Sie sind da, die fünf Bücher, die fünf Namen. Mit Spannung erwartet, mit einem Gemisch von Zustimmung und Verwunderung zur Kenntnis genommen. Vier Frauen und ein Mann. Drei Namen, die ich auf meiner ganz persönlichen Liste hatte, zwei, die mich überraschen.
Die Auszeichnung ist mit insgesamt 42‘000 Franken dotiert. Der:die Preisträger:in erhält 30‘000 Franken; die vier anderen Finalist:innen erhalten jeweils 3‘000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 15. November 2026 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.
Die Begründung der Jury: Mit der diesjährigen Shortlist begeben wir uns auf die Suche. Die fünf nominierten Romane richten den Blick auf das Verborgene und schärfen unsere Wahrnehmung für das, was zu oft unsichtbar bleibt: eine Mutterschaft am Rande der Gesellschaft, die inneren Erschütterungen nach einem Erdbeben, Altersarmut und prekäre Arbeit, Kälte innerhalb einer Familie sowie Abhängigkeit und Ohnmacht in einer Liebesbeziehung.
Die Autorinnen und der Autor kreisen um die Fragen: Was erkennen wir? Und wie erinnern wir uns? Sie loten die Möglichkeiten des Erzählens ebenso aus wie jene des bewussten Nicht- Erzählens und nutzen souverän die Spielräume, die allein die Literatur bietet.
Die nominierten Werke zeigen nicht nur vielfältige Lebenswirklichkeiten auf, sondern auch die sprachliche und stilistische Bandbreite der Schweizer Gegenwartsliteratur.
Lukas Bärfuss «Königin der Nacht » (Rowohlt Verlag)
Lukas Bärfuss erzählt vom Aufwachsen mit einer Mutter, die sich selbst «Rabenmutter» nannte: eine Frau ohne Bildung, ohne Geld und ohne Perspektiven. Er landete als Halbwüchsiger auf der Strasse, der Mutter blieb im Alter kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Karibik. Im Rückblick wird diese persönliche Leidensgeschichte mit der Sozial- und Politikgeschichte der Schweiz verknüpft. Mit Wut und Wucht fragt Bärfuss, welchen Anteil gesellschaftliche und staatliche Verhältnisse an der Lebenssituation seiner Mutter hatten – und macht so aus einer Familiengeschichte eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Verantwortung.
Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen Verlag)
6. Februar 2023: In der Türkei und in Syrien hat die Erde gebebt. Die Ich-Erzählerin sitzt zu Hause und wartet auf Nachricht von ihren Verwandten und lässt gleichzeitig ihr Leben, das sie als Tochter einer türkischen Familie in Deutschland gelebt hat, Revue passieren. Und da ist noch die Sehnsucht nach «Niemand», dem Mann, der sie verlassen hat und den sie nicht loslassen kann. In «Hauptsache kein Zeitgeist» entfaltet sich in 24 Stunden, gegliedert in 24 Gesänge, die Komplexität und Vielfalt der Gegenwart. Formal mutig und innovativ, umkreist die Erzählerin grosse Themen wie Migration und Feminismus, sucht Erklärungen in der Sozialphilosophie, denkt über die Beziehung zur Mutter nach und lernt schliesslich sich selbst neu kennen.
Yael Inokai «Die Auster» (Hanser Berlin Verlag)
Dr. Bronstett, der Geschäftsführer eines legendären Berliner Kaufhauses, wird ermordet aufgefunden. Die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch hat bereits alle Spuren beseitigt, als die Polizei am Tatort eintrifft. Schnell zeigt sich, dass in diesem Roman nicht die Aufklärung die Hauptsache ist, sondern der Mikrokosmos der Kaufhauswelt, den Yael Inokai mit leichter Hand entwirft. Es ist eine Welt, in der Glanz und Elend, Luxus und Armut aufeinandertreffen. Mit geschliffenen Dialogen und mit stilistischer Raffinesse entwickelt Inokai ein
Beziehungsgeflecht, in dessen Zentrum eine Person steht, die meistens unsichtbar und selten Romanheldin ist: die Reinigungskraft.
Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis» (Rowohlt Berlin Verlag)
Anna hat ihren Bruder seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Er lebt zurückgezogen in Grönland. Nach dem Tod der Eltern reist Anna zu ihm. Während sie in einem Hotel auf ihn wartet, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Ihre deutsche Mutter heiratete in den 50er-Jahren über die Grenze in die Schweiz, wo sie nicht willkommen war. Während die Familie vordergründig ein verschontes Leben lebt, hinterlassen der Krieg und seine Verwerfungen Spuren. Mit starken Bildern und sprachlicher Präzision verwebt die Autorin die überwältigenden Eindrücke
in Grönland mit den Nachkriegsjahren im Deutsch-Schweizer Grenzland zu einem grossen Familienroman.
Sarah Elena Müller «Unwucht» (Limmat Verlag)
Unendlich oft hat Alice gewartet, auf Rio, auf einen Anruf von ihm, auf ein Zeichen. Sie hatten sich im Kunststudium kennengelernt. Nun verliert er sich in kleinkriminellen Machenschaften und in seiner Drogensucht. Sie jobbt als Kellnerin, klammert sich an unfertige Liebeslieder und will nicht sehen, was die Freundinnen schon lange erkennen: Sie muss weg von ihm. Sieben Jahre später steht Alice vor Rios Tür und will nochmals mit ihm reden. Sie schreibt an einem Buch über die gemeinsame Zeit, um ihre Geschichte zu verstehen. Aber was kann man, was darf man erzählen? Mit sprachlicher Kraft und Witz erkundet die Autorin in «Unwucht» die Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung und die Verstrickungen einer heillosen Liebe.
Illustration © leafrei.com






