Wie kaum ein anderer in der CH-Literatur malt Michael Hugentobler mit vielen Pinseln auf grosser Leinwand. Was der Autor an der Grenze zwischen Fiktion und Realität in Buchdeckel bannt, ist grosse Erzählkunst vereint mit der Leidenschaft fürs Detail.
Die aus Deutschland stammende Familie Leiber wohnt in Heiden, im Kanton Appenzell Ausserrhoden, einem Kurort hoch über dem Bodensee und dem Rheintal. Um die Bande in die alte Heimat nicht ganz abbrechen zu lassen, verbringt die Familie die Sommermonate jeweils im 180 Kilometer entfernten Heidenheim bei der Familie Hirsch, im Süden Deutschlands, nicht weit von Memmingen. In unbeschwerten Wochen tummeln sich die Kinder, bis sich der Himmel mit dem ersten Weltkrieg zu verdunkeln beginnt und die Bande nach Deutschland zu reissen drohen. Zum Beispiel jene Freundschaft zwischen Isabelle, von allen nur Belle genannt, und Baron, dem Sohn der Künstlerfamilie Hirsch, einer Familie, die sich der Kostüm- und Kulissenkunst verschrieben hat und in einer grossen Scheune im Ort eine Welt in der Welt erschaffen hat. Belle und Baron wachsen wie Geschwister auf, schreiben sich auch in den Wirren des Krieges weiterhin Briefe, schwören sich ewige Freundschaft, bis auch der Ton in den Briefen immer sachlicher wird und das Band reisst. Mutter Leiber tut neben ihrem an Alkoholismus verfallenen Ehegatten alles, um in der Schweiz eine Einbürgerung zu erwirken, ein Ansinnen, das mit zunehmendem Kriegsgeschehen und mit den Vorurteilen der Einheimischen nicht einfacher wird.
Nur zwei winzige Buchstaben entscheiden über Finden und Erfinden.
Belle, deren Träume vom Liebesglück zerschlagen werden, «reisst» sich zusammen, heiratet, um nicht für immer ledig zu bleiben, lässt sich von den Versprechungen einer Auswanderungsagentur einwickeln, fährt mit Schiff und Ehemann nach Brasilien, wo man etlichen Auswanderern ein Stück Land verspricht, ein zweites Stück Heimat, einen Acker und ein Haus, eine Zukunft als Siedler. Ein nächster Traum, der in den feuchten Tiefen des Urwalds beinah vom Wahnsinn gefressen wird.

Anne, die ältere Schwester von Belle, die mit einer Pfefferschote zwischen den Zähnen zur Welt gekommen sei, die nichts von der Enge des Appenzellerlandes hält, die in permanentem Kampfmodus zu leben scheint und sich mit revolutionärer Lektüre füttert, bricht ebenfalls in die Ferne auf, bevor sie sich der Enge, den Traditionen und Gottgewolltem, dem Leben als Untertänige, als Serviererin, ergeben muss, nach einer wahren Odysse nach Australien. Dort packt sie selbstbewusst ihr Leben, adopiert den Sohn eines Anachistenehepaars, schwimmt an der Seite eines Finanzmarktspezialisten im Geld, einem Mann, dessen Herz eher rattert wie eine Rechenmaschine.
Jakob, Cob, der einzige Sohn der Familie, beginnt mit Glück, trotz zunehmender Wirtschaftskrise, eine Arbeit in einer Eisengiesserei in Rorschach am Bodensee, genau das Richtige für ihn, der seine Muskeln als einziges Kapital einer unsicher gewordenen Zukunft sieht. Erst recht, als der besoffene Vater seine sonst versteckte Luger auf ihn richtet und abdrückt und der Katastrophe nur entkommt, weil seine Mutter längst die Kugeln aus dem Magazin entfernt hatte. Cob bricht mit seinen Eltern, lernt eine Zirkusschönheit kennen, mit der er durch die Lande tingelt, bis auch er von der Realität wie Ikarus vom Himmel geholt wird.
