Ein ganz persönlicher Rückblick auf die Sprachsalz Literaturtage in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Zum 24. Mal feierte das Sprachsalz mit Gästen die Literatur. Ein Dutzend internationale Schriftlicher*innen, volle Säle, freier Eintritt und viele Begegnungen, vorzügliche Stimmung – das macht Sprachsalz aus!

Gleich mehrfach hängen am Sprachsalz lange, meterbreite Papierbahnen mit den Namen all jener, die in den letzten 24 Austragungen des Sprachsalz eingeladen wurden. Eine beeindruckende Liste mit beeindruckenden Namen. Von Japan bis Südamerika, vom hohen Norden bis Südafrika. Namen, die in meiner Bibliothek zuhause wie Reliquien gehortet und gefeiert werden. Aber auch Namen, die ich „versäumte“, weil ich in den letzten Jahren wohl Stammgast, die ersten Jahre des Festivals „versäumt“ habe. Wie gerne wäre ich einmal Jon Fosse begegnet. Oder ein zweites Mal Peter Kurzeck. Oder Claire Keegan. Oder dem grossen Ismail Kadare. Oder der grossen Dichterin Frederike Mayröcker. Die Liste ist beeindruckend lang und Zeugnis grossen Engagements, ausufernder Leidenschaft und eines beachtlichen Selbstbewusstseins. Eine Liste, die durchaus als Reputation dienen kann, Festivaleinladungen, die zur Auszeichnung werden.

© Denis Moergenthaler

Am Samstag Morgen sass ich mit einer der Organisator*innen des Festivals auf einen kurzen Schwatz zusammen. Sie, Ulrike Wörner, eine der Kurator*innen des Festivals, hatte am Abend vorher die Lesung mit der südkoreanischen Literaturnobelpreisträgerin Han Kang moderiert. Die Moderation meines Lebens, meinte sie. Nicht nur wegen ihrer Nervosität, sondern weil sich mit dem lange andauernden Applaus am Schluss der Lesung eine Anspannung löste, die man ihr auf der Bühne nicht anmerkte, die ihr aber den Schlaf geraubt hatte. Schon nach der Lektüre des ersten Romans der Südkoreanerin Han Kang „Die Vegetarierin“ 2016, versuchte Ulrike Wörner, die Autorin ans Sprachsalz einzuladen. Ohne Erfolg, nicht einmal eine Antwort auf ihre Anfrage. Sie tat es auch nach „Menschenwerk“ 2017, wieder erfolglos. Was als tapferer Versuch begann, entwickelte sich zu einer eigentlichen Challenge; jedes Jahr eine Anfrage, auch wenn die Hoffnung auf eine positive Anwort mit der Verleihung des Nobelpreises 2024 noch einmal mehr zu schwanken begann. Dann ploppte doch eine Mail auf, eine Zusage, Es freut uns, ihnen mitteilen zu können. Aber mit der Zusage des Managements einer Nobelpreisträgerin hören die Anstrengungen nicht auf, das kleinteilige Organisieren beginnt, die Abarbeitung einer ganzen Liste von Bedingungen, die im Umgang mit einer Nobelpreisträgerin sehr gut nachvollziehbar sind. 

© Denis Moergenthaler

Es war ein zauberhafter Abend, weil die Faszination dieser Autorin in Kufstein mit Händen zu greifen war, weil die Autorin auf der Bühne genau das zeigte, was sich in ihren Büchern manifestiert, weil man im Saal und davor spürte, dass da jemand sass und sprach, der sich mit seinem Schreiben um die grossen Fragen der Menschheit bemüht, es mit aller Kraft und ganzer Hingabe tut, weil sie sich verletzlich, dankbar und freundlich zugewandt zeigt, obwohl sie sich in ihrer Rolle als Exponentin der Literatur nicht wohl zu fühlen scheint. In ihrem neusten Buch „Der goldene Faden“ veröffentlicht sie einen Teil eines Gartentagebuchs. Sie erzählt von ihrem kleinen Haus, ein bisschen mehr als 30 Quadratmeter und ihrem noch viel kleineren Garten, den sie trotz fehlenden Sonnenlichts, dafür mit Hilfe von Spiegeln, anzulegen beginnt. Was sie tut, tut sie ganz, mit totaler Hingabe, fokussiert und kompromislos. Eine Leidenschaft, die auf Leser*innen überspringt, eine Leidenschaft, die ganz offensichtlich eine Sehnsucht bedient, die in der Gegenwart mit all den Ablenkungen immer schwerer zu erreichen ist.

© Denis Moergenthaler

Als ich am Samstag Morgen in Kufstein in einem Café auf dem Stadtplatz sass und am kleinen Tisch mit anderen über den Abend mit Han Kang sprach, sah ich die Autorin in ihrem langen beigen Regenmantel (Die Sonne schien.) an meinem Tisch vorbeispazieren. Sie ging langsam, liess ihren Blick auch hinauf an die Giebel der Dächer, ins Blau des Himmels schweifen. Für einen ganz kurzen Moment dachte ich, ihr Buch in meiner Tasche zu schnappen, ihr hinterherzulaufen, um sie doch noch um eine Signatur zu bitten, weil sie am Abend zuvor nicht wollte, dass man sie den Annähungen der Massen aussetzte. Aber ich zügelte mich selbst. Wie vermessen wäre es gewesen, sie aus ihrem Spaziergang herauszureissen. Sie ging Minuten später ein zweites Mal an meinem sonnenbeschirmten Tisch vorbei. Ich wünschte ihr ganz im Stillen alles Gute.

© Yves Noir

Genau das ist es, was ich am Sprachsalz schätze; Auch wenn die Fixsterne der Literatur im Scheinwerferlicht auf der Bühne sitzen – am Morgen danach begegne ich ihnen im Frühstücksraum, auf einem Spaziergang am Inn, auf dem Stadtplatz mitten in Kufstein. Oder im Lift, kurz vor meinem Auschecken. Noch einmal Martin Piekar, der mich schon in den Wochen vor dem Festival mit seinem Prosadebüt „Vom Fällen eines Stammbaums“ überzeugte, ein Autor, der aber schon seit einem Jahrzehnt seinen ganz eigenen Weg als Lyriker geht. Ein Bär von einem Mann mit einem grossen Kämpferherz. Vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Robert Gernhard Preis und nominiert für den Aspekte-Literaturpreis, einem Preis, der anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2026 vergeben wird. Ein Autor, der mit Vehemenz für den Humor in der Literatur streitet. Einer der weiss, dass man im tiefen Wasser den sicheren Boden verlassen muss, um jene Freiheit zu erreichen, die einem zu neuen Ufern bringt. Einer der nicht will, dass der Schrecken übertüncht wird, der Störfaktor bleiben will, nicht zuletzt in seiner Arbeit als Lehrer, in der Vermittlung davon, was Dichtung sein kann; die Manifestation von Auseinandersetzung mit dem Leben. Im Gespräch auf der grossen Bühne des Theatersaals musste er sich wohl nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal mit dem Begriff von „Autobiographie“ und „Autofiktion“ auseinandersetzten, einer im Grunde unergibigen Diskussion, denn Erzählen ist immer Fiktion, selbst dann, wenn er wie in seinem Roman über die schwierige Geschichte seiner Familie und das ebenso schwierige Leben zusammen mit seiner pflegebedürftigen Mutter schreibt. Literatur ist sprachgewordene Auseinandersetzung, im besten Fall Sprachmusik, so wie in „Vom Fällen eines Stammbaums», erst recht in all den Szenen, in denen die Mutter mit polnischem Akzent zu ihrem Sohn spricht, Szenarien, die jenem Gernhard’schen Humor sehr nahe kommen.

© Yves Noir

„Sprachsalz“ als Gastgeber für Sprachdurchdrungene, Sprachbesessene im besten Sinne des Wortes. So wie der 1954 in Schaffhausen geborene Dichter, Romanautor, Essayist und Übersetzer Ralph Dutli, der zum einen mit seinem letzten Gedichtband „Alba“ und mit „Holundertraum“ einer Sammlung seiner 100 Lieblingsgedichte, von der Antike bis in die Gegenwart, Gedichte von Dante, Villon, Louise Labé und John Donne und weiter bis Rimbaud, Apollinaire, Chlebnikow, García Lorca und Brodsky – und Gedichte aus eigener Feder. Ein Buch, das aber eigentlich nur transportiert, ein Buch mit einem Schlüssel (QR-Code) zu seiner Stimme, zu raumfüllender Poesie, die Dutli gekonnt mit seiner Stimme auszufüllen weiss. Ob deutsch, französisch, italienisch oder russisch; Dutlis Stimme überzeugt selbst dann, wenn die Sprache bei mir nur eine Ahnung hinterlässt. Da schwelgt einer und bietet mir seine Kunst wie ein Geschenk an.

