Mehr als 43 Gründe zu jubeln: Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad 2026 (31)

Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.

Lieber Bär

Das 30. Internationale Literaturfestival Leukerbad ist Geschichte. Für uns beide vier Tage eingetaucht in Literatur, Begegnungen, Freundschaft, Auseinandersetzung, Konfrontation, Genuss und Leidenschaft. Das Festival scheint den Wechsel im Führungsduo gut gemeistert zu haben. Programmleiter Stephan Bader hielt sich in vielem an gewachsene Traditionen, behielt die gute Mischung von grossen und kleinen Namen, wählte für Gesprächsrunden über die Brennpunkte internationaler Konflikte Stimmen, die nicht nur etwas zu sagen hatten, sondern ihre Voten auch mit der nötigen Vehemenz einbringen konnten. Einer der Höhepunkte dabei war mit Sicherheit das Gespräch zwischen der tschechischen Grossmeisterin der Literatur Radka Denemarková und Robert Menasse, dem kritischen Europäer und unermüdlichen Kämpfer für die Zukunft einer europäischen Gemeinschaft, bei der es um weit mehr geht als wirtschaftliche Interessen. Geleitet wurde das leidenschaftliche Gespräch vom Büchner-Preisträger Lukas Bärfuss, der an diesem Festival auch seinen Roman „Die Königin der Nacht“ vorstellte, genauso wie Radka Denemarková ihren Roman „Schokoladenblut“, einen breit angelegten Epos, der das 19. Jahrhundert zum eigentlichen Protagonisten macht, und Robert Manesse seine Novelle „Die Lebensentscheidung“, ein weiteres Buch, dass eine Familie im Schmelztiegel Europa kochen lässt.

Erstaunlich war die Tatsache, dass das Festival seinen 30. Geburtstag feierte und man kaum etwas davon wahrnehmen konnte. Da waren ein paar Plakate im gedruckten Programm des Festivals und die immer länger werdende Liste all jener, die schon Gast am Literaturfestival waren – mehr nicht. Das Internationale Literaturfestival Leukerbad ist längst zur unverzichtbaren Institution geworden, Wirkpunkt einer der Welt und ihren grossen Fragen zugewandter Veranstaltung mit Ausstrahlung weit über die Landesgrenzen hinaus. Aber keine abgeschotteten Gespräche des Geld- und Politadels. Wie kaum eine andere Kunstgattung schafft es die Literatur, jene Themen aktiv anzugehen, die die Welt beschäftigen. Sie stellt Fragen – und manchmal ist die Absicht, sich diesen Fragen zu stellen, schon fast die Antwort, denn nur dann öffnen sich Türen zu offenen Räumen.

Ich bin neugierig auf deine Höhepunkte aus Leukerbad.

Du bliebst noch eine Nacht länger, hast das Festival ausklingen lassen, nicht so wie ich, der in einem proppenvollen Zug nach Hause fahren musste.

Liebgruss
Gallus

Grosse Themen im James Baldwin Zelt © Sophie Tichonenko

Lieber Gallus

Auch ich schätze in Leukerbad persönliche Begegnungen und den oft spontanen Austausch mit internationalen und schweizerischen AutorInnen. Besonders bei Lesungen an den verschiedenen Orten draussen wie auch bei Spaziergängen durchs Dorf oder kleinen Wanderungen in der Umgebung. Vom 30jährigen Jubiläum habe ich ebenfalls kaum etwas wahrgenommen. Es war für mich einfach ein weiteres, gelungenes und motivierendes Literaturfestival.

Dieses Jahr war das Wetter sehr heiss und hochsommerlich, Schattenplätze waren gesucht. So auch bei der jährlich stattfindenden Literarischen Wanderung, dieses Jahr mit Odilo Abgottspon’s «Die Titscha» und Franziska Füchsl’s «Am Rande der Müh». Einerseits Abgottspons Roman über Ausgrenzung, Mühsal, Zusammenhalt in einem Walliser Dorf, andererseits die sehr poetischen, zum Blätterrauschen im Wind passenden Auszüge aus dem Buch der jungen Autorin über die Beziehung Mensch-Natur-Umwelt liessen mich sofort in die Welt der Literatur eintauchen.

«Es fehlen die Begründungen, doch diese Bäume sollen uns von etwas überzeugen. Und ich kann nicht aufhören, wieder und wieder vor sie hinzutreten, sie mir anzuschauen und dann für alles erdenklich andere zu halten.»   Franziska Füchsl

Anderntags, vor und nach dem Marsch durch die kühle Dala-Schlucht (der Autor musste wegen Schwindel den Schluchtweg umgehen), wurde ich unmittelbar ins hintere Safiental versetzt, wo ich sowohl im Sommer wie auch im Winter auf Touren schon unterwegs war. Die oberhalb des Turra-Hauses gelegene Alp Falätscha gab dem Kriminalroman den Titel. Der Untertitel «Vom Schweigen in den Bergen» charakterisiert die eigenwillige Bevölkerung dieser Talschaft. Kommissar Jon Calonder begegnet bei der Aufklärung eines bald verjährten Mordes stummen Zeugen und muss erkennen, dass sich die Grenzen zwischen Opfer und Täter zunehmend verwischen.

Ganz anders erlebte ich Lídia Jorge, eine 80jährige portugiesische Autorin mit unglaublich frischer Ausstrahlung. Nach vielen Romanen hat sie mit «Erbarmen» ein sehr persönliches Buch geschrieben. In inneren Monologen erfahren wir von einer Mutter, die im Rollstuhl in einem Altenheim «Hotel Paraíso» lebt, wo sie um Würde und Selbstbehauptung kämpft, dies in poetischer Sprache und mit Empathie. Auch die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter kommt ins Spiel. Das sehr ansprechend gestaltete Buch aus dem Secession Verlag verspricht eine literarisch anspruchsvolle Lektüre.

«So beschränkt die Möglichkeiten meines Körpers auch sind, mein Geist kennt bislang wahrlich kein Gefängnis. Dies ist mein Zuhause, aber die Welt draussen ist eigentlich mein Raum … Selbst umgeben von diesen Mauern, weiss ich bislang noch immer, wie sich der Frühling dort draussen ankündigt. Aber ich erlebe die Veränderung nicht selbst, deshalb vermittelt mir die Erinnerung dieser Ereignisse ein Gefühl der Entfernung zwischen meinem Gedächtnis und den Tatsachen. Dennoch gebe ich nicht auf.»

Du hast mir das Buch «Die Routinen» von Son Lewandowski geschenkt, einer mir unbekannten jungen deutschen Autorin, die auch in Leukerbad las. Dieser Roman befasst sich mit der harten Welt der Leistungsturnerinnen, unter anderem mit der Rumänin Nadia Elena Comăneci und ihrem Trainer Béla Károlyi, die als 14jährige 1976 mehrere olympische Goldmedaillen gewann. Noch vor den Spielen schrieben die Turnerinnen an Ceausescu: «Wir möchten, dass dieser Mann, bei dem wir nichts sagen dürfen, uns nicht mehr trainiert». Natürlich bekamen sie keine Antwort. Neben vielen dokumentierten Abschnitten über die grausam harten Trainings vor den Wettkämpfen, erzählt die Autorin fiktiv von einer älteren Turnerin Amik, die ihre verunfallte jüngere Kollegin Izzy unterstützt. So gelingt ihr ein eindrückliches Debüt von literarischer Qualität.

