Anna Ruchat «Vertraute Gespenster», Limmat

Eine junge Frau zieht aus der Enge ihrer Heimat im Veltlin in die grosse Stadt am See in der Deutschschweiz. Es prallen Welten aufeinder, offenbare und verschlossene. Anna Ruchat, Übersetzerin und Autorin von Erzählungen schreibt sich mit zarter Feder in ihrem ersten Roman in grosse Themen.

Was ist Familie? Was bleibt von Familie, wenn das diffizile Gebilde zu bröckeln beginnt? Wie verhalten sich Heimatgefühle und Familie? Eine junge Frau spürt in der Fremde, dass das Bild, das sie sich ihr junges Leben lang von Familie machte, derart heftigen Störungen ausgesetzt wird, dass sie Jahrzehnte braucht, um den inneren Stürmen das Nötige entgegenzusetzen.

Teresa hat in Zürich eine Stelle als Kindermädchen in einer gut situierten Familie mir zwei kleinen Kindern erhalten. Sie weiss ganz genau, dass ihre Zukunft vorhersehbar ist, wenn sie im Dorf im norditalienischen Veltlin bleibt, dass ihr diese Stelle nicht nur eine Chance gibt, sich in der Fremde eine Tür zur Freiheit aufzutun, eine Sprache zu erlernen, sondern ihrem Traum von Selbstbestimmung einen grossen Schritt näher zu kommen.
Sie begleitet Pietro und Giovanni in den italienischen Kindergarten, holt sie ab, spielt mit ihnen, macht sich nützlich in der Küche und im Haushalt, bringt die Kinder ins Bett und hat da zu sein, wenn die Eltern der Kinder Gäste haben oder den Abend ausser Haus verbringen. Er ist Psychiater mit Praxis im Haus, sie ist Archäologin, beide oft auch für mehrer Tage unterwegs. Teresa macht ihre Arbeit gerne, die Kinder wachsen ihr schnell ans Herz, auch wenn sich nicht beide Kinder in der gleichen Weise annähern. Auch wenn Teresa von den Betreuerinnen im Kindergarten immer wieder einmal zur Seite genommen wird, weil sich auffälliges Verhalten des einen Jungen häuft, weil weder Mutter noch Vater dazu zu bewegen sind, über die Probleme ihrer Kinder sprechen zu wollen. Und weil da noch eine Tochter ist, schon ausgezogen, Esther, von der man kaum spricht, die sich wie ein Geist in die Geschicke der Familie mischt.

Anne Ruchat «Vertaute Gespenster», Limmat, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Sauser, 208 Seiten, ISBN 978-3-03926-105-5

Teresa geniesst die freie Zeit in der Stadt, macht sich fremdes Leben zu eigen, auch wenn sie zuweilen das Heimweh plagt. Erst recht, als Teresa zum ersten Mal nach Monaten nach Hause fährt und feststellen muss, dass das Gefüge zuhause mit einem Mal Risse bekommt. Ein strenger Vater, eine ergebene Mutter, Geschwister, die ihre Rolle innerhalb der Familie ebenso wenig hinterfragen wie ihre Eltern. In Teresa beginnt ein Kampf, nicht zuletzt, weil sie innerhalb ihrer Gastfamilie immer mehr in eine Situation gedrängt wird, die sie zum Handeln zwingt, die es ihr immer unmöglicher macht, tatenlos, neutral zuzuschauen. Warum streiten sich ihre Gasteltern so sehr? Warum ist die Situation in dieser Vorzeigefamilie so unterkühlt? Warum scheint es für diese eine Tochter aus erster Ehe der Gastmutter keinen Paltz zu geben? Warum scheinen sich Esther, die kaum je anwesende Tochter, und ihr Stiefvater förmlich abzustossen?

Der zweite Teil des Buches unter dem Titel „Verzweigungen“ (der erste Teil ist mit „Prägungen“ getitelt) erzählt die Geschichte einige Jahre später. Nach einer offenen Auseinandersetzung mit der Gastfamilie ist Teresa ausgezogen, in der Deutschweiz geblieben und hat mit einem Tischler eine Familie gegründet. Esther, die verlorene Tochter, ist zu einer Freundin geworden. Maria, die ehemalige Gastmutter, ist krank, genauso wie Bruno, ihr Mann, Esthers Stiefvater. Im Gegensatz zum ersten Teil, in dem hauptsächlich aus Teresas Sicht erzählt wird, erzählt Anna Ruchat hier aus der Sicht aller Familienmitglieder ihrer einstigen Anstellung. Mehr und mehr entblättert sich das brüchige Gefüge einer Familie, die zweischen Erwartungen, Karriere und Verdrängungen zu einem Trümmerfeld geworden ist. – Und zwischen alledem jene Geheimnisse, die die Gegenwart vergiften.

Anna Ruchat ist ein feinsinniger, einfühlsamer Roman gelungen, vielstimmig und mutig. Der Roman hat nicht die Absicht, alles auszuleuchten. Der Roman hat auch nicht die Absicht, mich mit Dramatik an der Stange zu halten. Es sind sie seismologischen Beschreibungen eines Gefüges, das beispielhaft ist für ein Fundament der Gesellschaft, das sich im Umbruch befindet.

Anna Ruchat und ihre Übersetzerin Barbara Sauser treten vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Anna Ruchat, 1959 in Zürich geboren, im Tessin und in Rom aufgewachsen, studierte Philosophie und deutsche Literatur in Pavia und Zürich. Langjährige Tätigkeit als Übersetzerin u. a. von Thomas Bernhard, Paul Celan, Nelly Sachs, Friedrich Dürrenmatt, Viktor Klemperer, Mariella Mehr, Kathrin Schmidt und Norbert Gstrein. Für ihr Erzähldebut «Die beiden Türen der Welt» erhielt sie in Italien den Publikumspreis Premio Chiara und in der Schweiz den Schillerpreis. 2019 wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 

Rezension zu «Neptunjahre» auf literaturblatt.ch

Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, lebt in Bellinzona. Studium der Slawistik und Musikwissenschaft in Fribourg. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Franzö­sischen, Russischen und Polnischen.

Beitragsbild © Ayse Yavas