Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums», Rowohlt

Der preisgekrönte Dichter glänzt mit seinem Romandebüt, das bei der Lektüre in die Knochen fährt. Die Geschichte einer Mutter-Sohnbeziehung, die schmerzt. Ein Roman über Fremdsein, Abhängigkeit und Liebe. Die Geschichte jener, die sich in ihrer Verantwortung fast verlieren – und ein Buch über ein grosses Stück des 20. Jahrhunderts.

Marcim und seine Mutter leben in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer deutschen Stadt. Sie wuchs in Polen auf, floh zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland. Ihr Mann ging nach Polen zurück, als Marcim 4 war, überliess er die beiden sich selbst, Marcim und seine Mutter zusammen, sich selbst und dem andern ausgesetzt. Die Mutter trägt ein vielfaches Trauma in sich; jenes der Verlassenen, jenes der Heimatlosen, jenes ihrer Eltern; ihre Mutter, Marcims Grossmutter floh einst aus einem sowjetischen Gulag und ihr Vater war im gleichen Lager ehemaliger SS-Major, ein Nazi. Marcims Mutter arbeitete Jahrzehnte in deutschen Pflegeheimen, genau dort, wo sie selbst nie hinwollte, Marcim das Versprechen erzwang, sie niemals in eine solche Einrichtung zu stecken. Marcims Mutter war einst Lehrerin in Polen. Aber in Deutschland war ihre einzige Chance, Arbeit zu bekommen, die in einer Pflegeeinrichtung, dort, wo allerorten Personalmangel herrscht und Pflegende unter denkbar schlechten Bedingungen all das zu kompensieren versuchen, was eine überalterte Gesellschaft nicht in der Lage ist, würdig zu organisieren.

Die Fremdheit und die Heimat trage ich zugleich. Dieses Gefühl nenne ich Bastard.

Ich begleite lesend Marcim und seine Mutter in den Jahren, in denen Marcim sich immer mehr und drängender seiner Rolle als Sohn bewusst wird. Nicht nur jener eines jungen Mannes, der seiner Mutter, die von der Gesellschaft isoliert im Kleinkosmos einer engen Zweizimmerwohnung zu überleben versucht und der Mutter jenes Versprechen gegeben hat, auch jener einer immer älter und kränklicher werdenden Frau, die ihre Traumatas mit Alkohol und Nikotin auszuhalten versucht, die laut mit den Wänden spricht, die den Sohn zudeckt mit überschäumender Liebe und schäumender Wut. Und jene eines Sohnes, eines Jugendlichen, eines Mannes, der in Sohnespflichten fast erdrückt wird, der nach Atem schnappt und sich glücklicherweise in Musik und Poesie einen Rettungsring greifen kann, der ihn vor dem Ertrinken rettet. Die Mutter mit Wodka und Zigaretten, der Sohn mit Videospielen, New Metal und Gedichten, die er früh zu schreiben beginnt. Für die Mutter ist er die Rettung, seine Rettung ist das Schreiben, das Glück, schnell Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, nicht nur als Dichter, auch als Lehrer.

Je länger ich mich mit meinem Leben beschäftige, desto mehr merke ich, wie wichtig die Toten für mein Leben sind.

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums»; Rowohlt, 2026, 464 Seiten, ISBN 978-3-498-00746-1

Martin Piekar erzählt aus der beklemmend engen Welt einer Mutter-Sohnbeziehung, die unzweifelhaft viel autobiographisches in sich trägt. Darunter sind Szenen, die derart bildlich werden, dass die Lektüre schmerzt. Eine immer schwächer werdende Mutter, die mit ihrem Leben, ihren Vorfahren, ihrer Geschichte, ihrer Herkunft hadert. Die sich nicht ergeben will, die auf verlorenem Posten kämpft, der das Trauma von Flucht, Heimatlosigkeit, Verrat und Verlassenwerdens aus der Seele schreit. Die damit ihren Sohn an sich kettet und Übermenschliches abverlangt. So sehr die beiden aneinandergebunden sind, so sehr spricht Liebe und Fürsorge aus dem, was zwischendurch wie Gewitterstürme durch die kleine Wohnung fegt. So sehr die Mutter ihre Geschichte aus ihrem Leben zu verdrängen versucht und doch immer und immer wieder von ihr eingeholt und überwältigt wird, so sehr versucht die Erzählstimme sich eben jener Geschichte zu stellen. Nicht nur aus Liebe und Respekt seiner Mutter gegenüber, sondern in der Erkenntnis, dass die Erinnerung das Erlebte ausdünnt, dass er seiner Mutter nur so nahe bleiben kann, auch über den Tod hinaus, wenn er erzählt, wenn er schildert, wenn er protokolliert.

Ich putze mir die Zähne, dabei blicke ich in den Spiegel und denke, dass ich meinem Leben nur zuschauen kann.

„Vom Fällen eines Stammbaums“ ist vieles. In erster Linie eine Liebeserklärung an eine verlorene Mutter, ebenso die Suche eines Bastards nach seinen Wurzeln. Gegen den Willen seiner Mutter macht sich Marcim auf den Weg nach Polen, trotz der Warnungen seiner Mutter, man werde ihn dort mit Sicherheit abstechen. Marcim trifft nicht nur das, was an Familie übriggeblieben ist, sogar seinen Vater, er trifft auch auf ein Stück Geschichte seines Landes, seiner Herkunft, das ihm bisher verborgen blieb. Eine Reise, die ihm Gewissheit und Verständnis schenkt – und wahrscheinlich auch noch mehr Kraft, seine Mutter bis zu ihrem letzten Tag zu begleiten.

Ein ungemein starker, ehrlicher Roman, durchsetzt von Musik und der Stimme einer Mutter, die selbst in ihrem Sprechen eine Heimatlose geworden ist. Ein vielschichter Roman, der es schafft, das Emotionale nicht überschwappen zu lassen, ohne die Nähe zu den Protagonisten zu verlieren. Und ein äusserst mutiges Buch; eine Selbstvergewisserung, eine Suche, sein Fundament.

Interview

Marcin und seine Mutter leben fast 30 Jahre auf engstem Raum zusammen. Eine symbiotische Beziehung, die viel Katastrophenpotenzial mit sich brachte, die mit den Jahren nicht nur räumlich sondern auch körperlich in der Enge fast erstickte. Marcin rettete seine Mutter. Er rettete sich in der Musik und der Poesie. Ist das die Insel, auf die sich der Schriftsteller und Dichter Martin Piekar rettete? Wie schafft man es, dass man auch wieder von der Insel runterkommt? Durch das Schreiben selbst?

– ob ich meine Mutter rettete… das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe ihren Alkoholismus nicht kuriert, ihre Agoraphobie nicht. Gepflegt habe ich sie. Ich wünsche mir manchmal, ich hätte ihr durch ein noch schöneres Leben helfen können.
Das Schreiben selbst kann auch eine Insel sein, sie ist die Möglichkeit der gleichzeitigen Nähe und Distanz, Einsamkeit und Geborgenheit. Und ähnlich ist es auch in der Musik für mich. In manchen Songs fühle ich mich weniger allein. Manchmal braucht es Urlaub auf diesen Inseln. Das ist genauso eine Metapher wie keine. Der Mensch braucht auch den Urlaub, die Reise um mehr zu sich zu kommen. Deswegen mag ich auch Musik, die sehr emotional ist, chaotisch, wild, energetisch – die Musik ermöglicht es mir, mich emotional mehr auf mich einzulassen. Manchmal hab ich meine Lage erst durch die Musik besser verstanden. Lyrik und Lyrics sind nicht umsonst so verwandt und doch anders.Marcins Mutter redet mit den Wänden, manchmal leise, manchmal schreit sie. Marcins Mutter will und kann die Türen zum Flur nicht schliessen. Er bekommt alles mit; ihre Ausbrüche, ihr Saufen, ihr Hadern, ihr Flehen. Eine Kulisse, ein klaustrophobischer Schauplatz, der erdrückend sein könnte. Trotzdem schaffen sie es, dass ich Liebe lese, dass ich verstehen kann, dass gar Witz und Schalk aus den Szenen spricht. Gelang das von Beginn weg? War das ein Prozess?

Der Witz, der Schalk steckte im Leben meiner Mutter und steckt auch weiterhin in meinem. Humor ist eine mögliche Überlebensstrategie.
Lachen ist auch ein wunderschönes Geräusch der menschlichen Ausdrucksweise. D.h. ich finde, Menschen, die lachen, wunderschön.
Humor ist ein sehr wichtiges Mittel, weil es auch zeigt, wie ernst man Leben nimmt. Wer das Leben nehmen muss, wie es kommt, hat es leichter mit Lachen. Und damit verarbeitet man das Geschehen auch, es mag seltsam klingen aber Lachen verarbeitet direkt.
Die Welt ist manchmal irrwitzig. Und in diesem Irrsinn lachen zu können, gibt Kraft – es ist paradox, weil der Witz, den einer macht, der einem entgegenkommt, der passiert, lässt einen lachen, man entscheidet sich ja nicht, dass man etwas lustig findet – man lacht; in diesem Lachen, in der Vereinnahmung durch Humor, steckt etwas Befreiendes, der Ernst der Lage verschwindet nicht, aber die Ergriffenheit, in der man steckt, löst sich leicht.
Ganz viel des Humors ist einfach auch der Witz, der uns geholfen hat, unsere Gegenwart und Vergangenheit zu meistern. Sie lesen also direkt unseren Humor.

Marcins Mutter stirbt. Sie ist wohl stolz auf die Leistungen ihres schreibenden Sohnes, hat alles, jeden seiner Texte in Zeitschriften oder Anthologien in Kisten aufbewahrt. Wenn die Erzählstimme damit rechnete, seine Mutter würde den Text dereinst lesen, hätte sie die Liebe darin auch gelesen? 

Das weiß ich nicht. Und ich bin fein damit, es nie genau zu wissen. Es gibt in Beziehungen niemals diese völlige Klarheit, an die man sich manchmal klammern möchte.
Was ich weiß ist, meine Mutter hat viel von mir erwartet, mich gefordert, mich selten gelobt – aber vor anderen war sie immer stolz auf mich. Sie hat auch mit mir angegeben.
Ich hoffe, meine Mutter würde dieses Buch als Liebeserklärung verstehen, aber natürlich als eine kritische – ob dies so bei ihr ankäme, das weiß ich nicht.
Sie wollte auch Poetin sein, sie war es in ihrer Möglichkeit. Ich glaube, dass ich Poet geworden bin, hat sie an sich und mich glauben lassen. Ist durch diese internsive Auseinandersetzung Martin Piekar ein anderer geworden? Ist „Vom Fällen eines Stammbaums“ der literarische Prozess einer Abnabelung, eine Emanzipation? Sind sie durch diese schonungslose Ehrlichkeit in ihrem Text nicht noch dünnhäutiger geworden? Wie viel Risiko steckte in der Veröffentlichung dieses Romans?

Ich glaube, ich bin mir des Risikos immer noch nicht bewusst. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen, eine Stärke hervorbringt, die ich mit Hanteltraining nicht erreichen kann. Das was häufig Schonungslosigkeit im Kontext meines Romans genannt wird, ist mir auch wichtig – es bedeutet auch ehrlich mit sich zu sein. Das ist schon manchmal auch schmerzhaft; nur so bekomme ich auch eine Möglichkeit an mir zu arbeiten – ethisch, psychisch, persönlich. Mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin – und meine Mutter auch – ist auch relevant dafür gewesen, welcher Schriftsteller ich sein will.
Lustigerweise, wenn Sie von Abnabelung und Emanzipation sprechen – um dieses Buch zu schreiben, musste ich ja wieder in jene Situationen gehen, ihnen nachfühlen, sie mental rekonstruieren, sie literarisieren. Die Distanz kommt dadurch, dass ich bereitwillig bin durch all das Geschehene durchzugehen, bewusst, mit Witz und Emotion.

In der Rezeption und Diskussion ihres Buches dreht sich viel um die Begriffe „Autobiographie“ und „Autofiktion“, eine Diskussion, die mich mehr und mehr ärgert. Nicht zuletzt darum, weil es Schreibende von der Schriftstellerei in die Ecke der Fachleute drängt. Jetzt sind sie ein Fachmann in Sachen „Selfcare“, Alkoholismus, gesellschaftliche Isolation… Ist dass nicht ein krasser Gegensatz zu ihrem Wahrgenommenwerden als Dichter und Poet?

Die Aufgabe eines Dichters ist meiner Ansicht nach die Welt und Aspekte ihrer durch neue Perspektiven und Sprache anders begreifbar zu machen. Dafür braucht es Fachkenntnis. Ob es Alkoholismus ist oder Botanik oder Doomscrolling. Ich glaube Dichter*innen müssen auch immer Fachleute werden. Recherche ist enorm wichtig, ebenso Phantasie.
Und Literatur kann andere Zugänge zu Themen schaffen als wissenschaftliche Sachbücher. Ich möchte das nicht gegeneinander stellen. Es ist mehr wie diverse Perspektiven auf Themen. Ich hatte schon viele Erkenntnisse durch Literatur. Ob ich erzählen kann, wie Sucht sich auf eine Eltern-Kind Beziehung auswirkt? – Ja. Ob ich klinische Entscheidungen bezüglich Entzugsprogrammen treffen sollte? – Nein.
Aber auch für mich als Historiker ist das so. Ich kenne mich sehr gut mit Kultur- und der Geistesgeschichte Europas aus – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wenn mich dann jemand zur antiken Architektur fragt, habe ich kaum Ahnung. Auch Fachleute sehen die Welt wie einen Käse – nur jeder sieht andere Löcher in der eigenen Kenntnis.