«Wir werden gelockt, wir werden entführt, werden manipuliert und sediert. Wie viel ist ein Mädchen wert? Wie viel ist eine Frau wert? Wer von euch kann denn nun ein Rad und wer wird sich morgen noch an uns erinnern?» 

«Anerkennung ist eine entfernte Umarmung. Son Lewandowski

Ankunft der Velotour in Leukerbad, angeführt vom Schriftsteller Urs Mannhart © Sophie Tichonenko

Als krönenden Abschluss besuchte ich wie du am Sonntagmorgen «Perspektiven: Wo steht Europa?» mit Robert Menasse (Österreich) und Radka Denemarková (Tschechien), moderiert von Lukas Bärfuss. Seit Jahren sind «Perspektiven» ein unverzichtbarer Bestandteil des Festivals, wo interessante und anregende Diskussionen über Politik, Zeitgeschehen im Zusammenhang mit Literatur stattfinden. Insgesamt sind die Lage und Zukunft von Europa eher düster. Hoffnung besteht, wenn wir gemäss Menasse Demokratie nicht als fixe Entität, sondern als Prozess verstehen. Die meisten Regierungschefs hätten aber keine überzeugende Vision, sondern festigen nur ihre persönliche Macht. Nationalismus ist wieder vorherrschend in Europa. Die nachnationale Demokratie muss diskutiert, es muss nach Lösungen gerungen werden. Denemarková betonte, dass Osteuropa sich 1989 mit Minderwertigkeitsgefühl und der Westen mit Hochmut begegnet seien. Leider fehle eine herausragende visionäre Persönlichkeit, die Europa in eine erfolgreiche Zukunft führen könne. Im Vordergrund steht die Konsumgesellschaft, nicht der Kampf um eine bessere Zukunft, um Demokratie, der Osten sei «Schreckliches» leider gewohnt. Bärfuss – gut vorbereitet – wies auf die letzten Bücher der beiden hin und moderierte gekonnt die anspruchsvolle Diskussion.

Neben weiteren Anlässen waren die Gespräche beim Essen und zwischendurch mit Freunden und Literaturbegeisterten sehr bereichernd. 

Am Sonntagnachmittag genoss ich eine vierstündige Wanderung zur Flüe-Kapelle bei mittäglicher Hitze. Trotzdem musste ich noch einige Schneefelder überqueren und später benetzte ein leichter Regen die leuchtende Alpenblumenpracht. So habe ich das 30. Literaturfestival in der sommerlichen Natur ausklingen lassen.

Herzlich

Bär

Monika Maron «Die Katze», Hoffman & Campe

Von Katzenhaltung zu sprechen, wird den meisten Beziehungen zwischen Katze und Mensch nicht gerecht. Wie kein anderes Tier schaffte es die Katze, trotz ihrer Eigenwilligkeit, Synonym für Wohlbefinden, Nähe und Zweisamkeit zu werden. Dass sich die Begegnung mit einer Katze aber auch zum Alptraum auswachsen kann, davon erzählt Monika Maron, eine der ganz Grossen der Deuschen Literatur.

Vielleicht ist es genau diese Eigenwilligkeit, die die Katze zu einem Kuscheltier macht. Man muss sich ihre Zuwendung verdienen. Katzen haben nichts von hündischer Ergebenheit. Und weil Katzen ihre Reinlichkeit ganz offen demonstrieren und damit ihren Jagdinstinkt zu kaschieren verstehen, wird die Katze, obwohl ursprünglich Raubtier, zum Kuschelprototypen. Dass Monika Maron keine Katzenhalterin ist, sondern seit Jahren begleitet von einem Hund, verwundert mich nicht. Zwei prägnante, eigenwillige Individuen unter gleichem Dach? Aber weil Monika Maron, oder zumindest die Erzählerin in diesem schmalen, schmucken Buch, ein Herz für Tiere hat, erweicht sie der Anblick einer räudigen Katze am Strassenrand, kurz vor einer Reise nach Budapest. Die nimmt sie mit nach Hause, tut alles, dass es der Katze wieder besser geht, unterschätzt aber die Eifersucht ihres Hundes. Und so kommt es, wie es kommen muss. Nur dass der Biss weder die Katze noch den Hund erwischt, sondern die Erzählerin.

Monika MAron «Die Katze», Hoffmann und Campe, 2024, 64 Seiten, CHF ca. 24.90, ISBN 978-3-455-01884-4

Wird man so für seine Fürsorge, seine Hingabe, die Hilfe, die Liebe belohnt? Ob dieses Buch auch eine Zustandsbeschreibung für die Trennung des ehemaligen „Heimatverlags“ S. Fischer nach 40 Jahren Veröffentlichungen mit der Autorin ist, weil sie bei einem rechtsnahen Verlag ein Essay veröffentlichte, weiss ich nicht, lässt dies aber im Hintergrund vermuten. Monika Maron war und ist eine eigenwillige Schriftstellerin, eine die polarisiert und sich mit ihrer eigenen Meinung nicht zurückhält, einer Meinung, die durchaus kontrovers und sperrig ist. Aber man kann die Erzählung auch einfach als Parabel lesen, wie schnell sich eine gute Absicht gegen einem selbst wenden kann. Raubtier bleibt Raubtier.

Gebissen, verwundet, mit wenigen Handgriffen verarztet macht sich die Erzählerin auf den Weg nach Budapest, auch wenn sie schon auf dem Flughafen und noch mehr im Flugzeug spürt, dass sich die Entscheidung, den Biss auf die leichte Schulter zu nehmen, rächt. In Budapest angekommen, eingespannt in Termine, beginnt ein Amoklauf der Bakterien im Körper der Autorin. Ihr Zustand verschlechtert sich zusehends. Und obwohl ihr eine fürsogliche Begleitung zur Seite steht, wird aus dem Spiessrutenlauf zwischen Ärzten und Terminen ein Kampf bis ganz nahe an die Katastrophe.

Klar liest man jedes neue Bücher dieser Autorin nach Zeichen jener Trennung, nach Ursachen und Wirkungen. Monika Maron wollte vielleicht auch bloss eine gute Geschichte erzählen, was ihr unzweifelhaft gelungen ist, sowohl handwerklich wie sprachlich. Ob ich als Leser dieser Geschichte nun die eine oder andere Bedeutungsebene unterschiebe, bleibt Leserinnen und Lesern überlassen. Aber ich traue der Autorin viel mehr zu. Auf jeden Fall hat die Erzählung Biss!

Interview

Man kann ihre Erzählung einfach als gute Geschichte lesen, weil jeder weiss, wie schnell sich eine gute Absicht in eine verfahrene Geschichte auswachsen kann. Das sind Geschichten, die Resonanz, durch eigene Erfahrung genügend Bestätigung finden. Dass die eigenwillige Schriftstellerin beinahe durch eine eigenwillige Katze ausgebremst wird, ist Stoff genug. Was entscheidet, ob ein Text zu einem Buch wird?
Geschichten mit katastrophalem Potenzial, die aber gut ausgehen, offenbaren nachträglich ja auch ihre Komik. Man erzählt sie natürlich seinen Freunden, und mit dem wiederholten Erzählen verdichten sie sich und man selbst entdeckt dahinter Zusammenhänge und Zeichen, an die man, während man es erlebt hat, gar nicht gedacht hat. Und irgendwann sagt dann jemand: die Geschichte solltest du eigentlich schreiben. Und dann schreibe ich sie, so war das mit Bonnie Propeller und mit der Katze auch. 

