Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

«Die Lüge ist jedoch nicht das Problem – das Problem ist die Ansicht, es gäbe verschiedene Wahrheiten.» – über «Die echtere Wirklichkeit» von Raphaela Edelbauer (30)

Natürlich ändert sich, was Menschen für wahr halten – jedoch nie das, was wahr ist.

Lieber Gallus

Entgegen der Legende hat Gallus wieder einmal den Bären beschenkt und zum Glück darf ich mich auch immer wieder zeigen und musste nicht für immer verschwinden. So sind wir dank deinem Vorschlag kürzlich in der «Coalmine» Winterthur Raphaela Edelbauer mit ihrem neuen Roman begegnet. Es war ein interessanter und bereichernder Abend. Die Autorin hat mich durch die packend gelesenen Passagen aus ihrem Roman motiviert, ein Buch zu lesen, das ich ohne diese Begegnung kaum beachtet hätte. Leider hat die Moderatorin durch ihre sehr textbezogenen Fragen wenig Persönliches aus dem Leben von Raphaela Edelbauer beleuchtet.

Du schreibst in deiner Beurteilung auf literaturblatt.ch, Raphaela Edelbauer sei mit Bravour gescheitert, das Buch sei der Biss eines literarischen Pitbulls, das Buch liege dir nach der Lektüre quer im Magen. Mich hat dieses Buch, das für mich so besonders und anders ist, begeistert und angeregt. Sicher sind mehrere Abschnitte sehr kopflastig, aber sprachlich klug mit den aussergewöhnlichen Menschen der philosophischen Terrorgruppe «Aletheia» verknüpft.

Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut beginnt das Manifest einer vierköpfigen Aktivistengruppe «Aletheia», zu der Byproxy hinzukommt, eine schillernde manipulierende und vor Lügen nicht zurückschreckende Persönlichkeit. Durch einen Unfall als junge Frau ist sie an den Rollstuhl gefesselt. Um ihre Ziele zu erreichen, plant diese Gruppe einen Anschlag, es gibt Opfer. Die fünf Aktivisten wollen unserer postmodernen Gesellschaft, wo alle Individuen ihre eigene Wahrheit und Wirklichkeit pflegen, mit ihrem Manifest und einem Anschlag zur Besinnung bringen.

Raphaela Edelbauer «Die echtere Wahrheit», Klett-Cotta, 2025, 448 Seiten, ISBN 978-3-608-96630-5

Mir gefällt das philosophische Fundament von Raphaela Edelbauer und mich faszinieren die fünf in einem schäbigen Gebäude lebenden Charaktere. Der Heidegger dozierende Bernwand, die Philosophiestudentin Brigitte voll Tatendrang und «maschinengewehrschnellen Händen», der zugängliche, geheimnisvolle Paul mit belasteter Vergangenheit und die mürrische, sich mit Sprengstoff auskennende Chirurgin zeigen plastisch, wie derart verschiedene Menschen in lausigen Verhältnissen sich bemühen zur echten Wirklichkeit zu gelangen. Vor allem Byproxy lässt die These, ob es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit gibt, durch ihr Erzählen und Handeln als fragwürdig erscheinen.

Der Aufbau des Romans mit philosophischen Thesen und den spannenden Diskussionen der Aktivisten, um ihren Plan zu verwirklichen, hat mir sehr gut gefallen. 

Hieraus folgt unser wichtigster Grundsatz: Zu denken, dass Wahrheit nicht erkennbar ist, ist NICHT das Fatale – sondern zu glauben, dass es Wahrheit nicht gibt.

Ich hoffe, das Buch hält, was es verspricht, schrieb mir die Autorin mit ihrer Signatur ins Buch. Ja, das tut es! Mich werden die Aussagen dieses Romans noch lange beschäftigen. Es lohnt sich, sich auf diese anspruchsvolle Lektüre einzulassen.

Herzlich

Bär

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Lieber Bär

Es freut mich ausserordentlich, dass ich dich zur Lektüre eines Buches und zum Besuch einer Lesung verführen konnte. Oft genug bin ich allein unterwegs, reise ziemlich weit, um dann in einem grossen Raum mit wenig Publikum zu sitzen, mich leise schäme für das offensichtliche Desinteresse eines potenziellen Publikums, das scheinbar nicht bereit ist, sich einen Abend lang mit Worten, Textkunst, Auseinandersetzung und Konfrontation einzulassen.
Der Abend in Winterthur mit der österreichischen Schriftstellerin und Literaturaktivistin Raphaela Edelbauer war gut besucht. Glücklicherweise, denn ich bin überzeugt, dass diese Autorin mit Jahrgang 1990 erst in den Anfängen einer erstaunlichen literarischen Karriere steckt. «Ein Versprechen für die Zukunft» wäre die falsche Formulierung, da Raphaela Edelbauer mit ihren bisherigen Büchern mehr als deutlich ihren Stammplatz in der deutschsprachigen Literatur behauptet hat.

Du hast recht, ich habe das Buch anstrengend gefunden, was überhaupt kein negatives Kriterium ist. Ich habe es fasziniert gelesen, weil es reibt und beisst, weil es nicht einfach unterhalten will, weil es mich herausfordert. Nicht nur die Geschichte, nicht nur die Fragen, die es aufwirft, auch die Charakteren, die mich zuweilen ärgerten. Nicht, weil sie schlecht gezeichnet waren, allenfalls zu karikiert. Es geht um vieles in diesem Buch; um unser streitbares Verhältnis zu Fakten, um Wahrheit, die sich immer mehr zu dehnen scheint. Aber auch um die nicht immer nur politische Durchsetzung einer Überzeugung. Wann ist es legitim, seine Überzeugungen auch mit Gewalt durchzusetzen? Wie gross muss die Opferbereitschaft einer Gesellschaft sein?

© Gallus Frei

Einzelpersonen, Netzwerke und Gruppierungen, die bei der Umsetzung ihrer Ideen auch nicht vor Gewalt zurückschrecken, gibt es viele. Nicht immer sind die Taten aus Sicht einer breiten Öffentlichkeit verwerflich. Denken wir an Luigi M. der 2024 den Chef einer Versicherung in New York auf offener Strasse erschoss. Während man ihm den Prozess machte, feierten ihn weite Kreise als Helden gegen Gier und Rendite. Ich hätte der wilden Truppe um Byproxy in Raphaela Edelbauers Roman etwas mehr «Normalität» gewünscht, denn bekanntlich verbergen sich eben hinter jener Normalität die Abgründe.

Aber das wirklich Spektakuläre in diesem Roman ist die Sprache, die Prägnanz, die Übersteigerung, der Witz und die Schärfe. Dafür liebe ich diesen Roman. Auch weil Raphaela Edelbauer nicht gefallen will, weil sie etwas wagt, weil sie spielt, weil ich ihre Lust, ihre Freude spüre, weil der Roman in seiner Intelligenz funkelt und spritzt.

Ich freue mich auf das, was unter der Marke Edelbauer noch erscheinen wird!
Und ich freue mich, das mich Literatur immer und immer wieder überrascht.

In Vorfreude

Gallus 

Rezension zu «Die echter Wirklichkeit» auf literarurblatt.ch

Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk «Entdecker. Eine Poetik» wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Ausserdem wurde ihr 2018 der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman «Das flüssige Land» stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman «Die Inkommensurablen» auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman «DAVE» erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne – zu «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss (29)

Kein Mensch ist eine Insel, aber die Mutter-Kind-Beziehung macht aus zwei Menschen ein einsames, anderen Menschen unzulängliches Archipel. Es gibt keine Fähre, keine Freiheit.

Lieber Bär

Du hast mir geschrieben, dass du den neuen Bärfuss gelesen hast. Ich bin neugierig auf deine Leseeindrücke, was mit dir während des Lesens passiert ist, wie gross der Nachhall des Buches ist. Zumal Lukas Bärfuss mit dem Buch einiges riskiert hat, nicht zuletzt die Festigung seines Nimbus, das Bild von einem, der es „trotz allem geschafft hat“, eines Literaten, Denkers und Gesellschaftskritikers, der nicht aus den Grossküchen des Kultur- und Bildungswesens entsprang.

Eine Mutter haben wir alle. Auch dann, wenn sie nicht mehr lebt. Auch dann, wenn wir nicht geliebt wurden. Auch dann, wenn man alleine gelassen wurde. Erst recht dann, wenn sie uns über ihren Tod hinaus nicht loslässt. Warum schreibt Lukas Bärfuss über seine Mutter? Nur weil da schon ein Vater- und ein Bruderbuch ist? Lukas Bärfuss hat eine Mutter, hat sie noch immer, so wie jeder eine Mutter hat, die man mit sich trägt, ob im Guten oder im Schlechten, über den Tod hinaus. Mütter lassen sich nicht abstreifen, nicht einmal Väter. Nicht nur weil sie sich genetisch eingeschrieben haben, nicht nur, weil wir wissen, dass wir viel von ihnen in uns weitertragen, nicht nur weil es mich nicht ohne sie gibt, sondern weil sie mit ihrem Tun und Lassen unser Leben beeinflussen. Eine einstige Liebe lässt sich auslöschen, bis zur Verleumdung. Eine Mutter nie.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne, ein unsichtbares Gestirn, das mich aus grosser Ferne in einer seltsamen Bahn hielt. Sie hatte mich geprägt; und wie ein Stempel definiert ist durch das, was aus der Vorlage geschnitten wurde, war alles, was ich tat und schrieb und dachte, gezeichnet von ihrem Fehlen.