Nell Zink © Denis Moergenthaler

Ich bin den Oragniasator*innen von „Sprachsalz“ unsäglich dankbar für die drei in Sprache eingetauchten Tage, die mir das Salz fürs Leben geworden sind. All die anderen Autor*innen; Fernando Aramburu, einer der Grossen der Spanischen Literatur, Uta Köbernick, die mit Witz, Schalk und messerscharfem Kommentar überzeugte, Regina Hilber, eine reisende Poetin oder die in Deutschland lebende und in Kalifornien geborene Schriftstellerin Nell Zink, die abgrundtief über gesellschaftliche Schieflagen schreiben kann.

Ich bin mir bewusst, dass mein Rückblick auf die 24. Internationalen Tiroler Literaturtage in Kufstein unvollständig ist. Nichts desto trotz liebe ich, was dort passiert und freue mich auf die Jubelausgabe im Spätsommer 2027!

DANKE!

Beitragsbild © Denis Moergenthaler

Schweizer Buchpreis 2026, Die Nominierten #SchweizerBuchpreis 26/01

Sie sind da, die fünf Bücher, die fünf Namen. Mit Spannung erwartet, mit einem Gemisch von Zustimmung und Verwunderung zur Kenntnis genommen. Vier Frauen und ein Mann. Drei Namen, die ich auf meiner ganz persönlichen Liste hatte, zwei, die mich überraschen.

Die Auszeichnung ist mit insgesamt 42‘000 Franken dotiert. Der:die Preisträger:in erhält 30‘000 Franken; die vier anderen Finalist:innen erhalten jeweils 3‘000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 15. November 2026 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.

Die Begründung der Jury: Mit der diesjährigen Shortlist begeben wir uns auf die Suche. Die fünf nominierten Romane richten den Blick auf das Verborgene und schärfen unsere Wahrnehmung für das, was zu oft unsichtbar bleibt: eine Mutterschaft am Rande der Gesellschaft, die inneren Erschütterungen nach einem Erdbeben, Altersarmut und prekäre Arbeit, Kälte innerhalb einer Familie sowie Abhängigkeit und Ohnmacht in einer Liebesbeziehung.
Die Autorinnen und der Autor kreisen um die Fragen: Was erkennen wir? Und wie erinnern wir uns? Sie loten die Möglichkeiten des Erzählens ebenso aus wie jene des bewussten Nicht- Erzählens und nutzen souverän die Spielräume, die allein die Literatur bietet.
Die nominierten Werke zeigen nicht nur vielfältige Lebenswirklichkeiten auf, sondern auch die sprachliche und stilistische Bandbreite der Schweizer Gegenwartsliteratur.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht » (Rowohlt Verlag)
Lukas Bärfuss erzählt vom Aufwachsen mit einer Mutter, die sich selbst «Rabenmutter» nannte: eine Frau ohne Bildung, ohne Geld und ohne Perspektiven. Er landete als Halbwüchsiger auf der Strasse, der Mutter blieb im Alter kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Karibik. Im Rückblick wird diese persönliche Leidensgeschichte mit der Sozial- und Politikgeschichte der Schweiz verknüpft. Mit Wut und Wucht fragt Bärfuss, welchen Anteil gesellschaftliche und staatliche Verhältnisse an der Lebenssituation seiner Mutter hatten – und macht so aus einer Familiengeschichte eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen Verlag)
6. Februar 2023: In der Türkei und in Syrien hat die Erde gebebt. Die Ich-Erzählerin sitzt zu Hause und wartet auf Nachricht von ihren Verwandten und lässt gleichzeitig ihr Leben, das sie als Tochter einer türkischen Familie in  Deutschland gelebt hat, Revue passieren. Und da ist noch die Sehnsucht nach «Niemand», dem Mann, der sie verlassen hat und den sie nicht loslassen kann. In «Hauptsache kein Zeitgeist» entfaltet sich in 24 Stunden, gegliedert in 24 Gesänge, die Komplexität und Vielfalt der Gegenwart. Formal mutig und innovativ, umkreist die Erzählerin grosse Themen wie Migration und Feminismus, sucht Erklärungen in der Sozialphilosophie, denkt über die Beziehung zur Mutter nach und lernt schliesslich sich selbst neu kennen.

Yael Inokai «Die Auster» (Hanser Berlin Verlag)
Dr. Bronstett, der Geschäftsführer eines legendären Berliner Kaufhauses, wird ermordet aufgefunden. Die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch hat bereits alle Spuren beseitigt, als die Polizei am Tatort eintrifft. Schnell zeigt sich, dass in diesem Roman nicht die Aufklärung die Hauptsache ist, sondern der Mikrokosmos der Kaufhauswelt, den Yael Inokai mit leichter Hand entwirft. Es ist eine Welt, in der Glanz und Elend, Luxus und Armut aufeinandertreffen. Mit geschliffenen Dialogen und mit stilistischer Raffinesse entwickelt Inokai ein
Beziehungsgeflecht, in dessen Zentrum eine Person steht, die meistens unsichtbar und selten Romanheldin ist: die Reinigungskraft.

Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis» (Rowohlt Berlin Verlag)
Anna hat ihren Bruder seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Er lebt zurückgezogen in Grönland. Nach dem Tod der Eltern reist Anna zu ihm. Während sie in einem Hotel auf ihn wartet, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Ihre deutsche Mutter heiratete in den 50er-Jahren über die Grenze in die Schweiz, wo sie nicht willkommen war. Während die Familie vordergründig ein verschontes Leben lebt, hinterlassen der Krieg und seine Verwerfungen Spuren. Mit starken Bildern und sprachlicher Präzision verwebt die Autorin die überwältigenden Eindrücke
in Grönland mit den Nachkriegsjahren im Deutsch-Schweizer Grenzland zu einem grossen Familienroman.

Sarah Elena Müller «Unwucht» (Limmat Verlag)
Unendlich oft hat Alice gewartet, auf Rio, auf einen Anruf von ihm, auf ein Zeichen. Sie hatten sich im Kunststudium kennengelernt. Nun verliert er sich in kleinkriminellen Machenschaften und in seiner Drogensucht. Sie jobbt als Kellnerin, klammert sich an unfertige Liebeslieder und will nicht sehen, was die Freundinnen schon lange erkennen: Sie muss weg von ihm. Sieben Jahre später steht Alice vor Rios Tür und will nochmals mit ihm reden. Sie schreibt an einem Buch über die gemeinsame Zeit, um ihre Geschichte zu verstehen. Aber was kann man, was darf man erzählen? Mit sprachlicher Kraft und Witz erkundet die Autorin in «Unwucht» die Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung und die Verstrickungen einer heillosen Liebe.

Illustration © leafrei.com

Nora Gomringer «Am Meerschwein übt das Kind den Tod», Voland & Quist

Ich war der Seismograph für die Beben meiner Mutter.

Gastrezension von Thomas Dütsch, Lyriker 

Die Lyrikerin Nora Gomringer hat unter dem Titel «Am Meerschweinchen übt das Kind den Tod» einen Nachruf auf ihre Mutter 2020 verstorbene Mutter veröffentlicht: Nortrud Gomringer, geborene Ottenhausen, wird 1941 als Deutsche in Krakau geboren, wo ihr Vater als SS-Offizier stationiert ist. Die schwangere Mutter ist – mitten im Russlandfeldzug – ihrem Mann dorthin gefolgt! Nach dem Krieg übersiedelt die Familie nach Hückelhoven nahe der niederländischen Grenze, wo Nortrud und ihr Bruder Wolfhard Kindheit und Jugendzeit verbringen. Ihr Vater, mit Brief und Siegel entnazifiziert, arbeitet nun als Gynäkologe. Nachdem Nortrud, die in ihrer Pubertät eine «wilde Hummel» gewesen sein soll, in einem Internat ihr Abitur gemacht hat, soll sie nach dem Willen ihres Vaters Medizin studieren. Die Tochter aber widersetzt sich, bricht das Studium vor dem Physikum ab, heiratet wenig später und wird Mutter zweier Söhne. Von der wiederholten Untreue ihres Gatten demütigt, trennt sie sich bald von ihrem ersten Mann und beginnt eine Ausbildung zur Grundschulehrperson. In ihrer Abschlussarbeit geht es um die konkrete Poesie im Hauptschulunterricht. Nortrud Ottenhausen «studiert» Eugen Gomringer, bevor sie dessen zweite Ehefrau wird. 1980 kommt Nora-Eugenie zur Welt. Sie ist das einzige Kind aus dieser Ehe, hat aber sieben Halbbrüder. Als Nora in die Pubertät kommt, geschieht zweierlei: Die Mutter erkrankt an Depressionen, die mehrere längere Klinikaufenthalte nötig machen, zeitgleich absolviert sie ein Germanistikstudium, das sie mit einer Promotion über Exilliteratur abschliesst. Eine Zeitlang lebt Nortrud Gomringer von ihrem Ehemann getrennt. Ab 2000 arbeitet sie, zur Empörung der Tochter, als Mitarbeiterin ihres Mannes, der in den Augen der Tochter «ihr Problem und ihre Lösung» ist. Sie ist verantwortlich für den Betrieb der Galerie im Zentrum Rehau und organsiert die Reisen ihres Ehemannes. Im Alter leidet die Mutter unter Atembeschwerden, Psoriasis und wird von einer Gürtelrose nach der anderen heimgesucht: Meine Mutter wurde ihre eigene Dornröschenstaude und litt am Jucken ihrer Haut, der Auflösung ihrer Nägel, der flächenhaften Entzündung ihrer Nerven. Sie stirbt am 8. Dezember 2020 in Rehau. – Nortrud Gomringer liebte die schönen Dinge des Lebens und den Auftritt. In geistreichen und humorvollen Gesprächen blühte sie auf. Sie rauchte gern, kochte gut und beschäftigte sich mit astrologischen Fragen. Als Lehrerin und Kulturvermittlerin war sie weit über Rehau hinaus bekannt und geschätzt.

