Nadia Rungger «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du», Plattform Gegenzauber

wir liegen
wie heu 
zwischen unsere finger
lege ich 
schafgarben und ameisen 
über gras 
und du sagst 
dass vergangenheit nur woanders passiert 
in rom vielleicht oder athen 
setze ich mich anders hin
wende mich dem
heu zu 
wenn wir die wiese einfahren 
erinnere mich daran

 

pundui
coche fën 
danter nosc dëic 
conci su
ciarinac de paluch y furmies 
sëura ierba 
y te dijes 
che l passà suzed mé nzaul de auter 
a roma povester o a aten 
sposti mi pëis 
me ëute de viers 
dl fën 
canche fajon fansëch 
lecordeme 

 

mein haus
wackelt 

es ist ein milchhaus 
sagst du und 
deinen worten 
entnehme ich 
einen stuhl 
den schrank und 
den schiefen gang 

den gehe ich 
zuerst die ferse 
dann das kinn 
entlang 
mir schwindet 
der blick 
aus den augen 

mein haus 
wackelt 
am besten 
wir legen es 
unters kissen 
du nimmst es 
aus meiner hand 
drehend 
fallen wir einander 
über 
mein haus 
du 
sage ich 
unförmig 
hebe ein neues 
gewicht auf 
wackel nicht so 
mein bauch 
will nach draußen 

mir zerbricht 
tatsächliches 
im vollen 
mund

gib mir mein 
kissen zurück oder 
schau du 
morgen was 
darunter liegt

 

mi cësa
ie ala zibla

l ie na cësa da lat 
dijes tu y 
da ti paroles 
toli ora 
n stuel 
l castl y 
l port
desbiech
ti vedi do
dl prim l ciauciani 
pona l sumenton 
l me 
toma 
la udleda
ora di uedli 

mi cësa 
ie ala zibla
la miecia iel 
sce la meton 
sot al plumac 
tu me la toles 
ora dla man 
se raidan 
tumons l un l auter 
sëura 
mi cësa 
tu 
diji 
defurmeda 
tlope su n pëis
nuef 
no balesté tan
mi vënter 
uel ora 

uriteies 
me se romp
tla bocia 
plëina 

dame inò ca 
mi plumac o 
cëla tu duman 
cie che ie 
sotite

 

ich spiele
die blockflöte

atme von hals
zu holz 
wie 
kommt es zu
kompositionen
wenn die zunge
unter holz liegt
ein mund
stück 
zum einstimmen

gib mir einen 
kammerton a
gib mir finger
die von distanzen wissen
etwas zum bohren
sodass luft fließt

suche ein instrument aus
sagten sie
aber die flöte kommt
zu allen

übe wie
damals
im gang sitzend
auf stufen 
im mund
merkte sich das holz
meinen speichel

manchmal wollte ich
dass eine sprache
mich aufnimmt
mutter
wollte ich sagen
zu dir

 

sone
l flaut a bech

l fla va dal col plën
al lën 
co 
nasc pa 
cumposizions
sce la lënga ie 
sot al lën
l bech n toch
de bocia 
da acurdé 

dame n 
la 
de referimënt
dame dëic
che sà de destanzes 
zeche da furé
che aria
passe tres

chier ora n strumënt
me ovi dit
ma l flaut ti toca a
duc
prova coche 
ntlëuta
senteda te port
sun sceles
tla bocia
se lecurdova l lën
de mi spidoch

datrai ulovi
che na rujeneda
me tulëssa su
oma
ulovi ti dì
a ti

aus «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du» (Limbus Lyrik 2026)

 

Das Coverbild ihres neuen Lyrikbandes ist von Nadia Runggers Vater Klaus Rungger. Sie stellen auch oft im Duo gemeinsam Zeichnung und Poesie aus.

Nadia Rungger, geboren 1998 in Brixen/Südtirol, debütierte 2020 mit dem Erzähl- und Gedichtband «Das Blatt mit den Lösungen» (A. Weger). Sie ist vielsprachig auf gewachsen und studierte Germanistik und Angewandte Linguistik in Graz und Brixen. Ihre Prosa und Lyrik auf Deutsch und Ladinisch wurde mit mehreren internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Merano Europa 2017, dem Ladinischen Literaturpreis Scribo 2018, dem Jurypreis Irseer Pegasus 2024 und dem Lichtungen-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark 2024. Die Uraufführung ihres Theaterstücks Morvëies/Wunder erfolgte 2024 im Stadttheater Bruneck für das europäische Projekt Phōnē. Gedichte von ihr wurden in mehrere Sprachen übersetzt, in Literaturzeitschriften veröffentlicht und bei Ausstellungen präsentiert, zuletzt im Landesmuseum Franzensfeste.  

Beitragsbild © Miriam Raneburger

 