Lukas Bärfuss hat das Buch nicht geschrieben, um sich vor aller Augen an ihr abzuarbeiten. „Königin der Nacht“ ist kein Roman, auch keine Fiktion, aber auch kein Stück Autobiographie. Lukas Bärfuss schreibt über seine Mutter, nur dann über sich selbst, wenn er damit auch von seiner Mutter erzählt. Es ist kein Abarbeiten, keine Abrechnung und schon gar keine Anklage, sondern das Porträt jener Frau, die ihn geboren, aber nie gewollt hat, die stolz auf ihn sein konnte und ihn trotzdem nie zu lieben vermochte. Lukas Bärfuss ist mittlerweile selber Vater. Und ganz offensichtlich zwang ihn vieles, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Warum war seine Mutter jene Frau, die sie geworden war? Warum zementierte die Gesellschaft ihre Randständigkeit? Warum dieser Drang seiner Mutter, sich nicht binden, nicht festlegen zu wollen? Warum scheint es in unserer Gesellschaft, in der reichen Schweiz noch immer Fallgruben zu geben, in denen all jene abzustürzen drohen, die in kein Muster passen?

Ein faszinierend ehrliches Buch. Ein Buch, das zum Nachdenken zwingt.

Liebe Grüsse

Gallus

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Lieber Gallus

Was für ein Buch! Nach der Lektüre bin ich aufgewühlt, erstaunt und betroffen. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Es ist ein sehr persönliches Buch mit vielen Fragen und Gesellschaftskritik. Es regt an zu Diskussionen über unsere Prägung durch unsere Mütter, aber auch, wie Gesellschaft und Politik Muttersein fördern oder beeinträchtigen.

Wir bezahlten einen Preis für dieses Überleben in einer eugenischen Gesellschaft, die uns an der Produktivität mass, nicht an Gefühlen, nicht an der Liebe, nicht an der Tiefe unserer Verbindung.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Ohne Selbstmitleid und ohne Anklage erzählt Lukas Bärfuss, wie er mit 15 Jahren von der Mutter auf die Strasse gestellt wurde. Er hat sich damals in Armut und unter schwierigen Umständen behauptet, sich im Selbststudium gebildet und ist ein bedeutender Schriftsteller geworden. Er ist versöhnt mit seinem Schicksal und ohne Groll gegen seine Mutter.

Seine Mutter hatte weder Geld noch Bildung, um sich aus der existentiellen Not herauszuschaffen, aber Selbstbewusstsein und Stolz. Sie gehörte zu einer Schicht mit Wurzeln im fahrenden Volk, das damals zusammen mit psychisch Kranken und anderweitig Beeinträchtigten als Unwerte galt. Das zeigte sich auch, als ausgerechnet Auguste Forel, Psychiater und Forscher, mit einer Ameise auf der damaligen Tausender Note erschien, der folgendes sagte: In unserer eigenen arischen Rasse sind die Individuen ausserordentlich verschieden, und zwar nicht nur, wie vielfach geglaubt wird, infolge ihrer Erziehung, sondern vor allem in Bezug auf ihre erblichen Anlagen… Mit solchen Ideen im Kopf kam Forel auf die Idee, jene Unwerten zu hindern, Kinder zu zeugen… Die sexuelle Energie als soziale Gefahr.

Dieses authentische Buch wird mich weiter beschäftigen: Was prägt uns? Welche Rollen spielen Mütter, welche die Erziehung, welche gesellschaftlich bestimmte Normen? Welche anderen Faktoren beeinflussen uns, dass wir werden, was uns ausmacht.

Ich bin Lukas Bärfuss für seine Offenheit und seinen Mut sehr dankbar und wünsche der «Königin der Nacht» eine grosse Leserschaft.

Herzlich

Bär

© Stefano de Marchi

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun (Schweiz), ist Dramatiker und Romancier, Essayist und Dramaturg. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. 2003 wurde er für «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» als bester Nachwuchsdramatiker ausgezeichnet und bekam 2005 den Mülheimer Dramatikerpreis für «Der Bus». Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Berliner Literaturpreis (2013), den Schweizer Buchpreis (für «Koala», 2014), den Nicolas-Born-Preis (2015). Mit «Hagard» stand er 2017 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. 2019 wurde Lukas Bärfuss mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet. 2019 erschien «Malinois. Erzählungen», 2021 der Essayband «Die Krone der Schöpfung». Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich.

Schelmischer Witz in schrecklichen Zeiten – über Andrej Kurkow, «Samson und Nadjeschda» / «Samson und das gestohlene Herz» (29)

Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache.

Lieber Gallus

Du liest keine Krimis, ich weiss. Ich möchte dich aber ermuntern, Kurkows Geschichten um Samson und Nadjeschda, die in der Diogenes-Ausgabe als Krimi bezeichnet werden (was sie meines Erachtens nicht sind), zu lesen. Zudem ist Andrej Kurkow einer der wichtigen Autoren der Ukraine.

Ich denke, das ist meine Aufgabe im Moment: Mehr Informationen über die Ukraine zu verbreiten, viel zuzuhören, zu lesen und zu erklären, was passiert, was die Gründe für den Krieg waren. Und auch, die ganze Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen der letzten Jahre zu beleuchten. Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache. Ich bin schon immer geschichtsinteressiert gewesen und habe schon einmal eine Geschichte geschrieben, die 1918 beginnt, die Trilogie «Geografie eines einzelnen Schusses». So der Autor in einem Interview mit der Büchergilde. Die ersten zwei Bücher einer Reihe sind als schön gestaltete Ausgaben bei der Büchergilde erschienen. Roman und nicht Krimi steht auf dem Cover und auf dem Titelblatt.

Andrej Kurkow hat 2017 von einer Leserin eine Kiste mit Akten der bolschewikischen Geheimpolizei aus den Jahren 1919-1921 erhalten. Historisch interessiert entschloss er sich, über diese Zeit zu schreiben. Damals hatten die Bolschewiken den unter mehreren Parteien ausgebrochenen Bürgerkrieg schliesslich gewonnen und Kiev erobert. Parallelen zum aktuellen Angriffskrieg der Russen regen zum Nachdenken an.

Andrej Kurkow «Samson und Nadjeschda», Diogenes, 2022, aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing, mit Illustrationen von Juri Nikitin, 368 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-257-07207-5

Samson, ein junger Mann aus Kiev, nach der Ermordung seines Vaters durch Kosaken und dem Tod von seiner Mutter und Schwester durch Krankheit allein übrig geblieben, will überleben. Zufällig bekommt er Arbeit als Polizeiermittler, er will in diesen Zeiten des Umbruchs korrekt und richtig handeln. Alle paar Monate wechseln die Machtverhältnisse in der Stadt, die Polizei hilft der jeweils herrschenden Macht, Kriminalität zu bekämpfen. Wir begegnen bei Samsons Ermittlungen vielen skurrilen Charakteren in einer Welt von Hunger, Angst und Mangel an Holz zum Heizen.

Nadjeschda ist eine junge Frau aus einem Arbeiterviertel am Dnjepr, genannt Podil. Fasziniert von kommunistischen Ideen arbeitet sie im städtischen Statistischen Amt. Sie lebt bei ihren Eltern. Die Hausmeisterwitwe bringt Samson und Nadjeschda zusammen. Da sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen ist ihre Beziehung nicht einfach und durch die kriegerischen Aktivitäten bedroht.

Samson wurde von den Kosaken das rechte Ohr abgetrennt. Auf wundersame Weise kann er damit mehr und anders hören als mit dem gesunden und wird dadurch auch vor dem Tod gerettet. Ich denke, ich habe so viele „medizinische Fantasien“ in meinen Romanen, weil meine Mutter und Großmutter Ärztinnen waren. Meine Großmutter war in Kriegszeiten Chirurgin, und ich lebte als Kind sechs Jahre bei ihr.

Auf humorvolle, fantastische und berührende Weise gelingt es dem Autor, das wechselvolle Leben im Krieg mit seinen Gräueln und Schrecken atmosphärisch dicht und spannend zu schildern. Für mich sind diese Bücher historische Romane. Sie liefern einen spannend lesbaren Beitrag zur komplexen Geschichte der Ukraine, die damals wie heute von einer machtbesessenen Grossmacht bedroht ist. Kurkows schelmischer Witz in seinem Schreiben über schreckliche Zeiten packen den Leser, die Leserin und wirken zeitlos.

