Vor 70 Jahren, am 21. Dezember 1956, endete eine der spektakulärsten Protest-Aktionen der Geschichte: der legendäre Busboykott von Montgomery, Albama. Er lieferte die Blaupause für die Massenproteste und direkten Aktionen der 1960er und 1970er Jahre. Möglich gemacht hat ihn die frühe Aktivistin der Bewegung, Rosa Parks. Und was viele nicht wissen: Sie hat darüber ein Buch geschrieben.
Ihre kurze, aber aufschlussreiche und inspirierende Autobiografie «Meine Geschichte» wird nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Bei den Solothurner Literaturtagen 2026 kam ich mit der Übersetzerin, Sonja Bonin ins Gespräch.
Rosa Parks ist meist sogar schon Primarschulkindern ein Begriff. Die meisten von uns kennen die brav und sympathisch wirkende Schwarze Frau, die sich weigerte, ihren Sitz im Bus aufzugeben und dafür ins Gefängnis geworfen wurde. Kaum zu glauben, dass die Geschichte einer derart berühmten Persönlichkeit noch nie auf Deutsch erschienen ist. Wie kam es jetzt endlich dazu?
Ich konnte es selbst kaum fassen! Das Buch erschien 1992 bei Penguin und ist seither auf Englisch immer erhältlich gewesen. Aber ich habe mittlerweile den Verdacht, dass auch viele Amerikaner nicht wissen, dass es überhaupt existiert. Ich entdeckte es in einer der wunderbaren Buchhandlungen von Seattle, als ich dort lebte, und fand es eine absolut augenöffnende Lektüre. Ich wusste: Das musst du übersetzen und einen Verlag dafür finden! Rechtzeitig zum 70. Jubiläumsjahr des Busboykotts hatte ich Gelegenheit, bei einem «Verlags-Speed-Dating» des Übersetzerhauses Looren zu «pitchen». Und dann ging alles sehr schnell: Lea Artmeyer vom Unionsverlag in Zürich schlug sofort zu, erwarb die Übersetzungsrechte und sorgte dafür, dass das Buch am 20. August erscheinen kann. Das ist aussergewöhnlich schnell, und ich bin sehr glücklich darüber. Das Buch passt hervorragend ins Programm des Unionsverlags.
Was hat dich an dieser Geschichte derart fasziniert – und offensichtlich auch den Verlag überzeugt?
Es ist ein sehr kurzweiliges Buch; man kann es locker an einem oder zwei Abenden durchlesen. Es hat, was Zeitzeugenberichte so eindrücklich macht: die einfache Sprache, das persönliche Erleben. Parks hat das Buch damals mit Hilfe eines Journalisten verfasst. Es klingt deshalb ein bisschen wie die Erinnerungen, die einem das Grosi am Küchentisch erzählt. Aber was sie berichtet, haut einen fast um. Noch ihre Grosseltern wurden versklavt geboren, und selbst Rosa, Jahrgang 1913, musste als Kind auf den Baumwollfeldern von Alabama schuften. Als sie klein war, herrschte nicht nur eine absolut unmenschliche Segregation zwischen Schwarzen und Weissen, auch Gewalt war allgegenwärtig. Parks erzählt zum Beispiel, wie ihr Grossvater mit dem Gewehr in der Hand das Haus gegen den Ku Klux-Klan verteidigte. Er sagte: «Ich weiss nicht, wie lange ich ihnen standhalten könnte, aber den ersten, der hier eindringt, erledige ich.» Und die kleine Rosa sass die ganze Nacht daneben. Sie wollte, wenn es passieren sollte, nicht im Schlaf erwischt werden. Sie hatte also Vorbilder, Personen, die für ihre Menschenwürde einstanden. Als Kind kam sie selbst öfter mal in Schwierigkeiten, weil sie ihren Mund nicht halten konnte. Sie empfand es als ihr gutes Recht, sich gegen respektlose Behandlung zur Wehr zu setzen.
Das klingt viel kämpferischer als man sich das so vorstellt.
Ja, mit der Zeit hat sich das Bild von Rosa Parks ziemlich verzerrt. Dabei war sie vor dem Busboykott schon jahrzehntelang Aktivistin gewesen und blieb es ihr Leben lang.

