Zwischen Sterbebegleitung, familiärer Entfremdung und kafkaesker Verwandlung: Nefeli Kavouras entfaltet in ihrem Debütroman eine Geschichte, die sich an existenzielle Fragen heranwagt. Dabei hinterlässt sie allerdings auch einige Fragezeichen.
Und der Tod riecht nach Rosinen
Gastrezension: Aline Anaïs Furter studierte Kunstgeschichte und Englisch an der Universität Basel. Im September beginnt sie den Masterstudiengang Kulturpublizistik an der ZHdK. Nach vier Jahren in Basel lebt sie seit kurzem in Zürich.
Georg, Ruth und Lea – Vater, Mutter und Tochter; Ehemann, Ehefrau und Kind. Diese Dreieckskonstellation bildet das Zentrum von Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke».
Seit sieben Jahren ist Georg schwer krank. Als der Arzt im Krankenhaus die Worte „Hospiz“ und „palliativ“ in den Raum stellt, entscheidet Ruth kurzerhand, ihren Mann nach Hause zu holen und selbst zu pflegen. Es ist Sommer, die 15-jährige Lea hat Ferien – und nutzt jede Gelegenheit, dem Haus zu entfliehen. Sie trifft sich mit Freund:innen am See und beschliesst, sich in Max zu verlieben, der in wenigen Sätzen zum Vaterersatz stilisiert wird (die mit dem Vater geteilten Orte – diese Orte könnten auch irgendwann Max und mir gehören). Mutter und Tochter entfernen sich zunehmend voneinander: Ruth lebt fortan im Sterbezimmer bei Georg, Lea überall sonst.
Was auf der Ebene der Figuren an Dialog ausbleibt, wird strukturell gespiegelt: In kurzen Kapiteln wechseln sich Ruths und Leas Perspektiven ab. Dieser Rhythmus wird genau einmal gebrochen – von Georg selbst. Nach dem ersten Drittel erhält er in einem biblisch anmutenden, lyrischen Einschub eine Stimme: Als niemand hinsah, erwachte Georg. Und so sprach Georg. Hier fällt auch der titelgebende Satz: Gelb, auch ein schöner Gedanke.
Zur Mitte des Romans erfolgt eine überraschende Zäsur: Georg wird zum Pferd. Mit der Verwandlung verschieben sich die Rollen zwischen Mutter und Tochter. Während Ruth in dem Gaul etwas Fremdes, Ekelhaftes, Bedrohliches erkennt, ist Lea vom Papapferd begeistert und kümmert sich hingebungsvoll. Die hinzugezogene Pferdespezialistin Edna Piotrowska bringt Georg schliesslich auf einen Gnadenhof, wo Lea fortan jede freie Minute verbringt. Edna wird für Lea zur Vertrauten, später auch zur Freundin Ruths.

Im Zuge dieser Verwandlung wird doch etwas hölzern mit dem Wort «kafkaesk» auf «Die Verwandlung» von Franz Kafka verwiesen. Dort erwacht Gregor Samsa eines Morgens in verwandelter Gestalt und muss fortan seinen Platz im familiären Gefüge neu verhandeln. Ob die Namensverwandschaft – Georg und Gregor – als weiterer intertextueller Fingerzeig zu verstehen ist, sei dahingestellt.
Die Hamburgerin Nefeli Kavouras ist in der deutschen Literaturszene keine Unbekannte: Als Organisatorin und Moderatorin von Lesungen, als Podcasterin, als Kuratorin des Literaturprogramms der «altonale» sowie als Mitarbeiterin des mairisch Verlags hat sie sich längst einen Namen gemacht. Für einen Auszug aus ihrem Roman wurde sie 2023 mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet; im vergangenen Jahr folgte eine Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Preis.
Eingehend und empathisch widmet sie sich in «Gelb, auch ein schöner Gedanke» den Themen der Pflege, der (aktiven) Sterbehilfe, dem Loslassen und Nicht-loslassen-Können, der Trauer und den damit einhergehenden Verschiebungen innerhalb ohnehin fragiler Familienstrukturen. Auf gut 200 Seiten gelingt ihr ein in sich konsistenter Roman, dessen Aufbau stimmig abgerundet ist: Der Anfang nimmt das Ende vorweg und greift es später wieder auf.