Edith Gartmann «Kerstin», Plattform Gegenzauber

Aus dem Haus geht er nur, wenn der Himmel bewölkt ist. Ohne Wolken fühlt er sich schutzlos. Ohne Wolken fürchtet er, den Boden zu verlieren, in den blauen Himmel hinauf, durch den blauen Himmel hindurch zu fallen. Die Wolken geben ihm Halt auf der Erde. Sie bändigen das Ziehen des blauen Himmels.
Am besten fühlt er sich, wenn die Wolken keine durchgehende, undefinierbare Decke bilden, sondern einzeln unterscheidbar am Himmel stehen und dreidimensional, in mehreren Schichten, den offenen Himmel abschirmen.
An Tagen mit blauem Himmel verschanzt er sich in seiner Wohnung. Das blaue Nichts will ihn zu sich hinaufziehen, einsaugen und in die Atmosphäre spucken. Fallen lassen. An Tagen mit blauem Himmel zieht er die Vorhänge zu. Er muss sich vor dem Sog des weiten Blaus schützen.
Früher hat er es mit Steinen in den Hosentaschen versucht und mit Blei im Hosensaum. Feste, schwere Schuhe gingen nicht wegen seines Zehengangs.
Er kontrolliert die feinen Vorhänge. Schliesst die letzte Lücke. Unbeschwert sonnen sich derweil die Nachbarn im Garten auf ihren Liegestühlen. Sie grillen und plaudern und lachen sorglos unter dem blauen, offenen Himmel. Wenn sie besonders laut lachen ist er sich sicher, sie lachen über ihn.
Er lässt den Rolladen herunter. Verkriecht sich unter dem Tisch. Schaut Meteo. Das Hoch heisst Kerstin und soll noch Tage dauern.
Kerstin macht ihm Mühe. Anscheinend hat diese Frau, es muss sich um eine Zentraleuropäerin handeln, bei der Freien Universität Berlin eine Namenpatenschaft für ein Hochdruckgebiet gekauft. Für 390 Euro. Oder sie hat die Namenpatenschaft für das Hoch geschenkt bekommen, zur Hochzeit vielleicht. Weil ein Tiefdruckgebiet meist kürzer dauert und negativ bewertet wird, wäre die Patenschaft für ein Tiefdruckgebiet 130 Euro günstiger gewesen.
Ihm fehlt für Kerstin jedes Verständnis.
Er würde seinen Namen, wenn schon, einem Tief geben.
Kerstin dehnt sich aus. Sie liegt ausgebreitet über dem Mittelland und verharrt.
Er kriecht unter dem Tisch hervor und kontrolliert den Rolladen. Ihm scheint, der sei unten nicht ganz eingerastet. Er zieht den Rolladen ein Stück hoch und lässt ihn schnell wieder herunterfallen. Das Knattern klingt entschlossen, doch zwischen den Lamellen bleiben dünne Lichtstreifen liegen. Er setzt sich wieder unter den Tisch.
In Skandinavien hätte Kerstin keine Chance. Er hat gelesen, dass man dort nur überregionale, stürmische Extremwetter benenne, keine Hochs, und dass man bei der Benennung einer alphabetisch geordneten und gemischtgeschlechtlichen Namenliste mit norwegischen Namen folge (ausgenommen seien die Namen des Königshauses und die Anfangsbuchstaben Q, W, X, Z). Dass dann aber Schweden und Dänemark je eigene Benennungssysteme entwickelt hätten, was dazu geführt habe, dass ein Sturmtief auf dem Weg von Norwegen nach Dänemark drei Mal habe umgetauft werden müssen – bei voller Windstärke. Die drei Wetterdienste hätten sich schliesslich darauf geeinigt, dass derjenige den Namen vergeben könne, dessen Land als erstes vom Sturmtief betroffen sei, bei nordziehenden Atlantiktiefs typischerweise Norwegen, bei ostziehenden Dänemark – Schweden gehe meist leer aus, da die Tiefdrucksysteme nur selten zuerst dort auftreten würden.
Die Rolladen werfen ein gleichmässiges Streifenmuster auf die gegenüberliegende Zimmerwand. Er sitzt unter dem Tisch. Atmet möglichst nach unten. Redet sich ein, der Himmel wolle ihn nicht hinauf ziehen, habe kein Interesse an ihm. Der Himmel werde seinen blauen Schlund bald wieder schliessen und mit Wolken bedecken. Ein Hoch dauere nicht ewig. Kerstin werde weiterziehen und heisse dann in Polen bereits Krystyna oder sonst wie.
Der Schattenwurf der Rolladen schiebt sich allmählich über die leere Wand. Verzieht sich zum Parallelogramm, kippt aus seiner Regelmässigkeit. Die hellen Streifen schwellen an, drohen die dunklen zu verdrängen. Besser nicht hinschauen, weiss er. Besser nachlesen, was er schon kennt:
Auf den Britischen Inseln bleiben, wie in Skandinavien, Hochdrucksysteme namenlos. Für Tiefdrucksysteme, welche für Unwetterwarnungen relevant sind, werden vorgängig jährliche Namenlisten erstellt, deren Namengut von der Öffentlichkeit bestimmt wird – „NAME OUR STORMS“. Namen, die innerhalb eines Jahres mangels Stürme nicht benötigt wurden, verfallen. Auch auf den Britischen Inseln halten sich Stürme nicht an Landesgrenzen, und so kommt es zu Namenallianzen etwa mit den Niederlanden oder zu Umbenennungen bei von den USA herkommenden Tiefdrucksystemen.
Er setzt sich etwas anders hin. Lehnt sich ans Tischbein. Konsultiert drei Wetter-Apps. Kerstin bewegt sich nicht.
Mit der Freien Universität Berlin hadert er. Er nimmt es dem dort ansässigen Institut für Meteorologie übel, dass es Hochs überhaupt mit Namen versieht. Ein Hoch hat keinen Namen verdient. Besonders verwerflich scheint ihm das Preisgefälle zwischen Hoch und Tief, das ein abgründiges Hoch höher einstuft als ein bodenständiges Tief. Anderseits war die Tatsache, dass die FU Berlin auch Hochdrucksysteme benennt, gerade der Grund, weshalb er vor ein paar Jahren in deren Wirkungskreis umgezogen ist: Hier hat die Gefahr einen Namen. Kerstin. Die Angst ist benannt. Das Hoch ist bodenlos, doch eingeordnet ins Alphabet. Anita, Beate, Caroline, Doris, Edeltraud, Frauke, Grit – er braucht das Dokument nicht zu öffnen, die Listen der letzten Jahre kennt er auswendig. Wenn Kerstin durchgesessen ist, wird er auch sie in die Excel-Tabelle eintragen, sie dort in eine schmale Zeile bannen.
Das Streifenmuster an der Wand verblasst. Die Sonne wandert weiter, die Dunkelheit im Zimmer nimmt zu.
Gewonnen ist damit nichts.
Der wolkenlose Himmel der Nacht macht es nicht besser. Aus dunklem Hinterhalt wird der Nachthimmel versuchen, ihm jeden Boden unter den Füssen wegzuziehen. Er muss vorbereitet sein. Rasch ins Bad, dann mit der Bleidecke und einer Dose Mais zurück unter den Tisch.
Heltraud, Ingeborg, Julia, Kunigunde, Lena, Mareike.
Kerstin. Er wird Kerstin durchstehen. Sie und ihr offener Himmel werden ihn nicht zu Fall bringen. Er kennt ihren Namen. „NAME YOUR ANXIETY.“ Kerstin. Sie wird in der Tabelle landen. Es wird leichtere Zeiten geben.
Es wird Tiefdrucksysteme geben.
Und gelegentlich ein Bodenhoch.
Ein Bodenhoch birgt nicht die Gefahr eines ausgewachsenen Hochs, einer Kerstin. Ein Bodenhoch ist ein Hoch, das nicht jeden Boden entzieht. Das einem nicht den ganzen Boden entreisst. Ein Bodenhoch ist ein gemässigtes Hoch.
Nina, Oldenburgia, Petra, Rita, Sieglinde.
Wenn Kerstin überstanden ist, wird er sich in der nächsten Tiefdruckrinne erholen. Er wird rausgehen, spazieren und ein Bodenhoch abwarten. Er wird versuchen, im Bodenhoch draussen zu bleiben. Oder eben im Zimmer. Aber wenigstens nicht unter dem Tisch. Ein Bodenhoch ist für ihn ein ideales Übungsfeld.
Kerstin steht unter Hochdruck. Bodenlos ist ihr Zerren.
Er liegt unter dem Tisch.
Er zieht die Bleidecke hoch.

Edith Gartmann, geboren 1967, wuchs im Safiental, Graubünden auf. Ausbildung am Kindergarten-Seminar Chur, anschliessend Lehr- und Wanderjahre in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und England. Später besuchte sie die neueKUNSTschule Basel im Fach Malerei und absolvierte den Literaturlehrgang an der SAL Zürich. Edith Gartmann lebt und arbeitet in Basel. «Schongebiet» (2022 bei der edition bücherlese) ist ihr Roman-Debüt.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Eva Strautmann «In der Luft», Plattform Gegenzauber

Hoch hinaus ragt sie 
dicht bemooste Windung, 
nein Windungen 
aus braunem Sud, halsstarrigem Schlamm, 
fest gezogen von wehenden Ästen 
Luftschläuche umschlungen von faserigen Holzlenden, 
sich biegend, 
knatschend am Schreien um Hilfe.
Es steht bis zum Hals,  
wachsendes Wasser 
Vierblättrige Sonne aufgespalten im Licht 
nach vorn, nach hinten am Zergehen 
in strahlender Hitze, 
nicht mehr zu sehen. 
Dann die weitläufige Fläche mit eisigen Blättern 
aus dem Dunkel von oben, 
alles scheint einmal hell auf, 
am Glitzern, glänzend 
im wehenden Sand? 
In dunkelroter Erde 
Am Stampfen durch Blutrot 
durch krachendes Gebälk. 
Schon lächeln sie ins Mark, 
geschnitzte Masken, eingegerbte Gesichter an sinkenden Stämmen, 
in prachtvoller Grünblässe 
schreien um Hilfe. 
Wachsendes Wasser strahlt und schwappt von hinten, 
glänzt, 
im Wellen über die viergeteilte Sonne, 
spült weg, weggespült, 
alle Hälser gefüllt, Münder randvoll überlaufen 
bis kein Wort mehr hervordringt, 
bis es still wird im wachsenden Wasser 
Die Windungen fallen, 
fallen gegen sich selbst, halten sich gegenseitig fest im Tanz, 
im Geschlinge, 
Verschlungensein 
im Mikado ihres Sinkens. 
Bis das Wasser die Fläche überstrahlt, 
alles glänzt, 
grell, zu grell 
gelbscheinend 
In der Luft am Fliegen, am Tanzen 
am Schreien 
im Vergehen 
in der Luft

Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.

