Einmal nahm Mira sein Gesicht in beide Hände, schaute ihm tief in die Augen und fragte: «Wo bist du Cob?», und er stampfte auf den Boden, fuchtelte mit den Fäusten und stolzierte davon. Ein ganzes Jahr lang bewohnten sie zwar denselben Planwagen und schliefen auf derselben Pritsche, schafften es aber, sich tagsüber aus dem Weg zu gehen.
Lieber Gallus
Beim Lesen dieses Buches eröffnet sich mir ein weltumspannender Kosmos. Michael Hugentobler erzählt bildhaft und farbig die Geschichte einer deutschen Familie, die am Vorabend des zweiten Weltkriegs im Appenzellischen lebt.
Gestern bin ich dem Autor in der Buchhandlung Untertor in Sursee bei einer gut besuchten Lesung begegnet. Glücklicherweise, da ich die Hauslesung mit ihm bei dir in Amriswil Mitte September wegen meiner Arbeit im Hospiz Zentralschweiz nicht besuchen kann. Der sympathische Autor hat sehr persönlich erzählt, wie dieses Buch über mehr als 20 Jahre entstanden ist, wie er langsam in seinem Kopf entstehende Fragmente auf einer grossen Pinwand sammelte und zusammenfügte. Vieles gründet auf direkt Erfahrenem und Erlebtem. Nach 13 Jahren als Weltreisender und der Arbeit als Reporter und Journalist hat Michael Hugentobler in der Schweiz eine Familie gegründet, wurde Vater von zwei schulpflichtigen Buben und setzte seinen Jugendtraum um, Romane zu schreiben.
Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken. Wir schützen uns so, wir können uns selber besser ertragen. Aber wenn es keine Vergangenheit gibt, gibt es auch keine Zukunft, es gibt dann nur das Jetzt.
Das Cover von «Bis die Bären tanzen» zeigt ein altes Familienfoto, das, wie wir auf den ersten Seiten erfahren, zuoberst auf einer Kiste liegt, welche die Mutter Elfie nach einem Sturz aus dem Keller holt. Ich lerne die Familie mit deren Eltern und den vier Kindern kennen, die sich später auf der Suche nach Freiheit und Liebe aufmachen vom Appenzellerland bis nach Brasilien, nach Deutschland im Zweiten Weltkrieg und nach Australien. Die Lebenswege von Belle, Anna, Cob und Elfie könnten unterschiedlicher nicht sein. Packend und lebensnah erfahren wir, wie sie in den verschiedenen Ländern ihr Glück suchen. Mir gefällt, wie Michael Hugentobler seine ProtagonistInnen gestaltet und an den verschiedensten Orten auf der Welt auftreten lässt, er nimmt mich mit nach Brasilien, Australien und Tasmanien (oder Feuerland im zweiten Roman). Ich spüre, dass der Autor kennt, was er beschreibt.
Als der erste Winter kam, hatten wir Maniok und Mais vom eigenen Land, dazu Reis und Bohnen aus den mitgebrachten Vorräten und unsere drei kleineren Räume, die wir heizen konnten, denn die Temperatur fiel nun öfters auf null Grad.

Vieles schwebt und bleibt offen, erst auf den letzten Seiten tanzen die Bären.
Du hast richtig getippt, dieser Roman hat mir vergnügliche Stunden bereitet. Ein funkelnder Familien- und Abenteuerroman, Unterhaltung im besten Sinne. Angeregt durch das Gespräch bei der Lesung habe ich «Feuerland» mit ebenso grossem Genuss gelesen.
Herzlich
Bär
NB: Zum Schweizer Buchpreis 2026 kann ich, da mir die Übersicht über die aktuelle Schweizer Literatur fehlt, nicht Stellung nehmen. Ob Lukas Bärfuss mit «Königin der Nacht» nochmals nominiert wird?
