Hannah Häffner «Die Riesinnen», Penguin

Zwischen provinzieller Idylle und Engstirnigkeit, Fernweh und Verwurzelung schwankt Hannah Häffners Roman «Die Riesinnen». Anhand der Schlaufen, die die Protagonistinnen um ihr Dorf ziehen, wird gezeigt, dass man Heimat nicht findet, sondern sich selbst erschaffen muss.

Drei Frauen – aber nie ohne Männer
Gastrezension: Graziella Tarelli wurde 2002 im Kanton Uri geboren. Seit vier Jahren lebt sie in Basel und studiert Deutsche und Englische Literaturwissenschaft.

In Wittenmoos lebt eine Riesin. Lieselotte heisst sie und hat Haare wie Kupferwolle. Trotz ihres Aussenseiterinnendaseins hat sie sich im Dorfleben der 1960er eingeordnet, zumindest scheint es so. Verheiratet mit dem zukünftigen Chef-Metzger, der aber bald aus ihrem Leben verschwindet, und in Erwartung ihres ersten Kindes, träumt sie sich doch immer wieder aus Wittenmoos weg.

Cora ist ihr Spiegelbild – aber doch ganz anders als Liese. Die Tochter schafft, was die Mutter nie tat – sie verlässt das Dorf für die grosse weite Welt. Ihre Suche nach einer anderen Heimat endet jedoch jäh, als sie unerwartet schwanger wird. Damit landet sie wieder in Wittenmoos, wo sie sich nicht nur in ihrer neuen Mutterrolle zurechtfinden muss. 

Auch die dritte Riesin, Eva, zieht aus, nur um über Umwege wieder ins Dorf zurückzufinden. Anders als bei ihrer Mutter und Grossmutter geschieht diese Rückkehr mit voller Absicht. Gleichzeitig zeichnet sich an ihr die Veränderung im vermeintlich unveränderlichen Kaff ab.

Hannah Häfner «Die Riesinnen», Penguin, 2026, 416 Seiten, ISBN 978-3-328-60433-4

Nach drei Küstenkrimis setzt Hannah Häffner ihren vierten Roman in die Tiefen des Schwarzwalds. Doch ein altbekannter Krimi-Vorwurf hält sich auch hier: Das Personal des Romans hat einen leichten Hang zum Stereotypen – tratschende Hausfrauen und grobe, verschwiegene Männer. Auch die Handlungsstränge sind das, was man von einem Dorfroman erwartet. Deren Schablonenhaftigkeit führt oft dazu, dass Ereignisse in die Handlung hineingeworfen und wieder fallengelassen werden, um bis zum Ende unerklärt zu bleiben. 

Auch die drei Protagonistinnen sind innerlich eher knapp ausgearbeitet, was auch daran liegt, dass die Gespräche mehrheitlich paraphrasiert sind. Der Wandel ihrer Beziehungen zueinander wird so nur vom Text erzählt, ohne dass die Leser:innen sie selbst miterleben könnten. Ihre Ängste und Sorgen bezüglich des Lebens im Dorf sind präsent, weitere Persönlichkeitsaspekte fehlen jedoch, insbesondere bei Liese und Cora. 

Dies führt zum schwersten Defizit des Romans: Das „Drei-Generationen-Porträt grosser Frauen“, welches Doris Knecht, ebenfalls Autorin, auf dem Klappentext verspricht, hangelt sich konsequent an den Männern der Riesinnen entlang. Diese sollen wohl die inneren Entwicklungen der Protagonistinnen spiegeln, ersetzen sie aber tatsächlich komplett. 

So demonstriert Liese gegen den Bau eines Atomkraftwerks, eigentlich um zu schauen, ob die Demo sicher genug wäre für Cora. Aus dieser Aktion bleibt nur die Bekanntschaft mit Richard. Mit Cora spricht sie nicht über ihr Erlebnis, genauso wenig wie die beiden über Coras Erfahrung von sexualisierter Gewalt sprechen. Der Übergriff wird bloss nochmal aufgenommen, um Liese als mutige und starke Frau zu profilieren, die sich nicht davor scheut, den Lehrer für sein mangelndes Eingreifen anzuschreien. Dass sich ihre Mutter so für sie eingesetzt hat, erfährt Cora jedoch erst als Erwachsene. Ob dies nun Symptom der sich nur langsam erwärmenden Mutter-Tochter-Beziehung sein soll, bleibt unklar.

Auch Coras Interrail-Reise, auf der sie eigentlich eine neue Heimat finden wollte, beschreibt eher die verschiedenen Männer, die sie kennenlernt, als ihre Eindrücke von der Welt. Die besondere Verbindung zwischen Cora und ihrer Reisebekanntschaft Mette hingegen – eine Freundschaft, die allein schon deswegen nicht wankt, weil sie nicht mehr wegzudenken ist, seit sie begonnen hat – ist ebenso wenig greifbar wie die Beziehungen zwischen den Riesinnen untereinander.

Selbst Eva ist nicht vor dem Männerfokus gefeit. Sie zieht nach Stuttgart fürs Studium. Bevor wir erfahren, was sie überhaupt studiert, erzählt der Roman von ihren Verhältnissen mit drei verschiedenen Männern. Falls die Autorin damit ein Statement für sexuelle Selbstbestimmtheit machen wollte, geht dies am Ziel vorbei.

Zum Schluss findet der Roman doch nochmal neue Tiefe. Evas bewusste Rückkehr legt die biographischen Schlaufen frei, die alle drei Riesinnen um das Dorf im Zentrum ziehen. Die Leben der Frauen folgen einer ähnlichen Struktur, in der das Heimatgefühl erst durch das Schaffen eines eigenen Raumes eintritt. In dieser zyklischen Darstellung wirkt auch das Ende des Romans – eine vierte Riesin in Evas Bauch – nicht kitschig, sondern zart hoffend auf eine Zukunft, die für jede Generation Neues bereithält.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Hannah Häffner wurde 1985 in Heidelberg geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften begann sie, als Werbetexterin zu arbeiten und sich parallel dazu verstärkt dem Schreiben zu widmen. Heute lebt sie mit ihrer Familie als freie Texterin und Schriftstellerin in der Nähe von Stuttgart.

Beitragsbild © Tanja Kernweiss

Kerstin Hensel «Abendgruss», Luchterhand

„Zwei Erzählungen“ steht auf dem Cover zu Kerstin Hensels neustem Buch. Vielleicht wäre „Doppelroman“ eine bessere Bezeichnung. Auch wenn die beiden Geschichten in unterschiedlichen Zeiten angesiedelt sind, kreisen sie wie Doppelplaneten um den gleichen Kern.

Die eine Geschichte über Wolf Kohlmann, einen jungen Mann in der DDR, der in einer Chemiearbeiterdynastie gross wird. Auch er bleibt in seinem Beruf der Chemie treu, wird Fotograph, belichtet das, was seine Eltern in den Fabriken herstellten, was man dem Knaben und jungen Mann Fotoapparaten mit auf den Weg gab, an Feiertagen, zum Geburtstag, immer wieder einmal das neuste Modell aus DDR-Fabrikation, stolze Erzeugnisse sozialistischer Wertschöpfung. Ein junger Mann, der es nie schafft, im Leben und in der Gesellschaft Tritt zu fassen. Da ist ein Staat im Umbruch, ein System in den letzten Zügen, da fällt die Mauer und nichts ist mehr so, wie es einmal war – und mit Wolf Kohlmann passiert es einfach. Er sieht alles durch sein Okular, ein Blick der Dinge, der nie abbildet, was wirklich ist. So wie sein Blick auf die Welt. Einzige Bezugspunkte in seinem Leben nach dem Tod seiner Eltern sind der Armeearzt Baldur Uphoff, zu dem er sich mehr als freundschaftlich hingezogen fühlt und seine Schwester, die im Haus ihrer Eltern geblieben ist. Während die Bindung zu Baldur Uphoff ein Leben lang fluid bleibt, heftet sich die Schwester wie eine Klette an das Leben ihres Bruders. So sehr sie ihn an sich zu binden versucht, permanent ein schlechtes Gewissen einimpft, so unfähig bleibt sie bis ins Alter, am Leben ihres Bruders teilzunehmen, selbst dann, als sich wider Erwarten Erfolg einstellt und Wolf Kohlmann mit seinem stets etwas anderen Blick zu einem gefragten Künstler wird.