Beitragsbild © Eva Strautmann «Abstraktion 20», Öl auf Leinwand 

Peter Weibel «Berge», Plattform Gegenzauber

Der Klang ihres Namens hat eine schwebende Aura, die mich sogleich packt, ich wiederhole ihn zwei Mal, drei Mal. Misaki. Sie ist lautlos neben mich getreten, schaut gebannt auf die Kristallsteine, die vor mir auf dem Tisch liegen, abgebrochene Stücke und filigrane Nadeln. Wo findet man die? Ich zeige nach oben, auf die Felsabbrüche, die Geröllhänge am Giuv, man kann sie finden, aber meistens kehrt man mit leeren Händen zurück. Man feiert die kleinen Siege und hat auch bei Niederlagen die magische Kraft des Steins vor sich. Sie hat sich jetzt zögernd hingesetzt, viel zu vorsichtig, ich heisse Misaki. Sie lächelt befangen, als ich sie nach der Bedeutung des Namens frage, schöne Blüte. Ihr schönes fremdes Gesicht hat wirklich den Glanz einer Blüte, nur ihre Augen sind dunkel, etwas Verletzbares liegt darin. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie zur Hütte hochgestiegen ist, was sie hier sucht. Ich frage nicht. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ihr die Berge nicht fremd sind, ich könnte nicht sagen warum. Dass in ihrer grazilen Erscheinung auch eine Kraft liegt, die dem Berg gewachsen ist.

Sie nimmt eine Quarznadel in die Hand, hebt sie hoch, sie lässt die Spiegelflächen im Licht aufblitzen, ihre Augen leuchten: Sie ist wunderbar, die Kraft des Universums ist darin, aber warum musst du sie selbst suchen, kann man sie nicht auch kaufen? Ich sage, die magische Kraft ist erst da, wenn du den Stein selbst entdeckst, und sie wird grösser, wenn du ihn weitergibst. Du stehst oben, im Reich der Steine, die Welt ist weit weg, eine andere Welt ist da, archaisch und eigentlich nicht fassbar, und im Kristallstein berührst du ihr Geheimnis. Du hältst das Geheimnis in den Händen, wenn du den Kristall aus einer Kluft herausbrichst – die magische Kraft ist nicht der Stein, es ist das Herz, das durch den Stein spricht. Manchmal gebe ich kleine Quarzsteine weiter – Glückssteine für eine Reise um die Welt, Schutzsteine für Schwerkranke, wo jede Hoffnung ausserhalb der Worte liegt.

Misaki hat schweigend zugehört, irgendwie gedankenverloren, sie sagt, die Wendung vom Herz, das durch den Stein spricht, könnte in einem japanischen Kurzgedicht stehen, sie gefällt mir. Unsere Gedichte sind Verschlüsselungen, sie tragen das Mysterium der vieldeutigen Worte. Etwas beschäftigt sie, ich frage nicht nach, einmal habe ich das Gefühl, dass sie mir etwas sagen möchte, aber sie fragt nur, und du steigst morgen zum Reich der Steine hoch? Ich sage nein, ich bin in die Hütte gekommen, um meinen eigenen Geschichten nochmals nahe zu sein. Um sie zu verstehen. Es sind zwei Geschichten, sie gehören auf rätselhafte Art zusammen, sie haben hier begonnen und hier geendet. Ist Misaki überrascht? Sie schaut mich mit seltsamem Blick an, wenn du mir die Geschichten erzählst, erzähle ich dir meine Geschichte.

Ich sage, die erste Geschichte ist die Geschichte einer Grenzüberschreitung zusammen mit meinem Sohn. Er war damals sechzehn Jahre alt, wir sind im Nebel bis zum Gipfel geklettert, mit Kristallen in den Säcken, und beim Abstieg in die Nebelfalle geraten. Zwei, drei Versuche, über Felsabbrüche zum Gletscher zu gelangen, scheitern, im Nebel lauert die Täuschung überall, wir müssen wieder hoch, eine heikle Geröllwand hinauf, die Dämmerung hat schon begonnen. Die Gesteinsformationen sind locker, keine zuverlässigen Griffe, mehr als einmal bewegt sich ein Felsbrocken bedrohlich. Dass wir es dennoch geschafft haben, trotz ungenügender Seilsicherung geschafft haben, hatte nichts mit meinem Leichtsinn zu tun, aber mit dem Mut meines Sohnes. Kein Wort über seine Angst, über die tödliche Gefahr, aber die feste Zuversicht, dass das Mögliche ganz nahe an das Unmögliche heranreichen kann. Später haben wir beide darüber geschrieben, um die Schreckensstunden loszuwerden. Um sie mit Worten zu bannen. Keiner hat vom andern gewusst, dass er schreibt, wir hätten es beide ahnen können, wir haben es nicht geahnt. Jeder hat den anderen Text später gelesen, sehr viel später, in beiden Erzählungen haben die Berggänger das Glück nicht, das wir beide hatten. In beiden Erzählungen stürzt einer an der Stelle, wo uns die Engel leben liessen.

Der Berg hat euch zusammengeführt, sagt Misaki entschieden, und das Schreiben noch einmal, auf entfernten Pfaden. Im Leben habt ihr euch gehalten, in den Worten ist einer gefallen. Es ist die Poesie des undurchschaubaren Lebens wie in unseren japanischen Gedichten mit abgezählten Silben und Zeilen.

Und die zweite Geschichte? Ich schaue hinüber, zu den Felsrinnen am Giuv, die im warmen Abendlicht fast gefahrlos aussehen: Die Engel müssen gestaunt haben über den erneuten Leichtsinn am gleichen Berg, zweiundzwanzig Jahre später. Wie viele Freikarten hat man bei ihnen zugute? Ich sage, die zweite Geschichte ist die Einlösung des Unwahrscheinlichen – dass eine geschriebene Geschichte auch wahr werden kann. Dass man vorausschreiben kann, was man ahnungslos im Kopf entwirft. Ich bin mit Freunden unterwegs zu den Steinen, im Herz die alte Geschichte; das Gras über den Felsen ist nass vom schmelzenden Schnee, glitschig. Wieder die Täuschung im Nebel, wieder Unvernunft. Mein Sturz beginnt genau dort, wo der alte Berggänger in meiner Erzählung den Halt verloren hat – ich muss die Worte nicht nachlesen, sie sind im eigenen Leben angekommen. Zuerst die Fassungslosigkeit, doch nicht ich, es kann nicht mir geschehen, dann die Beschleunigung, die Gewissheit im rasenden Fall, es ist vorbei. Es ist noch nicht vorbei. Die Freunde und die Nothelfer, die vom Himmel herabsegeln, haben mich gerettet. Die Engel haben noch einmal ihr Veto eingelegt. Ein letztes Mal.

Ein paar Minuten ist es ganz still zwischen uns, die Gespräche der Hüttengäste sind weit weg, ausserhalb. Misaki schaut mich durchdringend an, ihre Augen haben einen eigenartigen Glanz. Als würde sie etwas sehen oder könnte dunkle Zusammenhänge deuten. Sie sagt, Toyotama Tsuno hat in einem Haiku geschrieben, «sobald der ausgestreckte Finger das Glück berührt, ist es nicht mehr das Glück.» Deine Engel verkörpern das Ungreifbare, sie erscheinen immer dann, wenn wir ins Leere fallen. Ins Nichts. Bei uns sind es Naturmächte, die Ahnen. Die göttlichen Wesen. Ohne sie würde es unser Land und unser Volk nicht mehr geben. Sie sagt, auch die Berge sind Teil des Mysteriums, das uns umgibt. Das Universum hat sie geschaffen, lange bevor es uns Menschen gab, in Japan sind es heilige Stätten, aber für viele sind sie nicht mehr heilig. Der männliche Wahn, sie zu bezwingen! Soll ich dir meine Geschichte erzählen?

Sie redet jetzt langsam, stockend, wägt jedes Wort ab. Horcht mit jedem Wort in die Erinnerung hinein, in sich selbst. Sie sagt, ich bin hier heraufgekommen, um meinem Vater nochmals nahe zu sein. Misaki hat den Aufstieg zu dieser Hütte mehr zufällig gewählt, wenn es denn Zufälle gibt, sie will nur den Atem von Fels und Eis spüren, sie will nicht dort sein, wo sie nicht hingehen kann. Sie kann nicht vor der fürchterlichen Wand stehen, wo ihr Vater damals abgestürzt ist. Wo man ihn während Tagen gesucht hat, während Tagen, in denen sie über den halben Erdball hinweg nur gehört hat, wir tun alles, aber wir werden ihn kaum mehr lebend finden. Sie haben ihn gefunden. Misaki hat ihn heimgeholt und ist im Hubraum des Flugzeugs neben seinem Sarg gesessen, sie hat ihn verzweifelt angerufen und nicht geglaubt, dass er einfach schweigt, dass er ihre keine Antwort gibt, nur noch ein letztes Mal.

