Edith Gartmann «Kerstin», Plattform Gegenzauber

Aus dem Haus geht er nur, wenn der Himmel bewölkt ist. Ohne Wolken fühlt er sich schutzlos. Ohne Wolken fürchtet er, den Boden zu verlieren, in den blauen Himmel hinauf, durch den blauen Himmel hindurch zu fallen. Die Wolken geben ihm Halt auf der Erde. Sie bändigen das Ziehen des blauen Himmels.
Am besten fühlt er sich, wenn die Wolken keine durchgehende, undefinierbare Decke bilden, sondern einzeln unterscheidbar am Himmel stehen und dreidimensional, in mehreren Schichten, den offenen Himmel abschirmen.
An Tagen mit blauem Himmel verschanzt er sich in seiner Wohnung. Das blaue Nichts will ihn zu sich hinaufziehen, einsaugen und in die Atmosphäre spucken. Fallen lassen. An Tagen mit blauem Himmel zieht er die Vorhänge zu. Er muss sich vor dem Sog des weiten Blaus schützen.
Früher hat er es mit Steinen in den Hosentaschen versucht und mit Blei im Hosensaum. Feste, schwere Schuhe gingen nicht wegen seines Zehengangs.
Er kontrolliert die feinen Vorhänge. Schliesst die letzte Lücke. Unbeschwert sonnen sich derweil die Nachbarn im Garten auf ihren Liegestühlen. Sie grillen und plaudern und lachen sorglos unter dem blauen, offenen Himmel. Wenn sie besonders laut lachen ist er sich sicher, sie lachen über ihn.
Er lässt den Rolladen herunter. Verkriecht sich unter dem Tisch. Schaut Meteo. Das Hoch heisst Kerstin und soll noch Tage dauern.
Kerstin macht ihm Mühe. Anscheinend hat diese Frau, es muss sich um eine Zentraleuropäerin handeln, bei der Freien Universität Berlin eine Namenpatenschaft für ein Hochdruckgebiet gekauft. Für 390 Euro. Oder sie hat die Namenpatenschaft für das Hoch geschenkt bekommen, zur Hochzeit vielleicht. Weil ein Tiefdruckgebiet meist kürzer dauert und negativ bewertet wird, wäre die Patenschaft für ein Tiefdruckgebiet 130 Euro günstiger gewesen.
Ihm fehlt für Kerstin jedes Verständnis.
Er würde seinen Namen, wenn schon, einem Tief geben.
Kerstin dehnt sich aus. Sie liegt ausgebreitet über dem Mittelland und verharrt.
Er kriecht unter dem Tisch hervor und kontrolliert den Rolladen. Ihm scheint, der sei unten nicht ganz eingerastet. Er zieht den Rolladen ein Stück hoch und lässt ihn schnell wieder herunterfallen. Das Knattern klingt entschlossen, doch zwischen den Lamellen bleiben dünne Lichtstreifen liegen. Er setzt sich wieder unter den Tisch.
In Skandinavien hätte Kerstin keine Chance. Er hat gelesen, dass man dort nur überregionale, stürmische Extremwetter benenne, keine Hochs, und dass man bei der Benennung einer alphabetisch geordneten und gemischtgeschlechtlichen Namenliste mit norwegischen Namen folge (ausgenommen seien die Namen des Königshauses und die Anfangsbuchstaben Q, W, X, Z). Dass dann aber Schweden und Dänemark je eigene Benennungssysteme entwickelt hätten, was dazu geführt habe, dass ein Sturmtief auf dem Weg von Norwegen nach Dänemark drei Mal habe umgetauft werden müssen – bei voller Windstärke. Die drei Wetterdienste hätten sich schliesslich darauf geeinigt, dass derjenige den Namen vergeben könne, dessen Land als erstes vom Sturmtief betroffen sei, bei nordziehenden Atlantiktiefs typischerweise Norwegen, bei ostziehenden Dänemark – Schweden gehe meist leer aus, da die Tiefdrucksysteme nur selten zuerst dort auftreten würden.
Die Rolladen werfen ein gleichmässiges Streifenmuster auf die gegenüberliegende Zimmerwand. Er sitzt unter dem Tisch. Atmet möglichst nach unten. Redet sich ein, der Himmel wolle ihn nicht hinauf ziehen, habe kein Interesse an ihm. Der Himmel werde seinen blauen Schlund bald wieder schliessen und mit Wolken bedecken. Ein Hoch dauere nicht ewig. Kerstin werde weiterziehen und heisse dann in Polen bereits Krystyna oder sonst wie.
Der Schattenwurf der Rolladen schiebt sich allmählich über die leere Wand. Verzieht sich zum Parallelogramm, kippt aus seiner Regelmässigkeit. Die hellen Streifen schwellen an, drohen die dunklen zu verdrängen. Besser nicht hinschauen, weiss er. Besser nachlesen, was er schon kennt:
Auf den Britischen Inseln bleiben, wie in Skandinavien, Hochdrucksysteme namenlos. Für Tiefdrucksysteme, welche für Unwetterwarnungen relevant sind, werden vorgängig jährliche Namenlisten erstellt, deren Namengut von der Öffentlichkeit bestimmt wird – „NAME OUR STORMS“. Namen, die innerhalb eines Jahres mangels Stürme nicht benötigt wurden, verfallen. Auch auf den Britischen Inseln halten sich Stürme nicht an Landesgrenzen, und so kommt es zu Namenallianzen etwa mit den Niederlanden oder zu Umbenennungen bei von den USA herkommenden Tiefdrucksystemen.
Er setzt sich etwas anders hin. Lehnt sich ans Tischbein. Konsultiert drei Wetter-Apps. Kerstin bewegt sich nicht.
Mit der Freien Universität Berlin hadert er. Er nimmt es dem dort ansässigen Institut für Meteorologie übel, dass es Hochs überhaupt mit Namen versieht. Ein Hoch hat keinen Namen verdient. Besonders verwerflich scheint ihm das Preisgefälle zwischen Hoch und Tief, das ein abgründiges Hoch höher einstuft als ein bodenständiges Tief. Anderseits war die Tatsache, dass die FU Berlin auch Hochdrucksysteme benennt, gerade der Grund, weshalb er vor ein paar Jahren in deren Wirkungskreis umgezogen ist: Hier hat die Gefahr einen Namen. Kerstin. Die Angst ist benannt. Das Hoch ist bodenlos, doch eingeordnet ins Alphabet. Anita, Beate, Caroline, Doris, Edeltraud, Frauke, Grit – er braucht das Dokument nicht zu öffnen, die Listen der letzten Jahre kennt er auswendig. Wenn Kerstin durchgesessen ist, wird er auch sie in die Excel-Tabelle eintragen, sie dort in eine schmale Zeile bannen.
Das Streifenmuster an der Wand verblasst. Die Sonne wandert weiter, die Dunkelheit im Zimmer nimmt zu.
Gewonnen ist damit nichts.
Der wolkenlose Himmel der Nacht macht es nicht besser. Aus dunklem Hinterhalt wird der Nachthimmel versuchen, ihm jeden Boden unter den Füssen wegzuziehen. Er muss vorbereitet sein. Rasch ins Bad, dann mit der Bleidecke und einer Dose Mais zurück unter den Tisch.
Heltraud, Ingeborg, Julia, Kunigunde, Lena, Mareike.
Kerstin. Er wird Kerstin durchstehen. Sie und ihr offener Himmel werden ihn nicht zu Fall bringen. Er kennt ihren Namen. „NAME YOUR ANXIETY.“ Kerstin. Sie wird in der Tabelle landen. Es wird leichtere Zeiten geben.
Es wird Tiefdrucksysteme geben.
Und gelegentlich ein Bodenhoch.
Ein Bodenhoch birgt nicht die Gefahr eines ausgewachsenen Hochs, einer Kerstin. Ein Bodenhoch ist ein Hoch, das nicht jeden Boden entzieht. Das einem nicht den ganzen Boden entreisst. Ein Bodenhoch ist ein gemässigtes Hoch.
Nina, Oldenburgia, Petra, Rita, Sieglinde.
Wenn Kerstin überstanden ist, wird er sich in der nächsten Tiefdruckrinne erholen. Er wird rausgehen, spazieren und ein Bodenhoch abwarten. Er wird versuchen, im Bodenhoch draussen zu bleiben. Oder eben im Zimmer. Aber wenigstens nicht unter dem Tisch. Ein Bodenhoch ist für ihn ein ideales Übungsfeld.
Kerstin steht unter Hochdruck. Bodenlos ist ihr Zerren.
Er liegt unter dem Tisch.
Er zieht die Bleidecke hoch.

