1. A*dS Preis – Was für eine Ehre

Liebe Anwesende, lieber Gallus Frei

Dürfte ich eine Diagnose stellen, würde ich sagen: Gallus Frei ist ein Buchverrückter. Möglicherweise sind wir das in diesem Saal alle mehr oder weniger, aber bei ihm ist die Ausprägung extrem.
Stellen wir uns Gallus Frei am gedeckten Tisch vor: Bücher gehören zu seiner täglichen Nahrung. Er liest sie, verdaut sie und verstaut sie in massgefertigten Regalen.
Ist die Phase der Nahrungsaufnahme – das schlichte Lesen – vorbei, rezensiert er die Bücher, führt Interviews mit den Autor:innen und veröffentlicht seine Gedanken auf dem Blog seiner Website literaturblatt.ch.
Seit zehn Jahren schon!
Manche Bücher schaffen es auch auf eins der Literaturblätter, auf denen er bereits seit 2011 jeweils vier Neuerscheinungen bespricht.
In Schnürlischrift! Handgezeichnet! Kugelschreiber auf Papier!
Pro Jahr verschickt Gallus Frei fünf bis sechs Ausgaben an seine Abonnent:innen.
Old School per Post reisen diese beständigen Rezensionsobjekte an ihr Ziel.

Wir wissen alle, dass in den herkömmlichen Medien immer weniger Platz für Buchbesprechungen zur Verfügung steht. Wie gut, dass Gallus Frei so viele Schweizerische und internationale Neuerscheinungen sichtbar macht: leidenschaftlich, wort- und bildreich. Mit seinem Blog begleitete er in den vergangenen Jahren nicht nur diverse Literaturfestivals, sondern während vier Jahren auch den Schweizer Buchpreis.

Aber Gallus Frei ist nicht nur Büchergourmet, sondern auch Gastgeber. An seinem Tisch in Amriswil vereint er Lesezirkel und Autor:innen; vier Jahre lang verantwortete er das Programm des Literaturhauses Thurgau, und seit 2024 leitet er zusammen mit Ariane Novel das St. Galler Literaturfestival Wortlaut.
Apropos Literaturhaus Thurgau: Raten Sie, wer dort die Bücher aus ihren Vitrinen befreite und für sie passende Regale baute? –

Gallus Frei kann fast alles. Vielleicht hat das mit seinem Brotberuf Primarlehrer zu tun. Herausragend ist seine Leidenschaft, sein Tempo, sein von Ideen brutzelnder Kopf, sein nicht versiegender Lesehunger und seine Freude am Kontakt mit den Literaturschaffenden. Und wir freuen uns, wenn unsere Bücher ihm in die Hände fallen.

Wir danken Gallus Frei für seinen wertvollen Einsatz für die Literatur und gratulieren herzlich zum ersten A*dS-Preis.

Laudatio: Eva Roth


Beitragsbild © Philipp Neff schliff.ch

Matthias Gysel «Mikrolyrik und Gedichte», Plattform Gegenzauber

früh am Morgen
den Kopf tief
im Gefieder

 

unser Mond
ertrinkt
im See

 

LAUT
wohin
mit den
lauten Stimmen
die sich stapeln
in einem
Leben

 

OHNE DICH
was bleibt in mir
wenn ich vergesse
dass du nicht
geblieben
bist 

 

wenn nichts
Bestand hat
befallen wir uns

 

ihre Lippen
aufgespritzt
der Schmerz    

 

einander
die Worte nach
Hause tragen

 

am Morgen
neben mir liegt
ein Gedanke

 

OHNE
würde ich mich
verlassen wenn
ich wüsste
wer ich bin
ohne mich

 

AUSBLICK
wenn ein Gedanke
den Abschied berührt
dann blicke ich
nach vorn zurück

 

Falte um
Falte das Leben
rückwärts legen

 

manchmal
ist er im
Überfluss

 

ohne Obdach
sein letztes
Ich

 

ich will
mich mit dir
verkörpern

 

so unruhig
schön dein
Konjunktiv

 

am Sonntag
das Leben frisch
beziehen

 

zum Schluss
auf der Haut
etwas Mund

 

