Es gibt Bücher, die mich ab der ersten bis zur letzten Seite in einem Sog mitreissen und nachhaltig berühren. «Sanditz» ist so ein Buch. Lukas Rietzschel erzählt die Geschichte einer Familie aus dem fiktiven Ort Sanditz in der sich auflösenden DDR.
Zeitlich wird aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten erzählt von der Wende bis zur Coronazeit und dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Ich erfahre viel über das ehemalige Ostdeutschland, einen Bauern und Arbeiterstaat mit Kohletagebau und Glasfabriken. In eindrücklichen Mikroszenen erfahren wir das Schicksal der Familie Wenzel. Ohne Pathos und Anklage, aber mit beeindruckender Empathie für die geschilderten Menschen entsteht ein imposantes Panorama der deutschen Gesellschaft von bildhafter Kraft.
Lukas Rietzschel «Sanditz», dtv, 2026, 480 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-28516-2
Es geht um existentielle Auseinandersetzung von Menschen in den verschiedensten Situationen. Liebe, Homosexualität, Einsamkeit, Leben in Ungewissheit, Krankheit, freiwilliger Einsatz im Krieg in der Ukraine und Abrackern auf westdeutschen Baustellen zum Überleben sind Themen. Wie können Familie und Freundschaften in umwälzenden Zeiten bestehen. Die Sprache ist detailliert, farbig und ohne belehrenden Ton: «Mit der Rechten griff Marion nach Rolands Hand, mit der Linken nach Achims.» Ich wollte euch fragen, ob sich einer von euch beiden vorstellen kann, mich zu heiraten.» «Ich denke darüber nach, dann reden wir nochmal», sagte Roland. «Ist das dein Ernst?», fragte Achim. «Hier und jetzt werden wir das ja wohl kaum entscheiden können». «Doch», sagte er. «Indem du einfach Nein zu dieser Quatschidee sagst.»
«Die Russen sind durch das Fenster gekommen, Die Abdrücke ihrer Schuhe sind auf dem hellen Teppich noch zu sehen. Ihr Weg durch das Haus lässt sich genau nachverfolgen. Zuerst waren sie in der Küche, der Kühlschrank steht noch offen. Eine Wasserlache hat sich gebildet. ..Ruffy weist Tom auf den geplünderten Alkohol hin. Ähnlich wie die samt Halterung aus der Wand gerissenen Fernseher sei das überall so. Die Russen dächten wohl, sie seien auf Klassenfahrt.»
«Es gab auch Abende. An denen Roland bei ihm blieb. Er half ihm beim Duschen, brachte ihn ins Bett, deckte ihn mit den zahlreichen Decken zu, damit er nicht fror, räumte anschliessend die Küche auf und legte sich dann im _Wohnzimmer aufs Sofa. «Du hast dich als guter Diener erwiesen», sagte eines Tages Achim. «Was hältste du davon, wenn du einfach hierbleibst? »….Also zog Roland mit einem Koffer voll Klamotten ein. Was er sonst noch besass, liess er bei Marion im Bungalow. Sie half ihm, alles nach Sanditz zu fahren. Als er ausstieg, umarmte sie ihn so fest wie nie. «Was ist mit den Kindern?», fragte er. «Eines Tages werden sie es verstehen.»
Lukas Rietzschel, in der Nähe von Görlitz geboren und dort lebend, gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des Ostens. Er tritt in Talk-Shows und in Zeitungen von West und Ost auf. Ihm geht es darum, die Ostdeutschen zu verstehen, zu verteidigen, aber auch ihre Problemzonen zu thematisieren. Bereits seinen ersten Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» habe ich mit Gewinn gelesen. Darin schildert er, wie die Perspektivlosigkeit der Zukunft einen jungen Menschen in die rechtsextreme Jugendkultur abdriften lässt. Im zweiten Roman «Raumfahrer» wird eine Familiengeschichte der DDR spannend mit der Beziehung der Brüder Baselitz verwoben. Was passiert mit Erinnerungen nach jahrelangem Schweigen? An der BuchBasel 2021 begegnete mir ein sehr sympatischer, engagierter und kluger Mensch, der sich mit Problemen der deutschen Gesellschaft fundiert und offen auseinandersetzt. «Sanditz» übertrifft die beiden ersten Romane nicht nur an der Anzahl Seiten. Ich wünsche diesem Epos eine grosse Leserschaft!
der Bär
Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen. Schon sein Debütroman «Mit der Faust in die Welt schlagen» (2018) war ein Bestseller, der für das Kino verfilmt wurde. 2021 erschien der zweite Roman «Raumfahrer». Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gellert-Preis, dem Sächsischen Literaturpreis und dem Literaturpreis „Text & Sprache“.
LAUT wohin mit den lauten Stimmen die sich stapeln in einem Leben
OHNE DICH was bleibt in mir wenn ich vergesse dass du nicht geblieben bist
wenn nichts Bestand hat befallen wir uns
ihre Lippen aufgespritzt der Schmerz
einander die Worte nach Hause tragen
am Morgen neben mir liegt ein Gedanke
OHNE würde ich mich verlassen wenn ich wüsste wer ich bin ohne mich
AUSBLICK wenn ein Gedanke den Abschied berührt dann blicke ich nach vorn zurück
Falte um Falte das Leben rückwärts legen
manchmal ist er im Überfluss
ohne Obdach sein letztes Ich
ich will mich mit dir verkörpern
so unruhig schön dein Konjunktiv
am Sonntag das Leben frisch beziehen
zum Schluss auf der Haut etwas Mund
Sternhaufen so viel am Himmel so nichts von mir
Matthias Gysel wurde 1962 in Schaffhausen geboren. Von ihm erschienen sind bisher: «Laub und Haut» Haiku und Gedichte, «Eine Geigerin zupft den Regen» Mikrolyrik und «Unser Mond ertrinkt im See» Mikrolyrik, alle im Anton. G. Leitner Verlag, Deutschland. Seine Lyrik wurde u. a. in der Zeitschrift «Sommergras», in «Das Gedicht», Hrsg. Anton. G. Leitner Verlag und im Literaturmagazin «Wortschau» veröffentlicht.
Jahrzehnte nach dem Krieg kehrt Nelka an den Ort zurück, an den man sie als 16-jährige von Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine, in den Westen verschleppt hatte. Zurück auf ein Gut in Schleswig-Holstein, auf dem sie während dem Krieg Zwangsarbeit zu leisten hatte. Dorthin, wo sich ihre Vergangenheit unauslöschlich in ihre Seele eingegraben hatte.
Svenja Leiber erzählt nicht nur die Geschichte einer Zurückgekehrten, von einer, die nach etwas Verlorenem sucht. Sie erzählt auch von Marten, jenem Gutsverwalter, der während des Krieges mit aller Selbstverständlichkeit die Dienste dutzender Zwangsarbeiter in Anspruch nahm, um dem Plansoll der nationalsozialistischen Maschinerie zu genügen – und die eigene Tasche zu füllen. Svenja Leiber erzählt von einer jungen Frau, der man die Heimat nahm, die man in ein fremdes Leben steckte, über deren Leben man verfügte. Von einer alt gewordenen Frau, die an den Ort zurückkehrt, der sie maximal von ihrer Familie, ihrem Umfeld entfernte und ebenso maximal auf ihre eigene Existenz zurückwarf. Einen Ort, der ihr die Zeit nahm, an dem man sie zu brechen versuchte, an dem aus Menschen Material wurden. Svenja Leiber hätte aus dieser Geschichte, der Dramaturgie ihrer Inszenierung einen grossen Showdown machen können, den Rachefeldzug einer alten Frau, die Gerechtigkeit will. Aber Svenja Leiber erzählt eine ganz andere Geschichte.
