Buchtaufe «Einer wie Heusser», edition bücherlese – am 28. Oktober in Brunnen SZ, erwünschte Einladung an winzap@bluewin.ch.
Peter Wallner, jüngstes Kind einer vielköpfigen Bauernfamilie, wächst in einem abgelegenen Dorf und in einer Natur auf, in der Werden und Vergehen zum Alltäglichen zählen. Und doch wird die schwierige Geburt eines Kalbs für den sensiblen Jungen zu einem Schlüsselerlebnis. Als der Tierarzt Heusser die Geburt zu einem glücklichen Ende bringt, steht für Peter fest: So einer will er werden, einer wie Heusser, der selbstverständlich zur Stelle ist, wenn er gebraucht wird, und das Richtige tut.
Dann stirbt Peters Vater und sein junges Leben nimmt einen unerwarteten Verlauf. Fortan lebt er in der Großstadt bei seinem Onkel, einem Bankdirektor, der Peter mit eigenwilligen religiösen und wirtschaftlichen Überzeugungen konfrontiert. Während Peter sich durch die Schuljahre im Gymnasium kämpft, beginnt er, die Welt kritisch zu hinterfragen.
Das ändert sich auch nicht, als er zum Studium in eine andere Stadt wechselt, dort schließlich seine erste große Liebe, die angehende Geisteswissenschaftlerin Charlotte, kennenlernt und nach einigen Jahren wieder verliert. Peter bleibt ein Fragender, ein Skeptiker, wird zum Philosophen unter den Tierärzten, was ihn nicht daran hindert, eine prosperierende Tierarztpraxis zu betreiben.
Er etabliert sich, gründet eine Familie und steht – wie Charlotte – nach einigen Jahren wieder allein im Leben. Erst spät, durch eine zweite Chance mit seiner grossen Liebe, scheint sich alles zu fügen. Doch als ihr gemeinsamer Sohn am Rand der Lebensfähigkeit geboren wird, geraten alle Sicherheiten ins Wanken.
Bruno Winzap, 1960 in Graubünden geboren und aufgewachsen, später in Basel und Zürich, studierte Tiermedizin und lebt in der Zentralschweiz, wo er seit vielen Jahren eine eigene Praxis führt. Noch während seiner Tätigkeit als Tierarzt widmete er sich dem literarischen Schreiben. Mit einem Auszug aus dem vorliegenden Roman wurde er als einer von vier Preisträger:innen des Zentralschweizer Literaturwettbewerbs 2026 ausgezeichnet.
11. September 2001. Sie erinnern sich bestimmt in irgend einer Weise. Was damals geschah, brannte sich ins kollektive Gedächtnis – ein globales Trauma. Aber ebenso brannte sich der Moment ein, der Tag, als es geschah. Robert Menasse spürt genau diesem Moment nach und setzt ihn in Zusammenhänge, die überraschen.
Ich erinnere mich genau. Ich trat ins Lehrer*innenzimmer einer benachbarten Schulgemeinde und wunderte mich, dass alle Anwesenden um einen Monitor auf einem portablen Gerüst standen. Es musste ein halbes Dutzend gewesen sein. Sie schauten auf den Bildschirm, niemand redete ein Wort und ich wunderte mich, dass man in einem Schulhaus zu einer solchen Uhrzeit irgendwelchen rauchenden Wolkenkratzern zuschaute, einem ganz offensichtlich ziemlich schlecht gemachten Katastrophenfilm mit der Skyline Manhattens. Ich erinnere mich auch an die kippenden Gefühle, als mir bewusst wurde, dass der Schrecken in den Gesichtern der Anwesenden, die geröteten Gesichter, die Hände vor dem Gesicht kein Theater waren, und das Geschehen auf dem Monitor kein B-Movie, sondern eine ganz abgefahrene Vision der Wirklichkeit war.
