Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes «Die Seligen – oder Die letzten Tage der Spezialdemokratie», Elsinor

Keine Frage: Der Humor dieses schelmischen Romans ist rheinisch. Und was die Brüder Kohtes – zu einem großen Teil als einen Austausch von Mails – in frappierender Sorglosigkeit erzählen, versetzt die Leserschaft immer wieder in eine Art Kir-Royal-Atmosphäre innerhalb eines obergärigen Kölsch-Biotops. Die Zeit erlischt, das Leben glimmt auf. Und der Himmel drückt ein Auge zu. Und – sei hinzugefügt – nicht nur der Himmel.

Wie war’s doch noch schön!
Gastrezension von Burkhard Jahn*

Die ersten Sätze öffnen die Tür zu einer eindeutig lebensbejahenderen Variante einer Bar mit Disco-Betrieb, als sie das heutige Clubwesen vorführt. Man kann sich an der Theke noch unterhalten und ein Lebensgefühl zelebrieren, wo das Schelmische noch auf dem Charakter von Landschaft und Idiom wurzelt. Im Mailaustausch der Erzähler, eben des Bruderpaares, blühen die Vorfahren auf, deren antiquierter, zunehmend verschroben wirkender Habitus dem tausendjährigen Ansturm des Ungeschlachten standgehalten hatte.

Teufelsmal der fiebrigen Meinungsbeteuerung

Und damit ist ein Erzählduktus gesetzt, der aus der Possenhaftigkeit des menschlichen Daseins keinen Hehl macht und somit noch nicht infiziert ist von all dem Gift späterer woker Launeverderbung. Die einen der dramatis personae hier kommen aus Russland, die andere aus Israel, der DJ aus der Karibik. Und so ist es nun mal. Selbst das Großbürgerliche, ohnehin wie alles in dieser milde betrachteten Welt Spielball der Geschicke, trägt nicht das Teufelsmal der fiebrigen Meinungsbeteuerung.

Jedem Jeck sing Kapp lautet die unausgesprochene und doch uneingeschränkt gültige Verabredung. Und dass nebenbei die Vokabel verklugfideln plötzlich – wie ein seltener, für ausgestorben gehaltener Schmetterling – in diesem Text in aller Selbstverständlichkeit aufersteht, wärmt das Herz. Genauso wie die Serenade für Zwischengas des im Stau stehenden Zuhälterschlittens und jene Szene, in der im Regenguss bei jedem Wagen, der durch die Pfützen fährt, die herausgeworfenen Kippen auf der Pfütze schaukeln wie Fischerboote in aufgewühlter See.

Die Autoren wissen ihre Preziosen zu setzen. 

Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes «Die Seligen – oder Die letzten Tage der Spezialdemokratie», Elsinor, 2026, 190 Seiten, ISBN 978-3-939483-86-1

Durch diese „letzten Tage der Spezialdemokratie“, wo Felix, der Barkeeper für seine jüdische Freundin in aller selbstverständlichen Ironie beider ihr bad goy ist, tanzen eindeutig sorglosere Figuren als jene unserer Tage in unserer Demokratie. Und die Personnages des schelmischen Romans – Hacki, Hanna und Jan, unsere Arbeitsnomaden aus Portugal und die Berliner Blase, sogar Lotte aus Montreal – sie kehren immer wieder treulich zurück wie die Lachse zur Quelle. Die in der Fremde erwähnen lieber nicht ihre Anflüge von Heimweh, die anderen beschweigen ihre unerfüllten Träume. Und doch vereint sie die gemeinsame Geschichte des Vergangenen.

Die Überhitzung der Vereinheitlichungspostulate in zu entwurzelnder Welt hat in dieser so jungen Vergangenheit noch nicht Fuß gefasst. Da sind andere Probleme zu klären:
Einmal die Vaterschaft einer nun annähernd erwachsenen jungen Frau, deren Mutter, anstatt sich um eindeutig geklärte Vaterschaft zu bemühen, erst einmal mit wachsender Leibesfrucht nach Berlin entflohen war, bis sie mit eben jener nun erwachsenen Tochter zurückkehrt.
Zu einer Zeit zurückkehrt, da gerade zu Beginn der Geschehnisse ein Husky namens Flicka von seinem depressiven Herrn in der Bar zurückgelassen wurde. Man kümmert sich um den Hund. Sein Herr dagegen nimmt ein suizidales Ende.
Doch bleibt ansonsten das Biotop der Zugereisten, der Eingemeindeten und der sorglosen Weltwanderer in einer so unangezweifelten Selbstverständlichkeit, in einer so märchenhaften Friedlichkeit, dass diese noch so junge Vergangenheit zur schönsten Utopie wird. Ist diese Vergangenheit doch aus den so rheinisch gutmütigen Bürgerszenen der Vorfahren in diese Dekade der „Spezialdemokratie“ hineingewachsen.

Kiffend dem Leben stellen

Wir sehen eine Utopie, in der das Urbane mit dem Ländlichen verwoben ist, das Heimatliche mit dem Metropolitischen. In all das übrigens reicht bereits die E-Zigarette als Brandmal des Kommenden hinein. Aber das Komödiantische, das Schwebende des generellen Duktus vermeidet jegliche Gefahr des Kitsches, man kifft und schnupft munter zuzeiten und stellt sich gleichwohl dem Leben.
Jedoch: Das Wort Rassismus kommt im Buch nicht ein einziges Mal vor. Die Erzählform korrespondierender Mails erlaubt das Entfalten von Parallelgeschichten an anderen Schauplätzen, da steht mal Bamberg mit Gesprächen über Boxkämpfe im Licht, mal die Geschichte der zivilisationsflüchtigen europäischen Maori-Ehefrau. Und einmal am Lagerfeuer erzählt ein zufällig getroffener Tramper, dass kein Geringerer als Charles Manson, der Mörder der Polanski-Gattin Sharon Tate, sein Vater sei.

Und es erlauben sich die Autoren, die beide im Metier zuhause sind – der eine lange Zeit beim WDR als Literaturredakteur, der andere als Dozent und als Ghostwriter – ein wohltuendes Apercu auf gewisse preisgekrönte Literatur und auf deren so jäh aufgeploppte wie absurd zerplatzende Seifenblasenhaftigkeit. Da kommt der verbitterte Zeitgenossene der unmittelbaren Gegenwart hübsch auf seine Kosten. Ein bisschen Bosheit darf ja auch mal sein.

Wo sonst das Ländliche mit Vogelhäuschen, Kohlmeisen, Hunden und Katzen auch in hübsches Recht gesetzt wird, und eine Zahnärztin der frühen Kindheit nach Jahrzehnten ohne Begegnung den Erwachsenen in aller Unbefangenheit begrüßt, als sei er gestern dagewesen und traulich wie das Kind von einst. Das ist rührend. Ja. Damit ist es nicht falsch. So wie das ganz Reale seinen Auftritt hat mit Inge Jens und dem einbeinigen Onkel Willi. Ein Buch, das guttut.
Dem Rheinischen sei Dank!

Michael Kohtes lebt als Schriftsteller und Journalist in Köln. Er veröffentlichte essayistische Prosa, Lyrik und zuletzt die Tagebuch-Collage 365 Tage – Ansichten von K. Das WDR-­Publikum kennt ihn u.a. als langjährigen Moderator des Literaturgesprächs Zeichen & Wunder. Für seine Arbeit erhielt er diverse Preise und Auszeichnungen.
Martin Maria Kohtes ist Theaterwissenschaftler und Philologe. Nach dem Studium in Berlin, Paris und New York lehrte er in Köln sowie in Berlin. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Guerilla Theater und Besser schreiben. Er lebt heute als Autor im Rheinland.

*Burkhard Jahn, geboren in Hildesheim, lebt heute als Autor bei Zürich. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Hamburg, wirkte als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Unter anderem sind von ihm «Requiem für A. R.» (2018) und «Der Weg an der Sarca» (2017) erschienen.

Beitragsbild © Ulrike Brincker

Nadia Rungger «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du», Plattform Gegenzauber

wir liegen
wie heu 
zwischen unsere finger
lege ich 
schafgarben und ameisen 
über gras 
und du sagst 
dass vergangenheit nur woanders passiert 
in rom vielleicht oder athen 
setze ich mich anders hin
wende mich dem
heu zu 
wenn wir die wiese einfahren 
erinnere mich daran

 

pundui
coche fën 
danter nosc dëic 
conci su
ciarinac de paluch y furmies 
sëura ierba 
y te dijes 
che l passà suzed mé nzaul de auter 
a roma povester o a aten 
sposti mi pëis 
me ëute de viers 
dl fën 
canche fajon fansëch 
lecordeme 

 

mein haus
wackelt 

es ist ein milchhaus 
sagst du und 
deinen worten 
entnehme ich 
einen stuhl 
den schrank und 
den schiefen gang 

den gehe ich 
zuerst die ferse 
dann das kinn 
entlang 
mir schwindet 
der blick 
aus den augen 

mein haus 
wackelt 
am besten 
wir legen es 
unters kissen 
du nimmst es 
aus meiner hand 
drehend 
fallen wir einander 
über 
mein haus 
du 
sage ich 
unförmig 
hebe ein neues 
gewicht auf 
wackel nicht so 
mein bauch 
will nach draußen 

mir zerbricht 
tatsächliches 
im vollen 
mund

gib mir mein 
kissen zurück oder 
schau du 
morgen was 
darunter liegt

 

mi cësa
ie ala zibla

l ie na cësa da lat 
dijes tu y 
da ti paroles 
toli ora 
n stuel 
l castl y 
l port
desbiech
ti vedi do
dl prim l ciauciani 
pona l sumenton 
l me 
toma 
la udleda
ora di uedli 

mi cësa 
ie ala zibla
la miecia iel 
sce la meton 
sot al plumac 
tu me la toles 
ora dla man 
se raidan 
tumons l un l auter 
sëura 
mi cësa 
tu 
diji 
defurmeda 
tlope su n pëis
nuef 
no balesté tan
mi vënter 
uel ora 

uriteies 
me se romp
tla bocia 
plëina 

dame inò ca 
mi plumac o 
cëla tu duman 
cie che ie 
sotite

 

ich spiele
die blockflöte

atme von hals
zu holz 
wie 
kommt es zu
kompositionen
wenn die zunge
unter holz liegt
ein mund
stück 
zum einstimmen

gib mir einen 
kammerton a
gib mir finger
die von distanzen wissen
etwas zum bohren
sodass luft fließt

suche ein instrument aus
sagten sie
aber die flöte kommt
zu allen

übe wie
damals
im gang sitzend
auf stufen 
im mund
merkte sich das holz
meinen speichel

manchmal wollte ich
dass eine sprache
mich aufnimmt
mutter
wollte ich sagen
zu dir