Falls du eines der Bücher liest, würden mich deine Eindrücke interessieren.
Herzlich

Bär

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Lieber Bär

Ja, ich hab eines gelesen; «Samson und Nadjeschda», sogar in einer Ausgabe von der Büchergilde Gutenberg, einem etwas anderen Buchclub, der es immer wieder schafft, das Original, bei Andrej Kurkow den Diogenes Verlag, in Grafik und Design zu toppen. Aber das nur am Rande vermerkt.

Ich verstehe deine Faszination für diese Romane sehr wohl. Zum einen kennst du dich am Schauplatz aus, auch wenn Kiev nicht mehr jene Stadt ist, die sie 1919 war und selbst jenes Vorkriegskiev, vor dem denkwürdigen 24. Februar 2022, als der aggressive Angriffskrieg Putinrusslands auf die Ukraine begann. Du warst da, mehrfach, zusammen mit deiner Frau und hast dich nicht nur für Land, Leute und Sprache interessiert, sondern humanitäre Projekte unterstützt. Die Ukraine ist für dich längst zu einem Herzensland geworden und der Krieg dort nicht einfach einer, der sich in den Medien abspielt, sondern einer, der sich auf dem Rücken derer austobt, die ihr ins Herz geschlossen habt, Menschen, Familien.

«Samson und Nadjeschda» aus der Büchergilde Gutenberg

Andrej Kurkow beschreibt ein Kiev nach den Wirren des ersten Weltkrieges, nach der russischen Revolution, eine Stadt, die sich von allen möglichen Gruppierungen und militärisch organisierten Banden ausgesetzt sieht. Eine Stadt und ihre Bevölkerung, die nicht nur Hunger leidet, sondern unter der Willkür marodierender Soldaten. Samson ist Opfer und Opportunist zugleich. Der Familie durch Krankheit und Gewalt beraubt, gezwungen, mit Rotarmisten die karge Wohnung zu teilen, schubst ihn das Schicksal von Bühne zu Bühne. Zum einen hilft ihm sein abgeschnittenes Ohr, seine Naivität und seine Fähigkeit zu schreiben. Samson spült es in die Mühlen eines wackligen Polizeiapparats. Mit einem Mal ist er ausstaffiert mit den Insignien der Macht und wird Polizist. Tapfer will er für Ordnung sorgen und merkt sehr bald, das diese unwiederbringlich verloren ist.

Auch die Liebe, wenn auch eine hölzerne und zaghafte, kommt in «Samson und Nadjeschda» nicht zu kurz. Was mich an diesem Roman überzeugt, ist der Ton. Andrej Kurkow erzählt in einer Sprache, die genau in die Zeit passt und mir als Leser diesen über 100jährigen Groove vermittelt, in der die Geschichte spielt. Obwohl deutsch übersetzt lese ich eine russisch erzählte Geschichte, im Duktus seiner grossen Vorbilder. Eine Geschichte über eine Stadt, ein Land, die beide schon immer im Strudel der Geschichte standen, wo sich die verschiedensten Besatzer wie Heuschreckenschwärme übers Land legten.

Absolut lesenswert. Einmal mehr vielen Dank für den Tipp!

Sei umarmt
Gallus

© Pako Mera / Opale / Bridgeman Images

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach schrieb er zahlreiche Drehbücher. Seit seinem Roman «Picknick auf dem Eis» gilt er als einer der wichtigsten zeitgenössischen ukrainischen Autoren. Sein Werk erscheint in 45 Sprachen. Kurkow lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Ukraine. 2023 wurde er als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen.

Johanna Marx, Studium am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 2010 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin.

Sabine Grebing studierte Slawistik, Musikwissenschaft und Philosophie sowie Übersetzen. Neben Andrej Kurkows übersetzt sie auch andere Werke aus dem Russischen, dem Französischen und Englischen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare

Da ich bald erstmals nach Riga reise, habe ich mich über lettische Literatur informiert und bin auf «Das Bett mit dem goldenen Bein» von Zigmunds Skujiņš gestossen. Begeistert nur schon vom hervorragend gestalteten Cover mit Schuber aus der Reihe Mare Klassiker habe ich bei der Lektüre erfahren, dass die «Legende einer Familie» ein literarischer Leckerbissen ist.

Lieber Gallus

Auf 538 Seiten betreten mehrere Generationen der Familie Vejagals die Weltbühne. Die Geschicke einzelner Familienmitglieder vor dem Hintergrund der lettischen Geschichte über mehr als 100 Jahre, ausgehend von einer durch Agrarwirtschaft geprägten Gesellschaft, welche die Seefahrt entdeckt. Vom Lettland als Schlachtfeld in den Weltkriegen zwischen Deutschland und der Sowjetunion berichtet der Erzähler bis in die Nachkriegszeit.

Nein, was ihn wirklich von der Reise abhielt, war der Vejagal’sche Charakter, ein gegen sich selbst gerichteter Trotz, der Unwille, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu bringen. Man konnte es Ehrgeiz oder Stolz nennen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare, aus dem Lettischen von Nicole Nau, mit einem Nachwort von Judith Leister, mit Lesebändchen im Schuber, 2022, 608 Seiten, CHF ca. 65.90, ISBN: 978-3-86648-658-4

Dank der Ahnentafel der Familie Vejagals auf der ersten Seite und der grossartigen Erzählart findet sich die Leserin, der Leser gut zurecht. Zuerst erfahren wir die Geschichte von Noass, dem erfolgreichen Seefahrer und von seinem Bruder Augusts, dem sesshaften, sein Handwerk liebenden Bauer. Schon hier entsteht Spannung, weil Augusts während der langen Abwesenheit Noass’ auf See dessen Ehefrau schwängert. Nach und nach treten andere Vejagals auf, vielen wird ein Kapitel gewidmet, grob chronologisch angeordnet ohne genaue Daten. Hilfreich ist ein ausführliches Glossar im Anhang.

«Legt mich mit Brille in den Sarg. Ich will euch alle sehen, aber die Augen tun’s nicht mehr so recht» und fügte hinzu: «In den Bienenstöcken summt es gewaltig, das wird ein gutes Jahr.»

Die Verknüpfung der so unterschiedlichen Geschichten der Familienmitglieder gelingt literarisch wunderbar, sodass ein spannender Lesefluss entsteht und ich immer wieder von neuem mitgerissen werde. Packend und lebendig werden die Menschen geschildert. Lettland mit seinem landschaftlichen, gesellschaftlichen und historischen Hintergrund wird filmisch erlebbar. 

Ein Morgen wie im Bilderbuch. Leichter Tau, wolkenloser Himmel, man könnte sich sofort an die Arbeit machen, aber nein, man muss zu seinem Einsatzort gehen, wo man gesagt bekommt, was heute zu tun ist. (Kolchose)

Die Vejagals haben sehr unterschiedliche Lebenswege, packen ihr Schicksal oft kämpferisch an und sind dem Leben zugewandt. Ob erfolgreicher Seefahrer in Lateinamerika, naturnaher Bauer, der sich in der Kolchose nicht mehr zurechtfindet, Bibliothekarin in besonderer Liebesbeziehung oder nach England flüchtender Chaot, Skujiņš beschreibt die Charaktere subtil und plastisch.

Dieses Buch ist sowohl von der Gestaltung wie vom Inhalt her unbedingt zu empfehlen.

Herzlich

Bär

Zigmunds Skujiņš (sprich: Skuiensch) wurde 1926 in Riga geboren. Nach Anfängen im Journalismus wandte er sich ganz dem literarischen Schreiben zu. Zu seinem Werk gehören zahlreiche Romane und mehrere Erzählbände sowie Theaterstücke, Drehbücher und Essays. Skujiņš ist einer der renommiertesten Schriftsteller seines Landes. Sein Werk wurde in viele europäische Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. «Das Bett mit dem goldenen Bein» (1984) gilt als sein grösster Erfolg. Skujiņš starb im März 2022 in Riga.

Nicole Nau, geboren 1962 in Giessen, ist Professorin für Allgemeine Sprachwissenschaft und Lettische Philologie an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan (Posen). Sie übersetzt zeitgenössische lettische Prosa, u.a. von Nora Ikstena und Māra Zālīte. Auf ihrer Website lettlandlesen.com informiert sie über Literatur aus Lettland.

Judith Leister (Nachwort) studierte Germanistik, Komparatistik und Slawistik in München und Berlin. Seit 2005 verfasst sie Beiträge für verschiedene Medien, u.a. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Deutschlandfunk. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf osteuropäischer Kultur und Geschichte sowie jüdischen Themen. Sie lebt in München.

Beitragsbild © Gunārs Janaitis

Noch einmal zurück in die Zeiten des Aufbruchs? Zu Pascal Merciers «Der Fluss der Zeit» (28)

In den drei vergangenen Stunden, in denen er uns durch das Haus geführt hatte, konnte man an Prager noch eine Art Spannung spüren, eine kleine Zukunft. Jetzt, als er mitten in seinem aufgeräumten, leblos wirkenden Atelier stand, war alles an ihm erloschen.

