«Die Lüge ist jedoch nicht das Problem – das Problem ist die Ansicht, es gäbe verschiedene Wahrheiten.» – über «Die echtere Wirklichkeit» von Raphaela Edelbauer (30)

Natürlich ändert sich, was Menschen für wahr halten – jedoch nie das, was wahr ist.

Lieber Gallus

Entgegen der Legende hat Gallus wieder einmal den Bären beschenkt und zum Glück darf ich mich auch immer wieder zeigen und musste nicht für immer verschwinden. So sind wir dank deinem Vorschlag kürzlich in der «Coalmine» Winterthur Raphaela Edelbauer mit ihrem neuen Roman begegnet. Es war ein interessanter und bereichernder Abend. Die Autorin hat mich durch die packend gelesenen Passagen aus ihrem Roman motiviert, ein Buch zu lesen, das ich ohne diese Begegnung kaum beachtet hätte. Leider hat die Moderatorin durch ihre sehr textbezogenen Fragen wenig Persönliches aus dem Leben von Raphaela Edelbauer beleuchtet.

Du schreibst in deiner Beurteilung auf literaturblatt.ch, Raphaela Edelbauer sei mit Bravour gescheitert, das Buch sei der Biss eines literarischen Pitbulls, das Buch liege dir nach der Lektüre quer im Magen. Mich hat dieses Buch, das für mich so besonders und anders ist, begeistert und angeregt. Sicher sind mehrere Abschnitte sehr kopflastig, aber sprachlich klug mit den aussergewöhnlichen Menschen der philosophischen Terrorgruppe «Aletheia» verknüpft.

Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut beginnt das Manifest einer vierköpfigen Aktivistengruppe «Aletheia», zu der Byproxy hinzukommt, eine schillernde manipulierende und vor Lügen nicht zurückschreckende Persönlichkeit. Durch einen Unfall als junge Frau ist sie an den Rollstuhl gefesselt. Um ihre Ziele zu erreichen, plant diese Gruppe einen Anschlag, es gibt Opfer. Die fünf Aktivisten wollen unserer postmodernen Gesellschaft, wo alle Individuen ihre eigene Wahrheit und Wirklichkeit pflegen, mit ihrem Manifest und einem Anschlag zur Besinnung bringen.

Raphaela Edelbauer «Die echtere Wahrheit», Klett-Cotta, 2025, 448 Seiten, ISBN 978-3-608-96630-5

Mir gefällt das philosophische Fundament von Raphaela Edelbauer und mich faszinieren die fünf in einem schäbigen Gebäude lebenden Charaktere. Der Heidegger dozierende Bernwand, die Philosophiestudentin Brigitte voll Tatendrang und «maschinengewehrschnellen Händen», der zugängliche, geheimnisvolle Paul mit belasteter Vergangenheit und die mürrische, sich mit Sprengstoff auskennende Chirurgin zeigen plastisch, wie derart verschiedene Menschen in lausigen Verhältnissen sich bemühen zur echten Wirklichkeit zu gelangen. Vor allem Byproxy lässt die These, ob es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit gibt, durch ihr Erzählen und Handeln als fragwürdig erscheinen.

Der Aufbau des Romans mit philosophischen Thesen und den spannenden Diskussionen der Aktivisten, um ihren Plan zu verwirklichen, hat mir sehr gut gefallen. 

Hieraus folgt unser wichtigster Grundsatz: Zu denken, dass Wahrheit nicht erkennbar ist, ist NICHT das Fatale – sondern zu glauben, dass es Wahrheit nicht gibt.

Ich hoffe, das Buch hält, was es verspricht, schrieb mir die Autorin mit ihrer Signatur ins Buch. Ja, das tut es! Mich werden die Aussagen dieses Romans noch lange beschäftigen. Es lohnt sich, sich auf diese anspruchsvolle Lektüre einzulassen.

Herzlich

Bär

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Lieber Bär

Es freut mich ausserordentlich, dass ich dich zur Lektüre eines Buches und zum Besuch einer Lesung verführen konnte. Oft genug bin ich allein unterwegs, reise ziemlich weit, um dann in einem grossen Raum mit wenig Publikum zu sitzen, mich leise schäme für das offensichtliche Desinteresse eines potenziellen Publikums, das scheinbar nicht bereit ist, sich einen Abend lang mit Worten, Textkunst, Auseinandersetzung und Konfrontation einzulassen.
Der Abend in Winterthur mit der österreichischen Schriftstellerin und Literaturaktivistin Raphaela Edelbauer war gut besucht. Glücklicherweise, denn ich bin überzeugt, dass diese Autorin mit Jahrgang 1990 erst in den Anfängen einer erstaunlichen literarischen Karriere steckt. «Ein Versprechen für die Zukunft» wäre die falsche Formulierung, da Raphaela Edelbauer mit ihren bisherigen Büchern mehr als deutlich ihren Stammplatz in der deutschsprachigen Literatur behauptet hat.

Du hast recht, ich habe das Buch anstrengend gefunden, was überhaupt kein negatives Kriterium ist. Ich habe es fasziniert gelesen, weil es reibt und beisst, weil es nicht einfach unterhalten will, weil es mich herausfordert. Nicht nur die Geschichte, nicht nur die Fragen, die es aufwirft, auch die Charakteren, die mich zuweilen ärgerten. Nicht, weil sie schlecht gezeichnet waren, allenfalls zu karikiert. Es geht um vieles in diesem Buch; um unser streitbares Verhältnis zu Fakten, um Wahrheit, die sich immer mehr zu dehnen scheint. Aber auch um die nicht immer nur politische Durchsetzung einer Überzeugung. Wann ist es legitim, seine Überzeugungen auch mit Gewalt durchzusetzen? Wie gross muss die Opferbereitschaft einer Gesellschaft sein?

© Gallus Frei

Einzelpersonen, Netzwerke und Gruppierungen, die bei der Umsetzung ihrer Ideen auch nicht vor Gewalt zurückschrecken, gibt es viele. Nicht immer sind die Taten aus Sicht einer breiten Öffentlichkeit verwerflich. Denken wir an Luigi M. der 2024 den Chef einer Versicherung in New York auf offener Strasse erschoss. Während man ihm den Prozess machte, feierten ihn weite Kreise als Helden gegen Gier und Rendite. Ich hätte der wilden Truppe um Byproxy in Raphaela Edelbauers Roman etwas mehr «Normalität» gewünscht, denn bekanntlich verbergen sich eben hinter jener Normalität die Abgründe.

Aber das wirklich Spektakuläre in diesem Roman ist die Sprache, die Prägnanz, die Übersteigerung, der Witz und die Schärfe. Dafür liebe ich diesen Roman. Auch weil Raphaela Edelbauer nicht gefallen will, weil sie etwas wagt, weil sie spielt, weil ich ihre Lust, ihre Freude spüre, weil der Roman in seiner Intelligenz funkelt und spritzt.

Ich freue mich auf das, was unter der Marke Edelbauer noch erscheinen wird!
Und ich freue mich, das mich Literatur immer und immer wieder überrascht.

In Vorfreude

Gallus 

Rezension zu «Die echter Wirklichkeit» auf literarurblatt.ch

Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk «Entdecker. Eine Poetik» wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Ausserdem wurde ihr 2018 der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman «Das flüssige Land» stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman «Die Inkommensurablen» auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman «DAVE» erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.