Kerstin Hensel «Abendgruss», Luchterhand, 2026, 3’4 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87772-3

Die andere Geschichte erzählt von Tillandsia Grütz, die ihr Leben in der Praxis ihrer Therapeutin auslegt. Sie erzählt ihr Leben, oder vielleicht das Leben, das eben nicht stattgefunden hat. Schon als Kind missverstanden, gesegnet mit einem unglücklichen Namen. Ihre Mutter, die ordentlich erfolgreich ein Blumengeschäft führt und sich der Hege und Pflege von Tillandsien verschrieben hat, Gewächsen, die auf anderen Gewächsen oder Felsen gedeihen, nicht mit dem eigentlichen Boden verwachsen sind. So wie Tillandsia Grütz, die sich schon als Kind, hochbegabt und von ihren Mitschülerinnen drangsaliert, in ihre ganz eigenen Forschungen stürzt, eine lange Reise nach den Wurzeln des Gähnens. Tillandsia Grütz ist fasziniert vom riesigen Maul des Flusspferds. Auch sie, in der Erzählung in der Gegenwart angesiedelt, ist eine nie Angekommene. Eine junge Frau, die ihre Existenz stets an die rätselhaftesten Figuren klebt, sei es den vier Jahrzehnte älteren ehemaligen Professor des Ingenieurswesens Nickel Hornschuh, zu dem sie eine mehr als toxische Beziehung pflegt, eine Freundschaft zwischen maximaler Anziehung  und immer wieder grassierender Abstossung. Der einzige, der ihr wirklich zur Seite steht, ist ihr schrulliger, lispelnder Wohngenosse, mit dem sie im Alkohol getränkt ein Kind zeugt und ihn damit verliert.

Zwei Leben, die nie ankommen, die aber auch beide nie wirklich reflektieren, was die Gründe sind, dass sie keine Wurzeln im Wirklichen finden, selbst Tillandsia Grütz auf der Couch bei ihrer Therapeutin nicht. Zwei Leben, die sich in Zwängen verwickeln, an denen der Strom des Lebens vorbeizieht, Zombies ihres Schicksals. Kerstin Hensel erzählt mit gekonnter Distanz, nie voyeuristisch, in seltsamer Lakonie. Wären die beiden Erzählungen Bilder, erinnern sie an Porträts in seltsamen Farben, leicht verzerrt, aus der Realität herausgerissen. Was ungemein überzeugt, ist die Leichtigkeit ihres Erzählens, grossartig gemalt, mit breitem Pinsel, mutig. Nicht zuletzt spüre ich als Leser, dass da jemand schreibt, dem es um weit mehr als um die Wiedergabe einer origniellen Geschichte geht. Kerstin Hensel komponiert Sprachmusik. Ich habe mich bezaubern lassen.

Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie am Institut für Literatur in Leipzig. Sie gilt als eine der vielseitigsten und einflussreichsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Werk umfasst Lyrik, Romane und Erzählungen. Sie unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Seit 2024 ist Kerstin Hensel Leiterin der Sektion Literatur der Akademie der Künste Berlin. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: der Lyrikband »Schleuderfigur« sowie der Roman »Regenbeins Farben«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.

Beitragsbild © Susanne Schleyer

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen

Manchmal werde ich gebeten, Lesetipps zu geben. Ich weiss kaum, wem ich „Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof empfehlen könnte. Kein Roman zur Entspannung oder Unterhaltung. Einer jener Romane, die um jeden Preis reiben und provozieren wollen. Und trotzdem faszinieren!

Schon der erste Teil ihrer auf sieben Bände angelegten Reihe schlug in ihrem Heimatland Dänemark ein wie eine Bombe. Zum einen, weil Dreh- und Angelpunkt dieser Serie jene Schifffahrtskatastrophe der Scandinavian Star war, bei der 1990 159 Passagiere bei einem Brand ihr Leben verloren. Damals stellte man fest, dass auf dem Schiff fast gleichzeitig mehrere Brände gelegt wurden. Wer Verursacher dieser Katastrophe war, ist noch immer ungeklärt. Kein Wunder, dass sich irgendwann auch die Literatur mit einer möglichen Variante einmischt. Dabei geht es Asta Olivia Nordenhof bei ihrem literarischen Grossprojekt keineswegs um eine Aufarbeitung und Rekonstruktion. Sie mischt Fakten und Fiktion und setzt nun mit dem zweiten Band zu einer allumfassenden Kritik an der Gesellschaft an. In einer Art und Weise, die wehtun will, die provoziert, die manchmal nur schwer auszuhalten ist. Asta Olivia Nordenhof tut schreibend alles, wovor sich die meisten hüten würden; schonungslos wütend, schmerzhaft grell und entblösend. 

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen, 2026, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-546-10104-2

Asta Olivia Nordenhof schreibt sich in eine Figur, deren Blick ebenso trocken und nüchtern auf sich selbst gerichtet ist, wie auf ihre unmittelbare Umgebung. Der Blick darüber hinaus ist der Blick auf eine Katastrophe, auf eine Gesellschaft, die sich ganz der Gier verschrieben hat, auf eine Gesellschaft, die sich einzig und allein der Bereicherung verschrieben hat, koste es was es wolle. Liebe ist bloss noch eine ferne Sehnsucht, allenfalls das kurze Glück des Moments. Der Mensch als Individuum ist alles, Mitmenschen kreisen nur noch um das Individuum. Selbst Liebe und Sexualität sind viel mehr Instrument, allerhöchstens Manifestation einer Verunsicherung.

Es ist die Zeit zwischen zwei Coronawellen. Olivia lernt unterwegs einen Mann kennen, von dem sie sich in London für zwei Wochen in dessen Wohnung einladen lässt. Warum nicht auf angenehme Weise aus einer Quarantäne zwei Wochen Zeit schaffen, in denen sie endlich jene Kurzgeschichte aufschreiben kann, die sie schon lange mit sich trägt. Zwei Wochen Zeit mit einem Mann in seinem luxuriösen Appartment hoch über der Stadt London. Mit einem Mann, von dem sie nichts weiss, an dem sie auch nichts interessiert. Zwei Wochen, in denen man Zweisamkeit spielt, Tisch und Bett teilt – und doch bleiben beide in ihrer vom anderen unberührten Bubble.

Olivia schreibet von ihrer Begegnung mit T., einem reichen Mann, der sie wenige Jahre zuvor als Prostituierte nicht bloss für ein paar Stunden kaufte, sondern gleich für eine unbestimmte Zeit, für eine nicht vorbestimmte Anzahl Tage, wie ein Stück einer Staffage. Olivia geht den Deal ein, so wie eine Fallschirmspringerin, die aus dem Flugzeug springt und nicht weiss, ob der Rucksack auf ihrem Rücken wirklich ein Fallschirm ist. Ihre Augen werden verbunden. Sie spürt, wie sie in ein Flugzeug geführt, in einem Hotel von ihren Augenbinden befreit wird. Der Mann legt ihr strickte Regeln auf, mit dem Versprechen, jederzeit aus dem Deal aussteigen zu können. Es beginnt eine Zeit im goldenen Käfig. Im gemeinsamen Bett liegt ein grosses Messer.

