Regula und Herbert haben sich vor ein paar Jahren ein Landhaus im Burgund gekauft, ein Refugium, einen Rückzugsort, Realität gewordener Sehnsuchtsort. Ein Steinhaus mit viel Land, in einem kleinen Weiler, mit Blick auf Autun. Wenn da nur der Nachbar nicht wäre.
Hansjörg Schertenleib muss sich nicht mehr beweisen, obwohl er es dann trotzdem tut; mit seiner Art, wie er mit Lakonie, einem sicheren Strich das Grosse im Kleinen erzählt. Wie er seine Figuren zeichnet, wie er mich überrascht. Wie er sich Themen, Schauplätze und Menschen aussucht, die so gar nicht den momentan angesagten Mustern entsprechen. Wie er es schafft, Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen, mir seine Protagonisten nahe zu bringen, auch wenn sie keine reinen Sympathieträger sind. Er schafft es sogar, dass er mich ein vermeindliches Katzenbuch lesen lässt, mich, der ich Katzen nur mit dem grössten Misstrauen begegne, obwohl ich immer wieder der bin, den sie bei Besuchen aussuchen, um sich es auf meinem Schoss bequem zu machen. „Für die Katz“ ist kein Katzenroman, auch wenn die Geschichte an Katzenleben entlang erzählt wird. Hansjörg Schertenleib erzählt von dem, was unser Leben bedroht, was Träume zunichte macht, was alle Emotionen bindet, unser Innerstes zerreisst. Er erzählt vom kleinen Krieg, der nicht anders funktioniert wie der Grosse. Von unüberwindlich scheinenden Gräben und der Macht der Zerstörung und des Hasses.

Als sie das Haus kauften, schien alles perfekt zu sein. Ein weiter Horizont, ein Haus mit Charme, ein Leben, das Zukunft verspricht. Ein Paradies für ihn, den Pensionierten Herbert Reuss und Regula, seine Lebenspartnerin, die zwischendurch als Reiseleiterin arbeitet – und für Ixifix, den zugelaufenen Kater. Dass mit Grundstück und Haus nicht alles perfekt ist, spüren sie schnell, als man sich am Nachbarn Cafard vorbeizwängen muss. Später wird das Kreischen seiner Kreissäge zu einem festen Bestandteil täglicher Geräuschkulissen. Es fallen Bäume, die eigentlich auf ihrem Grundstück stehen, es fliegen Kot und Steine. Während Herbert sich mehr und mehr der Boshaftigkeit seines Nachbarn stellen und mit seiner eigenen kämpfen muss, ärgert sich Regula als Reiseleiterin mit Besserwissern und Klugscheissern herum. Mit einem Mal scheint Ärger zu einer Grundeinstellung des Lebens zu werden, alles zu dominieren, die so nah geglaubte Idylle zu zerstören.
Schertenleib erzählt anhand von verschiedenen, meist zugelaufenen Katzen, das Leben von Herbert und Regula, diesem Paar, das sich mehr und mehr in den Untiefen des Kleinkriegs zu verlieren droht. Es ist die Geschichte zweier Suchenden, so wie es in jener Gegend ganz viele zu geben scheint, die sich an den Rändern der Wälder des Morvan ein neues Leben aufzubauen versuchen, die sehr oft alles tun, um als Einheimische angesehen zu werden, aber doch in jenem Zwischenland bleiben, zwischen Dauertourist und dem Wunsch, sich als Fast-Einheimische in alte Ordnungen einfügen zu können. Herbert allerdings möchte vor allem seine Ruhe, erst recht dann, wenn Regula auswärts ihren Pflichten nachgeht. Er möchte es auskosten, scheut sich auch nicht, den ersten Cognac schon am Morgen zu geniessen. Zusammen mit Ixifix, dem Kater, der bislang letzten Katze in einer langen Reihe, diesen wählerischen Geniessern, die immer und überall einen Platz finden, der ganz ihnen gehört. Ganz im Gegensatz zu Herbert in seinem Krieg mit dem Nachbarn. Seine Ruhe war ihm heilig geworden. Und eben diese Ruhe, symptomatisch für die 70jährigen, ist mehr als nur bedroht.
«Für die Katz» ist ein herrliches (Man kann das Wort auch durchaus wörtlich nehmen!) Stück Literatur. Ein typischer Schertenleib. Gut, dass er weiterschreibt!