In „Vom Fällen eines Stammbaums“ räumen sie auf – bis ganz zuletzt, als sie auf dem letzten Stuhl in der leeren Wohnung ihrer Mutter sitzen. Haben sie ausgeräumt? Ist alles leer? Brauchte es dieses Buch, um erst recht durchzustarten? Eine Selbstvergewisserung?

Ich hoffe natürlich, dass dieses Buch gebraucht wird – auch von anderen Menschen als nur von mir. Dabei bin ich immer unsicher. Ich will Literatur machen, die nicht nur wichtig für mich ist. Da gibt es nicht so viel Gewissheit, der Zweifel schreibt immer mit.
Das Ausräumen war eher mental wichtig – aber auch eine Herausforderung. Das wollte ich literarisch darstellen. Die körperliche Anstrengung und auch die mentale Kraft, die notwendig ist, um so viele Gegenstände, die das Leben eines geliebten Menschen ausmachten, auszusortieren. – lustigerweise verkörpern manche Gegenstände ihre Menschen.
Die Wohnung des Aufwachsens zu leeren und abzugeben, fiel mir schwer. Ebenso war der Gedanke, dort dann einzuziehen, kurz da, aber dann schien es mir zu sehr ein Festhalten an der Vergangenheit zu sein. Die Vergangenheit ist immer in mir, ich bin ihre Manifestation. Aber es war ein Abschiednehmen, das mir wichtig war. Dieser Abschnitt meines Lebens war nun vorbei. Auch für das Vorbeisein, muss ich mich vorbereiten. Die Erschöpfung des Ausmistens war geradezu heilsam, nicht unbedingt angenehm.

Martin Piekar ist Gast an den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus, ist Schriftsteller, Lyriker, Lehrer und bringt seine Texte ebenso gerne auf die Bühne wie aufs Papier. Er veröffentlichte drei Lyrikbände: «Bastardecho» (2014), «Amokpervers» (2018) und zuletzt «Livestream & Leichen» (2023). Bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde er mit dem Kelag-Preis und dem BKS Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Für das Manuskript seines Debütromans erhielt er 2024 den Robert-Gernhardt-Preis und wurde 2025 für den Alfred Döblin-Preis nominiert. Martin Piekar lebt in Frankfurt am Main.  

Beitragsbild © Charlotte Werndt (Autorenfoto) & Martin Piekar

Vera Zischke «Pina fällt aus», List

Pina ist Mutter, Leo ihr Sohn. Pina und Leo wohnen in einer Stadt. Leo ist 20. Wäre er wie alle anderen, wäre der Satz Ihr müsst langsam miteinander zurechtkommen, die Welt und du eine Selbstverständlichkeit. Nicht bei Pina und Leo, denn Leo ist Authist.

Das, was wir als unsere menschgemachte Welt wahrnehmen, ist genormt. Genauso wie die Menschen, die sich in dieser Welt bewegen. Abweichungen passen nicht ins Gefüge. Treppenstufen sind genormt, Ausbildung ist genormt, auch unsere Vorstellung von Familie, selbst jene romantische Norm von Liebe. Wir sind bestrebt, uns in diesen Normen zu bewegen. Wer es nicht tut, gilt als unangepasst, Querulant oder Störefried. Wer den Normen nicht entspricht, wird ein- oder ausgesperrt. Wer schon bei seiner Geburt nicht den Normen entspricht, durchläuft eine Maschinerie der Anpassungen – oder fällt durch die Maschen.

Pina ist Mutter, so wie die Schriftstellerin Vera Zischke. Pina ist Mutter eines authistischen Sohnes, so wie die Mutter, die die Geschichte geschrieben hat. Pinas Sohn ist 20. Wenn Leo nicht zuhause ist, dann ist er in einer betreuten Werkstatt, wenn er es denn schafft, rechtzeitig morgens am Strassenrand in den Bus zu steigen. Pinas Leben ist ganz und gar auf die Bedürfnisse ihres Sohnes ausgerichtet. Leos Vater spielt keine Rolle und Pinas Vater Bernd versteckt sich hinter seiner Spelunke, seiner Arbeit, seinen Pflichten. Leo lebt in seiner ganz eigenen Welt. Wenn ihm die Welt zu viel wird, steht er im Licht des offenen Kühlschranks, weil sich dort nichts bewegt. Seine Tage verlaufen immer gleich, jede Abweichung wird zum Stress, nicht nur für ihn.

Vera Zischke «Pina fällt aus», List, 2026, 304 Seiten, ISBN 978-3-47137-006-3

Alleinerziehende, in einem Call-Center arbeitende Mutter mit authistischem Sohn; Was als Setting schon schwierig genug ist, weil Pina alles tut, um in steter Regelmässigkeit zu funktionieren, weil Pina ganz genau weiss, dass es kaum Alternativen gibt, implodiert die Kleinfamilie, als Pina eines Morgens beim Einkaufen auf der Strasse zusammenbricht. Eine Katastrophe mit Ankündigung, hatte Pina doch schon lange mit grossen Bauchschmerzen zu kämpfen und schluckte Schmerztabletten wie Bonbons. Während Rina mit Magendurchbruch bewusstlos auf der Intensivstation liegt, ist Leo zuhause sich selbst überlassen. Und weil nach und nach alle Dämme brechen, wird das ganze Haus an der Hansastrasse unfreiwillig aktiviert. Während man sich im Krankenhaus wundert, dass sich niemand um die kranke Frau zu interessieren scheint, weil sich Pina über die Jahre fast ganz aus ihren sozialen Kontakten zurückgezogen hatte, setzt Leo im Mehrfamilienhaus, das er mit seiner Mutter bewohnt, die ganze Belegschaft in Bewegung; Die über 80jährige Inge, die ein halbes Jahrzehnt nach dem Tod ihres Mannes jeden Lebensmut verloren hat und in der Wohnung, die sie nicht mehr verlassen will, auf ihr Ende wartet. Den noch jungen Nerd Wojtek, der mehr oder weniger isoliert in seiner Klause in seiner ganz eigenen Welt vegetiert. Und die Schulabbrecherin Zola, deren Vater das Miethaus gehört, die man dort abgestellt hatte und sich aufführt, als wäre sie der Hausdrache höchstselbst.

Schnell wird klar, dass sich der Sohn von Pina nicht selbst helfen kann. Was sich in den ersten Stunden nach Pinas Verschwinden zur Katastrophe mit unabsehbarem Ausgang auswächst, wird zum Tsunami, der alles und jeden durcheinanderwirbelt. Ein ganzes Haus im Ausnahmezustand. Selbst Inge bricht noch einmal auf, Wojtek übernimmt Verantwortung und Zola nimmt Leo an der Hand.

Vera Zischke schildert, was Mütter leisten, wenn sich alles im Leben einer Frau auf die Bedürfnisse eines Kindes ausrichten muss, erst recht, wenn das Kind bereits 20 geworden ist und nicht absehbar ist, dass es irgendwann auf eigenen Füssen stehen wird. Sie schildert, wie Leben zu kollabieren droht, wenn das fragile Netz einer Kleinstfamilie durch Ausserordentliches bedroht ist. Einmal mehr ein Buch, dass sich mit der Ausweglosigkeit Alleinerziehnder auseinandersetzt, jenem Kleinstgefüge, dass eben nicht der Norm entspricht, aber längst zur eigentlichen Norm geworden ist.

Sie alle im Haus sind durch Einsamkeit und Isolation Bedrohte. Sie, die mitten in einer Stadt wohnen, jeder für sich hinter sonst verschlossenen Türen. Vera Zischkes Roman ist aussergewöhnlich, weil er eine Innenwelt offenbart, die leicht übersehen oder ausgeblendet wird. Mag sein, dass das eine oder andere an diesem Roman klischiert erzählt ist. Nichts desto trotz hat er mich berührt.

Interview

Es gab Zeiten, da fuhr ich nachts mit dem Zug immer wieder die selbe Strecke. Nicht selten blieb dieser vor einer Häuserreihe stehen, bei der man aus dem Zug in die Zimmer der Wohnungen sehen konnte. Wie oft klebte ich an der Scheibe, um einen Moment aus dem Leben der Bewohner*innen zu erhaschen. Zugegeben, vielleicht etwas voyeuristisch. Ihr Buch gibt Einblicke in meist verborgene Leben; sei es jenes der alleinerziehenden Mutter und ihres autistischen Sohnes, einer einsamen, alten Frau, das eines Nerds oder das einer Minderjährigen, die man sich selbst überlassen hat. Leben, die sonst im Verborgenen existieren. Wie viel an ihrem Roman ist Aufklärung? Was muss man als Schriftsteller*in schaffen, um nicht bloss der Neugier zu genügen?
Ich möchte nicht aufklären. Ich möchte, dass sich meine Geschichten echt anfühlen. Ich möchte, dass man Menschen beim Leben zuguckt und sich fragt: Wie hätte ich in der Situation reagiert? 
Mit „Pina fällt aus“ wollte ich erreichen, dass man sich zumindest einen kurzen Moment lang vorstellen kann, wie es ist, für einen jungen Mann mit einer seelischen Behinderung verantwortlich zu sein. Im besten Falle schaffe ich mit meinen Geschichten eine Begegnung zwischen echten und fiktiven Menschen. 

Sie schreiben aus eigener Betroffenheit. Wobei doch eigentlich jeder Schreibende aus Betroffenheit schreibt. Stört es nie nicht manchmal, dass man sie mit Fragen in die Ecke einer Fachfrau drängt?
Das ist eine schwierige Gratwanderung. Mir ist bewusst, dass persönliche Betroffenheit häufig überhaupt erst der Grund ist, warum Medien bereit sind, über meine Bücher zu berichten. Manchmal denke ich: „Ich habe 300 Seiten über das Thema geschrieben, warum muss ich jetzt trotzdem über mein eigenes Leben reden?“ Andererseits habe ich aber nunmal einen starken persönlichen Bezug als pflegende Mutter. Und durch mein Autorinnensein bekomme ich überhaupt erst die Möglichkeit, öffentlich Kritik am Hilfesystem und fehlender Inklusion zu äußern.

Gegenwartsliteratur kämpft sich ganz offensichtlich ab am über Jahrhunderte hochstilisierten Begriff der Familie, einem Idealzustand, der auch in der aktuellen Politik immer wieder als Argrumentationshilfe herhalten muss. Vieles in unserer Gegenwart orientiert sich noch immer an diesem Idealzustand; Mutter, Vater, Kind(er). Dabei spicht die Realität eine ganz andere Sprache. Davon erzählt ihr Roman ganz direkt und ungeschönt. Hängen wir Träumen nach?
Wir sind vielleicht ein bisschen aus der Übung, was (Wahl-)Familien anbelangt. In meinem Buch lasse ich Jurika sagen: „Ihr habt eine Welt, in der ihr euch zu wenig braucht. Ihr könnt alles aus eigener Kraft schaffen. “ Ich glaube, unsere Effizienz ist unser Problem. Wir haben für alles Navis, Lieferservice und Apps. Es ist zum Ideal geworden, alleine klarzukommen. Das bedeutet aber auch, dass wir Gelegenheiten auslassen, uns zu begegnen und zusammen zu tun. Bei Leo warten zunächst auch alle darauf, dass irgendwelche Profis kommen, die sich mit ihm auskennen. 

Alle Protagonist*innen in ihrem Roman kämpfen in verschiedenster Weise in ihrer Einsamkeit. Sie alle sind allein, mitten in der Gesellschaft, mitten in einer Stadt, mitten in einem Haus mit vielen Türen. Türen müssen sich öffnen, eine Symbolik in ihrem Roman, die ganz stark ist. Auch der zwanzigjährige Leo ist allein, weil er in kein gesellschaftstaugliches Muster passt. Auch die alt und einsam gewordene Inge passt nicht mehr. Und so tut jede(r) alles, um einer Passform zu genügen. Genügt das?
Die Menschen in meinem Buch haben alle unbewusst das Gefühl, nicht dazuzugehören. Sie passen nicht in unsere aufs Funktionieren ausgerichtete Welt. Es gibt immer mehr Menschen, die von den Anforderungen unserer modernen Welt so überfordert sind, dass der komplette Rückzug einfacher erscheint. Im Buch muss Inge der Rentenkasse beweisen, dass sie noch lebt, weil sie seit zehn Jahren keinen Arzt mehr aufgesucht hat. Anstatt jemanden zu suchen, der ihr eine Lebensbescheinigung ausstellt, fälscht sie das Formular lieber. Das ist für sie leichter, als vor die Tür zu gehen und Kontakt aufzunehmen. Und dann kommt Leo daher, kann sich nicht anpassen, mutet sich den anderen radikal zu. Also wagen es auch Inge und Co. immer mehr, sich zuzumuten. 