 

sone
l flaut a bech

l fla va dal col plën
al lën 
co 
nasc pa 
cumposizions
sce la lënga ie 
sot al lën
l bech n toch
de bocia 
da acurdé 

dame n 
la 
de referimënt
dame dëic
che sà de destanzes 
zeche da furé
che aria
passe tres

chier ora n strumënt
me ovi dit
ma l flaut ti toca a
duc
prova coche 
ntlëuta
senteda te port
sun sceles
tla bocia
se lecurdova l lën
de mi spidoch

datrai ulovi
che na rujeneda
me tulëssa su
oma
ulovi ti dì
a ti

aus «cësa da lat dijes tu / milchhaus sagst du» (Limbus Lyrik 2026)

 

Das Coverbild ihres neuen Lyrikbandes ist von Nadia Runggers Vater Klaus Rungger. Sie stellen auch oft im Duo gemeinsam Zeichnung und Poesie aus.

Nadia Rungger, geboren 1998 in Brixen/Südtirol, debütierte 2020 mit dem Erzähl- und Gedichtband «Das Blatt mit den Lösungen» (A. Weger). Sie ist vielsprachig auf gewachsen und studierte Germanistik und Angewandte Linguistik in Graz und Brixen. Ihre Prosa und Lyrik auf Deutsch und Ladinisch wurde mit mehreren internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Literaturpreis Merano Europa 2017, dem Ladinischen Literaturpreis Scribo 2018, dem Jurypreis Irseer Pegasus 2024 und dem Lichtungen-Lyrik-Stipendium des Landes Steiermark 2024. Die Uraufführung ihres Theaterstücks Morvëies/Wunder erfolgte 2024 im Stadttheater Bruneck für das europäische Projekt Phōnē. Gedichte von ihr wurden in mehrere Sprachen übersetzt, in Literaturzeitschriften veröffentlicht und bei Ausstellungen präsentiert, zuletzt im Landesmuseum Franzensfeste.  

Beitragsbild © Miriam Raneburger

 

Ahojana 7 «Die Eislöwin» – Eine Postkarte aus Bokampo von Owida N. Woiax

Auf einmal bewegt die Blondgefärbte den Kopf im Kreis, als versuche sie, mit ihren Augen dem komplizierten Flug eines Insekts zu folgen. Doch da ist kein Tier und ihre faltigen Lider sind geschlossen. Es ist die schiere Lust, die ihre Bewegung antreibt, die Lust an dem Eis in ihrer Hand. In leicht gekrümmter Haltung sitzt die Alte an einem Tischchen vor der minze­grünen Fassade der Hibilek Golbinol, einer bekannten Gelateria im Zentrum von Bokampo. Sie trägt ein lachsrotes Seidenkleidchen mit Spitzen, das sich kaum von der Farbe ihrer Haut unterscheidet. Wasserdostpurpur leuchten die Eiskugeln in ihrem Biskuithörnchen. Was für eine Sorte mag es sein? Pflaume vielleicht? Pfirsich oder Pampelmuse?
An den Handgelenken der Frau baumeln allerlei silberne Reifen und an ihrem Hals hängt eine Kette aus großen Perlen. Sie wirken echt, ebenso echt wie die Hermes-Tasche, die unter ihrem linken Arm klemmt. Die Füße aber stecken in knutschgelben Badeschlappen, die billig wirken und  halb kaputt.
Die Blondierte hat mich noch nicht bemerkt, obwohl ich nur wenige Meter von ihr entfernt, auf der anderen Seite der schmalen Straße an einer Mauer lehne und mit lautem Blubbern meinen Skajkax [eine Art Eiskaffe mit viel Schaum] in mich hineinsauge. Ist sie vielleicht ein wenig betrunken? Ihr Pupillen haben etwas Fiebriges, ihre Haut wirkt seltsam teigig, ihr Lächeln starr, blöde fast. Doch das kann auch das Alter sein – oder die Hitze. Auf jeden Fall glaubt sie sich ganz alleine mit ihren Pflaumenkugeln, unbeobachtet in ihrem Zuckerrausch. Überhaupt wirkt sie, als ob für sie nur diese süßen Sphären wären und hinter all den Sphären keine Welt.
Wie bin ich wohl selbst anzuschauen, wenn ich mich in meiner Lust unbeobachtet wähne? Gut möglich, dass ich bedeppert in die Gegend glotze. Vielleicht ist es besser, man weiß es nicht.
Langsam nähert sie ihren Mund dem Eis, kurz blinken ihre Zähne auf, dann nimmt sie einen mächtigen Happen, mümmelt ihn in sich hinein. Wieder schwenkt sie die Augen zum Himmel, als suche sie in der Atmosphäre nach einem Wort, das ihre Lust beschreibt, nach einem Zeichen von San Gelato.
Und dann geschieht es. Während ihr Blick noch oben sucht, gerät unten die letzte Kugel ins Rutschen. Sanft schiebt sich der lachsfarbene Ball auf den Rand des Biskuits, gleitet unbemerkt über den Zeigefinger und fällt geräuschlos zu Boden. Gleich darauf führt die Frau sich die Eistüte erneut an die Lippen, die Zunge fährt heraus, stößt in den Konus, tiefer, zuckt nach links, nach rechts und schnellt zurück. Ungläubig starrt sie erst auf das Biskuit, dann auf die Lache vor ihren Füßen, aus der sich noch ein letzter Rest der Kugel wölbt.
Nach einigen Sekunden bückt sie sich nach vorn und versucht, mit drei Fingern etwas von dem Eis zu greifen. Doch der klebrige Stoff ist zu weich, es bleiben nur ein paar Schlieren an ihrer Haut hängen. Sie steckt sich alle drei Finger in den Mund und saugt daran, als könne sie nicht glauben, dass da nicht mehr zu holen ist.
Plötzlich schaut sie mich an. Oder schaut sie nur durch mich hindurch? In ihren Augen herrscht eine solche Leere, als sei ihr mit dem Eis auch alle Lust und Lebendigkeit zu Boden gegangen. Ich überquere die Straße, um mein leeres Skajkax-Glas in die Eisdiele zurückzubringen.
«Soll ich Ihnen zum Trost einen Kaffee spendieren?», frage ich im Vorbeigehen und deute auf den Pflaumensee. Doch sie schaut an mir vorbei, wild und kraftlos zugleich – eine Löwin, betäubt vom Leben.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

Ahojana 1 – 6

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Micha Friemel «Im Paradies» – ein Teaser zu ihrem Debüt «Ausser mir», Dörlemann

Ich wäre gerne ein simples Archiv mit einem ­anständigen Schredder. Doch mein Gedächtnis ist unerbittlich. Es ist alles da, es lässt sich nichts löschen. Es kehrt alles ständig zum Anfang zurück, und der Anfang war so: Als ich zur Welt kam, fiel meine Mutter in Ohnmacht.
Ich dachte oft, ich hätte alles geordnet. Doch immer stellte sich eine Erinnerung quer, blies sich auf wie ein Dschinn, verstellte den Blick, während dahinter die Ordnung erneut zu bröckeln begann.

Ich komme zur Welt, meine Mutter erstarrt, mein Vater steht dumm daneben. Ich fliege verloren im All. Da ist kein Komet, der mir den Weg weist. Da ist kein Mensch. Kein Vater, keine Mutter, die mich halten, während ich blau und zerdrückt den ersten Schrei von mir gebe.
Spricht meine Mutter über meine Geburt, klingt es immer, als handle es sich um eine kleine, absurde Episode in einem glücklichen Leben. Sie tauchte kurz ab. Ich kam gesund zur Welt. Es war nichts Schlimmes passiert. Doch die Wahrheit ist: Sie ist nicht kurz abgetaucht. Sie war gar nie da. Seit ich mich erinnere, ist sie erstarrt. Wenn sie spricht, bewegt sich ihr Mund, der Rest des Körpers ist nicht vorhanden.
Als ich klein war, erzählte sie mir, wie sie als Kind mit ihren Brüdern hatte Drachen steigen lassen. Ihre Tante hatte ihnen Pergamentpapier geschenkt, und sie hatten sich alle einen eigenen Drachen gebastelt.
»Mein Drache«, sagte sie, war himmelblau. »Er flog höher und höher, viel, viel höher als die meiner Brüder.«
Während sie sprach, bewegte sie sich, als flöge auch sie. Sie holte Schwung aus ihrer Hüfte, die Beine schlenkerten, als wären sie ihr Schweif. Dabei kam sie mir für einmal vor wie ein ganzer Mensch.
Fortan bat ich sie oft, mit mir Drachen steigen zu lassen. Sie fand, das sei am Bodensee unmöglich, es fehle der Wind. War der Wind da, sagte sie, es fehle die Weite. Als ich sie bat, mit mir an die Nordsee zu reisen, wo sie aufgewachsen war, verdrehte sie nur die Augen.

