Micha Friemel «Im Paradies» – ein Teaser zu ihrem Debüt «Ausser mir», Dörlemann

Ich wäre gerne ein simples Archiv mit einem ­anständigen Schredder. Doch mein Gedächtnis ist unerbittlich. Es ist alles da, es lässt sich nichts löschen. Es kehrt alles ständig zum Anfang zurück, und der Anfang war so: Als ich zur Welt kam, fiel meine Mutter in Ohnmacht.
Ich dachte oft, ich hätte alles geordnet. Doch immer stellte sich eine Erinnerung quer, blies sich auf wie ein Dschinn, verstellte den Blick, während dahinter die Ordnung erneut zu bröckeln begann.

Ich komme zur Welt, meine Mutter erstarrt, mein Vater steht dumm daneben. Ich fliege verloren im All. Da ist kein Komet, der mir den Weg weist. Da ist kein Mensch. Kein Vater, keine Mutter, die mich halten, während ich blau und zerdrückt den ersten Schrei von mir gebe.
Spricht meine Mutter über meine Geburt, klingt es immer, als handle es sich um eine kleine, absurde Episode in einem glücklichen Leben. Sie tauchte kurz ab. Ich kam gesund zur Welt. Es war nichts Schlimmes passiert. Doch die Wahrheit ist: Sie ist nicht kurz abgetaucht. Sie war gar nie da. Seit ich mich erinnere, ist sie erstarrt. Wenn sie spricht, bewegt sich ihr Mund, der Rest des Körpers ist nicht vorhanden.
Als ich klein war, erzählte sie mir, wie sie als Kind mit ihren Brüdern hatte Drachen steigen lassen. Ihre Tante hatte ihnen Pergamentpapier geschenkt, und sie hatten sich alle einen eigenen Drachen gebastelt.
»Mein Drache«, sagte sie, war himmelblau. »Er flog höher und höher, viel, viel höher als die meiner Brüder.«
Während sie sprach, bewegte sie sich, als flöge auch sie. Sie holte Schwung aus ihrer Hüfte, die Beine schlenkerten, als wären sie ihr Schweif. Dabei kam sie mir für einmal vor wie ein ganzer Mensch.
Fortan bat ich sie oft, mit mir Drachen steigen zu lassen. Sie fand, das sei am Bodensee unmöglich, es fehle der Wind. War der Wind da, sagte sie, es fehle die Weite. Als ich sie bat, mit mir an die Nordsee zu reisen, wo sie aufgewachsen war, verdrehte sie nur die Augen.

Doch eigentlich will ich nicht von ihr erzählen. Es geht hier nicht um meine Mutter.
Als ich das sage, habe ich natürlich sofort Anderson im Ohr. Klar, was er dagegen einzuwenden hätte. Aber um ihn geht es hier eben auch nicht. Es geht um Mattia und mich.
Liebesgeschichten brechen viel zu häufig vor ihrem eigentlichen Beginn ab. Auch im Film. Das Happy End tritt so unverhofft wie unvermittelt ein. Es wird ein pathetisches Lied eingespielt, vielleicht What a Difference a Day Makes, und alles wird leicht. Das gute Ende ist da und wird nie mehr enden. Nur weiß leider niemand, warum.
Wie sollen vierundzwanzig Stunden genügen, um ein trostloses Leben in ein blühendes Paradies zu verwandeln?

Frau Kaiser sagt, dass innere Veränderungen träge vonstatten gehen. Vor einigen Wochen habe ich ihr zum hundert­ fünfzigsten Mal erzählt, dass ich im Streit mit Mattia ausgerastet war. Ich fühlte mich furchtbar, doch darauf ging sie für einmal nicht ein.
»Warum«, fragte sie, »schaffen Sie es nicht, sich zu beruhigen, obschon Sie doch wüssten, wie es ginge?«
»Gute Frage«, erwiderte ich. »Hänge ich mir an den Kühlschrank.«
Frau Kaisers Frage setzte eine Erosion in meinem Innern in Gang. Als Mattia und ich uns kurz darauf erneut stritten, und nicht eben zivilisiert, versuchte ich mich zurückzuziehen. Doch dann kam Leni und mischte sich ein. Statt mich zu beruhigen, rastete ich komplett aus. Leni starrte mich an. Ihr Blick verriet, wie sie mich sah, und es war klar, was ich zu tun hatte: Ich packte meine Sachen und fuhr nach Vals.

Frau Kaiser sagt oft, dass es keinen Zweck hat, in größter Aufregung nach einer Lösung zu suchen. Also wollte ich in die Berge fahren und mich beruhigen. Ich wollte Blumen sammeln, in den Himmel schauen, lesen und wandern. Doch schon auf der Fahrt spulte ich ständig zurück, ging unseren Streit Satz für Satz erneut durch, korrigierte mich und fügte Neues hinzu. Mehrmals nahm ich mir vor, damit aufzuhören. Aber kaum hatte ich einen Punkt gesetzt, fing ich schon wieder an. Ständig zog ich mein Handy hervor und glaubte, Mattia schreiben zu müssen.
Wäre ich du, tippte ich etwa, ich würde mir Ruten brechen im Wald, mich wundprügeln oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, bis sie sich rot färbt. Ich würde mich selbst in den Brunnen tauchen vor meinem Haus, wieder und wieder, im Winter auch. Oder nach Grönland reisen und mich trotz Lungenentzündung zum Eisbad zwingen.

Frau Kaiser hat mir geraten, in ebenjenem Zustand nicht zu handeln, sondern auszuatmen, darauf zu warten, dass der vordere Teil des Gehirns wieder zu arbeiten beginnt. Ist nur der urzeitliche Teil aktiviert, bleibt uns nichts, als uns zu prügeln, zu fliehen und zu erstarren.
Ihr Rat ist ungemein nützlich: Es kommt nur noch selten vor, dass wir Tigern gegenüberstehen. Unseren Liebsten hingegen schon.

Ich löschte, was ich geschrieben hatte, steckte das Handy weg und versuchte, aus dem Fenster zu schauen. Die Halbinsel Au mit ihren hübschen Reben zog an mir vorüber. Bloß: Was interessierten mich Reben?
Ich war nie gut darin gewesen, wütend zu sein. Als ich zum ersten Mal richtig wütend wurde, war ich fünfundzwanzig. Ich schrieb im Zorn eine Rede und lernte sie auswendig, um auch wirklich zu sagen, was ich zu sagen hatte. Jene Zeilen fallen mir nun bei jedem Wutanfall ein, als hätte ich einen Kratzer in der Platte. Mattia würde das sofort bemerken.
»Haben diese Worte nicht ursprünglich Anderson gegolten?«, würde er fragen.
Wahrscheinlich würde er darüber lachen. Obschon: So wirklich sicher bin ich mir nicht. Vielleicht würde er mich auch erwürgen.

Leni besitzt für eine Vierjährige eine beachtliche Sammlung an Puzzles. Neulich donnerte sie im Zorn alle zu Boden. Danach war sie nicht in der Lage, die Teilchen wieder den richtigen Schachteln zuzuordnen, und ich hatte dazu keine Lust. Seither puzzeln wir nicht mehr, wir legen Muster. Die Teilchen der unterschiedlichen Puzzles passen perfekt ineinander, und die Bilder, die sich ergeben, sind ziemlich witzig: Ein halber Hubschrauber mit Pferdepo, darüber schwebend ein Stückchen von einem Bauernhof, ein Giraffenhals ohne Kopf.
So sind auch Menschen: Ein irres Puzzle aus Empfindungen und Reaktionen, die in anderer Kombination sinnvoll gewesen sein mögen. Erstaunlicherweise sind wir jedoch stets überzeugt, alles an uns, vom Pferdepo bis zum Giraffenhals, gehöre so und nicht anders.

Schon in Pfäffikon holte ich das Handy wieder hervor. Wäre ich du, tippte ich, ich hätte mich längst bei mir entschuldigt. Ich wäre mir nachgefahren. Ich hätte mich angerufen, das wäre das Mindeste.
Gleich ahnte ich Mattias Antwort: So kommt man nicht weiter. Wäre ich du, würde ich es lassen mit diesem kindischen Wäre-ich-du.
Ich habe die mühsame Angewohnheit, Dialoge im Kopf zu führen. Bei allem höre ich den Senf, den Mattia dazugeben würde.

Er fuhr mir nicht nach. Er rief mich nicht an. Er war überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Er machte nie etwas falsch, brauchte sich nie zu entschuldigen. Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Sollte er zur Hölle fahren.

