Ingeborg Bachmann, Ikone der Literatur des 20. Jahrhunderts, und Fleur Jaeggy waren Freundinnen. Wer im schmalen Buch „Die letzten Tage von Ingeborg“, das Fleur Jaeggy ein halbes Jahrhundert nach dem tragischen Tod ihrer Freundin schrieb, Enthüllungen sucht, liest mit falscher Absicht.
Ingeborg Bachmann, eine jener Stimmen deutscher Literatur, die wohl nie vergessen wird, starb am 17. Oktober 1973 47jährig in Rom an den Folgen eines tragischen Brandunfalls. Ein Tod, der bis in die Gegenwart Spekulationen provoziert. Als Ingeborg Bachmann starb, war Fleur Jaeggy eine junge Autorin, beeindruckt von ihrer älteren Freundin, aufgehoben im gemeinsamen Wunsch, in der Sprache Heimat zu finden. Als Ingeborg Bachmann starb, verlor die Literatur einen Fixstern, Fleur Jaeggy eine Freundin, die sie auch ein halbes Jahrhundert nach deren Tod noch immer begleitet.
„Die letzten Tage von Ingeborg“ ist keiner der unsäglich vielen Mosaiksteine, die sich mit Leben, Sterben, mit dem Werk der grossen Autorin beschäftigen. Auch kein Bericht, kein Statement, nicht einmal ein Denkmal – höchstens für Fleur Jaeggy selbst. Für Fleur Jaeggy muss der Verlust ein permanenter Schmerz sein. Ein Gefühl, das all jene kennen, die mit zunehmendem Alter durch Sterben und Tod von jenen Menschen getrennt werden, die ihnen Leben bedeuten. Vielleicht wäre Fluer Jaeggy gar nie Schriftstellerin geworden, oder jene Schriftstellerin, die sie geworden ist, hätte sie damals in Rom Ingeborg Bachmann nicht kennengelernt.

Im Sommer 1971, zwei Jahre vor dem Tod Ingeborg Bachmanns, fahren die beiden Freundinnen mit einem roten Alfa Romeo 2600 für einen Monat gemeinsam an die toskanische Küste, nach Poveromo-Forte dei Marmi, um sich aus dem Trubel ihres Lebens auszuklinken. Keine Zerstreuung, aber 30 Tage Gemeinschaft, mit nichts anderem als mit sich selbst und der Freundin. Man macht Spaziergänge, schwimmt im Meer, isst zusammen, empfängt nur wenig Besuch (Italo Calvino mit seiner Frau und Uwe Johnson mit dem ersten Teil seines Opus Magnum „Jahrestage“). Man geniesst die langen Gespräche und die Ruhe im Haus und im verwilderten Garten, überzeugt, es wäre noch immer der Anfang einer langen Freundschaft.
Dann die Katastrophe. Nicht nur der Brand, auch die Tatsache, dass schon in den ersten Stunden und Tagen vieles unerklärlich, unerklärbar bleibt; das Schweigen, das Verheimlichen, die Einsamkeit, die offensichtlichen Notmassnahmen, die nicht sofort eingeleitet wurden, fehlende Kompetenz. Sie, die von allen geachtete und verehrte Schriftstellerin, bleibt im grössten, erdenklichen Schmerz allein. Ihre Freundin, Fleur ebenfalls, im Ungewissen, einem aseptischen Zimmer isoliert, die Freundin Fleur ganz ähnlich. Ein Schmerz, der sich auch fünf Jahrzehnte nach der Tragödie nicht verflüchtigt hat. Ein Schmerz, der bei der Trauerfeier noch zementiert wurde, die Verstorbene entblöste.
So ist „Die letzten Tage von Ingeborg“ ein Buch der Sehnsucht, des Schmerzes, das fluide Nachspüren einer Freundschaft, in aller Feinheit formuliert, weit weg von Enthüllung und Sensation. Eine Mischung aus Tagebuch und Erinnerung, Empfindungen und Momenten, die sich nicht auslöschen lassen.
Für all jene, die die Bücher von Ingeborg Bachmann lieben, eine Liebeserklärung. Für all jene die Fleur Jaeggy kennen ein Zeugnis. Für all jene die Fleur Jaeggy nicht kennen, die Aufforderung mit dem Lesen ihrer Bücher zu beginnen!
Fleur Jaeggy ist eine schweizerische und italienischsprachige Autorin, Ex-Model, Intellektuelle, Mystikerin, inzwischen etwas über 80 Jahre alt, ehemals enge Vertraute Ingeborg Bachmanns, Witwe des Adelphi-Verlegers Roberto Calasso, heute lebt sie weitgehend zurückgezogen in Mailand. Ihr weltweit gefeiertes Werk umfasst Romane, Erzählungen und Geschichten. 2024 erhielt sie den Gottfried-Keller-Preis der Martin Bodmer-Stiftung für ihr Gesamtwerk und 2025 wurde sie mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet.
Barbara Schaden studierte Romanistik und Turkologie in Wien und München, arbeitete anschließend als Verlagslektorin und ist seit 1992 freiberufliche Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Italienischen. Sie hat u.a. Werke von Kazuo Ishiguro, Fleur Jaeggy, Nadine Gordimer und Elena Ferrante übertragen und ist dafür vielfach ausgezeichnet worden. Barbara Schaden lebt in München.
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