Sternhaufen so
viel am Himmel
so nichts von mir

 

Matthias Gysel wurde 1962 in Schaffhausen geboren. Von ihm erschienen sind bisher: «Laub und Haut» Haiku und Gedichte, «Eine Geigerin zupft den Regen» Mikrolyrik und «Unser Mond ertrinkt im See» Mikrolyrik, alle im Anton. G. Leitner Verlag, Deutschland. Seine Lyrik wurde u. a. in der Zeitschrift «Sommergras», in «Das Gedicht», Hrsg. Anton. G. Leitner Verlag und im Literaturmagazin «Wortschau» veröffentlicht.

Beitragsbild © privat

Mit der Illustratorin Lea Frei am Wortlaut Literaturfestival St. Gallen 2026

Lea Frei ist eine freischaffende Illustratorin und Comicautorin aus der Schweiz mit Atelier in St.Gallen.

Eröffnung in der Lokremise
Lukas Bärfuss im Gespräch mit Nicola Steiner, musikalisch begleitet der Thurgauer Gitarrist Tobias Engeler
Die Gassenhauer mit den SchauspielerInnen Diana Dengler (Emmi) und Marcus Schäfer (Günter) von Theater am Tisch und Peter Surber (Text)
Fabio Andina mit seinem Roman «Sechzehn Monate» im Gespräch mit seiner Übersetzerin Karin Diemerling und dem Moderator Karsten Redmann
Navid Kermani mit seinem Roman «Sommer 24» im Gespräch mit der Moderatorin Judith Zwick in der Lokremise St. Gallen
Navid Kermani
Buchtaufe des Romans «Das Jahr des Kalks» von Laura Vogt mit Marc Jenny am Kontrabass, moderiert von Karsten Redmann
Martina Clavadetscher mit ihrem preisgekrönten Roman «Der Schrecken der anderen» im Gespräch mit der Moderatorin und A*dS-Geschäftsführerin Cornelia Mechler
Schlussveranstaltung mit dem Jonas Lüscher, seinem Roman «Verzauberte Vorbestimmung» und Paul Rechsteiner, Rechtsanwalt, Politiker und Gewerkschafter

Illustrationen © Lea Frei 

17. Sankt Galler Literaturfestival Wortlaut zieht eine durchgehend positive Bilanz

Nach ausverkauften Wortlaut- und Tagespässen sowie drei bestens besuchten Festivaltagen endete am vergangenen Sonntagabend die 17. Ausgabe des Sankt Galler Literaturfestivals Wortlaut. Das Publikum strömte geradezu in die zahlreichen Veranstaltungen, fast alle waren ausverkauft, die Stimmung ausgezeichnet.

Die Zahl der Besucher:innen konnte in diesem Jahr abermals gesteigert werden. Die Einnahmen durch Eintritte lagen über den Erwartungen. Festivalleiterin Ariane Novel zeigt sich nach drei intensiven Tagen Literatur überaus zufrieden und zieht eine deutlich positive Bilanz: In diesem Jahr haben wir so viele Pässe verkauft wie noch nie. Fast alle Veranstaltungen waren ausverkauft. Auch das Atelier als neuer Veranstaltungsort wurde vom Publikum ganz wunderbar angenommen. Die Stimmung im Team und unter den Gästen hätte nicht besser sein können. Als OK fühlen wir uns in Konzept und Umsetzung sehr bestätigt. Besser hätte es nicht laufen können.

Bereits die Eröffnungsfeier am Freitagabend mit Lukas Bärfuss und Nicola Steiner war bestens besucht: Dem Publikum in der Lokremise bot sich eine erlebnisreiche Mischung aus eindrucksvoller Gitarrenmusik des Thurgauer Musikers Tobias Engeler und einem hoch konzentrierten Literaturgespräch. Bärfuss und Steiner gingen eingehend auf das Festivalmotto „über:setzen“ ein, unterhielten sich über das Verhältnis von Literatur zu Künstlicher Intelligenz und streiften en passant viele weitere Themen.

