Ahojana 5 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus der Réserve du Forlys von Owida N. Woiax

Der Kessel pfeift und zittert, Wasser schwappt aus dem Ausguss und läuft dem Emaille entlang unter den Topf, wo es in der Gasflamme knisternd verpufft. Atika hat es nicht eilig. Mit ruhigen Bewegungen stellt sie den Filter auf die Aluminiumkanne, legt ein Papier ein, misst drei Löffel Pulver ab. Erst dann hebt sie den Kessel vom Herd und gießt mit einer sorgfältigen Achterbewegung den Kaffee auf, die Linke entspannt in der Tasche ihrer Jeans. Röstaromen verbreiten sich in der Küche, verdrillen sich mit den milchigen Strahlen der Morgensonne, die waagrecht den Raum durchstoßen.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Aber Atika lässt mir keine Wahl. «Erst trinken wir einen kawaien [«Käffchen»], dann zeige ich Ihnen, wie Sie hier wieder rauskommen», hatte sie gesagt, während sie das Seil vom Bug meines Kajaks an ihrem Landungssteg festzurrte. Ich war früh am Morgen von der Anlegestelle bei der Busstation im Norden des Naturschutzgebietes losgepaddelt und hatte bald schon die Orientierung verloren in dem Gewirr aus Kanälen, Flussläufen und Tümpeln. Auch mein Telefon half mir nicht weiter. Auf dem Bildschirm sah ich zwar genau, wo ich selbst mich befand und wo mein Auto stehen musste, nur, wie ich zurück zu dem Parkplatz finden könnte, verriet mir die Karte nicht. Der Lindj Forlys ist kein See, wie man vom Namen her erwarten würde (lindj ist das lemusische Wort für «See»), sondern eher ein riesiges Feuchtgebiet mit zahllosen Wasserwegen und Inselchen, die auf meinem Plan nur sehr summarisch eingezeichnet waren. Immer wieder ruderte ich in Kanäle hinein, die zwar in die richtige Richtung führten, jedoch plötzlich endeten oder einen Bogen machten, der mich wieder von meinem Ziel entfernte.
Und dann entdeckte ich das grüne Holzhäuschen. Es stand ein paar Meter vom Ufer entfernt unter Birken und Weiden. Das Dach war dicht mit Blättern und Zweigen bestreut. Zu dem kleinen Gebäude gehörte ein Steg und auf den grau-morschen Brettern stand eine junge Frau in einem leuchtend orangen Shirt und winkte mir zu.
«Haben Sie sich verfahren?», fragte sie und fügte, ohne mir Raum für eine Antwort zu lassen, gleich ihre Einladung an: «Kommen Sie! Wir trinken einen kleinen Kaffee bei mir im Haus, danach zeige ich Ihnen den Weg hier raus.»
«Das ist sehr freundlich von Ihnen, danke für das Angebot. Aber ich sollte eigentlich möglichst bald weiterfahren. Man erwartet mich heute noch im Kloster von Maioli.»
«Haben Sie mich nicht gehört? Wir trinken einen Kaffe und dann führe ich sie zur Straße zurück», erwiderte sie mit einem nachsichtigen Lächeln, als hätte ich etwas völlig Unsinniges gesagt. Gleichzeitig packte sie die Leine, die auf dem Bug meines Kajaks aufgerollt lag, zog mein Boot mit einem entschiedenen Ruck in Richtung Ufer und machte es an ihrem Steg fest. Es ist mir ein Rätsel, wie das Tau plötzlich in ihre Hand gelangen konnte. Ich war sicher noch zwei Meter vom Ufer entfernt, als sie es ergriff.
«Entschuldigung, aber ich müsste wirklich los», beteuerte ich erneut und blieb trotzig in meinem Bötchen sitzen. Doch sie streckte die Hand aus: «Ich heiße Atika. Herzlich willkommen!» Und auf einmal stand ich neben ihr an Land.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Es muss schon Mittag sein und also muss ich aufpassen mit dem Koffein. Mittag, genau, das sagt auch meine Uhr. Nur, warum scheint die Sonne dann horizontal in den Raum? Atika gießt immer noch Wasser in den Filter. Die Kanne müsste längst überlaufen. Und auch die Gasflamme rischelt weiter, als verbrenne immer noch Wasser in ihr.
Die Réserve du Forlys ist ein Labyrinth, in dem sich offenbar nicht nur der Mensch verirrt, sondern auch die Zeit. Gut, dass mir Atika den Weg hier raus zeigen wird. Nach dem Käffchen, versteht sich.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