Im Roman wechselt sich Prosa und erzählende Lyrik, zwei Stimmen, zwei völlig verschiedene Atmosphären. Da schreibt eine zutiefst Verletzte, eine Versehrte, eine Verwundete, eine um den Glauben an das Gute Beraubte. Eine, die in eine Löwengrube geworfen wurde und sich nur mit spitzen Krallen und markerschütternden Verbalattacken zu wehren weiss. „Das Teufelsbuch“ liest sich wie die Stimme einer in den Wahn Getriebenen. Von unbändiger Kraft. Keine Ahnung, ob ich die Kraft habe, die fünf noch folgenden Bände zu lesen.

Asta Olivia Nordenhof tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Asta Olivia Nordenhof ist eine preisgekrönte Lyrikerin und Schriftstellerin. Ihr Roman, «Geld in der Tasche», wurde erstmals 2020 in Dänemark veröffentlicht und gewann den Literaturpreis der Europäischen Union sowie den PO-Enquist-Preis. Zudem wurde es für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Die Veröffentlichung sorgte international für Aufsehen, das Buch wird in sechzehn Sprachen erscheinen. Der zweite Band der Reihe, «Das Teufelsbuch», wurde in Dänemark sofort zum Bestseller.

Ursel Allenstein studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen von u. a. Sara Stridsberg, Johan Harstad und Tove Ditlevsen. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.

Beitragsbild © Albert Madsen

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt

Vielstimmig und empathisch: Lena Goreliks Roman «Alle meine Mütter» wagt eine konsequente Offenheit, die dem Thema Mutterschaft ja so guttut.

Es ist immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz
Gastrezension: Hannah Matter wurde 2003 in Basel geboren. Sie studiert Deutsche Philologie und Geschichte an der Universität Basel. 

Schon auf den ersten Seiten des Romans legt die Erzählerin ihre Karten offen auf den Tisch: Über den Text, den sie nun schreiben wird, weiss sie nur, «dass er Mütter versammeln soll und Nicht-Mütter, uns alle irgendwie, unsere Kinder, wie die Kinder, die wir nicht haben». Diese Offenheit ist programmatisch – und sie ist ehrlich. 

Hier sind sie also, alle ihre Mütter: Maschutka, die im sowjetischen Wartezimmer sitzt, um ihr Kind abzutreiben, als eine Kakerlake an ihr vorbeihuscht. Yara, die auch noch nach Jahren an den Fast-Badeunfall ihres Kindes zurückdenkt. Kurz ist sie als Frau sitzen geblieben, anstatt als Mutter Kian zum Pool zu folgen. Eine Geschichte, die für die anderen keine ist – sie ging schliesslich gut aus. Oder Jules, «ungewollt kinderlos», die sich tieftraurig durch die sozialen Medien scrollt und junge Familien bei ihren chaotischen Morgenritualen begleitet. Und Julia, die mit 17 das befreiende Wörtchen niemals sagt. Niemals möchte sie Kinder haben.  

«Alle meine Mütter» ist kein geradliniger Roman, das würde man bei Lena Gorelik auch nicht erwarten. Mosaikartig reiht sie eine Episode an die andere. Immer wieder schaltet sich ein Ich ein, das das Erzählte unterbricht, hinterfragt, öffnet: «Wie schreibe ich, ohne zu verletzen?» Etwa, wenn von Müttern die Rede ist, die unfreiwillig zu Expertinnen von Gendefekten und Nachteilsausgleichen werden. Die wissen, ihr Kind braucht sie besonders, vielleicht für immer.  

Dieses Ich hat keinen Namen, dürfte aber Lena Goreliks Ich sehr nahe sein. Es weiss, dass es sich selbst und die eigene Mutter nicht ausklammern kann, und so schiebt sich diese Mutter-Tochter-Geschichte zwischen die anderen Frauen, in einer Intimität und Ausführlichkeit, die sich Gorelik nur hier erlaubt.

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt, 272 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN: 978-3-498-00762-1

Das Verhältnis der beiden ist innig, auch wenn die Mutter Anne wenig von sich erzählt. Es ist eine Innigkeit, die die Erzählerin in der Vergangenheit manchmal fast erstickte und der sie bis heute ambivalent gegenübersteht: Fürchtet sie sich, nur Tochter zu sein, für immer ein Wir mit der Mutter – oder ist es, im Gegenteil, die Distanz, die trotz allem zwischen ihnen besteht? Und was wäre, wenn sie die eigene Mutter jenseits dieser Rolle kennenlernen könnte?

Erst als Anne krank wird, wird diese zu einem «eigenen Menschen, mit eigenen Schmerzen», die nichts mit ihrer Tochter zu tun haben.

Schmerz und Liebe liegen in dieser und den anderen Geschichten stets nahe beieinander. Einmal überlegt die Erzählerin, das soeben Geschriebene wieder zu löschen – es sei „immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz“. Glücklicherweise lässt sie es stehen.

Was die verschiedenen Episoden auch verbindet, ist die Erkenntnis, dass Muttersein nie im luftleeren Raum geschieht. So ist die Beziehung der Erzählerin zu ihrer Mutter durch die Migration der Familie geprägt. Dem Kind wurde früh bewusst, dass die Mutter nicht alles ist, nicht alles kann. Zum Beispiel kein Schwäbisch. 

Auch vielgehörte Weisheiten wirken auf das Muttersein ein: Mütter machen Milch mit Honig, vergessen Geburtsschmerzen, wissen instinktiv, was ihr Kind braucht. Mütter haben bereits die «grau verschmierten Umrisse auf dem Ultraschallbild zu lieben». Sie sind auch immer schuld. 

Vielstimmig erzählt Gorelik, wie Mutterschaft sein kann, mit und entgegen diesen Erwartungen. «Ich wollte über die gesellschaftlichen Bilder schreiben, die mir immer wieder begegnen», sagte die Autorin in einem Interview. Es ist spürbar, dass das Thema vor den einzelnen Geschichten da war. Sorgfältig geht sie alle durch, diese Mütter. Eine Aufgabe, die in Zeiten von Pro-Life und Tradwives besonders dringlich scheint.

Manchmal allerdings wirkt die Erzählung schwerfällig. Die Erzählerin reflektiert,  zweifelt, bricht wieder ab. Etwas mehr Vertrauen, dass die Leser*innen mitdenken und nicht alles ausbuchstabiert bekommen müssen, hätte dem Roman stellenweise gutgetan. 

Und doch: Es sind genau diese vielen Fragen und die offene Erzählform, die eine authentische Auseinandersetzung ermöglichen und verhindern, dass Mütter festgeschrieben werden. Mit grosser Empathie gelingt es Gorelik, viele von ihnen darzustellen und ernst zu nehmen. Viel Liebe und Schmerz steckt darin. Es ist kein leichtes Buch, aber das möchte es auch nicht sein.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman «Wer wir sind» und wurde begeistert besprochen. Regel­mässig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit. 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, 2026 mit dem Preis der Literaturhäuser

Beitragsbild © Thomas Dashuber

Anna Silber «Wie die Hasen», Picus

Paula wird schwanger, ungewollt. Bei Paulas Grossmutter wird Alzheimer diagnostiziert. Ausgerechnet bei ihr, die eine der letzten Zeitzeuginnen der „Mühlviertler Hasenjagd“ ist, einem Massaker an ausgebrochenen Häftlingen des KZs Mauthausen. Während ihre Grossmutter ins Schweigen sinkt, bäumt sich in Paula das Leben auf!