Aus Zola spricht viel Wut. Mehr als verständlich in einer Welt, in der der Jugend mehr und mehr Zukunft mit Hoffnung genommen wird, weil sich Zukunft mit existenzieller Angst paart. Spricht aus dem Ende ihres Romans die Sehnsucht nach Hoffnung?
Ich habe diesen Roman geschrieben, weil ich wissen wollte, was passiert, wenn eine pflegende Mutter ausfällt und jemand wie Leo allein zurückbleibt. Ich hatte anfangs wenig Hoffnung, dass das gut geht. Also habe ich mich auf die Suche nach Wahlfamilien und Schicksalsgemeinschaften im echten Leben gemacht und erstaunliche Beispiele gefunden. Ich habe zum Beispiel eine Nachbarschaft kennengelernt, die sich um eine betagte Frau ohne Krankenversicherung kümmert. Das hat mir Hoffnung gemacht, meine Geschichte zu schreiben. Zola kam als letzte Figur zu meinem Ensemble dazu und erst als ich sie dabei hatte, kam ich richtig ins Schreiben. Ich war selbst überrascht, dass ich eine 16-jährige Schulabbrecherin brauchte, um eine Wahlfamilie in Gang zu bringen.

Vera Zischke wurde 1980 im Rheinland geboren und ist ausgebildete Journalistin. Sie schreibt tagsüber für die Zeitung, nachts Romane und bezeichnet das als Glück. Sie behauptet, alles in ihren Geschichten sei wahr, nur die Figuren seien erfunden. Ihr Debütroman «Ava liebt noch» wurde tausendfach auf Social Media empfohlen und so zum geheimen Bestseller. Auf Instagram schreibt sie unter @verazischke über ihr Leben als »Tired Writing Mom«, manchmal auch über pflegende Elternschaft. Vera Zischke ist Mutter eines autistischen Kinds und lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet.

Beitragsbild © Anna Schwartz

Christoph Peters «Entzug», Luchterhand

Er trinkt, weil er glaubt, nur so in die Untiefen seines Bewusstseins vordringen zu können. Er trinkt, bis ihn seine uneingestandene Sucht mit dem Tod bedroht, bis er seine Familie im Dunst verliert, bis der Suff ihm das einzige wegnimmt, was er kann; das Schreiben. „Entzug“ ist ein Roman, der mich tief beeindruckt.

Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los steht in Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Ob Christoph Peters jene Geister loswerden konnte, die ihn zwei Jahrzehnte seines Lebens fest im Griff hatten? Die Flaschengeister, die alles dominieren, Alkoholiker zu egozentrischen Monstern machen? Christoph Peters legt aus mehr als zwanzig Jahren Distanz einen Roman vor, der sich in seiner kompromisslosen Art und Weise jenen Geistern entziehen will, der schonungslos aufzeigt, mit welcher Wucht eine solche Sucht einen Menschen machtlos werden lässt. Wie sich Gedanken zunehmend nur noch um die immer gleiche Frage drehen: Wie komme ich zu meinem Stoff, ohne die Fassade zu stören? Christoph Peters hat aus dem eigenen Leben, dem eigenen Kampf, dieser letzten Wendung, bevor er sich in den Tod gesoffen hätte, einen Roman geschrieben. Ein Zeugnis. Vielleicht auch eine Heilsgeschichte, den Weg knapp an der Hölle vorbei, den totalen Realitätsverlust, den Beginn eines langen Weges aus der Sucht heraus.

Dass aus dem Buch viel mehr als der Report eines Bezwingers seiner selbst wurde, verdankt Christoph Peters seiner Sprache, der Intensität dieses Textes, dem sprachlichen Abbild dessen, was jene Zustände der totalen Besoffenheit und glasklaren Nüchternheit erzeugen können. „Entzug“ ist viel mehr als „Bekenntnisliteratur“, auch wenn Ehrlichkeit und Offenbarung in vielem an solche erinnern. Wahrscheinlich ist es Christoph Peters Glück, dass er seine Kunst des Hineinschreibens in sich trägt, die Fähigkeit der gnadenlosen Reflexion, die Kunst, aus abgrundtiefem Elend etwas Schönes zu erzeugen. Sein Glück und mein Glück. Vielleicht auch das Glück eines Schriftstellers, der schon mit mehr als zwei Dutzend Büchern immer und immer wieder bewiesen hat, dass er Meister seines Fachs ist. Es braucht die Sensation einer Offenbarung nicht, zumal das Trinken in Kreisen der Schreibenden kein seltenes Phänomen ist und bis vor wenigen Jahren der Stoff, der den Literaturbetrieb schmierte.

Christoph Peters «Entzug», Luchterhand, 2026, 400 Seiten, ISBN 978-3-630-87785-3

Der Protagonist im Roman trägt den Namen des Schriftstellers, eine Maske hätte es nicht gebraucht. Christoph Peters im Buch schreibt an einem Roman („Ein Zimmer im Haus des Krieges“). Nachdem er die ersten Seiten seinem Verleger zusandte, schreibt ihm dieser zurück, man könne den Text nicht brauchen. Auf den ersten Seiten des Romans findet die Frau des Protagonisten eines Morgens auf dem Küchentisch eine halbleere Flasche Wodka. Was macht die Flasche da?, fragt die Frau und er windet sich in Ausreden, Vorhaltungen und fadenscheinigen Erklärungen. Schreiben ohne zu zittern kann er nur noch, wenn er direkt nach dem Aufstehen seinen Alkoholpegel auffrischt. Überall in der Wohnung sind Flaschendepots eingerichtet, Verstecke, von denen er glaubt, nur er wisse davon. Und mit einem Mal spitzt sich die Lage zu; Wird ihn seine Frau zusammen mit dem kleinen Kind verlassen? Wird ihn der Verleger fallen lassen? Wozu ist er noch zu gebrauchen, wenn er nicht mehr schreiben kann? Es bleibt jener Rest Realitätsbezug übrig, der ihn eine Bekannte anrufen lässt, die Ärztin ist, die ihm unmissverständlich klar macht, dass nur ein kontrollierter, begleiteter Entzug der Weg sein kann. Jener letzte Rest Selbstachtung, die Angst, alles zu verlieren, sich in den Untergang zu saufen, führen jenen Christoph Peters in eine Klinik, einen Entzug, in ein Mehrbettzimmer mit lauter Suchtkranken, einen Ort, an dem er den letzten Rest Selbstkontrolle abgeben muss, wo man ihn nicht einmal alleine duschen lässt. An einen Ort, wo man ihm unmissverständlich vor Augen führt, was geblieben, worauf noch zu hoffen ist und was sein wird, wenn er nicht radikal die Richtung ändert.

Das erste Drittel des Buches trägt den Titel „Trinken“, die beiden folgenden Drittel „Nicht trinken“. Es gibt ein klar abgegrenztes Davor und Danach, ein Entweder-oder. Genau so, wie sich das Leben aller Alkoholiker*innen, die sich ihrer Sucht entziehen können in ein Davor und ein Danach teilt. Es gibt nur das Entweder-oder. Und trotzdem bleibt man ein ganzes Leben Alkoholiker*in. In Interviews verrät Christoph Peters, dass er auch zwanzig Jahre nach der Sucht die Folgen tragen muss. Jener Christoph Peters im Buch, der schon als Pupertierender den Entschluss gefasst hatte, dereinst Künstler und Trinker zu werden, kam aus einem Umfeld, das dem Alkohol mit aller Selbstverständlichkeit begegnete. Der Dunst gehörte dazu, war immer da. So wie später im Internat – und danach als junger Schriftsteller. Auf dem Cover seines Romans sieht man ein Selbstbildnis des Autors, dass er mit sechzehn gemalt hatte, noch unschlüssig, ob er Maler oder Schriftsteller werden sollte. Der Geist, der aus der Flasche kam, war allgegenwärtig.

Christoph Peters ist ein äusserst beeindruckendes Buch gelungen. Ein kraft- und kunstvoller Roman über den tiefen Fall, denn wie er die Tage vor seinem Entschluss, in jene Klinik einzutreten, jene Zeit des Permarauschs, des maximalen Selbstbetrugs, der Angst vor dem freien Fall beschreibt, spiegelt sich in der grellen Klarheit der Nüchternheit, die mit allen Nebenwirkungen, von denen er in der Klinik nicht weiss, ob sie ihn wieder loslassen, schrittweise zurückkehrt.

Interview

Wie kaum je zuvor wurde mir bei der Lektüre ihres Romans bewusst, dass man letztlich nie von einer derartigen Sucht frei wird. Seien es Alkohol, Tabletten, Kokain oder anderes. Wer einmal in der Spirale gefangen ist, schlägt sich ein Leben lang mit der Sogwirkung oder den Nach- und Nebenwirkungen herum. Sie lässt sich nicht vergessen, nicht abschütteln. Man kann sich nicht freikaufen. Wo ist der Kipppunkt? Wann beginnt Sucht und hört Genuss auf?

Ein allgemeingültiger Kipppunkt ist schwer genau festzumachen, obwohl es natürlich verschiedene Indizien gibt, die nahelegen, dass man süchtig beziehungsweise abhängig trinkt. Das beginnt mit der Ritualisierung des eigenen Trinkens auf einem gehobenem Niveau. Grundsätzlich würde ich zwischen psychischer Abhängkeit – dass ich unbedingt regelmäßig eine bestimmte Menge Alkohol brauche, um entspannen, abschalten zu können, mich überhaupt wohl in meinem Leben zu fühlen, – und physischer Abhängigkeit unterscheiden. Erstere ist zwar auch nicht gesund, weder für den Geist noch für den Körper, aber man kann das relativ lange praktzieren, ohne dass es direkt lebensbedrohlich wird. Dann gibt es die Schwelle zur physischen Abhängigkeit. Wenn die einmal überschritten ist, benötigt der gesamte Organismus eine konstante Mindestmenge Alkohol, um überhaupt halbwegs zu funktionieren. Sobald der Alkoholgehalt unter diesen Pegel fällt, beginnen Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche, Angstzustände. Bei manchen Leuten setzt das nach relativ kurzer Zeit übermäßigen Konsums ein, bei manchen kommt es schleichend im Lauf der Jahre. Spätestens sobald man zittert, wenn man ein paar Stunden nichts getrunken hat, kann man zumindest sich selbst nichts mehr vormachen. Man muss dann heimlich trinken, bewegt sich in einem zunehmenden Lügengeflecht, alles wird – wie bei einem Junkie – der Droge untergeordnet. In diesem Stadium zerfallen dann auch die privaten Beziehungen, häufig beginnt ein Prozess sozialen Abstiegs, verbunden mit Jobverlust, Trennungen, Obdachlosigkeit und schließlich tödlichen gesundheitlichen Komplikationen.

Vor ein paar Jahren lernte ich einen Autor kennen, der einen Roman zum Thema Demenz schrieb. Danach wurde er immer und immer wieder als „Sachverständiger“ eingeladen. Eine Rolle, mit der er sich je länger, je weniger identifizieren konnte. Droht nicht auch ihnen eine solche Rolle? Wird man nicht zum Vorzeigebeispiel jenes einstelligen Prozentanteils, der es „geschafft“ hat.

Die Gefahr sehe ich so erst mal nicht. „Entzug“ ist mein dreizehnter Roman, dazu kommen Erzählbände und Essays, bei denen so unterschiedliche Themen wie Kunstgeschichte und Gegenwartskunst, Islam und Islamismus, christlicher Fundamentalismus, Japan, Teezeremonie, der Niederrhein und das politisch-kulturelle Leben in Berlin eine zentrale Rolle spielen. Deshalb gehe ich eigentlich nicht davon aus, dass ich als Autor künftig nur noch „monothematisch“ zum Thema Alkohol wahrgenommen werde. Bislang kamen denn auch mehr oder weniger alle Gespräche zum Buch und ebenso die Lesungseinladungen aus dem Bereich der Literaturrezeption. Neben dem thematisch-biografischen Interesse ging es dort immer auch um literarisch-ästhetische Fragen. Im übrigen ist die Literatur für mich auf der einen Seite ein Medium, in dem bestimmte Themen und Fragen verhandelt werden, auf der anderen Seite ist jedes Thema umgekehrt eben auch Anlass und Möglichkeit, über die Literatur zu reden.

Die Ehefrau des Protagonisten wird immer nur die Frau genannt. Ein krasser Gegensatz zu den Textpassagen, in denen sich der Protagonist an sein kleines Kind erinnert. Ist das ein willentlicher Akt eines Versuchs der Distanzierung? Nicht weil er sie nicht mehr liebt, aber weil er sie aus dem Schussfeld nehmen will, weg vom Schauplatz seines inneren Kampfs?

Die Bezeichnung der Ehefrau als „die Frau“ war zunächst einmal ein Mittel, um diese äußerste Distanzierung sprachlich sinnfällig zu machen, die jeder Süchtige mehr oder weniger allen Menschen seines Umfelds gegenüber vornimmt. Gerade die Menschen, die einem besonders nahestehen, sind in diesem Zustand der größte „Gegner“ für die totale Herrschaft des Alkohols, weil sie einen potenziell am Trinken hindern wollen. Im Verlauf des Romans – im zweiten Teil, kurz nach dem Beginn des klinischen Entzugs – wird aber aus „die Frau“ allmählich „meine Frau“ und dann eben „V.“. Und dann gibt es ja auch noch die Widmung. Im Falle des Kindes ist es ein bisschen anders, weil das Kind den Vater ja auf seine unmittelbare Weise weiterhin ungebrochen liebt, da funktioniert das mit der Distanzierung schlechter. Abgesehen davon ist Alkoholismus auch eine Krankheit, die einen wahnsinnig rührselig und sentimental macht, dann bricht man über das eigene große Gefühl der Liebe zum Kind in Tränen aus –  allerdings ohne daraus die Konsequenz zu ziehen, endlich mit dem Trinken aufzuhören.