Ein anderes Mal, als ich mich über Mattia ausgelassen hatte, nahm Frau Kaiser einen Schluck von ihrem Tee, lehnte sich zurück, als beginne damit der gemütliche Teil unserer Sitzung, und sagte: »Es ist alles andere als leicht, eine Beziehung zu führen. Genau genommen ist es das Schwierigste überhaupt. Wir müssen lernen, uns zu beruhigen. Wir müssen unserem Gehirn verständlich machen, dass wir nicht mehr in der Wildnis leben.«
Daran musste ich auf meiner Fahrt denken.
Wir kämpfen mit Tigern, tippte ich, den Blick in die Glarner Berge gerichtet. Ich bin deiner, Mattia. Du bist meiner.
Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Ich hatte keine Lust auf die Antwort: Du verhältst dich nun einmal wie ein Tiger. Da ist es nur vernünftig, dich als solchen zu behandeln.
In Mattias Kopf gäbe es ganze Vitrinen zu besichtigen, die mit meinen Untaten gefüllt sind.
Ich schaute zwar aus dem Fenster, aber ich schaute nicht hin. Sogar der schöne Walensee zog an mir vorüber, als sei er nicht da.
Ich hatte nur das Nötigste eingepackt: Mein Handy, das Ladekabel, Ersatzkleider, Zahnbürste, Zahnpasta. Aber eben auch: einen Berg alter Notizen und vier Kilo Reis.
Nik lachte mich aus, als ich es ihm erzählte.
»Es ist wieder soweit«, sagte er betont ernst. »Du steckst in einer veritablen Reiskrise.«
Erst begriff ich nicht, was er damit meinte. Ich musste ihm irgendwann davon erzählt haben, dass ich in der Zeit vor der Klinik nicht mehr aus dem Haus gegangen war und mich wochenlang von Reis ernährt hatte. Auch die Anderson-Geschichte war ihm bekannt.
Nik reichte mir den Schlüssel. »Soll ich mitkommen?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich brauche Ruhe.«
»Willst du erzählen, was passiert ist?«
»Nicht jetzt.«
»Geht es den Kindern gut?«
Ich nickte. »Mattia ist bei ihnen. Ich habe ihnen gesagt, ich fahre zur Recherche weg.«
Nik lachte. »Recherche. So kann man das auch nennen.«

Vier Stunden später war ich in Vals. Nik besitzt dort ein kleines, schickes Tiny House. Er hat es für sich gebaut, schämt sich aber dafür, dass ihm das Geld dazu in die Wiege gelegt worden ist. Deshalb vergibt er es großzügig an Freunde. Mattia, die Mädchen und ich hatten den ­ vorigen Sommer dort oben verbracht. Ich hatte befürchtet, wir schlügen uns zu viert auf so engem Raum die Köpfe ein, und damit gerechnet, dass wir bloß zwei, drei Tage bleiben würden. Wir blieben drei Wochen.

Nun war ich allein. Doch fühlte es sich an, als bewohnten wir das Haus noch immer zu viert. Ich verstaute meine Kleider in der zweitobersten Schublade der Kommode. Die oberste gehörte noch immer Mattia, die dritte Leni und die unterste Sophie. Die Notizhefte legte ich auf den Tisch, den ich auch letztes Mal zum Arbeiten benutzt hatte. Das Tischchen unter dem Fenster wirkte nach wie vor besetzt. Vor einem Jahr hatte Mattia sich die hübschere Aussicht ergattert.
»Ich war so freundlich, dir den größeren Tisch zu überlassen«, hatte er sich gerechtfertigt.» Den brauchst du doch für deine Ordnung.«
Tatsächlich mache ich ständig Auslegeordnungen, und kein Tisch ist dafür je groß genug. Würde ich ein Haus bauen, es bestünde aus lauter Vorsprüngen, Sideboards und kleinen Einbuchtungen, um Dinge abzulegen.

Ich legte mein Nachthemd aufs Bett. Nur ein knappes Jahr war es her, da hatten Mattia und ich dort gelegen, Gesicht an Gesicht auf seinem Kissen. Er streichelte meinen Rücken.
»Es ist ein Wunder, dass wir zusammen sind«, hatte ich gesagt.
»Wie meinst du das?«
»Wir sind nicht einfach«, gab ich zur Antwort. »Wir hatten beide eine schwierige Kindheit. Wir haben uns das Leben mit einer Dreierbeziehung verkompliziert.«
Mattia stöhnte: »Die Geschichte mit Silvie ist hundert Jahre her.« Er hörte auf, mich zu streicheln.
Ich ging nicht auf seine Bemerkung ein. »Allein die Psychose wäre ein passabler Trennungsgrund«, fuhr ich stattdessen fort. »Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar sich einer Psychose wegen trennt, steht bei über achtundneunzig Prozent.«
»Woher weißt du das so genau?«
»Wikipedia, glaube ich.« So genau wusste ich es auch nicht.
Mattia setzte sich auf.
»Nimmst du Reißaus? Ich bin dabei, dir eine Liebeserklärung zu machen.«
»Liebeserklärung? Du bist dabei, Probleme aufzuzählen.«
»Eben: Es sind viele, und wir haben alle gemeistert. Wir sind Helden.«
Mattia stand auf. »Ich habe dich geheiratet«, sagte er. »Ich gehe ohne Frage davon aus, dass wir zusammengehören. Das ist kein Wunder, das ist eine Entscheidung.«

Vielleicht hat er Recht, dachte ich nun, während ich Reis zu kochen begann, vielleicht war es keine ­ Liebeserklärung gewesen. Die Wahrheit ist, dass ich in guten Phasen stolz darauf bin, wie wir unsere Schwierigkeiten zu meistern vermögen. In schwierigen Zeiten sehe ich genau jene Probleme als Grund dafür, dass wir scheitern. Es gibt so viele Steine, die sich unserer Beziehung in den Weg legen. Die größten habe ich noch nicht einmal aufgezählt.
Während der Reis quoll, starrte ich auf mein Handy. Ich wartete noch immer auf eine Nachricht von Mattia. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, was passiert war. Und die Erinnerungen, nicht eben faul, schienen in ihrer Flasche nur darauf gewartet zu ­haben, emporzusteigen. Die Geschichte mit Silvie tauchte mehrmals in meinen Gedanken auf. Als ich danach krank wurde, dachte ich, ich sei verrückt geworden. Doch das wirklich Verrückte ist, dass ich am Ende feststellte, dass ausgerechnet die Psychose richtiggehend vernünftig war.
Mein Handy leuchtete auf.
Es war Nik. »Alles ok?«
»Ja. Bestens. Dein Tiny Häuschen ist ein Paradies. Danke!«
Ich setzte mich auf die Veranda. Nik hat sie als Steg gebaut, der direkt aus dem Wohnzimmer ins Blumenmeer ragt. Ich aß Reis, blickte hinunter zu den Ställen und zur Kapelle. Nichts störte das Idyll. Das Häuschen war perfekt platziert. Über dem Dach der uralten Kapelle war nur der Himmel, und über den Dächern der Ställe waren nur Berge, grüne, saftige Berge. Als wäre das nicht genug, schoss mitten aus dem Grün ein Wasserfall hervor in einem Blau wie aus der Karibik. Ich musste lachen. Ich saß wirklich im Paradies.

Ich hätte gerne Mattia angerufen und gesagt: Lass uns löschen, was bisher geschah. Wir fangen neu an.

Ich rief ihn nicht an. Ich hatte mir Funkstille verordnet.

Micha Friemel «Ausser mir», Dörlemann, 2026, 272 Seiten, ISBN 978-3-03820-203-5, erscheint am 20. August!

Micha Friemel, 1981 geboren, studierte Geschichte und Germanistik in Basel und Literarisches Schreiben in Biel. Sie lebt in Sta. Maria Val Müstair. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Tim Krohn, kümmert sie sich um ihre vier Kinder und die Chasa Parli, eine kleine Pension für kreativen Rückzug. Ihre zwei Bilderbücher «Lulu in der Mitte» und «Oma Erbse», illustriert von Jacky Gleich, sind bei Hanser erschienen. Beide wurden vom Deutschlandfunk unter die »Besten 7 Bücher für junge Leser« gewählt, und «Lulu in der Mitte» war 2020 für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.

Micha Friemel «Kompost», Plattform Gegenzauber»

Beitragsbild © Nina Mann

Hans-Ulrich Treichel «Das Karussell»; Suhrkamp

Was will man(n) noch mit 70? Lohnt es sich, doch noch einmal aus seinen Gewohnheiten auszubrechen? Einen Faden aufzunehmen, den man einst losgelassen hatte? In Hans-Ulrich Treichels gewohnt unspektakulärer Erzählart spürt der Autor einem Leben nach, das sich letztlich nicht traut. Ein feiner Roman, subtil und grundehrlich.

Bernhard ist 70 und hat sich in seinem Leben einigermassen beschaulich eingrichtet. Auch wenn vieles nicht nach seinen Vorstellungen gelaufen ist. Am meisten das, was mit seiner Frau, seiner Ex. passiert ist. Hatte er doch die Absicht, zusammen mit ihr seinen Lebensabend zu planen und zu geniessen. Aber statt mit ihm tut sie es mit einem anderen, mehr oder weniger aus heiterem Himmel. Mit einem, dessen Brieftasche dicker ist, der Bauch flacher. Die Trennung von seiner Frau, der er sich noch immer verbunden fühlt, schmerzt. Ein permanenter Schmerz, eine Niederlage, eine finale Zurückweisung. Ob es an der Tatsache liegt, dass sie nie eine Familie gründeten, dass da vielleicht doch etwas fehlt, weiss Bernhard nicht. Dinge anzusprechen war nie sein Ding.