Doch eigentlich will ich nicht von ihr erzählen. Es geht hier nicht um meine Mutter.
Als ich das sage, habe ich natürlich sofort Anderson im Ohr. Klar, was er dagegen einzuwenden hätte. Aber um ihn geht es hier eben auch nicht. Es geht um Mattia und mich.
Liebesgeschichten brechen viel zu häufig vor ihrem eigentlichen Beginn ab. Auch im Film. Das Happy End tritt so unverhofft wie unvermittelt ein. Es wird ein pathetisches Lied eingespielt, vielleicht What a Difference a Day Makes, und alles wird leicht. Das gute Ende ist da und wird nie mehr enden. Nur weiß leider niemand, warum.
Wie sollen vierundzwanzig Stunden genügen, um ein trostloses Leben in ein blühendes Paradies zu verwandeln?

Frau Kaiser sagt, dass innere Veränderungen träge vonstatten gehen. Vor einigen Wochen habe ich ihr zum hundert­ fünfzigsten Mal erzählt, dass ich im Streit mit Mattia ausgerastet war. Ich fühlte mich furchtbar, doch darauf ging sie für einmal nicht ein.
»Warum«, fragte sie, »schaffen Sie es nicht, sich zu beruhigen, obschon Sie doch wüssten, wie es ginge?«
»Gute Frage«, erwiderte ich. »Hänge ich mir an den Kühlschrank.«
Frau Kaisers Frage setzte eine Erosion in meinem Innern in Gang. Als Mattia und ich uns kurz darauf erneut stritten, und nicht eben zivilisiert, versuchte ich mich zurückzuziehen. Doch dann kam Leni und mischte sich ein. Statt mich zu beruhigen, rastete ich komplett aus. Leni starrte mich an. Ihr Blick verriet, wie sie mich sah, und es war klar, was ich zu tun hatte: Ich packte meine Sachen und fuhr nach Vals.

Frau Kaiser sagt oft, dass es keinen Zweck hat, in größter Aufregung nach einer Lösung zu suchen. Also wollte ich in die Berge fahren und mich beruhigen. Ich wollte Blumen sammeln, in den Himmel schauen, lesen und wandern. Doch schon auf der Fahrt spulte ich ständig zurück, ging unseren Streit Satz für Satz erneut durch, korrigierte mich und fügte Neues hinzu. Mehrmals nahm ich mir vor, damit aufzuhören. Aber kaum hatte ich einen Punkt gesetzt, fing ich schon wieder an. Ständig zog ich mein Handy hervor und glaubte, Mattia schreiben zu müssen.
Wäre ich du, tippte ich etwa, ich würde mir Ruten brechen im Wald, mich wundprügeln oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, bis sie sich rot färbt. Ich würde mich selbst in den Brunnen tauchen vor meinem Haus, wieder und wieder, im Winter auch. Oder nach Grönland reisen und mich trotz Lungenentzündung zum Eisbad zwingen.

Frau Kaiser hat mir geraten, in ebenjenem Zustand nicht zu handeln, sondern auszuatmen, darauf zu warten, dass der vordere Teil des Gehirns wieder zu arbeiten beginnt. Ist nur der urzeitliche Teil aktiviert, bleibt uns nichts, als uns zu prügeln, zu fliehen und zu erstarren.
Ihr Rat ist ungemein nützlich: Es kommt nur noch selten vor, dass wir Tigern gegenüberstehen. Unseren Liebsten hingegen schon.

Ich löschte, was ich geschrieben hatte, steckte das Handy weg und versuchte, aus dem Fenster zu schauen. Die Halbinsel Au mit ihren hübschen Reben zog an mir vorüber. Bloß: Was interessierten mich Reben?
Ich war nie gut darin gewesen, wütend zu sein. Als ich zum ersten Mal richtig wütend wurde, war ich fünfundzwanzig. Ich schrieb im Zorn eine Rede und lernte sie auswendig, um auch wirklich zu sagen, was ich zu sagen hatte. Jene Zeilen fallen mir nun bei jedem Wutanfall ein, als hätte ich einen Kratzer in der Platte. Mattia würde das sofort bemerken.
»Haben diese Worte nicht ursprünglich Anderson gegolten?«, würde er fragen.
Wahrscheinlich würde er darüber lachen. Obschon: So wirklich sicher bin ich mir nicht. Vielleicht würde er mich auch erwürgen.

Leni besitzt für eine Vierjährige eine beachtliche Sammlung an Puzzles. Neulich donnerte sie im Zorn alle zu Boden. Danach war sie nicht in der Lage, die Teilchen wieder den richtigen Schachteln zuzuordnen, und ich hatte dazu keine Lust. Seither puzzeln wir nicht mehr, wir legen Muster. Die Teilchen der unterschiedlichen Puzzles passen perfekt ineinander, und die Bilder, die sich ergeben, sind ziemlich witzig: Ein halber Hubschrauber mit Pferdepo, darüber schwebend ein Stückchen von einem Bauernhof, ein Giraffenhals ohne Kopf.
So sind auch Menschen: Ein irres Puzzle aus Empfindungen und Reaktionen, die in anderer Kombination sinnvoll gewesen sein mögen. Erstaunlicherweise sind wir jedoch stets überzeugt, alles an uns, vom Pferdepo bis zum Giraffenhals, gehöre so und nicht anders.

Schon in Pfäffikon holte ich das Handy wieder hervor. Wäre ich du, tippte ich, ich hätte mich längst bei mir entschuldigt. Ich wäre mir nachgefahren. Ich hätte mich angerufen, das wäre das Mindeste.
Gleich ahnte ich Mattias Antwort: So kommt man nicht weiter. Wäre ich du, würde ich es lassen mit diesem kindischen Wäre-ich-du.
Ich habe die mühsame Angewohnheit, Dialoge im Kopf zu führen. Bei allem höre ich den Senf, den Mattia dazugeben würde.

Er fuhr mir nicht nach. Er rief mich nicht an. Er war überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Er machte nie etwas falsch, brauchte sich nie zu entschuldigen. Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Sollte er zur Hölle fahren.

Ein anderes Mal, als ich mich über Mattia ausgelassen hatte, nahm Frau Kaiser einen Schluck von ihrem Tee, lehnte sich zurück, als beginne damit der gemütliche Teil unserer Sitzung, und sagte: »Es ist alles andere als leicht, eine Beziehung zu führen. Genau genommen ist es das Schwierigste überhaupt. Wir müssen lernen, uns zu beruhigen. Wir müssen unserem Gehirn verständlich machen, dass wir nicht mehr in der Wildnis leben.«
Daran musste ich auf meiner Fahrt denken.
Wir kämpfen mit Tigern, tippte ich, den Blick in die Glarner Berge gerichtet. Ich bin deiner, Mattia. Du bist meiner.
Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Ich hatte keine Lust auf die Antwort: Du verhältst dich nun einmal wie ein Tiger. Da ist es nur vernünftig, dich als solchen zu behandeln.
In Mattias Kopf gäbe es ganze Vitrinen zu besichtigen, die mit meinen Untaten gefüllt sind.
Ich schaute zwar aus dem Fenster, aber ich schaute nicht hin. Sogar der schöne Walensee zog an mir vorüber, als sei er nicht da.
Ich hatte nur das Nötigste eingepackt: Mein Handy, das Ladekabel, Ersatzkleider, Zahnbürste, Zahnpasta. Aber eben auch: einen Berg alter Notizen und vier Kilo Reis.
Nik lachte mich aus, als ich es ihm erzählte.
»Es ist wieder soweit«, sagte er betont ernst. »Du steckst in einer veritablen Reiskrise.«
Erst begriff ich nicht, was er damit meinte. Ich musste ihm irgendwann davon erzählt haben, dass ich in der Zeit vor der Klinik nicht mehr aus dem Haus gegangen war und mich wochenlang von Reis ernährt hatte. Auch die Anderson-Geschichte war ihm bekannt.
Nik reichte mir den Schlüssel. »Soll ich mitkommen?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich brauche Ruhe.«
»Willst du erzählen, was passiert ist?«
»Nicht jetzt.«
»Geht es den Kindern gut?«
Ich nickte. »Mattia ist bei ihnen. Ich habe ihnen gesagt, ich fahre zur Recherche weg.«
Nik lachte. »Recherche. So kann man das auch nennen.«

Vier Stunden später war ich in Vals. Nik besitzt dort ein kleines, schickes Tiny House. Er hat es für sich gebaut, schämt sich aber dafür, dass ihm das Geld dazu in die Wiege gelegt worden ist. Deshalb vergibt er es großzügig an Freunde. Mattia, die Mädchen und ich hatten den ­ vorigen Sommer dort oben verbracht. Ich hatte befürchtet, wir schlügen uns zu viert auf so engem Raum die Köpfe ein, und damit gerechnet, dass wir bloß zwei, drei Tage bleiben würden. Wir blieben drei Wochen.

Nun war ich allein. Doch fühlte es sich an, als bewohnten wir das Haus noch immer zu viert. Ich verstaute meine Kleider in der zweitobersten Schublade der Kommode. Die oberste gehörte noch immer Mattia, die dritte Leni und die unterste Sophie. Die Notizhefte legte ich auf den Tisch, den ich auch letztes Mal zum Arbeiten benutzt hatte. Das Tischchen unter dem Fenster wirkte nach wie vor besetzt. Vor einem Jahr hatte Mattia sich die hübschere Aussicht ergattert.
»Ich war so freundlich, dir den größeren Tisch zu überlassen«, hatte er sich gerechtfertigt.» Den brauchst du doch für deine Ordnung.«
Tatsächlich mache ich ständig Auslegeordnungen, und kein Tisch ist dafür je groß genug. Würde ich ein Haus bauen, es bestünde aus lauter Vorsprüngen, Sideboards und kleinen Einbuchtungen, um Dinge abzulegen.