Wie abgefahren offenbarte sich erst in den Stunden, Tagen, Wochen und Monaten danach. Als einem bewusst wurde, dass wohl Tausende Unschuldige ihr Leben verloren. Dass mehrere Passagierflugzeuge konzertiert Tod und Vernichtung brachten. Dass das Ganze nach dem Plan einer global operierenden Terrorgruppe eines saudischen Millionärs passieren sollte. Dass nicht nur das Selbstverständnis der us-amerikanischen Seele getroffen wurde, sondern die Wahrzeichen des Erfolgs. Man hatte der westlichen Welt, den USA den Krieg erklärt, aus dem Hinterhalt, aus dem Verborgenen. Die USA holte zum interkontinentalen Gegenschlag aus, errichtete spezielle Gefängnisse und machte jeden zum Feind, der nur annähernd nicht wie einer der ihrigen aussah. Und wie nirgendwo sonst auf der Welt blühten im «Alles-ist-möglich-Land» Verschwörungstheorien auf, eine um sich greifende Erscheinung, die man bislang nur einer kleinen Gruppe von Spinnern zuschrieb. Auch ein Vierteljahrhundert danach sind die Geister nicht besiegt, die Giftschlangen nicht ausgerottet, der Feind nicht besiegt.
Robert Menasse «Der 11. September. Überblendungen», Droschl, 2026, mit einem Nachwort von Ewout van der Knaap, ISBN 978-3-9905-9214-4
Dass aber an jenem Tag und in der Folge dieses Traumas noch viel mehr mit der Spezies Mensch geschah, dass dieses Ereignis nicht einfach eine einmalige, singuläre Katastrophe mit globaler Wirkung war, davon schreibt der Schriftsteller, Essayist und Streiter Robert Menasse in einem schmalen Buch, das den 11. September in mir neue Zusammenhänge setzt, ohne die tatsächlichen Geschehnisse umschreiben zu wollen. Am 22. November 1963 wurde der damalige us-amerikanische Präsident John F. Kennedy in Dallas in seinem offenen Lincoln Continental erschossen, angeblich von Lee Harvey Oswald, einem ehemaligen US-Marine, der einige Jahre in der Sowjetunion gelebt hatte. Auch damals hielt die Welt den Atem an, auch wenn es eine Weile dauerte, bis sich die Meldung über seinen Tod über die damaligen Medien verbreitete. Auch damals sass der Schrecken tief, da es der junge, dynamische Präsident geschafft hatte, sich als Friedensfürst zu inszenieren, ausgerechnet er, der den Vietnamkrieg angezettelt und den Konflikt mit Kuba beinahe zum Atomkrieg gemacht hatte.
Das Ereignis damals, ganz im Gegensatz zu 9/11, schweisste die Welt zusammen, generierte ein kollektives Gemeinschaftsgefühl in der Erschütterung, etwas «Menschenverbindendes». Die Saat von 9/11 war eine ganz andere; kollektives Misstrauen, tiefsitzende Angst, Aufrüstung und Krieg. Robert Menasse setzt diese und andere Geschehnisse in Zusammenhang, zum einen mit einem Essay mit dem Titel «Die amerikanische Brille», zum andern mit einer gleichnamigen Erzählung, die schon mit einem Hammersatz beginnt; Ich war glücklich, als John F. Kennedy erschossen wurde. Ein Satz, den man versteht, wenn man von der Situation des damals 9jährigen Robert Menasse erfährt. Ein Satz, der aber doch noch viel mehr in sich birgt.
Robert Menasse schildert messerscharf. Er stellt zwei Texte gegeneinander, die weniger erklären als analysieren wollen. Nicht was damals in Manhattan oder in den Strassen von Dallas geschah, sondern im kollektiven Bewusstsein der westlichen Hemisphäre. Menasse fügt auch die Ermordung Salvador Allendes, des damals demokratisch gewählten Präsidenten Chiles hinzu – am 11. September 1973. Was ist von der Erschütterung geblieben?