Lieber Gallus

Gestern ist mir dieses schmale posthum erschienene Werk begegnet, eine wahre Trouvaille! Vor meiner Abreise nach Riga muss ich dir daher noch schreiben. Ich habe das Buch begeistert gelesen; fünf berührende Geschichten mit Tiefgang in einer wunderbaren Sprache.

Wie gehe ich mit Dankbarkeit um? Was geht in mir vor, wenn das Haus, worin ich lebte, an Nachfolger übergeht? Wie gehe ich mit der Angst an den Tagen um, wo ich auf einen möglicherweise bösartigen Befund warten muss? Ein Mann besucht nochmals sein Studentenzimmer und erlebt, was sich dort, aber auch in ihm verändert hat.

Pascal Mercier «Der Fluss der Zeit», Hanser, 2026, 112 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28577-4

Ich würde gerne für eine Weile in meinem damaligen Zimmer sitzen, sagte ich. «Einfach so?», fragte Christa. Ich nickte und schloss die Tür. Ich machte das elektrische Heizgerät an und legte mich hin. Als ich die Wärme zu spüren begann, merkte ich, dass etwas mit mir geschah: Ich wollte nicht mehr weg.

Pascal Mercier stellt grosse Fragen an unsere Existenz auf literarisch überzeugende Weise. Ein würdiges Vermächtnis. Dieses Buch gefällt dir sicher auch.

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Ich reagiere sehr skeptisch, wenn Bücher aus dem Nachlass verstorbener AutorInnen veröffentlicht werden, vielleicht sogar mit einer gewissen Abwehr. Das war auch der Grund, weshalb ich das schmale Buch bis jetzt nicht zur Hand genommen habe. Weil ich aus einem Reflex heraus vermute, dass es sehr wohl im Interesse des Verlages sein muss, wenn man aus den einstigen Früchten den letzten Saft herauspressen will. Weil ich glaube, dass es Gründe zu Lebzeiten des Autors gegeben haben muss, dass die Erzählungen in Schubladen oder Dateien blieben.

Aber dein kurzer Brief vor deiner Abreise, ermuntert mich nun doch, die Erzählungen zu lesen. Nicht zuletzt darum, weil die Kritiken zum Buch durchzogen sind. Aber wie wir beide wissen; das Urteil jener, die sich im Literaturbetrieb das Recht geben, die Spreu vom Weizen zu trennen, entspricht nicht immer dem, was Leserinnen und Leser empfinden, die sich nicht nach dem Geschmack medienwirksamer LiteraturkritikerInnen richten.

Gute Reise nach Riga! Ich geniesse die Lyriktage in Basel!

Gallus

Pascal Mercier, mit bürgerlichem Namen Peter Bieri, wurde 1944 in Bern geboren. Er war an der Universität Heidelberg (1983–1990) und in Marburg (1990–1993) Professor für Philosophie. Von 1993 bis 2007 lehrte Peter Bieri an der FU Berlin Sprachphilosophie und Analytische Philosophie, dann verliess er den Lehrbetrieb. Sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) wurde ein Weltbestseller. 2006 wurde Pascal Mercier mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet, 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Er lebte in Berlin. Pascal Mercier starb am 27. Juni 2023.

Beitragsbild © Paula Winkler OSTKREUZ

Mahnmale mit Hoffnung? Ishbel Szatrawska «Die Tiefe» / Sergej Lebedew «Die Beschützerin»

Dem unverändert aktuellen Thema von Krieg, Gewalt und Zerstörung widmen sich zwei lesenswerte Bücher auf unterschiedliche Weise. Sowohl Ishbel Szatrawska aus Polen mit ihrem Debüt als auch Sergej Lebedew aus Russland mit einem neuen Roman. Beide sind 1981 geboren.

Lieber Gallus

Vor Kurzem trafen wir Freunde und Bekannte aus der Ukraine anlässlich der Tournee des grossartigen Chores «CANTUS» aus Uschgorod, Transkarpatien. Sie berichteten eindrücklich, wie sie den Krieg erleben. Es sitzen junge Leute in Kiev in ihrer Freizeit in den Cafés zusammen und diskutieren lebhaft, obwohl sie nachts bei steten Bombenangriffen kaum schlafen. Das Strassenbild tagsüber im Zentrum gleicht einer modernen europäischen Stadt, unweit davon entstehen täglich neue Zeichen der Zerstörung. Müde, aber überzeugend kämpfen sie weiter um ihr Land, ihre Kultur, ihr Leben. Für uns Schweizer nicht vorstellbar.

Ishbel Szatrawska hat einen historischen Familienroman geschrieben, der im ehemaligen Ostpreussen spielt. Diese Gegend hat eine sehr bewegte Geschichte an einem Schmelztiegel von Völkern, hier haben Polen, Deutsche, Litauer und Russen um Macht und Einfluss gekämpft. Nur schon von diesen historischen und kulturellen Verflechtungen zu erfahren, war für mich hochinteressant. Der Zweite Weltkrieg mit dem Nationalsozialismus, die sowjetische Invasion und die Jahre des Kommunismus in der Region um Königsberg bilden den Hintergrund des Romans. Hauptpersonen sind die Grossmutter Janka und die Enkelin Alicja sowie der Chirurg Max und Jankas Sohn Wolf. Ihre Erlebnisse in einer Zeit des Umbruchs, des Krieges mit Verschiebung der Grenzen werden bildhaft und sprachgewaltig geschildert. Jede Person bekommt ein charaktervolles Gesicht und bleibt trotzdem geheimnisvoll. Einige Weiterentwicklungen bleiben für den Leser, die Leserin offen, machen das Buch noch interessanter und anregender. Ein Roman, der wirklich in tiefe Abgründe des Menschseins führt.

Ishbel Szatrawska «Die Tiefe», Voland & Quist, 2025, aus dem Polnischen von Andreas Volk, 461 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-86391-414-1

Die aus Olsztyn stammende Autorin möchte mit ihrem Buch eine Lücke füllen, da bisher Vieles aus der Geschichte Ostpreussens nicht bekannt ist und kaum aus der Sicht einer Polin dargestellt wurde. An der Buchvernissage im Literaturhaus Zürich sagte sie, dass das Buch in Polen in den verschiedenen Bezirken sehr kontrovers aufgenommen wurde. In der ehemals ostpreussischen Region sehr gut, in Zentralpolen teils mit Unverständnis. Dort hat die polnische Bevölkerung die Deutschen als Invasoren erlebt.

Mich hat die poetische kraftvolle Sprache von Szatrawska sehr beeindruckt. Zeitlich und örtlich hin und her springend erzählt, ist das Buch nie unübersichtlich. Der geschickte Perspektivenwechsel gibt dem Werk eine faszinierende Dichte und Tiefe. Wie sich Grossmutter Janka und ihre ebenso starke Enkelin Alicja den Herausforderungen stellen, bleiben im Gedächtnis hängen:

Nimm nichts von Deutschen. Alicja erstarrte, sie hielt ein bunt verpacktes Schokoladenbonbon in ihrer Faust. Sie brauchte sich nicht umzudrehen. Auch so wusste sie, dass Grossmutter Janka mit der Zigarette in der Hand unter dem Vordach stand, unbewegt, bedrohlich. Obgleich der Sommer in diesem Jahr ein typisch preussischer war, mässig warm, wolkig, mit unangenehm kühlem Wind aus Norden, spürte sie, wie ihr heiss wurde. (Buchanfang, Janka noch Mädchen)

Wie der Chirurg Max umgeben von immer mehr Zerstörung und Eindringen der Russen unter schwierigsten Bedingungen und in einem widerlichen Umfeld arbeiten muss, haben mich als pensionierten Hausarzt erschüttert:

Halt!, rief Max, das ist ein Operationssaal. Der Grösste der Meute zielte sofort auf seinen Kopf. Unwillkürlich hob er die Hände. Johanna schluchzte in der Ecke. Er hörte, wie sie ihr die Kleider vom Leib rissen. Er schaute in den Lauf des Gewehrs, um die Frauen nicht sehen zu müssen, in der erhobenen Hand hielt er noch immer den Nadelhalter. (Russeneinfall in Königsberg am Ende des Zweites Weltkriegs)

Menschen verlieren Würde und Heimat und müssen entwurzelt ums nackte Überleben kämpfen.
Keine leichte Kost, aber ein Buch, das zu Herzen geht. Sehr zu empfehlen!

Sergej Lebedew, studierter Geologe setzt sich bereits seit Jahren mit den unterirdischen Spuren menschlichen Terrors auseinander. Erstmals 2011 (deutsche Ausgabe) mit «Der Himmel auf ihren Schultern» und aktuell im soeben erschienen Roman «Die Beschützerin»; Fünf Tage im Juli 2014 im Donbass, wo bereits die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg Tausende Juden umgebracht und verscharrt haben. 2014 wurde zudem ein Passagierflugzeug von den Russen abgeschossen.