Ich legte mein Nachthemd aufs Bett. Nur ein knappes Jahr war es her, da hatten Mattia und ich dort gelegen, Gesicht an Gesicht auf seinem Kissen. Er streichelte meinen Rücken.
»Es ist ein Wunder, dass wir zusammen sind«, hatte ich gesagt.
»Wie meinst du das?«
»Wir sind nicht einfach«, gab ich zur Antwort. »Wir hatten beide eine schwierige Kindheit. Wir haben uns das Leben mit einer Dreierbeziehung verkompliziert.«
Mattia stöhnte: »Die Geschichte mit Silvie ist hundert Jahre her.« Er hörte auf, mich zu streicheln.
Ich ging nicht auf seine Bemerkung ein. »Allein die Psychose wäre ein passabler Trennungsgrund«, fuhr ich stattdessen fort. »Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar sich einer Psychose wegen trennt, steht bei über achtundneunzig Prozent.«
»Woher weißt du das so genau?«
»Wikipedia, glaube ich.« So genau wusste ich es auch nicht.
Mattia setzte sich auf.
»Nimmst du Reißaus? Ich bin dabei, dir eine Liebeserklärung zu machen.«
»Liebeserklärung? Du bist dabei, Probleme aufzuzählen.«
»Eben: Es sind viele, und wir haben alle gemeistert. Wir sind Helden.«
Mattia stand auf. »Ich habe dich geheiratet«, sagte er. »Ich gehe ohne Frage davon aus, dass wir zusammengehören. Das ist kein Wunder, das ist eine Entscheidung.«

Vielleicht hat er Recht, dachte ich nun, während ich Reis zu kochen begann, vielleicht war es keine ­ Liebeserklärung gewesen. Die Wahrheit ist, dass ich in guten Phasen stolz darauf bin, wie wir unsere Schwierigkeiten zu meistern vermögen. In schwierigen Zeiten sehe ich genau jene Probleme als Grund dafür, dass wir scheitern. Es gibt so viele Steine, die sich unserer Beziehung in den Weg legen. Die größten habe ich noch nicht einmal aufgezählt.
Während der Reis quoll, starrte ich auf mein Handy. Ich wartete noch immer auf eine Nachricht von Mattia. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, was passiert war. Und die Erinnerungen, nicht eben faul, schienen in ihrer Flasche nur darauf gewartet zu ­haben, emporzusteigen. Die Geschichte mit Silvie tauchte mehrmals in meinen Gedanken auf. Als ich danach krank wurde, dachte ich, ich sei verrückt geworden. Doch das wirklich Verrückte ist, dass ich am Ende feststellte, dass ausgerechnet die Psychose richtiggehend vernünftig war.
Mein Handy leuchtete auf.
Es war Nik. »Alles ok?«
»Ja. Bestens. Dein Tiny Häuschen ist ein Paradies. Danke!«
Ich setzte mich auf die Veranda. Nik hat sie als Steg gebaut, der direkt aus dem Wohnzimmer ins Blumenmeer ragt. Ich aß Reis, blickte hinunter zu den Ställen und zur Kapelle. Nichts störte das Idyll. Das Häuschen war perfekt platziert. Über dem Dach der uralten Kapelle war nur der Himmel, und über den Dächern der Ställe waren nur Berge, grüne, saftige Berge. Als wäre das nicht genug, schoss mitten aus dem Grün ein Wasserfall hervor in einem Blau wie aus der Karibik. Ich musste lachen. Ich saß wirklich im Paradies.

Ich hätte gerne Mattia angerufen und gesagt: Lass uns löschen, was bisher geschah. Wir fangen neu an.

Ich rief ihn nicht an. Ich hatte mir Funkstille verordnet.

Micha Friemel «Ausser mir», Dörlemann, 2026, 272 Seiten, ISBN 978-3-03820-203-5, erscheint am 20. August!

Micha Friemel, 1981 geboren, studierte Geschichte und Germanistik in Basel und Literarisches Schreiben in Biel. Sie lebt in Sta. Maria Val Müstair. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Tim Krohn, kümmert sie sich um ihre vier Kinder und die Chasa Parli, eine kleine Pension für kreativen Rückzug. Ihre zwei Bilderbücher «Lulu in der Mitte» und «Oma Erbse», illustriert von Jacky Gleich, sind bei Hanser erschienen. Beide wurden vom Deutschlandfunk unter die »Besten 7 Bücher für junge Leser« gewählt, und «Lulu in der Mitte» war 2020 für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.

Micha Friemel «Kompost», Plattform Gegenzauber»

Beitragsbild © Nina Mann

Hans-Ulrich Treichel «Das Karussell»; Suhrkamp

Was will man(n) noch mit 70? Lohnt es sich, doch noch einmal aus seinen Gewohnheiten auszubrechen? Einen Faden aufzunehmen, den man einst losgelassen hatte? In Hans-Ulrich Treichels gewohnt unspektakulärer Erzählart spürt der Autor einem Leben nach, das sich letztlich nicht traut. Ein feiner Roman, subtil und grundehrlich.

Bernhard ist 70 und hat sich in seinem Leben einigermassen beschaulich eingrichtet. Auch wenn vieles nicht nach seinen Vorstellungen gelaufen ist. Am meisten das, was mit seiner Frau, seiner Ex. passiert ist. Hatte er doch die Absicht, zusammen mit ihr seinen Lebensabend zu planen und zu geniessen. Aber statt mit ihm tut sie es mit einem anderen, mehr oder weniger aus heiterem Himmel. Mit einem, dessen Brieftasche dicker ist, der Bauch flacher. Die Trennung von seiner Frau, der er sich noch immer verbunden fühlt, schmerzt. Ein permanenter Schmerz, eine Niederlage, eine finale Zurückweisung. Ob es an der Tatsache liegt, dass sie nie eine Familie gründeten, dass da vielleicht doch etwas fehlt, weiss Bernhard nicht. Dinge anzusprechen war nie sein Ding.

Bis ihn aus Salerno in Italien eine Nachricht von Alfredo, der vor 40 Jahren sein Student war, erreicht. Damals, kurz nach Abschluss seines Studium, unterrichtete Bernhard ein paar Monate in der Stadt unweit von Napoli „Deutsch als Wirtschaftssprache“, einen Freikurs an der Universität Salerno. Alfredo vermittelte ihm damals eine Wohnung nicht weit vom Meer, seine eigene Wohnung. Bernhard lernte Alfredo besser kennen, besuchte ihn und seinen Vater Luciano immer wieder. Beide betreiben dort ein Strandbad der Kategorie B2, kaum besucht von Touristen, gerade so erfolgreich, dass es zum Leben reicht.
Auf seinen Spaziergängen tauchte Bernhard immer wieder am Strandbad auf und lernte auch die schöne Arianna kennen, die ihn gleichermassen faszinierte und verunsicherte, die ihn nach den Monaten in Salerno mit dem Gefühle einer verpassten Chance nach Deutschland zurückkehren liess.

Hans-Ulrich Treichel «Das Karussell», Suhrkamp, 2026, 202 Seiten, ISBN 978-3-518-43271-6

Jetzt, 40 Jahre später, Bernhard hofft damit, seinem Leben die Möglichkeit einer Neuorientierung zu geben, reist er zurück an den Ort, der auch der Beginn eines alternativen Lebens hätte sein können. Alfredo und er waren über all die Jahre in losem Kontakt geblieben.
Sie sind alle älter geworden. Alfredo, dessen Vater Luciano gestorben war, bastelt noch immer an einem einstmals günstig erstandenen Karussell herum, seit Jahrzehnten mit der Absicht, dass es dereinst eine Attraktion neben seinem Strandbad werden sollte. Auch Arianna ist noch da, sie längst Mutter geworden, geschieden, Ingenieurin, noch immer schön, noch immer bezaubernd. Schafft es Bernhard nun? Bringt er die Maschinerie zum Laufen? Zusammen mit Arianna? Zusammen mit Alfredo?

„Das Karussell“ ist ein seltsam melancholischer Roman über einen Mann, der seinem eigenen Leben stets nur zur Seite steht, der nie den Mut aufbringt, echte Initiative zu übernehmen, der sich von seinem Schicksal treiben lässt und immer hofft, immer wartet – bis es irgendwann zu spät ist. Man möchte während des Lesens den Mann schütteln, weil das Karussell, das erst im Schuppen steht, mit Blachen zugedeckt, 40 Jahre später tatsächlich neben dem Strandbad und sogar die eine oder andere Runde mit Ach und Krach in Betrieb, doch nie richtig zum Laufen kommt. Es steht da, all die wunderbaren, phantasievollen Figuren, und bleibt stehen, kommt nie in Schwung.

„Das Karussell“ ist eine einzige Metapher über jene Sorte Mensch, die vor den Möglichkeiten des Lebens steht und sie doch zerrinnen sieht. Ein ganz ruhiger Roman, klar gezeichnet, ganz nah an Erfahrungen, die alle mit sich herumtragen. Ein typischer Treichel!

Hans-Ulrich Treichel, am 12.8.1952 in Versmold/Westfalen geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Er studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Er war Lektor für deutsche Sprache an der Universität Salerno und an der Scuola Normale Superiore Pisa. Von 1985-1991 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und habilitierte sich 1993. Von 1995 bis 2018 war Hans-Ulrich Treichel Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Seine Werke sind in 28 Sprachen übersetzt.

Rezension zu «Schöner denn je» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

 

Rosa Parks und der Busboykott von Montgomery – zur Neuentdeckung einer Ikone der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung

Vor 70 Jahren, am 21. Dezember 1956, endete eine der spektakulärsten Protest-Aktionen der Geschichte: der legendäre Busboykott von Montgomery, Albama. Er lieferte die Blaupause für die Massenproteste und direkten Aktionen der 1960er und 1970er Jahre. Möglich gemacht hat ihn die frühe Aktivistin der Bewegung, Rosa Parks. Und was viele nicht wissen: Sie hat darüber ein Buch geschrieben.