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Lieber Bär
Ha, wusste ich es doch, dass dich das Buch packt, weil Michael Hugentobler eine ganz besondere Fähigkeit des Erzählens beherrscht. In einem Interview erzählte er, er habe in jungen Jahren zusammen mit seiner Mutter seine Grosstante in Australien in einem Altersheim besucht. Sie habe von der Geburt ihres Sohnes erzählt, allein in einer windigen Hütte im Irgendwo eines Dschungels. Während der Geburt sah sie eine riesengrosse, schwarze Schlange an der Decke jener Hütte. Ein Bild, das geblieben, das der eigentliche Anfang dieses Romans gewesen sei. Michael Hugentobler, als junger Mann herumgekommen auf der ganzen Welt und als Journalist gesegnet mit einem ausnehmend wachen Auge, erkennt die möglichen Geschichten hinter Bildern, die andere nur zur Kenntnis nehmen. Er spinnt den Faden dort weiter, wo er bei andern reisst oder franst. Und wenn man wie du das Glück hat, dem Erzähler auch real zu begegnen, staunt man über seinen wachen Blick. Jener wache Blick mit dem er jetzt, mit Familie, grenzenlos reist.
Schon sein erster Roman war so ganz anders wie die Debüts sonst, mit denen sich neue Namen zaghaft auf die Literaturbühne wagen. In «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», dem ersten Roman, erzählt Michael Hugentobler die seltsame und abenteuerliche Geschichte eines Mannes, der sich neu erfand; In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts „verabschiedet“ sich Hans Roth aus dem schweizerischen Schöndorn, um 1898 als Louis de Montesanto in London weltberühmt zu werden mit seiner sensationellen Lebensgeschichte. Michael Hugentobler zeichnet aber nicht einfach die Lebenssituationen eines Sonderlings nach. Er stellt Fragen, die nicht nur der Literatur gestellt werden, sondern dem Leben, der „Wahrheit“.
In «Feuerland» erzählt Michael Hugentobler von einem argentinisch-britischen Missionar am südlichsten Zipfel Südamerikas. Im 19. Jahrhundert reist Thomas Bridges zu den Yámanas und wird zu einem akribischen Erforscher ihrer Sprache und damit zu einem unermüdlichen Kämpfer um das Erbe dieses zum Verschwinden verurteilten Volkes. Mit «Feuerland» war Michael Hugentobler für den Schweizer Buchpreis 2021 nominiert. Dass er ihn damals nicht gewann, hat mit der literarischen Wucht der Preisträgerin zu tun, mit Martina Clavadetscher und ihrem Roman «Die Erfindung des Ungehorsams». Michael Hugentobler offenbarte in «Feuerland» das Geheimnis, wenn man für einen kurzen Augenblick im Licht einer untergehenden Sonne, einer verschwindenden Welt steht.
Ich freue mich, wenn Michael Hugentobler bei uns im Wohnzimmer mit einer Runde «Eingefuchster» diskutieren wird.
Schweizer Buchpreis? Im September werden die 5 Namen bekannt gegeben. Es gäbe einige Namen. Ich würde mich wundern, wenn Lukas Bärfuss nicht dabei wäre. Auf jeden Fall freue ich mich auf die Briefwechsel mit dir über die 5 Namen.
Gute Lektüren!
Gallus
Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.






Sie kennen Christian Kracht nicht? Er war schon einmal Träger des Schweizer Buchpreises und ist mit jedem seiner Bücher im Gespräch, sei es unter Rezensent:innen, Feuilletonist:innen oder engagierten Leser:innen. Ein Mann, der einem förmlich zur Auseinandersetzung zwingt. Dass er das auch mit seinem neuen Roman «Eurotrash», ja sogar mit dem Titel alleine schafft, lässt einem staunen. Für die einen ist Christian Kracht eine Lichtgestalt im helvetischen Literaturhimmel, auch wenn an ihm und seinem Schreiben so gar nichts Helvetisches ist. Wäre Christian Kracht nicht für den Schweizer Buchpreis nominiert, hätte ich sein Buch wohl nicht gelesen. Denn eines braucht sein Buch mit Sicherheit nicht: meinen Senf.
Schon ein bisschen anders verhält es sich mit Martina Clavadetscher und Michael Hugentobler Schon alleine deshalb, weil beide schon meine Gäste waren, sei es in einer moderierten Lesung oder bei «Literatur am Tisch», einer ganz intimen Veranstaltung.
Überraschend, zumindest für mich, sind die Nominierten Veronika Sutter und Thomas Duarte. Veronika Sutter erschien bisher gar nicht auf meinem Schirm (was nichts heissen soll) und von Thomas Duarte hörte ich nur, weil sein literarisches Debüt 2020 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debüt ausgezeichnet würde (was noch kein Grund gewesen war, das Buch zu besorgen). Da sind also ganz offensichtlich Versäumnisse meinerseits nachzuholen.