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Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ahojana 4 «Tausend Tentakelschläge» – Eine Postkarte aus Carbelotte von Owida N. Woiax

Mit einem staccatoartigen Hupen rast der hellblaue Autocar der Buchgesellschaft Pierou an der Haltestelle im Zentrum von Carbelotte vorbei. Offenbar weiß der Chauffeur, dass die zwei Frauen, die sich vor dem leichten Nieselregen unter das Dach der Station geflüchtet haben, nicht bei ihm mitfahren wollen. Mir war sogar, er habe ihnen zugewinkt. Ich stehe unter einer mächtigen Espe auf der anderen Straßenseite – unentschlossen, ob ich meinen Schirm hervorholen oder darauf vertrauen soll, dass der Regen bald wieder aufhört. Etwas weiter nördlich, über der Baij Kabsakdi, ist der Himmel schon wieder blau. Oder noch? Ich mag keine nassen Regenschirme. Ich warte lieber noch etwas zu.
Sollten mich die zwei Frauen überhaupt bemerkt haben, so lassen sie sich auf jeden Fall nicht stören. Sie sind ganz und gar mit ihren Beinen, ihren Hüften, ihren Armen, Schultern und Köpfen beschäftigt, die sie in rasendem Rhythmus bewegen. Ihre bloßen Füße sausen schwungvoll hinweg über die vom Regen am Boden der Haltestelle geschaffene Landschaft aus Tümpelchen, kleinen Teerinseln und Bächlein. Ihre weiten Röcke fliegen, als hätten sie sich von der Schwerkraft gelöst. Musik ist keine zu hören – sieht man vom Gezirpe der Jamakala ab, einer kleinen Grille, die sich an diesem späten Nachmittag schon den Abend herbeisingt. Gleichwohl bin ich sicher, dass die zwei tanzen. Und sie können das ausgesprochen gut, ihre Bewegungen sind gestaltet, folgen eindeutig einem Ablauf – und ich kann nicht erkennen, dass sie je unsicher wären, wie es weitergeht.
Gut möglich, dass sie sich auf die Fête de la Carotte vorbereiten, in deren Rahmen es ja Tanzveranstaltungen und sogar Wettbewerbe gibt. Kann es sein, dass ich gerade der Entstehung eines neuen Karottentanzes beiwohne? Meine Lippen versuchen, den schnellen Sprüngen und Hüftschwüngen der zwei Frauen nachzuhüpfen: «Vive la carotototte au sein de Carbelotototte.» Nein. Das ist eindeutig nicht schnell genug. Die zwei haben ein gewaltiges Tempo drauf. Und Reime passen auch nicht zu diesem Tanz, der bei aller Stimmigkeit, bei aller Präzision auch etwas Ungereimtes, Ungehemmtes, Unfassbares hat. Wäre es möglich, dass sie sich von den Chevaliers de Carbelotte piksen ließen. Ich weiß nicht, welchen Effekt das Gift dieser eigentümlichen Insekten auf den menschlichen Körper hat. Aber es könnte ja sein, dass es wie ein Stich der Tarantel in eine Art Raserei versetzt, die sich choreografisch nutzen lässt.
Der Regen wird stärker, der Himmel verdunkelt sich und mir ist gar, als sei durch das Prasseln und Rauschen hindurch ab und zu ein Donner zu hören. Die zwei Frauen lassen sich nicht beirren. Im Gegenteil: Ihre Freude am Tanz scheint mit dem Regen noch wilder, noch hemmungsloser zu werden. Vielleicht schlägt gleich ein Blitz in die Haltestelle ein, sie verwandeln sich in tremolierende Oktopusse und toben mit tausend Tentakelschlägen davon.
Das Blätterdach der Espe über mir hat unterdessen so viel Wasser aufgenommen, dass es unten heraus und mir auf Schultern und Kopf tropft. Ich drücke mich an den Stamm, der noch weitgehend trocken zu sein scheint. Doch da bohrt mir ein Viechlein, das verborgen in der Borke sitzt, seine Nadel in die Schulter. Ich zucke zurück, doch schon breitet sich von der Stelle ein Schmerz in meinem Arm aus, klettert mir in den Nacken, in den Kopf. Toboza! Verflixt! Ob das ein Chevalier der Carbelotte war? Werde ich wohl auch gleich wie besessen durch den Regen tanzen? Ist das wirklich immer noch Donnergrollen, was ich da höre? Sind das nicht die Rhythmen mächtiger Trommeln, die näher und näher kommen? Und spüre ich nicht schon, wie meine bibbernden Beine den Boden bebeben?