Paula ist Lehrerin, engagiert und endlich auf eigenen Füssen. Sie wohnt in Linz, nicht weit vom Hof ihrer Eltern und Grosseltern in unmittelbarer Nachbarschaft der Gedenkstätte des KZs Mauthausen. Ganz jung wurde dort ihre Grossmutter Zeugin der Flucht jener russischen Kriegsgefangenen, die man in den letzten Monaten des Krieges im KZ im Block 20 eingesperrt hatte, einem Todesblock. Mehrere hundert K-Häftlinge (Kugel-Häftlinge, die erschossen werden sollten, wenn sie nicht durch Hunger und Krankheit qualvoll sterben mussten) versuchten aus purer Verzweiflung einen Massenausbruch. Wer nicht die Kraft hatte, sich den Fliehenden anzuschliessen, wurde am 2. Februar 1945 von den überraschten Bewachern erschossen. Von den 500, die flohen, überlebten nicht einmal zwei Dutzend. Man jagte nach ihnen wie nach Hasen, durchkämmte Wälder und Dörfer, durchsuchte Häuser, Ställe und Scheunen. Wer jemanden versteckte, dem drohte selbst der Tod. Einer jener russischen Offiziere war Sergei. Irgendwann stand er in Fetzen und blanker Verzweiflung vor der Türe. Man versteckte ihn im Heuboden, wo er nur durch Zufall nicht gefunden wurde. Ein Progrom, ein Massaker, das sich tief ins Bewusstsein der Familie eingefressen hat. Ein Bewusstsein, mit dem aber jeder in der Bauernfamilie Reisinger ganz unterschiedlich umgeht. Eine Greueltat, mit der die Einwohner des kleinen Ortes auch 70 Jahre später immer noch zu kämpfen haben, nicht zuletzt mit ihrer Unentschlossenheit, gegen das Vergessen einen Gedenkort einzurichten.

„…Wie wenn vom Wegschauen irgendwann einmal was besser g’worden wär in der Welt.“

Anna Silber «Wie die Hasen», Picus, 2026, 360 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-7117-2171-6

Paulas Grossmutter wird immer wieder als eine der letzten Zeitzeuginnen eingeladen und für ihre Art des Erinnerns ausgezeichnet. Sie hat nie geschwiegen, so ganz anders wie Paulas Mutter, die viel lieber endlich den Mantel des Vergessens über die Vergangenheit gelegt hätte. Paula fühlt sich in ganz besonderer Weise zu ihrer Grossmutter hingezogen, einer schollenbewussten Frau, die nicht nur den Widrigkeiten von Vergangenheit und Gegenwart trotzt, sondern auch den innerfamiliären Spannungen. Sie bleibt ein Fels, gibt Paula das, was sie an Familie braucht. Erst recht jetzt, wo in ihr ein neues Leben wächst, das sie allein zur Welt bringen muss. Erst recht jetzt, wo sich mit nicht mehr zu leugnenden Kleinigkeiten, Verwirrungen und Verunsicherung eine Ahnung in das sensible Familiegefüge schleicht, das alles auseinanderzubrechen droht. Und als Ahnung zur Gewissheit wird, die Betreuung, die Kontrolle der Grossmutter immer schwieriger werden, als eine Ärztin bei Paula eine Herzinsuffizienz diagnostiziert und Paula mahnt, jegliche Aufregung während der Schwangerschaft zu vermeiden, wird die Situation immer schwieriger.

„Wenn alle Angst haben, dann rührt sich keiner, oder fast keiner. Dann wird das, was man davor für unmöglich gehalten hat, auf einmal ganz schnell normal.“

Paula wird aus allen ihren Sicherheiten herausgerissen, ihren Selbstverständlichkeiten. Eine ungeplante Schwangerschaft, Herzprobleme, die Rückkehr in ihr Eltern- und Grosselternhaus, ihr Kinderzimmer, zurück in den „Schoss“ einer Familie, die mit Grossmutters Diagnose Alzheimer so unterschiedlich umgeht wie mit den Erinnerungen dieser, die immer deutlicher durch den Schleier des Vergessens durchbrechen; die Erinnerungen an Sergei, an ihre schon lange verstorbene Schwester Katherl, an den Krieg, die SS, die Nazis. Für Paula war ihre Grossmutter der Fels in allen Unsicherheiten, jene, die ihr stets zu helfen wusste. Mit einem Mal ist es Paula, die die Sicherheit geben muss, ihrer Grossmutter und dem Kind unter ihrem Herzen.

Damals waren es die Ausgebrochenen, die man wie die Hasen jagte. Heute sind es jene, die sich unter den drohend schwarzen Wolken wegducken, nicht sehen wollen, sich im Privaten verkriechen, sich dem nicht stellen wollen, was nur durch Erinnerung und Konfrontation zu stemmen ist. Anna Silber erzählt in einer archaischen Sprache, direkt und sinnlich. Während die Geister der Vergangenheit nicht schweigen wollen, versinkt ausgerechnet jenes Leben, das sich stets der Erinnerung, dem Nicht-Vergessen-Wollen, zuwandte. Während im Bauch der Erzählerin ein Kind wächst, ihr Herz aus dem Takt gerät, wandelt sich die Perspektive auf das Leben grundlegend. Nebst eindringlicher Familiengeschichte und prägnanter Auseinandersetzung mit einem Stück Vergangenheit des Schreckens, das bis in die Gegenwart wirkt, ist „Wie die Hasen“ spannend bis zur letzten Zeile!

Anna Silber wurde 1995 in Mödling geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie studierte Transkulturelle Kommunikation und Internationale Betriebswirtschaft. Zahlreiche Förder- und Nachwuchspreise. Ihr Debütroman «Chopinhof-Blues» erschien 2022 im Picus Verlag, 2023 «Das Meer von unten».

Mühlviertler Hasenjagd

Beitragsbild © Paul Feuersänger

Ahojana 5 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus der Réserve du Forlys von Owida N. Woiax