Bis ihn aus Salerno in Italien eine Nachricht von Alfredo, der vor 40 Jahren sein Student war, erreicht. Damals, kurz nach Abschluss seines Studium, unterrichtete Bernhard ein paar Monate in der Stadt unweit von Napoli „Deutsch als Wirtschaftssprache“, einen Freikurs an der Universität Salerno. Alfredo vermittelte ihm damals eine Wohnung nicht weit vom Meer, seine eigene Wohnung. Bernhard lernte Alfredo besser kennen, besuchte ihn und seinen Vater Luciano immer wieder. Beide betreiben dort ein Strandbad der Kategorie B2, kaum besucht von Touristen, gerade so erfolgreich, dass es zum Leben reicht.
Auf seinen Spaziergängen tauchte Bernhard immer wieder am Strandbad auf und lernte auch die schöne Arianna kennen, die ihn gleichermassen faszinierte und verunsicherte, die ihn nach den Monaten in Salerno mit dem Gefühle einer verpassten Chance nach Deutschland zurückkehren liess.

Hans-Ulrich Treichel «Das Karussell», Suhrkamp, 2026, 202 Seiten, ISBN 978-3-518-43271-6

Jetzt, 40 Jahre später, Bernhard hofft damit, seinem Leben die Möglichkeit einer Neuorientierung zu geben, reist er zurück an den Ort, der auch der Beginn eines alternativen Lebens hätte sein können. Alfredo und er waren über all die Jahre in losem Kontakt geblieben.
Sie sind alle älter geworden. Alfredo, dessen Vater Luciano gestorben war, bastelt noch immer an einem einstmals günstig erstandenen Karussell herum, seit Jahrzehnten mit der Absicht, dass es dereinst eine Attraktion neben seinem Strandbad werden sollte. Auch Arianna ist noch da, sie längst Mutter geworden, geschieden, Ingenieurin, noch immer schön, noch immer bezaubernd. Schafft es Bernhard nun? Bringt er die Maschinerie zum Laufen? Zusammen mit Arianna? Zusammen mit Alfredo?

„Das Karussell“ ist ein seltsam melancholischer Roman über einen Mann, der seinem eigenen Leben stets nur zur Seite steht, der nie den Mut aufbringt, echte Initiative zu übernehmen, der sich von seinem Schicksal treiben lässt und immer hofft, immer wartet – bis es irgendwann zu spät ist. Man möchte während des Lesens den Mann schütteln, weil das Karussell, das erst im Schuppen steht, mit Blachen zugedeckt, 40 Jahre später tatsächlich neben dem Strandbad und sogar die eine oder andere Runde mit Ach und Krach in Betrieb, doch nie richtig zum Laufen kommt. Es steht da, all die wunderbaren, phantasievollen Figuren, und bleibt stehen, kommt nie in Schwung.

„Das Karussell“ ist eine einzige Metapher über jene Sorte Mensch, die vor den Möglichkeiten des Lebens steht und sie doch zerrinnen sieht. Ein ganz ruhiger Roman, klar gezeichnet, ganz nah an Erfahrungen, die alle mit sich herumtragen. Ein typischer Treichel!

Hans-Ulrich Treichel, am 12.8.1952 in Versmold/Westfalen geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Er studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Er war Lektor für deutsche Sprache an der Universität Salerno und an der Scuola Normale Superiore Pisa. Von 1985-1991 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und habilitierte sich 1993. Von 1995 bis 2018 war Hans-Ulrich Treichel Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Seine Werke sind in 28 Sprachen übersetzt.

Rezension zu «Schöner denn je» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

 

Rosa Parks und der Busboykott von Montgomery – zur Neuentdeckung einer Ikone der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung

Vor 70 Jahren, am 21. Dezember 1956, endete eine der spektakulärsten Protest-Aktionen der Geschichte: der legendäre Busboykott von Montgomery, Albama. Er lieferte die Blaupause für die Massenproteste und direkten Aktionen der 1960er und 1970er Jahre. Möglich gemacht hat ihn die frühe Aktivistin der Bewegung, Rosa Parks. Und was viele nicht wissen: Sie hat darüber ein Buch geschrieben.

Ihre kurze, aber aufschlussreiche und inspirierende Autobiografie «Meine Geschichte» wird nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Bei den Solothurner Literaturtagen 2026 kam ich mit der Übersetzerin, Sonja Bonin ins Gespräch.

Rosa Parks ist meist sogar schon Primarschulkindern ein Begriff. Die meisten von uns kennen die brav und sympathisch wirkende Schwarze Frau, die sich weigerte, ihren Sitz im Bus aufzugeben und dafür ins Gefängnis geworfen wurde. Kaum zu glauben, dass die Geschichte einer derart berühmten Persönlichkeit noch nie auf Deutsch erschienen ist. Wie kam es jetzt endlich dazu?
Ich konnte es selbst kaum fassen! Das Buch erschien 1992 bei Penguin und ist seither auf Englisch immer erhältlich gewesen. Aber ich habe mittlerweile den Verdacht, dass auch viele Amerikaner nicht wissen, dass es überhaupt existiert. Ich entdeckte es in einer der wunderbaren Buchhandlungen von Seattle, als ich dort lebte, und fand es eine absolut augenöffnende Lektüre. Ich wusste: Das musst du übersetzen und einen Verlag dafür finden! Rechtzeitig zum 70. Jubiläumsjahr des Busboykotts hatte ich Gelegenheit, bei einem «Verlags-Speed-Dating» des Übersetzerhauses Looren zu «pitchen». Und dann ging alles sehr schnell: Lea Artmeyer vom Unionsverlag in Zürich schlug sofort zu, erwarb die Übersetzungsrechte und sorgte dafür, dass das Buch am 20. August erscheinen kann. Das ist aussergewöhnlich schnell, und ich bin sehr glücklich darüber. Das Buch passt hervorragend ins Programm des Unionsverlags.

Was hat dich an dieser Geschichte derart fasziniert – und offensichtlich auch den Verlag überzeugt?
Es ist ein sehr kurzweiliges Buch; man kann es locker an einem oder zwei Abenden durchlesen. Es hat, was Zeitzeugenberichte so eindrücklich macht: die einfache Sprache, das persönliche Erleben. Parks hat das Buch damals mit Hilfe eines Journalisten verfasst. Es klingt deshalb ein bisschen wie die Erinnerungen, die einem das Grosi am Küchentisch erzählt. Aber was sie berichtet, haut einen fast um. Noch ihre Grosseltern wurden versklavt geboren, und selbst Rosa, Jahrgang 1913, musste als Kind auf den Baumwollfeldern von Alabama schuften. Als sie klein war, herrschte nicht nur eine absolut unmenschliche Segregation zwischen Schwarzen und Weissen, auch Gewalt war allgegenwärtig. Parks erzählt zum Beispiel, wie ihr Grossvater mit dem Gewehr in der Hand das Haus gegen den Ku Klux-Klan verteidigte. Er sagte: «Ich weiss nicht, wie lange ich ihnen standhalten könnte, aber den ersten, der hier eindringt, erledige ich.» Und die kleine Rosa sass die ganze Nacht daneben. Sie wollte, wenn es passieren sollte, nicht im Schlaf erwischt werden. Sie hatte also Vorbilder, Personen, die für ihre Menschenwürde einstanden. Als Kind kam sie selbst öfter mal in Schwierigkeiten, weil sie ihren Mund nicht halten konnte. Sie empfand es als ihr gutes Recht, sich gegen respektlose Behandlung zur Wehr zu setzen.

Das klingt viel kämpferischer als man sich das so vorstellt.
Ja, mit der Zeit hat sich das Bild von Rosa Parks ziemlich verzerrt. Dabei war sie vor dem Busboykott schon jahrzehntelang Aktivistin gewesen und blieb es ihr Leben lang.

© UPI / Bettman / Rosa Parks auf dem vordersten Sitzplatz eines Busses in Montgomery; ein gestelltes Pressefoto vom 21. Dezember 1956 – dem Tag, an dem die Rassentrennung in den Bussen abgeschafft wurde.

Wer heute das Stichwort «Bürgerrechte» hört, denkt aber trotzdem eher an Martin Luther King oder Malcolm X.
Martin Luther King war zu Beginn des Busboykotts noch nahezu unbekannt. Aber er war eindeutig eine gute Wahl: Sein rhetorisches Talent half, 50’000 Schwarze Bürger und Bürgerinnen von Montgomery mehr als ein Jahr lang zu motivieren und bei der Stange zu halten. Man muss sich das mal vorstellen: Die Schwarze Bevölkerung von Montgomery, Alabama, baute ein eigenes Transportsystem für die gesamte Stadt auf; Tausende nahmen täglich stundenlange Fussmärsche auf sich, um ihren Forderungen Gewicht zu verleihen. Alle boykottierten die öffentlichen Verkehrsmittel. Nach 381 Tagen war es so weit: Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten erklärte die Segregation in den öffentlichen Bussen für verfassungswidrig. Alice Hasters nennt in ihrem Vorwort zum Buch den Busboykott von Montgomery «eine der bemerkenswertesten Aktionen zivilen Widerstandes, die es je gab». Damit begann die Ära der «direct action» und der Massendemonstrationen, wie wir sie aus den 1960er und 1970er-Jahren kennen.