Robert Menasse, geboren 1954 in Wien, studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft und wurde 1980 mit der Arbeit «Der Typus des Außenseiters im Literaturbetrieb» zum Dr. phil. promoviert. Von 1981 bis 1988 lehrte er an der Universität São Paulo in Brasilien, 1999 verbrachte er drei Monate als Writer in Residence in Amsterdam. Seit 2011 kuratiert er ein Writer-in-Residence-Programm in der one world foundation in Sri Lanka. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit vielen bedeutenden Preise bedacht. Zuletzt erschienen: «Die Lebensentscheidung», 2026 bei Suhrkamp. Robert Menasse lebt als freier Schriftsteller und (politischer) Essayist in Wien.
Besprochen wurden «Vertraute Gespenster» von Anna Ruchat (Limmat), «Lachen kann, wer Zähne hat» von Zyta Rudzk (Friedenauer Presse) und «Zeiten erhöhter Gefahr» von Julia von Lucadou (Hanser).
Miteinander gesprochen haben Ariane Novel (Co-Leiterin Wortlaut Literaturfestival St. Gallen), Jeanette Bergner (Moderation) und Gallus Frei (literaturblatt.ch).
wir liegen wie heu zwischen unsere finger lege ich schafgarben und ameisen über gras und du sagst dass vergangenheit nur woanders passiert in rom vielleicht oder athen setze ich mich anders hin wende mich dem heu zu wenn wir die wiese einfahren erinnere mich daran
pundui coche fën danter nosc dëic conci su ciarinac de paluch y furmies sëura ierba y te dijes che l passà suzed mé nzaul de auter a roma povester o a aten sposti mi pëis me ëute de viers dl fën canche fajon fansëch lecordeme
mein haus wackelt
es ist ein milchhaus sagst du und deinen worten entnehme ich einen stuhl den schrank und den schiefen gang
den gehe ich zuerst die ferse dann das kinn entlang mir schwindet der blick aus den augen
mein haus wackelt am besten wir legen es unters kissen du nimmst es aus meiner hand drehend fallen wir einander über mein haus du sage ich unförmig hebe ein neues gewicht auf wackel nicht so mein bauch will nach draußen
mir zerbricht tatsächliches im vollen mund
gib mir mein kissen zurück oder schau du morgen was darunter liegt
mi cësa ie ala zibla
l ie na cësa da lat dijes tu y da ti paroles toli ora n stuel l castl y l port desbiech ti vedi do dl prim l ciauciani pona l sumenton l me toma la udleda ora di uedli
mi cësa ie ala zibla la miecia iel sce la meton sot al plumac tu me la toles ora dla man se raidan tumons l un l auter sëura mi cësa tu diji defurmeda tlope su n pëis nuef no balesté tan mi vënter uel ora
uriteies me se romp tla bocia plëina
dame inò ca mi plumac o cëla tu duman cie che ie sotite
ich spiele die blockflöte
atme von hals zu holz wie kommt es zu kompositionen wenn die zunge unter holz liegt ein mund stück zum einstimmen
gib mir einen kammerton a gib mir finger die von distanzen wissen etwas zum bohren sodass luft fließt
suche ein instrument aus sagten sie aber die flöte kommt zu allen
übe wie damals im gang sitzend auf stufen im mund merkte sich das holz meinen speichel
manchmal wollte ich dass eine sprache mich aufnimmt mutter wollte ich sagen zu dir
sone l flaut a bech
l fla va dal col plën al lën co nasc pa cumposizions sce la lënga ie sot al lën l bech n toch de bocia da acurdé
dame n la de referimënt dame dëic che sà de destanzes zeche da furé che aria passe tres
chier ora n strumënt me ovi dit ma l flaut ti toca a duc prova coche ntlëuta senteda te port sun sceles tla bocia se lecurdova l lën de mi spidoch
datrai ulovi che na rujeneda me tulëssa su oma ulovi ti dì a ti
aus «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du» (Limbus Lyrik 2026)
Das Coverbild ihres neuen Lyrikbandes ist von Nadia Runggers Vater Klaus Rungger. Sie stellen auch oft im Duo gemeinsam Zeichnung und Poesie aus.