Sergej Lebedew «Die Beschützerin», S. Fischer, 2025, aus dem Russischen von Franziska Zwerg, 256 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-10-397521-5

Der russische Originaltitel »Белая дама», «Die weisse Dame», wäre für mich sinnvoller, denn Marianna, dreissig Jahre lang Leiterin einer Bergbau-Wäscherei, versucht dunkle hartnäckige Flecken in der Wäsche weisszuwaschen. Später versucht auch ihre Tochter Shanna, unerschöpflich das Böse dieses Ortes wegzuzwaschen. Reinwaschen als Metapher fürs Verdrängen schrecklicher Tatsachen. Hier, im «Schacht ¾» eines Bergbaus lagern bis unter die Erdoberfläche aufgeschichtet Leichen, erschossen und ermordet durch verschieden Aggressoren:

Unter uns liegen von den Deutschen erschossene Soldaten der roten Armee. Unter ihnen die Gefangenen sowjetischer Gefängnisse, erschossen von den Bolschewiki beim Rückzug der roten Armee. Unter ihnen sind weisse, rote, grüne und zufällige Ansässige, als Geiseln genommen und hingerichtet im Bürgerkrieg von den vorrückenden und sich zurückziehenden Truppen… Und unter ihnen sind die getöteten Streikenden der ersten Revolution von 1905.

Eine dunkle Geschichte mit vier ProtagonistInnen zwischen Schuld und Versöhnung, Geschichtsbewusstsein und Vergessen, Verlassenheit und Wut.
Neben Marianna, die «Beschützerin», die an Krebs stirbt, und ihrer Tochter Shanna erscheint Valet, ein früherer Nachbar von Shanna, der «gehärtet und abgedroschen» von Moskau zurückkehrt, um die prorussischen Separatisten zu unterstützen und Shanna endlich zu entführen. Er schenkt ihr einen teuren Lippenstift, den er einer Leiche aus dem abgeschossenen Flugzeug entwendet hat. Auch General «Korol», ein typischer KGB-Offizier, welcher Mariannas Akte unter «Schneewittchen» notiert hat, kehrt an diesen Ort zurück, überwacht die «Totenkammer», Schacht ¾, damit der Bevölkerung keine unnötigen Fragen kamen. Als innere Stimme, als Geist, lässt Lebedew einen jüdischen Ingenieur sprechen:

Daraufhin wurde eine neue Waffe geboren: der lange Arm des Todes, der bis über den Ärmelkanal reichen konnte. Eine vollendete Form, ein Hai der Lüfte, ein Gerät ohne Menschen darin. Es war die V2… Als man uns im Frühjahr 1942 tötete, wurden sie bereits produziert, getestet und vorbereitet. Zwangsarbeiter setzten sie zusammen – lebende Tote. Damit sie andere Menschen in Tote verwandeln konnten.

Erschüttert und nachdenklich lege ich das Buch weg. Metaphorisch etwas überladen zeigt dieses düstere Buch nachhaltig, was Kriege mit uns Menschen machen. Ein Mahnmal! Mit Hoffnung?
Ich bin gespannt auf deine Eindrücke und grüsse herzlich

Bär

© Ada Kopec-Pawlikowska

Ishbel Szatrawska, 1981 in Olsztyn (ehemals Allenstein, Polen) geboren, studierte polnische Literatur und Theaterwissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie heute lebt und schreibt. Sie ist Autorin von sechs Theaterstücken. Ihr Debütroman «Toń» (dt. «Die Tiefe») stand auf Platz eins der Bestsellerliste für polnische Literatur und wurde zu einem der «10 besten Bücher des Jahres» gewählt.

Andreas Volk, 1971 in Idar-Oberstein geboren, lebt seit bald zwanzig Jahren als Literaturübersetzer in Warschau. Er übersetzte bereits Ishbel Szatrawskas Theaterstück «Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod». 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks und 2022 mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet.

Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und war viele Jahre auf geologischen Expeditionen im Norden Russlands und in Zentralasien unterwegs, bevor er zu schreiben anfing. Sein erster Roman «Der Himmel auf ihren Schultern» stand auf der Longlist des russischen Nazbest-Preises 2011. Zuvor sind in Russland seine Gedichte, Essays und journalistischen Texte erschienen. Lebedew lebt seit 2018 in Potsdam.

Franziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew u.a. Werke von Dmitry Glukhovsky, Viktor Martinowitsch, Viktor Remizov.

Darf Literatur einem etwas antun? #SchweizerBuchpreis 25/10

Lieber Gallus

Ich bin ein leidenschaftlicher Leser, aber kein Literat oder Germanist. Als Liebhaber von guten Büchern antworte ich dir trotzdem. Dorothee Elmiger hat, wie von dir vermutet, nach dem Deutschen Buchpreis nun auch den Schweizer Buchpreis 2025 erhalten. Du warst in Basel dabei und konntest die Reaktion der «nur» Nominierten vielleicht erfahren. Du fragst mich nach meiner Meinung zu den Buchpreisen. Gestern Abend habe ich im Zug zufällig einen Deutschlehrer einer Kantonsschule getroffen, der mir sagte, «Die Holländerinnen» tue er sich nicht an und das Buch von Jonas Lüscher sei «völlig daneben», er sehe keinen Grund, diese Bücher zu lesen. Ich erwiderte, dass ich die beiden sehr unterschiedlichen Bücher mit Genuss gelesen habe. Da die Bahnfahrt bald zu Ende ging, entstand keine Diskussion.

Ich verfolge die Buchpreise in unseren Nachbarländern nicht, frage mich aber, ob deine These stimmt. Offenbar gibt es Autoren, die bei der Nichtwahl sehr enttäuscht und missmutig reagieren. Dabei ist die Nominierung meiner Meinung nach bereits eine hohe Auszeichnung. Und 2025 waren alle 5 Bücher preiswürdig. Heutzutage wird viel geschrieben und auf verschiedenen Medien kommuniziert. Die Bücher sind so unterschiedlich wie die Menschen. Unsere Welt ist voll Unsicherheit, Bedrohung und Angst. Welche Kriterien gelten für ein aussergewöhnliches Buch? Womit soll es sich befassen? Welches bekommt einen Preis?

Milo Rau sagte im letzten Literaturclub: Wie lange und wie heftig die Jury zum Entscheid um den diesjährigen Literatur-Nobelpreisträger wohl diskutiert haben mag, wissen wir nicht. Dort geht es sicher nicht um Verkaufswerte, die Bücher sind zu anspruchsvoll. Bei den Buchpreisen der Schweiz, Deutschlands oder Österreichs entscheidet auch eine unabhängige Jury. Wieweit kommerzielle Gründe die Jury beeinflussen, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich sehe aber keinen Grund, dass Nicht-GewinnerInnen den Preis als Zeichen reinen Kommerzes betrachten müssten.

Ich habe soeben «Balg» von Tabea Steiner gelesen, ein berührendes Buch, das auch nominiert und nicht preisgekrönt wurde. Wie das die Autorin empfunden hat, müsste ich diese fragen. Sie ist auch ohne Preis weiter erfolgreich. Natürlich ist, wie ich als Mitarbeiter in einer Buchhandlung erfahren habe, der Einfluss einer Nominierung auf die Verkaufszahlen der ausgezeichneten Bücher vorteilhaft.

Zwischen hochkomplex-anspruchsvoll und leicht lesbarer bildreicher Literatur gibt es viele Varianten und Durchmischungen. Zum Glück! Ich bin sicher nicht der Einzige, der die Spannung und Bereicherung durch verschiedene Schreibstile schätzt. Je nach Lebensphase, Stimmung und Verfassung lese und bewerte ich ein Buch anders. Dazu regt mich die Beurteilung von Bekannten wie beispielsweise des oben erwähnten Deutschlehrers zum Nachdenken an.

Mit herzlichem Gruss
Bär

Lieber Bär

Das richtige Buch hat den Schweizer Buchpreis gewonnen, auch wenn Jonas Lüscher «literarisch» ein ebenbürtigen Mitnominierter war. Und kaum je waren die 5 Nominierten so sehr darum bemüht, das Nichtgewinnen wie den Preis selbst zu einer emotionalen Selbstinszenierung werden zu lassen. Dorothee Elmiger dankte ihren «KonkurentInnen» explizit und relativierte mit dem Blumenstrauss in der Hand mit dem Satz «Das beste Buch gibt es nicht» gleich auch den Preis selbst.

Wahrscheinlich liegt es an der Aufstellung des Preises, steht doch im Reglement, man zeichne mit dem Preis das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk des Jahrgangs aus. Genau hier liegt die Krux dieses Preises. Kann man das beste Buch aus all den anderen herausholen und über alle anderen stellen? Versucht man nicht ein Siegertreppchen zu bauen, wo ein solches gar nicht möglich ist, selbst dann, wenn in der Jury die richtigen Leute sitzen?