Edith Gartmann, geboren 1967, wuchs im Safiental, Graubünden auf. Ausbildung am Kindergarten-Seminar Chur, anschliessend Lehr- und Wanderjahre in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und England. Später besuchte sie die neueKUNSTschule Basel im Fach Malerei und absolvierte den Literaturlehrgang an der SAL Zürich. Edith Gartmann lebt und arbeitet in Basel. «Schongebiet» (2022 bei der edition bücherlese) ist ihr Roman-Debüt.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese

Ein leises Meisterwerk. Keine lauten Töne, kein Drama. Selbst die menschlichen Abgründe bleiben verborgen. Zwei Menschen, die sich eigentlich in nichts zueinander hingezogen fühlen. Wenn da das Leben und Sterben nicht wäre. „Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist eine leise Parabel zu den grossen Fragen der Zeit.

Es scheint eine urmenschliche Wesensart zu sein, die Welt nicht als die nehmen zu wollen, die sie ist. Jedem von uns widerfährt am Schluss des Lebens das gleiche Schicksal. Und doch weigern sich die meisten von uns, das Sterben und den Tod als einen Teil des Lebens zu akzeptieren. Wir leugnen, was unausweichlich kommen wird, leben in einem Zusand permanenter Verdrängung. Dass es Menschen gibt, die selbst dann noch tun, als hätten sie das Leben unter Kontrolle, wenn alle medizinischen Signale Alarm schlagen, ist offensichtlich. Noch so eine menschliche Wesensart; die Vorstellung, es wäre eine Fähigkeit, das eigene Leben zu kontrollieren. Wir hätten alles im Griff. Man müsste es nur anpacken, in die Hand nehmen, agieren, statt bloss immer zu reagieren, wir wären Macher, Vollstrecker einer Absicht, eines Plans.

Sándor wohnt im gleichen Mehrfamilienhaus wie die Erzählerin, auf dem Stockwerk gegenüber. Er ist, oder besser war erfolgreicher Geschäftsmann, viel unterwegs, ein stiller, unauffälliger Nachbar der Erzählerin. So wie meist in den Häusern, in denen man sich nicht kennt, in denen man unter dem gleichen Dach lebt und nichts voneinander weiss. Aber weil Sándor schon lange in dem Haus lebt, er schon lange ihr Nachbar ist, man das eine oder andere in kurzen Gesprächen erfuhr, auch dass er ursprünglich aus Ungarn stammt und sie irgendwann Zeugin wird, wie die Frau, die bei ihm lebte mit einem Koffer das Weite suchte, weil es um den Mann ganz offensichtlich gesundheitlich nicht zum besten stehen schien, beginnt zwischen den so unterschiedlichen Nachbarn eine distanzierte Annäherung.

Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese, 2026, aus dem Französischen von Walter Pfäffli, 182 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03981-026-0

Man sucht sich seine Nachbarn nicht aus. Man könnte sich ganz und gar in Ruhe lassen. Was man in der Regel doch auch will. Aber Sándor verwickelt die Erzählerin immer mehr in Gespräche. Nicht nur das. Er wickelt sie in ihr Leben. Ein Leben, das ganz anderen Gesetzen zu folgen scheint, aber nichts desto trotz damit rechnet, dass man auf nachbarschaftliche Hilfe zählen kann. Erst während der Reisen, die der Geschäftsmann immer wieder für Wochen unternimmt, später für die vielen Krankenhausaufenthalte, die dem Mann ans Lebendige gehen, ohne dass er die Tragweite seiner Krankheit anerkennen wollte.

Sie sieht seinen Niedergang, seine fortschreitende Krankheit. Er tut alles, um möglichst lange sein Leben wie das alte aussehen zu lassen. Er verweigert sich ebenso wie er die Hilfe seiner Nachbarin als Selbstverständlichkeit nimmt. Erschwerend noch die Einschränkungen der Pandemie, die Sándor tunlichst als vorübergehende Verdüsterung nimmt, während seine Nachbarin die Katastrophe nicht nur in der Pandemie sieht.

„Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist wie ein Kammerspiel inszeniert. Sie leben auf dem gleichen Stockwerk in zwei komplett verschiedenen Welten. Nähe ist keine Masseinheit, die sich an messbaren Parameter hält. Wir alle kennen Menschen, die nicht wie wir zu ticken scheinen, deren Interpretationen des Seins sich stets diametral von den unseren unterscheiden, für die ganz andere Regeln und Massstäbe zu gelten scheinen. Catherine Lovey, die mit der französischen Originalausgabe „Histoire de l’homme qui ne voulait pas mourir“ 2025 den Schweizer Literaturpreis erhielt, erzählt unspektakulär und minimal emotional von zwei Polen menschlicher Existenz – und davon, dass es Umstände gibt, die selbst Gegensätze aller Physik zum Trotz zur Annäherung führen können. Catherine Lovey schildert präzise, ohne emotional aufladen zu müssen.

In 45 Bildern wird eine Szenerie, werden Versatzstücke menschlichen Lebens geschildert, die sich im Kleinen mit den ganz grossen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Catherine Lovey verzichtet auf alles, was dramatisieren könnte, bleibt so in erstaunlicher Nähe zur Wahrhafigkeit. 

Catherine Lovey tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf, ebenso am 1. Juli in der Kantonsbibliothek Thurgau.

Catherine Lovey, 1967 in eine Bergbauernfamilie imVal d’Entremont im Wallis geboren, lebt heute im KantonWaadt. Sie studierte zunächst Internationale Beziehungenund anschließend Kriminologie und arbeitete als Journalistin für Printmedien mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Finanzen. Ihren ersten Roman «L’Homme interdit» veröffentlichte sie 2005 im Verlag edition Zoé. Es folgten vier weitere Romane, literarische Reportagen, Essais und Theaterstücke. In deutscher Übersetzung liegt nun ihr jüngstes Werk vor: «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», das mit mehreren renommierten Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. dem Schweizer Literaturpreis 2025

Walter Pfäffli, geboren 1961 in Kriens, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literatur. Eine Ausbildung in Information und Dokumentation führte ihn an die Schweizer Nationalbibliothek in Bern, wo er seine Leidenschaft für literarische Übersetzungen entdeckte.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese

Leonor Gnos Gedichte erzählen glasklar und unverschlüsselt. Hinge ihre Kunst wie Bilder an Wänden, wäre sie gegenständlich, aber unmissverständlich vieldeutig. Da schreibt und dichtet eine Frau mit dem Mut einer Unverzagten, mit dem tiefen Bewusstsein, dass ihre Sprache Musik ist.