Wie die Jahre zuvor gab es auch 2026 einhelliges Lob für die Zusammenstellung des klug kuratierten Festivalprogramms. Das diesjährige Motto „über:setzen“ begeisterte die zahlreich in die jeweiligen Veranstaltungen strömenden Besucherinnen und Besucher.

Hier die Eindrücke von zwei zu Wortlaut 2026 eingeladenen Autorinnen:

Der viele Schnee am Sonntagmorgen hatte mich etwas überrascht und auch die Kälte. Umso wohltuender der warme Empfang am Wortlaut St. Gallen! Die Festivalstimmung, die mich sonst nur openair anspringt, durchzog die Hauptpost bis hoch in den dritten Stock. Allerorts Begeisterung und Hingabe für Literatur und Sprache, die man spüren und sehen konnte. Auch dieses Sichtbarmachen ist ein «über:setzen», eine Übersetzungsleistung!, und ich danke dem gesamten Festivalteam und allen Beteiligten dafür. Katinka Ruffieux, Autorin

Liebes Wortlaut-Team, es war mir eine Freude, Teil vom diesjährigen Wortlaut zu sein, vielen Dank! Ich habe das fröhliche Literaturtreiben in der Hauptpost sehr genossen, von der aufmerksamen Stimmung während der Lesung bis zum Kaffee-Cüpli-Kuchen Ausklang im Café St. Gall, inmitten vom Kommen und Gehen und Verweilen von anderen begeisterten Festivalbesucherinnen und -besuchern! Julia Sutter, Autorin

Der beliebte Gassenhauer mit den Schauspieler:innen Diana Dengler und Marcus Schäfer fand erneut in den Räumlichkeiten des Café St.Gall statt. Der Andrang war gewaltig, die Stimmung ausgelassen. 

Die kleineren Gesprächsformate wurden ebenfalls sehr gut angenommen – Turmzimmer und Atelier stellten sich als ideale Orte dafür heraus. Der Poetry Slam in der Grabenhalle war mit rund 260 Besucher:innen sehr gut besucht.

Zur letzten Veranstaltung am Wortlaut-Sonntag mit Paul Rechsteiner und Jonas Lüscher strömten viele literaturinteressierte Gäste in den Raum für Literatur.

Karsten Redmann

Beitragsbilder © Wortlaut / Philipp Neff / Timon Furrer

(D)eine Weihnachtsgeschichte

  • nicht mehr als 10000 Zeichen (inkl. Satzzeichen und Leerschläge)
  • Textart ist frei.
  • keine Garantie, dass der Text zu Veröffentlichung kommt
  • bitte mit AutorInnenfoto (im Querformat, in geeigneter Auflösung) und Kurzvita
  • keine Fotos von Texten, sondern Textdateien
  • bitte an info[at]literaturblatt.ch
  • Die ausgewählten, veröffentlichten Texte werden von Lea Le illustriert und stehen danach samt Illustration zur freien Verfügung.

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Isabelle Flükiger «Gloria. Mohammed. Eine Erzählung von der dunklen Seite des Glücks», Rotpunkt

Gloria kommt aus Kamerun, Mohammed aus Marokko. Beide leben als Sans-Papiers in der Schweiz, sie als Nanny, er auf dem Bau. So wie Tausende in der Schweiz über Jahrzehnte illegal arbeiten, meist ohne Sozialversicherungen, in einer Schattenwelt. Isabelle Flükiger bricht in ihrer literarischen Reportage eine Lanze, wird zu einem Sprachrohr derer, die sich aus lauter Angst nicht trauen.

Isabelle Flükiger ist schockiert, als sie erfährt, dass eine ihrer Freundinnen eine „Sans-Papiers“ beschäftigt, die sich um ihre beiden Kinder kümmert. Die Schriftstellerin lernt die Frau aus Kamerun kennen, die damals seit 15 Jahren ohne gültige Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz lebte und arbeitete. 15 Jahre weit weg von einer Heimat, die ihr und ihrer Familie keine Überlebenschance ermöglicht, 15 Jahre weg von ihren Kindern, die bei ihrer Schwester aufwachsen, deren Leben sie aus der Schweiz finanziert. Hier Familien, die sich eine Nanny leisten können, um sich den Traum einer Familie zu verwirklichen. Dort eine Familie, die hinnehmen muss, dass sie fast ohne Perspektiven schutzlos in einer dunklen Nische der Gesellschaft diesem einen Traum anderer dienen muss.