Nelka muss noch einmal zurück, um sich zu verabschieden, um jener Zeit nachzuspüren, in der man ihr alles genommen hatte und zugleich eine Richtung gegeben, derer sie sich niemals mehr widersetzen konnte. Noch einmal zurück, um jenen Menschen zu gedenken, die sie zurücklassen musste, die ihr damals die Kraft schenkten, ihr eigenes Schicksal zu tragen. Jener Mann, der noch immer auf diesem Hof die Fäden zieht und dem Besuch der alt gewordenen Frau mit Argwohn und Befürchtungen entgegenschaut, ist für Nelka nicht das Ziel ihrer Reise. Aber Svenja Leiber schildert den Kampf, den sein Gewissen auszustehen hat, die Angst, mit der er sich seit den Briefen, die bei ihm eingetroffen sind, auseinandersetzen musste. Nichts ist vergessen, nichts ist ausgestanden.
… welche Frau musst nie ihren Körper einsetzen, um was zu bekommen. Das lernen wir ja als Erstes in dieser verdorbenen Welt. Sechs Zigaretten gab es.
Svenja Leiber «Nelka», Suhrkamp, 2026, 200 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-518-43276-1
Der Krieg tobt. Nelkas Vater ist Pomologe und führt seine Tochter schon früh in die Kunst des Obstbaus, der Veredelung ein. All die Namen der Apfelsorten werden zu einem Stück ihrer Welt, so wie Nelkas Familie all das ausmacht, was das grosse Mädchen in der Stadt zu ihrem Leben macht, in sich aufsaugt. Umso drastischer der Moment, als man sie dieser Welt entreisst, einer Familie, die ihr alles bedeutet, einer noch ganz zaghaften Liebe zu einem jungen Mann. Als man ihr von der Strasse weg ihr Leben nimmt und sie in einen Güterwagen steckt, in Durchgangslagern drangsaliert und sie die Willkür eines faschistischen Machtapparats an den Hof eines Grossbauern spült. Durch Zufall erfährt dieser vom Wissen der jungen Frau, jener Gutsverwalter, der in den Wirren des Krieges seinen Hof neu ausrichten muss, der mit der Fortdauer des Krieges genau spürt, dass das Tausendjährige Reich nicht so lange dauern wird, dass es eine Zeit nach dem Krieg geben muss.
Nelka wird von ihren Freundinnen, die sich auf dem Gut zu Tode schuften, weggeholt, in eine Kammer im Verwalterhaus. Dort ist sie nicht nur Martens Nachstellungen und Kontrolle ausgesetzt, sondern auch dem Misstrauen Martens Ehefrau. Nelka wird zur persönlichen Sklavin, jenen Herrenmenschen untertan, denen eine Ideologie der Menschenverachtung jedes Recht gibt. So wie der Obstbauer den Apfel veredelt, so edelt die Rassenlehre der Nazis den Menschen der Zukunft.
Für das Erinnern ist die Zeit gleichgültig, alles wird Bild. Aber es gibt Lücken. Und sie weiss, sie hat den Rand des Bildes noch nicht erreicht.
Nelkas Geschichte ist exemplarisch für die Millionen Menschen, die damals wie heute unter dem Zwang einer menschenverachtenden Ideologie Zwangsarbeit leisten müssen. Für die es keine Menschenrechte gibt. Svenja Leiber erfährt, dass Obstbäume in ihrer eigenen Heimat damals von „Ostarbeiterinnen“ gepflanzt wurden, von Zwangsarbeiterinnen, Verschleppten. Svenja Leiber gibt jenen Menschen und ihren Schicksalen ein Gesicht. Sie spürt nach. „Nelka“ ist mit dermassen viel Zartheit erzählt, Svenja Leibers Sprache zurückhaltend, einfühlend und glasklar, dass mich die Musik ihrer Sprache ebenso sehr berührt wie die Geschichte selbst. Keine Spur von Effekthascherei, dafür Zeugnis von Geschichte, die allzu schnell sprachlos macht. Grosse Literatur!
Interview
Wir leben überall in den Hinterlassenschaften der Geschichte. Jeder Quadratmeter, auch wenn dort „nichts“ steht, nichts direkt erinnert, ist von Geschichte durchdrungen, von Menschenschicksalen, die vergessen sind, manchmal einfach durch den Lauf der Zeit, manchmal aus purer Verdrängung. Ihnen haben die Obstbäume in ihrer Heimat eine Geschichte erzählt. Warum hören wir meistens nicht hin?
Ich kann an dieser Stelle nur mutmaßen. In meinem Fall nimmt das Hinhören zu, je umfangreicher mein historisches Wissen wird. Es muss eine Grundlage geben, die einen winzigen Hinweis, ein Detail, überhaupt als historisch relevant erkennbar macht. Gleichwohl ist die Kraft der Verdrängung in der Tätergeneration offenbar immens gewesen. In Anbetracht der Schrecklichkeit der Verbrechen im letzten Jahrhundert kann ich das sogar nachvollziehen. Immerhin, und darin liegt für mich auch ein gewisser Trost, ahnt der Mensch, welcher seine Taten verdrängt, im Grunde offenbar doch, dass es Unrecht war. Für mich ist es wichtig, auf diese tiefste Schicht in den Menschen doch weiterhin zu setzen.
Während des zweiten Weltkriegs funktionierte die deutsche Kriegsmaschinerie nur deshalb so lange reibungslos und effektiv, weil Millionen von Menschen gezwungen wurden, für ein menschenverachtendes Regime bis zur tödlichen Erschöpfung zu schuften. Etwas, was auch heute geschieht. Nelka hat überlebt und mit ihr die Kraft, an jenen Ort zurückzukehren, der ihr so viel genommen hat. Warum liegt ihr nichts an Rache?
Mein Gedanke war, dass sich Nelka mit einer wie auch immer gearteten Rache letztlich auf das Niveau ihres Unterdrückers begeben, und diesem «Drang nach Härte“*, der den Faschismus geprägt hat, Raum gegeben hätte. Sie will jedoch etwas anderes. Sie will Erinnerung, will die Hoheit über ihre eigene Geschichte zurück, und der Täter soll, indem er sich ebenfalls erinnert, diese Geschichte bezeugen. Es geht dabei um nichts weniger als um die Würde eines Lebens. In diesem Licht wäre Rache – Nelka weiß selbst in einem Moment des Romans, dass ihr Gegenüber diese Rache sogar erwartet – hinderlich.
Ist es nicht, wenn es denn überhaupt eine Aufgabe der Literatur gibt, Motivation vieler Schreibender, uns zur Erinnerung zu zwingen? Und ist es nicht fatalerweise so, dass genau jene unerreichbar bleiben, die Erinnerung dringend bräuchten? Wo bleibt das historische Bewusstsein jener, die unter wehenden Fahnen schreien?
Ich möchte niemanden zwingen. Ich wünsche mir eher, mit diesem Roman Menschen an einer Stelle zu erreichen, wo sie sich mit diesem jungen Menschen, Nelka, identifizieren oder jedenfalls gefühlsmäßig verbinden. Und im Grunde sogar auch mit dem Täter, Marten. Denn am Ende muss er einsehen, dass er sein kostbares Leben vielleicht vertan hat. Eine furchtbare Einsicht. Und das bedeutet auch, die rechten Schreienden dieser Tage schaden in erster Linie sich selbst… Ich bin aber der Ansicht, dass man ihnen, wo man aufeinandertrifft, immer weiter mit der Wahrheit über die Geschichte und die Fragen der Gegenwart entgegentreten muss. Denn ein Zug rechtsradikalen Denkens liegt im Hang zur Lüge. Die darf so nicht stehen bleiben.