Nadia Rungger, geboren 1998 in Brixen/Südtirol, debütierte 2020 mit dem Erzähl- und Gedichtband «Das Blatt mit den Lösungen» (A. Weger). Sie ist vielsprachig auf gewachsen und studierte Germanistik und Angewandte Linguistik in Graz und Brixen. Ihre Prosa und Lyrik auf Deutsch und Ladinisch wurde mit mehreren internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Merano Europa 2017, dem Ladinischen Literaturpreis Scribo 2018, dem Jurypreis Irseer Pegasus 2024 und dem Lichtungen-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark 2024. Die Uraufführung ihres Theaterstücks Morvëies/Wunder erfolgte 2024 im Stadttheater Bruneck für das europäische Projekt Phōnē. Gedichte von ihr wurden in mehrere Sprachen übersetzt, in Literaturzeitschriften veröffentlicht und bei Ausstellungen präsentiert, zuletzt im Landesmuseum Franzensfeste.
Ingeborg Bachmann, Ikone der Literatur des 20. Jahrhunderts, und Fleur Jaeggy waren Freundinnen. Wer im schmalen Buch „Die letzten Tage von Ingeborg“, das Fleur Jaeggy ein halbes Jahrhundert nach dem tragischen Tod ihrer Freundin schrieb, Enthüllungen sucht, liest mit falscher Absicht.
Ingeborg Bachmann, eine jener Stimmen deutscher Literatur, die wohl nie vergessen wird, starb am 17. Oktober 1973 47jährig in Rom an den Folgen eines tragischen Brandunfalls. Ein Tod, der bis in die Gegenwart Spekulationen provoziert. Als Ingeborg Bachmann starb, war Fleur Jaeggy eine junge Autorin, beeindruckt von ihrer älteren Freundin, aufgehoben im gemeinsamen Wunsch, in der Sprache Heimat zu finden. Als Ingeborg Bachmann starb, verlor die Literatur einen Fixstern, Fleur Jaeggy eine Freundin, die sie auch ein halbes Jahrhundert nach deren Tod noch immer begleitet.
„Die letzten Tage von Ingeborg“ ist keiner der unsäglich vielen Mosaiksteine, die sich mit Leben, Sterben, mit dem Werk der grossen Autorin beschäftigen. Auch kein Bericht, kein Statement, nicht einmal ein Denkmal – höchstens für Fleur Jaeggy selbst. Für Fleur Jaeggy muss der Verlust ein permanenter Schmerz sein. Ein Gefühl, das all jene kennen, die mit zunehmendem Alter durch Sterben und Tod von jenen Menschen getrennt werden, die ihnen Leben bedeuten. Vielleicht wäre Fluer Jaeggy gar nie Schriftstellerin geworden, oder jene Schriftstellerin, die sie geworden ist, hätte sie damals in Rom Ingeborg Bachmann nicht kennengelernt.
Fleur Jäggy «Die letzten Tage von Ingeborg», Suhrkamp, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Schaden, 44 Seiten, CHF ca. 19.90, ISBN 978-3-518-43329-4
Im Sommer 1971, zwei Jahre vor dem Tod Ingeborg Bachmanns, fahren die beiden Freundinnen mit einem roten Alfa Romeo 2600 für einen Monat gemeinsam an die toskanische Küste, nach Poveromo-Forte dei Marmi, um sich aus dem Trubel ihres Lebens auszuklinken. Keine Zerstreuung, aber 30 Tage Gemeinschaft, mit nichts anderem als mit sich selbst und der Freundin. Man macht Spaziergänge, schwimmt im Meer, isst zusammen, empfängt nur wenig Besuch (Italo Calvino mit seiner Frau und Uwe Johnson mit dem ersten Teil seines Opus Magnum „Jahrestage“). Man geniesst die langen Gespräche und die Ruhe im Haus und im verwilderten Garten, überzeugt, es wäre noch immer der Anfang einer langen Freundschaft.