Nur Elfriede, kurz Elfie, bleibt zuhause, wie Ehefrau und Mutter, die Mutter von Constantin, dem eigentlichen Erzähler dieser ausufernden Geschichte, eines Historikers. Constantin ist jahrzehntelang der Überzeugung, der Spross einer völlig langweiligen Familie zu sein, auch wenn es in den Erzählungen seiner Grossmutter die verrücktesten Geschichten gibt. Bis ein Sturz eben dieser Grossmutter, Mamme Lieber, den Damm endgültig zum bersten bringt und Constantin nicht nur von Berufes wegen zwingt, sich auf die Suche nach den tatsächlichen Geschichten zu machen.
Kennen sie die Geschichte ihrer Grosseltern? Kennen sie sie wirklich? Gar ihrer Urgrosseltern? Oder verfallen auch sie dem kollektiven Irrtum, der institutionalisierten Langeweile, einer kleinbürgerlichen, steinernden Ordnung entsprungen zu sein? Oder geistern Geschichten, Ahnungen, Unausgesprochenes, Geheimnisse in ihrer Familie, ihrer Sippe herum? So wie Baron, der Spross einer Maskenkünsterfamilie die Wirklichkeit zu verstecken weiss, so schafft Michael Hugentobler ein Panoptikum schillernder Existenzen, die sich in den Strudeln des letzten Jahrhunderts zu halten versuchen. Ein Buch überbordender Fantasie, geschrieben von einem Mann, der davon überzeugt ist, dass die Realität von der Fantsie kaum zu überbieten ist. Ein literarischer Leckerbissen, der funkelt und fasziniert, der einem sprachlos macht angesichts seiner Dichte und Kunstferigkeit. Ein literarisches Fries, das sich fast um den ganzen Globus spannt, ohne dabei künstlich zu wirken. Ein kolossales Stück Literatur, genau das Richtige, um in den Weiten der Fantasie abzutauchen! Was für ein Buch!
Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken.
Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte«, sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.
Beitragsbild © Markus Kirchgessner




Sie kennen Christian Kracht nicht? Er war schon einmal Träger des Schweizer Buchpreises und ist mit jedem seiner Bücher im Gespräch, sei es unter Rezensent:innen, Feuilletonist:innen oder engagierten Leser:innen. Ein Mann, der einem förmlich zur Auseinandersetzung zwingt. Dass er das auch mit seinem neuen Roman «Eurotrash», ja sogar mit dem Titel alleine schafft, lässt einem staunen. Für die einen ist Christian Kracht eine Lichtgestalt im helvetischen Literaturhimmel, auch wenn an ihm und seinem Schreiben so gar nichts Helvetisches ist. Wäre Christian Kracht nicht für den Schweizer Buchpreis nominiert, hätte ich sein Buch wohl nicht gelesen. Denn eines braucht sein Buch mit Sicherheit nicht: meinen Senf.
Schon ein bisschen anders verhält es sich mit Martina Clavadetscher und Michael Hugentobler Schon alleine deshalb, weil beide schon meine Gäste waren, sei es in einer moderierten Lesung oder bei «Literatur am Tisch», einer ganz intimen Veranstaltung.
Überraschend, zumindest für mich, sind die Nominierten Veronika Sutter und Thomas Duarte. Veronika Sutter erschien bisher gar nicht auf meinem Schirm (was nichts heissen soll) und von Thomas Duarte hörte ich nur, weil sein literarisches Debüt 2020 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debüt ausgezeichnet würde (was noch kein Grund gewesen war, das Buch zu besorgen). Da sind also ganz offensichtlich Versäumnisse meinerseits nachzuholen.