Manchmal, wenn sie fast seitenlange Sätze schreiben, lesen sich die Passagen wie ein Sprachrausch. Aber ganz ähnlich jene Passagen absoluter Nüchternheit. Dort ist alles glasklar. Wie muss ich mir den Schreibprozess solcher Passagen vorstellen. Gibt es dieses rauschhafte Schreiben oder ist es „nur“ konstruiert?

Ich schreibe nie rauschhaft, ganz gleich, welchen Zustand ich versuche sprachlich zu fassen. Mein Arbeitsprozess ist darauf ausgerichtet, möglichst präzise und zugleich sinnlich nachempfindbar die jeweilige Geschichte zur Sprache zu bringen. Das geht, jedenfalls für mich, immer über ausgedehnte Korrektur- und Überarbeitungsprozesse. Etwa achtzig Prozent meiner Schreibtischzeit besteht darin, aus ursprünglich mehr oder weniger peinlichen Sätzen allmählich nicht-peinliche Sätz zu machen. Wenn ich einen Text an den Verlag schicke, habe ich alles, was dort, steht sechzig bis hundert Mal gelesen. Ich würde das aber trotzdem nicht „nur konstruiert“ nennen. Dieser Vorgang des täglichen Formulierens und Umformulierens hat für mich eine sehr große Intensität, die immer noch relativ schnell in totale Verzweiflung mündet, wenn es trotzdem nicht so wird, wie ich mir das vorstelle.

Es dauerte mehr als zwei Jahrzehnte Distanz, diesen Roman in dieser Form zu schreiben. Und trotzdem schaffen sie es, dem Roman einen fast dokumentarischen Charakter zu geben. Brauchte es die Distanz? Wann war klar, dass sie irgendwann diesen Roman schreiben mussten?

Der Roman thematisiert ja schon relativ am Anfang des „Nicht-Trinken“-Teils in der Klinik, dass ein Künstler oder Schriftsteller das ganze Leben als Materialsammlung benutzen kann. „Alles dient“ hat uns mein Lehrer an der Karlsruher Kunstakademie, Horst Egon Kalinowski, immer gesagt. Gegen Ende der Zeit in der Klinik war mir schon klar, dass die Zustände, die ich während dieses Entzugsprozesses durchlaufe, eine Intensität haben, die ich eines Tages für einen Roman nutzen wollte. Das ist aber auch nichts Neues gewesen. „Stadt Land Fluß“, „Wir in Kahlenbeck“, „Dorfroman“ haben auch starke autobiografische Elemente. Ich benutze mich selbst auch immer wieder als eine Art Crash-Test-Dummy für die Geschichten, die ich erzähle. Da ich aber über Dinge, die ich erlebt habe, normalerweise erst schreiben kann, nachdem ich sie für mich innerlich soweit verarbeitet habe, dass sie mich emotional nicht mehr belasten, dauert es einfach meist Jahrzehnte, bis so ein autobiografischer Stoff romantauglich geworden ist.

In Deutschland sind 2 Millionen Menschen alkoholabhängig. Je nachdem wie gezählt wird, sollen es gar 4 Millionen sein. Jede vierte Person. Das muss unglaubliche wirtschaftliche Konsequenzen haben. Damit müsste es doch auch im Interesse des Staates und sämtlicher Versicherungen sein, dass Alkoholismus zur Volkskrankheit erklärt werden müsste, dass alle Institutionen alles Menschenmögliche tun müssten, um gegen die Verharmlosung dieser Sucht anzutreten. Passiert das?

Ob die wirtschaftliche Gesamtbilanz des kollektiven Alkoholkonsums in Deutschland oder Europa für die Staatskassen über Steuern, Export, Tourismus – es gibt ja überall Bier- und Weinfeste, wo die Leute in Massen hinpilgern, um gemeinsam zu trinken – , die Entlastung der Rentenkasse durch die geringere Lebenserwartung von Starktrinkern und Alkoholikern eher positiv oder aufgrund der mit Trunksucht verbundenen Arbeitsausfälle und höheren Gesundheitsausgaben eher negativ ist, kann ich nicht beurteilen. Es gibt inzwischen zwar – wie für alles – auch zum Thema Alkohol Gedenktage und Aktionswochen, ab und zu mal eine Plakatkampagne oder einen Fernsehclip, aber die Alkoholwerbung nimmt natürlich deutlich mehr Raum ein. Da wird einem immer suggeriert, dass das Leben durch Bier erst schön wird. Dazu kommt die Verklärung von Alkohol als identifikationsstiftendem Kulturgut, das es unbedingt zu schützen gilt, nicht zu vergessen, dass der tägliche Wein nach der Arbeit, der Schnaps gegen den Stress auch selbstverordnete Psychopharmaka sind, die dabei helfen, dass das strukturelle Gefühl der Sinnlosigkeit im Konsumkapitalismus nicht so weit um sich greift, dass das gesamte System in unkontrollierbarer Massendepression untergeht.

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit «Innerstädtischer Tod» (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.

Rezension zu «Krähen im Park» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Peter von Felbert

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand

Alva ist Mutter zweier Kinder zweier Väter. Alva steigt auf einen Berg, den Calanda, den Churer Hausberg, im Nordwesten der Stadt. Sie braucht den Weg hinauf für eine Antwort. Sie braucht den Weg hinauf, um über die Ränder zu blicken. „Calanda oder Alvas Antwort“ ist der Weg hinaus aus beissenden Fragen.

Dieser Roman ist nach „Ein Winter in Istanbul“ und „Unschärfen der Liebe“ der letzte einer Graubünden-Istanbul-Trilogie. Romane, die thematisch zusammengehören, die man aber unabhängig voneinander lesen kann. Angelika Overath, Wahlengadinerin, kennt beide Landschaften wie ihre Westentasche. Zum einen weil sie in der Stadt am Bospurus mehrfach lange schrieb, zum andern weil sie eine der SchriftstellerInnen ist, für die die Recherche fester und unausweichlicher Bestandteil des Schreibens ist. Eine Recherche, die in ihren Büchern nicht mehr zu spüren ist. Eine Recherche, die der Autorin jene Trittsicherheit gibt, die ihr beim Schreiben eigen ist.

Sie wusste nicht genau, warum sie es jetzt tat. Manches weiss man nicht, auch wenn man es weiss.

Alva schleppt eine Diagnose mit sich, eine Diagnose, von der sie noch niemandem in ihrem Umfeld erzählt hat. Eine Diagnose, von der sie weiss, dass der Tod schon nach wenigen Jahren unausweichlich sein wird, dass sie ihre beiden Kinder viel zu früh zurücklassen muss. Sie steigt auf den Berg, wie sie es schon früher tat, mit Cla, dem Vater von Florinda und Baran, dem Vater von Mavi. Damals, als sie auf dem Weg hinauf zum Calanda Holz unterwegs einsammelten, auf dem Berg aus Steinen einen Windfang bauten, am kleinen Feuer ihr Abendbrot verzehrten und nebeneinander in ihren Schlafsäcken die Nacht im Freien verbrachten. Als alles noch offen war. Als Cla noch der war, mit dem eine Zukunft offenstand. Als ihr am nächsten Morgen, als sie auf die beiden schlafenden Männer sah, klar wurde, dass da zwischen den beiden mehr war als eine Männerfreundschaft.

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87786-0

Alva muss sich in Bewegung setzen, verlässt in aller Frühe das Haus, um mit dem Marschieren eine Antwort zu finden. Auf all die brennenden Fragen, die sich mit der Diagnose ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) nicht mehr in die Zukunft schieben lassen. ALS ist eine tödliche Muskelkrankheit, die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark zerstört. Eine Krankheit, die nicht aufzuhalten ist, eine Krankheit, die sie bewegungsunfähig machen, die die Atmung lähmen wird. Alva muss sich mit dem Gang hinauf Luft verschaffen, auf die Frage eine Anwort bekommen, ob es Sinn macht, ein solches Leben weiterzuführen oder irgendwo hinauf zum Calanda oder auf dem Weg zurück einen Ausrutscher zu provozieren.

Als sie Baran in Istanbul kennenlernte, war sie mit Cla schon 10 Jahre zusammen. Cla Mitte vierzig und sie noch eine junge Frau. Sie war damals schon nach Istanbul gereist, hatte sich aufgemacht, um Antworten zu finden, hatte Cla in Istanbul besucht, um ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Antworten, wie es weitergehen sollte, denn Cla hatte nicht wie erhofft auf die Vaterschaft reagiert. Statt dessen lernte sie Baran, Clas Freund kennen. ALS wird ihr den Atem rauben.

Alva lebt sterbend. Im Grunde tun das ja alle.

Auf dem Weg hinauf zum Berg ziehen Erinnerungen an ihr vorbei. Erinnerungen an ihre Herkunft, an ihre aus Schlesien stammende Grossmutter, die Geschichte ihrer Flucht und Vertreibung, an ihre Mutter, die Begegnungen mit den beiden Männern ihres Lebens. Angelika Overath schildert das Aufsteigen mit vielen Beschreibungen der Natur, Nahaufnahmen, dem Bewusstsein, dass man Antworten erst dann findet, wenn der direkte Fokus auf die Frage genommen wird, wenn Perspektiven dazukommen, wenn einem bewusst wird, dass man Teil eines ganz Grossen ist. Jene so wichtigen Anworten holt man sich nicht, sie werden einem geschenkt.

„Calanda oder Alvas Anwort“ ist ein ganz zarter Roman.

Interview

Alle, die wandern und dabei einen Hügel, einen Bergkamm oder gar eine Bergspitze erreichen, wissen von dem Gefühl, das einen unweigerlich einnimmt, wenn man es geschafft hat und den Blick schweifen lässt. Man steht darüber. Nicht nur über der Landschaft, irgendwie auch über den Dingen, die einen sonst mit aller Kraft am Boden fesseln. Alva hat mit sich und ihrer Diagnose zu kämpfen. Mit dem, wie sie den Rest ihrer Zukunft sieht, das langsame Sterben, mit dem, was sie zurücklassen muss. Dass einem das Gehen Klarheit verschafft, erfährt man schon, wenn man im Gehen Probleme diskutiert. Weil es eine Form des Aufbrechens, weil es Bewegung, weil es Dynamik ist. Auch in Alva bricht vieles auf, vermischt sich mit Erinnerung. Wieviel Gehen ist Schreiben?

Wandern wie Schreiben haben beide mit dem Erinnern zu tun. Im Gehen kommen erlebte Szenen unwillkürlich zurück, Gedanken bilden sich, führen zu neuen Bildern. Das ist auch beim Schreiben so. Erinnerungen stossen Gedanken an, Gedanken führen zu Bildern, zu Szenen. Beim Wandern wie beim Schreiben ist eine gewisse Ich-Abwesenheit oder Ich-Leere prägend. Ich sage manchmal, die Sprache schreibt mit. Ein guter Text ergibt sich nicht allein durch die rationale Strategie. Er braucht auch ein gewisses Mass an Zulassen. Beim Wandern vergessen wir uns ja auch, wir setzen Schritt vor Schritt, atmen. Und in dieser Selbstvergessenheit wächst etwas in uns. Beim Schreiben kommt dann der Prozess des Korrigierens. Der ist wichtig. Aber der Stoff hat auch mit dem Unbewussten zu tun. Kreativität ist nie nur reines Kalkül.

© Angelika Overath

Ihrem Roman ist ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska (1923 – 2012) vorangestellt: «Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. // Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern». Wie leicht vergessen wir mit unserer Sicht auf Dinge und Zustände die eigentlichen Wunder. Alvas Sorgen drohen alles zuzudecken, zu vergiften, nicht zuletzt die Liebe in ihrer Familie. Das Zitat nimmt aber auch Bezug zu Alvas Grossmutter, einer Vertriebenen, die zu Lebzeiten mit Apfelkernen Halsketten auffädelte. Eine Geste der Einfachheit, eine Geste der Naturverbundenheit, eine Geste, die sich tief in Alvas Bewusstsein eingegraben hat. Sind sie dort oben in Sent, im Engadin, wo sie zusammen mit ihrem Mann leben und arbeiten, tiefer als im deutschen „Unterland“, anders der Natur, dem Leben ausgesetzt?

Wir leben in den Bergen und mit den Bergen. Wir schauen auf Gesteinsformationen, die vor uns da waren und die nach uns da sein werden. Wir leben mit der atemberaubenden Schönheit von Schneegipfeln, von hüfthohen Blumenwiesen und unter einem Himmel, der oft so tiefblau ist, dass er schon wieder erschreckt. Wenn ich am Schreibtisch nicht weiterkomme, gehe ich hinaus. In wenigen Schritten bin ich am östlichen Dorfrand. Dort beginnt ein Rundweg durch Wiesen und Felder von etwa einer Stunde. Ich kann ihn verlängern und noch ein Stück weiter durch den Wald gehen. Meist fällt mir beim Laufen ein, wie es am Schreibtisch weitergeht. Einfach weil ich loslasse und nicht bewusst an den Text denke. Ich laufe, pflücke vielleicht Blumen und dann kommen, wenn ich alles vergessen habe, die Ideen.

