«Ich war definitiv nicht für den Krieg geboren» – über «Musik für einen Soldaten» von Artem Tschech, Klett-Cotta (33)

Ich war definitiv nicht für den Krieg geboren, ich war als Kirsche auf dem Sahnehäubchen geboren, nicht für das hier. Aber ich wusste es. Ich wusste, verdammt nochmal, dass ich gehen würde. Wir gehen alle.

Lieber Gallus

Philipp Tingler hat im vergangenen Literaturclub dieses aus meiner Sicht hochaktuelle und wichtige Buch vorgestellt. Artem Tschech analysiert ehrlich und schonungslos, was dieser Krieg aus ihm als Soldaten unwiderruflich macht. Das Tragen einer Uniform, die ständige Angst vor dem Tod, das Leben im Schützengraben neben getöteten Mitkämpfern und ein Verlust des Zeitgefühls verändern die Soldaten derart, dass sie auch im Urlaub und ausserhalb der Front definitiv andere Menschen geworden sind.

Einer der Jungs sagte bei seiner Rückkehr aus dem Osten, dass er lieber tot wäre, denn jetzt habe er Angst, weiterzuleben.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil erfahren wir, wie der Autor, der schon einmal ein paar Monate an der Front war und den Krieg hasst, sich doch entscheidet, noch einmal als Soldat an die Front zu gehen und sein Land zu verteidigen. Dort hilft ihm ausgewählte Musik – von Kopfhörern gehört – seiner Angst und der oft öden Langeweile im Schützengraben zu entfliehen. Musik von Chopin und Miles Davis bis zu den Beatles und Edith Piaf, von Mylène Farmer bis zu Blondie bringen menschliche Wärme und etwas Hoffnung in die Todeszone.

Musik macht aus einem Soldaten einen Menschen und pflanzt den wertvollen Wunsch ein zu leben. Sich zu erinnern und zu träumen, zumindest gelegentlich die Kraft zu finden, sich und die Welt zu lieben.

Artem Tschech «Musik für einen Soldaten, Klett-Cotta, 2026, aus dem Ukrainischen von Alexander Kratochvil und Maria Weissenböck, 192 Seiten, ISBN 978-3-608-12643-3

Im zweiten Teil, wo er von Kyjiw an die Ostfront nach Bachmut und Slowjansk verlegt wird, spielt die Musik zunehmend keine Rolle mehr. Eindrücklich wird der durch das Kriegsgeschehen verursachte Prozess der inneren Zerstörung des Menschen geschildert. Menschliche Gefühle, Musikhören oder das Schreiben verblassen, körperliche und seelische Strapazen beherrschen alles. Todesangst überall.

Ich erfuhr, wie eine verbrannte Stadt riecht, wie mehrere Tage alte Leichen riechen und wie schnell man sich an diese Gerüche gewöhnt. Der Tod der anderen ist nicht angsteinflössend, Angst macht das Unwissen, auf welche Weise der Tod dich ereilen wird.

Die inneren Veränderungen der Soldaten im Krieg können nicht, wie die Uniform, zuhause einfach abgelegt werden. Die Begegnung mit Menschen, die nicht an der Front waren, wird zu einer schwierigen Herausforderung. Daran zerbrechen Familien und Freundschaften.
Erschütternde Einblicke in das Innenleben eines Soldaten an der Front!

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Leider habe ich das Buch noch nicht gelesen, aber nach deinem Schreiben auf meine Liste gesetzt. Nur schon deshalb, weil ich nicht die Augen verschliessen will, weil ich nicht wegschauen will, weil die Bilder in den Medien längst nicht mehr reichen, um mir immer und immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, was dort und überall, wo Kriege und Gewaltexzesse wüten, passiert. Weil Literatur für mich die einzige Möglichkeit ist, mir diesen Krieg immer und immer wieder in meine Emotionen zu mischen. Weil ich in meinem Brotberuf zwar immer wieder mit den Schrecken dieses Krieges konfrontiert werde, aber mit einem stummen, unausgesprochenen Schrecken. So wie bei dem Jungen, der seit ein paar Tagen an unserer Schule ist. Obwohl die Flucht seiner Familie aus der Ukraine schon Monate zurückliegt, traut sich der Junge keinen Schritt ohne seine Mutter. Er spricht kaum, macht einen aufgeweckten Eindruck, ist aber heillos eingeschüchtert und verunsichert.

Vor einiger Zeit las ich «Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg» von Serhij Zhadan. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, traf ich mich mit einem Freund, den ich schon fast mein ganzes Leben kenne. Er behauptet allen Ernstes, die Bilder eines angeblichen Krieges in der Ukraine seien Fake, inszeniert, Propaganda. Dass wir in einer Welt leben, in der man das Geschehen von den unmöglichsten Seiten her beurteilen und interpretieren kann, wissen wir spätestens seit selbst amerikanische Präsidenten an alternative Fakten glauben und uns PredigerInnen in den schillerndsten Farben im Netz die Welt erklären.
 Ich traute mich nicht, diesem Freund die Stirn zu bieten. Ich war zu feige und ertrug dessen verquere Sicht der Dinge schlicht nicht. Mir wird nur schon beim Gedanken schlecht, mich seinen Behauptungen stellen zu müssen. Angesichts dessen, was die Betroffenen dieses Krieges selbst zu ertragen haben, eine Peinlichkeit.

Serhij Zhadan «Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg», Suhrkamp, aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr, Juri Durkot und Claudia Dathe, 2022, 239 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-518-43125-2

Serhij Zhadan gehört wie Artem Tschech zu den wichtigsten literarischen Stimmen der Ukraine. Ich erlebte Serhij Zhadan 2015 an mehreren Veranstaltungen am Literaturfestival in Leukerbad. Damals las er aus seinem 2012 auf Deutsch erschienen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“, der zwei Jahre zuvor unter dem Titel „Vorošilovgrad“ in der ukrainischen Stadt Charkiw erschien. Neben Romanen schreibt Serhij Zhadan aber vor allem Lyrik, Lyrik, die sich nicht erst seit dem Einmarsch der Russen in sein Land, politisch gibt. Eine kämpferische Stimme, die sich seit dem Ausbruch des Vernichtungskriegs des einstigen „Brudervolkes“ sehr aktiv in der Unterstützung all jener Kräfte zeigt, die sich gegen die Brutalität der Aggressoren stemmt.

„Himmel über Charkiw“ ist ein Manifest. „Himmel über Charkiw“ sind gesammelte Facebook-Posts von Serhij Zhadan, die er zwischen dem Einmarsch der russischen Truppen und dem ersten Kriegssommer in den Äther schickte. Selbstvergewisserungen, Beschwörungen, Aufrufe, kleine Berichte eines Mannes, der in seiner Stadt geblieben ist. Einer Stadt, die permanent von russischen Geschossen erschüttert und getroffen wird, damals und noch immer. Aus einer Stadt, die für einen Beobachter aus der Ferne längst den Eindruck einer zerstörten Stadt macht. Aus einer Stadt, die sich mit allem gegen den Untergang, gegen die Launen brutalster Willkür stemmt, einer Stadt, die seit dem Einmarsch der Russen in eine Starre verfiel, keiner Starre, die lähmt, aber einer Starre, die kämpferisch, starrsinnig macht.

„Himmel über Charkiw“ will keine «Literatur» sein, sondern Zeugnis. Eine Stimme aus dem Innern des unverschuldeten Höllenfeuers, eine Stimme des Trotzes, eine Stimme, die um keinen Preis dieses eine verlieren will; die Hoffnung, dass dereinst der Krieg vorbeisein wird, dass die Gerechtigkeit siegen wird. Begriffe wie „Sieg“, „Helden“, die der Autor vor dem Einmarsch, selbst nach der Annexion der Krim, nie in den Mund, schon gar nicht ins Netz geschickt hätte. Ein Facebook-Tagebuch des offenen Widerstands.

Ich freue mich auf unseren gemeinsamen Besuch bei «Zürich liest»! 
Liebe Grüsse

Gallus

© Julia Weber

Artem Tschech, geboren 1985 in Tscherkassy, gehört zu den wichtigsten Autoren der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Für sein literarisches Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Gogol-Literaturpreis und dem Joseph-Conrad-Korzeniowski-Literaturpreis. Artem Tschech veröffentlichte bereits mehrere Romane. Für »Nullpunkt« (2017) wurde er auch international gefeiert. 