Wer heute das Stichwort «Bürgerrechte» hört, denkt aber trotzdem eher an Martin Luther King oder Malcolm X.
Martin Luther King war zu Beginn des Busboykotts noch nahezu unbekannt. Aber er war eindeutig eine gute Wahl: Sein rhetorisches Talent half, 50’000 Schwarze Bürger und Bürgerinnen von Montgomery mehr als ein Jahr lang zu motivieren und bei der Stange zu halten. Man muss sich das mal vorstellen: Die Schwarze Bevölkerung von Montgomery, Alabama, baute ein eigenes Transportsystem für die gesamte Stadt auf; Tausende nahmen täglich stundenlange Fussmärsche auf sich, um ihren Forderungen Gewicht zu verleihen. Alle boykottierten die öffentlichen Verkehrsmittel. Nach 381 Tagen war es so weit: Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten erklärte die Segregation in den öffentlichen Bussen für verfassungswidrig. Alice Hasters nennt in ihrem Vorwort zum Buch den Busboykott von Montgomery «eine der bemerkenswertesten Aktionen zivilen Widerstandes, die es je gab». Damit begann die Ära der «direct action» und der Massendemonstrationen, wie wir sie aus den 1960er und 1970er-Jahren kennen.
Die wurden aber nicht mehr von Rosa Parks angeführt.
Nein. Das ist ein weiterer sehr eindrücklicher Punkt: Parks erzählt, wie sie, obwohl sie im ganzen Land Vorträge hielt und weiterhin für die NAACP und andere Organisationen aktiv war, in der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten innerhalb weniger Jahre nahezu in Vergessenheit geriet, nachdem sie nach Detroit umgezogen war. Beim legendären Marsch von Selma nach Montgomery wurde sie mehrmals aus dem Demonstrationszug geworfen, weil die jüngeren Aktivist:innen sie nicht (er)kannten. Beim «Marsch nach Washington», bei dem Martin Luther King seine berühmte «Ich habe einen Traum»-Rede hielt, hatten die Frauen buchstäblich nichts mehr zu sagen. Frauen hatten einen ganz entscheidenden Teil der Arbeit geleistet und Leib und Leben im Kampf gegen die Rassentrennung riskiert – aber dann übernahmen die Männer das Ruder. Es gibt Original-Aufnahmen auf Youtube.
Das würde heute hoffentlich anders laufen.
Ja, dafür würden heutzutage nicht zuletzt Menschen wie Rosa Parks sorgen. Ihre Geschichte hält so viele interessante und inspirierende Lektionen für unsere Zeit bereit. Beim Übersetzen war das wie ein kleiner Lichtblick in finsteren Zeiten für mich. Was Pionier:innen der Bürgerrechtsbewegung damals erreicht haben, sollte uns als Beispiel dienen und Mut machen. Die Bedingungen waren damals viel schwieriger und gefährlicher als für uns. Noch am ersten Tag des Busboykotts waren sich die Organisatoren überhaupt nicht sicher, was passieren würde. Aber sie haben am Ende gegen das Unrecht gewonnen. Gemeinsam.

Rosa Parks (1913–2005) war eine US-amerikanische Bürgerrechtsaktivistin. Sie wuchs im segregierten Bundesstaat Alabama auf, arbeitete als Schneiderin und engagierte sich jahrzehntelang ehrenamtlich in der NAACP. 1955 wurde sie durch ihre Weigerung, im Bus ihren Sitzplatz zu räumen, zur Schlüsselfigur des Busboykotts von Montgomery. Bis zu ihrem Tod blieb Parks politisch aktiv, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und gründete das Rosa and Raymond Parks Institute for Self-Development.
Jim Haskins, geboren 1941 in Demopolis, Alabama, studierte Geschichte und Sozialpsychologie an verschieden Universitäten in den USA und war als Lehrer tätig. Seine zahlreichen Bücher richteten sich zumeist an ein junges Publikum und erzählen von prägenden Schwarzen Persönlichkeiten und afroamerikanischer Geschichte. Für sein Werk wurde er mehrfach prämiert, u. a. mit dem Coretta Scott King Award. Als Mitverfasser unterstützte er Rosa Parks bei der Veröffentlichung ihrer Autobiografie. Er starb 2005 in Manhattan.
Sonja Bonin, geboren 1970, studierte Philosophie und Germanistik sowie Buch- und Medienpraxis in Mannheim, Frankfurt a. M. und Rutgers, New Jersey. Sie ist freie Journalistin und Übersetzerin und lebt, nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland, den USA und China, in Zürich. Sie arbeitete u. a. für den Tagesspiegel, Spiegel Online, Aspen Institute Berlin und LiteraturReview. Zu den von ihr übersetzen Autoren gehört Howard Zinn (Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes).
Beitragsbild © AP / Wide World Photo (Rosa war nur eine von neunundachtzig Personen, die im Februar 1956 wegen Boykotthandlungen ohne »Rechtfertigung oder juristischen Grund« verhaftet wurden.)

