Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese

Ein leises Meisterwerk. Keine lauten Töne, kein Drama. Selbst die menschlichen Abgründe bleiben verborgen. Zwei Menschen, die sich eigentlich in nichts zueinander hingezogen fühlen. Wenn da das Leben und Sterben nicht wäre. „Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist eine leise Parabel zu den grossen Fragen der Zeit.

Es scheint eine urmenschliche Wesensart zu sein, die Welt nicht als die nehmen zu wollen, die sie ist. Jedem von uns widerfährt am Schluss des Lebens das gleiche Schicksal. Und doch weigern sich die meisten von uns, das Sterben und den Tod als einen Teil des Lebens zu akzeptieren. Wir leugnen, was unausweichlich kommen wird, leben in einem Zusand permanenter Verdrängung. Dass es Menschen gibt, die selbst dann noch tun, als hätten sie das Leben unter Kontrolle, wenn alle medizinischen Signale Alarm schlagen, ist offensichtlich. Noch so eine menschliche Wesensart; die Vorstellung, es wäre eine Fähigkeit, das eigene Leben zu kontrollieren. Wir hätten alles im Griff. Man müsste es nur anpacken, in die Hand nehmen, agieren, statt bloss immer zu reagieren, wir wären Macher, Vollstrecker einer Absicht, eines Plans.

Sándor wohnt im gleichen Mehrfamilienhaus wie die Erzählerin, auf dem Stockwerk gegenüber. Er ist, oder besser war erfolgreicher Geschäftsmann, viel unterwegs, ein stiller, unauffälliger Nachbar der Erzählerin. So wie meist in den Häusern, in denen man sich nicht kennt, in denen man unter dem gleichen Dach lebt und nichts voneinander weiss. Aber weil Sándor schon lange in dem Haus lebt, er schon lange ihr Nachbar ist, man das eine oder andere in kurzen Gesprächen erfuhr, auch dass er ursprünglich aus Ungarn stammt und sie irgendwann Zeugin wird, wie die Frau, die bei ihm lebte mit einem Koffer das Weite suchte, weil es um den Mann ganz offensichtlich gesundheitlich nicht zum besten stehen schien, beginnt zwischen den so unterschiedlichen Nachbarn eine distanzierte Annäherung.

Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese, 2026, aus dem Französischen von Walter Pfäffli, 182 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03981-026-0

Man sucht sich seine Nachbarn nicht aus. Man könnte sich ganz und gar in Ruhe lassen. Was man in der Regel doch auch will. Aber Sándor verwickelt die Erzählerin immer mehr in Gespräche. Nicht nur das. Er wickelt sie in ihr Leben. Ein Leben, das ganz anderen Gesetzen zu folgen scheint, aber nichts desto trotz damit rechnet, dass man auf nachbarschaftliche Hilfe zählen kann. Erst während der Reisen, die der Geschäftsmann immer wieder für Wochen unternimmt, später für die vielen Krankenhausaufenthalte, die dem Mann ans Lebendige gehen, ohne dass er die Tragweite seiner Krankheit anerkennen wollte.

Sie sieht seinen Niedergang, seine fortschreitende Krankheit. Er tut alles, um möglichst lange sein Leben wie das alte aussehen zu lassen. Er verweigert sich ebenso wie er die Hilfe seiner Nachbarin als Selbstverständlichkeit nimmt. Erschwerend noch die Einschränkungen der Pandemie, die Sándor tunlichst als vorübergehende Verdüsterung nimmt, während seine Nachbarin die Katastrophe nicht nur in der Pandemie sieht.

„Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist wie ein Kammerspiel inszeniert. Sie leben auf dem gleichen Stockwerk in zwei komplett verschiedenen Welten. Nähe ist keine Masseinheit, die sich an messbaren Parameter hält. Wir alle kennen Menschen, die nicht wie wir zu ticken scheinen, deren Interpretationen des Seins sich stets diametral von den unseren unterscheiden, für die ganz andere Regeln und Massstäbe zu gelten scheinen. Catherine Lovey, die mit der französischen Originalausgabe „Histoire de l’homme qui ne voulait pas mourir“ 2025 den Schweizer Literaturpreis erhielt, erzählt unspektakulär und minimal emotional von zwei Polen menschlicher Existenz – und davon, dass es Umstände gibt, die selbst Gegensätze aller Physik zum Trotz zur Annäherung führen können. Catherine Lovey schildert präzise, ohne emotional aufladen zu müssen.

In 45 Bildern wird eine Szenerie, werden Versatzstücke menschlichen Lebens geschildert, die sich im Kleinen mit den ganz grossen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Catherine Lovey verzichtet auf alles, was dramatisieren könnte, bleibt so in erstaunlicher Nähe zur Wahrhafigkeit. 

Catherine Lovey tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf, ebenso am 1. Juli in der Kantonsbibliothek Thurgau.

Catherine Lovey, 1967 in eine Bergbauernfamilie imVal d’Entremont im Wallis geboren, lebt heute im KantonWaadt. Sie studierte zunächst Internationale Beziehungenund anschließend Kriminologie und arbeitete als Journalistin für Printmedien mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Finanzen. Ihren ersten Roman «L’Homme interdit» veröffentlichte sie 2005 im Verlag edition Zoé. Es folgten vier weitere Romane, literarische Reportagen, Essais und Theaterstücke. In deutscher Übersetzung liegt nun ihr jüngstes Werk vor: «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», das mit mehreren renommierten Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. dem Schweizer Literaturpreis 2025

Walter Pfäffli, geboren 1961 in Kriens, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literatur. Eine Ausbildung in Information und Dokumentation führte ihn an die Schweizer Nationalbibliothek in Bern, wo er seine Leidenschaft für literarische Übersetzungen entdeckte.

Beitragsbild © Ayse Yavas