Nebst der Auseinandersetzung mit einer niederschmetternden Diagnose ist ihr Roman auch eine Auseinandersetzung mit fixen Vorstellungen von Ehe, Familie und Partnerschaft. Passiert tatsächlich eine Aufweichung oder ist das, was wir in gewissen Kreisen feststellen, nicht bereits eine Gegenbewegung?

«Calanda oder Alvas Antwort» ist nach «Ein Winter in Istanbul» und «Unschärfen der Liebe» der abschliessende Teil meiner Istanbul-Trilogie. Am Anfang war keine Trilogie geplant, sondern nur der erste Teil. Ich war Stipendiatin in Istanbul für fast ein Jahr. Immer wollte ich etwas über Nikolaus von Cues, Cusanus, den mittelalterlichen Universalgelehrten, schreiben. Cusanus war ein früher Lessing, für den der Toleranz-Gedanke prägend war. Er hat in Istanbul bzw. dem damaligen Konstantinopel mit den Dominikanern den Koran diskutiert! Ich finde seine Prosa wunderbar. Er sagt zum Beispiel, wenn sich ein Löwe einen Gott vorstellen würde, hätte der Gott ein löwenähnliches Antlitz, wenn sich ein Adler einen Gott vorstellen würde, dann ein adlerähnliches. Für ihn ist Gott vom Menschen nicht begreifbar. Menschliches Denken und Empfinden kann sich immer nur annähern. Je mehr der Mensch Gott fassen möchte, umso mehr wird sich Gott dem Menschen entziehen.  Als ich in Istanbul mehr oder minder zufällig erfuhr, dass Cusanus im Winter 1437/38 den byzantinischen Kaiser und das Oberhaupt der orthodoxen Kirche auf Galeeren von Konstantinopel nach Venedig begleitet hat – es sollte in Italien ein Konzil geben, auf dem sich die Ostkirche wieder mit der Westkirche versöhnen sollte – da hatte ich den Kern meines Romans. Und da es keine Religionstoleranz ohne die Toleranz in geschlechtlichen Dingen gibt, erfand ich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern dazu. Cla, der Engadiner Lehrer, und Baran, der Lebenskünstler mit griechischen und türkischen Wurzeln, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Alva, die Verlobte von Cla, akzeptiert diese Liebe und gibt ihn frei. Und verheimlicht Cla zunächst, dass sie ein Kind von ihm austragen wird.

Als der Roman zu Ende war, spürte ich aber, dass ich noch bei den Figuren bleiben wollte. Und so entwickelte sich in den beiden folgenden Romanen eine neue Form von Liebe und Familie. Alva hat am Ende zwei kleine Kinder von zwei Männern, die einmal ein Paar waren und noch ab und an eine Nacht zusammen verbringen. Die aber auf ihre Art zwei verantwortliche Väter sind. Und Alva in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Ich glaube, was liberale gesellschaftliche Beziehungsformen angeht, gibt es kein zurück. Gleichgeschlechtliche Ehen sind heute zunehmend akzeptiert, auch offene Familien. Und das ist gut so. Die strenge bürgerliche Kleinfamilie war ja kein Erfolgsmodell.    

© Angelika Overath

Alva provoziert zumindest gedanklich auf ihrem Gang auf den Calanda den Suizid, einen Bergunfall, einen Fehltritt. Nur schon gedanklich tun wir es immer wieder. Was wäre wenn? Davon zehren Schriftstellerinnen. Spielen sie nicht immer wieder mit Fehltritten, Katastrophen?

Vielleicht haben Schriftsteller (bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht gendere, ich kann das begründen, aber hier ist nicht der Ort) eine sehr wache Phantasie. Vielleicht leben sie stärker mit dem Tod. Die Krankheit ALS ist im Roman real, aber sie ist auch eine Metapher für unsere Sterblichkeit. Wir wissen, dass wir sterben werden und leben doch oft oder meist so, als seien wir ewig. Auch unsere Berge sind nicht ewig. Aber im Vergleich zu ihnen sind wir ein Hauch. 

In Fritz Zorns autobiografischem Bericht „Mars“, der 1977 posthum veröffentlicht wurde, steht (sinngemäss) der Satz „Das Leben ist eine Krankheit mit tödlichem Ausgang.“ Ein Satz, der eigentlich nur wegen seiner Radikalität erschreckt. Für Alva muss die Auseinandersetzung mit ihrer unabwendbaren Diagnose ähnliche Radikalität auslösen. Wie weit ist ihr Roman der Versuch eines Aufbrechens, eines Bewusstmachens? Oder scheitert Literatur, wenn sie etwas will?

Ich bin keine dezidiert politische Autorin. Aber ich habe eine Haltung. Ich habe schon was zu sagen. Und ich will verständlich sein. Meine Texte sollen Erlebnisqualität haben, den Leser mitnehmen. Wer liest, ist ganz nah an Alva, geht mit ihr zusammen, atmet mit ihr. Ich lege Wert auf sprachliche Intensität. Und sicher will ich manches bewusst machen. Zum Beispiel, dass das Leben kostbar ist. Dass auch ein verletztes Leben kostbar ist. Hier kommt die Grossmutter ins Spiel (unter anderem), die zwar nach einem Hirnschlag reduziert ist, aber für das Kind Alva lebenswichtig war. Diese Kette aus Apfelkernen ist eine Kette aus Apfelkernen. Aber sie ist auch ein Symbol dafür, dass das Kleine kostbar sein kann und dass Sorgfalt vieles, was übersehen wird, wertvoll macht.

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“, „Flughafenfische“, «Sie dreht sich um», «Ein Winter in Istanbul» und zuletzt „Unschärfen der Liebe“ geschrieben, mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für ihre literarischen Reportagen wurde Angelika Overath mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden. Zusammen mit ihrem Mann Manfred Koch lebet sie in Sent in Graubünden und betreibt dort neben ihrer Schriftstellerei eine Schreibschule.

Beitragsbild © Heike Bogenberger

Dana Grigorcea «Tanzende Frau, blauer Hahn», Penguin

Bușteni liegt etwas mehr als 130 Kilometer weg von der rumänischen Hauptstadt Bukarest, ein Urlaubsort in den Karpaten. Roxana und Camil treffen sich dort jedes Jahr, vor allem in den Sommermonaten, schliessen Freundschaft, erfahren Liebe, finden sich jedes Jahr, um sich jedes Jahr wieder zu verlieren.

Dana Grigorceas Roman ist eine zarte Liebesgeschichte. Ganz bestimmt jene zwischen Roxana, die mit ihrer grossen Familie jedes Jahr in der Sommerresidenz in Bușteni Ferien macht, und Camil, der in einem kleinen Ferienhaus auf der anderen Seite der Bahnlinie jeden Sommer seine Freundschaft zu ihr erneuert. Aber dieser Roman ist vor allem die Liebesgeschichte an einen Ort, einen Sehnsuchtsort, einen Sommerort, einen Ort der Freundschaft und an jene Zeit nach dem Zusammenbruch der rumänischen Diktatur. Bușteni ist nicht gross. Die Menschen, die sich dort in den Sommerwochen treffen, sind immer die gleichen. Man kennt sich. Und die Bahnhofstrasse, in der sich die Kinder der Familien treffen, auch jener, die das ganz Jahr über dort wohnen, zum El Dorado klassenfreier Freundschaften.

Nicolae Ceaușescu gibt es nicht mehr. Im Vakuum einer neuen Zeit scheint alles abgelegt, was die rumänische Gesellschaft während Jahrzehnten im Würgegriff hielt. Und weil sich Kinder in ihrer Verspieltheit nicht um die Wirren der Politik kümmern, höchstens um das grimmige Gesicht eines Nachbarn, einen bösen Hund und die Frau in der Nachbarschaft, die etwas von einer Hexe hat, spielt man Fussball oder das Erwachsensein, trifft man sich an der Bahnschranke oder streunt in den Wäldern herum. So auch Roxana und Camil, die sich schon früh geschwisterlich verbunden fühlen, die sich das ganze Jahr über auf die Wochen in Bușteni freuen, um dann, wenn es soweit ist und die Familie von Roxana einmal mehr von Bukarest nach Bușteni gefahren ist, mit Erleichterung feststellen, dass fast alles beim Alten geblieben ist, auch wenn sich der Wandel der Zeit bis in die Bahnhofstrasse einschleicht.

Dana Grigorcea «Tanzende Frau, blauer Hahn», Penguin, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-328-60440-2

„Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist auch eine Liebesgeschichte an eine Zeit, die Neunziger, in denen sich plötzlich alles zu öffnen schien. Eine Zeit, in der sich nicht nur Kinder auf der Strasse trafen, auch die Erwachsenen. Wo am Gartenzaun Gespräche geführt wurden, wo man in den langen Sommerferien ein Stück Freiheit geniessen konnte, Feste im Garten feierte und Gelegenheit genug hatte, sich die wildesten Geschichten hinter den Mensch auszudenken.

Dana Grigorcea erzählt von diesen Menschen an dieser Strasse, von den einen, von denen kaum etwas verborgen blieb und von jenen, die sich hinter Zäunen und Mauern versteckten. Sie erzählt die Geschichten, die zusammengehalten werden von Roxana und Camil. Einer Freundschaft, aus der eine zaghafte Liebe wird, die es aber trotz allem immer wieder wegzuwischen droht in der Unvermeidbarkeit von Distanzen und Missverständnissen. Die Liebesgeschichte an einer Zeit, die noch viel mehr der Zugewandtheit verschrieben war, als unsere Gegenwart, die von Technik immer mehr beherrscht wird. Einer Zeit der Unmittelbarkeit, der Leidenschaft, die sich Menschen gegenüber zeigt.

Dana Grigorceas Erzählton schwankt zwischen Melancholie und Sehnsucht. Mag sein, dass da auch etwas Verklärtheit mitschwingt. Aber Erinnerung verklärt immer, taucht Erlebtes in ein Licht, das sich ganz eigenartig an den Tatsachen bricht. Man wird seltsam erfasst von dieser Melancholie. Ein zartes, melodiöses Buch, das von genau diesen Strassen, den Wegen zwischen den Menschen erzählt. „Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist ein Fächer in dunklen Farben, ein Fächer der Liebe.

Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, sie ist Germanistin und Nederlandistin und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Zürich. Die Werke der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Ihr Roman «Die nicht sterben» wurde 2021 für den Deutschen Buchpreis nominiert und 2022 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Dana Grigorcea ist Trägerin des rumänischen Kulturverdienstordens im Rang einer Ritterin, 2026 ist sie Kuratorin des Münchner Literaturfests, das unter dem Motto «Freiheit» steht.

mehr von und über Dana Grigrorcea

Beitragsbild © Gabi Hirit

Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat

Julia Weber verblüfft. Nicht nur weil ihr mit „Weil ich Ruth bin“ ein aussergewöhnlicher Roman gelungen ist, sondern weil das Buch während des Lesens Wirkungen erzielt, die ganz selten sind. Das Buch umarmt mich, Julia Webers Sprache umgarnt mich. Und dabei hätte die Geschichte genug Stoff, der schmerzt. Messerstiche, die wehtun.

Ein Mutter-Tochter-Buch, ein Buch über Freundschaft, ein Liebesroman, die Geschichte einer Frau, die sich einer Welt ausgesetzt findet, die nur schlecht mit dem Ungenormten umgehen kann, ein Roman über die Macht der Verwandlung, über Selbstfindung, über das Geheimnis des ganz eigenen Selbst. Stoff genug, um sich zu verlieren, als Autorin genauso wie als Lesende. Aber Julia Weber erschafft einen Kosmos des Kleinräumigen, der trunken macht, der mich staunen lässt. Da hat sich eine Autorin in einen Rausch geschrieben, einen mitreissenden Sprachstrom, der mich unweigerlich nach wenigen Seiten erfasst und erst mit der letzten Seite loslässt.

Ruth ist anders, schon als sie zur Welt kommt. Ihr Körper ist mit einem feinen Flaum bedeckt, mit Haaren, die wachsen, von denen die Mutter weiss, dass sie mehr als bloss Haare sind, dass sie Zeichen sind, wie schon bei ihr, als sie Kind war, bei Ruths Grossmutter, in der langen Reihe der Frauen. Was erst nur Zeichen ist und die Umgebung verunsichert, das Leben für die kleine Ruth zum Märtyrium macht, wandelt sich mit zunehmendem Alter zu einer Art Larvenstadium, denn Ruth ist nicht einfach ein haariges Mädchen (auch wenn der Begriff für ihre Zukunft ein durchaus treffender ist), sie entwickelt besondere Kräfte, besondere Fähigkeiten. So wie in ihrem „Schweif“ unerklärliche Dinge passieren können, so entwickelt sie die Fähigkeit, Menschen in Tiere zu verwandeln. Was am Anfang wie ein Zaubertrick erscheint, für die Betroffenen, die Auserwählten zu einem kurzen Glück wird, wird mit zunehmendem Alter für immer mehr Menschen in Ruths Umgebung ein Tor zum Glück, eine Tür zur Flucht. Gleichzeitig für eine Umgebung, die sich schwer tut mit einem Mädchen, einer jungen Frau, die nicht ist, wie sie sein sollte.

Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat, 2026, 464 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03926-101-7

Solange Ruth Kind ist, wird ihr Anderssein geduldet. Aber als junge Erwachsene, erst recht als Ruth eine eigene, kleine Wohnung bezieht, wird sie mit Argwohn beobachtet. Eine Entfremdung, die Ruth auch in den Reaktionen derer sieht, die sie doch eigentlich liebt. Allen voran Toni, mit dem sie als Kind und Jugendliche eine tiefe Freundschaft verbindet, eine Liebe mit Glitzerstaub, der sich aber mit einem Mal abwendet, als er zum Mann wird.

Ruth muss nicht nur bei Toni erfahren, dass die Welt nicht die ist, von der sie gerne ein Teil wäre. An die Seite ihrer Mutter klebt sich ein neuer Mann, der die Welt seiner Mutter immer kleiner macht, bis diese sich in ihrer Angst, einen Fehler zu machen, gänzlich einschliessen lässt. Und Linda, die eine Freundin noch aus der Schulzeit, die schöne, grosse Linda eines Tages mit ihrem Kind vor ihrer Wohnung steht und Hilfe braucht. Nicht nur weil ihr Mann sie schlägt, sondern weil Linda den Tritt nicht mehr findet. So wie viele in ihrer Umgebung, denen Ruth zu einem Anker geworden ist, zur einzigen Verbindung mit jenem Stück Welt, zu der sie in der Realität den Kontakt verloren. Es wird eng in Ruths Wohnung, eng in Ruths Leben.

Ruth ist von jener Sorte Mensch, die zum Schwamm werden, von denen man nimmt, die bis zur Selbstaufgabe geben. Aber auch von jener Sorte Mensch, denen es schwer fällt, die ungeschriebenen Gesetze einer immer rationaler werdenden Gesellschaft zu akzeptieren. Ruth wird zu einem Medium, das an der scheinbaren Wirklichkeit zu zerbrechen droht, zu einem Mensch, der nicht akzeptieren will und kann, dass all das, was in den ersten Jahren eines Lebens ein fluider Zustand ist, jener Zustand des Glücks, der nicht nur für einen Moment aufblitzt. Ruth ist auf der Suche nach ihrem Vater und findet ihn bloss dort, wo er nicht ist. Sie sehnt sich nach Liebe, nach Geborgenheit und kämpft gegen toxische Männlichkeit.

Die Geschichte fasziniert; opulent, sinnlich, phantastisch (ganz wörtlich). Aber noch viel mehr fasziniert die Sprache, dieser ganz eigene, satte Sound und Julia Webers Fähigkeit aus dem Schmerz eine konstruktive Kraft zu erzeugen. Dieser Roman schafft etwas, was nur in ganz wenigen Büchern zu finden ist; das Glück des Lesens!

Interview

Dein Buch ist auf ganz eigenartige Weise faszinierend. Man leidet mit der Figur Ruth. Man leidet an der Welt, in der sie lebt. Man leidet an dem, woran das Personal in deinem Buch leiden muss. Und trotzdem tut einem das Lesen gut. Weil es nicht die Geschichte ist, sondern die Musik deiner Sprache. Kannst du etwas darüber erzählen, wie du zum Sound in deiner Sprache gekommen bist und wie du es geschafft hast, diesen Sound über mehr als 400 Seiten funktionieren zu lassen.

Diese Sprache, die auch in «Weil ich Ruth bin» noch vorhanden ist, habe ich in Biel am Literaturinstitut angefangen zu üben und suchen und entwickeln. Für mich hat Kunst sehr viel mit Zugewandtheit und Trost zu tun und soll dennoch ein Ort sein, der die Welt schonungslos zeigt. Das könnte ein Widerspruch sein, und ist es in der Kunst nicht, weil man dort das Schreckliche direkt neben das Schöne stellen kann. Ich habe in meinem ersten Buch «Immer ist alles schön» eine Sprache entwickelt, indem ich in mein Notizbuch geschrieben habe, um das genaue Betrachten zu üben. Jeden Tag habe ich das scheinbar Langweilige und Graue versucht besonders zu beschreiben. Ich habe versucht, eine hoffnungsvolle Sprache in diese Welt der Funktion und der Macht und des Geldes zu setzen. 
Und von dieser Sprache der Durchlässigkeit und Zugewandtheit lebt auch «Weil ich Ruth bin». So kann eine Geschichte, die noch so traurig ist, Trost geben. Manchmal schien mir die Sprache von Ruth fast zu intensiv, wie ein Schnaps oder auch ein Elixier, vielleicht ein Zaubertrank, dann habe ich versucht, sie etwas gemächlicher zu machen oder sanfter, sodass man das Buch über 400 Seiten lesen kann. Ich glaube, das ist mir gelungen, ohne sie wässrig zu machen

In den Roman eingefügt sind kurze, kursiv gedruckte Textpassagen, die nach dem Vater suchen und vor allem das finden, was fehlt, wo er nicht ist. Ein Abtasten in der Leere. Im Roman selbst gibt es diese Suche nicht. Die Versuche von Ruth, von ihrer Mutter etwas über den fehlenden Vater zu erfahren, werden ziemlich rigoros abgeblockt. Wie kam es zu diesen Passagen, die ganz anders „klingen“?

Ich habe ein paarmal überlegt, diese Passagen rauszunehmen, gerade weil sie vom Ton her nicht immer passen. Aber ich konnte nicht. Es sind Stücke von Ruth, ein Fragen vielleicht auch von mir an sie, an ihre Schwäche, die es gibt, auch wenn Ruth wahnsinnig stark ist. Auch sie ist ein normaler Mensch, auch sie ist ein Kind, das seine Mutter liebt, das Angst hat, das seinen Vater vermisst, das sich eine Welt wünscht, in der die Menschen gut zueinander sind. Diese Passagen sind eigentlich Briefe. Sind die Bitte an ihren Vater, den es nicht gibt, aber den sie sich vorstellen und wünschen kann, und also sind es Briefe an alle männlichen Personen auf dieser Welt. Ein Wunsch nach mehr Weichheit und Verletzlichkeit, mehr Unsicherheit.

Man suggeriert uns zwar immer wieder, jeder Mensch müsse seine ganz eigene Fähigkeit, Begabung, Kraft finden. Es wäre die ureigenste Aufgabe von Erziehung und Bildung, den Weg dorthin zu finden. Ist dein Buch auch die Bestandsaufnahme dessen, was wirklich passiert? Dass wir gelebt werden? Dass man sich Menschen untertan macht, dass man sie intrumentalisiert, statt nach ihrem Kern zu suchen?

Ja, das ist es bestimmt. Das ist schon immer ein Teil meines Schreibens gewesen, eigentlich das Kernthema all meiner Bücher. Der Wunsch, die Gesellschaft so zu formen, dass in ihr mehr Vielfalt, Lebendigkeit und Wärme und vielleicht weniger Funktionalität und Leistung möglich ist. Das wünschte ich mir. Ich glaube, wir könnten noch ganz anders zusammenleben, als wir es tun und dennoch erfüllt sein und satt. Und für mich hat die Art der Individualität, die so gepriesen wird, eigentlich mehr mit dem Kapitalismus zu tun als mit der Lebendigkeit und Verwandlung und dem Vorhandensein, die Ruth lebt und feiert und in die Menschen legt. Sie verwandelt Menschen in Tiere, damit sie vergessen, dass sie noch Yoga machen müssten und sich eine Creme bestellen, die ihr 30jähriges Ich zurückbringt, das schon damals unglücklich war, weil es nie so schön und erfolgreich und fleissig war wie die Menschen auf den Plakaten an der Bushaltestelle. 

© Sandra Kottonau

Du bist Mutter, Familienfrau und Schriftstellerin. Niemand weiss so gut wie du, wie sehr wir in Rollenbildern eingebunden sind. Ein bisschen abgeändert könnte der Titel deines Romans doch auch der Titel deines Lebens sein; Weil ich Julia bin. Ich bin sicher, dass dein Buch Mut macht, damit jede und jeder dort seinen Namen einsetzen kann. Und trotzdem kann „Mut-machen“ nicht deine Motivation gewesen sein. Was stand ganz am Anfang dieses Manuskripts?

Am Anfang stand eine Anfrage von Michelle Steinbeck, die damals noch Redaktorin der Fabrikzeitung in Zürich war. Sie haben eine Ausgabe zu Irmgard Keun gemacht und sie hat mich gebeten einen Text zu schreiben. Ich habe dann versucht die Protagonistin von „Das kunstseidene Mädchen» in die Gegenwart zu holen. Ihr Selbstbewusstsein hat mich sehr fasziniert, diese Figur, die in der Zeit der Weimarer Republik lebte und die als Frau fast keine Rechte hatte, die in Not lebte und sich darum verkaufen musste, behielt ihren Stolz, war klar und autonom in einer Art und Weise, die ich sehr bewundere. Ich habe das gleiche in Ruth gesucht. Und nach 4 Seiten schreiben habe ich gemerkt, dass ich da weitermachen will, dass Ruth mir noch einiges erzählt. Und sie ist auch eine Figur, die ich bewundere, weil sie Charakterzüge hat, die ich an mir vermisse. Sie kann zum Beispiel gut wütend sein, was mir oft schwer fällt.

Männer kommen in deinem Roman schlecht weg. Als Lesender muss man das ertragen. Ich musste es ertragen, obwohl ich es vor allem als Katalysator zur Selbstreflexion verstand. Eigenartig aber war meine Reaktion während des Lesens trotzdem. Ich fühlte mich nie angegriffen, sehr wohl aber gespiegelt, nicht zuletzt in der Suche nach dem fehlenden Vater. Was hast du mit diesem Buch gefunden?

Oh, was habe ich gefunden? Ich habe viel gefunden. Ich habe Ruth gefunden, die stark ist und gleichzeitig verletzlich. Ich habe keine Lösungen gefunden. Ich habe Bilder gefunden, wie Menschen sein könnten, wie sie zusammenleben. Manchmal habe ich auch ein bisschen Rache gefunden, wenn ich Ruth jemandem die Hand schwer werden lassen konnte, der eigentlich jemanden gegen ihren Willen berühren wollte. Oder wenn sie einen Mann in ein Tier verwandelt und ihn so harmlos macht. Ich habe auch einen Weg gefunden, meine Wut in Sätze zu formen. 

Liebe Julia, vielen Dank. Wir sehen uns bestimmt im November im Foyer im Theater Basel!  Und natürlich am Wortlaut!

Julia Weber wird 1983 in Moshi (Tansania) geboren und zieht 1985 mit ihrer Familie nach Zürich. Nach der Schule macht sie eine Lehre als Fotofachangestellte und absolviert die gestalterische Berufsmaturität. Von 2009 bis 2012 studiert Julia Weber literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel/Bienne. Im Jahr 2012 gründet sie den Literaturdienst (www.literaturdienst.ch ) und ist 2015 Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht.
Im Frühjahr 2017 erschien ihr Debüt «Immer ist alles schön», das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem internationalen Franz-Tumler-Literaturpreis, der Alfred Döblin Medaille der Universität Mainz, 2017 steht der Roman auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.

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Beitragsbild © Ayse Yavas

Helga Schubert «Luft zum Leben», dtv

Nachdem man der DDR-Autorin Helga Schubert 1980 die Teilnahme am Bachmann-Preislesen verweigert hatte und sie dann 40 Jahre später mit 80 Jahren erneut einlud, leuchtete ein Stern am Literaturhimmel, der nie erloschen war, den man aber schlicht vergessen hatte. Helga Schubert gewann den Bachmann-Preis und schrieb sich mit „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“ zurück ins kollektive Literaturbewusstsein.

Es mag die Geschichte sein, die Helga Schubert die Herzen einer grossen LeserInnenschar öffnete, dass da eine einen Preis gewinnt, die man abgeschrieben hatte. Vielleicht ist es die Tatsache, dass Helga Schubert ihren kranken Ehemann, den Maler und früheren Professor für Klinische Psychologie Johannes Helm bis kurz vor seinem hundertsten Geburtstag in einem kleinen Dorf im Meklenburgischen rund um die Uhr pflegte und ihr Schreiben fast ganz hintanstellte. Aber noch viel mehr ist es die Art ihres Schreibens, ihre klare, unprätentiöse Sprache mit einem ordentlichen Schuss Selbstironie und Witz, der die Bücher zu speziellen, die Person Helga Schubert zur Identifikationsfigur macht. Da schreibt eine, die sich nicht in den Vordergrund schiebt, die sich ehrlich wundert, dass sie von so vielen gelesen wird, dass man sie auch 85jährig noch liest.