Dann die Katastrophe. Nicht nur der Brand, auch die Tatsache, dass schon in den ersten Stunden und Tagen vieles unerklärlich, unerklärbar bleibt; das Schweigen, das Verheimlichen, die Einsamkeit, die offensichtlichen Notmassnahmen, die nicht sofort eingeleitet wurden, fehlende Kompetenz. Sie, die von allen geachtete und verehrte Schriftstellerin, bleibt im grössten, erdenklichen Schmerz allein. Ihre Freundin, Fleur ebenfalls, im Ungewissen, einem aseptischen Zimmer isoliert, die Freundin Fleur ganz ähnlich. Ein Schmerz, der sich auch fünf Jahrzehnte nach der Tragödie nicht verflüchtigt hat. Ein Schmerz, der bei der Trauerfeier noch zementiert wurde, die Verstorbene entblöste.
So ist „Die letzten Tage von Ingeborg“ ein Buch der Sehnsucht, des Schmerzes, das fluide Nachspüren einer Freundschaft, in aller Feinheit formuliert, weit weg von Enthüllung und Sensation. Eine Mischung aus Tagebuch und Erinnerung, Empfindungen und Momenten, die sich nicht auslöschen lassen.
Für all jene, die die Bücher von Ingeborg Bachmann lieben, eine Liebeserklärung. Für all jene die Fleur Jaeggy kennen ein Zeugnis. Für all jene die Fleur Jaeggy nicht kennen, die Aufforderung mit dem Lesen ihrer Bücher zu beginnen!
Fleur Jaeggy ist eine schweizerische und italienischsprachige Autorin, Ex-Model, Intellektuelle, Mystikerin, inzwischen etwas über 80 Jahre alt, ehemals enge Vertraute Ingeborg Bachmanns, Witwe des Adelphi-Verlegers Roberto Calasso, heute lebt sie weitgehend zurückgezogen in Mailand. Ihr weltweit gefeiertes Werk umfasst Romane, Erzählungen und Geschichten. 2024 erhielt sie den Gottfried-Keller-Preis der Martin Bodmer-Stiftung für ihr Gesamtwerk und 2025 wurde sie mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet.
Barbara Schaden studierte Romanistik und Turkologie in Wien und München, arbeitete anschließend als Verlagslektorin und ist seit 1992 freiberufliche Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Italienischen. Sie hat u.a. Werke von Kazuo Ishiguro, Fleur Jaeggy, Nadine Gordimer und Elena Ferrante übertragen und ist dafür vielfach ausgezeichnet worden. Barbara Schaden lebt in München.
Tele D ist seit 1985 unter dem Namen Lokalfernsehen Diessenhofen bekannt, eine Stiftung, die sich der Herstellung und Ausstrahlung von Sendungen, die lokale und regionale Themen und Interessen abdecken, zur Aufgabe macht. Literatur ist dabei ein fester Bestandteil.
Tele D erreicht seit Frühling 2014 mit seinem vielfältigen Programm die gesamte Deutschschweiz in den Kabelnetzen der UPC Schweiz, der Swisscom und DCG Digital Cable Group.
21. März 2026 „Die Literaturrunde“ auf TeleD mit Moderatorin Jeanette Bergner und dem Schriftsteller Peter Höner
Die besprochenen Bücher:
Jürg Beeler «Josef Lauterbachs Reise nach Flätz», Knapp, 2026, 178 Seiten, ISBN 978-3-907334-46-1
Jürg Beeler «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz», Knapp Verlag Josef Lautenbacher, seit Kurzem im Ruhestand, wähnt sich von seiner Frau kontrolliert und gegängelt. Verzweifelt versucht er, ihr zu entkommen. Nicht alle seiner oft komischen Versuche gelingen, selbst die Flucht in eine benachbarte Stadt verhindert nicht, dass die besorgte Ehefrau ihn findet. Im Bahnhofbuffet von Nimmerach, einer Kleinstadt am Jura-Südfuss, findet er einen Rückzugsort. In diesem «Kurort für Geist und Seele» vollzieht sich seine Wandlung vom ehemaligen Buchhändler, der täglich von Weltliteratur umgeben gewesen war, zum Schriftsteller. Je grösser die räumliche Entfernung von Luise, seiner Frau, desto schärfer und unerbittlicher arbeitet sein Verstand, wie er festzustellen glaubt.
Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-446-28311-4
Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin Als Aki erfährt, dass ihre Großmutter gestorben ist, bucht sie zwei Flüge. Ein letztes Mal will sie ihre Mutter zu ihrer Familie in Japan bringen, auch wenn sie weiß, wie riskant es ist, einen dementen Menschen aus der gewohnten Umgebung zu reißen. Und wirklich hat sie Keiko noch nie so verloren erlebt wie in der ersten Nacht im Hotel. Doch dann sitzen sie beim Essen im alten Elternhaus, und plötzlich spricht sie, die so still geworden ist, fröhlich und klar für sich selbst. Erst auf dieser Reise erkennt Aki in ihrer Mutter die mutige und lebenshungrige Frau, die sie einmal war, bevor sich in Deutschland diese große, für Aki so bedrohliche Müdigkeit über sie legte. Mit sanfter Klarheit lässt Yuko Kuhn die faszinierende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie entstehen, die zwischen den Kulturen verloren geht und sich neu findet.
Ruth Bollinger «Elsas Alben», Verlag am Platz, 2025, 285 Seiten, ISBN 978-3-908609-20-9
Ruth Bollinger «Elsas Alben», Verlag am Platz Die junge Elsa glaubt an den Sozialismus und an die Liebe. Sie ist noch nicht 20-jährig, als sie, aus Böhmen stammend, im Jahr 1912 nach Schaffhausen kommt und hier einen jungen Tschechen, Karel, heiratet. Noch steht die Zukunft verheissungsvoll bevor, noch ist in der Arbeiterklasse die Überzeugung verbreitet, dass die sozialistischen Führer Europas den Kriegstreibern das Handwerk legen werden, und der Sozialismus nur eine Frage der Zeit sei. Der Roman zeigt das Leben einer Arbeiterfrau, die nicht einen bekannten Namen führt, jedoch stets darum bemüht ist, ihr Leben im Einklang mit ihrer sozialistischen Überzeugung zu leben.
Dürfte ich eine Diagnose stellen, würde ich sagen: Gallus Frei ist ein Buchverrückter. Möglicherweise sind wir das in diesem Saal alle mehr oder weniger, aber bei ihm ist die Ausprägung extrem. Stellen wir uns Gallus Frei am gedeckten Tisch vor: Bücher gehören zu seiner täglichen Nahrung. Er liest sie, verdaut sie und verstaut sie in massgefertigten Regalen. Ist die Phase der Nahrungsaufnahme – das schlichte Lesen – vorbei, rezensiert er die Bücher, führt Interviews mit den Autor:innen und veröffentlicht seine Gedanken auf dem Blog seiner Website literaturblatt.ch. Seit zehn Jahren schon! Manche Bücher schaffen es auch auf eins der Literaturblätter, auf denen er bereits seit 2011 jeweils vier Neuerscheinungen bespricht. In Schnürlischrift! Handgezeichnet! Kugelschreiber auf Papier! Pro Jahr verschickt Gallus Frei fünf bis sechs Ausgaben an seine Abonnent:innen. Old School per Post reisen diese beständigen Rezensionsobjekte an ihr Ziel.
Wir wissen alle, dass in den herkömmlichen Medien immer weniger Platz für Buchbesprechungen zur Verfügung steht. Wie gut, dass Gallus Frei so viele Schweizerische und internationale Neuerscheinungen sichtbar macht: leidenschaftlich, wort- und bildreich. Mit seinem Blog begleitete er in den vergangenen Jahren nicht nur diverse Literaturfestivals, sondern während vier Jahren auch den Schweizer Buchpreis.