Ihre Hände machen eine schützende Bewegung, als würde sie nochmals den Sarg berühren, nochmals mit ihrem Vater reden: Er hat mich gelehrt, die Berge zu lieben und später zu hassen. Er hat mich auf Kletterrouten am Tanigawadake mitgenommen, ich habe gelernt, dass man mit dem Berg zusammenwachsen kann, dass sich die Energien von Fels und Körper verbinden. Sie sagt, mein Vater hat mir etwas gegeben, was anderen Mädchen nicht gegeben wird, dafür bin ich ihm dankbar. Ich habe die Berge geliebt, aber dass habe ich sie hassen gelernt, weil ihm die Berge in Japan nicht mehr genügt haben, weil er ganz oben stehen wollte. Dort oben, wo das Gewicht des Lebens anders wird. Er wollte einer der Bergsteiger sein, die in Japan zur Legende werden. Zur gefährlichen Legende. Sie sagt, ich weiss nicht, was sie antreibt, was sie vernichtet, Überflieger wie Nobukazu Kuriki, der acht Mal versucht hat, auf den Everestgipfel zu kommen, der noch mit abgefrorenen Fingerkuppen hinauf wollte und beim achten Mal nicht mehr zurückgekehrt ist. Sie wissen nicht mehr, dass die Berge heilig sind, sie wollen selbst geheiligt werden, als Sieger oder als gefallene Helden im eisigen Grab. Misaki schaut mit leerem Blick durch mich hindurch, zu dem Felswänden am Giuv hinüber, mit Tränen in den Augen: Warum mussten es dann die Gewaltwände der Alpen sein, ich habe nicht gefragt, vielleicht sind es Siegestrophäen für die grossen Bergsteiger, zu denen mein Vater gehören wollte. Er hätte mir erklären müssen, warum der Höhenrausch, der Siegesrausch alles löscht, warum er die Liebe löscht und jede Vorstellung vom Schmerz, den man zurücklässt.

Sie schweigt jetzt lange, ihre Augen sind wieder dunkel geworden, sie sieht zerbrechlich aus, unnahbar und zerbrechlich. Ihre Worte bleiben wie Schläge im Raum zurück – ihr Vater hat ihr die Leidenschaft für die Berge weitergegeben und sie im Sog seiner Berge im Stich gelassen. Man kann die Berge lieben, man kann sie hassen, aber sie weisen immer auf das Rätselhafte unserer Existenz. Auch unsere Begegnung, das Zusammen-treffen unserer Geschichten ist rätselhaft – man steigt hoch, um sich selbst nahe zu sein, dem eigenen Glück oder Unglück, und kommt einem anderen Menschen nahe. Zufällig oder zu-gefallen. Ich möchte meinen Arm um Misaki legen, ihr sagen, dein Vater soll deinen Zorn und deine Liebe zu ihm hören. Aber ich bewege meinen Arm nicht, ich rede nicht, ich lege nur einen leuchtenden Kristallstein in ihre Hände.

Peter Weibel schreibt, aquarelliert und zeichnet. Seit über vierzig Jahren veröffentlicht er Texte in Prosa und Lyrik, oft mit Cover und Illustrationen aus eigener Hand. In derEdition Bücherlese erschienen bisher sechs Prosabände, nach der Erzählung «Akonos Berg» (2022) «Kaltfront» (2024). Für seine Werke wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, unter anderem mit einem Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013) und für «Mensch Keun» (2017) mit dem ersten Kurt Marti Literaturpreis. Peter Weibel, geboren 1947, studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Er lebt und arbeitet in Bern.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Thomas Dütsch «Mit jedem Vers», Plattform Gegenzauber

Ziegenhirte 2.0

Er führt seine kleine Herde auf die Weide zieht
ein Bündel frischer Erlenzweige hinter sich her
Die Ziegen freuen sich wie im Märchenbuch Sie 
machen Sprünge rempeln einander an wedeln
mit den Schwänzen knabbern begierig am Laub 
Der Hirte zückt sein Smartphone filmt die Tiere
während sieben Sekunden verschickt das Video 
Dann telefoniert er sitzend auf dem Brunnenrand 
Die Ziegen eilen herbei stossen mit ihren Hörnern
fordernd gegen seine kreidebleichen Kniekehlen
Er tätschelt ihre Hälse spricht weiter in sein Gerät
Die Ziegen wenden sich ab trotten verwirrt davon
Der Hirte ist 70 Er trägt eine weisse Apple Watch
An seinem Arm klebt ein frisches Dialysepflaster 

(2022)

 

Das Eimerchen

Mein täglicher Weg an den Schreibtisch führt
im Gegenuhrzeigersinn um den Häuserblock
Ich leere das Eimerchen mit dem Grüngut
dehne meinen Rumpf vor dem Bücherschrank
zähle heute die bunten Pinguine vor der Kita
morgen die Schafe unterm Kirschbaum gelange
das quengelnde Eimerchen fest im Griff auf
eine sanfte Anhöhe sehe zu wie sich langsam
das Seebecken freinebelt während im Westen
die Nacht Länge um Länge abseilt den Mond
Wachgepinselt vom Hauch des frühen Tages
setz ich mich um Jahre verjüngt an mein Pult
Das Eimerchen indes will nicht an seinen Platz

(2024)

 

Ginge ich nicht

Mit einer Kaltnadel ritzt mir die Nebelhand
ihr Herbstmonogramm in die Nackenhaut
Ich schriee ginge ich nicht

Müde zirkelt mir die verdistelte Mittagssonne
ihr sprödes Licht vor die Füße
Ich haderte ginge ich nicht

Kreisend schwärzen letzte Stare den Himmel zu
und ihre Schreie steinigen mein ermattetes Herz
Ich stürbe ginge ich nicht

Ginge ich nicht durchs lodernde Laub

(2001)

 

Mit jedem Vers

Mit jedem Vers den ich schreibe
werde ich arm und ärmer verliere
eines meiner Geheimnisse die ich
mit Worten nicht benennen kann

Als Schmuggelware im Mantelsaum
trägt jeder Vers aus der Schneiderei
unzengroß eine Wahrheit über mich
ins Buchstabengetümmel hinaus

Die Leser werden Schnitt und Wurf 
genau besehen doch es wird dauern
bis einer das Verstuch dort befühlt wo
im Saum die Verhärtung zu spüren ist

Ich aber schreibe Verse wie eh und je
bis ich einst da steh nackt und kahl
eine geheimnislose Eiche ohne Frucht
wartend auf Sturm wartend auf Schnee

(2011)

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Sprachdozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich publizierte er Gedichte in den Literaturzeitschriften «einspruch», «drehpunkt» und «Sprache im technischen Zeitalter». Auch die «Neue Zürcher Zeitung», die «Zeit» und der «Tages-Anzeiger», Zürich, brachten Gedichte von ihm. 2001 erschien sein erster Lyrikband «Windgeschäft», für den er eine Anerkennungsgabe des Kantons Zürich erhielt. 2011 folgte sein zweiter Gedichtband «Weißzeug», der mit einer Anerkennungsgabe der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde. In der «NZZ am Sonntag» lobte Manfred Papst die «Sorgfalt und das Formbewusstsein» seines Schreibens. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Gabriela Cheng-Voser «bittersüess» – Die Lücke 7/7

dis parfüm esch 
es rosarots gsi
s fläschli met
acht eggä
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

mech packt
blues
wänn ech
dech schmöck
hey, heey, heeey
s esch en
eländä 
herzschmerz 
wo mech plagt
achterbahn
met mer fahrt

häsch din zeigfinger
gern i d höchi greckt
gseit was z machä esch
well du liäber
umägsässe besch
chom hol mer das
breng mer no säb
s esch wörkli wechtig
weisch es doch
alles för dech
söllsch s mol 
besser ha
wiä ech

häsch sand 
verschtreut
wo gwörkt hät 
wiä charisma
bem schwätzä 
schteili kurvä 
gnoh – usäglah 
du wössisch
wiä s lauft
heissi luft
am meter
verchauft

hey, heey, heeey
wänn ech a dech dänk
überchond mech dä blues
nagt a minä chnöchä
möcht so gern wössä
wo du etz ächt besch
wiä s döt so esch
met funkelndä augä häsch
dis chrüsimüsi verzellt
mech badet i dim schmuus
ech sig dini prinzässin
häsch mer gschmeichlet
mech met dinä
märli gschtreichled

ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

of s achslezuckä häsch dech
guät verschtandä
met em chopf herrischi
bewegigä gmacht
dini gangart hät signalisiert
platz do – etz chom ech

besch einzigartig 
aaschträngend gsi
emmer z schpot 
äs betz protzig
häsch chönnä bländä
ond verschwändä

besch gsellig gsi
bsuech häsch gliäbt
met gummigä
gschichtli brilliert
han s gern ghört
wiä häsch mögä lachä

esch din bodä
is gwagglä cho
häsch d luft
nach obä gno
vo nüt chond nüt 
häsch du so verschtandä
dass au z vell 
no z wenig esch

worum ech so fescht 
a der ghangä ben
chan ech mer sälber 
au chum erklärä
wenn mech öpper 
aso frooged wiso
lauf ich eifach dävo
muäss ech en antwort druuf ha
dass ech dech nöd han chönna la gah?
hey, heey, heeey
ha s nöd gschafft
dech hockä z lah
mis läbä hät sech 
numä um dech trüllt
hey, heey, heeey
bes mis eignä
g schtänkered hät 
nemmsch dr au mol
zyt för mech?

be nömm d füürwehr gsi
öber dini minefälder tänzled
han mini sach 
is rollä brocht
be fürschi cho
doch esch s äso 
dä chummer um dech
esch mer nachä gschwänzlet

sit mini lockä
grau wordä send
gnau äso wiä dini 
begriff ech jedes 
wort vo der
no emmer
numä
schier

bevor du ab dä bühni besch
häsch mer no söttigs gseit
wo mer öppis bedüüted
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

hey, heey, heeey
ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

Gabriela Cheng-Voser: In den letzten Monaten kämpfte ich mit einer Schreibblockade, so habe ich oft darüber nachgedacht, warum ich schreibe. Immerhin habe ich herausgefunden, dass ich mit meinen Texten Mitgefühl wecken möchte und dass mir die Menschen besonders am Herzen liegen, deren Ausgangslagen eher schwierig sind. Zudem habe ich eine Neigung zu Rollenprosa. „bittersüess“ ist der erste Text, den ich nach meinem Schreib-Stau für den Adventswettbewerb vom Literaturblatt eingereicht habe. 

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Béatrice Bader «Die Lücke» – Die Lücke 6/7
Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7
Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Béatrice Bader «Die Lücke» – Die Lücke 6/7

Auch in diesem Jahr schneit es nicht. Eigentlich schneit es an Weihnachten schon lange nicht mehr. Der fehlende Schnee hinterlässt im Reigen der Jahreszeiten eine nebelgraue Lücke.

Mery lebt im Haus ihrer Grosstante. Es liegt etwas ausserhalb am Rand des Dorfes. Das grosse Fenster des einen Zimmers blickt wie ein wachsames Auge auf eine weite Wiese. Da, wo in der wärmeren Jahreszeit die Kühe weiden, ducken sich jetzt die Büsche in den Nebel, als hätten sie etwas zu verbergen.

Drei Jahre ist es her, da Merys Grosstante gestorben ist. Unter ihrer Hinterlassenschaft befinden sich ein Kamm und ein Handspiegel. Der Kamm ist aus Elfenbein, eine der groben Zinken ist herausgebrochen.

Mery ist nicht mehr jung, schon seit mehreren Jahren nicht mehr. Ihr langes silberweisses Haar gleicht dem fahlen Schein des Mondlichts. Seit drei Jahren kämmt sie es jeden Abend und jeden Morgen mit dem Kamm ihrer Grosstante. In der Lücke, da wo ein Zacken fehlt, bleiben jedes Mal ein paar Haare hängen. Sie sammelt die hängengebliebenen Haarsträhnen in einer alten Hutschachtel, indem sie sie zu kleinen haarigen Objekten formt, die sie von Zeit zu Zeit auf einem weissen Leinentuch auslegt. Die Haarobjekte liegen vor ihr wie kleine Wesen, wie stumme Zeugen längst vergangener Tage. Zusammengehalten aus Geschichtenfäden, bestehend aus ihren langen weissen Haaren.

An drei von fünf Tagen arbeitet Mery in einer Kaninchenzucht. Ihre Aufgabe ist es, die gereinigten und getrockneten Felle der gehäuteten Tiere zu einem Stoffkaninchen zusammenzunähen und mit einer besonderen Watte zu füllen, so dass weiche Kuscheltiere daraus entstehen, welche sie an den anderen zwei Tagen der Woche auf dem Markt verkaufen muss. 

Zu ihren Aufgaben gehört es nicht, den fertigen Stofftieren die Augen anzunähen. Das ist Mery recht, so können die Tiere sie nicht sehen und sie braucht ihnen nicht zu erklären, weshalb sie ausgestopft auf ihrem Schoss sitzen, anstatt lustig und voller Leben im grünen Gras herumzuhoppeln.  

Mery kennt es von ihrer Mutter, nicht gesehen zu werden: Klein-Mery blieb die meiste Zeit allein und ungesehen; für die Mutter unsichtbar, so sehr sie sich auch bemühte. Vielleicht bin ich unsichtbar, fragte sie sich. Nur in besonderen Situationen, zum Beispiel wenn Klein-Mery krank oder beim Spielen hingefallen war, wurde sie für die Mutter für kurze Zeit sichtbar durch ihr Weinen.

Die Mutter ärgerte sich dann jeweils darüber, dass ihre Tochter ihr so viel Aufmerksamkeit abverlangte und flüchtete in die Stadt, wo sie sich schöne Kleider in den Schaufenstern teurer Boutiquen anschaute. Manchmal betrat sie den Laden auch, liess sich von der Verkäuferin einen kostbaren Pelzmantel oder ein unerschwingliches Seidentaftkleid zeigen, die sie dann anprobierte und sich vor dem Spiegel drehte. Sie hatte immer noch eine gute Figur, vielleicht war sie insgesamt etwas klein geraten, aber mit hohen Schuhen liess sich dieser Makel schnell beheben. Die Mutter stellte sich vor, sie sei eine wohlhabende und angesehene Kundin der besten Geschäfte der Stadt, und nicht, wie in Wirklichkeit, deren Schneiderin. 

Mery kann die Lücke, die das Fehlen der Mutter bei ihr hinterlassen hat, bis heute nicht schliessen. Ihre Arbeit in der Kaninchenzucht hilft ihr dabei, diese Leere zu verscheuchen. Sie stellt sich vor, wie andere Mütter ihre Kinder mit einem der Fellkaninchen überraschen und dafür mit deren leuchtenden Augen belohnt werden. 

Jetzt, in der kalten Jahreszeit, wo die Dunkelheit so dicht ist, als hätte jemand schwarze Tücher vor die Fenster gehängt, bastelt Mery abends eifrig kleine, kuschelige Bauten aus biegsamem Hasendraht für die augenlosen Fellkaninchen.

Weil der Schnee ausbleibt, kann sie auf ihren ausgedehnten sonntäglichen Spaziergängen schöne Blätter, feine Zweige und weiches Moos sammeln; damit polstert sie jeden Bau weich und dekorativ aus. Beim Bauern steckt sie eine Handvoll Heu oder Stroh in ihre Tasche, die Halme flechtet und webt sie kunstvoll in die Lücken des Hasendrahtes, den sie zuvor in die richtige Form gebogen hat. Zum Glück ist in der Kaninchenzucht noch niemandem aufgefallen, dass hin und wieder ein Stück des Maschendrahtes verschwindet. 

Sie besitzt mittlerweile eine beachtliche Anzahl dieser schön geschmückten Kaninchennester. Keines gleicht dem anderen, jedes ist eine Augenweide. Mery bestaunt sie voller Stolz. 