Die wurden aber nicht mehr von Rosa Parks angeführt.
Nein. Das ist ein weiterer sehr eindrücklicher Punkt: Parks erzählt, wie sie, obwohl sie im ganzen Land Vorträge hielt und weiterhin für die NAACP und andere Organisationen aktiv war, in der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten innerhalb weniger Jahre nahezu in Vergessenheit geriet, nachdem sie nach Detroit umgezogen war. Beim legendären Marsch von Selma nach Montgomery wurde sie mehrmals aus dem Demonstrationszug geworfen, weil die jüngeren Aktivist:innen sie nicht (er)kannten. Beim «Marsch nach Washington», bei dem Martin Luther King seine berühmte «Ich habe einen Traum»-Rede hielt, hatten die Frauen buchstäblich nichts mehr zu sagen. Frauen hatten einen ganz entscheidenden Teil der Arbeit geleistet und Leib und Leben im Kampf gegen die Rassentrennung riskiert – aber dann übernahmen die Männer das Ruder. Es gibt Original-Aufnahmen auf Youtube.

Das würde heute hoffentlich anders laufen.
Ja, dafür würden heutzutage nicht zuletzt Menschen wie Rosa Parks sorgen. Ihre Geschichte hält so viele interessante und inspirierende Lektionen für unsere Zeit bereit. Beim Übersetzen war das wie ein kleiner Lichtblick in finsteren Zeiten für mich. Was Pionier:innen der Bürgerrechtsbewegung damals erreicht haben, sollte uns als Beispiel dienen und Mut machen. Die Bedingungen waren damals viel schwieriger und gefährlicher als für uns. Noch am ersten Tag des Busboykotts waren sich die Organisatoren überhaupt nicht sicher, was passieren würde. Aber sie haben am Ende gegen das Unrecht gewonnen. Gemeinsam.

Rosa Parks «Meine Geschichte», Autobiografie mit Jim Haskins, aus dem Englischen von Sonja Bonin, mit einem Vorwort von Alice Hasters, 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3-293-00641-6, erscheint am 20. August 2026

Rosa Parks (1913–2005) war eine US-amerikanische Bürgerrechtsaktivistin. Sie wuchs im segregierten Bundesstaat Alabama auf, arbeitete als Schneiderin und engagierte sich jahrzehntelang ehrenamtlich in der NAACP. 1955 wurde sie durch ihre Weigerung, im Bus ihren Sitzplatz zu räumen, zur Schlüsselfigur des Busboykotts von Montgomery. Bis zu ihrem Tod blieb Parks politisch aktiv, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und gründete das Rosa and Raymond Parks Institute for Self-Development.

Jim Haskins, geboren 1941 in Demopolis, Alabama, studierte Geschichte und Sozialpsychologie an verschieden Universitäten in den USA und war als Lehrer tätig. Seine zahlreichen Bücher richteten sich zumeist an ein junges Publikum und erzählen von prägenden Schwarzen Persönlichkeiten und afroamerikanischer Geschichte. Für sein Werk wurde er mehrfach prämiert, u. a. mit dem Coretta Scott King Award. Als Mitverfasser unterstützte er Rosa Parks bei der Veröffentlichung ihrer Autobiografie. Er starb 2005 in Manhattan.

Sonja Bonin, geboren 1970, studierte Philosophie und Germanistik sowie Buch- und Medienpraxis in Mannheim, Frankfurt a. M. und Rutgers, New Jersey. Sie ist freie Journalistin und Übersetzerin und lebt, nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland, den USA und China, in Zürich. Sie arbeitete u. a. für den Tagesspiegel, Spiegel Online, Aspen Institute Berlin und LiteraturReview. Zu den von ihr übersetzen Autoren gehört Howard Zinn (Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes).

Beitragsbild © AP / Wide World Photo (Rosa war nur eine von neunundachtzig Personen, die im Februar 1956 wegen Boykotthandlungen ohne »Rechtfertigung oder juristischen Grund« verhaftet wurden.)

Peter Weibel «Drei Mal eine Frau ohne Namen»

Und kann der Vers über die Amsel
das Singen der Amsel ersetzen?
Ich zweifle.
Izet Sarajlic


Zuletzt hatte ich eine Fotografie aus Kiew mitgebracht. Wie lässt sich die Sprache eines Bildes, wenn man denn bereit ist, genau hinzuschauen, in einen Text einbringen? Während einer Woche war ich mit Studentinnen zusammengekommen, mit Karin, Mona und Lara, um über das Schreibhandwerk zu debattieren. Über literarische Formen, Gestaltung. Über Fallen. Über die oft unergiebige Anstrengung, etwas Unmögliches möglich zu machen. Diesmal sprachen wir über die Kunst des Verdichtens; wie gehst du an eine Kurzgeschichte ran? Sie kannten die Meister der kurzen Form, Tschechow, William Williams. W. Somerset Maugham. Wie schaffst du es, etwas Verstörendes oder Übersehenes in eine geschlossene Form zu bringen, eine offene Frage, einen Schrei; etwas nie Abgeschlossenes?

Sie waren zunächst skeptisch, dann angeregt, als ich die Fotografie herumreichte und sagte, darüber kann man eine Geschichte schreiben. Muss man eine Geschichte schreiben: Eine junge Frau in Schwarz geht an einer zerbombten Hausfassade vorüber, zerborstene Fenster, an denen noch Kleider hängen, aufgerissene Mauerhöhlen wie pechschwarze traurige Augen. Die Frau presst einen riesenhaften Blumenstrauss an die Schulter, Margeriten und helle gelbe Astern, wahrscheinlich geht sie schnell, ihr Blick ist halb nach vorne und halb zur Seite gerichtet, auf das Trümmerhaus, als könnte sie nur kurz und getrieben hinsehen, was sie längst kennt, was sie schon zu oft und überall in Kiew gesehen hat, der Blick ist finster und wehmütig und auch fest entschlossen. Wohin geht sie, wem bring sie die Blumen?

Ein Bild weiterdenken und mit Worten eine Möglichkeit zeichnen, eine von vielen. Einen Text über eine Möglichkeit, den man mit der Überzeugung liest, genauso ist es gewesen.

Karin, Mona und Lara nahmen die Aufforderung an und schrieben drei Geschichten, mit denen sie eine Ahnung von etwas preisgaben. Und auch etwas von sich selbst. Ist eine Geschichte immer wahr? Die Vorstellungskraft, die Empörung und die trotzige Hoffnung der Autorinnen haben sie wahr gemacht.

Auf dem Weg durch die Stadt, an verbotenen Zonen und Bombenkratern vorbei, beginnt Ana pausenlos mit Andriy zu sprechen. Zu ihm hin und auch zu sich selbst. Karins Erzählung war die längste von allen; ein langer Monolog im Gehen und ein aufgewühlter Blick zurück und nach vorn: Anas innerer Monolog mit ihrem Bruder, der bei Prokowsk gefallen ist, auf dem Weg zur Grabanlage, wo die Kriegsopfer liegen. Dort wird sie die Blumen hinlegen. Die verbrannte Sonne im Gelb der Astern. Sie hat den Glanz der Vergangenheit vor Augen, eine versunkene Welt. Wie ihr Andriy beigebracht hat, aus einem Schilfrohr Pfeiftöne herauszuholen. Wie er ihr mit blutunterlaufenem Auge ein geklautes Fahrrad zurückbringt. Wie sie zusammen im Sand an der Sonne liegen und das Haus in den Himmel zeichnen, das sie einmal zusammen bauen werden, es hat viele Zimmer für die ganze Familie und einen ausgebauten Dachstock, wo die Kinder spielen werden. Immer mehr Bilder tauchen unterwegs auf, einmal schaut sich Ana wie elektrisiert um, als hätte sie Andriys Hand auf der Schulter gespürt. Aber Andriy ist nicht mehr da, er liegt irgendwo in Pokrowsk unter der Erde. Oder noch in einem Schützengraben. Als sie am Soldatengrab die Blumen niederlegt, ist sie sich sicher, dass er von oben herab zuschaut. Dass er genau hinhört, was sie sagt. Bei jeder Blume, die sie langsam hinlegt, ruft sie Andriys Name, sie ruft so laut, dass zwei Frauen in der Nähe zusammenzucken. Die letzte Aster hält sie lange in der Hand, sagt trotzig in den Himmel hinauf, ich werde für unser Land alles tun, was ich kann, ich werde es für dich tun und immer auch mit dir zusammen.

