib erzählt von dem, was unser Leben bedroht, was Träume zunichte macht, was alle Emotionen bindet, unser Innerstes zerreisst. Er erzählt vom kleinen Krieg, der nicht anders funktioniert wie der Grosse. Von unüberwindlich scheinenden Gräben und der Macht der Zerstörung und des Hasses.

Hansjörg Schertenleib «Für die Katz», Atlantis, 2026, 208 Seiten, ISBN 978-3-7152-5069-4

Als sie das Haus kauften, schien alles perfekt zu sein. Ein weiter Horizont, ein Haus mit Charme, ein Leben, das Zukunft verspricht. Ein Paradies für ihn, den Pensionierten Herbert Reuss und Regula, seine Lebenspartnerin, die zwischendurch als Reiseleiterin arbeitet – und für Ixifix, den zugelaufenen Kater. Dass mit Grundstück und Haus nicht alles perfekt ist, spüren sie schnell, als man sich am Nachbarn Cafard vorbeizwängen muss. Später wird das Kreischen seiner Kreissäge zu einem festen Bestandteil täglicher Geräuschkulissen. Es fallen Bäume, die eigentlich auf ihrem Grundstück stehen, es fliegen Kot und Steine. Während Herbert sich mehr und mehr der Boshaftigkeit seines Nachbarn stellen und mit seiner eigenen kämpfen muss, ärgert sich Regula als Reiseleiterin mit Besserwissern und Klugscheissern herum. Mit einem Mal scheint Ärger zu einer Grundeinstellung des Lebens zu werden, alles zu dominieren, die so nah geglaubte Idylle zu zerstören.

Schertenleib erzählt anhand von verschiedenen, meist zugelaufenen Katzen, das Leben von Herbert und Regula, diesem Paar, das sich mehr und mehr in den Untiefen des Kleinkriegs zu verlieren droht. Es ist die Geschichte zweier Suchenden, so wie es in jener Gegend ganz viele zu geben scheint, die sich an den Rändern der Wälder des Morvan ein neues Leben aufzubauen versuchen, die sehr oft alles tun, um als Einheimische angesehen zu werden, aber doch in jenem Zwischenland bleiben, zwischen Dauertourist und dem Wunsch, sich als Fast-Einheimische in alte Ordnungen einfügen zu können. Herbert allerdings möchte vor allem seine Ruhe, erst recht dann, wenn Regula auswärts ihren Pflichten nachgeht. Er möchte es auskosten, scheut sich auch nicht, den ersten Cognac schon am Morgen zu geniessen. Zusammen mit Ixifix, dem Kater, der bislang letzten Katze in einer langen Reihe, diesen wählerischen Geniessern, die immer und überall einen Platz finden, der ganz ihnen gehört. Ganz im Gegensatz zu Herbert in seinem Krieg mit dem Nachbarn. Seine Ruhe war ihm heilig geworden. Und eben diese Ruhe, symptomatisch für die 70jährigen, ist mehr als nur bedroht.

«Für die Katz» ist ein herrliches (Man kann das Wort auch durchaus wörtlich nehmen!) Stück Literatur. Ein typischer Schertenleib. Gut, dass er weiterschreibt!

Sonntags um 11 Uhr, Garage, Bahnhofstrasse 22/24, Wetzikon.

Hansjörg Schertenleib, geboren 1957 in Zürich, gelernter Schriftsetzer und Typograph, ist seit 1982 freier Schriftsteller. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt auf die Bühne gebracht. Schertenleib lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und wohnt seit Sommer 2020 im Burgund.

mehr von und über Hansjörg Schertenleib

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt #SchweizerBuchpreis 26/05

Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.

Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.

Eine Mutter ist, was man nicht loswird.

Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.

Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.

Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, ISBN: 978-3-498-00321-0

Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.

Ich war ein Problem.

Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!

(Erstveröffentlichung der Rezension auf literaturblatt.ch am 22. Juni 26)

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».

mehr über und von Lukas Bärfuss auf literaturblatt.ch

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Das 73. Literaturblatt ist in Arbeit.

„Das Literaturblatt von Gallus Frei-Tomic ist ein Ort, der für ein Lesen steht, das einerseits am Verschwinden ist, andererseits immer größere Bedeutung innerhalb unserer bedrohten demokratischen Gesellschaften bekommt. Es ist ein Lesen wider die Narrative.“ Martin Prinz, Schriftsteller 

«Manche Bücher schaffen es auch auf eins der Literaturblätter, auf denen er bereits seit 2011 jeweils vier Neuerscheinungen bespricht. In Schnürlischrift! Handgezeichnet! Kugelschreiber auf Papier! Old School per Post reisen diese beständigen Rezensionsobjekte an ihr Ziel.» aus der Laudatio zum A*dS Preis 2026

„Eben ist das aktuelle und zum Glück noch analoge Literaturblatt bei mir angekommen – ein Nachbar hat es mir in den Briefkasten geworfen, fälschlicherweise lag es bei ihm im Briefkasten. Kommt hier öfter mal vor. Schön ist Dein Literaturblatt geworden mit dem Apfel in der Mitte, ästhetisch sehr ansprechend, und besonders freut mich auch, dass Markus Bundi mit seinem schmalen Bändchen „Hayo“ dabei ist, das auch mir ein großes Lesevergnügen bereitet hatte. Ganz herzlichen Dank!“ Jürg Beeler, Schriftsteller

„Literatur auf dem Literaturblatt ist eine besondere Form der Sichtbarkeit von Büchern und eine Wertschätzung gegenüber Autorinnen, Autoren und Verlagen. Jedes Literaturblatt ist ein Kleinod, das mit viel Liebe zur Sprache von Gallus Frei gestaltet wird.“ Thomas Knapp, Verleger

„Der springende Punkt? – Vom Kopf in die Welt führt immer die Hand. Gibt es einmal die Handschrift nicht mehr, haben wir fast alles wieder verloren … ausser den Literaturblättern von Gallus Frei. Die werden uns am Leben halten.“ Markus Bundi, Schriftsteller, Verleger, Herausgeber

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