Der Kessel pfeift und zittert, Wasser schwappt aus dem Ausguss und läuft dem Emaille entlang unter den Topf, wo es in der Gasflamme knisternd verpufft. Atika hat es nicht eilig. Mit ruhigen Bewegungen stellt sie den Filter auf die Aluminiumkanne, legt ein Papier ein, misst drei Löffel Pulver ab. Erst dann hebt sie den Kessel vom Herd und gießt mit einer sorgfältigen Achterbewegung den Kaffee auf, die Linke entspannt in der Tasche ihrer Jeans. Röstaromen verbreiten sich in der Küche, verdrillen sich mit den milchigen Strahlen der Morgensonne, die waagrecht den Raum durchstoßen.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Aber Atika lässt mir keine Wahl. «Erst trinken wir einen kawaien [«Käffchen»], dann zeige ich Ihnen, wie Sie hier wieder rauskommen», hatte sie gesagt, während sie das Seil vom Bug meines Kajaks an ihrem Landungssteg festzurrte. Ich war früh am Morgen von der Anlegestelle bei der Busstation im Norden des Naturschutzgebietes losgepaddelt und hatte bald schon die Orientierung verloren in dem Gewirr aus Kanälen, Flussläufen und Tümpeln. Auch mein Telefon half mir nicht weiter. Auf dem Bildschirm sah ich zwar genau, wo ich selbst mich befand und wo mein Auto stehen musste, nur, wie ich zurück zu dem Parkplatz finden könnte, verriet mir die Karte nicht. Der Lindj Forlys ist kein See, wie man vom Namen her erwarten würde (lindj ist das lemusische Wort für «See»), sondern eher ein riesiges Feuchtgebiet mit zahllosen Wasserwegen und Inselchen, die auf meinem Plan nur sehr summarisch eingezeichnet waren. Immer wieder ruderte ich in Kanäle hinein, die zwar in die richtige Richtung führten, jedoch plötzlich endeten oder einen Bogen machten, der mich wieder von meinem Ziel entfernte.
Und dann entdeckte ich das grüne Holzhäuschen. Es stand ein paar Meter vom Ufer entfernt unter Birken und Weiden. Das Dach war dicht mit Blättern und Zweigen bestreut. Zu dem kleinen Gebäude gehörte ein Steg und auf den grau-morschen Brettern stand eine junge Frau in einem leuchtend orangen Shirt und winkte mir zu.
«Haben Sie sich verfahren?», fragte sie und fügte, ohne mir Raum für eine Antwort zu lassen, gleich ihre Einladung an: «Kommen Sie! Wir trinken einen kleinen Kaffee bei mir im Haus, danach zeige ich Ihnen den Weg hier raus.»
«Das ist sehr freundlich von Ihnen, danke für das Angebot. Aber ich sollte eigentlich möglichst bald weiterfahren. Man erwartet mich heute noch im Kloster von Maioli.»
«Haben Sie mich nicht gehört? Wir trinken einen Kaffe und dann führe ich sie zur Straße zurück», erwiderte sie mit einem nachsichtigen Lächeln, als hätte ich etwas völlig Unsinniges gesagt. Gleichzeitig packte sie die Leine, die auf dem Bug meines Kajaks aufgerollt lag, zog mein Boot mit einem entschiedenen Ruck in Richtung Ufer und machte es an ihrem Steg fest. Es ist mir ein Rätsel, wie das Tau plötzlich in ihre Hand gelangen konnte. Ich war sicher noch zwei Meter vom Ufer entfernt, als sie es ergriff.
«Entschuldigung, aber ich müsste wirklich los», beteuerte ich erneut und blieb trotzig in meinem Bötchen sitzen. Doch sie streckte die Hand aus: «Ich heiße Atika. Herzlich willkommen!» Und auf einmal stand ich neben ihr an Land.
Ich will jetzt eigentlich keinen Kaffee. Es muss schon Mittag sein und also muss ich aufpassen mit dem Koffein. Mittag, genau, das sagt auch meine Uhr. Nur, warum scheint die Sonne dann horizontal in den Raum? Atika gießt immer noch Wasser in den Filter. Die Kanne müsste längst überlaufen. Und auch die Gasflamme rischelt weiter, als verbrenne immer noch Wasser in ihr.
Die Réserve du Forlys ist ein Labyrinth, in dem sich offenbar nicht nur der Mensch verirrt, sondern auch die Zeit. Gut, dass mir Atika den Weg hier raus zeigen wird. Nach dem Käffchen, versteht sich.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

Ahojana 1

Ahojana 2

Ahojana 3

Ahojana 4

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne – zu «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss (29)

Kein Mensch ist eine Insel, aber die Mutter-Kind-Beziehung macht aus zwei Menschen ein einsames, anderen Menschen unzulängliches Archipel. Es gibt keine Fähre, keine Freiheit.

Lieber Bär

Du hast mir geschrieben, dass du den neuen Bärfuss gelesen hast. Ich bin neugierig auf deine Leseeindrücke, was mit dir während des Lesens passiert ist, wie gross der Nachhall des Buches ist. Zumal Lukas Bärfuss mit dem Buch einiges riskiert hat, nicht zuletzt die Festigung seines Nimbus, das Bild von einem, der es „trotz allem geschafft hat“, eines Literaten, Denkers und Gesellschaftskritikers, der nicht aus den Grossküchen des Kultur- und Bildungswesens entsprang.

Eine Mutter haben wir alle. Auch dann, wenn sie nicht mehr lebt. Auch dann, wenn wir nicht geliebt wurden. Auch dann, wenn man alleine gelassen wurde. Erst recht dann, wenn sie uns über ihren Tod hinaus nicht loslässt. Warum schreibt Lukas Bärfuss über seine Mutter? Nur weil da schon ein Vater- und ein Bruderbuch ist? Lukas Bärfuss hat eine Mutter, hat sie noch immer, so wie jeder eine Mutter hat, die man mit sich trägt, ob im Guten oder im Schlechten, über den Tod hinaus. Mütter lassen sich nicht abstreifen, nicht einmal Väter. Nicht nur weil sie sich genetisch eingeschrieben haben, nicht nur, weil wir wissen, dass wir viel von ihnen in uns weitertragen, nicht nur weil es mich nicht ohne sie gibt, sondern weil sie mit ihrem Tun und Lassen unser Leben beeinflussen. Eine einstige Liebe lässt sich auslöschen, bis zur Verleumdung. Eine Mutter nie.

Meine Mutter war eine schwarze Sonne, ein unsichtbares Gestirn, das mich aus grosser Ferne in einer seltsamen Bahn hielt. Sie hatte mich geprägt; und wie ein Stempel definiert ist durch das, was aus der Vorlage geschnitten wurde, war alles, was ich tat und schrieb und dachte, gezeichnet von ihrem Fehlen.

Lukas Bärfuss hat das Buch nicht geschrieben, um sich vor aller Augen an ihr abzuarbeiten. „Königin der Nacht“ ist kein Roman, auch keine Fiktion, aber auch kein Stück Autobiographie. Lukas Bärfuss schreibt über seine Mutter, nur dann über sich selbst, wenn er damit auch von seiner Mutter erzählt. Es ist kein Abarbeiten, keine Abrechnung und schon gar keine Anklage, sondern das Porträt jener Frau, die ihn geboren, aber nie gewollt hat, die stolz auf ihn sein konnte und ihn trotzdem nie zu lieben vermochte. Lukas Bärfuss ist mittlerweile selber Vater. Und ganz offensichtlich zwang ihn vieles, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Warum war seine Mutter jene Frau, die sie geworden war? Warum zementierte die Gesellschaft ihre Randständigkeit? Warum dieser Drang seiner Mutter, sich nicht binden, nicht festlegen zu wollen? Warum scheint es in unserer Gesellschaft, in der reichen Schweiz noch immer Fallgruben zu geben, in denen all jene abzustürzen drohen, die in kein Muster passen?

Ein faszinierend ehrliches Buch. Ein Buch, das zum Nachdenken zwingt.

Liebe Grüsse

Gallus

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Lieber Gallus

Was für ein Buch! Nach der Lektüre bin ich aufgewühlt, erstaunt und betroffen. Es fällt mir schwer, darüber zu schreiben. Es ist ein sehr persönliches Buch mit vielen Fragen und Gesellschaftskritik. Es regt an zu Diskussionen über unsere Prägung durch unsere Mütter, aber auch, wie Gesellschaft und Politik Muttersein fördern oder beeinträchtigen.

Wir bezahlten einen Preis für dieses Überleben in einer eugenischen Gesellschaft, die uns an der Produktivität mass, nicht an Gefühlen, nicht an der Liebe, nicht an der Tiefe unserer Verbindung.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Ohne Selbstmitleid und ohne Anklage erzählt Lukas Bärfuss, wie er mit 15 Jahren von der Mutter auf die Strasse gestellt wurde. Er hat sich damals in Armut und unter schwierigen Umständen behauptet, sich im Selbststudium gebildet und ist ein bedeutender Schriftsteller geworden. Er ist versöhnt mit seinem Schicksal und ohne Groll gegen seine Mutter.