Im Laufe ihrer Recherchen, auch der Auseinandersetzung mit Beamten, Ämtern, Paragraphen und Gesetzen, lernt Isabelle Flükiger auch Mohammed kennen. Mohammed ist 26, aus Marokko, und lebt bei ihrem ersten Zusammentreffen seit fünf Jahren in der Schweiz, arbeitet manchmal 14 Stungen pro Tag für 1000 Franken im Monat, bezahlt die Hälfte dafür für ein Bett in einer kläglichen Absteige und lebt in der permanenten Angst davor, im Gefängnis zu landen oder abgeschoben zu werden. Wehe ihnen, wenn ihnen etwas bei der Arbeit zustösst, wenn Unfall oder Krankheit das Funktionieren abbricht. Mohammed ist ein abgewiesener Asylbewerber. Einer, dem man ein weisses Stück Papier zusandte mit der Aufforderung, das Land zu verlassen, ohne gültige Ausweise, ohne Zukunft. Damals, als er seine Heimat verliess, stürzte sich seine ganze Familie in den Ruin, damit er sein Glück finden sollte, und mit ihm die ganze Familie.

Isabelle Flükiger «Gloria.Mohammed. Eine Erzählung von der dunklen Seite des Glücks», Rotpunkt, 2025, aus dem Französischen von Ruth Gantert, 168 Seiten, CHF ca. 28.00, ISBN 978-3-03973-053-7

Gloria ist gut in dem, was ihr aufgetragen wird. Kinder mögen sie. Sie selbst lebt in dem, was andere Freizeit nennen, in einer kleinen Wohnung in einem Quartier in einer Stadt, die sie nicht mag. Dient Erwachsenen, die ihr permanent unter die Nase binden, wie froh und dankbar sie sein muss, dass sie als Illegale eine so gut bezahlte Arbeit bekommt. Gloria sammelt in einem Ordner all die Korrespondenz, die als Kampfspur für ihre Rechte hinter ihr liegt. Rechte, die ihr nicht zuletzt von einem heuchlerischen System verweigert werden, einem System, das auf diese Arbeit angewiesen ist, eine Gesellschaft, die sich gnadenlos an diesen Arbeitskräften bedient und dabei auch noch glaubt, etwas Gutes zu tun. 

Ein Leben in der Schweiz, das jene, die weit unter dem Existenzminimum vegetieren müssen noch weiter in die Illigalität drängt. So wie Mohammed, den die Polizei auf einer Baustelle nach Kontrollen erwischt und mit auf den Posten nimmt. Die drei Mobiltelefone bei ihm findet und feststellt, dass eines davon gestohlen wurde. Mohammed, ausgebeutet von seinen Arbeitgebern, ausgebeutet von jenen, die ihm ein Bett vermieten, enttäuscht von einer erhofften Liebe, ausgerechnet die Tochter seines Chefs, von der Polizei gezwungen einen Kameraden zu verraten, um der Gefängniszelle zu entgehen, fürchtet sich vor jeder Spur, die er hinterlässt. Immer noch ein Widerhaken mehr, der in nicht aus seinem Schlamassel freilässt.

Was Isabelle Flükiger in eindrücklicher Weise gelingt, ist die Mischung aus empathischer Schilderung zweier Schicksale, ohne dabei allzu sehr in Emotionen zu rühren, und der schonungslosen Auflistung all jener Spielweisen bürokratischer und politischer Kräfte, die alles daran setzen, dass jenen gegeben wird, die bereits haben und all die goldenen Brunnen, die die Konten füllen munter weiter fliessen. Von einer Baubranche, die ihren Gewinn auf dem Rücken derer maximiert, die sich nicht zur Wehr setzen können und gezwungen sind, zu nehmen, was ihnen geboten wird. Von wohlhabenden Menschen, die sich mit ungeheuerlicher Arroganz und Gedankenlosigkeit am Glück anderer bedienen, um das eigene aufrecht zu halten. „Gloria.Mohammed. Eine Erzählung von der dunklen Seite des Glücks“ ist maximal ehrlich und macht tief betroffen.