Das nächste Mal, denkt sie, wenn ich mit meinem Stand auf dem Markt bin, will ich ein paar davon mitnehmen und sie zu jedem verkauften Stoffkaninchen als Geschenk dazugeben, es ist ja bald Weihnachten. 

Was niemand weiss: in jedem Nest hat Mery eines ihrer weissen Haarwesen versteckt. 

Béatrice Bader ist Schweizer visuelle Kunstschaffende und Autorin, deren Werk sich konsequent an der Schnittstelle von bildender Kunst und literarischem Erzählen bewegt. Ihr Schaffen verbindet künstlerische Forschung, Konzeptkunst und Sprache zu stillen Dialogen zwischen Bild und Wort. 2025 erschien ihr Debüt «Imelda und die blaue Feder» im Neptun Verlag – eine feinsinnige Erzählung über Fundstücke und Vergänglichkeit. Sie lebt und arbeitet in Nennigkofen, Schweiz.

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7
Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7

Schon das Dritte SMS von Armin, die Ansage mit jedem Mal dringlicher: «Wo bleibst du?», «Wann kommst du endlich?», «Wir warten ALLE auf dich!»
Sie fühlte sich von SMS zu SMS immer weniger angesprochen. «Mensch Lea…» begann das Vierte. Rasch wischte sie es weg. Einfach hier sitzen zwischen all diesen Büchern und book lovers, das war es, was sie wollte an diesem Nachmittag des 24. Dezembers. 

Am Mittag war sie losgegangen, um rasch mal Wein und die letzten Geschenke zu kaufen. «Bin grad zurück», hatte sie zu Armin gesagt und ihn zwischen Tannenbäumchen und Weihnachtsschmuck stehen gelassen. Den Jungs hatte sie zugerufen «Helft Papa den Baum schmücken», dann warf sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss. Das war vor exakt drei Stunden, zwölf Minuten und «pling», inzwischen fünf SMS gewesen. 

Zuvor war Armin mit den Einkäufen für Heiligabend nach Hause gekommen. Er hatte ihr eine Flasche Weisswein vor die Nase gestellt und gesagt: «Bio aus Chile, den wollte ich schon immer mal probieren, nimmt mich wunder, was der taugt.»
Sie musterte die Flasche, ein hässliches neon-grünes Etikett, dann ihren Mann. 
«Das ist nicht dein Ernst, oder?»
«Doch, he du, nur drei Franken, und für das Fondue kommt es sowieso nicht so drauf an.»
Damit liess er sie stehen, um den Weihnachtsschmuck vom Estrich zu holen. 

Es war ihm tatsächlich ernst. Das konnte doch nicht wahr sein, Wein aus Chile für ein Schweizer Käse Fondue. Bio hin oder her, aber das ging gar nicht. Auch zu argentinischem Rind wäre es für sie ein No-Go gewesen, und bisher hatte sie angenommen, dass auch ihr Mann so dachte. Wie konnte man Wein kaufen, der in Containerschiffen und mit Lastwagen über tausende von Kilometern herangekarrt wird? Noch nie hatten sie solche Weine gekauft. Warum ausgerechnet heute, an Weihnachten? Was war bloss in ihren Mann gefahren?
Wütend räumte sie die Einkäufe weg, die Flasche liess sie auf dem Tisch stehen. Als Armin, gelassen wie immer, in die Küche zurückkam, fauchte sie: 
«Das glaub ich jetzt einfach nicht. Wie kannst du bloss Wein aus Chile kaufen, und dann noch für unser Weihnachts-Fondue?»
«Ich sag’s doch, ich will ihn probieren, ich will wissen, ob ein Wein für drei Franken etwas taugt.»
«Das interessiert mich nicht, das tut man einfach nicht, und so etwas haben wir bisher noch nie getan. Warum gerade heute? Ich verstehe dich nicht. Ich dachte, wir sind uns einig, dass wir keinen Wein aus Südafrika, Chile oder sonst von einem anderen Kontinent kaufen.»
«Jetzt sei doch nicht päpstlicher als der Papst. Die machen gute Weine, und eventuell ist es in Zukunft sogar ökologischer, wenn die sich auf Weinbau spezialisieren und wir es hier sein lassen damit, wie mit dem Fleisch. Die Ökobilanz von Weidefleisch aus Argentinien ist, trotz der grauen Transportenergie, immer noch um einiges positiver, als wenn wir die Viecher hier mit importiertem Kraftfutter durchfüttern.»
«Und was sollen dann unsere Bauern deiner Meinung nach in Zukunft tun?»
«Tja, weiss auch nicht, auf der Bank oder für eine Versicherung arbeiten?»
«Du hast sie wohl nicht alle. Mach doch mit deinem Wein, was du willst, ich geh einen anderen kaufen, der kommt mir nicht in mein Fondue.»
Damit hatte sie ihn stehen gelassen, um eben mal richtigen Fonduewein und letzte Weihnachtsgeschenke zu besorgen.

Das Velofahren tat ihr gut, der Wind um Nase und Ohren und die leise Konzentration auf den Verkehr entspannten sie. Schon beim COOP war ihr leichter ums Herz. Der Wein war rasch gekauft, ein Fendant. Nun noch in die Buchhandlung, die Bücher für die Jungs und Armin kaufen. 

Sie schenkte immer Bücher zu Weihnachten, das hatte Tradition, und diesbezüglich war auf ihren Mann verlass. Er schenkte ihr auch Bücher, meistens waren diese ganz OK, doch manchmal griff er daneben.
Vor einem Jahr hatte er ihr dieses peinliche Malibu-Buch geschenkt. Was hatte er sich bloss dabei gedacht? Sie war doch keine, die seichte Romane las. Krimis ja, aber bitte keine Sentimentalitäten. Seither sprach sie öfters über ihre Lieblingsbücher und die gerade angesagten Autorinnen, die diesen oder jenen Preis gewonnen hätten. Bisher leider ohne Erfolg. 
Und zum Geburtstag hatte er ihr ein Buch geschenkt, das sie schon hatte. Das hatte sie getroffen, beleidigt irgendwie. Hatte er den keine Augen im Kopf? Sie versteckte ihre Bücher doch nicht. Die Ungelesenen lagerten auf einem Stapel neben ihrem Bett und kamen erst nach dem Lesen ins Regal, ausser die, die sie kein Zweites Mal in die Hand nehmen würde, die kamen ins Brocki. 

Schon war er wieder da, der Ärger. Auf dem Weg nach Örlikon trat sie kräftig in die Pedale. Seit ein paar Tagen plagte sie diese bange Vorahnung, es könnten die letzten Weihnachten sein, die sie gemeinsam als Familie verbrachten. Vielleicht, weil Ihr Ältester gerade zwanzig geworden war, und sie selbst in diesem Alter zu Hause ausgezogen war. Danach hatte sie keine einzige Nacht mehr bei ihren Eltern verbracht, nicht einmal als ihre Mutter im Sterben lag. Sie konnte einfach nicht. 

Die Buchhandlung empfang sie mit einem wohligen Duft nach Zimt und Orangen, und da kam ihr das passende Buch für ihren Vegi-Sohn wieder in den Sinn: Simple von Ottolenghi. Für den Jüngeren, der neuerdings einen übertriebenen Hang zum Philosophieren hatte, wie sie fand, musste sie etwas länger stöbern. Doch nach ein paar Sätzen Lob der Erde von Byung-Chue Han lächelte sie zufrieden. Eine Philosophie der Langsamkeit und der exakten Beobachtung war genau das richtige für ihren Grübler. Sie ging zur Kasse und liess sich die beiden Bücher einpacken. 

Sie war nie eine dieser überbehütenden Mütter gewesen. Selbstverständlich wollte auch sie nur das Beste für ihre Kinder, doch ihnen Vorschriften machen, was aus ihrem Leben werden sollte, das war nicht ihr Ding. Stattdessen liess sie sich lieber von ihren Ideen und von ihrer unbändigen Energie anstecken, und wusste schon jetzt, dass sie diese Kopfauffrischungen am meisten vermissen würde, wenn sie dereinst ausgezogen sein würden. Manchmal kam sie sich egoistisch vor, weil sie überzeugt war, dass ihre Jungs ihr viel mehr geben konnten als sie ihnen. 