Und von Thomas Duarte’s Debüt «Was der Fall ist» heisst es: «Ein Mann erscheint mitten in der Nacht auf einem Polizeiposten und erzählt, wie sein bislang eintöniges Leben aus den Fugen geraten ist. Jahrzehntelang hat er für einen wohltätigen Verein gearbeitet, jetzt wird er plötzlich wegen Unregelmässigkeiten bei der Geldvergabe verdächtigt. Und nicht nur das: Im Hinterzimmer seines Büros, in dem er zeitweise selbst hauste, lässt er neuerdings die illegal arbeitende Putzfrau Mira wohnen. In seinem wahnwitzigen Bericht, dessen Charme und Menschlichkeit aber selbst den Polizisten nicht kaltlassen, entsteht das Portrait eines modernen Antihelden, der einen überraschend fröhlichen Nihilismus zum Besten gibt.»



Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» (2018) ist sein erster Roman.





































Louis wird Butler eines Schweizer Bankiers und später Bediensteter von Sir William Stevenson, einem britischen Gouverneur auf einer Reise nach Australien. Aber dort wächst die Gewissheit, er würde so sein Leben damit verbringen, anderen zu dienen. Dies sei eine Form der Sklaverei, auch wenn sie bequem sei und ihn sättigte. Es treibt ihn weiter, zusammen mit seinem Colt Dragoon. Louis der Montesanto wird glückloser Kapitän auf einem Perlenfischerboot, strandet und verliert sich an der Küste Australiens, wo er von Aborigines «aufgenommen» wird und Jahre bei ihnen verbringt. Louis wird Vater zweier Kinder, verlässt die Ureinwohner genauso wie seine Familie, seine Kinder und landet irgendwann ausgezehrt und mit wilden Abenteuergeschichten in der Londoner High society, die nur darauf wartet, bis erkaltete Sensationen durch neue ersetzt werden.
In Gesprächen um die Qualität einer Romans muss ich immer wieder eine Lanze brechen, dafür, was die Literatur darf. Sie darf erfinden. «Lüge» wird zum
Da zieht einer aus, aus der Enge der Schweiz, aus der Vor- und Fremdbestimmung hinaus ins Abenteuer. In ihrem Roman wird Louis de Montesanto auch zu einem Prediger der Bescheidenheit, gegen den Besitz, gegen Geld und Ballast, zu einem, dem schlussendlich niemand mehr zuhört. Wie weit ist ihnen «Verzicht» angesichts dessen, was uns in den Medien vor Augen geführt wird, Herzenssache?
Ihr Roman ist eine «Ikarus-Geschichte». Wehe dem, der sich zu nahe an die Sonne wagt. So hoch hinaus, so tief der Fall. Und trotzdem lechzt die Gesellschaft heute genauso wie die Londoner Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert nach Sensationen, nach Menschen, die es wagen, Menschen, die ausbrechen, Menschen, die Sensationen verkörpern. Eigentlich wird Hans Roth alias Louis de Montesanto abgestraft für seinen Mut, seine Phantasie und seine Kompromisslosigkeit. Braucht die Gesellschaft nicht einfach doch nur die Bestätigung, dass Bravheit und Rechtschaffenheit das Mass aller Dinge sind?
Sie waren selbst lange Zeit in den verschiedensten Gegenden der Welt unterwegs. Ein Reisender mit Stift und Papier. Ist es heute nicht viel schwieriger zu reisen? Auf der einen Seite unendlich viel bequemer, aber fast nicht mehr wirklich hautnah, sich wirklich vom Bekannten entfernend?
In einem Interview erzählen Sie, dass sie eigentlich die Lebensgeschichte ihrer Tante Mary zu einem Roman verarbeiten wollten. Waren Sie auf ihren Reisen auf den Spuren ihrer Tante? Wird aus der Absicht nun doch noch ein Buch? Oder warten Sie neben ihrer journalistischen Arbeit erst mal ab, bis jemand die Filmrechte kauft?
Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. ›Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte‹ ist sein erster Roman.