Trotz der existenziellen Wucht der verhandelten Fragen droht der Text jedoch immer wieder in vorgefertigte Muster und Klischees zu rutschen. Manche Dialoge wirken bemüht, manche Metaphern allzu gefällig – etwa wenn Georgs Organe nach und nach das Licht ausschalten und bald Feierabend machen. Auch Textnachrichten wie Süsse, lass mich doch da sein für dich klingen eher nach übersetztem Young-Adult-Ton als nach eigenständiger literarischer Sprache.
Irritierend sind zudem einzelne pauschalisierende oder stereotype Bemerkungen der Figuren, wie wenn Ruth über eine Nachbarin sagt: Die ist fett geworden. Seit ihr Mann tot ist, hat sie richtig zugelegt, oder wenn Lea beim Rasieren der Beine über ihre Freundin anmerkt: Ich hatte noch nicht über Haarwuchs nachgedacht. Anna hingegen als Spanierin schon. Man könnte diese Sätze zwar als bewusste Spiegelungen des Innenlebens der Protagonistinnen lesen – als Ausdruck ihrer Überforderung, ihrer Engführung oder ihrer Unreife. Kombiniert mit den oben genannten, ebenfalls klischeehaft wirkenden Stellen, entsteht jedoch nicht der Eindruck einer bewussten Intention. Vielmehr bleiben solche Formulierungen weitgehend unreflektiert stehen.
So stellt sich am Ende die Frage, ob die Erzählung nicht auch von einer anderen Form – etwa der eines Jugendromans – profitiert hätte, wobei die vereinzelt expliziten sexuellen Anspielungen einer solchen Einordnung derzeit wohl noch im Weg stünden.
Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Rezension von Sina Aebischer zum gleichen Roman
Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.
Beitragsbild © Stephan Obel

Der Tod als Verwandlung









Schon ein bisschen anders verhält es sich mit Martina Clavadetscher und Michael Hugentobler Schon alleine deshalb, weil beide schon meine Gäste waren, sei es in einer moderierten Lesung oder bei «Literatur am Tisch», einer ganz intimen Veranstaltung.
Michael Hugentobler ist ein Reisender. Dass er, der nun sesshaft geworden ist und Familie hat, 13 Jahre auf Reisen war, das spürt man seinem Schreiben an. Wahrscheinlich ist sein Reservoir an Bildern und Geschichten unerschöpflich, was seinen Lesern nur recht sein kann, denn Michael Hugentobler macht Türen auf. Als Reisender nach Innen und nach Aussen, nach unzähligen Reportagen für namhafte Magazine nimmt mich Michael Hugentobler mit auf eine Reise nach Südamerika, spürt einem Indianerstamm nach, von dem nur ein Buch mit Wörtern übrig geblieben ist. Schon sein erster Roman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» riss mich mit ins 19. Jahrhundert, zuerst ins Wallis, dann zu den Aborigines in Australien und am Ende zum Finale nach London. Dorthin, wo auch sein zweiter, nun nominierter Roman «Feuerland» seinen Ursprung hat. Bilderstarke Literatur!
Überraschend, zumindest für mich, sind die Nominierten Veronika Sutter und Thomas Duarte. Veronika Sutter erschien bisher gar nicht auf meinem Schirm (was nichts heissen soll) und von Thomas Duarte hörte ich nur, weil sein literarisches Debüt 2020 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debüt ausgezeichnet würde (was noch kein Grund gewesen war, das Buch zu besorgen). Da sind also ganz offensichtlich Versäumnisse meinerseits nachzuholen.