Weil es ein Preis des Buchhandels ist, wird ein Buch und keine Person prämiert. Der Nobelpreis wird für ein Lebenswerk vergeben, genauso der Schweizer Grand Prix Literatur (2025 an Fleur Jaeggy) oder auch der Solothurner Literaturpreis (2025 an Alain Claude Sulzer). Wem würde es einfallen, jene Juryentscheide zu kritisieren, denn alle, die Fleur Jaeggy oder Alain Claude Sulzer kennen, wissen; Sie haben den Preis für ihre herausragenden Leistungen verdient! Und genau darin liegt einer der Gründe, warum sich AutorInnen mit ihren Büchern den Buchpreisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verweigern; weil es eigentlich unmöglich ist, Bücher in einen Wettbewerb zu stellen. Ralf Rothmann, einer der Grossen der Literatur, sagt Lieber nicht, lieber kein medialer Wettbewerb, der über Wochen hinweg Romane gegeneinander ausspielt. Das verstehe ich sehr gut.

Trotzdem! Wie gut war die diesjährige Nomination für Melara Mvogdobo, die mit «Grossmütter» berechtigt grosse Aufmerksamkeit erhielt. Wie gut 2024 für Mariann Bühlers Roman «Verschiebung im Gestein» oder 2023 für Adam Schwarz mit «Glitsch«… oder für Tabea Steiners Roman «Balg». Schon deshalb ist der Schweizer Buchpreis wichtig.

Und zum Glück bleibt dem Schweizer Buchpreis bisher der grosse Eklat, so wie 2024 in Deutschland mit Clemens Meyer, der als Nominierter den Entscheid der Jury als Fehlentscheid kritisierte und seinen Frust lautstark kundtat, erspart. Gut schweizerisch war die diesjährige Preisverleihung anlässlich der BuchBasel im Theater Basel; feierlich, freundschaftlich und dezent emotional.

Der Deutschlehrer im Zug. Ausgerechnet «Die Holländerinnen» gäbe genügend Stoff, um mit KantonsschülerInnen zu diskutieren, nicht zuletzt darum, was Literatur muss, kann und soll. Keine Ahnung, was die Gründe sind, dass er ausgerechnet jene Romane diskreditiert, von denen so viele Fachkundige so sehr überzeugen liessen. Vielleicht ist es die Zumutung, dass AutorInnen nicht einfach eine Geschichte erzählen, sondern rätselhaft bleiben. Vielleicht war der arme Lehrer überfordert und gestört, weil ihn die aktuelle Literatur auffordert, auch mal wieder ein «neues» Buch zu lesen. Man muss nicht unbedingt Gegenwartsliteratur lesen, um Deutsch an einer Kantonsschule zu unterrichten, auch wenn es mit Sicherheit angebracht wäre. Und schlussendlich geht es auch nicht darum, im Deutschunterricht das zu lesen, was dem eigenen Gusto entspricht.

Ich freue mich auf unser nächstes Treffen, unseren gemeinsamen Besuch einer Lesung einer Lyrikerin im Literaturhaus Zentralschweiz. Wieder so ein Beispiel einer Schriftstellerin, einer Dichterin, die abseits der grossen Bühnen Sprachperlen produziert.

Bis bald!
Gallus 

Jonas Lüscher „Verzauberte Vorbestimmung“, Hanser #SchweizerBuchpreis 25/04

Die Lektüre des neuen Romans von Jonas Lüscher entlässt mich mit sehr gemischten Gefühlen. So wie ich vieles im Roman nicht einordnen kann, so kann ich nicht einmal den Titel „Verzauberte Vorbestimmung“ einordnen. Aber vielleicht ist genau das Prinzip „Einordnungsversuch“ der Schlüssel zu Jonas Lüschers Roman. 

Lieber Bär

Jonas Lüscher schrammte während der Covid-Pandemie knapp am Tod vorbei. Er ist ein Gezeichneter. Ich begegnete ihm nach seiner Krankkeit in Leukerbad am dortigen Literaturfestival, wo er Auszüge aus einem Manuskript las. Als wir uns auf der Strasse begegneten, miteinander sprachen, traf ich einen ganz anderen Jonas Lüscher wie vor der Pandemie; verletzlich, dünnhäutig, vorsichtig. Damals auf der Intensivstation stand eine ganze Batterie von Maschinen um das Bett des Schriftstellers, der währnd bestimmter Phasen schon glaubte, in den Prozess des Sterbens übergegangen zu sein. Das beschreibt Jonas Lüscher in seinem Roman, wenn auch erstaunlich zurückhaltend. Er war ganz und gar abhängig von Maschinen, die lebenswichtige Körperfunktionen übernahmen. Es muss eine ganz eigene Erfahrung sein, dass man sein physisches Dasein Geräten übergeben muss, dass man in Phasen maximaler Empfindsamkeit zu einem eigentlichen „Cyborg“ wird, unfreiwillig.

„Verzauberte Vorbestimmung“ ist  ein Konglomerat aus verschiedensten Handlungssträngen und Personen, Handlungssträngen, die sich überschneiden und solchen, die sich wieder verlieren. Personen, die über Dutzende von Seiten zentral erscheinen, dann aber nie mehr auftauchen. Einzige Konstanten in dem Buch sind der suchende Erzähler und der Schriftsteller, Dramatiker, Maler und Filmemacher Peter Weiss, der sich mit seinem Spätwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ ein literarisches Denkmal setzte. Eine Figur in Lüschers Roman, die in ganz unterschiedlichen Zuständen und Erzählebenen auftaucht. Wie Lüscher selbst ein ewig Suchender, seine Kunst ein einziger Versuch des Einordnens. Eine andere Konstante in Lüschers Roman ist die Auseinandersetzung mit Technik, mit Maschinen, sei das die Maschinerie der modernen Kriegsführung, jene der Industrialisierung, der Medizin bis in die Architektur des Grossenwahns, wenn der Erzähler im Ägypten der Zukunft zwischen der perfekten Retorte und dem Realen, Vergessenen pendelt.

Jonas Lüscher «Verzauberte Vorbestimmung», Hanser, 2025, 352 Seiten, CHF, ca. 35.00, ISBN 978-3-446-28304-6

Das Buch beginnt mit Knall und Rauch. Ich erinnere mich an einen Kinobesuch zusammen mit meiner Frau vor vielen Jahren. Ich überredete sie zum Film „Der mit dem Wolf tanzt“, ein Streifen, der mit einem minutenlangen Schlachtgemetzel beginnt. Ich musste meine Frau während Minuten trösten, zurückhalten, beschwichtigen und besänftigen, damit die dem Kino nicht entfloh.  Genauso ging es ihr mit «Verzauberte Vorbestimmung» (Übrigens ein Titel, der angesichts des Romananfangs arg strapaziert!). Jonas Lüscher beschreibt die Erlebnisse eines algerischen Soldaten während des ersten Weltkriegs in den Schützengräben gegen die Deutschen. Den ersten strategischen Giftgasangriff, das Herannahen eine beinah fluoreszierenden Wolke, in der alles grausam erstickt, Menschen mit schrecklich verzerrten Fratzen tot zusammenbrechen. Eine apokalyptische Szenerie, die eigenartig fesselt und ebenso abschreckt. Aber wer sich an die Fersen dieses algerischen Soldaten heftet, verliert ihn wieder, obwohl er Jahre später in Paris zum Postboten geworden ist. Ein Erzählstrang, der wie viele andere aus dem Meer der Möglichkeiten auftaucht und wieder versinkt. So wie die Geschichte eines anderen Postboten, des Franzosen Joseph Ferdinand Cheval, der zwischen 1879 und 1922 an seinem „Palais idéal“ baute, aus gesammelten Steinen, auf einem Grundstück weitab, einem Monument, das Künstler wie Max Ernst und Pablo Picasso faszinierte und bis heute viele Touristen lockt. Oder sie Geschichte von Ned Ludd im tschechischen Varnsdorf, einem Ort der aufblühenden Textilindustrie. Ein Aufstand der Arbeiter, einer Frauenrevolte, einem Fabrikgrossbrand. Eine Geschichte, die Lüscher in ganz eigener Sprache, beinah märchenhaft erzählt. Eine Geschichte, bei der es aber weder um das Personal noch um die Geschichte selbst geht.

„Verzauberte Vorbestimmung“ ist eine literarische Auseinandersetzung. Sprachgewandt, plottabgewandt. Lüscher will weder unterhalten noch betäuben. Er nimmt mich mit in seine Odyssee, in ein Labyrinth, von dem nicht einmal er selbst das Ziel, die Mitte gefunden hat. Ein literarischer Stoffknäuel mit vielen Anfängen und Enden, ein Flickenteppich aus Fragmenten, Zuständen und Erzählebenen, der von mir alles abfordert, viel mehr, als ich bei fast allen Autorinnen und Autoren zulassen würde. Jonas Lüscher schreibt mit der Membran eines Überempfindlichen, eines Hochsensiblen, eines Verwundeten, Gezeichneten. 

Ich tat mich schwer mit der Lektüre, obwohl es immer wieder lange Passagen der Beglückung gab, nicht zuletzt dank seiner Sprachkunst. Ich werde Zeuge dieser Hypersensibilität. Und wenn ich die Lektüre zu einer solchen Zeugenschaft machen kann, dann lese ich mit grösstem Interesse und unsäglichem Staunen.