Mit Armin war sie die Familienplanung pragmatisch angegangen. Er verdiente gut und war bereit, sein Pensum zu reduzieren, damit sie nach den Schwangerschaften rasch wieder zurück an die Arbeit konnte. Ausserdem war er ordentlicher als sie, konnte gut kochen und war überhaupt recht fix im Haushalten. Mit der Zeit genoss sie es, nach getaner Arbeit nach Hause in eine aufgeräumte Wohnung zu kommen, in der es erst noch lecker nach Pasta oder Risotto duftete. 

Für ihren Mann wollte sie wie immer einen Krimi kaufen, und zwar den Letzten von Camilleri, der erst kürzlich posthum erschienen war. Und einen historischen Roman, vielleicht Friedas Fall, den sie im Frühling im Kino gesehen hatte, oder war das eher etwas für Frauen? Ein Sachbuch auf jeden Fall. Etwas Anspruchsvolles konnte nie schaden. Zielstrebig steuerte sie auf die Ecke mit den Sachbüchern zu, und da sah sie ihn, von hinten und doch unverkennbar, Max. 

Er trug seinen alten Lodenmantel, den er damals von seinem Vater geerbt hatte, als dieser überraschend gestorben war, und sie noch ein Paar waren. Sie hatten sich an der Uni kennengelernt und konnten unendlich über Bücher diskutieren, gnadenlos und leidenschaftlich. 

Ihr Atem stockte, und das fahle Gefühl des Verlassenwerdens kehrte abrupt in ihren Bauch zurück, so als ob es nie weg gewesen wäre, bloss überdeckt von Ehe und Arbeit, aufgefüllt von zwei Schwangerschaften und begraben unter bestimmt mehr als tausend Büchern, die sie seit der Trennung verschlungen hatte. Und jetzt meldete sich ihr Körper und meinte doch tatsächlich, dass nichts von all dem, dieses unstillbare Loch, diese Lücke, die er vor einem Vierteljahrhundert in ihr hinterlassen hatte, zu schliessen vermocht hatte. 

Sie atmete tief durch. Dann liess sie sich von der Buchhändlerin zwei Pappbecher mit Glühwein geben und peilte ihn an. 
«Max, magst du mit mir auf uns anstossen?», sagte sie und wunderte sich kein bisschen über das «uns» in ihrer Frage. 

Tina Wodiunig, 1960*, lebt und arbeitet in Zürich. Während ihrem Ethnologie- und Sinologie-Studium lebte sie ein Jahr lang in China, danach begann sie in einem Museum zu arbeiten und absolvierte einen MAS in Museologie an der Uni Basel. Sie ist Mitglied der Autor*innen-Gruppe «Die aus Zürich». Derzeit arbeitet sie an einem Roman über ihre Grosstante, die in St. Gallen aufwuchs, nach Österreich ausgewiesen wurde und 1941 von den Nazis ermordet wurde. 

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7

Ava erwachte an diesem Morgen unerwartet mürrisch.
Draussen warteten Dunkelheit und Kälte, sie verkroch sich nochmals unter der warmen Decke. Nur noch fünf Minuten, dachte sie und döste nochmals ein. 
Sie träumte vom Esel im Stall, den man in diesen Tagen überall sah, sei es auf Karten oder in den Gassen mitsamt dem Nikolaus. Daneben stand eine Krippe mit dem Jesuskind. Doch wer war nun daneben?
Die Kirche, die das Kind nicht wachsen liess oder der Metzger, der Schweinsfilets im Teig im Akkord zu verkaufen wusste?
Egal, dachte der Esel Kim, ich bitte das Jesuskind um Flügel, dann kann ich mich davonmachen. Es hat zu viele Leute hier, zu viel Neonlicht, zu viel Lärm. 
Iah, rief er laut und schon wuchsen ihm schmale Knorpel, überzogen mit Faszien und Muskeln aus der Seite. Bestimmt lassen sie sich als Flügel benutzen, dachte Kim, scharte mit den Hufen im feuchten Heu und schaute zum Kind. 
Lass mich ziehen, bat der Esel.
Das Kind nahm seine Hand zum Mund und knabberte daran. Es schien dabei zu nicken, für niemanden sichtbar. Doch diesen Zuspruch liess sich Kim nicht nehmen, er versuchte ein wenig die seitlichen Fächer zu bewegen und schon strampelte er sich ein paar Zentimeter vom Boden weg. Dann plumpste er wieder auf den Boden. 
Ava schrak auf und schaute auf die Uhr. 
Nun war sie wirklich spät dran, sie stand eilig auf, kämmte ihre langen Haare, griff kurz nach dem Pinsel, um den Lippen etwas Rot aufzulegen und schob wenig später das Fahrrad aus dem Velokeller. Sie hatte heute Sonntagsdienst in der Apotheke. Sie hatte Pharmazeutik studiert und die Stelle, die sie kurz nach Abschluss an der ETH gefunden hatte, passte ihr. Sie waren ein kleines Team, alle jung und …  dynamisch, bei diesem Wort musste Ava grinsen. Sie stoppte bei der Bäckerei, wo man von draussen etwas bestellen konnte, bezahlte ihren Kaffee und den Laugengipfel und biss mit Genuss in das frische Gebäck. Wenige Gebäude weiter stellte sie das Fahrrad in das Parkfeld und schloss das geliebte Vehikel ab. 

In der Apotheke schlüpfte sie in den weissen Kittel und schon stand sie hinter der Theke. 
Sie mochte die Vielzahl der Fragen, mit denen die Menschen an sie herantraten. 
Ein älterer Mann fragte nach einer Salbe, er habe sich den Fuss verstaucht. 
Reiben Sie diese ein, sagte Ava, sie ist schmerzstillend und abschwellend – und lagern Sie den Fuss hoch, schob sie nach. Der Mann bedankte sich, bezahlte und ging humpelnd davon.

Viele Leute husteten, als sie reinkamen; sie verkaufte Erkältungstee und wenn es etwas Stärkeres sein sollte, Neocitran. 
Eine junge Frau hatte ein quengelndes Kind bei sich und verlangte nach Schmerztabletten. 
Kopfschmerzen, fragte Ava mitfühlend nach und die Frau nickte. 
Fast gleichzeitig war ein Junge eingetreten, er wartete geduldig und hielt ihr dann ein Rezept hin, für meine Mama, sagte er und schaute sie fragend an. 
So ging es den ganzen Tag weiter. Ava verkaufte Medikamente, griff nach Schachteln und Fläschchen und kam kaum zu einer Pause. 
Draussen spielte die Heilsarmee Weihnachtslieder, mit jeder Türöffnung drangen Fetzen bekannter Melodien hinein. Ava war versucht, mitzusingen, so allmählich wurde sie müde und nostalgisch. Und hörte den Magen knurren. 
Kurz vor Ladenschluss trat ein Mann mit einem smarten Wuschelkopf an die Theke. Er trug ein schmales Instrument an der Seite und einen grauen Flanellmantel. Ein Knopf fehlte, vielleicht waren es zwei. In diesem Moment kam Ava der Esel in den Sinn, sie hatte keine Ahnung weshalb. 
Spontan fragte sie den durchfroren wirkenden Mann, als sie ihm die Vitamin C Sprudeltabletten hinübergereicht hatte, ob er ebenso hungrig sei wie sie. In der Nähe sei ein günstiges Lokal, ich lade dich ein, sagte sie und war ebenso überrascht wie der schlaksige Mensch ihr gegenüber.

Wenig später sassen sie sich vis à vis und schauten sich etwas verlegen an.
Dass sich der Mann als Kim vorstellte, verwunderte Ava kaum mehr, nur ihre Augenbrauen schnellten kurz hoch.
Ava sah von ihrem Sitzplatz auf die Gasse hinaus zu den Juddbrunnen, wo die Krippenfiguren aus Holz aufgestellt worden waren. Sie lächelte dem Jesuskind in der Holzkrippe zu, das immer noch an seiner Faust knabberte. Gut gemacht, Kleines, du bist gar nicht so daneben, zwinkerte sie ihm zu. 