Isabelle Flükiger wurde 1979 im westschweizerischen Freiburg geboren. Nach ihrem Studium der Politik- und Literaturwissenschaft und einem längeren Berlin-Aufenthalt lebt sie heute in Bern. Von ihren in der Romandie vielfach ausgezeichneten fünf Romanen liegt auf Deutsch Bestseller vor (Rotpunktverlag, 2013), dessen „Pfiffigkeit und Scharfsinn“ (NZZ) von der Presse einhellig gelobt wurde.

Ruth Gantert, 1967 in Zürich geboren, studierte Romanistik in Zürich, Paris und Pisa. Sie war Dozentin für französische Literatur an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen und arbeitet heute als Literaturvermittlerin, Übersetzerin und Redaktionsleiterin des dreisprachigen Jahrbuchs der Schweizer Literaturen Viceversa. Sie lebt in Zürich.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © zVg.

Jessica Anthony «Es geht mir gut», Kein und Aber

Wie tief die Lüge hinter der Antwort „Er geht mir gut“ ist, davon handelt der Roman der Amerikanerin Jessica Anthony. Der Versuch einer Frau, den eingeschlagenen Weg in einer Ehe, in ihrem eigenen Leben durch Verunsicherung in eine andere Richting zu zwingen. Ein Roman, der zwar in den Jahren nach dem letzten Weltkrieg in der us-amerikanischen Provinz spielt, aber symptomatisch für die Gegenwart ist.

1957. Während die Hündin Laika in einer sowjetischen Kapsel über der Erde kreist, ohne eine Chance, jemals lebend zurückkehren zu können, steigt Kathleen in ihrer Siedlung in den Gemeinschaftspool und bleibt drin. Im Gegensatz zu Laika kann sie aussteigen. Und wird es wahrscheinlich auch irgendwann tun. Dann, wenn das grosse Lügen endlich aufhört. Dann, wenn Vergil ihr endlich die Wahrheit sagt. Wenn sie es auch tun wird. Nicht nur die Lügen den anderen gegenüber. Auch die Lügen, die man sich selbst erzählt, um sich im Spiegel zu ertragen. Immer wieder einmal fordert Virgil seine Frau Kathleen auf, doch endlich aus dem Pool zu steigen. Aber Kathleen bleibt, taucht noch einmal und noch einmal unter, während die Haut schrumpelt und sich an den Fingernägeln aufwirft. Während die Jungs auf ihr Essen warten. Während sich die Gesichter all der andern Mieter in den Fenstern zeigen.

Jessica Anthony «Es geht mir gut», Kein und Aber, 2025, aus dem Englischen (USA) von Gabriele Werbeck Andrea Stumpf, 160 Seiten, CHF ca. 29.00, ISBN 978-3-0369-5055-6

1957 war alles möglich, die Welt technologisch im Aufbruch. Alles nach der Devise; Wer sich anstrengt, kann sich auch eine Scheibe abschneiden. Sputnik 2 war bloss der Anfang, Laika der Preis dafür. Ein Leben im Countdown, mit vorbestimmtem Ende. Dabei hätte es für Kathleen auch ganz anders ausgehen können, den auf dem Campus jener Universität für die sie damals erfolgreich Tennis spielt, hängt noch immer das Foto von ihr. Ein Porträt unter jenen, die es „geschafft“ haben, die etwas aus ihrem Leben gemacht haben, deren Leben von Erfolg gekröt war. Dabei war Kathleen dem Sport irgendwann überdrüssig. Dieser dauernde Stress, siegen zu müssen, denn nur Siege zählten. MAn machte ihr Hoffnungen, sprach davon, sie würde dereinst den Pokal in Wimledon in die Höhe stemmen. Und jetzt leg sie im Gemeinschaftspool einer Wohnanlage, war Hausfrau und Mutter zweier halbwüchsiger Kinder, verheiratet mit einem Mann, der alles daran setzte, die Fassade aufrecht zu halten.