Helga Schubert «Luft zum Leben. Geschichten vom Übergang», dtv, 2025, 288 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-28513-1

Zugegeben, „Luft zum Leben“ ist nicht das ideale Buch, um in den Kosmos Helga Schubert einzusteigen, auch wenn die Texte aus 65 Jahren, von 1960 bis in die Gegenwart, nicht nur viel von dem erzählen, womit sich Helga Schubert herumzuschlagen hatte, was sie beschäftigte, von der Rolle der Frau im Realsozialismus oder der Willkür staatlicher Paranoia, über das Glück in ihrer Kindheit am Leben geblieben zu sein oder der Sehnsucht nach Heimat und offenen Grenzen. Aber wer Helga Schubert aus ihren Büchern kennt, seien es jene, die nach 20 Jahren Schreibpause mit dem Paukenschlag aus Klagenfurt erschienen oder die vielen vor und nach der Wende, die nicht zuletzt Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich und der DDR selbst waren und mit dem Buch „Judasfrauen“ zum Thema „Denunziantinnen im Dritten Reich“ wenige Jahre nach dem Fall der Mauer für Aufsehen sorgten.

„Luft zum Leben“ ist viel mehr als eine Sammlung von verschiedenen Texten, auch nicht einfach Geschichten und Erzählungen. In dieser Textsammlung offenbart Helga Schubert genau das, was das Wesen ihrer Texte in den Büchern zuvor ausmacht; Helga Schubert ist gnadenlos direkt und ehrlich, beschönt nichts, auch nicht ihre Rolle als junge Ehefrau, als Mutter, als Teil eines Systems. Es geht in vielen Texten um Verlust, sei es der Verlust ihrer geliebten Grossmütter oder das Verlust einer geistigen Heimat, einer Zugehörigkeit. Sie erzählt vom Leben in der DDR, von Willkür und Verweigerung, von Verletzungen, nicht zuletzt von der, dass eine Mauer sie einzuschliessen versuchte.

Manche Texte lesen sich wie Essays, andere wie Betrachtungen. Aber immer ist es die freine Beobachtung, die Helga Schubert zum Schreiben führt, die kleine, unscheinbare Geste, eine Begegnung, sei es am Rande einer Demonstration in Berlin oder ihr spontaner, unbeabsichtigter Besuch in einer feministischen Buchhandlung, sei es das Nicht-Vorhandensein eines Vaters, der im Krieg gefallen war, die Frage, wer er gewesen war, seien es Träume, die sich wie farbige Metaphern ihres Lebens lesen.

Mit „Luft zum Leben“ schenkt Helga Schubert viel Stoff. Für mich als Bewohner einer jahrhundertealten Demokratie auch ein ehrlicher Blick durch den eisernen Vorhang, bei dessen Fall man 1989 glaubte, es wäre einer für immer.

Helga Schubert ist Gast am Wortlaut Literaturfestival St. Gallen vom 27. – 29. März 2026. Weitere Informationen folgen.

Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, war Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der DDR. Sie zog sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte «Vom Aufstehen» den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Der gleichnamige Erzählband erschien 2021 bei dtv und war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. 2023 erschien «Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe», 2024 wurde Helga Schubert mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Landeskulturpreis MV ausgezeichnet.

Helga Schubert «Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe», dtv

Helga Schubert «Vom Aufstehen», dtv

Beitragsbild ©Eddy Zimmermann Rabauke Filmproduktion

von ​​​​Rudolf Bussmann zu 10 Jahren literaturblatt.ch

Seit es die wunderbare Plattform literaturblatt.ch gibt, und je mehr sie anwächst, fragen sich Leserinnen und Leser, wer und was sich eigentlich dahinter verbirgt. Eine einschlägige Analyse erlaubt nun einen Blick hinter die Kulissen. In geduldiger Arbeit ist es gelungen, die DNA der Plattform zu isolieren und gewisse Informationen zu entschlüsseln. Nachdem als Betreiber der Domain ein gewisser Gallus identifiziert wurde, konnte die Buchstabenfolge G-a-l-l-u-s‘ L-i-t-e-r-a-t-u-r-b-l-a-t-t in ihre Bestandteile zerlegt und in neuer Reihenfolge zusammengesetzt werden. So kamen dahinter liegende Inhalte zum Vorschein. Einige Sequenzen sind festgehalten und aufgezeichnet worden.

Gallus‘ Literaturblatt – Blauer Geburtstags-Baiser

Literaturblatt

ultra lesbar
irre geil
stabil agil
alert & geballt
beste Ausleg-Gala
rares Les-Labsal
Attribut: great!

Gallus

Lesart-Sieger
streitbar liberal
Tabu-Tilger
Taubenauge & Argusauge
stetig taetig
Arbeits-Urtier
illustrer Star

Salut Gallus!

ragst aus Grau & Staub raus
liest alles Rare & Gute aus
gibst taegl. gratis Literatur-Rat
traegst als Stil-Guru Silber-Tiara
urteilst subtiler als alle

User R.

salutiert
gratuliert
gibt Gala-Baiser

© Ayse Yavas

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa und Romane. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Webseite führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Seine letzte Buchpublikation in der edition bücherlese ist der Gedichtband «Verheißenes Land», 2024. Rudolf Bussmann lebt in Basel.

Helmut Blepp «Im kalten Advent» – Die Lücke 1/7

Der Morgen ist klirrend kalt, eigentlich zu kalt für Dezember. Max und Wulle treten aus dem Schlafwerk, wo sie für die Nacht eine Unterkunft gefunden hatten. Sie stellen ihre Krägen hoch und vergraben die Hände in den Parka-Taschen. 
„Lausiger Service da drinnen“, sagt Wulle, und Max bestätigt: „Nicht mal der Tee war richtig heiß. So sind die Katholen, sparen an allem.  Aber komm, lass uns zum Bahnhof gehen, ein paar Münzen sammeln für einen starken Kaffee.“ 
„Nein“, widerspricht Wulle. „Ich habe jetzt Bock auf einen Glühwein.“
„Wäre schön, aber ich bin völlig blank. Hast du etwa Geld?“ 
„Nicht wirklich. Aber ich kenne einen auf dem Weihnachtsmarkt, der hoffentlich eine Runde springen lässt.“ 

Auf dem Markt ist noch nicht viel los. Die meisten Händler öffnen jetzt erst ihre Verkaufsstände, legen gerade ihre Waren aus oder machen ihre Kassen einsatzbereit. Hinter dem Tresen des Stands, zu dem Wulle seinen Kumpel führt, steht ein großer Mann mit Walross-Schnauzer und putzt Keramiktassen. 
„Moin, Atze“, grüßt Wulle ihn. „Echt frostig heute, was?“ 
Atze schaut auf, legt die Stirn in Falten und brummt ein „Moin“. 
„Du, Atze, wäre es möglich, dass mein Freund und ich an einem so kalten Tag einen Glühwein spendiert kriegen?“ 
Die Stirnfalten des Angesprochenen vertiefen sich. 
„Wulle“, sagt er verärgert, „du hast mir zwar beim Aufbau der Hütte hier geholfen, aber ich habe dich dafür auch bezahlt. Dass du ab und zu mal einen Glühwein haben kannst, war ausgemacht. Aber ich versorge nicht auch noch deine Kumpels mit.“ 
„Ist klar“, stimmt Wulle devot zu. „Der Max hier ist aber nicht irgendein Kumpel, und ich verspreche dir, wenn der Markt vorbei ist, wird auch er uns beim Abbau und Verpacken helfen. Das macht der gern!“ 
Max nickt bestätigend.
„Sei´s drum“ lässt Atze sich erweichen. „Dann ist das halt meine gute Tat für heute.“ 
Er gießt zwei Portionen dampfenden Glühwein aus einer großen Pumpkanne ein. 
„Aber die Tassen will ich wieder haben, sonst gibt es Ärger!“

In den Markt kommt langsam Leben. Die ersten Besucher schlendern durch die Gänge, eine heiße Wurst oder ein Getränk in der Hand. Aus allen Ecken ertönen Weihnachtslieder. Überall leuchten bunte Sterne auf, Engel aus Kunststoff oder Holz verteilen Segen, Nikoläuse tanzen zu alten Rock-Songs.
Max und Wulle trinken, die Ellbogen auf einen hohen runden Tisch gestützt, langsam ihren Wein. 
„Und was machst du an Heiligabend“, fragt Max. 
Wulle reibt sich nachdenklich über das ausgeprägte Grübchen am Kinn, das unter seinem struppigen Bart versteckt liegt. 
„Eigentlich wollte ich zur Speisung bei der Caritas, aber ich denke, dieses Jahr gehe ich mal in die Vesperkirche. Ich habe gehört, die haben einen neuen Pfarrer, der nicht so ein nerviger Betbruder ist. Außerdem heißt es, dass die dort gut kochen. Und am Schluss kriegt man noch eine Tüte mit Obst und Süßem. Manchmal sind auch ein Paar Strümpfe von den Landfrauen mit drin.“ 
„Klingt gut!“ Max ist beeindruckt. „Ich glaube, da schließe ich mich an.“ 
Er schaut über Wulles Schulter und beobachtet Atze, vor dessen Stand sich bereits eine kleine Schlange gebildet hat. 
„Ist gut im Geschäft, unser Gönner“, stellt er fest. „Kennst du den schon lange?“ 
„Ja“, antwortet Wulle. „Seit Jahren. Wir waren mal Kollegen sozusagen. Damals hatte ich eine Imbiss-Bude.“ 
„Nee, was!“ Max ist erstaunt. „Du und Imbiss! Mann, das wusste ich gar nicht. Und warum hast du den nicht mehr?“ 
Wulle dreht seine Tasse in den Händen, sagt aber nichts und guckt an Max vorbei zu einem Verkaufsstand gegenüber, in dem Aufziehäffchen verkauft werden. Der Verkäufer lässt immer wieder welche über den Tresen hüpfen. Einige Leute, die vorbeikommen, amüsieren sich. 
Max wird die Stille peinlich, deshalb stößt er seinen Freund leicht an der Schulter und sagt: „Du, tut mir leid, die Fragerei! Geht mich ja auch nichts an.“ 
„Schon gut“, beruhigt Wulle ihn. „Ist lange her, fast dreißig Jahre. Ich hatte die Metzgerlehre geschmissen, war auf Zeit beim Bund. Von der Abfindung habe ich mir den Stand gekauft. Dann traf ich Marie, und wir heirateten. Den Imbiss führten wir zusammen. Wir arbeiteten praktisch Tag und Nacht, verdienten auch nicht schlecht dabei. Und meine Frau war ein Engel.“ 
Wulle verstummt wieder und schaut nach drüben zu den Äffchen. Die Leute lachen, aber niemand kauft eins der Spielzeuge.
Max ist jetzt doch richtig neugierig geworden und kann es nicht abwarten, bis sein Freund weitererzählt. „Ja, und dann“, fragt er ungeduldig. 
„Sie wurde schwanger.“ 
„Und? Wolltet ihr denn keine Kinder?“ 
„Sie wurde schwanger von einem anderen.“ 
Max rutscht spontan: „Scheiße“ heraus und, nachdem er tief Luft geholt hat, fragt er: „Weißt du das sicher?“ 
Wulle lächelt freudlos und hebt den Blick. 
„Ich bin zeugungsunfähig. Das wussten wir schon vor der Hochzeit.“ 
Max ist sprachlos. Ganz langsam dreht er sich eine Zigarette, schaut auf das glitzernde Treiben ringsum, auf den von Glühbirnchen erzeugten Sternenschein, die immergrünen Plastiktannen, die kitschigen Himmelsboten mit den vergoldeten Flügeln, deren Münder aus einem aufgedruckten O bestehen und auf ihre leblos starrenden Augen, die über alles und jeden hinwegblicken. Weihnachten, denkt er, das hier kann doch nicht alles sein. Und dann spricht er es aus. 
„Sie war ein Engel, sagst du! So eine geht doch nicht fremd!“ 
„Aber ich bin doch unfruchtbar“, empört sich jetzt Wulle über den Freund. „Kapierst du das nicht? Ich habe das nicht ertragen, dass sie mich hintergangen hat. Ich konnte das nicht. Deshalb musste ich weg.“ 
„Was ist dann aus ihr geworden?“ Max will es jetzt wissen. „Und aus dem Kind?“ 
„Keine Ahnung“, bekennt Wulle mit rauer Kehle. „Sechs Monate habe ich das ausgehalten, habe mich mit Schnaps betäubt, neben ihr und ihrem dicker werdenden Bauch. Dann bin ich abgehauen.“ Völlig aufgelöst, mit Tränen in den Augen, sieht er Max an. „Ich weiß einfach nicht, was aus ihnen geworden ist.“ 
Max ist fassungslos, hat keine Ahnung, wie er mit dieser Situation umgehen soll. Das sich überlappende Weihnachtsgeplärre aus den Lautsprechern, das Geglitzer und Geflitter, diese Stimmung, als gäbe es noch Weihnachten wie früher, all das bietet ihm keinen Ausweg aus dieser Situation. Wulle braucht Trost, aber woher nehmen! 
Max tritt an seine Seite, umarmt ihn unbeholfen, sucht nach Worten. 
„Wenn sie ein Engel war, und ich glaube dir das aufs Wort“, flüstert er ins Ohr des anderen, „vielleicht ist sie dann gar nicht fremdgegangen. Vielleicht war es ein Wunder!“ 
Wulles unkontrolliertes Lachen schreckt die Marktbesucher auf. Eilig gehen sie weiter. 