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Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ahojana 3 «Der gefangene Betrüger» – Eine Postkarte aus Bouden von Owida N. Woiax

Laut schallt seine Stimme über den Platz: «Qimits! Qimits! Kommt her! Versucht euer Glück! Wenn ihr schnell seid, dann werdet ihr reich!» Während der junge Mann sich mit der Linken das Mikrofon vor den Mund hält, legt seine Rechte mit rasender Geschwindigkeit Spielkarten auf dem Pflaster aus, manche verdeckt, andere mit der Bildseite nach oben. Dann zaubert er zwei silberne Suppenlöffel hervor und platziert sie neben den Karten auf dem Boden. «Wer tritt gegen mich an? Schaut her: Ich spiele mit einer Hand, Eure Chancen stehen gut!»

Ich weiß allerdings sehr genau, wie gut meine Chancen stehen, darum schau ich ihm lieber aus der Entfernung zu. Kokle («Löffel») heißt dieses Spiel, das Kartenglück mit Strategie und Geschicklichkeit verbindet. Es geht im Kern darum, im richtigen Moment einen Löffel zu ergreifen. Wer ohne Löffel zurückbleibt oder das Besteck zu früh berührt, hat verloren. Der richtige Moment wiederum hängt von den Karten ab, die man in der Hand hält – oder vorgibt, in der Hand zu halten. Es ist ein lautes, lustiges, lebendiges Spiel. Man kennt auf Lemusa zahlreiche Versionen mit eigenen Finessen, Hürden und Gemeinheiten. Meist spielt man Kokle im Rahmen von Partys oder Kindergeburtstagen, zum Vergnügen. Es soll jedoch auch Hinterzimmer geben, in denen Kokle um Geld gespielt wird. Ja, man hört sogar von professionellen Zockerinnen und Zockern, die von ihren Spielgewinnen leben können – allerdings nur bis zu einem gewissen Alter. Irgendwann lässt die Reaktionsgeschwindigkeit nach, ist man nicht mehr schnell genug.

«Mangoljie yo kokle», «manquer sa cuillère», «seinen Löffel verpassen», sagt man auf Lemusa, wenn jemand eine Gelegenheit ungenutzt vorbeiziehen lässt. Sicher kommt daher auch der lemusische Begriff koklax, der den richtigen Zeitpunkt für eine Unternehmung beschreibt. Und wenn sich jemand gar nicht wohlfühlt in seiner Haut, dann sagt man, er sei «ehan yo kokle», also «neben seinem Löffel».

Der junge Mann hat sein mobiles Casino auf dem Platz vor dem Sumaz-Supermarkt im Zentrum von Bouden eingerichtet. Vermutlich hofft er, die Kundinnen und Kunden nach ihrem Einkauf mit der Aussicht zu ködern, sie könnten das eben ausgegebene Geld mit etwas Geschick bei ihm ganz leicht wieder einspielen. Aber die Erwachsenen sind nicht interessiert. Vielleicht kennen sie zu viele Leute, die bei solchen Gelegenheiten schon Geld verloren haben. Oder man ist, mit einem schönen Oktopus im Einkaufskorb und einer Flasche Médioc unter dem Arm, schlicht nicht in der Stimmung, sein Glück auf die Probe zu stellen. «Kefa on pysgodin eni patell, swate posse binair echel», lautet ein lemusisches Sprichwort: «Hat man einen Fisch in der Pfanne, kann einem der Ozean egal sein». Das entspricht etwa der deutschen Redewendung: «Besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach».