Nora Gomringer «Am Meerschwein übt das Kind den Tod», Roland & Quist, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-86391-461-5

Tochter Nora wollte über nichts anderes als über ihre Mutter sprechen, schreiben, mich unterhalten. Aber es ist mehr daraus geworden, viel mehr: Kein Nachruf, sondern ein Nachrough, wie es im Untertitel heisst. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin. Der zweihundertseitige Text ist sehr persönlich gehalten und im Grunde die Schilderung eines einzigen grossen Schmerzes: Hinter den zahlreichen Erinnerungen und Anekdoten, die das Buch ausmachen, spürt man eine Sehnsucht nach mütterlicher Gegenwart und Zuwendung, wie die Tochter sie als kleines Kind erlebte, wenn Mutter, im Schaumbad liegend, ihr Geschichten erzählte. Nortrud Gomringer konnte jedoch nicht die verlässliche Bezugsperson sein, die die Tochter gebraucht hätte: Zu oft ist sie für Nora räumlich oder emotional nicht erreichbar. Zu Noras schönsten Erinnerungen gehören daher ein Aufenthalt in Kalifornien, als sie sieben Jahre alt war, und eine Reise mit der Mutter nach Rom, ein Geschenk zur Firmung. Da hatte die Mutter viel Zeit für sie. Die mütterliche Sprunghaftigkeit und Labilität machen der Tochter zu schaffen. Aber Nora gibt nicht auf: Als ihre Mutter Monate in der Klinik verbringt, lernt sie im Laufe der Zeit hundert Gedichte auswendig, um ihr eine Freude zu bereiten. Vor dem Rigorosum fragt die Tochter ihre Mutter tagelang über barocke Lyriktheorie ab. Die Mutter dissertiert über Lion Feuchtwanger, Nora schreibt ein Gedicht über Feuchtwanger und widmet es der Mutter. Das Verlangen der Tochter nach einer unerschütterlichen Beziehung zur Mutter ist umso grösser, als sie auf ihren Vater noch viel weniger zählen kann. Oft ist sie in jungen Jahren auf sich allein gestellt, wenn sie die Zuwendung der Eltern am nötigsten hätte: Ich wusste früh, dass ich nicht zwischen meine Eltern kommen durfte, und nicht hinter sie. Zwischen ihnen wäre zermalmt worden, weil sie mich nicht sahen, wenn sie ihre innigen und mächtigen Momente lebten, und hinter ihnen wäre ich vergessen worden, sie wären schnellen Schrittes um ein paar Ecken geeilt und hätten ihre pummelige Tochter einfach abgehängt. Manchmal mischt sich in den Schmerz auch Trotz, und Nora versucht zu rebellieren. Auf ihren Unterarm lässt sie sich jedoch einen Text ihres Vaters tätowieren, weil sie so «stolz» auf ihn ist…

Nora Gomringer klagt niemanden an, sie rechnet nicht ab, aber ihre Form der Autofiktion ist radikal. So erzählt sie etwa, wie sie nach dem ersten Suizidversuch der Mutter im Bad das Blut wegputzt, oder bekennt offenherzig, wie weh es ihr bis heute tut, dass ihre Mutter sie einst als störende «Bleikugel» bezeichnete. 

Gegen Ende des Buches mehren sich die Anzeichen, dass der Tochterschmerz nachlässt: Als eine Krankenpflegerin zu ihr sagt: Sie haben eine ganz tolle Mutter. Und eine so lustige. Bei all dem Mist, den sie hat. So eine freundliche Frau! ist Nora glücklich und perplex und antwortet: Ja, die haben wir. 

Und eine der letzten Episoden ist sogar ausgesprochen humorvoll: Am 20. Januar 2025, es ist der Tag, an dem ihr Vater seinen hundertsten Geburtstag feiern kann, hört Nora «glasklar», wie die Stimme der Verstorbenen zu ihr spricht. Die Mutter hat eine grosse Bitte: Halt ihn noch, solange du kannst, auf der Erde. Wenn er um mich ist, komme ich wieder nicht von ihm weg. Wie soll ich mich da erholen?  

Die Sprache, die Nora Gomringer für ihren Nachrough gefunden hat, ist anschaulich, modern, direkt, durchdacht und an manchen Stellen herausragend poetisch. Der Text, der kein Roman ist, ist klug komponiert und von literarischen Motiven durchwirkt. Sehr hilfreich ist die Unterteilung in zahlreiche kleine Abschnitte. Man geht als lesende Person nicht in einem Sprachstrom unter, sondern hat stets die Möglichkeit, innezuhalten, tiefer zu verstehen und Brücken zur eigenen Biografie zu schlagen. 

In den Chor der Autorinnen und Autoren, die schreibend Abschied von ihren Eltern genommen haben – man denke an Peter Weiss, Josef Winkler, Heinrich Wiesner oder jüngst Ursula Fricker – reiht sich Nora Gomringer als unverwechselbar weibliche, kraftvolle und bildstarke Stimme ein. 15’000 Exemplare des Buches sind bisher verkauft worden. Es sollten noch deutlich mehr werden.

Nora Gomringer, 1980 geboren, ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin, Filmemacherin und schreibt und spricht für Radio, Fernsehen und Feuilleton. Opernlibretti und Theaterarbeiten sowie zahlreiche Zusammenarbeiten mit Bildenden Künstler*innen machen sie zu einer der bekanntesten Dichterinnen ihrer Generation. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2022 den Else Lasker-Schüler-Preis und zuletzt wurde sie 2025 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.

Beitragsbild © Judith Kinitz

Robert Menasse «Der 11. September. Überblendungen», Droschl

11. September 2001. Sie erinnern sich bestimmt in irgend einer Weise. Was damals geschah, brannte sich ins kollektive Gedächtnis – ein globales Trauma. Aber ebenso brannte sich der Moment ein, der Tag, als es geschah. Robert Menasse spürt genau diesem Moment nach und setzt ihn in Zusammenhänge, die überraschen.

Ich erinnere mich genau. Ich trat ins Lehrer*innenzimmer einer benachbarten Schulgemeinde und wunderte mich, dass alle Anwesenden um einen Monitor auf einem portablen Gerüst standen. Es musste ein halbes Dutzend gewesen sein. Sie schauten auf den Bildschirm, niemand redete ein Wort und ich wunderte mich, dass man in einem Schulhaus zu einer solchen Uhrzeit irgendwelchen rauchenden Wolkenkratzern zuschaute, einem ganz offensichtlich ziemlich schlecht gemachten Katastrophenfilm mit der Skyline Manhattens. Ich erinnere mich auch an die kippenden Gefühle, als mir bewusst wurde, dass der Schrecken in den Gesichtern der Anwesenden, die geröteten Gesichter, die Hände vor dem Gesicht kein Theater waren, und das Geschehen auf dem Monitor kein B-Movie, sondern eine ganz abgefahrene Vision der Wirklichkeit war.