Alexander Kratochvil ist Literaturübersetzer aus dem Ukrainischen und Tschechischen und Slawist an der LMU München. Unter anderem übersetzte er die Werke von Oksana Sabuschko, Jurij Wynnytschuk, Oleksandr Irwanez, Artem Tschech und Sofia Andruchowytsch, sowie den Klassiker der ukrainischen Moderne, Walerijan Pidmohylnyj. 2024 wurde er mit dem Internationalen Hermann-Hesse Preis ausgezeichnet, zusammen mit Maria Weissenböck und Sofia Andruchowytsch.

Maria Weissenböck, Studium der Sprachwissenschaft und Slawistik in Wien, St. Petersburg und Lwiw. Seit 2004 ist sie freie Übersetzerin aus dem Ukrainischen und Belarussischen, dolmetscht im Kulturbereich und moderiert Lesungen. Sie übersetzte Werke u. a. von Taras Prochasko, Ljubko Deresch, Sofia Andruchowytsch, Lesja Ukrajinka, Artem Tschech und Tanja Maljartschuk ins Deutsche. 2024 wurde er mit dem Internationalen Hermann-Hesse Preis ausgezeichnet, zusammen mit Alexander Kratochvil und Sofia Andruchowytsch.

© Suhrkamp

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für Die Erfindung des Jazz im Donbasswurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«. 2022 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zhadan lebt in Charkiw und ist seit Mai 2024 Soldat.

Sabine Stöhr, 1968 geboren, studierte Slawistik in Mainz und Simferopol. Juri Durkot, 1965 geboren, studierte Germanistik in Lemberg und Wien. Claudia Dathe, geboren 1971, studierte Übersetzungswissenschaft (Schwerpunkt Russisch und Polnisch) am Institut für Angewandte Linguistik und Translatalogie der Universität Leipzig sowie in Pjatigorsk (Russland) und Krakau. Zusammen übersetzen sie seit 2007 das Romanwerk von Serhij Zhadan.

«Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen» – über «Das grosse Eis» von Sonja Sophie Kreis #SchweizerBuchpreis 26/03 (32)

Dieses Eis war anders als das Eis auf dem Gemälde, das Mutter zum Weinen brachte. Es war nicht grau, sondern schwarz, zumindest zu Beginn der Seegfrörne, und brachte den See zum Musizieren.

Lieber Gallus

Als im Januar geborener Mensch liebe ich Schnee, Eis und das Pfeifen der kalten Winde beim Wandern durch die weisse Winterlandschaft. Sogar Skitouren auf Spitzbergen durfte ich einmal geniessen. Überrascht habe ich erfahren, dass eine mir unbekannte Autorin mit «Das grosse Eis» für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde und habe das ansprechend gestaltete Buch gekauft.
Sofort ist spürbar, dass die Autorin auch bildende Künstlerin ist. Dieser Roman lebt von den eindrücklichen Bildern sowohl vom Bodensee als auch vom fernen Grönland, wohin Max, der Bruder der Erzählerin Anna sich abgekapselt hat. Er hat sich seit Kindheit mit Expeditionen in arktische Zonen beschäftigt und konnte stundenlang ein Buch mit Bildern vom Scheitern der «Endurance» im Packeis von 1914 betrachten. Die ganze autofiktive Familiengeschichte über drei Generationen spiegelt sich farbtonreich in Eis, das wunderschön leuchten, aber auch gefährlich schmerzen kann.

In der Bucht von Ilulissat haben sich im Laufe der Nacht Eisplatten unterschiedlichster Grössen gebildet. Das Meer wie die zerrissene Farbschicht eines schlecht gealterten Ölgemäldes. Weit draussen scheint es zu schneien. Weisse Vorhänge wehen dem Festland entgegen.

Die Erzählerin Anna, begibt sich auf der Suche nach ihrem Bruder Alex in die Einsamkeit eines grönländischen Hotels in Ilulissat. Dort, festgehalten in einer stürmischen weissen Landschaft, brechen viele Erinnerungen an ihre Familie auf. Als Fotografin hat sie bewusst ihre Kamera zuhause gelassen und schreibt Notizhefte voll. Was hält eine Familie zusammen? Wie erlebte die deutsche Mutter nach der Heirat mit dem schönen Schweizer Paul den eisigen Empfang am andern Ufer des Bodensees? Was bewirkte der Zweite Welt Krieg in dieser weiten Grenzregion, was die Seegfrörne 1963? Was erlebt Anna auf der Suche nach Alex in Grönland, wohin sie ihm nach dem Tod der Eltern sein geliebtes Gemälde bringen will.

Das Eis brachte etwas in Alex zum Glühen. Irgendwann in jenen Wochen des grossen Eises hatte er beschlossen, alles darüber lesen und wissen zu wollen… Nur Mutters Ängste mochte er nicht, und leider quoll sie davon fast über. Hinter diesen Mauern aus Ängsten, in die sie ihn durch Verbote einsperrte, lag eine unermessliche Weite.

Die Hochzeit der älteren Schwester im Februar in einem schweizerischen Bergdorf fand ohne Alex statt. Anna erzählt uns diese Familiengeschichte in eindrücklichen Mosaiksteinen voll Wunden und Schmerz, aber auch voll Schönheit und Nähe. Dass vieles offen bleibt und die lyrisch, musikalische Sprache machen diesen Roman zu einem bleibenden Leseerlebnis.

Nur der Schneefall war zu hören. Es war dunkel. Es war hell. Ich dachte nichts, rein gar nichts. Ich dachte weder an Moni noch an Alex noch an die Hochzeit. Der Schnee beruhigte und betäubte mich.

Du siehst, ich habe die Lektüre «Das grosse Eis» genossen. Zum Glück ist dieser bildreiche musikalische Roman nominiert worden, sonst hätte ich ihn verpasst. Jedenfalls eine empfehlenswerte Lektüre. Hast du das Buch (aus deiner Region!) schon gelesen?

Herzlich
Bär

Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5

Lieber Bär

Oh ja, eben erst. Und ich bin so überrascht wie du! Ein wunderbarer Roman. Nicht nur, weil ich die Faszination des «ewigen» Eises sehr gut nachvollziehen kann. Obwohl ich in Zukunft nie nach Grönland reisen werde, fasziniert mich die Landschaft, deren Menschen und ihre Geschichte schon lange. Ich erinnere mich an Bücher über Polarexpeditionen, die ich als junger Mann verschlugen hatte, sei es die verrückte Expedition von Ernest Shackleton mit seinem Schiff Endurance. Oder die verschollene Expedition von John Franklin, der sechzig Jahre zuvor mit Schiff und Mannschaft eine Nord-West-Passage suchte – und noch viel mehr der Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» von Sten Nadolny, der über eben diese Expedition einen exzellenten Roman schrieb, ein Buch, das noch immer zu meinen Lieblingsromanen zählt. Und jetzt, wo der dicke, reiche Blonde seinen unverschämten Anspruch auf dieses dünn besiedelte, an Erdöl reiche Eiland für sich beansprucht, erst recht.

Aber da schwingt noch eine weitere Referenz mit; jene mit dem Maler Adolf Dietrich (1877 – 1957), einem stillen Mann, der sein ganzes Leben im kleinen Ort Berlingen am Untersee (Bodensee) verbrachte und erst in seinen letzten Jahren von seiner Malerei, die ihn heute zu einen der Grossen des 20. Jahrhunderts macht, leben konnte. Der unbeirrt malte, was er in seiner unmittelbaren Umgebung, meist in seiner düstern, kleinen Stube an einem kleinen Tisch sitzend. Auch sein Leben ist und war Vorlage für ein wunderbares, lange nachhallendes Buch. Beat Brechbühl veröffentlichte 1999 die Erzählung «Fussreise mit Adolf Dietrich», die 2017 noch einmal beim Bilger Verlag erschien.