Doch auch wenn die Erwachsenen auf Distanz bleiben, die Kinder sind von dem Mann mit dem Mikrofon magisch angezogen. Mit neugierig erregten Gesichtern stehen, kauern und hocken sie um ihn her. Sie würden noch so gerne spielen. Geld aber haben sie keins. Also kehrt der Kokle-Meister wieder und wieder zu denselben Gesten und denselben Lockrufen zurück, als sei er in einer Zeitschleife gefangen. Er kann nicht loslegen, denn dafür fehlen ihm die Gegner. Und er kann auch nicht aufhören, denn dafür hat er zu viele Zuschauer, zu viel Aufmerksamkeit. Und so findet sich der junge Mann, der hier tüchtig Kohle machen wollte, unfreiwillig in der Rolle des Kinderbetreuers wieder. Dass er dabei sein könnte, eine neue Bestimmung zu finden, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Viel eher dürfte er sich ganz schön «ehan yo kokle» fühlen.

Fast tut mir der Herr der Karten und Löffel ein wenig leid – auch wenn er ein Betrüger ist, der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Doch da tritt entschiedenen Schrittes eine Polizistin mit knacksendem Funkgerät auf, fragt den Mann nach seinen Papieren, redet kurz und scharf auf ihn ein. Er sammelt seine Karten und Löffel, steckt das Mikrofon in seinen Rucksack, packt den Lautsprecher und geht davon, Erleichterung im Gesicht.

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Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

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Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ahojana 2 «Ein Meisterwerk» – Eine Postkarte aus Babat von Owida N. Woiax

«Zonz ji gawa dantanjie eni tuen kuluj», quengelt mir eine quietschend hohe Stimme in den Nacken. Ich drehe mich um und blicke in die vergnügten Augen eines stämmigen Herrn, dem eine goldgelb leuchtende Schiffchenmütze wie eine Krone auf dem Haar sitzt. «Waren Sie das?», frage ich. Er schütteln den Kopf, ein unschuldiger Bub, er lächelt, blinzelt, zupft sich den mächtigen Schnauz und zieht mit den Zähnen ein Bratenstück aus dem Sandwich in seiner Linken. «Bezai mi, hihi», kichert es nun. Ich schau dem König direkt ins Gesicht: «Machen Sie sich über mich lustig?»

«Nicht doch, Madame, keineswegs», versichert mir der Mann mit heiserem Bass, kaut schmatzend und deutet auf den ausgestopften Fuchs, der neben ihm auf einem Mäuerchen seine Reißzähnchen fletscht: «Ich glaube, das war er, Djoli Luær, Herr Fuchs.» 

«Und? Was hat er gesagt?»

«Oh, das wollen Sie nicht wissen. Lemusisch? Können Sie nicht?»

«Doch, schon, aber nicht sehr gut – ji dingælo lisi lemusie.»

«Dann habe ich etwas für Sie! Ufpoza!» Er bückt sich, hebt ein zerfleddertes Heft mit speckigem Deckblatt vom Boden auf, schüttelt es kurz und streckt es mir hin. «Pisedj, voilà: ein prachtvolles Vokabular, nicht die neueste Ausgabe, aber vielfach erprobt und geradezu umsonst. Zwei Chnou! Mæit xundj pa vos! Ein Spezialpreis für Sie!»