Wie abgefahren offenbarte sich erst in den Stunden, Tagen, Wochen und Monaten danach. Als einem bewusst wurde, dass wohl Tausende Unschuldige ihr Leben verloren. Dass mehrere Passagierflugzeuge konzertiert Tod und Vernichtung brachten. Dass das Ganze nach dem Plan einer global operierenden Terrorgruppe eines saudischen Millionärs passieren sollte. Dass nicht nur das Selbstverständnis der us-amerikanischen Seele getroffen wurde, sondern die Wahrzeichen des Erfolgs. Man hatte der westlichen Welt, den USA den Krieg erklärt, aus dem Hinterhalt, aus dem Verborgenen. Die USA holte zum interkontinentalen Gegenschlag aus, errichtete spezielle Gefängnisse und machte jeden zum Feind, der nur annähernd nicht wie einer der ihrigen aussah. Und wie nirgendwo sonst auf der Welt blühten im «Alles-ist-möglich-Land» Verschwörungstheorien auf, eine um sich greifende Erscheinung, die man bislang nur einer kleinen Gruppe von Spinnern zuschrieb. Auch ein Vierteljahrhundert danach sind die Geister nicht besiegt, die Giftschlangen nicht ausgerottet, der Feind nicht besiegt.

Robert Menasse «Der 11. September. Überblendungen», Droschl, 2026, mit einem Nachwort von Ewout van der Knaap, ISBN 978-3-9905-9214-4

Dass aber an jenem Tag und in der Folge dieses Traumas noch viel mehr mit der Spezies Mensch geschah, dass dieses Ereignis nicht einfach eine einmalige, singuläre Katastrophe mit globaler Wirkung war, davon schreibt der Schriftsteller, Essayist und Streiter Robert Menasse in einem schmalen Buch, das den 11. September in mir neue Zusammenhänge setzt, ohne die tatsächlichen Geschehnisse umschreiben zu wollen.
Am 22. November 1963 wurde der damalige us-amerikanische Präsident John F. Kennedy in Dallas in seinem offenen Lincoln Continental erschossen, angeblich von Lee Harvey Oswald, einem ehemaligen US-Marine, der einige Jahre in der Sowjetunion gelebt hatte.
Auch damals hielt die Welt den Atem an, auch wenn es eine Weile dauerte, bis sich die Meldung über seinen Tod über die damaligen Medien verbreitete. Auch damals sass der Schrecken tief, da es der junge, dynamische Präsident geschafft hatte, sich als Friedensfürst zu inszenieren, ausgerechnet er, der den Vietnamkrieg angezettelt und den Konflikt mit Kuba beinahe zum Atomkrieg gemacht hatte.

Das Ereignis damals, ganz im Gegensatz zu 9/11, schweisste die Welt zusammen, generierte ein kollektives Gemeinschaftsgefühl in der Erschütterung, etwas «Menschenverbindendes». Die Saat von 9/11 war eine ganz andere; kollektives Misstrauen, tiefsitzende Angst, Aufrüstung und Krieg. Robert Menasse setzt diese und andere Geschehnisse in Zusammenhang, zum einen mit einem Essay mit dem Titel «Die amerikanische Brille», zum andern mit einer gleichnamigen Erzählung, die schon mit einem Hammersatz beginnt; Ich war glücklich, als John F. Kennedy erschossen wurde. Ein Satz, den man versteht, wenn man von der Situation des damals 9jährigen Robert Menasse erfährt. Ein Satz, der aber doch noch viel mehr in sich birgt.

Robert Menasse schildert messerscharf. Er stellt zwei Texte gegeneinander, die weniger erklären als analysieren wollen. Nicht was damals in Manhattan oder in den Strassen von Dallas geschah, sondern im kollektiven Bewusstsein der westlichen Hemisphäre. Menasse fügt auch die Ermordung Salvador Allendes, des damals demokratisch gewählten Präsidenten Chiles hinzu – am 11. September 1973.
Was ist von der Erschütterung geblieben?

Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und wurde 1980 mit der Arbeit «Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb» zum Dr. phil. promoviert. Von 1981 bis 1988 lehrte er an der Universität São Paulo in Brasilien, 1999 verbrachte er drei Monate als Writer in Residence in Amsterdam. Seit 2011 kuratiert er ein Writer-in-Residence-Programm in der one world foundation in Sri Lanka. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit vielen bedeutenden Preise bedacht. Zuletzt erschienen: «Die Lebensentscheidung», 2026 bei Suhrkamp. Robert Menasse lebt als freier Schriftsteller und (politischer) Essayist in Wien.

Beitragsbild © Ali Ghandtschi, Literaturfestival Leukerbad

«Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe.» – über «Bis die Bären tanzen» von Michael Hungentobler (31)

Einmal nahm Mira sein Gesicht in beide Hände, schaute ihm tief in die Augen und fragte: «Wo bist du Cob?», und er stampfte auf den Boden, fuchtelte mit den Fäusten und stolzierte davon. Ein ganzes Jahr lang bewohnten sie zwar denselben Planwagen und schliefen auf derselben Pritsche, schafften es aber, sich tagsüber aus dem Weg zu gehen.

Lieber Gallus

Beim Lesen dieses Buches eröffnet sich mir ein weltumspannender Kosmos. Michael Hugentobler erzählt bildhaft und farbig die Geschichte einer deutschen Familie, die am Vorabend des zweiten Weltkriegs im Appenzellischen lebt.
Gestern bin ich dem Autor in der Buchhandlung Untertor in Sursee bei einer gut besuchten Lesung begegnet. Glücklicherweise, da ich die Hauslesung mit ihm bei dir in Amriswil Mitte September wegen meiner Arbeit im Hospiz Zentralschweiz nicht besuchen kann. Der sympathische Autor hat sehr persönlich erzählt, wie dieses Buch über mehr als 20 Jahre entstanden ist, wie er langsam in seinem Kopf entstehende Fragmente auf einer grossen Pinwand sammelte und zusammenfügte. Vieles gründet auf direkt Erfahrenem und Erlebtem. Nach 13 Jahren als Weltreisender und der Arbeit als Reporter und Journalist hat Michael Hugentobler in der Schweiz eine Familie gegründet, wurde Vater von zwei schulpflichtigen Buben und setzte seinen Jugendtraum um, Romane zu schreiben.

Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken. Wir schützen uns so, wir können uns selber besser ertragen. Aber wenn es keine Vergangenheit gibt, gibt es auch keine Zukunft, es gibt dann nur das Jetzt.

Das Cover von «Bis die Bären tanzen» zeigt ein altes Familienfoto, das, wie wir auf den ersten Seiten erfahren, zuoberst auf einer Kiste liegt, welche die Mutter Elfie nach einem Sturz aus dem Keller holt. Ich lerne die Familie mit deren Eltern und den vier Kindern kennen, die sich später auf der Suche nach Freiheit und Liebe aufmachen vom Appenzellerland bis nach Brasilien, nach Deutschland im Zweiten Weltkrieg und nach Australien. Die Lebenswege von Belle, Anna, Cob und Elfie könnten unterschiedlicher nicht sein. Packend und lebensnah erfahren wir, wie sie in den verschiedenen Ländern ihr Glück suchen. Mir gefällt, wie Michael Hugentobler seine ProtagonistInnen gestaltet und an den verschiedensten Orten auf der Welt auftreten lässt, er nimmt mich mit nach Brasilien, Australien und Tasmanien (oder Feuerland im zweiten Roman). Ich spüre, dass der Autor kennt, was er beschreibt.

Als der erste Winter kam, hatten wir Maniok und Mais vom eigenen Land, dazu Reis und Bohnen aus den mitgebrachten Vorräten und unsere drei kleineren Räume, die wir heizen konnten, denn die Temperatur fiel nun öfters auf null Grad.

Autorenfoto © Markus Kirchgessner

Vieles schwebt und bleibt offen, erst auf den letzten Seiten tanzen die Bären.
Du hast richtig getippt, dieser Roman hat mir vergnügliche Stunden bereitet. Ein funkelnder Familien- und Abenteuerroman, Unterhaltung im besten Sinne. Angeregt durch das Gespräch bei der Lesung habe ich «Feuerland» mit ebenso grossem Genuss gelesen.

Herzlich
Bär

NB: Zum Schweizer Buchpreis 2026 kann ich, da mir die Übersicht über die aktuelle Schweizer Literatur fehlt, nicht Stellung nehmen. Ob Lukas Bärfuss mit «Königin der Nacht» nochmals nominiert wird?

***

Lieber Bär

Ha, wusste ich es doch, dass dich das Buch packt, weil Michael Hugentobler eine ganz besondere Fähigkeit des Erzählens beherrscht. In einem Interview erzählte er, er habe in jungen Jahren zusammen mit seiner Mutter seine Grosstante in Australien in einem Altersheim besucht. Sie habe von der Geburt ihres Sohnes erzählt, allein in einer windigen Hütte im Irgendwo eines Dschungels. Während der Geburt sah sie eine riesengrosse, schwarze Schlange an der Decke jener Hütte. Ein Bild, das geblieben, das der eigentliche Anfang dieses Romans gewesen sei. Michael Hugentobler, als junger Mann herumgekommen auf der ganzen Welt und als Journalist gesegnet mit einem ausnehmend wachen Auge, erkennt die möglichen Geschichten hinter Bildern, die andere nur zur Kenntnis nehmen. Er spinnt den Faden dort weiter, wo er bei andern reisst oder franst. Und wenn man wie du das Glück hat, dem Erzähler auch real zu begegnen, staunt man über seinen wachen Blick. Jener wache Blick mit dem er jetzt, mit Familie, grenzenlos reist.