Gebissen, verwundet, mit wenigen Handgriffen verarztet macht sich die Erzählerin auf den Weg nach Budapest. Es beginnt ein Spiessrutenlauf zwischen Ärzten und Terminen bis zur drohenden Katastrophe. Bei uns in der Schweiz nennt man eine Katze „Büsi“, noch etwas niedlicher als in Deutschland „Schmusekatze“. Die Verkörperung der scheinbaren Harmlosigkeit beisst. Eine Metapher?
Nein, bestimmt nicht. Außerdem war diese Katze ja überhaupt nicht bösartig. Das war einfach ein Unfall. Die Katze wollte sich gegen den wütenden Hund verteidigen und traf versehentlich meine Hand.

Vor ein paar Jahren veröffentlichten Sie die Erzählung „Bonnie Propeller“, eine Liebeserklärung an den verstorbenen Hund und die Erklärung dafür, einen „Neuen“ anzuschaffen. So gross die Liebeserklärung an Bonnie Propeller, so gross die Ernüchterung darüber, was die Eifersucht seines Nachfolgers auslösen kann. Sie zählen zu den bedeutensten Schriftstellerinnen der Deutschen Gegenwartsliteratur, seit bald 45 Jahre, seit ihrem Debüt „Flugasche“. Die beiden Erzählungen sind aber nicht einfach die Hinwendung zum Kleinräumigen. Wir leben in einem Klima des überhöhten Harmoniebedarfs. Streiten ist keine Fähigkeit mehr. Die Katze beisst, das wars. Wie weit steckt Gesellschaftskritik in dieser Erzählung?
Das hieße, dieser Erzählung zu viel aufzuladen. Natürlich spielt sie nicht im luftleeren Raum, ich war nicht nur einfach in Budapest, sondern war eingeladen vom Matthias-Corvinus-Collegium, das oft als Orbans Kaderschmiede bezeichnet wird, das ich aber als eine großzügige Bildungsstätte mit offenem Meinungsstreit erlebt habe, was in der Geschichte auch vorkommt wie kleine Erinnerungen an Vergangenes oder Beobachtungen am Rande. Einen überhöhten Harmoniebedarf in der Gesellschaft erkenne ich eigentlich nicht, eher das Bedürfnis nach ergebnisoffenem Streit ohne Diffamierungen und Verdächtigungen. Die Katze hat damit nichts zu tun. Sie wollte sich verteidigen, das ist ihr Recht.

Nach 40 Jahren kündigte S. Fischer die Partnerschaft mit ihnen, weil sie kein Blatt vor den Mund nehmen. Steckt in dieser Erzählung auch der Schmerz über jenen Biss?
Oh Gott, nein. Ich fühle mich bei Hoffmann und Campe gut aufgehoben. 

Sie schreiben Den Katzenbiss interpretiere ich als eine Mahnung und eine Vorbereitung auf meine möglich Zukunft und nahm mir vor, mich in Sanftmut und Freundlichkeit zu üben. Beobachtet man die aktuellen Debatten auf politischer und gesellschaftlicher Ebene, wären das doch durchaus allgemeingültige Tugenden, die man sich vornehmen müsste. Gelingt es ihnen?
Sanftmut und Freundlichkeit in politischen Debatten halte ich für unangemessen. Da geht es eher um die Bereitschaft, andere Meinungen ernst zu nehmen und zu ertragen, auch wenn sie scharf und provozierend geäußert werden und den eigenen Positionen extrem widersprechen. Mir ging es um die Demut gegenüber der eigenen Sterblichkeit und ihren kränkenden Vorboten, womit ich zum ersten Mal leibhaftig konfrontiert war. 

Monika Maron, geboren 1941 in Berlin, ist eine der bedeutendsten
Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie wuchs in der DDR auf, übersiedelte 1988 in die Bundesrepublik nach Hamburg und lebt seit 1993 wieder in Berlin. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane und mehrere Essaybände. Ausgezeichnet wurde sie mit zahlreichen Preisen, darunter der Kleistpreis (1992) und der Deutsche Nationalpreis (2009).

weitere Besprechungen auf literaturblatt.ch zu Büchern von Monika Maron

Beitragsbild © Jonas Maron

Lesekreis Literaturhaus St. Gallen „Gegenwartsliteratur“

Der Lesekreis! Mindestens 2 Bücher, 5 Abende, maximal 12 Teilnehmerinnen oder Teilnehmer, jeweils von 19 bis 21 Uhr in St. Gallen, bei Wein und Knabberzeug und mit der einmaligen Gelegenheit, die ausgewählten Schriftstellerin und Schriftsteller persönlich kennenzulernen.

Anmeldungen direkt an literaturhaus@wyborada.ch

17. September (Bitte bis Seite 98 in «Die Ränder der Welt» lesen!)
22. Oktober
12. November (im Gespräch mit Jens Steiner)
10. Dezember
7. Januar (im Gespräch mit Rebekka Salm)

Dieser Lesekreis ist ein ganz besonderer! Nicht nur dass wir uns im Gespräch ganz intensiv an mehreren Abenden mit den Romanen zweier Schweizer Schriftsteller der Gegenwart beschäftigen. An zwei der fünf Abenden besuchen uns die jeweiligen Autoren der gelesenen Bücher und ermöglichen so einen ganz speziellen Einblick in das Werk dieser Künstler. Diese Begegnungen bei einem Glas Wein eröffnen Gespräche weit über die Bücher hinaus!

Jens Steiner (1975), studierte Germanistik und Philosophie in Zürich und Genf. Sein erster Roman »Hasenleben« erschien 2011 und stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 2013 gewann er mit „Carambole“ den Schweizer Buchpreis und stand erneut auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Es folgten die Romane „Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit“, „Mein Leben als Hoffnungsträger“ und „Ameisen unterm Brennglas“. Jens Steiner lebt heute als Schriftsteller und Journalist in der französischen Region Burgund

Die Ränder der Welt: Als Sohn estnischer Auswanderer wächst Kristian im Basel der Nachkriegszeit auf und freundet sich mit dem Nachbarsjungen Mikkel an. Mikkel rotiert wie ein Kreisel durchs Leben und macht sich, kaum erwachsen, auf nach Dänemark, wo er sich einer Gruppe junger Künstler anschließt. Und Kristian bald nachholt. Auch Kristian findet in Dänemark Inspiration für seine Bildhauerei. Aber dann schlägt Mikkel sein Leben aus den Fugen, indem er eine Affäre mit Kristians großer Liebe Selma beginnt.
Die Wut jagt Kristian durch die Welt, bis ins ferne Patagonien, wo er neu anfangen kann. Erst viele Jahre später reist Kristian wieder zurück nach Europa und erhält einen mysteriösen Brief, der ihn auf die kleine Fähre nach Christansø schickt…

„Statt geschmeidig den Markt zu bedienen, folgt Steiner als Autor seinen eigenen Interessen: mit einer gewissen Sturheit, aber auch mit Witz und sprachlichem Eigensinn.“ Bettina Kugler, St. Galler Tagblatt

Rebekka Salm (1979), wohnhaft in Olten, studierte Islamwissenschaften und Geschichte in Basel und Bern, arbeitet als Texterin und Erwachsenenbildnerin im Migrationsbereich und ist Mutter einer Tochter. 2019 gewann sie den Schreibwettbewerb des Schweizer Schriftstellerwegs. Ihre Siegergeschichte ist im Buch „Das Schaukelpferd in Bichsels Garten“ (2021) erschienen. Bei Knapp erschien 2022 ihr vielbeachtetes Debüt „Die Dinge beim Namen“ und 2024 „Wie der Hase läuft“. 2023 erhielt sie von den Kantonen Baselland und Solothurn je den Förderpreis Literatur sowie von der Hans und Beatrice Maurer-Billeter-Stiftung den Förderpreis Dreitannen.