Und von Thomas Duarte’s Debüt «Was der Fall ist» heisst es: «Ein Mann erscheint mitten in der Nacht auf einem Polizeiposten und erzählt, wie sein bislang eintöniges Leben aus den Fugen geraten ist. Jahrzehntelang hat er für einen wohltätigen Verein gearbeitet, jetzt wird er plötzlich wegen Unregelmässigkeiten bei der Geldvergabe verdächtigt. Und nicht nur das: Im Hinterzimmer seines Büros, in dem er zeitweise selbst hauste, lässt er neuerdings die illegal arbeitende Putzfrau Mira wohnen. In seinem wahnwitzigen Bericht, dessen Charme und Menschlichkeit aber selbst den Polizisten nicht kaltlassen, entsteht das Portrait eines modernen Antihelden, der einen überraschend fröhlichen Nihilismus zum Besten gibt.»



Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» (2018) ist sein erster Roman.





































Louis wird Butler eines Schweizer Bankiers und später Bediensteter von Sir William Stevenson, einem britischen Gouverneur auf einer Reise nach Australien. Aber dort wächst die Gewissheit, er würde so sein Leben damit verbringen, anderen zu dienen. Dies sei eine Form der Sklaverei, auch wenn sie bequem sei und ihn sättigte. Es treibt ihn weiter, zusammen mit seinem Colt Dragoon. Louis der Montesanto wird glückloser Kapitän auf einem Perlenfischerboot, strandet und verliert sich an der Küste Australiens, wo er von Aborigines «aufgenommen» wird und Jahre bei ihnen verbringt. Louis wird Vater zweier Kinder, verlässt die Ureinwohner genauso wie seine Familie, seine Kinder und landet irgendwann ausgezehrt und mit wilden Abenteuergeschichten in der Londoner High society, die nur darauf wartet, bis erkaltete Sensationen durch neue ersetzt werden.
In Gesprächen um die Qualität einer Romans muss ich immer wieder eine Lanze brechen, dafür, was die Literatur darf. Sie darf erfinden. «Lüge» wird zum
Da zieht einer aus, aus der Enge der Schweiz, aus der Vor- und Fremdbestimmung hinaus ins Abenteuer. In ihrem Roman wird Louis de Montesanto auch zu einem Prediger der Bescheidenheit, gegen den Besitz, gegen Geld und Ballast, zu einem, dem schlussendlich niemand mehr zuhört. Wie weit ist ihnen «Verzicht» angesichts dessen, was uns in den Medien vor Augen geführt wird, Herzenssache?
Ihr Roman ist eine «Ikarus-Geschichte». Wehe dem, der sich zu nahe an die Sonne wagt. So hoch hinaus, so tief der Fall. Und trotzdem lechzt die Gesellschaft heute genauso wie die Londoner Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert nach Sensationen, nach Menschen, die es wagen, Menschen, die ausbrechen, Menschen, die Sensationen verkörpern. Eigentlich wird Hans Roth alias Louis de Montesanto abgestraft für seinen Mut, seine Phantasie und seine Kompromisslosigkeit. Braucht die Gesellschaft nicht einfach doch nur die Bestätigung, dass Bravheit und Rechtschaffenheit das Mass aller Dinge sind?
Sie waren selbst lange Zeit in den verschiedensten Gegenden der Welt unterwegs. Ein Reisender mit Stift und Papier. Ist es heute nicht viel schwieriger zu reisen? Auf der einen Seite unendlich viel bequemer, aber fast nicht mehr wirklich hautnah, sich wirklich vom Bekannten entfernend?
In einem Interview erzählen Sie, dass sie eigentlich die Lebensgeschichte ihrer Tante Mary zu einem Roman verarbeiten wollten. Waren Sie auf ihren Reisen auf den Spuren ihrer Tante? Wird aus der Absicht nun doch noch ein Buch? Oder warten Sie neben ihrer journalistischen Arbeit erst mal ab, bis jemand die Filmrechte kauft?
Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. ›Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte‹ ist sein erster Roman.