Es ist Sonntag. Eigentlich der Tag, den man sich in den letzten Wochen für den Gottesdienst mit der ganzen Familie reservierte. So wie es zuvor lange Zeit jener Tag war, an dem Virgil mit seinen Freunden aus der Firma auf dem Golfplatz verbrachte. Nicht weil er sportlichen Ehrgeiz besessen hätte. Man spielt Golf, weil man als erfolgreicher Geschäftsmann am Sonntag Golf spielt. Im Gegensatz zu seiner Frau Kathleen besitzt Virgil nicht den Hauch sportlichen Ehrgeizes. Er vertraut ganz auf seine Wirkung. Er weiss, dass er gut aussieht. Er vertraut darauf, dass er auf seine Wirkung zählen kann. Ganz im Gegensatz zu seiner Frau Kathleen, deren Körper mit den beiden Geburten mehr und mehr aus der Form geriet. Man entscheidet sich, an diesem Sonntag nicht zum Gottesdienst zu fahren, auf die langweilige Predigt des dicklichen Pfarrers zu verzichten. Weil Kathleen im Wasser bleibt. Weil sie den Tag braucht, um über ihr eingezwängtes Leben nachzudenken, um nicht zu einer Laika zu werden, die ausweglos in eine erdferne Umlaufbahn geschossen wird. Schluss mit den Lügen.

Jessica Anthonys Roman ist eine vielschichtige, mehrperspektivische Erzählung über eine Frau, einen Mann, ein Paar, dass sich verloren hat. Das Motiv der Verweigerung ist ein altes. Würde Kathleen im Pool bleiben, würde sie sich mehr und mehr auflösen. Ein Prozess, der auch in ihrem Leben davor schon lange begonnen hat. Was bleibt von den einstigen Träumen, den Zielen, der Euphorie? War es das? Kathleen ist nicht bereit, aus dem Pool zu steigen und das alte Leben wieder aufzunehmen. Sie provoziert eine Wende. Sie erinnert sich an ihr Leben an einem Sonntag, an dem ihr klar wurde, dass sie längst bnur mehr funftionierte.

Jessica Anthony (1974) ist Autorin von vier Romanen, zuletzt erschien «Es geht mir gut», der auf der Longlist für den National Book Award 2024 stand. «Enter the Aardvark» (2020) war Finalist für den New England Book Award. Jessica Anthonys Werke wurden in zahlreichen Ländern veröffentlicht. Sie erhielt diverse Literaturstipendien. Eine ihrer Kurzgeschichten wird derzeit für eine Fernsehserie adaptiert. «Es geht mir gut» ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint. Jessica Anthony lebt in Maine.

Gabriele Werbeck hat Amerikanistik und Germanistik studiert. Sie lebt und arbeitet als freie Lektorin und Übersetzerin von literarischen und wissenschaftlichen Texten in München.

Andrea Stumpf studierte Germanistik und Philosophie. Sie lebt als freie Übersetzerin in München. Zu den von ihr übersetzten Autorinnen und Autoren zählen u. a. Annie Proulx, David Graeber und Louise Penny.

Gabriele Werbeck

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Matt Cosby

Das 69. Literaturblatt ist bereit für den Versand an Abonnent*innen

Vielen herzlichen Dank für die vielen schönen und aufmunternden Rückmeldungen. Wie immer nach mehr als 2 Jahren erbitte ich für die kommenden 10 Nummern einen Beitrag zur Unterstützung der Literaturblätter und der dazugehörigen Literaturvermittlung. 

Sicken Sie Ihre Postanschrift an
info[at]literaturblatt.ch!

Für mindestens 50 Fr./€ schicke ich ihnen die kommenden 10 Nummern der Literaturblätter. Die Literaturblätter erscheinen ca. 5 – 6 Mal jährlich.

Für mindestens 100 Fr/€ schicke ich ihnen als Freunde der Literaturblätter 10 Literaturblätter, 5 – 6 pro Jahr. Zudem sind sie auf literaturblatt.ch vermerkt.