Ich lernte die fast Neunzigjährige in einem Restaurant in Luzern kennen. Eine kleine Frau mit ausgesuchter Garderobe, keckem, schwarzem Lederhut ohne Krempe, wachen Augen und fein rot nachgezogenen Lippen. So wie ihre Gedichte hat das Wesen dieser Frau nichts Aufdringliches, weder ihre Gedichte noch ihr Tun zwingen etwas auf. Und trotzdem sitzen wir uns nach wenigen Minuten wie alte Bekannte gegenüber. Aber genauso geht es mir mit ihren Gedichten. Da schreibt jemand mit einem Gleichmass an Herz, Seele und Geist. Nichts Verschlüsseltes, nichts Vergeistigtes, nichts Verklausuliertes. Die Vielschichtigkeit ihrer Lyrik liegt offen, so wie die Freundlichkeit und Zugewandtheit der Frau hinter den Gedichten.

 

Die Winde austoben lassen
die abgeflauten Stösse
keinen Schrei mehr übrighaben
erstickendes Heulen Winseln
bis das letzte Wehen flach liegt

die Wörter aufsteigen
in bangen Sätzen
Rückkehr ins Gedicht
als wäre es das erste Mal

 

Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese, 2026, 104 Seiten, CHF ca. 26.00, ISBN 978-3-03981-028-4

Leonor Gnos orientiert sich an der Natur, einem wachen Auge, dem Blick für die Kleinigkeiten, hinter denen sich das Grosse verbirgt. Helle Farben, offenbarende Bilder, klare Konturen, die meinen eigenen Blick schärfen. Leonor Gnos nimmt nicht Stellung, trotzdem sind ihre Gedichte Statements einer Haltung, setzen etwas gegen die Abgründe im Menschlichen, gegen die Verwerfungen der Gegenwart. Ihre Gedichte sind geschmeidig, nie glatt, verraten viel über die Art ihres Schauens, ihren Alltag, ihr Schreiben, das längst zu Atem geworden ist.

 

Wie Formen und Umformen glückt
zeigt mir der Mond in der Nacht
wenn der neue Entwurf gelingt
und ich an nichts zu glauben brauche
mich wie die Sängerin auf die Luft stütze
die den Klangkörper der Wörter trägt

so setze ich Zeilen als schriebe ich
ein Gedicht allen Regeln zum Trotz

 

Der Gedichtband ist in drei Teile unterteilt; Funkensprühen – Lichte Scheitel – Geflüchtete Sonnen. Vom Frühling, vom Erwachen durchs Jahr bis hinein in den Winter, ins Vergehen, ins Sterben. Eingeschlossen die Erfahrungen eines langen Lebens, des Werdens und Vergehens, vom Aufbrechen bis in den Tod. Mag sein, dass Resümieren mitschwingt, der Blick zurück auf ein langes Leben. Aber ohne Groll, dafür mit einer ordentlichen Portion erfrischenden Widerstands.

 

Lange Schatten fliehen
mit der sinkenden Sonne
Goldtöne lösen sich auf im Dämmer

in den Bäumen kauern Gnome
werfen Kastanien und Nüsse

doch ich suche das Licht des Meers
bevor die Sonne verschwindet
und ich mit ihr

***

Der Gedanke bohrt und gräbt
nicht wie der Stein oder der Schatten
er geht einem Ton auf den Grund
einer Stimme in der Nähe
der Kindheit und des Todes

geht dem Gedicht nach
dem Schrei und seinem Schweigen

Foto © Benedikt Troxler
Foto © Benedikt Troxler

Ich liebe Musik, in der Lyrik ist viel Musik, Wörter und Silben folgen einer musikalischen Intention, einem Rhythmus, der den Versen den Zauber des Gedichts geben. Erinnern, Denken, Empfinden, Finden, Erfinden, Verbinden. Leonor Gnos

Leonor Gnos, geboren 1938 in Amsteg, UR, publiziert Lyrik und Prosatexte. Nach einer kaufmännischen Ausbildung lernt sie mehrere europäische Sprachen, verknüpft mit Aufenthalten in England, Italien, Spanien, Griechenland. Sie erwirbt Lehrdiplome und unterrichtet 1988 – 2009 Deutsch in Paris. Im Alter von fünfzig Jahren beginnt sie mit dem literarischen Schreiben und veröffentlicht in den folgenden Jahren zahlreiche Gedichtbände. Seit 2010 lebt sie – die pulsierende Städte liebt – in Marseille. Dort ist sie Mitglied des lyrischen Zirkels «Le Scriptorium».

Beitragsbild © Roberto Conciatori

Rudolf Bussmann „Verheissenes Land“, Plattform Gegenzauber

Begegnung

Eine Ausfallstrasse, lang und gerade
Die ödeste Strasse der Stadt.
Man geht um die Welt, um hier zu landen.
Die Gedanken zurückgefahren, die Antennen
Eingezogen marschiert man ins Ungewisse.
Fehlgeleitet von Neugier hab ich den Stadtkern
Verlassen, um in solche Unlust zu kommen.

Eine Reparaturwerkstatt für Motorräder
Ein Gasflaschendepot, geparkte Autos 
Welkendes Grün vor einem Blumengeschäft.
Nur vom Schicksal Verurteilte gehn hier zu Fuss
Ein in sich gekehrter Alter, ein Halbwüchsiger
Vor sich hinredend mit geballten Fäusten
Eine Frau mit Kinderwagen. Welchen Ort

Hast du gewählt, Kind! Die Frau schaut mich an. 
Sie lächelt, nickt mir über den Kinderwagen zu
Als wär ich ein Freund. Neben den Gasflaschen
Bin ich stehengeblieben. Ein Strahlen ohne Grund
Bevor sie verschwand. Wie war ihr Mund? Trug sie 
Ein Hütchen? Ein Kopftuch? Ich überquere die Strasse
Trete ins Blumengeschäft, frage nach Rosen.

Komme mit einem Strauss aus dem Laden. 
Gehe die Strasse zurück, die ödeste Strasse der Stadt 
Im gleichen Schritt wie zuvor den baumlosen 
Fassaden entlang, Staub an den Schuhen
Im Arm einen Strauss, unterwegs nirgendwohin
Mit einem Strauss Rosen.

 

Auf dem Suk

Zuoberst auf dem Verkaufstisch liegt 
Ein Ballen Stoff, fein anzufassen, ein Gewebe 
Für ein besonderes Kleid, den eine suchende Hand
Unter dem Berg aus Ballen hervorgeholt hat. Ungewiss
Wohin seine Reise geht, wo seine Stücke hingelangen
Weggeschnitten von der grossen Schere

Nach Westen, Süden oder Osten. Vielleicht 
Entscheiden seine Farben, entscheidet seine Struktur
Oder die Macht seiner Muster, zu welchem Fest er
Bestimmt ist, zu Ostern, zu Pessach, zum Ramadan.
Im Gewoge anderer Kleider wird er 
Von den Schultern seiner Trägerin fliessen

Und Worte einer Sprache des Westens, Ostens 
Oder Südens werden über ihn gleiten.
Unentschlossene Hände befühlen den Stoff
Zögern die Freude, ihn zu besitzen
Eine Weile hinaus. Faltenlos liegt er da
Schwer und ungeteilt.