Seine Mutter hatte weder Geld noch Bildung, um sich aus der existentiellen Not herauszuschaffen, aber Selbstbewusstsein und Stolz. Sie gehörte zu einer Schicht mit Wurzeln im fahrenden Volk, das damals zusammen mit psychisch Kranken und anderweitig Beeinträchtigten als Unwerte galt. Das zeigte sich auch, als ausgerechnet Auguste Forel, Psychiater und Forscher, mit einer Ameise auf der damaligen Tausender Note erschien, der folgendes sagte: In unserer eigenen arischen Rasse sind die Individuen ausserordentlich verschieden, und zwar nicht nur, wie vielfach geglaubt wird, infolge ihrer Erziehung, sondern vor allem in Bezug auf ihre erblichen Anlagen… Mit solchen Ideen im Kopf kam Forel auf die Idee, jene Unwerten zu hindern, Kinder zu zeugen… Die sexuelle Energie als soziale Gefahr.

Dieses authentische Buch wird mich weiter beschäftigen: Was prägt uns? Welche Rollen spielen Mütter, welche die Erziehung, welche gesellschaftlich bestimmte Normen? Welche anderen Faktoren beeinflussen uns, dass wir werden, was uns ausmacht.

Ich bin Lukas Bärfuss für seine Offenheit und seinen Mut sehr dankbar und wünsche der «Königin der Nacht» eine grosse Leserschaft.

Herzlich

Bär

© Stefano de Marchi

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun (Schweiz), ist Dramatiker und Romancier, Essayist und Dramaturg. Seine Stücke werden weltweit gespielt, seine Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. 2003 wurde er für «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» als bester Nachwuchsdramatiker ausgezeichnet und bekam 2005 den Mülheimer Dramatikerpreis für «Der Bus». Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Berliner Literaturpreis (2013), den Schweizer Buchpreis (für «Koala», 2014), den Nicolas-Born-Preis (2015). Mit «Hagard» stand er 2017 auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse. 2019 wurde Lukas Bärfuss mit dem Georg- Büchner-Preis ausgezeichnet. 2019 erschien «Malinois. Erzählungen», 2021 der Essayband «Die Krone der Schöpfung». Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich.

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», die brotsuppe

Francesco Micieli war einer der ersten, der sich literarisch mit dem Schicksal der Kinder von italienischen «GastarbeiterInnen» auseinandersetzte. 40 Jahre nach seinem Debüt ist «Über das Gras gehen» eine überaus poetische Erzählung über ein Trauma, das bis in die Gegenwart immer und immer wieder durchlebt werden muss.

„Über das Gras gehen“ mag autobiographische Elemente in sich tragen, Francesco Micieli kam als Knabe in die Schweiz zu seinen Eltern. Aber der Autor entfernt sich in seiner Erzählung ganz deutlich von realen Eindrücken hin zu einer sehr stimmungsvollen, kindlichen Wahrnehmung, in der Träume, Fantasien, Geschichten und Märchen das eigene Empfinden durchmischen. Da schreibt kein älterer Mann aus der Sicht eines Kindes. Francesco Micieli gelingt, was in der Literatur nur ganz selten in dieser Tiefe und Intensität gelingt; da schreibt sich jemand in die Seele, er transformiert sich schreibend. Dabei geht es Francesco Micieli nicht darum, die Reise vom Süden, von der Heimat bei den Grosseltern, in den Norden zu den fremd gewordenen Eltern zu erzählen, eine Reise zu rapportieren. Seine Kamerafahrt ist nicht die eines Betrachters, eines Sich-Erinnernden, nicht einmal der Blick durch das Kind, die Wahrnehmung dieses Jungen, der alleine im Zug nach Norden sitzt, sondern dieses fluide Etwas, die Seele jenes Jungen, die inneren Bilder, die sich der Junge auf der langen Reise macht, die ihn überkommen, die ihn im gleichmässigen Rattern des Zuges wegtragen, einlullen durch die immer wechselnden Gegenüber im Abteil.

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», Verlag die brotsuppe, 2026, 100 Seiten, CHF ca. 24.99, ISBN 978-3-03867-120-6

Odi wohnte die ersten Jahre seines Lebens in Italien, in Süditalien, bei seinen Grosseltern. Er musste Abschied nehmen, wurde in den Zug in den Norden gesetzt, ohne dass man ihn gefragt hätte. Eine Reise zu seinen Eltern, die er kaum kennt, die ihm fremd sind. Eine lange Reise im Zug, allein, sich selbst überlassen, in einer Mischung aus Angst, Rückzug und Hypersensibilität. Er weiss, dass es ein langer Abschied ist von der Welt, die er kennt, hinein in eine Welt, in der er nichts und niemanden kennt. Es war das Schicksal vieler Kinder, von Eltern, die ihr Glück als „GastarbeiterInnen“ im Norden, in der Schweiz suchten und ihre Kinder erst dann nachreisen liessen, wenn es das neue Leben im Norden erlaubt, zumindest finanziell. Aber „Über das Gras gehen“ widmet sich allen Kindern, denen ähnliches Schicksal widerfährt. So steht der Erzählung vorangestellt; Für die Kinder, deren Reise wegen Krieg, Armut und Hungersnot weg von den Eltern geht. Micieli trägt ein Trauma mit sich, auch wenn es überwunden und schreibend verarbeitet ist. Schon 1986 trug Francesco Micielis Debüt den Titel „Ich weiss nur, dass mein Vater große Hände hat. Tagebuch eines Kindes.“

Es ist der Blick zurück in die Welt zusammen mit seinen Grosseltern, jene Welt, die bisher seine Welt ausmachte. Eine Welt aus Wärme und Liebe, aus tiefen Empfindungen und dem absoluten Gefühl der Geborgenheit. Es ist das Herausgerissen-sein, die Verstörung, die Versuche eines Kindes, die Welt neu zu ordnen, während vor den Fenstern des Zuges die Landschaft vorbeirast und die Menschen im Sechserabteil des Zuges dauernd wechseln. Es ist eine Erzählung des Übergangs, der Überfahrt, über das Realistische hinaus in den permanenten Versuch, das Erlebte neu einzuordnen.

„Über das Gras gehen“ ist ein literarisches Konzentrat, Grund genug, all jene Bücher des Autors in meinen Regalen noch einmal zur Hand zu nehmen. Eine Erzählung, die derart viel Wärme, so viel Hoffnung ausstrahlt, dass sie zu Liebkosung wird.

Interview

Immer mehr werden wir in den Schulen mit Kindern konfrontiert, die entwurzelt wurden, die bei den Plänen ihrer Eltern nur eine marginale Rolle spielen, die mit ihren Gefühlen sich selber überlassen werden. Die Gründe solcher Entwurzelungen sind ebenso vielfältig wie die Fähigkeiten der Kinder, diese mehr oder weniger zu verarbeiten. Jene, denen eine Kindheit in einem wohlgehüteten Nest vergönnt war, brauchen Bücher wie die ihren. Menschen wie ich. Wie viel Selbstverarbeitung, wie viel Mission steckt in diesem Buch?
Ob von Selbstverarbeitung gesprochen werden kann, weiss ich nicht. Bestimmt ist es so, dass sich in diesem Buch eine Erfahrung einschreibt, die Erfahrung des Verlassen-Müssen von Menschen und Orten, die einen in den ersten Jahren des Lebens geprägt und gehalten haben. Es ist ein Müssen, weil nicht selbst gewählt, weil äussere Bedingungen – Armut, Kriege, Klimakatastrophen – dies auslösen. Der freie Wille, falls es diesen gibt, spielt hier keine Rolle.
Ist Mission im Buch? Vielleicht ist eher ein Aufzeigen einer Verwandtschaft der Lebensläufe von Kindern, die, aus welchem Grund auch immer, in ihrem Dasein durch „feindliche“ Ereignisse erschüttert werden. Es ist die ewige Wiederkehr der Odyssee, die selten mit der Rückkehr nach dem eigenen Ithaka endet.