© Ayse Yavas

Ruth Loosli, geboren 1959 im Seeland, lebt in Winterthur. Zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, fünf Lyrikbände, ein Roman («Mojas Stimmen»). Schriftbilder entstehen, eines fürs Plakat von «Zürich liest» 2023. Ein erstes Bilderbuch erscheint 2024, ein zweites im Frühjahr 2026. In der Galerie Weiertal werden 2026 Schriftbilder zu sehen sein.

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7

Es hat geklopft!
Sie richtet sich auf, schaltet das Licht an, schlüpft in die Pantoffeln, eilt zur Wohnungstür und hinaus auf den Korridor. Doch da ist niemand. Sie ruft den Namen ihres Sohnes, zuerst leise, dann lauter.
Keine Antwort.
Nichts.
Nur ihr Herz, das pocht.
Sie geht zurück in die Wohnung, durch die Küche auf den Balkon, lehnt über die Brüstung, weit hinaus, um zur Eingangstür hinunterzuschauen. Doch auch da ist niemand. Im Halbdunkel erkennt sie nur die Konturen der Mülltonnen, die neben dem Eingang stehen. Die Straße ist leer. Aus der Ferne hört sie einen Hund bellen, dann ist es wieder still.
Fröstelnd geht sie zurück in die Wohnung. Es ist erst halb fünf, doch sie beschließt, wach zu bleiben, Kaffee zu kochen, das Frühstück zuzubereiten. Als sie in der Küche hantiert, fällt ihr Blick auf den Kalender. Nicht auf den alten, der über der Kommode hängt und seit zwei Jahren und drei Monaten den 30. August anzeigt. Nein, auf den anderen Kalender fällt ihr Blick, auf den aktuellen, von dem sie nun ein Blatt abreißt und sieht, dass heute der erste Advent ist.
Sie lächelt. Den ersten Advent haben sie früher wie Weihnachten gefeiert. Mit einem festlichen Abendessen und Geschenken. «Kleine Weihnachten», hat ihr Sohn einmal gesagt, was sie lustig fand. Wie alt war er damals? Vier, vielleicht fünf? Den ersten Advent haben sie danach immer so genannt, «kleine Weihnachten», auch später noch, als ihr Sohn zur Schule ging und noch später, als er Student war.
Sie stellt zwei Tassen auf den Tisch und rückt den Stuhl zurecht, auf dem seit dem Datum auf dem Kalenderblatt über der Kommode niemand mehr gesessen hat. Sie setzt sich auf den Stuhl gegenüber, frühstückt und lässt danach das Geschirr stehen, damit sie noch einmal frühstücken kann, wenn ihr Sohn kommt.
Punkt acht meldet sie sich in der Chatgruppe und erzählt vom Klopfen. «Vielleicht ist heute der Tag», endet sie ihre Nachricht.
«Hoffentlich», antwortet jemand.
Drei reagieren mit einem Herzen.
Niemand aus der Chatgruppe fragt, ob es wirklich geklopft habe. Und niemand sagt, sie müsse realistisch sein und abschließen, wie ihr einmal ein Arzt geraten hat. Trauern solle sie, hat er empfohlen, wie wenn ihr Sohn gestorben wäre. Als ob ihr Sohn gestorben wäre!
Wer wäre sie dann überhaupt? Sie ist Witwe, seit vor vielen Jahren ihr Mann gestorben ist. Ihr Sohn wurde dadurch Halbwaise und würde Vollwaise, wenn auch sie stürbe. Doch für eine Mutter, deren Kind gestorben ist, gibt es keine Bezeichnung, erst recht nicht für eine Mutter, deren Kind verschwunden ist.
Verschwunden worden ist, müsste sie wohl sagen. Denn was vorgefallen ist, wurde beobachtet, das Beobachtete berichtet, das Berichtete bestätigt. Und bestritten. Es sind Puzzleteile, die sich bis jetzt zu keinem Bild zusammenfügen lassen. Solange sie es nicht genau weiß, ist ihr Sohn nicht gestorben. Er ist vor zwei Jahren und drei Monaten, am 30. August kurz nach Mittag, aus dem Haus gegangen und nicht zurückgekommen. Noch nicht.
In der Chatgruppe braucht sie das Warten nicht zu erklären. Sie alle kennen es. Auch die Geräusche kennen sie. Manche hören ebenfalls ein Klopfen, andere das Telefon klingeln oder eine Tür knarren. Nachts ein Schnarchen im Nebenzimmer, tagsüber eine Stimme, ein Räuspern, ein Rufen, ein Lachen, ein Singen, ein Pfeifen. Einige hören Schreie, immer wieder Schreie.
Heute war das Klopfen anders. Kräftiger, hartnäckiger vielleicht. Es klang wie eine Ankündigung. Als sei ihr Sohn unterwegs und komme bald durch die Tür, heute noch oder morgen erst, nächste Woche oder an Weihnachten. Sie wird ihm auch dieses Jahr ein Geschenk kaufen, sein Lieblingsessen kochen, die Wohnung schmücken.
«Es ist Advent, die Zeit der Ankunft», schreibt eine der Mütter in den Gruppenchat. Jemand reagiert mit einem Stern. Im Verlauf des Tages melden sich alle aus der Gruppe. Es brauchen keine Worte zu sein, denn manchmal fehlen sie. Ein Emoji genügt. Sonst wird nachgefragt. Denn sie alle sind auf einer Achterbahn, könnten jederzeit hinausgeschleudert werden und fallen, tief fallen.
Als wieder halb fünf ist, weiß sie nicht mehr, was sie den ganzen Tag über gemacht hat. Gewartet hat sie, natürlich hat sie gewartet. Das tut sie jeden Tag. Manchmal strickt sie dabei. Im Schrank liegen drei Pullover, ein Schal und fünf Paar Socken, die sie für ihren Sohn gestrickt hat.
Angefangen hat sie damit, als sie gesehen hat, wie abgemagert die jungen Männer sind, die zurückkommen. Auch der Sohn ihrer Nachbarin. Gezittert hat er. Also hat sie ihm einen Schal gestrickt, den er fortan immer trug, sogar am Tag, als er wegzog, um das alles hinter sich zu lassen, wie er ihr beim Abschied erklärte. Kurz darauf ist auch ihre Nachbarin weggezogen, um das alles hinter sich zu lassen.
Sie selber kann nicht wegziehen. Nur selten verlässt sie ihre Wohnung. Sie ist hier, um zu warten. Je weiter der Tag fortschreitet, desto beschwerlicher wird das Warten. Wenn sie die Kraft dazu hat, setzt sie sich an den Computer, füllt Formulare aus, kontaktiert Organisationen, vernetzt sich, schreibt Briefe, erzählt wieder und wieder seine Geschichte, die längst zu ihrer Geschichte geworden ist. 
Sie kämpft für die Suche ihres Sohnes, aber auch gegen die Dunkelheit, die sich am Ende des Tages ausbreitet und gegen die keine Lampe hilft. Wenn sie dann nicht aufpasst, kullern plötzlich Tränen über ihre Wangen, beben die Schultern und hört sie ein Schluchzen, das tief aus ihr herausdringt und doch so tönt, als käme es von einem fremden Wesen.
Bevor sie zu Bett geht, schaut sie ins Zimmer ihres Sohnes, das aussieht, als sei er nur für ein paar Stunden weggegangen. Und das war er auch, nur für ein paar Stunden weggegangen. In der Bibliothek ein paar Bücher holen wollte er und zwei, drei Dinge einkaufen. «Bis gleich», rief er an jenem 30. August nach dem Mittagessen und ging.
«Bis gleich», flüstert sie und geht in ihr Zimmer. Sie setzt sich aufs Bett, schlüpft aus den Pantoffeln, legt sich hin, löscht das Licht. Und lauscht auf Geräusche.

Alexandra von Arx, geboren 1972 in Olten, ist Juristin, Übersetzerin und internationale Wahlbeobachterin. Als Autorin wurde sie mit zwei Förderpreisen für Literatur und mehreren Aufenthaltsstipendien ausgezeichnet. Bislang hat sie drei Romane und einen Erzählband veröffentlicht, zuletzt «Das mit uns» im Zytglogge Verlag.

Webseite der Autorin

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7