Aber Gallus Frei ist nicht nur Büchergourmet, sondern auch Gastgeber. An seinem Tisch in Amriswil vereint er Lesezirkel und Autor:innen; vier Jahre lang verantwortete er das Programm des Literaturhauses Thurgau, und seit 2024 leitet er zusammen mit Ariane Novel das St. Galler Literaturfestival Wortlaut. Apropos Literaturhaus Thurgau: Raten Sie, wer dort die Bücher aus ihren Vitrinen befreite und für sie passende Regale baute? –
Gallus Frei kann fast alles. Vielleicht hat das mit seinem Brotberuf Primarlehrer zu tun. Herausragend ist seine Leidenschaft, sein Tempo, sein von Ideen brutzelnder Kopf, sein nicht versiegender Lesehunger und seine Freude am Kontakt mit den Literaturschaffenden. Und wir freuen uns, wenn unsere Bücher ihm in die Hände fallen.
Wir danken Gallus Frei für seinen wertvollen Einsatz für die Literatur und gratulieren herzlich zum ersten A*dS-Preis.
LAUT wohin mit den lauten Stimmen die sich stapeln in einem Leben
OHNE DICH was bleibt in mir wenn ich vergesse dass du nicht geblieben bist
wenn nichts Bestand hat befallen wir uns
ihre Lippen aufgespritzt der Schmerz
einander die Worte nach Hause tragen
am Morgen neben mir liegt ein Gedanke
OHNE würde ich mich verlassen wenn ich wüsste wer ich bin ohne mich
AUSBLICK wenn ein Gedanke den Abschied berührt dann blicke ich nach vorn zurück
Falte um Falte das Leben rückwärts legen
manchmal ist er im Überfluss
ohne Obdach sein letztes Ich
ich will mich mit dir verkörpern
so unruhig schön dein Konjunktiv
am Sonntag das Leben frisch beziehen
zum Schluss auf der Haut etwas Mund
Sternhaufen so viel am Himmel so nichts von mir
Matthias Gysel wurde 1962 in Schaffhausen geboren. Von ihm erschienen sind bisher: «Laub und Haut» Haiku und Gedichte, «Eine Geigerin zupft den Regen» Mikrolyrik und «Unser Mond ertrinkt im See» Mikrolyrik, alle im Anton. G. Leitner Verlag, Deutschland. Seine Lyrik wurde u. a. in der Zeitschrift «Sommergras», in «Das Gedicht», Hrsg. Anton. G. Leitner Verlag und im Literaturmagazin «Wortschau» veröffentlicht.
Lea Frei ist eine freischaffende Illustratorin und Comicautorin aus der Schweiz mit Atelier in St.Gallen.
Eröffnung in der LokremiseLukas Bärfuss im Gespräch mit Nicola Steiner, musikalisch begleitet der Thurgauer Gitarrist Tobias EngelerDie Gassenhauer mit den SchauspielerInnen Diana Dengler (Emmi) und Marcus Schäfer (Günter) von Theater am Tisch und Peter Surber (Text)Fabio Andina mit seinem Roman «Sechzehn Monate» im Gespräch mit seiner Übersetzerin Karin Diemerling und dem Moderator Karsten RedmannNavid Kermani mit seinem Roman «Sommer 24» im Gespräch mit der Moderatorin Judith Zwick in der Lokremise St. GallenNavid KermaniBuchtaufe des Romans «Das Jahr des Kalks» von Laura Vogt mit Marc Jenny am Kontrabass, moderiert von Karsten RedmannMartina Clavadetscher mit ihrem preisgekrönten Roman «Der Schrecken der anderen» im Gespräch mit der Moderatorin und A*dS-Geschäftsführerin Cornelia MechlerSchlussveranstaltung mit dem Jonas Lüscher, seinem Roman «Verzauberte Vorbestimmung» und Paul Rechsteiner, Rechtsanwalt, Politiker und Gewerkschafter
Nach ausverkauften Wortlaut- und Tagespässen sowie drei bestens besuchten Festivaltagen endete am vergangenen Sonntagabend die 17. Ausgabe des Sankt Galler Literaturfestivals Wortlaut. Das Publikum strömte geradezu in die zahlreichen Veranstaltungen, fast alle waren ausverkauft, die Stimmung ausgezeichnet.