Heiligabend. Die beheizte Vesperkirche ist mit Tischen und Bänken in einen Speisesaal verwandelt worden. Es riecht schon nach gekochtem Essen, aber noch redet der Pfarrer. Der bärtige junge Mann steht auf der Kanzel und spricht über jene, denen gegeben wird. 
Max hat gedrängt, also sind sie früh losgegangen und haben einen guten Platz erwischt, ziemlich weit vorne in der Nähe des mit Kerzen geschmückten Altars. Voller Genuss trinken sie ihren Eierpunsch, der zur Begrüßung gereicht wurde, und genießen die wohlige Wärme. Später wird von den Helfern Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen serviert werden, und am Ausgang steht ein langer Tisch mit den Geschenktüten, zu deren Inhalt auch wieder die Wollerzeugnisse der Landfrauen gehören. 
Wulle hat in den vergangenen Tagen viel nachgedacht. Es hat ihm gutgetan, Max von seiner Vergangenheit zu erzählen. Er schaut den Freund an, der ihm gegenübersitzt, und ist immer noch berührt von dessen Bemerkung mit dem Wunder. Seither lässt ihn diese Idee nicht mehr los. Auch jetzt nicht. Deshalb hört er dem Pfarrer auch nicht wirklich zu und bemerkt gar nicht, dass der jetzt kurz innehält, voller Empathie auf seine Gemeinde herunterblickt und sich nachdenklich über das ausgeprägte Grübchen am Kinn reibt, das unter seinem Bart verborgen ist.

Helmut Blepp, geboren 1959 in Mannheim, bis 2024 selbständiger Berater, lebt in Lampertheim, zahlreiche Veröffentlichungen in deutschsprachigen Zeitschriften und Anthologien, fünf Lyrikbände, zuletzt „Erinnerungen im Kartenhaus“ (Moloko plus, 2025)

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Michael Stavarič «Die Schattenfängerin», Luchterhand

Michael Stavarič erfindet sich mit jedem seiner Bücher neu. Er kennt keine Grenzen. Seine Fähigkeit, sich in beinahe kindliche Welten zu versetzen, seinen Blick auf die Welt von allen Konventionen zu befreien, macht Michael Stavaričs Literatur zu einer echten Tiefenerfahrung. Sein Roman „Die Schattenfängerin“ ist bestes Beispiel dafür.

„Die Schattenfängerin“ erzählt aus der Sicht von Stella, einer Jugendlichen, die zur jungen Frau wird, einem jungen Menschen, die den jugendlichen Blick bewahren, ihre ganz eigene Welt bewahren kann, obwohl es ihr das Schicksal nicht leicht macht. Michael Stavarič macht sich zur Stimme dieser jungen Frau, lässt seiner Erzählfreude freien Lauf, entkrampft und losgelöst. Da schreibt einer, der nicht einfach eine Geschichte wiedergeben will, nacherzählen. Michael Stavarič schöpft Neues, evoziert Bilder, die während des Lesens Fragen stellen, wichtige Fragen. „Die Schattenfängerin“ erzählt von Rätseln und lässt sie stehen, von einem rätselhaften Kind, das sich nach dem Tod seines Vaters auf den Weg macht. Das mag märchenhaft klingen, was bei „Die Schattenfängerin“ auch nicht falsch ist. Und doch bleibt der Roman ganz nah an der Welt.

Michael Stavarič «Die Schattenfängerin», Luchterhand, 2025, 288 Seiten, CHF ca. 33.50, ISBN 978-3-630-87674-0

Stella wohnt mit ihrem Vater in einem Haus weg vom Dorf, auf einem Hügel. An ihr Grundstück grenzt nur dasjenige der Nachbarn, die dann nach Stella schauen, wenn ihr Vater wieder einmal weit weg auf Reisen ist, wenn er sich aufmacht, einmal mehr Zeuge einer Sonnenfinsternis zu werden, weit weg. Ein Umstand, den Stella zu akzeptieren gelernt hat, ohne zu verstehen, warum sie ihren Vater auf diesen Reisen nicht begleiten darf. Die Beziehung zwischem ihm und Stella, zwischen Vater und Tochter, ist eine beinah symbiotische. Stella geht nicht zur Schule, wird von ihrem Vater unterrichtet. Er zeigt ihr seine Welt, erklärt der immer hungrigen Stella all die Geheimnisse, die sich im Grossen und Kleinen auftun, wenn man bereit ist, hinzuschauen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass Stella Pflanzenlexika, Anatomiebücher und juristische Werke wie einen Schatz hortet, Bücher aus der grossen Bibliothek ihres Vaters. Das Haus am Hügel ist das Tor zur Welt.

Doch eines Morgens wacht ihr Vater nicht mehr auf. Stella muss akzeptieren, dass ihr Vater eine Reise angetreten hat, von der er nicht zurückkommt. Stella ist fünfzehn, als es geschieht. Und nur weil Stella es schon immer gewohnt ist, auf eigenen Füssen zu stehen und ihr die Nachbarn auch in dieser Zeit fürs erste an ihrer Seite sind, darf sie bleiben, zwingen sie die Ämter nicht dazu, das Haus des Vaters verlassen zu müssen. Auf sich selbst gestellt, finanziell von ihrem Vater abgesichert, macht sich Stella auf, jenen Teil ihres Lebens zu erkunden, der ihr bisher verschlossen blieb. Der in vielen Kisten auf dem Dachboden ihres Hauses lagert. Hin zu ihrer Mutter, die seit vielen Jahren in einer Klinik vegetiert, von der ihr ihr Vater fast nichts erzählte, die in ihrem Leben kaum eine Rolle spielt. In ein Leben, das sich auch ausserhalb ihrer kleinen Welt abspielen muss. Auf den Friedhof, wo das Grab ihres Vaters ist, wo sie sich mit Kurti, dem Totengräber anfreundet und zur jüngsten Totengräberin des Landes wird. Und auf diese eine, erste, grosse Reise zur nächsten Sonnenfinsternis, jener Reise, zu der ihr Vater sie nie mitnehmen wollte, von der sie ahnt, das mehr zu fangen ist, als der lange Schatten der Sonne.

Es ist die Art des Erzählens, die fasziniert. Michael Stavarič scheint einer der wenigen Erwachsenen zu sein, die in sich den kindlichen Blick bewahren konnten, die unverbaute Sicht auf die Welt. Seine Art des Beschreibens erinnert an den Blick eines Autisten, der alles in sich aufnimmt, nicht filtern will und kann. Es gibt Stellen in diesem Buch, in denen sich Sinneseindrücke förmlich über mich ergiessen. Beschreibungen, die mir bewusst machen, wie gezielt, wie kausalisiert, wie ordnend mein Blick ist.

Ein wundersames Stück Literatur!

„Romane, wie sie Michael Stavarič schreibt, schreibt gegenwärtig sonst niemand.“ Frankfurter Rundschau

Interview

Der Buchmarkt ist voll mit Literatur, die sich mit Müttern und Vätern abmüht, Abrechnungen, Prozesse, Befreiungen, Konfrontationen… Dein Buch ist eine gegenseitige Liebeserklärung zwischen Tochter und Vater, auch wenn Schatten im Leben des Vaters geblieben sind. Gleichzeitig ist es ein Statement dafür, den eigenen Weg, den eigenen Blick zu finden, ohne Rücksicht auf Konventionen. Ein grosses Stück Michael Stavarič!?
Besser vielleicht: Ein weiteres Stück von Michael Stavarič auf seinem literarischen Weg. Selbstverständlich ist die Literatur voller Beziehungen und Befindlichkeiten, schließlich ist das der Faktor „Mensch“. Autor*innen schreiben über Dinge, von denen sie hoffen, dass sie bei Lesenden nicht auf taube Ohren stoßen; Vater-Tochter-Mutter-Sohn –  es ist ein absolutes Grundmotiv in nahezu jedem Buch. Ich habe in der „Schattenfängerin“ versucht, ein positives Bild einer Beziehung zu zeigen (was eigentlich so gar nicht meiner literarischen Tradition entspricht), vor allem auch deshalb, weil ich dieses Buch nicht nur für Erwachsene, sondern auch Jugendliche schrieb. Zumindest schwebte mir vor, dass es auch Jugendliche lesen können sollten – und dementsprechend habe ich meine übliche Konzeption etwas geändert. Ich dachte auch, in diesen Zeiten brauchen wir alle eine positive Heldin. Und einen ungewöhnlichen Twist.

Dein Roman spielt in der Gegenwart, auch wenn die Welt von Stella entrückt scheint. Stella wächst auf in einer Welt, in der Neugier den Puls ausmacht. Stella betäubt sich nicht, ihr Vater lässt sich und seine Tochter nicht betäuben – das Gegenteil von dem, was in vielen Familien geschieht. Alles an deinem Schreiben ist ein Statement für die Neugier, kindliche, unregulierte Neugier. Schreiben als Spur deiner eigenen Neugier?
Weltoffenheit entgegen allen Widerständen, so könnte ich es für mich zusammenfassen. Die Neugier ist dabei ein unerlässlicher Motivationsfaktor, sich auf die Welt einzulassen, sich in ihr zu orientieren, die hellen und dunklen Momente zu erkennen. Und sich vielleicht selbst aktiv entscheiden, auf welcher Seite man stehen mag. Außerdem ist die Welt nicht einfach nur unsere Erde, hierzu zähle ich auch das Sonnensystem, ja den ganzen Kosmos. Und die Sonne ist nicht zuletzt auch der Angelpunkt in diesem Roman. Ich erkenne für mich immer mehr, dass es beim eigenen Schreiben auch darum geht, die Lücken zu füllen, die man selbst aufweist. Das Schreiben macht mich kompletter, wissbegieriger und neugieriger. Vermutlich eine Erfahrung, die ich auch an meine Protagonisten weitergeben möchte.

Und doch ist Stellas Familie alles andere als ein harmonisches Gefüge. Stellas Vater taucht für seine Reisen immer wieder einmal für Wochen ab und Stellas Mutter vergetiert in einer Klinik, von ihrem Mann aufgegeben, von der Medizin parkiert. Viele Schatten in deiner Geschichte. Schatten, denen Stella zu begegnen versucht. Du räumst nicht auf in deinem Roman. „Aufräumen“ scheint ein weit verbreitetes Erzählprinzip zu sein. Ein Konterroman?
In einem Leben (egal wer es lebt) geht es nun mal nicht ohne Zäsuren, Tragödien, Bewährungsproben etc. ab; Identitätsstiftung ist anders nicht zu haben, denn nur so können Persönlichkeiten entstehen. Oder ich bleibe in diesem Fall lieber dabei: Heldinnen. Ich verstehe ein „Nicht-Aufräumen“ als erzählerische Qualität, es scheint mir näher am Leben zu sein. Vieles lässt sich auch gar nicht schlüssig begründen, analysieren und zu Ende erzählen (und erklären!). Insofern ist es wohl ein Konterroman, weil die übliche Haltung wohl wäre: Ich erzähle alles zu Ende – und auch gleich mit, was der/die Leserin davon zu halten hat. Das machen viele Romane unserer Zeit. Aber ihnen fehlt dann (aus meiner Sicht) der Zauber …

Manchmal erinnert mich das Personal in deinem Roman an ein Theaterstück; Ein Kind an der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsensein, eine Peter-Pan-Figur, der Totengräber Kurti, der Bürgermeister, der besorgte und mahnende Pfarrer… Wie hast du dich durch deine Ideen geschrieben? War da ein Plan oder sind die Personen während des Schreibens aufgetaucht? 
Da hast du absolut recht. Theaterstück/Filmdrehbuch, etwas dazwischen. Ich habe es wirklich auch selbst so aufgefasst, insofern war ich die ganze Zeit über damit beschäftigt (beim Schreiben), Stella mit einer imaginären Kamera zu folgen. Oder wie ein Dramaturg/Regisseur die Handlung mit „Zurufen“ zu steuern. Alle prägenden Figuren in ihrer Kindheit sind Männer, insofern waren diese von Anfang an bewusst so konzipiert. Stella versucht sich nicht zuletzt auch im Umgang mit dem männlichen Prinzip.

Du hat deine Lust auf Fussnoten ausgelebt. Darin finden sich immer wieder Listen, Aufzählungen, Assoziationen. Texte, die mich mit einem Sternchen aus dem Lesefluss ziehen, die das Buch zwinkern lassen, die etwas von Stellas Lebensfreude, ihrem Blick auf die Welt zeigen. Wie kam es zu diesen literarischen Kringeln?
Du weißt ja, meine Romane sind oft von formalen Fragen geprägt, um nicht wieder mal zu sagen, Form vor Inhalt. In der Schattenfängerin habe ich mich aufs Erzählen konzentriert, wobei das Buch ja für jüngeres Publikum lesbar bleiben musste. Die Fußnoten sind gewissermaßen ein „formales Augenzwinkern“, wo ich diesen Hang zum Experimentellen kurz ausleben durfte. Minimal, aber doch. Schließlich würde wohl niemand in einem solchen Buch Fußnoten erwarten? 

Michael Stavarič wurde 1972 in Brno (Tschechoslowakei) geboren. Er lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer und Dozent in Wien. Studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik/Kommunikationswissenschaften. Über 10 Jahre lang tätig an der Sportuniversität Wien – als Lehrbeauftragter fürs Inline-Skating. Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, darunter: Adelbert-Chamisso-Preis und Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien bei Luchterhand der Roman «Das Phantom».

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Beitragsbild © Yves Noir