Würden meine Augen nichts mehr sehen, ich hätte so viele Dinge im Gedächtnis, ich könnte jahrelang davon leben. Bräuchte nichts Neues zu sehen, könnte da sein und mir meine Fundstücke ansehen, wie Filme oder Fotos. Adolf Dietrich

Ein Buch wie ein langes Gebet, ein Denkmal für den Maler ebenso wie für den Schriftsteller, auch wenn ihn die Gegenwart zu vergessen scheint.

Gibt es etwas grösseres bei der Lektüre, wenn das Gelesene Resonanz erzeugt? Wenn man spürt, dass sich im Hirn Synapsen finden? Und Sonja Sophia Kreis gelingt es auch mit ihrer Sprache, die unaufgeregt und zurückhaltend malt. Ihr geht es um weit mehr, als bloss eine Familiengeschichte zu erzählen. Es sind die Bilder, die sie evoziert. Sonja Sophia Kreis‘ Blick hat etwas Fotographisches – obwohl ihre Bilder nicht bloss abbilden. Es sind ihre Bilder die erst die meinigen auslösen. Es erscheint Verborgenes.

Faszinierend!

Lieber Urs, ich hoffe ich treffe die Autorin einmal. Vielleicht besuchen wir eine Lesung gemeinsam. Gallus und der Bär!

Liebgruss

Sonja Sophie Kreis, geboren 1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach San Francisco, Venedig, Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht, Das große Eis, autobiografisch inspiriert, ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.

Illustration © leafrei.com

«Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe.» – über «Bis die Bären tanzen» von Michael Hungentobler (31)

Einmal nahm Mira sein Gesicht in beide Hände, schaute ihm tief in die Augen und fragte: «Wo bist du Cob?», und er stampfte auf den Boden, fuchtelte mit den Fäusten und stolzierte davon. Ein ganzes Jahr lang bewohnten sie zwar denselben Planwagen und schliefen auf derselben Pritsche, schafften es aber, sich tagsüber aus dem Weg zu gehen.

Lieber Gallus

Beim Lesen dieses Buches eröffnet sich mir ein weltumspannender Kosmos. Michael Hugentobler erzählt bildhaft und farbig die Geschichte einer deutschen Familie, die am Vorabend des zweiten Weltkriegs im Appenzellischen lebt.
Gestern bin ich dem Autor in der Buchhandlung Untertor in Sursee bei einer gut besuchten Lesung begegnet. Glücklicherweise, da ich die Hauslesung mit ihm bei dir in Amriswil Mitte September wegen meiner Arbeit im Hospiz Zentralschweiz nicht besuchen kann. Der sympathische Autor hat sehr persönlich erzählt, wie dieses Buch über mehr als 20 Jahre entstanden ist, wie er langsam in seinem Kopf entstehende Fragmente auf einer grossen Pinwand sammelte und zusammenfügte. Vieles gründet auf direkt Erfahrenem und Erlebtem. Nach 13 Jahren als Weltreisender und der Arbeit als Reporter und Journalist hat Michael Hugentobler in der Schweiz eine Familie gegründet, wurde Vater von zwei schulpflichtigen Buben und setzte seinen Jugendtraum um, Romane zu schreiben.

Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken. Wir schützen uns so, wir können uns selber besser ertragen. Aber wenn es keine Vergangenheit gibt, gibt es auch keine Zukunft, es gibt dann nur das Jetzt.

Das Cover von «Bis die Bären tanzen» zeigt ein altes Familienfoto, das, wie wir auf den ersten Seiten erfahren, zuoberst auf einer Kiste liegt, welche die Mutter Elfie nach einem Sturz aus dem Keller holt. Ich lerne die Familie mit deren Eltern und den vier Kindern kennen, die sich später auf der Suche nach Freiheit und Liebe aufmachen vom Appenzellerland bis nach Brasilien, nach Deutschland im Zweiten Weltkrieg und nach Australien. Die Lebenswege von Belle, Anna, Cob und Elfie könnten unterschiedlicher nicht sein. Packend und lebensnah erfahren wir, wie sie in den verschiedenen Ländern ihr Glück suchen. Mir gefällt, wie Michael Hugentobler seine ProtagonistInnen gestaltet und an den verschiedensten Orten auf der Welt auftreten lässt, er nimmt mich mit nach Brasilien, Australien und Tasmanien (oder Feuerland im zweiten Roman). Ich spüre, dass der Autor kennt, was er beschreibt.

Als der erste Winter kam, hatten wir Maniok und Mais vom eigenen Land, dazu Reis und Bohnen aus den mitgebrachten Vorräten und unsere drei kleineren Räume, die wir heizen konnten, denn die Temperatur fiel nun öfters auf null Grad.

Autorenfoto © Markus Kirchgessner

Vieles schwebt und bleibt offen, erst auf den letzten Seiten tanzen die Bären.
Du hast richtig getippt, dieser Roman hat mir vergnügliche Stunden bereitet. Ein funkelnder Familien- und Abenteuerroman, Unterhaltung im besten Sinne. Angeregt durch das Gespräch bei der Lesung habe ich «Feuerland» mit ebenso grossem Genuss gelesen.

Herzlich
Bär

NB: Zum Schweizer Buchpreis 2026 kann ich, da mir die Übersicht über die aktuelle Schweizer Literatur fehlt, nicht Stellung nehmen. Ob Lukas Bärfuss mit «Königin der Nacht» nochmals nominiert wird?

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Lieber Bär

Ha, wusste ich es doch, dass dich das Buch packt, weil Michael Hugentobler eine ganz besondere Fähigkeit des Erzählens beherrscht. In einem Interview erzählte er, er habe in jungen Jahren zusammen mit seiner Mutter seine Grosstante in Australien in einem Altersheim besucht. Sie habe von der Geburt ihres Sohnes erzählt, allein in einer windigen Hütte im Irgendwo eines Dschungels. Während der Geburt sah sie eine riesengrosse, schwarze Schlange an der Decke jener Hütte. Ein Bild, das geblieben, das der eigentliche Anfang dieses Romans gewesen sei. Michael Hugentobler, als junger Mann herumgekommen auf der ganzen Welt und als Journalist gesegnet mit einem ausnehmend wachen Auge, erkennt die möglichen Geschichten hinter Bildern, die andere nur zur Kenntnis nehmen. Er spinnt den Faden dort weiter, wo er bei andern reisst oder franst. Und wenn man wie du das Glück hat, dem Erzähler auch real zu begegnen, staunt man über seinen wachen Blick. Jener wache Blick mit dem er jetzt, mit Familie, grenzenlos reist.

Schon sein erster Roman war so ganz anders wie die Debüts sonst, mit denen sich neue Namen zaghaft auf die Literaturbühne wagen. In «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», dem ersten Roman, erzählt Michael Hugentobler die seltsame und abenteuerliche Geschichte eines Mannes, der sich neu erfand; In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts „verabschiedet“ sich Hans Roth aus dem schweizerischen Schöndorn, um 1898 als Louis de Montesanto in London weltberühmt zu werden mit seiner sensationellen Lebensgeschichte. Michael Hugentobler zeichnet aber nicht einfach die Lebenssituationen eines Sonderlings nach. Er stellt Fragen, die nicht nur der Literatur gestellt werden, sondern dem Leben, der „Wahrheit“.

In «Feuerland» erzählt Michael Hugentobler von einem argentinisch-britischen Missionar am südlichsten Zipfel Südamerikas. Im 19. Jahrhundert reist Thomas Bridges zu den Yámanas und wird zu einem akribischen Erforscher ihrer Sprache und damit zu einem unermüdlichen Kämpfer um das Erbe dieses zum Verschwinden verurteilten Volkes. Mit «Feuerland» war Michael Hugentobler für den Schweizer Buchpreis 2021 nominiert. Dass er ihn damals nicht gewann, hat mit der literarischen Wucht der Preisträgerin zu tun, mit Martina Clavadetscher und ihrem Roman «Die Erfindung des Ungehorsams». Michael Hugentobler offenbarte in «Feuerland» das Geheimnis, wenn man für einen kurzen Augenblick im Licht einer untergehenden Sonne, einer verschwindenden Welt steht.

Ich freue mich, wenn Michael Hugentobler bei uns im Wohnzimmer mit einer Runde «Eingefuchster» diskutieren wird.