Viel Schönes habe ich bisher nicht entdeckt auf dem kleinen Flohmarkt im Zentrum von Babat. Dafür aber riecht es auf dem ganzen Platz herrlich nach würzigem Fleisch. Der Duft steigt von einem meterlangen, mit Streifen von Leber, Schwarte und Magen, mit Kräutern, Knoblauch und Zitronen gefüllten Schweinebraten auf, der sich an einem Spieß ganz langsam über einem Kohlefeuer dreht. Seine äußerste Schicht scheint aus goldenem Sirup zu bestehen, der mehr und mehr zu einer lackierten Kruste erstarrt. Eine junge Frau schneidet mit einem gekrümmten Messer Scheiben ab und packt sie zusammen mit roten Zwiebeln in kleine Brötchen. Vor ihrem Stand hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Leute unterhalten sich vergnügt, es ist Sonntag, niemand hat es eilig. Der Flohmarkt gilt als das Wochenendvergnügen der Fleischhauerinnen und Kuttelsieder des großen Schlachthauses, das wie eine Burg über den Häusern von Babat thront. Es heißt, dieser Markt sei den Leuten hier, was Menschen andernorts die Kirche. Kuentlek, das lemusische Wort für «Schlachthaus», bedeutet auch «Opferstätte» oder «Heiligtum», wörtlich «Ort des Schlags». Die ganze Gegend heißt so.

Während ich ohne Begeisterung in dem Heft blättere, greift der Mann nach dem Hinterteil seines Fuchses. «Aua! Was bist du nur für ein Grobian!», maunzt das Tier altissimo, «Madame, haben Sie das gesehen? Bitte, seien sie barmherzig und befreien Sie mich aus meinem Elend. Tausend Chnou will der Wüstling für mich haben, aber bei achthundert wird er schwach. Das weiß ich bestimmt. Sie werden es nicht bereuen. Ich bin völlig stubenrein und gut erzogen. Tagsüber hocke ich still am Fenster und schaue auf die Straße hinab. Am Abend lese ich Ihnen Gedichte vor. Und nachts, wenn sie schlafen, tanze ich um ihr Bett und verscheuche die bösen Träume.»

Der König ist wirklich gut, sein Mund bleibt völlig unbewegt, nicht einmal sein Schnauz zittert, und er bringt sogar b, f, w und andere Lippenlaute fließend heraus. Sicher schuftet auch er unter der Woche im Schlachthaus. Ob wohl alle Fleischer von Babat Bauchredner sind? Üben sie bei der Arbeit? Unterhalten sie sich mit den Rindern und Kälbern, während sie die Körper auseinandersäbeln? Sprechen sie mit den Nieren, den Schinken, dem Speck und den Herzen?

«Wie nennt man denn einen Bauchredner auf Lemusisch», frage ich den Fuchs.

«Panoiokak, Madame, warum wollen Sie das wissen?» 

Ich schau auf den Mann, ich schau auf den Fuchs. Der König steht jetzt völlig starr, die Augen geradeaus, die Krone unbewegt. Nur das Brötchen tropft. Herr Luær wackelt leicht hin und her.

«Nun, ich denke, Sie können das wirklich gut», lache ich.

«Danke», fiept der Fuchs, «und schauen sie sich jetzt auch den Herrn mal ganz genau an: Haben wir ihn nicht prächtig ausgestopft? On kracha stizdi! Ein Meisterwerk!»

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Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

Ahojana 1

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ahojana 1 «Die Solistin» – Eine Postkarte aus Maizye von Owida N. Woiax

Wie konzentriert sie ist. Ihr Körper aufrecht, angespannt, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen geradeaus. Als spiele sie das Soloinstrument in einem klassischen Konzert, ein Symphonieorchester im Rücken, eine Dirigentin neben sich und vor sich im Halbdunkeln dreitausend Ohren. Dabei hält sie bloß eine Wasserpistole hoch, mit der sie den Putzschaum von meinem Auto spritz. Das Orchester sind zwei Hunde, die hechelnd einen hungrigen Habicht aus dem Hof vor der Werkstatt vertreiben. Für die Rolle der Dirigentin komme nur ich infrage. Und ich bin so musikalisch wie eine Tanksäule, «xeloan az on popom o bænzol», das sagt man so auf Lemusa. Aber die Ohren zuhalten, das kann ich gut. Denn die Wasserpumpe macht einen kruden Krach und wirkt dabei doch so, als müsse in jedem Moment ein Infarkt ihr störrisches Stottern zersprengen.