 

Eichung

Unter dieser alten mächtigen Eiche 
Sitze ich. Wie lange schon bin ich da?

Seit ich in der Kinderbibel die Geschichten
Von Abraham und Jakob las

Seit ich diesen Ort
Im Traum gesehen habe

Seit ich am frühen Nachmittag
Hierher gewandert bin

Seit ich die Frage stellte
Noch keine halbe Minute.

Zuvor war Wind, war Stille
Zwischen Blättern ein Himmel

War ein Geruch von Hitze und Harz
War ich ein Tag der keinen Anfang kennt.

 

(aus «Verheissenes Land» Gedichte, edition bücherlese 2024)

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

www.rudolfbussmann.ch

Beitragsbild © Ayse Yavas

Pius Strassmann «Fantast!», edition bücherlese

Pius Strassmann schildert in seinem erzählerischen Debüt die vermeintlich kleine Welt eines Jungen, der bei seiner Grossmutter aufwächst. Einer Frau, die sich ihrer Aufgabe hingibt, den Jungen aber nimmt wie eine permanente Zumutung. Pius Strassmann erzählt von einem Kind, das letztlich allein aufwächst, sich die Welt ganz alleine zusammensetzen muss.

Erinnern sie sich an ihre Grossmütter? Zumindest bei mir war die eine distanziert, fremd, schon ihre Brille ein Statment „Komm mir nicht zu nahe“. Und jene müttelicherseits? Dort war ich manchmal in den Ferien, durfte mit dem Fahrrad ihres zweiten Gatten herumfahren, das mir so gross war, dass ich unter der Stange, dem Oberrohr treten musste. Vergnügen gab es nur bei den Nachbarkindern, wo ich ganze Nachmittage Monopoly spielte. War ich bei Grossmutter, musste ich im Garten helfen, Bohnen zum Dörren auffädeln. Mir wurden keine Geschichten erzählt. Radio und Fernsehen blieben stumm. Gegessen wurde in der Küche mit Wachstischtuch und die einzigen Bücher, die ich mir mit sauberen Händen ansehen durfte, waren Mondo- und Silvabücher. Aber wehe, wenn eines der eingeklebten Bilder herausfiel oder beim Blättern geknickt wurde.

Es waren die Grossmütter, die ihr ganzes Leben gearbeitet hatten, vielleicht sogar geschuftet. Es waren die Grossmütter, die ein Leben lang sparten und sich kaum etwas gönnten, ausser die Genugtuung eines wachsenden Kontos. Leben war Arbeit. Und warum sollten es die Kinder anders haben?

Pius Strassmann «Fantast!», edition bücherlese, 2025, 160 Seiten, CHF ca. 28.00, ISBN 978-3-03981-020-8

Pius Strassmann lässt mich im Dunkeln darüber, warum der Junge, den die Grossmutter nie beim Namen nennt, bloss Kind, nicht bei seinen Eltern aufwächst. Aber dafür wird umso deutlicher, dass der Junge nicht geliebt, sondern bloss geduldet ist. Seine Grossmutter ist Witwe, der Junge ein Anhängsel, das sich gefälligst nach ihren Regeln zu richten hat. Regeln, die nicht ausgesprochen werden, die der Junge erfahren muss. Alles ist in gut und schlecht eingeteilt, das Leben klar gegliedert zwischen hell und dunkel. Selbstverständlich lauert hinter allem Dunkeln und Schlechten der Mahnfinger der Religion. 

Heute verkörpern Grossmütter und Grossväter ein ganz anderes Bild. Sie kümmern sich liebevoll um ihre Enkel, opfern bereitwillig ihre eben erst gewonnene Freizeit, bereiten ein kleines Paradies, wenn die kleinen Racker sie besuchen oder ein paar Tage in die Ferien kommen. Der Grossvater verzieht sich in den Nächten ins Gästezimmer, weil die Enkel Rundumbetreuung brauchen. Und tagsüber schenkt man ihnen voller Freude die ganze Aufmerksamkeit, erzählt Geschichten, liegt auf dem Boden und spielt mit, schiebt das Rad die Strasse hoch, geht Eis oder Pommes essen oder bastelt mit so viel Eifer, dass sich das Wohnzimmer in ein Atelier verwandelt.

In „Fantast!“ ist nichts so, wie es heute sein würde. „Fantast!“ ist Grossmutters Ausruf, wenn sich der Junge traut, wenn er seiner Grossmutter etwas davon zeigt, was in seinem Innern zu Wirklichkeit wird, zur zusammengeschusterten Realität, weil sich die Grossmutter weigert, ihm jene Fragen zu beantworten, die das Leben stellt. 

Zum Glück gibt es in dieser kleinen begrenzten Welt einen Dachboden, den die Grossmutter nicht mehr betritt. Ein verwinkelter, mehrräumiger Kosmos, der den Jungen mit seinen Gegenständen und Geschichten wegträgt. Dort oben, wo auch Bücher und alte Illustrierte liegen, offenbart sich das Tor zur Welt, auch wenn er sich die Erklärungen selbst geben muss. Eigentlich möchte er die Zeichen auf Papier gerne lernen. Aber seine Grossmutter vertröstet ihn auf später, weil sie ahnt, dass sie damit ein Fass aufmacht, das sie nicht mehr schliessen kann.

Sei es in dem kleinen Haus mit Sonntagsstube, Glasvitrinen mit Büchern, die man nicht in die Hand nehmen darf. Sei es der Keller, wo sinnbildlich für alle Gefahren, die bei unerlaubtem Betreten lauern, eine offene Wäscheschleuder steht, nur eine der vielen Gefahren. Sei es der Garten, der nur der Arbeit dient und selbst die Brombeeren nicht zum Naschen, sondern für Konfitüre am Strauch wachsen. Sei es der Zaun im Wald, hinter dem der Bär lauert. Sei es der Fernseher, wo allabendlich ein Mann mit Kravatte die Nachrichten liest. Wenn Grossmutter am Mittag um Punkt halb eins die Nachrichten hört und nach einem hastig verzehrten Mittagessen regelmässig auf den Chaiselongue einschläft. Wir begleiten den Jungen, der die Welt in kleinen Bissen verdaut, sich auf das meiste selbst einen Reim machen muss, tunlichst vermeidend, die Grossmutter in ihrem Alltagstrott zu stören. Eine kleine Welt, eine beklemmende Welt. Als wäre der kleine Junge ein Tier, das in seinem engen Käfig gar nicht weiss, wie die Welt draussen aussieht.

Auch wenn „Roman“ auf dem Buchdeckel steht; „Fantast!“ ist ein Stück Geschichte. Als wäre sie Lichtjahre entfernt.