Viele Szenarien in ihrem Buch erinnern mich an filmische Einstellungen. Emotionen in Cinemascope. Eine Kameraführung ganz nah an den ProtagonistInnen. Und doch in keiner Weise voyeuristisch. Vieles in ihrem Roman hat mit dem Gegensatzpaar Nähe/Distanz zu tun. Wie schafft es eine Person wie Nelka trotz allem ihre Mitte nicht zu verlieren?
Nelka ist als Figur ein Körper, der von den Strömen der kapitalistischen und libidinösen Ökonomie durchzogen ist, was beides Elemente des Faschismus waren und sind. In der Welt der damaligen Deutschen ist sie ein Objekt, ein „ Arbeitswesen“, ein Besitz. Sie wird zweifach begehrt, ökonomisch und sinnlich. Sie selbst kommt aber aus einer gänzlich anderen Welt, buchstäblich aus einem Garten, der, wenn man es genau liest, dem „Paradies» sehr nahe kommt. Ihre Mutter heißt Jeva… Was meine ich damit? Nelka bezieht ihre Resilienz aus dieser Herkunft, aus ihrer Erziehung, die von Liebe und Sanftmut geprägt war. Sie bezieht sie gleichsam aus der „Mitte“, aus dem Herzen. Nur so kann sie in extremen Momenten die Balance halten. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass viele der damals Verschleppten und Ausgebeuteten eine solche Herkunft gar nicht hatten. Ich dichte sie dieser Figur an, denn mir schien, ich habe die Verantwortung, das Maß an Leid, das ich ihr in dieser Geschichte ja zumuten muss, irgendwo auszugleichen und auch den Lesenden einen Ausweg anzubieten.
Erinnern ist ein Akt, der in ganz verschiedenen Tonlagen und Farbspektren geschehen kann. Sie beschreiben das an vielen Stellen. Nelka erinnert sich ein ganzes Leben an Yasha, die Projektion einer ersten grossen Liebe. Nelka erinnert sich auch jahrzehntelang an Marten, den Verwalter. Und an Margaryta und Schura, zwei Gefährtinnen, die mit ihr verschleppt wurden. Wie trifft man die richtigen Farben, den richtigen Ton? Muss man sich in die Tonart langsam hineinschreiben?
Tatsächlich lerne ich im Schreiben die Figuren ja selbst erst kennen. Ich denke sie mir nicht im Vorhinein aus, sie steigen eher langsam aus dem Material herauf, das ich angesammelt habe und das sich auch schon ein wenig in mir abgelagert hat. Und dann komme ich mit ihnen ins Gespräch, tatsächlich rede ich mit ihnen, oder lasse sie in meinem Kopf reden. Und ich gehe ihre Wege. Und irgendwann fange ich an, anderen Menschen z.B. von Nelka zu erzählen, als würde ich sie eben kennen. Dann weiß ich, sie ist da, sie hat Gestalt angenommen. Und jedes Mal begeistert mich dieser Moment, denn das ist unsere Sprache, das kann sie!
(*Eva von Redecker)
Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und verbrachte als Kind einige Zeit in Saudi-Arabien. Sie studierte Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte, debütierte 2005 mit dem Erzählungsband Büchsenlicht, 2010 folgte der Roman Schipino. Im Suhrkamp Verlag erschien 2014 Das letzte Land, 2018 Staub und 2021 Kazimira. Svenja Leiber lebt und arbeitet in Berlin und Schleswig-Holstein.
1949 auf Island. Elsa ist eine von knapp 300 Frauen, die die Trümmer ihrer Heimat Deutschland verliessen und sich auf der Insel eine Zukunft erhofften. Eine Zukunft auf den kargen Höfen der windgepeitschten Insel, einem Leben in vielfacher Fremde. Katrin Zipse schrieb mit „Moosland“ einen atmosphärisch dichten Roman darüber, dass Heimat nur in sich selbst zu finden ist.
Elsas Zukunftslosigkeit in den Jahren nach dem Krieg muss derart gross gewesen sein, dass sie einem Aufruf der isländischen Bauernpartei folgte. Sie liess sich verschiffen, um auf der Insel, auf der viele junge Frauen den amerikanischen Truppen mit dem Abzug in die Staaten gefolgt waren, einen Platz zurück im Leben zu finden. Auf dem Land herrschte akuter Mangel an heiratswilligen Frauen und das harte Leben auf den abgelegenen Höfen funktionierte in ihrer Tradition nicht ohne viele helfende Hände. In den Kriegsjahren waren auf der Insel 30000 GIs stationiert. Die Insel erfuhr mit der von den Amerikanern aufgebauten Infrastruktur in wenigen Jahren den Übergang von einer ganz rudimentären landwirtschaftlich orientierter Kultur in die Anfänge grosser Investitionen, gedeihender Fischindustrie und soldatischer «Dienstleistungen».
Was Elsa in ihrer Heimat zurückliess, waren Trümmer und Hoffnungslosigkeit. Was sie auf die Insel mitnahm, trug sie am Leib und einem Beutel mit sich und tief in ihrem Herzen das Trauma eines Krieges, das mit der Kapitulation Nazideutschlands im Mai 1945 noch lange nicht sein Ende gefunden hatte. Zusammen mit vielen anderen Frauen verteilte man sie bis in die entlegensten Winkel der rauen Insel. Auf den Höfen, zu denen nicht einmal Strassen führten, liessen sich die Frauen ohne Sprachkenntnisse und meist auch oft ohne Erfahrungen in der Landwirtschaft auf ein «Experiment» ein, bei dem es letztlich um alles oder nichts ging; Wer die Kraft hatte, sich auf Umstände einzulassen, die unverrückbar einen Neubeginn zum alles abgewinnenden Kraftakt machte, hatte die Chance auf einen Neubeginn, einen Restart. Auch wenn die Bauernfamilie dort die Anwesenheit der deutschen Arbeitskraft, die in den ersten Monaten kein Wort spricht, zur Geduldsprobe wird.
Katrin Zispe «Moosland», Dumont, 2026, 224 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-7558-1183-1
Elsa wächst nur langsam in die Familie hinein. In die Arbeiten, die man ihr gibt, schickt sie sich, auch wenn Bauer und Bäuerin nur schwer nachvollziehen können, warum das Leben bei ihnen so schwer sein sollte. Auch die beiden Brüder und der Knecht bleiben auf Distanz. Trotzdem spürt Elsa, dass auch diese Familie an ihrem Schicksal, ihrer Geschichte zu beissen hat. Elsa findet zufällig das Foto einer jungen Frau. Es muss eine Tochter gegeben haben, deren Name in der Familie niemals fällt. Gerda, ihre Freundin, die mit ihr auf dem Schiff nach Island war, lebt zwar auf der gleichen Insel, aber unerreichbar weit weg. Mit der Zeit treffen Briefe von Gerda ein, Lebenszeichen einer Nähe, die Elsa verloren glaubt.
Die Stille ist so gross, dass sie sie hören kann. Ein Rauschen, das nicht vom Meer kommt und nicht vom Wind. Das immer stärker anschwillt, bis es sie ganz umschliesst.