Liebe Grüsse

Gallus


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Lieber Gallus

Ich habe bisher keinen Roman von Jonas Lüscher gelesen, aber schätze seine klugen Gespräche über unsere Gesellschaft und deren Zukunft in verschiedenen Medien.  So interessierte ich mich sehr für seinen neuen Roman. Wegen einer vernichtenden Kritik in einer Innerschweizer Zeitung vor der ersten Lesung in der Schweiz war ich verunsichert, ob ich dieses Werk lesen soll, habe dann aber das Buch trotzdem gekauft. Wie reich wurde ich belohnt! Hilfreich war die Lektüre seiner Poetik-Vorlesungen von 2019 «In die Erzählung flüchten», wo das «Oszillieren zwischen mathematisch messbarer Wissenschaft und erzählender Literatur, zwischen Aufklärung und Romantik» ausführlich besprochen wird. 

Obwohl die Lektüre von «Verzauberte Vorbestimmung» anspruchsvoll ist, habe ich das Buch mit Interesse und Gewinn gelesen. Dass sich vieles nicht einordnen lässt, gefällt mir als Ausdruck der Herausforderungen und Ambivalenz des Menschen im Umgang mit Maschinen. Das in fünf Teile gegliederte Werk zeigt mehrere Erzählstränge, die abbrechen, wieder auftauchen und inkonstant durch die verschiedenen Abschnitte führen. Auch die Zeitebenen wechseln oft ohne Übergang, beginnen im Ersten Weltkrieg und enden in der Nach-Putin Ära. Die Auswirkungen der Macht der Technik und des Geldes auf die Menschen bestimmen in vielfältiger Weise den Text. Zum Beispiel die Veränderung des Ertrags der Arbeit an neuen Webstühlen in der Fabrik im Vergleich zu der an der Heimarbeit:
Sein Staunen über die Zahlen, die sich da untereinander reihten, Beträge, die ihm vor kurzem noch fantastisch erschienen waren, fand kein Ende. Es war ihm, als täten sich ganz neue Möglichkeiten, eine Ahnung eines anderen Lebens, vor ihm auf, und mit diesem weiten Horizont, der aber bei genauerer Betrachtung nur aus dem Wort «mehr» bestand, einem Begriff, den er nicht in der Lage war, mit konkreten Vorstellungen zu füllen, kam die Gier in sein Leben.

Mehrere Kapitel werden durch Peter Weiss, Maler, Autor, Filmer, der als Alter Ego auftritt, miteinander vernetzt. Sein frühes Gemälde «Die Maschinen greifen die Menschen an» stellt bildhaft die Ambivalenz des Verhältnisses Mensch- Maschine dar. Mit Peter Weiss besuchen wir auch den «Palais Idéal» vom Briefträger Cheval in Hauterives und die Weber im tschechischen Varnsdorf.

In den letzten zwei Kapiteln befinden wir uns im futuristischen Ägypten mit Cyborgs, Mensch-Maschinen, und Androiden, umgeben vom grössenwahnsinnigen architektonischen Gebilde New Kairo, herausgestampft aus der Wüste, absurd und eklektisch mit einem geplanten 1000 Meter hohen Wohn-Obelisken. Vor einem Jahr war ich in Ägypten auf den Spuren der Pharaonen und deren Grabstätten, 4000 Jahre alt und noch in besten Farben leuchtend, daneben Kairo und Alessandria als verkommene Moloche voll Lärm, Armut und Müll neben hochglanzpolierten Inseln für die Touristen. Aus dem Flugzeug konnte ich damals einen Blick auf die New Administrative Capital werfen. Mich beschäftigten und belasteten diese Gegensätze sehr. Literarisch drückt Jonas Lüscher dies so aus:

Für einen Moment war ich in der Lage gewesen, die pittoreske und exotische Seite dieser mir fremden Landschaft und dieser mir fremden Menschen mit ihren mir fremden Leben zu sehen, aber bald war es nur noch die Armut, manchmal sogar die schiere Not, die sich mir aufdrängte, und die neue Stadt in der Wüste, durch die ich mich noch keine vierundzwanzig Stunden zuvor hatte fahren lassen, erschien mir grotesk weit weg, und doch war es dasselbe Land, unbegreiflicher noch, dieselbe Regierung, die für beides verantwortlich war, und so unbegreiflich mir dies in jenem Moment schien, so einfach zu verstehen war der ökonomische Mechanismus, der die beiden Realitäten miteinander verband, die sechzig Milliarden, die sich der Feldmarschall aus China  und den Golfstaaten geliehen hatte, um seinen Traum zu bauen, und der sinkende Wert des ägyptischen Pfunds, der das Elend der Menschen, die ich vor dem Fenster an mir vorbeiziehen sah, Tag für Tag vergrösserte und ein Entrinnen unwahrscheinlicher machte.

Das zentrale Thema, das Überleben seiner schweren Covid Erkrankung im wochenlangem Koma auf der Intensivstation dank neuester Technik kommt, nach kurzem Anklingen am Anfang des Buches, erst im letzten Teil zur Sprache: Ein «Gespräch» zwischen einem Taxifahrer ohne Englischkenntnisse und dem Protagonisten ohne Arabischkenntnisse mittels Google-Translater führt zum Nachdenken über die Technik-Skepsis des Autors, der als wahrer Cyborg seine Covid Erkrankung nur dank der Herz-Lungen-Maschine überleben konnte. Diese Erfahrung prägte sich tief ein, Personen die im Koma wie in einem Traum vorhanden waren, werden nach dem Aufwachen wie Verstorbene vermisst. 

Dieser in seiner Struktur und in seiner Sprache einzigartige Roman umfasst die Zeitspanne von 1914 bis in die Zukunft, wo Cyborgs, also Mensch-Maschinen, ans Weltwissen angeschlossen sind. Die Beziehung von Menschen und Maschinen, deren grossartige Möglichkeiten, aber auch deren potenzielle Gefahren, zieht als roter Faden durch dieses Buch. Es endet mit hoffnungsvollem Ausblick.

Die Anregungen und die Auseinandersetzung mit diesem Buch werden mich noch lange begleiten. Ich wünsche ihm viele aufmerksame Leser!

Herzlich 

Bär

Jonas Lüscher wurde 1976 in der Schweiz geboren, er lebt in München. Seine Novelle Frühling der Barbaren war ein Bestseller, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und war nominiert für den Schweizer Buchpreis. Lüschers Roman «Kraft» gewann den Schweizer Buchpreis. Jonas Lüscher erhielt ausserdem u.a. den Hans-Fallada-Preis, den Prix Franz Hessel und den Max Frisch-Preis der Stadt Zürich. Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

«Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken», über «Der Zauberberg» von Thomas Mann (24)

Lieber Gallus, liebe Leser*innen, die sich noch nicht hinauf auf den Zauberberg trauten

Ähnlich dem «Berghof» in Davos mit seiner abgeschiedenen Atmosphäre las ich Thomas Manns Werk in luftiger Höhe über dem Vierwaldstättersee. Was für ein gewaltiges und nachhaltig wirkendes Buch. Ich bin tief beeindruckt und wunderbar angeregt, masse mir aber keineswegs an, diesen Roman vollumfänglich verstanden zu haben. Du hast dieses Buch noch nicht gelesen. Ich versuche, dir ein paar Eindrücke zu schreiben, gespickt mit Originaltexten. Kein einfaches Unternehmen!

Vor hundert Jahren vollendet ist dieser Roman top aktuell und unbedingt lesenswert. Über tausend Seiten! In einer sehr genauen, bildhaften, zuerst gewöhnungsbedürftigen Sprache geschrieben, mit tiefgreifenden Dialogen und teils märchenhaften Stellen. Wie Thomas Mann die Natur und die Menschen beschreibt, ist einzigartig. 

Neben ihm auf der Bank lag ein broschiertes Buch namens «Ocean steamships», worin er zu Anfang der Reise bisweilen studiert hatte; jetzt aber lag es vernachlässigt da, indes der hereinstreichende Atem der schwer keuchenden Lokomotive seinen Umschlag mit Kohlenpartikel verunreinigt.

Der gesunde Hans Castorp wird von diesem morbiden Sanatorium Milieu so beeinflusst, dass aus dem kurzen Besuch seines Vetters ein siebenjähriges Leben in der Horizontalen wird. Die Auseinandersetzung mit Krankheit, Mensch-Sein, Religion, Aufklärung, Politik und Liebe findet im sehr speziellen Mikrokosmos des «Berghofs» statt. Der Tod ist allgegenwärtig, begegnet Hans Castorp am ersten Tag, als er erfährt, dass im frisch für ihn zubereiteten Gästebett gestern eine Amerikanerin gestorben ist. Unzählige interessante Männer und Frauen werden geschildert, wie sie neben vorgeschriebenem Liegen, Temperaturmessen und Essen ihr Kranksein sehr unterschiedlich gestalten.

Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es lässt sich hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden, wir hier oben, das kann man sagen. Fünftausend Fuss hoch liegen wir auf unseren Stühlen, die auffallend bequem sind, und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und machen uns unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die Wahrheit sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl, verstehen Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und mich auf mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande all die Jahre her, das ist nicht zu leugnen. (Castorp)

Zwei Gestalten beeinflussen Hans Castorp besonders: Einerseits Ludovico Settembrini, Literat, der Vernunft und Freiheit als Leitmotiv für den Menschen sieht, andererseits Leo Naphta, ein kommunistischer Jesuit, der einen strengen Gottesstaat befürwortet, wo Gut und Böse klar getrennt sind. Gegen Ende des Romans gipfelt die Auseinandersetzung im Duell.

Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung da ist reiner Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit. Lao Tse lehrte, dass Nichtstun förderlicher sei als jedes Ding zwischen Himmel und Erde. Wenn alle Menschen aufgehört haben würden, zu tun, werde vollkommene Ruhe und Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre Beiwohnung. 

Wie oft habe ich Ihnen gesagt, dass man wissen sollte, was man ist, und denken, wie es einem zukommt! Sache des Abendländers, trotz aller Propositionen, ist die Vernunft, die Analyse, die Tat und der Fortschritt, – nicht das Faulbett des Mönchs. (Settembrini)

Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des europäischen Bodens! Man dankt ihnen, dass Deutschland, Frankreich und Italien nicht mit Wildwald und Ursümpfen bedeckt sind, sondern uns Korn, Obst und Wein bescheren! Die Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet.

Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck, das heisst Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin, die Welt zu fördern oder geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie war reine asketische Übung, Bestandteil der Bussendisziplin, Heilsmittel. Sie gewährte Schutz gegen das Fleisch, diente der Abtötung der Sinnlichkeit. (Naphta)

Und nun zur wichtigsten Frauenfigur:

Erstens fiel wieder die Glastüre zu, – es war beim Fisch. Hans Castorp zuckte erbittert und sagte dann im zornigen Eifer zu sich selbst, dass er unbedingt diesmal den Täter feststellen müsse. Natürlich ein Frauenzimmer! dachte er und murmelte es ausdrücklich vor sich hin, so dass die Lehrerin, Fräulein Engelhart, verstand, was er sagte. «Das ist Madame Chauchat», sagte sie, «Sie ist so lässig. Eine entzückende Frau». 

Diese Frau spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Hans Castorp. Sie erinnert ihn an einen Mitschüler, in den er verliebt war. Bei einem Fasnachtsanlass im Sanatorium, «Walpurgisnacht», erklärt er ihr seine Liebe, zu spät: Frau Chauchat reist anderntags ab. Sie ist verheiratet mit einem Mann in Dagestan, lebt aber ohne Bindungen völlig frei. Der lange Dialog zwischen beiden ist in französischer Sprache geschrieben.

Frau Chauchat kommt dann wieder ins Sanatorium, zur Enttäuschung von Hans Castorp nicht allein, sondern in Begleitung von Mynheer Peeperkorn, was ihn aber zwingt, sich mit diesem Genussmenschen auseinanderzusetzen.

Ein Winter war sehr sonnenarm, alle beklagten sich und viele wollten Schadenersatz (schon damals!). Ein neuer Apparat, die «Höhensonne» wurde angeschafft, da die zwei bisherigen nicht ausreichten. Im Original: «Mein Gott!» sagte Frau Schönfeld, indem sie den Enseigne de la Marine allemande gierig betrachtete, «wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!» – «Wart, Nixe!» flüsterte er im Lift an ihrem Ohr, sodass eine Gänsehaut sie überlief, «Sie werden mir büssen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!» Und über die Balkons, an den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den Weg zur Nixe…»

«Statt der Sonne gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen…Um zehn Uhr kam die Sonne als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit in die nichtig- unkenntliche Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte nachzeichnen können.» In Aufbruchstimmung verlässt Hans Castorp mit Schneeschuhen das «Berghaus», geht immer tiefer und weiter in die Bergwelt, gerät in einen lebensbedrohlichen Sturm, trinkt erschöpft in einer Hütte etwas Portwein, schläft sofort ein und träumt. Die verschiedenen mystischen Bilder des Traumes muss man gelesen haben. Hier wird der Roman märchenhaft und symbolisch. Am Ende des Traums will der Protagonist dem Tod keine Herrschaft über seine Gedanken mehr geben. Hans Castorp vergisst diesen Traum bald, dem Leser bleibt er aber unvergesslich. Dieses Kapitel «Schnee» ist für sich ein literarisches Highlight.

Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt formerhaltender Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von welchem der Prozess unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweissmolekel begleitet war. Es war das Sein des eigentlich Nicht-Sein-Könnenden…Es war nicht materiell, es war nicht Geist. Es war etwas zwischen beidem.

Der Roman endet mit dem Beginn des ersten Weltkriegs, wo Hans Castorp als freiwilliger Soldat ins Schlachtfeld zieht, wo Tausende sinnlos ihr Leben verlieren:

Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, liessen dich im Geiste überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal Liebe steigen?    

Zusammenfassend erfahren wir viel über: Woher wir kommen, wohin wir gehen, wer wir sind.

Mit diesen Gedanken und Text-Beispielen möchte ich dich zur Lektüre des «Zauberbergs» ermuntern. Ob ich der Empfehlung Thomas Manns folge, ist durchaus möglich: «Wer aber mit dem «Zauberberg» überhaupt einmal zu Ende gekommen ist, dem rate ich, ihn noch einmal zu lesen, denn seine besondere Machart, sein Charakter als Komposition bringt es mit sich, dass das Vergnügen des Lesers sich beim zweiten Mal erhöhen und vertiefen wird, – wie man ja auch Musik kennen muss, um sie richtig zu geniessen.» (Einführung des Autors für Studenten der Universität Princeton)

Ich bin gespannt, was du mir schreiben wirst!

Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Es beschämt mich etwas, dass ich Dir nicht meine Leseeindrücke schildern kann – vielleicht auch nicht will. Ich bin einer der Sorte Leser, die sich nur ganz selten an die Klassiker trauen und immer dann staunen, wenn andere mit klugen Verweisen zu den Grossen der Weltliteratur Bezug nehmen können, wenn ihnen eine Parallele zu Werken der Gegenwart auffällt. Die Liste der Klassiker, die ich nicht gelesen habe, ist unsäglich lang, schon jene, die ich mir noch zu lesen vorgenommen habe. Aber der Berg jener Bücher, die auf mich warten, wächst mit jedem Tag. Ich lese, was mir die Zeit in die Hände spült und sehe, was an Werken vor meiner Türe Schlange steht.

Von Thomas Mann las ich vor langer Zeit «Buddenbrooks», weil ich das Buch von meiner ehemaligen Herzensbuchhändlerin geschenkt bekam, ein am 5. August 1947 signiertes Exemplar, das Thomas Mann damals bei einem Besuch in Amriswil mit seiner Unterschrift markierte. Er war Gast des Schriftstellers Dino Larese (1914 – 2001), einem aus Italien stammenden Autors, der sich am Bodensee in Kreuzlingen zum Primarlehrer ausbilden liess und in genau jenem Schulzimmer in Amriswil unterrichtete, in dem ich seit einem Jahrzehnt unterrichte. Sie drückte mir damals das Buch mit den Worten in die Hand: Das ist bei dir besser aufgehoben. Ich las es unmittelbar danach und war fasziniert und schwer beeindruckt. In der Folge las ich noch «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull», ein Spätwerk Thomas Manns. Ein völlig planloses Lesen – zuerst das Frühwerk, mit dem Mann in den Himmel der Literaten stieg und dann ein Spätwerk, das Thomas Mann zwischen «Buddenbrooks» und «Der Zauberberg» begann und erst kurz vor seinem Tod vollendete.

In der Folge kaufte ich mir auch «Der Zauberberg», legte das Buch aber verwirrt und verunsichert wieder weg, liess es im Bücherregal stehen, bis man das Jahr 2025 zum Thomas-Mann-Jahr erklärte, den 150. Geburtstag noch immer feiert und mit allerlei Sekundärliteratur das Jubiläum flutet. Ich nahm das Buch wieder aus dem Regal, besuchte gar einen Vortrag des Mann-Kenners Dr. Philipp Theisohn, in der Hoffnung, die Tür zur damaligen Begeisterung würde sich wieder auftun. Mein Versuch, eine alte Liebe aufzufrischen, scheiterte. «Der Zauberberg» wanderte zurück ins Regal. Vielleicht fehlt es an meiner Geduld, meiner Reife, meiner Offenheit. Irgendwann versuche ich es noch einmal. Versprochen.

Danke für Deine Schilderungen der Reise auf den Zauberberg. Vielleicht buche ich einmal eine Woche im Hotel Schatzalp über Davos, das Thomas Mann Modell stand, als er «Der Zauberberg» schrieb. Vielleicht dann, mit Aussicht, Liegestuhl und einer Wolldecke auf meinen Beinen.

Liebgruss

Gallus