Für mindestens 200 Fr./€ sind Sie als Gönner stets eingeladen, als Gönner der Literaturblätter auf literaturblatt.ch vermerkt bekommen 10 Literaturblätter (5 – 6 pro Jahr), also etwa zwei Jahre lang und werden einmalig auf Wunsch mit einem Buch beschenkt.

Kontoangaben: 
Literaturport Amriswil, Gallus Frei-Tomic, Maihaldenstrasse 11, 8580 Amriswil
Raiffeisenbank, Kirchstrasse 13, 8580 Amriswil
CH05 8080 8002 7947 0833 6
ID (BC-Nr.): 80808
SWIFT-BIC: RAIFCH22

Seit Januar 2022 ist das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar prominenter Abonnement des Literaturblatts!

«Besten Dank für dein Literaturblatt Nr. 68. Was für eine schöne Überraschung.» Marianne

«So ein wunderschönes Literaturblatt, ganz herzlichen Dank dafür! Es findet in meiner Wohnung sicher einen besonderen Platz. Die Literaturblätter sind kleine Kunstwerke. Es ist eine ganz besondere Ehre, auf einem dieser wunderbaren Blätter verewigt worden zu sein.» Thea Mengeler

«Endlich habe ich das Literaturblatt 68 in Händen und freue mich natürlich, dass der „Blinde König“ dort erwähnt ist. Wie auch das letzte Literaturblatt, das ich von Ihnen bei Erscheinen meines vorletzten Romans erhielt, ist dieses sehr ästhetisch und künstlerisch ansprechend. Herzlichen Dank, ich freue mich sehr darüber.» Jürg Beeler

Hier eine Übersicht aller bisher erschienenen Literaturblätter

Solothurner Literaturpreis 2025 für Alain Claude Sulzer

Der Solothurner Literaturpreis, der alljährlich «für hervorragende literarische Leistungen an das Gesamtwerk eines deutschsprachigen Autors oder einer deutschsprachigen Autorin» verliehen wird, das durch «literarische Qualität, künstlerische Individualität und inhaltliche Relevanz» hervorsticht, geht dieses Jahr an Alain Claude Sulzer.

Unter den Preisträgern der letzten Jahre finden sich Autoren wie Anne Weber, Karen Duve, Peter Stamm, Iris Wolff oder Thérézia Mora.

Der Autor dazu: Gerade über die Würdigung des Gesamtwerk freue mich sehr.

Aus der Begründung der Jury:

Alain Claude Sulzer hat über vier Jahrzehnte ein literarisches Werk geschaffen, das rund ein Dutzend Romane sowie kürzere Prosa umfasst. Ob sich Sulzer in einen Stoff des 19. Jahrhunderts vertieft oder in die Nachkriegsgesellschaft zurückversetzt: Stets vermag er glaubwürdige Stimmungslandschaften zu erzeugen und bringt den Lesenden Protagonisten nahe, die man leicht als Nebenfiguren der Geschichte übersehen könnte… In Sulzers Schaffen sedimentieren sich auch gewaltsame Realitäten vom sexuellen Übergriff bis hin zu strukturellen Unterdrückungsmechanismen. Dabei schreibt der Romancier unbeirrt und immun gegenüber kurzfristigen Trends. Verdrängtes holt er nüchtern und behutsam zurück ans Licht und beweist mit jedem Werk seinen Willen zur Form und ein unvergleichliches Gespür für Sprache und Stil.

Mit «Ein perfekter Kellner» (2004) gelang ihm der internationale Durchbruch, sein grösster Verkaufserfolg im heimischen Markt war «Aus den Fugen» (2012). Seine Romane werden regelmässig in zahlreiche Sprachen übersetzt, 2008 wurde Sulzer in Frankreich mit dem Prix Médicis étranger ausgezeichnet.
Zuletzt erschienen die Romane «Postskriptum» (2015), «Doppelleben» (über die Brüder Goncourt, 2022) und unlängst «Fast wie ein Bruder» (2024), «ein berührender Roman. Ein schonungslos aufrüttelndes Buch über eine Freundschaft über den Tod hinaus.» (Berliner Morgenpost).