Zwei Welten treffen aufeinander, jede mit Hoffnungen. Dazwischen ein Raum ohne Sprache, ohne Gemeinsamkeiten, einer Stille, die oft nur Wind und Regen brechen, eine Landschaft fast ohne Kontur, ein nicht enden wollenden Winter. Und einer Welt, die in der Weite zu einer Winzigkeit zu schrumpfen droht. Da ist die Geschichte einer Verlorenen, die Geschichte von Traumata, über denen das Schweigen steht, Existenzen, die ums Überleben kämpfen, denen dieser Kampf zur Selbstverständlichkeit werden muss. Erzählt in einer Sprache, die zur Landschaft wird, die genau dem entspricht, was Imagination zum sinnlichen Erleben werden lässt. Es ist erstaunlich, wie sehr Katrin Zipse in ihr Personal, diesen Kampf, die Innenwelten, die Landschaft und die Traditionen der isländischen Bauern eintauchen kann. Es ist, als ob sich während des Lesens Kälte und Wind über meine Haut legen würden. Ein beeindruckendes Leseerlebnis!
Interview
Was interessiert eine deutsche Autorin an der Geschichte einer solchen Frau, dem Schicksal einer Vertriebenen, dem Leben in krasser Einfachheit gemessen am Leben in Island heute? Die Intensität ihres Romans lässt vermuten, dass sich dieser Stoff förmlich aufgedrängt haben musste? Wo lag die Initialzündung?
Die Initialzündung geht bis 2015 zurück, als in Deutschland sehr viele Geflüchtete aus Syrien ankamen. Ich habe damals ehrenamtlich in verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen Sprachkurse gegeben bzw. bei den Hausaufgaben geholfen. Wir hatten die Empfehlung, die Geflüchteten nicht auf ihre Erfahrungen zuhause und während der Flucht anzusprechen, um sie nicht zu retraumatisieren. Ich war unsicher, wie ich Kapitel im Lehrbuch, die sich mit Familie befassten, durchnehmen sollte, ohne womöglich an akute Verluste zu rühren. Ich wusste ja nicht, was sie durchgemacht hatten, ob sie zum Beispiel Familienmitglieder betrauerten. Und ich fand es schwierig, einzuschätzen, was ich beim Lernen erwarten konnte. Wie kann jemand mit freiem Kopf lernen, Neues in sich aufnehmen, wenn er damit beschäftigt ist, Vergangenes zu bearbeiten oder auch zu verdrängen? Es kam mir manchmal so herzlos vor, diese Erwartung an geflüchtete Menschen, sich zu integrieren, aktiv an einem Ankommen hier zu arbeiten, wenn sie so schwere Erfahrungen hinter sich hatten, für deren Bewältigung sie Zeit und ein gutes Umfeld gebraucht hätten.
Zeitgleich habe ich damals über Themen recherchiert, mit denen ich mich zusammen mit einer befreundeten Kollegin für ein Island-Stipendium bewerben konnte. Eher zufällig bin ich auf die deutschen Landarbeiterinnen gestoßen und dadurch entstand die Idee, zu versuchen, die Schwierigkeiten, die sich durch Migration und Integration, Aufbruch und Ankunft in der Fremde ergeben, aus umgekehrter Perspektive zu erzählen: von Deutschen, die sich in einem fremden Land zurechtfinden müssen.
Wir wollten ein Hörspielprojekt zu diesem Thema realisieren, weil es eine starke akustische Ebene hat. Wir haben ein Exposé geschrieben und tatsächlich ein Stipendium des Künstlerhauses Lukas in Ahrenshoop für Island bekommen. Doch als wir es antreten sollten, war meine Freundin zu krank geworden, um zu reisen und das Projekt weiterzuverfolgen. Ich bin dann allein nach Skagaströnd gefahren, aber unser gemeinsames Projekt wollte ich nicht ohne sie umsetzen, das wäre mir falsch vorgekommen. Deshalb habe ich mich entschieden, das Thema in einem Roman zu verarbeiten.
Sie haben sich dermassen nah an das Leben der isländischen Bauern nach dem 2. Weltkrieg geschrieben, dass man kaum glauben kann, dass es reine Imagination sein kann, blosses Hineinfühlen. Da ist so viel Bildhaftes, es riecht und duftet, so viel herausmodelliertes Detail. War das bloss Recherche oder noch viel mehr?
Es war sehr viel Recherche. Durch mein Stipendium war ich am Anfang meines Schreibprozesses einen ganzen Monat in Island, danach war ich noch mehrere Male dort, immer zu unterschiedlichen Jahreszeiten und immer in derselben Region. Die wichtigsten Eindrücke habe ich auf meinen langen Wanderungen gewonnen, und ich habe sehr viel von einer deutschen Schafbäuerin gelernt, die vor Jahrzehnten nach Island ausgewandert ist und sich ein enormes Wissen über das bäuerliche isländische Leben im letzten und vorletzten Jahrhundert angeeignet hat. Sie gibt dazu Bücher in ihrem eigenen Verlag, Alpha Umi, heraus. Darüber habe ich sie kennengelernt. Und ich hatte das große Glück, dass ich ihr während der Lammzeit helfen durfte. Das war eine unvergessliche Erfahrung, als ich zehn Tage mit ihr auf ihrem abgelegenen kleinen Hof in den Bergen gelebt habe und so eng mit den Schafen zu tun hatte. Sie fehlen mir seitdem richtig.
Außerdem gibt es tolle Freilichtmuseen in Island, die das Landleben optisch und zum Teil auch olfaktorisch nachvollziehbar machen. Die Torfhäuser haben immer noch einen ganz eigenen Geruch, genauso wie der Stockfisch, der dort ausgestellt ist. Und Island ist in Sachen Digitalisierung sehr weit. Ich konnte die Zeitschriften von 1949 online aufrufen und lesen, hatte Zugriff auf ein enormes Fotoarchiv und konnte sogar die Wetterbedingungen von jedem Tag des Jahres 1949 recherchieren.
Schon im Weggehen, auch wenn der Einsatz scheinbar befristet war, gab es kein Zurück. Wohin hätten sie gehen sollen? Zurück in ein zerbombtes Deutschland? Ein Leben ohne Zukunft mit der Last einer nicht zu tilgenden Vergangenheit? Heute gibt es diese Unausweichlichkeit fast nicht mehr. Aber sehr wohl die Faszination für einen radikalen Entschluss, das volle Risiko, den freien Fall. Sie beschreiben ein radikales Leben. Sowohl jenes der isländischen Bauern wie jenes der Frauen, die hofften, dort eine Chance auf Zukunft zu bekommen. Lieben sie das Unausweichliche? Ist das Schreiben das auch?
Als Autorin interessiere ich mich auf jeden Fall für radikale Lebensentwürfe, weil in ihnen so viel Dynamik steckt. Aber meine Protagonistin Elsa fasst keinen Plan für eine radikale Lebensveränderung. Sie wird da einfach hineingezogen. Mit Sola wäre sie in die USA ausgewandert, weil Sola das wollte. Mit Gerda geht sie nach Island, weil Gerda sie dafür anmeldet. Was an Elsa radikal ist, ist ihre Verlorenheit. Sie flieht vor den Verlusten, die sie erlitten hat. Sie kommt nicht damit zurecht, aber das Leben geht ja trotzdem weiter und muss irgendwie gelebt werden. Das ist ihre Ausgangssituation im Roman. Island als Fluchtpunkt fand ich für Elsa auch deshalb interessant, weil es von da aus erstmal nicht weitergehen kann. Ohne Schiff oder Flugzeug sitzt man auf der Insel fest. Und das ist für Elsa, die immer in Bewegung sein muss, um nicht von ihren Erinnerungen eingeholt zu werden, fast nicht auszuhalten.
Ich habe vor langer Zeit die Bücher von Halldor Laxness gelesen. Nach „Moosland“ werde ich wieder darin lesen. Liegt in der Faszination dieser Bilder nicht auch die Faszination der Einfachheit in einer immer komplexeren, komplizierteren Welt? Dass man sich jenes Leben mit all den Entbehrungen gar nicht mehr vorstellen kann?