Der Text von Mona war anders, so anders, dass es unmöglich war, die beiden Geschichten hintereinander zu lesen. Dass man den Atem anhalten musste, um von einer Gedankenwelt in die andere zu springen. In Monas Erzählung heisst die Blumenfrau Marija, sie hat teure Blumen für ihre Mutter gekauft, sie hat sie lange nicht mehr gesehen. Sie hat Mühe, durch die Stadt zu kommen, überall Sperrgebiete, verbotene Durchgänge, Rettungsmänner in Schutzmontur zwischen Trümmern. Als sie zum Wohnblock der Mutter kommt, erschrickt sie, das Dach ist ein verkohltes Gerippe, zerschlagene Fenster und Türen; wohnt da noch jemand? Drinnen hängen Treppen herunter, Bruchholz und zerborstene Rohre, es sieht nicht aus, als könnte da noch jemand wohnen, als könnte man auch nur eine Nacht hier verbringen. Die Tür zur alten Wohnung ist weit offen, Marija tappt über Scherben und Müll, sie denkt, sie kann irgendetwas Vertrautes finden, vielleicht ein Zeichen, dann hört sie aus einem Zimmer ein Stöhnen. Die Mutter liegt gekrümmt am Boden, unter Bergen von Decken und zerwühlten Kissen, neben aufgebrochenen und leeren Konservenbüchsen. Augenblicklang sind beide wie erstarrt, dann geht ein Leuchten über das alte und graue Gesicht, ich habe gewusst, dass du kommst. Ich habe nur noch darauf gewartet. Monas Erzählung endete in diesem zerfallenden Zimmer, in einem Bruchhaus ohne Zukunft, sie endete mit einem stockenden Gespräch ohne erlösende Wendung, Mona liess alle Fragen offen. Sie presst den Blumenstrauss an die Brust wie ein unverhofftes Glück. Wie eine Gabe von Engeln. Als sie sagt, du musst jetzt weitertragen, was ich nicht mehr mittragen mag, weiss Marija nicht, soll sie es als Selbstaufgabe oder als Aufruf zur Hoffnung verstehen.

Laras Geschichte war kurz und atemlos dicht, zwei Seiten. Sie muss um die Form gerungen haben, man spürte das, jeder Satz eine Keule, jedes Wort genau gesetzt. In ihrem Text hat die Frau keinen Namen, auch ihr Freund nicht, sie haben die Namen aller Liebenden vor der wegstürzenden Zeit. Er hat ihr die schönsten Blumen gebracht, die er finden kann, bevor er als Soldat wieder zurück muss nach Kostjantyniwka, in die Todeszone. Wie liebt man sich, wenn man weiss, dass die Zukunft kein Versprechen mehr ist? Liebt man sich in einer hellen Sphäre, die eine Alltagsliebe nicht kennt, oder lähmt das nahe Ende die Liebe, noch bevor sie zu Ende geht? Lara hatte darauf keine Antwort, aber sie beschreibt die atmosphärische Dichte, die die beiden umgibt. Die Lichteffekte im kahlen Zimmer, in dem sie zusammenliegen, den Geruch des geliebten Körpers. Das ungläubige Staunen, wenn er ihr übers Haar streicht, während sie von Ferne Detonationen hören. Die halblauten Gespräche und das lange Schweigen, man hört nur die erbarmungslosen Klopftöne einer Uhr. Sie schaffen es, den Abschied durchzustehen wie einen von vielen. Sie trägt den Blumenbund durch die Stadt wie eine Hostie. Als würde sie ihn in den Armen tragen. Sie wird die Blumen pflegen und mit ihnen reden und dann seine Stimme hören. Sie stellt sich vor, wenn jedes Blütenblatt alt, wenn es mit ihrer Sorge sehr alt wird und eine abgemessene Zeit hinter sich lässt, wird er zurückkehren. Damit eine neue Zukunft beginnt.

Jede der drei Geschichten ist ein kleines Stück Literatur, ich sagte ihnen das, als wir nochmals zusammenkamen. Sagte, ihr habt eine unbekannte Frau aus der Anonymität geholt, in euren Texten kann man sie erkennen. Man kann sie fühlen.
Reicht das? Mona sah mich herausfordernd an, auch ein gelungener Text ist nur eine Fingerübung im Sturm. Sie wollte nicht einfach ein Lob, sie wollte etwas klären. Schreiben wir für uns oder auf etwas hin? Vielleicht musste diese Frage kommen, irgendwann musste sie kommen, wenn man von aussen auf ein Bild schaut und dazu eine Geschichte schreibt. Ist Poesie ein Fluchtraum für wenige, ohne Anspruch auf Veränderung? Ich sagte, kennst du Sarajlics Kriegsgedichte aus Sarajevo, Kann der Vers über die Amsel / das Singen der Amsel ersetzen / ich zweifle. Jetzt war es Lara, die nach einer Antwort auf Sarajlics Gedicht suchte, sie sagte, Sarajlic war mittendrin, wir sind es nicht – Literatur, ob von innen oder von aussen, verändert einen Krieg nicht, aber die Kälte, die mit dem Krieg gekommen ist. Sie ersetzt das Singen der Amsel nicht, aber sie weigert sich zu glauben, dass Amseln nie mehr singen werden.

Peter Weibel wurde 1947 in Thun geboren und lebt in Bern. Er studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Der Autor aquarelliert und zeichnet auch. Seit 1982 veröffentlicht er Lyrik und Prosa und wurde u.a. 1983 mit dem Buchpreis des Kantons Bern (für den Erzählband «Die blauen Flügel») und 1986 mit dem Buchpreis der Stadt Bern ausgezeichnet. Für «Mensch Keun» (2017) erhielt der den ersten Kurt Marti Literaturpreis.