Rezension zu «Unhaltbare Zustände»

Rezension zu «Die Jugend ist ein fremdes Land»

Beitragsbild © Lucia Hunziker

Helena Schätzle «9645 Kilometer Erinnerung», Nimbus

Wer Erfahrungsberichte aus Kriegen liest, muss feststellen, dass sie keiner Zeit unterworfen sind. Ob während der Weltkriege oder in den Kriegen in der Ukraine oder in Syrien. Der Schrecken ist universell, genauso wie die Wunden, die sich selbst nach Jahrzehnten nicht schliessen.

Ebenso allgemeingültig ist das Schweigen derer, die diesem Schrecken ausgesetzt waren. Ob als Täter oder Opfer, als Zeugen oder als Verschonte. Die Angst vor Wunden, die aufgerissen wieder zu eitern beginnen, wird dort deutlich, wo sich bis heute in Familien eine Wand des Schweigens, des Verdrängens, jegliches Erinnern, jede Form der Auseinandersetzung verunmöglicht.

Auch Helena Schätzle machte diese Erfahrung, begegnete dem als Fotografin in ihrer ganz speziellen Art. Das wenige, das ihr Grossvater, der im 2. Weltkrieg als Maschinengewehrsoldat an der russischen Front teilnehmen musste, das, was er von seiner langen Flucht aus der Kriegsgefangenschaft zurück nach Hause erzählte, nahm sie als Anlass zu einer Reise zurück in die Zeit, einer Reise mit ihrer Fotokamera. Sie fuhr 9645 Kilometer kreuz und quer durch Osteuropa, um nach Menschen, Landschaften, Bildern zu suchen, die etwas von dem verraten, was im Schweigen ihres Grossvaters zu versinken drohte.

Helena Schätzle «9645 Kilometer Erinnerung», Nimbus, 168 Seiten
128 Illustrationen, CHF ca. 44.00, auch als Vorzugsausgabe mit Originalfoto erhältlich, ISBN 978-3-907142-71-4

Sie fotografierte Menschen, denen Erinnerungen, ein langes Leben Landschaften ins Gesicht schrieb. Menschen, die im Moment des Fotografierens den Blick ins Zurück zeigen. Menschen, die ihr erzählen, ungekünstelt, ehrlich, manchmal von der Unmöglichkeit, den Schrecken des Krieges in Worte zu fassen, manchmal vom schlichten Überleben, manchmal von dem einen Moment, der das Weiterleben ausmachte, manchmal vom Risiko jemanden zu verstecken, manchmal vom Versprechen einer Mahlzeit.

Sie fotografierte Landschaften, Bilder im Jetzt, vernarbte Landstriche, vergessene Orte, einsame Winkel, trostlose Perspektiven. Helena Schätzles Fotos sind geprägt vom grossen Respekt einer vorsichtigen, zurückhaltenden Betrachterin. Helena Schätzle vertraut auf die Empathie jener, die sich die kurzen Berichte, die Dokumente aus jener Zeit und ihre Fotografien betrachten und alles übereinanderlegen. «9645 Kilometer Erinnerung» ist ein beeindruckendes Monument der Vergegenwärtigung, ein Denk-mal in Buchform, der behutsame Versuch einer Annäherung erlebten Schreckens.

Nichts an den Texten aus der Vergangenheit hat an Aktualität verloren. Die 60 Jahre dazwischen sind ein Hauch, ein Nichts. Umso beeindruckender dieses Buch.

© Helena Schätzle

Helena Schätzle, Jahrgang 1983, studierte Visuelle Kommunikation mit Schwerpunkt Fotografie an der Kunsthochschule Kassel. Seit Jahren unternimmt sie ausgedehnte Reisen in verschiedene Länder, wo sie intensiv an Fotografieprojekten arbeitet. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem durch “gute aussichten”, „The Aftermath Projekt“, „Epson Award“, „Inge Morath Award“. Sie hatte u.a. Ausstellungen in Hamburg, Washington, Kassel, Köln, Mumbai, Stuttgart, Berlin. Helena Schätzle arbeitet als freie Fotografin für verschiedene Magazine und Zeitungen.

Webseite der Fotografin

Beitragsbild