Schon sein erster Roman war so ganz anders wie die Debüts sonst, mit denen sich neue Namen zaghaft auf die Literaturbühne wagen. In «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», dem ersten Roman, erzählt Michael Hugentobler die seltsame und abenteuerliche Geschichte eines Mannes, der sich neu erfand; In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts „verabschiedet“ sich Hans Roth aus dem schweizerischen Schöndorn, um 1898 als Louis de Montesanto in London weltberühmt zu werden mit seiner sensationellen Lebensgeschichte. Michael Hugentobler zeichnet aber nicht einfach die Lebenssituationen eines Sonderlings nach. Er stellt Fragen, die nicht nur der Literatur gestellt werden, sondern dem Leben, der „Wahrheit“.

In «Feuerland» erzählt Michael Hugentobler von einem argentinisch-britischen Missionar am südlichsten Zipfel Südamerikas. Im 19. Jahrhundert reist Thomas Bridges zu den Yámanas und wird zu einem akribischen Erforscher ihrer Sprache und damit zu einem unermüdlichen Kämpfer um das Erbe dieses zum Verschwinden verurteilten Volkes. Mit «Feuerland» war Michael Hugentobler für den Schweizer Buchpreis 2021 nominiert. Dass er ihn damals nicht gewann, hat mit der literarischen Wucht der Preisträgerin zu tun, mit Martina Clavadetscher und ihrem Roman «Die Erfindung des Ungehorsams». Michael Hugentobler offenbarte in «Feuerland» das Geheimnis, wenn man für einen kurzen Augenblick im Licht einer untergehenden Sonne, einer verschwindenden Welt steht.

Ich freue mich, wenn Michael Hugentobler bei uns im Wohnzimmer mit einer Runde «Eingefuchster» diskutieren wird.

Schweizer Buchpreis? Im September werden die 5 Namen bekannt gegeben. Es gäbe einige Namen. Ich würde mich wundern, wenn Lukas Bärfuss nicht dabei wäre. Auf jeden Fall freue ich mich auf die Briefwechsel mit dir über die 5 Namen.

Gute Lektüren!
Gallus

Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.

mehr von und über Michael Hugentobler auf literaturblatt.ch

Susanne Schanda «Möwen über der Scala dei Giganti», edition bücherlese

Triest war und ist eine multiethnische Stadt, die seit Jahrhunderten immer wieder in den Brennpunkten ihrer Unterschiedlichkeiten zu kochen beginnt. Unrühmlicher Höhepunkt solcher Konflikte war 1920 der Brand des slowenischen Kultur- und Geschäftszentrums mitten in der Stadt. Susanne Schanda beschreibt, was grassierender Nationalismus, aufgerissene Wunden und ungesühnte Schuld anrichten können.

Ob 1920 das Kulturzentrum der slowenischen Bevölkerung von Triest, Narodni dom (Volkshaus), 1933 der Reichstagsbrand in Berlin oder 2001 die Flammen aus den Twin Towers in New York; brennende Gebäude, Tod und Verwüstung, brandstiftende Ideologien, Wunden, die aufgerissen werden und auch dann nicht geheilt sind, wenn an ihrer Stelle neu aufgerichtet und versöhnliche Worte gesprochen werden. Was blinder Nationalismus anrichten kann, beweisen Kriege, schwelende Konflikte und blanker Hass bis in die Gegenwart. Selbst dann, wenn man oberflächlich glaubt, die Wogen seien geglättet, die ehemaligen Kontrahenten versöhnt. Oft braucht es nur ein Streichholz und schwelende Glut flammt wieder auf.

2020 wurde das Narodni dom in Triest feierlich wiederöffnet und seiner ursprünglichen Bestimmung als slowenisches Kulturzentrum zurückgeführt. 100 Jahre zuvor ging der beeindruckende Bau mit Vereinsräumlichkeiten, Büros, einem Theater, einer Bibliothek und einem Hotel nach wilden Ausschreitungen in Flammen auf. Brandstifter waren die Schwarzhemden, italienische Faschisten, die in den 25 Jahren danach Italien unter Benito Mussolini zu rechtsextremen Diktatur werden liessen. 
Dass Triest, über Jahrhunderte ein Musterbeispiel einer europäischen Stadt, die eben wegen seiner Multikultur zu grosser Bedeutung wuchs, 1920 mit dem Brand jener Stätte der Kultur zum Beginn einer lange brennden Lunte wurde, ist nicht zufällig. Neben der italienischen Mehrheit der Triesti lebten in der Stadt Slowenen, Deutsche, Österreicher, Kroaten, Serben, Griechen und viele mehr. Genau dieses Gemisch machte die Stadt aus, ein Gemisch, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und wirtschaftlicher Krisen zu kochen begann und mit dem Brand jenes Kulturzentrums einen ersten negativen Höhepunkt erfuhr.

Susanne Schanda «Möwen über der Scala dei Giganti», edition bücherlese, 2026, 220 Seiten, ISBN 978-3-03981-031-4, ab 10. September im Buchhandel

Susanne Schanda erzählt von damals und heute. Marfalda Marini ist eine junge Frau, die den Traum, Meeresbiologin zu werden, wegen eines traumatischen Zwischenfalls bei einem Tauchgang aufgeben musste. Ausgerechnet sie, die sich in keinem Zustand freier und geborgener fühlt als in der Schwerelosigkeit des Wassers. Sie ist Teil jener Organisation, die sich um die feierliche Wiedereröffnung des Narodni dom kümmern soll. Sie soll mit einer Rede gar Teil der Eröffungsfeierlichkeiten werden. Alles gut, wenn da nicht die Ahnung, der Verdacht wäre, dass ausgerechnet in ihrer Familie Verwandte zu finden sind, die sich 100 Jahre zuvor beim faschistischen Brandanschlag an eben diesem Gebäude schuldig machten. Marfalda sieht sich genötigt, Nachforschungen voranzutreiben. Nicht weil sie sich reinwaschen, sondern weil sie Verantwortung übernehmen will. Nicht für die Schuld jener, die mit der Brandstiftung für den Tod vieler Menschen verantwortlich waren, sondern um ihr eigenes Bewusstsein zu schärfen, mit ihrem Tun das Resultat einer Geschichte zu sein.

Susanne Schandas Roman ist auch die Geschichte von Rozalija, einer jungen Frau, die vor dem unheilvollen Brand im Narodni dom dort Bibliothekarin wurde, stolz über ihre Arbeit, stolz auf ihre Stadt ist, in der James Joyce und Rainer Maria Rilke und viele andere Künstler der Stadt Glanz einbrachten. Sie beginnt ein eigenständiges Leben, bezieht ihre erste eigene Wohnung, lernt einen jungen Mann, Lorenzo, kennen, der zusammen mit ihrem Bruder Stanko als Ingenieur im Hafen der Stadt arbeitet. Sie lernt aber auch den Wiener Architekten August Neubauer kennen, einen Schüler jenes Mannes, der das Narodni dom entwarf. Ein junger Mann, der zu Recherchen durch die Stadt streift, auch immer wieder über die ausladenden Treppen der Scala dei Giganti. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die in den Wirren jenes 13. Juli 1920 eine dramatische Wende findet.

Susanne Schanda entwirft die Leben zweier junger Frauen, die untrennbar mit der Geschichte jenes Brandes verbunden sind. In einer Stadt, die gleichzeitig die Stadt von Giuseppe Verdi ist und gleichzeitig Kulminationspunkt eines faschistischen Flächenbrands. „Möwen über der Scala dei Giganti“ ist ein faszinierender Roman in einer historischen Kulisse, der man hierzulande viel zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. In der Schweiz, einem Land, das sich (mit Recht) viel einbildet auf ihr Miteinander von Kulturen und Sprachen, ist man sich selten genug bewusst, wie filigran und brüchig ein solches Gefüge sein kann. Wie schnell wirtschaftliche, politische und in Zukunft wohl auch klimatische Veränderungen ein Gleichgewicht aus den Angeln heben können. Susanne Schandas Roman ist ebenso spannend und klug erzählt wie erhellend und mahnend.