„Rebekka Salm hat ein absolut tolles Gefühl für Dramaturgie, Aufbau, Erzählökonomie. Sie schreibt gute Dialoge und hält wunderbar die Spannungsfäden zusammen bis zum Ende.“ Elke Heidenreich über das Debüt „Die Dinge beim Namen“

Wie der Hase läuft“: Amsterdam, 1943: In einer Bäckerei fällt ein Schuss, hinter dem Tresen stirbt ein junger Mann. Seine Witwe, fast noch ein Kind, flieht in die Schweiz. Fünfzig Jahre später verlässt im Basler Hinterland ein Familienvater Frau und Kind, in der gleichen Nacht liegt eine Frau zwischen zwei Dörfern tot am Strassenrand.
Jahrzehnte später begegnen Teresa und Mirco einander. Sie verlieben sich und versuchen sich an ihre Kindheit zu erinnern, die geprägt war von Verlust und Schweigen.
Mirco hat Angst, dass die Vergangenheit sich wiederholt, wenn man sie nicht ruhen lässt. Aber Teresa begibt sich auf Spurensuche und erschafft Stück für Stück ihre gemeinsame Geschichte.

«In ihrem neuen Roman entfaltet Rebekka Salm ein Panoptikum aus Geschichten und Erinnerungen zweier Familien, die sich nicht erinnern wollen – und die doch, ob’s ihnen gefällt oder nicht, Teil einer grossen Erzählung sind.»

Lesekreis „Gegenwartsliteratur“ im Literaturhaus St. Gallen – Rückblick und vielversprechender Ausblick

Überall gibt es sie – Lesekreise. Aber dieser eine in St. Gallen soll sich von allen anderen unterscheiden. Ein Begegnung mit Autorinnen und Autoren auf Tuchfühlung, im vergangenen Halbjahr mit Karl Rühmann und Mireille Zindel, im kommenden mit Rebekka Salm und Jens Steiner.

Der Lesekreis! Mindestens 2 Bücher, 5 Abende, maximal 12 Teilnehmerinnen oder Teilnehmer, jeweils von 19 bis 21 Uhr in St. Gallen, bei Wein und Knabberzeug und mit der einmaligen Gelegenheit, die ausgewählten Schriftstellerin und Schriftsteller persönlich kennenzulernen.

«Dienstagabend, sieben Uhr. Wir treffen uns im Bürgerratssaal des Stadthauses zur Abschlussdiskussion meines neuen Romans «Fest». Das heisst, Gallus holt mich am Bahnhof ab und spaziert mit mir durch die Innenstadt dorthin. Und so geht der Abend weiter: wärmend, nährend. Zwölf Teilnehmende des Lesezirkels, die sich in insgesamt drei Sitzungen eingehend mit «Fest» befasst haben, stossen in der Abschlussrunde auf mich. Ich erfahre, wie die Lektüre auf sie gewirkt hat, beantworte ihre Fragen und höre Dinge, die mich riesig freuen. Zum Beispiel, dass Ueli drei Monate lang kein anderes Buch lesen konnte, weil «Fest» ihn so sehr anging. Oder Dieter, der nach zwei Stunden ein Zitat aus dem Roman vorliest und das Gespräch so zu einem perfekten Abschluss bringt. Die direkte Begegnung mit Lesenden und das Gespräch mit ihnen ist äusserst wertvoll, nochmals ganz anders als bei Lesungen, intensiver, weil näher. Und es ist schön zu beobachten, wie sie das Buch – so scheint es – beinahe besser kennen als ich.» Mireille Zindel

Dieser Lesekreis ist ein ganz besonderer! Nicht nur dass wir uns im Gespräch ganz intensiv an mehreren Abenden mit den Romanen zweier Schweizer Schriftsteller der Gegenwart beschäftigen. An zwei der fünf Abenden besuchen uns die jeweiligen Autoren der gelesenen Bücher und ermöglichen so einen ganz speziellen Einblick in das Werk dieser Künstler. Diese Begegnungen bei einem Glas Wein eröffnen Gespräche weit über die Bücher hinaus!

Zwischen September 2024 und Januar 2025 werden dies an fünf weiteren Abenden Jens Steiner («Die Ränder der Welt«, Hoffmann & Campe) und Rebekka Salm («Wie der Hase läuft«, Knapp) sein.

Anmeldungen sind noch immer möglich. ➜ literaturhaus@wyborada.ch.

»Jens Steiner erzählt von einer lebenslangen Odyssee durch die Wirren der Zeit, auf der Suche nach einem Zuhause, nach Freundschaft und Liebe.« Gallus Frei, literaturblatt

«Rebekka Salm hat ein absolut tolles Gefühl für Dramaturgie, Aufbau, Erzählökonomie. Sie schreibt gute Dialoge und hält wunderbar die Spannungsfäden zusammen bis zum Ende.» Elke Heidenreich

Monika Maron «Das Haus», Hoffmann und Campe

Wie sehr wir uns einbilden, alles sei für eine Ewigkeit gemacht, sei es ein Leben, eine Liebe, eine Ehe, ein Zuhause. Monika Maron setzt in ihrem neuen Roman „Das Haus“ Menschen in ein neues Zuhause, Menschen, die alle spüren und wissen, dass das was kommt, endlich sein wird.

Eva hört bei Silvies achtundsechigsten Geburtstag von Katharinas Erbschaft, einem grossen Haus auf dem Land, das sie gerne zu einer Art Kommune für Freundinnen und Freunde herrichten möchte. Ein Landhaus mit grossem parkartigem Garten, alten Bäumen und einer Kapelle. Obwohl Eva im ersten Moment nichts von einer solchen Idee hält, wird alles anders, als man in der Stadtwohnung über ihr mit einem mehrmonatigen Umbau beginnt und Eva aus ihrer gewohnten Umgebung vertreibt. Und weil auf die Schnelle bei der aktuellen Wohnungssituation in Städten nichts zu finden ist, zieht Eva dann eben doch in Katharinas grossem Haus ein, allerdings nur „vorübergehend“. 

Monika Maron «Das Haus», Hoffmann und Campe, 2023, 240 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-455-01642-0

Eine Alterswohngemeinschaft. Eine ehemalige Buchhändlerin, ein von seiner Frau sitzengelassener Galerist, eine Tierärztin, ein angeschlagener Historiker mit seiner Ehefrau… lauter Menschen, die sich in ihrem neuen Zuhause ein Stück Zukunft mit neuer Perspektive erhoffen. Eva bleibt distanziert, so wie die Bewohner des Hauses bei meiner Lektüre seltsam distanziert bleiben. Eva geniesst die Ruhe, man gibt sich kultiviert, sitzt an lauen Abenden vor dem Haus bei einem Glas Wein oder im Raucherzimmer und diskutiert. Man speist am langen Tisch im grosszügigen Esszimmer, spaziert durch den Garten, durchs Dorf. Eine Idylle – bis Katharina, als ehemalige Tierärztin, einen Hund aufnimmt und es wegen einer angeblichen Hundehaarallergie der Ehefrau des Historikers zum ersten Mal Risse im filligranen Gefüge der Wohngemeinschaft gibt. Aber weil Katharina die Besitzerin des Hauses ist und sich alle davor fürchten, was ein Machtkampf auslösen könnte, scheint die Ruhe fürs erste zurückgekehrt, weil sich alle darum bemühen, den Vierbeiner nicht zu einem Stolperstein werden zu lassen.