Schweizer Buchpreis? Im September werden die 5 Namen bekannt gegeben. Es gäbe einige Namen. Ich würde mich wundern, wenn Lukas Bärfuss nicht dabei wäre. Auf jeden Fall freue ich mich auf die Briefwechsel mit dir über die 5 Namen.

Gute Lektüren!
Gallus

Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.

mehr von und über Michael Hugentobler auf literaturblatt.ch

Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

«Die Lüge ist jedoch nicht das Problem – das Problem ist die Ansicht, es gäbe verschiedene Wahrheiten.» – über «Die echtere Wirklichkeit» von Raphaela Edelbauer (30)

Natürlich ändert sich, was Menschen für wahr halten – jedoch nie das, was wahr ist.

Lieber Gallus

Entgegen der Legende hat Gallus wieder einmal den Bären beschenkt und zum Glück darf ich mich auch immer wieder zeigen und musste nicht für immer verschwinden. So sind wir dank deinem Vorschlag kürzlich in der «Coalmine» Winterthur Raphaela Edelbauer mit ihrem neuen Roman begegnet. Es war ein interessanter und bereichernder Abend. Die Autorin hat mich durch die packend gelesenen Passagen aus ihrem Roman motiviert, ein Buch zu lesen, das ich ohne diese Begegnung kaum beachtet hätte. Leider hat die Moderatorin durch ihre sehr textbezogenen Fragen wenig Persönliches aus dem Leben von Raphaela Edelbauer beleuchtet.

Du schreibst in deiner Beurteilung auf literaturblatt.ch, Raphaela Edelbauer sei mit Bravour gescheitert, das Buch sei der Biss eines literarischen Pitbulls, das Buch liege dir nach der Lektüre quer im Magen. Mich hat dieses Buch, das für mich so besonders und anders ist, begeistert und angeregt. Sicher sind mehrere Abschnitte sehr kopflastig, aber sprachlich klug mit den aussergewöhnlichen Menschen der philosophischen Terrorgruppe «Aletheia» verknüpft.

Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut beginnt das Manifest einer vierköpfigen Aktivistengruppe «Aletheia», zu der Byproxy hinzukommt, eine schillernde manipulierende und vor Lügen nicht zurückschreckende Persönlichkeit. Durch einen Unfall als junge Frau ist sie an den Rollstuhl gefesselt. Um ihre Ziele zu erreichen, plant diese Gruppe einen Anschlag, es gibt Opfer. Die fünf Aktivisten wollen unserer postmodernen Gesellschaft, wo alle Individuen ihre eigene Wahrheit und Wirklichkeit pflegen, mit ihrem Manifest und einem Anschlag zur Besinnung bringen.

Raphaela Edelbauer «Die echtere Wahrheit», Klett-Cotta, 2025, 448 Seiten, ISBN 978-3-608-96630-5

Mir gefällt das philosophische Fundament von Raphaela Edelbauer und mich faszinieren die fünf in einem schäbigen Gebäude lebenden Charaktere. Der Heidegger dozierende Bernwand, die Philosophiestudentin Brigitte voll Tatendrang und «maschinengewehrschnellen Händen», der zugängliche, geheimnisvolle Paul mit belasteter Vergangenheit und die mürrische, sich mit Sprengstoff auskennende Chirurgin zeigen plastisch, wie derart verschiedene Menschen in lausigen Verhältnissen sich bemühen zur echten Wirklichkeit zu gelangen. Vor allem Byproxy lässt die These, ob es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit gibt, durch ihr Erzählen und Handeln als fragwürdig erscheinen.

Der Aufbau des Romans mit philosophischen Thesen und den spannenden Diskussionen der Aktivisten, um ihren Plan zu verwirklichen, hat mir sehr gut gefallen. 

Hieraus folgt unser wichtigster Grundsatz: Zu denken, dass Wahrheit nicht erkennbar ist, ist NICHT das Fatale – sondern zu glauben, dass es Wahrheit nicht gibt.

Ich hoffe, das Buch hält, was es verspricht, schrieb mir die Autorin mit ihrer Signatur ins Buch. Ja, das tut es! Mich werden die Aussagen dieses Romans noch lange beschäftigen. Es lohnt sich, sich auf diese anspruchsvolle Lektüre einzulassen.

Herzlich

Bär

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Lieber Bär

Es freut mich ausserordentlich, dass ich dich zur Lektüre eines Buches und zum Besuch einer Lesung verführen konnte. Oft genug bin ich allein unterwegs, reise ziemlich weit, um dann in einem grossen Raum mit wenig Publikum zu sitzen, mich leise schäme für das offensichtliche Desinteresse eines potenziellen Publikums, das scheinbar nicht bereit ist, sich einen Abend lang mit Worten, Textkunst, Auseinandersetzung und Konfrontation einzulassen.
Der Abend in Winterthur mit der österreichischen Schriftstellerin und Literaturaktivistin Raphaela Edelbauer war gut besucht. Glücklicherweise, denn ich bin überzeugt, dass diese Autorin mit Jahrgang 1990 erst in den Anfängen einer erstaunlichen literarischen Karriere steckt. «Ein Versprechen für die Zukunft» wäre die falsche Formulierung, da Raphaela Edelbauer mit ihren bisherigen Büchern mehr als deutlich ihren Stammplatz in der deutschsprachigen Literatur behauptet hat.

Du hast recht, ich habe das Buch anstrengend gefunden, was überhaupt kein negatives Kriterium ist. Ich habe es fasziniert gelesen, weil es reibt und beisst, weil es nicht einfach unterhalten will, weil es mich herausfordert. Nicht nur die Geschichte, nicht nur die Fragen, die es aufwirft, auch die Charakteren, die mich zuweilen ärgerten. Nicht, weil sie schlecht gezeichnet waren, allenfalls zu karikiert. Es geht um vieles in diesem Buch; um unser streitbares Verhältnis zu Fakten, um Wahrheit, die sich immer mehr zu dehnen scheint. Aber auch um die nicht immer nur politische Durchsetzung einer Überzeugung. Wann ist es legitim, seine Überzeugungen auch mit Gewalt durchzusetzen? Wie gross muss die Opferbereitschaft einer Gesellschaft sein?

© Gallus Frei

Einzelpersonen, Netzwerke und Gruppierungen, die bei der Umsetzung ihrer Ideen auch nicht vor Gewalt zurückschrecken, gibt es viele. Nicht immer sind die Taten aus Sicht einer breiten Öffentlichkeit verwerflich. Denken wir an Luigi M. der 2024 den Chef einer Versicherung in New York auf offener Strasse erschoss. Während man ihm den Prozess machte, feierten ihn weite Kreise als Helden gegen Gier und Rendite. Ich hätte der wilden Truppe um Byproxy in Raphaela Edelbauers Roman etwas mehr «Normalität» gewünscht, denn bekanntlich verbergen sich eben hinter jener Normalität die Abgründe.

Aber das wirklich Spektakuläre in diesem Roman ist die Sprache, die Prägnanz, die Übersteigerung, der Witz und die Schärfe. Dafür liebe ich diesen Roman. Auch weil Raphaela Edelbauer nicht gefallen will, weil sie etwas wagt, weil sie spielt, weil ich ihre Lust, ihre Freude spüre, weil der Roman in seiner Intelligenz funkelt und spritzt.

Ich freue mich auf das, was unter der Marke Edelbauer noch erscheinen wird!
Und ich freue mich, das mich Literatur immer und immer wieder überrascht.

In Vorfreude

Gallus 

Rezension zu «Die echter Wirklichkeit» auf literarurblatt.ch

Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk «Entdecker. Eine Poetik» wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Ausserdem wurde ihr 2018 der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman «Das flüssige Land» stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman «Die Inkommensurablen» auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman «DAVE» erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne – zu «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss (29)

Kein Mensch ist eine Insel, aber die Mutter-Kind-Beziehung macht aus zwei Menschen ein einsames, anderen Menschen unzulängliches Archipel. Es gibt keine Fähre, keine Freiheit.