Als Österreicherin in Holland geboren und später in der Schweiz aufgewachsen, hat Susanne Schanda die Begegnung mit dem Fremden über Grenzen hinweg zu einer Konstante ihres Schreibens gemacht. Sie hat in Bern und Salzburg Germanistik und Philosophie studiert, als Literatur- und Theaterkritikerin sowie als Reporterin gearbeitet. Aus zahlreichen Aufenthalten im Nahen Osten sind Reportagen, Essays und Porträts hervorgegangen. 2013 erschien ihr Buch Literatur der Rebellion über gesellschaftliche Aspekte des Schreibens im Kontext des Arabischen Frühlings und 2018. Susanne Schanda lebt als freie Autorin und Journalistin in Bern.

Beitragsbild © Ayse Yavas

«Die Literaturrunde» von Tele D vom 2. September 2026

Besprochen wurden «Vertraute Gespenster» von Anna Ruchat (Limmat), «Lachen kann, wer Zähne hat» von Zyta Rudzk (Friedenauer Presse) und «Zeiten erhöhter Gefahr» von Julia von Lucadou (Hanser).

Miteinander gesprochen haben Ariane Novel (Co-Leiterin Wortlaut Literaturfestival St. Gallen), Jeanette Bergner (Moderation) und Gallus Frei (literaturblatt.ch).

Link zu Sendung hier

Florian Bissig «Spielen, was ist», die brotsuppe

Lyrik und Jazz – uff! Zwei Genres, an die sich selbst manch routinierte Leserin oder Leser kaum herantraut. Zu schwierig, zu intellektuell, zu anspruchsvoll, zu andeutungsreich und bedeutungsoffen, zu wenig zugänglich, zu wenig allgemeinverständlich, denken viele. Besonders die Kompositionen und Improvisationen von John Coltrane haben es in sich, gehören mit ihren rasend schnellen Läufen (bis zu 1’000 Noten pro Minute!), komplexen Akkordwechseln und avantgardistischen Harmonien zu den anspruchsvollsten, ja, gefürchtetsten Jazz-Werken überhaupt. Der Olymp (oder Mount Everest?) jedes Jazz-Musikers. 

Gastrezension von Sonja Bonin

Wie schön, dass der ein Jubiläum zum 23. September naht: Vor 100 Jahren wurde der legendäre Jazzkomponist und -saxophonist geboren – und starb leider bereits mit 40 Jahren an Leberkrebs. Der Schweizer Lyriker, Übersetzer und Kritiker Florian Bissig lädt  nun mit seinem neuen Gedichtband ein, es einfach mal mit beidem zu probieren: Jazz und Lyrik. In selbstironischer Bescheidenheit nennt er sein neues Werk, in dem er sich «an Coltrane entlang dichtet» ein «kreatives Scheitern».

Florian Bissig «Spielen, was ist», die brotsuppe, 2026, 116 Seiten, ISBN 978-3-03867-119-0

Die Rezensentin widerspricht. «Spielen, was ist» gelingt es ausgezeichnet, uns Leben und Werk von John Coltrane näherzubringen, indem er Schritt für Schritt dessen radikale Entwicklung imitiert: vom gefälligen Rhythm & Blues («Ein Rütteln und Schütteln/bis jeder Fuss wippt») über die Bandarbeit mit Miles Davis («Mit hartem Ton und leicht verstimmt […] eckig phrasiert/mit schroff-sensiblem Timbre») über «die raschen Rückungen», die er Thelonious «Monks chromatische[n] Morgenglocken» beifügt, bis zum verhalten-tragischen «Alabama». Dabei spiegeln Bissigs Gedichte kongenial entscheidende Elemente in Coltranes Musik. Etwa in «Anti-Jazz, schreiben sie», wo die «reinen Quinten» das alles durchziehende Leitmotiv bilden, um das sich in wiederkehrenden Schleifen die vernichtenden Kritikerkommentare ranken wie ein improvisiertes Saxophon-Solo und  in dem die Vokalkombinationen kontrastierend hin- und her springen wie die Klangfarben des Künstlers bei seinen berühmten «Coltrane Changes»: «ein wütender junger Tenor, schreiben sie […] «rufend und suchend/schreiend und jubelnd/kreischend und preisend».

Aufbau oder Komplexität der Musik stechen in ihrer lyrischen Spiegelung oft auch optisch direkt ins Auge, zum Beispiel beim Gedicht «Klangflächen»:

Florian Bissigs Gedichten folgt als «liner notes» ein vergnüglich-erhellender Essay des Autors über John Coltrane und seine Musik.
Knapp über 100 Seiten hat dieses schön gestaltete Bändchen aus dem Verlag Die Brotsuppe – doch es bietet Inspiration für Stunden. Warnung an die Leser: Sie werden sich mehr mit Lyrik und Jazz beschäftigen wollen, als Sie je geahnt haben!

Im Verlag Die Brotsuppe erschien bereits Florian Bissigs Lyrik-Debut «Anchises in Alaska». Bissig übersetzte und edierte zudem für die Friedenauer Presse das erste Buch einer Afroamerikanerin, Gedichte und Briefe von Phillis Wheatley.

«la marotte» Centralweg 10, 8910 Affoltern am Albis 044 760 52 62 kultur@lamarotte.ch

Florian Bissig, geboren 1979, ist Publizist und literarischer Übersetzer. Er studierte in Zürich, Berlin und Austin Philosophie und Englische Literaturwissenschaft. Als freier Journalist schreibt Florian Bissig für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften über Literatur und Musik. Er übersetzte ausserdem die Lyrik von S.T. Coleridge, verfasste dessen Biografie und besorgte die erste deutsche Übertragung der Werke von Phillis Wheatley. Florian Bissig lebt mit seiner Familie in Affoltern am Albis.

Sonja Bonin, geboren 1970, studierte Philosophie und Germanistik sowie Buch- und Medienpraxis in Mannheim, Frankfurt a. M. und Rutgers, New Jersey. Sie ist freie Journalistin und Übersetzerin und lebt, nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland, den USA und China, in Zürich. Sie arbeitete u. a. für den Tagesspiegel, Spiegel Online, Aspen Institute Berlin und LiteraturReview. Zu den von ihr übersetzen Autoren gehört Howard Zinn «Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes» und «Rosa Parks. Meine Geschichte«

Beitragsbild: Fondation Jan Michalski © Tonatiuh Ambrosetti

Gernot Rainer «Bruchlinien», Kremayr & Scheriau

Wir standen alle mittendrin. Auch wenn wir es schaffen, die Erinnerungen daran auszublenden – die Pandemie steckt uns in den Knochen. Manchmal ganz direkt, manchmal aber auch die Kollateralschäden, die die Zeit angerichtet hat. Gernot Rainers Debüt „Bruchlinien“ ist ein starkes Stück, nicht nur darum, weil da einer schreibt, der weiss.

Wer erinnert sich nicht an den Frühling 2020. Nicht einmal ein Jahrzehnt ist seither vergangen, als Welle um Welle über den Globus schwappte und drohte, menschliches Leben aus allen Angeln zu heben, kein Stein auf dem andern zu lassen. In jenen Monaten, Jahren wich die Resthoffnung auf eine helle Zukunft der nackten Angst. Was würde bleiben angesichts der Schäden, die damals angerichtet wurden? Und damit sind in erster Linie die gesellschaftlichen, sozialen Schäden, die Beschädigungen in Beziehungen, in Familien gemeint.

Es gab eine Zeit, da war der Schrecken so nah, die Katastrophe so unmittelbar, dass es unmöglich schien, je einen Roman mit der gebotenen Distanz zu schreiben, der sich dieser Zeit und den eruptiven Auswirkungen widmen würde. Es gibt Gründe genug, Romane, die sich dieser Zeit widmen, nicht lesen zu wollen. Weil da zu viel beschädigt und vergiftet wurde. Weil man Menschen kennt, die noch immer mit den Nachwirkungen dieser Zeit zu kämpfen haben. Weil es naiv zu glauben ist, ein solches Ereignis wäre einmalig, wir hätten es jetzt im Griff.

Dass es Gernot Rainer wagt, ist beachtlich. Dass er es auf eindrückliche Art schafft, das heisse Eisen zu schmieden, ist erstaunlich. Gernot Rainer hat dem Geschehen mitten in der Pandemie Form gegeben, weil er zeigt, dass die Auswirkungen der Pandemie nicht nur medizinisch zu verstehen sind, sondern ebenso gesellschaftlich und sozial, bleiben die Erinnerungen an damals doch in mehreren Generationen präsent, die Verschiebung, das Unvereinbare, das Misstrauen, das Gefühl ausgeschlossen zu sein, ungewollt in einer Opferrolle verdammt zu sein.