Gastbeitrag von Urs Abt






Sie kennen Christian Kracht nicht? Er war schon einmal Träger des Schweizer Buchpreises und ist mit jedem seiner Bücher im Gespräch, sei es unter Rezensent:innen, Feuilletonist:innen oder engagierten Leser:innen. Ein Mann, der einem förmlich zur Auseinandersetzung zwingt. Dass er das auch mit seinem neuen Roman «Eurotrash», ja sogar mit dem Titel alleine schafft, lässt einem staunen. Für die einen ist Christian Kracht eine Lichtgestalt im helvetischen Literaturhimmel, auch wenn an ihm und seinem Schreiben so gar nichts Helvetisches ist. Wäre Christian Kracht nicht für den Schweizer Buchpreis nominiert, hätte ich sein Buch wohl nicht gelesen. Denn eines braucht sein Buch mit Sicherheit nicht: meinen Senf.
Michael Hugentobler ist ein Reisender. Dass er, der nun sesshaft geworden ist und Familie hat, 13 Jahre auf Reisen war, das spürt man seinem Schreiben an. Wahrscheinlich ist sein Reservoir an Bildern und Geschichten unerschöpflich, was seinen Lesern nur recht sein kann, denn Michael Hugentobler macht Türen auf. Als Reisender nach Innen und nach Aussen, nach unzähligen Reportagen für namhafte Magazine nimmt mich Michael Hugentobler mit auf eine Reise nach Südamerika, spürt einem Indianerstamm nach, von dem nur ein Buch mit Wörtern übrig geblieben ist. Schon sein erster Roman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» riss mich mit ins 19. Jahrhundert, zuerst ins Wallis, dann zu den Aborigines in Australien und am Ende zum Finale nach London. Dorthin, wo auch sein zweiter, nun nominierter Roman «Feuerland» seinen Ursprung hat. Bilderstarke Literatur!
Überraschend, zumindest für mich, sind die Nominierten Veronika Sutter und Thomas Duarte. Veronika Sutter erschien bisher gar nicht auf meinem Schirm (was nichts heissen soll) und von Thomas Duarte hörte ich nur, weil sein literarisches Debüt 2020 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debüt ausgezeichnet würde (was noch kein Grund gewesen war, das Buch zu besorgen). Da sind also ganz offensichtlich Versäumnisse meinerseits nachzuholen.
Und von Thomas Duarte’s Debüt «Was der Fall ist» heisst es: «Ein Mann erscheint mitten in der Nacht auf einem Polizeiposten und erzählt, wie sein bislang eintöniges Leben aus den Fugen geraten ist. Jahrzehntelang hat er für einen wohltätigen Verein gearbeitet, jetzt wird er plötzlich wegen Unregelmässigkeiten bei der Geldvergabe verdächtigt. Und nicht nur das: Im Hinterzimmer seines Büros, in dem er zeitweise selbst hauste, lässt er neuerdings die illegal arbeitende Putzfrau Mira wohnen. In seinem wahnwitzigen Bericht, dessen Charme und Menschlichkeit aber selbst den Polizisten nicht kaltlassen, entsteht das Portrait eines modernen Antihelden, der einen überraschend fröhlichen Nihilismus zum Besten gibt.»


„Gestapelte Frauen“ einen Kriminalroman zu nennen, damit wird man dem neuen Roman der Brasilianerin nicht gerecht. Es geht der Autorin nicht darum, eine spannende, schockierende, gut erzählte Geschichte zu verkaufen. Patrícia Melo öffnet mit dem Brecheisen verschlossene Türen, stemmt sich gegen Ignoranz und Blindheit und legt offen, dass die Gewalt, die sich zwischen den Geschlechtern abspielt, kein Phänomen der Gegenwart ist. Was sich dort abspielt, wo es passiert, ist Reaktion und Folge einer Entwicklung, die sich mit dem Willen zur Eroberung und Unterwerfung in die Genetik des Menschen einfrass.