Lieber Bär

Du hast mir geschrieben, dass du den neuen Bärfuss gelesen hast. Ich bin neugierig auf deine Leseeindrücke, was mit dir während des Lesens passiert ist, wie gross der Nachhall des Buches ist. Zumal Lukas Bärfuss mit dem Buch einiges riskiert hat, nicht zuletzt die Festigung seines Nimbus, das Bild von einem, der es „trotz allem geschafft hat“, eines Literaten, Denkers und Gesellschaftskritikers, der nicht aus den Grossküchen des Kultur- und Bildungswesens entsprang.

Eine Mutter haben wir alle. Auch dann, wenn sie nicht mehr lebt. Auch dann, wenn wir nicht geliebt wurden. Auch dann, wenn man alleine gelassen wurde. Erst recht dann, wenn sie uns über ihren Tod hinaus nicht loslässt. Warum schreibt Lukas Bärfuss über seine Mutter? Nur weil da schon ein Vater- und ein Bruderbuch ist? Lukas Bärfuss hat eine Mutter, hat sie noch immer, so wie jeder eine Mutter hat, die man mit sich trägt, ob im Guten oder im Schlechten, über den Tod hinaus. Mütter lassen sich nicht abstreifen, nicht einmal Väter. Nicht nur weil sie sich genetisch eingeschrieben haben, nicht nur, weil wir wissen, dass wir viel von ihnen in uns weitertragen, nicht nur weil es mich nicht ohne sie gibt, sondern weil sie mit ihrem Tun und Lassen unser Leben beeinflussen. Eine einstige Liebe lässt sich auslöschen, bis zur Verleumdung. Eine Mutter nie.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne, ein unsichtbares Gestirn, das mich aus grosser Ferne in einer seltsamen Bahn hielt. Sie hatte mich geprägt; und wie ein Stempel definiert ist durch das, was aus der Vorlage geschnitten wurde, war alles, was ich tat und schrieb und dachte, gezeichnet von ihrem Fehlen.

Lukas Bärfuss hat das Buch nicht geschrieben, um sich vor aller Augen an ihr abzuarbeiten. „Königin der Nacht“ ist kein Roman, auch keine Fiktion, aber auch kein Stück Autobiographie. Lukas Bärfuss schreibt über seine Mutter, nur dann über sich selbst, wenn er damit auch von seiner Mutter erzählt. Es ist kein Abarbeiten, keine Abrechnung und schon gar keine Anklage, sondern das Porträt jener Frau, die ihn geboren, aber nie gewollt hat, die stolz auf ihn sein konnte und ihn trotzdem nie zu lieben vermochte. Lukas Bärfuss ist mittlerweile selber Vater. Und ganz offensichtlich zwang ihn vieles, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Warum war seine Mutter jene Frau, die sie geworden war? Warum zementierte die Gesellschaft ihre Randständigkeit? Warum dieser Drang seiner Mutter, sich nicht binden, nicht festlegen zu wollen? Warum scheint es in unserer Gesellschaft, in der reichen Schweiz noch immer Fallgruben zu geben, in denen all jene abzustürzen drohen, die in kein Muster passen?

Ein faszinierend ehrliches Buch. Ein Buch, das zum Nachdenken zwingt.

Liebe Grüsse

Gallus

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Lieber Gallus

Was für ein Buch! Nach der Lektüre bin ich aufgewühlt, erstaunt und betroffen. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Es ist ein sehr persönliches Buch mit vielen Fragen und Gesellschaftskritik. Es regt an zu Diskussionen über unsere Prägung durch unsere Mütter, aber auch, wie Gesellschaft und Politik Muttersein fördern oder beeinträchtigen.

Wir bezahlten einen Preis für dieses Überleben in einer eugenischen Gesellschaft, die uns an der Produktivität mass, nicht an Gefühlen, nicht an der Liebe, nicht an der Tiefe unserer Verbindung.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Ohne Selbstmitleid und ohne Anklage erzählt Lukas Bärfuss, wie er mit 15 Jahren von der Mutter auf die Strasse gestellt wurde. Er hat sich damals in Armut und unter schwierigen Umständen behauptet, sich im Selbststudium gebildet und ist ein bedeutender Schriftsteller geworden. Er ist versöhnt mit seinem Schicksal und ohne Groll gegen seine Mutter.

Seine Mutter hatte weder Geld noch Bildung, um sich aus der existentiellen Not herauszuschaffen, aber Selbstbewusstsein und Stolz. Sie gehörte zu einer Schicht mit Wurzeln im fahrenden Volk, das damals zusammen mit psychisch Kranken und anderweitig Beeinträchtigten als Unwerte galt. Das zeigte sich auch, als ausgerechnet Auguste Forel, Psychiater und Forscher, mit einer Ameise auf der damaligen Tausender Note erschien, der folgendes sagte: In unserer eigenen arischen Rasse sind die Individuen ausserordentlich verschieden, und zwar nicht nur, wie vielfach geglaubt wird, infolge ihrer Erziehung, sondern vor allem in Bezug auf ihre erblichen Anlagen… Mit solchen Ideen im Kopf kam Forel auf die Idee, jene Unwerten zu hindern, Kinder zu zeugen… Die sexuelle Energie als soziale Gefahr.

Dieses authentische Buch wird mich weiter beschäftigen: Was prägt uns? Welche Rollen spielen Mütter, welche die Erziehung, welche gesellschaftlich bestimmte Normen? Welche anderen Faktoren beeinflussen uns, dass wir werden, was uns ausmacht.

Ich bin Lukas Bärfuss für seine Offenheit und seinen Mut sehr dankbar und wünsche der «Königin der Nacht» eine grosse Leserschaft.

Herzlich

Bär

© Stefano de Marchi

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun (Schweiz), ist Dramatiker und Romancier, Essayist und Dramaturg. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. 2003 wurde er für «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» als bester Nachwuchsdramatiker ausgezeichnet und bekam 2005 den Mülheimer Dramatikerpreis für «Der Bus». Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Berliner Literaturpreis (2013), den Schweizer Buchpreis (für «Koala», 2014), den Nicolas-Born-Preis (2015). Mit «Hagard» stand er 2017 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. 2019 wurde Lukas Bärfuss mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet. 2019 erschien «Malinois. Erzählungen», 2021 der Essayband «Die Krone der Schöpfung». Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich.

Schelmischer Witz in schrecklichen Zeiten – über Andrej Kurkow, «Samson und Nadjeschda» / «Samson und das gestohlene Herz» (29)

Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache.

Lieber Gallus

Du liest keine Krimis, ich weiss. Ich möchte dich aber ermuntern, Kurkows Geschichten um Samson und Nadjeschda, die in der Diogenes-Ausgabe als Krimi bezeichnet werden (was sie meines Erachtens nicht sind), zu lesen. Zudem ist Andrej Kurkow einer der wichtigen Autoren der Ukraine.

Ich denke, das ist meine Aufgabe im Moment: Mehr Informationen über die Ukraine zu verbreiten, viel zuzuhören, zu lesen und zu erklären, was passiert, was die Gründe für den Krieg waren. Und auch, die ganze Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen der letzten Jahre zu beleuchten. Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache. Ich bin schon immer geschichtsinteressiert gewesen und habe schon einmal eine Geschichte geschrieben, die 1918 beginnt, die Trilogie «Geografie eines einzelnen Schusses». So der Autor in einem Interview mit der Büchergilde. Die ersten zwei Bücher einer Reihe sind als schön gestaltete Ausgaben bei der Büchergilde erschienen. Roman und nicht Krimi steht auf dem Cover und auf dem Titelblatt.

Andrej Kurkow hat 2017 von einer Leserin eine Kiste mit Akten der bolschewikischen Geheimpolizei aus den Jahren 1919-1921 erhalten. Historisch interessiert entschloss er sich, über diese Zeit zu schreiben. Damals hatten die Bolschewiken den unter mehreren Parteien ausgebrochenen Bürgerkrieg schliesslich gewonnen und Kiev erobert. Parallelen zum aktuellen Angriffskrieg der Russen regen zum Nachdenken an.