„Simmt es, dass du auf Katharinas Gnadenhof gelandet bist?“

Irgendwann quartiert sich Alexander ins Gästezimmer der AltersWG ein. Ein Schriftsteller, Krimiautor. Mit jedem neuen Gast verändert sich das Klima in der Gemeinschaft, die sich alle nicht aus Freude am Experiment zusammenfanden, sondern wegen des Mangels umsetzbarer Alternativen. Alex ist ein scharfer Beobachter, der sich auch nicht scheut, Gespräche dorthin zu manövrieren, wo Ungemach droht. Eva spürt, wie der Haussegen zu kippen drohnt. Und als in der nahen Umgebung der Wald zu brennen beginnt, die sommerliche Hitze unerträglich wird und man die Dörfer in der Nähe evakuiert, entfernt sich die Stimmung im Haus immer mehr von Landhausidylle und Genussresidenz.
Erst recht, als eines Morgens ein Schrei die Stille im Haus zerreist. 

Monika Maron bläst nicht in die Glut des Zeitgeschehens, damit sich die Dramaturgie ihrer Geschichte entfacht. In ihrer unspektakulären Art des Erzählens bleibt das Geschehen in und um dieses Haus beinahe wattiert. Man diskutiert bei einem Glas Wein über Klimaveränderung und die zunehmende Gewalt in der Gesellschaft, über Extremismus und die drohenden Zeichen der Zeit. Aber man schenkt sich weiter Wein ein und versucht, bis in den letzten Augenblick zu geniessen, im Wissen darum, dass „die Welt brennt“. „Das Haus“ ist ein ganz und gar still erzählter Gesellschaftsroman, der mich deshalb schon „aus der Vergangenheit“ erzählt scheint, weil ausser dem Fernseher, an dem die Hausgemeinschaft allabendlich die Neuigkeiten entgegennimmt, nichts von dem ins Haus kommt, was die Gegenwart ausmacht; kein Mobilphone, kein Computer. Man liest Bücher. Man spricht miteinander. Man isst am langen Tisch, bei Kerzenlicht und leiser Musik. Es ist, als ob in diesem Buch betuliche Vergangenheit und bedrohliche Zukunft aufeinandertreffen.

Monika Maron, geboren 1941 in Berlin, ist eine der bedeutendsten
Schriftstellerinnen der Gegenwart. Sie wuchs in der DDR auf, übersiedelte 1988 in die Bundesrepublik nach Hamburg und lebt seit 1993 wieder in Berlin. Sie veröffentlichte zahlreiche Romane und mehrere Essaybände. Ausgezeichnet wurde sie mit zahlreichen Preisen, darunter der Kleistpreis (1992), der Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (2003), der Deutsche Nationalpreis (2009), der Lessing-Preis des Freistaats Sachsen (2011) und der Ida-Dehmel-Literaturpreis (2017).

Beitragsbild © Jonas Maron

Jens Steiner «Die Ränder der Welt», Hoffmann und Campe

Dass bei Jens Steiners neuestem Roman ein Zitat von Julio Cortázar voransteht, scheint Vorsatz und Programm. Nicht nur dass die Literatur selbst, die Kunst in diesem Werk eine Rolle spielt. Jens Steiners Roman bricht aus einer helvetischen Erzähltradition aus, nicht nur wegen seiner Schauplätze, auch im Gestus des Erzählens. Dieser Roman ist in vielerlei Hinsicht phantastisch.

Ein Roman eines Suchenden, über Freundschaft und Liebe, ein Familienroman, ein Abenteuerroman, ein Künstlerroman. Ein Roman der vom ganz Kleinen ins Grosse auf- und ausbricht, aus dem Mief der Kleinbürgerlichkeit ins Provisorische, Abenteuerliche, hinaus an die Ränder der Welt. Jens Steiner begibt sich auch sprachlich auf eine Abenteuerreise, eine Reise, die ich als Leser beeindruckt und ergriffen verfolge.

Kristian Aavik, noch während des letzten Weltkriegs geboren, ist der einzige Sohn estnischer Flüchtlinge, die im baslerischen Kleinhünigen nach einer schmerzhaften Flucht ein neues Leben zu beginnen versuchen. Sein Vater als Übersetzer, die Mutter in der Hoffnung, dereinst von ihren selbstentworfenen Schnittmustern für Kleider leben zu können. Lebensträume, die sich nie verwirklichen, ein Leben, dass sich mehr und mehr in sich selbst zurückzieht, auch das des noch jungen Kristian, der am liebsten in seiner Abgeschlossenheit liest. Estnische Wurzeln, die ein Leben lang nach Bedeutung pochen, erst recht darum, weil ihr Herkunftsland hinter dem eisernen Vorhang abgeriegelt ist.

Jens Steiner «Die Ränder der Welt», Hoffmann und Campe, 2024, 304 Seiten, CHF ca. 34.00, ISBN 978-3-455-01710-6

Kristian ist aber nicht nur von der Geschichte seiner Herkunft gezeichnet, der Enge der kleinen Wohnung, der Schwermut seines Vaters. An seiner linken Hand zählt man sechs Finger. Eine Anomalie, bei der Grossvater bei der Geburt zur sofortigen Amputation rät, der Vater sich aber widersetzt, eine Sonderbarkeit, die ihn als Kind zum Aussenseiter macht. Einziger Freund in dieser Zeit wird der fahrige Mikkel Jacobsen. Im Schutz seiner Freundschaft, eine Freundschaft zwischen Faszination und Abstossung, eine Freundschaft, die Kristian sein ganzes Leben begleitet, auch in den Jahren, in denen sich die beiden aus den Augen verlieren, auch nach Zerwürfnissen, die sich tief in die Biographien eingraben.

Nach dem Versuch, in Basel eine Ausbildung zum Bildhauer zu absolvieren, einer Reise nach Paris, die eigentlich der Beginn eines Künstlerlebens hätte werden sollen, bricht Kristian endgültig aus und folgt der Einladung seines Freundes Mikkel nach Kopenhagen in seine Wohngemeinschaft. Kristian macht sich auf die Reise, mit der Absicht, dort dänische Literatur zu studieren. Aber in jener Wohnung, die zum Schmelztiegel dessen geworden ist, was sich später zur Freistadt Christiana auswachsen würde, verliert sich der noch junge Kristian, bis er über den Dächern Kopenhagens Selma Olsen kennen und lieben lernt, eine Vertriebene und Getriebene wie er selbst. Selma stammt aus Grönland, hatte jene Vergangenheit zurückgelassen, so wie er die seine. Sie heiraten, eine Liebe mit einem grossen Versprechen, bis es erneut Mikkel ist, der einen Keil in das schlägt, was für Kristian zu Heimat wurde, in eine Welt, die endlich festigte, was bisher nur Ahnung war.

Kristian flieht erneut, über Italien bis in das von einer Militärchunta regierte Argentinien, wo er mit einer fremden Identität ganz im Süden eine neue Existenz aufzubauen versucht, ein neues Leben, abgenabelt von seinen Geschichten. Er glaubt ein Zuhause gefunden zu haben und spürt doch, dass ihn nicht loslässt, was ihm schon ein ganzes Leben Unruhe in seine Seele bläst.