Die Bücher von Halldor Laxness haben mir für meinen Roman sehr geholfen, auch die Romane von Jón Kalman Stefánsson – und die „Nonni“-Bücher von Jón Svensson, die ich schon als Kind verschlungen habe. Sie beschreiben ja alle auf sehr bildliche Art dieses aufs Wesentliche konzentrierte Leben.
Und ja, die Einfachheit in dieser ganz auf die Rhythmen der Natur und der Tiere ausgerichteten Welt hat auf jeden Fall etwas Faszinierendes in ihrer existenziellen Eindeutigkeit und Klarheit. Die Landschaft spiegelt das für mich auch, die baumlose Weite, die kahlen Bergketten, die leeren Strände. Das Detail fällt plötzlich ins Auge.
Ich würde aber sagen, in meinem Roman gibt es genau hier einen Bruch zwischen den Generationen. Die Elterngeneration lebt konsequent und klaglos mit dieser Einfachheit. Aber die Jüngeren sehen eine andere Perspektive für sich. Das verunsichert sie.
Wie irrig zu glauben, der letzte Weltkrieg sei im Mai 1945 zu Ende gewesen. Es gab Millionen, für die der Krieg nie vorbei war, die ein Leben lang leiden mussten, die das Leiden an ihre Kinder weitergaben. So wie der Krieg in Syrien noch lange nicht ausgestanden ist und es Generationen dauern wird, bis der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine beendet sein wird, wenn in nicht allzu ferner Zukunft ein Waffenstillstand beschlossen wird. Was Elsa alles aus dem Krieg mitschleppt, kristallisiert sich nur wage aus dem Beschriebenen. Wie weit mussten sie als Schöpferin dieser Geschichte Einzelheiten wissen, die mir verborgen bleiben?
Als Schöpferin der Geschichte weiß ich so gut wie alles über Elsa. Ich habe ein genaues Bild von ihrem Leben vor dem Krieg, während des Kriegs, in den ersten Nachkriegsjahren und vor allem auch von ihrer Zeit mit Sola, als sie zusammen durch Deutschland gewandert sind. Das brauche ich, um sie als komplexen Charakter zu spüren und zu wissen, wie sie in welcher Situation reagiert.
Aber wichtig für diesen Roman ist nur, was Elsa bereit ist zu offenbaren, bzw. was sie immer wieder als Bild oder Erinnerung überfällt. Die Geschichte dahinter kann der Leser oder die Leserin nur vermuten, so wie wir bei Menschen, die geflüchtet sind, oft auch nur vermuten können, was sie erlebt haben. Und jeder und jede ersetzt die Leerstellen durch eigene Bilder.
Das korrespondiert auch mit der Erfahrung meiner Generation: Wir sind mit Eltern aufgewachsen, die einen Großteil ihrer Kindheitserfahrungen im Krieg für sich behalten haben, und wenn sie erzählt haben, dann oft nur in stereotypen Narrativen. Weil es eben nur so schwer möglich ist, über schreckliche Erlebnisse zu berichten, die man tief in sich vergraben hat. Und dieses Verdrängte belastet natürlich auch die folgenden Generationen, die versuchen, die Lücken zu füllen.
Elsa wird in eine Familie hineingeworfen. Um zu verstehen, was dort wirklich geschieht, fehlt ihr die Sprache, zumindest am Anfang. Eine Art Aphasie. Leben wir nicht in einer Zeit gesellschaftlicher Aphasie?
Ich glaube, unser Problem ist weniger, dass wir nicht mehr reden, sondern dass wir verletzend und polemisch mit Sprache umgehen. Und dass in unserer Gesellschaft, die Bereitschaft und das Vermögen einander zuzuhören, immer weiter zurückgehen.
Katrin Zipse wurde in Stuttgart geboren und lebt als Autorin und Hörfunkredakteurin in Baden-Baden. Sie studierte Theaterwissenschaft und Deutsche Philologie an der FU Berlin und arbeitete mehrere Jahre am Theater. Im April 2019 war sie Stipendiatin des Künstlerhaus Ahrenshoop in der NES Artist Residency in Skagaströnd. Im Herbst 2019 hat ihr der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg ein Stipendium für «Moosland» zuerkannt.
Bușteni liegt etwas mehr als 130 Kilometer weg von der rumänischen Hauptstadt Bukarest, ein Urlaubsort in den Karpaten. Roxana und Camil treffen sich dort jedes Jahr, vor allem in den Sommermonaten, schliessen Freundschaft, erfahren Liebe, finden sich jedes Jahr, um sich jedes Jahr wieder zu verlieren.
Dana Grigorceas Roman ist eine zarte Liebesgeschichte. Ganz bestimmt jene zwischen Roxana, die mit ihrer grossen Familie jedes Jahr in der Sommerresidenz in Bușteni Ferien macht, und Camil, der in einem kleinen Ferienhaus auf der anderen Seite der Bahnlinie jeden Sommer seine Freundschaft zu ihr erneuert. Aber dieser Roman ist vor allem die Liebesgeschichte an einen Ort, einen Sehnsuchtsort, einen Sommerort, einen Ort der Freundschaft und an jene Zeit nach dem Zusammenbruch der rumänischen Diktatur. Bușteni ist nicht gross. Die Menschen, die sich dort in den Sommerwochen treffen, sind immer die gleichen. Man kennt sich. Und die Bahnhofstrasse, in der sich die Kinder der Familien treffen, auch jener, die das ganz Jahr über dort wohnen, zum El Dorado klassenfreier Freundschaften.
Nicolae Ceaușescu gibt es nicht mehr. Im Vakuum einer neuen Zeit scheint alles abgelegt, was die rumänische Gesellschaft während Jahrzehnten im Würgegriff hielt. Und weil sich Kinder in ihrer Verspieltheit nicht um die Wirren der Politik kümmern, höchstens um das grimmige Gesicht eines Nachbarn, einen bösen Hund und die Frau in der Nachbarschaft, die etwas von einer Hexe hat, spielt man Fussball oder das Erwachsensein, trifft man sich an der Bahnschranke oder streunt in den Wäldern herum. So auch Roxana und Camil, die sich schon früh geschwisterlich verbunden fühlen, die sich das ganze Jahr über auf die Wochen in Bușteni freuen, um dann, wenn es soweit ist und die Familie von Roxana einmal mehr von Bukarest nach Bușteni gefahren ist, mit Erleichterung feststellen, dass fast alles beim Alten geblieben ist, auch wenn sich der Wandel der Zeit bis in die Bahnhofstrasse einschleicht.
Dana Grigorcea «Tanzende Frau, blauer Hahn», Penguin, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-328-60440-2
„Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist auch eine Liebesgeschichte an eine Zeit, die Neunziger, in denen sich plötzlich alles zu öffnen schien. Eine Zeit, in der sich nicht nur Kinder auf der Strasse trafen, auch die Erwachsenen. Wo am Gartenzaun Gespräche geführt wurden, wo man in den langen Sommerferien ein Stück Freiheit geniessen konnte, Feste im Garten feierte und Gelegenheit genug hatte, sich die wildesten Geschichten hinter den Mensch auszudenken.
Dana Grigorcea erzählt von diesen Menschen an dieser Strasse, von den einen, von denen kaum etwas verborgen blieb und von jenen, die sich hinter Zäunen und Mauern versteckten. Sie erzählt die Geschichten, die zusammengehalten werden von Roxana und Camil. Einer Freundschaft, aus der eine zaghafte Liebe wird, die es aber trotz allem immer wieder wegzuwischen droht in der Unvermeidbarkeit von Distanzen und Missverständnissen. Die Liebesgeschichte an einer Zeit, die noch viel mehr der Zugewandtheit verschrieben war, als unsere Gegenwart, die von Technik immer mehr beherrscht wird. Einer Zeit der Unmittelbarkeit, der Leidenschaft, die sich Menschen gegenüber zeigt.