Andrej Kurkow «Samson und Nadjeschda», Diogenes, 2022, aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing, mit Illustrationen von Juri Nikitin, 368 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-257-07207-5

Samson, ein junger Mann aus Kiev, nach der Ermordung seines Vaters durch Kosaken und dem Tod von seiner Mutter und Schwester durch Krankheit allein übrig geblieben, will überleben. Zufällig bekommt er Arbeit als Polizeiermittler, er will in diesen Zeiten des Umbruchs korrekt und richtig handeln. Alle paar Monate wechseln die Machtverhältnisse in der Stadt, die Polizei hilft der jeweils herrschenden Macht, Kriminalität zu bekämpfen. Wir begegnen bei Samsons Ermittlungen vielen skurrilen Charakteren in einer Welt von Hunger, Angst und Mangel an Holz zum Heizen.

Nadjeschda ist eine junge Frau aus einem Arbeiterviertel am Dnjepr, genannt Podil. Fasziniert von kommunistischen Ideen arbeitet sie im städtischen Statistischen Amt. Sie lebt bei ihren Eltern. Die Hausmeisterwitwe bringt Samson und Nadjeschda zusammen. Da sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen ist ihre Beziehung nicht einfach und durch die kriegerischen Aktivitäten bedroht.

Samson wurde von den Kosaken das rechte Ohr abgetrennt. Auf wundersame Weise kann er damit mehr und anders hören als mit dem gesunden und wird dadurch auch vor dem Tod gerettet. Ich denke, ich habe so viele „medizinische Fantasien“ in meinen Romanen, weil meine Mutter und Großmutter Ärztinnen waren. Meine Großmutter war in Kriegszeiten Chirurgin, und ich lebte als Kind sechs Jahre bei ihr.

Auf humorvolle, fantastische und berührende Weise gelingt es dem Autor, das wechselvolle Leben im Krieg mit seinen Gräueln und Schrecken atmosphärisch dicht und spannend zu schildern. Für mich sind diese Bücher historische Romane. Sie liefern einen spannend lesbaren Beitrag zur komplexen Geschichte der Ukraine, die damals wie heute von einer machtbesessenen Grossmacht bedroht ist. Kurkows schelmischer Witz in seinem Schreiben über schreckliche Zeiten packen den Leser, die Leserin und wirken zeitlos.

Falls du eines der Bücher liest, würden mich deine Eindrücke interessieren.
Herzlich

Bär

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Lieber Bär

Ja, ich hab eines gelesen; «Samson und Nadjeschda», sogar in einer Ausgabe von der Büchergilde Gutenberg, einem etwas anderen Buchclub, der es immer wieder schafft, das Original, bei Andrej Kurkow den Diogenes Verlag, in Grafik und Design zu toppen. Aber das nur am Rande vermerkt.

Ich verstehe deine Faszination für diese Romane sehr wohl. Zum einen kennst du dich am Schauplatz aus, auch wenn Kiev nicht mehr jene Stadt ist, die sie 1919 war und selbst jenes Vorkriegskiev, vor dem denkwürdigen 24. Februar 2022, als der aggressive Angriffskrieg Putinrusslands auf die Ukraine begann. Du warst da, mehrfach, zusammen mit deiner Frau und hast dich nicht nur für Land, Leute und Sprache interessiert, sondern humanitäre Projekte unterstützt. Die Ukraine ist für dich längst zu einem Herzensland geworden und der Krieg dort nicht einfach einer, der sich in den Medien abspielt, sondern einer, der sich auf dem Rücken derer austobt, die ihr ins Herz geschlossen habt, Menschen, Familien.

«Samson und Nadjeschda» aus der Büchergilde Gutenberg

Andrej Kurkow beschreibt ein Kiev nach den Wirren des ersten Weltkrieges, nach der russischen Revolution, eine Stadt, die sich von allen möglichen Gruppierungen und militärisch organisierten Banden ausgesetzt sieht. Eine Stadt und ihre Bevölkerung, die nicht nur Hunger leidet, sondern unter der Willkür marodierender Soldaten. Samson ist Opfer und Opportunist zugleich. Der Familie durch Krankheit und Gewalt beraubt, gezwungen, mit Rotarmisten die karge Wohnung zu teilen, schubst ihn das Schicksal von Bühne zu Bühne. Zum einen hilft ihm sein abgeschnittenes Ohr, seine Naivität und seine Fähigkeit zu schreiben. Samson spült es in die Mühlen eines wackligen Polizeiapparats. Mit einem Mal ist er ausstaffiert mit den Insignien der Macht und wird Polizist. Tapfer will er für Ordnung sorgen und merkt sehr bald, das diese unwiederbringlich verloren ist.

Auch die Liebe, wenn auch eine hölzerne und zaghafte, kommt in «Samson und Nadjeschda» nicht zu kurz. Was mich an diesem Roman überzeugt, ist der Ton. Andrej Kurkow erzählt in einer Sprache, die genau in die Zeit passt und mir als Leser diesen über 100jährigen Groove vermittelt, in der die Geschichte spielt. Obwohl deutsch übersetzt lese ich eine russisch erzählte Geschichte, im Duktus seiner grossen Vorbilder. Eine Geschichte über eine Stadt, ein Land, die beide schon immer im Strudel der Geschichte standen, wo sich die verschiedensten Besatzer wie Heuschreckenschwärme übers Land legten.

Absolut lesenswert. Einmal mehr vielen Dank für den Tipp!

Sei umarmt
Gallus

© Pako Mera / Opale / Bridgeman Images

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach schrieb er zahlreiche Drehbücher. Seit seinem Roman «Picknick auf dem Eis» gilt er als einer der wichtigsten zeitgenössischen ukrainischen Autoren. Sein Werk erscheint in 45 Sprachen. Kurkow lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Ukraine. 2023 wurde er als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen.

Johanna Marx, Studium am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 2010 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin.

Sabine Grebing studierte Slawistik, Musikwissenschaft und Philosophie sowie Übersetzen. Neben Andrej Kurkows übersetzt sie auch andere Werke aus dem Russischen, dem Französischen und Englischen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare

Da ich bald erstmals nach Riga reise, habe ich mich über lettische Literatur informiert und bin auf «Das Bett mit dem goldenen Bein» von Zigmunds Skujiņš gestossen. Begeistert nur schon vom hervorragend gestalteten Cover mit Schuber aus der Reihe Mare Klassiker habe ich bei der Lektüre erfahren, dass die «Legende einer Familie» ein literarischer Leckerbissen ist.

Lieber Gallus

Auf 538 Seiten betreten mehrere Generationen der Familie Vejagals die Weltbühne. Die Geschicke einzelner Familienmitglieder vor dem Hintergrund der lettischen Geschichte über mehr als 100 Jahre, ausgehend von einer durch Agrarwirtschaft geprägten Gesellschaft, welche die Seefahrt entdeckt. Vom Lettland als Schlachtfeld in den Weltkriegen zwischen Deutschland und der Sowjetunion berichtet der Erzähler bis in die Nachkriegszeit.

Nein, was ihn wirklich von der Reise abhielt, war der Vejagal’sche Charakter, ein gegen sich selbst gerichteter Trotz, der Unwille, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu bringen. Man konnte es Ehrgeiz oder Stolz nennen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare, aus dem Lettischen von Nicole Nau, mit einem Nachwort von Judith Leister, mit Lesebändchen im Schuber, 2022, 608 Seiten, CHF ca. 65.90, ISBN: 978-3-86648-658-4

Dank der Ahnentafel der Familie Vejagals auf der ersten Seite und der grossartigen Erzählart findet sich die Leserin, der Leser gut zurecht. Zuerst erfahren wir die Geschichte von Noass, dem erfolgreichen Seefahrer und von seinem Bruder Augusts, dem sesshaften, sein Handwerk liebenden Bauer. Schon hier entsteht Spannung, weil Augusts während der langen Abwesenheit Noass’ auf See dessen Ehefrau schwängert. Nach und nach treten andere Vejagals auf, vielen wird ein Kapitel gewidmet, grob chronologisch angeordnet ohne genaue Daten. Hilfreich ist ein ausführliches Glossar im Anhang.

«Legt mich mit Brille in den Sarg. Ich will euch alle sehen, aber die Augen tun’s nicht mehr so recht» und fügte hinzu: «In den Bienenstöcken summt es gewaltig, das wird ein gutes Jahr.»