Ihre kurze, aber aufschlussreiche und inspirierende Autobiografie «Meine Geschichte» wird nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Bei den Solothurner Literaturtagen 2026 kam ich mit der Übersetzerin, Sonja Bonin ins Gespräch.

Rosa Parks ist meist sogar schon Primarschulkindern ein Begriff. Die meisten von uns kennen die brav und sympathisch wirkende Schwarze Frau, die sich weigerte, ihren Sitz im Bus aufzugeben und dafür ins Gefängnis geworfen wurde. Kaum zu glauben, dass die Geschichte einer derart berühmten Persönlichkeit noch nie auf Deutsch erschienen ist. Wie kam es jetzt endlich dazu?
Ich konnte es selbst kaum fassen! Das Buch erschien 1992 bei Penguin und ist seither auf Englisch immer erhältlich gewesen. Aber ich habe mittlerweile den Verdacht, dass auch viele Amerikaner nicht wissen, dass es überhaupt existiert. Ich entdeckte es in einer der wunderbaren Buchhandlungen von Seattle, als ich dort lebte, und fand es eine absolut augenöffnende Lektüre. Ich wusste: Das musst du übersetzen und einen Verlag dafür finden! Rechtzeitig zum 70. Jubiläumsjahr des Busboykotts hatte ich Gelegenheit, bei einem «Verlags-Speed-Dating» des Übersetzerhauses Looren zu «pitchen». Und dann ging alles sehr schnell: Lea Artmeyer vom Unionsverlag in Zürich schlug sofort zu, erwarb die Übersetzungsrechte und sorgte dafür, dass das Buch am 20. August erscheinen kann. Das ist aussergewöhnlich schnell, und ich bin sehr glücklich darüber. Das Buch passt hervorragend ins Programm des Unionsverlags.

Was hat dich an dieser Geschichte derart fasziniert – und offensichtlich auch den Verlag überzeugt?
Es ist ein sehr kurzweiliges Buch; man kann es locker an einem oder zwei Abenden durchlesen. Es hat, was Zeitzeugenberichte so eindrücklich macht: die einfache Sprache, das persönliche Erleben. Parks hat das Buch damals mit Hilfe eines Journalisten verfasst. Es klingt deshalb ein bisschen wie die Erinnerungen, die einem das Grosi am Küchentisch erzählt. Aber was sie berichtet, haut einen fast um. Noch ihre Grosseltern wurden versklavt geboren, und selbst Rosa, Jahrgang 1913, musste als Kind auf den Baumwollfeldern von Alabama schuften. Als sie klein war, herrschte nicht nur eine absolut unmenschliche Segregation zwischen Schwarzen und Weissen, auch Gewalt war allgegenwärtig. Parks erzählt zum Beispiel, wie ihr Grossvater mit dem Gewehr in der Hand das Haus gegen den Ku Klux-Klan verteidigte. Er sagte: «Ich weiss nicht, wie lange ich ihnen standhalten könnte, aber den ersten, der hier eindringt, erledige ich.» Und die kleine Rosa sass die ganze Nacht daneben. Sie wollte, wenn es passieren sollte, nicht im Schlaf erwischt werden. Sie hatte also Vorbilder, Personen, die für ihre Menschenwürde einstanden. Als Kind kam sie selbst öfter mal in Schwierigkeiten, weil sie ihren Mund nicht halten konnte. Sie empfand es als ihr gutes Recht, sich gegen respektlose Behandlung zur Wehr zu setzen.

Das klingt viel kämpferischer als man sich das so vorstellt.
Ja, mit der Zeit hat sich das Bild von Rosa Parks ziemlich verzerrt. Dabei war sie vor dem Busboykott schon jahrzehntelang Aktivistin gewesen und blieb es ihr Leben lang.

© UPI / Bettman / Rosa Parks auf dem vordersten Sitzplatz eines Busses in Montgomery; ein gestelltes Pressefoto vom 21. Dezember 1956 – dem Tag, an dem die Rassentrennung in den Bussen abgeschafft wurde.

Wer heute das Stichwort «Bürgerrechte» hört, denkt aber trotzdem eher an Martin Luther King oder Malcolm X.
Martin Luther King war zu Beginn des Busboykotts noch nahezu unbekannt. Aber er war eindeutig eine gute Wahl: Sein rhetorisches Talent half, 50’000 Schwarze Bürger und Bürgerinnen von Montgomery mehr als ein Jahr lang zu motivieren und bei der Stange zu halten. Man muss sich das mal vorstellen: Die Schwarze Bevölkerung von Montgomery, Alabama, baute ein eigenes Transportsystem für die gesamte Stadt auf; Tausende nahmen täglich stundenlange Fussmärsche auf sich, um ihren Forderungen Gewicht zu verleihen. Alle boykottierten die öffentlichen Verkehrsmittel. Nach 381 Tagen war es so weit: Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten erklärte die Segregation in den öffentlichen Bussen für verfassungswidrig. Alice Hasters nennt in ihrem Vorwort zum Buch den Busboykott von Montgomery «eine der bemerkenswertesten Aktionen zivilen Widerstandes, die es je gab». Damit begann die Ära der «direct action» und der Massendemonstrationen, wie wir sie aus den 1960er und 1970er-Jahren kennen.

Die wurden aber nicht mehr von Rosa Parks angeführt.
Nein. Das ist ein weiterer sehr eindrücklicher Punkt: Parks erzählt, wie sie, obwohl sie im ganzen Land Vorträge hielt und weiterhin für die NAACP und andere Organisationen aktiv war, in der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten innerhalb weniger Jahre nahezu in Vergessenheit geriet, nachdem sie nach Detroit umgezogen war. Beim legendären Marsch von Selma nach Montgomery wurde sie mehrmals aus dem Demonstrationszug geworfen, weil die jüngeren Aktivist:innen sie nicht (er)kannten. Beim «Marsch nach Washington», bei dem Martin Luther King seine berühmte «Ich habe einen Traum»-Rede hielt, hatten die Frauen buchstäblich nichts mehr zu sagen. Frauen hatten einen ganz entscheidenden Teil der Arbeit geleistet und Leib und Leben im Kampf gegen die Rassentrennung riskiert – aber dann übernahmen die Männer das Ruder. Es gibt Original-Aufnahmen auf Youtube.

Das würde heute hoffentlich anders laufen.
Ja, dafür würden heutzutage nicht zuletzt Menschen wie Rosa Parks sorgen. Ihre Geschichte hält so viele interessante und inspirierende Lektionen für unsere Zeit bereit. Beim Übersetzen war das wie ein kleiner Lichtblick in finsteren Zeiten für mich. Was Pionier:innen der Bürgerrechtsbewegung damals erreicht haben, sollte uns als Beispiel dienen und Mut machen. Die Bedingungen waren damals viel schwieriger und gefährlicher als für uns. Noch am ersten Tag des Busboykotts waren sich die Organisatoren überhaupt nicht sicher, was passieren würde. Aber sie haben am Ende gegen das Unrecht gewonnen. Gemeinsam.

Rosa Parks «Meine Geschichte», Autobiografie mit Jim Haskins, aus dem Englischen von Sonja Bonin, mit einem Vorwort von Alice Hasters, 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3-293-00641-6

Rosa Parks (1913–2005) war eine US-amerikanische Bürgerrechtsaktivistin. Sie wuchs im segregierten Bundesstaat Alabama auf, arbeitete als Schneiderin und engagierte sich jahrzehntelang ehrenamtlich in der NAACP. 1955 wurde sie durch ihre Weigerung, im Bus ihren Sitzplatz zu räumen, zur Schlüsselfigur des Busboykotts von Montgomery. Bis zu ihrem Tod blieb Parks politisch aktiv, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und gründete das Rosa and Raymond Parks Institute for Self-Development.

Jim Haskins, geboren 1941 in Demopolis, Alabama, studierte Geschichte und Sozialpsychologie an verschieden Universitäten in den USA und war als Lehrer tätig. Seine zahlreichen Bücher richteten sich zumeist an ein junges Publikum und erzählen von prägenden Schwarzen Persönlichkeiten und afroamerikanischer Geschichte. Für sein Werk wurde er mehrfach prämiert, u. a. mit dem Coretta Scott King Award. Als Mitverfasser unterstützte er Rosa Parks bei der Veröffentlichung ihrer Autobiografie. Er starb 2005 in Manhattan.

Sonja Bonin, geboren 1970, studierte Philosophie und Germanistik sowie Buch- und Medienpraxis in Mannheim, Frankfurt a. M. und Rutgers, New Jersey. Sie ist freie Journalistin und Übersetzerin und lebt, nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland, den USA und China, in Zürich. Sie arbeitete u. a. für den Tagesspiegel, Spiegel Online, Aspen Institute Berlin und LiteraturReview. Zu den von ihr übersetzen Autoren gehört Howard Zinn (Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes).

Beitragsbild © AP / Wide World Photo (Rosa war nur eine von neunundachtzig Personen, die im Februar 1956 wegen Boykotthandlungen ohne »Rechtfertigung oder juristischen Grund« verhaftet wurden.)

Peter Weibel «Drei Mal eine Frau ohne Namen»

Und kann der Vers über die Amsel
das Singen der Amsel ersetzen?
Ich zweifle.
Izet Sarajlic


Zuletzt hatte ich eine Fotografie aus Kiew mitgebracht. Wie lässt sich die Sprache eines Bildes, wenn man denn bereit ist, genau hinzuschauen, in einen Text einbringen? Während einer Woche war ich mit Studentinnen zusammengekommen, mit Karin, Mona und Lara, um über das Schreibhandwerk zu debattieren. Über literarische Formen, Gestaltung. Über Fallen. Über die oft unergiebige Anstrengung, etwas Unmögliches möglich zu machen. Diesmal sprachen wir über die Kunst des Verdichtens; wie gehst du an eine Kurzgeschichte ran? Sie kannten die Meister der kurzen Form, Tschechow, William Williams. W. Somerset Maugham. Wie schaffst du es, etwas Verstörendes oder Übersehenes in eine geschlossene Form zu bringen, eine offene Frage, einen Schrei; etwas nie Abgeschlossenes?