Gernot Rainer «Bruchlinien», Kremayr & Scheriau, 2026, 264 Seiten, ISBN 978-3-218-01509-7

Paul ist seit kurzen Lehrer in Wien, voller Enthusiasmus, noch nicht lange zusammen mit Sarah, als Corona über den Globus schwappt und alles in Frage stellt. Es gibt Menschen wie Georg, die sich mit ihren Berufen ins Home-Office retten, solche wie die Schauspielerin Isi, der man die Ausübung ihres Berufes unmöglich macht und damit die Existenz bedroht, solche wie Nino, einen Schüler, der vor der Pandemie zu den besten gehört und während der Pandemie den Boden unter den Füssen verliert, solche wie Katharinas Vater, der einsam zuerst zuhause, dann im Spital vom Virus weggeschnitten wird. Oder solche wie Paul, die als Lehrer*innen mitten im Geschehen stehen, die für die einen zu lasch sind, für die anderen blind dem System folgen, grundsätzlich zwischen den Fronten, nur immer das Falsche tun.

Paul spürt überall, wie sich die Bruchlinien durch die Gesellschaft fressen; im Schulzimmer, im Lehrerzimmer, zwischen ihm und seinem Direktor, der kurz vor seiner Pensionierung doch bloss einen ruhigen Abgang haben will, bei den Eltern seiner Schüler, deren Vorhaltungen, Forderungen und Beschuldigungen immer dreister werden, bis Paul daran zu zerbrechen droht, bis man ihn suspendiert, er ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist. Bis die Katastrophe eintrifft und Bruchlinien zu bodenlosen Abgründen werden.

Aber Gernot Rainers Romandebüt ist nicht nur mutig, sondern auch gut geschrieben. Ganz nah an seinen Protagonist*innen, mitten im Geschehen, unmittelbar und mit Sätzen und Szenerien gespickt, die hängen bleiben. Da schreibt kein Arzt, sondern ein genauer Beobachter, ein Mann, der damals wohl genau wie der Protagonist mitten drin stand, der verstehen will und kann, niemanden verurteilt und mit seinem Roman ein literarisches Portokoll einer schleichenden Katastrophe globalen Ausmasses schrieb.

Äusserst lesenswert!

Interview

Ich spüre die Verletzungen jener Zeit auch in mir. Die Bruchlinien sind geblieben, auch wenn sich die Risse wieder verfestigten. Wir alle haben auf die eine oder andere Art von dieser Zeit Schaden genommen. Was kann die Literatur, was ein Sachbuch über die Zeit nicht leisten kann?

Ein Sachbuch kann erklären und einordnen. Es kann Ursachen benennen, Fehler analysieren und Entwicklungen nachvollziehbar machen. Literatur leistet etwas anderes. Sie kann erfahrbar machen, wie Zeit in einem Menschen nachwirkt.
Mich hat weniger interessiert, noch einmal zu rekonstruieren, wer wann recht hatte. Mich interessierte, was geschieht, wenn vertraute Gewissheiten brüchig werden, wenn Nähe plötzlich als Gefahr erscheint, wenn Menschen einander nicht mehr nur widersprechen, sondern sich fremd werden. Solche Veränderungen lassen sich schwer in Thesen fassen. Im Roman kann man ihnen folgen, ohne sie sofort bewerten zu müssen.
Literatur darf Widersprüche stehen lassen. Sie muss nicht entscheiden, wer schuldig und wer unschuldig ist. Sie kann zeigen, dass Menschen zugleich vernünftig und verletzend, ängstlich und mutig, fürsorglich und rücksichtslos sein können. Gerade diese Uneindeutigkeit war für mich wesentlich.
Vielleicht kann Literatur auch etwas bewahren, das in der Rückschau leicht verloren geht: die Atmosphäre einer Zeit. Die Unsicherheit, die Gereiztheit, die kleinen Verschiebungen in Beziehungen und im Alltag. Ein Sachbuch beschreibt, was geschehen ist. Ein Roman kann im besten Fall spürbar machen, wie es war, darin zu leben.

Wir alle kenne sie, die Verwerfungen damals rund um uns; Lieben, die zerbrachen, Ehen, die wankten, Geschwister, die nicht mehr miteinander reden konnten, Freundschaften, die sich verloren. Der Virus, die Krankheit, die medizinischen und gesundheitlichen Folgen sind das eine, die Erdbeben zwischen und in den Menschen das andere. Ist ihr Roman auch ein bisschen ein Wachrütteln, weil man so leicht vergisst?

Ich weiß gar nicht, ob ich den Roman als Wachrütteln bezeichnen würde. Dafür ist Literatur vielleicht auch das falsche Medium. Sie überzeugt nicht durch Argumente, sondern dadurch, dass sie Menschen und ihre Erfahrungen ernst nimmt.
Aber ich glaube, dass wir zum Vergessen neigen. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil das Leben weitergeht. Wir erzählen uns im Nachhinein oft geradlinigere Geschichten, als wir sie tatsächlich erlebt haben. Die Unsicherheit, die Ambivalenz und auch die Verletzungen verschwinden mit der Zeit aus der Erinnerung.
Etwas hat mich in den Rückmeldungen vieler Leserinnen und Leser besonders überrascht: Sie haben mir geschrieben, dass sie sich beim Lesen plötzlich wieder mitten in dieser Zeit wiedergefunden hätten. Situationen, Gespräche und Gefühle seien zurückgekehrt, an die sie lange nicht mehr gedacht hatten. 
Mich hat beschäftigt, was von einer solchen gesellschaftlichen Ausnahmesituation zurückbleibt. Nicht in den Statistiken oder politischen Debatten, sondern in Beziehungen. Wie lange wirkt Misstrauen nach? Wie verändert eine Zeit, in der Menschen einander plötzlich als Gefahr oder Gegner wahrnehmen, den Blick aufeinander? Solche Veränderungen heilen nicht mit dem Ende einer Krise.
Wenn der Roman etwas bewirken kann, dann vielleicht dies: dass wir uns noch einmal in diese Zeit hineinversetzen, ohne sofort Partei zu ergreifen. Dass wir uns erinnern, wie kompliziert vieles war und wie verletzlich Menschen sein können. Vielleicht entsteht daraus auch wieder etwas, das in den vergangenen Jahren oft verloren gegangen ist: die Bereitschaft, dem anderen zunächst zuzuhören.

Als die Pandemie Fahrt auf den ersten Höhepunkt aufnahm, war ich zu Besuch bei einem Schriftsteller. Wir sprachen über das Schreiben. Ob es überhaupt noch Raum neben der Pandemie und ihrer Auswüchse gäbe. Brauchte es die Jahre dazwischen?

Ich glaube schon. Vielleicht brauchte es diese Jahre, vielleicht sogar noch ein paar mehr.
Während der Pandemie waren wir alle Teil des Geschehens. Man schrieb und sprach aus der Unmittelbarkeit heraus. Das ist wichtig, aber Literatur braucht oft Distanz. Nicht, um Gefühle abzuschwächen, sondern um sie besser verstehen zu können.
Mich hat nicht interessiert, einen Roman über Corona zu schreiben. Mich interessierte, was diese Zeit mit Menschen gemacht hat. Das wird oft erst sichtbar, wenn das Ereignis selbst bereits vorüber ist. Manche Verletzungen erkennt man erst, wenn sie zu Narben geworden sind.
Vielleicht war genau dieser zeitliche Abstand notwendig. Nicht, weil die Erinnerung verblasst wäre, sondern weil sie sich verändert hat. Man beginnt, nicht mehr nur auf das Geschehen selbst zu blicken, sondern auf das, was davon geblieben ist.
In diesem Sinn ist Bruchlinien für mich kein Roman über die Pandemie. Er ist ein Roman über das, was eine gesellschaftliche Ausnahmesituation mit Menschen, Beziehungen und ihrem Vertrauen ineinander machen kann. Dafür brauchte es Zeit.

Warum ist so wenig geblieben von dem, was man sich damals erhoffte?

Ich glaube, weil Krisen uns für einen kurzen Moment zeigen, wer wir sein könnten und der Alltag uns danach wieder zu dem macht, was wir meistens sind.
Damals war oft von einem Neuanfang die Rede. Von mehr Zusammenhalt, mehr Wertschätzung für bestimmte Berufe, mehr Demut gegenüber dem, was wir nicht kontrollieren können. Vieles davon war ehrlich gemeint. Aber Hoffnungen sind noch keine Veränderungen.
Der Mensch besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich an nahezu alles zu gewöhnen. Das ist eine große Stärke, weil sie uns nach Krisen wieder handlungsfähig macht. Gleichzeitig führt sie aber auch dazu, dass wir vieles vergessen, was wir uns in außergewöhnlichen Zeiten fest vorgenommen haben.
Vielleicht ist das kein Versagen, sondern Teil unserer Natur. Gerade deshalb halte ich Literatur für wichtig. Sie kann solche Momente festhalten, bevor sie im Lärm des Alltags verschwinden. Sie erinnert weniger daran, was wir gedacht haben, als daran, wer wir für einen Augenblick gewesen sind.