Die Verknüpfung der so unterschiedlichen Geschichten der Familienmitglieder gelingt literarisch wunderbar, sodass ein spannender Lesefluss entsteht und ich immer wieder von neuem mitgerissen werde. Packend und lebendig werden die Menschen geschildert. Lettland mit seinem landschaftlichen, gesellschaftlichen und historischen Hintergrund wird filmisch erlebbar. 

Ein Morgen wie im Bilderbuch. Leichter Tau, wolkenloser Himmel, man könnte sich sofort an die Arbeit machen, aber nein, man muss zu seinem Einsatzort gehen, wo man gesagt bekommt, was heute zu tun ist. (Kolchose)

Die Vejagals haben sehr unterschiedliche Lebenswege, packen ihr Schicksal oft kämpferisch an und sind dem Leben zugewandt. Ob erfolgreicher Seefahrer in Lateinamerika, naturnaher Bauer, der sich in der Kolchose nicht mehr zurechtfindet, Bibliothekarin in besonderer Liebesbeziehung oder nach England flüchtender Chaot, Skujiņš beschreibt die Charaktere subtil und plastisch.

Dieses Buch ist sowohl von der Gestaltung wie vom Inhalt her unbedingt zu empfehlen.

Herzlich

Bär

Zigmunds Skujiņš (sprich: Skuiensch) wurde 1926 in Riga geboren. Nach Anfängen im Journalismus wandte er sich ganz dem literarischen Schreiben zu. Zu seinem Werk gehören zahlreiche Romane und mehrere Erzählbände sowie Theaterstücke, Drehbücher und Essays. Skujiņš ist einer der renommiertesten Schriftsteller seines Landes. Sein Werk wurde in viele europäische Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. «Das Bett mit dem goldenen Bein» (1984) gilt als sein grösster Erfolg. Skujiņš starb im März 2022 in Riga.

Nicole Nau, geboren 1962 in Giessen, ist Professorin für Allgemeine Sprachwissenschaft und Lettische Philologie an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan (Posen). Sie übersetzt zeitgenössische lettische Prosa, u.a. von Nora Ikstena und Māra Zālīte. Auf ihrer Website lettlandlesen.com informiert sie über Literatur aus Lettland.

Judith Leister (Nachwort) studierte Germanistik, Komparatistik und Slawistik in München und Berlin. Seit 2005 verfasst sie Beiträge für verschiedene Medien, u.a. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Deutschlandfunk. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf osteuropäischer Kultur und Geschichte sowie jüdischen Themen. Sie lebt in München.

Beitragsbild © Gunārs Janaitis

Noch einmal zurück in die Zeiten des Aufbruchs? Zu Pascal Merciers «Der Fluss der Zeit» (28)

In den drei vergangenen Stunden, in denen er uns durch das Haus geführt hatte, konnte man an Prager noch eine Art Spannung spüren, eine kleine Zukunft. Jetzt, als er mitten in seinem aufgeräumten, leblos wirkenden Atelier stand, war alles an ihm erloschen.

Lieber Gallus

Gestern ist mir dieses schmale posthum erschienene Werk begegnet, eine wahre Trouvaille! Vor meiner Abreise nach Riga muss ich dir daher noch schreiben. Ich habe das Buch begeistert gelesen; fünf berührende Geschichten mit Tiefgang in einer wunderbaren Sprache.

Wie gehe ich mit Dankbarkeit um? Was geht in mir vor, wenn das Haus, worin ich lebte, an Nachfolger übergeht? Wie gehe ich mit der Angst an den Tagen um, wo ich auf einen möglicherweise bösartigen Befund warten muss? Ein Mann besucht nochmals sein Studentenzimmer und erlebt, was sich dort, aber auch in ihm verändert hat.

Pascal Mercier «Der Fluss der Zeit», Hanser, 2026, 112 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28577-4

Ich würde gerne für eine Weile in meinem damaligen Zimmer sitzen, sagte ich. «Einfach so?», fragte Christa. Ich nickte und schloss die Tür. Ich machte das elektrische Heizgerät an und legte mich hin. Als ich die Wärme zu spüren begann, merkte ich, dass etwas mit mir geschah: Ich wollte nicht mehr weg.

Pascal Mercier stellt grosse Fragen an unsere Existenz auf literarisch überzeugende Weise. Ein würdiges Vermächtnis. Dieses Buch gefällt dir sicher auch.

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Ich reagiere sehr skeptisch, wenn Bücher aus dem Nachlass verstorbener AutorInnen veröffentlicht werden, vielleicht sogar mit einer gewissen Abwehr. Das war auch der Grund, weshalb ich das schmale Buch bis jetzt nicht zur Hand genommen habe. Weil ich aus einem Reflex heraus vermute, dass es sehr wohl im Interesse des Verlages sein muss, wenn man aus den einstigen Früchten den letzten Saft herauspressen will. Weil ich glaube, dass es Gründe zu Lebzeiten des Autors gegeben haben muss, dass die Erzählungen in Schubladen oder Dateien blieben.

Aber dein kurzer Brief vor deiner Abreise, ermuntert mich nun doch, die Erzählungen zu lesen. Nicht zuletzt darum, weil die Kritiken zum Buch durchzogen sind. Aber wie wir beide wissen; das Urteil jener, die sich im Literaturbetrieb das Recht geben, die Spreu vom Weizen zu trennen, entspricht nicht immer dem, was Leserinnen und Leser empfinden, die sich nicht nach dem Geschmack medienwirksamer LiteraturkritikerInnen richten.

Gute Reise nach Riga! Ich geniesse die Lyriktage in Basel!

Gallus

Pascal Mercier, mit bürgerlichem Namen Peter Bieri, wurde 1944 in Bern geboren. Er war an der Universität Heidelberg (1983–1990) und in Marburg (1990–1993) Professor für Philosophie. Von 1993 bis 2007 lehrte Peter Bieri an der FU Berlin Sprachphilosophie und Analytische Philosophie, dann verliess er den Lehrbetrieb. Sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) wurde ein Weltbestseller. 2006 wurde Pascal Mercier mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet, 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Er lebte in Berlin. Pascal Mercier starb am 27. Juni 2023.

Beitragsbild © Paula Winkler OSTKREUZ

Mahnmale mit Hoffnung? Ishbel Szatrawska «Die Tiefe» / Sergej Lebedew «Die Beschützerin»

Dem unverändert aktuellen Thema von Krieg, Gewalt und Zerstörung widmen sich zwei lesenswerte Bücher auf unterschiedliche Weise. Sowohl Ishbel Szatrawska aus Polen mit ihrem Debüt als auch Sergej Lebedew aus Russland mit einem neuen Roman. Beide sind 1981 geboren.

Lieber Gallus

Vor Kurzem trafen wir Freunde und Bekannte aus der Ukraine anlässlich der Tournee des grossartigen Chores «CANTUS» aus Uschgorod, Transkarpatien. Sie berichteten eindrücklich, wie sie den Krieg erleben. Es sitzen junge Leute in Kiev in ihrer Freizeit in den Cafés zusammen und diskutieren lebhaft, obwohl sie nachts bei steten Bombenangriffen kaum schlafen. Das Strassenbild tagsüber im Zentrum gleicht einer modernen europäischen Stadt, unweit davon entstehen täglich neue Zeichen der Zerstörung. Müde, aber überzeugend kämpfen sie weiter um ihr Land, ihre Kultur, ihr Leben. Für uns Schweizer nicht vorstellbar.

Ishbel Szatrawska hat einen historischen Familienroman geschrieben, der im ehemaligen Ostpreussen spielt. Diese Gegend hat eine sehr bewegte Geschichte an einem Schmelztiegel von Völkern, hier haben Polen, Deutsche, Litauer und Russen um Macht und Einfluss gekämpft. Nur schon von diesen historischen und kulturellen Verflechtungen zu erfahren, war für mich hochinteressant. Der Zweite Weltkrieg mit dem Nationalsozialismus, die sowjetische Invasion und die Jahre des Kommunismus in der Region um Königsberg bilden den Hintergrund des Romans. Hauptpersonen sind die Grossmutter Janka und die Enkelin Alicja sowie der Chirurg Max und Jankas Sohn Wolf. Ihre Erlebnisse in einer Zeit des Umbruchs, des Krieges mit Verschiebung der Grenzen werden bildhaft und sprachgewaltig geschildert. Jede Person bekommt ein charaktervolles Gesicht und bleibt trotzdem geheimnisvoll. Einige Weiterentwicklungen bleiben für den Leser, die Leserin offen, machen das Buch noch interessanter und anregender. Ein Roman, der wirklich in tiefe Abgründe des Menschseins führt.