Edith Gartmann «Kerstin», Plattform Gegenzauber

Aus dem Haus geht er nur, wenn der Himmel bewölkt ist. Ohne Wolken fühlt er sich schutzlos. Ohne Wolken fürchtet er, den Boden zu verlieren, in den blauen Himmel hinauf, durch den blauen Himmel hindurch zu fallen. Die Wolken geben ihm Halt auf der Erde. Sie bändigen das Ziehen des blauen Himmels.
Am besten fühlt er sich, wenn die Wolken keine durchgehende, undefinierbare Decke bilden, sondern einzeln unterscheidbar am Himmel stehen und dreidimensional, in mehreren Schichten, den offenen Himmel abschirmen.
An Tagen mit blauem Himmel verschanzt er sich in seiner Wohnung. Das blaue Nichts will ihn zu sich hinaufziehen, einsaugen und in die Atmosphäre spucken. Fallen lassen. An Tagen mit blauem Himmel zieht er die Vorhänge zu. Er muss sich vor dem Sog des weiten Blaus schützen.
Früher hat er es mit Steinen in den Hosentaschen versucht und mit Blei im Hosensaum. Feste, schwere Schuhe gingen nicht wegen seines Zehengangs.
Er kontrolliert die feinen Vorhänge. Schliesst die letzte Lücke. Unbeschwert sonnen sich derweil die Nachbarn im Garten auf ihren Liegestühlen. Sie grillen und plaudern und lachen sorglos unter dem blauen, offenen Himmel. Wenn sie besonders laut lachen ist er sich sicher, sie lachen über ihn.
Er lässt den Rolladen herunter. Verkriecht sich unter dem Tisch. Schaut Meteo. Das Hoch heisst Kerstin und soll noch Tage dauern.
Kerstin macht ihm Mühe. Anscheinend hat diese Frau, es muss sich um eine Zentraleuropäerin handeln, bei der Freien Universität Berlin eine Namenpatenschaft für ein Hochdruckgebiet gekauft. Für 390 Euro. Oder sie hat die Namenpatenschaft für das Hoch geschenkt bekommen, zur Hochzeit vielleicht. Weil ein Tiefdruckgebiet meist kürzer dauert und negativ bewertet wird, wäre die Patenschaft für ein Tiefdruckgebiet 130 Euro günstiger gewesen.
Ihm fehlt für Kerstin jedes Verständnis.
Er würde seinen Namen, wenn schon, einem Tief geben.
Kerstin dehnt sich aus. Sie liegt ausgebreitet über dem Mittelland und verharrt.
Er kriecht unter dem Tisch hervor und kontrolliert den Rolladen. Ihm scheint, der sei unten nicht ganz eingerastet. Er zieht den Rolladen ein Stück hoch und lässt ihn schnell wieder herunterfallen. Das Knattern klingt entschlossen, doch zwischen den Lamellen bleiben dünne Lichtstreifen liegen. Er setzt sich wieder unter den Tisch.
In Skandinavien hätte Kerstin keine Chance. Er hat gelesen, dass man dort nur überregionale, stürmische Extremwetter benenne, keine Hochs, und dass man bei der Benennung einer alphabetisch geordneten und gemischtgeschlechtlichen Namenliste mit norwegischen Namen folge (ausgenommen seien die Namen des Königshauses und die Anfangsbuchstaben Q, W, X, Z). Dass dann aber Schweden und Dänemark je eigene Benennungssysteme entwickelt hätten, was dazu geführt habe, dass ein Sturmtief auf dem Weg von Norwegen nach Dänemark drei Mal habe umgetauft werden müssen – bei voller Windstärke. Die drei Wetterdienste hätten sich schliesslich darauf geeinigt, dass derjenige den Namen vergeben könne, dessen Land als erstes vom Sturmtief betroffen sei, bei nordziehenden Atlantiktiefs typischerweise Norwegen, bei ostziehenden Dänemark – Schweden gehe meist leer aus, da die Tiefdrucksysteme nur selten zuerst dort auftreten würden.
Die Rolladen werfen ein gleichmässiges Streifenmuster auf die gegenüberliegende Zimmerwand. Er sitzt unter dem Tisch. Atmet möglichst nach unten. Redet sich ein, der Himmel wolle ihn nicht hinauf ziehen, habe kein Interesse an ihm. Der Himmel werde seinen blauen Schlund bald wieder schliessen und mit Wolken bedecken. Ein Hoch dauere nicht ewig. Kerstin werde weiterziehen und heisse dann in Polen bereits Krystyna oder sonst wie.
Der Schattenwurf der Rolladen schiebt sich allmählich über die leere Wand. Verzieht sich zum Parallelogramm, kippt aus seiner Regelmässigkeit. Die hellen Streifen schwellen an, drohen die dunklen zu verdrängen. Besser nicht hinschauen, weiss er. Besser nachlesen, was er schon kennt:
Auf den Britischen Inseln bleiben, wie in Skandinavien, Hochdrucksysteme namenlos. Für Tiefdrucksysteme, welche für Unwetterwarnungen relevant sind, werden vorgängig jährliche Namenlisten erstellt, deren Namengut von der Öffentlichkeit bestimmt wird – „NAME OUR STORMS“. Namen, die innerhalb eines Jahres mangels Stürme nicht benötigt wurden, verfallen. Auch auf den Britischen Inseln halten sich Stürme nicht an Landesgrenzen, und so kommt es zu Namenallianzen etwa mit den Niederlanden oder zu Umbenennungen bei von den USA herkommenden Tiefdrucksystemen.
Er setzt sich etwas anders hin. Lehnt sich ans Tischbein. Konsultiert drei Wetter-Apps. Kerstin bewegt sich nicht.
Mit der Freien Universität Berlin hadert er. Er nimmt es dem dort ansässigen Institut für Meteorologie übel, dass es Hochs überhaupt mit Namen versieht. Ein Hoch hat keinen Namen verdient. Besonders verwerflich scheint ihm das Preisgefälle zwischen Hoch und Tief, das ein abgründiges Hoch höher einstuft als ein bodenständiges Tief. Anderseits war die Tatsache, dass die FU Berlin auch Hochdrucksysteme benennt, gerade der Grund, weshalb er vor ein paar Jahren in deren Wirkungskreis umgezogen ist: Hier hat die Gefahr einen Namen. Kerstin. Die Angst ist benannt. Das Hoch ist bodenlos, doch eingeordnet ins Alphabet. Anita, Beate, Caroline, Doris, Edeltraud, Frauke, Grit – er braucht das Dokument nicht zu öffnen, die Listen der letzten Jahre kennt er auswendig. Wenn Kerstin durchgesessen ist, wird er auch sie in die Excel-Tabelle eintragen, sie dort in eine schmale Zeile bannen.
Das Streifenmuster an der Wand verblasst. Die Sonne wandert weiter, die Dunkelheit im Zimmer nimmt zu.
Gewonnen ist damit nichts.
Der wolkenlose Himmel der Nacht macht es nicht besser. Aus dunklem Hinterhalt wird der Nachthimmel versuchen, ihm jeden Boden unter den Füssen wegzuziehen. Er muss vorbereitet sein. Rasch ins Bad, dann mit der Bleidecke und einer Dose Mais zurück unter den Tisch.
Heltraud, Ingeborg, Julia, Kunigunde, Lena, Mareike.
Kerstin. Er wird Kerstin durchstehen. Sie und ihr offener Himmel werden ihn nicht zu Fall bringen. Er kennt ihren Namen. „NAME YOUR ANXIETY.“ Kerstin. Sie wird in der Tabelle landen. Es wird leichtere Zeiten geben.
Es wird Tiefdrucksysteme geben.
Und gelegentlich ein Bodenhoch.
Ein Bodenhoch birgt nicht die Gefahr eines ausgewachsenen Hochs, einer Kerstin. Ein Bodenhoch ist ein Hoch, das nicht jeden Boden entzieht. Das einem nicht den ganzen Boden entreisst. Ein Bodenhoch ist ein gemässigtes Hoch.
Nina, Oldenburgia, Petra, Rita, Sieglinde.
Wenn Kerstin überstanden ist, wird er sich in der nächsten Tiefdruckrinne erholen. Er wird rausgehen, spazieren und ein Bodenhoch abwarten. Er wird versuchen, im Bodenhoch draussen zu bleiben. Oder eben im Zimmer. Aber wenigstens nicht unter dem Tisch. Ein Bodenhoch ist für ihn ein ideales Übungsfeld.
Kerstin steht unter Hochdruck. Bodenlos ist ihr Zerren.
Er liegt unter dem Tisch.
Er zieht die Bleidecke hoch.

Edith Gartmann, geboren 1967, wuchs im Safiental, Graubünden auf. Ausbildung am Kindergarten-Seminar Chur, anschliessend Lehr- und Wanderjahre in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und England. Später besuchte sie die neueKUNSTschule Basel im Fach Malerei und absolvierte den Literaturlehrgang an der SAL Zürich. Edith Gartmann lebt und arbeitet in Basel. «Schongebiet» (2022 bei der edition bücherlese) ist ihr Roman-Debüt.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Michael Kleeberg «Achilles in Taormina», Penguin

Am 2. Juli 2026 waren es 65 Jahre, seit Ernest Hemingway seinem Leben mit seiner Jagdflinte ein Ende setzte. Michael Kleeberg nähert sich mit seinem aktuellen Roman „Achilles in Taormina“ in ganz eigener Manier an einen der ganz Grossen in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Ein Leseabenteuer mit Wirkung!

Michael Kleeberg hätte zu Hemingways Todestag eine weitere Biographie schreiben können. Stoff dazu gäbe es genug über einen, aus der Gegenwart betrachtet, streitbaren Lebemann, Schriftsteller, Frauenheld, Grosswildjäger und Genussmensch. Einen, der sich im Alter mit seinen Süchten und seiner psychischen Erkrankung genötigt sah, das Gewehr auf sich selbst zu richten, weil er sich lebendig sterben sah. Eine weitere Biographie wäre auch gar nicht notwendig, davon gibt es genug, auch wenn Michael Kleeberg in seinem Hemingwayroman durchaus neue oder zumindest überraschende Aspekte aus dem Leben dieser Ikone der Literatur zu Papier bringt. Aber weil Michael Kleeberg nicht einfach bloss ein paar Facetten hinzufügen wollte, schrieb er einen Roman über einen fiktiven Hemingwayforscher und Autor, einen Mann namens Dr. Michael Kleeberg, dessen Leben sich in grossen Teilen im Schweif Hemingways abspielt.

Michael Kleeberg «Achilles in Taormina», Penguin, 2026, 336 Seiten, ISBN 978-3-328-60276-7

Noch diesen Sommer wird Ernest Hemingways Debütroman noch einmal erscheinen; „The Sun Also Rises“ (Deutsch: „Fiesta“), ein Roman, der vor 100 Jahren grosse Beachtung fand und ganz unterschiedlich bewertet wurde. Dass Hemingway mit seiner Art des Schreibens ganz viele Zeitgenoss*innen beeinflusste, einen neuen Ton zu erzeugen wusste und es verstand, seine Person zu einer Marke zu machen, einer Sonne, um die Planeten kreisen, ist unbestritten. Ebenso unbestritten sind Hemingsways Selbstzweifel, seine langen Schreibkrisen, seine Selbstinszenierung, die sich gerne am Mythos orientierte, sein zügelloser Raubbau an sich selbst. Das, was in all den Erzählungen und Romanen geschrieben steht und seine eigene Person immer wieder in den Mittelpunkt stellte, scheint sich ein Leben lang mit seiner tatsächlichen Innenwelt zu streiten. 

Was dem tatsächlichen Michael Kleeberg mit seinem Roman gelingt, ist jene Distanz zum Fixstern Hemingway. Hemingway ist der Stoff, an dem sich der fiktive Autor und Forscher Michael Kleeberg abarbeitet, der ihn nicht loslässt, der ihn nährt und zum Boden macht, auf dem seine eigene Existenz gedeiht. Kleeberg im Buch versucht sich als junger Mann selbst in der Schriftstellerei. Ein kümmerlicher Versuch, der aber eine Ahnung hinterlässt, was es bedeutet, sich in einen Stoff hineinzubohren. Kleeberg, der sich biographisch ganz deutlich vom fiktiven Kleeberg unterscheidet, verbeisst sich förmlich in das Leben Hemingsways. Er forscht und unterrichtet in den USA, nimmt Kontakt zu all den Menschen auf, von denen er sich Neues erhofft, die einst mit Hemingway zusammen waren, ein Stück seines Lebens teilten, bis hin zu dessen Kindern, die sich auf ganz eigenen Weise mit der Überfigur Hemingway auseinandersetzen mussten. Kein seltenes Phänomen.