Sie waren zunächst skeptisch, dann angeregt, als ich die Fotografie herumreichte und sagte, darüber kann man eine Geschichte schreiben. Muss man eine Geschichte schreiben: Eine junge Frau in Schwarz geht an einer zerbombten Hausfassade vorüber, zerborstene Fenster, an denen noch Kleider hängen, aufgerissene Mauerhöhlen wie pechschwarze traurige Augen. Die Frau presst einen riesenhaften Blumenstrauss an die Schulter, Margeriten und helle gelbe Astern, wahrscheinlich geht sie schnell, ihr Blick ist halb nach vorne und halb zur Seite gerichtet, auf das Trümmerhaus, als könnte sie nur kurz und getrieben hinsehen, was sie längst kennt, was sie schon zu oft und überall in Kiew gesehen hat, der Blick ist finster und wehmütig und auch fest entschlossen. Wohin geht sie, wem bring sie die Blumen?

Ein Bild weiterdenken und mit Worten eine Möglichkeit zeichnen, eine von vielen. Einen Text über eine Möglichkeit, den man mit der Überzeugung liest, genauso ist es gewesen.

Karin, Mona und Lara nahmen die Aufforderung an und schrieben drei Geschichten, mit denen sie eine Ahnung von etwas preisgaben. Und auch etwas von sich selbst. Ist eine Geschichte immer wahr? Die Vorstellungskraft, die Empörung und die trotzige Hoffnung der Autorinnen haben sie wahr gemacht.

Auf dem Weg durch die Stadt, an verbotenen Zonen und Bombenkratern vorbei, beginnt Ana pausenlos mit Andriy zu sprechen. Zu ihm hin und auch zu sich selbst. Karins Erzählung war die längste von allen; ein langer Monolog im Gehen und ein aufgewühlter Blick zurück und nach vorn: Anas innerer Monolog mit ihrem Bruder, der bei Prokowsk gefallen ist, auf dem Weg zur Grabanlage, wo die Kriegsopfer liegen. Dort wird sie die Blumen hinlegen. Die verbrannte Sonne im Gelb der Astern. Sie hat den Glanz der Vergangenheit vor Augen, eine versunkene Welt. Wie ihr Andriy beigebracht hat, aus einem Schilfrohr Pfeiftöne herauszuholen. Wie er ihr mit blutunterlaufenem Auge ein geklautes Fahrrad zurückbringt. Wie sie zusammen im Sand an der Sonne liegen und das Haus in den Himmel zeichnen, das sie einmal zusammen bauen werden, es hat viele Zimmer für die ganze Familie und einen ausgebauten Dachstock, wo die Kinder spielen werden. Immer mehr Bilder tauchen unterwegs auf, einmal schaut sich Ana wie elektrisiert um, als hätte sie Andriys Hand auf der Schulter gespürt. Aber Andriy ist nicht mehr da, er liegt irgendwo in Pokrowsk unter der Erde. Oder noch in einem Schützengraben. Als sie am Soldatengrab die Blumen niederlegt, ist sie sich sicher, dass er von oben herab zuschaut. Dass er genau hinhört, was sie sagt. Bei jeder Blume, die sie langsam hinlegt, ruft sie Andriys Name, sie ruft so laut, dass zwei Frauen in der Nähe zusammenzucken. Die letzte Aster hält sie lange in der Hand, sagt trotzig in den Himmel hinauf, ich werde für unser Land alles tun, was ich kann, ich werde es für dich tun und immer auch mit dir zusammen.

Der Text von Mona war anders, so anders, dass es unmöglich war, die beiden Geschichten hintereinander zu lesen. Dass man den Atem anhalten musste, um von einer Gedankenwelt in die andere zu springen. In Monas Erzählung heisst die Blumenfrau Marija, sie hat teure Blumen für ihre Mutter gekauft, sie hat sie lange nicht mehr gesehen. Sie hat Mühe, durch die Stadt zu kommen, überall Sperrgebiete, verbotene Durchgänge, Rettungsmänner in Schutzmontur zwischen Trümmern. Als sie zum Wohnblock der Mutter kommt, erschrickt sie, das Dach ist ein verkohltes Gerippe, zerschlagene Fenster und Türen; wohnt da noch jemand? Drinnen hängen Treppen herunter, Bruchholz und zerborstene Rohre, es sieht nicht aus, als könnte da noch jemand wohnen, als könnte man auch nur eine Nacht hier verbringen. Die Tür zur alten Wohnung ist weit offen, Marija tappt über Scherben und Müll, sie denkt, sie kann irgendetwas Vertrautes finden, vielleicht ein Zeichen, dann hört sie aus einem Zimmer ein Stöhnen. Die Mutter liegt gekrümmt am Boden, unter Bergen von Decken und zerwühlten Kissen, neben aufgebrochenen und leeren Konservenbüchsen. Augenblicklang sind beide wie erstarrt, dann geht ein Leuchten über das alte und graue Gesicht, ich habe gewusst, dass du kommst. Ich habe nur noch darauf gewartet. Monas Erzählung endete in diesem zerfallenden Zimmer, in einem Bruchhaus ohne Zukunft, sie endete mit einem stockenden Gespräch ohne erlösende Wendung, Mona liess alle Fragen offen. Sie presst den Blumenstrauss an die Brust wie ein unverhofftes Glück. Wie eine Gabe von Engeln. Als sie sagt, du musst jetzt weitertragen, was ich nicht mehr mittragen mag, weiss Marija nicht, soll sie es als Selbstaufgabe oder als Aufruf zur Hoffnung verstehen.

Laras Geschichte war kurz und atemlos dicht, zwei Seiten. Sie muss um die Form gerungen haben, man spürte das, jeder Satz eine Keule, jedes Wort genau gesetzt. In ihrem Text hat die Frau keinen Namen, auch ihr Freund nicht, sie haben die Namen aller Liebenden vor der wegstürzenden Zeit. Er hat ihr die schönsten Blumen gebracht, die er finden kann, bevor er als Soldat wieder zurück muss nach Kostjantyniwka, in die Todeszone. Wie liebt man sich, wenn man weiss, dass die Zukunft kein Versprechen mehr ist? Liebt man sich in einer hellen Sphäre, die eine Alltagsliebe nicht kennt, oder lähmt das nahe Ende die Liebe, noch bevor sie zu Ende geht? Lara hatte darauf keine Antwort, aber sie beschreibt die atmosphärische Dichte, die die beiden umgibt. Die Lichteffekte im kahlen Zimmer, in dem sie zusammenliegen, den Geruch des geliebten Körpers. Das ungläubige Staunen, wenn er ihr übers Haar streicht, während sie von Ferne Detonationen hören. Die halblauten Gespräche und das lange Schweigen, man hört nur die erbarmungslosen Klopftöne einer Uhr. Sie schaffen es, den Abschied durchzustehen wie einen von vielen. Sie trägt den Blumenbund durch die Stadt wie eine Hostie. Als würde sie ihn in den Armen tragen. Sie wird die Blumen pflegen und mit ihnen reden und dann seine Stimme hören. Sie stellt sich vor, wenn jedes Blütenblatt alt, wenn es mit ihrer Sorge sehr alt wird und eine abgemessene Zeit hinter sich lässt, wird er zurückkehren. Damit eine neue Zukunft beginnt.

Jede der drei Geschichten ist ein kleines Stück Literatur, ich sagte ihnen das, als wir nochmals zusammenkamen. Sagte, ihr habt eine unbekannte Frau aus der Anonymität geholt, in euren Texten kann man sie erkennen. Man kann sie fühlen.
Reicht das? Mona sah mich herausfordernd an, auch ein gelungener Text ist nur eine Fingerübung im Sturm. Sie wollte nicht einfach ein Lob, sie wollte etwas klären. Schreiben wir für uns oder auf etwas hin? Vielleicht musste diese Frage kommen, irgendwann musste sie kommen, wenn man von aussen auf ein Bild schaut und dazu eine Geschichte schreibt. Ist Poesie ein Fluchtraum für wenige, ohne Anspruch auf Veränderung? Ich sagte, kennst du Sarajlics Kriegsgedichte aus Sarajevo, Kann der Vers über die Amsel / das Singen der Amsel ersetzen / ich zweifle. Jetzt war es Lara, die nach einer Antwort auf Sarajlics Gedicht suchte, sie sagte, Sarajlic war mittendrin, wir sind es nicht – Literatur, ob von innen oder von aussen, verändert einen Krieg nicht, aber die Kälte, die mit dem Krieg gekommen ist. Sie ersetzt das Singen der Amsel nicht, aber sie weigert sich zu glauben, dass Amseln nie mehr singen werden.

Peter Weibel wurde 1947 in Thun geboren und lebt in Bern. Er studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Der Autor aquarelliert und zeichnet auch. Seit 1982 veröffentlicht er Lyrik und Prosa und wurde u.a. 1983 mit dem Buchpreis des Kantons Bern (für den Erzählband «Die blauen Flügel») und 1986 mit dem Buchpreis der Stadt Bern ausgezeichnet. Für «Mensch Keun» (2017) erhielt der den ersten Kurt Marti Literaturpreis.