Ishbel Szatrawska «Die Tiefe», Voland & Quist, 2025, aus dem Polnischen von Andreas Volk, 461 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-86391-414-1

Die aus Olsztyn stammende Autorin möchte mit ihrem Buch eine Lücke füllen, da bisher Vieles aus der Geschichte Ostpreussens nicht bekannt ist und kaum aus der Sicht einer Polin dargestellt wurde. An der Buchvernissage im Literaturhaus Zürich sagte sie, dass das Buch in Polen in den verschiedenen Bezirken sehr kontrovers aufgenommen wurde. In der ehemals ostpreussischen Region sehr gut, in Zentralpolen teils mit Unverständnis. Dort hat die polnische Bevölkerung die Deutschen als Invasoren erlebt.

Mich hat die poetische kraftvolle Sprache von Szatrawska sehr beeindruckt. Zeitlich und örtlich hin und her springend erzählt, ist das Buch nie unübersichtlich. Der geschickte Perspektivenwechsel gibt dem Werk eine faszinierende Dichte und Tiefe. Wie sich Grossmutter Janka und ihre ebenso starke Enkelin Alicja den Herausforderungen stellen, bleiben im Gedächtnis hängen:

Nimm nichts von Deutschen. Alicja erstarrte, sie hielt ein bunt verpacktes Schokoladenbonbon in ihrer Faust. Sie brauchte sich nicht umzudrehen. Auch so wusste sie, dass Grossmutter Janka mit der Zigarette in der Hand unter dem Vordach stand, unbewegt, bedrohlich. Obgleich der Sommer in diesem Jahr ein typisch preussischer war, mässig warm, wolkig, mit unangenehm kühlem Wind aus Norden, spürte sie, wie ihr heiss wurde. (Buchanfang, Janka noch Mädchen)

Wie der Chirurg Max umgeben von immer mehr Zerstörung und Eindringen der Russen unter schwierigsten Bedingungen und in einem widerlichen Umfeld arbeiten muss, haben mich als pensionierten Hausarzt erschüttert:

Halt!, rief Max, das ist ein Operationssaal. Der Grösste der Meute zielte sofort auf seinen Kopf. Unwillkürlich hob er die Hände. Johanna schluchzte in der Ecke. Er hörte, wie sie ihr die Kleider vom Leib rissen. Er schaute in den Lauf des Gewehrs, um die Frauen nicht sehen zu müssen, in der erhobenen Hand hielt er noch immer den Nadelhalter. (Russeneinfall in Königsberg am Ende des Zweites Weltkriegs)

Menschen verlieren Würde und Heimat und müssen entwurzelt ums nackte Überleben kämpfen.
Keine leichte Kost, aber ein Buch, das zu Herzen geht. Sehr zu empfehlen!

Sergej Lebedew, studierter Geologe setzt sich bereits seit Jahren mit den unterirdischen Spuren menschlichen Terrors auseinander. Erstmals 2011 (deutsche Ausgabe) mit «Der Himmel auf ihren Schultern» und aktuell im soeben erschienen Roman «Die Beschützerin»; Fünf Tage im Juli 2014 im Donbass, wo bereits die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg Tausende Juden umgebracht und verscharrt haben. 2014 wurde zudem ein Passagierflugzeug von den Russen abgeschossen.

Sergej Lebedew «Die Beschützerin», S. Fischer, 2025, aus dem Russischen von Franziska Zwerg, 256 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-10-397521-5

Der russische Originaltitel »Белая дама», «Die weisse Dame», wäre für mich sinnvoller, denn Marianna, dreissig Jahre lang Leiterin einer Bergbau-Wäscherei, versucht dunkle hartnäckige Flecken in der Wäsche weisszuwaschen. Später versucht auch ihre Tochter Shanna, unerschöpflich das Böse dieses Ortes wegzuzwaschen. Reinwaschen als Metapher fürs Verdrängen schrecklicher Tatsachen. Hier, im «Schacht ¾» eines Bergbaus lagern bis unter die Erdoberfläche aufgeschichtet Leichen, erschossen und ermordet durch verschieden Aggressoren:

Unter uns liegen von den Deutschen erschossene Soldaten der roten Armee. Unter ihnen die Gefangenen sowjetischer Gefängnisse, erschossen von den Bolschewiki beim Rückzug der roten Armee. Unter ihnen sind weisse, rote, grüne und zufällige Ansässige, als Geiseln genommen und hingerichtet im Bürgerkrieg von den vorrückenden und sich zurückziehenden Truppen… Und unter ihnen sind die getöteten Streikenden der ersten Revolution von 1905.

Eine dunkle Geschichte mit vier ProtagonistInnen zwischen Schuld und Versöhnung, Geschichtsbewusstsein und Vergessen, Verlassenheit und Wut.
Neben Marianna, die «Beschützerin», die an Krebs stirbt, und ihrer Tochter Shanna erscheint Valet, ein früherer Nachbar von Shanna, der «gehärtet und abgedroschen» von Moskau zurückkehrt, um die prorussischen Separatisten zu unterstützen und Shanna endlich zu entführen. Er schenkt ihr einen teuren Lippenstift, den er einer Leiche aus dem abgeschossenen Flugzeug entwendet hat. Auch General «Korol», ein typischer KGB-Offizier, welcher Mariannas Akte unter «Schneewittchen» notiert hat, kehrt an diesen Ort zurück, überwacht die «Totenkammer», Schacht ¾, damit der Bevölkerung keine unnötigen Fragen kamen. Als innere Stimme, als Geist, lässt Lebedew einen jüdischen Ingenieur sprechen:

Daraufhin wurde eine neue Waffe geboren: der lange Arm des Todes, der bis über den Ärmelkanal reichen konnte. Eine vollendete Form, ein Hai der Lüfte, ein Gerät ohne Menschen darin. Es war die V2… Als man uns im Frühjahr 1942 tötete, wurden sie bereits produziert, getestet und vorbereitet. Zwangsarbeiter setzten sie zusammen – lebende Tote. Damit sie andere Menschen in Tote verwandeln konnten.

Erschüttert und nachdenklich lege ich das Buch weg. Metaphorisch etwas überladen zeigt dieses düstere Buch nachhaltig, was Kriege mit uns Menschen machen. Ein Mahnmal! Mit Hoffnung?
Ich bin gespannt auf deine Eindrücke und grüsse herzlich

Bär

© Ada Kopec-Pawlikowska

Ishbel Szatrawska, 1981 in Olsztyn (ehemals Allenstein, Polen) geboren, studierte polnische Literatur und Theaterwissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie heute lebt und schreibt. Sie ist Autorin von sechs Theaterstücken. Ihr Debütroman «Toń» (dt. «Die Tiefe») stand auf Platz eins der Bestsellerliste für polnische Literatur und wurde zu einem der «10 besten Bücher des Jahres» gewählt.

Andreas Volk, 1971 in Idar-Oberstein geboren, lebt seit bald zwanzig Jahren als Literaturübersetzer in Warschau. Er übersetzte bereits Ishbel Szatrawskas Theaterstück «Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod». 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks und 2022 mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet.

Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und war viele Jahre auf geologischen Expeditionen im Norden Russlands und in Zentralasien unterwegs, bevor er zu schreiben anfing. Sein erster Roman «Der Himmel auf ihren Schultern» stand auf der Longlist des russischen Nazbest-Preises 2011. Zuvor sind in Russland seine Gedichte, Essays und journalistischen Texte erschienen. Lebedew lebt seit 2018 in Potsdam.

Franziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew u.a. Werke von Dmitry Glukhovsky, Viktor Martinowitsch, Viktor Remizov.