Dana Grigorceas Erzählton schwankt zwischen Melancholie und Sehnsucht. Mag sein, dass da auch etwas Verklärtheit mitschwingt. Aber Erinnerung verklärt immer, taucht Erlebtes in ein Licht, das sich ganz eigenartig an den Tatsachen bricht. Man wird seltsam erfasst von dieser Melancholie. Ein zartes, melodiöses Buch, das von genau diesen Strassen, den Wegen zwischen den Menschen erzählt. „Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist ein Fächer in dunklen Farben, ein Fächer der Liebe.
Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, sie ist Germanistin und Nederlandistin und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Zürich. Die Werke der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Ihr Roman «Die nicht sterben» wurde 2021 für den Deutschen Buchpreis nominiert und 2022 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Dana Grigorcea ist Trägerin des rumänischen Kulturverdienstordens im Rang einer Ritterin, 2026 ist sie Kuratorin des Münchner Literaturfests, das unter dem Motto «Freiheit» steht.
Glücklicherweise verstummt Christian Uetz nicht. Er bäumt sich in seinen Gedichten gegen das Verstummen auf, was angesichts der erschreckenden Gegenwart leicht nachzuvollziehen ist. Glücklicherweise tanzt der Sprachschamane weiter über die heisse Glut seiner Sprache, betörend, flehend, rauschhaft bis in die Exstase.
Zugegeben; weil ich den Dichter kenne, weil ich ihn immer wieder einmal erleben darf, weil er mich auf der „Bühne“ förmlich überkommt, weil mich seine Stimme begleitet, ist eine Auseinandersetzung mit seinen Texten wohl um einiges leichter, als wenn ich seinem neuen Gedichtband unvoreingenommen begegnen würde. Wenn ich lese, höre und sehe ich ihn. Er wirbelt um mich und zieht mich in einen Sog, als hätte seine Sprache die Kraft einer Windhose, die mich mitzieht, hineinzieht, die mich dreht bis mir schwindelt. Sein Sprachrausch wird zu meinem Leserausch – ein Zustand, in dem nicht das analytische Verstehen seiner Texte im Vordergrund steht, sondern jener Zustand der Sprachexstase, den Christian Uetz wie kaum ein anderer zu erzeugen weiss.
Ein Grab Europa. Ein Massengrab Geschichte. Begraben das Abendland, der Tage Gastfreundschaft, der Fremden Nähe in die Nacht. Verendet, sprachlos, im Klirren der Kriege, alles Menschliche, alle. Hinter der Kälte keine Nachfahren. Farnzeit wieder. Schuttgebirge. KrIstall.
Christian Uetz hadert und zweifelt, stemmt sich, bäumt sich auf, schmettert und wehrt sich mit allem gegen den Sog des Verstummens. In vier mal 20 Texten, Gedichten, die er sich wie Wimpel gesetzt auf die Speerspitzen seiner Versuche des Erwehrens gesetzt hat, Texte, die sich wie Konzentrate essaistischer Gedanken lesen, kreist Christian Uetz nie einfach um sich selbst, sondern um die Macht und die Kraft der Sprache, die wie noch nie im Strudel der Gegenwart als Waffe missbraucht und als Kampfmittel seine Betäubung entfalten soll.
Christian Uetz «Im Verstummen», Secession, 2025, 120 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-96639-140-5
Es geht ein Nichtsein durch die Welt. Wie leicht wird die Schwere, der Sprache Last! Ein Nichts waren wir, sind wir, werden wir bleiben. Das hast du gesagt. Aber Niemand hat dich gehört. Und ob es gehört wird oder nicht: es ist.
Christian Uetz stellt unentwegt Fragen, immer und immer wieder, ist kein Satter, kein Gesättigter, sondern ein ewig Hungriger, ein ewig Durstiger, für den Fragen allein schon ein erster Versuch der Antwort sind, ein erster Versuch des Zurechtfindens in einer Welt, die aus den Fugen bricht. Er richtet seine Texte, seine Gedichte an ein Du, personalisiert die Sprache, wendet sich an eine Macht, eine Kraft, einen Geist. Jenen Geist, den er braucht, um an all dem, was einem sprachlos macht, nicht zu zerbrechen.
Wenn du, tiefer atmend, inne wirst, dass der Wind, dich bewegendes Nichts, in dir wie außer dir weht, dein Geist, dröhnende Glocke der Gedanken im und um den Schädel steht, dein Leib, ein von wegen geringer Dinge verstimmtes Instrument, durch das Klang und Klage geht: Da singt, da sieht dich, schneeiges Nicht, deine Ohngestalt, sprachlos und lautlos und in die Nacht kaum kalt.
Er wirft seine Netze aus in die Atmosphäre, in der alles liegt, steht und wabert. Alles Gesagte und nie Ausgesprochene. Er holt die Netze ein und ordnet, sucht nach den langen Fäden und Bändern der Sprache, die wenigstens stückweise verraten, was sonst allzu schnell und leicht missverstanden oder gar nicht vernommen wird.
Nirgends bist du erbarmungsloser wahr als im Krieg, da du wahnsinnig fehlst. Nie ist dein Nichtsein tatsächlicher als in den Händen von Mördern. Der Mensch ist weltlich erst da am unerbittlichsten ein Gott, wo er als Monster die Möglichkeit zum massenmörderischen Krieg vollzieht und zum totalen Vernichter wird, zum Vollstrecker der absoluten Nichtigkeit des Lebens, das ein Haschen nach Wind. Und die immer weiter barbarischen Auslöschungen richten uns als Mördergrube in der Nacht des Erwachens von Angesicht zu Angesicht.
Christian Uetz nimmt wahrhaftig kein Blatt vor den Mund. Er formt es zu einem Horn und posaunt, was andere verstummen lässt. Seine Texte sind überdeutliche Statements. Es sind Anrufungen, Mahnungen, Wortspiele allen Ernstes. Christian Uetz malt Himmel und Hölle über dem Wort, das grosse Gewölbe, das sich aus der Sprache erhebt. Ein Prediger und Sprachseher, der überzeugen will, weil wir die Sprache schon lange nicht mehr ernst nehmen, ihr immer mehr misstrauen. Er reisst Fenster und Türen auf in Räume, die ich in ihren Dimensionen gar nicht erwarte, weil er die Spuren durch sein Denken als Textspur hinter sich her zieht, ein Schweif aus Sprachkraft.
Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach in der Ostschweiz, ist ein philosophischer Poet und lebt in Zürich. Nach einer Ausbildung zum Lehrer studierte er Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. Im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 1999 wurde Uetz der 3sat-Preis zuerkannt; 2000 der Schiller-Preis und Preis der Internationalen Bodensee-Konferenz; 2002 die Anerkennungsgabe der Stadt Zürich; 2005 der Förderpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft Berlin und der Thurgauer Kulturpreis. 2010 erhielt er den Bodensee-Literaturpreis für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk.
Wissen wir, woher wir kommen? Was bleibt von den Leben unserer Ahnen? Was wäre, wenn uns Dinge, die geblieben sind, ihre Geschichte erzählen könnten? Ruth Bollinger hat den Dingen gelauscht und eine Lebensgeschichte nacherzählt, die wie die meisten anderen sonst im Vergessen entschwunden wäre.