Edith Gartmann «Kerstin», Plattform Gegenzauber

Aus dem Haus geht er nur, wenn der Himmel bewölkt ist. Ohne Wolken fühlt er sich schutzlos. Ohne Wolken fürchtet er, den Boden zu verlieren, in den blauen Himmel hinauf, durch den blauen Himmel hindurch zu fallen. Die Wolken geben ihm Halt auf der Erde. Sie bändigen das Ziehen des blauen Himmels.
Am besten fühlt er sich, wenn die Wolken keine durchgehende, undefinierbare Decke bilden, sondern einzeln unterscheidbar am Himmel stehen und dreidimensional, in mehreren Schichten, den offenen Himmel abschirmen.
An Tagen mit blauem Himmel verschanzt er sich in seiner Wohnung. Das blaue Nichts will ihn zu sich hinaufziehen, einsaugen und in die Atmosphäre spucken. Fallen lassen. An Tagen mit blauem Himmel zieht er die Vorhänge zu. Er muss sich vor dem Sog des weiten Blaus schützen.
Früher hat er es mit Steinen in den Hosentaschen versucht und mit Blei im Hosensaum. Feste, schwere Schuhe gingen nicht wegen seines Zehengangs.
Er kontrolliert die feinen Vorhänge. Schliesst die letzte Lücke. Unbeschwert sonnen sich derweil die Nachbarn im Garten auf ihren Liegestühlen. Sie grillen und plaudern und lachen sorglos unter dem blauen, offenen Himmel. Wenn sie besonders laut lachen ist er sich sicher, sie lachen über ihn.
Er lässt den Rolladen herunter. Verkriecht sich unter dem Tisch. Schaut Meteo. Das Hoch heisst Kerstin und soll noch Tage dauern.
Kerstin macht ihm Mühe. Anscheinend hat diese Frau, es muss sich um eine Zentraleuropäerin handeln, bei der Freien Universität Berlin eine Namenpatenschaft für ein Hochdruckgebiet gekauft. Für 390 Euro. Oder sie hat die Namenpatenschaft für das Hoch geschenkt bekommen, zur Hochzeit vielleicht. Weil ein Tiefdruckgebiet meist kürzer dauert und negativ bewertet wird, wäre die Patenschaft für ein Tiefdruckgebiet 130 Euro günstiger gewesen.
Ihm fehlt für Kerstin jedes Verständnis.
Er würde seinen Namen, wenn schon, einem Tief geben.
Kerstin dehnt sich aus. Sie liegt ausgebreitet über dem Mittelland und verharrt.
Er kriecht unter dem Tisch hervor und kontrolliert den Rolladen. Ihm scheint, der sei unten nicht ganz eingerastet. Er zieht den Rolladen ein Stück hoch und lässt ihn schnell wieder herunterfallen. Das Knattern klingt entschlossen, doch zwischen den Lamellen bleiben dünne Lichtstreifen liegen. Er setzt sich wieder unter den Tisch.
In Skandinavien hätte Kerstin keine Chance. Er hat gelesen, dass man dort nur überregionale, stürmische Extremwetter benenne, keine Hochs, und dass man bei der Benennung einer alphabetisch geordneten und gemischtgeschlechtlichen Namenliste mit norwegischen Namen folge (ausgenommen seien die Namen des Königshauses und die Anfangsbuchstaben Q, W, X, Z). Dass dann aber Schweden und Dänemark je eigene Benennungssysteme entwickelt hätten, was dazu geführt habe, dass ein Sturmtief auf dem Weg von Norwegen nach Dänemark drei Mal habe umgetauft werden müssen – bei voller Windstärke. Die drei Wetterdienste hätten sich schliesslich darauf geeinigt, dass derjenige den Namen vergeben könne, dessen Land als erstes vom Sturmtief betroffen sei, bei nordziehenden Atlantiktiefs typischerweise Norwegen, bei ostziehenden Dänemark – Schweden gehe meist leer aus, da die Tiefdrucksysteme nur selten zuerst dort auftreten würden.
Die Rolladen werfen ein gleichmässiges Streifenmuster auf die gegenüberliegende Zimmerwand. Er sitzt unter dem Tisch. Atmet möglichst nach unten. Redet sich ein, der Himmel wolle ihn nicht hinauf ziehen, habe kein Interesse an ihm. Der Himmel werde seinen blauen Schlund bald wieder schliessen und mit Wolken bedecken. Ein Hoch dauere nicht ewig. Kerstin werde weiterziehen und heisse dann in Polen bereits Krystyna oder sonst wie.
Der Schattenwurf der Rolladen schiebt sich allmählich über die leere Wand. Verzieht sich zum Parallelogramm, kippt aus seiner Regelmässigkeit. Die hellen Streifen schwellen an, drohen die dunklen zu verdrängen. Besser nicht hinschauen, weiss er. Besser nachlesen, was er schon kennt:
Auf den Britischen Inseln bleiben, wie in Skandinavien, Hochdrucksysteme namenlos. Für Tiefdrucksysteme, welche für Unwetterwarnungen relevant sind, werden vorgängig jährliche Namenlisten erstellt, deren Namengut von der Öffentlichkeit bestimmt wird – „NAME OUR STORMS“. Namen, die innerhalb eines Jahres mangels Stürme nicht benötigt wurden, verfallen. Auch auf den Britischen Inseln halten sich Stürme nicht an Landesgrenzen, und so kommt es zu Namenallianzen etwa mit den Niederlanden oder zu Umbenennungen bei von den USA herkommenden Tiefdrucksystemen.
Er setzt sich etwas anders hin. Lehnt sich ans Tischbein. Konsultiert drei Wetter-Apps. Kerstin bewegt sich nicht.
Mit der Freien Universität Berlin hadert er. Er nimmt es dem dort ansässigen Institut für Meteorologie übel, dass es Hochs überhaupt mit Namen versieht. Ein Hoch hat keinen Namen verdient. Besonders verwerflich scheint ihm das Preisgefälle zwischen Hoch und Tief, das ein abgründiges Hoch höher einstuft als ein bodenständiges Tief. Anderseits war die Tatsache, dass die FU Berlin auch Hochdrucksysteme benennt, gerade der Grund, weshalb er vor ein paar Jahren in deren Wirkungskreis umgezogen ist: Hier hat die Gefahr einen Namen. Kerstin. Die Angst ist benannt. Das Hoch ist bodenlos, doch eingeordnet ins Alphabet. Anita, Beate, Caroline, Doris, Edeltraud, Frauke, Grit – er braucht das Dokument nicht zu öffnen, die Listen der letzten Jahre kennt er auswendig. Wenn Kerstin durchgesessen ist, wird er auch sie in die Excel-Tabelle eintragen, sie dort in eine schmale Zeile bannen.
Das Streifenmuster an der Wand verblasst. Die Sonne wandert weiter, die Dunkelheit im Zimmer nimmt zu.
Gewonnen ist damit nichts.
Der wolkenlose Himmel der Nacht macht es nicht besser. Aus dunklem Hinterhalt wird der Nachthimmel versuchen, ihm jeden Boden unter den Füssen wegzuziehen. Er muss vorbereitet sein. Rasch ins Bad, dann mit der Bleidecke und einer Dose Mais zurück unter den Tisch.
Heltraud, Ingeborg, Julia, Kunigunde, Lena, Mareike.
Kerstin. Er wird Kerstin durchstehen. Sie und ihr offener Himmel werden ihn nicht zu Fall bringen. Er kennt ihren Namen. „NAME YOUR ANXIETY.“ Kerstin. Sie wird in der Tabelle landen. Es wird leichtere Zeiten geben.
Es wird Tiefdrucksysteme geben.
Und gelegentlich ein Bodenhoch.
Ein Bodenhoch birgt nicht die Gefahr eines ausgewachsenen Hochs, einer Kerstin. Ein Bodenhoch ist ein Hoch, das nicht jeden Boden entzieht. Das einem nicht den ganzen Boden entreisst. Ein Bodenhoch ist ein gemässigtes Hoch.
Nina, Oldenburgia, Petra, Rita, Sieglinde.
Wenn Kerstin überstanden ist, wird er sich in der nächsten Tiefdruckrinne erholen. Er wird rausgehen, spazieren und ein Bodenhoch abwarten. Er wird versuchen, im Bodenhoch draussen zu bleiben. Oder eben im Zimmer. Aber wenigstens nicht unter dem Tisch. Ein Bodenhoch ist für ihn ein ideales Übungsfeld.
Kerstin steht unter Hochdruck. Bodenlos ist ihr Zerren.
Er liegt unter dem Tisch.
Er zieht die Bleidecke hoch.

Edith Gartmann, geboren 1967, wuchs im Safiental, Graubünden auf. Ausbildung am Kindergarten-Seminar Chur, anschliessend Lehr- und Wanderjahre in der Schweiz, Deutschland, Frankreich und England. Später besuchte sie die neueKUNSTschule Basel im Fach Malerei und absolvierte den Literaturlehrgang an der SAL Zürich. Edith Gartmann lebt und arbeitet in Basel. «Schongebiet» (2022 bei der edition bücherlese) ist ihr Roman-Debüt.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Michael Kleeberg «Achilles in Taormina», Penguin

Am 2. Juli 2026 waren es 65 Jahre, seit Ernest Hemingway seinem Leben mit seiner Jagdflinte ein Ende setzte. Michael Kleeberg nähert sich mit seinem aktuellen Roman „Achilles in Taormina“ in ganz eigener Manier an einen der ganz Grossen in der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts. Ein Leseabenteuer mit Wirkung!

Michael Kleeberg hätte zu Hemingways Todestag eine weitere Biographie schreiben können. Stoff dazu gäbe es genug über einen, aus der Gegenwart betrachtet, streitbaren Lebemann, Schriftsteller, Frauenheld, Grosswildjäger und Genussmensch. Einen, der sich im Alter mit seinen Süchten und seiner psychischen Erkrankung genötigt sah, das Gewehr auf sich selbst zu richten, weil er sich lebendig sterben sah. Eine weitere Biographie wäre auch gar nicht notwendig, davon gibt es genug, auch wenn Michael Kleeberg in seinem Hemingwayroman durchaus neue oder zumindest überraschende Aspekte aus dem Leben dieser Ikone der Literatur zu Papier bringt. Aber weil Michael Kleeberg nicht einfach bloss ein paar Facetten hinzufügen wollte, schrieb er einen Roman über einen fiktiven Hemingwayforscher und Autor, einen Mann namens Dr. Michael Kleeberg, dessen Leben sich in grossen Teilen im Schweif Hemingways abspielt.