So verschränken sich Biographien, zerfliessen Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Wer in den Hemingway’schen Kosmos mit diesem Roman einsteigen will, wird ebenso beglückt, wie jene, die als Hemingwaykenner*innen in Leben eintauchen wollen, ein Buch, gespickt mit Details und Überraschungen. Der tatsächliche Michael Kleeberg suhlt sich vergnüglich in der Unendlichkeit einer Existenz, die noch immer strahlt, auch 65 Jahre nach seinem Tod. Michael Kleeberg versteht es meisterhaft, Hemingway’sche Details, die Akribie eines „Angefressenen“, Faszination für eine umstrittene Figur und detailreiche Fiktion eines Forschers miteinander zu verweben. Dass damit eine aus der Gegenwart betrachtet mehr als zweifelhafte Person fast 350 Seiten Aufmerksamkeit geschenkt wird, tut der Auseinandersetzung mit diesem Giganten der Literatur mehr als gut. Eine Auseindersetzung mit einem veritablen Stück Inszenierung – genau das, was Hemingsway selbst bis zu seinem Suizid an Darstellung und Selbstinszenierung Teil seines Lebens und Wirkens war.

Genau zur richtigen Zeit das richtige Buch. Ich freue mich auf Hemingway!

anonymous photographer, public domain

Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, studierte Politische Wissenschaften und Geschichte. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2008 als Mainzer Stadtschreiber. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen: „Ein Garten im Norden“ (1998), „Der König von Korsika“ (2001) und «Karlmann» (2007). 2010 erschien der Roman „Das amerikanische Hospital“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und für den Michael Kleeberg 2011 den Evangelischen Buchpreis erhielt. Sein Roman „Vaterjahre“ wurde u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. 2016 erhielt Michael Kleeberg für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Rezension zu «Glücksritter. Recherche über meinen Vater» auf literaturblatt.ch

Michael Kleeberg «Abschied von einem Apfelbaum» auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Susanne Schleyer

Liz Moore «Der andere Arthur», C. H. Beck

Arthur ist über 200 Kilo schwer. Sein Gewicht verdrängt ihn aus seinem Leben. Er, der in den besten Jahren wäre, lebt zurückgezogen im Erdgeschoss seines Hauses, eingemauert und eingefressen in einem Leben in Einsamkeit. Bis die Vergangenheit anklopft. Liz Moore ist eine berührende Geschichte gelungen, auch wenn sie bald vorhersehbar wird.

Meist bin ich es, der bestimmt, welches Buch ich zur Hand nehme. Manchmal ist es aber auch die nachdrückliche Empfehlung eines Freundes oder einer Freundin. Oder die Lektüre ist in einem meiner Lesekreise vorbestimmt. So passiert mit „Der andere Arthur“ der US-Amerikanerin Liz Moore. Ein Buch, das die Autorin bereits 2012 schrieb und nun im Schweif ihres grossen Erfolgs „Der Gott des Waldes“ auf Deutsch erschien. Wieder ein Roman über Familie, wieder ein Roman, der Gesellschaftsprobleme eindrücklich bebildert. Nicht nur Einsamkeit oder Fettleibigkeit (ein Phänomen, das ganze YouTube-Kanäle füllt). Ihr Roman beschreibt den Zerfall der Werte, den Zerfall einer Gesellschaft. Kein nordamerikanisches Problem. Was bleibt, wenn aus Familien ein Trümmerfeld wird. 

Arthur, ein Name, der eigentlich zu einem Kämpferherz passt, ist Sohn eines erfolgreichen, aber narzistischen Architekts, der sich schon während Arthurs Kindheit abgesetzt hatte, um in Europa eine neue Familie zu gründen, einen zweiten Versuch, der gelingen musste. Arthurs Mutter verstarb früh, ebenso jene eine grosse Liebe, die das Zeug gehabt hätte, seinem Leben eine Form zu geben. Eine Weile war er Literaturprofessor, schon immer dick. Irgendwann so dick, dass ein Leben ausser Haus unmöglich wurde. Mit dem Geld seines fernen Vaters fristet Arthur seinen immer gleichen Alltag zwischen Müll, Essensresten und sich ins Mark fressender Scham.

Liz Moore «Der andere Arthur», C. H. Beck, 2026, aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz, 377 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-406-84333-4

Was ihn lange hielt, waren die Briefe einer Freundin, von Charlene, einer ehemaligen Studentin, der er als Lehrer wohl zu nahe kam, die von der Schule verschwand, aber weiterhin Briefe schrieb. Er schrieb zurück, erfand sich in den Briefen ein Leben, das sich immer weiter von der Realität entfernte, ohne zu wissen, dass es Charlene ebenso erging. Ganz nach dem schriftstellerischen Motto; Man kann sich sein Leben leicht erschreiben.

Zweite Hauptfigur im Roman, der eigentliche Gegenpol, ist der 18jährige Kel, Charlenes Sohn, weit weg in einer anderen Stadt. Kel kämpft sich durch ein Leben in Armut. Sein Traum, dereinst ein erfolgreicher Baseballspieler zu werden, hält ihn aufrecht. Auch als es seiner kranken und lebensmüden Mutter immer schlechter geht. Erst als Charlene stirbt, erfährt Kel, dass der Mann, von dem er glaubte, er wäre sein Vater, dass jener Arthur Opp, dem seine Mutter über Jahre Briefe schrieb, sein wirklicher Vater sei. Beide machen sich zaghaft auf einen Weg. Arthur mit Hilfe einer jungen Putzkraft, die bei ihm Asyl findet, Kel durch den seltsamen Aufwind, den der Tod seiner Mutter mit sich brachte.

In diesem Roman sind alle Protagonisten beschädigt. Familie ist Fassade, Krisengebiet, Kampfzone oder Schlachtfeld. Die Moral, die in dieser überaus spannend erzählten Geschichte durchscheint, ist eine allzu einfache; Zusammen ist man weniger allein. Glücklicherweise präsentiert Liz Moore das Ende ihrer Geschichte nicht mit Glockengeläut. Aber die Geschichte ist zu vorhersehbar und so geschrieben, als hätte die Autorin die Verfilmung schon im Hinterkopf gehabt.

Solide Unterhaltung, spannendes Lesefutter. Aber keine Literatur, die Fragen stellt, die reiben will, die mich in eine Auseinandersetzung zwingt. Naja, irgendwie Hollywood.

Liz Moore geboren 1983, hat zunächst als Musikerin in New York gearbeitet und anschliessend begonnen, Romane zu schreiben. Bei C.H.Beck erschien ihr Roman «Long Bright River» (2020). «Der Gott des Waldes» ist in den USA seit Erscheinen auf der New York Times-Bestsellerliste, erhielt zahlreiche hymnische Besprechungen und wurde von Barack Obama empfohlen. Liz Moore lebt mit ihrer Familie in Philadelphia.

Cornelius Hartz lebt als freier Autor und Übersetzer in Hamburg. Er hat zahlreiche Romane und Sachbücher u.a. von Rye Curtis, Edward Carey, Erin Flanagan, Daniel Mason und Catherine Nixey übersetzt. Er übersetzte ausserdem bereits «Der Gott des Waldes» von Liz Moore.

Beitragsbild © Maggie Casey

Yade Yasemin Önder «Anti Müller», park x ullstein

Mit ihrer poetischen Prosa greift Yade Yasemin Önder in «Anti Müller» tief in die Grube der Geschlechter-Stereotypen. Doch daraus folgt eine ambivalente Auseinandersetzung mit dem Frausein, dem Schreiben und wie die Männer da herumgeistern.

Heimgesucht und Heim suchend
Gastrezension: Elena Gotti wurde 2001 in Basel geboren und studiert zurzeit Deutsche und Englische Literaturwissenschaften im Master an der Universität Basel.

Bei Yade Yasemin Önders spukt es: Der Schriftsteller-Ex-Freund Kar, das Sprachrohr der Diaspora, hat nach sechs Jahren Beziehung den Schlussstrich gezogen. Mit 36, ohne Name, dafür aber mit Schreibblockade muss die verlassene Protagonistin in «Anti Müller» nun einen Weg finden, das Gespenst zu verbannen und weiterzuschreiben. Doch ihr brennender Kinderwunsch zwingt sie, sich erneut in die Dating-Szene zu wagen.