Vor einer Stunde hatte ich meinen Wagen auf einen kleinen Parkplatz im Westen des Hafens von Maizye gelenkt. Ich stellte den Motor ab und schaute den Wellen zu, die, von einem Gewitter angestachelt, mit Wucht gegen das Land schlugen. Mehrere Meter reckten sich die Fäuste aus Gischt in den Himmel, wo sie für zwei oder drei Sekunden in bizarren Verkrümmungen erstarrten, als überlegten sie sich, was jetzt zu tun sei, ehe plötzlich alle Kraft aus ihnen wich und sie wie willenloses Wasserfleisch auf die Kiesel des Strandes herunterbrachen.
Ich wunderte mich, dass kein anderes Auto auf dem Parkplatz stand. Einen besseren Ort, um das launische Spiel der Swatala, der lemusischen See zu genießen, konnte es kaum geben. Ich sass in der ersten Reihe, geschützt von einem stabilen Gehäuse und gewärmt vom warmen Gebläse der Heizung. Da aber türmte sich plötzlich eine Welle zu solcher Höhe auf, dass es dunkel wurde. Im nächsten Moment stürzte der Ozean über mir zusammen, packte eine Hand meinen Wagen, schüttelte ihn hin und her, wieder und wieder. Aus der Lüftung spritze mir salziger Schlamm ins Gesicht. Ich drehte den Zündschlüssel um, doch der Motor hustete bloß. Erst beim vierten oder fünften Versuch sprang er an, ich legte den Rückwärtsgang ein, das Getriebe krachte, ich setzte zurück, bis zur Einfahrt des Platzes. Endlich konnte ich wieder durch die Windschutzscheibe sehen. Mein Pullover und meine Hose waren nass, mein Gesicht fühlte sich ölig an. Ich suchte nach einem Taschentuch, rieb mir die Augenhöhlen trocken, die Stirn, das Kinn. Dann musste ich lachen.
Die Lüftung gab immer noch seltsame Geräusche von sich, immerhin aber spuckte sie kein Wasser mehr. Für die Karosserie war so ein Bad in Salzlake sicher nicht gut. Das Auto war neu. Ich sei die allererste Mieterin, hatte mir der Mann von der Firma Karavektur versichert. Ich befürchtete, bei der Rückgabe könnte es Ärger geben, wenn da Salzflecken oder gar Kristalle auf dem Lack säßen. Also hielt ich bei der nächsten Garage mit Waschplatz an.

Endlich war der ganze Schaum weggespült, nur über dem Abfluss am Eingang der Werkstatt schimmerten noch ein paar Blasen in der Luft. Es roch wie im Duschraum einer Fußballmannschaft nach dem Spiel. Die junge Frau trat etwas zurück, um ihr Werk in seiner ganzen glänzenden und triefenden Schönheit zu besehen. Sie legte sich die Wasserpistole über den linken Arm, wischte sich die Rechte an der Hose trocken. Ihr Körper entspannte sich, die Runzeln verebbten, die Augen wurden weicher und fast erschien ein Lächeln in ihrem Gesicht. Jetzt war sie ganz Solistin, die tosenden Applaus entgegennahm.

Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

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Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida

Es sind Besessene, die ein Buch schreiben. Es sind Verrückte, die zwei Jahrzehnte an ein und demselben Projekt weiter und weiterarbeiten, die weder Zeit noch Energie scheuen. Es sind Wilde, die sich von gar nichts zurückschrecken lassen. Samuel Herzog gehört zu dieser ganz besonderen Spezies Mensch! Ich liebe sie!