Woraus ist der Stoff, der uns erzählen lässt? Was Ruth Bollinger aus dem Leben ihrer Grossmutter Elsa geblieben ist, ist nicht viel; akurat eingeklebte Fotos in eine Handvoll Alben, ein paar Urkunden und Zettel in einer muffigen Schachtel, eine der Puppen, die ihre Grossmutter genäht hatte, als sie alt war und zum ersten Mal in ihrem langen Leben Zeit für „Unnötiges“ hatte. Aber was ihr ganz offensichtlich geblieben ist, ist die Kraft, die jene Frau ausstrahlte, der Respekt, den man der Frau entgegenbrachte, die Eigenständigkeit einer Frau, deren Leben so anders verlief als jene ihrer meisten Zeitgenossinnen; ein Leben an der Seite ihrer Männer, ein Leben der Angepassten, ein Leben der Hingabe an Pflichten und Traditionen.
Umso wichtiger, dass solche Leben erzählt werden. Noch viel besser, wenn sich mit Ruth Bollinger eine Erzählerin ans Schreiben macht, der es nicht darum geht, ein Leben mit ihrer eigenen Fantasie, mit Fiktion aufzupumpen. Sie zeigt am Leben ihrer Grossmutter, wie das 20. Jahrhundert mit all seinen Wirren, politischen Strömungen, Umwälzungen und Hoffnungen wirkte. Wie schwierig es war, für Frauen erst recht, einen Platz zu finden, all jene Hoffnungen Wirklichkeit werden zu lassen, die man jung wachsen liess und mit zunehmendem Alter vergessen musste. Ruth Bollinger erzählt mit viel Esprit, viel Einfühlungsvermögen und Bildern, die deutlich machen, wie sehr sich die Autorin in ihren Recherchen, ihrem Blick in die Zeit vertiefte.
Ruth Bollinger «Elsas Alben», Verlag am Platz, 2025, 285 Seiten, CHF ca. 32.70, ISBN 978-3-908609-20-9
Elsa Hoffmann liess als ganz junge Frau ihre tschechische Heimat hinter sich, um in Schaffhausen ihr Glück zu finden. Sie blieb in der kleinen Stadt am Rhein hängen, weil sich eine Zukunft in der Heimat unter der habsburgischen Krone und sozialistischer Gesinnung nicht abzeichnete. Sie lernt Karel kennen, einen Landsmann, der ihr den Hof macht, ein Leben in Sicherheit verspricht. Elsa lässt sich einwickeln, obwohl sie nicht die Liebe spürt, die es hätte sein sollen. Sie heiraten in der Fremde, beziehen eine einfache Wohnung, Karel wird in der Krise kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs arbeitslos und entpuppt sich im gemeinsamen Haushalt als cholerisches Ekel, das nicht akzeptieren kann, dass Elsa ihre Erfüllung nicht hinter dem Herd mit Schürze findet, sondern im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen, um die Rechte der Frauen, den Stellenwert von Familienarbeit, die Versorgung mit dem Allnotwendigsten. Ein Kampf, der auch heute noch immer nicht ausgestanden ist. Ein exemplarisches Leben einer Frau, die viel in Kauf nimmt in ihrem Willen, nicht einfach klein beizugeben.
Elsa erlebt den Krieg aus der Ferne, umso mehr die Angst um ihre Familie, den Tod ihres Bruders. Sie nimmt sich deren Kindern an, lässt sich von Karel scheiden, findet Anschluss in sozialistischen Zirkeln, engagiert sich tatkräftig, beteiligt sich an all den heftigen Diskussionen, die die Entwicklungen in der Sowjetunion auslösen. Sie lernt erneut einen Mann kennen, an dessen Seite es ihr nicht viel besser ergeht als an jener ihres ersten. Sie wird Mutter, dauernd in Sorge um ihre Existenz, nie die Überzeugung verlierend, dass es Gerechtigkeit geben muss, stets in Sorge um jenen Teil der Familie, der in der Heimat geblieben ist oder gar voller Enthusiasmus in die Sowjetunion gezogen war, um dort in einer neuen Ordnung eine Existenz aufzubauen.
Was Weltkriege und Wirtschaftskrisen nie sterben liessen, war Elsas Lebensmut. Als sie 1965 mit 72 Jahren all ihren Mut zusammennimmt, um ein letztes Mal in ihre Heimat zu reisen, ein einziges Mal mit dem Flugzeug, war es wieder ein Schritt gegen die Konvention. Aber die letzte Gelegenheit, um sich von ihrem permanenten Schmerz zu befreien.
Ein solide erzähltes Buch, fesselnd für all jene, die an Geschichte interessiert sind, die ein gewisses historisches Verständnis mitbringen. Ich hätte mir gewünscht, dass jene Passagen, die Stimmungen erzeugen sollen, dezenter eingesetzt worden wären. Vielleicht zu Gunsten einer stärkeren Einbettung in die Geschichte des Jahrhunderts. Ist es doch genau das, was immer mehr Menschen in der Gegenwart fehlt, die sich nur noch in den Sozialen Medien für den Blick in die Vergangenheit interessieren. Ein Blick, der immer mehr Wahrhafigkeit vermissen lässt.
Die Bilder in Elsas Alben werden mir bleiben!
Ruth Bollinger (1951) wuchs in Beringen SH auf und lebt heute in Luzern. Sie studierte Geschichte, Europäische Volksliteratur, Pädagogik und Allgemeines Staatsrecht an den Universitäten Zürich und Marburg (D). Bevor sie sich dem Schreiben widmete, war sie lange Zeit als Dekanatssekretärin an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich tätig.
Lea Frei ist eine freischaffende Illustratorin und Comicautorin aus der Schweiz mit Atelier in St.Gallen.
Eröffnung in der LokremiseLukas Bärfuss im Gespräch mit Nicola Steiner, musikalisch begleitet der Thurgauer Gitarrist Tobias EngelerDie Gassenhauer mit den SchauspielerInnen Diana Dengler (Emmi) und Marcus Schäfer (Günter) von Theater am Tisch und Peter Surber (Text)Fabio Andina mit seinem Roman «Sechzehn Monate» im Gespräch mit seiner Übersetzerin Karin Diemerling und dem Moderator Karsten RedmannNavid Kermani mit seinem Roman «Sommer 24» im Gespräch mit der Moderatorin Judith Zwick in der Lokremise St. GallenNavid KermaniBuchtaufe des Romans «Das Jahr des Kalks» von Laura Vogt mit Marc Jenny am Kontrabass, moderiert von Karsten RedmannMartina Clavadetscher mit ihrem preisgekrönten Roman «Der Schrecken der anderen» im Gespräch mit der Moderatorin und A*dS-Geschäftsführerin Cornelia MechlerSchlussveranstaltung mit dem Jonas Lüscher, seinem Roman «Verzauberte Vorbestimmung» und Paul Rechsteiner, Rechtsanwalt, Politiker und Gewerkschafter
Laut schallt seine Stimme über den Platz: «Qimits! Qimits! Kommt her! Versucht euer Glück! Wenn ihr schnell seid, dann werdet ihr reich!» Während der junge Mann sich mit der Linken das Mikrofon vor den Mund hält, legt seine Rechte mit rasender Geschwindigkeit Spielkarten auf dem Pflaster aus, manche verdeckt, andere mit der Bildseite nach oben. Dann zaubert er zwei silberne Suppenlöffel hervor und platziert sie neben den Karten auf dem Boden. «Wer tritt gegen mich an? Schaut her: Ich spiele mit einer Hand, Eure Chancen stehen gut!»