Jens Steiner schildert Kristians letzte Reise auf eine Insel. Kristians Geschichte in Rückblenden sind die Schritte zurück zu jenem Mann, der ihn in seinem Leben gleichermassen hinzog wie wegstiess. Nach Jahrzehnten der Trennung macht sich Kristian auf zu Mikkel, der ein ganz anderer geworden ist. Kristians letzte Flucht ist sein endgültiges Ankommen, eine Versöhnung mit seinem Freund gleichermassen wie mit seiner Geschichte. Jens Steiner erzählt von einer lebenslangen Odyssee durch die Wirren der Zeit, auf der Suche nach einem Zuhause, nach Freundschaft und Liebe. Was Jens Steiner mit seinem Roman gelingt, gelingt nur wenigen in der hiesigen Literaturszene. Nichts an diesem Buch riecht nach Kleinräumigkeit, Selbstreflexion und Biederkeit, selbst dann, wenn es diese beschreibt. Und doch evoziert Jens Steiners Buch genau jene Fragen, um die sich ein ganzes Leben unentwegt drehen kann: Worher kommen wir? Wo ist mein Platz? Wohin soll es gehen?

Bücher wie „Die Ränder der Welt“ machen glücklich.

Jens Steiner, geboren 1975, studierte Germanistik und Philosophie in Zürich und Genf. Sein erster Roman «Hasenleben» erschien 2011 und stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. 2013 gewann er mit «Carambole» den Schweizer Buchpreis und stand erneut auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Es folgten die Romane «Junger Mann mit unauffälliger Vergangenheit», «Mein Leben als Hoffnungsträger» und «Ameisen unterm Brennglas«. Jens Steiner lebt heute als Schriftsteller und Journalist in der französischen Region Burgund.

«Das Gleichgewicht der Welt» Kurzgeschichte von Jens Steiner auf der Plattform Gegenzauber

Webseite des Autors

Beitragsbild © privat

«Du wirst nie wissen, was Kunst ist. Manchmal ist sie eine Luke zur Welt, manchmal ein Ausweg. Und manchmal ist sie einfach nur eine grosse Lüge» (3)

Lieber Gallus

Soeben habe ich Jens Steiners «Die Ränder der Welt» fertiggelesen.

«Dieses Ich, so nah und unausweichlich. Du kannst dich nicht daran vorbeilügen, du bist ich, und so stehe ich jetzt auf von meinem Stein, drehe mich um und blicke zurück aufs Land»

Zurückblicken auf ein Leben vor der letzten entscheidenden Begegnung mit seinem Freund: Ich bin tief berührt, begeistert, nachdenklich und angeregt nach dieser Lektüre. Mit anderen Worten: Ich lege diese eindrückliche Suche, dieses Werk voll Liebe und Leiden, Verzweiflung und auch Versöhnung, voller Fragen nach dem Sinn des Lebens, auch der Kunst, bereichert und glücklich zur Seite. Eine klare, sehr bildhafte Sprache mit Witz und Humor zeichnet dieses Buch aus. Kristian hofft auf seiner Reise durch viele Länder und mit wechselnder Beziehung zu seinem Freund Mikkel seit Kindertagen, angeregt durch einen Brief von ihm, auf der dänischen Insel Christianso endlich bei sich anzukommen. Die Auseinandersetzung mit bildender Kunst und das Bearbeiten Kristians von Stein und Fels sind Bilder, die bleiben.

«Du wirst nie wissen, was Kunst ist. Manchmal ist sie eine Luke zur Welt, manchmal ein Ausweg. Und manchmal ist sie einfach nur eine grosse Lüge»

Ich bin gespannt auf deine Meinung zu diesem lesenswerten Buch.

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Eben habe ich „Die Ränder der Welt“ beiseite gelegt, zumindest haptisch, denn das Buch wird mich zu meiner grossen Freude noch weiterbegleiten. Ich werde es nicht gleich ins Regal schieben zwischen die anderen Perlen aus seiner „Feder“, so wie man nach einem besonderen Stück Leben nicht einfach in die Mühlen des Alltag zurückkehren will.

Manchmal fühle ich mich als Leser Zeuge von etwas Besonderem. Schon sein Romandebüt „Hasenleben“ gewann meine Aufmerksamkeit. Auf meinem dritten Literaturblatt schrieb ich über jenen Roman: „Man ist den ProtagonistInnen ganz nah, bleibt ein Buch lang und darüner hinaus bei ihnen, fühlt mit. Die eigentliche Katastrophe ist die Summe vieler kleiner Katastrophen. Was darauf folgt, schmerzt, zerreist, fügt tiefe Wunden zu.“ „Hasenleben“ gefiel nicht nur mir. Das Debüt schaffte es gar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises. „Carambol“, Jens Steiners Zweitling, glänzte dann endlich auch mit Preisen, nicht zuletzt mit dem Schweizer Buchpreis 2013. Mit diesem Buch war Jens Steiner Gast einer meiner traditionellen Hauslesungen in Amriswil. Seither sind weitere Romane dazugekommen, solche für Kinder und Erwachsene, Romane, die die Vielschichtigkeit des Autors wiederspiegeln und seine Lust, stets neues Terrain zu erkunden.

Jens Steiner «Die Ränder der Welt», Hoffmann und Campe, 2024, 304 Seiten, CHF ca. 34.00, ISBN 978-3-455-01710-6

Sein neuster Roman „Die Ränder der Welt“, im Frühling bei Hoffmann und Campe erschienen, ist die Geschichte eines Mannes, der die Nabe seines Lebens sucht und dabei, wie im Titel, an die Ränder der Welt gerät, und das ist nicht nur geographisch gemeint. „Die Ränder der Welt“ ist die Reise eines Mannes ins Epizentrum seines Lebens, eine Reise von Kleinhüningen, über Paris nach Kopenhagen, von Italien bis nach Patagonien, die keine dänische Insel Christianso immer immer wieder nach Estland, wenn auch nur im Herzen. Die Reise eines Suchenden. Ein Roman, der meines Erachtens so gar nicht helvetisch erzählt, sondern mit fast südamerikanischem Gestus, ohne diesen kopieren zu wollen. Ein Roman, der mich ungeheuer mitnahm, inspirierte, manchmal gar belehrte, in gutem Sinne, und während Tagen nicht mehr losliess.

Jens Steiner ist seit vielen Jahren Redaktor der Zeitschrift „Kunst und Stein“, dem Verbandsorgan der Schweizer Bildhauer und Steinmetze. Jens Steiner hat dänische Wurzeln, lebte einige Jahre in Flensburg und heute im Burgund. Er erzählte mir einmal, als er noch in Zürich lebte, seine Schreibklause sei damals bloss wenige Quadratmeter gross gewesen. Jens Steiner öffnet die Welt, vom Kleinen ins Grosse, er fokussiert und schweift mit dem suchenden Blick in die Weite. Sein Tun ist Aufforderung!

Liebe Grüsse

Gallus

Constantin Schreiber «Die Kandidatin», Hoffmann und Campe

Wenn sich ein Roman in meine Träume schleicht, wenn er mich auch tagsüber nicht loslässt, dann muss etwas bei der Lektüre passiert sein. Constantin Schreibers Roman „Die Kandidatin“ schlägt einem ins Gesicht, lässt mich ratlos, in einer Mischung zwischen Faszination und Ernüchterung zurück. Ein Leseerlebnis aber ist er mit Sicherheit.