Michael Kleeberg «Achilles in Taormina», Penguin, 2026, 336 Seiten, ISBN 978-3-328-60276-7

Noch diesen Sommer wird Ernest Hemingways Debütroman noch einmal erscheinen; „The Sun Also Rises“ (Deutsch: „Fiesta“), ein Roman, der vor 100 Jahren grosse Beachtung fand und ganz unterschiedlich bewertet wurde. Dass Hemingway mit seiner Art des Schreibens ganz viele Zeitgenoss*innen beeinflusste, einen neuen Ton zu erzeugen wusste und es verstand, seine Person zu einer Marke zu machen, einer Sonne, um die Planeten kreisen, ist unbestritten. Ebenso unbestritten sind Hemingsways Selbstzweifel, seine langen Schreibkrisen, seine Selbstinszenierung, die sich gerne am Mythos orientierte, sein zügelloser Raubbau an sich selbst. Das, was in all den Erzählungen und Romanen geschrieben steht und seine eigene Person immer wieder in den Mittelpunkt stellte, scheint sich ein Leben lang mit seiner tatsächlichen Innenwelt zu streiten. 

Was dem tatsächlichen Michael Kleeberg mit seinem Roman gelingt, ist jene Distanz zum Fixstern Hemingway. Hemingway ist der Stoff, an dem sich der fiktive Autor und Forscher Michael Kleeberg abarbeitet, der ihn nicht loslässt, der ihn nährt und zum Boden macht, auf dem seine eigene Existenz gedeiht. Kleeberg im Buch versucht sich als junger Mann selbst in der Schriftstellerei. Ein kümmerlicher Versuch, der aber eine Ahnung hinterlässt, was es bedeutet, sich in einen Stoff hineinzubohren. Kleeberg, der sich biographisch ganz deutlich vom fiktiven Kleeberg unterscheidet, verbeisst sich förmlich in das Leben Hemingsways. Er forscht und unterrichtet in den USA, nimmt Kontakt zu all den Menschen auf, von denen er sich Neues erhofft, die einst mit Hemingway zusammen waren, ein Stück seines Lebens teilten, bis hin zu dessen Kindern, die sich auf ganz eigenen Weise mit der Überfigur Hemingway auseinandersetzen mussten. Kein seltenes Phänomen.

So verschränken sich Biographien, zerfliessen Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Wer in den Hemingway’schen Kosmos mit diesem Roman einsteigen will, wird ebenso beglückt, wie jene, die als Hemingwaykenner*innen in Leben eintauchen wollen, ein Buch, gespickt mit Details und Überraschungen. Der tatsächliche Michael Kleeberg suhlt sich vergnüglich in der Unendlichkeit einer Existenz, die noch immer strahlt, auch 65 Jahre nach seinem Tod. Michael Kleeberg versteht es meisterhaft, Hemingway’sche Details, die Akribie eines „Angefressenen“, Faszination für eine umstrittene Figur und detailreiche Fiktion eines Forschers miteinander zu verweben. Dass damit eine aus der Gegenwart betrachtet mehr als zweifelhafte Person fast 350 Seiten Aufmerksamkeit geschenkt wird, tut der Auseinandersetzung mit diesem Giganten der Literatur mehr als gut. Eine Auseindersetzung mit einem veritablen Stück Inszenierung – genau das, was Hemingsway selbst bis zu seinem Suizid an Darstellung und Selbstinszenierung Teil seines Lebens und Wirkens war.

Genau zur richtigen Zeit das richtige Buch. Ich freue mich auf Hemingway!

anonymous photographer, public domain

Michael Kleeberg, 1959 in Stuttgart geboren, studierte Politische Wissenschaften und Geschichte. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. Für sein literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. 2008 als Mainzer Stadtschreiber. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen: „Ein Garten im Norden“ (1998), „Der König von Korsika“ (2001) und «Karlmann» (2007). 2010 erschien der Roman „Das amerikanische Hospital“, der für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde und für den Michael Kleeberg 2011 den Evangelischen Buchpreis erhielt. Sein Roman „Vaterjahre“ wurde u.a. mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg ausgezeichnet. 2016 erhielt Michael Kleeberg für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Rezension zu «Glücksritter. Recherche über meinen Vater» auf literaturblatt.ch

Michael Kleeberg «Abschied von einem Apfelbaum» auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Susanne Schleyer

Liz Moore «Der andere Arthur», C. H. Beck

Arthur ist über 200 Kilo schwer. Sein Gewicht verdrängt ihn aus seinem Leben. Er, der in den besten Jahren wäre, lebt zurückgezogen im Erdgeschoss seines Hauses, eingemauert und eingefressen in einem Leben in Einsamkeit. Bis die Vergangenheit anklopft. Liz Moore ist eine berührende Geschichte gelungen, auch wenn sie bald vorhersehbar wird.

Meist bin ich es, der bestimmt, welches Buch ich zur Hand nehme. Manchmal ist es aber auch die nachdrückliche Empfehlung eines Freundes oder einer Freundin. Oder die Lektüre ist in einem meiner Lesekreise vorbestimmt. So passiert mit „Der andere Arthur“ der US-Amerikanerin Liz Moore. Ein Buch, das die Autorin bereits 2012 schrieb und nun im Schweif ihres grossen Erfolgs „Der Gott des Waldes“ auf Deutsch erschien. Wieder ein Roman über Familie, wieder ein Roman, der Gesellschaftsprobleme eindrücklich bebildert. Nicht nur Einsamkeit oder Fettleibigkeit (ein Phänomen, das ganze YouTube-Kanäle füllt). Ihr Roman beschreibt den Zerfall der Werte, den Zerfall einer Gesellschaft. Kein nordamerikanisches Problem. Was bleibt, wenn aus Familien ein Trümmerfeld wird. 

Arthur, ein Name, der eigentlich zu einem Kämpferherz passt, ist Sohn eines erfolgreichen, aber narzistischen Architekts, der sich schon während Arthurs Kindheit abgesetzt hatte, um in Europa eine neue Familie zu gründen, einen zweiten Versuch, der gelingen musste. Arthurs Mutter verstarb früh, ebenso jene eine grosse Liebe, die das Zeug gehabt hätte, seinem Leben eine Form zu geben. Eine Weile war er Literaturprofessor, schon immer dick. Irgendwann so dick, dass ein Leben ausser Haus unmöglich wurde. Mit dem Geld seines fernen Vaters fristet Arthur seinen immer gleichen Alltag zwischen Müll, Essensresten und sich ins Mark fressender Scham.

Liz Moore «Der andere Arthur», C. H. Beck, 2026, aus dem Amerikanischen von Cornelius Hartz, 377 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-406-84333-4

Was ihn lange hielt, waren die Briefe einer Freundin, von Charlene, einer ehemaligen Studentin, der er als Lehrer wohl zu nahe kam, die von der Schule verschwand, aber weiterhin Briefe schrieb. Er schrieb zurück, erfand sich in den Briefen ein Leben, das sich immer weiter von der Realität entfernte, ohne zu wissen, dass es Charlene ebenso erging. Ganz nach dem schriftstellerischen Motto; Man kann sich sein Leben leicht erschreiben.

Zweite Hauptfigur im Roman, der eigentliche Gegenpol, ist der 18jährige Kel, Charlenes Sohn, weit weg in einer anderen Stadt. Kel kämpft sich durch ein Leben in Armut. Sein Traum, dereinst ein erfolgreicher Baseballspieler zu werden, hält ihn aufrecht. Auch als es seiner kranken und lebensmüden Mutter immer schlechter geht. Erst als Charlene stirbt, erfährt Kel, dass der Mann, von dem er glaubte, er wäre sein Vater, dass jener Arthur Opp, dem seine Mutter über Jahre Briefe schrieb, sein wirklicher Vater sei. Beide machen sich zaghaft auf einen Weg. Arthur mit Hilfe einer jungen Putzkraft, die bei ihm Asyl findet, Kel durch den seltsamen Aufwind, den der Tod seiner Mutter mit sich brachte.

In diesem Roman sind alle Protagonisten beschädigt. Familie ist Fassade, Krisengebiet, Kampfzone oder Schlachtfeld. Die Moral, die in dieser überaus spannend erzählten Geschichte durchscheint, ist eine allzu einfache; Zusammen ist man weniger allein. Glücklicherweise präsentiert Liz Moore das Ende ihrer Geschichte nicht mit Glockengeläut. Aber die Geschichte ist zu vorhersehbar und so geschrieben, als hätte die Autorin die Verfilmung schon im Hinterkopf gehabt.

Solide Unterhaltung, spannendes Lesefutter. Aber keine Literatur, die Fragen stellt, die reiben will, die mich in eine Auseinandersetzung zwingt. Naja, irgendwie Hollywood.

Liz Moore geboren 1983, hat zunächst als Musikerin in New York gearbeitet und anschliessend begonnen, Romane zu schreiben. Bei C.H.Beck erschien ihr Roman «Long Bright River» (2020). «Der Gott des Waldes» ist in den USA seit Erscheinen auf der New York Times-Bestsellerliste, erhielt zahlreiche hymnische Besprechungen und wurde von Barack Obama empfohlen. Liz Moore lebt mit ihrer Familie in Philadelphia.

Cornelius Hartz lebt als freier Autor und Übersetzer in Hamburg. Er hat zahlreiche Romane und Sachbücher u.a. von Rye Curtis, Edward Carey, Erin Flanagan, Daniel Mason und Catherine Nixey übersetzt. Er übersetzte ausserdem bereits «Der Gott des Waldes» von Liz Moore.

Beitragsbild © Maggie Casey