Das Anti-Müller-Hormon, verantwortlich für die Regulierung der weiblichen Eizellen, widerspiegelt bereits im Titel die Besessenheit der Protagonistin mit ihrer tickenden biologischen Uhr. Mit «Andi Müller», 36, Artist, Actor, Twins, alles kann, nichts muss, 1 km entfernt, möchte sie nun einen neuen Versuch starten, ihr Familienglück zu finden. Die Namensähnlichkeit ist selbstverständlich kein Zufall, doch Andi ist auch konventionell „anti“: Er vereint alle Klischees eines performativen Künstlers in einer Person. Sein Charakter ist insofern gelungen, als man seine Auftritte im Roman mit grosser Abneigung liest, wobei dies mit ein oder zwei stereotypischen Zügen weniger ebenfalls funktioniert hätte und Andi als Charakter dann ausgereifter und weniger symbolisch gewesen wäre.
Für die Möglichkeit, ihren Kinderwunsch erfüllen zu können, erträgt die Protagonistin allerdings ihn und mehr. Frauen überall erschaudern und verbünden sich in weiblicher Solidarität gegen heuchlerischen Feminismus, falsche Versprechungen und die Weigerung, sich festzulegen. Gerade durch ihre Namenlosigkeit ist die Protagonistin zugleich eine und alle: Sie ist als Figur im Roman individuell ausgefeilt, doch die geläufigen Männerkomplikationen vereinfachen ein kollektives Hineinversetzen und Wiedererleben eigener Dating-Traumata. Önder benötigt daher eine gute Portion Humor und Zynismus, damit ihre Figur und die Leserschaft nicht allzu geschädigt durch die erste Hälfte des Buches kommen.

Yade Yasemin Önder «Anti Müller», park X ullstein, 2026, 240 Seiten, ISBN 978-3-843-73772-2

Die grosse Stärke des Romans liegt im Versuch der Protagonistin, ihre eigene literarische Stimme wiederzufinden. Als selbst Schreibende eröffnet sie eine Metadimension, in der sich nicht nur ihr fiktiver autofiktionaler Text reflektiert, sondern auch Önder ihr eigenes Schreiben und den Verlauf von Anti Müller hinterfragen kann: Was ich weiß: Vor normalen Sätzen muss man sich hüten. Wehe den glatt polierten Gedanken der Gegenwartsliteratur, die einen schon auf den ersten Seiten in das Buch rutschen lassen. Der Text wird Seite um Seite (re)konstruiert und die Grenze zwischen den Autorinnen verschwimmt.
Denn wer schreiben darf oder soll, über was und vor allem aber wie geschrieben werden soll, sind nicht nur Fragen, die die Protagonistin zu beantworten sucht, sondern auch Önder selbst: Wenn etwas nicht einfach erzählt werden kann, muss es mehrfach erzählt werden. Es also doppelt erzählen. In dieser Doppelstruktur beweist Önder auch in ihrem zweiten Werk ihr Sprachtalent und lässt ihre Protagonistin nicht mehr nur als Geist in ihrem Leben und Schreiben herumspuken, sondern sich einen Platz in der doch immer noch männlich (von Ex-Freund Kar) dominierten Literaturlandschaft aushandeln.

Das reflexive Schreiben und die vielfältige stilistische Variation von «Anti Müller» bilden sodann das Gerüst für die zunehmend aus den Fugen geratene Handlung. Önders Protagonistin verfällt in eine Obsession, möchte zur Not mit Gewalt ein Kind bekommen. Stalking, Lügen über Verhütung bis hin zur sexuellen Ausnutzung und Selbstverstümmelung: Wie weit soll Frau gehen, um sich ihren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen?

Durch ihre zahlreichen Grenzüberschreitungen sich selbst und anderen gegenüber mutiert die Protagonistin vom Opfer einer Männerkultur, die sich aus allen Verpflichtungen windet, zur Täterin. Die Erwartungen und die Gewalt der patriarchalen Gesellschaft finden ihre Verinnerlichung sowie ihren Austragungsort im Charakter und im Körper der Protagonistin, womit Önder Sympathie und Mitleid, aber auch Entsetzen und Grauen auslöst. 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Yade Yasemin Önders Theaterstück «Kartonage» wurde 2017 zu den Autor*innentheatertagen Berlin eingeladen und am Wiener Burgtheater uraufgeführt. 2018 erhielt sie den Hauptpreis für Prosa beim open mike. Ihr Debütroman «Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron» (2022) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den ZDF-aspekte-Literaturpreis. 2023 erhielt sie das Werkstipendium des Deutschen Literaturfonds. 2024 erschien der Kollektivroman «Wir kommen», dessen Mitautorin sie ist. 

Beitragsbild © Julia Sellmann

Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

Eni Yousuf «Nach oben und von dort über die Dächer. Meine Flucht», Cosmos

Yousuf Eni war neun, als man ihn zusammen mit seinem Bruder verschleppte. Seinen Bruder sah er nie wieder. Er selbst überlebte ein Kinderlager der Taliban, weitere Jahre in einem Arbeitslager, die Flucht und den langen, leidvollen Weg bis in die Schweiz. Eine exemplarische Fluchtgeschichte, die nicht nur angesichts der «Keine 10-Millionen-Schweiz! (Nachhaltigkeits) -Initiative» der SVP Schamesröte in den Kopf treibt.

Als ich letzthin aus dem Zug in St. Gallen ausstieg, taten es drei Männer mit grossen Taschen und prallen Rucksäcken ebenso. Ich habe nicht gefragt, woher sie kamen, ob sie jemand in St. Gallen erwarte. Aber es hätten Afghanen sein können, so wie ein paar Jahre zuvor Eni Yousuf, der nach einer unsäglich langen Flucht genauso dem Zug nach St. Gallen entstieg, allein, in der Hoffnung, hier in der Schweiz einen seiner Brüder zu finden. Das, was ihm von seiner Familie in seinem Heimatland geblieben war, jenen Rest, den er brauchte, um zu überleben. Nicht nur weil er mit neun alles unfreiwillig zurücklassen musste, sondern weil die Hoffnung auf ein Stück Familie alles war, was ihm geblieben war, jener Rest, der ihm niemand nehmen konnte.

Eni Yousuf «Nach oben und von dort über die Dächer. Meine Flucht», Cosmos, 2025, 128 Seiten, CHF ca. 28.90, ISBN 978-3-305-00517-8

Es ist nicht so sehr die Geschichte, auch wenn mich die Tatsache, dass Yousuf Eni sie in Deutsch verfasst hatte, über die Massen beeindruckt. Es ist der Ton, die Kraft, der Mut und der Durchhaltewillen, auch jener, sich mit einem Bericht der Welt dermassen zu offenbaren. Er hätte Gründe genug, um Hass in sich zu tragen, unversöhnlich zu werden, Anklage zu erheben, nicht nur den Machthabern in seinem Land gegenüber, all jenen, die in drangsalierten, schickanierten, schlugen und hungern liessen. Es ist sein Bewusstsein, dass letztlich das Glück doch noch auf seiner Seite stand, dass Menschen halfen, darunter auch solche mit Uniform. Es ist seine Dankbarkeit, auch wenn der begleitende Stolz manchmal etwas befremdlich wird, bleibt doch vielen SchicksalsgenossInnen ein Happyend verwehrt; das Glück, die Liebe zu finden, eine Familie, eine Arbeit, eine Zukunft.

Angesichts der SVP-Initiative, über die wir Mitte Juni an der Urne abstimmten, ein Bericht, der die Fassungslosigkeit auf die Spitze treibt. Umso mehr, weil sich die Rechte traut, ihre Initiative mit dem Begriff der „Nachhaltigkeit“ zu koppeln. Wie soll es nachhaltig sein, die Grenze ab einer gewissen Zahl zu schliessen, wissen wir doch ganz genau, dass wir damit jetzt noch kontrollierte Fluchtbewegungen in die Schweiz in die Illegalität verschieben. Die Tatsache, dass die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs jüdische Flüchtlinge zu Tausenden an der Grenze abwies und sie somit ins sichere Verderben schickte, hatte auch damals mit dem Begriff der Nachhaltigkeit in keiner Weise etwas zu tun. Wir leiden nachhaltig unter diesem Vergehen gegen die Menschlichkeit, unserer kollektiven Mutlosigkeit.

Eni Yousuf hat es geschafft. Heute führt er zusammen mit seiner Frau ein Restaurant in der Nähe von Bern. Er überlebte Lager, die an KZs erinnern, aufgezwungene Showkämpfe, die er zur Belustigung der Lagerführung überleben musste, eine halsbrecherische Flucht, Menschen, die ihn in grösster Not übers Ohr hauten, vier Versuche, mit einem Boot die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland zu schaffen, lange Märsche frierend und hungernd bis zur totalen Erschöpfung, eine lange, einsame Reise über Österreich bis in die Schweiz. Geholfen hat ihm sein Lebensmut, seine Kraft, sein Ehrgeiz, es allen zu zeigen. Dazu gehört auch dieses Buch. Ein Bericht, eine Selbstvergewisserung, ein Zeugnis, der Versuch, sich wenigstens mit einem Stück seiner Geschichte zu versöhnen.

Ich bin mehrfach beeindruckt.

Eni Yousuf, 1997 geboren in Sanglakh, Afghanistan, ist nach einer gefährlichen Flucht seit zehn Jahren in der Schweiz und lebt in der Nähe von Bern.

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