Und von Thomas Duarte’s Debüt «Was der Fall ist» heisst es: «Ein Mann erscheint mitten in der Nacht auf einem Polizeiposten und erzählt, wie sein bislang eintöniges Leben aus den Fugen geraten ist. Jahrzehntelang hat er für einen wohltätigen Verein gearbeitet, jetzt wird er plötzlich wegen Unregelmässigkeiten bei der Geldvergabe verdächtigt. Und nicht nur das: Im Hinterzimmer seines Büros, in dem er zeitweise selbst hauste, lässt er neuerdings die illegal arbeitende Putzfrau Mira wohnen. In seinem wahnwitzigen Bericht, dessen Charme und Menschlichkeit aber selbst den Polizisten nicht kaltlassen, entsteht das Portrait eines modernen Antihelden, der einen überraschend fröhlichen Nihilismus zum Besten gibt.»

Höhepunkte versäumt hatte. Nachdem ich andere Festivalbesucher:innen immer wieder nach ihrem absoluten Highlight fragte, wurde immer wieder der eine Name genannt: Jakub Małecki! Der 1982 in Polen geborene Schriftsteller ist in seinem Heimatland ein gefeierter Autor, veröffentlichte fast ein Dutzend Romane. «Rost», sein erster auf Deutsch erschienener Roman ist die Geschichte des siebenjährigen Szymek, dessen Eltern bei einem Autounfall sterben, den man zu seiner Grossmutter Tosia bringt, raus in die Provinz, in ein Leben, dass so ganz anders tickt als das alte. Jakub Małecki erzählt aber auch die Geschichte der Grossmutter, die Auswirkungen jener Brüche, die der Krieg hinterliess, was mit den Menschen im kleinen Ort Cholny passierte. Dass «Rost» nun im Buchhandel liegt, sei einem reinen Zufall zu verdanken. Der Verleger sah den auf Polnisch ebenfalls „Rost“ betitelten Roman aufliegen, nahm ihn zur Hand und liess danach nicht mehr los. Jakub Małecki hat mit «Rost» ein im Licht der dörflichen Besonderheit erstrahlendes Lebenspanorama erschaffen, das aus Cholny heraus tief in unsere Welt zu leuchten vermag.
Der Roman «Dunkelblum», der im kommenden August erscheinen wird, leuchtet in einen fiktiven Ort, eine Kleinstadt an der österreichisch-ungarischen Grenze. Während man 1989 Zeuge wird einer Massenflucht aus der sich auflösenden DDR, taucht ein rätselhafter Besucher im Städtchen auf, findet man ein Skelett in einer Wiese am Stadtrand und verschwindet eine junge Frau. Alles an dem Ort beginnt sich zu verschieben. Mit einem Mal tritt hervor, was man über Jahrzehnte totzuschweigen versuchte; all die Massaker, die in den Wirren des letzten Krieges geschahen. «Dunkelblum» ist ein schaurig-komisches Epos über die Wunden in der Landschaft und den Seelen der Menschen, die, anders als die Erinnerung, nicht vergehen. Eva Menasses Sprache ist gestochen scharf, ihr Erzählen gekonnt konstruiert und alles durchsetzt mit einer bissigen Prise Humor.
Festivaltag wollte ich mich vor der Bergfahrt nur ganz kurz auf meinem Bett im Hotel niederlegen, nur einen Augenblick. Als ich irgendwann in meinen Kleidern aufwachte, pfiffen bereits die Vögel. Glücklicherweise las Christoph Simon aber auch noch am Samstag. Neben literarischen Kostbarkeiten aus verschiedenen Büchern auch aus seinem neuen mit dem sinnigen Titel «und das nach vier milliarden jahren evolution», dem bislang einzigen Buch aus der edition merkwürdig. Wer bewiesen haben will, dass Lyrik alles andere als kopflastig, verschroben oder verunsichernd sein muss, lese in den Gedichten Christoph Simons. Da geht des Herz gleich mehrfach auf! Simons Gedichte sind als lyrische Stories angelegt. Sie haben alle einen Inhalt, der sich sogar nacherzählen lässt. Aber das lyrisch Unsagbare lauert zwischen den Zeilen und in jenen Zeilenabbrüchen, die immer dann auftauchen, wenn man glaubt, etwas linear kapiert zu haben