Sabah Hussein ist vierundvierzig und Kanzlerkandidatin. Sie steht, wetzt, redet, networkt und reist vor den Wahlen, ist kurz davor das zu erreichen, was in einem Deutschland in naher Zukunft mehr und mehr logische Konsequenz wird. Sabah Hussein ist politisches Programm in Person. Ihre Eltern flohen aus Syrien, das in Krieg und Elend versank. Sabah kam in einem libanesischen Flüchtlingslager zur Welt, verbrachte die ersten sechs Lebensjahre dort, kam mit ihrer Familie über die Balkanroute nach Deutschland in eine Flüchtlingsunterkunft, fing mit acht an, Deutsch zu lernen, übersprang eine Schulklasse und begann sich früh in Gesellschaft und Politik zu engagieren, wurde Mitglied der ÖP, der „Ökopartei“ und als Sinnbild und Identivikationsfigur schnell zu einem grossen politischen Versprechen. Bis klar wurde, dass die nächste Kanzlerin feministisch, divers und moslemisch sein musste.

Constantin Schreiber «Die Kandidatin», Hoffmann und Campe, 2021, 208 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-455-01064-0

Während auf der grossen politischen Bühne China mit seiner aggressiven Wirtschaft und Politik sämtliche Systeme unterwandert, nichts mehr ohne den unzähmbaren Riesen im fernen Osten geht, Taiwan annektiert und von China überrannt wird und nichts im Internet mehr ohne den Riesen geht, rotten sich im Deutschland der Zukunft die Extreme auf den Strassen zusammen, schreien von rechts und von links, wüten wüste Strassenschlachten unter den Augen einer staatlichen Polizei, die  sich immer mehr im Einfluss rechter Kräfte verstrickt. Sabah Hussein weiss, dass sie all jene auf ihrer Seite hat, die sich weltoffen, antikapitalistisch, feministisch und antirassistisch heissen. Und seit in jenem Deutschland alle Sechszehnjährigen, auch jene mit Aufenthaltsstatus wählen dürfen, dafür die über Siebzigjährigen nicht mehr, scheint einem Wahlsieg der linken Kandidatin nichts mehr im Weg zu stehen.

Das spüren auch all jene, die mit der Politik Sabah Husseins nichts anfangen können, allen voran den Rechten und Ultrarechten, die sich nicht nur im Netz, sondern auch ganz offen nicht nur verbal bewaffnen und die Kanzlerkandidatin mit allen Mitteln in den Dreck zu ziehen zu diffamieren versuchen. Allen voran Jonas Klagenfurt, der mit anderen für das Boulevard-Magazin AKUT schreibt, einer Onlineplattform für Rechte und Rechtsextreme. Unabhängige, gedruckte Medien gibt es keine mehr. Meinungsbildung machen Blogger, YouTuber, Tritter-Stars und „Freie“ oder die offiziellen Accounts der Ministerien selbst. Während der Mob, Wutbürger und ewig Unzufriedene von allen Seiten mit Molotowcocktails aufeinander losgehen, schaut man aus der Ferne beunruhigt auf ein auseinanderbrechndes Deutschland. Auf jene menschenleere Ecke Deutschlands, wo ein Staat im Staat gedeihen soll, in dem sich unter dem Namen Neu-Gothafen rechtes Gedankengut gepaart mit evangelikal-konservativer Kirche, ein alternatives Deutschland, in dem kein einziger Nichtweisser leben darf, formiert. Während die gesellschaftliche Ursuppe kippt, kein Stein mehr auf dem anderen bleiben soll, liefern sich die Exponenten eines zukünftigen Deutschlands erbitterte Schlachten, bei denen kein Opfer zu viel sein kann.

Constantin Schreibers Szenario ist erschreckend. Erschreckend gut konstruiert, erschreckend realistisch aus der Sicht der momentanen Strukturen und Situationen, erschreckend realistisch gezeichnet und erschreckend blutleer in seiner Figurenzeichnung und einem Plot, der einem ganz einfachen Muster entspringt. Schreibers Roman schmerzt und fasziniert. Der Autor weiss, dass das Haus, das er baut, auf solidem Grund gebaut sein soll. Aber die Fassaden sind spiegelglatt und lassen keinen Blick in die Tiefe zu. Die Figuren bleiben Kontur, der Konflikt in den Protagonisten nur ansatzweise sichtbar. Ich fiebere nicht mit den Menschen, sondern mit dem Szenario. Und das Szenario ist bestechend. Die Feuer, die schon lange zu brennen begonnen haben, von denen man glaubte, sie würden sich von alleine löschen, sind unkontrollierbar geworden. Was heute wachsende Realität ist, ist in Constantin Schreibers Roman endzeitlicher Flächenbrand. All jene lesen dieses Buch gerne, die „Ich habs schon immer gesagt“ längst zu ihrer Maxime machten. All jene, die in die Tiefe schauen wollen, werden am grossen Spektakel abprallen.

Trotzdem ein wichtiges Buch, denn es bietet Zündstoff für Diskussionen!

Constantin Schreiber, geboren 1979, moderiert die Tagesschau und ist einer der besten Kenner der arabischen Welt. Für die deutsch-arabische Talkshow Marhaba – Ankommen in Deutschland, in der er Geflüchteten das Leben in unserem Land erklärt, wurde er 2016 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Mit seiner 2019 gegründeten Deutschen Toleranzstiftung setzt er sich für interkulturellen Austausch im In- und Ausland ein. Seine Bücher «Inside Islam, Kinder des Koran» und das von ihm herausgegebene Buch «1000 Peitschenhiebe» über den saudiarabischen Blogger Raif Badawi waren Spiegel-Bestseller. Bei Hoffmann und Campe erschien von ihm zuletzt «Marhaba, Flüchtling!» (2016). Schreiber lebt mit seiner Familie in Hamburg.

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Beitragsbild © Marlene Gawrisch

Das 54. analoge Literaturblatt ist versandfertig!

«Die sind aber auch wirklich wunderschön gemacht, war auch einmal Teil davon und sehr begeistert!» Jürgen Bauer

«… und dann schwimmt vor Jahresende noch so eine zauberisches Literaturpost in meine Wohnung . Das ist wirklich eine Besonderheit! Vielen lieben Dank» Katharina J. Ferner

«Gibt’s denn sowas noch? Handgeschriebene, gezeichnete Buchempfehlungen. Dochdoch, die gibt’s bei literaturblatt.ch!» Joachim B. Schmidt

«Lieber Schweizer Initiator des Literaturblattes, dass es so etwas Schönes und liebevoll Gestaltetes wie das analoge Literaturblatt noch gibt, begeistert mich. Als ich das Literaturblatt sah, war es um mich geschehen. Ich freue mich sehr und denke, die Zusendungen werden Jahreshighlights sein.» Birgitta Nicola, Buchhändlerin und Illustratorin

Für mindestens 50 Fr./€ schicke ich ihnen die kommenden 10 Nummern der Literaturblätter. Die Literaturblätter erscheinen ca. 5 – 6 Mal jährlich.

Für mindestens 100 Fr/€ schicke ich ihnen als Freunde der Literaturblätter 10 Literaturblätter, 5 – 6 pro Jahr. Zudem sind sie auf literaturblatt.ch vermerkt.

Für mindestens 200 Fr./€ sind Sie als Gönner stets eingeladen, als Gönner der Literaturblätter auf literaturblatt.ch vermerkt bekommen 10 Literaturblätter (5 – 6 pro Jahr), also etwa zwei Jahre lang und werden einmalig auf Wunsch mit einem Buch beschenkt.