Pius Strassmann, geboren 1963, lebt und arbeitet als Musiker und freier Autor in Luzern und im Emmental. Nach Berufstätigkeiten als Primarlehrer, Musiker, Musik-Kinesiologe und Lehrtätigkeit an Musikschulen und Musikhochschulen widmet sich Pius Strassmann heute ausschliesslich dem Schreiben und seinen musikalischen Interessen als Blockflötist. Seit 1994 Veröffentlichung mehrerer Lyrikbände, zuletzt «blauklang» und «erinnerungsleicht», beide bei edition bücherlese.

Beitragsbild © Lydia Segginger

Hauslesung mit Rudolf Bussmann in Kriens LU

Rund zwei Dutzend Literaturbegeisterte lauschten in einem ganz dem Buch ausgerichteten Wohnzimmer hoch über dem Vierwaldstättersee. Rudolf Bussmann las und diskutierte zu «Der Flötenspieler», einem Roman, der seit seiner Veröffentlichung 1991 nicht gealtert ist und nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Rudolf Bussmann sieht man seine beinahe acht Jahrzehnte nicht an, weder von aussen, noch von innen. In seinem Gesicht immer noch dieser neugierige Blick, in seinem Wesen die unbedingte Herzlichkeit, in seinem Tun die Leidenschaft und in seinem Schreiben der ungestillte Wille, der Spur zum Mark des Lebens zu folgen. Ob als Romancier mit Prosa aller Couleur, ob als Lyriker, Übersetzer oder Herausgeber in der Vielfalt seines künstlerischen Ausdrucks oder in seiner Kompetenz als Literaturvermittler, als Leiter von Lesezirkeln, als Schreibbegleiter, Moderator oder als Mitinitiant der Basler Lyriktage – Rudolf Bussmann ist durchdrungen von seinem Tun und nichts vom einsam vor sich hinbrütenden Kopffüssler.

1987, vier Jahr vor Erscheinen seines ersten grossen Romans „Der Flötenspieler“, mit 40 traute er sich in die Existenz eines „freien Schriftstellers“ und in den fast vier Jahrzehnten danach sind Romane, Gedichtbände, Kurzprosa und Essays erschienen. Kein Vielschreiber, aber einer, der sich in Tiefen schreibt, der wenig interessiert am reinen Geschichtenerzählen ist, dessen Texte, ob Prosa oder Gedicht, zum Mitdenken, zum Nachdenken zwingen. Texte, die genau jene literarische Sorgfalt zeigen, die auch seine Person auszeichnen. Weil er einer ist, der schauen, zuhören, verzahnen und nachdenken kann und dies ohne Aufhebens tut, sind auch seine Texte Einladungen zum Schauen, Zuhören, Verzahnen und Nachdenken. Und sein Romandebüt „Der Flötenspieler“, 1991 bei Luchterhand, einem der renomiertesten Literaturverlage erschienen, programmatisch für Rudolf Bussmanns Schreiben – und ein Paukenschlag dazu.

Um lieben zu können, muss man eine Zukunft vor sich haben.

2022, zu Rudolf Bussmanns 75. Geburtstag hatte Judith Kaufmann, Verlegerin, den Mut, diesen wundervoll verschlungenen, kostbaren Roman in ihrem Verlag edition bücherlese, neu herauszugeben.

Nur im Abserbeln ist noch der Stachel des Neuen.

Thomas Waller steckt in einer Krise. Seit sein Arbeitgeber, die Perduta-Versicherung (italienisch, Partizip Perfekt von «perdere» (verlieren) und bedeutet „verloren“) in einen neuen Glaspalast umgezogen ist, ins Limbus-Haus, einen Palast der Rationalisierung und Effizienz, minotaurisch verwinkelt, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Auch seine Ehe kriselt. Nicht nur, weil Hilde mit einem Mal Mathilde genannt werden will und mitten in einer Metamorphose mit ungewissem Ausgang steckt, sich jener Hilde, die er vor 10 Jahren geheiratet hatte, immer mehr entfremdet. Waller sieht sich nicht nur in seiner Arbeit, auch in seiner Ehe und dem Geschehen in der Welt als Bedrängter und Bedrohter. Nicht nur das Klima bei der Arbeit und in seiner kinderlosen Ehe ist vergiftet. Der Reaktor in Tschernobyl ist explodiert. Eine neue Zeitrechnung beginnt. Waller haut ab, in die Abgeschiedenheit des Juras, in ein Hotel, das eigentlich geschlossen hat, mit wenig Gepäck, ein paar leeren Heften und seiner Flöte. Aber das Leben holt ihn auch dort wieder ein, das Gift, das ihn zu zersetzen droht, die Abgründe, denen er entfliehen wollte. „Der Flötenspieler“ ist ein Roman von kafkaesker Kraft, ein Roman wie das Labyrinth des Minotaurus, ein Roman, der auch 40 Jahre nach seinem Ersterscheinen nichts an Aktualität verloren hat.

Das Gespräch so spannend zu halten, dass der Winternebel seine Nase dicht an die Fensterscheiben drückte, um etwas davon mitzubekommen. Rudolf Bussmann

Grosser Dank an das Veranstalterpaar Monika und Urs! Ein Genuss!

Rudolf Bussmann «Der Flötenspieler», Luchterhand/edition bücherlese, 1991/2022, 288 Seiten, CHF neu ca. 29.00, ISBN 978-3-906907-57-4

Rezension von «Der Flötenspieler» auf literaturblatt.ch

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

Gina Bucher «Schattengänger», Edition Bücherlese

Jo Graber ist ein stiller Mann, unauffällig. Niemand im Quartier weiss mehr als das, was Gerüchte und Vermutungen in die Welt setzen. Auch bei der Arbeit bleibt er ein Geist. Bis er mit einem Mal verschwindet und man sich fragen muss, was geschehen ist. Gina Buchers literarisches Debüt ist ein Roman über Einsamkeit und die Macht des Gerüchts.

Schon eigenartig. Da schreibt jemand ein Buch, in dem die Hauptperson von einem Nachbarn in der Siedlung „Schattengänger“ genannt wird und auch genau das im Roman selbst bleibt; ein Schattengänger. Man sieht von ihm nur die Kontur eines Schattens. Jo Graber, Einzelgänger in einem Wohnquartier mit tausend Augen, Angestellter im Bauamt der Stadtverwaltung, Abteilung Aufzugsanlagen. So unkonventionell die Erzählperspektive, so eindringlich die Stimmen, die fast alle aus ihrer eigenen Isolation erzählen. Ein Roman über die Gegenwart, über Grenzüberschreitungen, Dichtestress, Gerüchte, Fehlinterpretationen, Distanz und Ängste. Und ein Roman über das Scheitern.

Noch eine Spezialität dieses Romans ist die Erzählstrategie. Wenn sich in vielen Romanen nach und nach die Schichten einer Zwiebel lösen bis man auf den Kern gelangt, fügt sich bei diesem Roman Schicht an Schicht. Auch wenn die Zwiebel dann nicht mehr geschlossen ist, sondern offen wie eine Rose. Es dauerte, bis ich mich bei der Lektüre traute, fixe Rückschlüsse aufs Ganze zu ziehen. Gina Buchers Erzählweise provoziert meine eigenen Spekulationen, genau das, was mit den Stimmen im Buch passiert.

„Schattengänger“ ist nicht nur der Titel, sondern Programm des Romans. Wer das Buch nach der Lektüre zur Seite legt, weiss nur wenig über jenen Jo Graber, über den ein ganzes Quartier und ich als Leser spekuliere. Genau das, was in Wirklichkeit passiert. Was wissen wir von den Menschen, die uns umgeben? Was wissen wir von unseren Nächsten?