Immer wieder kreist ihr Schreiben um dieses eine Thema, das Schicksal entwurzelter Kinder. Es gibt viele KünstlerInnen, die in ihrem Schaffen immer und immer wieder um „das gleiche Thema“ kreisen. Nicht weil sie keine Fantasie hätten, sondern weil solche Themen letztlich unergründlich sind. Oder gibt es Momente, in denen sie sich an dieses eine Thema gekettet fühlen?
Nein, ich fühle mich in keiner Weise gekettet. Eher würde ich sagen, ich stehe dem genannten Thema gerne zu Diensten, mit dem Wenigen, was ich kann.
Und, ja, die Erkenntnis von Heraklit „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ ist auch in der Kunst, die sich einem Thema widmet, gültig.

«Er hatte von seiner Grossmutter gelernt, den Wörtern nicht immer zu trauen“, steht auf Seite 20. Liegt nicht genau dort einer der Ursprünge, dass sie Schriftsteller geworden sind? Trauen nicht genau die Schriftsteller den Wörtern nicht und brauchen Bücher, um um jene Wörter zu kreisen?
Schwer zu sagen, wo der Ursprung „meines Schreibens“ ist. Ich bin in einem Haus, in einer Gesellschaft aufgewachsen, in welcher es keine Bücher gab. Die Sprache, die wir gesprochen haben (Arbëresh, antike Form des toskanischen Albanisch), war keine Schreibsprache und besass nur das Vokabular des damaligen Alltags.
Ja, das Schreiben ist auch ein Den-Wörter-Nicht-Trauen, sie anders zu beleuchten, als sie aus der Sprachschublade kommen. Und doch sind sie das einzige Instrument, mit welchem zu arbeiten gilt. Um es mit einem Wortspiel zu sagen: Schreiben beinhaltet „reiben“ , es ist ein Sich-an-den-Wörtern-reiben.

Was ist seit ihrem Debüt 1986, das sich damals schon diesem Thema widmete, im Schreiben passiert? In der Gesellschaft und in Francesco Micieli?
Lässt sich diese Frage beantworten?
Vierzig Jahre sind passiert, mit allem, was drin ist. Viele Bücher wurden zu diesem Thema geschrieben, in verschiedenen Sprachen, in verschiedenen Kulturen. Das ist vielleicht eine banale Aussage zur Frage. Und doch werden jeden Tag Kinder mit Gewalt aus ihrer sozialen wie geografischen Umgebung gerissen. Die vielen Bücher haben keinen Wall dagegen bilden können. Die Bücher liegen „gratis zum mitnehmen“ auf der Strasse, die an gewissen Orten den vor dem Lärm der Waffen flüchtenden Menschen im besten Fall als Sitzgelegenheit dienen.

Ihr Roman ist ein literarisches Konzentrat, eingedampfte Sprache, zwischen Prosa immer wieder lyrische Passagen. Ergibt sich das organisch, im Schreiben – oder liegt darin ein Plan, ein Konstrukt?
Darf ich da mit Roland Barthes antworten? Eine alte Antwort, ich weiss, aber sie passt, weil sie immer wieder neu gesagt werden kann:
„Die Literatur ist ein schwieriger, schmaler, tödlicher Stand geworden. Sie verteidigt nicht mehr ihren Schmuck, sie verteidigt ihre Haut.“
Es versteht sich von selbst, dass damit nicht das Produkt Buch gemeint ist, sondern das Schreiben per se.

Francesco Micieli wurde 1956 in Santa Sofia d’Epio (Italien) geboren. Seit 1965 lebt er in der Schweiz. Er studierte Romanistik und Germanistik in Bern, Cosenza und Florenz. Danach war er als Schauspieler, Autor und Theaterregisseur tätig. Francesco Micieli lebt heute als freier Schriftsteller in Bern.

Beitragsbild © Donata Ettlin (Bilder aus dem Familienalbum von Francesco Micieli)

48. Solothurner Literaturtage – Wenn die Welt sich im Wort spiegelt

Weder Regen noch Kälte schienen den BesucherInnen des Festivals die Lust an Literatur verderben zu können. Der Regen strömte, die Leute strömten. Für drei Tage wurde Solothurn ein Fenster hinaus und eines hinein. Hinaus in die Welt, die immer unverträglicher zu werden scheint. Hinein in den Mensch, der mehr und mehr gezwungen wird, den Schatten etwas entgegenzusetzen.

Mehr als einmal bildeten sich lange Schlangen vor den Veranstaltungsorten. Eindrücklich dann, wenn eine solche Schlange vor einem Kino mitten in der Altstadt den Strom von Touristen, Radfahrerinnen und Familien beim Bummeln zu blockieren drohte. Alle, die sich nicht im Schweif des Festivals bewegten, mussten sich wundern über all die Stehenden und Wartenden, sei es mitten am Tag vor dem Konzerthaus Solothurns oder vor der kleinen Weinbar an der Aare, beim Kino am Uferbau oder in den Hallen des Kunstmuseums. Solothurn war fest in der Hand all jener, die sich durch Bücher nicht nur bezaubern, sondern in Welten versetzen lassen. Die sich auseinandersetzen mit den Rändern der Menschlichkeit und darüber hinaus, die sich hinaustragen lassen über die Grenzen ihrer selbst, die sich verzücken lassen durch die Kraft des Wortes. Mehr als 17000 BesucherInnen fluteten die Stadt, beklatschten all jene, die mit Büchern, Wortkunst und Performance der Tiefe ihrer Innenwelten eine Form geben.

In mehr als 150 Veranstaltungen mit rund 140 Autor*innen und Übersetzer*innen bieten die Solothurner Literaturtage alljährlich einen Einblick in ihr Schaffen und provozieren Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen der Gegenwart. Kleinräumiges und Raumgreifendes, klassische Lesungen mit Gesprächen, Podiumsdikussionen weit über die Buchdeckel hinaus, Experimentelles und Traditionelles in allen vier Landessprachen, Kinder- und Jugendbücher, Lyrik und Prosa, Philosophisches, tiefe Einblicke in menschliche Höhen und Tiefen, Zeugnisse grösster Empathie und umfassender Auseinandersetzungen. Stimmen aus anderen Kulturen, gewaltdurchsetzten Krisengebieten, aus Vergangenem und zu Erwartendem.

Moderatorin Sieglinde Geisel, Sasha Filipenko und Übersetzerin Iryna Herasimovich

Beeindruckend die Stimmen all jener, die nicht mehr zurück in die Länder ihrer Kindheit wollen oder können, die Unwiederbringliches mit sich tragen, letztlich auch die Hoffnung in eine Zukunft. Allen voran die Ukrainerin Tanja Maljartschuk, die 2011 nach Wien emigrierte und 2018 Bachmannpreisträgerin wurde. Oder der belarussische Schriftsteller Sascha Filipenko, der seit seiner Flucht 2020 aus Russland wohl nie mehr in sein Heimatland zurückkehren kann, ohne eine mehrjährige Haftstrafe kassieren zu müssen. Oder die sudanesische Schriftstellerin und Aktivistin Stella Gaitano, die aus ihrem von Kriegswirren zerfressenen Land nach Deutschland floh. Autorin*innen, denen es nicht leicht fiel, sich den Fragen hiesiger Moderator*innen auszusetzen, die Leid, Kriegserfahrung, Vertreibung und Gewalt in der Form nur aus zweiter Hand kennen. Solothurn und sein Publikum setzten sich dem aus, eine Auseinandersetzung, die bitter nötig ist, auch wenn sie nur sensibilisieren kann.

