Auf einmal bewegt die Blondgefärbte den Kopf im Kreis, als versuche sie, mit ihren Augen dem komplizierten Flug eines Insekts zu folgen. Doch da ist kein Tier und ihre faltigen Lider sind geschlossen. Es ist die schiere Lust, die ihre Bewegung antreibt, die Lust an dem Eis in ihrer Hand. In leicht gekrümmter Haltung sitzt die Alte an einem Tischchen vor der minzegrünen Fassade der Hibilek Golbinol, einer bekannten Gelateria im Zentrum von Bokampo. Sie trägt ein lachsrotes Seidenkleidchen mit Spitzen, das sich kaum von der Farbe ihrer Haut unterscheidet. Wasserdostpurpur leuchten die Eiskugeln in ihrem Biskuithörnchen. Was für eine Sorte mag es sein? Pflaume vielleicht? Pfirsich oder Pampelmuse?
An den Handgelenken der Frau baumeln allerlei silberne Reifen und an ihrem Hals hängt eine Kette aus großen Perlen. Sie wirken echt, ebenso echt wie die Hermes-Tasche, die unter ihrem linken Arm klemmt. Die Füße aber stecken in knutschgelben Badeschlappen, die billig wirken und halb kaputt.
Die Blondierte hat mich noch nicht bemerkt, obwohl ich nur wenige Meter von ihr entfernt, auf der anderen Seite der schmalen Straße an einer Mauer lehne und mit lautem Blubbern meinen Skajkax [eine Art Eiskaffe mit viel Schaum] in mich hineinsauge. Ist sie vielleicht ein wenig betrunken? Ihr Pupillen haben etwas Fiebriges, ihre Haut wirkt seltsam teigig, ihr Lächeln starr, blöde fast. Doch das kann auch das Alter sein – oder die Hitze. Auf jeden Fall glaubt sie sich ganz alleine mit ihren Pflaumenkugeln, unbeobachtet in ihrem Zuckerrausch. Überhaupt wirkt sie, als ob für sie nur diese süßen Sphären wären und hinter all den Sphären keine Welt.
Wie bin ich wohl selbst anzuschauen, wenn ich mich in meiner Lust unbeobachtet wähne? Gut möglich, dass ich bedeppert in die Gegend glotze. Vielleicht ist es besser, man weiß es nicht.
Langsam nähert sie ihren Mund dem Eis, kurz blinken ihre Zähne auf, dann nimmt sie einen mächtigen Happen, mümmelt ihn in sich hinein. Wieder schwenkt sie die Augen zum Himmel, als suche sie in der Atmosphäre nach einem Wort, das ihre Lust beschreibt, nach einem Zeichen von San Gelato.
Und dann geschieht es. Während ihr Blick noch oben sucht, gerät unten die letzte Kugel ins Rutschen. Sanft schiebt sich der lachsfarbene Ball auf den Rand des Biskuits, gleitet unbemerkt über den Zeigefinger und fällt geräuschlos zu Boden. Gleich darauf führt die Frau sich die Eistüte erneut an die Lippen, die Zunge fährt heraus, stößt in den Konus, tiefer, zuckt nach links, nach rechts und schnellt zurück. Ungläubig starrt sie erst auf das Biskuit, dann auf die Lache vor ihren Füßen, aus der sich noch ein letzter Rest der Kugel wölbt.
Nach einigen Sekunden bückt sie sich nach vorn und versucht, mit drei Fingern etwas von dem Eis zu greifen. Doch der klebrige Stoff ist zu weich, es bleiben nur ein paar Schlieren an ihrer Haut hängen. Sie steckt sich alle drei Finger in den Mund und saugt daran, als könne sie nicht glauben, dass da nicht mehr zu holen ist.
Plötzlich schaut sie mich an. Oder schaut sie nur durch mich hindurch? In ihren Augen herrscht eine solche Leere, als sei ihr mit dem Eis auch alle Lust und Lebendigkeit zu Boden gegangen. Ich überquere die Straße, um mein leeres Skajkax-Glas in die Eisdiele zurückzubringen.
«Soll ich Ihnen zum Trost einen Kaffee spendieren?», frage ich im Vorbeigehen und deute auf den Pflaumensee. Doch sie schaut an mir vorbei, wild und kraftlos zugleich – eine Löwin, betäubt vom Leben.

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.