Hansjörg Schertenleib, geboren 1957 in Zürich, gelernter Schriftsetzer und Typograph, ist seit 1982 freier Schriftsteller. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt auf die Bühne gebracht. Schertenleib lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und wohnt seit Sommer 2020 im Burgund.
mehr von und über Hansjörg Schertenleib
Beitragsbild © Sandra Kottonau

Vor bald dreissig Jahren wanderte Hansjörg Schertenleib nach Irland aus, in den Nordwesten, nach Donegal, in eine archaische Gegend, dem Wetter ausgesetzt, in ein freistehendes Schulhaus auf einem sanften Hügel. Mehr als zwei Jahrzehnte lebte er dort, schrieb und erlangte irgendwann gar die irische Staatsbürgerschaft.
Er zieht in ein Haus mit Geschichte. Zum einen ein Schulhaus, zum andern ein Wohnhaus, gekauft von einem Ehepaar, das fast alles in dem Haus zurückliess. In ein Haus, das Geschichten erzählt, an einen Ort, an dem der Wind Geschichten zum Haus trägt. Ein Ort, der ihn öffnet, der ihm das Schreiben leicht macht.
Der eigentliche Protagonist des Buches ist die Sprache. Überaus sinnlich, glasklar, nie verklärend, nie aufbauschend und effekthaschend. Ehrlich und poetisch, musikalisch und präzis.


Rezensionen der Bücher von Hansjörg Schertenleib: «



Hansjörg Schertenleib, geboren 1957 in Zürich, gelernter Schriftsetzer und Typograph, ist seit 1982 freier Schriftsteller. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller «Das Zimmer der Signora» und «Das Regenorchester» wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Schertenleib, der auch aus dem Englischen übersetzt, lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und wohnt seit Sommer 2020 bei Autun im Burgund. Im Kampa Verlag sind bislang erschienen: «









Öffentlichkeit von einer Männergruppe provozieren lässt und handgreiflich wird. Seither hat sich etwas in ihr verschoben, noch mehr, weil ihr Mann Michael im Streit um ihre Alkoholprobleme von ihr wegfuhr und im Auto auf der Autobahn den Tod fand. Das Haus in Maine, in das sie sich zusammen mit ihrem Mann einst verliebte, das sie kauften und ausbauen liessen, in dem sie ihren gemeinsamen Lebensabend verbringen wollten, wird zum Fluchtpunkt, zusammen mit Xanax, Psychopharmaka mit grossem Suchtpotenzial, das sie hinter Albert Camus‘ «Die Pest» im Bücherregal versteckt. Sie ist sich selbst ausgesetzt, ihren Träumen, ihren Ängsten, ihrer Trauer.
Hansjörg Schertenleib, geboren am 4. November 1957 in Zürich, machte die Ausbildung zum Schriftsetzer/Typographen; Besuch der Kunstgewerbeschule Zürich. 1981 zog er ins Künstlerhaus Boswil, arbeitete dort halbtags in der Küche und schrieb sein erstes Buch «Grip». Seit 1982 ist er freier Schriftsteller, 1980 bis 1984 und seit 2016 erneut Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift «orte», von 1984 bis 1989 Mitglied im Vorstand im Schweizerischen Schriftstellerverband. Seit 1985 journalistische Tätigkeit für verschiedene Zeitungen und Magazine, in der Spielzeit 1992/1993 Hausautor am Theater Basel unter Frank Baumbauer. Zwischen 1996 und 2016 lebte er in einem ehemaligen Schulhaus aus dem Jahr 1891 im County Donegal in der Republik Irland, seit 2011 zeitweise in Suhr im Kanton Aargau und seit 2016 auf Spruce Head Island in Maine, USA.