«Die neue autoritäre Ordnung. Eine literarische Annäherung» mit Ilma Rakusa, Dimitré Dinev und Tanja Maljartschuk

Ebenso eindrücklich der Besuch des Schriftstellers, Theater- und Drehbuchautors Dimitré Dinev aus Bulgarien, der sich nach seiner Flucht nach Wien mit Gelegenheitsjobs durchschlug, Philosophie und Philologie studierte und auf Deutsch zu schreiben begann. 2025 erhielt er mit seinem Roman «Zeit der Mutigen» den Österreichischen Buchpreis. Eine über 1200seitige Familiensaga über die zerstörerische Macht der Diktatur und die grossen Fragen des 20. Jahrhunderts. Ein Mann der klaren Worte.

Veronika Zorn im Gespräch mit Moderatio Cédric Weidmann

Aber die Solothurner Literaturtage sind auch eine wunderbare Gelegenheit, Stimmen zu entdecken, die mich sonst nie in dieser Form erreicht hätten. Zum Beispiel die Sprachforscherin Veronika Zorn, die mit ihrer bei der edition taberna kritika erschienenen Publikation «Notizen von der linken Hand» der Frage nachgeht, wie das Denken im Schreiben mit dem Wechsel ins Ungewohnte beeinflusst wird. Ein Buch, das vom Nachdenken bis ins Nachahmen einlädt. Oder die 1998 in Zürich geborene Louisa Merten mit ihrem Debütroman «Hundesöhne». Ein Buch mit beklemmenden Schauplätzen und betörenden Sätzen.

Lukas Bärfuss mit Moderatorin Hayat Erdoğan

Denkwürdig die Auftritte von Dorothee Elmiger und Lukas Bärfuss, bei denen der grosse Konzertsaal Solothurn, die Location, die das ehrwürdige Salzhaus direkt an der Aare noch bis im kommenden Jahr ersetzen soll, zu platzen drohte. Beides grosse Figuren der CH-Literatur, Exponent*innen, die mit klaren Gedanken Räume erweitern. 

Louisa Merten

Schwierig waren die Podien, vor allem dann, wenn Moderation und drei Eingeladene über Themen wie «Das Böse schreiben» sprechen sollten. Wie soll man auf den «Kern der Sache» stossen, wenn die Fragen nur die Oberfläche berühren, wenn man sich nicht in die Kontroverse traut und wenn in der Veranstaltung selbst auch noch die Bücher der eingeladenen Gäste eine Rolle spielen sollen. Dabei wäre das Thema eine Einladung, so wie es im Programm angekündigt war; Drei Autor*innen erkunden die Vielschichtigkeit des Bösen: vom moralischen und politischen Bösen bis zu struktureller Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung. Die Diskussion drang nicht einmal ansatzweise in jene Vielschichtigkeit. Ich war mir nicht einmal sicher, ob den Eingeladenen klar war, warum man ausgerechnet sie an diese Veranstaltung eingeladen hatte. Es braucht mehr Zeit, mehr Mut und eine ordentliche Portion Risiko.

Grossen Dank an das ganze Festival-Team. Allen voran Catherine Schlummberger, Rico Engesser, Janina Enderle, Nuria Sublee und Claudia Niggeler. Ich freue mich auf die kommende Ausgabe!

Beitragsbilder © fotomtina

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp

Was Kunst schreibt, ist Kunst. Ob Lyrik wie in seinem letzten Lyrikband «Wü» oder wie im vorletzten Roman «Zandschower Klinken». Erst recht mit «Masleboi», einem Nicht-Roman, auch wenn das Etikett «Roman» auf dem Buch stehen muss. Masleboi ist ein Tripp in die Tiefen der Sprachkunst.

Vielleicht müsste man dem Buch einen Beipackzettel verpassen, auf dem vor dem Umgang mit dem Stoff gewarnt werden muss. Wer reine Unterhaltung erwartet, wird sich verwundert die Augen reiben, auch wenn GeniesserInnen literarischer Feinkost sehr wohl bestens unterhalten werden. Wer Spannung sucht, sieht sich mit den üblichen Massstäben enttäuscht, obwohl die Spannung eher vertikal zu finden ist, in der Art, wie Thomas Kunst sieht, denkt und sich treiben lässt. «Masleboi» ist ein Blindflug im Kopf des Dichters. Mit «Masleboi» sträubt sich der Dichter einmal mehr gegen Konventionen, scheinbar allgemeingültigen Vorstellungen, was Literatur zu sein hat. Weit weg vom Diktat, ein Buch, einen Roman mehr im Strom all dessen zu werden, was unter dem Titel «Autofiktion» veröffentlicht wird. Im Gespräch um die gegenwärtigen Strömungen (die alles andere wegzureissen drohen), diskutiert sich Thomas Kunst regelmässig in Rage. Mit Recht. Warum soll ausgerechnet das, was die Literatur kann, zu einem Einheitsbrei werden? Warum akzeptiert man in der Musik oder der bildenden Kunst all die Sonderlinge, macht aus ihnen Halbgötter, wenn sie sich gerade eben nicht einordnen lassen?

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp, 2026, 223 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43277-8

So kann man viel leichter beschreiben, was «Masleboi» nicht ist. (In einem Interview erzählt Thomas Kunst, er habe das Wort, das dem Buch den Namen gibt, von seinem Vater, der damals, als er Kind war, immer wieder von «Masleboi» sprach, einem der in der DDR damals alles Mögliche und Unmögliche besorgen konnte. Jetzt ist Thomas Kunst «Masleboi». Er besorgt mir all die Bilder, die nur er mir besorgen kann. Und er besorgt es mir ganz ordentlich.) «Masleboi» ist keine Geschichte, ein Sprachkunstwerk ohne Plott, ein Buch mit unendlich vielen skurrilen Bildern und Binnengeschichten, ein Tripp, der an Fellini erinnert, der nicht erklären und schon gar nichts beweisen will. «Masleboi» ist ein bisschen Utopie, ein bisschen Dystopie, manchmal Science-Fiction, machmal Perlenschnur, oft ein Geheimnis und immer ein Abenteuer. Bestimmt sind viele Bilder Versatzstücke aus dem Leben des Autors, so wie Schnappschüsse eines Autisten. «Masleboi» ist die Denkspur, die Thomas Kunst hinter sich zurücklässt. Eine faszinierende Welt aus Lichtblitzen und Schattenstücken.

Da lebt einer in Otchanganarriva, einem kleiner Ort im Nirgendwo. Er hat sich ein Haus gebaut aus Büchsen und Brettern, ein Haus mit Tisch, Bett und Briefkasten. Dosen als Trinkgefäße, Aschenbecher für Freunde, Gewürzbecher, Kerzenverstecke, Stifthalter, Muschelbüchsen, Zahnputzbecher und Pflanzentöpfe mit Trauermücken, Restnässeparadiese. Er verschanzt sich zuweilen darin, würde all die vollen Dosen auch zur Selbstverteidigung brauchen, auch wenn er wegen der abgelösten Etiketten nicht mehr weiss, was in den Dosen eingeschlossen ist. Neben all den Sonderlingen an diesem sonderbaren Ort wird auch in den untergegangenen und versenkten Schiffen vor der Küste gewohnt und gelebt. Es ist eine seltsame Welt, jener Ordnung enthoben, in der die Realität zu ersticken droht. Der Erzähler ist nicht allein. Da geistert Masahlena herum, ein geisterhaftes Wesen – und natürlich eine Katze, das Pinguinmädchen. Er lebt von in Epoxidharz eingelegten Insekten, verkauft sie als Bernsteinschmuck.

«Masleboi» ist für jene, denen Sprache mehr ist als Transportmittel. «Masleboi» ist Kunst.

Rezension zu «Zandschower Klinken» auf literaturblatt.ch

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein «gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen» (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Lande.

Beitragsbild © Sandra Kottonau