Ich weiß allerdings sehr genau, wie gut meine Chancen stehen, darum schau ich ihm lieber aus der Entfernung zu. Kokle («Löffel») heißt dieses Spiel, das Kartenglück mit Strategie und Geschicklichkeit verbindet. Es geht im Kern darum, im richtigen Moment einen Löffel zu ergreifen. Wer ohne Löffel zurückbleibt oder das Besteck zu früh berührt, hat verloren. Der richtige Moment wiederum hängt von den Karten ab, die man in der Hand hält – oder vorgibt, in der Hand zu halten. Es ist ein lautes, lustiges, lebendiges Spiel. Man kennt auf Lemusa zahlreiche Versionen mit eigenen Finessen, Hürden und Gemeinheiten. Meist spielt man Kokle im Rahmen von Partys oder Kindergeburtstagen, zum Vergnügen. Es soll jedoch auch Hinterzimmer geben, in denen Kokle um Geld gespielt wird. Ja, man hört sogar von professionellen Zockerinnen und Zockern, die von ihren Spielgewinnen leben können – allerdings nur bis zu einem gewissen Alter. Irgendwann lässt die Reaktionsgeschwindigkeit nach, ist man nicht mehr schnell genug.
«Mangoljie yo kokle», «manquer sa cuillère», «seinen Löffel verpassen», sagt man auf Lemusa, wenn jemand eine Gelegenheit ungenutzt vorbeiziehen lässt. Sicher kommt daher auch der lemusische Begriff koklax, der den richtigen Zeitpunkt für eine Unternehmung beschreibt. Und wenn sich jemand gar nicht wohlfühlt in seiner Haut, dann sagt man, er sei «ehan yo kokle», also «neben seinem Löffel».
Der junge Mann hat sein mobiles Casino auf dem Platz vor dem Sumaz-Supermarkt im Zentrum von Bouden eingerichtet. Vermutlich hofft er, die Kundinnen und Kunden nach ihrem Einkauf mit der Aussicht zu ködern, sie könnten das eben ausgegebene Geld mit etwas Geschick bei ihm ganz leicht wieder einspielen. Aber die Erwachsenen sind nicht interessiert. Vielleicht kennen sie zu viele Leute, die bei solchen Gelegenheiten schon Geld verloren haben. Oder man ist, mit einem schönen Oktopus im Einkaufskorb und einer Flasche Médioc unter dem Arm, schlicht nicht in der Stimmung, sein Glück auf die Probe zu stellen. «Kefa on pysgodin eni patell, swate posse binair echel», lautet ein lemusisches Sprichwort: «Hat man einen Fisch in der Pfanne, kann einem der Ozean egal sein». Das entspricht etwa der deutschen Redewendung: «Besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach».
Doch auch wenn die Erwachsenen auf Distanz bleiben, die Kinder sind von dem Mann mit dem Mikrofon magisch angezogen. Mit neugierig erregten Gesichtern stehen, kauern und hocken sie um ihn her. Sie würden noch so gerne spielen. Geld aber haben sie keins. Also kehrt der Kokle-Meister wieder und wieder zu denselben Gesten und denselben Lockrufen zurück, als sei er in einer Zeitschleife gefangen. Er kann nicht loslegen, denn dafür fehlen ihm die Gegner. Und er kann auch nicht aufhören, denn dafür hat er zu viele Zuschauer, zu viel Aufmerksamkeit. Und so findet sich der junge Mann, der hier tüchtig Kohle machen wollte, unfreiwillig in der Rolle des Kinderbetreuers wieder. Dass er dabei sein könnte, eine neue Bestimmung zu finden, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Viel eher dürfte er sich ganz schön «ehan yo kokle» fühlen.
Fast tut mir der Herr der Karten und Löffel ein wenig leid – auch wenn er ein Betrüger ist, der den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Doch da tritt entschiedenen Schrittes eine Polizistin mit knacksendem Funkgerät auf, fragt den Mann nach seinen Papieren, redet kurz und scharf auf ihn ein. Er sammelt seine Karten und Löffel, steckt das Mikrofon in seinen Rucksack, packt den Lautsprecher und geht davon, Erleichterung im Gesicht.
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Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.
Nach ausverkauften Wortlaut- und Tagespässen sowie drei bestens besuchten Festivaltagen endete am vergangenen Sonntagabend die 17. Ausgabe des Sankt Galler Literaturfestivals Wortlaut. Das Publikum strömte geradezu in die zahlreichen Veranstaltungen, fast alle waren ausverkauft, die Stimmung ausgezeichnet.
Die Zahl der Besucher:innen konnte in diesem Jahr abermals gesteigert werden. Die Einnahmen durch Eintritte lagen über den Erwartungen. Festivalleiterin Ariane Novel zeigt sich nach drei intensiven Tagen Literatur überaus zufrieden und zieht eine deutlich positive Bilanz: In diesem Jahr haben wir so viele Pässe verkauft wie noch nie. Fast alle Veranstaltungen waren ausverkauft. Auch das Atelier als neuer Veranstaltungsort wurde vom Publikum ganz wunderbar angenommen. Die Stimmung im Team und unter den Gästen hätte nicht besser sein können. Als OK fühlen wir uns in Konzept und Umsetzung sehr bestätigt. Besser hätte es nicht laufen können.
Bereits die Eröffnungsfeier am Freitagabend mit Lukas Bärfuss und Nicola Steiner war bestens besucht: Dem Publikum in der Lokremise bot sich eine erlebnisreiche Mischung aus eindrucksvoller Gitarrenmusik des Thurgauer Musikers Tobias Engeler und einem hoch konzentrierten Literaturgespräch. Bärfuss und Steiner gingen eingehend auf das Festivalmotto „über:setzen“ ein, unterhielten sich über das Verhältnis von Literatur zu Künstlicher Intelligenz und streiften en passant viele weitere Themen.
Wie die Jahre zuvor gab es auch 2026 einhelliges Lob für die Zusammenstellung des klug kuratierten Festivalprogramms. Das diesjährige Motto „über:setzen“ begeisterte die zahlreich in die jeweiligen Veranstaltungen strömenden Besucherinnen und Besucher.
Hier die Eindrücke von zwei zu Wortlaut 2026 eingeladenen Autorinnen:
Der viele Schnee am Sonntagmorgen hatte mich etwas überrascht und auch die Kälte. Umso wohltuender der warme Empfang am Wortlaut St. Gallen! Die Festivalstimmung, die mich sonst nur openair anspringt, durchzog die Hauptpost bis hoch in den dritten Stock. Allerorts Begeisterung und Hingabe für Literatur und Sprache, die man spüren und sehen konnte. Auch dieses Sichtbarmachen ist ein «über:setzen», eine Übersetzungsleistung!, und ich danke dem gesamten Festivalteam und allen Beteiligten dafür. Katinka Ruffieux, Autorin
Liebes Wortlaut-Team, es war mir eine Freude, Teil vom diesjährigen Wortlaut zu sein, vielen Dank! Ich habe das fröhliche Literaturtreiben in der Hauptpost sehr genossen, von der aufmerksamen Stimmung während der Lesung bis zum Kaffee-Cüpli-Kuchen Ausklang im Café St. Gall, inmitten vom Kommen und Gehen und Verweilen von anderen begeisterten Festivalbesucherinnen und -besuchern! Julia Sutter, Autorin
Der beliebte Gassenhauer mit den Schauspieler:innen Diana Dengler und Marcus Schäfer fand erneut in den Räumlichkeiten des Café St.Gall statt. Der Andrang war gewaltig, die Stimmung ausgelassen.
Die kleineren Gesprächsformate wurden ebenfalls sehr gut angenommen – Turmzimmer und Atelier stellten sich als ideale Orte dafür heraus. Der Poetry Slam in der Grabenhalle war mit rund 260 Besucher:innen sehr gut besucht.
Zur letzten Veranstaltung am Wortlaut-Sonntag mit Paul Rechsteiner und Jonas Lüscher strömten viele literaturinteressierte Gäste in den Raum für Literatur.