Kontoangaben:
Literaturport Amriswil, Gallus Frei-Tomic, Maihaldenstrasse 11, 8580 Amriswil
Raiffeisenbank, Kirchstrasse 13, 8580 Amriswil
CH16 8137 3000 0038 6475 8
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Sandra Gugić «Zorn und Stille», Hoffmann und Campe

Man findet sich, lernt sich zu lieben, bekommt Kinder, kleine, zarte Geschöpfe. Man sieht die Kinder wachsen. Sie werden zu Jugendlichen, zu Erwachsenen. Und mit einem Male muss man sich eingestehen, sie ganz loslassen zu müssen, vielleicht sogar verloren zu haben, unwiederbringlich. Und wenn hinter dem Ganzen auch noch ein Krieg sein Gift über die Familie speit, dann ätzt sich der Schmerz tief in die Seelen.

Davon erzählt Sandra Gugić, vom Zersetzungsprozess in einer Familie. Ein Prozess, der nicht selbst gewählt wird, für den man in den meisten Fallen nicht die Schuld allein trägt, weil man immer Teil eines Ganzen ist, Teil einer Geschichte, Teil einer Gesellschaft, Teil eines Prozesses in einem Land und dessen politischen Wirren. Wie sehr „Zorn und Stille“ die eigenen Erlebnisse der Autorin umsetzt, ist irrelevant. Aber weil Sandra Gugić ihre Geschichte so sehr vorstell- und nachvollziehbar macht, wird ihr Roman exemplarisch für all jene Familien, die in den Stürmen ihrer eigenen Geschichte auseinanderbrechen, in denen sich all die einstmals guten Absichten ins Gegenteil umzukehren scheinen.

„Wahrscheinlich sind wir alle ebenso verbunden, wie wir voneinander getrennt sind, ob wir es nun anerkennen oder nicht.“

Billy Bana ist Fotografin, eine junge Frau, die die Welt durch ein Okular sieht, ein Auge das immer einzurahmen versucht, zu inszenieren. Fotografie als Versuch der Ordnung. Aber Billy Bana ist auch auf der Flucht, aus der Ordnung geraten. Auf der Flucht vor sich selbst und ihrer Geschichte. Billy Bana hiess einst Biljana Banadinović, die ihr Familienband abreissen liess, um unter anderem Namen eine neue Existenz als Künstlerin aufzubauen. Sie liess abbrechen, sogar ihre starke Bindung zu ihrem jüngeren Bruder, mit dem sie sich als Kind unzertrennlich fühlte. Mit siebzehn verlässt sie das Elternhaus, um nicht wiederzukehren. Einziger Fixstern in Billys neuem Leben ist Ira, eine junge Frau, in die sich verliebt, die einzige, von der sie sich ganz verstanden und „gelesen“ fühlt.

„Mein Leben bestand aus … versteckten Räumen, doppelten Böden und gesiegelten Perspektiven.“

Sandra Gugić «Zorn und Stille», Hoffmann und Campe, 2020, 240 Seiten, CHF 35.90, ISBN 978-3-455-00976-7

Der Ausbruch aus ihrem Elternhaus war ein Bruch mit dem nach totaler Integration trachtender Eltern, von Eltern die sich ihrer Herkunft aus Exjugoslawien mit allen Mitteln zu entfernen versuchten. Biljanas Eltern wurden ihr peinlich, fremd. Als Billy versucht sie sich  zu emanzipieren, scheint ihr das zu gelingen, auch wenn ihre Eltern auf die ihr jeweils eigene Art versuchen, die Bande nicht gänzlich reissen zu lassen. Bis zu dem Moment, wo Billy erfährt, dass ihr Vater gestorben und ihr kleiner Bruder nach einem letzten Treffen mir ihr spurlos verschwunden ist. Jene neue Ordnung, die sie aufzubauen versuchte, zerbricht. Ist ihr Bruder Opfer eines Verbrechens oder Opfer seiner selbst? Hat sie nicht wahrgenommen, dass ihr eigenes Leiden das ihres Bruder verdeckte?

„Alles, was wir machen, tun wir nur, um glücklicher zu werden. Selbst derjenige, der sich umbringt, tut das, weil er glaubt, im Tod glücklicher zu sein.“

Alles in Billys Leben ist flirrend. Das einzige, was klare Konturen bekommt, sind ihre Fotografien. Sandra Gugić erzählt aus den Perspektiven aller in der Familie. „Zorn und Stille“ ist ein Erklärungsversuch – keine Erklärung. Ebenso ein Versuch, Ordnung in ein Lebenschaos zu bringen, wie es das Fotografieren oftmals versucht. Eine Auslegeordnung, denn hinter den verkrampften Integrationsbemühungen Billys Eltern stecken wiederum Geschichten, setzt sich fort, was sich über Generationen anbahnte, glüht weiter, was in der Vergangenheit brannte. Auch das Leben ihrer Mutter Azra und das ihres Vaters Sima war ein Versuch sich zu emanzipieren. Aber weil der Mensch nur den nebelhaften Rauch sieht, verschwindet der Nachhall jener Feuer, die in der Vergangenheit brannten.

„Vielleicht hätte er besser achtgeben müssen und versuchen, all die Augenblicke und kleinen Ereignisse zu bemerken, die Veränderungen zu lesen, die sich ankündigten.»

Sandra Gugić beschreibt unsägliche Momente, schildert Situationen, die sich einprägen, weil sie stellvertretend sind für vieles, was Leserinnen und Leser in ihrem eigenen Leben gespiegelt finden. Unauslöschlich der Moment, als Billys Vater am Tag vor ihrem 18. Geburtstag ein Treffen mit seiner Tochter provoziert und ihr in einem Café ein dickes Kuvert über den Tisch schiebt auf dem in Blockbuchstaben Alles Gute steht. Was als Versuch der Annäherung beginnt, als linkischer Liebesbeweis, als Rückeroberung, wird zum unverzeihlichen Fiasko.

„Zwischen den Farben und dem Lärm des Draussen habe ich die Vergangenheit vorsichtig begraben.“

Ich las den Roman unter Schmerzen, weil ich sie alle verstand und verstehe. Die nach Freiheit ringende Tochter, die verzweifelnden Eltern, den halt- und ratlosen Bruder. Sandra Gugić schreibt mit inniger Empathie ohne je die Grenze zur Sentimentalität zu überschreiten. „Zorn und Stille“ beschreibt schon im Titel wie weit es der Schriftstellerin gelingt, den Bogen zu spannen. Auch wenn sie alle scheitern, tun sie es nicht in der Ansicht zerstören zu wollen. Alles ist ein Schrei nach Liebe.

Grossartig!

«Zorn und Stille» auf dem 54. analogen Literaturblatt

Sandra Gugić, geboren 1976 in Wien, ist eine österreichische Autorin serbischer Herkunft. 2009 begann sie zu schreiben. Sie studierte an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet. 2012 gewann sie den Open Mike. Ihr erster Roman «Astronauten» erschien 2015 und erhielt den Reinhard-Priessnitz-Preis. 2019 erschien ihr Lyrikdebüt «Protokolle der Gegenwart» im Verlagshaus Berlin. Zuletzt wurden ihr das Stipendium des Berliner Senats und das Heinrich-Heine-Stipendium zugesprochen. Sandra Gugić lebt als freie Autorin mit ihrer Familie in Berlin.

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Beitragsbild © Dirk Skiba