Liz Moore «Der andere Arthur», C. H. Beck

Arthur ist über 200 Kilo schwer. Sein Gewicht verdrängt ihn aus seinem Leben. Er, der in den besten Jahren wäre, lebt zurückgezogen im Erdgeschoss seines Hauses, eingemauert und eingefressen in einem Leben in Einsamkeit. Bis die Vergangenheit anklopft. Liz Moore ist eine berührende Geschichte gelungen, auch wenn sie bald vorhersehbar wird.

Meist bin ich es, der bestimmt, welches Buch ich zur Hand nehme. Manchmal ist es aber auch die nachdrückliche Empfehlung eines Freundes oder einer Freundin. Oder die Lektüre ist in einem meiner Lesekreise vorbestimmt. So passiert mit „Der andere Arthur“ der US-Amerikanerin Liz Moore. Ein Buch, das die Autorin bereits 2012 schrieb und nun im Schweif ihres grossen Erfolgs „Der Gott des Waldes“ auf Deutsch erschien. Wieder ein Roman über Familie, wieder ein Roman, der Gesellschaftsprobleme eindrücklich bebildert. Nicht nur Einsamkeit oder Fettleibigkeit (ein Phänomen, das ganze YouTube-Kanäle füllt). Ihr Roman beschreibt den Zerfall der Werte, den Zerfall einer Gesellschaft. Kein nordamerikanisches Problem. Was bleibt, wenn aus Familien ein Trümmerfeld wird. 

Arthur, ein Name, der eigentlich zu einem Kämpferherz passt, ist Sohn eines erfolgreichen, aber narzistischen Architekts, der sich schon während Arthurs Kindheit abgesetzt hatte, um in Europa eine neue Familie zu gründen, einen zweiten Versuch, der gelingen musste. Arthurs Mutter verstarb früh, ebenso jene eine grosse Liebe, die das Zeug gehabt hätte, seinem Leben eine Form zu geben. Eine Weile war er Literaturprofessor, schon immer dick. Irgendwann so dick, dass ein Leben ausser Haus unmöglich wurde. Mit dem Geld seines fernen Vaters fristet Arthur seinen immer gleichen Alltag zwischen Müll, Essensresten und sich ins Mark fressender Scham.

Liz Moore «Der andere Arthur», C. H. Beck, 2026, aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz, 377 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-406-84333-4

Was ihn lange hielt, waren die Briefe einer Freundin, von Charlene, einer ehemaligen Studentin, der er als Lehrer wohl zu nahe kam, die von der Schule verschwand, aber weiterhin Briefe schrieb. Er schrieb zurück, erfand sich in den Briefen ein Leben, das sich immer weiter von der Realität entfernte, ohne zu wissen, dass es Charlene ebenso erging. Ganz nach dem schriftstellerischen Motto; Man kann sich sein Leben leicht erschreiben.

Zweite Hauptfigur im Roman, der eigentliche Gegenpol, ist der 18jährige Kel, Charlenes Sohn, weit weg in einer anderen Stadt. Kel kämpft sich durch ein Leben in Armut. Sein Traum, dereinst ein erfolgreicher Baseballspieler zu werden, hält ihn aufrecht. Auch als es seiner kranken und lebensmüden Mutter immer schlechter geht. Erst als Charlene stirbt, erfährt Kel, dass der Mann, von dem er glaubte, er wäre sein Vater, dass jener Arthur Opp, dem seine Mutter über Jahre Briefe schrieb, sein wirklicher Vater sei. Beide machen sich zaghaft auf einen Weg. Arthur mit Hilfe einer jungen Putzkraft, die bei ihm Asyl findet, Kel durch den seltsamen Aufwind, den der Tod seiner Mutter mit sich brachte.

In diesem Roman sind alle Protagonisten beschädigt. Familie ist Fassade, Krisengebiet, Kampfzone oder Schlachtfeld. Die Moral, die in dieser überaus spannend erzählten Geschichte durchscheint, ist eine allzu einfache; Zusammen ist man weniger allein. Glücklicherweise präsentiert Liz Moore das Ende ihrer Geschichte nicht mit Glockengeläut. Aber die Geschichte ist zu vorhersehbar und so geschrieben, als hätte die Autorin die Verfilmung schon im Hinterkopf gehabt.

Solide Unterhaltung, spannendes Lesefutter. Aber keine Literatur, die Fragen stellt, die reiben will, die mich in eine Auseinandersetzung zwingt. Naja, irgendwie Hollywood.

Liz Moore geboren 1983, hat zunächst als Musikerin in New York gearbeitet und anschliessend begonnen, Romane zu schreiben. Bei C.H.Beck erschien ihr Roman «Long Bright River» (2020). «Der Gott des Waldes» ist in den USA seit Erscheinen auf der New York Times-Bestsellerliste, erhielt zahlreiche hymnische Besprechungen und wurde von Barack Obama empfohlen. Liz Moore lebt mit ihrer Familie in Philadelphia.

Cornelius Hartz lebt als freier Autor und Übersetzer in Hamburg. Er hat zahlreiche Romane und Sachbücher u.a. von Rye Curtis, Edward Carey, Erin Flanagan, Daniel Mason und Catherine Nixey übersetzt. Er übersetzte ausserdem bereits «Der Gott des Waldes» von Liz Moore.

Beitragsbild © Maggie Casey