Dorothee Elmiger, geboren 1985 in der Schweiz, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in New York. Ihre Bücher «Einladung an die Waghalsigen» (2010), «Schlafgänger» (2014) und «

Melara Mvogdobo wurde 1972 in Luzern geboren. Nach einem Pädagogik-Studium und der Geburt von drei Söhnen lebte sie in der Dominikanischen Republik, in Kamerun und wieder in der Schweiz. Neben ihren schriftstellerischen Arbeiten unterrichtete sie traumatisierte Jugendliche, leitete Workshops über Textilkunsthandwerk und tropische Küche. 2022 zog sie mit ihrer Familie nach Andalusien. 2023 erschien ihr erster Roman «Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden» (Edition 8, Zürich).

Meral Kureyshi, geboren 1983 in Prizren, kam 1992 mit ihrer Familie in die Schweiz und lebt in Bern. Sie studierte Literatur und Germanistik und arbeitet als freie Autorin. Ihr erster Roman «Elefanten im Garten» war nominiert für den Schweizer Buchpreis, wurde mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt. Ihr zweiter Roman «Fünf Jahreszeiten» wurde im Manuskript ausgezeichnet mit dem Literaturpreis «Das zweite Buch» der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung. 2020 wurde sie zu den Tagen der Deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt eingeladen (Bachmannpreis). Für «Im Meer waren wir nie» erhielt sie 2025 einen Literaturpreis des Kantons Bern.

Jonas Lüscher wurde 1976 in der Schweiz geboren, er lebt in München. Seine Novelle Frühling der Barbaren war ein Bestseller, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und war nominiert für den Schweizer Buchpreis. Lüschers Roman «Kraft» gewann den Schweizer Buchpreis. Jonas Lüscher erhielt ausserdem u.a. den Hans-Fallada-Preis, den Prix Franz Hessel und den Max Frisch-Preis der Stadt Zürich. Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Nelio Biedermann, geboren 2003, ist am Zürichsee aufgewachsen. Seine Familie stammt väterlicherseits aus ungarischem Adel, seine Grosseltern flohen in den 1950er Jahren in die Schweiz. Biedermann studiert Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. 2023 debütierte er im Aris Verlag mit «Anton will bleiben». Sein Roman «Lázár» erschien in mehr als zwanzig Ländern.
Melara Mvogdobo wurde 1972 in Luzern geboren. Nach einem Pädagogik-Studium und der Geburt von drei Söhnen lebte sie in der Dominikanischen Republik, in Kamerun und wieder in der Schweiz. 2022 zog sie mit ihrer Familie nach Andalusien. 2023 erschien im Verlag Edition 8 ihr erster Roman «Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden».
Nelio Biedermann, geboren 2003, ist am Zürichsee aufgewachsen. Seine Familie stammt väterlicherseits aus ungarischem Adel, seine Grosseltern flohen in den 1950er Jahren in die Schweiz. Biedermann studiert Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. 2023 debütierte er im Aris Verlag mit «Anton will bleiben». Sein Roman «Lázár» erschien in mehr als zwanzig Ländern.