Reisen sie gerne in ferne, fremde Länder? Mögen sie Abenteuer, den Schritt ins Unbekannte? Lieben sie die Vorbereitungen auf eine grosse Reise, das Stöbern im Netz, das Blättern in Reiseführern, das Zusammenstellen einer Tour, bei der man möglichst viele Sehenswürdigkeiten entdecken kann, der Bevölkerung des Landes möglichst nahe kommt? Oder fürchten sie sich davor, ein Ziel ins Auge zu fassen, weil sie genau wissen, dass das Budget nicht reichen wird? Meldet sich das schlechte Gewissen, weil sie wissen, dass sie damals beschlossen, kein Flugzeug mehr zu besteigen? Oder fehlt ihnen die Zeit? Samuel Herzog bietet ihnen die einmalige Chance, eine Reise zu wagen, die ihr Budget nicht überstrapaziert, minimale Belastungen für die Umwelt verursacht und erstaunlich viele neue Perspektiven eröffnet, ohne dass sie sich aus dem Sofa erheben müssen.

Lemusa ist eine Insel auf 33° N / 44° W, mitten im atlantischen Ozean, etwa 130 Kilometer lang und 60 Kilometer breit. Eine Insel, die alles bietet, was AbenteuerInnen lockt; eine wechselhafte Geschichte, gastfreundliche Einheimische, romantische Buchten, sagenhafte Landschaften, pikante Gerichte, geheimnisvolle Urwälder, und blühende Ortschaften. Eine eigene Fluggesellschaft, eine unabhängige, wenn auch streitbare Regierung und eine blühende Kultur. 

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025, 3500 Seiten, Auflage: 333 Exemplare, CHF ca. 198.00, ISBN 978-3-03908-008-3

Niemand auf diesem Planeten kennt die Insel Lemusa so gut, wie Samuel Herzog. Kein Wunder, denn Samuel Herzog hat die Insel vor einem Vierteljahrhundert erfunden. Lemusa gibt es als real existierende Insel nicht, in seiner Vielfalt nur im Kopf ihres Schöpfers und in der einen oder anderen Facette in Köpfen jener, die sich durch «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» von der Faszination einer (verrückten) Idee verführen lassen. Alles fing an mit dieser einen Idee; einmal ein Schöpfer sein, einmal eine Welt erfinden, einmal alle Wenn und Aber zur Seite legen, sich durch nichts und niemanden einengen lassen. Zuerst wuchs die Idee, die Insel im Kopf, dann auf einer Webseite, und nun ist sie in sieben Bänden in einem Schuber auf Papier gebannt. Reiseführer in die Fantasie, ein Durstlöscher für Sehnsüchte, ein Bilderbuch für Unersättliche.

Ich liebe Menschen, die unbeirrt eine Idee verfolgen, die sich nicht abbringen lassen, vor allem in Absichten, die keinen wirtschaftlichen Zweck verfolgen. Samuel Herzog ist einer, der sich längst in den Winkeln, Höhlen und Zwischenwelten seiner Insel verloren hat. Sogar eine Sprache hat er für seine Insel erfunden, eine Schrift, Literatur. Eine Fülle von Rezepten, die man nachkochen kann, mit denen man sich in der Küche die Düfte dieser ewig fremden Insel nach Hause holen kann. Über QR-Codes rezitiert Samuel Herzog Gedichte verschiedener lemurischer Stimmen. Ich lese Reportagen zu den verschiedensten Themen, Samuel Herzog erzählt von seinen ausgedehnten Spaziergängen auf der Insel. «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» sind Reiseführer nach innen, vielfarbige Fächer einer bunten Welt, die in nichts von der Realität in den Schatten gestellt wird.

«Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» ist Kunst, sowohl sprachlich wie in seiner Konsequenz. Ich blättere und lese, staune und schmunzle. SchriftstellerInnen erfinden Geschichten, Welten, Leben. Samuel Herzog ein Stück Welt!
Aber Achtung: Wer sich den Schuber kauft und für diesen auf dem stillen Örtchen den geeigneten Platz findet, braucht die Nachsicht seiner Mitbewohner oder das Glück einer zweiten Nasszelle. Auf Lemusa kann man sich verlieren.

Phantastisch – im wahrsten Sinne des Wortes!

Ein dreiminütigen Video übers «Lemusa-Projekt»
Romana Ganzoni, Samuel Herzog, Lis Künzli, Karin Rey «Der Verlag», Roman, Rotpunkt

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Fotos © Edition Frida (Mathias Balzer)