Gina Bucher «Schattengänger», edition bücherlese, 2025, 200 Seiten, CHF ca. 29.00, ISBN 978-3-03981-011-6

Fast ein Dutzend Stimmen erzählen; Aurel, ein etwa zehnjähriger Junge aus der Nachbarschaft, ein kindlicher Forscher und genauer Beobachter. Kris, der Nachbar, der „Verpuppte“, der Jo Graber den Schattengänger nennt, traumatisiert von seiner Familie, Kiffer, arbeitsunfähig, permatherapiert. Esmé, eigentlich Frau Kordik, Jo Grabers Ärztin, ängstlich, auch sie in gewisser Weise traumatisiert. Remigio, ein älterer Nachbar aus der Siedlung, verheiratet mit Marta, mit der Angst vor drohender Demenz seiner Frau. Renée, Grabers Chefin im Büro, durchdrungen vom Wunsch, eine gute Chefin zu sein, dauernd im Ungewissen über Nähe und Distanz. Tom, sein ahnungsloser Arbeitskollege, der mit ihm ein Büro teilt. Dennis, der ausländische Pfleger im Altenheim von Jo Grabers Mutter, der ihn bei Besuchen schätzen lernt und ihn fast zärtlich Herr Jo nennt… 

Fast alle Erzählstimmen hätten das Zeug für einen eigenen Roman. Aber es wurde ein Spiegelroman. Die Geschichten der Erzählstimmen spiegeln sich im Erzählen über diesen geheimnisvollen Jo Graber. Und die Interprationen der Erzählstimmen verraten viel über die Erzählstimmen selbst.

Jo Graber ist ein Geist. So wie viele, denen es nicht darum geht, eine möglichst breite Schneise der Publizität hinter sich herzuziehen. Irgendwo im Buch steht die Wendung „das Recht auf Verschwinden“. Wie viel Gewicht legen wir auf die Präsentation dessen, was das Bild von uns sein soll? Gibt es die Freiheit, sich zu verweigern, gibt es sie vor seiner Familie, seiner Umgebung, bei der Arbeit, vor dem Staat, der Polizei?

Wir machen uns ein Bild des anderen. Wie sehr dieses Bild immer wieder durchbrochen wird, erfahren wir immer wieder, wie sehr wir uns irren, verspekulieren. Genau dort steckt eine ordentliche Portion Gesellschaftskritik in diesem Roman.

Lesung von Gina Bucher in der Stadtbibliothek Luzern vom 27. Mai © Theres Roth-Hunkeler

Gina Bucher, geboren 1978, aufgewachsen in Luzern, ist Autorin, freie Journalistin und Dozentin. In Zürich und Hamburg studierte sie Filmwissenschaften, Publizistik und Kunstgeschichte. Heute lebt Gina Bucher mit
ihrer Familie in Zürich und schreibt Kolumnen und erzählende Sachbücher. Zuletzt erschienen Geschichten über das Scheitern: «Der Fehler, der mein Leben veränderte» (2018) und Geschichten über die Liebe: «Ich trug das grüne Kleid, der
Rest war Schicksal» (2016). Als Herausgeberin verantwortete sie verschiedene Bücher im Kunstbereich. Seit 2021 arbeitet Gina Bucher auch als Dozentin an der F+F Kunst- und Designschule, Zürich, und seit 2017 als Schreibtrainerin am Jungen Literaturlabor JULL in Zürich.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Lucas Ziegler.

Shukri Al Rayyan «Nacht in Damaskus», edition bücherlese

Baschar al-Assad ist gestürzt und nach Moskau geflohen. In Syrien jubeln die Menschen und hoffen auf ein Leben in Freiheit. Die ganze Welt sorgt sich: Ist die Nacht in Damaskus vorbei? «Nacht in Damaskus» von Shukri Al Rayyan ist ein Buch, das nachdenklich stimmt und aufwühlt.

Gastbeitrag von Urs Abt

Durch die aktuellen Ereignisse wird dieser Roman hochaktuell, indem er einzigartig aufzeigt, welches Schreckensregime in Damaskus herrschte und nun hoffentlich zu Ende geht. Es ist keine demokratische, sondern eine militärische Revolution mit ungewisser Zukunft, bisher aber ohne grosses Blutvergiessen. Mit diesem Buch fühle ich mich mitten im Geschehen, fiebere mit und stelle mir vor, was diese Ereignisse für die verschiedenen Protagonisten des Buches bedeuten.

Manuskriptbeginn

«Nacht in Damaskus» ist ein Buch ohne Orient-Romantik, sondern voll bitterer Realität. Auf den verschlungenen Wegen des Romans begegnen wir bei jeder neuen Wendung dem wahren Schuldigen, den Verhältnissen, die das tyrannische Regime der Assad-Familie zu verantworten hat, in dem Syrer entweder zu Kriminellen oder zu Opfern gemacht wurden. (aus dem Vorwort des Autors)

Shukri Al Rayyan «Nacht in Damaskus», edition büchlerlese, aus dem Arabischen von Kerstin Wilsch, 2024, 200 Seiten, CHF ca. 29.00, ISBN 978-3-906907-91-8

Der 2014 aus Syrien in die Schweiz geflohene Schriftsteller Shukri Al Rayyan bringt uns die beklemmende Atmosphäre in Damaskus im Jahr 2011 anschaulich und vielschichtig näher. Die Geschichte des jungen Ingenieurs Dschawad und der schönen, ambitionierten Lamis wird mit vielen Nebenfiguren bereichert. Als roter Faden steht ein Geld-Diebstahl von Dschawad im Zentrum. Zufällig findet er den unbeliebten Chef in seinem Büro tot auf, daneben ein Sack mit einem Haufen Geldnoten, den er zu sich nimmt. Bald verschwindet aber das Geldpacket. Die Beziehung des frisch verliebten Paars Dschawad und Lamis wird auf die Probe gestellt, die Beamten von Polizei und Geheimdienst versuchen ihrerseits ihr Glück, ans Geld heranzukommen.

Ist es ein Liebesroman? Ist es ein Krimi? Wer ist Opfer, wer Täter? Der Autor macht es mir nicht leicht. Es ist schwierig, sich mit einem Helden, einer Heldin zu identifizieren. Die Hauptrolle spiegeln die Verhältnisse, da auch die Liebe zwischen Dschawad und Lamis (er Sunnit, sie Alawitin) durch Misstrauen und Hass gefährdet ist und erst durch eine Flucht etwas Hoffnung aufkommt. Das Klima der Angst und Verunsicherung beherrscht sowohl Opfer wie auch Polizei und Geheimdienst.

Die politischen Ereignisse von 2011 mit der blutigen Niederschlagung des «Arabischen Frühlings» durch Truppen des Diktators verursacht Angst und Schrecken. Aufmüpfige werden gnadenlos gefoltert und ins Gefängnis geworfen. Jedermann ist sich selbst der Nächste. Die multiethnische Bevölkerung ist gespalten. Angst und Misstrauen beherrscht die Bevölkerung. Die Minderheit der Alawiten (wie Assad) besetzen die Ämter der Regierung, die Mehrheit der Bevölkerung sind Sunniten. Politische und religiöse Unterschiede bestimmen entscheidend das Leben der Menschen in Syrien.