Die Zahl der Besucher:innen konnte in diesem Jahr abermals gesteigert werden. Die Einnahmen durch Eintritte lagen über den Erwartungen. Festivalleiterin Ariane Novel zeigt sich nach drei intensiven Tagen Literatur überaus zufrieden und zieht eine deutlich positive Bilanz: In diesem Jahr haben wir so viele Pässe verkauft wie noch nie. Fast alle Veranstaltungen waren ausverkauft. Auch das Atelier als neuer Veranstaltungsort wurde vom Publikum ganz wunderbar angenommen. Die Stimmung im Team und unter den Gästen hätte nicht besser sein können. Als OK fühlen wir uns in Konzept und Umsetzung sehr bestätigt. Besser hätte es nicht laufen können.
Bereits die Eröffnungsfeier am Freitagabend mit Lukas Bärfuss und Nicola Steiner war bestens besucht: Dem Publikum in der Lokremise bot sich eine erlebnisreiche Mischung aus eindrucksvoller Gitarrenmusik des Thurgauer Musikers Tobias Engeler und einem hoch konzentrierten Literaturgespräch. Bärfuss und Steiner gingen eingehend auf das Festivalmotto „über:setzen“ ein, unterhielten sich über das Verhältnis von Literatur zu Künstlicher Intelligenz und streiften en passant viele weitere Themen.
Wie die Jahre zuvor gab es auch 2026 einhelliges Lob für die Zusammenstellung des klug kuratierten Festivalprogramms. Das diesjährige Motto „über:setzen“ begeisterte die zahlreich in die jeweiligen Veranstaltungen strömenden Besucherinnen und Besucher.
Hier die Eindrücke von zwei zu Wortlaut 2026 eingeladenen Autorinnen:
Der viele Schnee am Sonntagmorgen hatte mich etwas überrascht und auch die Kälte. Umso wohltuender der warme Empfang am Wortlaut St. Gallen! Die Festivalstimmung, die mich sonst nur openair anspringt, durchzog die Hauptpost bis hoch in den dritten Stock. Allerorts Begeisterung und Hingabe für Literatur und Sprache, die man spüren und sehen konnte. Auch dieses Sichtbarmachen ist ein «über:setzen», eine Übersetzungsleistung!, und ich danke dem gesamten Festivalteam und allen Beteiligten dafür. Katinka Ruffieux, Autorin
Liebes Wortlaut-Team, es war mir eine Freude, Teil vom diesjährigen Wortlaut zu sein, vielen Dank! Ich habe das fröhliche Literaturtreiben in der Hauptpost sehr genossen, von der aufmerksamen Stimmung während der Lesung bis zum Kaffee-Cüpli-Kuchen Ausklang im Café St. Gall, inmitten vom Kommen und Gehen und Verweilen von anderen begeisterten Festivalbesucherinnen und -besuchern! Julia Sutter, Autorin
Der beliebte Gassenhauer mit den Schauspieler:innen Diana Dengler und Marcus Schäfer fand erneut in den Räumlichkeiten des Café St.Gall statt. Der Andrang war gewaltig, die Stimmung ausgelassen.
Die kleineren Gesprächsformate wurden ebenfalls sehr gut angenommen – Turmzimmer und Atelier stellten sich als ideale Orte dafür heraus. Der Poetry Slam in der Grabenhalle war mit rund 260 Besucher:innen sehr gut besucht.
Zur letzten Veranstaltung am Wortlaut-Sonntag mit Paul Rechsteiner und Jonas Lüscher strömten viele literaturinteressierte Gäste in den Raum für Literatur.