Die Sprache hatte sich verändert; aus „positiv“ wurde plötzlich „negativ“. Die Wahrnehmung war mit einem Mal eine ganz eigene. Selbst der Begriff „Zertifikat“ hat eine andere Färbung. Mussten Sie ihre Sprache suchen für diesen Roman?

Ja, ich glaube schon. Jede Zeit entwickelt ihre eigene Sprache. Während der Pandemie hatten plötzlich Wörter und Begriffe eine Bedeutung, die sie davor nie hatten. Manche davon wirken heute fast schon wie Zeitkapseln.
Beim Schreiben habe ich aber gemerkt, wie schnell diese Begriffe den ganzen Raum einnehmen. Sobald von Inzidenzen, Lockdowns oder Zertifikaten die Rede ist, ist die Zeit sofort wieder präsent. Gerade deshalb wollte ich sparsam damit umgehen.
Mich interessierte weniger die Sprache der Pandemie als die Sprache der Menschen während dieser Zeit. Wie sie miteinander gesprochen haben, wie vorsichtig oder scharf manche Gespräche plötzlich wurden, wie viel auch unausgesprochen blieb. Das schien mir wichtiger als die Begriffe selbst.
Ich hoffe deshalb, dass der Roman auch in einigen Jahren noch funktioniert. Vielleicht nicht mehr als Roman über die Pandemie, sondern als Roman über Menschen in einer Ausnahmesituation.

Glauben sie, dass das Vertrauen in Politik, Wissenschaft und Fachleute nicht bleibenden Schaden genommen hat und dass es all die Instanzen bisher verstanden, dieses Vertrauen wieder herzustellen?

Vertrauen lässt sich schwer messen. Ich glaube aber, dass es leichter verloren geht, als es wieder entsteht.
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Wissenschaft, Politik und Medien in Krisenzeiten unter einem enormen Erwartungsdruck stehen. Gleichzeitig erwarten wir von ihnen Sicherheit – gerade in Situationen, in denen es sie oft gar nicht geben kann. Aus dieser Spannung sind viele Enttäuschungen entstanden.
Ich glaube allerdings nicht, dass Vertrauen durch Appelle oder Kampagnen zurückkehrt. Es entsteht langsam, durch Transparenz, durch die Bereitschaft, Unsicherheiten offen auszusprechen, und vielleicht auch durch die Fähigkeit, im Rückblick Fehler einzugestehen. Das gilt für Institutionen genauso wie für jeden einzelnen Menschen.
Mein Roman gibt darauf bewusst keine Antwort. Er beschreibt vielmehr, wie es sich anfühlt, wenn Vertrauen ins Wanken gerät. Die Frage, wie es wieder entstehen kann, muss jede Gesellschaft immer wieder neu beantworten.

Gernot Rainer, geboren 1978 in Klagenfurt, lebt als Facharzt für Lungenheilkunde in Wien. 2015 gründete er die Ärztegewerkschaft Asklepios, um auf Missstände im Gesundheitswesen aufmerksam zu machen. Als Gastkommentator schreibt er über gesellschaftliche Verantwortung und die Rolle von Institutionen. In seinem Sachbuch „Kampf der Klassenmedizin“ (2017) beleuchtet er die Strukturen des österreichischen Gesundheitssystems. „Bruchlinien“ ist sein erster Roman.

Beitragsbild © Cynthia Fischer

Ahojana 8 «An der Zapfsäule» – Eine Postkarte aus Bokampo von Owida N. Woiax

Seit wann sitzt sie wohl schon da? Als ich eben von der R8 zu der Tankstelle im Nordwesten von Kirilia abbog, ist sie mir nicht aufgefallen. Und auch als ich den Zapfhahn in den Einfüll­stutzen stieß, wähnte ich mich ganz alleine auf dem Platz. So alleine, dass ich einen Augenblick lang fürchtete, die Tankstelle sei außer Betrieb. Zwar ist mein Reservoir noch nicht ganz leer. Doch seit die meisten Autos auf der Insel mit Elektroantrieb fahren, werden echte Tankstellen mit Diesel und Benzin immer mehr zur Rarität. Ich weiß gar nicht, ob ich weiter im Süden überhaupt noch Treibstoff bekommen hätte. Umso erleichterter war ich, als die Zahlen im Display der alten Säule fröhlich zu laufen begannen – langsam zwar, fast Schluck für Schluck, aber doch kontinuierlich. Ich war so erleichtert, dass ich sofort das Bedürfnis verspürte, auch meine Blase zu bijdumein, ihr also «eine Wohltat angedeihen zu lassen» – anders kann man diesen Ausdruck fast nicht übersetzen.
Dann aber, als ich vom Toilettenhäuschen zu meinem Auto zurückkehrte, das immer noch dankbar glucksend den Diesel in sich einsog, saß sie da. Auf einem mächtigen Stein, mit dem man die Automobilisten daran hinderte, sich auf der Westseite der Säule hinzustellen, wo der Besitzer der wonkalek [Tankstelle] einen feinen Rasen angelegt hatte. Wohl bereitete auch er sich auf eine größere Umstellung vor, vielleicht würde ich bei meiner nächsten Fahrt nach Süden hier nur noch einen Imbiss vorfinden.
Die Frau trägt einen zitronengelben Rock, eine etwas hellere Bluse und einen gleichfarbigen Sonnenhut. Die Hände liegen entspannt in ihrem Schoß. Ihre Augen aber sind mit höchster Konzentration auf das altmodische Display der Zapfsäule gerichtet, wo sich die Zahlen auf einzelnen Zylindern drehen und ruckelnd immer mehr Liter und Zentiliter anzeigen. Was macht sie da? Was soll das werden? Eine Zapfsäulen-Meditation? Leidet sie an einem Zählzwang? Oder ist sie eine Außerirdische, die aus den Chiffren eine Botschaft ihres Heimatsterns abliest? Ich grüße mit einem freundlichen «Bono!» und deute auf das Display: «Za fumadi bezjie on wondakri zubinan! Magis krendi ka zonz læ bumj niæwad!» Ich finde das lustig und muss selbst kurz lachen. Sie aber scheint mich nicht zu hören. Also wiederhole ich meinen kleinen Scherz auf Französisch: «Das muss ja eine spannende Lektüre sein! Ich fürchte allerdings, dass schon bald das Ende naht!». Die Frau starrte unbeirrt auf das Display. Ich lege in Englisch nach. Sollte sie mich überhaupt bemerkt haben, so lässt sie sich das auf jeden Fall nicht anmerken. Ich komme mir blöd vor und schlendere, noch ehe der Zapfhahn in die Verschlussposition zurückschnellt, zu der Kabine mit der Aufschrift «Ninklek» [Zahlschalter]. Ich bin etwas überrascht, dass da eine alte Frau in einem Rollstuhl hinter der Kasse vor sich hin döst, direkt neben einem großen Ventilator, der ein paar hellgraue Haarsträhnen wild um ihren Kopf tanzen lässt.
Als ich eintrete, wacht sie auf und hebt den Blick. Ihre Züge gleichen jenen der Zapfsäulenanbeterin – nur sind Wangen und Stirn voller Runzeln, der Mund voller Fältchen. Sie ist bestimmt ein halbes Jahrhundert älter. Ist sie die Mutter, die Großmutter, die Urgroßmutter des Benzinfalters bei meinem Wagen?
«Können Sie mir sagen, was die da draußen macht?», frage ich und zeige durch die Scheibe in Richtung meines Autos.
Sie greift zu einem Feldstecher, kneift die Augen etwas zu und schaut lange hindurch. Ihre Lippen bewegen sich leicht und mir ist, als lese sie etwas ab. «Das ist eine Zapfsäule», knurrt sie mir schließlich mürrisch ins Gesicht, «das macht 313 Chnou – und wir nehmen nur Bargeld.»
Ich bezahle, bedanke mich übertrieben höflich, was sie mit dem Ansatz eines Zähnefletschens quittiert, und kehre zu meinem Wagen zurück. Die junge Frau ist verschwunden. Ich fahre los, zurück auf die R8 und weiter nach Süden. Erst oben auf dem Mont Goulou höre ich, dass der Tankdeckel gegen den Kotflügel schlägt. Ich halte an und steige aus, um mein Reservoir richtig zu verpfropfen. Doch der Einfüllstutzen ist zu, was gegen das Blech geschlagen hat, klemmt mit dem Rand unter dem Deckel fest: Es ist ein hell-zitronengelber Sonnenhut.

Ahojana 1 – 7

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.