Das Leben ist sehr grosszügig und verteilt immer wieder neue Chancen. Das Problem liegt allerdings bei jenen, denen sie geboten werden. Erkennen sie die Chance? Oder meinen sie, es handle sich lediglich um den Versuch, einem toten Körper Leben einzuhauchen?

Die gesamte Welt hat in den letzten Jahren in Syrien den Einsturz ganzer Gebäude, Viertel und Städte miterlebt. Dabei war dies bloss die skandalöse Offenbarung dessen, was bereits seit Jahrzehnten im Verborgenen geschah. Innerhalb kürzester Zeit hatte in den 1980er-Jahren ein Niedergang eingesetzt, ein lautloser unsichtbarer Horror. Nicht auf die Gebäude hatte man es abgesehen, nicht auf Steine, sondern auf die Menschen. Niemand weiss, welcher Groll und welcher Hass einen einzigen Mann dazu brachten, ein Land mit einer mehrere Tausend Jahre alten Kultur innerhalb weniger Jahrzehnte so zuzurichten.

Es gibt vielerlei Arten von Bestien. Nach landläufiger Meinung sind Bestien gross und hässlich, geben ein donnerndes Gebrüll von sich und stinken. Doch das ist eine voreilige Meinung. Man erkennt Bestien nämlich weniger an ihrer Grösse als vielmehr an ihren Handlungen. Genau genommen muss man sich nur ansehen, wie gross der Schaden ist, den sie jemandem zufügen.

Hoffentlich gelingt Syrien der schwierige Weg in die Freiheit. Die Lektüre dieses Buches ist sehr empfehlenswert und ich wünsche mir weitere Übersetzungen ins Deutsche von Shukri Rayyan.

Shukri Al Rayyan, 1962 in Damaskus geboren, verbrachte den längsten Teil seines Lebens unter der Herrschaft der Assad-Dynastie, was vor allem bedeutete: Zu überleben. Nach einem Maschinenbaustudium an der Universität Damaskus arbeitete er für verschiedene Verlage, als Autor und Drehbuchautor für Kinderbücher und Fernsehprogramme und schließlich als TV-Produzent. Shukri Al Rayyan floh 2014 mit seiner Familie aus Syrien in die Schweiz. Im Gepäck hatte er den Entwurf zu einem Roman, an dem er seit dem Ausbruch der syrischen Revolution im Jahr 2011 arbeitete. «Nacht in Damaskus» ist das erste ins Deutsche übertragene Werk des Autors, der auch unter weiterschreibenschweiz.jetzt, dem Portal für Exil-Autorinnen, publiziert. Heute lebt Shukri al Rayyan mit seiner Familie in Burgdorf bei Bern.

Kerstin Wilsch hat Übersetzen und Dolmetschen für Arabisch und Englisch in Leipzig und Deutsch als Fremdsprache in Berlin studiert. Sie lebt seit vielen Jahren im Ausland (UK, Marokko, Ägypten, Jordanien), wo sie u.a. zwei Übersetzerstudiengänge aufgebaut sowie Deutsch und Arabisch als Fremdsprachen unterrichtet hat. Zurzeit leitet sie ein Auslandsstudienprogramm für Studierende aus den USA in Amman/ Jordanien und ist zudem als Übersetzerin und Übersetzungslektorin für arabische Literatur tätig.

Foto © Ayse Yavas

André David Winter «Die Kunst, eine schwarze Katze», Edition Bücherlese

Wann ist Kunst Kunst? Kann ich es oder renne ich nur einem Traum, einer Vorstellung hinterher? Was geschieht mit einem Leben, das weder Tritt noch Richtung findet? André David Winter setzt sich in seinem neuen Roman „Die Kunst, eine schwarze Katze“ mit einem Leben auseinander, das nach Klärung sucht, mitten in Zwängen des Gegenwärtigen.

Anina ist jung und ihr zuhause so gar nicht das, was man sich unter einem warmen Nest vorstellt. Vater und Mutter zerfleischen sich gegenseitig, eine Zerrissenheit, die sich tief in das Mädchen und die junge Frau hineinfrisst. Anina spürt, dass sie etwas finden will und muss, das sie zu sich selbst zurückführt. Aber auch ihre Karriere als Schülerin verläuft alles andere als problemlos, sodass ihr Papa immer und immer wieder der wird, der ihr aus der Verzweiflung darüber hilft, dass das Begonnene nicht dem Gewünschten entspricht.

Anina spürt schon als junges Mädchen, dass ihr das Zeichnen etwas schenkt, was sich mit keinem anderen Tun vergleichen lässt. Durch das Zeichnen erfährt sie eine Welt, die sich ihr auftut und sich nicht wie ihr Elternhaus mehr und mehr verschliesst. Sie bittet ihren Vater um die Finanzierung eines Kunststudiums in Paris, an der École Nationale Supérieure des Beaus-Art, schafft es durch die Prüfungen und landet in der Klasse eines ebenso angesehenen wie angefeindeten Professors, der es versteht, ihr eine Art des Sehens zu vermitteln, die Anina immer mehr hoffen lässt, dereinst aus ihrem Talent einen Beruf zu machen. Aber ausgerechnet jener Professor entpuppt sich als Fälscher, fällt in Ungnade und reisst die junge Studentin in eine tiefe Krise. Die Rückkehr von Paris nach Zürich ist verschüttet, genauso das, was in der Fremde ganz zaghaft zu erblühen begann.

„Schwer zu fangen diese Katze, und doch versuchen wir es, manchmal ein Leben lang. Ich mit Büchern und Sie mit Malen.“

André David Winter «Die Kunst, eine schwarze Katze», Edition Bücherlese, 2024, 192 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-906907-96-3

Anina nimmt ihr Leben im permanten Zweifel wieder auf, erst recht als sie ihren Jugendfreund heiratet, schwanger wird und sich in einem Leben der Kompromisse einfügt. André David Winter zeichnet eine Frau, die erst mit der Loslösung von ihrem Mann, mit der unfreiwilligen Distanz zu ihrer pubertierenden Tochter und einem erneuten Aufbruch in die Fremde, das wieder zurückerobert, was ihr Mutlosigkeit, Frustration und Ernüchterung genommen hatten. Er zeichnet den Kampf all jener, die genau spüren, dass ihnen etwas geschenkt wäre, was sich nur durch grössten Zweifel und innere Zerrissenheit an die Oberfläche wagt. Eine junge Frau, die nicht weiss, ob das, was sie tut, „nur“ Leidenschaft oder wirklich Kunst ist.

Anina trifft jene Freundin wieder, mit der sie vor Jahren in Paris an eine Zukunft als Künsterin zu träumen wagte. Eine junge Frau wie sie, die aber mit Mann und Familie schafft, was ihr verwehrt blieb, nicht nur eine eigene Handschrift, ein Leben als Künstlerin, sondern das Selbstbewusstsein, eine Künstlerin zu sein, erst recht mit einer Familie. Anina spürt, dass sie einen Kampf aufnehmen muss, nicht nur gegen die eigene Mutlosigkeit, auch gegen Dämonen aus ihrer Vergangenheit, ihre Verletzungen, ihre tiefe Angst vor Verlust. Was zaghaft aufzubrechen beginnt, wird mehr und mehr zu einer Gewissheit.

„Während sie redete, gingen ihr Bilder der letzten Stunden durch den Kopf, und plötzlich wusste sie, dass sie und was sie malen wollte. Malen musste. Das, was niemand sieht.“

André David Winter setzt sich in seinem kunstvoll konstruierten Roman auch mit der Frage auseinander, was Kunst sein muss und soll. Welchen Formen des Sehens und Spürens man folgen muss, dass aus reiner Produktion Kunst wird. Er schickt eine junge Frau auf eine Entdeckungsreise, zurück in die Vergangenheit, hinein in ihr eigenes Leben, zurück auf die für die Kunst existenziellen Fragen, wo Geschaffenes ein Eigenleben bekommt, nicht bloss Abgebildetes ist.

André David Winter leuchtet in die Tiefen einer zerrissenen Seele und offenbart, was in seiner eigenen immer und immer wieder auflodert.

André David Winter, geboren 1962 in der Schweiz, verbrachte die ersten acht Lebensjahre in Berlin. Nach Stationen auf Bauernhöfen in der Schweiz und in Italien folgten die Ausbildung in der Psychiatrie und die Arbeit als Lehrer für Gesundheits- und Krankenpflege sowie als Gerontologe. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit – der erste Roman erschien 2007 – arbeitet Winter heute als Kursleiter und Erwachsenenbildner im Gesundheitswesen.
Er lebt mit seiner Familie im Kanton Luzern.

Rezension André David Winter «Die Leben des Gaston Chevalier»

Beitragsbild © Ayșe Yavaș

«Es tut mir leid, deine Mutter wurde getötet.» (13) #SchweizerBuchpreis 24/08

Lieber Gallus

Nein, «Favorita» von Michelle Steinbeck habe ich bisher nicht gelesen. Meine jetzige Lektüre ist wahrlich ein Gegenpol: «Mitten im Wind» von Thomas Röthlisberger, der vor zwei Jahren mit «Steine zählen» auch für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde.

«Mitten im Wind» beschäftigt sich mit den gleichen, inzwischen älter gewordenen Akteuren und spielt ebenso in Finnland. Fast alle Protagonisten blicken zurück auf Lebensabschnitte, wo sie Weichen gestellt und mehr oder wenig überlegte Entscheidungen getroffen haben. Oft folgten unerwartete Schwierigkeiten und drohendes Scheitern. In Kapiteln aus wechselnden Perspektiven erfahren wir, wie Matti mit seiner unerfreulichen Situation, da Märta ihn nach vierzig Jahren verlassen hat, umgeht. Oder wie Pekka auf der Suche nach seinem verschollenen leiblichen Vater in die einsame Gegend im Norden Finnlands aufbricht. Hendrik als Polizeibeamter wagt Beziehungen zum illegalen Pelzhandel an der Grenze zu Russland. Der verkiffte Olli erlebt unerwartet Unterstützung aus unbekannter Hand, um sein Leben zu ordnen. Nach und nach werden Zusammenhänge deutlich. Ein einrahmendes und in mehreren kurzen Einwürfen auftauchendes Auftreten einer schwarzen Katze spiegelt das Leben von Matti, seinen Umgang mit Unerwartetem, Ungerechtem und Verletzendem.

In «Mitten im Wind» bleibt vieles offen, in der Schwebe. Mich hat die melancholische, oft an die Musik von Sibelius anklingende Atmosphäre der abgeschiedenen Landstriche, Häuser und Gasthöfe Finnlands berührt, ich habe das Buch gerne gelesen und ich bin den Schicksalen von Matti, Märta, Olli, Pekka und Henrik (um die Wichtigsten zu nennen) mit Interesse gefolgt.

Insgesamt ein ruhiges, durchaus auch spannendes und lesenswertes Buch.

Hast du das Buch auch gelesen?

Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Michelle Steinbeck «Favorita», park x ullstein, 2024, 464 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-98816-000-3

Vielleicht liest Du «Favorita» ja doch noch, auch wenn das Buch nicht bloss unterhalten will. Aber ich weiss, dass Du zu den Feinschmeckern gehörst und dass Du daran interessiert bist, beim Lesen neue Welten aufzutun. Michelle Steinbeck tut genau dies. Und zwar weit über die Themen des Buches hinaus. Schon in ihrem Debüt «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» schaffte sie es, in einem ganz eigenen Ton zu erzählen. Ein Umstand, der ihr viel Respekt schenkte, es wiederum manchen Leser*innen schwer machte, einen Zugang zu ihrem Buch zu finden. Elke Heidenreich meinte damals im SRF-Literaturclub: Wenn das die neue Generation ist, dann Gnade uns Gott – ein Satz, der dem Buch mit Sicherheit nicht geschadet hat und beweist, dass sich selbst eingefleischte Literaturkritiker*innen ins Offsite manövrieren können. Im Zusammenhang mit einer Buchbesprechung zu ihrem Lyrikband «Eingesperrte Vögel singen mehr» schrieb mir Michelle Steinbeck: Michael Fehr hat mir mal doziert, ich solle in der Lyrik dahin, wo es wehtut. Wo es unangenehm wird. Diese Maxime scheint der Autorin auch in ihrem Roman «Favorita» wichtig gewesen zu sein. Literatur, die nur schmeichelt und in einen leicht entrückten Zustand versetzt, interessiert die Autorin nicht.

«Mitten im Wind» von Thomas Röthlisberger ist eines der Bücher, das ich nicht zu Ende las, das ich weglegte. Wenn ich das schreibe, bedeutet das nicht, dass das Buch kein gutes gewesen war. Die Gründe, warum ich ein Buch weglege, sind subjektiv. Ich weiss aus Erfahrung, dass Bücher bei mir manchmal einfach nicht den richtigen Zeitpunkt erwischen. «Favorita» von Michelle Steinbeck ist das beste Beispiel dafür. Erst beim zweiten Versuch waren meine Geschmacksnerven dafür offen. Erst beim zweiten Mal stiess das Buch auf die Resonanz, die es erzeugen will. Das Buch vor «Mitten im Wind» fand ich äusserst beeindruckend. «Steine zählen» war eine Offenbarung, nicht zuletzt, weil da ein Schweizer fast skandinavisch erzählt. Vielleicht hatte meine Leseblockade auch damit zu tun, dass ich Büchern, die Geschichten einfach wieder aufnehmen, die nach Fortsetzung riechen, nicht traue, auch wenn es Schriftsteller*innen gibt, die ihrem Personal ein Leben lang treu bleiben. Wenn Du schreibst, das Buch hätte dich an die Musik von Sibelius, an die Atmosphäre abgeschiedener Landstriche, Häuser und Gasthöfe Finnlands erinnert, dann ist das genau das, was es braucht. Resonanzräume in der Leserin, im Leser. Und da wir alle so sehr verschieden sind, ist es auch nicht verwunderlich, dass es im Empfinden der Qualitäten eines Buches keine Allgemeingültigkeiten gibt. Ich kenne Menschen, für die ist der Nobelpreisträger Jon Fosse das Mass aller Dinge. Aber ich kenne auch Menschen, die es mehrfach mit Jon Fosse versuchten – und scheiterten. Ich bin kolossal gescheitert an Robert Musils «Der Mann ohne Eigenschaften», würde aber nie und nimmer an den Qualitäten dieses Buches zweifeln.

Liebe Grüsse

Gallus